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Möchtegern

Als Buch hier erhältlich:

Lange hat sich die erfolgsverwöhnte Schriftstellerin Mimosa Mein dem Medienbetrieb entzogen. Ihre Romane haben ihr allerdings den Ruf eingetragen, das Leben eines mondänen und zügellosen Vamps zu führen. Überrumpelt sagt sie zu, als sie angefragt wird, in der Jury der Sendung "Die Schweiz sucht den SchreibStar" mitzuwirken - als skandalumwitterte "Hasbeen" seien ihr die Stärken und Schwächen der "Wannabes" vertraut, wie ihr der Fernsehredakteur erklärt. Dort wird sie mit den Lebensgeschichten von Menschen konfrontiert, die buchstäblich alles riskieren, um berühmt zu werden. Und Mimosa riskiert fast alles, um ihnen dabei zu helfen. Ein mitreißender, witziger Roman über Schreiben und Ehrgeiz, Freundschaft und Verrat und die tückischen Zufälle des Lebens.
  • Erscheinungstag: 08.02.2010
  • Seitenanzahl: 464
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312004553
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

 

Wir wollen alle dasselbe

 

Sie wollten alle dasselbe. Sie wollten ein Buch schreiben. Nicht irgendein Buch – sondern den großen Schweizer Roman.

Sie wollten so schreiben, dass jedes Wort zählte. Jedes Wort eine Faust in den Magen. Eine Fessel ums Herz. Wort für Wort, Satz für Satz: Geschichten, die mit angehaltenem Atem gelesen würden, nachts unter der Bettdecke, in Straßenbahnen, Wartezimmern, Cafés. Sie wollten Bücher schreiben, die nicht aus der Hand gelegt und nicht ausgeliehen würden. Bücher, die Leben veränderten.

Sie wollten, dass ihre Leser mit der Straßenbahn im Kreis fuhren, bis das Kapitel zu Ende war. Dass sie statt an ihren Arbeitsplatz in einen Park gingen, sich auf eine Bank setzten und lasen, bis es dunkel wurde. Dass sie ihre Seite mit dem Daumen markierten, aufschauten und ihre Ehe beendeten, bevor sie weiterlasen. Dass sie am Morgen nach einer durchlesenen Nacht zu ihren Eltern sagten: «Ich geh nicht mehr zur Schule. Könnt ihr vergessen. Ich werde Schriftsteller.»

Mit einer Entschiedenheit, wie sie selber es getan hatten. In Gedanken zumindest. Sie wollten Bücher schreiben, die geliebt wurden, so wie sie geliebt werden wollten. Sie wollten berühmt werden, mehr noch: Sie wollten unsterblich sein. Sie wollten Schriftsteller sein.

Iris Hasenfratz wusste es, seit sie achtzehn war. Seit ihr Vater gestorben war und ihr nichts als Bücher hinterlassen hatte. Seit ihr erster großer Lebensplan eingebrochen und sofort der zweite an seine Stelle getreten war. Plan B: Sie würde selber schreiben. Sie würde ihren Vater zurück ins Leben schreiben. So einfach würde er nicht davonkommen. Iris Hasenfratz war unterdessen vierunddreißig Jahre alt. Sie schrieb jeden Tag. Sie arbeitete an ihrem Plan, verfeinerte und überarbeitete ihn. Tausende von Seiten hatte sie auf diese Art zusammengetragen, was natürlich nicht dasselbe war, wie einen Roman von tausend Seiten zu schreiben. Doch das beunruhigte sie nicht. Sie würde ihr Ziel auf anderem Weg erreichen. Sie würde nicht noch einmal achtzehn Jahre warten. Diese Grenze hatte sie sich gesetzt: zweimal achtzehn, sechsunddreißig. Mit sechsunddreißig musste sie es geschafft haben. Irgendwann wollte Iris auch anfangen zu leben.

Sie wollten alle dasselbe. Dasselbe wie Iris Hasenfratz, die mit schnellen Schritten über den Platz ging. Große Schritte, lange Beine, hinter ihr flatterte der Gürtel ihres Regenmantels. Ihr ganzes Leben presste sie an die Brust, das Neoprenetui mit ihrem Laptop, mit ihren Plänen, ihren Strategien, ihren Plotlinien, ihren Lebenslinien. Sie ließ die Tram Nummer fünf vorbeifahren, die voller Studenten war, unter ihnen mindestens zehn, die dasselbe wollten wie sie.

 

Zum Beispiel Melanie Grossmann. Achtundzwanzig Jahre alt, sechs Semester Germanistik, ein Workshop mit Robert McKee, ein selbstauferlegtes Schreibpensum von zwei Stunden pro Tag. Schreiben will geübt sein, wie alles andere auch. Das sagte jedenfalls Sol Stein, und der musste es ja wissen. Melanie hatte sein Schreibprogramm durchgearbeitet, Fiction Master eins und zwei. Früher oder später würde ihr Fleiß belohnt werden. Sie hatte auch schon den einen oder anderen kurzen Text veröffentlicht, zwar nur in Gratiszeitungen und auch dort nur in den Onlineausgaben, aber es war ein Anfang. Melanie hatte nach den Vorgaben, die sie in ihren Kursen gelernt hatte, bereits drei Konzepte ausgearbeitet, fertige Plotlinien, die sie nur noch ausfüllen musste. Doch bevor sie sich an diese zeitraubende Arbeit machte, wollte sie finanziell abgesichert sein. Anders gesagt, sie wollte einen Verlagsvertrag. Einen Drei-Buch-Vertrag am liebsten, mit dem entsprechenden Vorschuss. Bisher war sie mit diesem Anliegen aber gegen eine Wand gerannt. Niemand hatte auch nur den Empfang ihrer Konzepte bestätigt.

Mein Kampf, dachte sie trotzig. Dass sie die Schule abgeschlossen, dass sie studiert hatte. Dass ihre Professoren sie überhaupt wahrnahmen, dass sie diese mickrigen Auftragsgeschichten hatte veröffentlichen können: ein einziger Kampf.

Melanie Grossmann sah sich in der Fensterscheibe von Starbucks gespiegelt. Selbst ihre nicht besonders anziehende, irgendwie quadratische Gestalt, ihre helle Haut mit den kaum noch sichtbaren Aknenarben, ihre dünnen Haare, die im Licht rötlichbraun glänzten: das Ergebnis jahrelanger Anstrengungen. So viel Arbeit, so wenig Erfolg.

Irgendwann musste sich das alles auszahlen. Irgendwann musste das Pendel zurückschwingen, irgendwann musste sie an der Reihe sein. Wenn sie nicht daran glaubte, wer dann?

Melanie Grossmann wartete vor dem Schaufenster von Starbucks, bis ein Platz an der Theke frei wurde, und belegte diesen dann wieselflink mit ihren Taschen, Jacken, Schals und Büchern. Sie holte sich einen Bagel mit Räucherlachs und einen großen Frappuccino, schließlich hatte sie heute noch nichts gegessen. Sie klappte ihren Laptop auf und startete das Fiction-Master-Programm, das sie schon mehrmals durchgearbeitet hatte. Nach jedem Kapitel würde sie sich einen Bissen gönnen, einen Schluck.

Ob man ihr ansah, was sie wollte? Sie hob den Kopf und schaute sich im Lokal um. Alle schrieben. Sie wollten alle dasselbe. Der Möchtegern mit dem ledergebundenen Notizbuch. Der sich wohl für Hemingway hielt.

 

Das war Manuel Bernasconi. Er trank seinen Kaffee schwarz, dafür musste man nicht zu Starbucks gehen. Er wartete auf eine junge Frau, die er im Internet kennengelernt hatte, jedenfalls hoffte er, dass es eine Frau war. Und dass sie wenigstens ansatzweise ihren Beschreibungen von sich selbst entsprach. Manuel seinerseits hatte sich als Schriftsteller ausgegeben. Dabei wusste er gar nicht, wie ein Schriftsteller aussah. Was er dachte. Schriftsteller wollen schreiben, vermutete Manuel. Doch genau das wollte er nicht. Manuel wollte geschrieben haben. Er wollte sagen können: «Ich habe ein Buch geschrieben.» – «Mein Buch.» – «Mein Roman.»

«Genug von mir», sagt der Schriftsteller, «reden wir von Ihnen: Haben Sie mein Buch gelesen?»

Nur eins, das wäre ihm genug. Wenn er es nur nicht schreiben musste. Er nahm den Stift in die Hand und seine Finger öffneten sich wieder, als würden sie sich sträuben. Der Stift fiel zu Boden. Er schaltete den Computer ein, drückte ein paar Tasten, und eine Reihe Patiencekarten erschien auf seinem Bildschirm. Spiel Nummer 14761. Gewonnene Spiele: 7820. Nur noch eins, dachte er, nur noch einmal gewinnen, und dann ist der Tag auch schon wieder zu Ende.

Trotzdem gab er seine Pose nicht auf. Er trug ein ledergebundenes Notizbuch mit sich herum und einen teuren Füllfederhalter. Wenn er in einem Café saß und auf jemanden wartete, nahm er beides hervor, löste das Lederband, das die Seiten des Buches zusammenhielt, schraubte den Füller auf, bekleckerte seine Finger mit Tinte, trank einen Schluck Kaffee, und wenn seine Verabredung endlich eintraf, warf sie meist nur einen Blick auf das Buch, den Füller, seine tintenfleckigen Finger und fragte:

«Stör ich dich? Schreibst du gerade?»

Nur schon der Ton. Der Ton, in dem das gefragt wurde! Das war es, was Manuel wollte.

Er nickte bedeutungsvoll und wickelte das Band um das Buch, bevor sie sehen konnte, dass die Seiten unbeschrieben waren. Meist reichte das – dass er sein imaginäres Schreiben unterbrach, um sich seinem Gegenüber zuzuwenden. Das Schreiben verlieh allem, selbst dem Kaffeetrinken mit einer Internetbekanntschaft, Bedeutung. Die Wirkung hielt so lange an, wie die Illusion vom Schreiben andauerte.

Als Kind hatte er es gekonnt, auch als Jugendlicher. Nachmittage, Nächte, allein in seinem Zimmer, weggesperrt wie ein Kranker mit seinen Geschichten. Musste man ein Außenseiter sein, um schreiben zu können? Er wollte nicht allein sein. Er war lange genug allein gewesen. Er in seinem Zimmer, draußen die Stimmen der anderen, Rufen, Lachen, manchmal das Planschen aus einem nahen Pool. Er allein mit seinen Geschichten. Als ob er sich dorthin, zu den anderen schreiben könnte. Sie hatten ihn schließlich aufgenommen. Nicht wegen seiner Geschichten. Seine Familie war umgezogen, ganz einfach, während der Sommerferien, er hatte in einer neuen Klasse neu anfangen können. War über jenen Sommer fünfzehn Zentimeter gewachsen, so dass sein Fleisch sich verteilen konnte, so dass er nicht mehr der Dicke war. So einfach war das. Safety in numbers, dachte er und das war doch einmal ein Satz, den er aufschreiben konnte, ohne dass ihm der Füller aus der Hand fiel.

 

Sie wollen alle dasselbe, dachte Anita Hubli-Giezendanner. Sie wollen alle dasselbe wie ich. Sie hatte noch nie ein Starbucks betreten, noch nie sieben Franken für einen Teebeutel und einen Pappbecher mit heißem Wasser bezahlt. Sie war auf dem Weg zu den Warenhäusern in der Innenstadt, in denen Frauen wie sie nach den genau richtigen Tischdecken für den Osterbrunch suchten.

Was für ein Klischee! Hausfrauenliteratur. Sie hatte das Prädikat wohl verdient. Doch jetzt saß sie hier, mit ihrem Tee, mit ihrem Notizbuch, inmitten der anderen, die sie durchs Fenster gesehen hatte, zufällig hatte sie von der anderen Straßenseite hinübergeschaut und sie da sitzen sehen, all die schreibenden Menschen, die alle dasselbe wollten, was sie wollte.

Seit ihre Lehrerin in der vierten Klasse ihre Aufsätze gelobt hatte. «In dir steckt eine Schriftstellerin», hatte sie gesagt, wortwörtlich, das musste doch etwas bedeuten.

Auch wenn ihr Deutschlehrer in der Sekundarschule dann ganz anderer Meinung war. «Am Thema vorbei», kritzelte er regelmäßig unter ihre Texte, einmal sogar: «Zu viel Phantasie!»

Schließlich hatte sie eine Bürolehre gemacht. Geheiratet, Kinder bekommen. Irgendwann hatte sie wieder angefangen zu schreiben. Nach der Geburt ihrer Tochter hatte sie ein Babytagebuch begonnen, das bald zu einem endlosen Schleifentext über ihr Leben wurde. Den sie ihrer Tochter nie zeigen würde. Niemals.

Nicht dass es Caroline interessieren würde, was sie schrieb.

Anita hatte ihren ganzen Mut zusammengenommen und sich zu einem Kurs angemeldet, Literarisches Schreiben 1. Sie hatte einen Text eingeschickt. Sie war abgelehnt worden. Hausfrauenliteratur.

Ihre Tochter hatte sie dann am Küchentisch gefunden, mit verheultem Gesicht und dem Brief in der Hand. Auf dem Herd angebrannte Ravioli, daneben die geöffnete Konservendose.

Ravioli! Aus der Dose! Das hatte es noch nie gegeben.

«Lasst ihr euch jetzt scheiden?», hatte Caroline gefragt.

Ihr Ton war eher aufgeregt als besorgt gewesen, eine Scheidung würde ihre Familie vielleicht aus dem unerträglichen Mittelmaß herausreißen, in dem sie träge dümpelte, eine Familie mittlerer Größe mit mittlerem Einkommen in der Mitte der Schweiz. Kein Patchwork bei Hublis. Das angehängte Giezendanner, auf dem die Mutter bestand, konnte auch nicht als Akt der Auflehnung verstanden werden. Die meisten Frauen schrieben sich so, mit Bindestrich. Wie sonst sollten sie auf den ersten Blick als verheiratet erkannt werden?

Anita hatte den hoffnungsvollen Ton der Frage nicht gehört. Sie hatte sich aufgerichtet, die Nase geschneuzt, die Pfanne vom Herd gerissen. Was tat sie da eigentlich? Sie setzte das Wohl ihrer Kinder aufs Spiel und wofür? Für Hausfrauenliteratur? Florian und Fabian würden gleich hereingetrampelt kommen, sie waren bestimmt hungrig, sie hatten Anspruch auf ein richtiges Mittagessen, auf eine Mahlzeit, die diesen Namen verdiente.

Zum Glück hatte Anita genau das im Tiefkühler. Vorgekocht und abgepackt und sauber etikettiert. Für den Fall, dass sie einmal nicht zum Kochen kam. Wenn sie einen Kurs besuchte, zum Beispiel.

«Hilf mir», sagte sie zu ihrer Tochter. «Schnell. Deck schon mal den Tisch!»

«Erst, wenn du mir sagst, was los ist!»

Und seither, jedes Mal, wenn sie ihre Mutter mit einem Stift in der Hand erwischte: «Na, Mami, schreibst du wieder deine …»

Sie sollte sie jetzt sehen! Wie sie hier saß und schrieb, wie alle anderen. Niemand sah sie schräg an, niemand dachte, was macht die denn hier, was bildet sie sich ein, diese Hausfrau, glaubt sie etwa, sie könne schreiben?

Anita hob den Kopf. Vor dem Fenster ging eine junge Frau vorbei. Sie war groß und machte lange Schritte. Ihr Mantel öffnete sich und zeigte kräftige Beine unter einem kurzen Rock. Ihr Haar war kurz und blitzte im fahlen Licht wie ein platinfarbener Helm, eine metallene Schutzhaube mit stachligen Antennenspitzen. Sie hielt ihre Tasche mit beiden Armen fest an die Brust gedrückt, wie Anita früher ihre Kinder gehalten hatte, aus Angst, sie könnte sie fallen lassen. Die junge Frau schaute nicht in das Café hinein, sie ging an ihnen vorbei, als wüsste sie genau, dass sie alle aufschauen und ihr nachstarren würden.

Eine Frau, die wusste, wohin sie ging. Eine Frau, die es so eilig hatte, dass sie nicht einmal ihren Mantel richtig geschlossen hatte. Der Gürtel würde sich gleich lösen und auf den Boden fallen, und sie würde es nicht einmal merken.

In vierzig Geschichten würde sie heute vorkommen, diese Frau. Sie schauten auf und sie schauten ihr nach. Sie wollten alle dasselbe.

 

Ich konnte nicht schlafen

 

Ich konnte nicht schlafen. So hatte alles angefangen.

Ich führe alles, was später passiert ist, darauf zurück, auf diese erste schlaflose Nacht. Die erste Nacht, in der ich unfreiwillig wach lag. In der ich schlafen wollte und nicht konnte.

Ich lag wach. Der Himmel veränderte sich vor meinem Fenster, nachdem er sehr lange sehr dunkel gewesen war. Die Dämmerung kam erst, als ich sie schon aufgegeben hatte. Ich hatte nicht gewusst, wie lang so eine Nacht ist. Am nächsten Morgen war ich nicht mehr ich selbst.

Ich lebe allein. Kein Mann, der neben mir schnarcht. Keine Katze, die mit weichen Pfoten über mein Gesicht tappt. Niemand, der mir die Decke wegzieht, niemand, der mich tritt.

Es war immer meine Entscheidung gewesen, nicht zu schlafen. Lieber zu lesen, zu schreiben, spazieren zu gehen. Zu trinken, zu küssen, fernzusehen, was man halt macht mitten in der Nacht. An einem offenen Hotelzimmerfenster stehen, die Arme auf das Fensterbrett gestützt, unten die fremden Straßen. Menschen, die man nicht kennt, die aus Lokalen kommen, reden, rauchen, Motorräder anlassen, lachen.

Nicht das. Nicht auf dem Rücken liegen und ins Dunkle starren, bis es nicht mehr dunkel ist.

Ich legte mich ins Bett, vielleicht ein wenig später als sonst, neben mir auf dem Fußboden ein Glas Rotwein. Am nächsten Morgen würde ich es ausschütten, mitsamt den Insekten, die über Nacht darin ertrunken waren. Im Bett, unter den Decken, diverse Bücher, alle angelesen, alle genau da, wo sie mir letztes Mal aus der Hand gefallen waren, wenn ich lesend eingeschlafen war. Ich trug ein T-Shirt von Jenny Holzer, auf dem I too have sinned stand, die Buchstaben waren fast nicht mehr zu erkennen, so oft hatte ich es schon gewaschen, es reichte mir fast bis zu den Knien, ich hatte es nicht für mich gekauft.

Lange her.

Ich legte mich ins Bett, und vor dem Fenster war nichts. Schwarze Nacht. Kein Mond. Eine kühle Luft, das Fenster gekippt, keine Vorhänge, ich konnte das Dorf sehen.

Mein Vater hatte das Haus gebaut. Es war das erste seiner Art gewesen, ein Würfel aus Beton, zuoberst am Hang, eine Fensterfront zum Dorf hin, das wie auf einer Kinoleinwand vor uns lag. Erst wurde dagegen protestiert, dann wurde es nachgebaut. Das Mein Haus wurde das Markenzeichen meines Vaters, der tatsächlich so hieß, Manfred Mein.

Mein Haus war mein Vater. Mein Haus war sein Vermächtnis. Als er noch lebte, durften nur ganz bestimmte Möbel in den kargen Räumen stehen. Die Wände, die Fußböden aus rohem Beton mussten unbehandelt bleiben, unbemalt. Bilder waren nur von bestimmten Vertretern der konkreten Kunst erlaubt und vor allem: keine Teppiche. Er zerstritt sich regelmäßig mit seinen Kunden; wenn jemand eine Zwischenwand verlangte oder gar eine Holzverkleidung, warf er den Auftrag hin, gab das Geld zurück, stampfte wutschnaubend von der Baustelle und ließ die Besitzer händeringend zurück.

Als Kind hat mich das gewundert: Dass die Leute ihn teuer dafür bezahlten, sich von ihm beschimpfen zu lassen. Seine Wutanfälle waren legendär. «Sie Hausfrau!» war seine schlimmste Beleidigung, die er besonders gern Männern zukommen ließ. «Sie niedrige Hausfrau!»

Nach dem Tod meines Vaters zog ich in die Schweiz zurück, in Mein Haus. Ich hatte eine Weile in Südfrankreich gelebt, brachte getrocknete Lavendelzweige mit, farbenfrohe Töpfereien, mit Olivenblättern bedruckte Tischtücher und Servietten. Das Haus hat mit mir eine italienische, eine mexikanische, eine kalifornische Phase durchgemacht. Ich habe Teppiche ausgerollt, Plastikblumengirlanden an die Wände gehängt, hauchdünne mexikanische Scherenschnitte, Barbiepuppen, Kitsch überall. Nimm das!, dachte ich immer noch, wenn ich ein buntes Badetuch mit einem brüllenden Stier darauf an der Wand befestigte, eine blinkende Madonna, eine Lichterkette aus Plastikblumen. Na, was sagst du dazu?

Nichts. Das war es ja.

Meine Knochen zogen sich zusammen. Meine Gelenke gähnten. Ein äußerst unangenehmes Gefühl. Als verliefen Fäden unter meiner Haut, und jemand zupfte daran, unkonzentriert, nachlässig, fies. Gerade, wenn ich dachte, er hätte mich vergessen, ruckelte es wieder.

Dann plötzlich unerträgliche Hitze, die von der Brust über die Arme und ins Gesicht kroch. Ich warf die Decke weg, panisch. Ich glühte. Mein T-Shirt war nass. Ich sterbe, dachte ich.

Und dann fiel mir dieser Witz ein. Ein Mann zum anderen: «Du, meine Frau ist sterbenskrank, sie macht es nicht mehr lange, und weißt du, was das Schlimmste ist? Sie will kremiert werden!» – «Was sagst du denn da, ich hab sie doch gestern noch gesehen, sie wirkte ganz fidel!» – «Ja, eben! Und dann lag sie die ganze Nacht wach und warf sich hin und her wie im Fieber, sie glühte richtig, sie war schweißnass, und dazu murmelte sie die ganze Zeit unverständliches Zeug vom Krematorium …»

Das Klimakterium.

Das war es.

Die Hitze zog sich zurück. Ich schälte mich aus dem nassen T-Shirt, suchte mir ein kühles, trockenes Stück Bett, lag flach auf dem Rücken, nackt, die Hände auf dem Bauch gefaltet, beinahe andächtig.

Es ist so weit.

Es passiert.

Es geht los, dachte ich. Es passiert.

Ich wartete. Würde noch ein Schub kommen? Ich schaute auf den Wecker. Mitternacht vorbei. Auf dem Nachttisch brannte die Lampe, das Glas Wein stand unberührt da. Ich fischte ein Buch aus den jetzt klammen Bettdecken. Halb eins. Um eins fand ich es schon weniger ergreifend und um halb zwei war ich nur noch genervt. Zwei T-Shirts lagen bereits neben dem Bett, durchgeschwitzt. Mein Körper fühlte sich an wie das Experiment eines nicht ganz zurechnungsfähigen Wissenschaftlers.

Halb drei. Halb vier. Ich würde sterben. Das war es. Darauf lief es hinaus. Wechseljahre, Ende der Fruchtbarkeit, Beginn des Alters, erster Schritt zum Grab. Ich würde sterben. Daher die Stromstöße. Um mich daran zu erinnern, dass ich noch am Leben war. Noch war hier das entscheidende Wort. Halb fünf. Ich war allein auf der Welt. Alle anderen schliefen. In keinem Haus brannte mehr Licht. Ich konnte von meinem Schlafzimmer aus auf das Dorf hinabsehen. Es lag im Dunkeln. Ganz im Dunkeln.

Alle schlafen. Nur ich nicht.

Ich passe auf, dachte ich. Ich passe auf, dass nichts passiert.

Fünf nach halb fünf. Ich musste die Bettwäsche wechseln, die so nass war, als hätte ich sie gewaschen. In meinem Schweiß.

Meine Mutter hatte keine Menopause gehabt. Sie war vorher gestorben. Meine Mutter war nie so alt gewesen, wie ich es jetzt war.

Ich versuchte zu lesen. Die Drähte unter meiner Haut waren elektrisch aufgeladen. Sie surrten, zurrten, zuckten.

Mein ganzer Körper summte. Die Zeitanzeige auf dem Wecker rückte vor. Halb sechs. Vor dem Fenster wurde die Nacht erst noch schwärzer, dann heller, dann war sie weg.

Sechs Uhr. Ich konnte aufstehen.

 

Keine Ahnung

 

«Ach du», sagte Simone. «Du hast doch keine Ahnung!»

Das sagte sie immer. Und sie hatte wohl recht damit. Ich führte kein normales Leben. Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste nicht, was es hieß, nach einer schlaflosen Nacht funktionieren zu müssen. Aufzustehen, Frühstück zu machen, mich um eine Familie zu kümmern, frisch geföhnt und geschminkt zur Arbeit zu fahren und nicht zu spät zu kommen.

Statt in meinen ältesten und bequemsten Jeans und einem ausgeleierten Schlafshirt auf dem Sofa zu lümmeln, eine Tasse Kaffee in der Hand, die jemand anderes für mich gemacht hatte. In diesem Fall Simone.

Sie hatte sich auf der Corbusier-Liege mit dem abgeschabten Kuhfell ausgestreckt, ihre Schuhe ausgezogen, die hautfarbenen Nylonstrumpfhosen pressten ihre Zehen zusammen, ihr Hallux trat hervor. Sie trug ein tailliertes Kostüm über einem T-Shirt mit glitzerndem Totenkopf. Ihre Haare glänzten in präzisen Stufen, die wie Puzzleteile ineinanderfielen. Jedes Haar auf seinem Platz. Unwillkürlich fasste ich mir in die eigenen wilden, grauen Locken. Simone war geschminkt, elegant, makellos. Sie hatte alles, was ich nicht hatte: einen Ehemann (genau genommen schon den dritten) und drei Kinder. Verpflichtungen, Freunde, Vereine, Schulferien, Jahrespläne, Ferienwohnungen.

Unsere Leben konnten nicht unterschiedlicher sein. Hätten wir uns jetzt erst kennengelernt, könnten wir nichts miteinander anfangen. Wir würden uns nicht einmal mögen.

Aber wir kannten uns, seit wir fünf Jahre alt waren, seit dem ersten Kindergartenjahr bei Fräulein Stutz. Wir wussten noch alles. Wir sahen direkt durch das, was wir heute sind, hindurch auf das, was wir einmal waren.

«Na, hast du schon eine Freundin gefunden?», hatte meine Mutter nach dem ersten Tag oder vielleicht auch erst nach einer Woche gefragt.

«Ja», sagte ich, «Simone.»

«Und, spielt ihr auch schön zusammen?»

Ich schüttelte den Kopf.

«Nein? Aber du magst sie? Du hast dich schon mit ihr unterhalten?»

«Ja. Ich hab zu ihr gesagt: ‹Simone›, hab ich gesagt.»

Ich war schüchtern. Ein Einzelkind. Simone nicht. Irgendwann nahm sie mich an der Hand und zog mich in die Puppenecke, die unter einem Hochbett eingerichtet war, auf dem die größeren Kinder Ritterburg spielen durften. Darunter, mit bunten Tüchern verhängt, die Puppenecke, eine kleine Nachbildung der Welt, wie wir sie kannten. Vater, Mutter, Kind. Betten, Kleider, Puppenherd.

Simone zeigte mir, wie man mit Puppen spielte. Ich hatte zu Hause keine. Mein Vater erlaubte es nicht: Puppen beleidigten sein Auge. Ich hatte Bauhausklötze und Faberstifte.

Simone kommandierte mich hierhin und dorthin, schickte mich Wasser in die kleinen Plastikflaschen füllen und Puppenkleider in Köfferchen falten, während sie die Puppen in ihren Armen wiegte und leise auf sie einredete.

Damals wie heute sagte sie mir, was ich zu tun hatte. Damals wie heute stimmte ich zwar zu, tat dann aber doch das, was ich eigentlich wollte. Schon in der Puppenstube im Kindergarten setzte ich die Puppen in ordentlichen Reihen hin und erzählte ihnen Geschichten. Statt sie anzuziehen und zu frisieren und wieder umzuziehen. Schon damals sagte Simone, ich sei nicht ganz normal.

Wenn wir zusammen waren, waren wir gleichzeitig fünf und fast fünfzig Jahre alt. Und alle Alter dazwischen.

«Simone, es hat angefangen!», hatte ich sie an diesem Morgen begrüßt. Aufgeregt wie ein Kind.

Sie schob mich aus dem Weg. Ging in die Küche voraus und warf die Kaffeemaschine an. Die Kaffeemaschine hieß Simpatico, weil sie ein lachendes Clowngesicht hatte, mit einem breiten, roten Mund und augenzwinkernden Ein-/Aus-Tasten, aber sie war gar nicht simpatico, sondern eine Diva, eine spuckende, hustende, launische Diva, die ich jeden Morgen von neuem um den ersten Kaffee anflehen musste.

Simone trank eigentlich keinen Kaffee mehr. Sie lebte meistens sehr gesund. Es war ein schlechtes Zeichen, wenn sie ihre guten Vorsätze brach.

«Was hat angefangen?», fragte sie grob.

«Die Dings!», rief ich. «Die Menopause! Wechseljahre, Klimakterium, Abänderung. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Keine Minute! Mein Körper war wie ein Atomkraftwerk. Unglaubliche Energien, sag ich dir. Heiß und kalt. Vier T-Shirts durchgeschwitzt und zwei Leintücher. Ich muss alles aufschreiben. Jetzt gleich.»

«Bitte!» Simone wandte sich ab. «Nicht vor dem Frühstück, das ist ja widerlich! Und spiel dich nicht so auf! Man könnte meinen, du seist auch noch stolz darauf.»

Auf eine seltsame Art war ich das. Obwohl es natürlich keinen Grund dafür gab. Es war schließlich nicht mein Verdienst, dass mein Körper sich veränderte. Sich meiner Kontrolle entzog.

Ich war zwölf, stand in der Dusche, seifte mich ein, und plötzlich war da etwas, das vorher nicht da gewesen war. Etwas Knubbliges, Knorpeliges.

Ein Knoten! Ohne das Wasser abzudrehen, rannte ich aus der Dusche, klatschnass ins Elternschlafzimmer, meine Haare tropften, mein Gesicht war voller Tränen. Meine Mutter hatte gerade das Bett gemacht, als ich nackt und tropfnass hereinstürzte und mich an sie heranwarf, ihre Mitte umklammerte, zusammen fielen wir auf das frischgemachte Bett.

«Mimosa, also wirklich!»

«Mama», weinte ich, «Mama, hilf mir, ich muss sterben!»

«Was erzählst du denn da!»

Sie hielt mich eine Armlänge von sich weg, schüttelte den Kopf. Dann nahm sie einen Zipfel der Überdecke, die aus kratziger Wolle gewoben war, und fuhr mir damit über das Gesicht.

«Mama, ich habe Krebs!»

Brust, Knoten, Krebs. So war es schließlich bei meiner Mutter auch gewesen. Ich erinnerte mich nur ungenau daran, ich war noch klein gewesen. Die Krankheit galt als besiegt, es wurde nicht darüber gesprochen.

Es war natürlich kein Krebs. Es waren meine Brüste. Die ersten Anzeichen meiner Brüste. Meine Mutter versuchte sich ein Lachen zu verkneifen, aber ich konnte es in ihren Mundwinkeln sehen.

Nachdem ich den Schrecken überwunden hatte, stieg dieses selbe feierliche Gefühl in mir auf wie jetzt. Etwas passierte mit mir, ohne dass ich Einfluss darauf nehmen konnte. Immer wieder musste ich hinfassen, den Knubbel berühren, nachfühlen, ob er schon größer geworden war.

«Nimm deine Pfoten weg! Was glaubst du, wo du bist!», fuhr mich mein Vater schließlich am Mittagstisch an, und meine Mutter zuckte zusammen.

«Manfred, ich bitte dich!»

«Ist doch wahr! Überhaupt, dass ich ihr so etwas sagen muss! Ist das nicht Frauensache?»

Wenig später war meine Mutter wieder im Krankenhaus. Diesmal kam sie nicht mehr nach Hause. Sie war tot, und es gab keine Frauensache mehr. Was immer es zu sagen gab, sagte er. Meistens sagte er nichts.

Immer noch fasste ich automatisch mit meiner rechten Hand an meine linke Brust und kniff sie, nur um sicherzugehen, dass sie noch da war. In meinem Alter war das nicht selbstverständlich. Wie ich wohl wusste.

«Man sagt, die Menopause sei die zweite Pubertät, Simone!» Das hatte ich zwischen sechs und sieben Uhr morgens gegoogelt. «Das passt genau, wenn du darüber nachdenkst!»

«Ach, werd du erst mal erwachsen!»

Ich ließ mich nicht beirren. «Aber genau so fühle ich mich. Genau so wie damals, als es anfing, die körperlichen Veränderungen, die hormonellen Schübe – erinnerst du dich denn nicht daran? Dieselbe Vorfreude, gemischt mit Angst, mit dem Wissen, dass es nicht aufzuhalten ist. Darüber sollte ich schreiben, meinst du nicht?»

«Du spinnst doch!» Simone wandte sich wieder meiner Kaffeemaschine zu und machte sich konzentriert an die Zubereitung eines kunstvoll geschichteten Latte macchiato.

Milch. Normalerweise auch nicht auf ihrer Liste. Ganz schlechtes Zeichen.

«So sehr ich es begrüßen würde, wenn du irgendetwas schreiben würdest …»

«Hey, das ist nicht fair! Ich schreibe immer!»

«Okay, dann eben veröffentlichen würdest – Mimosa, du kannst doch deinen Lesern jetzt nicht mit den Wechseljahren kommen! Herrgott, du giltst – frag mich nicht, warum – als Meisterin der erotischen Literatur – schon vergessen? Abänderung – nicht sexy, verstehst du? Willst du dir selber den Geldhahn zudrehen oder was? Und mir gleich mit?»

Es war ein Missverständnis. Das mit der erotischen Literatur. Dafür konnte ich nichts. Dass meine Figuren meist nackt waren. Was sollte ich auch ihre Kleider beschreiben? Meine letzte Veröffentlichung, Road Kill, lag mehr als zehn Jahre zurück. Darin ging es um eine Frau, die nachts auf einer verlassenen Landstraße einen Mann angefahren hatte. Sie nahm ihn mit nach Hause und verfügte über ihn. Als er zu fliehen versuchte, jagte sie ihn mit ihrem schweren Wagen über Land und fuhr ihn schließlich um. Erotisch? Ich weiß nicht.

Seither hatte ich nichts mehr veröffentlicht. Aber nicht, weil ich mich missverstanden fühlte. Ich schrieb immer. Nur nie etwas zu Ende.

Trotzdem lebte ich ganz gut von den Übersetzungen, Verfilmungen und Nachauflagen, gut genug jedenfalls, um Simone dafür zu bezahlen, dass sie meine Post sortierte, Anfragen beantwortete, Verträge durchlas und meine sporadischen öffentlichen Auftritte organisierte.

 

Jetzt lag Simone auf der Chaiselongue ausgestreckt, ihr perfekter Milchkaffee stand unberührt neben ihr. «Außerdem kannst du noch gar nicht in den Wechseljahren sein», sagte sie. «Dafür bist du weiß Gott noch zu jung!»

Ich war genauso alt wie Simone.

«Merkst du denn noch gar nichts?»

«Ich? Jetzt hör aber auf. Ich überleg mir gerade, ob ich noch ein viertes Kind haben will!»

«Ein viertes Kind? Warum denn das?»

«Warum denn nicht? Möglich wäre es – meine Hormonproduktion läuft jedenfalls noch auf Hochtouren, danke der Nachfrage!»

«Super», sagte ich. Gewisse Dinge änderten sich auch nach über vierzig Jahren nicht. Wie Freundinnen miteinander redeten.

«Ich hätte so gern noch einmal ein Baby.» Simone hob ihr Kaffeeglas hoch und stellte es wieder hin. «Teenager sind doch irgendwie anstrengend.»

«Kennen keine Dankbarkeit!» Frau Czerny stand vor uns. Sie trug Abwaschhandschuhe aus gelbem Gummi und hielt mein volles Weinglas mit abgespreiztem Finger. Hielt es am ausgestreckten Arm von sich weg, als enthalte es eine giftige Substanz. Sie stellte es auf dem Couchtisch ab und ließ sich in den anderen Ledersessel plumpsen. Es war nicht ganz klar, ob sie mit der Dankbarkeit die Jugendlichen meinte. Oder mich.

«Frau Czerny. Soll ich Ihnen einen Kaffee machen?»

Ich stand auf, trug das Glas in die Küche und schüttete es aus, wie ich es jeden Morgen tat. Normalerweise, bevor Frau Czerny kam.

«So eine Verschwendung! Der schöne Wein!», rief Frau Czerny hinter mir her. «Meinen Kaffee mit ganz wenig Milch bitte, nur ein bisschen Schaum obendrauf!»

Als ich mit ihrem Kaffee und meinem vierten Espresso zurückkam, hatte Frau Czerny ihre Schuhe ausgezogen und sich auf dem Corbusier-Sessel meines Vaters im Lotossitz verknotet. Sie unterhielt sich angeregt mit Simone. Gegenstand ihrer Unterhaltung: ich. Die beiden waren sich einig. Ich hatte keine Ahnung.

Morgens zwischen sieben und acht hatte ich im Internet gesurft und ein Forum gefunden, in dem Symptome wie die, die ich in dieser vergangenen Nacht erlebt hatte, beschrieben waren. Tipps wurden ausgetauscht – Sojaprodukte, Baumwollhemden, Schichtenlook, Omega-3. Dazwischen poppten immer wieder Anzeigen für Hormonpräparate hoch. Ein besonders hartnäckiges zeigte ein Gänseblümchen mit teilweise ausgezupften Blütenblättern. War das meine Zukunft?

«Es hat angefangen!!!», schrieb ich.

«Willkommen im Club», kam zurück.

«Willkommen im Club, dem niemand angehören will.»

«… der aber jede aufnimmt. Haha! Früher oder später!»

«Tja, Liebes, einmal erwischt es jede …»

Und sogar: «Herzliches Beileid.»

Niemand schien sich zu freuen. Ich fragte mich, ob ich vielleicht verrückt geworden sei. «Was heißt geworden?», würde Simone sagen. Ich war nie ganz normal gewesen. Mein Empfinden wich meist stark von dem anderer Frauen ab. So stark, dass ich mich manchmal fragte, ob ich wirklich eine war. Eine Frau.

Dann schaute ich in den Spiegel.

Ich googelte mich.

Ich existierte. Ganze Fäden, die das weltweite Netz spannten, beschäftigten sich mit mir. Endlose Fäden. All die Frauen, die meine Bücher gelesen hatten, die sich mit mir identifizierten. Waren die am Ende alle verrückt?

Irgendwann ging Frau Czerny, dann ging Simone. Ich war allein. Ich legte mich auf die Couch und schloss die Augen. Hinter meinen Lidern brannte es. Aber ich schlief nicht ein. Den ganzen Tag fühlte ich mich nicht ganz wie ich selbst. Ich beobachtete mich, ich bewegte mich durch Watte. In meinem Kopf waren dicke, weiße Wolken. Gemütlicher Dampf. Das alles erklärt, was nachher passierte. Mindestens bis zu einem gewissen Grad.

Simone hätte bestimmt nicht ja gesagt. Aber sie war nicht mehr da, als das Telefon klingelte. Draußen war es schon wieder dunkel. Meine Lider flatterten. Meine Glieder waren schwer. Schwere Hände drückten mich in den Stuhl zurück. Ich war müde. So müde. Ich ließ den Kopf sinken.

Dann klingelte das Telefon, und ich schreckte auf. Ein Speichelfaden klebte an meinem Kinn.

Hatte ich geschlafen?

Ich nahm den Hörer ab und sagte: «Ja.»

So hat alles angefangen. Weil ich nicht schlafen konnte.

 

Ich sagte ja

 

Ich sagte ja. In den Telefonhörer hinein. Nein sagen konnte ich nur auf dem Papier, wie ich überhaupt vieles nur auf dem Papier konnte. Deshalb vermied ich es möglichst zu telefonieren.

Wenn ich in der Nacht zuvor geschlafen hätte, wäre das nicht passiert. Ich hatte den Hörer abgenommen, weil ich nicht ganz wach war. Und weil die Fahrer von Döner King manchmal mein Haus nicht fanden. Es lag am Waldrand zwischen zwei Dörfern und fiel so durch die Raster der meisten Navigationssysteme. Seit Jahren bestellte ich mein Essen bei Döner King, dem einzigen Lokal, das hier draußen noch auslieferte. Ich hatte schon daran gedacht, einen Anfahrtsplan zu zeichnen und ihn an die Fahrer zu verteilen, die schneller wechselten, als sie sich meine Adresse merken konnten. Es war bei dem Gedanken geblieben. Wie so vieles in letzter Zeit.

Ich nahm das Telefon ab.

«Ja?»

«Mimosa Mein?»

Was für ein Name. «Ja?»

«Stefan Buchholz, vom Schweizer Fernsehen.» Nicht der Döner King. Buchholz. Warum auch nicht. Bücher waren schließlich aus Holz gemacht. Wenn man es genau nahm. Aber wer nahm es schon genau? Und warum dachte ich über seinen Namen nach? Ich hätte besser zugehört.

Der junge Mann duzte mich. Das fand ich eigenartig. Vor allem, da er mich gleichzeitig mehrmals als «die große alte Dame der Schweizer Literatur» bezeichnete. Dabei war ich gerade mal … wie alt war ich überhaupt? Fünfzig? Nein. Definitiv noch nicht fünfzig. Fünfundvierzig? Die Jahre liefen ineinander. Was hatte der junge Mann eben gesagt? Egal. Ich unterbrach ihn.

«Auf Französisch würde es doch viel besser klingen», wies ich ihn zurecht. «Versuchen Sie’s mal: grande dame – das klingt doch schon ganz anders. Finden Sie nicht? Das ‹alt› können Sie auch gleich weglassen. Vor allem, wenn Sie etwas von mir wollen!»

Das alles sagte ich mit meiner Telefonstimme, tief und rauchig, träge, als läge ich auf einer Chaiselongue, rauchte aus einer Zigarettenspitze, balancierte einen ridikülen Pantoffel auf der Fußspitze. In Wirklichkeit saß ich in zwanzig Jahre alten Jeans an meinem Küchentisch, meinen Lieblingsjeans, die außer Haus zu tragen Simone mir verboten hatte.

«Entschuldigen Sie bitte vielmals», stotterte der junge Mann, der so schnell keine Frau mehr duzen würde. Tatsächlich war ich die dienstälteste Schweizer Schriftstellerin, hatte mein erstes Buch mit siebzehn veröffentlicht, wie seinerzeit Françoise Sagan. Damals war ich noch Jungfrau gewesen. Das nur nebenbei. Damals musste ich meinem Agenten versprechen, dieses Detail der Presse gegenüber nicht zu erwähnen. (Er bot sich außerdem an, diesem Zustand ein Ende zu machen. Ich lehnte dankend ab.)

«… ein Hasbeen», sagte der junge Mann gerade, «und ich meine das im allerbesten Sinn des Wortes: denn niemand weiß so gut wie Sie, was es heißt, ein Buch zu veröffentlichen. Sie verstehen, was ich meine?»

«Nein. Nicht wirklich.»

Der junge Mann sagte noch etwas, das ich nicht verstand, weil es gleichzeitig an der Tür klingelte.

«Einen Augenblick», unterbrach ich ihn schon wieder. «Es ist jemand an der Tür.» Ich sagte es langsam. Ich konnte durchs Telefon hören, wie er errötete. Was er sich vorstellte. Ich, einen etwas schmuddeligen Kimono über die Schultern rutschen lassend, darunter ein schwarzes Korsett, nachlässig geschnürt. Draußen: ein großer Mann. Ein Holzfäller vielleicht oder ein Motorradfahrer, der eine Panne gehabt hatte.

Skandalös. Provokant. Erotisch.

Dabei hatte ich alles erfunden. Nicht ich war so. Es waren meine Bücher. Aber das glaubt mir ja bis heute niemand. Vor der Tür stand nur mein Essen, in einer Plastiktüte.

«Döner. King.» Ich sprach es aus wie einen Namen, wie den Vor- und Nachnamen eines geheimnisvollen Mannes, mit dem mich einiges verband. Er wusste immerhin, was ich gern aß. Ich wusste nichts über ihn. Nur, dass er seine Fahrer nicht halten konnte.

Ich wickelte die Alufolie von meinem Börek, das fettig glänzte. Streute getrocknete Chilischoten auf den geschmolzenen Käse, riss gierig ein Stück ab, verbrannte mir den Gaumen. Wie jedes Mal. Spülte mit Ayran nach.

Irgendwann musste ich dem jungen Mann zugesagt haben. Nur um ihn loszuwerden. Ihn und seine stotternde Phantasie. Um mit meinem Essen allein zu sein.

 

Zwei Tage später lag der Vertrag in der Post. Simone schob sich die Lesebrille auf die Stirn und schaute streng.

«SchreibStar? Mimosa – was hast du getan?»

Was hatte ich getan? Ich hatte ja gesagt.

«SchreibStar? Idiotischer Name, idiotisches Konzept», sagte Simone. «Nun erzähl mir bloß nicht, dass du da zugesagt hast! Dich kann man wirklich nicht allein lassen!»

Story of my life: Man kann mich nicht allein lassen.

Simone war so gut wie bei mir eingezogen. Ganze Tage verbrachte sie in meinem Haus. Sie kam morgens gleich nach dem Frühstück und ging erst abends wieder. Ich wollte gar nicht wissen, warum das so war. Sie sah von dem Papier auf.

«Und? Wie schlimm ist es?», fragte ich.

«Meine Liebe, du hast dich verpflichtet, den neuen SchreibStar der Schweiz zu suchen.» Sie reichte mir ein Blatt Papier.

 

 

Frisch, Dürrenmatt und … Sie?

Die Schweiz sucht den SchreibStar.

Ist es Ihnen ernst mit dem Schreiben? Haben Sie den großen Schweizer Roman in der Schublade? Dann schicken Sie ein Exposé (1 Seite) und eine Textprobe (30 Seiten) an das Schweizer Fernsehen.

Unter den Einsendern werden zehn Kandidaten ausgewählt, die während sechs Wochen in unserer SchreibFabrik (an einem noch geheimen Ort) zusammenleben und wechselnde schriftstellerische Herausforderungen bestehen müssen, bis am Ende der SchreibStar der Schweiz feststeht. Der Sieger bekommt einen Verlagsvertrag und einen Werkbeitrag von 100000 Schweizer Franken.

Die Jury besteht aus:

Michelle Schlüpfer, Literaturkritikerin

Gianni Wolfensberger, Verleger

Mimosa Mein, Schriftstellerin

 

Mein Name stand zuunterst. Das fiel mir natürlich gleich auf.

«Und was muss ich dabei tun?»

«Du musst dieses Haus verlassen», sagte Simone. Sie schob ihre Brille auf die Stirn. Wir hatten beide von einem Tag auf den anderen zu kurze Arme bekommen, um ohne Brille lesen zu können.

«Du musst zum Bahnhof fahren, in einen Zug steigen, in Zürich aussteigen, ein Taxi nehmen …»

«Haha!»

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Haus vielleicht seit einem Jahr nicht mehr verlassen. Vielleicht länger. Das passierte mir manchmal: Ich vergaß, dass die Welt vor meiner Haustür weiterging. Oder erst begann, wie Simone sagen würde. Es hatte nichts zu bedeuten. Ich war einen Tag zu Hause geblieben, und dann noch einen, und dann war ein Monat vergangen und dann waren es zwei, und plötzlich schaute ich nach unten. Und da passierte es:

Ich öffnete die Haustür, noch im Pyjama, barfuß, es muss also schönes Wetter gewesen sein, in der trockenen Jahreszeit, vermutlich ist es also sogar länger als ein Jahr her. Ich öffnete die Tür, schaute auf meine nackten Füße, die Zehennägel, auf denen der dunkelrote Lack abblätterte, ich stand da, ich weiß nicht, wie lange. Meine Zehen stießen an die Türschwelle, aber ich konnte sie nicht heben, konnte den Fuß nicht über die Schwelle setzen. Auf der einen Seite der schon etwas schmuddelige, helle Hirtenteppich, auf der anderen der dunkle Teer meiner Garageneinfahrt. Gräser sprossen aus den Rissen im Asphalt. Zehn Schritte bis zum Briefkasten. Zu meiner Zeitung von heute und der Post von gestern. Zehn Schritte. Ich konnte sie nicht tun. Wie ein Bergsteiger, der nach unten schaut. Nein, ein Seiltänzer. Nein, ich weiß nicht, was ich bin. Ich weiß nur noch, wie meine Zehen sich zurückzogen, wie Schnecken, die mit ihren Fühlern an ein Hindernis stoßen. Sie krümmten sich, sie streckten sich, sie krümmten sich wieder und waren dann schon weit genug von der Haustür entfernt, dass ich sie schließen konnte, ohne mir weh zu tun.

Frau Czerny kam um neun.

«Könnten Sie mir nicht die Post aus dem Briefkasten …?»

So war auch das geregelt. Alles ließ sich regeln. Frau Czerny kaufte ein. Simone kam zu mir. Der Döner King brachte mir das Essen. Journalisten kamen, Fotografen, Fernsehteams. Ich saß am Tisch und auf dem Sofa, auf dem Balkon, aber nicht im Garten. Ich schrieb, ich redete, ich lebte. Ich ging einfach nicht vor die Haustür, was niemand merkte, kaum ich selber.

Ich kann nicht behaupten, dass mir die Welt fehlte. Ich stürzte mich in eine Geschichte über eine Handlungsreisende, die in jedem Hafen einen Mann … und so weiter. Die Geschichte machte mir Spaß. Ich mochte meine Hauptfigur Chantal und erinnerte mich gern an die Orte, an denen sie Station machte, Orte, an denen ich gelebt hatte, mehr oder weniger lange. Ich erinnerte mich an alles. Wie der Kaffee roch in Rom und wie in Paris. Wie der Straßenlärm klang unter den Fenstern der winzig kleinen Hotelzimmer, in denen Chantal abstieg. Wenn sie nicht einschlafen konnte, fühlte sie sich wie ein Kind, ein Kind, das krank war und im Zimmer eingesperrt, während draußen die anderen spielten, während draußen das Leben weiterging. Deshalb stand sie auf und zog sich im Dunkeln wieder an, ging mit vom Kissen zerdrücktem Haar hinunter und griff sich den Mann, der am lautesten redete, nahm ihn mit nach oben. Es war nicht «unreflektierte Triebhaftigkeit», wie ein Kritiker einmal geschrieben hatte, der außerdem den Verdacht äußerte, ich hätte einen männlichen Ghostwriter, weil «Frauen so nicht schreiben». Er musste es ja wissen.

Es war aber nicht sexuelle Gier, die Chantal nach draußen trieb, es war die Angst, etwas zu verpassen.

«Mimosa, hier steht etwas von mündlicher Vereinbarung. Wie zum Teufel konnte das passieren?» Simones Lesebrille tanzte wieder auf der Spitze ihrer Nase. Sie hielt sie mit dem Finger fest.

«Es war am Telefon.» Kleinlaut.

«Am Telefon! Du nimmst doch das Telefon gar nicht ab!»

«Diesmal schon.»

«Dich kann man wirklich nicht …»

«… allein lassen. Ich weiß.»

«Und was genau hast du gesagt?»

Ich versuchte mich zu erinnern. Ich sei ein Hasbeen, hatte Buchholz gesagt, ein Wareinmal, und die anderen, die Kandidaten, die angehenden Schriftsteller, die seien Wannabes, Möchtegerns. Die englischen Ausdrücke gefielen mir besser, sie klangen weniger herablassend, sie klangen exotisch. Sie klangen nach etwas, das man schon im Zoo gesehen hatte. Sofort hatte ich an diese seltsamen kleinen Tiere gedacht, die in Australien leben.

«Wer könnte besser wissen als Sie, liebe Mimosa, was diese Möchtegerns umtreibt», hatte Buchholz gesagt. Er musste gespürt haben, dass er einen Haken in meinen Kopf geschlagen hatte, einen Bilderhaken. Leute wie er haben ein Gespür für so etwas. «Sie, Mimosa Mein, die Königin der Wareinmals – das ist ein einsamer Platz, das muss ich Ihnen ja nicht sagen. Jetzt können Sie aus Ihrem eigenen Schatten treten, Mimosa, Sie können die Mentorin, was sage ich, die Mutter dieser Möchtegerns werden. In Ihrer Obhut werden sie sich entfalten … und, wer weiß, Mimosa, Sie sich vielleicht mit ihnen?»

«Buchholz, Sie sind der reinste Dichter!»

Doch das Bild hatte sich festgesetzt. Ich war ein altes Hasbeen-Känguru mit abgeschabtem Fell und leeren Händen. Doch da, plötzlich, lugte ein Köpfchen aus meinem faltigen Beutel heraus. Es war ein Wannabe mit Knopfaugen und schwarzglänzender Nase, mit vor Aufregung zitternden Schnurrbarthaaren. Und dann ein zweites, ein drittes. Neugierig schauten sie sich um, manche nur über den Rand des Beutels hinweg, andere waren mutiger, kletterten auf meine Schultern, auf meinen Kopf. Bald schon sah ich mich mit einer Herde putziger Pelztiere über eine Steppe tollen, sie waren klein und groß, sie hatten struppiges oder glänzendes Fell, Schlappohren, Ringelschwänze und so weiter, aber alle sahen sie aus wie aus Reststücken und Versatzteilen zusammengesetzt, kein Bein passte zum anderen, kein Ohr saß richtig fest. Ich liebte sie bereits alle.

«Ich habe ja gesagt.»

«Und ich soll dich jetzt da wieder rausholen, was?»

«Nein.»

«Wie – nein?» Simone schaute streng.

«Nein, du musst mich nicht rausholen. Ich mach es.» Ich dachte an Chantal, die früher oder später von einem ihrer Spielkameraden umgebracht werden würde. Als mir das klargeworden war, hatte ich das Buch weglegen müssen, die ganzen 280 Seiten, die ich geschrieben hatte, die ganzen acht Monate, die ich in Chantals Gesellschaft verbracht hatte. Weil ich nicht wollte, dass sie starb. Weil ich es trotzdem nicht verhindern konnte. Romanfiguren haben ihre eigene Art, sich meiner Kontrolle zu entziehen. Doch galt das auch für Pelztiere? Für Hasbeens und Wannabes? Wer konnte das schon wissen?

«Bist du sicher?», stichelte Simone. «Das Haus verlassen und mit echt lebenden Menschen Umgang pflegen? Und das alles vor laufenden Kameras?»

«Gib her!» Ich nahm ihr den Vertrag aus der Hand. Ich setzte meine eigene Lesebrille auf und unterschrieb.

«Mimosa! Was hast du getan?»

Ich hatte nicht geschlafen. Ich hatte ja gesagt. Das war alles.

 

Warum tun wir das?

 

«Schauen Sie sich das einmal an. Das wär doch was für Sie.» Frau Dr. Caprez reichte Jessica eine aufgeschlagene Illustrierte. Jessica zögerte. Frau Dr. Caprez kam ihr so jung vor. Konnte sie wirklich schon ausgebildete Therapeutin sein? Wusste sie, was sie tat? Ihre Krankenkasse schien es zu glauben. Jessica streckte die Hand nach dem Heft aus.

«Die Anzeige auf der linken Seite», sagte Frau Dr. Caprez.

Jessica las. «Die Schweiz sucht den SchreibStar?» Sie schaute auf. Frau Dr. Caprez lächelte breit. Zu breit?

«Ich glaube, Sie sind an einem Punkt angelangt, Jessica, wo es gut wäre, wenn Sie mit Ihrem Schreiben nach außen treten würden. Wenn Sie Ihr Schreiben nicht mehr nur als therapeutische Maßnahme verstehen, wenn Sie einen Schritt weitergehen würden.»

«Ich?»

«Du? Ausgerechnet du?», sagten die Stimmen in Jessicas Kopf. Heute waren sie ziemlich laut. «Was bildest du dir ein? Was denkst du, wer du bist? Das kannst du doch gar nicht! Du bist keine Schriftstellerin. Du blödes Stück. Stück. Stück Scheiße. Bring dich doch um. Tu der Welt einen Gefallen. Bring dich um. Na los. Oder fürchtest du dich? Hast du Angst? Du hast Angst. Nicht mal das kannst du. Was kannst du denn eigentlich?»

Jessica Küng schrieb, so schnell sie konnte, schrieb alles auf, was die Stimmen ihr sagten, nur so konnte sie den Überblick bewahren, nur so konnte sie verhindern, dass sie recht bekamen. Sie hörte die Stimmen, seit sie dreizehn Jahre alt war. Von einem Tag auf den anderen waren sie gekommen, gleichzeitig mit ihrer ersten Periode, was ihr noch kein Psychiater geglaubt hatte, weil es zu offensichtlich war. Was konnte sie dafür? An diesem Tag hatte sie ihre Periode bekommen. Sie war darauf vorbereitet gewesen. Die meisten ihrer Freundinnen in der Schule hatten sie seit Monaten und hatten ihr genau erklärt, welche Art von Binde sie kaufen sollte, die Schachtel stand auch schon im Bad bereit.

«Keine Tampons, Tampons sind eklig», hatte Vanessa gesagt, «du willst doch da nicht etwa hinfassen, oder?»

Am Morgen ein bräunlicher Fleck in der Pyjamahose. Rotes Blut auf dem Toilettenpapier. Nein, sie war nicht erschrocken. Sie hatte sich gefreut. Hatte erst Vanessa angerufen und dann Nicky. Da hatten sich die Stimmen noch nicht eingemischt. Erst am Abend, als es an der Tür klingelte und sie öffnete und der Teufel vor ihr stand. «Der Teufel!», sagte eine Stimme in ihrem Kopf, so fing es an.

«Ist Jenny da?», fragte der Teufel und trat einen Schritt näher, aus dem Schein der grellen Flurbeleuchtung, die ihn von hinten angestrahlt und ins Gegenlicht getaucht, sein Gesicht im Dunkeln gelassen hatte. Er trat auf die Wohnungstür zu, in der Jessica stand, trat einen Schritt auf Jessica zu, und Jessica begann zu schreien. «Er wird dich auffressen», sagten die Stimmen, «jetzt kriegst du, was du verdienst.»

«Wird auch Zeit.»

«Jetzt!»

Jessica schrie so laut sie konnte, aber die Stimmen waren lauter. Immerhin schlug sie mit ihrem Geschrei den Teufel in die Flucht. Er polterte die Treppe hinunter, obwohl der Lift noch auf der Etage wartete. Eine Nachbarin klopfte an die Wand. Ein Mann brüllte «Ruhe!», Jessicas Mutter kam angelaufen. Und ihre Schwester Jenny. Die rannte die Treppe hinunter, dem Teufel hinterher.

Es war natürlich nicht der Teufel gewesen, sondern nur ein Junge aus Jennys Klasse. Sie hatten sich fürs Kino verabredet, aber jetzt war er weg, und er kam nicht wieder. Ihre Schwester war bis heute unverheiratet, und sie gab Jessica die Schuld daran. An dem Abend habe sie den einzigen Mann in die Flucht geschlagen, den Jenny je geliebt habe, und das mit fünfzehn.

Konnte Jessica etwas dafür, dass der Junge nicht zurückgekommen war?

«Wer sich so leicht vertreiben lässt, ist es nicht wert, dass man um ihn weint», hatte ihre Mutter gesagt. Ihre Mutter hatte erst gar nichts dabei gefunden – «Jessi hat sich eben erschreckt. Das kann schon mal vorkommen.» Im Grund war sie froh, dass der Junge weg war, sie fand, Jenny sei noch zu jung, um einen Freund zu haben, schlimm genug, dass Priscilla keine Nacht mehr zu Hause schlief und dass jetzt Jessica auch schon ihre Periode bekam. Ihre Mädchen wurden viel zu schnell erwachsen, fand Jessicas Mutter.

Die Stimmen blieben. Sie befahlen Jessica, sich nur noch weiß zu kleiden, nur noch weiße Nahrungsmittel zu sich zu nehmen und bald gar keine mehr. Wenn sie ganz durchsichtig war, konnte der Teufel sie nicht sehen.

Mit vierzehn wurde sie in eine Klinik eingeliefert. Daran hatte sie nur ungenaue Erinnerungen. Danach hatte sie ein Schuljahr verloren und war die Stimmen doch nicht losgeworden. Jessica hatte gelernt, mit ihnen zu leben. Nicht auf sie zu hören. Sie hatte die Schule abgeschlossen und ein Studium begonnen, das sie allerdings nach zwei Jahren abbrach. An der Hochschule für Kunst und Gestaltung hatte sie sich nur deshalb eingeschrieben, weil es damals noch keine Hochschule für Schriftstellerei gab. Mittlerweile gab es eine. Und dort würde Jessica sich anmelden, sobald sie sich traute. Sie wollte schreiben. Schreiben war das Einzige, das nachhaltig geholfen hatte. Jedes Mal, wenn sich die Stimmen meldeten, nahm sie einen Stift und ein Blatt Papier und schrieb auf, was sie sagten. Dabei blieb sie ungerührt wie eine Sekretärin, die die Beschwerden, die sie protokollierte, auch nicht persönlich nahm. Sie sammelte die Sätze, später sortierte sie sie und setzte sie neu zusammen, und die Stimmen schwiegen geschmeichelt, als hätten sie nie etwas anderes gewollt, als aufgeschrieben zu werden.

Die Stimmen hatten nichts mehr mit ihr zu tun. Sie richteten sich nicht an sie. Sie erzählten eine Geschichte. Keine schöne, aber immerhin eine Geschichte. Eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte.

Heute hatte sie Frau Dr. Caprez auf die Schriftstellerschule ansprechen wollen. Stattdessen reichte die ihr diese Anzeige. Das war schon beinahe unheimlich. Konnte sie ihre Gedanken lesen? Wusste sie mehr, als sie sich anmerken ließ? Oder verstand sie doch mehr von ihrer Arbeit, als Jessica bisher angenommen hatte? Zumindest schien sie zu wissen, was sie tat.

Jessica stand auf. «Ich werd’s mir überlegen.» Sie faltete die Anzeige zusammen und steckte sie in ihre Schultertasche.

«Gut. Mehr erwarte ich gar nicht von Ihnen.»

Als Jessica ging, sah sie im Wartezimmer einen Mann sitzen. Normalerweise kam nach ihr eine dünne Frau, die eine zusammengerollte Yogamatte mit sich herumtrug. Den Mann hatte sie noch nie gesehen. Ob Frau Dr. Caprez ihm dasselbe sagen würde? Dass er am Wettschreiben teilnehmen sollte?

 

Hansjörg Steiner nahm eine Frauenzeitschrift in die Hand und blätterte sie durch, ohne etwas wahrzunehmen. Seine Schreiberei (so hatte sein Vater es genannt, später seine Frau, und jetzt nannten es seine Vorgesetzten so) hatte ihn hierhergebracht. Wie hatte er so dumm sein können, seiner Schreiberei auf dem Computer am Arbeitsplatz nachzugehen? Gegen die Regeln zu verstoßen? Ausgerechnet er. So etwas konnte sich nur leisten, wer Freunde hatte. Am Arbeitsplatz. Die hatte er nicht. Er hatte nur Mitarbeiter, die sich über ihn lustig machten, die ihm Streiche spielten (Furzkissen auf dem Stuhl, nackte Frauen als Bildschirmschoner) und die die Gelegenheit sofort ergriffen, seinen Computer nach verfänglichen Daten zu durchstöbern, als er einmal, ein einziges Mal, seinen Arbeitsplatz so überstürzt verlassen musste – ein offenbar nicht mehr ganz frisches Thunfischbrötchen aus dem Gemeinschaftskühlschrank –, dass ihm keine Zeit mehr blieb, seinen Computer herunterzufahren.

Zwei Stunden später war seine Schreiberei an alle Computerbriefkästen der Abteilung verteilt worden, auch in die seiner Vorgesetzten. Unfertige Kapitel. Das ärgerte ihn am meisten. Nicht, dass er seine Stelle verloren hatte, nicht, dass ihm mit rechtlichen Konsequenzen gedroht wurde. Nein. Hansjörg Steiner ärgerte sich am meisten darüber, dass alle Mitarbeiter, alle Vorgesetzten eine unfertige, eine unredigierte Version seiner Schreiberei gelesen hatten, eine, die seinen literarischen Ansprüchen noch lange nicht gerecht wurde. Und das hatte er auch gesagt. Die Heftigkeit, mit der er darauf bestanden hatte, wenigstens eine überarbeitete Version nachreichen zu dürfen, hatte ihm einen Termin bei der Betriebspsychologin Frau Dr. Caprez eingebracht, einen einzigen nur, dafür auf Kosten der Firma.

Er hielt im Blättern inne. Zwang sich, genau hinzuschauen. Zu lesen. Auf der einen Seite ein Inserat, das zum Einsenden von Texten aufforderte, auf der anderen ein Interview mit einem gutaussehenden amerikanischen Bestsellerautor, der einen Roman über seinen Arbeitsplatz geschrieben hatte.

Er hatte einfach alles aufgeschrieben. Genau wie Hansjörg. Natürlich war es ein Unterschied, ob eine Geschichte in einer renommierten Werbeagentur in Chicago oder einer Versicherungsfiliale in Aarau spielte. Aber das Konzept war dasselbe. Hansjörg glaubte eigentlich, dass sein Buch noch besser war als das des Amerikaners. Er hatte schließlich sein Leben lang nichts anderes getan, als zu arbeiten. Während der Jungschriftsteller damit nur die paar Jahre zwischen Studium und dem von langer Hand geplanten schriftstellerischen Erfolg überbrückt hatte. Anders gesagt, er hatte immer gewusst, dass sein Anstellungsverhältnis nur ein Übergang war. Für Hansjörg hingegen war es das. Leben. Alles.

Sorgfältig riss er die beiden Seiten aus der Zeitschrift, faltete sie zusammen, steckte sie ein. Alles, was in den letzten Wochen passiert war, bis hin zu den Magenschmerzen, die seit dem schicksalhaften Sandwich nicht besser geworden waren, alles ergab auf einmal einen Sinn: Alles hatte zu diesem einen Augenblick hingeführt, in dem er hier saß und in einer Frauenzeitschrift blätterte, einfach, weil es sonst nichts zu lesen gab außer Faltprospekten von pharmazeutischen Produkten. Er hatte einen in die Hand genommen und gleich wieder weggelegt. Die Zeichnung zeigte eine Gruppe Kopffüßler mit breit grinsenden Smiley-Gesichtern unter einer strahlenden Sonne. Daneben, weit weg von den anderen und ganz für sich allein, ein Schmollmund unter einer schwarzen Regenwolke. Die Regenwolke kauerte direkt über ihm, während rundherum die Sonne schien. Genau so hatte Hansjörg sich gefühlt. Bis zu diesem Moment.

Jetzt hätte er nach Hause gehen und seine Einsendung vorbereiten können. Doc...

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