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Nordseeglitzern und Küstenträume

Als Buch hier erhältlich:

Schafe, Schlick und Zukunftsträume – ein Sommer in Ostfriesland

Als Ninas Leben von einem auf den anderen Tag kopfsteht, beschließt sie, sich eine Auszeit zu nehmen und ihre Tante in Ostfriesland zu besuchen. Hier hat sie früher viele glückliche Sommer verbracht. Um sich abzulenken, stürzt sie sich in die dringend nötigen Renovierungsarbeiten an dem alten Haus ihrer Großeltern, in dem Tante Trudi noch immer wohnt. Und dann trifft sie zufällig auf Tjark, ihre Jugendliebe, der mittlerweile Besitzer eines Reiterhofs am Meer ist. Schon nach kurzer Zeit sind die Gefühle von damals wieder da. Doch Nina ist ein Stadtmensch, sie hat hier auf dem Land nichts verloren, da ist sie ganz sicher. Erst als sie im Haus das Tagebuch ihrer Mutter findet und zögerlich zu lesen beginnt, kommen ihr Zweifel, ob es wirklich richtig ist, an ihrem Lebensplan festzuhalten, oder ob sie einfach mal die Zügel aus der Hand geben sollte.


  • Erscheinungstag: 21.03.2023
  • Aus der Serie: Nordseeromane
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749905249
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kapitel 1

»Ich verstehe ja, dass du aufgeregt bist, aber du wirst es kaum vor ihm verheimlichen können.«

»Das habe ich auch nicht vor.« Ich wechselte das Handy vom linken ans rechte Ohr. »Aber Christian war so stolz, als ich den Job bekommen habe. Jetzt fühle ich mich wie eine Versagerin.«

»Sag doch nicht so was, Nina. Ich kann sowieso nicht nachvollziehen, warum du für so ein Bonzenunternehmen gearbeitet hast. Dafür bist du gar nicht der Typ.«

»Darf ich dich daran erinnern, dass du selbst für eines dieser Bonzenunternehmen, wie du es nennst, tätig bist?«, erwiderte ich.

Meine Freundin Anne lachte auf. »Schon, aber zu mir passt das auch. Wann trefft ihr euch?«

»Bin gerade auf dem Weg ins Montparnasse.« Ich sah auf die Uhr. Ich war spät dran, aber wahrscheinlich würde ich ohnehin wieder auf Christian warten müssen. Überstunden standen bei ihm auf der Tagesordnung. Nicht von der Art, die mich eine Affäre vermuten ließ – ich war mir ziemlich sicher, dass er mich nie betrogen hatte –, aber von der Sorte, die unser Privatleben immer mehr in den Hintergrund drängte.

Anne pfiff durch die Zähne. »Auf neutralem Boden also. Du musst ja ganz schönes Muffensausen haben. Willst du es ihm nicht lieber schonend beibringen? Bei euch zu Hause?«

»Was sollte das ändern? Im Restaurant habe ich wenigstens seine ganze Aufmerksamkeit, ohne dass er die ganze Zeit mit den Gedanken bei der Arbeit ist und auf sein Handy starrt.« Ich hastete über eine Fußgängerampel, die eben auf Rot gesprungen war. Ein Auto musste bremsen und hupte. Ich hob entschuldigend die Hand und eilte weiter.

»Ganz wie du meinst. Ruf mich nachher an, wenn du mit ihm gesprochen hast, ja?«

»Auf jeden Fall.«

Anne schmatzte einen Kuss durch die Leitung und legte auf.

Ich erreichte das Montparnasse und trat ein. Das kleine gemütliche, aber gehobene Restaurant war wie üblich gut besucht. Unser Stammkellner Georg erblickte mich, eilte herbei und begleitete mich zu einem freien Tisch. Christian war noch nicht da.

Wir trafen uns jeden Dienstagabend in diesem Restaurant, um unserem Privatleben, das berufsbedingt meist zu kurz kam, auf die Sprünge zu helfen. Dabei gab es die Abmachung, dass Handys und andere Ablenkungen an diesen Abenden strikt verboten waren. Die wenigen Stunden im Montparnasse sollten nur uns gehören.

Ich bestellte ein Glas Weißwein. Normalerweise trank ich vor dem Abendessen keinen Alkohol, aber heute brauchte ich etwas, um meine Nerven zu beruhigen. Ich hatte den Tag über kaum gegessen, aber selbst die Gerüche der Speisen, die den Gästen an den umstehenden Tischen serviert wurden, ließen kein Hungergefühl bei mir aufkommen.

Mein Glas war schon halb leer, als Christian das Restaurant betrat. Er trug einen grauen Anzug und ein schwarzes Hemd ohne Krawatte. Georg wechselte ein paar Worte mit ihm und wies in meine Richtung.

Raschen Schrittes kam Christian auf mich zu und begrüßte mich mit einem zärtlichen Kuss. »Entschuldige, dass du warten musstest, Nina. Im Meeting ging heute die Post ab. Die ganze Abteilung stand Kopf.«

Ich nahm einen Hauch seines Aftershaves wahr, als er sich zu mir beugte. Aus unerfindlichen Gründen schaffte er es, den ganzen Tag hindurch frisch zu wirken, egal, wie viele Stunden er im Büro verbracht hatte.

Ich winkte ab. »Halb so wild, jetzt bist du ja da.«

»Wir arbeiten beide zu viel. Ich bekomme dich kaum noch zu Gesicht.« Er griff nach meiner Hand, mit der ich das Weinglas umklammert hielt, und streichelte meinen Handrücken. »Du bist ja ganz kalt.«

Kein Wunder, mein Kreislauf lief vor Anspannung auf Sparflamme, und meine Gliedmaßen wurden nur noch notdürftig durchblutet.

»Was die Sache mit der fehlenden Zeit angeht, habe ich eine gute Nachricht für dich.«

Ich hob den Blick und sah ihm in die Augen, holte tief Luft und setzte zu einer Erklärung an, aber bevor ich die Bombe platzen lassen konnte, kam Georg herbei und reichte uns die Speisekarten.

»Darf ich Ihnen auch ein Glas Weißwein bringen, Herr Berger?«

Erst jetzt schien Christian zu bemerken, dass ich bereits ein Glas Wein bestellt hatte. »Ja, bitte«, sagte er irritiert und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, als der Kellner verschwunden war. »Wein vor dem Essen? Haben wir einen Grund zum Feiern?«

Ich schüttelte den Kopf. »Im Gegenteil. Ich wurde heute entlassen.« Jetzt war es raus. Die Erklärung, die ich mir zuvor in meinem Kopf zurechtgelegt hatte, war durch Georgs Unterbrechung futsch, und die Worte waren einfach aus mir herausgesprudelt.

»Entlassen?«

Keine Frage, ich schaffte es besser als jeder schwierige Kunde seiner Firma, ihn aus dem Konzept zu bringen. Nina Steinbeck war eben immer für eine Überraschung gut.

»Warum? Ich meine, wie ist das passiert?«, fragte er. »Du bist doch erst seit ein paar Wochen dort.«

Ich hob die Schultern. »Herr Hoffmeyer möchte lieber seine angehende Schwiegertochter auf meinem Posten sehen.«

»Ist irgendwas vorgefallen? Hast du dir was zuschulden kommen lassen?«

»Nein, natürlich nicht! Wie kommst du darauf?«

»Ich kann einfach nicht glauben, dass sie dich rausgeschmissen haben, obwohl deine Leistungen gut waren. Irgendwas muss doch passiert sein.«

»Du machst mir die Sache nicht gerade leicht«, sagte ich. »Stell dir vor, ich bin mit dieser Entwicklung auch nicht glücklich.«

»Entschuldige, ich bin nur einfach baff, das ist alles. Ich wollte dich nicht persönlich dafür verantwortlich machen.« Erneut griff er nach meiner Hand, die er im ersten Moment der Überraschung losgelassen hatte.

Ich genoss seine Berührung für einen Moment und fühlte, wie die Wärme in meine Arme zurückkehrte, nun, da ich die alles andere als frohe Kunde losgeworden war. Zugleich regte sich das schlechte Gewissen in mir, denn an meiner Entlassung war ich tatsächlich nicht völlig unschuldig.

Der Job als Projektmanagerin bei der Hoffmeyer GmbH war mir wie der berühmte Sechser im Lotto erschienen – mit dem Unterschied, dass meine Einstellung nichts mit Spielerglück zu tun hatte, sondern das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit und unzähliger Überstunden war. Letztlich zahlte sich dieser Einsatz aber nicht aus. Mein Chef Richard Hoffmeyer drehte sich die Dinge gern so, wie sie für ihn am besten passten. Und in diesem Fall hatte das bedeutet, dass er meine Ideen und Entwürfe meiner Kollegin Janina zugeschrieben hatte, mit der sein Sohn vor Kurzem angebandelt hatte. Als ich ihn auf diese Fehleinschätzung und ungerechte Behandlung hinwies, stellte sich heraus, dass er nicht sehr gut mit Kritik umgehen konnte. Kurzerhand hatte er mich vor die Tür und Janina auf meinen Posten gesetzt. Welch ein Glück für ihn, dass ich noch in der Probezeit gewesen war.

Sicherlich war es besser so, denn warum hätte ich für einen derart befangenen Kerl weiterarbeiten sollen? Auf Dauer wäre das sicher nicht gut gegangen. Beim Gedanken an die Kaffeemaschine im Büro wurde ich allerdings ein wenig sehnsüchtig, denn sie konnte alles hervorzaubern, was eine Kaffee- oder Kakaobohne zu bieten hatte. Damit gab es also doch einen Minuspunkt. Okay, das großzügige und übertarifliche Gehalt würde mir natürlich auch fehlen, ganz zu schweigen vom geräumigen Büro mit Blick auf die Elbe.

Mit einem Mal wurde mir die Tragweite meines Handelns bewusst. Verdammt, was hatte ich mir nur dabei gedacht? Was nützte es mir, wenn ich im Recht, dafür aber meinen Job los war? Überall auf der Welt gab es dämliche Chefs und inkompetente Kollegen. Damit musste man leben. Warum konnte ich nicht einfach meine Klappe halten?

»Hast du einen Plan B?«, holte mich Christians Stimme in die Gegenwart zurück. »Du hattest doch auch ein Angebot von der Clemens-Gruppe.«

»Die Stelle wurde schon besetzt.« Gleich nach meiner Entlassung hatte ich mich an die Personalabteilung der Firma gewandt, aber wie mir die Personalmanagerin mitteilte, hatte man inzwischen einen überaus geeigneten Kandidaten eingestellt.

Georg brachte Christians Weißwein und fragte, ob wir uns schon für ein Gericht entschieden hätten. Angesichts der Situation hatte natürlich noch keiner von uns einen Blick in die Speisekarte geworfen, also baten wir um noch etwas Zeit, woraufhin er sich wieder zurückzog.

»Also kein Plan B.« Christian schlug die Karte auf, sah aber nicht hinein, sondern ließ den Blick auf mir ruhen. »Plan C?«

»Plan B hat sich gar nicht mal schlecht angehört.« Dieses Mal griff ich über den Tisch und streichelte seine Fingerspitzen. »Wir haben doch schon so oft über unsere Zukunft gesprochen und davon, wie wir uns unser gemeinsames Leben vorstellen. Was hältst du davon, wenn wir den nächsten Schritt wagen?«

»Den nächsten Schritt?« Ich spürte, wie sich seine Hand unter meiner Berührung verkrampfte. »Du meinst, heiraten?«

»Nein … keine Ahnung, das vielleicht auch. Ich spreche von einem Baby. Plan B eben.«

Wie erstarrt sah Christian mich an. Kein Muskel in seinem Gesicht rührte sich. »Ein Baby«, sagte er tonlos.

»Ja, das sind diese kleinen rosafarbenen Wesen ohne Haare und Zähne.«

»Meinst du denn, dass wir dafür schon bereit sind?«

»Wir sind seit fast vier Jahren zusammen. Unsere Wohnung ist groß genug, das Eckzimmer neben der Küche nutzen wir ohnehin nur als Gästezimmer, obwohl wir nie Besuch haben, der über Nacht bleibt.«

»Aber wir haben doch noch so viel vor!«

»Das klingt ja so, als wäre unser Leben augenblicklich vorbei, sobald wir Nachwuchs haben. Du hast doch immer gesagt, dass du dir Kinder wünschst.«

»Schon. Irgendwann …«

Wie konnte jemand, der in beruflichen Dingen stets den Durchblick hatte und genau wusste, was er wollte, in emotionaler Hinsicht das Feingefühl eines Presslufthammers besitzen und dabei so unschlüssig sein?

»Ich bin Ende dreißig«, fuhr ich fort. »Wann willst du dich denn mal mit diesem Thema auseinandersetzen?« Ich ließ seine Hand los und lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Wut stieg in mir auf.

Christian mochte diesem Thema keine besondere Dringlichkeit beimessen, obwohl er die vierzig bereits überschritten hatte, aber seine biologische Uhr tickte ja auch nicht von Tag zu Tag lauter. Was das anging, waren Männer eindeutig im Vorteil. Bei mir sah das anders aus. In siebeneinhalb Monaten wurde ich achtunddreißig, und meine biologische Uhr tickte nicht nur, sie glich einem dieser übertrieben überzeichneten Cartoonwecker, die einem mit voller Wucht einen Knüppel über den Schädel zogen.

»Weißt du, eigentlich möchte ich auch Kinder haben, aber ich finde es einfach nicht passend, wenn deine Entlassung der Anlass dafür ist. Wie soll das überhaupt finanziell funktionieren? Willst du bis dahin arbeitslos bleiben?«

»Nein, natürlich nicht. Aber ich müsste nicht mehr so verbissen nach einem Job in einer Führungsposition suchen, sondern könnte mich nach einer durchschnittlichen Anstellung umsehen und dann nach der Elternzeit neu durchstarten.«

»Was hältst du davon, wenn du dich erst mal auf Jobsuche begibst und wir das Thema in ein oder zwei Jahren erneut aufgreifen?«

»Dann bin ich fast vierzig«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Viele Frauen bekommen in dem Alter ihr erstes Kind.«

»Und viele Frauen bleiben kinderlos, weil ihre Männer kalte Füße bekommen.«

»Nina, ich liebe dich doch«, versicherte er mir mit diesem samtigen Unterton, bei dem ich jedes Mal eine Gänsehaut bekam. Er lächelte und neigte den Kopf ein wenig zur Seite. Obwohl ich mich mit aller Kraft dagegen wehrte, spürte ich, wie meine Wut abebbte. »Lass uns einen Kompromiss schließen: Zum Zeichen, dass ich der Sache nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstehe, vereinbaren wir einen Termin in einem Kinderwunschzentrum und lassen uns beraten.«

»Wie, beraten?« Ich hatte nicht den geringsten Schimmer, worauf er hinauswollte.

»Hinsichtlich der Möglichkeiten, deine Eizellen einfrieren zu lassen.«

»Bitte, was?« Ich musste mich verhört haben, diesen Unsinn konnte er unmöglich von sich gegeben haben.

»So kannst du deine Karriere im Auge behalten, und trotzdem ist das Nachwuchsthema nicht vom Tisch«, fuhr er fort.

Natürlich, wie hatte ich auch nur ein einziges Mal unser Privatleben in den Vordergrund stellen können?

Die Karriere war immer die große Gemeinsamkeit zwischen uns gewesen, der Ehrgeiz unsere stärkste Verbindung. Christian stammte aus einer erfolgreichen Unternehmerfamilie und stand immer in Konkurrenz zu seinem älteren Bruder, der die Firma des Vaters eines Tages übernehmen würde. Ich hatte mich aus einfacheren Verhältnissen hochgearbeitet, nur um nun festzustellen, dass es für mich wichtigere Dinge als den Karriere-Olymp gab. Aber was bedeutete diese Entwicklung für unsere Beziehung?

Christian griff in seine Jacketttasche und zog sein Handy heraus, dessen Display einen eingehenden Anruf anzeigte. »Entschuldige, das ist die Firma, ich muss kurz rangehen.« Er stand auf und zog sich in eine Ecke bei der Garderobe zurück.

Wie betäubt saß ich da. Es schien mir, als sei mit diesem Anruf beziehungsweise der Tatsache, dass er ihn hier im Restaurant angenommen und damit gegen unseren eisernen Grundsatz verstoßen hatte, der letzte Schutzwall gefallen, der unser Privatleben vor dem Job schützte.

Nach drei Minuten kam er zurück, setzte sich jedoch nicht wieder. »Das war Marco. Sei mir nicht böse, aber ich muss noch mal ins Büro.«

»Um diese Zeit?«

»Ja, leider. Ein Kunde aus Übersee hat einen Großauftrag für uns. Bei denen ist es jetzt Nachmittag. Marco hat die Mail eben abgerufen, und wir müssen uns ranhalten, damit der Auftrag nicht an die Konkurrenz geht.« Er gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und war einen Moment später verschwunden.

Da saß ich nun vor zwei halb leeren Weingläsern und wusste nicht, was ich tun sollte. Appetit hatte ich auch keinen, also leerte ich mein Glas, zahlte und machte mich auf den Heimweg.

Normalerweise hätte ich ein Taxi oder die U-Bahn genommen, aber es war ein milder Maiabend in Hamburg, und ich brauchte dringend frische Luft, um einen klaren Kopf zu bekommen. Also entschied ich mich, zu Fuß zu gehen. Auf meinem Weg kamen mir ungewöhnlich viele Händchen haltende Pärchen entgegen, fast so, als wollte das Schicksal mich noch einmal nachdrücklich auf die verfahrene Situation in meiner Beziehung hinweisen.

Hinsichtlich der Möglichkeit, deine Eizellen einfrieren zu lassen, hallte Christians Stimme in meinem Kopf nach. Ich zog meine Jacke enger um den Oberkörper, doch auch das konnte das Frösteln nicht stoppen, das mich in diesem Moment überfiel. War er schon immer so gefühllos gewesen? Mit einem Mal glaubte ich, ihn gar nicht richtig zu kennen. Seine Worte hatten etwas in mir zerbrochen. Etwas, das bisher immer unumstößlich für mich gewesen war. Christian und ich, das perfekte Paar. Ein perfektes Leben in einer perfekten Wohnung, Kinder waren nur noch eine Frage der Zeit – zumindest für Außenstehende. Und nun diese Aussage. Für mich hörte es sich so an, als zweifelte er an unserer gemeinsamen Zukunft.

Und was mich noch mehr quälte: Nun zweifelte ich auch.

Kapitel 2

Wir wohnten im zweiten Stock einer dreigeschossigen weißen Villa an der Elbchaussee. Die Miete lag selbst für Hamburger Verhältnisse im oberen Preissegment. Obwohl wir seit über einem Jahr hier lebten, stellte sich noch immer kein heimisches Gefühl ein, wenn ich abends nach Hause kam. Vielleicht lag es einfach daran, dass ich zuvor stets allein gelebt hatte.

Manchmal dachte ich mit Wehmut an meine Singlewohnung zurück, die zwar kaum größer als ein Schuhkarton gewesen war, dafür aber die Bezeichnung Zuhause verdient hatte: kuschelig, klein und leicht chaotisch. Ich vermochte nicht, auszumachen, wie viele Flaschen Wein meine beste Freundin Anne und ich dort im Laufe der Jahre geleert hatten, während wir über unsere Lebensplanung und die Männer, die unseren Weg kreuzten, sprachen. Tja, und dann kam Christian. Nach drei Jahren Beziehung überwand ich mich und gab mein kleines, geliebtes Refugium auf. Unser Zusammenleben bot nur wenige Reibungspunkte, und ich genoss es, Abend für Abend in seinen Armen einzuschlafen. Bis jetzt jedenfalls.

Ich schloss die Tür auf, zog meine Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Auf der Kommode im Flur brannte eine weiße Tischlampe. Ich hatte die Zeitschaltuhr so eingestellt, dass sie am späten Nachmittag anging, denn ich hasste es, in eine dunkle, leere Wohnung zurückzukehren.

Eigentlich verspürte ich nicht das Bedürfnis, jetzt noch mit jemandem zu sprechen, aber da ich Anne versprochen hatte, mich nach meinem Gespräch mit Christian bei ihr zu melden, griff ich nach meinem Handy und tippte auf ihre Nummer in meinen Kontakten.

»Wow, das ist ja mal gewaltig schiefgelaufen«, sagte sie, nachdem ich meinen Bericht beendet hatte.

»Du untertreibst maßlos.«

Ich hörte, wie sie sich am anderen Ende der Leitung eine Zigarette anzündete, tief inhalierte und dann den Rauch ausblies. »Dir ist aber schon klar, dass du mit einem der begehrtesten Typen Hamburgs zusammen bist, oder?«

»Was soll das denn heißen? Soll ich meine gesamte Lebensplanung über Bord werfen, um ihn zu halten, nur damit ihn keine andere bekommt?« Ich setzte mich auf die dunkle Sitzbank, die im Flur neben der Tür zum Gästezimmer stand. Christian hatte sie bei einem Designer erworben, zwei Tage nachdem wir den Mietvertrag unterschrieben hatten.

»Nein, natürlich nicht. Ich meine ja nur, dass du nicht gleich eure Beziehung infrage stellen sollst. Ihr führt doch das perfekte Leben, warum zweifelst du daran, dass das i-Tüpfelchen eines Tages noch kommt? Möglicherweise hat er seine Meinung in ein paar Monaten geändert.«

»Und vielleicht ändert er sie auch dahingehend, dass er doch keine Kinder möchte. Dann frieren meine Eizellen in irgendeinem Institut vor sich hin und liegen da bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.«

»Sicher nicht, die werden nur aufbewahrt, bis du fünfzig bist.«

»Du verstehst es wirklich, mich aufzumuntern.«

»Man tut, was man kann. Weißt du, was das grundsätzliche Problem in deinem Leben ist?«

»Du wirst es mir sicherlich gleich sagen.«

»Deine glückliche Kindheit. Darüber kommt man nie hinweg. Du trauerst dem vergangenen Glück nach und siehst jetzt, da du erwachsen bist, überall nur noch Probleme.«

Annes Worte überzeugten mich nicht im Geringsten. »Ist das nicht ein bisschen weit hergeholt? Außerdem: So toll war meine Kindheit nun auch wieder nicht. Denk mal an die Spannungen zwischen mir und meiner Mutter.«

»Ach komm. Seit ich dich kenne, erzählst du mir von der Zeit, die du früher bei deiner Familie in Ostfriesland verbracht hast, und wie sorglos du damals warst. Ist doch klar, dass einem das ein Leben lang nachhängt. So was kommt nie wieder. Trotzdem weißt du, wie es war, glücklich zu sein, und daher fühlst du dich jetzt unglücklich.«

Anne hatte nicht gerade die beste Jugend gehabt, ihre Eltern ließen sich früh scheiden und lieferten sich einen gnadenlosen Rosenkrieg, bei dem sie zum Spielball der Parteien wurde. Kein Wunder, dass sie meine Situation so einschätzte. Unbeschwerte Kindheitserinnerungen waren ihr fremd. Sie mied sogar jede ernsthafte Beziehung, damit sie nicht Gefahr lief, sich eines Tages in einer ähnlichen Situation wiederzufinden. Kinder werden wie ihre Eltern, die Geschichte wiederholt sich immer, war ihr eiserner Grundsatz.

Wir beendeten unser Gespräch, und ich ging ins Wohnzimmer, wo ich die Pumps von meinen Füßen streifte und mich auf das ausladende Ledersofa fallen ließ. Anne lag richtig, was Christian betraf: Er könnte an jedem Finger zehn Frauen haben. Mit seiner hochgewachsenen sportlichen Figur und den kurzen dunkelblonden Haaren war er nicht nur ausgesprochen attraktiv, nein, er war auch intelligent, humorvoll und erfolgreich. Und ein großartiger Liebhaber – aber das behielt ich lieber für mich, um die Schar seiner Verehrerinnen nicht noch zu vergrößern.

Eine ganze Weile lag ich rücklings mit hinter dem Kopf verschränkten Händen auf dem Sofa und dachte über Annes Worte nach. Es musste doch noch andere Phasen gegeben haben, in denen ich völlig unbeschwert gewesen war, oder? Ich meine, das konnte doch unmöglich so viele Jahre her sein, dass ich wirklich glücklich und frei gewesen war. Vielleicht zu Beginn des letzten Jahres, als wir zum ersten Mal Christians Geburtstag in der neuen Wohnung gefeiert hatten? Nein, in der Nacht hatten wir uns fürchterlich über die endgültige Kücheneinrichtung gestritten. Wie ich es auch drehte und wendete, mir fiel keine uneingeschränkt sorgenfreie Erinnerung an die vergangenen Jahre ein. Selbst als ich kürzlich die Zusage für den Hoffmeyer-Job bekommen hatte, spukte doch immer die Frage nach der Familienplanung in meinem Hinterkopf herum.

Wahrscheinlich konnte man im Erwachsenenalter nicht mehr hundertprozentig glücklich sein, weil es zu viele Dinge gab, über die man sich den Kopf zerbrach. Ich musste es wohl oder übel zugeben: Anne hatte mit ihrer Bemerkung ins Schwarze getroffen. Die tollste Zeit hatte ich, als ich noch regelmäßig bei meiner Familie an der Nordseeküste zu Besuch war.

Bei diesem Gedanken musste ich unwillkürlich lächeln. In dem alten Landhaus am Deich hatte ich die schönsten Ferien und später im Erwachsenenalter die erholsamsten Urlaube verbracht – in Gesellschaft meiner Tante Gertrud und meiner Großeltern, die inzwischen leider verstorben waren.

Tante Trudi, wie alle sie nannten, hatte immer mit ihren Eltern unter einem Dach gelebt und nie geheiratet. Trotzdem war sie dabei keineswegs altjüngferlich geworden. Sie hatte nur einfach irgendwann festgestellt, dass sie keinen Mann an ihrer Seite brauchte, um ein erfülltes Leben zu führen. Und wenn ich daran dachte, dass sie sich ihr Leben lang die funkelnde Lebensfreude im Blick und den Schalk im Nacken bewahrt hatte, schien es nicht die schlechteste Entscheidung gewesen zu sein.

Mein letzter Besuch in dem kleinen Ort Bensersiel lag fast fünf Jahre zurück. Zu der Zeit kannte ich Christian noch nicht. An einen Urlaub in Ostfriesland war mit ihm nicht zu denken. Er hielt grundsätzlich nicht allzu viel von Urlaub, und wenn er dann schon einmal freihatte, verschlug es uns in die große weite Welt. Zu Tante Trudis letztem Geburtstag hatte ich sie nicht einmal angerufen, sondern ihr nur eine Karte aus Ägypten geschickt. Zu meinem siebenunddreißigsten Geburtstag einige Monate später hatte sie mich telefonisch nicht erreichen können, dafür aber eine lange und herzliche Sprachnachricht auf meiner Mailbox hinterlassen. Ich hatte nicht zurückgerufen, immer war irgendetwas dazwischengekommen.

Ich warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz nach neun. Durfte ich eine über Siebzigjährige um diese Zeit noch anrufen? Unschlüssig wog ich das Handy in der Hand. Was, wenn sie meine Stimme am Telefon nach der langen Zeit gar nicht erkannte? Nichts war unangenehmer, als bei einem Überraschungsanruf erst umständlich erklären zu müssen, wer man war. Ich nahm allen Mut zusammen und wählte ihre Nummer.

»Nina, das ist ja eine Überraschung!« Tante Trudi fiel mir ins Wort, sobald ich die Begrüßung ausgesprochen hatte, und ihre Stimme überschlug sich fast vor Freude. »Wie geht es dir?«

Sie schien sich nicht über meinen Anruf zu wundern, auch verlor sie kein Wort über die lange Funkstille, die zwischen uns geherrscht hatte, und ich atmete erleichtert auf.

»So weit ganz gut«, sagte ich, und ehe ich richtig wusste, wie mir geschah, sprudelten die Worte nur so aus mir heraus. Nach etwa viereinhalb Minuten wusste sie, wie es um meine derzeitige Situation bestellt war.

»Jung sein ist nicht einfach«, kommentierte sie meinen Bericht.

»Ehrlich gesagt, fühle ich mich manchmal ganz schön alt«, gab ich zu. »Die Zeit rast nur so dahin, und ich habe das Gefühl, meinem Leben hinterherzuhinken.«

»Was hast du jetzt vor?«

Ich wünschte wirklich, mir wäre inzwischen eine Antwort auf diese Frage eingefallen. »Ich weiß es nicht. Eigentlich möchte ich nur mal wieder im Reinen mit mir sein und irgendwo hin, wo ich Abstand zu meinen Problemen kriege und auf andere Gedanken kommen kann.«

»Das klingt nach einem guten Plan.« Ihrer Stimme war anzuhören, dass sie lächelte. »Du bist doch ein schlaues Mädchen und weißt bestimmt, wo du diesen besonderen Ort finden kannst.«

»Jedenfalls … äh … nicht hier«, druckste ich herum. Als ich angerufen hatte, wollte ich einfach mal wieder Trudis Stimme hören, aber plötzlich war ganz klar, was ich tun musste. Trotzdem wollte ich nicht den Eindruck erwecken, mich selbst einzuladen.

Tante Trudi lachte ihr helles Lachen, und erst jetzt merkte ich, wie sehr es mir gefehlt hatte. »Pack deine Sachen und komm vorbei. Ich beziehe schon mal das Bett im Gästezimmer für dich.«

Kapitel 3

Als ich in Esens aus dem Zug stieg, glaubte ich, das Meer bereits riechen zu können, obwohl der Bahnhof einige Kilometer von der Küste entfernt lag. Von hier aus ging die Reise nach Bensersiel mit dem Bus weiter. Ich zog meinen Koffer den Bahnsteig entlang zur Haltestelle, das sonore Brummen der Kofferrollen im Ohr. Die Sonne schien freundlich vom Himmel, was ich als gutes Zeichen für meinen anstehenden Aufenthalt wertete.

Der Busfahrer lud meinen Reisekoffer ein, und ich suchte mir einen der letzten freien Doppelsitze. Kurz darauf fragte mich ein etwa sechzigjähriger Mann, ob er neben mir Platz nehmen dürfe. Er trug die typische Urlauberkluft der Rentner, die größtenteils aus beigefarbenen Kleidungsstücken bestand.

»Ja, setzen Sie sich ruhig.« Ich sah aus dem Fenster und beobachtete die Menschen, die aus dem kleinen Bahnhofsgebäude strömten. Ihrem Gepäck nach zu urteilen, handelte es sich hauptsächlich um Urlauber. Sie konnten sich glücklich schätzen, dass die Sonne schien, denn wenn der Regen erst einmal von Ostfriesland Besitz ergriff, hielt er sich erfahrungsgemäß eine ganze Weile.

Der Bus setzte sich in Bewegung und reihte sich in den Verkehr ein.

»Sind Sie auch auf dem Weg nach Langeoog?«, fragte mein Sitznachbar.

»Nein, ich fahre nach Bensersiel.« Erneut sah ich nach draußen, um ihm klarzumachen, dass ich keine Lust auf Small Talk hatte.

»Stellen Sie sich vor, ich auch, der Bus wird wohl kaum bis zur Insel durchfahren!« Er lachte dröhnend. »Danach geht es dann auf die Fähre. Wissen Sie, ich habe mal Urlaub in Budapest gemacht und bin dort mit einem Amphibienbus über die Donau gefahren. Das war ein Spaß, sag ich Ihnen! So was wäre doch auch was für Ostfriesland. Kein Umsteigen und keine Wartezeiten mehr, sondern einfach mit dem Bus rüber auf die Insel.«

»Ich bleibe in Bensersiel. Meine Tante lebt dort. Ich wohne für einige Zeit bei ihr«, korrigierte ich ihn in seiner Annahme und hoffte, seinen Wissensdurst damit gestillt zu haben, aber er plapperte munter weiter.

»Ach, ich nehme mir auch immer wieder vor, ein paar Tage auf dem Festland zu verbringen, aber es zieht mich immer sofort auf die Insel. Ich bin eben ein Freigeist und brauche das Meer um mich herum. Von Bensersiel aus schaut man ja doch immer auf die Insel und nicht auf den freien Horizont.«

»Ich weiß, ich bin nicht zum ersten Mal dort.« Der Kerl ging mir gehörig auf die Nerven. Vermutlich vegetierte dieser Freigeist, der keine Begrenzung ertrug, im wahren Leben in einer Großstadt im Hochhaus vor sich hin und lebte seinen Freiheitsdrang auf einem winzigen Balkon aus. Dem Akzent nach tippte ich auf Köln.

»Und wie viele Wochen bleiben Sie in Ostfriesland?«, fragte er.

»Das weiß ich noch nicht genau.«

»Arbeiten Sie in der Tourismusbranche?«

»Nein, ich bin …« Ich brachte es nicht über mich, das Wort »arbeitslos« auszusprechen. »Ich lebe und arbeite in Hamburg.« Wie immer sprach ich meine Heimatstadt »Hamburch« aus, wie es sich für ein echtes Elbkind gehörte.

»Verstehe. Also treibt der Herzschmerz Sie an die Küste, was?«

Ich verdrehte die Augen. Gerade noch hatte ich die weite flache Landschaft bewundert, aus der sich nur die Windkraftanlagen wie gigantische Spargelstangen erhoben, und nun hatte Mister Freigeist wieder Salz in die Wunde gestreut.

Christian war am gestrigen Abend spät aus dem Büro heimgekommen. Er hatte den Abschluss mit dem Kunden aus Übersee unter Dach und Fach gebracht, aber seine gute Laune verflog augenblicklich, als er realisierte, dass ich dabei war, meinen Koffer zu packen.

»Was wird das denn?«, fragte er.

»Das siehst du doch, ich packe meine Sachen.« Ich zog eine grüne Bluse aus meinem Kleiderschrank. Eigentlich hatte ich gar nicht vorgehabt, sie mitzunehmen, aber wenigstens konnte ich ihm so den Rücken zuwenden und seinem Blick ausweichen.

»Willst du mich verlassen?«

Halbherzig warf ich die Bluse in den Koffer und ließ mich auf die Bettkante sinken. »Ich weiß es nicht. Seit heute Abend frage ich mich, ob wir die gleichen Lebensziele verfolgen.«

Christian setzte sich neben mich. »Es tut mir leid, wenn du unglücklich bist.« Er griff nach meiner Hand. »Ich würde dir so gern sagen, dass ich das Gleiche möchte wie du, aber ich weiß es einfach nicht.«

»Wenn du erwartest, dass ich dir die Entscheidung abnehme …«

»Nein!«, unterbrach er mich. »Ich will, dass du unserer Beziehung noch eine Chance gibst. Wirf nicht alles weg, Nina. Nicht so schnell.«

Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter. Es wäre so einfach gewesen, meine Reise abzublasen und so weiterzuleben wie bisher. Mir einen neuen Job zu suchen, meine Karriere weiterzuverfolgen und dabei das Nachwuchsthema gar nicht mehr zur Sprache zu bringen. Ich blinzelte die aufsteigenden Tränen weg. »Ich werde für ein paar Wochen zu meiner Tante Trudi an die Nordsee fahren, um einen freien Kopf zu bekommen.«

»Ein paar Wochen?«

»Bis ich mir darüber klar werde, wie die Zukunft aussehen soll. Oder bis du es weißt.«

In dieser Nacht schliefen wir miteinander. Es war so vertraut wie immer, aber wir spürten wohl beide, dass sich etwas zwischen uns verändert hatte, und so fühlte es sich wie ein kleiner Abschied an, der nichts mit räumlicher Entfernung zu tun hatte.

»Wollen Sie nicht aussteigen?« Der Freigeist stand im Mittelgang des Busses und zog seine beigefarbene Jacke über.

Ich schrak zusammen. Mir war gar nicht aufgefallen, dass wir das Ziel unserer Fahrt bereits erreicht hatten. Hastig sprang ich auf und trat wenige Sekunden später auf die Straße. Der altbekannte Geruch des Hafens empfing mich, und ich sog die Luft in tiefen Zügen ein. Natürlich hatte ich den Hamburger Hafen quasi ständig vor und in der Nase, aber hier in Ostfriesland roch es anders, würziger und ursprünglicher. Es war nun einmal das Meer und nicht die Elbe, und das machte einen großen Unterschied. Vielleicht war es wie bei einer Weinverkostung. Für den Laien schmeckten alle Sorten ähnlich, aber dem Kenner offenbarten sich die feinen Nuancen.

Ich zog den Teleskopgriff aus dem Koffer und machte mich zu Fuß auf den Weg zu Tante Trudis Haus. Nach dem langen Sitzen hatte ich das dringende Bedürfnis, mich zu bewegen. Ich orientierte mich kurz und nahm den Weg ortsauswärts. Dabei verkniff ich es mir, auf dem Deich entlangzulaufen, und nahm den Fußweg neben der Hauptstraße. Der Ablauf meiner Ankünfte bei Tante Trudi folgte seit jeher einer steten Abfolge: den Koffer aufs Zimmer bringen, eine Tasse Tee trinken und erst dann ab auf den Deich und die Nordsee begrüßen. Nicht nur nebenbei, sondern unter Aufbietung meiner ganzen Aufmerksamkeit.

Meine Haare hatte ich in weiser Voraussicht zu einem Zopf zusammengebunden, denn ich wusste, zu was der Küstenwind imstande war. Leider wurde dadurch mein herausgewachsener mittelblonder Ansatz betont. Wegen meines spontanen Aufbruchs hatte ich es in Hamburg nicht mehr geschafft, noch einen Abstecher zum Friseur zu machen. Für alle Fälle hatte ich ein rotbraunes Ansatzspray eingepackt, damit ich nicht wie ein Streifenhörnchen herumlaufen musste. Doch wenn ich ehrlich war, war mir das im Moment völlig egal. Ich freute mich darauf, meine Tante und das Meer wiederzusehen.

Tante Trudis Haus lag ein ganzes Stück außerhalb des Ortskerns. Zwischen den einzelnen Häusern erstreckten sich weite Felder und Wiesen, einige Bäume waren von der hier herrschenden steifen Brise so schwer gezeichnet, dass sie gekrümmt dastanden, als neigten sie sich im Sturm. Ich erinnerte mich, dass die Einheimischen sie »Windloopers« nannten, die Windläufer.

Schließlich erreichte ich Tante Trudis Haus. Auf den ersten Blick hatte sich seit meinem letzten Besuch nicht viel verändert. Das alte Landhaus duckte sich unter einer imposanten Eiche, an der frische grüne Blätter sprossen. Auf den zweiten Blick fiel mir jedoch auf, dass alles ein wenig verwahrlost wirkte. Auf der Auffahrt wuchs das Grün aus den Steinfugen, in der Regenrinne sprossen Grasbüschel, die einstmals weißen Windfedern an der Giebelseite brauchten dringend einen neuen Anstrich, der Fußweg zur Haustür war von Grünspan überzogen, und in den Blumenbeeten wucherte das Unkraut.

Ich zog den Koffer hinter mir her zur Haustür und klingelte. Nichts geschah. Ich wippte mit dem Fuß und beobachtete eine Gruppe Hummeln, die sich auf einem weiß blühenden Strauch neben der Haustür tummelten. Ich hatte mal gehört, dass es für Hummeln eigentlich unmöglich sein müsste, zu fliegen, weil ihre Flügel für den Körperbau viel zu klein waren. Aller physikalischen Gesetze zum Trotz schwangen sie ihre plüschigen Hintern jedoch leicht taumelnd, aber mit größter Selbstverständlichkeit durch die Luft. Man musste seine Erfahrungen eben einfach selbst machen.

In einer alten Vogeltränke neben dem Strauch strampelte eine Fliege um ihr Leben. Ich hob sie mit dem Zeigefinger heraus, setzte sie auf die Fensterbank und klingelte erneut. Ein paar Meter rechts neben mir, hinter einer Gruppe immergrüner Büsche, vernahm ich ein Rascheln.

»Nina, da bist du ja schon!« Tante Trudi kämpfte sich aus dem Gesträuch hervor und stapfte auf mich zu. Sie trug eine blaue Latzhose, darunter ein verwaschenes rotes T-Shirt. Ihre weißen Haare waren zu einem losen Nackenknoten zusammengebunden, aus dem sich einzelne Strähnen lösten, und ihre Hände waren schwarz von Erde. Ohne zu zögern, umarmte sie mich zur Begrüßung, aber ich spürte, dass sie darauf achtete, meine Kleidung nicht zu beschmutzen.

»Danke, dass ich hier sein darf«, sagte ich und drückte sie ebenfalls für einen Moment an mich.

Tante Trudis Körper fühlte sich schmaler an als in meiner Erinnerung. Bisher war sie mir mit ihrem jugendlichen Gemüt und ihrer zupackenden Art immer alterslos erschienen, aber nun erkannte ich zum ersten Mal, dass die Zeit auch vor ihr nicht haltmachte.

»Ach, das ist doch selbstverständlich. Ich freue mich so, dass du da bist.« Mit einer entschuldigenden Geste deutete sie auf ihr Outfit und fügte hinzu: »Ich dachte, ich könnte hier draußen noch ein wenig für Ordnung sorgen, damit es nicht ganz so chaotisch aussieht, wenn du ankommst. Um diese Zeit kann man dem Unkraut ja beim Wachsen zuschauen.«

»Hier sieht doch alles super aus«, log ich. »So schön natürlich.« Ganz offensichtlich war die Arbeit rund ums Haus nicht erst seit diesem Frühjahr liegen geblieben.

»Nun komm aber erst mal rein, ich koche uns einen Tee.« Sie schloss die Haustür auf und streifte ihre Stiefel ab. Ich machte Anstalten, meine Schuhe ebenfalls auszuziehen, aber sie wehrte ab. »Lass die Dinger bloß an. Ich will nur nicht den halben Garten aus meinen groben Schuhsohlen im Haus haben.«

Ich folgte ihr durch den Flur in die gemütliche Küche, in der es unverschämt gut nach frisch gebackenem Buttermilchkuchen mit Zimt und Zucker roch. Sofort lief mir das Wasser im Mund zusammen. Sie hatte den Kuchen schon früher zu jeder sich bietenden Gelegenheit gemacht, und viele meiner Kindheitserinnerungen drehten sich darum, wie wir auf der Terrasse versammelt saßen, Tee tranken und Kuchen aßen.

»Willst du zuerst dein Gepäck ins Gästezimmer bringen, Nina? Dann setze ich in der Zwischenzeit den Tee auf.«

»Ja, ich bin gleich zurück.« Ich trug meinen Koffer die Treppe hinauf. Die achte Stufe gab ein durchdringendes Knarzen von sich, ganz wie früher, wenn ich spätabends hinuntergeschlichen war, um Kekse aus der Küche zu stibitzen. Ich ging zum Giebelzimmer, das schon seit Jahren als Gästezimmer diente. Von unten klang geschäftiges Klappern aus der Küche herauf.

Früher hatte sich hier das Kinderzimmer von Tante Trudi und meiner Mutter befunden. Meine Großeltern hatten mir oft erzählt, dass die beiden Schwestern im Teenageralter alles an Kisten und Kartons zusammengetragen hatten, um eine Trennmauer durch das Zimmer zu ziehen. Irgendwann hatte mein Großvater genug von den ständigen Kabbeleien gehabt und ein Zimmer im Erdgeschoss ausgebaut, in das meine Tante zog, um näher beim Stall zu sein, in dem meine Großeltern eine kleine Landwirtschaft betrieben, und weiter weg von ihrer Schwester. Außerdem befanden sich im Obergeschoss das Schlafzimmer meiner verstorbenen Großeltern sowie ein kleines Bad.

Tante Trudi bewohnte seit dem Tod meiner Großeltern ausschließlich die untere Ebene. Selbst als meine Mutter ausgezogen war, hatte sie keine Anstalten gemacht, in das größere Zimmer im Obergeschoss zurückzuziehen, und so war es bis heute geblieben. Deshalb hatte sich dieses im Laufe der Zeit zum Gästezimmer etabliert, zunächst für meine Eltern und mich und später für mich allein, wenn ich auf eigene Faust Urlaub bei meinen Großeltern machte.

Das Mobiliar bestand aus einem Kleiderschrank, einem Bett und einem Schreibtisch aus massivem Holz. Ich strich über die Holzplatte, in die die Tintenflecke und Kugelschreiberspuren vieler Jahre eingezogen waren. Wie oft hatte ich in den Ferien hier gesessen und Briefe an meine Eltern in Hamburg geschrieben? Der Gedanke versetzte mir einen Stich. Mein Vater war vor drei Jahren gestorben, und meine Mutter hatte dies zum Anlass genommen, ihre Sachen zu packen und sich die Welt anzusehen. Alle paar Wochen gab es eine Nachricht mit ihrem aktuellen Aufenthaltsort, aber persönlich getroffen hatten wir uns das letzte Mal vor elf Monaten. Ich gönnte ihr die Reise, trotzdem fühlte ich mich oft verloren. Geschwister hatte ich nicht, und wie so oft fragte ich mich, ob es mir mit einem Bruder oder einer Schwester an meiner Seite besser ginge.

Ich blickte aus dem Fenster. Obwohl das Zimmer zur Meerseite hin lag, sah ich nur grüne Büsche, die alte Eiche, deren Zweige in der Seebrise schaukelten, und im Hintergrund den hohen Deich. Ich hievte meinen Koffer aufs Bett und öffnete ihn, um meine Klamotten in den Kleiderschrank zu räumen. Gerade war ich bei der grünen Bluse angelangt, die ich am Abend zuvor mehr oder weniger aus der Not heraus eingepackt hatte, als ich Tante Trudis Stimme vernahm, die mich zum Tee rief. Ich vertagte das Auspacken auf später und nahm die Treppe nach unten. Dieses Mal ließ ich die knarzende Stufe aus.

Meine Tante hatte sich umgezogen und die Haare neu zusammengebunden. Sie war nicht allein in der Küche, denn auf der Eckbank lag zusammengerollt eine Katze. Ihr Fell war größtenteils schwarz, eine Blesse zog sich vom rosafarbenen Näschen bis zur Stirn, außerdem hatte sie ein weißes Lätzchen und gleichmäßig weiß gestiefelte Pfoten. Auch ihre Schwanzspitze sah aus, als sei sie in einen Eimer mit Wandfarbe getunkt worden.

»Ich wusste gar nicht, dass du jetzt einen Mitbewohner hast.« Die Katze blinzelte mich an, drehte sich genüsslich auf den Rücken und präsentierte ihren Bauch. Ich setzte mich neben sie, widerstand jedoch dem Impuls, sie an der dargebotenen Stelle zu streicheln, denn ich hatte in meinem Leben genug Katzen kennengelernt, um zu wissen, dass man dieses Angebot besser ausschlug. Streichelte man die Samtpfote am Bauch, bohrte sie einem oft schneller die Krallen in die Haut, als man »Mistvieh« sagen konnte.

»Das ist Paula.« Tante Trudi zündete die Kerze in einem Stövchen an, stellte es auf den Tisch und platzierte die Teekanne darauf. »Sie ist mir im vergangenen Winter zugelaufen. Ich habe sie als Fundtier gemeldet, aber es hat sich kein Besitzer gefunden. Ihr war kalt, mir war kalt, und so haben wir uns zusammengetan. Sie ist der beste Fußwärmer, den es gibt.«

»Das kann ich mir denken.« Ich streichelte Paulas Wange und bedauerte, dass wir in Hamburg keine Katze halten konnten. Zum einen erlaubte es unser Mietvertrag nicht, und zum anderen hatte Christian etwas gegen Haustiere, oder vielleicht sorgte er sich auch nur um unsere blöden Hochglanzmöbel.

Tante Trudi schob ein Stück Buttermilchkuchen auf meinen Teller und schenkte Tee ein. Die Kluntjes, die sie bereits zuvor in die bereitgestellten Tassen gegeben hatte, zersprangen knackend. Zum Schluss wurde das Ganze mit süßer Sahne verziert, die für einen Moment auf den Tassenboden sank, um dann in charakteristischen Wölkchen an die Oberfläche des Tees aufzusteigen.

»Hast du dir für deinen ersten Urlaubstag schon etwas vorgenommen?«, fragte sie.

»Nein. Ich möchte es heute ruhig angehen lassen und mir einfach die Gegend ansehen.« Ich nahm einen Bissen vom Kuchen. Er war noch warm und schmeckte genauso köstlich wie früher.

»Das hört sich nach einer guten Idee an. Du gehst bestimmt zuerst zum Deich, oder? Als Kind gab es für dich nichts Schöneres, als gleich nach deiner Ankunft die Nordsee zu begrüßen.« Sie lächelte versonnen. »Als du noch sehr klein warst, hast du mich im Sommer bei Ebbe mal gefragt, ob das Frühjahr hier so heiß war, dass das ganze Wasser verdampft ist.«

Ich lachte. »Das ließ sich ja zumindest schnell richtigstellen.«

»Von wegen! Kurz darauf gab es einen enormen Wolkenbruch, und ein paar Stunden später war die Nordsee wieder voll, wie du sagtest. Von Ebbe und Flut wolltest du nichts hören.«

Sie wurde nicht müde, mich mit Geschichten von früher zu bombardieren, und ich genoss ihre Redseligkeit. Es schien, als habe sie nicht oft die Gelegenheit, sich ausgiebig mit jemandem zu unterhalten, und sei nun froh, die ganzen aufgestauten Worte loszuwerden. Ich hörte ihr zu, lachte und aß dabei ein Stück Kuchen nach dem anderen. Wie hatte ich nur so lange nicht herkommen können, ohne zu merken, wie sehr mir all das fehlte?

»Ach, was habe ich dich die letzten Jahre vermisst, Nina«, schloss sie ihre Erzählungen, als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Ich denke oft an früher.«

»Ich bin auch froh, wieder bei dir zu sein. Es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich hatte irgendwie … nie Zeit.« Welch lahme Ausrede! Schon während ich sie aussprach, hätte ich mir am liebsten auf die Zunge gebissen. Welcher Mensch bekommt es bitte schön monatelang nicht auf die Reihe, ein Telefon in die Hand zu nehmen?

»Schon gut.« Tante Trudi tätschelte meine Hand und griff nach ihrer Teetasse. »Jetzt bist du ja da.«

»Aber ich möchte dir natürlich nicht zur Last fallen«, fuhr ich fort. »Wenn mein Besuch zu anstrengend für dich wird, dann sag es mir bitte. Ich kann mir auch ein Hotelzimmer oder eine Ferienwohnung nehmen.« So dankbar ich für ihre Einladung auch war, so wichtig war es mir, dass sie sich nicht ausgenutzt fühlte.

»Nina, red doch keinen Unsinn! Du kannst bleiben, so lange du möchtest. Das Haus ist groß genug, und ich freue mich, wenn wieder etwas Leben in der Bude herrscht. Paula und ich werden noch kauzig, wenn wir die ganze Zeit nur unter uns sind. Am Ende werde ich noch eine von diesen verrückten alten Katzenladys.«

Ich beschloss, ihr für den Moment zu glauben, aber weiterhin darauf zu achten, ob ihre Meinung sich vielleicht mit der Länge meines Aufenthalts änderte.

Nach der Teepause marschierte ich wie geplant zum Deich. Es herrschte Ebbe, das Wasser hatte sich zurückgezogen, Möwen kreisten am Himmel und sammelten sich immer wieder in großen Gruppen an Land. Der Anblick war friedlich, doch das Wattenmeer bot eine trügerische Sicherheit. Viele Urlauber unterschätzten die Gezeiten und liefen bei Ebbe hinaus ins Watt, wo sie von der Flut überrascht wurden, sodass die Seenotretter ausrücken und ihnen zu Hilfe kommen mussten.

Ich liebte die Nordsee, aber ich hatte auch einen gehörigen Respekt vor ihr. Meiner Meinung nach genau die richtige Einstellung, damit man kein frühes Ende an einem der schönsten Flecken auf der Erde fand.

Ich blieb eine ganze Weile auf dem Deich stehen, den Blick auf den Horizont geheftet, an dem sich die Insel Langeoog abzeichnete. Sicherlich würde sich während meines Aufenthalts die Gelegenheit für einen Abstecher auf das Eiland bieten, auch wenn sich dieser nur auf einen Tagesausflug beschränkte – die Chancen, in den Sommermonaten so kurzfristig noch eine Unterkunft auf der Insel zu finden, standen mehr als schlecht. Vielleicht ganz gut so, dann war die Gefahr gering, dort auf den redseligen Freigeist aus dem Bus zu treffen.

Ich setzte meinen Spaziergang ins Landesinnere fort. Erst nach einiger Zeit bemerkte ich, dass mein Weg mich wie ferngesteuert zum Ukena-Hof geführt hatte. Ich schüttelte den Kopf. Früher hatte ich hier ganze Tage mit Tjark, dem Sohn der Familie, verbracht und war oft nur zum Schlafen nach Hause gekommen. So viele Jahre waren vergangen, aber noch immer zog es mich hierher, obwohl ich seit damals kein Wort mehr mit den Ukenas gewechselt hatte.

Statt des verrosteten Eisentors, das einst die Zufahrt verunstaltet hatte, fiel mein Blick auf einen hölzernen Torbogen, auf dem der Schriftzug »Reiterhof Küstenglück« prangte. Ich spähte zwischen den Bäumen auf dem vorderen Teil des Grundstücks hindurch. Hinter dem gewaltigen Gulfhof, dem über hundert Jahre alten Bauernhaus aus rotem Backstein, das sich mit seinem Krüppelwalmdach auf den Boden zu kauern schien, konnte ich eine lang gestreckte grüne Halle erkennen, die bei meinem letzten Besuch noch nicht dort gestanden hatte. Obwohl man von Trudis Haus zum Hof hinübersehen konnte, der sich eine Straße weiter befand, und nur einige Weidestücke die Grundstücke trennten, war mir die Veränderung nicht aufgefallen, als ich vorhin aufgebrochen war. Wahrscheinlich war ich da schon mit meinen Gedanken an der Nordsee gewesen.

Hatten die Ukenas ihren Bauernhof verkauft? Damit hatte ich nicht gerechnet.

Noch erstaunter war ich, als das erste Tier, das ich sah, kein Pferd war, wie man es auf einem Reiterhof erwarten würde, sondern ein Schaf. Es hatte einen dichten lockigen Pelz, der noch nicht geschoren worden war. Seine weiße Wolle hob sich überdeutlich vom frischen Frühlingsgras ab.

Und es war tot.

Jedenfalls hatte ich noch nie ein lebendes Schaf gesehen, das rücklings auf der Weide lag und die dünnen Beinchen gen Himmel reckte. Wahrscheinlich wusste der Besitzer noch gar nicht, dass das Tier vor seinem Haus verendet war, denn sonst hätte er es sicherlich weggeschafft. Für einen Reiterhof war diese Szene nicht die beste Werbung, also stiefelte ich die Auffahrt entlang und klingelte an der Haustür, um zu verhindern, dass die Reitschüler das Elend sahen.

Eine ältere grauhaarige Frau öffnete, grüßte mit dem universellen »Moin« und sah mich fragend an.

»Ihr Schaf ist tot«, sprudelte es aus mir heraus, bevor mir einfiel, dass ich die schlechte Nachricht vielleicht etwas behutsamer übermitteln sollte. Okay, streng genommen, war es dafür schon zu spät, aber ich konnte die Situation zumindest noch ein wenig entschärfen.

»Entschuldigung«, setzte ich neu an. »Ich bin gerade an Ihrem Haus vorbeigelaufen, und da ist mir aufgefallen, dass Ihr Schaf regungslos auf der Weide liegt. Ich fürchte, es lebt nicht mehr.«

»Tjark«, rief die Frau über die Schulter.

Beim Klang des Namens zuckte ich zusammen. Durch das »Küstenglück«-Schild über der Auffahrt war ich davon ausgegangen, dass der Hof den Besitzer gewechselt hatte, aber es war mehr als unwahrscheinlich, dass es in diesem Haus einen neuen Bewohner gab, der ebenfalls Tjark hieß. Auch die ältere Frau kam mir bekannt vor. Wenn man sich einige Falten wegdachte und dafür etwas hellbraune Farbe im Haar hinzu, konnte es sich durchaus um Elisabeth Ukena handeln, Tjarks Mutter.

Schritte näherten sich durch den Flur, und ein braunhaariger Mann in meinem Alter trat in die Tür. Er trug ein einfaches schwarzes T-Shirt und eine verwaschene Jeans. »Was ist passiert?«, fragte er.

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