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Meinen Sohn bekommt ihr nie

Als Buch hier erhältlich:

Im Jahr 1999 beschließt die junge Schweizer Jüdin Isabelle Neulinger, nach Israel auszuwandern. Dort heiratet sie den modernen, an Religion nicht interessierten Sportlehrer Shai Shuruk. Nach der Geburt ihres Sohnes Noam beginnt Shai sich intensiv mit dem jüdischen Glauben zu beschäftigen. Obwohl Isabelle sich, um der Liebe willen, zunächst den immer radikaleren und restriktiveren religiösen Regeln fügt, wird ihr bald klar, dass sie Shai an eine ultraorthodoxe Bewegung verloren hat. Im Juni 2005 tritt sie mit ihrem kleinen Sohn die Flucht an. Den Rechtsstreit um Noam gewinnt die Mutter nach Jahren; ihr offenherziger und aufwühlender Erlebnisbericht zeigt, wie die Kluft zwischen säkularem und orthodoxem Leben Gesellschaft und Familien entzweit.
  • Erscheinungstag: 28.01.2013
  • Seitenanzahl: 208
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312005703
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Inhalt

Prolog

 

Teil eins    Mein gelobtes Land

 

Ein Kind der ganzen Welt  ·  Die Offenbarung  ·  Abschied von der Schweiz  ·  Olah, Einwanderungskandidatin  ·  Ra’anana  ·  Kafka ist Israeli  ·  Der Führerschein  ·  Jerusalem  ·  Die Weiße Stadt  ·  Nur in Israel  ·  Großer Spaß und bitterer Ernst  ·  Shai  ·  Eine unerwartete Hochzeit  ·  Terror in Tel Aviv  ·  Hochzeit Nummer zwei  ·  Ein paar jüdische Traditionen  ·  Noch mehr Traditionen  ·  Und wo bleibt das Vertrauen?  ·  Rückkehr nach Tel Aviv  ·  Noam, mein Sohn  ·  «Baal Teschuwa» – Meister der Rückkehr  ·  Eskalation  ·  Zeit zu handeln  ·  Die Scheidung    ·    Die Flucht

 

 

Teil zwei        Der Kampf

 

Rückkehr in die Schweiz   ·   Lausanne   ·   Verflixter Pass!   ·   Erste Siege   ·   Der Rückschlag   ·   Rüsten zum Kampf   ·   «Das ist eine Bombe!»   ·   Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte   ·   Die letzte Karte   ·   Die Große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte

 

Und jetzt

 

Dank

Prolog

Grenzposten von Taba

Südisrael, Juni 2005

 

Es ist vier Uhr morgens. Am Himmel über dem Sinai leuchten die ersten Farben des erwachenden Tages, eine Reihe rot schimmernder Schnüre, an denen zahllose blasse Sterne baumeln. Es stimmt, dass sich nur in der Wüste ein solcher Sternenhimmel offenbart. Wäre ich nicht auf der Flucht, würde ich hier anhalten, genau zwischen Meer und Bergen, und dieses Bild betrachten, das wirkt wie aus Tausendundeiner Nacht. Dieses gelobte Land, das mir so viel geschenkt hat und aus dem ich mich jetzt davonstehle wie eine Diebin. Aber ich habe keine Zeit, die Landschaft zu bewundern. Was ich in dieser heißen Sommernacht vorhabe, ist der reine Wahnsinn. Mit gutem Grund hat mir Moshe, der Schleuser, einige Kilometer zuvor das Steuer überlassen: Zu riskant, unser Vertrag endet hier.

 

Als wir in Arad volltankten, bestand er darauf, dass ich eine Vierteltablette Valium nehme. Doch nichts kann die Angst mildern, die mir in allen Gliedern steckt. Kalter Schweiß lässt mich trotz der Hitze der Nacht frösteln. Mein Rücken klebt am Sitz meines kleinen Daihatsu, während sich die gewaltigen Scheinwerfer des Grenzpostens immer deutlicher abzeichnen.

Moshe und ich haben den Übergang in Taba nicht zufällig ausgewählt. Es ist der einzige in ganz Israel, der dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr und rund um die Uhr geöffnet ist – außer an Jom Kippur, dem Versöhnungstag, der wie ein Schalter das ganze geschäftige Leben im Land ausknipst. Es ist auch der meistgenutzte Posten. Am Wochenende, in den Ferien und während der jüdischen Feiertage passieren dort Dutzende Israelis die Grenze, um ihre freie Zeit an der ägyptischen Küste des Roten Meers zu verbringen, in kleinen, schäbigen Badeorten oder wild campierend mitten in der Wüste Sinai. Seit wir in Tel Aviv losgefahren sind, hat mir Moshe immer wieder eingetrichtert, was wir vorher bis ins Kleinste festgelegt haben: Wenn mir die Polizisten Fragen stellen, muss ich vor allem ruhig bleiben, ich bin ein working girl aus Tel Aviv, meine Freunde erwarten mich auf der anderen Seite, wir wollen tauchen gehen. Ganz einfach, nicht? Das Rote Meer ist ein Wasserparadies, beliebt bei Tauchern aus der ganzen Welt, und die ägyptischen Strände im Norden, abseits der großen Hotelanlagen und wenige Kilometer von der israelischen Grenze entfernt, sind naturbelassen und vom Massentourismus unberührt. Die Israelis lieben sie trotz der Warnungen, die die Regierung nach dem Attentat der al-Kaida auf das Hilton-Hotel in Taba ausrief, bei dem im Oktober 2004 vierunddreißig Menschen starben. In Israel gewöhnt man sich schnell daran, mit der Bedrohung zu leben.

Heute Nacht gehöre ich also zu diesen zerstreuungsbedürftigen Urlaubern, und ich bin spät aufgebrochen, weil ich nicht von der Arbeit loskam. Während ich mich dem ersten Wächterhäuschen nähere, wiederhole ich im Stillen die Namen meiner angeblichen Freunde, die auf mich warten, und den des Badeorts, wo wir uns treffen.

Im Morgengrauen ist der Übergang wie ausgestorben. Mein Auto ist das einzige auf dem großen Parkplatz. Der Gedanke an die unmittelbar bevorstehende Begegnung mit den Grenzpolizisten lähmt mich. Aber es ist zu spät, um umzukehren. In dieser Nacht fliehe ich mit Noam aus Israel, ich fliehe vor einem Mann, den ich einmal geliebt habe und den ich nun nicht wiedererkenne, ich fliehe aus einem Leben, das er mir aufgezwungen hat und das mit den Vorstellungen einer freien Frau nichts zu tun hat. Heute Nacht entscheidet sich alles, halbe Sachen gibt es nicht. Hinter Taba ist Ägypten, die Freiheit. Oder das Gefängnis. Fünfzehn Jahre mindestens. Und Noam, mein Sohn, mein Ein und Alles, das Kind, für das ich diese Reise unternehme, wird mir für immer genommen. Noam, der hinten zwischen der Taucherausrüstung schläft. Ich weiß, der Schleuser hat mich gewarnt: «Dreh dich auf keinen Fall um, schau immer schön nach vorne!» Aber als ich das Auto abstelle und mich gegenüber den Zollbeamten, die mich von weitem beobachten, entspannt gebe, indem ich mich strecke, werfe ich einen Blick in den Rückspiegel, und das, was ich sehe, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Im Schlaf hat sich das Baby bewegt, und hinten im Wagen schauen unverkennbar ein Händchen und ein Füßchen zwischen Flossen und Schnorcheln hervor.

Ein Kind der ganzen Welt

Nie habe ich mich in erster Linie als Belgierin gefühlt und auch nicht als Schweizerin oder Israelin, sondern als ein Kind der ganzen Welt, einer Welt, die ich durch meine Eltern sehr früh kennengelernt habe. Ich wurde in Belgien geboren und wuchs südlich von Brüssel auf, in Watermael-Boitsfort, einer der kleinsten von insgesamt neunzehn Gemeinden, die die Hauptstadt Europas bilden. Ich bin Jüdin, mit polnischen Wurzeln von meiner Mutter und österreichischen von meinem Vater. Meine beiden Großväter Isaac und Philippe waren Diamantenschleifer im flämischen Antwerpen. Die beiden waren eng befreundet, und ihre Kinder – mein Vater und meine Mutter – spielten häufig miteinander.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, trennten sich ihre Wege. Nach dem Einmarsch der Nazis in Belgien mussten sie mit ihren Familien fliehen und nahmen das einzige Tauschmittel mit, das ihnen blieb: ihre kleinen geschliffenen Diamanten. Sie brauchten nur ein gutes Versteck.

Isaac, der Vater meiner Mutter, ließ seine Steine in einer leeren Konservenbüchse verschwinden, deren Deckel er wieder anschweißte. Die fünfköpfige Familie machte in Paris Halt und kam in einem Stundenhotel unter. Eines Nachts, als sie alle eng zusammengepfercht in ihrem kleinen Zimmer lagen, wurden sie von einem lauten Knall aus dem Schlaf gerissen. Die schlecht verschweißte Dose war explodiert und hatte die Diamanten über den ganzen Boden und die mit rotem Samt bezogenen Wände verteilt. Meine Mutter erzählte mir, wie sie und ihre Schwester drei Tage lang auf allen vieren herumgerutscht waren, um die Steinchen, die kaum größer als Stecknadelköpfe waren, in mühseliger Kleinstarbeit mit Pinzetten wieder einzusammeln.

Philippe, mein Großvater väterlicherseits, hatte seine Diamanten in einem Sack Reis versteckt. Bei dem Versuch, mit falschen Papieren über die Grenze nach Spanien einzureisen, erklärten ihm die Zöllner jedoch, dass die Einfuhr von Lebensmitteln nicht erlaubt sei und er den Reissack abgeben müsse. Eine List musste her… Mein Großvater gab vor, seinen Pass vergessen zu haben, machte vor dem verblüfften Zollbeamten auf dem Absatz kehrt und suchte einen sicheren Ort auf, um die Diamanten aus dem Sack zu klauben. Danach konnten er und seine Familie die Grenze ohne weitere Zwischenfälle überqueren – den Reis ließen sie zurück. Wo er die Diamanten diesmal versteckt hat, haben wir nie erfahren.

Nach ihrem Aufenthalt in Paris zog die Familie meiner Mutter weiter nach Südfrankreich, um von dort in die Vereinigten Staaten zu gelangen, die inzwischen in den Krieg eingetreten waren. Mein Großvater brachte sie – ebenfalls mit gefälschten Papieren – an Bord eines Schiffs, das von Spanien übersetzte. Es war das letzte, das in Kuba unter General Batista anlegen durfte. Dort blieben sie bis zum Kriegsende.

Die Familie meines Vaters verschlug es nach Portugal. Mein Vater Philip wurde Jagdpilot und verpflichtete sich bei der Royal Air Force, wo er unter belgischem Kommando eine der legendären Spitfire-Maschinen flog. Später sollte er in der zivilen Luftfahrt Karriere machen und Flugkapitän bei der Sabena werden, der damaligen staatlichen Airline Belgiens. Er war es, der meiner Schwester und mir die Lust am Reisen und das Interesse für fremde Kulturen mitgegeben hat.

Die zahlreichen Brüder und Schwestern meiner Großeltern hatten nicht so viel Glück: Fast alle wurden von den Nazis deportiert und umgebracht.

 

Nach dem Krieg erhielten meine Großväter Visa für die Vereinigten Staaten, und beide ließen sich in New York nieder, ohne voneinander zu wissen.

Eines Tages spazierte mein Vater, frisch aus dem Kriegsdienst entlassen, in seiner stattlichen, mit Orden schwer behängten Uniform der Royal Air Force an der Seite seines Vaters die vornehme Fifth Avenue entlang. Der Zufall wollte es, dass ihnen genau in diesem Moment mein Großvater Isaac in Begleitung seiner Tochter Stella entgegenkam. Philippe und Isaac, die sich seit ihrer Abreise aus Antwerpen nicht mehr gesehen hatten, fielen sich in die Arme. Mein Vater verfiel augenblicklich Stella, seiner Spielkameradin aus Vorkriegszeiten. «Papa, dieses Mädchen werde ich heiraten», rief er seinem Vater zu.

Erst da erzählte ihm mein Großvater von der Abmachung, die er mit Isaac in Flandern getroffen hatte. Isaac war bei der Geburt meines Vaters dabei gewesen und mit Philippe im Flur des Krankenhauses auf- und abmarschiert. Und Philippe hatte dasselbe bei der Geburt meiner Mutter getan. Damals hatten sich die beiden Freunde versprochen, ihre Kinder miteinander zu verheiraten – was somit geschah, dank der zufälligen Begegnung in Manhattan.

 

Doch auch ohne dieses Arrangement meiner Großväter hatte die Liebe leichtes Spiel, und die Hochzeit wurde bald darauf gefeiert. Meine Schwester Lynn kam in New York zur Welt, und die kleine Familie lebte noch einige Jahre in den USA, wo mein Vater für eine amerikanische Airline flog.

Meine Mutter erzählte mir, wie groß ihre Enttäuschung war, als sie nach Belgien zurückkehrten. Alles musste nach dem Krieg wiederaufgebaut werden, und der Unterschied zwischen den technisch fortschrittlichen USA und dem winzigen Belgien, wo gerade die ersten elektronischen Haushaltsgeräte und neu auch Alufolie auf den Markt kamen, war enorm. Als mein Vater bei der Sabena angestellt wurde, bat man ihn, auf seine amerikanische Staatsangehörigkeit zu verzichten. Es war die Zeit des Kalten Kriegs, und in den Ländern des Ostblocks, die er häufig anflog, war ein Pass der USA nicht gern gesehen. So kam es, dass meine Schwester Lynn in den Vereinigten Staaten als Kind amerikanischer Eltern geboren wurde, während ich in Belgien als Kind belgischer Eltern das Licht der Welt erblickte!

Ich wuchs also in der Heimat von Jacques Brel auf, im Land der Schokolade, des Biers und des Surrealismus. Die jüdische Schule besuchte ich nicht, und auch den Sabbat hielten wir nicht ein, für uns war es ein Tag wie jeder andere. Allerdings gingen meine Mutter und ich regelmäßig in die Synagoge, und wir feierten zu Hause die wichtigen Feste wie den Neujahrstag Rosch ha-Schana, das Versöhnungsfest Jom Kippur, das Laubhüttenfest Sukkoth, das Lichterfest Chanukka und natürlich Pessach, das jüdische Osterfest. Vor allem meiner Mutter bedeuteten die Traditionen viel. Niemand verstand es, «gefilte Fisch», «Kneidlach» (Knödel aus ungesäuertem Teig), gehackte Leber und andere aschkenasische Speisen wie sie zuzubereiten, ganz zu schweigen von ihrer Hühnerbrühe, dem bekannten «jüdischen Allheilmittel». Mein eher pragmatischer, den weltlichen Dingen zugewandter Vater legte auf diese Dinge zwar keinen großen Wert, meiner Mutter zuliebe machte er jedoch mit.

Wie viele meiner Freunde, die ebenfalls den jüdischen Gemeinden von Brüssel und Antwerpen angehörten, besuchte ich eine staatliche Schule und bewegte mich in einem liberalen Umfeld. Trotzdem war ich mir meiner jüdischen Identität stets bewusst. Ich erhielt eine humanistische Bildung, lernte Griechisch und Latein und brachte gute Noten nach Hause, obwohl ich mit dem Schulsystem, das ich vollkommen idiotisch fand, auf Kriegsfuß stand. Der Unterricht langweilte mich zu Tode, Rockmusik und Jungs interessierten mich mehr. Aufmüpfig schwänzte ich die Schule und spielte stattdessen Theater. Ich setzte meinen Kopf durch, suchte die Konfrontation und ging schon aus Prinzip ausschließlich mit nichtjüdischen Männern aus. Meine Eltern waren alles andere als begeistert.

Auf keinen Fall wollte ich mich in eine Rolle fügen, die sie für mich vorgesehen haben könnten. Ich schätzte meine Eltern für ihr offenes Denken, für die vielen Reisen und die Unternehmungen, die mich geprägt hatten. Und doch kam für mich nicht infrage, deshalb einen jüdischen Mann aus guter Familie nach Hause zu bringen, wie es sich vielleicht gehört hätte.

 

Ich zog früh von daheim aus und fing bei einer amerikanischen Firma im Sekretariat an. Meine Eltern wussten inzwischen, dass jede Widerrede zwecklos wäre, und ließen mir in allen Dingen freie Hand.

Und so wurde eines Tages die Schweiz zu meiner neuen Heimat. Wieder einmal entschied der Zufall: Während eines Besuchs bei einer Freundin aus der Kindheit sollte eine unverhoffte Liebe meinem Leben eine entscheidende Wendung geben.

Ich heiratete in der Schweiz und lebte mit meinem Mann in Lausanne. Doch mit zweiunddreißig Jahren starb er völlig überraschend an einem Hirnschlag. Das zog mir den Boden unter den Füßen weg. Zum ersten Mal wurde ich mit dem Tod konfrontiert, und von einem Tag auf den andern stand ich allein da. Glücklicherweise war meine Familie in der Zwischenzeit aus Belgien in meine Nähe gezogen, meine Schwester lebte mit ihrer Familie in Genf, meine Eltern in Annecy, gleich hinter der französischen Grenze.

Ich nahm mir in Lausanne eine neue Wohnung. Doch der Schock saß tief, und ich sehnte mich nach einem Ort, der nur mir gehörte, der mich nicht ständig an etwas erinnerte. Dabei liebte ich die Stadt, ihre Lage mitten in Europa, die Postkartenlandschaft rundherum, den See, die nahen Berge. Ich hatte einen guten Job in einem internationalen Konzern, ich hatte meine Familie und meine Freunde, die mir eine große Stütze waren, denn tatsächlich gab es auch Menschen, die aus meiner Not ihren Nutzen zu ziehen versuchten.

Es sollte vier Jahre dauern, bis ich mich wieder aufgerappelt und den Tod meines Mannes überwunden hatte, Jahre, in denen ich viel dazulernte und an deren Ende ich zumindest eine klare Erkenntnis gewonnen hatte: Ich komme auch allein zurecht.

Die Offenbarung

Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nichts oder nur wenig von Israel. Vor und nach dem Krieg emigrierten einige meiner Verwandten dorthin, und wir besuchten sie manchmal in den Ferien. Ich erinnere mich an meine Großtante Flor, eine Pionierin, die schon Anfang der dreißiger Jahre auswanderte, an entfernte Cousins, die ich nur flüchtig kannte, an Sommerferienlager, die keinen bleibenden Eindruck hinterließen. Viel weiter reichen meine Kindheitserinnerungen nicht.

Das sollte sich im Frühjahr 1999 schlagartig ändern. Eine meiner Cousinen, die in Brüssel lebt, fragt mich, ob ich nicht mit ihr verreisen möchte. Wir sind zusammen in Belgien aufgewachsen und stehen uns trotz der Kapriolen, die das Leben so schlägt, und der vielen Kilometer, die uns trennen, sehr nah. Schon lange wollen wir zusammen Urlaub machen, doch immer kommt irgendetwas dazwischen. Dieses Mal finden wir tatsächlich eine freie Woche im Juni, und aufgeregt wie zwei Teenager spielen wir alle möglichen Urlaubsziele in der Sonne durch. Griechenland, Türkei, Spanien? Warum nicht Israel? «Wie wär’s mit Eilat?», schlägt meine Cousine vor. Eilat liegt im Süden, am Roten Meer. Ich kenne den Ort nicht, meine Cousine war auch noch nie dort, aber die Fotos in den Katalogen sprechen für sich: türkisblaues Wasser, Sonne, ein Paradies für Taucher. Wir sind uns sofort einig: Eilat soll es werden.

 

Bereits kurz nach der Ankunft, auf dem Weg in unser Klubhotel, macht sich Enttäuschung breit. Eine Hotelanlage reiht sich an die andere, die Architektur entlang der Küste ist trostlos – Stadtplanung ist hier anscheinend ein Fremdwort. Eilat bildet zwar das Tor zur Wüste Negev, doch vom Charme einer Wüstenstadt mit Beduinenzelten, die ich hier vorzufinden hoffte, ist nichts zu spüren. Wir könnten ebenso gut an der Costa Brava sein. Doch Eilat ist auch das Paradies für Nachtschwärmer. Meine Cousine und ich lassen uns nicht zweimal bitten und stürzen uns ins Vergnügen. Alle Vorurteile, die ich diesem Land gegenüber hatte, lösen sich innerhalb von zwei Tagen in Luft auf. Ich habe damit gerechnet, Kibbuzniks in Sandalen zu begegnen, und lerne ein Land kennen, das technisch und wirtschaftlich auf dem höchsten Stand ist. Über das Oberflächliche unserer Klubanlage sehe ich schnell hinweg und bin überwältigt von der allgegenwärtigen Modernität. Kurz: Meine anfängliche Überheblichkeit schlägt in Bewunderung um.

Eilat ist am Puls der Zeit, seine Bewohner sind jung, urban, ohne Sorgen. Ehud Barak, der Ministerpräsident, gibt mit seiner Beschwichtigungspolitik dem Frieden Aufschwung. Außerdem gibt es hier erstklassigen Espresso und einen Wein, der locker mit dem europäischen mithalten kann – für mich als Kaffee- und Weinliebhaberin nicht ganz unwichtig. Der Geburtstag meiner Cousine fällt in die Ferien, und ich schenke ihr eine Fahrt mit dem Schiff an der Küste von Eilat und der Halbinsel Sinai entlang. Wir verbringen einen großartigen Tag, schwimmen im kristallklaren Wasser, tauchen nach Fischen und Korallen. Als das Boot zur Mittagszeit den Anker wirft, sind rings um uns die Küsten Ägyptens, Israels, Jordaniens und Saudi-Arabiens am Horizont zu erkennen. Der Blick auf die Berge, deren Hänge ins Rote Meer abfallen, ist atemberaubend schön. Es ist endgültig um mich geschehen, und am Ende meiner Ferien steht fest: Genau hier, in Israel, möchte ich mein Leben fortsetzen.

Abschied von der Schweiz

Das Rückkehrgesetz von 1950, nach dem jeder Jude sowie sein Ehepartner, seine Kinder und Enkelkinder das Recht haben, in Israel zu leben, ist mir bekannt, und dieses Recht erscheint mir schon bald wie eine positive Pflicht. Ich werde also meine Alija machen, was auf Hebräisch so viel wie «Aufstieg» bedeutet.

Von diesem Moment an laufen die Dinge wie von selbst.

Zurück in der Schweiz, teile ich allen unverzüglich meinen Entschluss mit – und löse damit ein kleines Erdbeben aus. Niemand nimmt es ungerührt. Die einen ermutigen mich, die andern versuchen, mich davon abzubringen, indem sie das Gespenst des schwelenden israelisch-palästinensischen Konflikts heraufbeschwören. Letztere können oder wollen nicht verstehen, wie ich ein so sicheres, wohlhabendes und friedliches Land wie die Schweiz verlassen kann, um in einem Staat zu leben, der, Fortschrittlichkeit hin oder her, in einer Region liegt, deren politische Instabilität schon seit Jahrzehnten regelmäßig für Schlagzeilen sorgt.

Lange bespreche ich meine Entscheidung mit meinen Eltern. Sie sind enorm aufgeregt, aber seit meinen Rebellenjahren wissen sie, dass sie keine Wahl haben. Also unterstützen sie mich in meiner Entscheidung und respektieren den Weg, den ich gewählt habe. In Gedanken ziehe ich Bilanz und komme zu dem Schluss, dass es für mich in der Schweiz nichts mehr zu tun gibt: Ich war hier glücklich, habe geheiratet, wurde Witwe. Ich habe Leid erfahren und gelernt, es zu überwinden. Nun ist es an der Zeit für einen Neuanfang.

Gleich am ersten Arbeitstag nach den Ferien passe ich meinen Chef ab, um ihm mein verrücktes Vorhaben beizubringen und ihm im gleichen Zug meine Kündigung zu überreichen. Er kennt den Nahen Osten und Israel gut, da er mit einer koptischen Ägypterin verheiratet ist und lange Zeit in der Gegend gearbeitet hat. Seine Worte werden mir immer in Erinnerung bleiben: «Mein Mädchen, ich sehe, wie deine Augen leuchten. Geh nur, ich weiß, dass ich dich nicht aufhalten kann. Geh deinen Weg, du wirst sehen, dass man sich Gott dort unten näher fühlt, selbst wenn man nicht an ihn glaubt.» Er möchte mir sogar helfen, in Israel Arbeit zu finden.

Mir ist leicht ums Herz. Ich bin überzeugt, dass ich in Israel ein neues Kapitel aufschlagen kann, nachdem das vergangene abgeschlossen ist. Ein neues Leben liegt vor mir. Angst habe ich nicht.

Autor