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Mustang Creek - Ewig ist das Glück für uns

Als Buch hier erhältlich:

  • Erscheinungstag: 01.10.2018
  • Aus der Serie: Mustang Creek
  • Bandnummer: 4
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956498565

Leseprobe

Dreiundzwanzigster Dezember

Die junge Lady hatte das Kinn in die Hand gestützt, ihr dunkles Haar schimmerte im Licht des Kaminfeuers. Sie war nachdenklich, aber nicht angespannt, sondern recht zufrieden mit ihrer Einsamkeit an diesem kalten Abend. Ein Scheit im Kamin knisterte, und in der Luft lag der Duft von Kiefernholz. Der alte Hund ihres Vaters schlief zu ihren Füßen und schnarchte leise; ein tröstliches Geräusch. Nur noch zwei Tage bis zum Weihnachtsfest, das sie zum ersten Mal in ihrem Leben allein verbringen würde.

Der Beginn von The Aspen Trail

Matthew Brighton, 1965

1. Kapitel

Raine McCall schaute zuerst verblüfft auf den Bildschirm, dann zur Uhr.

Ihr Computer hatte recht. Zwei Uhr morgens. Heiliger Strohsack!

Oh, sie wäre die Erste, die zugeben würde, dass sie gelegentlich während der Arbeit jedes Zeitgefühl verlor. Aber sie schaffte es immer, ihre Tochter zum Bus zu bringen, und sorgte dafür, dass Daisy die Hausaufgaben erledigte und ein gesundes Frühstück bekam.

Schon seit jeher hatte sie unter dem gelitten, was sie bei sich »KSR« nannte: komischem Schlafrhythmus. Zu allen möglichen Zeiten wach, ging ihr jedes Gefühl für Raum und Zeit abhanden, sobald die Muse sie küsste. Sie war sogar schon am Schreibtisch eingeschlafen. Daisy hatte ihr mehr als einmal mit einer für ihr Alter ungewöhnlichen Reife vorgeworfen: »Mummy, du arbeitest zu hart!« Aber Raine betrachtete das, was sie tat, gar nicht als Arbeit. Traumbilder in die Wirklichkeit zu spinnen, kam ihr vor wie aus einem einzigartigen Quell der Freude zu trinken, und sie bedauerte jeden Menschen auf dieser Welt, der einen ungeliebten Job zu verrichten hatte.

Außerdem war sie nicht allein wach. Als sie sich eine Pause gönnte und ihre Mails durchsah, erschrak sie. Mick Branson? Der Mick Branson hatte ihr eine Nachricht geschickt? Der berühmte Hollywood-Studioboss, viel zu beschäftigt und humorlos – nun gut, wenn sie es sich genau überlegte, lächelte er doch hin und wieder. Er sah gut aus, nur tat sie sich schwer mit seiner kultivierten, aalglatten Art. Sie war ein wahres Wyoming-Girl und hatte eher wenig übrig für Typen in Tausend-Dollar-Anzügen. Sie bevorzugte echte Männer in Jeans, zerschrammten Stiefeln und Cowboyhüten.

Natürlich war sie dem Mann ein paarmal auf der Ranch begegnet, denn er galt als treibende Kraft hinter den Dokumentarfilmen, die ihr Ex-Freund und Vater ihres Kindes, Slater Carson, drehte. Doch eine E-Mail hatte sie von Branson noch nie bekommen. Vor fünf Minuten verschickt? Sie war viel zu neugierig, um diese Mail nicht zu öffnen.

Ich werde über die Weihnachtsfeiertage in Mustang Creek sein und würde mit Ihnen gern etwas Geschäftliches besprechen. Vielleicht bei einem Abendessen?

Das war wirklich interessant, nur steckte sie gerade bis zum Hals in Arbeit, denn sie musste fristgerecht die Etiketten für einige Mountain-Vineyards-Weine entwerfen. Ihr kleines Grafikdesign-Unternehmen hatte einen richtig guten Start hingelegt, deshalb war sie nicht sicher, ob sie noch ein weiteres Projekt bewältigen konnte. Und nach allem, was sie über Mick Branson wusste, würde es gewiss kein kleines Projekt sein.

Sie schrieb zurück: Was hatten Sie sich denn vorgestellt?

Morgen Abend? Falls Sie nichts anderes vorhaben.

Heiligabend?

Na ja, für gewöhnlich verbrachte Daisy diesen Abend mit der Familie ihres Daddys, während Raine es sich allein mit einem Glas Wein und einem Film gemütlich machte. Natürlich wurde sie stets zu dem großen, feierlichen Abendessen eingeladen, aber sie blieb lieber für sich und ging erst am nächsten Tag hin. Sie gaben ihr zwar nie das Gefühl, das fünfte Rad am Wagen zu sein; ganz im Gegenteil, doch Slater brauchte einfach Zeit mit seiner Tochter, ohne dass Raine ständig im Hintergrund umherwuselte. Also lehnte sie jedes Mal dankend ab. Als Daisy noch kleiner war, hatte Raine es nur widerwillig geschafft, diesen besonderen Abend getrennt von ihr zu verbringen. Aber Slater hatte ein Recht darauf, und er war ein wundervoller Vater.

Sie schrieb: Ich kann Ihnen versichern, dass am 24. Dezember kein Restaurant in Mustang Creek geöffnet haben wird. Wir sind hier nicht in Kalifornien. Sie werden zu mir kommen müssen, und ich esse Heiligabend normalerweise einen Hamburger und trinke Wein.

Er schrieb zurück: Das hört sich doch gut an. Ich mag Burger, und Wein trinke ich auch gern. Lassen Sie mich die Getränke mitbringen. Und bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich mich selbst einlade.

Sie war nicht sicher, ob er sich selbst eingeladen hatte oder ob nicht sie den ausschlaggebenden Zug gemacht hatte. Sie tippte: Wein: am besten Mountain Vineyards.

Alles klar!

Ich wünsche einen guten Flug.

Danke, aber ich bin bereits hier. Bis morgen. Erwähnen Sie bitte niemandem gegenüber, schon gar nicht Slater, dass ich in der Stadt bin.

Raine lehnte sich zurück und atmete aus, für einige Sekunden hatte sie die Luft angehalten. Nie hätte sie gedacht, einmal einen Abend mit jemandem wie Mick Branson zu verbringen, noch dazu Heiligabend!

Glücklicherweise hatte sie am Tag zuvor das ganze Haus geputzt und irgendwann gemerkt, dass es sich bei dem Geräusch, das sie vage im Hintergrund hörte, um den Staubsauger handelte. Daisy saugte freiwillig, ohne Gemaule? Nachdem sie sich von dem Schock erholt hatte, musste Raine sich eingestehen, dass sie sich in letzter Zeit wohl tatsächlich viel zu oft in ihrem Arbeitszimmer verschanzte. Sicher, das Haus konnte es vertragen, wenn ein bisschen Staub gesaugt wurde – auf dem Küchenfußboden lagen Krümel, und die Wäschekammer hatte eine kleine Säuberung auch bitter nötig.

Gut, jemand wie Mr. Hollywood-Boss Mick Branson, der wahrscheinlich in einer Villa in Beverly Hills residierte, würde wohl kaum von ihrem originellen kleinen Häuschen beeindruckt sein, ganz gleich, wie aufgeräumt es war. Aber er sollte erst einmal ihren Weihnachtsbaum sehen.

Es gab kein bestimmtes Thema, was das Schmücken betraf; wenn ihr etwas gefiel, kaufte sie es und hängte es auf. Eulen und glitzernde Rentiere, aber auch ein Glas-Shrimp mit Flügeln und eine Boa fanden sich zwischen kunterbunten antiken englischen Glaskugeln. Sie hatte sie extra etwas höher aufgehängt wegen Mr. Bojangles, ihrer riesigen, sonst eher scheuen Maine-Coon-Katze, deren Spieltrieb beim Aufstellen des Weihnachtsbaumes geweckt wurde. Wenn man am Baum vorbeiging, riskierte man ständig eine plötzliche Attacke auf die Fußknöchel, denn im Dezember betrachtete Mr. Bojangles den Baum als sein Versteck. Daher bestand der Schmuck in der unteren Hälfte aus weichen Stoff-Eichhörnchen und – häschen sowie aus Tannenzapfen-Imitaten, mit denen er herumspielen durfte. Außerdem war da noch Daisys riesiger Hund Samson, der jedes Mal, wenn er an dem Baum vorbeilief, irgendetwas herunterriss. Keine Chance für ihren Weihnachtsbaum.

»Definitiv kein Designer-Teil, sieht eher aus wie von ’nem geistig verwirrten Kobold geschmückt«, lautete Daisys Kommentar dazu.

Raine liebte den Baum.

Er entsprach exakt ihrem Stil. Und es war überhaupt nichts an den Kuriositäten auszusetzen, die an ihm baumelten. Sie löschte die Lichter und fragte sich auf dem Weg ins Bett, wie um Himmels willen sie in diesen Schlamassel geraten war.

Hollywood-Boss Mick Branson würde Heiligabend bei ihr zu Hause Hamburger essen!

Slater Carson würde sich schlapp lachen.

Das Flugzeug setzte auf der verschneiten Landebahn auf, und Mick sprach ein stilles Dankgebet für den erfahrenen Piloten und vielleicht ein wenig jahreszeitlich bedingtes Glück, während es ununterbrochen weiterschneite. Ein unruhiger Flug, und Mick schätzte sich selbst eigentlich nicht als nervösen Passagier ein. Doch beim Flug über die Berge war ihm ein- oder zweimal mulmig geworden.

Dabei war er schon überall gewesen. Asien, Afrika, Südamerika, Australien, Europa … Er lebte in Los Angeles, aber er mochte Wyoming. Hier fühlte es sich an wie im Urlaub, und den konnte er wirklich dringend gebrauchen.

Andererseits würde es auch nicht gerade unangenehm werden, Raine McCall wiederzusehen. Dieser Gedanke überraschte ihn, denn sie war so gar nicht sein Typ. Trug triste Röcke und hielt offenbar nicht viel von Make-up. Er wäre überrascht, wenn sie ein Paar hochhackiger Pumps besäße. Ihr künstlerisches Temperament stand in krassem Kontrast zu seiner Unternehmer-Disziplin, doch irgendwie fand er das faszinierend. Sie war eine natürliche Schönheit, ohne sonderlich darauf zu achten. Vielleicht reizte ihn gerade das. Raine hatte nichts Künstliches an sich – man bekam genau das, was man sah. Ganz abgesehen davon hatte er das Gefühl, dass es ihr vollkommen gleichgültig wäre, wie viel er verdiente. Er nahm an, dass materielle Dinge für sie nicht wirklich wichtig waren.

Wie dem auch sei, er hatte diese Reise mit einer doppelten Absicht geplant.

Er wollte Slater, der nicht bloß ein Kollege, sondern auch ein Freund war, mit der TV-Premiere von Der Wilde Westen … Noch immer Wild überraschen. Und er wollte Raine sehen. Zwischen beiden Vorhaben bestand eine Verbindung, da Raine und Slater eine gemeinsame Vergangenheit und eine Tochter hatten. Slater war längst glücklich mit einer anderen verheiratet, und mit ein paar beiläufig gestellten Fragen hatte Mick herausgefunden, dass Raine gerade mit niemandem zusammen war.

Die Sache konnte kompliziert werden, und er hasste Komplikationen. Geschäftliche Deals waren heikel und komplex genug, deshalb gestaltete er sein Privatleben so simpel wie möglich.

Raine war alles andere als simpel. Ihre Kunst war außergewöhnlich, und dieses wundervolle Meerjungfrauen-Etikett, das sie für den Sekt des Carson-Weingutes entworfen hatte, trug dazu bei, dass davon mittlerweile an einem einzigen Tag mehr Flaschen verkauft wurden als von allen anderen Weinen zusammen. Und das Unternehmen lief vorher schon nicht schlecht. Irgendwie bezweifelte er, dass Raine diesen Triumph überhaupt registriert hatte.

Dennoch war er an ihrem Talent nicht interessiert – zugegeben, er war durchaus beeindruckt, aber darum ging es ihm nicht in erster Linie. Vielleicht zogen Gegensätze sich wirklich an, obwohl er sicher darüber gelacht hätte, wenn man ihm das gesagt hätte, bevor er sie über die Carsons kennenlernte.

Jetzt war ihm nicht nach Lachen zumute. Klar, er hatte einen guten geschäftlichen Grund, in Wyoming zu sein, aber im Grunde war er nur wegen dieser bestimmten Frau hier, die ihm nicht mehr aus dem Kopf ging.

Grace Carson empfing ihn mit leuchtenden Augen im Speisesaal des Bliss River Resort and Spa und umarmte ihn zur Begrüßung. Slater bewies wirklich Geschmack bei Frauen, denn seine Ehefrau war eine atemberaubend schöne Rothaarige mit selbstbewusster Ausstrahlung. Sie schien außerdem ein gutes Erinnerungsvermögen zu besitzen, denn beinah unmittelbar darauf tauchte ein Kellner mit Kaffee und genau den Roggentoast-Kanapees auf, die er am liebsten aß.

Sie setzte sich zu ihm und schenkte für beide Kaffee ein. »Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie schwer es ist, Slater nichts wegen Weihnachten zu verraten?«

»Ich musste mich auch schon zurückhalten, also kann ich’s vermutlich nachvollziehen.« Er genoss den Ausblick auf die schneebedeckten Berge hinter den Panoramafenstern, während er seinen Kaffee trank, und dachte an all die Beziehungen, die er hatte spielen lassen. Etliche, wenn man’s genau nahm. Er sah wieder zu Grace hinüber, ebenfalls ein Vergnügen. »Das Zeitfenster war der schwierigste Teil. Aber so ziemlich alle sind zu Hause, und bis dahin wird das Weihnachtsessen hoffentlich vorbei sein und der weltweite Wunsch erwachen, mal etwas anderes im Fernsehen zu sehen als die alten Klassiker.«

Sie gab Sahne in ihren Kaffee. »Ich halte es für eine brillante Idee. Ihnen ist schon klar, dass Sie mein Geschenk damit schwer entwertet haben. Von mir sollte er einen neuen Sattel bekommen. Wahrscheinlich wird er jetzt Sie statt mich unter dem Mistelzweig küssen.«

Mick lachte. »Das bezweifle ich, aber falls es doch geschieht, sollten wir das lieber nicht filmen.« Nicht wissend, dass automatische Kameras ihn filmten, war Slaters jüngerer Bruder Mace bei einem romantischen Moment mit Luce erwischt worden, die inzwischen seine Ehefrau war. Beide schienen nicht allzu glücklich darüber, in dem Film aufzutauchen, hatten der Veröffentlichung jedoch zähneknirschend zugestimmt.

»Vielleicht wird Raine stattdessen ja Sie küssen.« Grace trank mit einem wissenden Ausdruck in den Augen einen Schluck aus ihrer Tasse mit Silberrand.

Er hatte nie verstanden, wieso Frauen diese magischen Kräfte besaßen, sobald es um das Erspüren von Romanzen ging. Männer stolperten da einfach hinein, ohne etwas zu merken, während Frauen sich wie Witterung aufnehmende Wölfe verhielten. Er war ein Mann, der alle Möglichkeiten ausschöpfte, daher räumte er unverbindlich ein: »Ich kann mir nicht vorstellen, welcher Mann dagegen etwas einzuwenden hätte. Wie läuft’s mit dem Hotel?«

Sie registrierte mühelos seine Absicht. »Themawechsel. Verstehe. Das Geschäft läuft gut. Die Skisaison ist in vollem Gange, die Zimmerlisten sind brechend voll. Der Wellness-Bereich ist auf zwei Monate im Voraus gebucht. Den Besitzer freut das natürlich, und ich hab alle Hände voll zu tun. Und tja, ich bin wieder schwanger. Luce ist auch schon im Babyfieber. Wir warten nur noch auf die gleiche Ankündigung von Drake und Kelly, dann können alle Cousins und Cousinen zusammen aufwachsen.«

Mick stellte sich vor, wie ein Haufen Kleinkinder über die weitläufige Carson-Ranch tobte. Zu seiner Überraschung gefiel ihm die Vorstellung. Bisher hatte er mit Babys nicht viel am Hut gehabt; sein einziger Bruder war kinderlos geblieben, obwohl er schon lange verheiratet war. Er und seine Frau wollten es nicht anders, sie verbrachten die Winter gern in Frankreich oder in ihrem Haus in der Karibik, und als Investmentbanker konnte Ran überall arbeiten. Ihre Einstellung zu Kindern resultierte aus ihrem anspruchsvollen Lebensstil.

Vor seiner geschäftlichen Verbindung zu Slater hatte Mick sich darüber eher wenig Gedanken gemacht, doch er musste sich eingestehen, dass die Art, wie er aufgewachsen war, eine Leere in seinem Leben hinterlassen hatte. Gemütliche, herzliche Familientreffen hatten nie stattgefunden. Zu Lebzeiten des Vaters waren seine Eltern viel gereist, und mittlerweile hielten sie die Tradition hoch, dass Mick sich mit seiner Mutter zum Weihnachtsessen im Country Club traf.

Elegant, ja, aber nicht sonderlich gemütlich. Er war früher schon bei Feiern auf der Carson-Ranch gewesen – jedes Mal eine ausgelassene Angelegenheit. Er sagte: »Gratuliere. Slater ist bestimmt rundum glücklich.«

»Morgen wird er das ganz bestimmt sein«, erwiderte Grace mit einem Lächeln. »Ich habe zu niemandem ein Wort gesagt. Blythe weiß es allerdings, und das wiederum bedeutet, dass Harry es auch weiß.«

»Raine weiß, dass ich in der Stadt bin.« Er zuckte möglichst gleichmütig die Schultern. »Wir treffen uns morgen Abend geschäftlich, und da sie meinte, kein Restaurant habe geöffnet, hat sie mich zu sich eingeladen.«

Grace hob die Brauen. »Ach, tatsächlich? Sie bricht mit ihrer Burger-und-Wein-Tradition?«

»Nein. Ich wurde darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich genau dieses Menü zu erwarten habe.«

Grace gab ein fröhliches Glucksen von sich. »Nur Raine würde auf die Idee kommen, Mick Branson einen Burger zu servieren! Ich liebe Raine, aber sie ist manchmal echt schräg. Umso mehr überrascht es mich, dass Sie beide offenbar auf einer Wellenlänge sind. Übrigens hat sie recht, was Heiligabend angeht – selbst wir hier im Hotel schließen unser Restaurant. Die Gäste können allerdings Gourmet-Sandwiches und Salate vorbestellen, die wir ihnen dann aufs Zimmer servieren. Aber ganz ehrlich, ich will niemanden Weihnachten schuften lassen, der lieber daheim bei seiner Familie wäre. Einige Mitarbeiter schieben wegen des Feiertagszuschlags aber gern Dienst, deshalb ist das Hotel geöffnet. In der Stadt hat alles zu.«

Was sie über die Feiertage erzählte, nahm er nur am Rande wahr, da er bei dem hängen geblieben war, was sie über Raine und ihn gesagt hatte. Sie beide, auf einer Wellenlänge? Er zog es vor, das besser nicht zu kommentieren. Er konnte Geschäfte machen, bei denen es um Millionen Dollar ging, aber Gespräche über private Dinge gehörten nicht zu seinen Stärken. »In L. A. läuft das ein klein wenig anders.«

»Oh, davon bin ich überzeugt.« Grace war definitiv amüsiert. Ihr Telefon piepte, und sie stand auf. »Entschuldigen Sie mich, aber meine Aufmerksamkeit ist wohl gefordert. Wir sehen uns morgen.«

Nachdem sie abgerauscht war, beendete er seine Mahlzeit aus Kaffee und Toast, sah per Smartphone seine Mails durch und ging anschließend hinaus zu seinem Mietwagen. Es schneite leicht und war ziemlich kalt. Der Wagen war weiß gepudert, und Mick wünschte, er hätte daran gedacht, Handschuhe mitzunehmen. Als er in L. A. gepackt hatte, war ihm das natürlich nicht in den Sinn gekommen.

Das Weingeschäft lag glücklicherweise direkt in der Main Street, und jemand hatte bei der Dekoration der Schaufenster mit Schneeflocken kunstvolle Arbeit geleistet. Die Glocken an dem riesigen Kranz an der Tür bimmelten, als Mick eintrat. Im Laden befanden sich noch andere Kunden, und er erkannte Kelly Carson hinter dem alten polierten Verkaufstresen. Slaters Schwägerin sah süß aus mit ihrem weihnachtlichen Elfenhut und dem überraschten Gesichtsausdruck.

Gut, sein Glückstag.

Zumindest hoffte er das. Jedenfalls war sie eine weitere Person, die er zur Verschwiegenheit verpflichten musste. Ihre Augen hatten sich geweitet, als sie ihn wiedererkannte.

Es gab einfach keine Geheimnisse in Mustang Creek. Das hatte er bei seinem letzten Besuch hier schon gehört und es nicht glauben wollen. Allmählich fühlte er sich jedoch wie der lebende Beweis.

»Frohe Weihnachten, Mick«, rief Kelly ihm zu.

»Frohe Weihnachten«, erwiderte er. »Lassen Sie mich raten – Sie arbeiten heute selbst, weil Sie keinen Ihrer Angestellten bitten wollten, damit die bei ihren Familien sein können.«

Sie nickte, sodass der flauschige Bommel an ihrem Hut auf und ab hüpfte. »Sie haben absolut recht. Wir haben heute allerdings nur bis mittags geöffnet. Feiertagsöffnungszeiten … Wusste gar nicht, dass Sie in der Stadt sind. Niemand hat es erwähnt.«

»Niemand wusste davon.« Nun, das stimmte nicht ganz. Grace, Blythe, Harry und Raine wussten es, und jetzt gehörte auch noch Kelly zum Kreis der Eingeweihten. Er lächelte schief. »Lassen Sie’s mich so formulieren: Es wäre mir mehr als lieb, wenn Slater nicht herausfinden würde, dass ich hier bin. Wenn Sie das also bis morgen für sich behalten könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.«

Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu. »Meine Lippen sind versiegelt.«

»Ich wusste, ich kann auf Sie zählen. Und jetzt verraten Sie mir, welcher Wein wohl am besten zu Burgern passt.«

»Ich enttäusche Sie nur ungern, aber Bad Billy’s wird nicht geöffnet haben.«

Die Biker-Bar war berühmt für ihre leckeren Burger. »Ich werde meinen Burger auch nicht dort essen.«

Sie stutzte. »Oh … oh! Raine?«

Es war verlockend, das einfach abzustreiten. Aber wozu? Anscheinend war Raines kulinarische Weihnachtstradition bestens bekannt. »Wir treffen uns heute Abend geschäftlich. Welchen Wein kauft sie denn für gewöhnlich?«

»Den Wildfire-Merlot«, antwortete Kelly, ohne zu überlegen – und offenbar sehr belustigt. »Sie mag auch den Soaring-Eagle-Chardonnay. Beide wären eine sehr gute Wahl. Mace sagt immer, am Ende des Tages soll man einen Wein trinken, den man mag, zu einem Essen, das man mag. Machen Sie sich wegen allem anderen keine Gedanken. Er hält dieses snobistische Getue um den perfekten Wein zum Essen für maßlos übertrieben.«

»In ganz Kalifornien sind die Leute wegen Ihres Kommentars gerade in Ohnmacht gefallen.«

»In ganz Kalifornien kaufen die Leute unseren Wein«, konterte sie mit einem frechen Elfengrinsen, das zu ihrem feschen Hut passte. »Er scheint also zu wissen, was er tut.«

Dagegen ließ sich schwerlich argumentieren. »Ich nehme ein paar Flaschen von jedem, plus einige fürs Fest mit der Familie morgen und von dem neuen Sekt. Am besten alles im Karton.«

2. Kapitel

Es war nicht so, dass sie sich über ihr Aussehen keine Gedanken machte, aber auf einer Skala von eins bis zehn würde sie sich selbst bei fünf sehen, wenn es um den Zeitaufwand für Klamotten ging. Aus irgendeinem Grund befand Raine sich heute Abend jedoch an einem höheren Punkt der Skala.

Das lange rote Kleid mit der engen schwarzen Bluse sah hübsch aus, passte jedoch nicht ganz zu Hamburgern, analysierte sie mit kritischem Blick, bevor sie sich für eine Jeans und einen graublauen Seidenpullover entschied. Allerdings wäre der mit ziemlicher Sicherheit hinüber, wenn sie sich mit Ketchup oder auch Wein bekleckerte. Sie hatte schon beim Kauf gewusst, wie unpraktisch dieses Kleidungsstück sein würde, aber sie war zu verliebt in es gewesen, um es nicht zu kaufen. Also zog sie sich ein drittes Mal um. Schwarze Leggins und ein gemustertes graues Strickkleid trugen den Sieg davon. Bequem, aber ganz bestimmt schicker als das, worin sie sich sonst abends zu Hause lümmelte, wenn sie allein war.

Tja, sie würde nicht allein sein. Sie hatte sogar den Tisch gedeckt – was an ihrem traditionellen Heiligabend nie vorgekommen wäre –, und zwar mit dem, was sie ihr »Dezembergeschirr« nannte, weiß mit winzigen Zuckerstangen darauf. Daisy hatte das Geschirr beim Shoppen entdeckt, als sie sechs war, und darum gebettelt, dass Raine es kaufte. Jedes Jahr, wenn diese Teller auf den Tisch kamen, signalisierten sie für ihre Tochter den Beginn der Weihnachtsfeiertage, und sie besaßen einen unbezahlbaren sentimentalen Wert. Obwohl Raine in der Startphase ihres Unternehmens ein klassisches Beispiel für eine brotlose Hungerkünstlerin gewesen war, hatte sie dazu noch Besteck gekauft, in deren Griffe Rentiere und ein Schlitten graviert waren.

Die hübsche Ironie bestand darin, dass ein erfolgreicher Mann wie Mick Branson sich geschäftlich mit ihr treffen wollte und dabei von Tellern essen würde, die sie gekauft hatte, als sie sich die eigentlich nicht leisten konnte. Inzwischen hatte sie so viel zu tun, dass sie bezweifelte, ob sie mit ihm ins Geschäft kommen würde, selbst wenn das, was er ihr vorzuschlagen hatte, sie interessierte.

Mr. Bojangles tapste mit einem Katzengähnen vorbei, auf dem Weg zu seinem Fressnapf, blieb jedoch stehen, um gestreichelt zu werden. Es hatte etwas von einem königlichen Dekret, wenn ein Kater seiner Größe danach verlangte, hinter den Ohren gekrault zu werden. Raine kraulte ihm das Kinn.

»Was hältst du vom Tisch? Vornehm genug für einen Topmanager?«

Die Katze gähnte erneut, und in seinen goldgrünen Augen schienen eindeutige Zweifel zu stehen. Raine rechtfertigte sich prompt: »Hey, ich hab immerhin zwanzig Mäuse für dieses Geschirr hingeblättert!«

Seine pelzige Miene drückte Skepsis darüber aus, ob es das überhaupt wert war. »Daisy liebt die Teller«, argumentierte Raine.

Er widersprach nicht, sondern setzte seinen Weg in die Küche fort, wo er sich geräuschvoll auf seinen Napf stürzte. Sein ausladendes Hinterteil war typisch für seine Rasse, aber sein enormer Appetit machte die Sache auch nicht gerade besser. Der Tierarzt, Jax Locke, hatte diplomatisch vorgeschlagen, doch vielleicht die Katzenleckereien ein wenig zu reduzieren.

Sie hatte ihm zugestimmt, doch Jangles, wie sie ihn bei sich nannte, verstand es, seinen Willen durchzusetzen. Von Kompromissen hielt er jedenfalls nichts.

Der Wind draußen sorgte für leichte Schneeverwehungen, und sie hatte per Knopfdruck ein Feuer im Kamin entfacht. Sie mochte die Atmosphäre und den Anblick der Flammen, aber als alleinstehende Frau wollte sie keine Holzscheite hereinschleppen müssen, deshalb hatte sie sich vor ein paar Jahren einen Gaseinsatz installieren lassen. Statt weihnachtlicher Musik legte sie sanfte klassische Rhythmen auf, und ohne das Toben des größten Hundewelpen der Welt – Samson – war es richtig ruhig und geradezu feierlich im Haus. Daisy nahm den riesigen Vierbeiner immer mit zur Ranch, denn er liebte es, mit den anderen Hunden herumzutoben. Der Garten hinter Raines Haus war für ihn nicht annähernd so aufregend wie das Rinderhüten mit Drake und den anderen Cowboys. Vielleicht würde es ihm genügen, in der Sonne zu liegen, wenn er älter war. Im Augenblick hetzte er jedenfalls für sein Leben gern wie wild durch die Gegend. Red, der Ranchhelfer, nannte den Hund einen langbeinigen Wirbelwind, und das traf es ganz gut.

Als Raine durch das große Vorderfenster draußen Scheinwerfer aufblitzen sah und daraufhin einen Blick zur Uhr mit den Märchenmotiven warf, die auf dem Kaminsims prangte, zeigte Cinderellas Glasschuh Punkt sechs an. Mick Branson war auf die Minute pünktlich.

Raine hingegen war chronisch unpünktlich. Möglicherweise bestand die einzige Gemeinsamkeit zwischen ihnen beiden darin, dass sie nachts um zwei keinen Schlaf fanden. Sie machte die Tür auf, ehe er klopfen konnte, und der Schnee wehte kapriziös in den winzigen Flur.

»Danke«, sagte Mick beim Eintreten. »Der Wind hat wirklich aufgefrischt. Ein wunderbares Weihnachtsfest, mit allen passenden Spezialeffekten.« Er betrachtete sie, während er seine Schuhe auf der Matte im Flur abstreifte. »Schön, Sie wiederzusehen.«

»Gleichfalls.« Sie schloss die Tür und spähte durch die Glasscheibe. »Es schneit ziemlich heftig, oder? Irgendwie märchenhaft.«

»Von hier drinnen aus betrachtet ist es sehr märchenhaft«, räumte er mit einem viel zu flüchtigen Lächeln ein. »Der Wein ist in dieser Tüte, wo soll ich meinen Mantel hinhängen?«

Sie erkannte den Beutel, denn sie selbst hatte den Aufdruck dafür entworfen. Das »M« für »Mountain Vineyards« wurde flankiert von Kiefern und einem Habicht, der auf einem der Äste saß. »Ich nehm Ihnen den ab, die Küche ist gleich da vorn. Es ist unmöglich, sich in diesem Haus zu verlaufen.«

»Es hat Charme.« Während er aus dem wollenen Mantel schlüpfte, schaute er sich um.

Raine war es nicht gewohnt, dass Männer in einer ganz gewöhnlichen Unterhaltung das Wort »Charme« benutzten. Aber er hatte breite Schultern, das machte die Sache wieder wett. Genau genommen fand sie alles an ihm attraktiv: das dunkle Haar, die faszinierenden dunklen Augen und sein aristokratisches Gesicht, dessen Züge auf Vorfahren aus der Alten Welt, vermutlich Portugal oder Spanien, schließen ließen. Raine interessierte sich sehr für Geschichte, deshalb brannte sie darauf, etwas über seine Herkunft zu erfahren. »Bin gleich wieder da. Auf der Arbeitsfläche finden Sie Korkenzieher und Gläser. Bedienen Sie sich.«

Er hatte sie beim Wort genommen, wie sie feststellte, nachdem sie seinen Mantel aufs Bett im Gästezimmer gelegt hatte – zu den Nachteilen ihres urigen kleinen Hauses gehörte das Fehlen einer vorzeigbaren Flurgarderobe –, und ihnen beiden ein Glas Wein eingeschenkt.

»Merlot«, erklärte er, während er die Flasche auf die Arbeitsfläche stellte. »Ich hab Kellys Rat beherzigt und die Weine gekauft, die ich gerne mag, statt Rücksicht darauf zu nehmen, ob sie zu Hamburgern passen.«

»Sie ist ziemlich gut in solchen Dingen.« Raine nahm das Glas von ihm entgegen und sah ihn an. »Ich hatte noch nie ein Business-Meeting an Heiligabend, aber Sie wahrscheinlich schon. Wie sieht der Plan aus? Mit einem Tisch in einem Konferenzraum kann ich nicht dienen, aber wir können uns ans Feuer setzen.«

»Ich bin nicht nur geschäftlich hier, damit Sie’s gleich wissen. Konferenztische sind überbewertet, und am Feuer sitzen klingt doch gut.«

»Ich dachte, geschäftliche Gründe hätten Sie hergeführt.«

»Na, kommen Sie, Raine, Sie wissen, dass es nicht nur darum geht. Natürlich möchte ich etwas mit Ihnen besprechen, aber ich wollte Sie auch wiedersehen.«

Nun, zumindest war er direkt. Das gefiel ihr, obwohl sein Geständnis sie überraschte. »Dann ab mit uns ans Feuer.«

Sie ging voran, und er folgte ihr, und wie das Glück es wollte, entschied Jangles sich zu einer Attacke, als sie am Weihnachtsbaum vorbeikamen, er wollte sein Territorium verteidigen. Vielleicht hätte sie Mick warnen sollen, aber sie war an die Streiche des riesigen Katers so gewöhnt, dass sie gar nicht daran gedacht hatte.

Ihr Gast erschreckte sich zwar, schaffte es jedoch, seinen Wein nicht zu verschütten, trotz der Krallen in seiner zweifellos teuren Hose. Raine entschuldigte sich, während der Kater sich losmachte und sich wieder in seinen Schlupfwinkel zurückzog. »Darf ich Ihnen übrigens meine Katze vorstellen: Mr. Bojangles. Er hat sein Revier rund um diesen Baum abgesteckt und wacht Tag und Nacht darüber. Tut mir leid, ich hätte Sie warnen sollen.«

»Das ist eine Katze? Ich hätte eher auf einen afrikanischen Löwen getippt.«

»Sie sollten erst mal den Hund sehen, den die Carsons mir geschenkt haben. Mace beging den Fehler, Daisy vorzuschlagen, ihn doch bei der Auswahl eines Welpen zu beraten. Sie und der Hund verliebten sich auf der Stelle ineinander. Jetzt ist es ihrer. Ich glaube, eines Tages wird man ihn satteln und draußen auf den Weiden reiten können. Ich hab einen Sack voller Hundefutter in meiner Speisekammer, der ist so groß, dass ich dafür eine Sackkarre brauche.« In dem Versuch, eine gute Gastgeberin zu sein, fragte sie: »Wollen wir uns setzen?«

Und den geschäftlichen Teil hinter uns bringen, damit wir uns anschließend entspannen können? Schließlich war Heiligabend.

Mick war nicht überrascht, wie sie wohnte. Raines Geschmack zeigte sich, nun ja, überall. Ihr Haus unterschied sich so sehr von dem vornehmen Zuhause seiner Kindheit, dass er sich ein Lächeln verkneifen musste. Es gab weder Kanapees noch polierte Tische, keine importierten Teppiche oder kostbare Ölgemälde …

Über dem Kamin hing ein Poster von Weinflaschen-Etiketten, und der Sims bestand aus einem handgefertigten Holzstamm. Ein Keramikfrosch saß auf dem Sims, daneben stand ein rostiger antiker Spielzeuglastwagen. Ihr Sofa war rubinrot und passte zum dunklen Holzfußboden. Ein Couchtisch mit nicht ganz geglücktem Dekor gab dem Ganzen einen künstlerischen Touch. Auf dem Bücherregal stand eine alte Lampe im Tiffany-Stil, mit Schmetterlingen und leuchtenden Blumen. Nichts von all dem passte zusammen, und doch fügte es sich auf eigenartige Weise zu einem Gesamtbild zusammen.

Jedenfalls gefiel es Mick besser als sein eigenes perfekt eingerichtetes Haus, für das er einen teuren Profi engagiert hatte. Raines Heim dagegen war urgemütlich und heimelig; seines wirkte vielmehr wie aus einer Zeitschrift für Wohnideen entsprungen, aber »heimelig« konnte man es wohl kaum finden.

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