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Mission Hero: Ian - Im Herzen der Gefahr

Als Buch hier erhältlich:

"Sie sind unser Mann!"
Das FBI zwingt den Ex-Navy SEAL und Meisterdieb Ian Dunn, in die kazbekische Botschaft in Miami einzubrechen und zwei dort festgehaltene Kinder zu befreien. Ein Einsatz auf Leben und Tod, bei dem Ian ausgerechnet mit der ebenso schlagfertigen wie verführerischen Anwältin Phoebe Krüger zusammenarbeiten muss.
Bald ist nichts riskanter als die wachsende erotische Spannung zwischen Phoebe und Ian. Denn im Kampf gegen psychopathische Entführer und kaltblütige Mafiosi wird jede sinnliche Ablenkung in
Sekundenschnelle zur tödlichen Gefahr …


  • Erscheinungstag: 10.06.2015
  • Aus der Serie: Mission Hero
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 608
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956491887

Leseprobe

Suzanne Brockmann

Mission Hero: Ian – Im Herzen der Gefahr

Roman

Aus dem Amerikanischen von Christian Trautmann

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Do Or Die

Copyright © 2014 by Suzanne Brockmann

erschienen bei: Ballantine Books,

an imprint of Random House, a division of Random House LLC,

a Penguin Random House Company, New York

Published by arrangement with Ballantine Books, an imprint of Random House, a division of Random House LLC

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Thinkstock/Getty Images, München; Hot Damn Stock

Autorenfoto: © Shirin Tinati; Harlequin Enterprises S.A., Schweiz;

ISBN eBook 978-3-95576-472-2

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

www.mira-taschenbuch.de

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DANKSAGUNG

Danke an alle, die bei der Entstehung dieses Buches mitgeholfen haben.

Danke an meine ersten Leser der Rohfassung, Lee Brockmann, Ed Gaffney, Deede Bergeron und Patricia McMahon.

Danke auch an meinen Agenten Steve Axelrod und Lori Antonson.

Danke an meine Lektorin Shauna Summers und den Rest des Teams bei Ballantine und Random House, einschließlich Crystal Velasquez und Gina Wachtel. Ein dickes Dankeschön auch an die Grafikabteilung für das tolle Cover!

Vor allem aber geht mein Dank an meine extrem geduldige Familie: meinen Zen-Meister-Ehemann Ed, meinen begnadeten Sohn Jason und seinen wundervollen Freund Matt, meine erstaunliche Tochter Melanie, meinen brillanten Enkel Aidan, meine mich stets unterstützenden Eltern Lee und Fred (oder besser Mom und Dad, wie ich sie nenne!), meine treuen und verlässlichen Freunde Bill, Jodie und Elizabeth sowie meine Schnauzer-betriebenen Lieferanten bedingungsloser Liebe, CK Dexter-Haven und Little Joe.

Nicht zuletzt möchte ich natürlich auch euch danken, liebe Leser, die ihr mir genug vertraut, um euch von mir auf die Reise mitnehmen zu lassen, und es mir ermöglicht, die Geschichten zu schreiben, die mir am Herzen liegen.

Wie immer bin allein ich für eventuelle Fehler oder Ungenauigkeiten verantwortlich.

PROLOG

29. August

Einige Jahre zuvor …

Istanbul, Türkei

I an Dunns Aufgabe bei diesem Auftrag war einfach.

Umgarnen und ablenken.

Und dafür sorgen, dass Prinz Stefan hierblieb, in der Botschaft Kazbekistans in Istanbul, während Ians ehemaliger SEAL-Chef und rechte Hand John Murray seine Spezialausbildung nutzte, um in das Hotelzimmer des Prinzen einzubrechen und die Daten auf dem Laptop auf ein externes Laufwerk herunterzuladen.

Irgendwer glaubte irgendwo – wahrscheinlich an einem Schreibtisch in einem fensterlosen Raum im Keller des Pentagons –, dass der Prinz Informationen über eine Person besaß, die im Zusammenhang mit dem Diebstahl einer gewissen Menge des Nervengases Sarin stand. Und weil der Laptop des Prinzen technisch zu simpel war, um ihn vernünftig zu hacken, hatte sich dieser unbekannte Jemand an Ian gewandt: Er sollte die gewünschten Informationen auf die altmodische, praktische und persönliche Art und Weise besorgen.

Das hatte Ian und seine bunte Truppe in die Türkei gebracht. An diesem Abend hatte er für die hoffentlich letzte ermüdende Zusammenkunft mit dem Prinzen einen Smoking angezogen, damit Johnny sich dem Laptop widmen konnte.

In den vergangenen Tagen, in denen Ian und Prinz Stefan unzertrennliche Freunde geworden waren, hatte er festgestellt, dass nicht nur der Titel erkauft war; der Prinz war außerdem noch genauso bösartig und seelenlos wie kleinkariert und dumm.

Seine Familie stammte aus Osteuropa, mit echtem adeligen Einschlag durch eine Verbindung zu Vlad dem Pfähler, besser bekannt als Graf Dracula – ein Zweig der Familie, den Ian lieber geheim gehalten hätte, wenn es sein Stammbaum gewesen wäre. Der Prinz prahlte damit ebenso gern wie mit der Tatsache, dass sein Großvater und Vater mit fast dem gesamten Familienvermögen nach Südamerika geflohen waren, als sich abgezeichnet hatte, dass der Zweite Weltkrieg für sie „böse enden“ würde.

Und ja, inzwischen hatte Ian herausgefunden, dass das „Familienvermögen“ aus Großvaters Kollaboration mit den Nazis entsprungen war. Einige Beutestücke waren zurückgelassen worden, versteckt auf dem Bauernhof in Polen, auf dem der Großvater und der Vater gewohnt hatten – nicht weit entfernt von Auschwitz.

Ungefähr vor einer Woche war Prinz Stefan einer der Schatzkarten seines Großvaters gefolgt und hatte antike Juwelen im Wert von knapp drei Millionen Dollar gefunden, unter dem mit Stroh bedeckten unbefestigten Fußboden einer zerfallenen Scheune. Genau wie Grampy es versprochen hatte.

Ein geduldigerer Mann hätte das Metall der Schmuckfassungen eingeschmolzen, um noch mehr Gewinn zu erzielen. Doch Prinz Stefan brauchte dringend Geld, was bedeutete, dass er nach einem Käufer suchte, dem die Herkunft seines schändlichen Schatzes egal war.

Auftritt Ian mit seinem hart erkämpften Ruf, ganz genau zu wissen, wie man gestohlene Juwelen zu Geld machte.

Viel war nicht nötig, um in Erfahrung zu bringen, dass der kazbekische Botschafter ein möglicher Käufer war. Der extrem reiche Mann besaß nicht nur ein erfolgreiches Unternehmen, das Edelmetalle und Edelsteine kaufte und verkaufte – sein Diplomatenstatus erlaubte es ihm, Diebesgut problemlos zu transportieren; er selbst war auch jemand, den man einen „Holocaust-Sammler“ nannte. Das war so grauenhaft, wie es sich anhörte. Den Mann faszinierte alles: von antisemitischer Propaganda über SS-Uniformen bis zu Waffen und Lampenschirmen aus Menschenhaut. Schmuck, der Menschen weggenommen worden war, die man verhaftet und vernichtet hatte, passte genau in sein hässliches Schema.

Ian kannte den Diplomaten nicht persönlich, sondern nur über Dritte. Also hatte er ein paar Anrufe getätigt.

Die hatten ihn zum heutigen Treffen mit dem Prinzen geführt, bei dem dieser seine Beutekunst zeigen konnte, gefolgt von einem vermutlich schrecklich steifen Botschaftsdinner mit einigen Dutzend weiteren Gästen, die die beschränkte Weltanschauung des Botschafters und des Prinzen teilten.

Doch dieses Dinner sorgte dafür, dass der Prinz sich außerhalb seines Hotelzimmers aufhielt, lange genug, damit Johnny M. die Daten auf dem Laptop des Prinzen herunterladen konnte.

Ian musste dieses Treffen nicht gefallen – er musste einfach nur daran teilnehmen.

Aber als der Prinz liebevoll seine Sammlung gestohlener Halsketten, Broschen, Ringe und Armbänder auf mehreren Metern dunkelbraunem Samt auslegte, war Ian klar, dass das Essen für ihn erledigt war. Er würde nichts herunterbekommen, und zwar nicht nur, weil er die Hände hinterm Rücken behalten musste, damit er dem Prinzen keinen Kinnhaken verpasste, als dieser Idiot ein besonders edles Diamantenhalsband hochhielt und jovial verkündete: „Nette Sammlerstücke, habe ich recht oder habe ich recht?“

Nein, das Essen war gelaufen. Glücklicherweise verspätete sich der Botschafter nämlich, sodass Ian und der Prinz noch im Wohnzimmer der Botschaft warteten, als sich Ians verstecktes Bluetooth-Headset mit einem Klicken einschaltete.

„Download abgeschlossen.“ Johnny M.s raue Stimme war in Ians Ohrstöpsel zu hören, laut und deutlich.

Auf einmal hatte Ian Optionen. Er hatte Möglichkeiten. Und er wusste – augenblicklich –, was er jetzt tun würde.

Er befand sich in der Nähe der Tür, öffnete diese und spähte hinaus auf den immer noch leeren Korridor. Das Glück war auf seiner Seite – es konnte klappen. Er schloss die Tür wieder.

Der Prinz schenkte sich gerade an der provisorischen Bar etwas ein und palaverte darüber, wie aufregend es für ihn gewesen sei, den Bauernhof persönlich zu sehen, auf dem sein Vater und sein Großvater die meiste Zeit des Krieges verbracht hatten.

„Die Scheune sah genauso aus, wie sie sie beschrieben haben“, berichtete er, während Ian sich ihm näherte. Er drehte sich um und machte ein abschätziges Gesicht. „Ich fürchte, es gibt hier keine harten Spirituosen, nur diesen albernen süßen Wein.“

„Das ist ein traditioneller Wein, wie man ihn in Kazbekistan serviert“, erklärte Ian und vernahm erneut Johns Stimme in seinem Ohr.

„Ich bin raus aus dem Hotel. Alles klar“, meinte Johnny. „Wiederhole: Bin draußen, alles klar.“

Das waren die Worte, auf die Ian gewartet hatte. Er legte all seine Wut und seinen Abscheu in den Kinnhaken, den er dem Prinzen versetzte.

Bumm!

Diesem Idioten eins zu verpassen tat so gut, wie er es sich vorgestellt hatte.

Seiner Hoheit blieb keine Zeit für königliches Überraschtsein. Wahrscheinlich kriegte er nicht einmal mit, dass Ian ihn geschlagen hatte. Er ging einfach k. o. Seine Augen rollten nach hinten, sowie er auf eine mit roter Seide bezogene Chaiselongue sank – die sich damit als gar nicht so blödes Möbelstück für das Wohnzimmer einer Botschaft erwies, wie Ian beim Hereinkommen gedacht hatte.

Während der Prinz fiel, flog sein Weinglas durch die Luft, landete allerdings auf dem Teppich und zerbrach nicht. Dafür sorgte dann Ian, indem er es mit dem Absatz eines seiner glänzenden gemieteten Schuhe zu Scherben zertrat. Schuhe, in denen er nun würde rennen müssen, und das war Mist.

Sei’s drum.

Er kippte mehrere Stühle um, als er zum Fenster in diesem vierten Stockwerk eilte, von dem man einen Blick auf die funkelnden Lichter der alten Stadt hatte. Die kazbekische Botschaft war in einem Gebäude untergebracht, das aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert stammte und eine entsprechend vielfältig verzierte Fassade aufwies. Deshalb würde es zwar schwierig werden, nach unten zu klettern, allerdings nicht unmöglich sein.

Ian entriegelte und riss das Fenster auf, ehe er sein Headset-Mikrofon aktivierte, um mit seinem Team zu sprechen. „Kleine Planänderung, Leute.“

Drei seiner vier Teammitglieder redeten gleichzeitig drauflos. Sie stöhnten und seufzten, während sich der Vorhang in der warmen Abendbrise bewegte. Dies war einer der großen Unterschiede zwischen der Führung eines SEAL-Teams und einer Gruppe aus Familienmitgliedern und Freunden: SEALs zickten nicht herum und stöhnten, wenn ihr Kommandant einen Befehl gab. Zumindest nicht so, dass der Chef es mitbekam.

„Willst du mich verarschen?“ Die Stimme seines Bruders Aaron hob sich um eine ganze Oktave.

Shelly, der zusammen mit Aaron in den Staaten war und ihn auf eine Distanz von Tausenden Meilen unterstützte, formulierte es diplomatischer. „Ist das wirklich nötig, Sir?“

„Definiere ‚kleine Planänderung‘“, verlangte Aaron.

Grimmig schaltete Francine sich ein: „Ich sitze in der Limo vor der Botschaft. Da John das Laufwerk hat, ist der Job erledigt. Wir sind fertig. Ian, marschier durch die Tür und steig in diesen Wagen.“

„Bieg in die Straße auf der Westseite des Gebäudes, France“, befahl Ian der Frau, die sowohl die beste Fahrerin war, mit der er je zusammengearbeitet hatte, als auch seine Schwägerin. Er schritt zum Tisch, auf dem der Schmuck ausgebreitet lag. „Park in nördlicher Richtung. Ich werde rennen, vermutlich, so schnell ich kann, wenn ich bei dir ankomme. Sei also bereit, sofort Gas zu geben, sobald ich im Wagen bin.“

„Ach, ehrlich?“, hörte er seinen Bruder, während Francine seine Anweisung fluchend bestätigte.

„Vor wem fliehen wir?“, wollte sie wissen.

„Da bin ich mir noch nicht sicher“, räumte Ian ein. „Kommt drauf an, wie sich die nächsten Minuten entwickeln. Sei einfach auf alles gefasst.“

Selbst Johnny, für gewöhnlich eher wortkarg, konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen. „Sir, wir haben, weshalb wir hergekommen sind. Francine hat ausnahmsweise mal recht. Ich weiß auch, dass der Typ ein Arsch ist, aber jetzt atme tief durch und verschwinde von dort.“

„Geht leider nicht“, erwiderte Ian. Rasch rollte er dabei den Schmuck zu zwei großen, aber verstaubaren Päckchen zusammen, die er in sein Hemd schob, über dem er anschließend das Jackett zuknöpfte.

Shelly war der Einzige, der ihm Unterstützung anbot. „Ich habe dich nach wie vor im vierten Stock der Botschaft, im nordöstlichen Winkel des Gebäudes. Die Infrarot-Satellitenbilder zeigen nur eine weitere Quelle von Körperwärme bei dir, die momentan reglos ist. Doch da sind sechs, ich wiederhole, sechs vermutlich feindliche Personen, die gerade in deinem Stockwerk aus dem Fahrstuhl treten. Was immer du vorhast, die sind auf dem Weg zu dir. Dir bleiben höchstens zwanzig Sekunden …“

Ian war noch nicht ganz fertig, also beeilte er sich.

In dem Raum waren keine Spiegel. Daher musste er das Glas eines gerahmten Bildes benutzen – Mondaufgang über rauer kazbekischer Landschaft –, um sich betrachten zu können, während er sich die Haare zerzauste. Das genügte nicht, um ihn aussehen zu lassen, als habe er mit einem fassadenkletternden Dieb gekämpft – einer reichte ohnehin nicht, es mussten zwei sein. Einer würde nicht in der Lage sein, einen ehemaligen Navy-SEAL zu überwältigen.

Als er dem guten alten Stefan eine verpasst hatte, hatte er ein Reißen im rechten Jackettärmel gespürt. Er tastete danach, fand die Stelle in der Schulternaht … und riss den gesamten Ärmel ab.

Aber das genügte auch noch nicht.

Blut.

Blut half immer.

Ian ging schnell zu dem Weinglas, das er zertreten hatte, und hob eine Scherbe auf. Kopfwunden bluteten stark; er würde sich lediglich einen Kratzer zufügen müssen, allerdings über dem Ohr, damit seine Sicht nicht beeinträchtigt wurde und …

„Shit“, stieß er hervor, denn es tat verdammt weh. Inzwischen hatte Shelly angefangen, einen Countdown runterzuzählen. Bei eins würden vermutlich der Botschafter und seine fünf Wachleute hereinkommen. „Zehn … neun … acht …“

„Johnny, begib dich zum Evakuierungsort“, befahl Ian seinem früheren Chef leise, während er die Scherbe abwischte und wegwarf, bevor er das Blut in seinem Gesicht verteilte. Dabei beschmierte er auch seine Hände, was den gewünschten Effekt noch verstärkte.

„Bin schon unterwegs“, entgegnete der andere.

„Sieben … sechs …“

„Wagen in Position.“ Francine klang verärgert. Allerdings war sie chronisch genervt.

Ian hatte nur noch eine Sache zu erledigen. Als er sich ein letztes Mal in der Glasscheibe des Gemäldes anschaute, machte er ein zerknirschtes Gesicht und zog die Schultern hoch. Dann schwankte er leicht, als wäre er benommen von dem Schlag eines stumpfen Gegenstandes auf seinen Kopf.

Ja, das Blut brachte es.

„Fünf … vier …“

Ian torkelte durch den Raum und lief zum Feuermelder hinüber. Mit der Schulter ließ er sich gegen die Wand fallen, als Shelly bei drei war. Er hinterließ eine hübsche Blutspur, ehe er den Alarmknopf fand. Shelly war bei zwei.

Der Alarm – eine Mischung aus altmodischem Klingeln und einem modernen elektronischen Kreischen – ging auf eins los. Und wie aufs Stichwort flog die Tür auf.

„Es waren zwei“, rief Ian und stützte sich an der Wand ab. „Sie haben die Juwelen des Prinzen gestohlen und sind durchs Fenster verschwunden!“ In einer oscarreifen Vorstellung zeigte er mit der blutigen Hand in die Richtung.

Der Botschafter wich zurück und machte seinen Sicherheitsleuten Platz. Zwei stürmten zum Fenster, die anderen beiden eilten zu Ian und dem Prinzen.

„Mit mir ist alles in Ordnung, doch der Prinz ist verletzt. Helft ihm“, meinte Ian, denn er wollte verhindern, dass die Sicherheitsleute die Päckchen unter seinem Hemd bemerkten. Er richtete sich auf und tat so, als müsste er erst zu sich kommen, bevor er am Botschafter vorbeilief, der nach wie vor im Türrahmen stand. „Die Diebe sind gerade erst verschwunden. Vielleicht erwischen wir sie, bevor sie die Straße erreichen!“

Er hörte den Befehl an die Sicherheitsleute am Eingang zum Botschaftsgebäude, jeden aufzuhalten, der hinein- oder herauszukommen versuchte. Ian rannte dennoch zum Treppenhaus, den Flur entlang und nach links …

Als er die Tür zum Treppenhaus aufriss, registrierte er, dass mehrere Sicherheitsleute ihn verfolgten – einschließlich dem, den er als Chef des Sicherheitsdienstes der Botschaft identifiziert hatte.

Das war nicht gut … oder eventuell doch. Wenn dieser Typ bei Ian war, würden ihn die Wachleute am Eingang unten bestimmt nicht aufhalten.

Hoffte er zumindest.

Der Security-Chef hob die Stimme, um sich gegen den schrillenden Alarm und das Getrappel der Schuhe auf dem Marmorfußboden Gehör zu verschaffen. „Können Sie die Angreifer beschreiben?“ Er sprach ohne jeden Akzent, was für manche ein Nachteil gewesen wäre. Für Ian nicht.

Kommunikation war stets eine seiner Stärken gewesen.

„Sie waren ganz in Schwarz gekleidet.“ Während sie die Treppe hinunterliefen, die sich abwärts wand – ein halbes Stockwerk, dann ein Absatz, gefolgt von einem weiteren halben Stockwerk und dem nächsten Treppenabsatz –, beschrieb Ian, was er selbst getragen hätte, wenn er einen Diebstahl am frühen Abend in Istanbul hätte durchführen wollen. „Sie trugen Masken aus Nylon, aber so dick, dass ich Ihnen nicht mal die Hautfarbe verraten könnte. Einer hatte dunkles Haar, das weiß ich. Der andere könnte glatzköpfig gewesen sein, allerdings ist das nur so eine Vermutung. Vielleicht hatte er blonde kurze Haare, ich habe wirklich keine Ahnung.“

Die Miene des Sicherheitschefs war schwer zu deuten, möglicherweise lag es auch bloß an der schlechten Treppenhausbeleuchtung, in der sein Gesicht ausdruckslos wirkte.

Dennoch war Ian klar, dass er dem Mann mehr Informationen liefern musste. Er hob die rechte Hand. Seine Knöchel waren aufgeschürft und geprellt von dem Haken, den er Prinz Stefan versetzt hatte. „Außerdem vermute ich, dass sie Schutzwesten trugen: Als ich gegen sie gekämpft habe, war es, als würde ich gegen eine Mauer schlagen. Und dann verpassten sie mir eins, schnappten sich den Schmuck und verschwanden durchs Fenster.“

Das Blut floss weiterhin aus seiner Kopfwunde. Um seine Worte zu unterstreichen, ließ er etwas davon aufs Geländer tropfen.

Die Miene des Sicherheitschefs ließ nach wie vor keine Regung erkennen. Es war nicht auszumachen, ob der Mann Ian glaubte oder eher nicht.

Also ging Ian noch ein bisschen weiter, indem er sagte: „Wenn wir diese Typen nicht aufhalten, wird der Prinz mich kreuzigen. Ich habe ihm geschworen, dass Ihre Botschaft sicher ist.“

Das brachte ihm wenigstens ein Aufflackern in den Augen des Security-Bosses ein. „Ist sie auch. Wir verfügen über ein hochmodernes Überwachungssystem – Kameras, drinnen und draußen. Wir haben das Geschehen auf jeden Fall auf Band.“

Oh-oh.

Ian hatte sein Mikrofon eingeschaltet gelassen, sodass sein Team alles mithören konnte. Aaron meldete sich über das Headset. „Shelly hat sich bereits in die Computer der Botschaft gehackt und …“

„Hoppla“, meinte Shelly. „Anscheinend wurde das gefilmte Material der Sicherheitskameras, drinnen wie draußen, auf mysteriöse Weise gelöscht. Ist so was nicht ärgerlich?“

„Danke“, gab Ian zurück und sprang die letzten Treppenstufen hinunter. Natürlich warf ihm der Security-Boss jetzt einen verwunderten Seitenblick zu, deshalb fügte er hinzu: „Danke, dass Sie mir versichert haben, dass wir diese Typen erwischen – weil wir sie auf Band haben, meine ich.“

Er stieß die Tür im Erdgeschoss auf. Wegen des Feueralarms herrschte in der Eingangshalle das reinste Chaos.

Draußen waren bereits Feuerwehrwagen vorgefahren. Die Wachen am Eingang waren nicht in der Lage gewesen, die Polizisten und Feuerwehrleute draußen zu halten, die nun bereits an der Evakuierung des Gebäudes arbeiteten.

Dies wäre ein wirklich guter Zeitpunkt, dass Ian und der Security-Chef mit seinen Leuten getrennte Wege gingen.

Doch der Security-Boss blieb Ian auf den Fersen, als der hinaus in den warmen Abend trat.

Ian verlangsamte sein Tempo. „Wo entlang?“, rief er dem Security-Chef zu.

„Da lang!“ Der Mann zeigte zur Ostseite des Gebäudes, genau wie Ian erwartet hatte. Das Wohnzimmer befand sich in der nordöstlichen Ecke, und das Fenster, durch das die angeblichen Diebe geflohen waren, lag nach Osten.

Die beiden Sicherheitsmänner rannten in die angezeigte Richtung.

„Ich gehe andersherum“, meinte Ian. „Wir treffen uns in der Mitte.“

Er wartete nicht erst auf die Erlaubnis, sondern rannte sofort zur Westseite – wo Francine hinter dem Steuer der Limousine wartete, die sie gemietet hatten, um Prinz Stefan zur Botschaft zu fahren.

Dummerweise folgte der Security-Chef ihm weiterhin.

Die Bürgersteige in dieser Gegend waren aus Kopfsteinpflaster und sehr rutschig. Diese Tatsache machte er sich zunutze und wich auf die Straße aus, als er um die Ecke bog und … Ja, da vorn stand Francine, neben dem Wagen.

Sie hatte den Motor laufen lassen, die Scheinwerfer eingeschaltet. Allerdings war sie ausgestiegen und stand neben dem Auto; ihrer war nicht der einzige Wagen, der am Straßenrand wartete, und sie wollte sichergehen, dass Ian sie entdeckte.

Die enge, normalerweise wenig befahrene Straße war nicht so leer, wie er gehofft hatte.

Die anderen Gäste des Botschaftsdinners, die in ihren Limos und Rolls-Royces eingetroffen waren, hatte man hierhergelotst, um den Feuerwehr- und Polizeifahrzeugen nicht im Weg zu sein. Einige waren ausgestiegen und tummelten sich in ihren Smokings und Paillettenkleidern auf dem Gehsteig – und blockierten dadurch Francine.

Na schön, das war nicht das, womit er gerechnet hatte. Aber Ian würde damit klarkommen.

Der Security-Chef war erwartungsgemäß nicht begeistert. „Räumen Sie diesen Abschnitt!“, rief er in mehreren Sprachen.

„Vielleicht können die uns helfen“, wandte Ian ein und kam vor Francine schlitternd zum Stehen. „Entschuldigen Sie bitte, Sir …“, sprach er sie an. Mit dem tief ins Gesicht gezogenen Hut, der ihr Haar versteckte, konnte sie durchaus als ein etwas zu klein geratener junger Mann durchgehen. „Haben Sie zwei Männer gesehen, ganz in Schwarz gekleidet …?“ Er wiederholte seine Frage in mehreren Sprachen, unter anderem auch in seinem schlechten Französisch.

Francine schüttelte den Kopf und stieg in den Wagen.

Eigentlich hätte der Sicherheitschef ebenfalls anfangen müssen, die potenziellen Zeugen zu befragen, ehe er sie erneut aufforderte, den Bereich zu räumen.

Doch aus dem Augenwinkel registrierte Ian, dass der Security-Boss in seine Jacke griff, in der vermutlich seine Handfeuerwaffe steckte.

Anscheinend hatten Ian seine Kommunikationsfähigkeiten verlassen.

Also bekam der Security-Chef die gleiche Nachricht wie Prinz Stefan oben in der Botschaft – in Form eines beherzten Kinnhakens.

Der Mann ging zu Boden, und Ian nahm ihm die Waffe ab, bevor er ins Auto sprang.

„Fahr!“, rief er überflüssigerweise, denn Francine gab bereits Gas.

Sie bedeckte ihr Headset-Mikro und stellte fest: „Du blutest.“

„Mir fehlt nichts“, erwiderte er. „Hab ich mir selbst beigebracht.“ Er schaute hinaus und erkannte, dass einige der Smoking- und Paillettenkleidträger seinen Kinnhaken beobachtet hatten. Ein paar rannten zu dem Sicherheitsmann und riefen nach der Polizei – die ihnen wegen des Gewirrs aus Limos und Rolls-Royces jedoch nicht folgen konnte.

Trotzdem steuerte Francine den Wagen wie der Profi, der sie war, während Ian nach Verfolgern Ausschau hielt. Rasch verschwanden sie im Straßenlabyrinth und waren bald weit weg vom Geschehen vor der Botschaft.

Niemand fuhr hinter ihnen her. Endlich fühlte Ian sich sicher genug, um Druck auf den Schnitt am Haaransatz auszuüben.

„Alles klar“, sagte Francine ins Mikrofon. „Wir sind unterwegs zum Evakuierungspunkt.“

Sie würden das Land mit einem Privatjet verlassen, der von einem kleinen Flughafen außerhalb der Stadt startete. Der Klient hatte den Flug arrangiert, was bedeutete, dass sie ohne großen Kontakt zum Zoll an Bord gehen konnten. Das war sehr angenehm.

„Johnny, sag dem Piloten, er soll die Maschine startklar haben, wenn wir eintreffen“, befahl Ian.

„Aye, aye, Sir.“

Francine bedeckte ihr Mikrofon erneut und fragte: „Hast du das getan, was ich vermute?“

„Jap“, antwortete Ian knapp.

Er zog das Päckchen hervor, das er links im Hemd verstaut hatte, und wickelte die Schmuckstücke aus, um sich eins davon genauer anzusehen: ein silbernes Medaillon.

Die filigrane Kette hatte sich in einem Diamanthalsband verfangen. Vorsichtig löste er sie voneinander.

Das Medaillon war ihm in der Botschaft gleich ins Auge gefallen. Zum einen wegen seiner faszinierenden Schlichtheit, zum anderen, weil er sich sofort gefragt hatte, ob man es öffnen konnte und …

Ja, tatsächlich. Im Innern befanden sich Miniaturfotos; auf jeder Seite eines. Links waren ein junger Mann und eine junge Frau an ihrem Hochzeitstag zu sehen, ungefähr Ende der 1930er-Jahre. Rechts steckte das Foto eines kleinen Mädchens, etwa vier Jahre alt, das die leuchtenden Augen und das fröhliche Lächeln seiner Mutter geerbt hatte.

Da wusste Ian, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Denn vielleicht, nur vielleicht, hatte das Mädchen überlebt.

Heute müsste sie um die achtzig sein. Und dieses Medaillon würde für sie von unschätzbarem Wert sein. So wie jedes dieser Schmuckstücke, das irgendjemandes Mutter oder Großmutter getragen hatte.

Francine warf ihm einen Blick zu, nachdem er alles wieder eingewickelt hatte. „Drei Millionen sind ein ziemlich guter Fang für einen Abend Arbeit“, bemerkte sie und lenkte die Limousine auf die Startbahn, wo der Jet wartete.

Ian verstaute das Päckchen in seinem Hemd. „Ja.“

Sie stiegen aus dem Wagen und waren halb die Gangway hinaufgegangen, als Francine fragte: „Also bist du jetzt ein Juwelendieb?“

Das konnte er kaum bestreiten.

Johnny erwartete sie in der Kabine und übergab Ian das externe Laufwerk, auf dem sich der Inhalt von Prinz Stefans Computer befand. Danach half er dem Kopiloten, die Tür zu schließen.

Ian schnallte sich an. Seine beiden Teammitglieder saßen links und rechts von ihm und machten es sich für ein transatlantisches Nickerchen bequem. Währenddessen raste der Jet schon mit aufheulendem Triebwerk die Startbahn entlang und trug sie sicher davon, hinein in die Nacht.

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TEAM HERO

1. KAPITEL

Montag

I an Dunn war nicht das, was sie nach der Lektüre seiner Akte erwartet hatte.

Phoebe schaute zu Martell Griffin, der am Befragungstisch neben ihr saß. Obwohl er kaum merklich nickte, um ihr zu zeigen, dass er ihre Überraschung bemerkt hatte, ließ er Ian, der von einem Wachmann in den kleinen Raum geführt wurde, keine Sekunde aus den Augen. Schließlich durften sie nicht vergessen, dass dieser Mann, der Gefangene, gefährlich war.

Auf dem Papier schien Dunn eine skrupellose Mischung aus Captain America und James Bond zu sein: zu fast allem fähig. Er war ehemaliger Navy-SEAL, der sich zum internationalen Juwelendieb gewandelt hatte – angeblich, denn man hatte ihn wegen eines solchen Verbrechens nie angeklagt.

Trotzdem hatte Phoebe nach der Lektüre der Akte, die sie erst heute Morgen erhalten hatte, eher jemanden erwartet, der wie Cary Grant aussah. Einen schlanken, leichtfüßigen Mann. Jemanden, der sich unsichtbar machen konnte in seiner schwarzen Fassadenkletterkluft.

Dieser Mann jedoch, der Gefängniskleidung trug, besaß die Statur eines Boxers. Er war kompakt und massiv, das reinste Muskelpaket.

Der würde sich höchstens in einer stockfinsteren Nacht unsichtbar machen können. Und wenn alle, die nach ihm suchten, betrunken waren.

Er war größer als Martell, was schon etwas heißen wollte, da der Afroamerikaner, Excop und jetzige Anwalt Phoebe deutlich überragte. Und dabei war sie selbst seit der fünften Klasse so hochgewachsen wie eine Amazone.

Neben Ian Dunn wirkte Martell allerdings beinah unterernährt, und Phoebe kam sich zierlich vor.

Abgesehen davon, dass er ein Hüne war, schwitzte Dunn auch noch. Sein Gefängnis-T-Shirt war vom Kragen bis hinunter zur Brust schweißnass, ebenso unter den Achseln. Es klebte an seinem mächtigen Oberkörper. Die Tätowierungen glänzten auf seinen massiven Bizepsen, die die ausgefransten und ausgeblichenen orangefarbenen Ärmel dehnten.

Sein zu langes dunkelbraunes Haar fiel ihm ins Gesicht, und während Phoebe ihn beobachtete, benutzte er den Saum seines Shirts, um sich den Schweiß abzuwischen. Dabei entblößte er beeindruckende Bauchmuskeln und den Bund von Sportshorts, ebenfalls in tristem Orange, die aufreizend tief auf seinen Hüften saßen.

Und fabelhaft: Als er das T-Shirt wieder herunterließ, ertappte er sie dabei, wie sie auf seinen Schritt starrte. Irgendwie war ihr Blick weiter abwärtsgewandert, dem schmalen Pfad dunkler Härchen folgend, der von seinem nahezu vollkommenen Nabel wie ein Signalpfeil in die Richtung zu weisen schien.

Phoebe schob ihre Brille hoch, hob den Blick und zwang sich zu einem, wie sie hoffte, höflichen, professionellen Lächeln, obwohl er sie angrinste. Seine blauen Augen funkelten in einem Gesicht, das breit war und heiter, mit sehr markanten Zügen und einer zu großen Nase und zu dichten Brauen, um als gut aussehend zu gelten.

Eigentlich. Aber das stimmte nicht.

Denn trotz der Tatsache, dass sein gewinnendes Lächeln der Hälfte der Bevölkerung Herzflattern verursachen konnte, wirkte Ian Dunn eher wie ein Mann, der auf dem Dorffest Ochsen warf.

Jedenfalls nicht wie das kriminelle Superhirn, das er angeblich war.

Während er sie amüsiert betrachtete, lag nicht bloß ein Mix aus Humor und ironischer Anerkennung in seinen Augen. Als er den Stuhl heranzog und sich darauffallen ließ, erschien er so entspannt und locker, als träfen sie sich hier beim Picknick oder am Rand eines Softballfeldes, wo er gerade eine Pause einlegte – statt in einem Befragungsraum im Staatsgefängnis von Florida, in dem er bereits fünfzig Prozent einer achtzehnmonatigen Haftstrafe abgesessen hatte.

Aber Dunns Augen verrieten auch einen scharfen Verstand.

Phoebe beobachtete, wie er sich umdrehte und dem Wachmann beruhigend zunickte, dessen Bewegungen entschuldigend wirkten, als er Dunns Fessel am linken Knöchel mittels einer kurzen Plastikarretierung mit einer Metallverankerung im Boden verband.

Auch die Hände des Gefangenen waren gefesselt, doch er legte sie auf den Tisch, als bemerke er die Handschellen gar nicht oder als seien sie ihm einfach egal.

„Freut mich, Sie einmal persönlich kennenzulernen“, sagte er schließlich mit ruhiger akzentfreier Stimme. Seine Worte waren seltsam, da weder Phoebe noch Martell ihm einen Brief geschickt oder mit ihm telefoniert hatten. Die Zeit dafür war gar nicht da gewesen. Bis vor einer knappen, chaotischen Stunde hatte Phoebe nicht gewusst, dass sie hier sein würde. „Tja, wenn Sie vorher angerufen hätten, wäre ich noch schnell unter die Dusche gesprungen und hätte mich dem Anlass entsprechend gekleidet.“

Er grinste, während er langsam den Kopf drehte, um über seine breite Schulter zur Tür zu blicken, die sich mit einem schweren dumpfen Geräusch hinter dem Wachmann schloss.

In diesem Moment verhärtete sich seine Miene kaum merklich, während er abwechselnd Martell und Phoebe ansah, als durchschaue er mit seinem kriminellen Superverstand, dass Martell die Leitung dieses kleinen Meetings oblag. Sein Lächeln blieb unverändert, als er sich leicht vorbeugte und leise fragte: „Sind Sie ein Freund von Conrad?“

Phoebe schaute Martell an, der seine dunklen Brauen ein wenig zusammenzog und erwiderte: „Wer ist Conrad?“

Die Intensität – falls sie da war und nicht bloß auf Phoebes überaktive Einbildungskraft zurückzuführen – verschwand aus Dunns Augen und Gesicht so rasch, wie sie aufgetaucht war.

„Offenbar nicht.“ Dunn zuckte die Schultern und lehnte sich zurück. „Niemand Besonderes. Nur jemand, von dem ich glaubte, er sei ein gemeinsamer Bekannter.“ Er faltete die Hände über dem Bauch. Die Handschellen schränkten seine Bewegungsfreiheit jedoch ein. „Also, was wollen Sie mir hier verkaufen? Allerdings ist es wohl das Beste, wenn Sie mit Ihren Namen anfangen, damit ich Sie für mich nicht mehr Anwalt Nummer eins nenne und …“ Erneut schenkte er Phoebe sein sonniges Lächeln. „Anwalt Nummer zwei.“

„Ich bin Martell Griffin“, stellte Martell sich vor. „Es stimmt, Miss Kruger und ich sind Anwälte, aber nur sie ist Ihre Anwältin. Sie arbeitet für Bryant, Hill und Stoneham.“

„Wow. Moment mal. Ehrlich?“ Dunn lachte, doch dann hielt er inne und fragte Phoebe: „Ist das …? Das ist doch nicht …?“ Er setzte noch einmal an: „Wo ist Onkel Jerry?“

Onkel wer? Die Frage war so rätselhaft wie die über Conrad. Phoebe sah schnell zu Martell, aber der schüttelte bloß stumm den Kopf: Ich habe keine Ahnung.

„J. Quincy Bryant. Das B in B, H und S“, erläuterte Dunn, obwohl Phoebe noch gar nicht so lange geschwiegen hatte. So unbeschwert er sich auch gab, allzu große Geduld besaß dieser Mann nicht. „Das J steht für Jerry, zumindest für diejenigen von uns, deren Großväter ihn kannten, bevor er ein seelenloses Arschloch wurde.“ Seine Worte wurden von einem freundlichen Lächeln kontrastiert.

Tatsächlich könnte dieser Mann verkünden: „Ich bin hier, um Ihr Haus auszurauben!“; wenn er das mit einem solchen Lächeln vortrüge, würde die Reaktion der meisten Leute sein: „Oh, wie nett. Kommen Sie rein.“

Phoebe starrte bestürzt auf ihre Akte und überlegte, wie ihr entgehen konnte, dass einer der Seniorpartner der Kanzlei der Onkel dieses Mannes war. Das erklärte jedenfalls, warum die Spitzenkanzlei ihn vertrat. Sie wünschte nur, irgendwer hätte ihr gesagt, dass sie einem Familienmitglied eine sehr schlechte Nachricht übermitteln musste.

„Er ist kein echter Onkel. Wir sind nicht blutsverwandt.“ Dunn registrierte ihr Erstaunen und fügte schnell hinzu: „Keine Sorge: Es ist Ihnen nicht entgangen, weil es gar nicht da drinsteht.“

Na schön, das war gut. Aber was genau sollte sie ihm jetzt sagen? Sollte sie überhaupt irgendetwas sagen?

„Die Beziehung war eher so eine Mein-Großvater-starb-als-er-ihm-das-Leben-in-Vietnam-rettete-Sache“, fuhr Dunn beinah gut gelaunt fort. „Onkel Jerry hatte das Gefühl, in seiner Schuld zu stehen. Dabei hätte ich die Unterstützung ein bisschen früher gebrauchen können. Lebensmittel und Miete, als ich noch ein Kind gewesen bin, statt Rechtsbeistand, nachdem ich die Grenze überschritten hatte. Verstehen Sie, was ich meine? Aber was soll’s. Lieber spät als nie, stimmt’s?“

Phoebe wusste aus einer kurzen Familiengeschichte, dass Dunns Großvater John in Vietnam gefallen war, als Ians Vater George sehr jung gewesen war. George, der vor vier Jahren an Hepatitis gestorben war, hatte eine lebenslange Haft in Concord, Massachusetts, verbüßt. Er war wegen Beteiligung an einem Raub verurteilt worden, bei dem ein Wachmann getötet worden war – wenn auch nur aus Versehen. Und obwohl es nie bewiesen werden konnte, glaubte man, Ian habe zumindest einen Teil seiner Fähigkeiten als Einbrecher schon in früher Jugend von Dunn senior erworben, der es wiederum von einem Onkel gelernt hatte. Einem echten. Diese Information stand in Phoebes Akte, zusammen mit einer langen Liste weiterer angeblicher Taten. Manche geradezu beeindruckend verrückt.

Der gegenwärtige und lebendige Dunn hatte ihr jedoch eine Frage gestellt. Wo ist Onkel Jerry? Sie räusperte sich und entschied, am besten vage zu antworten. „Mr Bryant ist zurzeit nicht verfügbar.“

„Nichts für ungut“, meinte Dunn leichthin. „Ich bin sicher, Sie sind eine mindestens ebenso gute Anwältin. Aber aus welchem Grund auch immer Sie hier sein mögen, Miss Kruger: Ich würde doch gern warten, bis Onkel Jerry aus dem Urlaub zurück ist. Sie könnten auch die Kanzlei bitten, seinen Schwiegersohn zu schicken, Bob den Unfähigen, falls es wirklich nicht warten kann.“

Jetzt sahen beide sie an.

Martell Griffin war ebenfalls überrascht gewesen, als Phoebe heute Morgen vor den Gefängnistoren auf ihn gewartet hatte. Er hatte augenscheinlich nicht erwartet, dass Dunn bei diesem Treffen einen Rechtsbeistand haben würde. Möglicherweise war er auch bloß überrascht gewesen, dass sie nicht Mr Bryant oder sein Schwiegersohn Bob Middleworth war. Besonders in Anbetracht der Tragweite seines Angebots.

Also änderte Phoebe ihre Meinung. Beide Männer brauchten eine Erklärung, und außerhalb der Gefängnismauern hatte sich die Nachricht vermutlich ohnehin längst verbreitet. „Mr Bryant und Mr Middleworth wurden gestern Abend bei einem Autounfall verletzt. Ich muss Ihnen bedauerlicherweise mitteilen, dass Maureen Middleworth – Mr Bryants Tochter – bei dem Unfall getötet wurde.“

„Oh, verdammt“, murmelte Dunn.

„In der Kanzlei geht es gerade ein bisschen drunter und drüber“, sagte Phoebe und fügte hinzu: „Wie Sie sich bestimmt vorstellen können.“

„Das tut mir leid“, entgegnete Dunn mit echtem Bedauern. „Der arme Jerry, er muss am Boden zerstört sein. Bobby auch.“ Er schüttelte den Kopf, atmete tief ein und wieder aus. „Wow. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie eingesprungen sind, Miss Kruger, aber … ich kann durchaus ein paar Wochen warten – Monate, falls es sein muss –, bis Jerry wieder da ist.“

Martell meldete sich zu Wort: „Ich befürchte, die Situation duldet leider keinen Aufschub.“

„Muss sie aber“, gab Dunn zurück und musterte Martell. Er taxierte den gut sitzenden Anzug des Anwalts, sein gestärktes weißes Hemd, die bunte Krawatte sowie das markante, ernste Gesicht zum glänzenden rasierten Schädel. Er taxierte – und verwarf. Dunns Körpersprache war so deutlich, als werfe er ein benutztes Taschentuch weg. „Nicht wahr.“ Seine Worte waren nicht als Frage formuliert, und der Testosteronlevel im Raum stieg erheblich, als Martell gereizt seinerseits Dunn betrachtete.

Zwielichtige Figur, Sträfling, Knastabschaum, lautete die stumme Botschaft, die Martell ihm als Reaktion auf die abschätzigen Blicke sandte. Dunn quittierte es mit einem traurigen Lächeln. Was den Anwalt noch zorniger machte.

„Mr Dunn, mir ist bewusst, dass dies nicht der beste Zeitpunkt ist, wenn man die Umstände berücksichtigt. Aber sind Sie denn nicht neugierig?“, wollte Phoebe wissen. Den beiden Männern dabei zuzusehen, wie sie einander feindselig anstarrten, brachte dieses Meeting auch nicht voran. Außerdem hatte sie heute noch andere Dinge zu erledigen.

Dunn richtete den Blick auf sie, und sie konnte förmlich sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete, während er überlegte, wie er sie am besten aus der Reserve locken konnte. War das nicht interessant? Ihn interessierte gar nicht der Grund dieser Zusammenkunft. Dieses Meeting war bloß ein kleines Spiel für ihn.

Während Phoebe ihn beobachtete, entschied er sich offenbar für Überheblichkeit und erwiderte: „Schätzchen, ich bin sehr neugierig – allerdings nur auf Dinge, die wirklich wichtig sind.“ Tja, und dem Ganzen setzte er die Krone auf, indem er sie mit den Augen auszuziehen begann.

„Ich bevorzuge es, Miss Kruger genannt zu werden“, erklärte sie und zwang sich so gut wie möglich, sich nichts anmerken zu lassen. Trotzdem musste sie schlucken, denn ärgerlicherweise besaß dieser Mann eine animalische Anziehungskraft, die ihn zu einer Art Naturgewalt machte.

Natürlich entging ihm ihr dezentes Schlucken nicht, und sein Grinsen wurde breiter.

Na fein. Sollte er ruhig denken, er besäße die Macht, ihr weiche Knie zu verursachen. Sie wusste es schließlich besser.

„Diese Sache ist aber wichtig“, informierte sie ihn brüsk. „Der Grund, weshalb Mr Griffin dieses Treffen angeregt und Ihr Onkel Jerry mich hierhergeschickt hat, ist durchaus ein wichtiger. Sehr sogar. Hier stehen Leben auf dem Spiel – nicht zuletzt die von zwei unschuldigen Kindern.“

Er lachte überrascht. „Und ich allein bin im Besitz des Geheimcodes. Oder so etwas in der Art. Richtig?“

„So in der Art“, bestätigte sie und wandte sich an Martell. Sie selbst kannte die Lage nur in groben Zügen. Eines war ihr jedoch völlig klar: nämlich, dass der Deal, den der andere Anwalt anzubieten hatte, ein Geschenk von höherer Stelle war. „Ich glaube, das ist Ihr Stichwort, Mr Griffin.“

Doch Dunn schüttelte bereits den Kopf und sagte zu Martell: „Welches Wissen auch immer Sie mir unterstellen mögen, Sie irren sich.“

„Egal, was Sie uns erzählen“, mischte Phoebe sich ein, auch wenn sie Martell stumm zu verstehen gegeben hatte, dass er nun das Reden übernehmen sollte. „Egal, was Sie uns verraten, egal, ob es legal ist oder nicht, wird weder jetzt noch in Zukunft gegen Sie verwendet werden. Sie erhalten Immunität. Absolute. Dafür habe ich gesorgt.“

Martell fuhr fort: „Wenn Sie Ihre Karten richtig ausspielen, Mr Dunn, dann verlassen Sie den Raum heute mit uns zusammen, als freier Mann.“

Dunn lachte erneut, doch sein Lachen erstarb, als er von Martell zu Phoebe sah. „Moment mal. Er nimmt mich auf den Arm, oder?“

Sie schüttelte den Kopf.

Dunn musterte Martell. „Wer sind Sie?“

„Ich vertrete hier gewissermaßen die Regierung. Darauf läuft es in etwa hinaus“, antwortete Martell. „Obwohl ich nicht direkt für sie arbeite und keine Details über die Organisation verraten darf, die für diese Mission verantwortlich ist. Sie müssen lediglich wissen, dass ich hier bin, um Ihnen die Freiheit anzubieten. Und zwar die sofortige Freiheit, im Austausch für Ihre Kooperationsbereitschaft …“

„Nein“, schnitt Dunn ihm das Wort ab und drehte seinen Stuhl so weit, wie es mit dem Haltegurt ging. „Auf gar keinen Fall. Kein Deal. Vielen Dank. Ich bin nicht interessiert.“ Richtung Tür rief er: „He, Roger, wir sind hier drin fertig!“

Diesmal war Martell dermaßen überrascht, dass er laut loslachte. „Machen Sie Witze?“ Er schaute zu Phoebe, als könne sie ihm helfen. „Macht er Witze? Will er etwa im Gefängnis bleiben?“

Sie schüttelte den Kopf, denn sie hatte keine Ahnung.

Was kein ungewöhnlicher Zustand war für sie in ihrer ersten Woche, die sie für die angesehene Kanzlei arbeitete. Gleich zu Anfang hatte man sie ins kalte Wasser geschubst und ihr die Fälle von drei Anwälten aufgehalst, die vor Kurzem entlassen worden waren. Den Großteil der Woche hatte sie damit zugebracht, verzweifelt zu paddeln, um den Kopf über Wasser zu halten.

Und jetzt kam dieser Tag dazu und vergrößerte das Chaos noch.

Da sie zu den wenigen Anwälten gehörte, die der verunglückten Tochter des Chefs nie begegnet waren, hatte man ihr rasch Ian Dunns Akte zukommen lassen, auf der der Vermerk Oberste Priorität prangte. Die Wellen, die ihr schon entgegengeschlagen waren, schienen winzig angesichts dieses jüngsten Tsunamis, dem sie sich stellen musste. Das wurde allmählich zu ihrer neuen Normalität.

Und es stellte eine komplette Veränderung ihrer Realität dar. Eigentlich hatte sie sich stets voller Stolz zu der kleinen Gruppe von Menschen gezählt, die in jeder Situation den Durchblick behielten.

Nun wurde allerdings sehr deutlich, dass Ian Dunns Akte unvollständig war. Phoebe würde tiefer graben müssen, um aus ihm schlau zu werden. Das würde sie tun, sobald sie ein wenig Zeit und einen Internetanschluss hatte.

„Roger!“, rief Dunn erneut. „Wo zur Hölle stecken Sie?“

Martell stand auf und klopfte direkt vor Dunn auf den Tisch.

„Der kommt erst herein, wenn ich ihm sage, dass wir fertig sind. Und wir sind nicht eher fertig, bis Sie sich mein Angebot angehört haben und anschließend mit mir den Raum verlassen. Denn genau das ist es, was vernünftige Leute tun, wenn sie die Möglichkeit bekommen, aus dem Knast entlassen zu werden.“

Dunn sah von Martell zu Phoebe, und in seinen Augen lag kein freundlicher Ausdruck mehr. Jetzt wirkte sein Blick stahlhart. „Ich bin seit fast einem Jahr im Gefängnis, also ist es durchaus möglich, dass sich die Dinge außerhalb dieser Mauern verändert haben. Ist so etwas mittlerweile legal?“, fragte er sie. „Mich zu etwas zu zwingen, was ich gar nicht will?“

Sie räusperte sich. „Hier liegen ungewöhnliche Umstände vor. Es steht nicht nur das Leben dieser Kinder auf dem Spiel, sondern wohl auch, so wie ich es verstanden habe, die nationale Sicherheit. Und Mr Griffin unterbreitet Ihnen da wirklich ein gutes …“

„Mich interessiert aber nicht, was er mir anbietet. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei der Suche nach jemandem, der Ihnen bei der Rettung der Welt hilft. Ich werde es jedenfalls nicht machen. Diesmal nicht.“

Phoebe stutzte. „Als Ihre Anwältin, Mr Dunn, empfehle ich Ihnen dringend, dass Sie …“

„Sie sind nicht meine Anwältin“, unterbrach Dunn sie ruhig, beinah sanft. „Und es ist mir herzlich egal, was Sie mir empfehlen. Kein Deal. Bringen Sie mich weg, und zwar sofort.“

Tja, war das nicht ein hübscher Schlamassel?

Ian Dunn kannte seinen Anwalt Jerry Bryant nicht sehr gut, und den Schwiegersohn Bob hatte er nie kennengelernt. Der sollte eigentlich auftauchen, wenn Jerry es zu einem Gefängnistermin nicht schaffte. Und von denen hatte es bereits einige gegeben. Die Story, die Ian über seinen Großvater in Vietnam erzählt hatte, war genau das: bloß eine Geschichte. Sie diente als offizielle Begründung dafür, dass Bryant persönlich ihn vertrat.

Ms Kruger hatte es nicht nur versäumt, richtig auf seine codierte Frage nach dem fiktiven Conrad zu antworten. Nein, man hatte Ian auch immer wieder erklärt, dass lediglich Jerry oder Bob als Verbindung zu seinem aktuellen Armleuchter von Arbeitgeber fungieren würden. In der Verwirrung, die durch den tödlichen Unfall entstanden war, hatte man eine der jüngeren Anwältinnen der Kanzlei zu ihm geschickt. Wahrscheinlich ein Versehen.

„Wir haben den Mann gefunden, der die Welt retten kann – und diese Kinder“, erklärte der Anwalt Martell Griffin. Weder er noch Miss Kruger machten Anstalten, den Gefängniswärter zu rufen. „Und das sind Sie.“

Ian schüttelte stumm den Kopf und betrachtete die Anwältin, die aussah, als käme sie frisch vom College, so jung war sie noch. Doch von Bryant, Hill und Stoneham wusste er, dass sie niemanden direkt von der Uni einstellten. Also musste sie älter sein, Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig. Ihr vollkommen makelloses Gesicht und den porzellanhellen Teint hatte sie vermutlich den zahlreichen Stunden in einem fensterlosen Büro der Anwaltskanzlei zu verdanken.

Das braune Haar hatte sie zu einem Knoten zusammengebunden, und mit dem dunklen Brillengestell und dem weit geschnittenen Hosenanzug, der ihre Kurven dennoch nicht verbergen konnte, wirkte sie wie eine sexy Bibliothekarin.

Sie war hübsch, aber das kümmerte sie nicht. Tatsächlich schien sie darum bemüht, ihr gutes Aussehen zu verstecken – auch die Augen, was die klobige Brille bewies.

Ian hätte erwartet, dass eine Frau mit so heller Haut blaue oder grüne Augen hatte. Ihre waren jedoch von einem dunklen, tiefen Braun. Ihrem Blick zu begegnen war, als fiele man rückwärts in eine warme, mondlose Nacht.

Und ja, es stimmte, Ian hatte schon viel zu lange ohne weibliche Gesellschaft auskommen müssen. Es würde auch noch lange dauern, bis es so weit war: Er hatte nämlich nicht die Absicht, mit den beiden hier herauszumarschieren. Ganz egal, was sie ihm anboten, damit er das dritte Mitglied in ihrem Kinderrettungsteam wurde.

Das Leben seines kleinen Bruders hing davon ab, dass Ian genau dort blieb, wo er war. Und dabei spielte es keine Rolle, dass Aaron längst nicht mehr klein war. Tot war tot, und Ian war entschlossen, dafür zu sorgen, dass Aaron bis ins hohe Alter lebte. Außerdem hatte der Junge inzwischen selbst ein Kind. Und das bedeutete, es stand noch mehr auf dem Spiel.

„Ich werde bis zehn zählen, Julie“, wandte er sich jetzt an Miss Kruger, deren Vorname vermutlich nicht Julie war. Doch auch das fiel in die Rubrik der Dinge, die ihm egal waren. „Wenn Sie nicht auf der Stelle Roger kommen und mich hier wegbringen lassen, werde ich den Nachmittag damit verbringen, einen Beschwerdebrief an die Gefängnisverwaltung zu schreiben. Das wird zwar nicht viel nützen, aber Sie werden mit bürokratischem Scheiß überschwemmt werden, und zwar monatelang. Sie sehen aus wie ein Mädchen, das Besseres zu tun hat.“

Sie verzog keine Miene, sondern hob angesichts seiner kämpferischen Worte nur das Kinn. „Erstens bin ich schon seit Jahren kein Mädchen mehr. Zweitens kann und werde ich argumentieren, dass es in Ihrem besten Interesse ist, sich Mr Griffins Vorschlag anzuhören. Und drittens, ich heiße Phoebe, nicht Julie. Ms Kruger wäre mir allerdings lieber.“

„Eins“, begann Ian mit seinem Countdown und hielt ihrem Blick mühelos stand. Phoebe, ja? Der Name passte zu ihr. Sicher wünschte sie sich trotzdem einen Namen, der sich leichter abkürzen ließ, wie Kate, Jenn oder Meg. Andererseits gefiel es ihr vielleicht, einen Namen zu haben, der zu ihrem sanften Äußeren passte und zugleich ihre Entschlossenheit verbarg, sozusagen als Geheimwaffe gegen ihre Gegner.

„Zwei“, fuhr er fort und zeigte in diesem Wettkampf des gegenseitigen Anstarrens den Anflug eines Lächelns, damit sie glaubte, er stelle sie sich gerade nackt vor. Was er wirklich tat, denn das machte diesen Schlamassel ein wenig erträglicher.

Am anderen Ende des Tisches atmete Martell Griffin hörbar frustriert aus.

Phoebe ergriff die Gelegenheit, den wortlosen Wettstreit zu beenden, indem sie zu Griffin schaute, als dieser meinte: „Lassen Sie uns mal über den Raub in der kazbekischen Botschaft reden. In Istanbul, am neunundzwanzigsten August …“

„Ah, darum geht es.“ Ian verdrehte die Augen. Ging es tatsächlich darum? Mann, das war Jahre her! Außerdem war er dank Shellys schneller Arbeit mit den Überwachungskameras der Botschaft deswegen nie angeklagt worden. „Drei“, sagte er zu Phoebe, ehe er sich Griffin zuwandte. „Ob Sie es glauben oder nicht: Selbst ich bin nicht so verrückt, vier Stockwerke hinaufzuklettern und durch ein Fenster in ein Gebäude einzusteigen – noch dazu während einer Dinnerparty –, und das für eine Beute von drei Millionen. Wie oft muss ich das denn noch wiederholen?“

„So oft Sie wollen“, entgegnete Griffin. „Wir wissen doch alle, dass Sie lügen.“

„Ich weiß es nicht“, schaltete Phoebe sich ein. „Ich meine, ich bin nicht hundertprozentig davon überzeugt, dass er lügt. Die Fakten …“

„Die Fakten besagen, dass er zum Zeitpunkt des Raubs in Istanbul war“, vervollständigte Griffin den Satz für sie.

„Das ist bestenfalls ein Indizienbeweis“, konterte sie.

„Hören Sie“, unterbrach Ian sie. „Süße, wenn Sie mir wirklich helfen wollen, dann holen Sie Roger und …“

„Das kazbekische Konsulat, diesmal in Miami“, schnitt Phoebe ihm das Wort ab. „Mr Griffins Klienten vermuten, dass die Kinder dort festgehalten werden. Sie und Mr Griffin scheinen außerdem der Ansicht zu sein, dass Sie, Mr Dunn, genau deswegen besonders dafür qualifiziert sind, ihnen zu helfen. Diese Klienten behaupten, Sie seien mit dem Sicherheitssystem des Konsulats vertraut.“

„Das behaupten sie“, wiederholte er trocken und fügte hinzu: „Vier, fünf, sechs dafür, dass Sie deren Märchenmist glauben.“

„Was ich ohne den geringsten Zweifel glaube“, erwiderte sie, „ist, dass Leo Vaszko, sieben Jahre alt, und Katrina Vaszko, dreizehn Jahre alt, gegen ihren Willen im Konsulat in Miami festgehalten werden. Wenn sie nicht befreit werden, wird man sie außer Landes bringen, zurück zu ihrem Vater – einem berüchtigten und gefährlichen kazbekischen Warlord. Dann werden sie ihre Mutter niemals wiedersehen.“

Ian kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Seit wann befasst sich die Regierung in diesem Ausmaß mit der Befreiung gekidnappter Kinder?“

Phoebe sah zu Griffin, denn das war in der Tat eine gute Frage. Oder? Der Anwalt räusperte sich und wurde sichtlich nervös.

„Wer ist denn die Mutter der Kinder?“, wollte Ian wissen, da hinter dieser Sache offensichtlich noch viel mehr steckte.

„Dr. Lusa Vaszko“, antwortete Griffin.

Ian sagte der Name nichts. „Doktor worin?“, fragte er.

Der Anwalt räusperte sich erneut. „Sie ist, äh, Atomphysikerin.“

Aha.

„Mein Klient“, fuhr Griffin fort, „möchte sicherstellen, dass Dr. Vaszko nicht gezwungenermaßen nach Kazbekistan zurückkehren muss. Dort könnte man sie nämlich wiederum zwingen, am wachsenden Atomprogramm mitzuarbeiten.“

Ja, das passte schon eher. Ian begriff. „Ich soll also was tun? Ihnen einen detaillierten Bericht über die Sicherheitsprozeduren und -standards der kazbekischen Botschaft und Konsulate liefern? Selbst wenn ich damals Zugang zu derartigen Informationen gehabt hätte: Es ist bereits Jahre her. Inzwischen ist das gesamte Sicherheitssystem überholt worden, und ein neuer Botschafter ist da. Seit damals ist der Posten zweimal neu besetzt worden. Sie brauchen mich nicht. Jedes Team aus Navy-SEALs, das sein Millionen teures Training wert ist, kann unbemerkt in dieses Konsulat gelangen und die Kinder retten.“ Noch während er sprach, fiel ihm der Haken an der Sache auf.

„Wir können die Navy-SEALs aus naheliegenden Gründen nicht einsetzen“, erklärte Griffin. „Oder ehemalige SEALs. Jedenfalls niemanden, der nicht im Gefängnis gesessen hat.“

Ein SEAL-Team, das heimlich in eine ausländische Vertretung eindrang, würde die US-Regierung in diplomatische Schwierigkeiten stürzen, wenn etwas schiefging und die Sache aufflog. Es könnte sogar als ein kriegerischer Akt ausgelegt werden.

„Ebenso wenig können wir das FBI oder die CIA einsetzen, ja nicht einmal die örtliche Polizei“, erklärte Griffin weiter.

Und da Ians Lebenslauf den Vermerk verurteilter Verbrecher enthielt, sowie mutmaßlicher internationaler Juwelendieb und ehemaliger Navy-SEAL … Ihm dämmerte endlich, worauf dieses Treffen hinauslaufen sollte. „Sie wollen mehr als nur diese Informationen von mir“, sagte er und sah dabei von Griffin zu Phoebe. „Darum geht es also. O nein. Das kann ich nicht machen. Außerdem dürfte Ihnen bewusst sein, dass Sie selbst eingreifen und dem Botschafter in den Hintern treten können, falls er ein Verbrechen begangen hat …“

„Wir denken, dass der Botschafter über den genauen Zusammenhang im Unklaren gelassen wurde“, meinte Griffin. „Die momentanen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Kazbekistan sind so angespannt, dass wir uns keinerlei Risiko erlauben können. Türen einzutreten ist jedenfalls keine Option. Die Befreiungsaktion muss absolut im Geheimen stattfinden.“

Ian schüttelte erneut den Kopf. „Ich kann Ihnen nicht helfen.“

„Das ist noch nicht alles“, sagte Griffin. „Das FBI hat einen der Kidnapper als jemanden identifiziert, der angeblich mit Ihnen bekannt ist. George Vanderzee. Sein Spitzname lautet …“

„Der Holländer“, beendete Ian den Satz lachend. Oh, Mann. Ja, er kannte Vanderzee gut. Halb Kazbeke und halb Niederländer, sah er sehr europäisch aus, hatte jedoch Kultur und Tradition seiner kazbekischen Mutter angenommen. Er verdiente sein Geld mit dem Unglück anderer. Ian hatte ihn vor einigen Jahren bei einer verdeckten Operation benutzt, bei der es um Waffenschmuggel gegangen war, kurz nachdem er selbst die Navy verlassen hatte. „Fantastisch. Er ist ein verdammter Irrer. Und nur zu Ihrer Information: Er heißt Georg und nicht George. Das spricht man ‚Gay-org‘ aus, und es schreibt sich ohne das E am Ende.“

„In meiner Akte steht es anders“, bemerkte Griffin.

„Ihre Akte ist fehlerhaft“, informierte Ian ihn. „Ihnen ist schon klar, dass der Job durch seine Beteiligung nicht gerade leichter wird?“

„Mr Griffins Klienten glauben, dass seine Beteiligung Sie erst recht für diesen Job qualifiziert“, erklärte Phoebe. „Sie gewinnen Ihre sofortige Freiheit ebenso wie totale Immunität …“

„Die will ich nicht. Ich akzeptiere diesen Deal nicht, ganz egal, was für mich dabei herausspringt“, gab Ian zurück und setzte hinzu: „Sieben, acht, neun …“

Phoebe ignorierte ihn einfach und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Griffin, der seine Akte zugeklappt hatte und sie beinah aggressiv in seine Tasche stopfte, während er sich erhob.

„Das Meeting ist beendet“, verkündete der Anwalt. „Ich habe genug Zeit vergeudet. In diesem Spiel hänge ich persönlich mit drin. Mein allerbester Freund liegt im Krankenhaus und ringt mit dem Tod, während wir hier diskutieren. Er kam bei dem Versuch, diese Kinder zu verteidigen, fast ums Leben. Die zu finden ich nun helfen werde. Also Schluss mit dem Bullshit – ich wechsle direkt zu Plan B.“

Was immer er vorhatte: Phoebe war jedenfalls nicht eingeweiht. Sie stand ebenfalls auf und rief Griffin sichtlich erschrocken hinterher, als dieser den Raum durchquerte: „Plan B …?“

Griffin ergriff den Hörer, mit dem er Kontakt zu den Wärtern aufnehmen konnte, trommelte jedoch gleichzeitig ungeduldig gegen die Tür. „Hallo! Wir sind hier drinnen fertig.“

Ian schob seinen Stuhl zurück, soweit seine Fesseln es zuließen, um der hübschen Phoebe nachzuschauen.

„Plan B?“, wiederholte sie und senkte ihre Stimme. „Wir haben über einen Plan B nicht gesprochen.“

„Ich hole Dunn hier raus, auch ohne Abmachung“, sagte Griffin und sprach kurz in den Hörer. „Ja, öffnen Sie bitte die Tür. Sofort.“ Dann legte er auf und wandte sich an Phoebe: „Wir machen diesen Deal, wenn er frei ist.“

„Mit welchem Druckmittel?“ Phoebe sprach genau die Frage aus, die Ian gerade beschäftigte.

„Mit der Drohung, seinen erbärmlichen Hintern wieder hierherzuverfrachten, nachdem er die Freiheit gekostet hat, die er angeblich gar nicht will“, erklärte Griffin. „Zusammen mit einem Haufen Geld. Jeder hat seinen Preis. Dunn hat seinen, und da so viel auf dem Spiel steht, wird mein Klient bereit sein, ihn zu zahlen.“

„Sie wollen mich aus einem Hochsicherheitsgefängnis holen, als wäre es ein Wellnesshotel oder so was?“, rief Ian und lachte. „Wenn Sie das machen, wird jeder auf diesem Planeten wissen, dass ich ab sofort für das FBI arbeite. Oder für die CIA oder welchem finsteren Herrscher Sie sonst dienen. Dadurch werde ich auf der Stelle unbrauchbar. Hallo?“

Martell Griffin lächelte, doch sein Blick war kalt. „Wir wissen eine ganze Menge über Sie, Mr Dunn. Wir werden es so aussehen lassen, als hätten Sie den Deal auf einer unteren Ebene gemacht.“

Ian lachte von Neuem auf. „Das ist verrückt.“

Dieser Ansicht war Phoebe offenbar auch. Sie gab sich Mühe, leise zu sprechen. Der Raum war allerdings so klein, dass Ian unweigerlich mithörte. „Wenn Dunn wirklich hinter dem Raub in der Botschaft in Istanbul steckt“, sagte sie zu Griffin, „dann hat er mehr Geld auf einem Konto in Übersee, als wir uns vorstellen können.“

„Alles Unsinn“, versicherte Ian, aber die beiden würdigten ihn keines Blickes.

„Mag sein“, antwortete Griffin auf Phoebes Einwand und wirkte dabei besonders grimmig. „Geld ist jedoch nicht das Einzige, was wir anzubieten haben.“ Die Tür ging auf. „Jeder hat seinen Preis“, wiederholte er. „Auch Ian Dunn.“

Und nach diesen Worten marschierte er hinaus, dicht gefolgt von Phoebe.

„Mist“, sagte Ian in den leeren Raum hinein, als die Tür schwer zufiel. Wenn dieser Clown ihn hier herausholen würde, wären nicht nur neun Monate harter Arbeit umsonst gewesen; Aaron würde außerdem in unmittelbarer Gefahr schweben.

Ja, Ian hatte tatsächlich einen Preis, doch Phoebe lag vollkommen richtig mit ihrer Einschätzung: Mit Geld hatte das alles nichts zu tun. Genau genommen drehte es sich bloß um zwei Dinge: die Sicherheit seines Bruders Aaron und dessen Familie.

Aaron hatte Rory gerade zum Mittagsschlaf hingelegt, als das Telefon klingelte.

„Schei…“ Er verkniff sich den Rest für den Fall, dass der schrille Klingelton seinen Sohn aufgeweckt haben sollte. Mit seinen elf Monaten gab Rory schon nach Worten klingende Laute von sich, und „Scheiße“ sollte nicht so schnell zu seinem Vokabular gehören. Das hatte Zeit, bis er zur Schule kam und es von Kids mit schlechteren Eltern aufschnappte.

Ihn heute zum Mittagsschlaf hinzulegen war ein Kampf für sich gewesen. Rory hatte geschluchzt, als ginge es um sein Leben – was stets eine beunruhigende Erinnerung war an die ersten anstrengenden Monate im Leben des Babys. Aber die Zeit war auf Aarons Seite gewesen: Der Junge war müde gewesen und durch das Geschrei noch müder geworden. Es hatte nicht lange gedauert, bis ihm die Augen in dem kleinen, brillanten, wundervoll duftenden Kopf zugefallen waren.

Aaron meldete sich flüsternd: „Ja? Was gibt es?“ Das würde ihm nicht unbedingt Pluspunkte einbringen, sollte der Anrufer jemand von der Kinderkrippe sein, in die Shelly den Jungen unter allen Umständen schicken wollte.

Als würde es für Rorys Zukunft als Präsident der Vereinigten Staaten darauf ankommen, in welche Krippe er gegangen war – oder was Shel sich für ihn vorstellte.

Aaron selbst hatte nie eine Krippe oder einen Kindergarten besucht, auch keine Vorschule oder wie auch immer das heutzutage genannt wurde.

Was genau genommen Shels Argumentation untermauerte, da Aaron jetzt als Hausmann dasaß, der per Haftbefehl gesucht wurde.

Ach ja, und sein einziger Familienangehöriger war dieser Armleuchter von einem Bruder, der vor fast einem Jahr verschwunden war. Wahrscheinlich war Ian irgendwo unterwegs, um die Welt zu retten. Dieser Blödmann.

Ian hatte zu Rorys Geburt eine mickrige Karte ohne Unterschrift geschickt. Eine Karte und hunderttausend Dollar in Sparobligationen. Seine Großzügigkeit war eine schlecht getarnte Erinnerung daran, dass Ian die Familie weit weg sehen wollte. Zumindest sollten sie Florida verlassen. Er wollte, dass sie alle wegzogen: Aaron, Shelly und Shels ältere Schwester Francine. Doch Ian würde sie nicht ewig unterstützen können, seine Geldmittel waren nicht unbegrenzt. Außerdem hatte Shelly einen gut bezahlten Job in Sarasota und war Teilhaber einer florierenden Softwarefirma. Es bestand die begründete Hoffnung, dass die Firma in einigen Jahren an die Börse ging und Shelly sich auszahlen ließ. Damit wären sie finanziell abgesichert – und konnten für immer fortgehen. Sarasota war eine große Stadt, fast eine Stunde entfernt von Clearwater. Solange sie auf der Hut waren und sich unauffällig benahmen, hatten sie nichts zu befürchten. Den Streit darüber hatten sie mit Ian ausgefochten – und gewonnen –, lange bevor er untergetaucht war. Unter falschen Namen in Florida zu leben war sicherer, als unter ihrem echten Namen in Alaska. Wenige Tage vor seinem Verschwinden hatte Ian das auch eingeräumt.

Seitdem waren monatlich Postkarten eingetroffen, auf denen in Ians krakeliger Handschrift stets das Gleiche zu lesen war: Hab euch lieb. Vermisse euch. Passt auf euch auf. Macht keine Dummheiten.

Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen, und Aaron hörte sich selbst fragen: „Ian?“ Er hegte nun mal diese dumme Hoffnung, die sofort beim kleinsten Fünkchen aufloderte. Zum Beispiel dachte er in diesem Moment daran, dass Ian möglicherweise von irgendwo in Übersee anrief, wo er einen geheimnisvollen Auftrag zu erledigen hatte. Deshalb die schlechte Verbindung.

Tja, von wegen.

Wer immer dort am anderen Ende war, sagte kein Wort. Dann wurde die Verbindung mit einem leisen Klicken einfach unterbrochen.

Aaron schaute auf das Telefon, aber natürlich wurde die Nummer des Anrufers auf dem Display nicht angezeigt.

„Arsch“, flüsterte Aaron in den Apparat, und das galt auch seinem Bruder, wo immer dieser Depp sich aufhalten mochte. Er ging die Treppe hinunter und schaltete das Babyfon in der Küche ein. Danach begab er sich an die Arbeit, indem er das Geschirr wusch und die Arbeitsflächen abwischte, bis der Marmor glänzte. Mit etwas Glück würde er dafür ein bisschen mehr als ein dankbares Lächeln bekommen, sobald Shelly von seinem Job zurückkehrte, mit dem er das viele Geld verdiente, das ihre wunderbare kleine Familie über Wasser hielt.

2. KAPITEL

Phoebe lernte einiges in der Zeit unmittelbar nach dem Treffen im Gefängnis mit Martell Griffin und Ian Dunn.

Erstens entdeckte sie, dass die Entlassung eines Häftlings mehrere Stunden in Anspruch nahm – was allerdings schneller war, als sie vermutet hatte.

Zweitens erfuhr sie, dass Martells Wunsch, diese Kinder zu befreien, tatsächlich persönlicher Natur war und aus tiefstem Herzen kam.

Er hatte ihr erzählt, er sei gut befreundet mit einem Mann, der in Sarasota ein Security-Unternehmen namens Troubleshooter Incorporated führe. Dieser Mann habe zwar nicht den Auftrag gehabt, die Kinder zu schützen, habe aber eine Analyse über das Sicherheitsteam erstellen sollen, das momentan für den Schutz der Kinder zuständig war. Ironischerweise war er in Miami gewesen und hatte mit den Kindern und ihren Bodyguards eine Fahrt im Streifenwagen unternommen, als die Kids am helllichten Tag entführt worden waren. Die beiden Bodyguards waren bei dem dreisten Angriff ums Leben gekommen, und Martells Freund Ric war schwer verletzt worden.

Ein Schuss in die Brust, hatte Martell Phoebe berichtet, als sie das erste Mal den Befragungsraum des Gefängnisses verlassen hatten. Vergeblich hatte er sein Handy nach einer Nachricht über Rics Zustand gecheckt. Er hatte Phoebe daraufhin erzählt, er hoffe, eine Voicemail oder eine Textnachricht von Rics Frau zu erhalten, aber es sei nichts angekommen.

Kein Wort.

Das war kein gutes Zeichen.

Martell war tief in seiner eigenen unglücklichen Welt gefangen gewesen, deshalb hatte Phoebe ihn auf dem Parkplatz des Gefängnisses zurückgelassen, wo er ruhelos auf und ab gelaufen war. Die meiste Zeit, während sie auf Dunns Entlassung warteten, hatte sie mit Nachforschungen über den ehemaligen SEAL im klimatisierten North Port Coffee Shack verbracht.

Dort erfuhr sie weitere interessante Dinge, vor allem viel über Navy-SEALs.

Phoebe hatte seit dem Tod Osama bin Ladens viele Gerüchte über die SEALs gehört. Sie hatte angenommen, die SEALs wären nur die Navy-Version der Green Berets oder der Delta Force. Aber SEALs stellten keine gewöhnlichen Kommandotruppen, sondern Supertruppen. Anscheinend war ihre Ausbildung die härteste und strengste beim gesamten Militär. Sie war so intensiv, dass der Großteil der Anwärter das Handtuch warf. Nur die Besten schafften es, das ganze Programm durchzustehen.

Und zu denen hatte Ian Dunn einst gehört.

Er war freiwillig zur Navy gegangen und hatte während seiner zehnjährigen Dienstzeit nicht nur seinen Collegeabschluss gemacht, sondern auch die Offizierslaufbahn eingeschlagen, im Zuge einer Maßnahme, die sich OCS nannte – Officers Candidate School. Als er die Marine verlassen hatte, war er Lieutenant und SEAL-Teamleiter gewesen.

Das war noch etwas, was sie herausgefunden hatte: SEALs arbeiteten immer, unter allen Umständen, in Teams. Was die Frage nach Ians Team aufwarf. Wo war es? Sollte er nach seiner Zeit bei der Navy tatsächlich ein Dieb von internationalem Ruf geworden sein, dann bestimmt nicht über Nacht. Und schon gar nicht würde er im Alleingang arbeiten.

Phoebe musste also noch tiefer graben und gründlicher recherchieren.

Über Ians geheimnisvolle Teamkameraden hatte sie nichts gefunden, aber sie war bei ihrer Suche des Öfteren auf die Legende gestoßen, die sich um ihn rankte.

Das Gerücht unter den Soldaten der Spezialeinheiten und den SEALs, die sich in Internetforen austauschten, besagte, dass Ian Dunn den Großteil dessen, was er auf seinen regelmäßigen Raubzügen erbeutete, weggab. Er behielt nur so viel, wie zur Deckung der Kosten nötig war. Angeblich handelte es sich bei den Juwelen und Kunstwerken, die er „befreite“, um bereits gestohlene oder unrechtmäßig erworbene Dinge. Nazischätze, zum Beispiel. Vermögen aus Kriegsprofiten oder aus dem Blut und den Tränen von verwaisten Sklaven.

Doch nicht jeder in diesen Internetforen hielt Dunn für einen Helden. Ein anonymer Schreiber behauptete, Dunn habe mit dem Verlassen der SEALs alle alten Verbindungen und Kontakte gekappt.

Dieselbe anonyme Person, die sich im Netz jackal99 nannte, wies darauf hin, dass es den Sondereinheiten stets äußerst unangenehm sei, wenn ein SEAL mit Spezialausbildung zum aggressiven Einzelgänger wurde. Es kam zwar sehr selten vor, aber es geschah eben.

Wir alle zucken zusammen und fangen ein bisschen an zu schwitzen, schrieb dieser angebliche ehemalige SEAL. Denn wir wissen, wozu Dunn fähig ist. Also tun wir so, als arbeite er für die Guten, damit wir besser mit unserem Unbehagen klarkommen.

Es war faszinierend.

Das mit Abstand Interessanteste aber fand Phoebe in einem winzig kleinen Artikel per Zufall bei einer Google-Suche zu Dunns legendärem – und angeblichem – Raub in der Botschaft, als sie Jahr und Monat des Raubs zusammen mit dem Begriff „Nazischatz“ eingab.

Laut diesem Artikel hatte das in Los Angeles beheimatete Simon-Wiesenthal-Zentrum wenige Tage nach dem Raub in der kazbekischen Botschaft in Istanbul ein mysteriöses Paket erhalten, in dem sich die kostbaren Juwelen befunden hatten, die vermutlich während des Holocaust von den Nazis gestohlen worden waren. Die Organisation arbeitete daran, die Stücke zu identifizieren, um die ursprünglichen Besitzer aufzuspüren oder in Erfahrung zu bringen, ob noch Familienangehörige oder Nachkommen lebten.

Ja, allerdings, das waren für Phoebe sehr aufschlussreiche Stunden gewesen.

Doch dann hatte Martell eine SMS geschrieben und sie darüber unterrichtet, dass Dunns Entlassung unmittelbar bevorstehe. Daraufhin hatte sie ihren Computer eingepackt und sich auf den Rückweg zum Gefängnis gemacht.

Martell empfing sie nun genau dort, wo sie ihn verlassen hatte. Er lief sich aus Sorge um seinen Freund immer noch die Sohlen ab.

Als Phoebe ihren neuen Wagen auf dem fast leeren Parkplatz abstellte, hielt Martell sich gerade das Handy ans Ohr. Um ihn nicht zu stören, warf sie ihm lediglich einen fragenden Blick zu, während sie in die Hitze des Tages trat.

Als Antwort schüttelte er mit grimmiger Miene den Kopf und formte mit den Lippen die Worte „Noch nichts Neues“.

Auf keinen Fall würde er anders als auf direktem Weg vom Tod seines Freundes erfahren. Keine Neuigkeiten bedeuteten in diesem Fall also schlechte Neuigkeiten.

Zu ihrem Entsetzen beobachtete sie, wie Martell die Schultern hängen ließ und sich an seinen Wagen lehnte, die Hand über den Augen. Mit seinen langen eleganten Fingern massierte er seine Stirn und murmelte etwas Unhörbares ins Telefon.

Phoebe näherte sich ihm vorsichtig … Gott sei Dank?

Ja, das hatte er definitiv gesagt. Dann folgte: „Gib ihm einen dicken fetten Kuss von mir und richte dem Dickschädel aus, dass ich mir den Hintern aufreiße, um sein Chaos wieder in Ordnung zu bringen.“ Martell brachte ein Lachen zustande, obwohl er sich die Augen wischte, und fuhr fort: „Nein, im Ernst, Annie. Sag Ric, er soll sich keine Sorgen machen. Ich kann dir nicht verraten, mit wem ich zusammenarbeite, aber wir sind auf dem besten Weg, diese Kinder zu finden. Richte ihm aus, dass wir sie befreien werden. Er soll sich inzwischen auf seine Genesung konzentrieren. Ja.“ Er beendete das Gespräch mit einem „Alles klar“, gefolgt von einem „Ja, weiß ich alles. Glaub mir, ich werde vorsichtig sein. Ich hab dich auch lieb“.

„Deinem Freund geht es also besser“, vermutete Phoebe.

„Er wird wieder“, bestätigte Martell, während er seine Textnachrichten ein weiteres Mal überprüfte, bevor er sein Telefon einsteckte. „Es wird ein langer Weg werden für ihn. Aber wenn ich das kann, schafft er das auch.“

Hatte sie richtig gehört? „Du wurdest schon mal angeschossen?“

„Ganz genau wie Ric, direkt in die Brust.“ Er legte die Hand auf seine Krawatte. „Vor ein paar Jahren. Es hat mich ziemlich überrascht.“

„Du meine Güte.“

„Wenn man plötzlich in den Lauf einer Pistole blickt, hat es meistens irgendein Vorspiel gegeben – wenn du diesen Ausdruck entschuldigst. Wenigstens einen Wortwechsel, ein kleines ‚Hallo, wie geht’s? Ja, stimmt, das hier ist eine geladene Waffe. Danke, dass du es bemerkt hast‘. Allerdings ging es nicht um einen gewöhnlichen Raub. Ich störte eine Entführung.“

„Hast du eine Uniform getragen?“, fragte Phoebe, denn jemand, der auf einen Cop schoss …

„Ich war kein uniformierter Polizist“, beantwortete Martell ihre Frage. „Ich war Detective. Aber es geschah, nachdem ich die Polizei verlassen hatte. Tatsächlich passierte es, als ich gerade mein Abschlussexamen bestanden hatte. Die meisten Leute denken, ich hätte deswegen die Polizei verlassen, aber das stimmt nicht.“

„Ich habe das nicht gedacht“, sagte Phoebe.

„Doch, hast du“, widersprach er. „Aber es ist in Ordnung. Wie gesagt, alle glauben es.“

Was sie über Martell gedacht hatte, war, dass er so … gesund wirkte. Groß, gut aussehend und selbstsicher. Ach ja, und unerschrocken. Phoebe hätte es ihm nicht verdenken können, wenn er nach einem solchen Anschlag auf sein Leben den gefährlichen Dienst als Polizist quittiert hätte und bei jedem lauten Geräusch zusammenzucken würde.

Vielleicht war er wie sie: trainiert in Selbstverteidigung und stets bewaffnet. Nach Verlassen des Gefängnisses hatte sie als Erstes die Glock aus dem Verschlussfach ihres Kofferraums geholt und sie wieder in dem Schulterhalfter verstaut.

Auf der anderen Seite des staubigen Schotterparkplatzes öffnete sich langsam und quietschend das innere, oben mit Stacheldraht gesicherte Gefängnistor. Phoebe hob die Hand über die Augen, um besser sehen zu können. Das äußere Tor blieb jedoch geschlossen, was ja auch sinnvoll war.

Die Eingänge zum Gefängnis, sogar die für Besucher auf der anderen Seite des Gebäudekomplexes, waren wie die Türen in Mini-Max, der alten TV-Serie um den Superagenten Maxwell Smart. Ehe sich die zweite Tür öffnete, musste die erste wieder geschlossen sein. Damit war gewährleistet, dass es niemals einen Massenandrang in die Freiheit geben würde; selbst in dem unwahrscheinlichen Fall nicht, sollten die Gefangenen die Wachleute überwältigt und die Kontrolle übernommen haben.

Dieses Tor diente hauptsächlich als Lieferanteneingang. Hier verließen die Häftlinge das Gefängnis, wenn sie zu Gerichtsterminen gebracht wurden oder wenn sie ihre Zeit abgesessen und ihre Schuld an der Gesellschaft beglichen hatten – falls das überhaupt möglich war. Hier wurden sie ausgespuckt, auf diesen heißen, staubigen Schotterparkplatz in der wirklichen Welt.

„Bist du bereit?“, fragte Martell Phoebe. „Er wird keine gute Laune haben, aber es ist absolut wichtig, dass wir ihn nicht verlieren.“

Sie starrte ihn erschrocken an. „Er kommt ohne elektronische Fußfessel raus?“

„Ja.“ Ein angespanntes Lächeln huschte über Martells Gesicht. „Das können wir nicht riskieren.“

„Wow“, sagte sie. „Du gehst ein größeres Risiko ein, als ich dir zugetraut hätte.“

Er lachte trocken. „Tja, ich setze gewissermaßen alles auf eine Karte.“

Phoebe wählte ihre Worte mit Bedacht. „Es könnte allerdings durchaus sein, dass Dunn nicht bereit ist, diesen Job zu machen. Vielleicht beschließt er, einfach zu verschwinden“, erklärte sie, als sich das innere Tor quietschend schloss und mit einem Knall zufiel, der den ganzen Platz zu erschüttern schien. „Meiner Erfahrung nach sind Entfremdung, Wut und Verrat selten die Grundlage für den Beginn einer wundervollen Freundschaft.“

„Ich brauche Dunn nicht als Freund“, konterte Martell. „Es wäre sogar sehr hilfreich, wenn er bei der Rettung der Vaszko-Kinder auch gleich noch das Konsulat beraubt. Das wäre ein weiterer Beweis dafür, dass die US-Regierung nichts mit der Befreiungsaktion zu tun hat.“

„Ich glaube nicht, dass er wirklich ein Juwelendieb ist.“ Phoebe berichtete ihrem Anwaltskollegen einiges von dem, was sie in Erfahrung gebracht hatte. „Sicher, das meiste von dem, was ich herausgefunden habe, ist Teil der Legende, die sich um ihn rankt. Trotzdem halte ich es für eine gute Idee, wenn wir einige der sogenannten Fakten als die potenziellen Falschinformationen betrachten, die sie vermutlich sind.“

Martells Gesichtsausdruck wäre lustig gewesen, wenn hier nicht Menschenleben auf dem Spiel gestanden hätten. „Was willst du mir damit sagen? Dass Ian Dunn wie Batman ist?“

„Eher wie Robin Hood.“

Martell war nicht beeindruckt. Er lachte spöttisch. „Ich bin mir sicher, dass Robin Hood nicht zögern würde, zwei kleine Kinder zu retten.“

„Es sei denn, er hätte im Gefängnis etwas Wichtigeres zu erledigen“, wandte Phoebe ein. „Unter Umständen werden durch seine jüngste Mission noch viel mehr Leben gerettet. Wer weiß, Tausende möglicherweise.“

Jetzt sah Martell sie an, als hätte sie den Verstand verloren. „Seine derzeitige Mission im Gefängnis ist es, für den Schaden zu bezahlen, den er betrunken und rasend vor Wut auf einem Parkplatz vor einer Bar angerichtet hat.“

Phoebe schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber das ist kein Mann, der in betrunkenem Zustand ausrastet. Soweit ich das beurteilen kann, rührt Ian Dunn Alkohol nicht einmal an.“

„Denn wenn er es tut, randaliert er am Ende herum“, argumentierte Martell. „Und verursacht einen Schaden von mehreren Hunderttausend Dollar.“

„Du hast ihn doch kennengelernt“, meinte Phoebe. „Ist das ein Mann, der aus einer Bar torkelt, sich in seinen Wagen setzt und absichtlich ein Dutzend geparkter Autos rammt? Nur weil eine Frau sich geweigert hat, mit ihm zu tanzen? Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.“

„Alkohol verführt manche Menschen dazu, seltsame Dinge zu tun. Und er hat sich jedenfalls schuldig bekannt.“

„Ganz recht. Ich glaube, er saß im Gefängnis, weil er dort sein wollte“, mutmaßte Phoebe. „Und ich glaube außerdem, dass es ein großer Fehler ist, ihn auf diese Weise herauszuholen. Ich befürchte, eine Menge Leute werden verärgert sein – besonders, sobald dein Klient von der Regierung seinen Aha-Moment hat und seine rechte Hand merkt, was seine linke getan hat.“

Er musterte sie skeptisch. „Denkst du, Dunn arbeitet längst fürs FBI?“

Phoebe nickte. „Das ist absolut möglich.“

Martell wirkte noch nicht überzeugt. „Ich tue, was ich tun muss, damit diese Sache erledigt wird. Wenn Dunn wirklich ein so toller Held ist, wie du behauptest, wird er uns helfen, diese Kids zu retten. Und wenn er es nicht ist … Tja, er wird uns helfen, ob er will oder nicht.“

„Na schön“, erwiderte Phoebe. „Angenommen, ich liege falsch, und er ist ein Krimineller, der nur ein Motiv kennt – sich zu bereichern. Dann verstehe ich immer noch nicht, wie du dir so sicher sein kannst, dass er seine Meinung innerhalb von wenigen Stunden geändert hat und nun doch mitspielt.“

Martell grinste. „Ich behaupte ja nicht, dass er es freiwillig macht.“

Sie stutzte. „Was hast du mir verschwiegen? Was stand denn nicht in meiner Akte über Dunn, was ich daher ebenfalls nicht im Internet finden konnte?“

„Hast du schon mal von Manny Dellarosa gehört?“

Phoebe blinzelte. „Ganz unbekannt kommt mir der Name nicht vor.“

„Die Dellarosas sind eine Mafiafamilie aus der Gegend. Sie handeln mit Drogen, von Clearwater aus, nördlich von Tampa“, erklärte Martell. „Sie versuchen sich außerdem in Prostitution, Menschenhandel, Glücksspiel und hier und da einer Werkstatt, in der gestohlene Autos umgemodelt werden. Sie besitzen zwei legale Unternehmen: eine Speditionsfirma und eine Kaufhauskette, deren Filialen im gesamten Bundesstaat verstreut sind. Die dienen in erster Linie zur Geldwäsche.“

„Manny ist der Boss“, fuhr er fort. „Sein Bruder Davio ist sein Stellvertreter; Davios Sohn Berto steckt auch mit drin. Es gibt noch einen vierten Dellarosa: Vincent, Mannys Sohn. Er ist das schwarze Schaf der Familie. Seine Aufgabe scheint darin zu bestehen, das Geld der Familie auf den Kopf zu hauen, in Schwierigkeiten zu geraten und anschließend Daddy um Hilfe zu bitten.“

„Und welche Verbindung gibt es da zwischen Ian Dunn und den Dellarosas?“, wollte Phoebe wissen.

„Vor einem Jahr versuchte Dunn, diesen Vincent dranzukriegen – für genau jenes Vergehen, für das Dunn nun sitzt. Das kann Daddy Dellarosa nicht gefreut haben, und am Ende – offenbar nachdem Druck ausgeübt worden war – hat Dunn sich schuldig bekannt.“

Deshalb kam ihr der Name Dellarosa bekannt vor. Vincent Dellarosa stand auf der langen Liste der Leute, deren Wagen von Dunn vor dieser Bar demoliert worden waren.

„Ich habe nichts davon in der Polizeiakte gelesen“, gestand Phoebe. „Soweit ich das beurteilen kann, wollte Dunn sich von dem Moment an, in dem unsere Kanzlei involviert war, schuldig bekennen, den Schaden wiedergutmachen und die ganze Verantwortung übernehmen. Alles für ein geringes Strafmaß.“

„Was immer da vorgefallen ist“, meinte Martell, „es muss zu Spannungen zwischen Dunn und Dellarosa geführt haben, oder? Zurück zur Gegenwart, in der Vince, das schwarze Schaf der Familie, drüben in Orlando bald wegen Mordes vor Gericht stehen wird.“

„Im Ernst?“, fragte Phoebe.

„‚Ärger‘ ist der zweite Vorname dieses jungen Mannes“, bestätigte Martell. „Und genau an diesem Punkt wird die Sache zu unserem Vorteil: Daddy und Onkel Davio Dellarosa werden von Ian Dunns vorzeitiger Entlassung hören und glauben, dass er im Austausch für seine Freiheit Informationen preisgegeben hat.“ Er lächelte angespannt. Eine Alarmglocke ertönte, und das äußere Tor öffnete sich endlich. „Vor allem, weil wir durchsickern lassen, dass Dunn als Kronzeuge bei Vincents bevorstehender Gerichtsverhandlung auftreten wird.“

„Aber … Moment mal. Bedeutet das nicht, dass Dunn für die Dellarosas zur Zielscheibe wird?“, erkundigte sich Phoebe.

„Theoretisch schon“, antwortete Martell gut gelaunt. „Ich weiß es nicht, aber wenn es einen Gott gibt, dann werden sich die Dellarosas mit gezückten Waffen auf Dunn stürzen wollen. Denn das, meine liebe Miss Kruger, ist der Grund, weshalb er uns helfen wird. Wir werden nämlich für seine Sicherheit sorgen und ihn verstecken, bis Vincents Verhandlung vorbei ist. Sollte er sich weigern, uns zu helfen, ist er auf sich allein gestellt.“

Na, das würde interessant werden.

Phoebe mochte Martell, wirklich. Er war intelligent und unterhaltsam, sah auch noch gut aus, mit breiten Schultern, einem attraktiven Gesicht und einem gewinnenden Lächeln. Allerdings vermutete sie, dass er die Situation falsch einschätzte, wenn er tatsächlich annahm, dass jemand wie Ian Dunn Hilfe brauchen und es nicht vorziehen würde, die Sache allein in die Hand zu nehmen. Er würde sich selbst um ein Versteck kümmern, bis die Bedrohung durch die Dellarosas vorbei war – falls es überhaupt eine gab.

Und da kam er bereits, der frisch entlassene Häftling. Er trug Jeans und T-Shirt, dazu schwere schwarze Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen Kapuzenpullover und eine Plastiktüte, in der sich vermutlich seine persönlichen Sachen befanden.

Er stand da, sah die beiden an, noch lange nachdem sich das Tor weit für ihn geöffnet hatte.

Er rührte sich nicht.

Und rührte sich nicht.

Er taxierte Phoebe und Martell, dann schüttelte er den Kopf, ganz leicht, als wären sie ungezogene Kinder, die ihn bitter enttäuscht hätten.

Wenn nur die Hälfte dessen stimmte, was Phoebe in den vergangenen zwei Stunden entdeckt hatte … dann hatten sie ihn in ernste Gefahr gebracht. Ganz zu schweigen davon, dass sie vermutlich auch die geheime Mission, auf der er sich im Gefängnis befand, zunichtegemacht hatten.

Martell ergriff als Erster das Wort, während er sich halb umdrehte und seinen Wagen mit einem Klick und einem kurzen Aufheulen des Diebstahlalarms entriegelte. „Kommen Sie, Dunn. Ich fahre Sie zu einem Hotel. Dort werden Sie sicher sein. Sie können duschen und sich etwas zu essen kommen lassen, während wir uns unterhalten.“

Martells Stimme schien Dunns Füße vom staubigen Boden zu lösen, denn endlich lief er durch das Tor. Sein Gang war lässig, ebenso wie zuvor beim Betreten des Befragungsraumes. „Na ja, nein. Ich glaube, ich werde lieber mit meiner hübschen neuen Anwältin fahren.“

Martell lachte und imitierte Dunns Antwort. „Na ja, nein, das glaube ich nicht.“

„Ach, weißt du, vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee“, wandte Phoebe sich an Martell. Damit würde sie Dunn nicht nur zeigen, dass sie keine Angst vor ihm hatte; es würde ihnen auch die Gelegenheit bieten, sich in Ruhe zu unterhalten. Nicht, dass sie irgendetwas von dem, was sie unter Umständen erfuhr, unbedingt an Martell weitergeben konnte, wegen des Anwalt-Klient-Privilegs. Aber möglicherweise würde sie herausfinden, was genau eigentlich vor sich ging. Zum Beispiel, wer dieser Conrad war, nach dem Dunn sich gleich zu Beginn ihres Treffens erkundigt hatte. Dass es sich um einen „gemeinsamen Bekannten“ handelte, hatte sie keine Sekunde lang geglaubt.

„Sie können uns ja gern folgen“, bot Dunn Martell an. „Nachdem Pheebs und ich gesprochen haben, machen wir irgendwo halt und essen etwas.“

Das war der Moment, in dem Phoebe hätte begreifen müssen, dass hier irgendetwas lief. Es war einfach lächerlich, dass er sich zunächst standhaft geweigert hatte, einen Deal anzunehmen, und nun quasi eine Einladung zum Lunch aussprach.

Doch die Harmlosigkeit, mit der Dunn diese Worte aussprach, täuschte sie. Sie öffnete die Fahrertür ihres neuen Wagens.

Phoebes nagelneues Auto, das sie sich zur Belohnung für den Job bei BH&S selbst geschenkt hatte, musste nicht per Schlüssel geöffnet werden. Sie musste nicht länger in ihrer Handtasche kramen; eine Berührung des Griffs genügte, und die Tür entriegelte sich automatisch. Ebenso musste sie bloß ihre Handtasche auf den Beifahrersitz werfen, und das Auto registrierte die Nähe des Schlüssels und ließ sich prompt auf Knopfdruck starten.

Es war fantastisch.

Nachdem sie aufgeschlossen hatte, setzte sie sich ans Steuer. Die Tür blieb offen, während sie sich darauf konzentrierte, ihre Tasche auf der Armlehne zwischen den beiden Vordersitzen zu balancieren und das Einwickelpapier eines schnell gekauften Frühstücks vom Beifahrersitz zu entfernen, damit ihr neuer Klient Platz nehmen konnte.

Umso überraschter war sie von dem, was Dunn als Nächstes tat.

Er beugte sich zur offenen Tür hinein, und dann spürte sie mehr, als dass sie es sah, wie er sein Sweatshirt und die Plastiktüte, die wer weiß was enthielt, nach hinten auf den Rücksitz warf. Beinah gleichzeitig schob er eine Hand unter ihren Oberschenkel und die andere hinter ihren Rücken.

„Hey!“, rief Phoebe, als er sie anscheinend mühelos hochhob und über die Mittelkonsole warf, sodass sie mit dem Po voran auf dem Beifahrersitz landete. Ihre Füße verfingen sich kurz im Lenkrad, woraufhin er ihr half, sie daraus zu befreien.

Auch Martell war offenbar verblüfft, denn er rief: „He, Dunn! Was machen Sie denn da? Hören Sie auf!“

Doch da saß Ian Dunn bereits hinter dem Steuer, hatte die Tür zugeworfen und verriegelt und den Motor gestartet.

„Ich werde fahren, einverstanden?“, sagte er ganz freundlich, während er aufs Gaspedal trat und eine Wolke aus Staub und Steinchen aufwirbelte. Martell musste sich schnell abwenden, um seine Augen zu schützen.

„Nein, ich bin absolut nicht einverstanden!“ Phoebe schaute aus dem Heckfenster. Martell rannte zu seinem Wagen, zweifellos, um die Verfolgung aufzunehmen.

„Sie sollten sich lieber anschnallen“, riet Dunn ihr ruhig, während er vom Parkplatz raste und in die kleine mit Schlaglöchern übersäte Straße bog.

„Ich bin auf gar keinen Fall einverstanden“, wiederholte Phoebe. Dabei schnallte sie sich an und bückte sich nach ihrer Tasche, die auf den Boden gefallen war, als sie vom Fahrersitz vertrieben worden war. „Genau genommen kommt das, was Sie hier tun, einer Entführung gleich!“

„Nicht, wenn Sie sagen, dass es okay ist, wenn ich fahre“, konterte Dunn und warf ihr einen Blick zu, während er seinen Sitz so weit wie möglich zurückschob. Trotz allem waren seine Beine noch zu lang, aber er bemühte sich, eine einigermaßen bequeme Position zu finden.

„Ich werde nicht sagen, dass es in Ordnung ist, wenn Sie fahren“, versicherte sie ihm und griff in ihre Handtasche, auf der Suche nach … „Das ist mein Wagen, und ich wollte fahren. Sie haben mich praktisch angegriffen, und das macht es zu einer …“

„Entführung“, beendete er den Satz für sie. „Habe ich schon begriffen. Dann lassen Sie mich doch verhaften und schicken Sie mich zurück ins Gefängnis. Ach, ich vergaß: Das ist ja genau das, was Sie nicht wollen.“

„Halten Sie sofort den Wagen an!“, forderte sie ihn auf und zielte mit ihrer Pistole auf ihn, direkt durch das Leder ihrer Handtasche hindurch. „Und zwar auf der Stelle, Mr Dunn, sonst schieße ich.“

Sie musste zugeben, dass es vermutlich lächerlich aussah; wahrscheinlich wirkte es so, als würde sie bloß vorgeben, eine Waffe zu haben, und in Wirklichkeit mit dem Zeigefinger auf ihn zielen. Doch wenn sie die Glock aus der Tasche nahm, wäre der Lauf zumindest für einen kurzen Moment nicht auf ihn gerichtet. Dunn würde diese Chance nutzen. Er würde sie leicht überwältigen und ihr die Pistole abnehmen können. Immerhin war er ein ehemaliger Navy-SEAL.

Dunn schaute von ihrem Gesicht auf die Tasche und dann wieder in ihre Augen, ehe er seine Aufmerksamkeit zurück auf die Straße lenkte. Dabei schüttelte er den Kopf. „Ach was“, sagte er. „Sie schießen nicht auf mich. Im Ernst, Pheebs, wenn Sie das wirklich wollten, hätten Sie es getan, bevor ich Gas geben konnte. Wenn Sie jetzt schießen, sterben Sie höchstwahrscheinlich auch, weil es einen fürchterlichen Unfall geben wird. Doch wenn Sie sich dadurch besser fühlen und glauben, Sie hätten alles unter Kontrolle, zielen Sie ruhig weiter mit Ihrer Waffe auf mich.“ Bei dem Wort „Waffe“ deutete er mit den Fingern Gänsefüßchen an, ohne die Hände ganz vom Lenkrad zu nehmen.

„Was stimmt eigentlich nicht mit Ihnen?“

Dunn seufzte. „Na schön. Meine Mutter war sechzehn, als ich geboren wurde, mein Vater war kaum älter. Er hatte zu dem Zeitpunkt bereits ein Vorstrafenregister, das es ihm unmöglich machte, einen Job zu finden. Also ließ er sich mit einer Gang von lauter Arschlöchern ein. Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, aber es gibt kein besseres Wort für diese Typen. Wie dem auch sei, es kostete ihn beinah das Leben. Er stand auf einmal als einbeiniger Exsträfling da, ohne Hoffnung auf Arbeit. Mit drei Jahren trainierte er mich dann darauf, durch die Hundeklappen in Häuser einzudringen …“

„Das meinte ich nicht“, unterbrach sie ihn, hakte dennoch sofort nach: „Als Sie drei waren?“

„Na ja, dreieinhalb“, korrigierte Dunn, als mache das die Sache irgendwie besser.

„Du meine Güte, das ist ja Kindesmisshandlung.“ Sie fing sich wieder. Er wollte sie bloß ablenken. „Was ich eigentlich meinte …“ Sie holte tief Luft und setzte erneut an: „Es ist einfach vollkommen unsinnig, dass jemand in Ihrer Lage nicht froh darüber sein sollte, vorzeitig aus der Haft entlassen zu werden. Sie müssen also einen Grund dafür haben, weshalb Sie unbedingt drinbleiben wollten. Ich hoffe wirklich, Sie vertrauen mir diesen Grund noch an; nur so kann ich mit Ihnen – und dieser Agency, für die Sie tätig sind – zusammen daran arbeiten, eine Lösung für das Problem von Mr Griffin zu finden.“

Dunn hatte den Rückspiegel eingestellt und widmete sich gerade den Außenspiegeln. Er schien ein sehr guter Fahrer zu sein, mal abgesehen von der Tatsache, dass er viel zu schnell fuhr.

„Ich arbeite für keine Agency“, erklärte er, ohne dass es klang, als müsse er sich dafür entschuldigen. „Nicht schlecht geraten, aber nein. Sie irren sich. Mehr kann ich Ihnen allerdings nicht verraten. Andernfalls müsste ich Sie töten.“

Er sagte das so leichthin, als würde er einen Scherz machen, und hatte den Blick weiter auf die Straße vor ihnen gerichtet. Doch Phoebe wusste, dass es zumindest teilweise als Drohung gemeint war. Eine beiläufige Erinnerung daran, dass er ein gefährlicher Mann war und es keine Rolle spielte, dass sie diejenige mit der Waffe war.

„Nein, das müssten Sie nicht“, gab sie zurück, um seine Worte nicht einfach so stehen zu lassen. „Da ich Ihre Anwältin bin, können Sie mir alles anvertrauen.“

Erneut schaute er sie an. „Sie sind nicht meine Anwältin.“

„Doch.“

„Nein, sind Sie nicht.“

Das war kleinlich. Und kindisch. „Doch, Mr Dunn, das bin ich.“

„Ernsthaft? Wollen wir etwa so weitermachen? Denn Sie sind nicht meine Anwältin. Jerry ist mein Anwalt.“

„Ich habe ja nichts weiter zu tun, während ich entführt werde“, erwiderte sie. „Außer die Tatsache zu verteidigen, dass ich Ihre Anwältin bin, solange Mr Bryant nicht zur Verfügung steht. Und jetzt fahren Sie wenigstens langsamer, damit Mr Griffin uns leichter folgen kann.“

„Es ist keine Tatsache, weil ich nie zugestimmt habe.“ Dunn dachte nicht daran, das Tempo zu drosseln.

„Doch, haben Sie“, widersprach sie. „Auf dem Parkplatz haben Sie mich Ihre ‚hübsche neue Anwältin‘ genannt.“

„Das war Bullshit“, sagte er und bedachte sie mit einem weiteren Blick. „Nicht das, was ich über Ihr Aussehen gesagt habe. Sie sind sehr hübsch. Aber Bullshit zählt nicht. Übrigens muss ich noch etwas erledigen, und dazu brauche ich mal Ihr Handy.“ Sie hielt ihre Handtasche fest an die Brust gepresst. „Bin ich nun Ihre Anwältin oder nicht?“, fragte sie und fügte hinzu: „Kein Bullshit diesmal.“

Dunn lachte tatsächlich. „Sie machen Witze.“

„Wenn Sie mein Klient sind, Mr Dunn, dann dürfen Sie auch mein Telefon benutzen“, eröffnete sie ihm so gelassen wie nur irgend möglich. „Sind Sie mein Kidnapper, geht das leider nicht.“

„Das ist keinesfalls okay!“, schrie Martell dem Heck von Phoebes nagelneuem Auto hinterher, während er Dunn und ihr in seiner alten schwächelnden Karre zu folgen versuchte.

Er hatte das Geld für einen neuen Wagen gehabt und schon ein schickes neues Modell ausgesucht. Aber dann war der jüngste Sohn seiner Schwester krank geworden. Die Krankenhauskosten waren zwar gedeckt gewesen, doch hatte Denise ihren Job verloren, weil sie so viel Zeit an Jamies Krankenbett verbracht hatte. Martells Schwager wollte einen Zweitjob annehmen, um über die Runden zu kommen; allerdings hätte das bedeutet, dass er seinen Sohn kaum gesehen hätte – in einer Zeit, in der unklar gewesen war, ob es sich um dessen letzte Monate auf Erden handeln würde. Also hatte Martell ihnen geholfen. Sein neues Auto konnte warten.

Das Schicksal belohnte ihn durch die sich bessernde Gesundheit des Jungen. Obwohl Jamie noch immer nicht über den Berg war, hatte sich der Krebs im Verlauf der Behandlung zurückgebildet. Martell dachte an ihn und betete für ihn, wann immer er in seinem alten Wagen irgendwohin unterwegs war. Und er war viel unterwegs. Weil er allein arbeitete, benutzte er das Auto als mobiles Büro. Er lebte fast in dem Ding.

Aber die Karre erfüllte ihren Zweck, brachte ihn dorthin, wo er hinwollte. Er war jetzt Anwalt, und da gehörten Verfolgungsjagden wie diese eigentlich nicht mehr zu seinem Job.

So hätte es zumindest sein sollen.

„Verdammter Mist!“

Das alles war Rics Schuld. Nachdem sein Freund inzwischen nicht mehr mit dem Tod rang, konnte Martell ihm ruhig die Schuld geben.

Die Wahrheit lautete allerdings: Er hatte sich diese Situation selbst zuzuschreiben.

„Sag einfach mal Nein!“, schrie er frustriert, als Ian Dunn scharf links abbog und Phoebes Auto außer Sicht war. „Wieso lerne ich nicht, auch mal Nein zu sagen?“

Als er ebenfalls abbog, war der andere Wagen natürlich längst verschwunden. Aber dies war der Weg zur Interstate – zweifellos war Dunn dorthin unterwegs. Die Frage war nur, ob er Richtung Norden oder Süden fahren würde.

Martell fuhr rechts heran. Die Klimaanlage keuchte bei dem Versuch, die Temperatur im Wagen unter dreißig Grad zu halten. Sie schaffte es nicht. Er nahm sein Handy und scrollte durch die Liste seiner Kontakte. Er fand Phoebes Handynummer und wählte.

Es klingelte einmal, zweimal, dreimal, aber sie meldete sich nicht. Schließlich sprang die Voicemail an.

„Hier spricht Martell Griffin. Ruf mich bitte zurück“, sagte er, wobei ihm das „Bitte“ schwer über die Lippen kam. Was soll’s. Die ganze Sache war nicht ihre Schuld.

Außerdem war sie wirklich die Anwältin von diesem Typen. Er würde ihr nichts tun. Zumindest hoffte Martell das. Er probierte es auf ihrem Festnetzanschluss; Phoebe hatte ihm diese Nummer ebenfalls gegeben, als sie überraschend heute Morgen im Gefängnis aufgetaucht war. Auf ihrem Anrufbeantworter hinterließ er die gleiche Nachricht und schloss anschließend für einen Moment die Augen, während er sich zwang, ruhig durchzuatmen. Er rief sich ins Gedächtnis, dass Ian Dunn ja nicht wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt worden war. Auch wenn er die vor der Bar geparkten Autos demoliert hatte, war er nicht für Wutausbrüche bekannt. Ganz im Gegenteil: Er hatte den Ruf, ein extrem gelassener und zurückhaltender Zeitgenosse zu sein. Jedenfalls, wenn er nicht trank.

Andererseits war der Mann ein ehemaliger Navy-SEAL, und das hieß, er konnte schnell und effizient töten. Auf Arten, die Martell sich höchstens vorzustellen vermochte.

Und wie er sie sich vorstellen konnte …

Martell hatte viele SEALs und ehemalige SEALs kennengelernt, während er gelegentlich einen Job für Ric erledigt hatte. Jeder einzelne von ihnen war verrückt.

Angefangen mit der Tatsache, dass die Ausbildung zum Navy-SEAL die reinste Folter war: Diese Typen mussten Telefonmasten den Strand rauf- und runterschleppen und hinein in die eiskalte Brandung; sie mussten rennen, ständig und andauernd rennen, in voller Kampfmontur und im weichen Sand; sie mussten aus Flugzeugen springen und mit dem Öffnen des Fallschirms warten, bis sie fast auf den Boden aufschlugen; und wenn sie mal nicht wie die Irren durch die Gegend rannten, mussten sie schwimmen, meilenweit; sie mussten durch die Torpedoluke aus U-Booten aussteigen. Lauter solche komplett verrückten Sachen. Und das alles noch vor dem Mittagessen.

Die Ausbildung endete nicht etwa damit, dass die Männer durch und durch SEALs waren und ihre kleine adlerförmige Anstecknadel erworben hatten, der sie den äußerst respektlosen Namen Budweiser gaben, obwohl sie ihnen doch alles bedeutete. Nein, danach wurde alles noch viel härter für sie. Sie wurden in die „reale Welt“ entlassen und retteten Menschen vor Piraten oder beendeten die Herrschaft von Terroristen wie Osama bin Laden.

So sah ihr Job an einem gewöhnlichen Tag aus. Nichts Besonderes.

Ja, das alles taten sie ohne Fanfaren, es war für sie selbstverständlich. Sie riskierten ihre Gesundheit und ihr Leben, arbeiteten eng miteinander in kleinen Teams, auch wenn sie einander hassten, und gaben Blödsinn von sich wie: „Der einzige leichte Tag war gestern.“

Das machte es ziemlich unmöglich, sich in ihrer Gegenwart über Dinge zu beschweren wie lauwarmes Essen zum Lunch oder diesen langweiligen juristischen Antrag, an dem er bis in die Nacht feilen musste, weil er ihn so lange wie möglich vor sich hergeschoben hatte, und der nun am nächsten Morgen fertig sein musste.

Und nun stand er wieder einmal kurz davor, heulend zu seinem finsteren Herrscher zu rennen, wie Dunn Martells Kontakt genannt hatte, weil ihm gerade wieder ein SEAL in den Hintern trat.

Martell kochte und war auf sich selbst mindestens so sauer wie auf Dunn, während er erneut die Liste seiner Kontakte durchsah. Er wählte die Nummer, die FBI-Teamleader Jules Cassidy ihm heute Morgen gegeben hatte, als Martell sich einverstanden erklärt hatte, diesen Fall zu übernehmen.

Der eigentlich schnell erledigt sein sollte, weil die Sache, Zitat, „so verdammt leicht“, Zitatende, zu erledigen war.

Martell hatte bereits in der Vergangenheit mit Jules zusammengearbeitet, deshalb zögerte er, die Taste zu drücken. Er war sich nicht sicher, ob die Freundschaft zu seinem finsteren Herrscher die Sache für ihn einfacher machte.

Härter auf jeden Fall.

Er konnte die Enttäuschung des FBI-Agenten bereits hören. Du hast ihn verloren. Jetzt schon. Das würde Jules nicht einmal als Frage formulieren, und dann würde er seufzen. Es wäre ein leises Ausatmen, kaum hörbar. Und das würde es noch schlimmer machen.

Trotzdem drückte Martell die Ruftaste, denn er wusste, dass Zeit jetzt der entscheidende Faktor war. Das FBI würde seine hochmodernen Computer einsetzen können, um das Nummernschild von Phoebes Wagen zu finden. Wahrscheinlich würden sie sogar Satellitenbilder liefern können, um das Auto und seine Insassen aufzuspüren.

Es läutete am anderen Ende, dann ein zweites Mal, dann piepte es leise – und die Leitung war tot.

Er wählte von Neuem.

Das Gleiche.

Das war eigenartig. Martell bekam nicht einmal die Möglichkeit, eine Nachricht zu hinterlassen. Aber vielleicht musste er das auch gar nicht. Vielleicht merkte diese supergeheime Leitung sich seine Nummer. Und Jules oder einer seiner FBI-Untertanen rief ihn schnell zurück.

Das hoffte er zumindest.

Er saß in seinem Wagen, starrte auf sein Handy und versuchte es per Gedankenübertragung zum Klingeln zu bringen.

Es schwieg.

Und … schwieg.

„Mist.“ Na schön. Natürlich konnte er hier weiterhin mit laufendem Motor sinnlos am Straßenrand warten. Oder er nahm die Fährte auf und fuhr zu dem billigen Motel, das als Unterschlupf geplant war. Dorthin sollte Martell Dunn ursprünglich bringen, ihm ein Zimmer besorgen, die Tür abschließen und auf weitere Instruktionen warten.

In diese Richtung zu fahren war eine so gute Idee wie jede andere, während er auf den Rückruf vom FBI wartete – und betete, dass Ian Dunn kein psychotischer ehemaliger Navy-SEAL war, der sich in einen Serienkiller verwandelt hatte und Phoebe Kruger kochen und essen wollte.

Martell legte den Gang ein und bewegte sich ruckelnd in Richtung Interstate.

3. KAPITEL

Der Staat Florida war riesig, doch durch pures Glück hatte es Ian in die North Port Correctional Facility verschlagen, nur wenige Meilen von Sarasota entfernt, wo die Familie seines Bruders lebte.

Auf dem Weg über die Interstate trat er das Gaspedal durch, dankbar, dass er nicht die ganze Strecke vom Gefängnis in Starke fahren musste. Als er Aarons Nummer in das Handy seiner hübschen neuen Anwältin tippte, hoffte er, dass sein Glück anhielt.

Zu Hause nahm jedoch niemand ab. Stattdessen meldete sich die Voicemail ohne jede persönliche Begrüßung, was gut war. Vielleicht hatte Aaron endlich gelernt, wie man sich unsichtbar machte. Ian tippte mit den Fingern auf dem Lenkrad, während er auf den Piepton wartete.

„Zwei sieben Zebra Foxtrott“, sagte er. „D. A., hier spricht Eee.“ Zusätzlich zu dem Code, den sie vor über einem Jahr vereinbart hatten, benutzte Ian die Spitznamen aus ihrer Kindheit, damit Aaron nicht den geringsten Zweifel an der Identität des Anrufers haben konnte. „Falls du deine Anrufe filterst – es handelt sich um einen Code eins, ich wiederhole: Code eins. Begib dich zu Contact Point Charlie, ich wiederhole: CP Charlie.“

Er legte auf und wählte Shellys Dienstnummer. Dort meldete sich allerdings sofort eine automatische Ansage, mit ziemlicher Lautstärke, die wie ein zusätzliches Pech gehabt wirkte. „Die Nummer, die Sie gewählt haben, wurde deaktiviert …“

Das klang nicht gut.

Ian hasste Überraschungen jeglicher Art, und dies war eine unerfreuliche. Der Hauptgrund, aus dem Aarons Familie in Sa-rasota geblieben war, keine zwei Stunden südlich von Clearwater, wo die Dellarosas lebten, war Shels Job. Wenn sich daran etwas geändert hätte, wüsste Ian es durch seine Telefonate alle zwei Wochen mit Shellys Schwester Francine.

Doch es blieb keine Zeit, um sich zu ärgern. Er wählte die Nummer, die er für Francines nächsten Kontaktanruf erhalten hatte, da ihm klar war, dass sie Aaron oder Shelly auf deren Handys erreichen konnte. Diese Nummern hatte Ian nicht, weil die beiden sie vorsichtshalber in unregelmäßigen Abständen änderten. Aber auch hier hatte er kein Glück: Es klingelte und klingelte, vermutlich, weil die Nummer noch nicht freigeschaltet war. „Verdammt.“

Ian sah zu Phoebe, die ihn beobachtete.

„Rufen Sie die Mitglieder Ihres Teams an?“, erkundigte sie sich.

Nur weil Phoebe Kruger ihm erzählt hatte, sein Anwalt Jerry Bryant habe eine persönliche Tragödie erlitten, musste es noch lange nicht wahr sein.

„Ich habe kein Team.“ Das war keine Lüge. Er hatte wirklich keines – nicht mehr. Ian wählte Jerrys Privatnummer in der Kanzlei.

Phoebe war unbeeindruckt. Und äußerst scharfsinnig. „Dann eben die ehemaligen Mitglieder Ihres Teams?“

Ian antwortete nicht, denn eine Frau mit einem britischen Akzent meldete sich. „J. Quincy Bryants Leitung. Hier spricht Susan.“

Der Name war so gewöhnlich, dass Ian eigentlich nicht beunruhigt hätte sein müssen. Dennoch war er es. Denn wer immer diese Susan sein mochte, sie war nicht die Susan, mit der er sich gewünscht hätte, sprechen zu können. Diese Susan nämlich – seine Susan – war so etwas wie eine Ersatzmutter für ihn gewesen. Und sie war seit vier Jahren tot. Außerdem hatte man ihrem Akzent deutlich angehört, dass sie aus New Jersey stammte.

„Hallo?“, fragte diese Susan ungeduldig.

„Ja. Verzeihung. Ich würde gern Mr Bryant sprechen.“

Ian hörte Phoebe neben sich seufzen und Susan antworten: „Tut mir leid, er befindet sich wegen eines Todesfalls in der Familie nicht im Büro. Darf ich fragen, um was es geht?“

„Was ist mit Miss Kruger?“, fragte Ian und schaute zu Phoebe, die nur den Kopf schüttelte. „Können Sie mich mit Phoebe Kruger verbinden?“

„Mit wem bitte?“, fragte Susan.

„Ich bin ganz neu in der Kanzlei“, meldete Phoebe sich zu Wort, und Ian gab diese Information durchs Telefon weiter.

„Ah, natürlich“, sagte Susan. „Warten Sie bitte einen Moment …“

Es gab ein Klicken in der Leitung, gefolgt von einem Piepen und der Voicemail. „Hier spricht Phoebe Kruger …“

Ian legte auf und sah sie erneut an.

„Wow, Sie sind gründlich, das muss ich Ihnen lassen“, erklärte sie.

„Wie neu sind Sie in der Kanzlei?“, wollte er wissen.

„Das ist meine erste Woche.“

„Und wer hat Ihnen meine Akte zukommen lassen?“

„Die Büroleiterin“, erwiderte Phoebe. „Sie war ziemlich aufgebracht. Sie meinte, es sei dringend und sie wüsste nicht, was sie tun sollte. Also nahm ich die Akte von ihr entgegen und versicherte ihr, ich würde mich darum kümmern.“

„Was Sie auch getan haben“, sagte er. „Das haben Sie jetzt davon, dass Sie nett waren. Nächstes Mal halten Sie sich lieber zurück, statt sich gleich freiwillig zu melden.“

Sie lachte ungläubig, und Ian widmete sich wieder dem Handy.

Der Nächste auf seiner Anrufliste war Manny Dellarosa persönlich. Wenn Ian dem Mafiaboss alles erzählte und ihn dazu brachte, seine Geschichte zu glauben, konnte Manny die Katastrophe möglicherweise noch aufhalten. Ian erinnerte sich vage an die Nummer, wählte und wartete.

Eine männliche Stimme meldete sich – allerdings klang sie viel zu jung, um Manny zu gehören. „Hallo?“

„Ist er da?“, fragte Ian, der unausgesprochenen paranoiden Regel folgend, während eines Telefonats oder eines Gesprächs innerhalb geschlossener Räume niemals Dellarosas Namen zu nennen. Das konnte verwirrend sein, aber in diesem Fall hatte Ian ja Mannys Privatanschluss gewählt.

„Wer ist da?“ Es war auch nicht Mannys trotteliger Bruder. Davio war zwar zehn Jahre jünger, aber immer noch zu alt, um sich so jugendlich anzuhören.

„Ein alter Freund“, antwortete Ian. „Er wird mit mir sprechen wollen.“

„Kann schon sein“, gab der andere zurück, „aber es ist ihm nicht möglich. Anscheinend stehen Sie sich nicht sonderlich nahe. Er ist im Krankenhaus. Herzattacke.“ Es war auch nicht Mannys Sohn Vince, der Versager, oder der verrückte Berto, Davios Sohn.

„Mist“, sagte Ian und blickte Phoebe an, die ihn genau beobachtete. „Wie schlimm ist es?“

„Sein Zustand ist stabil“, erklärte der Mann. „Er bleibt zur Beobachtung im Krankenhaus.“

Ja, was sollte er auch sonst sagen? Dass Manny in den Siebzigern war und seine Gesundheit durch Alkohol und Zigaretten ruiniert hatte?

„Im Tampa General?“, erkundigte Ian sich.

„Nein, im Sarasota Memorial. Er war zum Lunch in Siesta, als er einfach umgekippt ist.“

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