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Memphis

Als Buch hier erhältlich:

»Eine rauschhafte Hymne auf Schwarze Frauen.« The New York Times Book Review

Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann kehrt Miriam mit ihren Kindern zurück nach Memphis in das Elternhaus, das ihr Vater in den Vierzigerjahren selbst gebaut hat. Beim letzten Besuch war ihre Tochter Joan noch ein kleines Kind, sie erinnert sich weder an die Geschäftigkeit der Beale Street an einem lauen Sommerabend noch an den Geruch der Blumen vor der Veranda. Doch als sich nun die Tür zum Haus öffnet, stürzen tief verdrängte Ereignisse auf Joan ein – dunkle, abgründige Erinnerungen an ihren Cousin Derek.
Das alte Haus hält zahlreiche Geschichten bereit, von denen niemand mehr spricht – und auch Memphis hat sich seit der Zeit von Joans Großeltern verändert: lebhafte Straßen, die einst Heimat von Bluesmusik waren, gelten nun als gefährlich.


Tara M. Stringfellow erzählt in einem vielstimmigen Porträt von drei Generationen einer Schwarzen Familie im legendären Memphis und von einer jungen Frau, die das Vermächtnis ihrer Familie ändern kann.


  • Erscheinungstag: 23.05.2023
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN/Artikelnummer: 9783753000848
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

An Miss Gianna Floyd –

ich habe dir ein schwarzes märchen geschrieben

ich verstehe wenn du noch nicht bereit bist

es zu lesen oder wenn deine mama

gesagt hat du sollst noch etwas warten und das

ist in ordnung dieses buch geht nirgendwohin

dieses buch wird genau hier sein

wann immer du es willst

wenn du fertig bist mit spielen

draußen in dieser hellen schönen welt

die dein daddy so sehr liebte, kind,

es ist in ordnung es beiseitezulegen

Gott weiß, nicht eine seele auf dieser erde

wird dich tadeln, weil du da draußen bist –

laufend lachend atmend

Jahrelang gab es in diesem Land für Schwarze Männer niemanden, an dem sie ihre Wut auslassen konnten, außer an Schwarzen Frauen. Und jahrelang akzeptierten Schwarze Frauen diese Wut – und betrachteten dies sogar als ihre unerfreuliche Pflicht. Doch indem sie das taten, schlugen sie oft zurück und scheinen niemals zu den »wahren Sklavinnen« geworden zu sein, als die weiße Frauen sich in ihrer eigenen Geschichte sehen. Ja, die Schwarze Frau hat die Hausarbeit verrichtet, die Plackerei; ja, sie hat die Kinder großgezogen, oft allein, doch sie tat all dies, während sie gleichzeitig ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt behauptete, auf einer Stelle, die ihr Partner nicht bekommen konnte oder aus Stolz nicht annehmen wollte. Und sie hatte nichts, worauf sie zurückgreifen konnte: Sie war kein Mann, sie war nicht weiß, sie war keine Lady, sie hatte nichts. Nichts. Und aus der tiefen Trostlosigkeit ihrer Realität heraus konnte sie sich nur selbst erfinden.

Toni Morrison, »What the Black Woman thinks About Women’s Lib« [Was die Schwarze Frau über die Frauenbewegung denkt] The New York Times, 1971

Der Süden hat etwas zu erzählen.

André 3000, Outkast, Source Awards, 1995

Kapitel 1

JOAN

1995

Das Haus schien zu leben. Mama hielt mich fest an der Hand, während wir drei das Anwesen betrachteten. Unsere bleierne Müdigkeit passte nicht zu dem vor uns liegenden belebten Glanz.

»Papa Myron hat jeden Stein für das Fundament des Hauses selbst ausgesucht und gelegt«, flüsterte Mama mir und Mya zu. »Mit der Geduld und Fürsorge eines zutiefst verliebten Mannes.«

Das niedrige Gebäude erinnerte an eine im Schatten von Pflaumenbäumen dösende Katze. Es war ganz und gar nicht so wie die dreistöckigen viktorianischen Festungen, die wir kurz zuvor verlassen hatten. Dieses Haus wirkte groß und klein zugleich. Viele verschiedene Ebenen erstreckten sich in alle Richtungen hin zu einem wilden Irrgarten des Südens. Eine lange Einfahrt, in der Mitte durch ein klappbares hölzernes Scheunentor unterbrochen, zog sich durch den Hof. Doch was das Haus atmen ließ, seine Lunge, bestand aus der vorderen Veranda, zu der breite mit tiefgrünem Efeu, Heckenkirschen und Prunkwinden berankte Steintreppen führten. Auf diesem Vorbau hatte mein Großvater eine hölzerne Pergola errichtet. Die Sonnenstrahlen, die durch die Weinreben und Holzplanken drangen, verwandelten die Veranda in ein naturwüchsiges Treibhaus. Die Heckenkirschen zogen Kolibris an, so groß wie Baseballs; indigoblau, smaragdgrün und burgunderrot flatterten sie über dem Vordach. Ich konnte Katzen sehen – vielleicht ein ganzes Dutzend, wie ich schnell zählte, obwohl die Zahl unmöglich schien. Einige schliefen in daunenweichen Knäueln, andere saßen auf dem grünen Vordach und schlugen mit den Pfoten nach den Vögeln. Handgroße Bienen summten umher, bestäubten die Prunkwinden und gaben dem Hof den Anschein, als wäre die grüne Fläche selbst lebendig, summend und in Bewegung. Die Schmetterlinge verstärkten meine Faszination. Klein und violett tanzten sie um das Vordach. Sie waren zum Leben erweckte afrikanische Veilchen, der Schlussakkord einer Symphonie des Südens, die auf einem Viertel Morgen Land aufgeführt wurde.

»Jetzt nicht, Joan«, seufzte Mama.

Ich hielt mein kleines Skizzenbuch in der Hand und fummelte schon in den vielen Taschen meines Levi-Overalls nach Kohlestiften. Der größere Zeichenblock, die leeren teetassengroßen Leinwandrollen, meine Pinsel, Tinten und Ölfarben lagen noch gut verpackt im Auto. Doch mein kleines Malbuch hatte ich immer bei mir, wohin ich auch ging.

Ich wollte das Leben auf der vorderen Veranda einfangen, es in meinem Notizbuch und in meiner Erinnerung bewahren. Eine schnell gezeichnete Landschaft. Es hätte nur wenige Minuten gedauert, aber Mama hatte recht. Wir waren alle hundemüde. Selbst Wolf, die die meiste Zeit der Reise geschlafen hatte. Aus Myas Gesicht war das übliche Funkeln verschwunden. Nachdem ich, mich geschlagen gebend, das Skizzenbuch wieder in meine Gesäßtasche gesteckt hatte, nahm ich ihre Hand, die sich heiß und schlaff anfühlte.

Mya, Mama und ich gingen Hand in Hand die breiten steinernen Eingangsstufen hinauf. Meine Erinnerungen an frühere Aufenthalte hier waren vage. Ich war erst drei Jahre alt gewesen, und das schien ein ganzes Leben zurückzuliegen. Doch nun erinnerte ich mich daran, wie ich auf der Veranda gesessen und Milch in die Schälchen der Katzen gegossen hatte. Mamas zwecklose Ermahnung, nichts zu verschütten, fiel mir wieder ein. Auch ihr Lachen, das wie ein Muschelglockenspiel aus dem Haus zu mir drang, während ich mit den Katzen spielte, hallte jetzt nach vielen Jahren in meinen Gedanken wider. Und ich erinnerte mich an diese Tür. Sie war eine mächtige Bestie. Ein vergoldeter Löwenkopf mit einem goldenen Reif im Maul war auf dem maisgelb gestrichenen Holz angebracht. Ich musste ein Bild davon malen, selbst wenn es Monate oder Jahre dauern sollte, bis ich die perfekten Farben gefunden hätte. Es war ebenso großartig wie erschreckend. Als wir an diese Tür klopften, wusste ich, wenn sie sich öffnete, würden wir eine ganze Schar von Geistern herauslassen.

Mama hob die Hand, ergriff den Ring des Löwen und klopfte drei Mal.

Ein kittfarbenes Kätzchen bewegte sich im Zickzackkurs zwischen Myas Beinen hin und her.

Mya ließ meine Hand los, um sein Fell zu streicheln und sanft mit ihm zu schmusen.

Wir hatten Wolf im Auto gelassen. Mama erklärte uns, dass wir sie durch den Hinterhof hereinlassen sollten, damit sie nicht in Versuchung geriet, die vor dem Haus umherstreifende Tierwelt anzugreifen. Sie saß auf dem Beifahrersitz neben dem heruntergelassenen Fenster. Herausspringen würde sie nicht. Dazu war sie zu groß. Mehr Mammut als Hund. Und obwohl sie gegenüber allen Hunden friedlicher als eine Kirchenmaus war, misstraute sie Menschen, die nicht zur Familie gehörten. Wenn sie ihre Lefzen hochzog und die Zähne bleckte, genügte das, um die meisten erwachsenen Männer auf die andere Straßenseite rennen zu lassen. Als Mya noch ein Kleinkind gewesen war, hatte sie Wolf »Pferd« genannt. Damals trug Wolf sie auf dem Rücken, während Mya sie an den Ohren zog, als ob es Zügel wären. Wolf nahm das ebenso gelassen hin wie Myas pummelige Beinchen, die sich in ihrem dicken Fell vergruben. Bald schon wartete Wolf auf diese Ponyritte. Sie stupste Mya an, leckte ihr über das ganze Gesicht und die geschlossenen Augen und zwickte sie dann sanft in ihre Stupsnase, um uns zu zeigen, dass sie bereit war, sich reiten zu lassen.

Jetzt streckte Wolf ihren dicken grau behaarten Kopf aus dem Kastenwagen und knurrte leise. Sie hatte noch vor uns bemerkt, dass die Eingangstür aufging. Gerade als Mama die Hand hob, um nochmals zu klopfen, öffnete sich die gelbe Tür, und Auntie August erschien. Sie hatte die Haare auf große rosafarbene Lockenwickler gerollt, solche, wie ich sie auf alten Pin-up-Girl-Abbildungen gesehen hatte. Und sie trug einen langen cremefarbenen Seidenkimono. Auf seiner Vorderseite waren in den Farben des Sonnenuntergangs Kraniche aufgestickt, die sich aus einem grünen Pool schwangen. Sie schien den Kimono in Eile übergeworfen zu haben: Der Stoff, der kaum die vollen Brüste und Hüften bedeckte, die sich aus seinen Falten befreien wollten, wurde von einer rotbraunen Männerkrawatte aufs Geratewohl zusammengehalten. Meine Tante stand da und blinzelte in das helle Morgenlicht. Ihr Gesichtsausdruck mit einer Mischung aus Resignation und Erschöpfung ließ sie genau wie Mama aussehen.

»Was für einen Krieg habt ihr denn verloren?«, fragte Auntie August.

Sie sah aus wie die größere, majestätische Version von Mama. Auntie August war fast eins achtzig groß. Ich hatte Anansi-Geschichten gelesen und wusste daher, dass die uralten Dörfer oft Frauen in die Schlacht geschickt hatten, die groß wie Bäume und grimmiger als Gott waren. Wenn Mama die schöne Helena war, dann war August Asafo. Sie schien sich unendlich auszudehnen und so hoch wie die Tür selbst zu sein. Um ihre kräftigen, breiten Hüften in Stein zu meißeln, hätten griechische Bildhauer Monate gebraucht. Ihre Haut war auffallend dunkler, selbst als meine, und ich spürte einen Anflug von Stolz. Ich hatte schon immer Frauen mit dunklerer Hauttönung um ihre Farbe beneidet. Ihre Schönheit war von einem Geheimnis umwoben, sirenengleich, das mich hypnotisierte. In den Magazinen, die wir abonniert hatten, Jet, Ebony oder Essence, konnte man diese Frauen fast niemals sehen, es sei denn, sie waren selbst berühmt – wie die Mutter in Der Prinz von Bel Air, Whoopi Goldberg, Jackie Joyner, Oprah. Die meisten Schwarzen Frauen, die in der Gesellschaft als schön galten, sahen aus wie Mama. Schwarze Barbies. Hell. Eher gewelltes als lockiges Haar. Schlank. Als Auntie August also diese Tür öffnete, sah ich, dass ihre Haut so dunkel war, dass sie alle Farben in ihrer Umgebung reflektierte – das Gelb der Morgensonne, das Gelb der Tür, die Pfirsichfarbe der Kattun-Katze, die zwischen Myas kurzen Beinen hin und her huschte. Da wusste ich, dass die Tante, an die ich mich kaum erinnern konnte, an und für sich ein kleines köstliches Wunder war.

»Hast du irgendetwas zu essen im Kühlschrank?«, fragte Mama.

August öffnete die Tür weiter und betrachtete die Szene, die sich ihr bot. »Ist der Papst katholisch?«

Mama zuckte mit den Schultern.

Über das Summen und Schwirren der Bienen und Kolibris hinweg konnte ich Wolf wieder knurren hören.

»Meine Güte«, sagte August dann flüsternd. »Ist es so schlimm geworden?«

»Ich nehme mein altes Zimmer, wenn ich es haben kann«, sagte Mama.

Auntie August fummelte nach etwas in den tiefen Falten ihres seidenen Kimonos und verzog kurzzeitig leicht verärgert das Gesicht. So als hätte sie einen Juckreiz, den sie nicht ganz loswerden konnte. Aus der Tasche ihrer Robe zog sie dann eine Schachtel Kools in der unverwechselbaren grün-weißen Verpackung, und die Erleichterung war ihr ins Gesicht geschrieben. Diese Zigarettenpackung. Ich spürte einen stechenden Schmerz in den Rippen, so als wäre eine entfernt worden. Daddy hatte Kools geraucht. Er hatte die grün-weiße Packung immer ganz andächtig aus der Tasche gezogen und damit ein paarmal gegen sein Knie geklopft, bevor er eine Zigarette herausnahm, sie ansteckte und fragte, ob Mya und ich noch eine Spukgeschichte hören wollten.

Mit flinken Bewegungen nahm Auntie August eine Zigarette aus der Schachtel und in die andere Hand ein Feuerzeug. Mit der Zigarette zeigte sie erst auf Mya und dann auf mich. »Und die Mädchen?« Ihr Blick schien länger auf mir als auf Mya zu haften.

»Zusammen. Im Quilting-Zimmer«, sagte Mama mit einer Schärfe in der Stimme, die fast defensiv klang, aber in der etwas mitschwang, das ich nicht einordnen konnte.

August streckte blitzschnell ihre Hand aus, umfasste Mamas Kinn und drehte ihren Kopf hin und her.

»Das Make-up passt nicht«, sagte sie.

Dann verlor August die Fassung. Einem Anflug von Wut folgten Tränen, und ihr Gesicht verzog sich so wie Myas, wenn man ihr sagte, sie sollte ihre Packung Graham Cracker nicht gleich im Laden öffnen. August griff nach Mama, ihre fast ein Meter und achtzig brachen zusammen, und sie lag wie eine matte Palme in den Armen ihrer Schwester.

»Was zum Teufel hast du durchgemacht, Meer?«, fragte August und schluchzte in Mamas Haare.

»Mama, wer sind die?«

Die Stimme war männlich. Nicht erwachsen, aber an der Schwelle zum Erwachsensein, vor Männlichkeit strotzend. Sie schockierte uns. Wir hatten seit Tagen keine männliche Stimme gehört, außer der von Al Green im Radio und vor einer halben Tagesreise die des weißen Mannes an der Tankstelle. Es war, als hätte sich plötzlich ein Raubfisch in unserem neuen sicheren Hafen angekündigt.

Ein Junge, fast so groß wie August, aber schlank und jung, trat in den Türrahmen und versperrte den Eingang.

Er sah nicht wie wir aus, hatte weder die hohen Wangenknochen noch die leicht hochgezogene Oberlippe und auch nicht die große Stirn wie alle meine Verwandten. Seine kupferfarbene Haut erschien mir etwas fremd, so als würde er zu einem völlig anderen Stamm gehören.

Doch ich erkannte ihn. Mein Cousin Derek. Und in diesem Sekundenbruchteil erinnerte ich mich auch daran, was er mir angetan hatte. Die Erinnerung an etwas, das ich in all den Jahren vergessen hatte, kam plötzlich mit unaufhaltsamer Wucht zurück.

»Derek«, sagte Auntie August und vergaß ihre Zigarette, »das hier sind deine Cousinen. Das ist Mya«, fügte sie hinzu und zeigte mit der Zigarette auf sie. »Mya war gerade auf die Welt gekommen, als ihr das letzte Mal alle hier wart. Und das da ist Joan.«

»Derek, du bist groß wie deine Mutter. Wie alt bist du jetzt?«, fragte Mama.

»Fünfzehn«, sagte er und streckte die Brust raus.

»Fast schon ein Mann«, sagte Mama ruhig.

Auf der Fahrt nach Memphis hatte ich Rehe in den Wäldern gleich neben der Autobahn äsen sehen. Während wir oben in den Smoky Mountains an einer Raststelle westlich von Knoxville auf einer Parkbank Thunfischsandwiches aßen, kam eine Dammwildfamilie direkt auf unseren Tisch zu. Mama legte den Zeigefinger über die Lippen und bedeutete uns zu schweigen. Wir sagten nichts, aber ich saß mit offenem Mund staunend da, als Mya den Tieren furchtlos und anmutig eine Apfelscheibe hinhielt. Eine junge Rehgeiß zupfte daran, so wie Eva diesen Apfel gepflückt haben musste. Ohne Zögern. Einfach Verlangen. Später im Auto hatte Mama uns erklärt, dass Rehe sich dir nähern, wenn du still bist oder auf einem Pferd sitzt. Sie fürchten uns nur, wenn wir sie jagen. Doch wenn du in ihrer Nähe ruhig bleibst, ist es fast so, als wärest du unsichtbar. Du verschmilzt mit der Natur, die die Rehe umgibt.

Als ich nun Derek sah, wollte ich in der Flora und Fauna der Veranda und des Hofs verschwinden. Die Katzen, die die Vögel jagten, die Kolibris im Wettstreit mit den Bienen um die Heckenkirschen – all das war sinnvoll. Es gab eine logische Ordnung in diesem Chaos. Doch niemand, nicht einmal Gott, konnte da sitzen und mir erklären, warum dieser Junge mich sieben Jahre zuvor auf dem Fußboden seines Schlafzimmers festgehalten hatte.

Schwer atmend ließ August Mama wieder los. »Nun kommt alle rein«, sagte sie mit einer neuen Wärme in der Stimme, die die Umarmung mit Mama in ihr entfacht zu haben schien. »Wir stehn hier draußen rum, als ob ihr irgendwelche Händler wärt anstatt Verwandte. Kommt rein, ich wärme was auf. Hab gestern Abend Lammkoteletts gemacht. Die könnt ihr gerne essen«, sagte August und trocknete ihre Tränen mit den Ärmeln des Kimonos. Ihre Hände zitterten leicht vor Rührung, als sie sich endlich ihre Zigarette anzündete.

»Es ist Freitag«, sagte Mama. Ihre Stimme klang schwach und erschöpft.

»Und?«, fragte Derek.

August schlug ihm fest auf den Hinterkopf. »Pass auf, mit wem du sprichst und wie. Meer, heute gibt es Fleisch, und ihr werdet euch alle satt essen, so wahr mir Gott helfe.« Derek schlich an ihr vorbei in das dunkle Zimmer hinter der Tür.

Ich wollte und konnte mich nicht bewegen.

»Joanie? Ist alles in Ordnung?«, fragte Mama.

Plötzlich spürte ich Mamas Hände auf meinen Schultern und sprang dreißig Zentimeter hoch in die Luft.

Auntie August blieb auf der Türschwelle stehen, einen Fuß schon im Innern des Hauses.

Ich konnte meine Augen von der Dunkelheit des Flurs hinter ihr nicht lösen, nicht einmal, um Mama anzusehen. Die Schwärze nahm mir die Sicht. Ich bemerkte vage, dass ich den Atem anhielt. Er war irgendwo da drin. Ich hörte, wie von innen eine Großvateruhr zur halben Stunde schlug.

»Das Mädchen spricht nicht?«, fragte Auntie August.

Mein Herz dröhnte in meinen Ohren. Dann …

»Mein Gott«, sagte August und hielt sich eine Hand vor den Mund. Mit ihrer brennenden Zigarette zeigte sie auf mein Hosenbein.

Die Löwenschnauze an der Tür schien mich spöttisch anzugrinsen. Ich fühlte mich wie gelähmt, als müsste ich für den Rest meines Lebens an dieser Stelle der Veranda stehen bleiben, so lange, bis ich selbst eine Rebe geworden wäre, die die Bienen erforschen konnten. Die Bienen – das Summen kam jetzt von weit her. Wie von fern bemerkte ich, dass die ganze Welt leiser geworden zu sein schien. Bis auf den warnenden Ton meines Herzschlags.

»Joanie?« Mama drehte mich so fest herum, dass ich fast gestolpert wäre. In ihren großen Augen waren gelbe Flecken von den Sonnenstrahlen, die durch die Weinreben fielen. Die plötzliche Helle überwältigte meine Augen. Ich spürte die Wärme an meinem ganzen linken Bein, eine nasse Hitze, die schnell abkühlte. Mir wurde klar, dass es Pisse war, was mich leicht überraschte, als würde ich den Körper einer anderen Person beobachten, ein anderes Leben. Ich schämte mich nicht. Mama schüttelte mich hart.

»Sie ist nur erschöpft«, sagte sie und sah mir jetzt in die Augen. »Wir hatten eine lange Reise.« Ich spürte Myas wachsame Blicke auf mir.

»Nun, ihr seid jetzt zu Hause«, sagte Auntie August mit einer etwas höheren Stimme als zuvor. Es klang fast wie eine Frage oder vielleicht wie ein Gebet.

»Komm jetzt, Joanie«, sagte Mama sanft, und ich erinnerte mich, dass sie mit derselben Stimme immer Mya beruhigt hatte, als diese noch ein Baby gewesen war.

»Machen wir dich sauber.« Und lauter, als beantwortete sie eine Frage, fügte sie hinzu: »Mya, du gehst schon mal voran.«

Auntie August streckte die Hand aus. Mya sah erst mich an, danach Mama, dann wieder mich, bevor sie die Hand unserer Tante nahm und ihr ins Haus folgte.

Es schien unmöglich, sich jemals wieder zu bewegen. Ich dachte, ich würde auf der Stelle sterben. Ich hoffte es sogar. Aber … Mya.

»Komm, Joanie.« Mya hatte sich umgedreht. Mya. Meine kleine Schwester. Sieben Jahre alt und trotzdem so furchtlos. Ein kleiner Funken Leben kehrte in mich zurück. Für mich selbst wäre ich vielleicht nicht in der Lage, mich auch nur ein paar Zentimeter zu bewegen, aber für Mya … zwang ich mich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich würde sie nicht ohne mich da hineingehen lassen. Schließlich musste ich für Mya eine Festung sein.

Ich ging hinein, Mamas Hände noch immer auf meinen Schultern.

Innen war das Wohnzimmer eine Fortsetzung der vorderen Veranda. Überall gab es Pflanzen. Schwarze Tapeten mit handgemalten rosa Pfingstrosen bedeckten die hohen Wände und waren auch an einem achteckigen Deckenbalken in der Mitte des Zimmers angebracht. Die Fenster waren von der Art, die ich in alten in Chicago spielenden Mafia-Filmen gesehen hatte. Die Ecken waren mit Buntglas ausgekleidet, dessen verschlungene smaragdfarbene Ranken und violette Veilchen den Raum in eine Helle wie von strahlenden Juwelen tauchten. Allmählich gewöhnte ich mich an das Spiel von Dunkelheit und Licht, an den Kontrast zwischen der schwarzen Tapete und den strahlenden gemalten Pfingstrosen. Meine Augen nahmen wahr, wie das morgendliche Sonnenlicht genau richtig auf die Buntglasfenster traf, sodass die Efeuranken in einem Regenbogen des Lichts auf dem Boden tanzten. Dann fiel mein Blick auf die Möbel. Der Raum war mit Antiquitäten angefüllt: ein Drehscheibentelefon mit Perlmuttgriff, das auf einer kleinen viktorianisch anmutenden Anrichte stand; Einmachgläser voll mit ausgestopften gelben Vögeln; die gleichen blauen Schmetterlinge, die ich draußen gesehen hatte, aber auf Pergament gepinnt und hinter Glasrahmen; ein Victrola-Plattenspieler; ein Klavier.

»Wow«, entfuhr es Mya.

Ein verschlissener Perserteppich lag auf dem Boden zwischen uns und einem gemauerten Kamin. Davor stand Derek.

Dereks Blick wanderte in drei schnellen Bewegungen erst zu mir, dann runter zu meinen nassen Hosen und schließlich auf den Boden, wo er hängen blieb. Ich sah jetzt, dass er die gleichen rehbraunen Augen hatte wie wir alle. Beweis, dass er mit uns verwandt war. Ich hasste diese Tatsache. Dass er zu uns – zu mir – gehörte. Galle stieg in meinem Bauch hoch, und ich schluckte hart, um sie zurückzuhalten.

Als Derek seinen Blick auf mich richtete, sah er zugleich anders und vertraut aus. Er trug eine Kurzhaarfrisur, und ich musste mir widerwillig eingestehen, dass sie ihm gut stand.

»O schau mal, all diese alten Möbel«, rief Mya aus und war verschwunden. Sie rannte in die dunklen Ecken und Verstecke des Wohnzimmers und in den angrenzenden Flur, auf Entdeckungsreise – mutig, wie sie mit ihren immer noch sieben Jahren war. Sie liebte es, sich in einem guten Schrank zu verstecken.

Zurückgelassen in dem achteckigen Raum, stand Mama hinter mir, und August stand hinter ihrem Sohn. Niemand sprach für eine gefühlte Ewigkeit. Schweigen ließ sich wie ein dichter Nebel in dem Zimmer nieder. Ich fühlte das heiße Blut brennend durch meine Adern fließen. Fühlte die Feuchtigkeit meiner Hosenbeine.

»Wir sollten uns wahrscheinlich zunächst frisch machen«, sagte Mama und führte mich sanft zum Badezimmer.

Es war merkwürdig, dass ich mich vollgepinkelt hatte, ohne es zu bemerken. Doch mehr als die an meinem Bein kalt werdende Pisse, mehr als die aufsteigende Müdigkeit und das üble Rumoren meines Magens, mehr noch als jegliche Scham überkam mich ein völlig neues Gefühl. Als meine Mutter mir mit einer Zärtlichkeit beim Ausziehen half, die meine Furcht nur noch vergrößerte, verstand ich, warum die erste Sünde auf dieser Erde ein Mord war. Unter Verwandten.

Kapitel 2

MIRIAM

1995

Blauer Dunst hing über den Bergen wie ein Spitzenschal. Sie hatte geglaubt, sie wären grau – die Smokies. All das Blau verblüffte sie. Sie hob ihren rechten Arm. Das übliche Karamell wirkte blass. Keine Farbe konnte es mit dem blauen Glanz dieser Tennessee-Berge aufnehmen. Sie war zu Hause – oder ganz in der Nähe. An jenem Morgen glaubte sie, Memphis riechen zu können – einen Hauch bekannter Düfte in einem voll besetzten Restaurant. Wir schaffen es, dachte sie, wir schaffen es. Sie schloss den 92er-Chevy-Astro-Kleintransporter ab, in dem ihre zwei Kinder und eine Huskyhündin saßen.

»Wartet hier.«

Vier braune Augen starrten zurück – Augen, die sich nach einer Antwort, nach einem Zuhause sehnten. Sie erinnerten Miriam an den Blick verirrter Soldaten.

Langsam ging sie zu der Esso-Tankstelle. Sie war sich ihrer Umgebung äußerst bewusst. Die einzige Schwarze Frau meilenweit, das wusste sie. Ein Gebirgskamm erhob sich wie ein Tsunami vor ihr. Ein Blau, das jeden Ozean beschämen müsste, dachte sie. Fast zu Hause, Meer. Fast zu Hause.

Als sie die Tankstellentür aufstieß, sang über ihr ein Windspiel:

»Morgen, kleine Lady.«

»Morgen.«

»Womit kann ich Ihnen helfen?«

Er lächelte. Ein gutes Zeichen, dachte sie. Keine Bosheit im Vorfeld. Er war rundlich, fleischig und klein. Auch gut. Im Notfall wäre sie schneller als er. Schlüssel in der Hosentasche. In höchstens fünfzehn Sekunden würde sie den Wagen erreichen und ihre Kinder. Dann beten, dass der verdammte Transporter anspringen würde. Beten. Den ersten Gang einlegen.

Er hatte seine langen silbergrauen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und streichelte seinen grauen Ziegenbart, als er fröhlich verkündete: »Sie sind meine erste Kundin heute Morgen. Ist wirklich noch früh. Wo soll’s denn hingehen?«

»Memphis.«

Er pfiff anerkennend. »Sie wissen, dass Sie da noch gut zehn Stunden vor sich haben? Meinen Sie, Sie schaffen das?«

»Ja, das schaffe ich. Wissen Sie, die Klimaanlage flackert ständig. An und aus. An und aus. Ich habe gedacht, vielleicht verstehen Sie etwas von Autos.«

Er pfiff abermals. »Kleine Lady, wenn etwas vier Räder hat, brauche ich nicht mal ein Lenkrad, um das Ding zu fahren. Wenn Waschmaschinen auf Rädern daherkämen, würde ich meine rot anstreichen und sie Long Tall Sally nennen. Das Einzige, worin ich gut bin, sagt meine alte Dame. Was für ein Auto?«

Miriam lächelte. Sie konnte nicht anders. Er hatte »Waschmaschine« so ausgesprochen, als säße irgendwo in der Mitte des Wortes ein R. Fast zu Hause, dachte sie.

»Ein Chevy Astro. A 92. Gangschaltung.«

»Kleine Lady, Sie fahren mit einem Schaltknüppel den ganzen Weg bis nach Memphis?«

Sie entspannte sich. Dieser weiße Mann war in Ordnung. Soweit weiße Männer in Ordnung sein können. »Nun, ich habe um Flügel gebeten, aber der liebe Gott hat nur gelacht.«

»Gut, es ist ja niemand hier. Schaun wir uns das nervige Mädchen mal an. Wenn Sie mögen.« Er hob seine Hände und zeigte seine Handflächen. »Kann nichts versprechen. Aber für eine kleine Lady wie Sie werde ich alles versuchen.«

Miriams Nacken spannte sich an. Die Nerven dehnten sich aus und zogen sich wieder zusammen.

Er stemmte sich von dem Schemel, auf dem er hockte, wobei er mit jeder kleinen Bewegung seines Gewichts ein leises Stöhnen von sich gab. Sein fleischiger Zeigefinger wies zur Tür. »Ladies first.«

Die Berge hatten die Farbe eines silbernen Mondsteins angenommen. Miriam hielt inne, als sie sich umdrehte.

»Das ist ein Anblick, nicht wahr? Und nach all den Jahren kann ich mich nicht daran gewöhnen. Berge. Wie sind sie bloß entstanden? Manchmal sitze ich den ganzen Tag in dem Laden und frage mich das. Verstehe nicht, wie jemand, der jeden Morgen vor diesen Bergen aufwacht, an der Existenz Gottes zweifeln kann. Mehr Beweise brauche ich nicht. Haben Sie Kinder?« Er zeigte mit seinem dicken Finger auf den Wagen, in dem ein flatternder Vorhang zugezogen wurde. Diese braunen Augenpaare beobachteten alles.

Miriam nickte. »Auch einen Mann. Wir treffen ihn in Memphis. Es gibt einen Marinestützpunkt dort.« Die Lüge zerging ihr wie ein Cremetörtchen im Mund.

»Dann ist ihr Mann beim Militär?«

»Ein Offizier und Gentleman.« Sie musste fast über sich lachen.

Dann fasste sie sich an ihre immer noch glatte Stirn, auf die sie billiges Make-up von Maybelline aufgetragen hatte, das nicht zu ihrem Hautton passte. Den gab es nämlich nie in den Drogerien. Sie zeigte auf die Motorhaube des weißen Transporters. So groß, dass ihre Kinder ihn »das Weiße Haus« nannten. So ärgerlich, dass sie ihn »die Reagans« getauft hatte.

»Können Sie es reparieren?«

Er war jetzt in den Innereien des Wagens. Sie spähte über seinen massigen Körper hinweg. Und dann …

Sie hörte nicht, wie sich die Beifahrertür mit sanftem Knarren, nur einem Knacks, öffnete, auch nicht das leise Getrappel von Füßen. Doch sie vernahm das Knurren.

Wolf war einen Meter entfernt, Mya gleich hinter ihr. Ihre jüngste Tochter. Mya war noch keine sieben Jahre alt. Wolf, weiß wie der Schnee auf den Smokies, duckte sich, fletschte ihre weißen Zähne und zeigte ihr rosa-schwarz geflecktes Zahnfleisch.

Der weiße Mann drehte sich um. Sah entsetzt aus.

»Wolf, zurück ins Auto. Mya, du auch.« Miriam streckte ihren braunen Arm aus und zeigte auf die Beifahrertür.

»Frau, Sie haben ja eine volle Arche Noah.«

»Wer ist das, Mama? Wo ist Daddy?«, fragte Mya.

»Komm jetzt.« Miriam sah Joan ihren kleinen Kopf aus dem Seitenfenster strecken.

»Los, Wolf. Komm. Jetzt

Miriam hätte gelächelt, wenn Myas Frage nicht zu einer nie gekannten Anspannung ihrer Nackenmuskeln geführt hätte. Joans Stimme klang scharf. Mya gehorchte ihrer älteren Schwester. Wolf zog sich zurück, ohne die Augen von dem weißen Mann abzuwenden. Misstrauisch. Beschützend. Ein Knurren stieg in ihrem Maul auf. Mya folgte ihr, wenn auch zögernd, wie Miriam wusste.

Der weiße Mann wandte sich wieder den Eingeweiden des Wagens zu. »Sehen Sie das hier? Das ist das Unterdruckventil. Sehen Sie diese Löcher? Ich muss nur etwas Isolierband drumwickeln, das ist alles. Außer Fleisch und Gott braucht ein Mann nur Klebeband. Hat die Crew der Apollo 13 gerettet. Wussten Sie das? Ist Ihr Mann Pilot?«

»Wenn ich das Glück mal hätte! Würde den Mann im All stationieren statt in Memphis.« Der süßsaure Geschmack in ihrem Mund hatte sich aufgelöst. Miriam war überrascht, dass sie die Wahrheit ausgesprochen hatte.

Der weiße Mann unterbrach seine Arbeit. Er kreuzte seine Arme vor der Brust und lehnte sich an den Transporter. »Meine alte Dame hat Alzheimer. Wird so schlimm, dass sie nicht mal mehr weiß, wer sie ist. Ruft mich in der Nacht. Was bin ich? Was bin ich? Ich habe diese Frau dreißig Jahre lang geliebt. Nicht nur gute Jahre. Aber wir waren zusammen. Zusammen. Ich glaube, wenn sie auf dem Mars wäre, würde ich diesen alten Truck da aufrüsten, damit er mich hinbringt.« Er seufzte. »Kommen Sie, hier, sehen Sie das? Binden Sie das Ding so fest, wenn die Klimaanlage wieder streikt.«

Zehn Minuten später saß Miriam hinter dem Steuer, winkte dem Fremden dankbar zu und fuhr von der Tankstelle. Ihre Töchter pressten zum Dank die Hände gegen die Scheiben. Er hob einen Arm und salutierte.

Die Klimaanlage lief auf Hochtouren. Die Mädchen konnten wieder atmen. Wolf hörte auf zu hecheln, kringelte sich zu Myas Füßen und schlief.

Nach der Anspannung der zurückliegenden Begegnung wischte Miriam sich mit dem Unterarm ihre Tränen ab. Versuchte, das Schniefen zu verbergen. Doch ihr war klar, die Mädchen wussten Bescheid. Verstanden die Bedeutung dieser vaterlosen Reise. Ihre Stimme brach, als sie, wegen Al Green kaum hörbar, sagte: »Wir sind fast da, hört ihr? Wir sind fast da.«

Sie überlegte, wo sie zum Mittagessen anhalten könnten. Hoffentlich gab es in ein oder zwei Stunden etwas zum Mitnehmen. Sie wäre lieber irgendwo eingekehrt, aber Joan hatte es in letzter Zeit abgelehnt, in den meisten Restaurants zu essen. Der Senf. Sie wollte dem Zeug nicht nahe kommen. Mehr sagte sie nicht dazu und ging einfach nicht hinein. Sie blieb mit Wolf im Auto sitzen und wartete.

Miriam ließ ihre Gedanken zum Vortag zurückwandern. Der Hof war vollgepackt gewesen. Schränke und Kommoden und Jade-Elefanten, ein riesiges Sortiment japanischer Geisha-Holzschnitte und ein gusseiserner Herd aus der Zeit der Sklaverei, in dem jede Südstaatenfrau stolz ihr Gebäck zubereitet hätte, hatten den Rasen bedeckt.

Die Nachbarn. Miriam erinnerte sich an den Schock und das Staunen in ihren Augen, an die offenen Münder, vor die sie die Hände hielten, um ihre Bestürzung zu verbergen. Alles, was sie besaß, zur Schau gestellt. Ein Butterfass mit einem Perlmuttgriff ging für zwanzig weg. Als würde Miriam selbst in einem offenen Kimono mit nackten Brüsten und völlig erschöpft ausgebreitet da im Hof liegen.

Die Nachbarn – besonders die Frauen, erinnerte sich Miriam – schüttelten den Kopf. Sie wusste, sie dachten an das Fest in der Nacht zuvor. Wer sollte sich auch nicht daran erinnern, wie Miriam in einem golddurchwirkten Kleid und blutroten hochhackigen Schuhen aufgetaucht war? Sie war sicher, sie hatten gedacht, alles wäre wegen Jax’ Beförderung zum Major gewesen.

Die Hälse der Nachbarn drehten sich in alle Richtungen, und wie hungrige Tauben hielten sie Ausschau nach dem Major. Doch er war nirgends zu sehen. Allein die Kinder. Die Mädchen, Mya winzig, kleiner als Wolf, schrie wie auf einem Jahrmarkt, dass dies oder das auch für nur zehn wegging.

Und dann war da der Shelby. Wie irgendein schwarzes Biest stand er ganz hinten am Rand des Hofes. Die gesamte Basis vom General zum Gefreiten wusste, dass Jax diesen schwarzen Panther so sehr wie, wenn nicht noch heftiger als das Korps liebte. Mehr als das Porzellan oder die Möbel oder Jax’ Abwesenheit war es das Schild im Fenster des 69er-Mustang gewesen, das verkündete, dass Miriams und Jax’ Sturm von einer Ehe endlich vorüber war. In dicken Buchstaben in der Farbe von Miriams rosarotem Lippenstift stand darauf einfach: UMSONST.

Kurz nach Sugar Tree in Tennessee brach die Klimaanlage des Wagens wieder zusammen. Miriam parkte den Chevy an einer einsamen Raststelle im Schatten alter Nussbäume. Sie steckte ihre Arme tief in den Motorraum des Transporters und reparierte ihn selbst. Der Hickory über ihr schwer in grüner Blüte.

Kapitel 3

MIRIAM

1978

Miriam sah nicht von ihrem Roman auf, als die Glocke über der Tür des Schallplattengeschäfts das Eintreffen neuer Kundschaft ankündigte. Nur so konnte sie es vermeiden, die Augen zu verdrehen. Sie biss in den Pfirsich, den sie in der Hand hielt, und vergrub ihren Kopf noch tiefer in ihre Brontë. Miriam arbeitete nicht gerne in dem Musikladen. Sie arbeitete überhaupt nicht gerne. Sie studierte lieber. Chemie. Physik. Anatomie. Das hier war ein Ferienjob – ein Auftritt, um zwischen ihrem College-Abschluss und dem Beginn der Krankenpflegeschule im Herbst etwas Geld zu verdienen.

Der Schallplattenladen war heruntergekommen und staubig. An den Wänden hingen Vinylhüllen: eine lächelnde Bessie Smith, eine traurige Roberta Flack und Sgt. Pepper von den Beatles. Überquellende Plattenstapel waren an drei Seiten des Ladens aufgereiht, und an der vierten stand ein hoher Tresen. Die Nachmittagssonne fiel durch die großen Fenster ein und ließ lange Diagonalen aus schwebenden Staubmotten entstehen.

Miriam trug ihr Haar in einem großen krausen Afro, der dem von Diana Ross Konkurrenz gemacht hätte. Ihre Haarpracht wogte bei der leichtesten Bewegung ihres Kopfes. Abgesehen von ihrem Haar war sie das Ebenbild ihrer Mutter. Ihre Brüste waren größer geworden, nicht viel, aber genug, um Aufmerksamkeit zu erwecken. Die Schönheit ihrer Gestalt war vor allem ihren Hüften geschuldet – breit und einladend wie eine Eingangsveranda. Dabei wusste Miriam, dass sie auf Männer für gewöhnlich alles andere als einladend wirkte. Die Pfiffe, Einladungen und das Herumlungern an ihrem Haus ließen sie kalt. Sie schüttelte belustigt den Kopf, ging hinein und murmelte, Männer seien seltsame Dinger.

»Haben sie irgendwelche EJ

Miriam wollte die Augen nicht von den Seiten ihres Buches abwenden. Heathcliff war zurückgekommen, siegreich und zornig. Catherine, schwanger, war krank geworden. »Gott, wenn diese Frau stirbt …«, sagte sie.

»Wissen Sie, EJ! EJ! Elton John. ›Be-be-be, Benny and the Jets‹.«

Miriam verdrehte die Augen. Es interessierte sie nicht im Geringsten, ob dieser Typ nach Elton John oder nach dem Papst fragte. Sie zeigte mit dem Kopf nach rechts, ohne die Augen von ihrem Buch abzuwenden. »Da. Drüben.« Sie betonte jedes Wort langsam, getrennt, um zu zeigen, dass sie genervt war.

»Vertieft in dein Buch, hä? Verstehe. Ist ein verdammt gutes. Ich bin sicher, dass Heathcliff Schwarz war.«

Miriam hob ihre dunkelbraunen Augen von ihrem Roman und heftete sie auf den Fremden vor ihr. Miriam, die Männer immer nur als unvermeidbare Seltsamkeiten und Ärgernisse betrachtet hatte – wie Mückenstiche im Sommer, Motten, die in den Wintermonaten in Truhen einfielen, als Staub, der sich auf Büchern ablagerte –, Miriam, immer desinteressiert an den Tricks von Männern, verliebte sich bis ins Mark in dem Moment, als ihre Rehaugen sich mit denen des jungen Mannes vor ihr trafen.

Sie hatte noch nie zuvor jemand gesehen, der so dunkel war. Wie eine einsame Straße um Mitternacht. Fast Indigo. Er hatte eine breite, vorn runde Nase und große, fein nach oben geschwungene Lippen. Miriam hätte sie am liebsten geküsst. Und sein Haar – sie musste sich zurückhalten, um nicht darüberzustreichen. Es war bestimmt lockig, denn obwohl es kurz geschnitten war, glitzerten schimmernde Wellen in der Morgensonne des Ladens.

Während sie den Gesamteindruck des Mannes in sich aufnahm, spürte sie, wie sich etwas in ihrem Innern regte. Er trug die gleiche Uniform des Marine Corps, die ihr Vater getragen hatte. Kakihemd, linke Brust voller Bänder, die besagten, wo er stationiert gewesen war und welche Orden er erhalten hatte. Dunkelgrüne Hosen, eine Stoffkappe, die gefaltet in den Gürtel gesteckt wurde. Ihre Mutter bügelte immer noch alle paar Monate die alten Uniformen ihres Vaters. Manchmal ertappte Miriam sie dabei, wie sie diese auf ihrem Doppelbett ausbreitete und sie stundenlang anstarrte, bevor sie sie wieder weglegte.

Miriam war klar, sie sollte diesem jungen Mann antworten. Doch zum ersten Mal in ihrem Leben hatte es ihr die Sprache verschlagen. Wenn sie jetzt etwas zu sagen versuchte, würde sie nur halbe Wörter stottern können. Sie saß da, starrte ihn blinzelnd, mit halb offenem Mund an und spürte, wie eine tiefe Röte sich bis zu ihren Fingerspitzen ausdehnte.

»Also«, sagte der Mann langsam. Mit den Händen in den Hosentaschen wippte er auf den Fersen auf und ab. »Ich muss und darf das wohl sagen. Du hörst das bestimmt ständig. Aber du hast die schönsten Augen. Sie würden Miss Diana Ross neidisch machen. Sag mal, ich bin neu in Memphis. Na ja, Millington. Ich bin dort auf der Militärbasis. Gerade zum Oberleutnant befördert worden. Sorry. Ich glaube, ich fasele. Ich rede zu viel, sagt Mazz immer. Mazz – Mazzeo-Antonio Mazzeo. Gott, ich hab dich nur vollgelabert. Mazz. Mazz. Das ist dieser Freund von mir auf der Basis. Sag mal, was machst du morgen, Samstagabend. Sorry, du weißt wahrscheinlich, dass morgen Samstag ist. Muss ich dir nicht sagen. Egal. Ein paar von uns gehen in den Offiziersklub. Ist nett da, versprochen. Und andere Mädchen werden auch kommen. Sorry, andere Frauen. Freundinnen und Ehefrauen. Nein, das ist kein Heiratsantrag. Hab ich erwähnt, dass ich zu viel rede? Sag mal, ist es immer so heiß hier unten? Wie überlebst du das?«

Sein scheues Lächeln, sein nervöses Lachen, die Art, wie er sich mit den Händen durch die weichen Wellen seiner Haare fuhr, während er ununterbrochen schwafelte, beruhigte Miriam. Möglicherweise, nur vielleicht, hatte Amor sie ja beide erwischt.

Miriam richtete sich auf ihrem Stuhl auf, nahm die Schultern zurück. Versuchte, ihr schweres Atmen und ihren zitternden Mund zu verbergen. Sie biss sich auf die Lippe. Blätterte eine Seite ihres Romans um und markierte sie mit einem Eselsohr. »Du bist jetzt in Memphis. Nix mehr EJ«, sagte sie und erhob sich von ihrem Stuhl. »Der einzige weiße Junge, den wir hier unten hören, ist aus Tupelo.« Sie öffnete die kleine Schwingtür des Tresens, hinter dem sie saß. Bewusst schaukelte sie ihre Hüften, während sie an den vollen Gängen des kleinen Musikladens entlangschritt. Ebenso bewusst streifte sie den Kakihemdsärmel des Mannes.

»Und?«, rief sie innehaltend über ihre Schulter zurück: »Kommst du nicht?«

Sie verbrachten den Rest von Miriams Schicht damit, in Elvis-Platten zu stöbern, erzählten sich ihre Lebensgeschichten, warfen sich verstohlene Blicke zu und verliebten sich. Als sie über Hemingway, Fitzgerald und Faulkner sprachen, waren sie sich einig, dass keiner von denen, nicht ein einziger dieser weißen Jungs, einen so guten Satz schreiben konnte wie Zora Neale Hurston.

Er erzählte ihr alles. Wie er aus Chicago geflohen war. Hatte sich zum Militär gemeldet – sogar zur Überraschung seines Zwillingsbruders Bird. Er hatte diese Stadt einfach verlassen müssen. Er musste weg. Bird verstand es dann schließlich. Sie waren im Jahr der Grippepandemie von 1957 geboren worden, die Tausende Opfer forderte. Doch nicht ihre Mutter. Marvel war am Virus erkrankt. Sie schob ihre Zwillinge hinaus in die eisige Novembernacht und hustete dabei ständig. Er erzählte ihr, wie er in dem Korps aufgestiegen war. Er kam von dem verkürzten Offizierstraining in Quantico, Virginia, als Oberleutnant nach Millington. Nur eine knappe Stunde entfernt. Er war im Mai angekommen, als Memphis in voller Blüte stand. Memphis im Mai erinnerte ihn an Coleridges Ode an Xanadu. Die Häuser auf den Plantagen waren prächtige Lustschlösser mit umlaufenden Veranden auf jeder Etage, und der majestätische Mississippi hätte jede heilige Stätte in den Schatten stellen können. Magnolien blühten weiß und dufteten wie Heckenkirschen. Die Luft war schwer vom Grün. Abends, egal an welchem Tag, konnte er den Duft von Barbecues riechen, die auf heißen Grills rösteten, und freitags durchdrang der Geruch der unzähligen kirchlichen Fischbratereien die feuchte Schwüle, brachte sie zum Knistern. Memphis war zu allen Zeiten voller Musik. Alte Grammophone und Cadillacs plärrten, die altmodischen ovalen Holzradios in den Wohnungen waren immer, wirklich immer voll aufgedreht, und er hörte Stimmen, die den Erzengel Gabriel beschämt hätten – Big Mama Thornton, Furry Lewis, das lange, unsterbliche Heulen von Howlin’ Wolf. Jax fiel auf, dass die Schwarzen in Memphis stolzierten. Nicht dass sie das in Chicago nicht auch taten, doch Jax erinnerte sich nur an den scharfen Wind in seiner Stadt, an Bilder warm eingepackter Schwarzer Figuren, die sich der brutalen Kraft des wütenden Windes vom Lake Michigan entgegenstemmten. Hier in Memphis tanzten die Schwarzen über die Straße wie im Takt der Musik, die so allgegenwärtig war wie Gott. Schwarze Leute, die jede Sekunde ihres Schwarzseins liebten. Mit ehrfurchtsvollen Augen ging er abends mit den anderen ledigen Offizieren zur Beale Street – in all den Schwarzen Straßen nur Schwarze Körper. Beale war voll von Schwarzen Menschen, die Whiskey tranken, lachten, sich in dunklen Ecken liebten, sangen, Springmesser zogen, Gitarren stimmten, Tabak kauten und tanzten. Die Baumwolle stand kniehoch. Die grünen Areale waren in sauberen Reihen mit ihrer überbordenden weißen Pracht bestellt. Unzählige Felder dieser ungenießbaren Frucht – der Pflanze, die seine Vorfahren und die Vorfahren jeder anderen Schwarzen Person, die er kannte, in dieses Land gebracht hatte. Vierhundert Jahre lang hatten sie Baumwolle gezupft und gepflückt, ohne einen Cent dafür zu erhalten, ohne Anerkennung ihrer Menschenwürde. Jetzt, da er im Süden angekommen war, sagte er zu Miriam, verstand er nicht, wie irgendwer dieses Land jemals verlassen konnte.

Und Miriam erzählte ihm auch alles: Wie sie geholfen hatte, ihre kleine Schwester August großzuziehen – gut, eigentlich ihre Halbschwester, aber in allem, was von Bedeutung war, ganz ihre Schwester. Wie ihre Mutter im Kampf für Bürgerrechte und für Gleichheit militant geworden war. Sie sagte, wenn ihm Memphis gefiel, würde er Douglass lieben, ihre Wohngegend im Norden der Stadt. Wie ihr Haus – wunderschön angefüllt mit Antiquitäten und von ihrem Vater selbst erbaut – zu einem Refugium für Schwarze Intellektuelle, Politiker*innen und Aktivist*innen geworden war. Wie zufällig an einem Dienstagmorgen Al Green höchstpersönlich vorbeigekommen war und dass sie niemals in ihrem ganzen Schwarzen Leben vergessen würde, wie er und die vierzehnjährige August die Tasten des Klaviers im Wohnzimmer bearbeitet hatten. Sie erzählte ihm von Miss Dawn – ihrer Quasigroßmutter aus dem Haus in der Nachbarschaft, von ihren frechen Reden, ihren Zauberformeln. Miriam erzählte dem jungen Marinesoldaten, der vor ihr stand, dass sie noch niemals verliebt war.

Miriam war sich nicht sicher, wann genau an jenem Nachmittag sie seinen Namen erfahren hatte. Aber irgendwann hatte sie ihn wohl gehört. Denn als sie abends einschlief, war der Name ein Gebet, das sie aufsagte. Sein Name formte sich in ihrem Mund zu einem Karamellbonbon, drehte sich und vollzog akrobatische Pirouetten darin: Jax. Jax. Jax.

Gleich am nächsten Abend fuhr Jax sie zum Offiziersklub auf der Basis in Millington. Miriam hatte ihren Kleiderschrank und auch den ihrer Mutter durchsucht und sich für ein rotes paillettenbesetztes Shiftkleid mit tiefem Rückenausschnitt und einem langen Schlitz entschieden. Dazu passend trug sie schwarze Kitten Heels und eine schwarze schmale Handtasche. Ihre Mutter wusste von der Verabredung und ließ sie ganz erfreut gehen.

»Junge Leute sollten immer zusammen sein. Gott weiß, nichts auf der Welt hätte mich davon abhalten können, deinen Daddy zu treffen«, hatte Hazel gesagt, als sie Miriam dabei half, Kammern, Truhen und Schränke nach dem perfekten Kleid zu durchsuchen.

Dann hielt ihre Mutter inne. Ging hinüber zu Miriams Bett und setzte sich auf den Rand. Sie war plötzlich müde.

»Ich bin Punkt Mitternacht zu Hause, Mama«, hatte Miriam gesagt.

Miriam hörte ein Hupen. Pünktlich um halb acht öffnete sie die Haustür. Am Straßenrand stand Jax neben etwas, das wie eine Zeitmaschine aussah, hielt einen kleinen Strauß afrikanischer Veilchen in der Hand und starrte sie mit offenem Mund an.

Er rührte sich nicht vom Fleck. Er schien gelähmt, gebannt, als Miriams Pumps auf dem Weg klickten, der von ihrer Veranda zur Straße führte.

Auch sie war verblüfft. Jax fuhr einen Sportwagen, wie sie ihn niemals zuvor gesehen hatte. Seine Farbe war dunkler als die Nacht, die sie umgab. Als sie in dem Wagen saß, bemerkte sie, dass er nach Jax roch: Moschus, Leder, Zigaretten und Schuhcreme. Sie atmete tief ein.

Im Klub lernte Miriam Antonio Mazzeo kennen, allseits bekannt als Mazz von der Chicago North Side. Er und Jax waren unzertrennlich seit ihrem Ausbildungslager fünf Jahre zuvor. Beide sprachen weiterhin mit ihrem Chicagoer Akzent – scharfes C und noch schärfere kurze Vokale. Sie teilten ihre Liebe zu dem Baseballteam Chicago Cubs, zu einem polnischen Gericht mit viel scharfer Paprika, zu Sommern in einer Stadt, die smaragdgrün an den Wassern des Lake Michigan schillerte. Mazz gehörte zu der einzigen italoamerikanischen Familie in streng irischer Nachbarschaft. Im Erdgeschoss des vierstöckigen Backsteinhauses seiner Leute befand sich deren Bäckerei, in der auch Cannelloni, Cappuccino und handgemachte Gnocchi verkauft wurden. Wenn Mazz das Haus verließ, konnte er geradewegs zum Stadion laufen, um erst einmal Ernie Banks zu sehen. Jax und Mazz hatten sich im Ausbildungslager verbrüdert. Jax war schockiert gewesen. Mazz war der erste weiße Junge, der weder versuchte, ihn anzuspucken, noch, ihn zu töten. Dass sie stattdessen von ihren Ausbildern angespuckt wurden, verband sie – beide wurden wegen ihrer Herkunft gehasst und weil sie aus einer der großartigsten Städte der Welt kamen.

Mazz saß zwischen Miriam und Jax an der Bar, hatte den Kopf in die Hände gestützt und starrte auf Miriam, die an ihrem Wein nippte. Er wetterte über die Tatsache, dass alle Schwarzen in Memphis eine Schallplatte machen, aber keiner einen Roman schreiben wollte.

»Heirate den hier«, sagte Mazz und prostete Miriam zu, bevor er einen Tequila herunterkippte.

Miriam wurde rot. Sie sah, wie Jax auf seinem Sitz herumrutschte.

»Ich mein’s ernst. Ich hab’s ihm gesagt. Hab ich dir’s nicht gesagt? ›Nimm dir eine Frau aus Memphis‹, hab ich gesagt. Eine Schönheit des Südens.« Mazz pfiff vor sich hin.

Miriam wurde erneut rot. »Ich kann dich hören, Sir«, sagte sie.

»Ich will, dass du mich hörst!«, rief Mazz aus. »Mach einen feinen Mann aus ihm. Wenn du kannst. Heiratet. Springt ihr Leute nicht über einen Besen oder so was?«

»Ihr Leute«, wiederholte Jax grinsend.

Miriam bemerkte, dass seine ohnehin wunderschönen Lippen aufblühten, wenn er lächelte.

Mazz nahm noch einen Schluck Tequila. Erhob sich von seinem Sitz an der Bar.

»Nein, geh nicht«, protestierte Miriam.

»Und hiermit, meine Damen und Herren, überlasse ich euch zwei feine Leute eurer Nacht«, sagte Mazz etwas lallend.

Miriam lächelte, als sie ihn gehen sah. Er stolperte in ein Paar, das langsam zu einem Song der Isley Brothers tanzte. Jax nutzte die Gelegenheit, näher zu Miriam zu rücken. Mit einer flinken Bewegung zog er ihren Barhocker zu seinem. Sie spürte das Metall seiner Militärorden durch ihr Kleid. Sein Geruch – Leder und etwas, was sie nicht ganz identifizieren konnte.

»Oh!« Miriam hob eine Hand zum Gesicht, um ihr Lachen zu verbergen, aber Jax zog sie gleich sanft herunter.

»Mach das niemals«, sagte er im ernsten Ton. »Verdecke nie dieses Lächeln. Ich glaube, es könnte Berge versetzen.«

Miriams erneutes Erröten breitete sich wie ein kleines Feuer über ihren ganzen Körper aus. Sie fühlte es in ihren Zehen.

»Komm«, sagte er und stand auf.

»Wohin gehen wir?«

Jax bot ihr seine Hand an.

Miriam überlegte, gab dann nach und legte ihre Hand in seine.

»Lass uns ins Zentrum gehen. Zeig mir deine Stadt.« Jax küsste sie zärtlich auf die Wange und rannte dann los, um seinen Wagen zu holen. Mit ihrer Tasche in der Hand wartete sie und war erneut gebannt von diesem Monster von Auto, das Jax zum Klubeingang lenkte. Er sprang heraus, öffnete die Beifahrertür und sah sie erwartungsvoll an.

»Was für ein Auto ist das?«, fragte Miriam, als sie zu der geöffneten Tür ging.

»Es ist ein Shelby«, erwiderte Jax.

Überrascht und beeindruckt zog Miriam die Augenbrauen hoch.

»Ein 1969er-Shelby-Mustang GT dreihundertfünfzig«, verkündete Jax stolz.

»Das ist schon was Besonderes.« Sie hörte die Ehrfurcht in ihrer Stimme.

»Das dachte ich auch, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe.« Jax drückte noch einen Kuss auf ihre Wange, bevor er ihre Tür schloss und um den Shelby herum auf seine Seite lief. Er startete den Motor und legte den ersten Gang ein. »Nebenbei bemerkt, du siehst fantastisch aus in Rot«, sagte er und klang fast scheu.

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