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Im Schatten der Bräutigamseiche

Nach dem Tod ihrer Großmutter kehrt Johanna Petersen in ihre Heimatstadt Eutin zurück. Obwohl sie sehr an dem alten Haus ihrer Familie hängt, sieht sie keine andere Möglichkeit, als es zu verkaufen. Kurz vor dem entscheidenden Termin will sie ein letztes Mal Abschied nehmen. Von ihrer Großmutter. Von ihrer Kindheit. Aber auch von ihrer Vergangenheit. Als sie aus dem Astloch der uralten Bräutigamseiche einen geheimnisvollen Brief zieht, scheint es, als würde sich ein Kreis schließen. Plötzlich ist sie einem tragischen Geheimnis auf der Spur, das das Schicksal ihrer Familie damals wie heute bestimmen soll.
  • Erscheinungstag: 18.07.2016
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956495595
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Petra Pfänder

Im Schatten der Bräutigamseiche

Roman

PROLOG

1937, Eutin

Die junge Frau presste ihr Kind an die Brust und lief schneller. Ein dumpfes Grollen kündigte das Herannahen eines Unwetters an, und heftige Windböen zerrten an ihrem Mantel. Keine Menschenseele war unterwegs, nichts als das Geschrei der Vögel und das Toben des Windes waren zu hören. Mit eiskalten Fingern zog die junge Frau, fast noch ein Mädchen, die Decke um das Kind an ihrer Brust enger.

Der halbe Mond ließ Himmel und Erde nicht unterscheiden, und sie konnte den Pfad nicht mehr sicher erkennen. Aber sie brauchte kein Licht, sie kannte den Weg. Unzählige Male war sie ihn gelaufen, bei Tag und bei Nacht.

Blitze zuckten grell in kurzen Abständen über das flache Land, begleitet von dröhnenden Donnerschlägen. Jeden Augenblick würde der Himmel seine Schleusen öffnen. Aber nun war es nicht mehr weit.

Vor ihr tauchten im Dunkel bereits die erleuchteten Fenster auf. Bald war sie am Ziel. Eine Sekunde lang wurden ihre Schritte langsamer. Kehr um, schien der heulende Wind zu rufen. Es ist unrecht, kehr um!

Doch sie lief weiter.

1. KAPITEL

Mai 2015, Eutin

Asche zu Asche, Staub zu Staub.“

Johannas Augen füllten sich mit Tränen, als sie die Worte des Priesters hörte. Hinter ihrer Sonnenbrille verborgen, starrte sie auf die Unmengen weißer Rosen und Lilien hinter dem ausgehobenen Grab.

Sie wollte sich auf den Pfarrer stürzen, ihn packen und schütteln, damit er endlich schwieg. Kein weiteres Wort konnte sie mehr ertragen. Ein ganz ungewohntes Gefühl für sie. Seit Jahren hatte sie nichts erschüttert.

Aber er sprach von ihrer Großmutter!

Nonna. Ihre geliebte Nonna. Johanna wollte nicht glauben, dass ihr Körper nur wenige Meter entfernt im Sarg lag. Mit achtundsiebzig war sie zwar nicht mehr jung gewesen, aber Johanna hatte ihren Tod noch lange nicht erwartet. Hatte ihn niemals erwartet. Sie darf nicht tot sein, flehte Johanna still.

Abgesehen von Henning, war Nonna der einzige Mensch auf der Welt, der zu ihr gehörte. Ihre Familie, ihre Vertraute, der Mensch, der mehr an sie glaubte als sie selbst. Sie durfte keine Asche sein, kein Staub. Sie bedeutete Johanna alles. Bei diesem Gedanken konnte sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten.

Mehr als zwölf Jahre war es her, dass sie das letzte Mal geweint hatte. Seitdem hatte sie nie wieder zugelassen, so verzweifelt zu sein. Sie spürte, wie die Tränen hinter den großen dunklen Gläsern über ihre Wangen liefen und von ihrem hoch erhobenen Kinn in den Ausschnitt ihrer Bluse tropften, doch sie wischte sie nicht ab.

Sie würde niemanden sehen lassen, dass sie weinte. Selbst jetzt spürte sie die Blicke der Umstehenden. Offenbar hatte sich halb Eutin hier im typischen norddeutschen Nieselregen versammelt. Kein Wunder. Früher einmal waren die Petersens eine der bedeutendsten Familien im Landkreis gewesen. Allerdings waren diese Zeiten schon vor Johannas Geburt vorbei gewesen.

Manche musterten sie neugierig und abschätzend, wie ihre früheren Mitschülerinnen. Sie sahen sie nicht offen an, ließen sie dabei aber nicht aus den Augen. Wahrscheinlich verglichen sie Johannas teuren Kurzhaarschnitt mit den wilden dunklen Locken, die ihr früher bis zur Taille gefallen waren, ihr maßgeschneidertes schwarzes Kostüm mit den zerrissenen Jeans und den alten T-Shirts. Andere blickten vorwurfsvoll oder feindselig, bestimmt, weil sie ihre Großmutter in den Jahren seit ihrer Abreise nie besucht hatte. Vielleicht bildete sie sich das aber auch nur ein, weil sie sich selbst Vorwürfe machte.

Wie konnte Nonna sterben, ohne dass ich auch nur das Geringste geahnt habe? dachte sie zum tausendsten Mal.

Johanna schaffte es, aufrecht zum Grab zu gehen und eine weiße Rose auf den Sarg zu werfen, dann war es endlich vorbei. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre weggelaufen. Stattdessen stand sie neben dem Pfarrer und schüttelte Hände von Leuten, die schon früher kein freundliches Wort für sie übrig gehabt hatten.

Die Trauergäste strömten an ihr vorbei. Ernst und unbeholfen drückte einer nach dem anderen ihre Hand und murmelte seine Beileidsbekundung. Frau Bertram, die alte Geschichtslehrerin, Herr Schulte, der Englischlehrer. Sie betrachteten Johanna so missbilligend wie früher, wenn sie wieder einmal keine Hausaufgaben vorzeigen konnte. Die Hinrichsens, denen der benachbarte Hof gehörte, waren zusammen mit einem jungen Mädchen gekommen, vermutlich ihre Tochter. Damals war sie noch ein Baby gewesen. Herr Benzlau, der Anwalt.

Aber die meisten Leute konnte Johanna nicht einordnen. Viele weißlockige Frauen in altmodischen Mänteln und flachen Schuhen. Nonnas Freundinnen? fragte sich Johanna. Sie stellte erschüttert fest, wie wenig sie vom Leben ihrer Großmutter wusste. Dabei hatten sie mindestens einmal in der Woche telefoniert, und alle paar Monate war Nonna für einige Tage zu Besuch nach Hamburg gekommen. Aber wenn Johanna jetzt darüber nachdachte, hatte sie vor allem von sich selbst erzählt.

„Mein herzliches Beileid, Johanna.“ Ein breitkrempiger Hut verdeckte das halbe Gesicht, aber die dunkle Stimme hätte Johanna überall wiedererkannt. Lisa von Starck.

Johanna war überrascht über die Heftigkeit der Wut, die in ihr aufflammte. Damals waren sie gerade achtzehn gewesen, sie hätte erwartet, dass die alten Feindseligkeiten längst vergangen waren. Am liebsten hätte sie die kühle, schmale Hand weggestoßen.

„Danke“, murmelte sie stattdessen.

„Es tut mir ja so leid, Johanna.“ Lisa hatte offenbar nicht vor, so schnell weiterzugehen.

Wie schon früher, wirkte sie auf den ersten Blick atemberaubend, aber das hatte sie vor allem Kleidung und Make-up zu verdanken. Auch heute war sie perfekt zurechtgemacht, bis zu den Spitzen ihrer perfekt manikürten und lackierten Fingernägel.

Ihr Mund war blutrot geschminkt, der schlichte schwarze Mantel und die hochhackigen Schuhe wirkten nicht wie Trauerkleidung, sondern als wäre sie auf dem Weg ins Theater. Ein großer Diamant glänzte über einem goldenen Ring an ihrem Finger. Unwillkürlich glitt Johannas Blick zu dem Mann an ihrer Seite. Ein Fremder. Nicht Jan. Eine Sekunde lang war sie erleichtert, und sie verfluchte sich dafür.

„Wir haben für deine Großmutter getan, was wir konnten“, sagte Lisa und umfasste mit beiden Händen Johannas Hand. Johanna straffte sich. Lisa ließ ihre Hand wieder los. „Aber wir konnten ihr natürlich nur begrenzt helfen, sie war immer so stolz, aber das muss ich dir ja nicht sagen. Du kennst sie schließlich am besten, nicht wahr? Ich bin sicher, du hast selbst alles versucht. Von Hamburg aus.“

Helfen? Wovon zum Teufel redete sie? Aber Johanna hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als sie zu fragen.

Der dunkelhaarige Mann neben Lisa reichte Johanna die Hand. „Mein herzliches Beileid“, sagte er, dann legte er Lisa den Arm um die Schulter und schob sie weiter.

Johanna warf dem Pfarrer einen fragenden Blick zu. „War meine Großmutter denn schon länger krank? Sie hat mir nie etwas erzählt, und der Arzt sagte mir, das Aneurysma wäre ganz überraschend gekommen.“

Pastor Neuberger räusperte sich. „Nein, sie war nicht krank.“

„Sind Sie sicher?“ Sie schüttelte abwesend eine Hand nach der anderen und nickte zu den Beileidsworten.

„Ja, ich habe sie oft besucht.“

„Aber warum … was hat Lisa damit gemeint, dass sie Hilfe gebraucht hätte?“

„Nun ja … Ihre Großmutter war eine stolze Frau, niemand, der sich gern helfen ließ.“

„Wieso denn Hilfe …?“ Johanna brach ab, als sie über die Köpfe der Trauergäste hinweg einen blonden Kopf sah.

Sie musste ein Geräusch ausgestoßen haben, denn der Pfarrer wandte sich ihr zu. Er betrachtete sie besorgt, dann umfasste er stützend ihren Ellbogen.

„Es geht schon, danke“, murmelte Johanna und machte sich los. Als sie wieder aufschaute, war der blonde Mann nicht mehr zu sehen. Aber sie war sicher, dass sie sich nicht geirrt hatte.

Jan. In der Kirche und während der Beisetzung hatte sie ihn nicht entdeckt. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie nach ihm Ausschau gehalten hatte.

Er war zur Beerdigung gekommen. Er hatte ihr kein Beileid bekundet.

Sie bemerkte, dass Pastor Neuberger sie wieder besorgt anschaute, und nickte ihm beruhigend zu. Endlich hatte sie auch dem letzten Trauergast die Hand gedrückt, und der Pfarrer reichte ihr zum Abschied die Hand. Die andere legte er auf Johannas Schulter. „Charlotte wird uns sehr fehlen.“

Das würde sie. Vor allem Johanna. Sie schluckte. „Ich danke Ihnen, Pastor Neuberger.“ Der Pfarrer und ihre Großmutter waren Freunde gewesen. Auch er würde sie vermissen.

„Wenn Sie mit jemandem reden möchten, über Ihre Großmutter … oder wenn Sie einfach nur Trost brauchen … rufen Sie mich an. Oder kommen Sie einfach vorbei. Und ich würde mich freuen, Sie in der Messe zu sehen.“

„Vielen Dank, aber ich werde nicht lange in Eutin bleiben, höchstens ein oder zwei Tage.“ Johanna lächelte noch einmal, dann zog sie ihre Hand zurück und wandte sich ab. Als sie den Parkplatz erreichte, waren die Trauergäste zu ihrer Erleichterung bereits gefahren. Erst jetzt kam ihr der Gedanke, ob die Großmutter sich vielleicht eine anschließende Trauerfeier gewünscht hätte. Aber Johanna hätte nicht einmal gewusst, wen sie einladen sollte.

Immer noch nieselte es, und der mit dunklen Wolken bedeckte Himmel erweckte den Eindruck, dass es schon spät am Abend wäre, dabei war es kaum zwei Uhr mittags. Als Johanna ihren BMW startete, schlug sie ohne nachzudenken den Weg vom evangelischen Friedhof zur Plöner Straße ein.

Viel zu vertraut, dachte sie und versuchte das unbehagliche Gefühl in ihrem Magen zu unterdrücken. Wahrscheinlich hatte sie einfach nur Hunger. Vor ihrer Abfahrt aus Hamburg heute Morgen hatte sie nur eine Tasse Kaffee herunterbekommen.

Leichter Nebel lag über den Wiesen und Feldern, als sie Eutin verließ. Johanna fuhr auf die B76 und wollte gerade das Gaspedal durchtreten, als vor ihr ein Trecker aus einem Feldweg auf die Straße bog und mit zwanzig Stundenkilometern vor ihr blieb.

Sie seufzte. Sie war nicht in der Stimmung, gemütlich über die Straße zu schleichen und die Gegend zu bewundern. Während sie die Landschaft betrachtete, stiegen seit Jahren vergessen geglaubte Gefühle in ihr auf. Aber sie wollte sich nicht erinnern, sie wollte das Ganze einfach nur hinter sich bringen und wieder nach Hamburg fahren, zurück zu ihrem schönen, geordneten Leben.

Sie sehnte sich nach Henning. Zu schade, dass er sie nicht hatte begleiten können. Seine Nähe hätte ihr Kraft gegeben.

Unsinn, ich brauche keinen, ich schaffe es auch allein, dachte sie, trat das Gaspedal durch und überholte den ausladenden Trecker. Zwölf Jahre lang hatte sie ihr Leben wunderbar allein gemeistert.

Nach ihrem Weggang aus Eutin hatte sie in Hamburg Jura studiert, aber schon nach zwei Semestern war ihr klar geworden, dass es bei ihrer späteren Arbeit nicht um Gerechtigkeit gehen würde, sondern vor allem um die trockene Auslegung von Gesetzestexten. Als sich nach dem Abschluss ihres Studiums zufällig die Gelegenheit zu einer Urlaubsvertretung bei einem Immobilienmakler ergab, hatte sie ohne zu zögern zugesagt. Dabei stellte sie fest, dass sie ein Talent für Immobilien besaß.

Sie liebte es, alte Häuser aufzuspüren und zu renovieren. Dabei ging es ihr vor allem darum, den Charakter eines Hauses zu erhalten, auch wenn sie wochenlang nach der perfekten Armatur oder den passenden Bodenfliesen suchen musste. Ihr sicheres Stilgefühl und die Qualität ihrer Arbeit sprachen sich schnell herum. Schon bald eröffnete sie ein eigenes Immobilienbüro in Hamburg, und mittlerweile besaß sie eine ansehnliche Kundenkartei.

Vor zwei Jahren hatte der aufstrebende Lokalpolitiker Henning Seeger Johanna engagiert, um ein Haus in Hamburg für ihn zu suchen. Sie fand nicht nur das passende Haus für ihn, sondern auch die Liebe. Als er sie vor sechs Monaten gefragt hatte, ob sie seine Frau werden wollte, sagte sie aus ganzem Herzen Ja. Und sie hatte es noch keinen Tag bereut. Vor einigen Wochen war Johanna zu Henning in seine Villa gezogen, und sie kamen wunderbar miteinander zurecht.

Wie als Antwort auf ihre Gedanken klingelte jetzt ihr Handy mit der Melodie, die sie für Henning reserviert hatte. Johanna schaltete die Freisprechanlage ein. „Ich habe gerade an dich gedacht.“

„Wie war die Beerdigung, Liebling?“

Johanna holte Luft. „Es kommt mir immer noch ganz unwirklich vor. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Nonna mir nicht gleich die Tür öffnet und mich …“ Sie brach ab und biss sich auf die Lippen.

„Ich hätte mit dir kommen sollen.“ Sie spürte sein schlechtes Gewissen.

„Es geht mir gut, Henning.“ Johanna räusperte sich. „Und du kannst deine Termine nicht verschieben.“

„Aber du solltest jetzt nicht allein sein. Warst du schon auf dem Hof?“

„Nein, heute Morgen war es dafür zu spät. Vor der Beerdigung war ich noch beim Anwalt und habe die Formalitäten wegen der Erbschaft geregelt. Aber ich bin jetzt auf dem Weg dorthin.“

„Was hältst du davon, wenn du stattdessen zurück nach Hamburg kommst? Wir können dann am Wochenende gemeinsam nach Eutin fahren und alles regeln. Ich würde das Haus sehen, in dem du aufgewachsen bist, und du könntest mir die Lieblingsplätze deiner Kindheit zeigen.“

Bei dem Gedanken schnürte sich Johannas Kehle zu. Henning war ihre Zukunft. Ihre Gegenwart. Er gehörte nicht hierher. „Das ist lieb von dir, Henning, aber ich möchte es einfach nur hinter mich bringen. Ich werde mir das Haus anschauen und ein paar Fotos machen. Ein Objekt wie dieses kommt nicht oft auf den Markt, und ich habe einige Kunden in meiner Kartei, die schon lange nach etwas Ähnlichem suchen. Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, werde ich heute Abend arbeiten.“

„Es tut mir so leid, dass ich nicht bei dir bin.“

„Es geht mir gut, wirklich“, versicherte sie ihm noch einmal.

„Lügnerin. Versprich mir, dass du mich anrufst, wenn dir die Decke auf den Kopf fällt. Dann bin ich in einer Stunde bei dir.“

„Freitagabend findet die Preisverleihung eurer Stiftung statt, und bald steht die Senatswahl an. Du kannst nirgendwohin fahren.“ Johanna lächelte. „Aber du bist ein Schatz. Ich liebe dich, Henning.“

„Ich liebe dich auch, pass auf dich auf.“

Nachdem sie die Verbindung beendet hatte, verweilte das Lächeln noch einen Moment auf ihren Lippen, doch schon bald wurde sie wieder ernst. Mit jedem Meter, den sie durch das Flickwerk grüner Wiesen und Felder fuhr, wurden mehr Erinnerungen wach.

Sie öffnete das Fenster, und ein kräftiger Wind blies ins Auto. Die Luft roch herrlich salzig. Johanna atmete tief ein, während Bilder von früher vor ihr aufstiegen. Hastig schloss sie das Fenster wieder, doch so leicht ließen sich die Erinnerungen nicht aussperren.

Sie glaubte Jans Lachen zu hören, als sie zum ersten Mal auf seinem neuen Motorroller mitgefahren war. Sie hatte sich an seinen Rücken geklammert, fest an seine weiche Lederjacke geschmiegt, während er Gas gab und alles aus der knatternden Vespa herausholte. Sie konnte wieder den Duft des Leders riechen, Jans Wärme unter ihren Händen spüren.

Jan. Ich liebe dich, für immer.

Stattdessen hatte er ihr Herz gebrochen.

Plötzliches Hupen machte Johanna unsanft darauf aufmerksam, dass sie zu weit auf die andere Straßenseite geraten war. Im letzten Moment wich der Fahrer des entgegenkommenden Wagens auf den Randstreifen aus. Noch einmal hupte er ausgiebig und zeigte Johanna wild gestikulierend einen Vogel. Ihr Herz raste, als sie entsetzt in den Rückspiegel starrte und ihm nachschaute, wie er sich entfernte. Sie drehte das Radio laut auf und fuhr langsam weiter.

Das musste aufhören! Sie holte tief Luft und nahm sich vor, jeden Gedanken an Jan zu verbannen. Es war wirklich zu albern. Mittlerweile waren mehr als zwölf Jahre vergangen. Damals war sie ein Teenager gewesen und Jan nicht mehr als eine Jugendliebe. Eine Erinnerung. Das Leben, ihr Leben, war weitergegangen. Sie hatte mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen. Oder etwa nicht?

Es musste daran liegen, dass alles zusammenkam. Der unerwartete Tod ihrer Großmutter, die Beerdigung, die Begegnung mit alten Bekannten, der erste Besuch seit langer Zeit in der alten Heimat. Und jetzt war sie auf dem Weg zum Gut, nach Hause.

Zum ersten Mal, seit sie denken konnte, würde Nonna dort nicht auf sie warten. Nie wieder. Bei der Vorstellung, allein durch das stille Haus zu laufen, krampfte sich Johannas Magen zusammen. Sie ließ das Fenster noch einmal hinunter. Die feuchte Luft blies ihr kalt ins Gesicht, und sie konnte wieder atmen.

Jetzt hatte sie den Dodauer Forst erreicht. Rechter Hand schimmerte die trügerisch ruhige schwarze Oberfläche des Dodauer Sees. Die Bräutigamseiche, ging es Johanna durch den Kopf. Schluss damit! Sie schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben.

Sie kannte jeden einzelnen Pfad, der sich durch das Wäldchen zog, kannte alle weit verstreuten Bauernhöfe in der Gegend, alle Weiden und Felder. Die versteckte kleine Bucht am Dodauer See, in die sich selbst im Hochsommer kaum jemand verirrte. Das eisige Wasser auf der heißen Haut.

Gedämpft durch den Nebel wehten Fetzen von Glockengeläut über die Felder und holten Johanna aus ihren Erinnerungen. Endlich hatte sie den Weg erreicht, der zum Gut führte. Sie bog auf die schmale Straße ab und wich einem Schlagloch aus.

Jetzt konnte sie rechts schon den Hof der Hinrichsens sehen, Nonnas nächsten Nachbarn. Johannas Herz schlug schneller. Sie freute sich schon auf den Augenblick, wenn das Gutshaus in wenigen Minuten zwischen den Linden auftauchen würde. Malerisch wie eine Postkarte lag es auf einer sanften Anhöhe am Ufer eines kleinen Sees. Niemand wusste, woher der stolze Name Schwanensee stammte. Keiner hatte hier je einen Schwan gesehen, aber dafür nistete in jedem Jahr ein Seeadlerpärchen in den alten Linden am Ufer.

Johanna musste sich energisch ins Gedächtnis zurückrufen, dass die Großmutter nicht da sein würde, wenn sie auf den Hof fuhr. Sie würde nicht die Tür öffnen, groß und anmutig, mit ihren aufgesteckten weißen Locken, bei denen sich immer ein paar vorwitzige Strähnen aus dem Knoten lösten. Sie würde nicht eins ihrer langen Blumenkleider tragen und ihr fröhlich zuwinken.

Bei dem Gedanken wurde sie traurig, doch ein Rest ihrer Freude blieb – das Gefühl, nach Hause zu kommen. Sie hatte nicht gewusst, wie sehr ihr Herz an dem Land hing. Vielleicht genetisch bedingt, dachte sie ironisch.

Seit dem fünfzehnten Jahrhundert war das gesamte Land im Umkreis im Besitz der Petersens gewesen, mit dem Wald und weiten landwirtschaftlichen Flächen und Höfen, die den Gutshof umgaben. Johannas Urgroßvater hatte den landwirtschaftlichen Betrieb modernisiert und auf die neueste Technik umgestellt. Dosenmilch aus der gutseigenen Meierei wurde damals sogar bis nach Afrika exportiert.

Erst Johannas Vater hatte durch unkluge Spekulationen das gesamte Familienvermögen verloren. Jedenfalls das, was er nicht schon vorher am Spieltisch durchgebracht hatte. Mit dem Verkauf der Ländereien konnten gerade seine Schulden gedeckt werden. Nur das Gutshaus war ihnen noch geblieben. Johanna war damals zu klein gewesen, um etwas von dem Skandal mitzubekommen.

Aber sie konnte sich genau an den Tag erinnern, als die Polizei auf ihren Hof gefahren war. Sie sah noch das blasse Gesicht ihrer Großmutter vor sich.

Erst Jahre später hatte Johanna von ihr die ganze Wahrheit erfahren. Auf dem Rückweg von Hamburg hatte ihr Vater die Kontrolle über seinen Sportwagen verloren. Er war auf die Gegenfahrbahn geraten und frontal gegen einen entgegenkommenden Lastwagen geprallt. Der Lkw-Fahrer war mit dem Schrecken davongekommen, doch Johannas Eltern starben noch am Unfallort.

Doch damals hatte Nonna sie nur auf dem Schoß gewiegt und ihr erzählt, dass die Eltern nicht wiederkommen würden. Sie hatte Johanna gehalten, bis ihre Tränen versiegt waren. „Ich bleibe bei dir, mein Liebling, ich lasse dich nicht allein.“

Und sie hatte ihr Wort gehalten. Bis heute. Jetzt war sie für immer gegangen, und Johanna fühlte sich so allein wie noch nie in ihrem Leben.

Sie zuckte zusammen, als der BMW in einem Schlagloch landete und unsanft aufsetzte. War die Straße schon früher in so einem schlechten Zustand gewesen?

Vorsichtig fuhr sie weiter. Bald ging die schmale Landstraße in eine Allee aus Linden über. Johanna sah sich verwundert um. Abgerissene Zweige und Blätter bedeckten den Boden. Eine Linde war umgestürzt, vielleicht von einem Blitz getroffen. Der Stamm versperrte die halbe Fahrbahn. Langsam steuerte sie um den Baum herum und fuhr weiter, bis sie das schmiedeeiserne Tor erreichte. Es stand zur Hälfte offen, einer der Flügel hing schief in den Angeln.

Johannas Herz setzte einen Schlag aus, als sie das Gutshaus zwischen den Stämmen der Linden entdeckte. Eingerahmt von den Bäumen, sah es aus wie ein sepiafarbenes Bild aus den Anfängen der Fotografie.

Aus rotem Backstein erbaut und mit dem hohen giebelgekrönten Mittelteil und den beiden einstöckigen Seitenflügeln wies es die typische symmetrische Holsteiner Bauweise auf. Eine weit ausladende Steintreppe führte hinauf zu einem Eingang mit einer schweren Doppelflügeltür aus Eichenholz. Zur Linken des Gutshauses lag ein reetgedecktes Wirtschaftsgebäude, das zu Johannas Zeiten als Garage und Pferdestall genutzt worden war.

Sie starrte das Reetdach des Stalls an. Unter dem dicken grünen Moos war kaum noch Stroh zu erkennen. Johanna parkte den BMW vor der Treppe neben einigen verwilderten Rosenbüschen und stieg aus. Unter ihren Füßen knirschte der mit Unkraut durchsetzte Kies. Der Geruch von Feuchtigkeit und moderndem Laub stieg ihr in die Nase.

Fassungslos blickte sie sich um. Alle Beete vor dem Haus waren zugewuchert. Die früher so sorgsam beschnittenen Rosenbüsche hatten sich zu einem undurchdringlichen Dickicht verschlungen und sahen aus, als hätten sie schon seit Jahren keine Blüten mehr getragen.

Von den Fensterrahmen blätterte der Lack, die hohen Sprossenfenster waren blind vor Schmutz. Im ersten Stock fehlte eine kleine Scheibe, und es sah aus, als wäre von innen ein Stück Holz davorgenagelt worden.

Über die Fassade wucherte Efeu, die Fenster im obersten Stockwerk waren nur Vertiefungen in dem dichten Grün. Die alte Linde neben dem Haus reichte bis an das Dach – auf dem mehrere Ziegel fehlten. Johanna erschauerte. Sie konnte nicht sagen, ob der Regen oder die Trostlosigkeit des Hauses sie zittern ließ.

Was war hier passiert? Das ganze Anwesen wirkte, als wäre es seit Jahren unbewohnt. Johanna zog den Schlüssel aus der Tasche und spürte, wie eiskalt und klamm ihre Hände waren. Als sie Halt suchend das eiserne Treppengeländer packte, knirschte Rost unter ihren Fingern.

Sie schloss die Augen und holte tief Luft, dann schob sie die Tür auf. Beim Eintreten schlug ihr Kälte entgegen. Das Licht bahnte sich nur mühsam seinen Weg durch die blinden Fenster, und die Kälte des regnerischen Tages schien sich hier noch hartnäckiger zu halten als draußen. Es roch nach feuchtem Putz und kalten Steinfliesen, doch darunter lag Nonnas vertrauter Lavendelduft. Tränen liefen über Johannas Gesicht, aber sie machte sich nicht die Mühe, sie abzuwischen.

Wieso hatte ihre Großmutter nie ein Wort darüber verloren?

Warum habe ich nie gefragt?

Ihr hätte klar sein müssen, dass die Großmutter das Anwesen nicht allein instand halten konnte. Als Johanna noch hier gelebt hatte, hatte Nonna sich selbst um den Garten gekümmert. Johanna hatte die beiden Pferde versorgt, und ein junger Mann hielt die Grünanlagen in Ordnung. Dreimal in der Woche kam eine Frau aus dem Ort und half Nonna im Haus. Johanna war ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass es dabei geblieben war. Doch um dieses Haus hatte sich schon seit langer Zeit niemand mehr gekümmert.

Der Teppich in der Diele war so fadenscheinig und abgewetzt, dass die ursprünglichen Muster und Farben nicht mehr zu erkennen waren. Johanna drehte den Lichtschalter, was nur einen kümmerlichen runden Lichtkegel auf dem Boden zur Folge hatte. Sie blickte nach oben – eine Glühbirne baumelte in der nackten Fassung von der Decke. Wo war der riesige Kristallleuchter geblieben?

Einmal im Jahr war er früher poliert worden, immer pünktlich zur Weihnachtszeit. Mit Eimer und Tüchern bewaffnet, war Nonna dann auf eine Leiter gestiegen, und den halben Tag lang hatte das helle Klirren der Kristalltropfen in der Luft gelegen.

Jetzt war es unglaublich still. Selbst wenn Johanna früher allein im Haus gewesen war, war es nie so still gewesen. Der ausgebrannte Kamin verströmte Kälte. Wo einmal das Porträt ihrer Urgroßmutter gehangen hatte, war nur ein helles Rechteck auf der Wand geblieben. Plötzlich wusste sie, was aus dem Kronleuchter geworden war.

Nonna musste die wertvollsten Stücke verkauft haben.

Wir haben für deine Großmutter getan, was wir konnten.

Jetzt begriff Johanna, wovon Lisa geredet hatte. Und nein, Johanna hatte nicht alles getan, was sie konnte, um zu helfen. Sie hatte behaglich in Hamburg gelebt und nicht einmal geahnt, mit welchen Problemen ihre Großmutter kämpfte. Sie hatten nie über Geld geredet. Nonna schien nie etwas zu brauchen.

Wie einfach hatte sie es sich gemacht. Johanna stöhnte auf. Wäre sie doch nur ein einziges Mal zurück nach Eutin gekommen!

Ihr Blick fiel auf einen Strauß weißer Margeriten und pinkfarbener Gerbera in einer Vase neben der Tür. Sie ließen die Köpfe hängen, einige Blütenblätter lagen auf dem Boden. Seltsamerweise berührten die Blumen sie tiefer als die abblätternden Tapeten und die Spinnweben in den Ecken. Nonna hatte nicht aufgegeben. Sie hatte sich bemüht, dem Haus noch einen Hauch Gemütlichkeit zu verleihen.

Johanna fürchtete sich davor, was sie in den anderen Zimmern erwartete. Statt weiter unten durch das Haus zu gehen, stieg sie direkt die Treppe hinauf zum Obergeschoss. Die Stufen unter ihren Füßen knarrten noch lauter als früher. Vielleicht war es auch nur stiller im Haus.

Generationen von Petersens waren diese Treppe hinaufgestiegen, und ihre Hände hatten das Geländer poliert. Doch jetzt lag Staub auf dem glatten Holz. Fünf Türen gingen vom obersten Flur ab. Eine davon war leuchtend blau gestrichen. Johanna legte die Hand auf die Klinke und öffnete nach kurzem Zögern die Tür.

Abgestandene Luft schlug ihr entgegen. Die Regenwolken hatten sich inzwischen verzogen und einen weiten blauen Himmel zurückgelassen. Doch die Sonne kämpfte sich nur mühsam durch den wilden Wein ins Zimmer und tauchte es in sanftes grünes Licht.

Ein dicker, abgenutzter Orientteppich dämpfte Johannas Schritte, als sie eintrat. Im Vergleich zum restlichen Haus wirkte der Raum behaglich. Bis auf einen hohen, verglasten Bücherschrank und ein ausladendes dunkelblaues Samtsofa mit bunten Kissen war er leer.

Johanna wusste, dass ihre Großmutter meist hier auf dem Sofa gesessen hatte, wenn sie miteinander telefonierten. Hierher zog sie sich zurück, um in ihren Kochbüchern zu stöbern oder ihre Rezepte aufzuschreiben. Nonna hatte diesen Raum geliebt.

Hier hatte Johanna den Anruf bekommen, der ihre Träume zerschlagen hatte, gerade als sie am glücklichsten gewesen war. Auf diesem Sofa hatte sie der Großmutter erzählt, dass sie gehen musste, weg von Eutin. Weg von Jan. Vor Schluchzen konnte sie kaum einen zusammenhängenden Satz herausbekommen. Nonna hatte ihr geholfen, die Tasche zu packen. Am nächsten Tag fuhr sie ihre Enkelin mit ihrem uralten Geländewagen nach Hamburg und half ihr, ein Zimmer zu finden.

Johanna atmete tief ein und aus. Die Luft duftete noch immer schwach nach Nonnas Lavendelparfum. Doch sie war für immer gegangen. Und bei diesem Gedanken kamen erneut die Tränen. Diesmal nicht nur ein paar, sondern ein ganzes Tränenmeer. Wenigstens war es nicht am Grab passiert, vor allen Leuten, sondern hier, an dem sichersten Platz, den sie je besessen hatte.

Zum ersten Mal seit zwölf Jahren verließ Johanna ihre eiserne Selbstbeherrschung. Die aufgestaute Trauer entlud sich in bitteren Tränen, und sie hatte nicht die Kraft sie aufzuhalten. Aber das unkontrollierbare Schluchzen brachte keine Erleichterung. Johanna war, als würde es ihren Körper zerreißen. Sie zog eins der dicken weichen Kissen vor die Brust und umklammerte es mit beiden Armen, doch sie fand keinen Halt.

Irgendwann verebbte das Schluchzen. Mit dem Gesicht noch nass von Tränen rollte sie sich auf dem Sofa zusammen und fiel in einen traumlosen Schlaf.

2. KAPITEL

2. April 1935, Brodersby, Schleswig-Holstein

Papa, müssen wir Adrienne denn wirklich verkaufen?“ Emilie Warnecke streckte die Hand aus und streichelte die Nüstern einer braunen Holsteiner Stute. „Jetzt kommt der Frühling, dann bist du bestimmt ganz schnell wieder gesund.“

Papa musste einfach wieder gesund werden. Alles andere war zu schrecklich, um auch nur daran zu denken. Natürlich war er noch schwach, schließlich hatte er eine Lungenentzündung hinter sich. Aber er würde sich bald davon erholen, auch der hartnäckige Husten würde verschwinden. Ganz bestimmt!

Vielleicht hätte sie ihn doch nicht überreden sollen, sie zur Weide zu begleiten. Sie hatte gehofft, die erste milde Frühlingsluft und etwas Bewegung würden ihm guttun. Vom Haus aus waren es kaum hundert Meter bis zur Koppel, aber Papas Atem ging schnell und rasselnd, und auf seiner Stirn perlte Schweiß.

„Es tut mir so leid, Liebes. Ich weiß, wie gern du Adrienne hast.“ Konrad Warnecke stützte sich mit einer Hand auf das Gatter der Pferdeweide, den freien Arm legte er seiner Tochter um die Schultern. „Aber jetzt, wo ich nicht mehr arbeiten kann, brauchen wir das Geld. Außerdem kannst du sie allein nicht halten. Ich habe mit Herrn Jonas gesprochen, aber er ist nicht bereit, dich im Haus wohnen zu lassen, wenn ich erst einmal nicht mehr da bin. Ich habe meiner Schwester geschrieben. Vielleicht wird Maria dich …“

„Nicht!“, fiel Emilie ihm ins Wort. „Sag nicht so etwas, Papa!“

Konrad Warnecke seufzte. „Mein Liebling, ich will dich doch nicht quälen. Aber es hat keinen Sinn, sich etwas vorzumachen. Ich habe erst gestern mit Doktor Maibach gesprochen, und er …“

„Nein, nein, nein! Ich will nichts weiter hören! Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben, Papa! Ich brauche dich doch.“ Emilies Stimme zitterte, und Tränen glänzten in ihren dunklen Augen.

Auch die Stute schien zu merken, wie aufgewühlt ihre Besitzerin war. Sie stupste mit ihrem weichen Maul gegen Emilies Schulter und schnaubte leise. Emilie schlang ihre Arme um den Hals des Pferdes und legte ihr Gesicht gegen den großen Kopf, um ihre Tränen zu verbergen.

So lange sie denken konnte, lebten sie in diesem kleinen Haus. Es gehörte zu Gut Wildenau, und bis vor einigen Monaten war Papa dort Verwalter gewesen. Dann war er erkrankt, und nachdem er einige Monate gewartet hatte, hatte Herr Jonas einen neuen Verwalter engagiert, einen großen, dürren Mann aus der Stadt. Obwohl er gerade erst dreißig geworden war, wurde sein Haar bereits schütter.

Emilie konnte ihn nicht ausstehen, obwohl sie genau wusste, wie ungerecht sie war. Es war schließlich nicht seine Schuld, dass Papa nicht mehr arbeiten konnte – aber musste er ständig bei ihnen vorbeikommen und jedes Mal langsam durch die Räume gehen, als wollte er schon Maß für seine Möbel nehmen?

Es hatte immer nur Papa und sie gegeben. Ihre Mutter hatte Emilie nie kennengelernt, sie war bei ihrer Geburt gestorben. Aber sie hatte nie etwas vermisst. Ihr Vater unterrichtete sie selbst. Sobald sie alt genug war, hatte er ihr Lesen und Rechnen beigebracht, und Emilie verbrachte die Tage mit ihm in seinem Büro, ihre Nase in einem seiner vielen Bücher vergraben. In der freien Zeit ritten sie gemeinsam aus und galoppierten stundenlang über den Ostseestrand. Bei der Haushälterin von Gut Wildenau lernte Emilie kochen, und mit fünfzehn war sie stolz, ganz allein den Haushalt zu führen.

Emilie war glücklich in ihrer kleinen Welt. Ein Leben ohne ihren Vater war unvorstellbar. Sie ließ Adrienne los und fiel ihrem Vater um den Hals. „Du darfst nicht sterben, Papa! Bitte versprich mir, dass du wieder gesund wirst!“

Konrad Warnecke klopfte sanft ihren Rücken. „Ich verspreche dir, dass ich nicht aufgebe. Aber nicht alles im Leben liegt in unserer Hand, mein Liebling“, murmelte er in ihr dunkles Haar.

Das Geräusch von Pferdehufen ließ sie aufblicken. Adrienne wieherte, als sich ein Reiter auf einem weißen Hengst näherte. Emilie hatte ihn noch nie gesehen. Das schwarze Haar und die hochgewachsene, schlanke Gestalt hätte sie nicht vergessen. Sie trocknete ihr Gesicht mit den Handflächen.

Als der Reiter sie erreicht hatte, sprang er vom Pferd. „Herr Warnecke? Mein Name ist Petersen. Ronald Petersen. Ich komme wegen Ihrer Stute.“

Emilies Herz klopfte schneller, als er sich zur Begrüßung über ihre Hand beugte.

„Ein prächtiges Tier“, lobte Ronald, nachdem er einige Minuten lang die Stute beobachtet hatte.

Adrienne war groß und kräftig, dabei besaß sie eine stolze Haltung, eine tiefe, breite Brust, einen schmalen Kopf mit großen, sanften Augen und weite, ausgreifende Gänge.

Mit seiner selbstbewussten Haltung und der eleganten schwarzen Kleidung war der Fremde ganz anders als die Männer hier im Dorf. Emilie war, als würde er einen Hauch große weite Welt mit sich bringen. Wie alt er wohl sein mochte? Auf jeden Fall jünger als der Vater, aber viel älter als sie. Etwa vierzig, schätzte sie. Vielleicht wirkte er aber auch durch seine ernste, selbstbewusste Art älter.

Fasziniert lauschte sie seiner dunklen klangvollen Stimme, als er sich mit ihrem Vater unterhielt, ohne auf die Worte zu hören, die die beiden Männer wechselten. Sie erwachte erst aus ihrer Versunkenheit, als er Anstalten machte, über den Zaun auf die Koppel zu springen.

„Passen Sie auf!“, entfuhr es ihr. „Adrienne ist keine fremden Menschen gewohnt.“

Ronald Petersen lachte nur. „Keine Sorge.“

Geschmeidig schwang er sich über das Gatter und ging langsam zu der Stute, die ihm neugierig entgegensah. Emilie konnte nicht erkennen, ob er zu ihr sprach, aber Adrienne schien ihm zuzuhören. Das Pferd schnupperte vorsichtig an seinem Hals, dann stupste es ihn freundlich an.

Emilie vergaß den Fremden, als ihr Vater zu husten begann. Nur mühsam kam er wieder zu Atem. „Ich gehe besser zum Haus zurück“, keuchte er schließlich.

„Ich komme mit dir, Papa.“ Emilie fasste stützend nach seinem Arm.

„Nein, bleib hier bei Herrn Petersen, falls er Fragen hat. Ich schaffe es allein.“

„Kommt nicht infrage.“ Emilie führte ihren Vater zurück zum Haus und half ihm in sein Zimmer. Schwer atmend ließ er sich auf das Bett sinken. Wieder hustete er in kurzen, trockenen Stößen, die seinen ganzen Körper schüttelten. Er presste ein Taschentuch vor den Mund, und als er es sinken ließ, war das weiße Tuch blutbefleckt.

Jeder rasselnde Atemzug schnitt Emilie ins Herz. Erst als er schließlich die Augen schloss und ruhiger atmete, verließ sie auf Zehenspitzen das Zimmer und ging hinunter.

Draußen auf der Terrasse saß Ronald Petersen. Das Licht der untergehenden Sonne warf goldene Lichter auf sein schwarzes Haar. Mit einer Flasche selbst gemachter Limonade und zwei Gläsern trat Emilie zu ihm hinaus. „Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?“

„Sehr gern, vielen Dank.“ Ronald Petersen lächelte sie an. „Adrienne ist ein wunderbares Tier. Darf ich fragen, warum Sie sie verkaufen wollen?“

Emilie seufzte. Einen Moment lang suchte sie nach einer höflichen, unverbindlichen Antwort. Doch in den Augen des Fremden sah sie nur ehrliches Mitgefühl. Noch nie hatte sie mit jemandem über ihre Sorge um den Vater gesprochen. Plötzlich brach alles aus ihr heraus. Als sie schließlich endete, war es einen Augenblick lang ganz still.

Emilie schoss das Blut in die Wangen. „Oh mein Gott! Bitte entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht belästigen …“

Ronald Petersen räusperte sich. „Das haben Sie nicht. Ich … es tut mir so leid. Ich hatte ja keine Ahnung. Jetzt kommt es mir vor, als würde ich Ihnen Ihr Pferd wegnehmen. Als wäre es nicht schon schwer genug für Sie.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß, dass ich Adrienne nicht behalten kann, und wenn ich sie schon abgeben muss, bin ich froh, wenn sie zu jemandem kommt, der sie gernhat.“

„Bei mir wird es ihr gut gehen, das verspreche ich Ihnen“, sagte Ronald Petersen ernst. Er stand auf. „Heute ist es zu spät für den Rückweg nach Eutin. Ich werde im Gasthaus im Dorf übernachten. Darf ich morgen früh wieder vorbeikommen? Vielleicht … vielleicht könnten wir zusammen ausreiten.“

„Ich würde mich freuen.“

Mai 2015, Eutin

Johanna wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Zwei Stunden? Zwei Minuten? Sie fror, und ihr Arm war eingeschlafen. Als der Wind durch die Ranken vor dem Fenster strich, wiegten sich die Schatten auf den Dielen wie Seegras in der Meeresströmung.

Johanna strich sich die Haare aus dem Gesicht und stand auf. Sofort drehte sich der Raum um sie. Ihr fiel ein, dass sie heute noch nichts gegessen hatte, aber bei dem Gedanken, in Nonnas Küche nach etwas Essbarem zu suchen, verspürte sie Übelkeit.

Sie stieg die Treppe hinunter und dachte an die Sonntage in der Küche ihrer Großmutter. Während ein Kuchen im Ofen buk, tanzten sie zur Musik der Beatles durch die Küche, und wenn sie den Kuchen schließlich anschnitten, fühlte Johanna sich wie im Himmel.

In ihrer Küche hatte Nonna die meiste Zeit verbracht. Sie war eine großartige Köchin gewesen. Bei der Erinnerung an ihre köstlichen Gerichte lief Johanna das Wasser im Mund zusammen. Blätterteig, außen knusprig, innen weich und buttrig, mit Johannisbeeren oder Zwetschgen. Und Königskuchen, mit Hefe und Zitronat und Rosinen. Johanna versuchte erfolglos, sich an die anderen Zutaten zu erinnern.

Ihre Großmutter liebte es, zu experimentieren, und Johanna liebte es, die Ergebnisse zu kosten. In der Küche schienen Nonnas lange, schlanke Finger einer Zauberkünstlerin zu gehören, wenn sie geschickt Gemüse hackte oder Pasteten formte.

Die Rezepte hatte sie in ledergebundene Notizhefte geschrieben. Johanna erinnerte sich daran, wie die Großmutter die Einträge immer mit fröhlichen Zeichnungen der Zutaten versehen hatte, pralle orangefarbene Kürbisse, Eier mit einem kleinen Küken, das oben herausschaute, eine Kuh mit einem Milcheimer darunter oder Tüten, aus denen das Mehl quoll. Manche Rezepte kamen sogar ganz ohne Text aus. Als Kind hatte Johanna in den Büchern geblättert wie in einem Bilderbuch.

Sie nahm sich vor, nach den Heften zu suchen, bevor sie zurückfuhr, und sie mit nach Hamburg zu nehmen. Vielleicht würde sie sogar selbst wieder backen. Sie stellte sich Hennings Gesicht vor, wenn er sie in der Küche überraschte. Mehr als ein paar Eier hatte sie für ihn noch nicht gekocht. Meist gingen sie essen, und wenn sie abends einmal zu Hause blieben, bestellten sie etwas beim Japaner.

Johannas Magen knurrte. Unschlüssig stand sie im kalten Flur und sah sich um. Das Haus hatte sich verändert, nicht nur äußerlich. Es fühlte sich fremd an. Leer. Ganz anders als früher. Selbst als Johanna und ihre Großmutter hier nur zu zweit gewohnt hatten, war das Haus immer voller Leben gewesen. Doch jetzt fühlte es sich ganz still an. Einsam. Aber vielleicht fühlte sich auch nur Johanna einsam.

Ich hätte Hennings Vorschlag annehmen und heute Abend zurück nach Hamburg fahren sollen, dachte sie. Bei dem Gedanken, Fotos von dem Haus aufzunehmen und ihren Kunden zu zeigen, musste sie fast lachen. Die Leute suchten schlüsselfertige Objekte, am besten frisch renoviert und fix und fertig eingerichtet. Kein Projekt, keine Baustelle.

In den vergangenen Jahren hatte Johanna genug heruntergekommene Häuser aufgekauft und renoviert. Sie wusste genau, wie viel Arbeit und Kapital nötig waren, um ein Anwesen wie Gut Petersen wieder zum Leben zu erwecken. In diesem Zustand war das Haus unverkäuflich. Investoren würden sich darum reißen, aber von denen konnte sie nur ein Taschengeld für das Haus erwarten.

Johanna griff nach ihrer Tasche und öffnete die Haustür. Die Sonne stand noch hoch an diesem Nachmittag. Der Himmel war weit und hell. Jetzt kam der Sommer, die Zeit der kurzen hellen Nächte, die Johanna schon immer geliebt hatte. Die Wintertage waren hier im Norden dunkel und kurz, doch im Sommer schienen die Tage in der Holsteinischen Schweiz kein Ende zu nehmen.

Johanna sah auf die Uhr. Zehn nach fünf, noch nicht zu spät, um nach Hamburg zu fahren. Je nach Verkehrslage konnte sie in einer guten Stunde zurück sein.

Sie sah sich noch einmal um, dann trat sie hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Das Geräusch klang endgültig.

Wenn sie jetzt ging, war es für immer. Plötzlich konnte Johanna den Gedanken nicht ertragen. Seit Jahrhunderten hatte in diesem Haus ihre Familie gelebt. Sie wusste nicht einmal, wie viele Generationen. Sie hatten Hochzeiten gefeiert, Kinder gezeugt, geboren, verloren. Junge Frauen waren in ihren Hochzeitskleidern in das Haus gekommen und hatten es im Sarg wieder verlassen, Kinder waren lachend durch die Diele getobt. Eigentlich war ich nur hier wirklich glücklich, zuckte es ihr durch den Kopf.

Auf Gut Petersen hatte sie alles gehabt, was sie brauchte, das war an erster Stelle ihre Großmutter. Dann die Pferde. Und Jan. Nichts davon war geblieben, selbst das Haus verwitterte langsam zu einer Ruine.

Johanna holte den Autoschlüssel aus der Tasche, dann drehte sie sich noch einmal zum Haus um.

Während sie unschlüssig auf ihrer Lippe kaute, fuhr ein verbeulter weißer Geländewagen auf den Hof und hupte einmal kurz zur Begrüßung. Das Auto kam ihr vage bekannt vor. Sie versuchte, durch die Windschutzscheibe zu spähen, konnte den Fahrer aber nicht erkennen.

Die großen Reifen knirschten, als der Wagen neben ihr zum Stehen kam. Bauer Hinrichsen vom Nachbarhof stieg aus. Den Beerdigungsanzug hatte er gegen braune Cordhosen, ein kariertes Flanellhemd und Gummistiefel getauscht.

Sie hätte ihn kaum wiedererkannt. Damals war er ein Bild von einem Mann gewesen, knapp zwei Meter groß und stark genug, um einen Baumstamm auf den breiten Schultern zu tragen. Jetzt war sein blondes Haar von grauen Strähnen durchzogen und schütter geworden. Noch immer wirkte er gesund und kräftig, aber er kam Johanna kleiner als früher vor.

„Moin, moin, Johanna.“ Er sah auf die Schlüssel in ihrer Hand. „Bist du grad erst angekommen?“

„Ich, äh … nein, ich war schon im Haus.“ Sie schämte sich, ihm zu sagen, dass sie abfahren wollte. Plötzlich kam es ihr vor wie eine feige Flucht. „Ich wollte nur etwas aus dem Auto holen. Der Hof hat sich sehr … verändert seit damals.“

Hauke Hinrichsen nickte ernst. „Da hast du wohl recht, Mädchen.“ Er drehte sich um, holte einen großen, prall gefüllten Weidenkorb aus dem Wagen und hob ihn hoch. „Meine Frau hat dir ein paar Sachen eingepackt. Frisch gebackenes Brot, Eier, ein bisschen von unserem Schinken, Butter, selbst gemachte Stachelbeermarmelade. Und einen Apfelkuchen, heute ganz frisch gebacken.“

Johanna kam sich vor, als wäre sie wieder sechzehn. Neben seinem alten Geländewagen glänzte ihr nagelneuer silberner BMW-Zweisitzer plötzlich unangenehm protzig. „Vielen Dank. Das kommt gerade recht, ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen.“ Sie wollte ihm den Korb abnehmen, aber er schüttelte den Kopf. „Ich trag ihn dir ins Haus, Mädchen.“

Sie unterdrückte ein Seufzen. Gefolgt von Hauke Hinrichsen ging sie wieder hinein. Als fühlte er sich hier ganz wie zu Hause, durchquerte er die Diele und steuerte direkt auf die Küche zu. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch folgte Johanna ihm.

Zum ersten Mal seit sie denken konnte, war der Raum kalt. Früher brannte immer ein Feuer in dem großen dunkelgrünen Kachelofen. Meist stand ein Topf auf dem Herd oder ein Kuchen buk im Ofen und verströmte seinen Duft.

Zu ihrer Überraschung war die Küche makellos geputzt. Die Kupfertöpfe über dem großen Holztisch glänzten, kein Krümel lag auf dem Terrazzoboden. Die große Porzellanspüle mit dem Doppelbecken blitzte schneeweiß. Zucker, Mehl und Kaffee stand auf den alten, angeschlagenen Keramikdosen, doch die hochmoderne Kaffeemaschine war das Beste, was es zurzeit auf dem Markt gab. Das letzte Weihnachtsgeschenk von Johanna. Nonna hatte einen guten Kaffee immer zu schätzen gewusst.

In der Küche war es viel heller als im restlichen Haus, das lag wohl daran, dass die Fenster vom Efeu befreit waren und sie das Sonnenlicht ungehindert hereinließen.

„Charlotte hat nur noch wenige Räume bewohnt“, sagte Bauer Hinrichsen, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Das Haus war viel zu groß für sie, erst recht, je älter sie wurde.“ Zielstrebig ging er zum Kühlschrank und stellte einige in Papier gewickelte Päckchen und drei Flaschen Bier hinein.

„Aber warum hat sie für die Arbeiten denn keine Leute mehr beschäftigt? Ich weiß, dass früher ein Gärtner gekommen ist … und eine Frau aus Eutin, die Großmutter im Haus geholfen hat.“ Schon bevor sie sie ausgesprochen hatte, wurde ihr klar, wie dumm die Frage war.

„Charlotte hatte kein Geld für Personal“, antwortete der Nachbar schlicht. „Von dem Verkauf der Ländereien war damals wohl noch was übrig geblieben, aber das war eines Tages dann auch aufgebraucht. Um einen großen alten Besitz wie Gut Petersen in Schuss zu halten, muss man eine Menge Energie und Geld hineinstecken.“

Johanna schämte sich plötzlich für ihre elegante, teure Kleidung. Sie deutete mit einer Geste um sich, die das ganze Anwesen umfasste. „Ich wusste nichts davon. Großmutter hat nie ein Wort davon gesagt.“ Sie kam sich vor, als würde sie billige Ausflüchte von sich geben, und zum Teil war es ja auch so. In all den Jahren hatte sie sich nicht einmal gefragt, wovon ihre Großmutter lebte.

In Hauke Hinrichsens ruhigen blauen Augen lag kein Vorwurf. „Das weiß ich. Charlotte hat immer von dir erzählt, wie oft ihr telefoniert habt und dass du sie immer nach Hamburg eingeladen hast. Sie war sehr stolz auf dich.“

Geld war nie ein Thema gewesen. Sie waren nie reich gewesen, aber es hatte für alles gereicht, was sie brauchten, und Johanna war stillschweigend davon ausgegangen, dass genug vorhanden war. Die Jahre der Vernachlässigung gingen ganz allein auf ihr Konto. Sie hätte früher herkommen müssen.

„Ich hätte ihr doch geholfen … Warum hat sie das Haus nicht verkauft?“

Bauer Hinrichsen schwieg einen Moment. „Sie wollte es für dich erhalten“, sagte er schließlich. Er nahm einen emaillierten Topf aus dem Schrank und legte den Brotlaib hinein. Johanna bemerkte die ruhige Sicherheit, mit der er sich in der Küche bewegte.

Sie trat ein paar Schritte näher. „Du hast dich um meine Großmutter gekümmert, nicht wahr?“, sagte sie leise.

Er stellte den Brottopf zurück und wandte sich zu ihr um. „So gut ich konnte … hab ein bisschen Unkraut entfernt, das Gröbste gemacht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber wir haben selbst so viel zu tun auf dem Hof … mehr hab ich nicht geschafft.“

„Dann hatte Nonna wenigstens ein bisschen Hilfe. Möchtest du vielleicht einen Kaffee?“, fragte Johanna, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte.

„Nein danke, ich muss wieder los.“ Er reichte ihr seine schwielige Hand. „Es tut mir sehr leid, Johanna, Charlotte war ein wunderbarer Mensch.“

„Hätte sie doch bloß mit mir geredet …“

An der Tür blieb der Bauer noch einmal stehen. „Hast du dir schon überlegt, was du mit dem Haus machen willst?“

Johanna zuckte mit den Schultern. „Ich denke, ich werde es verkaufen. Allerdings ist es in dem Zustand nicht viel wert.“ Aber wäre es renoviert, könnte man ein Vermögen dafür bekommen.

Hauke Hinrichsen nickte gedankenvoll, dann hob er noch einmal die Hand und ließ sie allein.

Johanna ging zum Kühlschrank und betrachtete unschlüssig den Holsteiner Schinken und die Marmelade. Beim Gedanken an Essen schnürte sich ihr die Kehle zu, aber sie musste versuchen, wenigstens ein bisschen hinunterzubekommen.

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