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Hot Fighters - Kampf um dein Herz

Die letzte Beziehung hat tiefe Narben auf Jessicas Seele hinterlassen. Kann sie ihr Herz schon wieder für jemanden öffnen? Doch in dem heißen Cage-Fighter Slade Martin hat sie einen Mann gefunden, der sich liebevoll um sie kümmert. Ist Slade der Richtige für sie? Zwar hat er nur Augen für sie -aber um den Rest seines durchtrainierten Körpers scheinen sich sämtliche Frauen Floridas zu reißen …
Der neue Roman aus der "Hot Fighters"-Serie von USA Today-Bestsellerautorin Sidney Halston: romantisch und prickelnd!
  • Erscheinungstag: 07.11.2016
  • Aus der Serie: Worth The Fight
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499296
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sidney Halston

Hot Fighters – Kampf um dein Herz

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Gabriele Ramm

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

Full Contact

Copyright © 2014 by Sidney Halston

erschienen bei: Loveswept, New York

Published by arrangement with Jeanette Escudero

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: büropecher, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Blend Images, John Fedele, Aleksandar Nakic / Getty Images

ISBN eBook 978-3-95649-929-6

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. Kapitel

„Slade Martin! Mach die verdammte Tür auf!“ Das unablässige Klopfen an der Tür hallte durchs ganze Haus. Hätte Slade die schrille Stimme nicht gehört, hätte er seine Schwester Chrissy hinter der Aktion vermutet. Sie hämmerte gern an anderer Leute Türen. Dennoch, irgendwie klang diese Stimme vertraut, auch wenn er sie momentan nicht zuordnen konnte. Was ihn auf der anderen Seite der Tür erwartete, wusste er dagegen genau: der Zorn einer verschmähten Frau.

Slade quälte sich aus dem ungemütlichen Einzelbett in seinem Gästezimmer. Hoffentlich war Jessica nicht vom Klopfen aufgeweckt wurden. Während der vergangenen zwei Wochen, in denen sie hier bei ihm gewohnt und sich langsam wieder erholt hatte, war ihm aufgefallen, dass Jessica bei fast jedem Lärm schlafen konnte. Aber wem wollte er denn was vormachen? Dieser Krach konnte sogar Tote aufwecken. Er schnappte sich seine marineblaue Jogginghose, die er am Abend zuvor auf den Boden geworfen hatte, und zog sie zusammen mit einem weißen T-Shirt an. Auf dem Weg nach unten schaute er noch schnell in sein Schlafzimmer, wo Jessica in seinem gemütlichen Doppelbett lag und trotz des ganzen Lärms immer noch selig schlief. Er schloss die Tür und eilte barfuß nach unten. Gehämmer und Gebrüll mussten endlich aufhören. Er riss die Haustür auf und stand einer kleinen Blondine gegenüber, deren Stimme gut zu ihrem Körper passte: klein, feurig und schrecklich nervend. Charlene, Charlotte, Chanel, Chelsey, Chantel …?

„Slade“, jammerte sie.

„Was zum Teufel ist los, Chantel?“

Aus den Augenwinkeln sah er Chrissy und Jack über den Rasen ihres angrenzenden Grundstücks zu ihm herüberspazieren. Chrissy hatte noch immer einen Arm in der Schlinge, in der anderen Hand hielt sie eine Leine. An deren Ende befand sich der Fluch seines Lebens: Drogo, ein winziger, gerade einmal fünf Pfund schwerer Chihuahua, der Slade abgrundtief hasste – und das beruhte auf Gegenseitigkeit.

„Hey.“ Jack hob den Kopf in Slades Richtung, die universell übliche Begrüßung unter Männern, Chrissy winkte lächelnd, während sie näher kamen. Drogo begann zu knurren.

„Chastity.“

„Was?“, fragte Slade und schaute wieder die Frau an.

„Du hast mich Chantel genannt, aber ich heiße Chastity. Wie kannst du das nicht mehr wissen?! Wir sind monatelang zusammen gewesen, du Arsch!“

Chastity? Wie ‚züchtig‘? Echt jetzt? Als wenn an dir irgendwas unschuldig wäre.

„Chastity? Ja, klar doch“, flüsterte er. Auch Jack schnaubte und kassierte dafür von Chrissy einen Schlag gegen die Brust.

„Ja, okay, wie auch immer“, meinte Slade. „Hör mit dem Lärm auf. Verdammt, wie spät ist es überhaupt?“

Er strich sich mit den Händen durch sein widerspenstiges Haar und gähnte ausgiebig, bevor er den Blick über das enge Bon-Jovi-T-Shirt, die knappen Jeansshorts und die Flip-Flops der Frau gleiten ließ.

„Wehe, du hast eine andere Frau im Haus, Slade!“

„Warte. Was?“ Er trat einen Schritt nach vorn und schloss die Tür hinter sich. „Schrei nicht so.“

Die kleine Blondine stand vor ihm und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf dem Boden herum. „Seit über einer Woche versuche ich schon, dich zu erreichen, aber du reagierst weder auf meine Anrufe noch auf meine Textnachrichten.“ Das stimmte. Das Einzige, was er während der letzten zwei Wochen getan hatte, war, sich um die Frau zu kümmern, die gerade in seinem Bett lag und sich erholte.

Nach monatelangem harmlosen Flirten mit Jessica hatte Slade angenommen, sie habe sich endlich von ihrem gewalttätigen Freund Dennis getrennt. Zu seinem großen Entsetzen hatte er sie jedoch in einem Krankenhausbett wiedergefunden, von Dennis brutal zusammengeschlagen. Und das war alles seine Schuld. Sein schlechtes Gewissen war riesig. Sich um sie zu kümmern, bis es ihr wieder besser ging, war das Mindeste, was er tun konnte. Dabei war Slade nur zu gut bewusst, dass er noch etwas anderes wollte, mehr wollte. Er sehnte sich danach, oben neben Jessica im Bett zu liegen, aber sie waren nur Freunde, und dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um solche Gefühle zuzulassen. Nicht im Augenblick. Jetzt musste er sich erst mal um die Frau kümmern, die ihn gerade mit Blicken förmlich durchbohrte.

Als Slade den Mund öffnete, um ihr zu antworten, stellte die Frau sich auf die Zehenspitzen, schlang die Arme um seinen Nacken und presste ihre roten Lippen auf seinen Mund. Das geschah so plötzlich, und weil der Größenunterschied zwischen ihnen so groß war, hatte Slade gar keine andere Wahl, als Chastity festzuhalten, um nicht selbst das Gleichgewicht zu verlieren.

„Kumpel, das war nicht sonderlich clever“, meinte Jack und schüttelte den Kopf. Slade versuchte, sich aus ihrer Umarmung zu befreien, doch die Frau war wie ein Oktopus; obwohl sie die Lippen von seinen gelöst hatte, hielt sie ihn mit ihren Armen noch immer fest umklammert. Chrissy stand einfach nur verblüfft daneben und schaute an ihm vorbei. Schließlich gelang es Slade, sich aus Chastitys Fängen herauszuwinden, und er konnte langsam den Kopf drehen. Jessica Cross stand hinter ihnen und starrte ihn an, während sie mit einer Hand die Haustür aufhielt. Scheiße!

„Oh, Slade“, stöhnte Chrissy gequält hervor.

„Du mieses Arschloch betrügst mich!“, schrie Chastity, hob die Hand und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige.

„Himmel!“ Slade hielt sich seine schmerzende Wange. „Ich habe dich nicht betrogen!“ Er holte tief Luft, ehe er die Stimme senkte und behutsam fortfuhr: „Komm schon, Süße, du weißt, dass ich dich nie angelogen habe. Wir hatten doch eine nette Zeit miteinander. Gib’s schon zu, dir hat es doch auch gefallen.“ „Süße“ – nicht schlecht. Du kannst doch keinen Mann schlagen, der dich gerade „Süße“ genannt hat. Um ganz sicherzugehen, schenkte er ihr noch ein Es-tut-mir-nicht-wirklich-leid-aber-wer-kann-schon-diesem-netten-Gesicht-widerstehen-Lächeln.

Chastity blickte ihn durch ihre falschen Wimpern hindurch an, und Slade hätte schwören können, dass sie errötete. Vielleicht sogar leise seufzte.

Die Frau ist echt durchgeknallt!

Im selben Moment hielt eine rote Corvette mit quietschenden Reifen auf Slades Rasen. Ohne den Motor auszustellen, stieg eine große rotblonde Frau in einem eleganten Kostüm aus dem Wagen und marschierte auf das Haus zu. Mit ihren hohen Absätzen blieb sie bei fast jedem Schritt im Gras stecken. Das kleine Grüppchen, das sich vor seinem Haus versammelt hatte, wandte sich ihr zu.

„Verdammter Mist!“ Slade schlug mit dem Kopf gegen die Wand neben der Haustür. Er schaute kurz zu Jessica, die völlig verwirrt aussah. Die Blutergüsse in ihrem Gesicht waren inzwischen fast verheilt, ihre Haare waren ungekämmt. Noch immer hatte sie kein Wort gesagt.

„Baby, ich hoffe, du hast Stühle mitgebracht. Das wird jetzt richtig interessant“, meinte Jack belustigt. Chrissy versetzte ihm noch einen Schlag gegen die Brust und bedeutete ihm, den Mund zu halten. Slades bester Freund amüsierte sich augenscheinlich köstlich über dessen beschissenen Morgen. Idiot.

Im Näherkommen begann nun auch die Rotblonde, Slade mit schriller Stimme zu beschimpfen: „Du betrügerischer Mistkerl!“ Und kaum war sie in Reichweite, holte sie ebenfalls aus und knallte Slade eine. „Wer zum Teufel bist du, du … Bitch?“, schrie sie Chastity an und musterte sie von Kopf bis Fuß.

„Ich bin seine Freundin. Und wer bist du?“

„Ich bin Lisa. Diejenige, die ihn während der letzten vier Monate bis zum Umfallen gevögelt hat, du Miststück.“ Danach wandte sie sich an Slade. „Ich fasse es nicht, dass du mich mit einer Hure in Flip-Flops betrügst.“

„Hey!“, brüllte Chastity. „Ich bin keine Hure. Mit mir vögelt er schon viel länger, Schlampe. Da war er wohl noch feucht von mir, als er bei dir ankam, was? Außerdem ist da noch eine.“ Chastity deutete über Slades Schulter zu Jessica.

Schnell hob Jessica die Hände und schüttelte den Kopf. „Nein! Oh nein. Ich bin nur eine Bekannte. Ich habe nichts und niemanden gevögelt. Lasst mich bitte aus dem Spiel.“

„Stopp!“, stieß Slade laut hervor. „Alle beide. Verschwindet. Lisa, Charlotte …“

„Chastity!“, korrigierten ihn Jack, Chrissy und Chastity im Chor.

Slade massierte sich den Nasenrücken und stöhnte. „Wie auch immer dein verdammter Name lauten mag … wir haben nie davon geredet, dass wir eine exklusive Beziehung führen. Ich war immer offen und ehrlich zu euch beiden. Wir hatten einfach nur Spaß miteinander. Doch jetzt ist Schluss mit lustig. Also, seid so gut und verzieht euch. Alle beide. Ruft mich nicht mehr an und taucht hier auch nicht mehr auf.“ Die beiden Frauen fuhren ungerührt fort, aufeinander herumzuhacken. „Chrissy, Jack, haut ab. Geht mit eurem Hund Gassi oder was auch immer.“

Entschuldigend schaute Chrissy zu Jessica, bevor Jack sie zum Bürgersteig zog.

„Idiot.“ Jack blickte noch einmal über die Schulter zu Slade, grinste schadenfroh und zeigte ihm den Mittelfinger.

„Arsch“, rief Slade seinem besten Freund hinterher, danach knallte er die Haustür zu.

Slade war eine männliche Schlampe. Das war nichts Neues. Neu war allerdings, dass Jessica bei dem Gedanken daran plötzlich – ja, was verspürte? Eifersucht? Schmerz? Die letzten zwei Wochen hatte sie bei ihm gewohnt, und auch während der fünf Tage, die sie im Krankenhaus verbracht hatte, war Slade ihr nicht von der Seite gewichen. Lange vor dem schrecklichen Vorfall mit ihrem verdammten Exfreund Dennis hatte Slade schon versucht, sie zu einer Verabredung zu überreden. Er hatte ihr immer wieder gesagt, wie gern er mit ihr ausgehen wollte. Um den heißen Brei herumzureden war nicht seine Art. Sie wusste, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte, genau wie sie sich zu ihm. Doch sie wusste auch, dass sämtliche Frauen von Tarpon Springs scharf auf ihn waren. Zugegeben, der Mann war umwerfend. Ein Muskelpaket von über einem Meter neunzig, mit tollen blauen Augen, die einen bemerkenswerten Kontrast zu seinen langen, fast schwarzen Haaren bildeten – da schauten sogar Männer zweimal hin. Die einzigen Makel waren seine schiefe Nase und eine Narbe über der linken Augenbraue. Und er war so süß zu ihr gewesen, während er sich während ihrer Genesung um sie gekümmert hatte. Immer vermittelte er ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Tja, die beiden keifenden Frauen, die eben vor der Tür gestanden hatten, hatten auf sie dieselbe Wirkung wie ein Eimer kaltes Wasser. Sie hatten sie daran erinnert, was er wirklich war.

Slade hatte sich noch nicht vom Fleck gerührt. Er stand noch immer vor der verschlossenen Haustür und sah Jessica leicht besorgt und reumütig an, während er sich den Nacken rieb. Ihre Blicke trafen sich, und sie musste sich beherrschen, um nicht laut loszuprusten.

„Was ist so lustig?“, fragte er lächelnd.

Sie hielt sich den Bauch und lachte. „Kennst du das noch aus der Schule, wenn Kinder ihre Hand nachzeichnen, um einen Truthahn zu malen?“ Er zuckte unsicher mit den Schultern, und sie fuhr fort. „Bei dir zeichnen sich fünf Finger richtig schön rot auf jeder deiner Wangen ab. Die sehen aus wie diese Hand-Truthähne. Die haben dir jeweils ordentlich eine verpasst, Playboy.“

„Haha.“

„Unfassbar, dass die beiden bereit waren, sich deinetwegen an die Gurgel zu springen. Ich meine, ehrlich, du bist sexy, aber ernsthaft? Ein bisschen Selbstachtung sollte man doch wohl haben, oder? Und dann dein Lächeln. Das war ja wohl die Höhe. Wie konnten die nur auf dieses megaunechte, schmierige Lächeln reinfallen? Du brauchst Frauen mit mehr Stil, Slade.“

„Lach nicht, Sweetheart. Erstens war es total echt. Zweitens glaube ich, dass du ein wenig eifersüchtig bist und jetzt lachst, um das zu vertuschen.“

„Ich bin nicht eifersüchtig. Du wurdest gerade von zwei Frauen geohrfeigt, und das war sehr lustig.“

Er verdrehte die Augen und ignorierte ihre Bemerkung. „Und drittens, wenn du mit mir zusammen wärst, würdest du auch um mich kämpfen.“ Er zog die Augenbraue mit der Narbe hoch – und schenkte ihr das Lächeln. Seine Mundwinkel hoben sich leicht, seine vollen Lippen öffneten sich, seine perfekten weißen Zähne strahlten. Die Belustigung erhellte sein Gesicht bis hin zu seinen blauen Augen, in deren Winkeln sich kleine Lachfalten bildeten.

Prompt schmolz Jessica dahin. Er hat recht. In diesem Moment würde ich jede andere Frau wegschubsen. Zur Hölle mit ihm.

Um sich aus dieser Trance zu befreien, boxte sie ihm leicht gegen die Schulter. „Das glaube ich nicht. Ohne dich beleidigen zu wollen … aber ich könnte niemals mit jemandem zusammen sein, der sich einen Harem hält.“

„Ich habe keinen Harem.“

„Das sehe ich anders.“

„Na ja, ich wette, wenn du endlich nachgeben und mit mir ausgehen würdest – und wir beide wissen, dass du das auch willst –, würdest du einen Anfall bekommen, wenn sich eine andere Frau an mich heranmachen wollte.“

„Eingebildeter Arsch.“

„Mmh … ich mag es, wenn du Arsch sagst.“

Jessica lachte so sehr, dass sie sich die Tränen aus den Augen wischen musste. „Doch, wie auch immer, ich bin nie eifersüchtig.“

„Quatsch. Jeder ist mal eifersüchtig, vor allem Frauen.“

„Ich nicht. Das ist einfach nicht meine Art. Ich war noch nie eifersüchtig.“

„Wahrscheinlich warst du nur noch nie mit einem Mann zusammen, den du wirklich gemocht hast.“

„Arroganter Idiot.“

„Ich ziehe Arsch vor“, meinte er.

Sie grinste. Sie mochte Slades Sinn für Humor. Seine lockere und unbekümmerte Art wirkte auf sie wie eine frische Brise.

„Slade, du warst großartig. Ich bin so dankbar, dass du dich um mich gekümmert und mich in den letzten Wochen fast täglich zur Physiotherapie gefahren hast, aber ehrlich gesagt, ich glaube, dass es an der Zeit für mich ist, wieder nach Hause zu gehen.“

„Natürlich habe ich dich zur Krankengymnastik gebracht – ich musste doch aufpassen, der Therapeut hat dich ständig angebaggert.“ Slade lächelte. „Okay, na schön, wenn du dich besser fühlst und zurückwillst, dann schuldest du mir aber ein Date. Du weißt schon, dafür, dass ich mich während der letzten zwei Wochen so mustergültig verhalten habe. Und für dich in diesem ungemütlichen Bett geschlafen habe … das ist doch nur fair, findest du nicht auch?“, fügte er grinsend hinzu.

Sie dachte noch einmal über die letzten Wochen nach. Nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte Slade sie im wahrsten Sinne des Wortes gepackt und in sein Haus verfrachtet. Er hatte sich geweigert, sie allein zu lassen, obwohl sie versichert hatte, sie würde zurechtkommen. Die ersten ein, zwei Tage waren ein wenig schwierig gewesen. Die gegenseitige Anziehungskraft, die sie von Anfang an gespürt hatten, war allgegenwärtig gewesen. Doch er hatte sich wirklich erstaunlich vorbildlich verhalten.

In Slades Haus angekommen, hatte Jessica als Erstes duschen wollen, um sich den Krankenhausgeruch abzuwaschen. Slade hatte ihr sein Schlafzimmer überlassen und ihr versichert, dass es kein Problem für ihn sei, sich im alten Zimmer seiner Schwester einzurichten. Jessica hatte sich damit abgemüht, sich auszuziehen, doch ihr T-Shirt blieb immer irgendwie an ihrem eingegipsten Arm hängen. Vergeblich hatte sie versucht, das Shirt über den Kopf zu streifen, doch das Einzige, was sie geschafft hatte, war, sich den Ellbogen an der Kommode zu stoßen. „Mist!“

Slade musste ihren Aufschrei gehört haben, denn er kam ins Zimmer, ohne auch nur daran zu denken anzuklopfen. Obwohl sie nicht völlig nackt war, war sie knallrot geworden, da er seine Blicke über ihren halb entblößten Oberkörper hatte gleiten lassen. Sie hatte ihn wegscheuchen wollen, aber er war einfach näher gekommen und hatte ihr geholfen, das T-Shirt über den Kopf zu ziehen. Als wäre das alles nicht schon peinlich genug gewesen, musste er ihr auch noch dabei behilflich sein, aus der Hose rauszukommen. Wenn sie nicht protestiert hätte, hätte er ihr bestimmt auch noch bei BH und Slip Schützenhilfe geleistet. Er hatte noch immer vor ihr gehockt, auf Augenhöhe mit ihrem Schoß, als er die Augen schloss und leise stöhnte. „Würde ich wie ein Mistkerl klingen, wenn ich dir gestehe, dass sich meine Gedanken gerade darum drehen, wie leicht ich diese Situation ausnutzen könnte? Wie leicht es wäre, dich zu vernaschen? Wie sehr ich mir wünsche, deinen Slip zu zerreißen, dich auf mein Bett zu legen und mich an jedem Zentimeter von dir zu berauschen?“ Er stand langsam auf, sie war sprachlos. Ihr Herz klopfte wie wild.

Sorgfältig hatte er dann ihren Verband mit der Folie eingewickelt, die man ihr im Krankenhaus mitgegeben hatte, damit der Gips nicht nass wurde. Anschließend war Slade wortlos gegangen. Erregt und aufgewühlt war sie allein geblieben.

Nach einer Weile verfielen sie in eine Art Routine, die hauptsächlich darin bestand, dass sie viel schlief, weil die Schmerzmittel sie so müde machten, und dass Slade sie herumfuhr oder ihr etwas zu essen brachte, wenn sie wach war. Nicht ein einziges Mal hatte er sie während des Aufenthalts in seinem Haus gefragt, ob sie mit ihm ausgehen würde. Jetzt, nachdem sie schon wieder ganz fit war, war es doch wohl das Mindeste, einem Date zuzustimmen. Obwohl er spielerisch mit dieser Einladung zu einer Verabredung umging, wusste sie, dass er wirklich an ihr interessiert war.

„Okay. Ich gehe mit dir aus“, antwortete Jessica schließlich.

„Okay?“ Slade konnte sein Glück kaum fassen. Er wollte sich mit ihr verabreden, seit er sie das erste Mal getroffen hatte.

„Ich dusche schnell und mache uns dann etwas zum Frühstück. Anschließend packe ich meine Sachen zusammen, damit du mich nach Hause fahren kannst“, meinte sie, ehe sie sich zur Treppe umdrehte und nach oben ging.

Slade kochte sich schon mal Kaffee, nahm den Becher und lief nach draußen auf die Terrasse. Von hier aus konnte er den Ozean sehen. Er liebte es, hier seinen Morgenkaffee zu trinken.

Noch immer verfolgten ihn die Bilder von Jessica im Krankenhaus.

Slade stürmte in die Klinik.

„Jessica Cross? Ich muss unbedingt zu Jessica Cross“, sagte er zu der Dame im Foyer des Krankenhauses.

Die Frau tippte etwas in ihren Computer ein. „Mit zwei s?“

Verwirrt kniff Slade die Augen zusammen. Wovon zum Teufel redete die?

„Was?“, brüllte er ungeduldig.

„Wird Jessica mit zwei s geschrieben?“

„Wollen Sie mich verarschen oder was?“ Er schlug mit den Handflächen auf den Tresen und beugte sich zu der Frau vor, deren Wangen sich deutlich röteten. „Gibt es noch eine andere Möglichkeit, den Namen zu schreiben? Natürlich mit zwei s.“

Die Frau starrte ihn einen Moment lang an, bevor sie sich wieder ihrem Computer zuwandte.

„Und ehe Sie fragen, Cross wird auch mit zwei s geschrieben.“

Sie blickte auf, nickte schüchtern und tippte erneut etwas ein.

„Hier ist sie. Sie ist auf der Intensivstation, Zimmer zwölf. Gehen Sie den Flur entlang bis zum Lift, fahren Sie in den dritten Stock, und dann sehen Sie schon das Schild für die Intensivstation. Dort haben nur Familienangehörige Zutritt.“

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, antwortete er: „Ich bin ihr Bruder.“

Sie nickte, und er machte sich auf den Weg zu Jessica.

Sobald er das richtige Zimmer gefunden hatte, klopfte er. Er hörte ein leises Geräusch und trat hinein.

„Slade?“, flüsterte Jessica.

Slade schaute zu der schönen Frau im Bett. Ihre sonst so perfekte Haut, die ihm immer schon besonders aufgefallen war, war von Schnitten und blauen Flecken verunstaltet. Eines ihrer Augen war zugeschwollen, ihre Lippen waren aufgeplatzt. Sie sah überhaupt nicht mehr aus wie Jessica.

„Jess. Ich hab’s gerade erst gehört und bin sofort hergekommen.“ Zögernd ging er zu ihr. Als er näher kam, wandte sie das Gesicht ab. Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich ans Bett. „Jessica, bitte, Honey, schau mich an.“

Er hörte ein Schniefen. „Nein, ich kann nicht.“

„Das ist doch nicht deine Schuld. Er ist ein Monster. Und du bist außerordentlich tapfer. Bitte, Jess. Sieh mich an.“ Er hörte sie noch einmal schniefen, ehe sie langsam den Kopf drehte.

Ihr tief in die schönen braunen Augen schauend streckte er vorsichtig die Hand aus, um ihr die Haare aus dem Gesicht zu streichen. „Es tut mir so leid, dass das passiert ist, Jessica. So unendlich leid. Das ist alles meine Schuld. Du hättest nicht allein mit Dennis reden sollen, Baby. Du hättest mich anrufen sollen. Er kann sich freuen, dass er im Gefängnis sitzt.“

„Und du?“ Ihre Lippen zitterten, ihr Kiefer war geschwollen.

„Dank dir bin ich aus dem Schneider.“

„Oh, Gott sei Dank.“

„Nur Angehörige“, verkündete eine Krankenschwester, während sie ins Zimmer trat.

„Ist schon o…“, begann Jessica.

„Ich bin ihr Bruder.“ Die Schwester musterte ihn kritisch, zuckte dann aber die Schultern. Jessica kniff kurz die Augen zusammen, akzeptierte seine Flunkerei aber, so blieb er bei ihr.

„Wie lautet die Prognose? Wann kann sie wieder nach Hause?“

„Sie wird wohl ein paar Tage hierbleiben müssen. Wir warten noch auf einige Labor- und Untersuchungsergebnisse. Die gebrochene Rippe hat ihre Lunge punktiert, das war etwas kritisch. Es sieht inzwischen aber schon besser aus, dennoch müssen wir sie noch zur Beobachtung hierbehalten. Außerdem bekommt sie wegen all der Verletzungen starke Schmerzmittel. Ihr Arm ist gebrochen, deshalb der Gips.“ Sie wandte sich an Jessica. „Schätzchen, ich hoffe, Sie haben eine große Familie, denn Sie werden reichlich Hilfe brauchen, wenn Sie aus dem Krankenhaus entlassen werden.“

Jessica schossen Tränen in die Augen, doch sie nickte der Krankenschwester halbherzig zu, die ihr aufmunternd zulächelte und dann wieder verschwand.

„Jess? Hast du deine Familie angerufen? Sie wohnen in Charlotte, richtig? Kommen sie her?“

Jessica schüttelte den Kopf.

Er griff nach ihrer Hand. „Baby, soll ich sie für dich anrufen?“

Wieder schüttelte sie den Kopf. Sie sah so zerbrechlich aus, so einsam und verängstigt. Slade hätte sie am liebsten in einen schützenden Kokon gehüllt und Wache gestanden. Er war ein notorischer Egoist, aber wenn es um diese Frau ging, verspürte er einen unglaublichen Beschützerinstinkt.

„Bitte, was kann ich tun? Es tut mir so leid …“

Noch einmal schüttelte sie den Kopf. „Nicht deine Schuld.“ Beim Reden verzog sie das Gesicht.

„Tut es weh, wenn du reden musst?“

Sie nickte.

„Dann also nur noch Ja- oder Nein-Fragen, okay?“

Sie drückte seine Hand und blinzelte. Tränen rannen ihr langsam über die Wangen.

„Du willst deiner Familie nicht Bescheid sagen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich finde, du solltest ihnen sagen, was passiert ist.“

Wieder Kopfschütteln, diesmal ganz hektisch. Ihr Kinn zitterte, immer mehr Tränen kullerten hinab.

„Baby, bitte, nicht weinen. Ich weiß nicht, wie ich mit dieser Situation umgehen soll, aber ich bin hier. Okay? Ich bin hier. Du bist nicht allein. Wenn du deine Eltern nicht anrufen willst, ist das in Ordnung. Dann wirst du dich mit mir begnügen müssen.“

Sie runzelte die Stirn.

„Nein?“

„Nein“, flüsterte sie.

„Warum nicht?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Kein guter Grund. Und da du nicht reden kannst, heißt die Alternative ich oder deine Eltern. Du hast die Wahl.“ Er zog sein Handy heraus, als wollte er ihre Eltern sofort anrufen.

Einen Moment lang schien sie darüber nachzudenken, dann deutete sie auf Slade.

„Gut, ist also abgemacht.“

Er streckte noch einmal die Hand aus und streichelte ihr Haar. „Schlaf jetzt, Baby. Niemand wird dir wehtun. Ich verspreche es dir.“ Langsam fielen ihr die Augen zu, und sie schlief ein.

Stundenlang saß Slade an ihrem Bett und blickte auf die schöne Frau, die so zerschunden dalag.

Es gab nur wenige Dinge, die er in seinem Leben bereute. Eines davon war, dass er seine Schwester vor mehr als zehn Jahren hatte gehen lassen, nachdem er während der Beerdigung ihres Vaters ein paar idiotische Sachen gesagt hatte. Was er außerdem bereute, war, dass er nicht derjenige gewesen war, der Dennis Stavros aufgespürt und ihn fertiggemacht hatte. Selbst wenn es ihm eine Gefängnisstrafe eingebracht hätte … es wäre ihm eine Genugtuung gewesen.

In diesem Moment schwor er sich, nicht zuzulassen, dass ihr jemals wieder jemand wehtat.

2. Kapitel

Jessica hatte ihr Haus nicht mehr betreten, seit Dennis sie krankenhausreif geschlagen hatte. Jetzt kletterte sie aus Slades Geländewagen und hoffte, dass ihr gemeinsames Date heute Abend diese schrecklichen Erinnerungen auslöschen würde. Slade hatte eine Firma damit beauftragt, Jessicas Haus zu reinigen, und war anschließend selbst hingefahren, um alles zu entfernen, was auch nur annähernd so aussah, als würde es Dennis gehören, einschließlich seiner Klamotten und Fotos.

„Ich begreife nicht, dass dieses Arschloch auf Kaution freigelassen wurde“, sagte Slade, als er ihre Taschen aus dem Kofferraum holte.

Jessica schaute hinüber zu dem zornigen Mann, der auf ihre Haustür zumarschierte. „Ich weiß, aber Chrissy hat von Jack gehört, dass er nur unter strengen Auflagen draußen ist. Eine davon lautet, sich mir nicht zu nähern. Also, mach dir keine Sorgen. Er mag vielleicht ein sadistischer Mistkerl sein, aber dumm ist er nicht. Wenn er in meine Nähe kommt, wandert er für lange Zeit in den Knast. Das wird er nicht riskieren. Eine Gefängnisstrafe würde seinen politischen Ambitionen ein Ende setzen.“ Slade zuckte mit den Schultern, und Jessica fuhr fort: „Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein. Ich kann es gar nicht erwarten, endlich wieder Yoga zu machen. Mein Arzt und der Physiotherapeut haben gesagt, dass ich wohl schon nächste Woche, sobald der Gips ab ist, wieder mit leichtem Yoga beginnen kann.“

„Auf keinen Fall! Das ist Wahnsinn, Jess. Du bist doch noch völlig zerschunden. Du darfst noch nichts Anstrengendes machen.“

Sie verdrehte die Augen. Der Mann war verrückt, wenn er glaubte, dass er ihr mit dieser Befehlstour kommen konnte. Das hatte nicht einmal Dennis geschafft, und der hatte versucht, seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen. Dann griff sie im selben Moment zur Türklinke wie Slade, und ihre Hände berührten sich. Sie blickte zu ihm auf und lächelte.

Er war tätowiert und ein knallharter Mixed-Martial-Arts-Fighter, aber er war einer von den Guten, und sie war froh, dass er Teil ihres Lebens war. „Slay?“ Jessica schaute ihm tief in die Augen, während ihre Hände noch immer aufeinanderlagen. „Ich weiß, dass ich es dir schon gesagt habe, aber ich bin sehr dankbar für alles, was du für mich getan hast.“

Die letzten beiden Wochen hatte sie kaum einen Finger rühren können, ohne dass Slade zur Stelle gewesen war, um ihr zu helfen. Er hatte sich um sie gekümmert, sie zum Arzt gefahren, abends hatten sie gemeinsam ferngesehen oder Filme geschaut, vorher hatte er entweder gekocht oder etwas zu essen bestellt. Immer wieder hatte Jessica ihm gesagt, dass sie auch allein zurechtkommen könnte, doch Slade hatte davon nichts hören wollen. Sie hatte in seinem Bett geschlafen, während er in Chrissys altem Kinderzimmer übernachtete, damit sie es bequemer hatte. Wenn Slade arbeiten musste, stellte er sicher, dass Chrissy in der Nähe war und regelmäßig nach Jessica sah. Seit dem Moment, als er ins Krankenhaus gestürmt war, war sie so gut wie nie mehr allein gewesen. Wenn man von den Umständen absah, die sie zu seiner Untermieterin gemacht hatten, dann war es die friedlichste und angenehmste Zeit, die sie je erlebt hatte.

Er lächelte sie an. „Nicht der Rede wert.“

Jessica ließ die Türklinke los, drehte sich zu Slade herum und schlang die Arme um seine Mitte. Sie blickte zu ihm hoch, höher und immer höher und erwiderte sein Lächeln. „Doch, ich möchte mich aber bedanken. Ich weiß nicht, was ich ohne dich und deine Schwester getan hätte.“

Slade sah aus, als wäre ihm die Nähe ein wenig unangenehm, aber schließlich legte auch er die Arme um sie und drückte sie an sich. „Du bedankst dich doch schon bei mir, indem du heute Abend mit mir ausgehst.“

„Na ja, du solltest nur wissen, wie dankbar ich dir bin. Wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich vermutlich meine Eltern anrufen und sie um Hilfe bitten müssen. Sie hätten mit Sicherheit versucht, mich zurück nach Charlotte zu locken. Das hätte mich definitiv meinen Job gekostet, mein Haus und alles, wofür ich so hart gearbeitet habe. Alles wäre futsch gewesen.“

„Ich finde noch immer, dass du ihnen die Wahrheit hättest sagen sollen.“ Er beugte sich vor und küsste sie aufs Haar.

„Du kennst sie nicht. Sie sind, na ja, ziemlich anstrengend und überspannt. Es sind gute, aber keine einfachen Menschen. Ehrlich, sie hätten mich nicht wieder hierher nach Tarpon Springs kommen lassen.“

Erneut lächelte er sie an. „Wie auch immer. Ich hoffe, ich habe alles, was Dennis gehörte, entfernt. Wenn ich etwas übersehen habe, dann sag es einfach, und ich entsorge es. Bist du sicher, dass du hierzu schon bereit bist?“

Sie nickte, während er die Haustür öffnete. Die nächsten Minuten verbrachte Jessica damit, sich umzusehen, und war überrascht, wie normal alles aussah. Nichts deutete mehr auf den Horror hin, den sie hier hatte durchmachen müssen. Es fühlte sich merkwürdig an, so als müsste etwas anders sein. Jene Nacht hatte sie so sehr verändert, da müsste sie doch etwas spüren, während sie im Haus umherging. Doch so war es nicht. Es fühlte sich einfach nur an wie … ihr Haus.

„Ich werde mal auspacken gehen und mich dann für unsere Verabredung fertig machen.“

Slade nickte. „Ehe ich gehe, möchte ich noch schnell schauen, was mit deinem Fernseher ist. Er lag auf dem Fußboden, aber der Bildschirm scheint nicht kaputt zu sein.“

„Ja. Der Mistkerl hat mich dagegengeworfen. Ich weiß gar nicht, wieso er noch so heil aussieht. Auf jeden Fall dachte ich, mir wäre der Schädel geplatzt.“ Sie hörte, wie Slade hinter ihr ein paar deftige Flüche ausstieß.

Slade lief halb nackt nach draußen. Er war gerade dabei gewesen, sich für seine Verabredung mit Jessica fertig zu machen. Ihr erstes Date. Jetzt schaute er sich vor der Tür nach dem Grund des Gebrülls um, das er durch sein Schlafzimmerfenster gehört hatte. Er zog noch das Band seiner schwarzen Trainingsshorts zu, als er seine Schwester entdeckte, die sich mit der alten Mrs. Weatherby, Chrissys und Jacks anderer Nachbarin, ein Tauziehen lieferte.

„Tun Sie es nicht, bitte. Ich behalte sie alle, versprochen.“ Mrs. Weatherbys Dalmatiner war angeleint, und Chrissy zog mit einer Hand an dieser Leine, während sie einen knurrenden Drogo (alias die Ausgeburt des Satans) mit der anderen festhielt.

„Was zum Teufel ist hier los?“, fragte Slade und griff nach der Leine. Chrissy setzte sich jedoch entschieden zur Wehr, was dazu führte, dass Drogo ihrem Griff entkam und begann, Slade anzuknurren.

„Achten Sie gefälligst auf Ihre Sprache, Slade Martin!“, schalt Mrs. Weatherby ihn, während sie ihn kritisch musterte und sich das Tattoo, das sich über die gesamte rechte Seite seines Oberkörpers erstreckte, ansah. „Ihr armer alter Vater dreht sich im Grab um, wenn er Sie so reden hört. Solche ungehörigen Ausdrücke, wirklich! Und da wir gerade vom Teufel sprechen, halten Sie diesen Hund von meiner Daisy fern.“

„Ich versuche mein Bestes, Mrs. Weatherby, aber bitte, tun Sie nichts Übereiltes“, flehte Chrissy.

„Ich will kein Haus voller Welpen haben. Es dauert ewig, bis man Leute findet, die sie haben wollen. Und mit Ihrem Hund, diesem Drogo … du meine Güte, das werden doch hinterhältige kleine Biester.“ Als er seinen Namen hörte, drehte Drogo sich um und knurrte statt Slade Mrs. Weatherby an.

„Ich nehme sie. Alle. Ich finde für alle ein neues Zuhause, aber bitte, tun Sie es nicht, Sie wissen schon …“

„Was ist los? Was habe ich verpasst? Ich verstehe das alles nicht.“ Slade fuhr sich mit der Hand durchs Haar, das ihm fast bis auf die Schulter reichte.

„Drogo scheint …“ Chrissy blickte zwischen Slade und Drogo hin und her, während sie versuchte, Mrs. Weatherbys finsterem Blick auszuweichen. „Er … äh … hat wohl Mrs. Weatherbys Hund, also Daisy, geschwängert. Mrs. Weatherby ist vorbeigekommen, um mir zu sagen, dass ihre Hündin trächtig ist, und …“ Nach einer kleinen Pause stieß Chrissy die nächsten Worte hastig und fast schluchzend aus. „Sie will eine Abtreibung machen lassen. Na ja, nicht Mrs. Weatherby, aber sie will, dass eine bei Daisy vorgenommen wird. Ich weiß, dass Daisy das nicht wollen würde, und ich habe ihr schon versprochen, dass ich alle Welpen behalten würde. Ich meine Mrs. Weatherby, nicht Daisy. Aber sie will dem armen Tier trotzdem diese Abtreibung zumuten. Dieselbe Frau, die dich eben ausgeschimpft hat, weil du geflucht hast.“ Chrissy bückte sich und hob Drogo hoch.

Slade neigte den Kopf zur Seite und schaute auf den winzigen, knurrenden, hinterhältigen Chihuahua, den Chrissy im Arm hielt, ehe er den Blick zu der riesigen, bildschönen Dalmatinerhündin schweifen ließ, die ruhig im Gras lag und die Zunge raushängen ließ. Es sah fast so aus, als würde Daisy lächeln.

„Wie zum Teufel haben diese beiden gev…?“

„Slade!“, unterbrachen ihn die beiden Frauen.

In diesem Moment kam Jack aus dem Haus. Er trug nur eine kurze Trainingshose und sah noch ziemlich verschlafen aus. Gähnend meinte er: „Baby? Was ist hier los? Du bist nach deinem Autounfall noch nicht wieder ganz gesund. Du solltest nicht hier draußen sein und dich aufregen.“ Jack hob kurz das Kinn; Slade erwiderte die Begrüßung mit der gleichen Geste.

„Sehen Sie sich an, was Sie angerichtet haben, Mrs. Weatherby!“, schimpfte Chrissy. „Sie haben Jack aufgeweckt. Er hat die ganze Nacht gearbeitet und Verbrecher gejagt, um in dieser Stadt für Sicherheit zu sorgen. Und Sie stehen hier und beschweren sich über den armen Drogo, der keiner Fliege was zuleide tun würde.“ Slade blickte zu Drogo, der noch immer die ältere Nachbarin anknurrte, bereit, sie jederzeit mit seinen winzigen scharfen Zähnen zu attackieren.

„Babe?“, sagte Jack verwirrt.

„Sie will all die kleinen Hündchen umbringen, Jack.“ Erst jetzt ließ sie Daisys Leine los, die sie die ganze Zeit umklammert gehalten hatte, und drehte sich zu ihrem Verlobten um. „All. Die. Kleinen. Hündchen!“ Mit ihrer freien Hand machte sie eine rasche Bewegung über ihren Hals. „Tot!“

„Was für kleine Hündchen?“

„Drogos Kinder.“

Slade stand neben Jack, die Arme über der Brust verschränkt, und betrachtete amüsiert diese Szene, die sich vor ihm abspielte. Jack dagegen wirkte völlig verwirrt, ließ die Schultern hängen, hatte die Augenbrauen hochgezogen und fuhr sich mit einer Hand über das unrasierte Kinn. Chrissy schluchzte, und die ältere Nachbarin murmelte vor sich hin, schimpfte anscheinend über „die Jugend von heute“.

Jack kratzte sich am Kopf. „Ich verstehe immer noch nicht, was hier eigentlich abgeht.“

„Sie ist schwanger, Alter“, klärte Slade ihn auf.

Jack riss die Augen auf. „Mrs. Weatherby ist schwanger?“, fragte er und schnappte laut hörbar nach Luft.

Alle Anwesenden, einschließlich der Hunde, erstarrten.

Slade konnte sich nicht länger beherrschen und begann, laut loszulachen. Chrissy presste die Lippen fest aufeinander, um das aufsteigende Kichern zu unterdrücken. Es gelang ihr jedoch nicht – prompt prustete sie los.

„Ich doch nicht! Daisy“, korrigierte Mrs. Weatherby ihn entrüstet und deutete nach unten. „Meine Daisy ist von dieser kleinen … Töle geschwängert worden.“

„Oh, verdammt. Tut mir leid, Mrs. Weatherby“, entschuldigte sich Jack.

„Achten Sie auf Ihre Sprache“, rügte Mrs. Weatherby ihn, und Jack nickte entschuldigend.

Anschließend wandte Jack sich an Chrissy. „Und du weinst, weil …?“

„Ich will nicht, dass sie die Hunde abtreiben lässt. Ich habe Mrs. Weatherby versprochen, dass wir die Welpen nehmen und für sie ein Zuhause finden.“

„Äh …“ Jack sah wie vom Donner gerührt aus.

Slade betrachtete das Drama, das sich vor seinen Augen abspielte, mit einem Grinsen im Gesicht. Chrissy war seine Schwester, aber Jack war schon fast sein gesamtes Leben lang sein bester Freund. Jack würde niemals einen Wurf Hundewelpen behalten. Slade konnte nicht einmal verstehen, wieso Jack Drogo aufgenommen hatte. Sein Kumpel war kein großer Tierfreund. Und auch wenn er wirklich sehr in Chrissy verliebt war, ließ er sich von einer Frau mit Sicherheit nicht herumkommandieren. Der Mann war ein Cop und bestritt in seiner Freizeit MMA-Kämpfe. Da würde er doch wohl mit den beiden verrückten Frauen fertigwerden, die ihn jetzt schweigend ansahen. Nie im Leben würde Jack dieser verrückten Idee zustimmen.

Niemals.

Im Leben nicht.

Und dann schniefte Chrissy.

Jack wurde augenblicklich weich, wandte sich an seine Nachbarin und verkündete mit strenger, Autorität gebietender Stimme: „Mrs. Weatherby, es ist Ihnen nicht erlaubt, diese Welpen abtreiben zu lassen. Das ist entgegen der Tarpon-Springs-Vorschriften zum …“

Slade bekam den Rest des Schwachsinns, den Jack da von sich gab, um die Hündchen zu beschützen, die Chrissy so am Herzen lagen, nicht mehr mit. Er konnte es nicht fassen. Aber dann erinnerte er sich daran, dass Jessicas Umarmung vorhin ihn fast aus der Bahn geworfen hätte. Obwohl er sie schon seit Monaten bat, mit ihm auszugehen, war er nicht der Typ für eine ernsthafte Beziehung. Jedenfalls nicht bisher. Er hatte sich einzureden versucht, dass es sich bei dem, was zwischen Jessica und ihm passierte, lediglich um sexuelle Anziehungskraft handelte. Langsam dämmerte ihm jedoch, dass Jessica nicht so war wie die anderen Frauen, mit denen er etwas gehabt hatte. Die Gefühle, die er für sie hegte, waren anders als das, was er sonst für die Frauen empfand. Sex hatte ihn bisher immer am meisten interessiert, aber plötzlich fühlte sich dieses Date mit Jessica wichtig an. Mit anzusehen, wie verliebt sein bester Freund und seine Schwester waren, hinterließ bei ihm überraschenderweise ein Gefühl der Leere, so als würde ihm etwas fehlen.

„Na schön, ihr Verrückten, dann lasse ich euch mal mit euren absurden Vorstadtproblemen allein. Ich muss mich fertig machen.“

Zur Hölle mit Chrissy und Jack. Jetzt war er wegen seines Dates ganz nervös.

Jessica war bereit. Hin und wieder war sie zwar noch etwas kurzatmig, aber meistens fühlte sie sich wieder wie sie selbst. Sie trug ihr weißes Lieblingskleid und dazu rosafarbene Riemchensandalen. Genau das Richtige im Frühling. Genau das Richtige für ein erstes Date.

Auf hohen Absätzen konnte sie nicht sonderlich gut laufen, aber sie trug sie trotzdem gern. Was ihr an Slade besonders gefiel, war seine Größe. Sie konnte High Heels in jeder Höhe tragen, und trotzdem war er immer noch größer als sie. Na ja, dasselbe konnte man über Dennis sagen, der war auch groß. Aber nichts im Vergleich zu Slade. Der war riesig. Sie vermutete, dass er knapp zwei Meter groß war. Ihr persönlicher Conan der Barbar. Das war die treffendste Beschreibung für ihn. Aber das Beeindruckendste an ihm waren seine blauen Augen. Die waren ihr sofort aufgefallen, als sie ihn das erste Mal gegen so einen armen Kerl hatte kämpfen sehen, der nicht den Hauch einer Chance gehabt hatte. Aufgrund seiner hellen Haut und der schwarzen Wimpern stachen seine blauen Augen noch mehr hervor.

Sie hatte es gar nicht glauben können, als Slade sie das erste Mal um eine Verabredung gebeten hatte. Die Frauen, mit denen er normalerweise ausging, kannte sie. Sie waren blond, strohdumm und hatten einen großen Busen. Häufig genug hatten sich diese Frauen ihm direkt vor ihren Augen an den Hals geworfen. Trotzdem war er definitiv an ihr interessiert.

Jessica betrachtete sich im Garderobenspiegel, ehe sie auf das Klopfen an der Tür reagierte und die Tür öffnete. „Ich brauche noch eine Sekunde, muss mir noch schnell die Haare kämmen“, rief sie, während sie in Richtung Schlafzimmer davoneilte, ohne auch nur einen Blick nach draußen zu werfen.

Doch Slade fasste sie so schnell am Handgelenk, dass sie fast hinfiel. „Ich wünsche dir auch einen schönen Abend.“ Er zog die Augenbrauen hoch und lächelte sie an.

„Oh, entschuldige.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Sie wollte sich von ihm lösen, aber Slade ließ sie nicht los. Er senkte den Kopf und küsste zärtlich ihr Kinn, ehe er den Duft ihres Haares einsog.

Gott sei Dank hielt er sie so fest umschlungen, denn ihre Knie wurden sofort weich. „Oh“, sagte sie verträumt und schloss die Augen, während Slade einen Schritt zurücktrat. „Das war …“ Sie verstummte und seufzte.

Er lachte und griff nach ihrer Hand. „Ehrlich, Jess. Das ist mein verdammter Ernst – guck gefälligst durch den Spion, ehe du die Tür öffnest.“

Na, das war ja mal ein Stimmungskiller. „Entspann dich. Ich wusste doch, dass du es bist.“

Genervt schüttelte er den Kopf. „Also, was ist mit deinem Haar? Ich finde, du siehst total super aus.“

Sie blickte zu ihm hoch und verzog das Gesicht, während sie an einer Haarsträhne zog. „Wirklich?“

Er lachte und musterte sie dann von den Zehen, die aus den High-Heels-Sandalen herausschauten, bis hinauf zu ihrer Frisur. „Du siehst heiß aus, Jess. Glaub mir.“ Er nahm ihre Hand und zog Jessica mit sich. Sie konnte eben noch ihre Handtasche schnappen, bevor die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel.

Jessica war nicht gerade begeistert, als sie Slades Motorrad entdeckte.

Sie kramte nach ihrem Schlüsselbund und wedelte damit vor seiner Nase herum. „Slade Martin! Du hast wohl den Verstand verloren, wenn du glaubst, dass ich da aufsteige. Du willst mich in ein schickes Restaurant ausführen, ich mach mich verdammt noch mal fein für dich, und dann kreuzt du mit deiner Maschine auf? Hallo?“ Sie deutete auf sich. „Frisur, Kleid, Schuhe!“

Er ist so ein typischer Kerl … völlig gedankenlos. Einerseits war er überfürsorglich, andererseits tauchte er zu einer Verabredung mit diesem Ding auf. Doch statt verärgert auf ihre Standpauke zu reagieren, überraschte Slade sie mit einem breiten Grinsen.

„Weißt du, normalerweise erzählen Frauen mir nicht, was sie wirklich denken.“ Er drückte ihre Hand. „Ich bin froh, dass du mir nicht nach dem Mund redest.“

„Was?!“

„Na ja, es ist so: Die meisten Frauen steigen auf mein Motorrad und sehen so aus, als wären sie begeistert. Wenn sie mit ihrer Frisur, ihrem Kleid oder damit, dass man ihren Slip sehen könnte, Probleme haben, dann sagen sie es jedenfalls nicht laut. Sie hüpfen einfach aufs Bike. Du hast recht, ich bin ein Idiot. Ich hätte mein Auto nehmen sollen, hab einfach nicht nachgedacht.“

„Vielen Dank für dieses merkwürdige Kompliment. Aber weißt du, ich bin kein großer Fan von Frauen, deren Unterwäsche man sehen kann, während sie auf deinem Motorrad die Beine um dich schlingen. Wenn du nachher noch einen Gutenachtkuss haben möchtest, dann halt jetzt lieber den Mund, nimm meinen Wagenschlüssel, und lass uns was essen.“

„Oh Gott, du bist perfekt.“ Er führte sie zu ihrem Auto. Jessica konnte gar nicht anders, sie musste ihn einfach anschauen. Er trug eine dunkle, locker sitzende Jeans und ein graues Hemd, das sich über den Unterarmen spannte, dort, wo er die Ärmel hochgeschoben hatte. Er war ein echt heißer Typ. Megaheiß. Er öffnete ihr die Tür, und als sie saß, beugte er sich hinein und half ihr, sich anzuschnallen.

„Das ist nicht dein Ernst, Slade, oder? Ich bin achtundzwanzig Jahre alt. Ich brauche keine Hilfe beim Anschnallen.“

Er ließ die Hände sinken. „Tut mir leid. Ehrlich. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Gewohnheit, vermute ich.“ Er schloss die Tür, ging hinüber zur Fahrerseite, zwängte sich hinter das Lenkrad und schnallte sich dann ebenfalls an. Er wirkte gar nicht wie er selbst, sondern irgendwie nervös.

Sie legte eine Hand auf sein Knie. „Alles in Ordnung bei dir?“

Einen Moment lang schloss er die Augen, öffnete sie wieder und wandte sich ihr langsam zu. „Ja, alles okay. War ein harter Tag.“

Sie bemerkte das leichte Zittern seiner Hand. In all den Jahren, in denen er als MMA-Fighter im Cage gestanden hatte – ganz zu schweigen von den Untergrundkämpfen, bei denen es keine Regeln gab –, hatte Slade so einige Schläge auf den Kopf einstecken müssen. Vor Kurzem hatte er das Kämpfen aufgegeben, da sonst die Gefahr bestand, eine permanente gesundheitliche Beeinträchtigung davonzutragen. Hin und wieder hatte er immer noch Probleme, und ihr war aufgefallen, dass die Symptome deutlicher zutage traten, wenn er gestresst war. Aber das war ein Thema, das sie lieber nicht anschnitt. Sein Rückzug vom Kampf war ein Tabuthema. Als Slade jetzt wieder nach vorn sah und den Motor anließ, bemerkte sie ein paar blaue Flecken auf seinem Hals.

Mit den Fingerspitzen fuhr sie sacht über den Bluterguss. „Was ist passiert?“

„Dieser verdammte Cain, einer der Kämpfer, den ich trainiere. Hat mich überrumpelt und fast erdrosselt.“

„Ach du meine Güte!“

Er warf ihr einen Seitenblick zu und lächelte. „Ist schon okay. Hat nicht wehgetan. Der Kerl hat mich nur überrascht. Mir geht es gut.“ Er griff nach ihrer Hand, mit der sie noch immer sanft seinen Hals streichelte, und legte sie auf seinen Schoß, ehe er ihre Finger leicht drückte. „Ehrlich, Jess. Mir geht’s gut.“

„Du versprichst, dass du vorsichtig bist, ja?“, meinte sie behutsam, da sie sich jetzt auf unbekanntes Terrain vorwagte.

„Ja.“ Seine Antwort war kurz angebunden. Er klang nicht verärgert, aber es war unmissverständlich, dass für ihn das Thema abgeschlossen war.

„Also, wohin führt uns unsere erste Verabredung?“

Er lächelte. „Ins Tackle Box.“

„Soll heißen, in das Tackle Box?“

„Kennst du noch ein anderes Restaurant, das Tackle Box heißt?“

„Nein.“ Das Tackle Box befand sich einen Ort weiter südlich in Palm Harbor. Es war ein exklusives Fischrestaurant direkt am Strand. Dennis liebte das Tackle Box, daher war sie früher schon dort gewesen. Lokalpolitiker und Leute aus der vermeintlich besseren Gesellschaft trafen sich dort auf einen Drink, zum Essen und um die Welt zu verbessern – auf ihre eigene, verdrehte und eigennützige Art und Weise. Jessica hasste es. Es war versnobt und gediegen und absolut nicht ihr Ding. Sie war überrascht, dass Slade es ausgewählt hatte. Es passte eigentlich überhaupt nicht zu ihm.

„Bist du schon mal dort gewesen?“, wollte er wissen.

„Ja. Du auch?“

„Nein. Aber ich habe gehört, dass es dort den besten Hummer in ganz Florida gibt.“

Sie hasste Hummer.

„Na, dann bin ich ja froh, dass ich mich rausgeputzt habe.“ Sie lehnte den Kopf zurück.

Den Rest der Fahrt verbrachten sie mehr oder weniger schweigend. Nach der Nummer mit dem Motorrad konnte sie ihm unmöglich auch noch die Freude an Restaurant und Hummer madigmachen.

„Du siehst wirklich toll aus, Jessica“, sagte Slade noch einmal, nachdem sie im Restaurant angekommen waren und Platz genommen hatten.

Lächelnd gab sie das Kompliment zurück. „Du siehst auch verdammt gut aus, Slay.“

Sie wurden kurz von der Kellnerin unterbrochen, die ihre Getränkebestellung aufnahm. Anschließend unterhielten sie sich ein wenig über die Aussicht; sie saßen direkt am Wasser und konnten die frische salzige Meeresbrise einatmen. An und für sich war das hier schon ziemlich nett.

Kurz darauf wurden die Drinks gebracht.

„Wie ich sehe, stehst du im Gegensatz zu den meisten anderen Mädels nicht auf Cocktails, was?“ Slade blickte auf die bernsteinfarbene Flüssigkeit in ihrem Glas. „Interessant.“

„Und du scheinst kein Biertrinker zu sein, was?“ Sie schaute auf seinen ähnlich aussehenden Drink. „Interessant“, fügte sie grinsend hinzu.

„Ich bin nur froh, dass du keinen Jack bestellt hast. Da hätte ich mich meiner Männlichkeit beraubt gefühlt.“

Johnnie ist genauso stark wie Jack.“

„Pah!“ Er verdrehte die Augen und kippte fast die Hälfte seines Drinks hinunter.

„Vertrau mir, ich bin Profi. Johnnie Walker ist genauso stark wie dieser mädchenhafte Jack-Daniel’s-Mist, den du da trinkst.“

„Profi?“, neckte er sie.

„Hal-lo!“ Sie wedelte mit der Hand herum. „Barkeeperin? Schon vergessen?“

„Das macht dich noch lange nicht zu einem Profi. Ja, du kannst die Drinks gut mixen. Aber kannst du sie auch vertragen?“

„Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich habe die Beispiele tagtäglich vor Augen, wenn sie sich bei mir an der Bar volllaufen lassen.“

„Na ja, wie auch immer, aber lass das nicht Jack hören.“

Sie lachte. „Jack? Du meinst deinen Freund Jack? Chrissys Verlobten?“ Er nickte. „Heißt er wirklich Jack Daniels?“

„Aber klar doch, und ich würde mich an deiner Stelle lieber nicht darüber lustig machen. Er hasst das.“

„Kann ich ihm nicht verdenken.“

Die Kellnerin tauchte wieder auf, um ihre Bestellung aufzunehmen. Slade entschied sich für den Hummer.

„Und für Sie, Miss?“

„Filet mignon, medium, mit einer gebackenen Kartoffel und allem Drum und Dran.“

Slade beugte sich vor, die Augenbrauen hochgezogen, aber auch leicht amüsiert. „Ich führe dich ins Tackle Box aus. Das beste Fischrestaurant vor Ort. In ganz Florida. Vielleicht sogar im gesamten Südosten. Und du bestellst dir ein Steak?“

„Ich mag keine Meeresfrüchte“, meinte sie achselzuckend.

Er öffnete den Mund und schloss ihn abrupt wieder. Eine Sekunde später fing er an zu lachen.

„Du bist wirklich was Besonderes, Jessica. Warum hast du mir das nicht erzählt?“

Sie zuckte noch einmal mit den Schultern. „Du hast nicht gefragt. Und so wie es aussieht, wolltest du gerne Meeresfrüchte essen. Ich wollte dir den Abend nicht verderben.“

„Ich habe ein Date mit dir. Glaub mir, nichts könnte das kaputt machen.“

Sie nippte an ihrem Drink und wechselte das Thema. „Also, erzähl mir, wie es um Mauricio steht.“ Slade hatte erwähnt, dass es dem Besitzer der Worth the Fight Academy, Mauricio Silva, gesundheitlich schlecht ging und dass er überlegte, zurück nach Brasilien zu ziehen.

„Nicht gut. Den Gerüchten zufolge überlegt er, die Academy zu verkaufen“, antwortete Slade.

„Wirklich? Was hältst du davon?“ Ehe er die Gelegenheit hatte, darauf etwas zu erwidern, rief sie aus: „Oh! Du solltest sie kaufen! Das wäre doch toll!“

Er schenkte ihr sein berühmtes Lächeln, und einen Moment lang stockte ihr der Atem. „Ehrlich gesagt habe ich darüber auch schon nachgedacht. Vielleicht möchte er, dass seine Tochter sie weiterführt, aber wenn nicht, wäre es ideal, wenn ich WtF kaufen könnte. Ich habe da jahrelang trainiert, ich kenne sie wie meine Westentasche, und da ich selbst nicht mehr kämpfen kann, wäre es echt cool, wenn ich andere trainieren könnte. Es wäre so, als hätte ich nie aufgehört zu kämpfen, verstehst du?“

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