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Plötzlich It-Girl - Wie ich aus Versehen das coolste Mädchen der Schule wurde

hier erhältlich:

Meine Lebensziele:


1) Meine zwei allerbesten (und einzigen) Freunde um jeden Preis behalten. (Dann darf ich die beiden aber nicht ständig durch meine peinlichen Aussetzer in Verlegenheit bringen.)
2) Meinem Hund beibringen, mich mit der Pfote abzuklatschen. Das ist das ehrgeizigste Lebensziel auf dieser Liste.
3) Miss Schulprinzessin nicht (noch mal) in Brand stecken.
4) Herausfinden, ob 2) oder 3) peinliche Aussetzer sind.
5) Nach Afrika gehen und Reis an die Armen verteilen.
6) Mich für den REST MEINES LEBENS im Schrank verstecken, weil mein Vater sich mit der berühmtesten Schauspielerin EVER verlobt hat, die Paparazzi mit meinem Gesicht jedes Titelbild des Landes vollkleistern wollen und jeder auf meiner Schule (und der ganzen Welt) erfahren wird, was für ein Loser ich bin.
7) Ist Reis nicht völlig überbewertet? Vielleicht könnte ich ja auch Schokolade in Afrika verteilen. Ich jedenfalls mag Schokolade. Nur wie kriege ich das Ganze überhaupt hin, wenn ich mich für den Rest meines Lebens im Schrank verstecke?!?


  • Erscheinungstag: 03.09.2015
  • Aus der Serie: It Girl Serie
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 320
  • Altersempfehlung: 12
  • Format: E-Book (ePub)
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505137044

Leseprobe

Katy Birchall

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Aus dem Englischen von Verena Kilchling

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Für Mum, Dad, Robert und Charles

Kapitel eins

 

Ich habe Josie Graham in Brand gesteckt.

Okay, ich gebe zu, das war ziemlich schlimm, aber es war ein Unfall und nicht nur meine Schuld. Alle denken, ich hätte es mit Absicht getan, und Mrs Ginnwell ist jetzt die große Heldin.

Wenn ihr mich fragt, hat sie alles nur noch schlimmer gemacht. Ein bisschen Wasser hätte es auch getan, schließlich hatten nur Josies Haarspitzen Feuer gefangen. Da finde ich einen Feuerlöscher etwas übertrieben.

Josie hatte sowieso schon einen ziemlich miesen Tag, wenn man bedenkt, dass ich sie gerade versehentlich angezündet hatte, und dann war sie auch noch von Kopf bis Fuß mit diesem weißen, schaumigen Zeug bedeckt, das immer aussieht, als würde es Spaß machen, darin herumzutollen, was wahrscheinlich aber nicht so ist. (Josie sah jedenfalls nicht aus, als hätte sie Spaß, eher so, als stünde sie unter Schock und als würde es sie überall jucken.)

Ich selbst stand auch irgendwie unter Schock, weil es das erste Mal war, dass ich jemanden angezündet hatte, und das Ganze daher auch für mich ziemlich überraschend kam. Mit Brandstiftung bin ich davor erst einmal in Berührung gekommen, und zwar als Kind. Damals habe ich den Geldbeutel meines Vaters in den Kamin geworfen, um zu sehen, was passiert. Wer lässt auch seinen Geldbeutel herumliegen, wenn ein Kleinkind in der Nähe ist? Mein Vater seither nicht mehr, das steht fest. Trotzdem bilde ich mir ein, dass er mich in kalten Nächten, wenn bei uns das Kaminfeuer brennt, bis heute argwöhnisch beobachtet.

Ach ja, und dann war da noch die Sache mit Dads Arbeitszimmer, das ich beinahe mal abgefackelt hätte. Aber das war es dann auch schon. Wirklich.

Wisst ihr was? Eigentlich war es auch ein bisschen Josie Grahams eigene Schuld, denn sie hätte sich ja erstens nicht so dicht neben einem Bunsenbrenner auf ihre Ellbogen stützen und zweitens nicht so viel Haarspray benutzen müssen.

Vielleicht bin ich nur neidisch, weil ich morgens keine Zeit für Haarspray habe, geschweige denn wüsste, wie man so etwas richtig anwendet. Wenn Dad es endlich schafft, mir die Bettdecke zu entreißen, habe ich maximal zehn Minuten, bis ich mich auf den Schulweg machen muss.

Zumal mir mein Vater sowieso niemals Haarspray kaufen würde. Er ist furchtbar altmodisch, vor allem, wenn es um seine vierzehnjährige Tochter (also mich) geht. Ich weiß noch, wie ich ihn einmal in einer Drogerie gefragt habe, ob er mir Eyeliner kauft. Da ist er in Gelächter ausgebrochen und hat mich losgeschickt, Erkältungstee zu holen. Das ist TOTAL verlogen, weil die Frauen, die mein Vater in den letzten Jahren angeschleppt hat, oft sogar UNMENGEN Eyeliner getragen haben. Wie fände er es, wenn er mir wieder mal seine aktuelle Freundin vorstellen würde und ich laut lachen und ihr anstelle ihres Lidstrichs einen Hustentee anbieten würde?

Hm . . . vielleicht mache ich das ja wirklich mal, zumindest bei den besonders nervigen Exemplaren.

Mrs Ginnwell hat jedenfalls nicht gelacht, als sie mich mit zittrigen Beinen zu unserer Direktorin Miss Duke gebracht und dort zusammenhangloses Zeug gefaselt hat, von wegen brennendes Klassenzimmer und pyromanische Veranlagung und so weiter.

»Entschuldigen Sie, Mrs Ginnwell, das habe ich akustisch nicht richtig verstanden. Was haben Sie gesagt?«, fragte Miss Duke und stand mit besorgter Miene von ihrem Schreibtisch auf.

Miss Duke und ihr Büro passen einfach perfekt zusammen. Das klingt komisch, ist aber so. Genau wie ich ist Miss Duke neu an der Schule. Wir sind beide erst seit September hier, auch wenn sie als Direktorin natürlich von Anfang an ein hohes Ansehen genossen hat. Ich hingegen bin noch immer nicht richtig angekommen in der neunten Klasse dieser Schule.

Alles in allem denke ich, dass Miss Duke bisher den besseren Eindruck von uns beiden hinterlassen hat, und das, obwohl es ihre Aufgabe ist, die Schüler zum Nachsitzen oder Müllaufsammeln hinter den Fahrradständern zu verdonnern.

Sie hat ihr Büro also erst seit September, aber es passt perfekt zu ihr (auch wenn ich natürlich keine Ahnung habe, wie es vorher aussah). Die Ähnlichkeit fängt schon damit an, dass es total ordentlich ist, genau wie Miss Duke selbst, die grundsätzlich schick und korrekt gekleidet ist. Eigentlich sieht sie eher aus wie eine von diesen Geschäftsfrauen, die manchmal an U-Bahnhöfen stehen und Anweisungen in ihre Handys blaffen, zum Beispiel: »Jeffrey, Ihre Leistung lässt sehr zu wünschen übrig, von Ihnen hatte ich wirklich mehr erwartet!« Wie eine Schuldirektorin sieht Miss Duke jedenfalls nicht aus.

Irgendwie finde ich es cool, dass ihr sogar ein Hosenanzug super steht. Ich glaube, falls ich später jemals in einem Büro arbeiten sollte, würde ich auch gern einen Hosenanzug tragen und so autoritär wirken wie Miss Duke. Außerdem sind ihre dunklen Haare immer mega-ordentlich hochgesteckt, und ihr Make-up ist auch nie verschmiert. Kurzum: Miss Duke ist eine ziemlich einschüchternde Erscheinung.

Erst recht, wenn man die Haare einer Klassenkameradin angezündet hat.

»Wir hatten gerade Chemie, und . . . Anna . . . Anna hat . . . Josie Grahams Haare in Brand gesteckt!«, stieß Mrs Ginnwell stammelnd hervor.

Mrs Ginnwell ist weder autoritär noch einschüchternd. Irgendwie erinnert sie mich an einen Papagei. Allerdings keinen coolen, der bei einem Piraten auf der Schulter sitzt, sondern einen nervigen, übereifrigen, der einem krächzend um den Kopf flattert und einem unerwartet seine Flügel ins Gesicht klatscht.

»Ist Josie verletzt?«, fragte Miss Duke alarmiert.

Mrs Ginnwell schüttelte den Kopf, und ihre rotblonden Locken kräuselten sich um ihre verschwitzte Stirn. »Es geht ihr den Umständen entsprechend gut, aber ihre Haare sind angesengt, und sie ist über und über mit Schaum bedeckt!«

»Verstehe«, antwortete Miss Duke, und ich hätte schwören können, dass ein amüsiertes Lächeln über ihr Gesicht huschte, das sofort wieder verschwunden war. »Und es wurde auch sonst niemand bei diesem Vorfall verletzt?«

»Nein.« Mrs Ginwell schüttelte erneut den Kopf.

»Wenn das so ist, würde ich vorschlagen, dass ich den Rest mit Anna allein bespreche. Setz dich doch bitte. Warum gehen Sie nicht auf einen Sprung ins Lehrerzimmer, Mrs Ginnwell? Bitten Sie einen Kollegen, ein paar Minuten für Sie einzuspringen, und gönnen Sie sich eine Tasse Tee.«

Mrs Ginnwell nickte und lockerte zögernd ihre Umklammerung meiner Schulter. Sie warf mir noch einen letzten strengen Blick zu, als hätte sie Angst, dass ich bei nächster Gelegenheit einen Flammenwerfer aus meinem Schließfach holte und damit die Schule abfackelte. Keine Ahnung, wie sie auf solche Gedanken kommt, schließlich habe ich erst kürzlich einen hervorragenden Aufsatz über Pinguine geschrieben. Jemand, der bereits in der neunten Klasse mit so viel Mühe und innerer Reife einen Aufsatz über Pinguine verfasst, verbringt seine Freizeit ja wohl kaum damit, Pläne zur Zerstörung der Schule zu schmieden.

Ich ließ mich also nervös auf dem Lederstuhl vor Miss Dukes Schreibtisch nieder, während die Direktorin wieder auf ihrem Schreibtischstuhl Platz nahm. Mrs Ginnwell funkelte mich noch einmal böse an und zog geräuschvoll die schwere Holztür hinter sich zu. Für einen Moment herrschte Schweigen, während Miss Duke die Papiere zusammenschob, über denen sie gebrütet hatte, bevor wir ihr Büro gestürmt hatten.

»Erzähl mir doch bitte mal genau, was passiert ist.«

Ich holte tief Luft und erzählte, dass wir gerade Chemie gehabt hätten und dass Josie und ich in einem Zweierteam gelandet seien (worüber wir beide nicht besonders begeistert gewesen waren, was ich Miss Duke allerdings lieber verschwieg).

Vermutlich ahnte sie dennoch, dass Josie und ich keine besonders gute Kombination abgeben. Josie gehört nämlich zu den beliebtesten Mädchen überhaupt. Sie ist die beste Freundin von Sophie Parker, dem beliebtesten Mädchen des ganzen Jahrgangs, und die beiden hängen gern mit den coolsten Typen ab, zum Beispiel Brendan Dakers und James Tyndale. An den Wochenenden macht Josie regelmäßig Party, und wenn sie in die Schule kommt, ist sie perfekt geschminkt und frisiert (mit viel Haarspray).

Ich verbringe meine Wochenenden damit, Comics zu lesen, mit meinem Dad CSI zu gucken und mich bei meinem Labrador namens Hund über mein Leben zu beschweren. Er ist das einzige Wesen auf diesem Planeten, das mir zuhört. Und selbst er macht das nur, wenn ich ein Stück Bacon in der Hand halte.

Ich ließ bei meiner Erzählung in Miss Dukes Büro also weg, dass Josie Brendan sehnsüchtige Blicke zuwarf, weil sie offenbar lieber mit ihm in einem Team gelandet wäre, bevor sie sich mit einem tiefen Seufzer und ohne mich zu begrüßen zu mir setzte. Sie würdigte mich keines Blickes, nicht einmal, als ich mit einem lässigen »Howdy, Partner« versuchte, die Atmosphäre ein bisschen aufzulockern.

Keine Ahnung, warum ich mich ausgerechnet für diese Cowboy-Begrüßung entschied. Jedenfalls nicht, weil ich vorhatte, schon kurz darauf das Feuer auf sie zu eröffnen.

Weil Josie offenbar keine Lust hatte, sich an dem Experiment zu beteiligen, war ich auf mich allein gestellt. Genau genommen hatte Mrs Ginnwell den Teil mit dem Bunsenbrenner noch gar nicht erklärt, da alle noch damit beschäftigt waren, ihre Laborkittel und Schutzbrillen anzuziehen. Manche Leute ließen sich ewig Zeit damit, und Josie stützte sich gelangweilt auf den Ellbogen und blickte immer wieder zu Brendan hinüber und lachte über alles, was er zu ihr sagte, wobei sie dramatisch die Haare nach hinten warf.

Ich glaube, an dieser Stelle beging ich den entscheidenden Fehler. Obwohl ich hätte warten müssen, bis Mrs Ginnwell die entsprechende Anweisung gab, schaltete ich den Bunsenbrenner ein.

Dabei sollte man allerdings folgende mildernde Umstände bedenken:

 

  1. Mir war nicht klar, dass die höchste Flammenstufe eingestellt war.
  2. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Josie genau in dem Moment, in dem ich den Bunsenbrenner einschaltete, ihre mit Haarspray vollgesprühten Locken in meine Richtung schleudern würde.
  3. Ich hätte nie gedacht, dass Haare so leicht Feuer fangen können.
  4. Statt stillzuhalten, rannte Josie kreischend herum, was es ziemlich erschwerte, sie mit Wasser zu bespritzen, zumal ich sowieso nicht gut zielen kann. Deshalb habe ich hauptsächlich mich selbst getroffen.
  5. Keiner konnte vorhersehen, dass Mrs Ginnwell den Feuerlöscher so lange auf Josie halten würde, bis sie vor lauter Schaum aussah wie ein Pudel.
  6. Ich möchte hiermit klarstellen, dass ich vor diesem Vorfall noch nie ernsthaft Ärger in der Schule hatte.
  7. Außer einmal mit sechs Jahren, als Ben Metton meine Kartoffelchips gegessen hat und ich ihn deshalb im Materialschrank eingesperrt habe.
  8. Die Sache mit den brennenden Haaren ist auch für mich sehr aufwühlend, weil ich es nicht mit Absicht getan habe und jetzt bestimmt niemand mehr mit mir befreundet sein will, genau wie an meiner alten Schule.

 

An diesem Punkt meiner ausführlichen Schilderung brach ich in Tränen aus.

Miss Duke, die mich erschrocken anstarrte, reichte mir ein Papiertaschentuch. »Tja, für mich klingt das wie ein bedauerlicher Unfall . . .«, begann sie.

»Natürlich war es ein Unfall!«, unterbrach ich sie heulend. »Ich würde nie mit Absicht so etwas tun!«

Es klopfte an der Tür, und ich drehte mich auf meinem Stuhl um und sah, wie die Schulkrankenschwester langsam ihren Kopf zur Tür hereinschob.

Miss Duke winkte sie herein, und sie trat fröhlich zu uns an den Schreibtisch. »Ich wollte Ihnen nur mitteilen, Miss Duke – und dir auch, Anna –, dass mit Josie alles in bester Ordnung ist. Ihre Haarspitzen sind angesengt und müssen geschnitten werden, aber ansonsten ist sie quietschfidel.«

»Bestimmt hasst sie mich jetzt«, sagte ich niedergeschlagen und starrte auf das zerknüllte Papiertuch in meiner Hand.

»Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie hat es sicher bald wieder vergessen«, tröstete mich die Krankenschwester. »Ihre Haare waren ohnehin viel zu lang und strähnig, da kommt ein neuer Haarschnitt gerade recht.«

»Vielen Dank, Tricia, dann wissen wir ja jetzt Bescheid«, sagte Miss Duke und sah die Krankenschwester abwartend an, die sich mit einem heiteren Schulterzucken verabschiedete.

»Siehst du, das ist doch immerhin etwas«, fuhr Miss Duke an mich gewandt fort. »Es war ganz offensichtlich ein Unfall, allerdings einer, der gravierende Folgen hätte haben können. Das ist noch einmal glimpflich ausgegangen, Anna.«

Ich nickte ernst.

»Dann hoffe ich, dass du in Zukunft keine Chemieexperimente mehr ohne ausdrückliche Anweisung beginnst.«

»Ich mache überhaupt nie wieder Experimente.«

»Oh, das wäre aber schade. Chemie ist so ein faszinierendes Fach. Außerdem hast du heute eine wichtige Lektion in Sachen Sicherheit gelernt, könnte ich mir vorstellen.« Sie bedachte mich mit einem strengen Blick. »Ich denke, wir sind uns einig, dass du es nicht mit Absicht getan hast. Dennoch muss ich dich leider bis zu den Osterferien nachsitzen lassen, damit du darüber nachdenken kannst und in Zukunft hoffentlich vorsichtiger bist. Das Nachsitzen beginnt morgen. Da in zehn Minuten der heutige Schultag zu Ende ist, kannst du jetzt gerne in deine Klasse zurückkehren, deine Sachen holen und nach Hause gehen.«

»Um ehrlich zu sein, würde ich lieber nicht in meine Klasse zurückkehren.«

»Brauchst du deine Sachen nicht bis morgen?«

»Es sind sowieso nur mein Federmäppchen und meine Bücher. Wahrscheinlich haben die anderen sie inzwischen in den Müll geworfen.«

»Ganz bestimmt nicht.« Miss Duke lächelte mich an. »Deine Klassenkameraden wissen sicher, dass es ein Versehen war und dass nichts Schlimmes passiert ist. Bis morgen haben sie die Geschichte vergessen, du wirst sehen.«

Wirklich beängstigend, wie ahnungslos Erwachsene sein können.

Kapitel zwei

 

Wenn mein Vater besorgt ist, geraten seine Augenbrauen in Aufruhr und hüpfen wie verrückt in seinem Gesicht herum, was einen ganz kirre machen kann.

Und die Sache mit dem Bunsenbrenner fand er offenbar sehr besorgniserregend, denn ich musste mich sogar zu einem ernsten Gespräch mit ihm hinsetzen. Dad und ich führen nur selten solche Gespräche, weil wir das beide nicht besonders gut können.

Bisher musste er mich erst zweimal bitten, mich mit ihm zusammenzusetzen: Einmal, nachdem ich ihn bei einer Online-Partnerbörse angemeldet hatte, weil ich seine damalige Freundin nicht mochte, die in Tränen ausbrach, als sie die vielen E-Mails von anderen Frauen in seinem Postfach fand. Und das zweite Mal, nachdem ich ihm eine Schweinefleischpastete an den Kopf geworfen hatte, weil er mein Marvel-Comics-Lexikon an einen Secondhandladen verkauft hatte und ich zufällig eine Pastete in der Hand hielt, als ich davon erfuhr.

Später fraß Hund dann die Pastete, die Dad mühsam wieder zusammengekratzt und auf einen Teller gelegt hatte. Während unseres ernsten Gesprächs war Hund nämlich unbeaufsichtigt. Das machte alles nur noch schlimmer, weil a) Dad sich offenbar darauf gefreut hatte, die Pastete zu essen, und b) Hund beschlossen hatte, Dad seinen Pastetentriumph ein zweites Mal unter die Nase zu reiben, indem er das Ganze wieder hochwürgte und auf Dads Laufschuhe erbrach.

Keine Ahnung, warum Dad darüber so sauer war. Er besitzt die Laufschuhe ohnehin nur, um sie gut sichtbar neben der Tür zu platzieren, in der Hoffnung, dass die Frauen ihn für sportlich halten.

Na ja, jedenfalls sind seine Augenbrauen bei beiden ernsten Gesprächen unkontrolliert herumgehüpft, deshalb war ich auch dieses Mal sofort in Alarmbereitschaft, als sie sich wieder in Bewegung setzten und nicht mehr zu bremsen waren. Wahrscheinlich fragte er sich, ob seine Tochter noch ganz richtig im Kopf war.

Als ob ich mir diese Frage nicht selbst jeden Tag stellen würde!

Ehrlich, ich gab mir die größte Mühe, mich auf seine Worte zu konzentrieren, aber seine Augenbrauen sprangen hierhin und dorthin und brachten mich ganz durcheinander. Wirklich faszinierend, wie beweglich sie sind.

Leider hat er mir dieses beeindruckende Talent nicht vererbt.

»Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte er entrüstet.

»Natürlich!«, log ich und riss meinen Blick von seinen tanzenden Brauen los. Dann streichelte ich geistesabwesend Hund, der sich soeben neben mich gelegt hatte und für diesen Treuebeweis in einer derart gefährlichen Verhörsituation offenbar eine Belohnung erwartete.

Dads Augenbrauen zogen sich zu einer Linie zusammen. »Anastasia«, sagte er, um den Ernst der Lage zu unterstreichen, und beugte sich mit verschränkten Fingern nach vorne, wobei er versuchte, ein möglichst verständnisvolles Gesicht zu machen.

»Nicholas.« Was er konnte, konnte ich genauso.

Dad holte tief Luft. »Mir ist durchaus klar, wie schwierig ein Schulwechsel sein kann, vor allem für einen Teenager wie dich. Ich bin nicht sauer auf dich. Das mit dem Bunsenbrenner war ein Unfall, ich weiß. Aber gibt es vielleicht irgendetwas, über das du gerne . . . mit mir sprechen möchtest?«

»Zum Beispiel?«

»Was weiß ich? Pubertätsprobleme?«

O Gott! Er wollte doch nicht etwa über Gefühle sprechen? Keine Ahnung, wie er sich das vorstellte. Es würde schon peinlich genug werden, meinen beiden neuen und einzigen Freunden Jess und Danny von meinem erneuten Fauxpas zu erzählen. Ich konnte von Glück reden, wenn sie danach noch mit mir befreundet sein wollten. So oder so, meinem Vater würde ich mich ganz sicher nicht anvertrauen.

»Was für Pubertätsprobleme?«

»Keine Ahnung!« Seine Augenbrauen hüpften hektisch Richtung Zimmerdecke. »Dass man in deinem Alter oft noch nicht weiß, was verantwortliches Handeln bedeutet, zum Beispiel.«

»Wenn du mir einen Vortrag halten willst, kannst du dir die Mühe sparen. Ich höre dir sowieso nicht zu.«

Er verengte die Augen zu Schlitzen. »Nimmst du die ganze Sache überhaupt ernst?«

»Ja, ich nehme sie ernst! Ich habe einer Mitschülerin die Haare angekokelt, das war gefährlich, und peinlich für mich war es auch. Ich werde nie wieder unbeaufsichtigt einen Bunsenbrenner anfassen. Die ganze Schule hasst mich jetzt und hält mich für eine noch größere Loserin als vorher. Mein Leben ist echt Mist!«

»Genau solche Probleme meinte ich«, sagte er sanft.

Oh Mann! Kaum unterläuft einem ein winziger Fehler wie diese Bunsenbrennergeschichte, schon hat der eigene Vater das Bedürfnis, mit einem ein elterliches Therapiegespräch zu führen!

»An deiner . . . deiner letzten Schule warst du . . . warst du ja auch nicht gerade . . .« Er brach ab.

»Die Allerbeliebteste?«

»Nein, das meinte ich nicht«, widersprach Dad und ließ sich in den Sessel zurücksinken, in den er sich normalerweise sonntagnachmittags mit seinem irischen Whiskey zurückzieht. »Du warst dort nicht so gut . . . integriert. Ich will doch nur sichergehen, dass du dich an deiner neuen Schule wohlfühlst.«

An diese neue Schule hatte ich wechseln müssen, als wir im Vorjahr nach London gezogen waren, weil Dad als freiberuflicher Journalist zunehmend gefragter wurde und »am Ort des Geschehens« sein musste, also in London. Seltsamerweise war sein plötzlicher Erfolg darauf zurückzuführen, dass er ein gähnend langweiliges Buch über Panzer geschrieben hatte, das sich als ziemlicher Verkaufsschlager entpuppt hatte. Obwohl das Buch mir gewidmet ist, habe ich es nie gelesen, was ihn total wurmt. Dabei müsste eigentlich ich diejenige sein, die beleidigt ist – welches Mädchen träumt schon davon, dass ihm jemand ein Buch über PANZER widmet?

Erstaunlicherweise hat das ernsthafte Panzerbuch dazu geführt, dass Dad jetzt seichte Artikel über Prominente schreibt, die alle entweder in London wohnen oder hier viel Zeit verbringen. Dadurch ist Dad jetzt öfter zu Hause als früher, was natürlich gut ist, auch wenn er manchmal abends auf Promipartys geht. Die berühmten Leute stehen auf Dad, weil er in schicken Hochglanzmagazinen wohlwollend über sie berichtet, statt wie früher in einer kleinen Spalte in irgendeiner Boulevardzeitschrift über ihre Schweißflecken zu schreiben.

Ich glaube, er hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen wegen des Umzugs, aber mir hat das nicht viel ausgemacht. An meiner alten Schule hatte ich sowieso kaum Freunde. Anfangs war ich ein bisschen besorgt, wie Hund sich wohl in London einleben würde, doch er freundete sich sofort mit einem Zwergspitz namens Hamish an, der ein paar Häuser weiter wohnt.

»Danke, Dad. Ich weiß es zu schätzen, dass du dir Sorgen um mich machst, aber lass es einfach, okay? Alles ist super.«

Er seufzte, nachdem klar war, dass ich keine spektakulären Teenieängste preisgeben würde, wie er sie offenbar erwartet hatte. »Na gut. Dann sei in Zukunft ein bisschen vorsichtiger im Chemieunterricht, ja?«

»Versprochen. Vorausgesetzt, ich darf je wieder ein Chemielabor betreten. Einen Bunsenbrenner rühre ich jedenfalls nie wieder an.«

»Hausarrest verpasse ich dir nicht, du verlässt ja sowieso nie das Haus.«

»Hey, cool. Ein echt aufbauendes Gespräch, Dad, danke.«

Er zog ein letztes Mal besorgt die Augenbrauen hoch, stand dann endlich von seinem Sessel auf und verließ das Wohnzimmer. Ich entspannte mich, und Hund, dieser Verräter, sprang sofort auf und heftete sich an Dads Fersen. Hätte ja sein können, dass er in die Küche ging.

Zu Hunds Bedauern marschierte Dad allerdings die Treppe hoch in sein Zimmer, um sich für sein Date fertig zu machen. Er trifft sich in letzter Zeit regelmäßig mit einer neuen Frau, die er mir noch nicht vorgestellt hat. Nicht, dass ich scharf darauf wäre.

Meistens ist er ohnehin nicht lange genug mit seinen weiblichen Eroberungen zusammen, dass ich sie kennenlerne. Manchmal gehe ich ans Telefon und höre eine fremde Frau sagen: »Oh hi, du bist bestimmt Anna! Kann ich bitte mit Nick sprechen?« Daraufhin macht Dad im Hintergrund gern hek­tische »Ich bin nicht da«-Bewegungen, während ich der jewei­ligen Dame erkläre, dass er gerade in Slowenien auf einem Selbstfindungstrip wandelt oder in Beirut seine neue Bademodenlinie vorstellt oder in Peru eine Sherpa-Ausbildung macht. Ich finde, ich bin da ziemlich kreativ.

Mir absurde Gründe für seine angebliche Abwesenheit auszudenken, ist allerdings riskant, weil Dad gerne Gegenstände nach mir wirft, wenn ich es übertreibe.

Seine jetzige Freundin hat er schon mehrere Monate, eine ­rekordverdächtig lange Zeit. Widerlich, wie er sich benimmt: Er kämmt sich die Haare, benutzt Aftershave und tanzt – ja, tanzt – durchs Haus. Ich musste sofort Mum anrufen und ihr erzählen, wie peinlich ich sein Verhalten finde.

Sie war zu dem Zeitpunkt gerade in Indien, deshalb hat es ziemlich geknistert in der Leitung, aber ich glaube, ich konnte meinen Ekel trotzdem hinreichend deutlich machen. Mum ist Reisejournalistin und deshalb viel unterwegs, was ich allerdings nicht schlimm finde. Manchmal nimmt sie mich an die tollsten Orte mit, und wenn sie gerade in England ist und wir uns eine Zeit lang nicht gesehen haben, kommt sie und wohnt bei uns.

Mum und Dad waren nie verheiratet und auch nicht besonders lange zusammen. Sie haben sich als Nachwuchsreporter kennengelernt. Laut Dad war »Rebecca total verknallt« in ihn, während Mum behauptet, sie sei »entweder sturzbetrunken gewesen oder habe an einer tropischen, Halluzinationen verursachenden Krankheit gelitten«. Jedenfalls bin ich dabei herausgekommen, und zum Glück sind die beiden bis heute gute Freunde, was die Sache erheblich erleichtert.

Als ich noch jünger war, habe ich immer gehofft, dass sie wieder zusammenkommen – wie in Das doppelte Lottchen –, aber inzwischen ist mir klar, dass es so viel besser ist. Mum sagt, sie könnte nie mit Dad zusammen sein, weil er zu rechthaberisch ist und sein lautes Niesen ihr Angst macht, und Dad behauptet, er könnte niemals eine Beziehung mit Mum führen, weil sie grundsätzlich das Geschirr nicht abspült und sich einmal über John Waynes Hut lustig gemacht hat. Wenn ihr mich fragt, liegt es in Wirklichkeit daran, dass sie beste Kumpels sind, aber hey: Man muss Erwachsene glauben lassen, was sie wollen.

»Klingt, als wäre er verliebt, Schätzchen«, lachte Mum ins Telefon, als ich ihr von Dads neuesten Eskapaden erzählte. »Sei lieb zu ihm.«

Keine Ahnung, welchen Rat sie noch für mich hatte, denn die Hintergrundgeräusche wurden immer lauter, und ich bildete mir ein, zu hören, wie jemand Kohlköpfe für zwanzig Rupien pro Kilo anpries. Indien scheint ein ziemlich lautes Land zu sein.

Während Dad in seinem Zimmer herumkramte und sich schick machte, beschloss er, mich vom ersten Stock aus weiter zu belehren. »Ich will heute Abend keine Probleme mehr!«, rief er zu mir nach unten. »Du bleibst zu Hause und benimmst dich, ist das klar?«

Ich fand diesen Kommentar äußerst ungerechtfertigt, denn ich benehme mich in den allermeisten Fällen vorbildlich. Als Unruhestifterin kann man mich nun wirklich nicht bezeichnen, und zu Partys werde ich auch nie eingeladen, also verstehe ich echt nicht, wovor Dad Angst hat.

In letzter Zeit war ich nur ein einziges Mal nicht ganz so mustergültig brav, und das war auf der Einweihungsparty, die er in unserem neuen Haus veranstaltet hat und zu der Unmengen von Leuten mit ihren Duftwolken von teurem Parfum und ihren Chardonnay-Flaschen bei uns einmarschierten. Ich musste ihnen die Jacken abnehmen, den ganzen Abend mit Tabletts voller Häppchen herumgehen und mir anhören, wie die Gäste Dad für seine entzückende Tochter lobten, während sie mich völlig ignorierten und sich Mini-Bruschettas vom ­Tablett nahmen.

Jedenfalls war an diesem Abend auch ein Schauspieler da, der zu einem anderen Gast sagte, dass er wirklich nicht verstehen könne, was Nick mit diesem Köter dort drüben wolle, der bestimmt alles vollsabbere und allem Anschein nach noch nicht einmal einen guten Stammbaum habe. Daraufhin ließ ich rein versehentlich den Hut des Schauspielers vor Hund auf den Boden fallen, damit er darauf herumkaute.

Danach hat Dad mich zum Glück nicht zu einem ernsten Gespräch über respektvolles Verhalten gegenüber Erwachsenen zitiert, aber am nächsten Tag quatschte er mich fünf Milliarden Stunden über den Unterschied zwischen Jagdfliegern und Bombenflugzeugen voll.

Keine Ahnung, ob das eine Bestrafung sein sollte. Es fühlte sich jedenfalls so an.

»Ich werde mich einfach mit Hund vor den Fernseher fläzen und Filme schauen. Ein bisschen mehr Vertrauen, werter Vater.«

»Aber keine Vampirfilme, oder?« Er prustete vor Lachen über seinen eigenen »Witz«.

Das war nicht nur nicht witzig, sondern auch noch mega-ungerecht, weil er schließlich derjenige gewesen war, der seiner vierzehnjährigen Tochter letzte Woche diesen doofen, blutrünstigen Horrorfilm über Vampirkinder empfohlen hatte, als sie mutterseelenallein zu Hause war – abgesehen von einem Labrador.

Und Hund könnte mich im Ernstfall ganz sicher nicht beschützen, denn er hat schon vor Salatbesteck panische Angst. Immer wenn wir die großen hölzernen Salatlöffel aus der Schublade ziehen, rennt er wie ein Verrückter im Kreis und bellt sich vor lauter Panik die Seele aus dem Leib. Was würde er dann erst tun, wenn plötzlich ein Vampir ins Haus geschlendert käme? Jedenfalls hatte ich Dad letzte Woche bei seinem Date gestört und ihn gebeten, nach Hause zu kommen und sich zu vergewissern, dass keine Vampire da waren.

»Wann lerne ich eigentlich deine neue Freundin kennen?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln.

»Schon sehr bald«, antwortete er fröhlich und kam wieder die Treppe herunter. »Sie kann es gar nicht erwarten, dich kennenzulernen!«

»Na klar.«

Dad blickte noch ein letztes Mal in den Spiegel im Eingangsflur. »Nicht schlecht für einen alten Mann, was? Ich finde, ich könnte für Anfang dreißig durchgehen.«

»Wovon träumst du nachts, Opa? Wer so leidenschaftlich wie du von Eric Clapton schwärmt, ist niemals auch nur einen Tag jünger als vierzig.«

»Das reicht jetzt an qualifizierten Kommentaren.« Er kam zu mir ans Sofa. »Kann ich mich heute Abend auf dich verlassen? Keine Brandstiftung?«

»Keine Brandstiftung. Keine Vampire.«

»Ruf mich an, wenn du was brauchst.« Er wuschelte mir durchs Haar und warf mir dann einen langen, prüfenden Blick zu.

»Anna . . .« Er zögerte. »Dir . . . dir gefällt es doch hier in London, oder?«

»Ja, wieso?«

»Und du . . . na ja . . . egal. Ich wünsche dir einen schönen Abend. Tschüss, Hund.«

Während die Tür hinter Dad ins Schloss fiel, konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass er mir etwas verschwieg.

Kapitel drei

 

Von:

jess.delby@zingmail.co.uk

An:

anna_huntley@zingmail.co.uk

Betreff:

Bist du pyromanisch veranlagt?!

 

Ich hab dich heute nach der Schule gesucht, aber irgendjemand meinte, du wärst früher nach Hause gegangen. Jetzt versuche ich schon die ganze Zeit, dich anzurufen, aber du gehst weder ans Festnetz noch an dein Handy, also schaust du wahrscheinlich gerade einen Film mit Hund, oder?

 

Was ist da heute passiert?? Stimmt es, dass du den Chemietrakt abgefackelt hast?

 

Schreib so schnell wie möglich zurück!

 

J x

 

Von:

anna_huntley@zingmail.co.uk

An:

jess.delby@zingmail.co.uk

Betreff:

Re: Bist du pyromanisch veranlagt?!

 

Dad ist unterwegs, weil er ein Date hat, und Hund und ich vertreiben uns die Zeit damit, unsere Lieblingsszenen aus König der Löwen auf YouTube zu gucken. Ans Telefon kann ich leider nicht gehen, weil ich versucht habe, Hund hochzuheben, (als wäre er Simba bei dieser Szene auf dem Königsfelsen, du weißt schon). Na ja, jedenfalls war ich nicht stark genug, und er ist auf mich draufgestürzt und auf meinem Arm gelandet. Der tut jetzt echt weh, und den Knöchel habe ich mir auch verstaucht, deshalb bleibe ich lieber auf dem Sofa liegen.

 

Ich glaube, Hund hat ein paar Kilo zugenommen.

 

Nein, ich habe nicht den Chemietrakt abgefackelt, sondern Josie Grahams Haare.

 

LG, Anna xxx

 

Von:

jess.delby@zingmail.co.uk

An:

anna_huntley@zingmail.co.uk

Betreff:

BIST DU VERRÜCKT GEWORDEN?!

 

Warum musstest du ausgerechnet die Haare von Queen Sophies bester Freundin abfackeln? Dir ist aber klar, dass Sophies Mutter schon mal Kate Moss persönlich getroffen hat, oder? Dafür wird dich die ganze Schule hassen, das steht fest.

 

Hast du das gemacht, weil du noch kein Date für den Schulball hast? Als Protestaktion gegen alle Mädchen, die schon gefragt wurden? Der Ball ist doch erst kurz vor den Osterferien, du hast also noch Ewigkeiten Zeit.

 

J x

 

PS: Wie kommst du eigentlich auf die Idee, einen ausgewachsenen Labrador hochzuheben? Hör auf, Filmszenen nachzuspielen, du Spinnerin!

 

Von:

anna_huntley@zingmail.co.uk

An:

jess.delby@zingmail.co.uk

Betreff:

Re: BIST DU VERRÜCKT GEWORDEN?!

 

Nein, ich bin nicht verrückt geworden. Ich muss nur in Zukunft dafür sorgen, dass keine mit Haarspray vollgesprühten Mitschülerinnen in der Nähe sind, wenn ich einen Bunsenbrenner einschalte.

 

Dass mich jetzt die ganze Schule hasst, ist mir auch klar.

 

Josie sah aus, als würde sie mich am liebsten erwürgen, ich hatte echt Angst um mein Leben. Wie damals, als mich die total furchterregende Informatiklehrerin von meiner alten Schule angebrüllt hat, nur weil ich Papier aus dem Drucker genommen hatte. Da habe ich mir doch glatt in die Hose gepinkelt, aber nur ein ganz kleines bisschen.

 

Glaubst du, Josie erzählt es Sophie? Bestimmt hasst sie mich dann genauso!

 

Das ist wirklich ein Rückschritt. Neulich hätte ich nämlich schwören können, dass Sophie über einen Witz gelacht hat, den ich Danny auf dem Schulflur erzählt habe. Ich hatte schon gehofft, dass sie mich vielleicht doch nicht für eine Totalversagerin hält.

 

Außerdem: Entschuldige mal bitte, aber es ist mir vollkommen gleichgültig, dass ich noch kein Date für den Schulball habe. Ich brauche kein Date. Zu meinem letzten Ball bin ich auch ohne Begleitung gegangen und hatte jede Menge Spaß. Ich habe stattdessen einfach mit einem Luftballon getanzt, worüber sich alle totgelacht haben. Aber nicht, weil sie mich bescheuert fanden, sondern weil es wirklich witzig war.

 

LG

Anna xxx

 

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Äh . . . Moment mal bitte . . . wie war das?

 

Deine letzte E-Mail war ziemlich verstörend, und zwar von Anfang bis Ende.

 

Du hast dir in die Hose gepinkelt? Wie alt warst du, als das passiert ist?

 

Und was meinst du damit, du hättest mit einem Luftballon getanzt?

 

Mit diesen ganzen eigenartigen Geschichten aus deiner Vergangenheit machst du mich ganz nervös.

 

J x

 

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Re: Äh . . . Moment mal bitte . . . wie war das?

 

Das war vor zwei Jahren. Ich habe mich nicht eingenässt oder so was, es waren nur ein paar Tropfen Pipi! Die Informatiklehrerin stand plötzlich vor mir und hat mir einen Riesenschrecken ein­gejagt.

Mit einem Ballon zu tanzen, ist ein absolut verständlicher und vor allem witziger Akt der Rebellion. Oscar Wilde hätte so etwas getan und es als vernichtenden Kommentar zu unserer Gesellschaft aus lauter abhängigen und irrationalen Gestalten betrachtet, die sich ohne eine sogenannte bessere Hälfte unvollständig fühlen.

 

LG

Anna xxx

 

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Es hat sich bestätigt: Du BIST verrückt

 

Deine Pipi-Geschichte solltest du vielleicht in Zukunft für dich behalten.

 

Die mit dem Ballon genauso.

 

J x

 

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Kurze Frage

 

Willst du jetzt, nachdem ich Josie Grahams Haare angezündet habe, immer noch mit mir befreundet sein? Ich würde es absolut verstehen, wenn nicht.

Dasselbe gilt für Danny. Ich an eurer Stelle würde auch nicht mehr mit mir befreundet sein wollen.

 

LG, Anna xxx

 

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Re: Kurze Frage

 

Soll das ein Witz sein? Wenn wir dich nicht als Freundin hätten, über wen sollten wir dann lachen? Wir brauchen dich! Allein schon wegen deines Unterhaltungswerts.

 

J x

 

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Re: Re: Kurze Frage

 

Über wen habt ihr eigentlich gelacht, bevor ihr mich kanntet?

 

LG, Anna xxx

 

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Re: Re: Re: Kurze Frage

 

Über den komischen Kauz, der früher neben Danny gewohnt hat und immer im Hühnerkostüm Musicalsongs geträllert hat.

Ich glaube, das mit dem Hühnerkostüm hatte irgendwas mit seinem Job zu tun, aber sicher bin ich mir nicht.

 

Na ja, jedenfalls waren Danny und ich am Boden zerstört, als er letzten Sommer weggezogen ist. Zum Glück bist du ja im September hergezogen und hast die Lücke mehr als aus­gefüllt.

 

J x

 

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Jetzt bin ich erst recht deprimiert

 

Moment mal: Ich ersetze in euren Augen einen Kerl, der im Hühnerkostüm Musicalsongs gesungen hat?

 

ICH BIN ALSO EUER ERSATZ FÜR DIESEN TYPEN??

 

Ich hätte mich selbst heute abfackeln sollen.

 

LG, Anna xxx

 

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Re: Jetzt bin ich erst recht deprimiert

 

Wenn du die Lücke, die der Hühnermann in unser Leben gerissen hat, ernsthaft ausfüllen möchtest, könntest du doch in der großen Pause Musicalsongs für uns zum Besten geben.

 

Mein persönliches Lieblingsmusical ist Fame, weil es perfekt zu mir passt, amüsant und verblüffend, wie ich nun mal bin, und Danny steht auf My Fair Lady, weil er im Prinzip jetzt schon ein alter Mann ist und das Musical angeblich auf einem Theaterstück basiert, für das sich kein Mensch interessiert.

 

Nur so als Tipp, wie du uns endgültig für dich einnehmen ­könntest.

 

J x

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Hahaha . . .

 

Meine Bühnenlaufbahn begann und endete, als ich einmal in einem Krippenspiel einen Hirten spielen musste. Ich kam auf die Bühne, sah die vielen Leute, die mich anstarrten, und ergriff heulend die Flucht. Und prallte gegen einen Baum.

 

Da stellt man sich doch die Frage, was ein Baum in einem Krippenspiel zu suchen hat? Soweit ich weiß, sind Bäume in Bethlehemer Ställen eher Mangelware. Der Lehrer, der das Stück inszeniert hat, war eindeutig ein Idiot.

 

Außerdem kann ich leider nicht singen. Keinen einzigen Ton. Tut mir leid, wenn ich nach dem Hühnerkostüm-Mann eine Enttäuschung bin. So sehr ich mir wünschen würde, für alle Zeiten eure Freundin zu bleiben: Dazu wird es nicht kommen, das kann ich garantieren.

 

Aber ich habe ein angeborenes Talent dafür, Menschen in Brand zu stecken.

 

Vielleicht liegt meine Berufung also eher im feurigen Bereich. Ja, genau! Vielleicht kann ich ja besonders gut Metall schweißen, oder so was.

 

ICH KÖNNTE MIR EINE RÜSTUNG SCHWEISSEN WIE DIE VON IRON MAN!

 

Das wäre so cool! Ich muss unbedingt sofort mit unserem Techniklehrer sprechen. Meinst du, er hat Zugang zu einem Schweißbrenner? Mein Talent müsste auf jeden Fall jetzt weiter­entwickelt werden, solange ich noch jung und formbar bin.

 

LG, Anna xxx

 

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Re: Hahaha . . .

 

Was ist ein Iron Man? Ist das eine Figur aus diesen Marvin-Comics, nach denen du so verrückt bist? Wie dieser Typ, der so dehnbar ist?

 

J x

 

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Betreff:

Re: Re: Hahaha . . .

 

Also erstens heißt es Marvel-Comics, nicht Marvin-Comics.

Zweitens: Nenn Mr Fantastic bitte nie wieder »diesen Typen, der so dehnbar ist«.

 

Und drittens: Ja, Iron Man ist eine Comicfigur. Tony Stark entwickelt eine eiserne Schutzrüstung mit Abwehrlaser und Flugfunktion, damit er damit Bösewichte bekämpfen kann.

 

Wenn ich auch so eine Rüstung hätte, würden bestimmt alle mit mir befreundet sein wollen!

 

LG, Anna xxx

 

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Re: Re: Re: Hahaha . . .

 

Manchmal mache ich mir wirklich Sorgen, dass du es ernst meinen könntest. Zum Beispiel jetzt.

 

J x

 

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Betreff:

Glaub mir,

 

ich meine es ernst. Ich habe gerade Hund losgeschickt, damit er Dads Werkzeugkasten aufspürt. Vielleicht findet sich darin ja was, womit ich schon mal experimentieren kann, bis ich einen Schweißbrenner aufgetrieben habe.

 

LG

Anna xxx

 

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Betreff:

Jetzt bist du völlig übergeschnappt

 

Man kann Hunde nicht einfach losschicken, damit sie einem etwas aus dem Keller holen. Sie verstehen nicht, was man sagt, weil es nämlich HUNDE sind.

 

Nach dem heutigen Vorfall wäre es vielleicht angebracht, vorerst einen Bogen um Werkzeuge zu machen, die Flammen erzeugen.

Was hast du eigentlich heute Abend vor? Lass mich raten . . . Du hast schon alle Hausaufgaben gemacht (Streberin!) und willst jetzt einen Film schauen, der vor unserer Geburt gedreht wurde (Nerd!).

 

Stimmt’s, oder habe ich recht?

 

J x

 

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Du hattest recht,

zumindest weitgehend. Hund ist mit einem Lampenschirm statt mit dem Werkzeugkasten zurückgekommen. Keine Ahnung, wo er den herhat. Na ja, jedenfalls gucken wir jetzt diesen Film, von dem Dad immer schwärmt, von so einem berühmten Typen namens Hitchcock. Der Anfang ist ziemlich langweilig, aber Dads Empfehlungen sind eigentlich immer gut. Angeblich ist dieser Film ein absoluter Klassiker.

 

LG

Anna xxx

 

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WICHTIG!

 

Welchen Film von Hitchcock hast du eingelegt, Anna?

 

Die Antwort ist absolut entscheidend, also schreib schnell zurück!

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Re: WICHTIG!

 

Ist ja gut, beruhige dich. Der Film heißt Psycho. Aber jetzt muss ich aufhören zu schreiben, ich glaube, es wird endlich spannend.

 

LG

Anna xxx

 

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Betreff:

MISSION ABBRECHEN! MAYDAY! MISSION SOFORT ABBRECHEN!

 

Anna, diesen Film darfst du auf keinen Fall weiterschauen! Ich weiß doch, wie du auf gruselige Filme reagierst! Das ist ein Horrorfilm!! DRÜCK SOFORT AUF STOPP!

 

Du hast auf Stopp gedrückt, oder?

 

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anna_huntley@zingmail.co.uk

Betreff:

(kein Betreff)

 

Anna? ANNA? Hast du meine letzte Mail gekriegt???

 

Das reicht. Ich komme rüber. Und schließ dich diesmal bitte nicht wieder ein.

 

J x

Hallo. Dies ist die Mailbox von Nick Huntley. Bitte hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Nummer sowie gegebenenfalls eine Nachricht, dann melde ich mich bei Ihnen, sobald es mir möglich ist. Vielen Dank.

 

* P I E P *

 

»Hi Dad, ich bin’s. Ich weiß, du bist unterwegs, aber ich dachte, ich rufe trotzdem mal kurz durch und melde mich. Ich habe übrigens beschlossen, mir diesen Film anzusehen, von dem du immer sprichst: Psycho. Du weißt schon, der von diesem Regisseur, über den du gerne lange, öde Vorträge hältst. Er war schon im DVD-Player, und Hund hat sich sofort neben mich gelegt, daher weiß ich, dass er einverstanden ist. Ich hoffe, der Film ist unterhaltsam. Also, dir viel Spaß noch. Tschüss.«

 

Hallo. Dies ist die Mailbox von Nick Huntley. Bitte hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Nummer sowie gegebenenfalls eine Nachricht, dann melde ich mich bei Ihnen, sobald es mir möglich ist. Vielen Dank.

 

* P I E P *

 

»DAD! Dad, ich bin’s noch mal! Es ist etwas Furchtbares passiert, Dad! Sie wurde erstochen! IN DER DUSCHE! Ich kann nicht GLAUBEN, dass du mich so was gucken lässt! Du hast mich sogar ERMUNTERT, diesen Film zu schauen! BIST DU BESCHEUERT?! Ich hoffe, dir ist klar, was das bedeutet: ICH WERDE NIE WIEDER DUSCHEN!«

 

Hallo. Dies ist die Mailbox von Nick Huntley. Bitte hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Nummer sowie gegebenenfalls eine Nachricht, dann melde ich mich bei Ihnen, sobald es mir möglich ist. Vielen Dank.

 

* P I E P *

 

»Hi Dad, also, ich habe mir überlegt . . . könntest du nicht vielleicht bald nach Hause kommen? Nur ganz kurz. Du würdest auch überhaupt nichts verpassen. Komm einfach her und such das Haus nach Mördern ab, dann kannst du sofort wieder los. Denk wenigstens darüber nach. Okay, tschüss. O GOTT! ES HAT GERADE AN DER TÜR GEKLINGELT, DAD! DAD, DU MUSST NACH HAUSE KOMMEN!«

 

Hallo. Dies ist die Mailbox von Nick Huntley. Bitte hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Nummer sowie gegebenenfalls eine Nachricht, dann melde ich mich bei Ihnen, sobald es mir möglich ist. Vielen Dank.

 

* P I E P *

 

»Äh, Mr Huntley? Also, ja . . . hier ist Jess, Annas Freundin aus der Schule. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie Annas letzte Nachricht auf Ihrer Mailbox ignorieren können. Als ich bei Ihnen zu Hause ankam, saß sie im Schrank hinter dem Staubsauger und hatte Ihren Golfschläger in der Hand. Inzwischen hat sie sich wieder beruhigt, Sie müssen sich also keine Sorgen machen. Ein Glück, dass ich weiß, wo Ihr Ersatzschlüssel ist, was? Na ja, wie auch immer: Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Ja . . . äh, tschüss dann.«

Autor