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Lanz

In einer Projektwoche soll der 14-jährige Lanz einen Blog schreiben. Erst sträubt er sich, doch dann breitet er rückhaltlos sein Leben aus: die seit der Trennung der Eltern gespaltene Familie, die Kompliziertheit zweier Zuhause, die Ödnis seiner Kindheit in einem Dorf in der Schweiz, seine Probleme mit dem Erwachsenwerden … Und dann sind da noch die misslungenen Annäherungsversuche an Lynn, derentwegen er sich überhaupt erst für den Blogger-Kurs angemeldet hat. Mit einem unwiderstehlichen Sog erzählt Flurin Jecker in seinem Debütroman von einem Jungen, der die Zumutungen der Welt kommentiert, und das in einer eigenwilligen und wuchtigen, restlos glaubwürdigen Sprache.


  • Erscheinungstag: 20.02.2017
  • Seitenanzahl: 128
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312010288
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

 

 

Eigentlich hat Lanz den Kurs «Ich schreibe einen Blog» allein deshalb gewählt, weil Lynn angeblich auch hingeht. Doch am ersten Kurstag ist von Lynn nichts zu sehen, außerdem wird das Projekt von seinem unangenehmen Klassenlehrer geleitet. Als Lanz widerwillig mit seinem Blog beginnt, beschreibt er mit zunehmender Verve sein Leben: von den geschiedenen Eltern, der Kompliziertheit zweier Wohnungen, von den misslungenen Annäherungsversuchen an Lynn, von der Ödnis, und wie er auf alles nur noch mit Lähmung reagiert. Das Erzählen ist aber keine Befreiung; als ihm die Decke endgültig auf den Kopf zu fallen droht und der Lehrer das Vorlesen des Blogs erzwingen will («Ihr seid ja so aufgewachsen, dass ihr immer alles postet!»), kann Lanz das auf keinen Fall zulassen.

Mit einem unwiderstehlichen Sog erzählt Flurin Jeckers humorvoller Erstling von einem Jungen, der vieles hat und dem das Wichtigste fehlt – in einer eigenwilligen und wuchtigen, restlos glaubwürdigen Sprache.

ICH WOLLTE LYNN UND KEINEN SCHEISS BLOG

Als ich da heute zur Tür reinkam, konnte ich gar nicht glauben, wie dumm ich bin. Oder alles ist. Gilgen kam auf mich zu, streckte mir die Hand hin und sagte: «Schau da, der Lanz! Dann sind wir ja alle.» Ich hatte nicht geschaut, wer dieses Projekt gibt, weil ich wusste, dass Lynn es genommen hatte. Und Gilgen fragte sich sicher, warum ich ausgerechnet seines hatte ankreuzeln müssen, weil wir uns schon normal jeden Tag sahen. Aber darum ging es jetzt nicht. Sondern darum, dass Lynn gar nicht da war, nur Lars aus der Neunten, Dani aus der Siebten und der Ork und ein Zwillingsmädchen aus der Parallelklasse. Sie hockten alle auf ihren Drehstühlen und warteten auf mich. «Guten Morgen!», sagte Gilgen und stand auf die Zehenspitzen, was er immer macht, weil er so klein ist. «Willkommen zum Projekt ICH SCHREIBE EINEN BLOG.» Ich musste an Andi denken, der mir gesagt hatte, dass Lynn auch da sein werde, weil er weiss, dass ich etwas von ihr will. Und vielleicht fragt auch ihr euch jetzt, wie dumm ich war, dass ich nicht merkte, dass er mich verarschte. Aber Lynn könnte halt locker Miss Schweiz werden. Und bei mir ist es halt so, dass ich zwar ab und zu mit einer schreibe, sie mir aber nur zurückschreibt, wenn sie hässlich ist. Vor allem hatte ich noch nie eine Freundin, ausser zwei Wochen lang in der Dritten. Bei ihr glaube ich aber wirklich, dass es gehen könnte, auch wenn ich sie nur vom Pausenplatz von weitem kenne. Weil sie nämlich einmal so verliebt zu mir schaute, als ich sie anstarrte, die ganze Zeit.

«Es ist wichtig, dass ihr diese Woche schreibt, schreibt und nochmals schreibt», sagte Gilgen, als ich wieder zuhörte. «Und wenn ihr mal vor dem Bildschirm hockt und euch nichts in den Sinn kommt, dann meldet euch einfach, dass ich euch unter die Arme greifen kann.» Dann sagte er hundertmal, dass wir uns ein Thema überlegen sollten. «Ohne Thema funktioniert das nicht. Da schwimmt ihr herum wie eine besoffene Ente auf dem Meer.» Er fand das lustig. Die anderen schwiegen. «Vergesst nicht, dass ihr veröffentlichen dürft, was ihr wollt. Die Idee ist natürlich, dass man eure Blogs lesen kann. Es wird aber niemand dazu gezwungen. Bevor ihr etwas raufladet, kommt aber bitte zuerst zu mir, dass ich kurz drüberschauen kann.» Und bis er uns jede Funktion der Blogseite erklärt und uns hundert Blogs gezeigt hatte, nach denen wir uns richten sollten, war Mittag.

ALLES, WAS DA LEGT MIT SEGEN

«Alle Augen warten auf dich, o Herr. Du gibst uns Speise zur rechten Zeit. Du tust deine milde Hand auf. Und erfüllest alles, was da lebt, mit Segen. Amen.» Das muss ich jeden Montag und Donnerstag aufsagen, wenn ich bei Müllers esse, die im gleichen Quartier wohnen wie wir. Es sitzen dann alle mit gefalteten Händen am Tisch und leiern den gleichen Spruch herunter, während die Spaghetti ihnen ins Gesicht dampfen. Ausser Manu, der immer sagt, «was da LEGT mit Segen», keine Ahnung, warum. Gemerkt hat das noch niemand, weil alle immer konzentriert die Augen zutun, weil sie Gott grad so spüren. Und das ist dann lustig. Weil ich halt der Einzige bin, der sieht, wie sie alle aussehen. Und weil ich genau weiss, dass sie wissen, dass ich nicht an Gott glaube. Zum Glück haben wir aber irgendwie die Abmachung, dass sie mit mir nicht über Jesus reden, ich dafür jedes Mal mitbete.

Auf dem Weg zu Müllers hatte ich Andi geschrieben, dass er sich ficken solle. Weil ich logisch keinen Kolleg brauche, der das lustig findet, dass ich extra ein Projekt nehme, nur weil ich etwas von einer will. Er tat dann aber, als hätte er keine Ahnung, was ich meinte. «Jaja, fick dich.» – «Ich kann dir schwören, dass mir Lynn gesagt hat, dass sie den Blog nimmt!», schrieb er irgendwann. Und dann glaubte ich ihm zwar. Aber eigentlich machte das alles nur schlimmer. Weil ich jetzt die ganze Woche dahocken und schreiben muss, ohne überhaupt zu wissen, wer daran schuld ist.

Bei Müllers war dann die Projektwoche das grosse Thema. Vielleicht muss ich da noch sagen, dass Margrit immer schaut, dass alle erzählen können, was sie am Morgen so erlebt haben, und ich darum immer schon im vornherein überlegen muss, was ich sagen will, weil ich in der Schule eigentlich nie so die Erlebnisse habe. Manu sagte dann, dass sie am Saalibach gewesen seien und gelernt hätten, eine Fischerrute richtig in der Hand zu halten. Ich hätte fast rausgelacht, weil Andi eine ganze Franzlektion lang probiert hatte, mich zu überreden, auch FISCHERS FRITZ zu nehmen. Und weil ich ihn jetzt vor mir sah, wie er mit der Rute am Bach stand, und sich ultra aufregte, weil er nichts fing. «Wie viele Fische habt ihr denn gefangen?», fragte Margrit. «Das geht denk nicht so schnell!» Und sein Vater hätte das eigentlich lustig gefunden, aber weil er wegen Jesus die Kinder nicht auslachen darf, sagte er nur «Ouuu» und schaute mich an, weil er weiss, dass wir den gleichen Humor haben. «Und du, Lanzelot?», fragte Margrit. «ICH SCHREIBE EINEN BLOG. Also so heisst das Projekt» – «Einen was?» – «Einen Blog», sagte Nina, die gleich alt ist wie ich. «Das kennst du doch, Mami. Wo man Bilder und so drauftun kann.» – «Das macht ihr in der Schule?» – «Wir dürfen keine Bilder raufladen», sagte ich. «Nur schreiben.» – «Dann schreibst du über Bilder?» – «Nein, nichts mit Bildern.» – «Warum sagt ihr mir dann, dass man Bilder drauftun könne?» Ich sagte, dass das nur ein Beispiel gewesen sei, weil man auf Blogs normal schon raufladen könne, was man wolle. Aber jetzt kam sie überhaupt nicht mehr draus. «Ich wäre froh, wenn ihr mir helfen würdet, statt mir die ganze Zeit Sachen zu sagen, die nicht stimmen. Sonst habe ich keine Chance mal drauszukommen.» Und so geht das bei ihnen immer: Dass sie so viel reden, und so langsam essen, wie wenn sie die Grippe hätten, dass ich keine Chance habe, am Nachmittag pünktlich in die Schule zu kommen. Ausser, wenn ich das Velo nehme und wie gestört runtersprinte, wie sie. Aber ich habe halt noch das aus der Ersten. Und weil ich von Babs aus kein neues kaufen darf, weil mein Velo noch fährt und es ihm egal ist, dass alle sehen, dass es ein Kindervelo ist, bei dem man den Sattel einen Meter raufgestellt hat, komme ich halt immer zu spät. Und weil Andi nicht die ganze Zeit wegen mir zusammengeschissen werden will, war der Elektrokasten, auf dem er normal auf mich wartet, heute leer.

«Gut», sagte Gilgen, als ich reinkam. «Ihr könnt anfangen.» Ich hasste, dass ich im Stillen den Mac starten musste und genau wusste, dass irgendwann der Startsound kam. Komisch war, dass ich während dem Warten herausfand, dass ich mich freute, endlich schreiben zu dürfen. Normal fangen ja Blogs zum Beispiel so an, dass die Bloggerin sagt, dass sie scheisse aussehe. Und sie dann hundert Fotos postet, auf denen sie geil aussieht, dass jeder kommentieren kann, dass sie eine Zehn sei. Schöner Arsch, herziges Gesicht und so. Und darum hasse ich Blogs. Aber Gilgen schafft es halt immer, eine Aufgabe so lange zu erklären, bis man sich freut, endlich anfangen zu dürfen. Und irgendwie fing ich bei Andi und dem Fischen an, und irgendwie ging es dann von alleine zu Gilgonator über, und irgendwie hatte er sich irgendwann hinter mich geschlichen und sagte mir ins Ohr: «Und du, Lanz? Was ist dein Blogthema?» Ich klickte das Fenster weg und sagte, dass ich noch kein Thema hätte. Dann kam er damit, dass es Abmachungen gebe. Und ich nickte, auch wenn ich nicht wusste, was für Abmachungen er meinte. «Über was willst du denn schreiben?» Ich hatte keine Ahnung. Darum sagte ich, dass ich einfach einmal angefangen hätte. «Ich melde mich dann, wenn ich es weiss.» – «Du kannst mir jetzt sagen, worüber du schreibst. Du hast ja irgendwas geschrieben, vorhin.» Klar. Das ging ihn aber nichts an. «Das habe ich für mich geschrieben.» – «Aufstehen.» Er zog mir am Pulli. Und natürlich schrieb jetzt keiner mehr. Alle schauten uns nur noch dumm zu. Als er abgehockt war, fragte ich mich, was passiert wäre, wenn ich ihm den Stuhl weggezogen hätte. Und was ich tun würde, wenn er jetzt mein Zeug läse. Aber das machte er nicht. Er öffnete noch einmal die Blogseite und erstellte in etwa hundert Jahren ein neues Profil, wiederholte also noch mal alle Schritte, die wir am Morgen durchgegangen waren. Dann hämmerte er «MEIN BLOG BEI HERRN GILGEN» rein und sagte: «So, Lanz. Das ist das Thema von deinem ersten Eintrag.» Ich wartete, bis er bei Dani war, löschte den Titel und schrieb: «Ich wollte Lynn und keinen scheiss Blog.»

DER ERSTE EINTRAG, DEN ICH FREIWILLIG SCHREIBEN MUSS

Gilgonator sagt immer, dass er Hausaufgaben liebt. Weil es im richtigen Leben auch Hausaufgaben gibt. Vielleicht auch einfach, weil ich nicht der bin, der sie ihm geben darf, sondern umgekehrt. Auf jeden Fall hoffe ich, dass die Aufgaben im Leben nicht so behindert sind, wie er sie immer erfindet. Wie heute zum Beispiel, einen freiwilligen Eintrag zu schreiben. Ich alleine. Weil ich der Einzige war, der die ganze Zeit schrieb, und nicht einmal aufhörte, als er sagte, dass wir gehen könnten, und links und rechts die Macs tuteten und alle heimgingen. Und weil ich dann mit ihm alleine dasass, als ich fertig war mit allem. «Du hast viel geschrieben, heute», sagte er, als ich gehen wollte. Und ich bekam Schiss, dass er mein Zeug gelesen hatte, ferngesteuert vom Lehrermac aus. «Woher wissen Sie das?» Er lachte. «Weil du nonstop geschrieben hast vielleicht. Du hast ja nicht einmal gemerkt, dass du schon längst hättest gehen können.» – «Klar habe ich das gemerkt. Ich bin ja nicht behindert.» Ich sagte tschüss. «Du bist mir noch eine Antwort schuldig.» – «Was?» – «Dein Thema. Wir haben abgemacht, dass du es mir noch verrätst.» Aber er hatte es mir ja selber vorgegeben. Darum sagte ich, dass er das doch wisse: «MEIN BLOG BEI HERRN GILGEN.» Und wenn ich nicht noch gesagt hätte, dass ich wirklich über die Projektwoche geschrieben hatte, wäre er glaub ausgerastet. «Gut», sagte er. «Dann schreib zu Hause doch grad den ersten freiwilligen Eintrag zu deinem fulminanten Thema MEIN BLOG BEI HERRN GILGEN.» Und kurz hätte ich fast etwas gesagt, weil ich jetzt als Einziger zu Hause weiterschreiben musste. Dann kam mir aber in den Sinn, dass ich ja drauf scheissen konnte, weil er eh nicht lesen durfte, was ich schrieb.

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