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Libellentage

Wenn Glück in Regentropfen schillert

1930: Zum Leidwesen ihrer Eltern interessiert Bea sich nicht sonderlich für die Konventionen ihrer Zeit, sondern für Glühwürmchen und Frösche. Weil sie so vorerst der arrangierten Ehe entfliehen kann, ist Bea froh, den Sommer in der Toskana bei ihrem Onkel verbringen zu dürfen. In der italienischen Villa begegnet sie aufstrebenden Künstlern, erfährt Freiheitsliebe und begegnet dem jungen Maler Ben, der ihr beibringt, was Romantik ist. Der unbeschwerte Sommer währt nicht lange, und doch verändert er Beas Leben für immer.

»Prächtig gezeichnet und ausgesprochen treffend. Ein entzückendes und erfrischendes Retelling von Viel Lärm um Nichts.«
SPIEGEL-Bestsellerautorin Katharine McGee

»Eine fesselnde Coming-of-age-Geschichte, die in den 30er Jahren spielt und Leser in eine herrliche romantische Sommerstimmung versetzt!«
the bookactivist


  • Erscheinungstag: 24.08.2021
  • Seitenanzahl: 368
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749951024
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Widmung

Für Paul, in Liebe

Zitat

Ich kenn Euch schon von Anbeginn der Zeit.

WILLIAM SHAKESPEARE:
Viel Lärm um nichts, Akt II, Szene 1

TEIL EINS:

ENGLAND

JUNI 1933

DON PEDRO:

Eure Stille ist’s, die mich am meisten stört,

und Fröhlichkeit steht Euch am besten, denn

Ihr wurdet ohne Frag’ zu einer frohen Stund’ geboren.

BEATRICE:

Oh nein, mein Herr, denn meine Mutter weinte,

doch dann erschien ein Stern, der tanzte, unter

dem wurde ich geboren.

WILLIAM SHAKESPEARE:
Viel Lärm um nichts, Akt II, Szene 1

KAPITEL 1

»Das war’s«, murmle ich, während ich näher krieche. »Gleich habe ich dich …«

Meine Hände sind ruhig, und ich halte die Luft an, während ich auf den richtigen Moment warte, um zu springen. Endlich gelingt es mir durch eine Drehung meines Handgelenks, meine flüchtige Beute zu fangen, und ich schraube schwungvoll den Deckel auf das Glas.

Ein Gefühl des Sieges durchflutet mich. Ich schließe die Augen und hebe mein Gesicht zur Sonne, genieße die Wärme, die ich auf der Haut spüre. Nicht weit entfernt singt eine Gartengrasmücke, die Melodie tanzt froh durch die Luft, als der Vogel verkündet, dass dies hier sein Territorium ist.

Für einen Moment ist die Welt perfekt.

»Beatrice! Nicht schon wieder!«

Eine ungehaltene Stimme reißt mich aus meinen Gedanken, und ich öffne die Augen, um eine Gestalt zu entdecken, die ärgerlich den Pfad herunter auf mich zu stapft.

»Hallo, Mama!«, rufe ich. »Tut mir leid, ich war Meilen weit weg.« Ich sehe, wie ihr Gesicht versteinert. »Was machst du denn hier? Solltest du dich nicht für die Party fertig machen?« Sie spricht seit Monaten über nichts anderes als jene Dinnerparty.

»Ich bin fertig für die Party«, erwidert sie frostig, und nun, da sie näher bei mir steht, kann ich sehen, dass das die Wahrheit ist. Meine Mutter sieht immer sehr elegant aus, aber jetzt ist sie dank der Perlenkette um ihren Hals noch eleganter; und obgleich ihr altrosafarbenes Abendkleid bessere Tage gesehen hat, wohnt ihm noch immer ein Hauch von Glamour inne.

Meine Mutter ist eine zarte Frau – gertenschlank, stets gut gekleidet, doch irgendwie müde, wie jene Art von Gewächshausblumen, die leicht verwelken. Auch jetzt sieht sie schön aus, aber ich habe Bilder gesehen, und ich weiß, als sie so alt war wie ich, war sie sehr, sehr schön. Sie trägt diese Schönheit noch immer in sich – auf eine Art, die die Leute dazu bringt, sich auf der Straße umzudrehen, um sie anzuschauen. Ab und zu kann man sie finden, wie sie mit einem bedauernden Seufzen die Seiten einer alten Modezeitschrift durchblättert und sehnsuchtsvoll die Bilder makellos zurechtgemachter Debütantinnen betrachtet.

»Oh ja«, sage ich mit einem hoffentlich beruhigenden Lächeln. »Du siehst sehr hübsch aus.«

Irgendwie liegt Mutters missbilligender Blick direkt auf dem Marmeladenglas, das durch mein Kleid verborgen wird und für jede andere Person völlig unsichtbar wäre.

»Und gibt es irgendeinen vernünftigen Grund dafür«, fragt sie, ihre Stimme gefährlich ruhig, »dass du barfuß und schlammbedeckt in der Mitte unseres Sees stehst?«

Um bei der Wahrheit zu bleiben, es ist eigentlich mehr ein großer Teich als ein See, aber ich kann nicht leugnen, dass ich mich definitiv darin befinde. Und dass meine Füße nackt sind und bedeckt mit Schlamm und Schlingpflanzen. So wie meine Beine. Und ein paar Armlängen meines Kleides.

Die Frau vor mir versteht ganz bestimmt nicht, welcher Reiz darin liegt, die Strümpfe auszuziehen, um den Matsch zwischen den Zehen zu spüren.

Ich räuspere mich und versuche noch ein Lächeln. Ich bemühe mich um die Art von beruhigendem Ton, den man gegenüber einem sehr nervösen Pferd anwenden würde.

»Lampyris noctiluca.« Damit halte ich das Glas hoch und kippe es leicht. »Absolut faszinierend.«

Mutters Gesicht bleibt steinern.

»Sie werden später noch interessanter sein«, erkläre ich. »Im Moment befinden sie sich im Larvenstadium, aber ich will die Biolumineszenz näher untersuchen, sobald sie ihr adultes Stadium erreichen.«

Keine Antwort.

»Sie glühen«, füge ich hinzu, ein wenig verzweifelt jetzt. »Es sind Glühwürmchen.«

»Natürlich.« Mutters Stimme ist flach. »Du bist in den See gewatet, um Glühwürmchen zu fangen.«

»Ja.« Ich nicke ermunternd. »Wundervolle, magische Glühwürmchen.«

Ich hoffe, dass ein wenig von meinem Enthusiasmus sich als ansteckend erweist, obwohl es, wenn man die Vergangenheit betrachtet, unwahrscheinlich ist, dass die Frau vor mir plötzlich ein brennendes wissenschaftliches Interesse an der Welt der Natur entwickelt. Viel wahrscheinlicher ist es, dass ich eine ihrer Gardinenpredigten abbekommen werde.

Diese können recht lange dauern und benötigen kaum Beitrag von meiner Seite, und so behalte ich sie im Auge, beginne mich jedoch innerlich mit der Frage zu beschäftigen, womit ich die Larven füttern soll, während sie sich in meiner Obhut befinden.

Mutter hebt müde eine Hand und massiert ihre Schläfen: eine Geste der Erschöpfung, die ich nur zu gut kenne.

»Und hat die Jagd nach diesen magischen … Würmern … dich durch eine Art von Sumpf geführt?«

»Nun, verstehst du …«, beginne ich vorsichtig. »Ursprünglich war ich auf der Suche nach Schmetterlingen, und ich war auf der Fährte eines ziemlich hübschen Polyommatus coridon, eines Silbergrünen Bläulings, als ich ausgerutscht und in den See gefallen bin. Erst da habe ich, durch puren Zufall, die Glühwürmchen entdeckt.« Ich mache eine Pause und denke an ihre Worte. »Aber, nur um das vollkommen klarzumachen, Mutter … Glühwürmchen sind in Wirklichkeit keineswegs Würmer, weißt du – es sind Käfer, in der Ordnung der Coleoptera

»Verstehe.« Ihre Stimme ist schmerzhaft vernünftig, ein Umstand, der, wie ich weiß, bedeutet, dass sie dabei ist, einen Wutanfall zu bekommen. »Und offenbar ist es dieser Sturz, der das Gestrüpp erklärt.«

Ihr Blick streift meinen Kopf, und ich greife nach oben und finde einen langen grünen Strang von Algen, der in meinem dunklen Haar klebt.

»Mmm«, murmle ich unverbindlich und rufe dann hoch erfreut: »Schnecken!«, als mir die Lösung für mein Problem einfällt.

»Was?« Ein Ausdruck von Ekel flimmert über Mutters Gesicht, und sie macht einen unsteten Schritt rückwärts. »Wo?«

»Oh, nein, verzeih, ich habe nicht mit dir gesprochen; ich habe mich nur gerade erinnert, dass Glühwürmchen im Larvenstadium Schnecken fressen, und ich muss versuchen, welche für sie zu finden.«

Ich beginne, auf das grasbewachsene Ufer zuzuwaten und suche dabei den Boden ab, meine Augen auf die Mauer um das Blumenbeet gerichtet, das im Moment bedeckt ist von aufmüpfig herabhängendem Grünzeug: der perfekte Ort für eine herumlungernde Mollusca gastropoda.

Als ich kurz aufsehe, bemerke ich, dass Mutters Mund sich öffnet und schließt, jedoch kein Ton herauskommt. Sofort bemühe ich mich, eine gewinnende und respektvolle Miene aufzusetzen, denn ich habe dieses Phänomen schon früher beobachtet, und gewöhnlich folgt ein längerer hysterischer Anfall, den ich selbstverständlich gerne vermeiden würde.

Glücklicherweise werden wir in diesem Moment unterbrochen von begeistertem Bellen, und ich habe gerade noch Zeit, einen Ausdruck des Grauens auf Mutters Gesicht zu bemerken, ehe Eustace durchs Unterholz bricht.

Theoretisch sollte Eustache, der zerzauste Terrier vor uns, ein Arbeitshund sein: ein Rattenfänger, der mit den Pferden in der Scheune lebt. Ich habe ihn nach dem Schutzheiligen der Jäger Eustache getauft – in einem Versuch, ihn dazu zu bringen, sein Schicksal anzunehmen, doch es sollte nicht sein. Eustache hat, so scheint es, schreckliche Angst vor Ratten und schläft lieber am Fußende meines Bettes, als sich mit Angelegenheiten in den Ställen zu beschäftigen. Im Moment grinst er – ja, wirklich, er grinst – meine Mutter an, und seine raue rosafarbene Zunge hängt auf einer Seite aus seinem Maul, während er sich sammelt, um seinen schlammbedeckten Körper auf meine Mutter zu werfen. Aus irgendeinem Grund (vermutlich, weil sie ihn absolut nicht leiden kann) betet Eustace meine Mutter an, er ist ihr mit ganzer Seele verfallen.

»Beatrice!«, kreischt das Objekt seiner Verehrung, und ich lasse das Marmeladenglas ins Gras fallen und wate eilig durch den Teich, um den schmutzigen Hund abzufangen, der in Richtung von Mutters Abendgarderobe unterwegs ist.

Während ich die japsende Kreatur an meine Brust drücke, murmle ich tröstende Worte in seine Ohren, kraule ihn an genau den richtigen Stellen, sodass er sich beruhigt und die Aufmerksamkeit genießt, um Mutter nur ab und an einen sehnsuchtsvollen Blick zuzuwerfen.

»Wir werden dies ein andermal diskutieren, Beatrice«, sagt sie angespannt.

Offenbar hat sie entschieden, dass die Party im Moment wichtiger ist, und dieser Umstand verschafft mir eine Galgenfrist. »Das Wichtigste ist, dass wir versuchen, dich dazu zu bekommen, annähernd anständig auszusehen.«

Ihr Blick gleitet mit einem Ausdruck erschöpfter Verzweiflung über mich, und ein Schauder durchläuft ihren feingliederigen Körper. Ich kann nur annehmen, dass die zusätzliche Ausstattung mit einem schlammbespritzten Terrier wenig dazu beigetragen hat, meine Erscheinung zu verbessern, aber wenigstens hat er sie von der Sache mit den Glühwürmchen abgelenkt. Es ist wichtig, in solchen Situationen die gute Seite zu betrachten.

»Die Gäste werden bald hier sein«, fährt sie fort, ein Hauch von Panik in der Stimme, »geh und wasch dich jetzt sofort

»Natürlich«, murmle ich gehorsam. Ich klemme Eustache unter den Arm, und als sie mir den Rücken zukehrt, hebe ich das Marmeladenglas auf, um ihr brav nach drinnen zu folgen.

»’n Abend, Hobbs!«, flöte ich dem steingesichtigen Butler entgegen, der, steif und perfekt angezogen, in der großen Eingangshalle steht.

Es sieht hier, stelle ich fest, etwas weniger schäbig aus als gewöhnlich. Mehrere riesige Vasen sind in der Halle verteilt, gefüllt mit Blumen aus dem Garten, und verbergen die schlimmsten Stellen abblätternder Farbe und schimmelnder Holzvertäfelung.

»Guten Abend, Miss Beatrice«, antwortet Hobbs düster.

Nichts, nicht einmal ein Zucken seiner buschigen weißen Augenbrauen verrät, dass er meine mitgenommene Erscheinung bemerkt hat.

»Sind Sie die Sitzordnung noch einmal durchgegangen, Hobbs?«, fragt Mutter nervös, und während sie beide abgelenkt sind, husche ich die breite steinerne Treppe hinauf, noch immer fest den sich windenden Eustache umklammernd.

Langton Hall ist der uralte Sitz meiner Familie, und es ist nicht leicht, in ganz England eine schlimmer zerfallende gotische Monstrosität zu finden. Ein besonders zügelloses Mitglied des Familienstammbaums hat das Langton-Vermögen vor ein paar Hundert Jahren verspielt, und die folgenden Generationen haben mit enger und enger geschnalltem Gürtel überlebt. Das bedeutet, dass es ganze Teile des weitläufigen alten Gebäudes gibt, die vollkommen unbewohnbar sind – von Menschen jedenfalls, obwohl wir genug Fledermäuse und Hausmäuse haben. Wir haben auch spinnwebgefüllte Flure, finster dreinblickende Wasserspeier und unheilverkündend knarzende Dielen, die zur romanreifen Geisteratmosphäre beitragen. Tatsächlich habe ich mich beim ersten Mal, als ich Northanger Abbey las, gefragt, ob Jane Austen selbst einmal in Langton Hall gewesen ist.

Was wir nicht haben, sind Trost und Wärme, weder wörtlich noch im übertragenen Sinn. Es mag spannend klingen, ich wage sogar zu sagen, romantisch, in einem zerfallenden Herrenhaus zu leben, aber es ist wirklich nichts Romantisches an verrottenden Fensterbrettern, eiskalten Bädern und feuchten Tapeten. Selbst der düsterste Held bei Byron würde erzittern beim Anblick des knarzenden antiken Leitungssystems. Es ist weniger, als hätte man wirklich ein Zuhause, und mehr, als würde man in einem schlecht geführten Museum leben.

Wenn man dazu noch bedenkt, dass das ganze Anwesen dabei ist, absolut und völlig pleitezugehen, hat man ungefähr ein Gefühl von der andauernden Wolke aus Trübsal, die über dem Ort schwebt wie ein feiner Morgennebel. Falls sich das Blatt nicht bald wendet, werden wir alles verkaufen müssen, wenn Vater stirbt. Soweit ich es beurteilen kann, gibt es keine praktischen Lösungen, die im Moment bedacht werden – meinen Vorschlägen, dass wir Land verkaufen oder ich mir Arbeit suchen könnte, ist bislang mit einem Ausmaß an Entsetzen begegnet worden, das man typischerweise mit Herodes’ Abschlachtung unschuldiger Kinder in Zusammenhang bringen würde.

Ich habe den schrecklichen Verdacht, dass die Hoffnungen meiner Eltern sich auf meine eigenen Heiratsaussichten konzentrieren. Der Fakt, dass ich erst siebzehn bin und keinerlei Interesse daran habe zu heiraten, mich häuslich niederzulassen oder in Langton zu bleiben, scheint, wenn es das einmal tun sollte, nicht von großer Wichtigkeit zu sein.

Ich für meinen Teil wäre mehr als glücklich, irgendwo zu leben, wo ich, wenn ich wollte, ein schönes warmes Bad nehmen könnte, aber Mutter und Vater sehen die Dinge recht anders. Sie begreifen ihr Leben nur im Zusammenhang mit diesem großen, verfallenen Haus und seinen Ländereien. Wir sind nicht die Einzigen, was das betrifft – die wenigen Bekannten, die wir haben, scheinen sich in einer ähnlichen Situation zu befinden, obgleich man sagen kann, dass sie etwas mehr Geld besitzen, um das Problem anzugehen.

All diese großartigen altehrwürdigen Familien mit schrecklichen alten Häusern, um die sie sich kümmern müssen: Es erinnert mich an die Geschichte des Königs von Siam, der die Höflinge mit weißen Elefanten zu beschenken pflegte. Ein weißer Elefant war heilig und daher einerseits ein Geschenk, welches eine enorme Ehre bedeutete. Andererseits waren die Kosten, die solch ein Tier verursachte, horrende genug, um jeden Mann in den Ruin zu treiben. So kommen die Häuser mir vor: wie große schwerfällige weiße Elefanten, die sich auf dem Land niedergelassen haben.

Es ist nicht so, dass ich mich mit meinen Eltern nicht wohlfühlen würde. Mein ganzes Leben lang waren da nur wir drei und ein paar uralte Bedienstete, allein in dem großen Haus wie die letzten traurigen Pennies in einer alten Dose.

Ich denke, meine Eltern hatten eher angenommen, sie würden eine Menge gleichgesinnter Söhne haben, die ihnen helfen könnten, das Anwesen zu retten, anstatt nur eine widerspenstige und ihnen leicht rätselhafte Tochter zu bekommen, gerade als sie die Hoffnung aufgegeben hatten, überhaupt noch Kinder in die Welt zu setzen.

So wie meine Eltern es sehen, sind Töchter kein besonders nützliches Accessoire. Es wird nicht von mir erwartet, dass ich in die Welt hinausgehe und tatsächlich Dinge tue. Sie hätten es lieber, wenn ich … dekorativer wäre. Ich bin einfach zu groß, zu laut, zu klug – zu viel von allem.

Als ich das Bad erreiche, setze ich Eustache in der alten Wanne ab und tue mein Bestes, ihn zu säubern, trotz seines heftigen Protests. (Und, ganz ehrlich, wer kann es ihm übel nehmen? Selbst im Juni fühlt sich das Wasser in diesem Haus an, als käme es von einem arktischen Gletscher, und ich schaudere, als ich an meine eigene bevorstehende Säuberung denke.) Nachdem Eustache relativ sauber ist und sich ausführlich geschüttelt hat, wobei er mich mit noch mehr Wasser bespritzt, lasse ich ihn die Treppe hinunter entkommen, wo er zweifelsohne jedem in den Weg geraten und versuchen wird, das Essen zu stehlen, das auf den Tisch kommen soll.

Ich stelle meine Lampyris noctiluca auf das Regal, das ich für meine Entdeckungen reserviert habe, neben meine Fossiliensammlung und das sorgfältig zusammengesetzte Skelett eines Raben, welches ich – wunderbarerweise komplett – vor ein paar Wochen im Garten ausgegraben habe. Mutter sagte damals, sie fände das Ding morbide, doch ich denke, dasselbe könnte man von dem verblichenen Familienwappen sagen, unter dem wir in jenem Moment standen.

Wie dem auch sei, ich finde es nicht morbide; ich finde das Skelett recht hübsch, und ich habe es Edgar genannt. Meine Augen schweifen noch einmal zu dem Glas mit den Larven und von da aus zum Schreibtisch, der unter Stapeln von hingekritzelten Notizen begraben ist.

Die Dienstbotenglocke erklingt von unten – ein langes, schrilles Läuten, das irgendwie Panik verbreitet. Ich seufze. Vermutlich ist es Mutter, die Hobbs herbeiruft, damit er sich um einen schrecklich wichtigen haushaltstechnischen Notfall kümmert – eine schräg liegende Dessertgabel vielleicht. Der arme alte Hobbs bewegt sich nicht mehr so schnell wie früher.

Es ist wirklich keine Zeit, jetzt meine Beobachtungen der Glühwürmchen zu beginnen. Mutter ist schon zu nervös wegen dieser Dinnerparty, und wenn ich zu spät komme, verliert sie möglicherweise völlig die Nerven. Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass es, wenn ich in Ruhe forschen möchte, am besten ist, wenigstens so zu tun, als wäre ich interessiert an ihren sozialen Aktivitäten.

Als ich mich selbst im Spiegel sehe, muss ich zugeben, dass der verzweifelte Blick, mit dem ich zuvor bedacht wurde, vielleicht doch gerechtfertigt war. Mein langes, dunkles Haar ist in einer Art auf meinem Kopf zusammengenommen, die am ehesten den Nestern der Krähen gleicht, die vor meinem Fenster in den Bäumen sitzen. Die Enden, die den hastig hineingesteckten Haarnadeln entglitten sind, sind völlig durchnässt und tropfen auf den weichen Stoff meines Kleides – einst blassblau, nun schmutzig grau und verziert mit Grasflecken, schwarzen Mustern aus Matsch sowie verschiedenen Pfotenabdrücken. Das Kleid ist alt, wie alles andere in meinem Kleiderschrank, und etwas zu klein für mich, an Brust und Hüften ist es zu eng. Im Gegensatz zu meiner Mutter bin ich kräftig gebaut, mehr wie ein verlässliches Arbeitspferd als wie eine hochgezüchtete junge Stute.

Ich wende mich von meinem Spiegelbild ab und nehme den Kampf mit meiner äußeren Erscheinung in Angriff. Ich habe weniger als dreißig Minuten, ehe die ersten Gäste kommen, und dieser Gedanke ist nicht besonders ermunternd. Zumindest wird diese Dinnerparty eine Abwechslung werden, sage ich mir und versuche, optimistisch zu sein. Zumindest wird sie andere Menschen beinhalten. Vielleicht wird es ein durchschlagender Erfolg, und meine Eltern werden so glücklich über mein makelloses Benehmen sein, dass ich weitere Standpauken wegen der Glühwürmchen und des Sees und der bloßen Füße vermeiden kann.

Ich falle auf die Knie und hebe meine Bürste an die Lippen, ehe ich sie in die Luft halte und einen Schwur ablege wie ein alter Ritter.

»Ich gelobe feierlich«, sage ich, »dass dieses Mal nichts schiefgeht und ich die perfekte Tochter sein werde.«

Voller Hoffnung und guten Mutes komme ich wieder auf die Füße und mache mich auf den Weg ins Bad, um den Schlick aus dem Teich abzuwaschen und mich in eine ordentliche junge Dame zu verwandeln.

KAPITEL 2

Es ist genau sechsundzwanzig Minuten später, und alles läuft nach Plan. Ich bin so ordentlich und schick, wie ich nur sein kann. Mein sauberes, gebürstetes Haar ist nach hinten gekämmt und zu einem langen, seidigen Zopf geflochten, und mein weiches fliederfarbenes Kleid ist absolut akzeptabel, wenngleich ein oder zwei Handbreit zu kurz und einen oder zwei tiefe Atemzüge zu eng. Ich stehe neben Mutter in der Empfangshalle und begrüße mit einem charmanten Lächeln Gäste; und ich unterhalte mich auf die Weise, an der nicht einmal unser verstaubter alter Pfarrer etwas auszusetzen findet.

Er ist natürlich anwesend, gemeinsam mit seiner ebenso sauertöpfisch dreinblickenden Frau. Die Einstellung der beiden zu meiner Familie besteht aus einer konfusen Mischung von Ergebenheit gegenüber unserem altehrwürdigen Namen und Schadenfreude über unsere finanziellen Schwierigkeiten. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, wie sehr sie fast alles, was ich sonst sage, missbilligen, und unglücklicherweise bringt der Pfarrer seine Missbilligung oft in langen Bibelzitaten zum Ausdruck.

Im Moment allerdings lausche ich freundlich und verständnisvoll, während sie mir von einem ihrer schrecklichen Kinder erzählen, das sich eine Erkältung zugezogen hat.

»Jaja«, murmle ich, meine Gedanken mehr als zur Hälfte mit der Schneckenjagd beschäftigt, die ich im Schutz der Dunkelheit später veranstalten muss, »Erkältungen im Sommer sind wirklich die allerärgerlichsten.«

Ich fühle, wie sich Mutter neben mir entspannt, und ihre Stimme wird immer melodischer, während sie in ihre Rolle als Gastgeberin gleitet, die sie so genießt.

»Ah, Philip!«, ruft sie eben glücklich aus. Philip Astley ist unser nächster Nachbar – sein finanziell weitaus besser abgesichertes Anwesen grenzt an unser eigenes, und er ist ein durchaus netter, allerdings zutiefst langweiliger Mann, der meine Eltern schon seit vielen Jahren kennt und nicht weiß, wie er sich mir gegenüber verhalten soll, seitdem ich kein kleines Kind mehr bin, dem er den Kopf tätscheln kann.

Nachdem er meinen Oberarm enthusiastisch genug beklopft hat, um einen blauen Fleck zu hinterlassen, während er »großartig, großartig« murmelt, beugt er sich näher, um einen höflichen Kuss auf Mutters Wange zu drücken.

»Schön siehst du aus, Delilah, wie immer«, sagt er galant, und Mutter macht ein zufriedenes summendes Geräusch ganz hinten in ihrer Kehle, ehe ihr Blick auf den jungen Mann fällt, der Philip folgt.

»Danke, Philip.« Ihre Stimme ist jetzt ganz Lächeln; sie sieht aus wie die sprichwörtliche Katze, der gerade eine große Schale Sahne vorgesetzt wurde. »Und dies muss Ihr Neffe sein. Ich bin so froh, dass Sie vorbeikommen konnten, um an der Party teilzunehmen. Sie waren nicht hier, seitdem Sie ein kleiner Junge waren. Wir haben einen bedauerlichen Mangel an jugendlicher Gesellschaft, und ich weiß, Beatrice wird überglücklich sein, Sie zu sehen.«

Ihr Blick trifft meinen, und sie hebt die Augenbrauen.

Etwas in diesem Blick lässt mich sofort auf der Hut sein.

Ich betrachte die Erscheinung vor mir.

Philip Astleys Neffe ist etwa in meinem Alter, ungefähr zwei Handbreit kleiner als ich und hat die Sorte leeren Blick, der eher für grasende Tiere typisch ist. Natürlich macht nichts von alledem meiner Mutter etwas aus, denn, so stelle ich fest: Vor mir steht der Erbe des Astley-Vermögens.

Es fühlt sich an, als lege sich ein Bleigewicht auf meinen Magen. Diese ganze Dinnerparty ist eine Verkuppelungsfalle, und ich bin so blind hineingetappt wie eine naive Waldkreatur. Ich schließe kurz die Augen in der Hoffnung, dass die Szene um mich herum sich auf magische Weise verwandelt haben wird, wenn ich sie wieder öffne.

Das Herz rast in meiner Brust, während ich begreife, dass meine Eltern sämtliche Winke mit dem Zaunpfahl aufgegeben und beschlossen haben, zu handeln.

»Sehr erfreut«, bekomme ich gerade so heraus und strecke meine Hand aus, während ich meiner Mutter einen raschen Blick zuwerfe, den sie schlichtweg ignoriert. Frustration macht sich in mir breit.

»Hallo«, sagt der Neffe und bietet mir eine feuchte, schlaffe Hand. »Ich bin Cuthbert.«

Trotz der fürchterlichen Umstände fühle ich in diesem Moment einen Hauch Sympathie für ihn. Der arme Junge hatte sicher nie eine Chance – wie um alles in der Welt soll jemand es zu etwas bringen, der einen Namen wie Cuthbert trägt?

»Beatrice«, sage ich, schüttle seine Hand und wische die meine dann ausführlich an meinem Kleid ab.

»Nun«, sagt Mutter fröhlich, »wir sollten Sie nicht hier in dieser zugigen Empfangshalle aufhalten, Cuthbert. Ich bin sicher, dass junge Leute wie Sie und Beatrice eine Menge zu bereden haben, sie wird Sie hineinführen und Ihnen einen Drink besorgen, nicht wahr, Liebes?«

»Selbstverständlich, Mutter«, knurre ich.

»Großartig, großartig.« Philip Astley strahlt, während er auf den Fersen wippt und die Hände in die Taschen steckt.

Ich führe Cuthbert durch den Salon und wünschte, meine Knochen würden zu Staub zerfallen, sodass Hobbs sie auffegen und mich in seiner typisch diskreten und effizienten Art entsorgen könnte und ich nicht weiter an der Szene teilnehmen müsste. Es sind annähernd ein Dutzend Gäste hier, gefangen im niemals endenden Kreis höflichen Geplänkels.

Vater wacht über den Getränkewagen, und er wirft mir einen wissenden Blick zu, der bedeutet, dass dies alles Teil eines großen Plans und er sehr zufrieden mit dessen Fortschreiten ist. Er scheint es sich gerade noch verkneifen zu können, sich voller Freude die Hände zu reiben. Ich hebe mein Kinn und bedenke ihn mit einem kühlen Blick gerade noch unterdrückten Ärgers. Sein Ausdruck wird etwas unsicherer.

Mein Vater ist ein plumper und herzlicher Mann mit buschigem Schnurrbart und wässerig blauen Augen. Er hat mir das Reiten beigebracht, eine Tätigkeit, die wir beide lieben, obwohl er entsetzt war, als ich mich geweigert habe, an der Jagd teilzunehmen, weil ich finde, dass es eine barbarische und grausame Sportart ist. Und ich habe ihn nie wütender gesehen als damals, als ich falsche Spuren gelegt habe, um die Hunde von der wahren Spur des Fuchses abzulenken, sodass sie stattdessen im Kreis rannten.

»Was will ein Mädchen nur mit so vielen Gehirnzellen?«, habe ich ihn mehr als einmal seufzen hören.

»Ähem!« Jetzt räuspert er sich. »Soso, dies muss also der berühmte Cuthbert sein!«

Und er klopft dem armen Jungen mit solcher Begeisterung auf die Schulter, dass er strauchelt.

Ich vermute, dass die wahre Situation Cuthbert endlich klar wird, und er sieht verängstigt, beinahe kaninchenhaft zwischen mir und meinem Vater hin und her. Seine Hand hebt sich zu seinem Kragen, als wäre er zu eng.

»Wie … geht es Ihnen, Sir?«, bringt er gerade so heraus, seine Stimme dünn wie schwacher Tee.

»Lassen Sie mich Ihnen einen Drink besorgen, Cuthbert«, sage ich fest, denn er tut mir leid. Ich kann sehen, dass es an mir ist, uns durch diesen speziellen Sturm zu manövrieren – Cuthbert scheint nicht unbedingt der Typ zu sein, der aktiv wird.

»Oh, d-danke«, stottert er, wobei sich sein Adamsapfel auf und nieder bewegt und sein Hals rot anläuft.

Während Vater mit jemand anderem beschäftigt ist, gieße ich zwei Gläser Punsch ein und füge Cuthberts einen Spritzer von etwas Stärkerem bei, in der Hoffnung, dass ihm das etwas Mut verleiht.

»Danke«, sagt er wieder, nimmt einen tiefen Schluck und bekommt einen Hustenanfall. Möglicherweise habe ich es mit dem flüssigen Mut etwas zu gut gemeint, und ich klopfe ihm auf den Rücken.

»Alles in Ordnung?«, fragt Vater, der sich wieder uns zuwendet.

»J-ja, Sir«, bekommt Cuthbert gerade so heraus.

Da erklingt ein lauter Gong, der uns zum Dinner ruft; das Geräusch lässt den Raum vibrieren und den bereits sehr nervösen Cuthbert mehrere Handbreit in die Luft springen.

»Besser, Sie trinken den Rest hiervon aus«, sagt Vater jovial und zeigt auf Cuthberts Drink. Als er einen Moment wegsieht, schnappe ich mir das Glas aus Cuthberts Hand und leere die Überreste in einen nahen Topf-Farn.

Ich werde mit einem dankbaren, obgleich zitterigen Lächeln belohnt, und zu Vaters großer Freude bietet Cuthbert mir seinen Arm an, um mich in das Speisezimmer zu eskortieren.

Das Dinner ist genauso schrecklich, wie ich befürchtet habe. Das Essen ist ein klein wenig besser als gewöhnlich, denn wir müssen die Leute beeindrucken, doch unserer Köchin ist nie ein Gemüse untergekommen, das sie nicht zu Tode kochen konnte. Ich sitze zwischen Mutter und Cuthbert, und Mutter drängt uns mit ermutigenden kleinen Konversationsanstößen zum Gespräch.

»Beatrice, Philip sagt, Cuthbert ist ein begeisterter Briefmarkensammler, ist das nicht faszinierend?«

»Oh ja, wirklich faszinierend«, antworte ich düster. Immerhin kann Cuthbert ja nichts für all dies hier. »Haben Sie irgendwelche besonders interessanten Marken in Ihrer Sammlung?«

»Ähm … nicht wirklich«, stammelt Cuthbert und wird schon wieder rot. »Ich sammle sie eigentlich nicht selbst, wissen Sie. Mein Onkel hat mir einige seiner alten Alben vererbt …« Er verstummt unglücklich.

»Mmm«, murmle ich und ziehe mit dem Messer ein Unendlichkeitssymbol in die Soße auf meinem Teller. An einem Ende des Tisches ist Vater mit Mr. Astley tief in ein Gespräch über die Jagd versunken, ein Thema, bei dem sie die ganze Nacht bleiben können, in seliger und sehr lauter Übereinstimmung miteinander.

Der Pfarrer macht gerade eine Art abfälligen Kommentar über die moralische Einstellung seiner Schäfchen in der Gemeinde zur Dame neben ihm. Und die Pfarrersfrau erzählt mit dröhnender Stimme schon wieder die Geschichte über die Erkältung. Ich knirsche mit den Zähnen und spüre eine unbezwingbare innere Unruhe in mir aufsteigen. Wie sehne ich mich danach, auf die Füße zu springen und wegzulaufen, so schnell ich kann und so weit ich kann!

Doch stattdessen zwinge ich mich, mich auf die Konversation neben mir zu konzentrieren.

»Oh, Cuthbert!«, sagt Mutter und schüttelt den Kopf, ein Augenzwinkern in der Stimme, »wozu die Bescheidenheit? Ich bin sicher, ein junger Mann wie Sie wird kein Problem damit haben, das Anwesen zu leiten. Was Sie brauchen, ist natürlich eine Frau, die weiß, wie die Dinge laufen: eine junge Frau von guter Herkunft mit Erfahrung. Meinst du nicht auch, Beatrice?« Der Blick, den sie mir zuwirft, ist scharf. Hinter ihren Worten glänzt harter Stahl.

»Ja, Mutter«, sage ich kühl. »Vielleicht wäre es eine vernünftige Lösung, eine Anzeige in der Times aufzugeben, um jemanden für den Job zu finden.«

Mutter lacht ein gezwungenes Lachen; ein schrilles, nervöses Geräusch, und sieht mich warnend an. Wir wissen beide, dass ich anfange, mich danebenzubenehmen. Ich war voll und ganz darauf vorbereitet, mich heute Abend vorbildlich zu verhalten, aber dieser ganze perfide Plan um Cuthbert würde ausreichen, die Geduld einer Heiligen auf die Probe zu stellen. Wirklich, es ist ihre eigene Schuld.

Ich beginne, Spaß an der Sache zu finden.

»Ah.« Cuthbert räuspert sich, sein unsicherer Blick springt zwischen uns hin und her.

»Was … was machen Sie gerne, Beatrice?«, fragt er leicht verzweifelt, vermutlich in dem Versuch, das Gespräch zurück auf sicheren Boden zu steuern. »Als Hobby, meine ich?«

Ich stütze mich auf meinen Ellbogen und schenke ihm ein fröhliches Grinsen.

»Oh, Cuthbert«, sage ich. »Ich bin so froh, dass Sie fragen.«

»Beatrice …«, beginnt Mutter, sich offenbar der Gefahr der Situation bewusst, doch nun ist es zu spät.

»Um ehrlich zu sein, im Moment beschäftige ich mich mit der Untersuchung der Lampyris noctiluca oder dem Glühwürmchen, wie man sie für gewöhnlich nennt.« Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück. »Was ich besonders interessant finde, sind ihre Fortpflanzungsgewohnheiten.«

Meine Stimme hallt laut und klar durch den Raum, in dem augenblicklich jedes Gespräch erstirbt.

»Fortpflanzungsgewohnheiten?« Cuthberts Röte vertieft sich, und er wirft meiner Mutter einen angespannten Blick zu, doch sie hebt nur hilflos die Augenbrauen. Ich stelle fest, dass selbst der Pfarrer sich in meine Richtung gewandt hat.

»Ja«, sage ich. »Fortpflanzungsgewohnheiten. Womit ich selbstverständlich die sexuelle Paarung meine, die zur Reproduktion führt.«

Cuthberts Mund steht leicht offen, die Gabel baumelt lose in seiner schlaffen Hand. Die anderen an der langen Tafel sitzen in eisiger Stille da.

»Es ist das weibliche Glühwürmchen, das der Biolumineszenz fähig ist, um das Männchen anzuziehen, wissen Sie«, fahre ich im Plauderton fort. »Je mehr ein weibliches Glühwürmchen glüht, desto attraktiver wird es als Sexualpartnerin, da größere Lumineszenz größere Fertilität bedeutet.«

»F-fertilität«, flüstert Cuthbert benommen.

Ein Stöhnen kommt vom Ende der Tafel, wo Vater sitzt, den Kopf in die Hände gestützt. Mutters Gesicht ist aschgrau. Der Rest der Gesellschaft starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an.

»Ja«, sage ich und drehe mich ein wenig, sodass ich zu ihnen allen spreche. »Fertilität.« Ich lasse mir das Wort auf der Zunge zergehen. »Fruchtbarkeit. Was natürlich absolut wünschenswert ist an einem Sexualpartner, wenn man die Kopulation zur Erhaltung der Art betrachtet.«

»Ich denke, diese Konversation ist unpassend für eine Dinnerparty, Beatrice«, unterbricht mich Mutter jetzt eilig; sie hat immerhin ihre Stimme wiedergefunden.

»Meines Erachtens ist diese Konversation unpassend für eine junge Dame, unabhängig von Zeit oder Ort!«, donnert der Pfarrer mit seiner dramatischen Sonntagspredigtstimme, und Mutter zuckt zusammen.

»Oh, nein«, sage ich ernst. »Warum sollten junge Frauen an solchen Konversationen nicht teilnehmen? Schließlich, Hochwürden, sind wir es, die selbst Mütter werden müssen, wenn der Mensch in seiner Art weiterbestehen soll. So steht es in der Bibel, nicht wahr? Seid fruchtbar und mehret Euch und all das.« Ich wedle sorglos mit der Hand. »Also müssen Sie zustimmen, dass es nicht weniger ist als verantwortungslos, junge Frauen unwissend zu lassen, was den Akt der sexuellen Fortpflanzung angeht.«

»Akt der sexuellen Fortpflanzung!«, wispert die Frau des Pfarrers, während Mutter kurz davor zu sein scheint, in Ohnmacht zu fallen.

»Exakt.« Ich lächle die ganze Gesellschaft an und zeige meine weißen Zähne. »Ganz genauso ist es. Was für ein wundervolles Abendessen heute, Mutter, mein Kompliment an die Köchin.«

Und ich spieße ordentlich eine Karotte auf meine Gabel und stecke sie in den Mund, während um mich herum ein Tumult der Empörung ausbricht.

KAPITEL 3

»Ich finde, es lief gar nicht so schlecht.«

Meine Erklärung wird von Mutter, die erschöpft auf dem Sofa liegt, mit einem Stöhnen kommentiert.

Die Dinnerparty hat sich kläglich zu ihrem steifen und höflichen Ende geschleppt, gerettet nur von Mutters betont fröhlichem Geplauder. Nachdem sie mich unter dem Tisch getreten hat, bin ich aus Protest völlig verstummt. Und als die Herren nach dem Essen den obligatorischen Brandy getrunken und die Damen im Salon sich eine Weile gezwungen unterhalten hatten, höflich und eisig, sind die Gäste alle hastig in die Nacht entschwunden, und Vater hat sich in sein Studierzimmer zurückgezogen, um »in Frieden« Zigarre zu rauchen.

»Kopulation«, stöhnt Mutter, eine Hand an der Stirn.

Das Wort hängt auf so dramatische Weise in der Luft, dass ich ein Lachen unterdrücken muss und stattdessen huste.

»Du hast Kopulation gesagt, vor dem Pfarrer. Das wird er mir noch jahrelang vorwerfen. Er wird es in die Sonntagspredigt aufnehmen, und jeder wird wissen, warum, und am Ende ist es wieder meine Schuld, dass du dich so fürchterlich benimmst und so ungehörige Dinge sagst. Ehrlich, Beatrice, wie konntest du? Es ist absolut unangemessen für eine junge Dame, diese … diese Sorte von Dingen zu erwähnen. Vor allem in höherer Gesellschaft.«

»Ach, komm, es ist nicht so, als wüsste der Pfarrer nicht, was das Wort bedeutet, um Himmels willen«, sage ich fest. »Er und seine schreckliche Frau haben zwei genauso schreckliche Kinder, also müssen sie es mindestens zweimal getan haben.«

»Beatrice!«, tönt ihre entsetzte Stimme von irgendwo zwischen den Sofakissen.

»Und es war in einem naturwissenschaftlichen Kontext«, fahre ich fort. »Ich habe nur versucht, zu erläutern …«

»Genug davon!«, schnappt Mutter und zieht sich hoch in eine sitzende Position. »Ich wünsche nicht, diese Konversation noch einmal aufleben zu lassen.« Sie funkelt mich an. »Das ist der letzte Strohhalm, Beatrice. Ich habe genug davon, dass du dich benimmst wie eine Wilde, unsere Nachbarn schockierst, völlig abgerissen in der Landschaft herumrennst, um ekelhafte Kriechtiere mit Gläsern zu fangen und deinen Kopf mit lateinischen Texten vollstopfst – und der Himmel weiß, was in diesen Büchern steht, wenn man bedenkt, welche Sorte von Gespräch du angemessen findest für eine Dinnertafel …«

Ich muss eine neue nervöse Welle von Lachen unterdrücken bei der Idee meines skandalösen lateinischen Lesestoffs. (Als wüsste ich nichts über die fragwürdigen Liebesromane, die sie hinter den Pflanzen im Gewächshaus versteckt. Das ist wirklich erhellende Lektüre.)

»Gut, es tut mir leid«, sage ich und fühle den scharfen Stachel des Bedauerns wie immer, nachdem ich mich danebenbenommen habe. »Ich weiß, es war falsch von mir, aber ich konnte einfach nicht anders. Ich meine, wirklich, Mutter, Cuthbert

Sie betrachtet mich mit eisiger Wut. »Cuthbert Astley war deine letzte große Hoffnung, mein Mädchen!«

Und sie wedelt dramatisch mit einem Finger vor meinem Gesicht herum.

Ich schnaube verächtlich, obgleich bei der Verzweiflung in ihrer Stimme eine kalte Hand mein Herz zu umklammern beginnt. »Cuthbert Astley als irgendjemandes große Hoffnung zu beschreiben, letzte oder welche auch immer, ist weit hergeholt, Mutter.« Ich halte meinen Ton absichtlich fröhlich und leicht.

»Oh, das sieht dir dermaßen ähnlich, Beatrice!«, ruft sie, und nun höre ich echte Sorge in ihrer Stimme. »Du bist so selbstzufrieden! Aber was wird aus dir werden, wenn dein Vater und ich nicht mehr da sind, um uns um dich zu kümmern?«

Sie schnieft und zieht ein ziemlich zerknautschtes weißes Taschentuch hinter einem der Sofakissen hervor. Ich lasse mich auf den Boden neben ihr sinken und nehme ihre Hand. »Verzeih mir«, sage ich. »Ich weiß, du machst dir Sorgen, aber ehrlich, ich denke nicht, dass ein Ehemann die Lösung ist. Ich könnte mir einen Job besorgen, genau wie ich schon früher gesagt habe …«

Mutter schnaubt nur. »Einen Job, hah.«

»Ja, warum nicht? Ich könnte einen Beruf lernen. Eine Menge Frauen arbeiten und tun alle möglichen Dinge.«

»Frauen von deinem Stand nicht«, sagt Mutter entschlossen und reibt sich müde die Stirn.

Ich weiß, sie wird meinen Wunsch zu arbeiten niemals verstehen. Oder den, zu studieren. Der Gedanke daran, zu studieren, auf eine Universität zu gehen, um zu lernen, vielleicht sogar Naturwissenschaften oder Medizin, ist wie ein plötzlicher Schmerz in meiner Brust, und ich presse die Hand für eine Sekunde darauf, als könnte ich das Gefühl so unterdrücken.

Ich habe nicht einmal den Versuch unternommen, mit meinen Eltern darüber zu sprechen. Ich weiß, sie wären dagegen, und ich kann es mir sowieso nicht leisten, zur Universität zu gehen. Irgendwie könnte ich es nicht ertragen, dass sie diesen Traum so leichthin verwerfen wie all meine anderen Träume, er ist zu wertvoll.

»Bitte, Liebling, hör auf, mich aufzuziehen«, führt Mutter fort, als hätte ich die letzten Sätze gar nicht gesagt. »Du weißt, meine Nerven halten das nicht aus.«

Und sie beginnt wieder zu weinen, echte Tränen, was dazu führt, dass ich mich fürchterlich fühle.

»Jetzt schau dir an, was du angestellt hast, Beatrice!«, dröhnt Vater von der Tür aus, wo er plötzlich aufgetaucht ist. Er geht hinüber auf Mutters andere Seite und ergreift ihre Hand. »Das ist alles deine Schuld.«

Auf einmal habe ich genug.

Seine Worte sind wie ein Streichholz; sie entzünden etwas Großes und Ärgerliches in meinem Inneren, das sofort auflodert.

»Ihr beide! Ihr klammert euch an irgendeine … eine lächerliche Version der Vergangenheit!«, fauche ich und springe auf die Füße. »Da draußen gibt es eine ganze Generation junger Leute, die Dinge ändern und ein aufregendes, modernes Leben führen! Aber wir, wir leben in diesem Mausoleum. Es ist, als hätte jemand hier die Zeit angehalten, und ich ertrage das nicht mehr!«

»Hör auf, so hysterisch zu sein!« Mutters Stimme ist schrill. Es ist klar, dass nur ein Familienmitglied die Erlaubnis hat, Nervenzusammenbrüche zu bekommen.

»Ich bin nicht hysterisch«, sage ich und hole tief Luft, um ruhiger zu sprechen. »Ihr versucht, mich zu versteigern wie eine preisgekrönte Stute, ohne einen Gedanken daran, was ich will …«

»Wir versuchen zu tun, was das Beste für dich ist.« Vaters Gesicht nimmt einen tiefen Rotton an. »Nicht dass jemand uns danken würde, und Gott bewahre, du respektierst weder deine Familie noch unsere Geschichte. Es hat seit über FÜNFHUNDERT JAHREN Langtons in Langton Hall gegeben!«

Normalerweise würde ich jetzt einfach nicken und an etwas anderes denken, während er von der Familienehre schwafelt, doch in diesem Moment reicht es mir. Ich habe mir das hier mein ganzes Leben lang angehört, und ich habe es satt, habe das Gewicht von Langton Hall satt und sein Erbe, habe all die alten Generationen von Langtons aus der Geschichte satt, die mich erdrücken. Es ist, als könnte ich fühlen, wie die Mauern des Hauses mich zu Tode quetschen und mich vom Rest der Welt abschneiden.

»Ich weiß, dass es seit über fünfhundert Jahren Langtons in Langton Hall gegeben hat.« Ich bin nah daran, in Tränen auszubrechen, doch ich versuche, mit ruhiger Stimme zu sprechen. »Aber ihr müsst einsehen, dass ich – selbst wenn ich mit euren Plänen einverstanden wäre und irgendeinen wohlhabenden, durch Inzucht hervorgebrachten Aristokraten heiraten würde, um dem Anwesen zu helfen – nun, dass ich dann keine Langton mehr wäre

»Aber du könntest diesen Ort am Leben erhalten«, sagt Mutter.

»Du würdest die Langton-Blutlinie retten!« Vaters Stimme klingt gedämpft, als würde er etwas aussprechen, das zu heilig ist, um es laut zu sagen.

Ich sehe mir meine Eltern an und spüre einen Stich des Mitgefühls.

Sie wirken kleiner in diesem Moment, ihre Augen brennend vor Fanatismus.

»Es tut mir leid«, sage ich resigniert. Und trotz meines Ärgers liegt mir das Gefühl der Schuld schwer im Magen.

»Ich weiß nicht, was wir mit dir machen sollen, Beatrice, ich weiß es wirklich nicht«, sagt Mutter, und ihre Stimme ist jetzt traurig und leise, als hätte sie es aufgegeben.

Das schlechte Gewissen in mir wächst. Ich habe mich über Cuthbert lustig gemacht, aber die trostlose Wahrheit ist, dass sie wahrscheinlich recht haben. Die Zukunft, die sich vor mir erstreckt, sieht grauenhaft leer aus. Ich kann so nicht weitermachen. Vielleicht ist Cuthbert – oder jemand wie er – wirklich die einzige Option.

»Alles wird gut, Delilah«, sagt Vater. Er geht ein paarmal im Raum auf und ab und bleibt dann plötzlich stehen, um meine Mutter anzusehen. »Hör zu, ich denke … ich denke, es ist Zeit für uns, Leos Angebot zu bedenken.«

»Nein!«, ruft Mutter. »Michael, ich dachte, wir wären übereingekommen …«

Vater hält eine Hand empor, und Mutter verstummt. Das tut sie immer, wenn er es verlangt.

»Wir haben keine Wahl«, sagt er. »Ganz offenbar dringen wir nicht zu Beatrice durch. Diese kindischen Mätzchen geraten außer Kontrolle, und jetzt hat sie uns vor halb England bloßgestellt. Es ist das Beste für alle, wenn sie eine Weile fort ist, unter strenger Überwachung. Ich bin sicher« – er wendet sich mir zu, und auf einmal erscheint er mir Furcht einflößend groß, in seinen Augen ein Blitzen wie von Stahl – »dass Beatrice, mit etwas Bedenkzeit, zum selben Schluss gelangen wird wie wir. Und dass sie sich bei ihrer Rückkehr einer jungen Dame in ihrer Situation angemessen verhalten wird.«

»Rückkehr von wo?«, frage ich misstrauisch. »Wohin genau verreise ich?«

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