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Nights of Passion: Hot Revenge - Lustvolle Rache

Früher war Belinda ein hässliches Entlein und wurde von ihren Mitschülern ausgegrenzt. Jahre später kehrt sie als sexy Schwan an den Ort ihrer Kindheit zurück. Sie hat nur noch ein Ziel: Rache. Jeden Typ, der sie damals ausgelacht hat, wird sie anmachen und dann genüsslich abblitzen lassen. Ein guter Plan … der sich leider nicht in die Tat umsetzen lässt. Denn schon ihr erstes "Opfer" ist so verführerisch, dass Belinda alles andere vergisst und sich in einem Strudel der Lust verliert …


  • Erscheinungstag: 01.05.2015
  • Seitenanzahl: 120
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956494291
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Julie Kenner

Hot Revenge – Lustvolle Rache

Aus dem Amerikanischen von Johannes Heitmann

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgaben:

Reckless

Copyright © 2000 by Julia Beck Kenner

erschienen bei: Harlequin Enterprises, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion:Maya Gause

Titelabbildung: Mills & Boon

ISBN eBook 978-3-95649-429-1

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Drei Männer, das bedeutete auch drei Verführungen auf dem Ehemaligentreffen.

Perfekt, dachte Rachel, die nun schon über 1500 Meilen gefahren war. Es muss einfach klappen.

Sie biss sich auf die Unterlippe und kämpfte mit den Tränen, als sie sich der Stadtgrenze von Braemer näherte. Der nachtschwarze Himmel war sternenklar. Rachel strich sich durch das dunkle Haar. Ihre helle Haut schimmerte im Licht der Straßenlaternen.

Entschlossen straffte sie die Schultern und rief sich in Erinnerung, dass sie jetzt eine attraktive erfolgreiche Frau war, die selbstbewusst auf das zurückblicken konnte, was sie in den vergangenen zehn Jahren erreicht hatte. Und genau diese Haltung brauchte sie für die nächsten Tage.

Sie würde es sich selbst beweisen und allen anderen auch.

Wenn sie erst zurück nach New York fuhr, würde sie es den drei Kumpeln gezeigt haben. Derek Booker, Jason Stilwell und Carl MacLean. Die drei hatten ihr die Zeit auf der Highschool zur Hölle gemacht.

Sicher würde niemand in der Stadt sie jetzt erkennen. Die dicke, schüchterne Belinda Rachel von damals gab es nicht mehr. Jetzt nannte sie sich nur noch Rachel, und sie sah gut aus. Hinreißend und aufregend.

Ich bin sexy, sagte sie sich. Und ich werde den drei Mistkerlen den Kopf verdrehen, bis sie mich rettungslos anhimmeln. Bis zum Ehemaligentreff würde sie auf Teufel komm raus mit ihnen flirten, um ihnen dann klarzumachen, dass sie für Rachel Dean einfach nicht gut genug waren.

Eine Träne lief ihr die Nase entlang, und Rachel wischte sie verärgert weg. Wieso reichte schon ein Blick auf ihre Heimatstadt aus, um ihre kühle selbstsichere Art, die sie sich in Manhattan zugelegt hatte, zum Wanken zu bringen? Sie weinte sonst nie.

Ein Blitz zuckte über den Himmel, und sofort fielen dicke Regentropfen auf das Autodach. Der Lärm war ohrenbetäubend, die Sicht minimal. Unwillig hielt Rachel am Straßenrand an, um den Regen abzuwarten.

Auf dem Beifahrersitz lag die Einladung zur Highschool-Party. Wenn ihr jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, sie werde einmal freiwillig wieder hierher kommen, dann hätte Rachel ihn für verrückt erklärt. Doch jetzt saß sie hier und erinnerte sich an alle Grausamkeiten, die ihr in der Schule widerfahren waren.

Das letzte Jahr war das schlimmste gewesen. Da hatte Carl angefangen, sie vor den Witzen und Spötteleien der anderen Kids in Schutz zu nehmen. Dann folgten seine beiden Freunde seinem Beispiel, und Rachel fing an zu glauben, die drei seien ihre Beschützer, ja vielleicht sogar ihre Freunde.

Beim Abschlussball hatte sie gemerkt, wie dumm sie gewesen war. Carl hatte sie eingeladen, und sie hatte wie eine Idiotin die Einladung angenommen. Zu diesem Anlass hatte sie all ihr Geld zusammengekratzt und sich ein passendes Kleid gekauft. Dann hatte sie sich das Haar sehr sorgfältig frisiert, und ihre Mom hatte ihr die Nägel manikürt.

Mit schweißnassen Händen hatte sie im Wohnzimmer darauf gewartet, von Carl abgeholt zu werden. Mit Romantik hatte sie gar nicht gerechnet, aber auf sein eisiges Schweigen war sie auch nicht vorbereitet gewesen. Im Festsaal hatte er sie gleich allein gelassen, um sich auf die Suche nach Punsch zu begeben. Der war anscheinend schwer zu finden, denn Carl kehrte nicht zurück. Als Rachel Jason Stilwell und Derek Booker erzählte, dass Carl sie zum Ball eingeladen habe, lachte Jason ihr nur offen ins Gesicht.

Der krönende Höhepunkt ihrer Demütigung war der Moment gewesen, als Jason auf die Bühne stieg und verkündete, dass der gesamte Jahrgang sie zu dem Mädchen gewählt hatte, das am wahrscheinlichsten für immer Jungfrau blieb. Damals hatte sie sich Zauberkräfte gewünscht, um sich rächen zu können.

Jetzt zuckten Blitze über den Himmel, und Rachel fuhr zusammen.

Sie war weggelaufen, ohne sich umzusehen. Eine Woche später war sie in New York angekommen, und in weniger als einem Jahr hatte sie mit dem Mädchen von früher nichts mehr gemein.

Doch so sehr sie es auch versucht hatte, sie war Braemer durch das Weglaufen nicht entkommen. Trotz Diät, Intelligenz, Charme, Make-up und Geld hatte sich im Grunde nichts wirklich geändert. Seit zehn Jahren hatte sie sich wegen ihrer Vergangenheit über keinen Erfolg richtig erfreuen können.

Damit sollte jetzt Schluss sein. Rachel wollte sich den Gespenstern der Vergangenheit stellen und ihr Leben genießen können.

Auf ewig Jungfrau? Sie würde die drei Kumpel dazu bringen, sie mehr zu begehren als jede andere. Es kam ihr so vor, als könnte sie sich dadurch etwas zurückholen, was die drei ihr gestohlen hatten.

Die Entscheidung, der Einladung zu folgen, war ihr nicht schwergefallen. Ihr war das Apartment in Manhattan gekündigt worden, und ein Buchvertrag, an dem sie einen Monat lang gefeilt hatte, war geplatzt. Doch das Schlimmste war, dass ihr derzeitiger Freund, mit dem sie oft essen und tanzen ging, sie hatte sitzen lassen.

Bis dahin war alles bestens zwischen ihnen gelaufen, und auf einmal verließ er sie. Er musste hinter ihre Fassade gesehen und das dicke verunsicherte Mädchen mit Brille, Zahnspange und ungepflegtem Haar entdeckt haben. Und dieses Mädchen hatte er wenig reizvoll gefunden.

Schluss damit! Sie schlug mit der Faust aufs Lenkrad. Sie hatte sich geändert. Ihr ganzes Auftreten war ein anderes, und sie bestimmte ihr Leben selbst.

Da es nun nicht mehr ganz so schlimm regnete, ließ sie den Motor wieder an und fuhr weiter. Hoffentlich gab es das Cotton Gin als Treffpunkt des Ortes noch.

Im Moment war Rachel allerdings nicht sehr danach, Charme zu versprühen. Und ohne Schirm oder Regenmantel würde sie wie eine nasse Ratte wirken. Vielleicht sollte sie sich lieber ein Zimmer in der Pension nehmen und das Cotton Gin für heute Abend vergessen. Bestimmt war Carl ohnehin nicht dort. Oder sollte sie sich die Suche nach Derek Booker machen?

Nein. Carl MacLean stand auf ihrer Liste ganz oben. Und wenn sie ihrem Plan folgen wollte, dann durfte sie nicht kneifen.

Ja, dachte sie. Zuerst Carl.

Im Moment sehnte sie sich allerdings erst mal danach, trocken zu bleiben. Für heute sollte ihren Rachefeldzug aufschieben und sich lieber mit einem guten Buch ins Bett legen.

Sie beugte sich vor und blickte angestrengt auf die Straße.

Und plötzlich sah sie den Hund.

Sie riss das Lenkrad herum und trat auf die Bremse, doch der Wagen geriet ins Rutschen und traf das Tier mit einem dumpfen Laut, bei dem Rachel ganz übel wurde. Tränen schossen ihr in die Augen. Das arme Tier!

Immer wieder trat sie auf die Bremse, aber das verdammte Auto blieb erst stehen, als es mit der Vorderachse im Graben landete.

Sofort sprang Rachel aus dem Wagen und lief auf die Straße. Es war ein schwarzer Hund, wahrscheinlich ein Labrador.

Hatte sie ihn getötet? Als wolle er sie beruhigen, öffnete der Hund die Augen und schlug mit dem Schwanz auf den Boden.

Sofort musste Rachel an Dexter denken, einen beigefarbenen Mischling, der ihr in ihrer Schulzeit zugelaufen war. Er war zwar hässlich, aber unglaublich lieb und treu gewesen.

Und dieser arme Kerl hier sah sie flehend aus seinen traurigen braunen Augen an. Rachel kniete sich neben ihn und erkannte das Blut an den Hinterläufen. Was hatte sie bloß getan!

Als sie ihm die Schnauze streichelte, leckte er ihr die Hand. Sachte fuhr sie ihm durch das Fell und suchte nach einem Halsband oder einem Namensschild. Vergeblich. Sie musste etwas unternehmen, aber was? Rachel stand auf, um in ihrem Koffer nach etwas zu suchen, worin sie das Tier einwickeln konnte. Aber sobald sie die Hand wegzog, fing der Hund zu winseln an.

„Schon gut, Kleiner. Ich muss nur etwas finden, worin ich dich einwickeln kann.“

Wieder winselte der Hund, und Rachel erkannte, dass sie ihn nicht allein lassen konnte. Eine Hand auf seinem Kopf, versuchte sie, mit dem freien Arm den Kofferraum zu erreichen, aber es ging nicht.

„Also gut, mein Bester. Dann machen wir es eben anders.“ Mit der linken Hand zog sie sich ihre teure und bereits klatschnasse Bluse von Versace aus. „Ich werde dir das hier umlegen und dich zum Auto tragen. Dann fahren wir in die Stadt und suchen einen Tierarzt.“

Ihre Bluse reichte für den großen Hund nicht aus, und dann wurde ihr auch noch klar, dass sie dieses große Tier nicht würde tragen können. Dabei hatte sie mittlerweile ein Vermögen in ihrem Fitness-Club gelassen.

„Mein Süßer, es tut mir so leid, aber ich kann dich nicht heben.“ Der Hund leckte ihr wieder die Hand und brachte sie damit fast zum Weinen. Eingehend musterte sie ihn. Wenn sie ihn bis zum Auto schob, verschlimmerte sie damit die Verletzungen vielleicht noch. Möglicherweise half es, wenn sie ihm einen Verband anlegte.

Doch womit sollte sie ihn verbinden? Hilflos sah sie an sich hinunter. Ihre Strumpfhose war auch vollkommen durchnässt.

Es war sicher nicht die beste Lösung, aber im Moment hatte Rachel keine andere Wahl.

Garrett lag auf dem Ledersofa seines Bruders und wartete darauf, dass Carl endlich aufhörte zu telefonieren. Es herrschte immer noch eine unerträgliche Hitze.

Mit der Hitze hätte er rechnen müssen. Das passte zu diesem Tag. Seit er hier in Texas angekommen war, wurde es immer schlimmer. Erst war er im Flugzeug wegen Turbulenzen durchgeschüttelt worden, und als er endlich in Braemer eintraf, war er überredet worden, für seinen Vater einzuspringen, der hier in der Stadt als Tierarzt arbeitete. Garrett hatte sofort zu einer Ranch fahren müssen, wo er einer Stute half, ihr Fohlen zu bekommen. Das war zwar aufregend gewesen, aber jetzt war er todmüde, und seine Schultern waren völlig verspannt.

Garrett sah zu seinem jüngeren Bruder. Carl wurde bald dreißig, und Garrett hatte diese Grenze gerade überschritten. Je älter sie beide wurden, desto ähnlicher sahen sie sich. Garrett war zwar ein paar Zentimeter größer, aber sie beide waren schlank und dunkelhaarig. Genau wie er besaß Carl diese Strähne, die ihm immer wieder in die Stirn fiel und ihm etwas Verwegenes verlieh.

Eigentlich waren sie nur Halbbrüder, aber das spielte für Garrett keine Rolle. Er betrachtete Carl als seinen Bruder, und wenn er ihn anblickte, erkannte er in ihm sich selbst und auch seinen Vater wieder.

Nichts, was Garrett bisher in seinem Leben getan hatte, schien das Wohlwollen seines Vaters zu finden. Sogar auf seine Berufswahl hatte sein Vater mehr mürrisch als erfreut reagiert. Und ganz bestimmt hatte er seinen ältesten Sohn nicht nach Braemer geholt, um ihn zum Partner in seiner Tierarztpraxis zu machen.

Er strich sich über die Stirn und massierte sich die Schläfen, um sich aus der düsteren Stimmung zu reißen. Carl legte auf und sah seinen Bruder lächelnd an.

Garrett erwiderte den Blick. „Ich kann mich nicht erinnern, dass du mich jemals angelogen hast, kleiner Bruder.“

Mit einem Bleistift tippte Carl gegen das Tintenfass. „Ich verstehe gut, dass du verärgert bist, aber …“

„Verärgert, sagst du? Ich bin außer mir vor Wut.“

Hilflos hob Carl die Schultern. „Ich überbringe ja nur die Nachrichten.“

„Spiel nicht den Unschuldsengel.“

Carl wandte den Blick ab, und Garrett konnte an seiner Miene ablesen, dass er überlegte, wie er von seinem Bruder das bekam, was er wollte. Garrett hatte seinen kleinen Bruder schon immer verwöhnt, und er war auch jetzt noch bereit, ihm jederzeit einen Gefallen zu tun. Andererseits bekam er allmählich den Eindruck, dass Carl ihn unter falschen Voraussetzungen nach Texas geholt hatte. „Vielleicht verrätst du mir, wie es kommt, dass ich für Dad einspringen muss, kaum dass ich wieder in der Stadt bin.“

Nach langer Pause sah Carl ihn wieder an. „Der alte Herr braucht dich und möchte deine Hilfe.“

Garrett wusste genau, dass sein Vater nicht das Geringste von ihm wollte. Garrett entstammte der ersten Ehe seines Vaters. Carl MacLean Senior hatte Garretts Mutter geheiratet, weil sie von ihm schwanger war, und gleich nach der Geburt des Babys hatte sie die Stadt verlassen.

„Du verheimlichst mir doch etwas. Wieso?“

„Weshalb sollte ich lügen?“

Das wusste Garrett selbst nicht. Er stand auf und ging in Carls Büro umher. Vor dem Diplom an der Wand blieb er stehen und erinnerte sich daran, wie stolz er auf Carl gewesen war, als der sein Jura-Studium erfolgreich beendete. „Wieso will er ausgerechnet jetzt meine Hilfe?“

„Garrett, ich …“

„Denkt er, ich vergesse alles, nur weil er mit dem Finger schnippt? Tanzt du denn auch immer nach seiner Pfeife? Ich habe doch mein eigenes Leben in Kalifornien.“

„Du hast mir unzählige Male gesagt, wie sehr du Texas vermisst.“

Garrett wollte sich nicht der Logik beugen. „Na und? Vielleicht habe ich trotzdem keine Lust, Dad zu helfen.“ Ihm gefiel das alles nicht. „Und du hast gelogen, um mich hierher zu holen.“

„Beruhige dich doch.“

„Ich bin die Ruhe selbst.“

Carl setzte die Brille ab. „Also schön, ich habe gelogen. Dann verklag mich. Aber er kann mit seinem ausgerenkten Rücken die Praxis nicht weiterführen, und mir war klar, dass du seinetwegen nicht kommen würdest. Deshalb habe ich so getan, als brauchte ich deine Hilfe.“

Garrett atmete tief durch. „Du weißt genau, dass ich dir nie einen Gefallen abschlagen würde.“ Wäre er auch so schnell gekommen, wenn sein Dad ihn selbst um Hilfe gebeten hätte?

Dann wäre er sofort herbeigeeilt. Schon seit seiner Kindheit wünschte er sich, dass sein Dad in irgendeiner Form zeigte, dass er ihm etwas bedeutete. Und jetzt lag er mit verletztem Rücken da, und es kam ihm überhaupt nicht in den Sinn, sich an seinen ältesten Sohn zu wenden, der ihn doch wunderbar in der Praxis vertreten konnte.

„Es geht mir ja nicht nur um Dad“, sagte Carl. „Es geht mir auch um die Tiere.“

„Komm mir nicht auf die Tour.“

„Ich weiß doch, dass du ein weiches Herz hast.“

Garrett musste an die Stute denken, der er vorhin geholfen hatte, ihr Fohlen zu bekommen. Sein Dad wäre dazu nicht in der Lage gewesen, weil er im Bett lag und unter dem Einfluss von Schmerzmitteln stand. Und im Gegensatz zu Garrett, der in seiner gut laufenden Praxis acht Mitarbeiter hatte, war Dr. Carl MacLean Senior auf sich allein gestellt.

Als das Telefon klingelte, hob Carl den Hörer ab. „Hier Carl MacLean. Hallo, Liz … Ich weiß noch nicht genau. Vielleicht gehe ich zu diesem Treffen gar nicht hin. Nein, ich habe nur viel zu tun … Ja, ich rufe an, wenn ich es mir anders überlege. Bye.“

„Du gehst nicht zum Jahrgangstreffen?“, fragte Garrett sofort, nachdem Carl aufgelegt hatte. „Wieso nicht? Du hast doch all diese Preise gewonnen und Stipendien bekommen. Du solltest auf jeden Fall hingehen.“

„Habe ich jetzt dich auch noch zum Vater?“ Carl wich Garretts Blick aus. „Ich habe wirklich viel zu tun.“

Carl war bei seinen Mitschülern sehr beliebt gewesen. Wieso sollte jemand, der von allen gemocht wurde und jetzt ein erfolgreicher Anwalt war, nicht am Ehemaligentreffen teilnehmen wollen? „Sag mir doch, wieso du nicht dorthin willst.“

Carl rieb sich das Gesicht. „Später vielleicht, ja? Ich habe etwas sehr Dummes getan, und das Mädchen hat die Stadt verlassen, bevor ich mich dafür entschuldigen konnte. Diese Sache bereue ich jetzt seit zehn Jahren.“

„Um wen geht es denn?“

Carl seufzte. „Um Belinda Rachel Dean.“

Der Name sagte Garrett nichts. „Kenne ich sie?“

„Sie war in meinem Jahrgang. Kein sehr attraktives Mädchen. Wir haben ihr ziemlich zugesetzt.“ Er blickte auf. „Einmal musst du sie getroffen haben. Dad hat ihren Hund zusammengeflickt, bevor du weggezogen bist.“

Garrett nickte. Er glaubte sich erinnern zu können. „Ein schüchternes pummeliges Mädchen, das niemandem in die Augen sehen konnte?“

„Genau die.“

„Ich habe sie zum Lachen gebracht.“

„Dann warst du sicher der Erste in der ganzen Stadt. Sie hat sich die gesamte Schulzeit über abgekapselt. Nur mit Paris Sommers war sie befreundet, jedenfalls bis zu dem Jahr, in dem Paris und ihr Dad wegzogen.“

„Was hast du ihr denn angetan?“

„Eigentlich wollte ich ihr Freund sein, weil sie einen brauchte. Aber Jason und Derek hatten andere Pläne, und ich habe mich überreden lassen, dabei mitzumachen.“ Er hob die Schultern. „Ich will wirklich nicht darüber reden, okay?“

Garrett nickte und ballte die Fäuste. Er musste sich beherrschen, um seinen kleinen Bruder nicht weiter zu bedrängen. Wenn Carl sich mit Kerlen wie Jason und Derek herumgetrieben hatte, dann hätte Garrett tatsächlich länger in Braemer bleiben sollen.

„Möchtest du bei mir wohnen?“, fragte Carl.

„Nein, ich habe mir ein Zimmer genommen. Trotzdem danke.“ Er verließ das Büro, drehte sich an der Tür aber noch einmal um und deutete warnend auf seinen Bruder. „Wir sind aber noch nicht fertig, Carl. Du hast mich hergelockt, und ich will noch diese Geschichte mit Jason und Derek hören. Für morgen Abend kannst du gleich Bier einkaufen, dann wirst du deinem klugen älteren Bruder alles beichten. Abgemacht?“

Carl musste lächeln. „Na klar.“

Garrett ging durch den dunklen Empfangsbereich und trat hinaus auf die Veranda des alten Hauses.

Unter seinen Stiefeln knirschte Kies, als er zum Pick-up seines Vaters lief, den Carl für ihn ausgeliehen hatte. Leise fluchte er über den Regen, der anscheinend niemals aufhören wollte. In Gedanken war er immer noch bei Carls Schandtat. Morgen werde ich ja alles erfahren, dachte er. Wahrscheinlich nur ein dummer Streich, an den sich niemand außer Carl erinnert.

Vom Wagen aus wählte er die Nummer seines Vaters, und seine Stiefmutter meldete sich.

„Hier ist Garrett“, erklärte er.

„Carl hat gesagt, dass du in der Stadt bist.“

„Hallo, Jennie“, fügte er als normale Begrüßung hinzu. „Wie ich höre, liegt Dad flach. Ich komme gleich bei euch vorbei.“

„Natürlich würde ich dich gern sehen, aber so spät solltest du bei diesem schlechten Wetter nicht extra hierher fahren. Dein Dad ist nicht zu Hause.“

Einen Moment verschlug es Garrett die Sprache. „Ich dachte, er habe sich den Rücken verrenkt.“

„Er ist im Krankenhaus in Temple. Dort sollen morgen ein paar Tests gemacht werden. Heute früh habe ich ihn hingefahren.“

Sie verabschiedeten sich, und Garrett legte auf. Eigentlich war er ganz froh darüber, noch einen oder zwei Tage Zeit zu haben, bis er seinen Vater traf und der ihm eine gute Rückreise nach Kalifornien wünschte. In jedem Fall rechnete er mit einer klaren Zurückweisung.

Stöhnend schlug er auf das Lenkrad und verdrängte die Gedanken an seinen Vater. Konzentriere dich bei dem Regen lieber auf die Straße, dachte er. Hoffentlich gibt es in der Pension von Mrs Kelley genug heißes Wasser. Eine eiskalte Dusche ist jetzt das Letzte, worauf ich Lust habe.

In diesem Moment sah er die Frau auf der Straße, und schlagartig gab es für ihn doch einen Grund für eine kalte Dusche.

Die Frau trug keine Bluse, und das dünne Unterhemd war durchnässt und klebte an ihren Brüsten. Allein schon dieser Anblick hätte Garrett zum Anhalten gebracht. Dass sie mitten auf der Straße stand und mit beiden Armen winkte, war da eher nebensächlich.

Er drehte das Fenster herunter und hielt neben ihr an. Zum Glück ließ der Regen gerade etwas nach. „Brauchen Sie Hilfe?“

„Überhaupt nicht.“ Sie sah ihn wie einen Idioten an. „Bei Regen stehe ich immer in Unterwäsche an der Straße. Das ist so belebend.“

Garrett musste lächeln. Es war wirklich eine dumme Frage gewesen, und eine Frau mit Widerspruchsgeist reizte ihn. In letzter Zeit war er nur mit netten Frauen ausgegangen, die alle Schauspielerinnen werden wollten und niemals offen ihre Meinung sagten. Diese Frau hier brachte etwas Licht in diesen ansonsten so düsteren Tag.

„Wollen Sie die ganze Zeit dasitzen und mich in meinen nassen Sachen anstarren, oder steigen Sie auch irgendwann aus? Hilfe anbieten und Hilfe leisten sind für Sie wohl zwei Paar Schuhe?“ Vielsagend blickte die Frau sich über die Schulter um, und Garrett entdeckte den Labrador, der wie zur Antwort mit dem Schwanz auf die Straße schlug.

„Schon gut.“ Er schaltete den Motor aus und stieg aus dem Wagen. Seine schlechte Laune war verflogen, und jetzt kniete er neben dem Hund auf die Straße und untersuchte dessen Verletzungen. „Ganz ruhig, mein Freund.“ Er schob den behelfsmäßigen Verband zur Seite. Ohne ein Röntgenbild konnte er zwar nichts Genaues sagen, aber abgesehen von einem gezerrten Vorderlauf und ein paar schlimmen Abschürfungen sah der Hund gesund aus.

Mit einer Hand kraulte er das Tier hinter dem Ohr und sah zu der Schönheit mit der scharfen Zunge hoch. Sie wischte sich die Tropfen aus dem Gesicht und erwiderte seinen Blick stirnrunzelnd, als habe sie ihn schon einmal irgendwo gesehen, könne sich aber nicht an seinen Namen erinnern.

„Was ist denn geschehen?“, fragte er nach.

„Spielt das denn eine Rolle? Er muss zu einem Tierarzt, und zwar bald.“

„Stets zu Diensten. Wir können ihn in meine Praxis fahren.“ Er hob den Hund hoch und achtete darauf, dem Tier keine unnötigen Schmerzen zuzufügen. Was hatte er da gerade gesagt? Zu seiner Praxis? Ein Glück, dass sein Vater das nicht gehört hatte.

„Sie sind Tierarzt?“

Den schweren Hund auf den Armen, richtete er sich auf. „Nein, aber unter diesen Umständen fand ich, es sei ein guter Spruch, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.“

„Tut mir leid, das war eine dumme Frage.“

Ein Punkt für mich, dachte Garrett. Er räusperte sich und deutete mit einem Kopfnicken auf die Klappe der Ladefläche des Pick-ups.

„Oh.“ Hastig öffnete Rachel die Klappe. „Glauben Sie, er wird wieder gesund?“

Garrett legte das Tier ab und deckte es vorsichtig mit einer Plane zu. „Er hat nicht viel Blut verloren und scheint auch nicht unter Schock zu stehen. Ich sehe mir sein Bein an, säubere und nähe die Wunde, dann wird er schon bald wieder Katzen die Bäume hochjagen.“

„Ich möchte mit dabei sein.“

„Von mir aus gern.“ Er sah zu ihrem Wagen, der immer noch mit eingeschalteten Scheinwerfern am Straßenrand stand. „Folgen Sie mir in die Stadt.“

„Er steckt fest.“

„Dann fahren Sie mit mir. Ich werde einen Abschleppwagen anrufen.“ Erst jetzt bemerkte er die Brems- und Rutschspuren. „Sie haben die Kontrolle über den Wagen verloren und den Hund angefahren?“

Beschämt nickte sie und senkte den Blick.

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