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Ikigai - Die Kunst, zufrieden zu sein

Als Buch hier erhältlich:

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Das faszinierende Geheimnis der Japaner: wie man mit einfach zu erlernenden Methoden das Beste aus jedem Tag macht.

Das Buch ist in die Bereiche Kokoro – Herz und Geist – und Karada – Körper – unterteilt. Ikigai – der Lebenssinn – ist die Basis der japanischen Lebensweise und der Grund, warum Menschen dort so lange und zufrieden leben.

Die Autorin zeigt anschaulich praktische und leicht umsetzbare Schritte, um die japanischen Lehren in Ihr eigenes Leben zu integrieren. Rezepte, Lifestyletipps und viele kreative Ideen helfen bei der Umsetzung.

»Mit meinem Buch möchte ich Sie mit praktischen Tipps aus einer neuen Perspektive inspirieren, ihr Leben zu bereichern und zu verbessern.«
Autorin Erin Niimi Longhurst


  • Erscheinungstag: 27.10.2020
  • Seitenanzahl: 272
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959674072

Leseprobe

Einführung

Ich bin im Spagat zwischen verschiedenen Kulturen aufgewachsen. Als Kind eines englischen Vaters und einer japanischen Mutter kam ich in London zur Welt, lebte ich in Seoul, London und dann für einige Jahre im kulturellen Schmelztiegel New York. Aber durch meine Mutter und den japanischen Teil meiner Familie, mit dem ich die schwülwarmen Sommer verbrachte, habe ich mir stets eine enge Verbindung zu Japan bewahrt.

In den vergangenen Jahren habe ich in meinem Blog ausführlich über Japan geschrieben. Hauptsächlich ging es dabei um Rezepte, Lifestyle und Reisetipps. Und obwohl ich schon an vielen Orten auf der Welt gelebt habe, habe ich das Gefühl, dass ich – in jedem Bereich meines Lebens – immer wieder zu denselben Strukturen, Ritualen, Gewohnheiten und Traditionen zurückkehre: denen meiner japanischen Familie, mit denen ich aufgewachsen bin und mit denen ich stets in Berührung komme, wenn ich in Japan bin.

Der Ausdruck »Japonismus« wurde erstmals im späten neunzehnten Jahrhundert verwendet, um die westliche Begeisterung für japanische Kunst, Kultur und Design zu beschreiben – die in den letzten Jahren exponentiell gewachsen ist und mittlerweile alles von Musik über Film bis hin zu Essen und Kunst einschließt.

Ich denke, was Japans Kultur und Traditionen so einzigartig macht, ist seine lange Geschichte der Isolation. Japan hat sich eine so starke, reiche und ganz eigene Identität angeeignet, weil es lange Zeit keinem fremden Einfluss ausgesetzt war. Über 220 Jahre lang wurde in Japan eine isolationistische Außenpolitik praktiziert, bekannt als sakoku, was »Landesabschließung« bedeutet. Unter dem Tokugawa-Shogunat waren Beziehungen und Handel zwischen Japan und dem Rest der Welt streng eingeschränkt. Ab Anfang 1600 war es nur wenigen Menschen gestattet, das Land zu verlassen, und nur wenige wurden hereingelassen – ein Versuch, die empfundene Bedrohung durch fremde, religiöse und koloniale Einflüsse abzuwehren.

Zwar sind die zwei Jahrhunderte der nationalen Abschottung, die Anfang der 1850er endeten, extrem lang her – aber ich bin überzeugt, dass diese Ära der Abgeschiedenheit wesentlich zur Entstehung der Einzigartigkeit der japanischen Gesellschaft beigetragen hat. In jener lange zurückliegenden Isolationsphase haben sich die Bräuche, Traditionen und Kultur Japans entwickelt und ihre Blütezeit erlebt, wodurch sich meiner Meinung nach das Land, das wir heute kennen, so sehr von jedem anderen auf der Welt unterscheidet. Es kann durchaus fremdartig wirken und manchmal auch verwirrend sein, aber es ist immer spannend, schön und unglaublich bereichernd. Seit sechsundzwanzig Jahren bin ich immer wieder dort und lerne jedes Mal etwas dazu, sehe immer wieder alles in einem neuen Licht.

Was kann man also von der japanischen Kultur lernen (ohne in ein Flugzeug zu steigen)? Wie können Sie es – genau wie ich – auf Ihren Alltag anwenden? Eine Schlüssellektion war für mich, was ich von meinem Großvater mütterlicherseits, Haruyuki, über die richtige Balance gelernt habe. Als eins von dreizehn Geschwistern in einer Viehzüchterfamilie aufgewachsen, arbeitete er sich im Lauf der Zeit zu einem einflussreichen Geschäftsmann hoch und wurde schließlich Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer von Shell in Japan.

Er unternahm eine Reise, den Anstoß gab eine zufällige Bekanntschaft, die er mit zwei amerikanischen Soldaten machte, die nach dem Zweiten Weltkrieg im tief verwundeten Japan stationiert waren. Auf deren Empfehlung hin brach er in die Vereinigten Staaten von Amerika auf und überquerte den Pazifik in zwei Wochen auf einem Ozeankreuzer – der Hikawa Maru (benannt nach dem großen Shintō-Schrein in Saitama). Er schloss ein Wirtschaftsstudium an der University of Washington ab, was er finanzierte, indem er als Gärtner, Kellner und Butler arbeitete. Infolge seiner Zeit in den Staaten entwickelte er eine Einstellung und Herangehensweise an geschäftliche Dinge, die man zu Hause in Japan als ziemlich unorthodox und zu westlich empfand. Aber zeit seines Lebens war er unheimlich stolz auf sein Erbe und insbesondere die japanische Kultur, Geschichte und Tradition.

Von meinem Großvater habe ich die Bedeutung von Achtsamkeit gelernt – wie wichtig sie für eine glückliche und erfüllende Einstellung und Lebensweise ist. Wir leben in einer zunehmend vernetzten Welt, und das hat seinen Preis. Es ist schwer, abzuschalten, wenn wir ununterbrochen mit Informationen und Mitteilungen bombardiert werden und ständig das Gefühl haben, dass der Stress oder das Drama unseres Arbeits- und/oder Privatlebens nur einen Klick entfernt sind oder sich gar per Push-Benachrichtigung aufdrängen.

Mein jiji (Großvater) war mein Vorbild, denn er nahm sich immer die Zeit, sich um sich selbst zu kümmern. Das verhalf ihm zu Glück, Produktivität im Beruf und einem nachhaltigen Leben. Die Werktage verbrachte er im wuseligen, lebhaften Herzen Tokios, wo er von frühmorgens bis spätabends arbeitete. Aber fast sein ganzes Arbeitsleben hindurch kehrten er und meine Großmutter an den Wochenenden nach Kamakura zurück – einer wunderschönen Stadt am Meer – wo er wieder auftankte. Stundenlang hegte und pflegte er die kleinen Orangenbäume in seinem Garten, unternahm lange Wanderungen durch die nahe Hügellandschaft, malte, schrieb Gedichte, filetierte akribisch frischen Fisch und bereitete ihn für das Abendessen zu. Im Laufe meiner Karriere habe ich ähnliche Ansätze entwickelt, um meinen Akku aufzuladen und den Kopf frei zu kriegen – indem ich Kunst erschaffe (fotografiere oder schreibe), koche (Gyōza-Teigtaschen füllen ist beispielsweise sehr monoton, aber effektiv) und mein Leben auf verschiedene Weise organisiere (Kleiderschrank aussortieren oder Unterlagen ordnen). So fühle ich mich geerdet und produktiv.

In seinem späteren Leben wurde meinem Großvater seine spirituelle Seite immer wichtiger, und er nahm als Ältester aktiv am Tempelleben teil. Er saß in einem Rat, der die Mitglieder der Gemeinde von Tsurugaoka Hachiman-gū repräsentierte, dem kulturellen Herzen von Kamakura, wo sich der bedeutende Shintō-Schrein befand. Dies war der Ort, den er liebte und hegte, wo er Klarheit und Frieden fand und der ihn zurück zu seinen Traditionen und Wurzeln führte. Seine Arbeit dort war ihm wichtig. Er war nie jemand, der große Reden hielt oder etwas sagte, bloß um ein Schweigen zu brechen, und jede Veranstaltung und jedes Ritual, an denen er teilnahm, erfüllte er mit Wertschätzung, Hingabe und Bedeutung.

Er war ein Frühaufsteher, der sich morgens, bevor er zur Arbeit abgeholt wurde, um all seine Pflanzen kümmerte. Und er war mein Komplize, wenn es darum ging, sich morgens um drei rauszuschleichen, um beim konbini um die Ecke (einem Laden, der 24 Stunden geöffnet hat) einen durch Jetlag erzeugten Heißhunger auf Rote-Bohnen-Eis zu stillen. Und nie versäumte er es, mich auf dem Nachhauseweg auf den Sonnenaufgang oder die Stille in den Straßen hinzuweisen und brachte mir so bei, die kleinen Momente zu würdigen, die ich sonst nicht bewusst wahrgenommen hätte.

Ich war in meinem letzten Jahr an der Universität in Manchester, als mein jiji starb, und erst, als ich selbst anfing zu arbeiten, wurde mir klar, wie viel von seiner Lebensweise ich über die Jahre hinweg aufgesaugt hatte. Durch die winzigsten, leisesten Momente, die unscheinbarsten Handlungen und kaum wahrnehmbaren Nuancen, die er hervorhob, entdeckte ich Aspekte meines eigenen Erbes, meiner eigenen Kultur, die ich in mir aufnahm und die mein Leben formten und mich führten.

Immer wenn ich neue Leute kennenlerne und ihnen von meiner japanischen Herkunft erzähle, folgt darauf ein angeregtes Gespräch, das unweigerlich in einer Diskussion über ihre Vorliebe etwa für Animes, die japanische Küche, gelegentlich auch für Karaoke mündet.

Als von Natur aus ängstlicher und vorsichtiger Mensch stelle ich fest, dass es inzwischen sehr viele Dinge gibt, auf die ich zurückgreife, die mir helfen, Klarheit zu finden, mich neu zu sortieren und Herausforderungen zu meistern, und dass sie alle fest in Japan und seinem reichen Erbe verwurzelt sind. Und das ist es, was ich hier mit Ihnen teilen möchte: nicht einfach nur eine theoretische Abhandlung über Aspekte Japans und seiner Kultur, sondern Philosophien und Strategien, welche mir geholfen haben, die Hindernisse und Prüfungen des modernen Alltags zu überstehen. Während ich diese Philosophien und Traditionen auf diesen Seiten formuliert und ihre Essenz herausgefiltert habe, hat dieser Prozess meine Liebe und Wertschätzung für sie erneuert, vielleicht stärker gemacht als je zuvor, und mir bewusst gemacht, wie sehr ich mich tatsächlich Tag für Tag auf sie verlasse, ohne es überhaupt zu merken. Ich hoffe, dass sie auch Ihnen Trost, Glück und Denkanstöße bringen – von der Art, wie man sie nur durch eine Würdigung der leiseren, aber reichen, der gewöhnlichen, aber freudvollen Momente auf der Reise erlangen kann.

Im ersten Teil des Buchs, »Kokoro«, liegt der Fokus auf Herz und Geist. Er handelt davon, was uns zu dem treibt, was wir tun (ikigai) und was uns Freude bringt; die Schönheit der Veränderung (wabi-sabi) und des Verstreichens der Zeit; das Entdecken der Schönheit in der Unvollkommenheit und das Zelebrieren von Entbehrungen und Momenten, die uns formen (kintsugi). Im zweiten Teil, »Karada«, geht es um den Körper: wie wir uns mit unserer Umgebung verbinden (durch Waldbaden, das Arrangieren von Blumen und in den eigenen vier Wänden); wie wir ihn nähren (mit Essen, Tee und Baden); und wie wir unseren Geist stimulieren (durch Kalligraphie). Im dritten Teil, »Shukanka« (Gewohnheiten herausbilden), geht es schließlich darum, Wege zu finden, wie wir all das in unser tägliches Leben integrieren können, damit es uns in Fleisch und Blut übergeht.

Es gibt so viele Aspekte der japanischen Kultur, von denen ich glaube, dass sie auch in anderen Bereichen übernommen werden könnten – und sollten. Ob es darum geht, eine Geisteshaltung zu verändern, sich die Zeit zu nehmen, um eine gute Tasse Tee zu genießen oder einen erfrischenden Spaziergang in der Natur zu unternehmen - diese und andere Techniken können wirklich wertvoll sein für uns alle, die sich schon mal überarbeitet, verunsichert, erschöpft oder gehetzt gefühlt haben. Viel zu oft werden wir heruntergezogen, gestresst und ausgepresst. Wir stehen unter ständigem Druck, alles, was wir tun, perfekt zu machen, fröhlich zu sein (niemals traurig, verärgert oder aufgeregt) und dabei auch noch toll auszusehen. Uns wird vermittelt, dass wir alles machen und alles haben sollen – eine erfolgreiche Karriere hinlegen, während wir auch noch Zeit mit der Familie verbringen, gut essen und trotzdem einen atemberaubenden Körper haben und vieles mehr. Aber diese Herangehensweise ans Leben lässt außer Acht, wie chaotisch das echte Alltagsleben ist, in dem sich Fristen ändern, andere einen schlechten Tag haben und es an Ihnen auslassen oder Sie oder die Menschen, die Sie lieben, krank werden können. Es herrscht ein enormer Druck, und der verursacht Stress. Bestenfalls ist dieses Ideal unerreichbar und unrealistisch, im schlimmsten Fall schlicht gefährlich.

Die Philosophien, die ich hier mit Ihnen teilen möchte und die ein wesentlicher Bestandteil der japanischen Kultur sind, werden Ihnen helfen, die Vergänglichkeit des Lebens zu erkennen und damit umzugehen, Schönheit in diesem Chaos zu entdecken und Ihre Narben zu lieben und zu pflegen – denn all das kann so wunderbar befreiend sein. Es geht darum, zu akzeptieren, dass alles einmal endet und immer etwas schiefgeht – ohne daran zu verzweifeln. Und statt dem unerreichbaren Ziel der Perfektion nachzujagen, geht es darum, Erfüllung und Gelassenheit in dem zu finden, was Sie bereits haben: die Fähigkeit, zu sagen, »Ich bin nicht perfekt, und das ist in Ordnung.«

Dieses Buch steckt voller praktischer Tipps, Vorschläge, Rezepte und mehr, um mehr aus Ihrem Leben zu machen – inspiriert von den einzigartigen, schönen und magischen kleinen Inseln, aus denen Japan besteht. Früher mussten die Zutaten (mit hohen Kosten) eingeschifft werden, die man heute ohne Weiteres in vielen Supermärkten vor Ort kaufen kann – sogar die aufwendigen Bentoboxen, (die meine Mutter mir früher mühevoll hergerichtet hat). Diese und so viele andere Dinge stehen uns heute zur Verfügung, und indem Sie sie nutzen, in Verbindung mit kleinen, schrittweisen Veränderungen, werden Sie lernen, neue Routinen und Gewohnheiten zu etablieren, um Ihre Lebensweise und Ihr Wohlbefinden zu bereichern und zu vervollkommnen.

Dieses Sprichwort fasst den Gedanken, der diesem Buch zugrunde liegt, ziemlich gut zusammen. Durch kleine, sich wiederholende Schritte, nicht die eine große Offenbarung, erreichen wir die bedeutendsten Veränderungen. Also machen Sie einen Schritt nach dem anderen. Für viele der Künste und Praktiken, über die Sie hier lesen werden, etwa ikebana (siehe Seite 117) und die Teezeremonie (siehe Seite 185) braucht man Jahrzehnte, um diese zu meistern. Einige Mitglieder meiner Familie haben der von ihnen gewählten Beschäftigung unzählige Stunden gewidmet, um sie schließlich zu beherrschen, und auch, wenn ich schon viele davon ausprobiert habe, bin ich noch lange keine Expertin. Ich bin auch weder Historikerin noch Akademikerin. Aber durch jede einzelne dieser Disziplinen habe ich etwas über mich gelernt – und das möchte ich hier weitergeben. Denn wenn ich das kann, können Sie das auch. Alle Hobbys, Aktivitäten und Praktiken, über die Sie lesen werden, helfen, Veränderungen herbeizuführen. Veränderungen, die – und das ist entscheidend – realistisch, umsetzbar und bezahlbar sind und hoffentlich auch noch Spaß machen.

Die Schriftzeichen meines Nachnamens – Niimi 新美 – bedeuten »neu« und »schön«. Ich hoffe, dass ich dem mit diesem Buch gerecht werde, in dem ich Sie mit neuen und schönen japanischen Philosophien, Praktiken und Tipps vertraut machen möchte, um etwas mehr Achtsamkeit, Zufriedenheit und Freude in Ihr Leben zu bringen.

Im Japanischen gibt es drei Wörter, um das Herz zu beschreiben. Das erste ist shinzou, das physische Organ, das in uns allen schlägt und uns am Leben hält. (Wenn ein Japaner Ihnen sagt, dass sein shinzou wehtut, ist das nicht metaphorisch gemeint – rufen Sie lieber schnell einen Arzt.) Das zweite ist hato, die Form eines Herzens, dem man nicht entkommt, bis Ende Februar der Valentinstag vorbei ist. Das dritte ist kokoro.

Herz, Geist und Seele sind in dem Wort kokoro untrennbar miteinander verbunden. Im Deutschen kommt ihm vielleicht das Wort »Gemüt« am nächsten. Es ist eine Geisteshaltung oder ein Gefühl und beschreibt die Emotionen und Wünsche in uns allen.

Mit dem Nähren Ihres kokoro beginnt die Achtsamkeit, und das gilt für jeden Aspekt Ihres Lebens. Ich habe den Fehler gemacht, manche Bereiche über andere zu stellen, vor allem in meinem Beruf. Ich hatte in meinem Leben schon mit Burn-out und der Angst vor dem Scheitern oder der Veränderung zu kämpfen. Aber die wichtigste Lektion, die ich auf meiner Reise gelernt habe, lautet: Scheitern ist unvermeidbar. Diese Erkenntnis war die befreiendste von allen.

In diesem ersten Teil zeige ich Ihnen verschiedene Anschauungen, Philosophien und Denkweisen. Sei es, die Unvollkommenheit zu akzeptieren, Schönheit in schadhaften Dingen zu sehen oder die eigene Motivation zu finden – wenn Sie sich die Zeit nehmen, sich auf mehr als eine Weise um sich selbst zu kümmern (und sowohl auf Ihre geistige als auch auf Ihre körperliche Gesundheit zu achten), wird Ihnen das eine neue Sicht auf die Dinge eröffnen und helfen, ein erfüllteres, reicheres und glücklicheres Leben zu führen.

Kurz nachdem mein Großvater gestorben war, nahm ich meinen ersten Job nach dem Studium an, in einem Bereich, für den ich mich nicht sonderlich begeistern konnte. Ich war nach London gezogen, einer Stadt, in der ich nicht viele Menschen kannte, und lebte mit einem Partner zusammen, der so viel arbeitete, dass er so gut wie nie bei mir war. Während dieser Zeit fühlte ich mich einsam und verloren.

Also nahm ich meine Kamera und begann, mein Leben in London zu dokumentieren – in einer Phase, in der es mir nicht gut ging, hielt ich jeden Tag fest, was ich gegessen hatte, was mir gefallen und mich glücklich gemacht hatte. So begann ich meinen Blog, in dem es darum ging, was mir ein gutes Gefühl gab, und wo ich mit anderen teilte, was mich beflügelte und mir half zu wachsen.

Lassen Sie uns also zunächst Wege betrachten, wie Sie Ihr ikigai oder Ihren Lebenssinn finden – das, was Sie antreibt und morgens aufstehen lässt. Dann lernen wir wabi-sabi kennen – wo Sie lernen die Unbeständigkeit und Vergänglichkeit zu akzeptieren und das Chaos im Leben willkommen zu heißen – bevor wir schließlich durch die Kunst des kintsugi die Schönheit im Zerstörten finden.

Ikigai

生き甲斐

Lebenssinn

Ikigai ist das, was unser Dasein wunderbar bereichert – der Lebenssinn, oder, wie der Franzose sagen würde, die raison d’être. In uns allen brennt ein Feuer, in manchen vielleicht heller als in anderen, es kann mal schwächer werden, aber auch stärker, heißer und kraftvoller zurückkehren denn je. Und für jeden von uns sind unterschiedliche Dinge nötig, um die Flammen zu entfachen.

Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation von 2017 leben die Japaner immer noch weltweit am längsten und am gesündesten1. Dabei spielen natürlich verschiedene Faktoren eine Rolle. Einen Großteil tragen sicherlich die Gene, Ernährung, Lebensweise und ein hervorragendes Gesundheitssystem bei. Wenn man jedoch einen Japaner fragt, wird er diese Tendenz zur Langlebigkeit vermutlich einer strengen Arbeitsmoral und einer bestimmten Geisteshaltung zuschreiben. Viele Gesellschaften können behaupten, gesunde Ernährungs- und Lebensweisen zu haben, doch den großen Unterschied macht das Konzept des ikigai oder Lebenssinns, welches für die japanische Kultur so immanent ist.

Nach mehreren Anläufen setzte mein jiji sich schließlich im Alter von dreiundsiebzig zur Ruhe. Ein bisschen naiv nahm meine ganze Familie an, dass wir ihn nun unter der Woche öfter sehen würden. Den Ruhestand zu genießen bedeutete für meinen jiji jedoch, weiterhin in verschiedenen Aufsichtsräten zu sitzen, andere zu beraten, einen Anzug zu tragen und fast täglich Geschäftstermine wahrzunehmen. Er liebte seine Arbeit – er sagte immer, sie diene dazu, dass sein Gehirn nicht einroste. Sein Beruf war für ihn Motivation und Antrieb – er machte ihn sehr stolz, auch weil er dadurch in der Lage war, gut für seine Familie zu sorgen. Nach seiner Pensionierung mit dem Arbeiten aufzuhören, war ihm nie in den Sinn gekommen. Ich habe ihn nur selten unsicher oder zweifelnd erlebt, lediglich, als er kurz davor war, in den Ruhestand zu treten – Müßiggang und Untätigkeit stand er extrem misstrauisch gegenüber.

Nach meiner eigenen Erfahrung ist unser ikigai nichts, das wir bewusst erlangen. Es wird uns langsam im Lauf der Zeit offenbart, in den Momenten, die uns helfen, uns selbst kennenzulernen. Es ist nie vollendet und immerfort im Fluss. Wenn man es in der Relation sieht, bin ich noch ziemlich am Anfang meiner Reise, aber ich finde mein ikigai durch meine Arbeit. Ich habe das Glück, mit unheimlich talentierten und inspirierenden Menschen zusammenzuarbeiten, und an Projekten mitzuwirken, die aktiv dazu beitragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sei es dadurch, das Leben der Menschen zu verbessern oder das Leben an sich gerechter zu machen. Für die guten Werke, an denen ich beteiligt bin, lohnt sich sogar der alltägliche Frust – weil das Süße ohne das Bittere nicht so süß ist.

Aber das Glück und die Zufriedenheit, die ich aus der Arbeit ziehe, wären nicht möglich, wenn ich kein Selbstvertrauen hätte. Ich verfüge über Wissen und Erfahrung. Das habe ich mir hart erarbeitet, und es weitergeben zu können, motiviert mich, weiterzumachen, meinem Schaffen einen Sinn zu verleihen. Ich vertraue in meine Fähigkeit, meinen Job gut zu erledigen, sei es im Kontakt mit Kunden oder durch meinen eigenen Blog – und das befriedigt mich ungemein.

Aber das passiert nicht von allein, und Selbstvertrauen ist auch nicht alles. Tatsächlich muss man sehr intensiv in sich gehen, eine Menge Fehlschläge einstecken, vieles hinterfragen und anzweifeln, um dorthin zu gelangen. Vor allem muss man ehrlich zu sich selbst sein und sich und sein Verhalten reflektieren: Was macht Sie glücklich? Was ist Ihnen wichtig? Mit der Zeit die Antworten auf diese Fragen zu finden, kann Ihnen helfen, zu erkennen, was Ihr Antrieb ist. Um Ihr ikigai zu finden, ist auch eine gute Balance notwendig. So viel Freude mir meine Arbeit auch macht, es würde nicht reichen, um mir Kraft zu geben. Eine starke Familienbindung, wunderbare Freundschaften und ein hübsches kleines Zuhause, all das trägt dazu bei, mein ikigai reicher und bedeutungsvoller zu machen. Davon ist mir jedoch nichts einfach so zugeflogen. Alle Beziehungen erfordern große Mühe und eine gute Kommunikation. Sich um die Arbeit und das Heim zu kümmern, erfordert Kompromisse. Und Negativität, Selbstzweifel und schwere Zeiten gehören zum Leben. Doch Ihr ikigai treibt Sie in den düstersten Augenblicken vorwärts. Zu wissen, dass das Negative vorübergehen wird, und jenes Element Ihres Lebens zu finden, das Ihnen zur Zufriedenheit verhilft – darum geht es beim ikigai.

Vor ein paar Jahren durfte ich an einem Kurs für weibliche Führungskräfte teilnehmen, in dem wir unseren Businessplan entwerfen und erklären sollten, wie er unsere Visionen vorantreiben würde. Die Erkenntnis, die ich daraus mitgenommen habe, war, dass sich all unsere Firmen zwar mit der Zeit entwickeln und unterschiedliche Dienstleistungen anbieten würden, sich aber die grundlegende Vision, die uns dorthin brachte und die wir finden wollten, nicht ändern würde. Das blieb wirklich bei mir hängen. Und dasselbe gilt auch für Ihr ikigai: Bloß weil Sie wissen, was Sie antreibt, heißt das nicht, dass Sie in Ihrer Wohlfühlzone bleiben und sich nur darauf konzentrieren sollten. Es ist etwas, zu dem Sie immer wieder zurückkehren können. Sie müssen Herausforderungen annehmen und Ihre Grenzen sprengen. Aber es ist wichtig, ein Ziel und einen Hauptantrieb zu haben. Stellen Sie sich ikigai als Treibstoff für Ihr Auto vor – Sie müssen den Motor zum Laufen bringen.

Wie finde ich mein ikigai?

Es kann gut sein, dass Sie bereits wissen, was Sie glücklich macht – nur war das in Ihrer Vorstellung nicht so etwas Großes wie der »Sinn Ihres Lebens« (was vielleicht ein bisschen unheimlich klingt). Ihr ikigai zu finden, macht Sie als Person aus und setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen. Allzu oft werden wir gezwungen, uns in Schubladen einzuordnen (»Was machen Sie beruflich?« oder die gefürchtete Gesprächseröffnung bei der Dinnerparty: »Und was machen Sie so?«) oder unser gesamtes Wesen und unsere Persönlichkeit auf 140 Zeichen zu kürzen. Das kann zwar manchmal eine ganz lustige Übung sein, aber in der Realität sind wir viel zu komplex dafür. Im Japanischen gibt es eine Redensart: »Zehn Menschen, zehn Farben.« Denn jeder Mensch ist anders. Wir alle geben unterschiedlichen Dingen Priorität, und das eine ist nicht zwangsläufig besser als das andere – so gelangen manche Menschen zum Beispiel durch ihre Kinder zu ihrem ikigai, andere durch ihre Arbeit.

Wenn Sie sich Ihr Leben als Blume vorstellen, ist Ihr ikigai der Mittelpunkt, aus dem die Blütenblätter wachsen, das, was alles zusammenhält. Eins der Blütenblätter ist vielleicht Ihr Beruf, oder Ihre Leidenschaft – vielleicht auch einfach nur das, wovon Sie jeden Monat die Rechnungen bezahlen. Wie beeinflussen diese Aspekte sich gegenseitig? Wie können sie (und damit Sie selbst) wachsen und an Stärke gewinnen? Was können Sie verbessern?

Arbeit

Die japanische Arbeitskultur hat zugegebenermaßen nicht den besten Ruf. Büroangestellte in größeren Unternehmen sind überlastet, die Arbeitszeiten lang, und es mangelt entschieden an einem Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben. Das sind nur einige der Kritikpunkte, die man häufig hört, und karōshi, oder Tod durch Überarbeitung, ist in der japanischen Gesellschaft ein ernstes Problem, das unbedingt angegangen werden muss.

Dennoch entspringt der japanischen Arbeitskultur auch viel Positives, das sich sicher lohnt, im Hinterkopf zu behalten und in Ihren Alltag einzubauen.

Visitenkarten

Als jemand, der im digitalen Bereich arbeitet, gebe ich oft während eines Meetings meine Visitenkarte weiter, begleitet von einem nervösen Lachen und einem kleinen Scherz (entweder »Sehen Sie mal, wie japanisch ich bin!« oder einer Anspielung auf jene Szene aus American Psycho, in der alle ihre Karten miteinander vergleichen).

Meine erste Visitenkarte bestellte ich etwa einen Monat nach meinem Universitätsabschluss – es stand nicht mehr darauf als mein Name, die E-Mail-Adresse und Handynummer.

Es erscheint vielleicht wie ein überholtes kleines Ritual, aber die zahlreichen Chancen, die mir durch das Aushändigen meiner Visitenkarte schon gegeben wurden, haben mich voll und ganz bekehrt.

Anders als eine nach einem Meeting hastig verfasste Dankes-E-Mail, die sofort nach dem Lesen ins Archiv wandert, agiert eine Visitenkarte als physische Erinnerung an die Person, deren Name darauf steht. Ich bin ein echter Fan dieser Gedächtnisstütze.

Arbeitsablauf

Mit kaizen, oder der stetigen Verbesserung, werden wir uns später noch eingehend befassen, lassen Sie mich hier nur so viel sagen, dass viele japanische Firmen großen Fokus auf den Arbeitsablauf und dessen permanente Verbesserung legen. Deswegen werden Angestellte in japanischen Firmen nicht unbedingt mit Lob überschüttet – denn der Job ist nie wirklich erledigt. Es gibt immer noch etwas zu lernen; kleine, fortwährende Verbesserungen, die mit der Zeit umgesetzt werden können.

Sich nach der Arbeit mit Kollegen treffen

Ein weiterer Grund für das Work-Life-Balance-Stigma der japanischen Arbeitskultur ist das Gewicht, das auf nomikai gelegt wird – nach der Arbeit etwas trinken gehen, Karaoke singen und Kontakte mit den Kollegen pflegen. Obwohl ich absolut für eine Work-Life-Balance bin, finde ich, dass es einem viel bringt, sich außerhalb der Arbeit mit den Kollegen zu treffen. Es hilft, die Beziehung zu ihnen zu festigen, etwas mehr darüber herauszufinden, was sie motiviert, und sie einfach mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Nichts bringt so sehr andere Seiten zum Vorschein, die Sie niemals bei einem normalen Kundentermin zu Gesicht bekämen, als mit Ihrem Chef und Ihren Kollegen auf einer Hochzeit zu Madonna zu tanzen.

Otsukaresama – Dankbarkeit für die Arbeit

Am Ende eines langen Arbeitstages oder einer Arbeitswoche, sagen Sie zu Ihrem Kollegen oder Freund vielleicht »otsukaresama!«. Otsukaresama heißt wörtlich übersetzt »Du bist müde«, aber im Kern geht es mehr darum, die harte Arbeit des anderen anzuerkennen und Ihre Wertschätzung und Dankbarkeit dafür zu zeigen: »Du hast so hart gearbeitet und bist nun müde. Ich will, dass du weißt, dass das anerkannt und wertgeschätzt wird.«

Otsukaresama hat für Abendländer seine Tücken, denn jemandem zu sagen, dass er müde ist, könnte missverstanden werden. Bei unseren wöchentlichen Montagmorgen-Meetings tauschen wir stattdessen »snaps« aus: wir rücken kleine Erfolge und gute Arbeit aus der letzten Woche ins Licht. Das ist meistens der beste Teil unserer Meetings und versetzt uns in die richtige Stimmung, um in die Woche zu starten.

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