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Projekt Orphan

Evan Smoak ist der "Nowhere Man". Ein geflüsterter Name unter Kriminellen, den manche für einen Spuk halten. Er hilft denen, die keinen Ausweg mehr haben. Dies ist seine Art sich seine Menschlichkeit zu erhalten, nachdem er jahrelang unter dem Decknamen "Orphan X" im geheimen Auftrag der US-Regierung getötet hat. Während er einer Jugendlichen hilft, den Fängen eines Mädchenhändlerrings zu entkommen, wird er überwältigt und entführt. Jetzt muss Evan all sein Können aufbringen, um sich selber zu befreien, bevor es zu spät ist … Denn es gilt weiterhin sein 10. Gebot: Lasse niemals einen Unschuldigen sterben.

„Mit der Fortsetzung von ,Orphan X‘ ist Hurwitz wieder ein außergewöhnlicher Thriller gelungen. Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite, setzt er diesmal, was die Spannung betrifft, sogar noch eins drauf."
bn Bibliothekksnachrichten

Orphan X ist waffenfähiges Thrillermaterial eines modernen Meisters
The Guardian

Spannung, die einen die ganze Nacht nägelkauend wach sein lässt.
Harlan Coben

Orphan X ist herausragend. Ein smarter, stylisher, state-of-the-art-Thriller.
Washington Post


  • Erscheinungstag: 07.08.2017
  • Aus der Serie: Evan Smoak
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 480
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959676687
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Keith Kahla,
im besten Sinne ein Lektor der alten Schule
und einer der neuen überall dort,
wo es darauf ankommt

Wie tief muss man die Vergangenheit begraben, damit sie nicht wieder zum Leben erwacht?

Alan Moore, Swamp Thing

1. WAS ER WISSEN MUSS

Ein Nackt-Selfie.

Damit fängt es an.

Hector Contrell hat einen Siebzehnjährigen, der an Middle Schools in East L. A. Mädels für ihn aufreißen soll. Der Junge – er hört auf den unpassenden Namen Addison – ist ein ausgezeichneter Köder: attraktiver Gammellook, Bartflaum auf der Oberlippe, Popstarwangenknochen, dunkelblondes Haar, das ihm auf diese aufreizende Art in die Augen fällt. Er trägt einen Hoodie und fährt Skateboard, damit er als Fünfzehnjähriger durchgeht. Den Mädels sagt er, er ist Profiskater mit Sponsoringvertrag. Oder Rapper bei einem großen Label. In Wirklichkeit ist er ein kiffender Loser, der mit seinem älteren Bruder und dessen Kumpels in einer gemieteten Garage wohnt, seine Nächte vor Call of Duty verbringt und dabei eine grüne Glasbong namens Fat Boy raucht.

Addison treibt sich zur Mittagszeit oder nach Unterrichtsschluss in der Nähe von Schulen herum, dabei rattert sein Skateboard über die Risse im Bürgersteig, wenn er ganz langsam am Zaun entlangrollt. Die Mädels kommen in kleinen Grüppchen und kichern, und er sucht sich eine aus, die er von der Herde trennt. Er sagt ihr, sie soll ein paar Fotos von sich machen, heimlich einen Facebook-Account anlegen, von dem ihre Eltern nichts wissen dürfen, und die Bilder hochladen. Und dass das an der Highschool alle machen, was größtenteils auch stimmt, aber längst nicht jede lässt sich für diese Art von Vorhaben einfangen. Addison konzentriert sich auf Schulen in ärmeren Vierteln, Mädchen mit wenig Geld, die sich leicht blenden lassen, weil sie dringend einen Traum brauchen, ein bisschen Romantik, einen Ausweg. Mädchen, deren Eltern nicht die Mittel haben, viel zu unternehmen, wenn ihre Töchter verschwinden.

Und die Adressen dieser geheimen Facebook-Seiten sendet er dann an Hector Contrell.

Das Geniale daran ist, dass die Mädchen auch noch ihre eigene Angebotsseite erstellen.

Von Contrell aus landen die Adressen bei diversen Männern mit nicht ganz alltäglichen Vorlieben. Österreichische Industrielle. Scheichs. Drei Brüder in Detroit mit einem gut gesicherten Geräteschuppen aus Metall. Im Internet können sie in aller Ruhe und ungestört die Ware begutachten und, falls erforderlich, weitere Produktinformationen anfordern: Aufnahmen aus einer anderen Perspektive, bestimmte Posen. Dann treffen sie ihre Wahl, und ein Produkt landet im Warenkorb.

Angesichts des Einwanderungsdurcheinanders, des Einflusses der Gangs und kaputter Familienstrukturen kommt es immer wieder vor, dass Mädchen ohne Geld und mit Migrationshintergrund verschwinden. Aber glücklicherweise sind sie ein nachwachsender Rohstoff.

Hector Contrell kommt mitten in der Nacht, und ein weiteres Mädchen verschwindet spurlos, um in Islamabad, Birmingham oder São Paulo langsam aus der Betäubung zu erwachen. Manche dieser Mädchen werden über längere Zeit behalten. Andere sind zur einmaligen Benutzung vorgesehen.

Anna Reznian ist die nächste Kandidatin. Ihr Vater ist Klempner, arbeitet hart, kommt spät nach Hause und ist dann müde. Ihre Mutter serviert Cocktails in Bars, kommt noch später nach Hause und ist noch müder. Obwohl sie erst fünfzehn ist, kümmert sich Anna um ihre jüngeren Geschwister und versucht, nicht zu vergessen, ihre Hausaufgaben zu machen, wenn die Kleinen endlich im Bett sind. Keine leichte Aufgabe für ein Mädchen in ihrem Alter.

Dann, eines Tages nach der Schule, blinzeln Addisons blaue Augen unter seinen Ponyfransen hervor und schauen sie an, genau sie und sonst niemand. Am selben Abend zieht Anna ihren Eyeliner nach, streift die am Knie schon fast durchgewetzten Dickies-Chinos ab und prüft die Beleuchtung. Diese Entscheidung, dieser Moment sind der Anfang eines ganz neuen Lebens, das spürt sie deutlich.

Doch als sie das Selfie hochgeladen hat, kann sie keine magische Veränderung feststellen. Sie starrt das Bild an, das sie gerade mit der Welt geteilt hat, und merkt, wie ihr mulmig wird.

Sie beschließt, es bei diesem einen Foto zu belassen. Aber Addison braucht noch mehr, denn ein Käufer in Serbien hat sie angefordert. Völlig zugekifft passt er Anna vor der Einzimmerwohnung ab, in der sie mit ihrer Familie wohnt. Als er mit seinem billigen Hipstercharme bei ihr nicht weiterkommt, fängt er an, ihr zu drohen. Im nächtlichen Crenshaw spielt er sich mächtig auf und gibt damit an, für jemanden zu arbeiten, der ihr und ihrer Familie wehtun wird, wenn sie jetzt einen Rückzieher macht.

Anna bleibt die ganze Nacht wach, sitzt zitternd vor dem erleuchteten Bildschirm ihres uralten Laptops, klickt sich durch die unendlichen Seiten von Facebook und verfolgt bestimmte Threads. Freunde von Freunden haben gehört, dass wiederum andere Freunde verschwunden sein sollen. Über den Bildschirm hinweg sieht sie ihre schlafenden Geschwister an und überlegt, wie es sich wohl anfühlt, wenn ihnen etwas zustoßen sollte, nur weil sie eine Dummheit begangen hat. Dann betrachtet sie ihre schlafenden Eltern, völlig erschöpft von dem langen Arbeitstag. Annas Schuldgefühle wachsen ins Unermessliche, lassen sie sich immer mehr in sich selbst zurückziehen, bis sie sich vollkommen isoliert fühlt, meilenweit entfernt von ihrer Familie. Und das hat sie nur sich selbst zuzuschreiben. Irgendetwas Furchtbares wird passieren, entweder ihrer Familie oder ihr selbst. Dann trifft sie die Entscheidung.

Und lädt neue Fotos hoch.

Anna kann nicht mehr schlafen. Sie reißt sich büschelweise die Haare aus. In der Schule ritzt sie sich, weil sie hofft, dass der Schmerz sie aus diesem Albtraum erwachen lässt. Vielleicht ist es auch ein Hilferuf, und mit jedem leuchtend roten Schnitt auf ihrem Unterarm sendet sie ein Rauchzeichen und hofft, dass jemand sie rettet.

Und tatsächlich sieht es jemand. Der Vater einer Mitschülerin, ein älterer Mann, der neuerdings ein Bein nachzieht und eine Gehhilfe braucht, findet Anna durch Zufall schluchzend in der Toilette eines 7-Eleven, als sie eigentlich in der ersten Stunde hätte sitzen sollen. Der Mann gibt ihr eine Telefonnummer: 1-855-2-NOWHERE. Wenn sie die anruft, wird alles wieder gut. Sofortige Problemlösung garantiert.

Sie wählt.

Evan Smoak meldet sich.

„Brauchen Sie meine Hilfe?“

Und so fängt es an.

Vierzehn Stunden später steht Evan vor Addisons Garagenwohnung. Es riecht stark nach Abgasen. Die Straßenbeleuchtung funktioniert nicht, Smog verhüllt die Sterne, die Nacht ist stockfinster. Und Evan ist ein Phantom.

Addisons Bruder Carl und seine Kumpel sind gerade unterwegs und besorgen Black-Tar – Heroin in einem Park in Boyle Heights. Das weiß Evan. Addison ist allein. Auch das weiß Evan.

Er ist gut vorbereitet.

Das Erste Gebot: Keine voreiligen Schlüsse.

Das Phantom hebt die Hand und klopft leise an die Garagentür.

Kurz darauf wird das Tor quietschend nach oben geschoben.

Gebückt tritt Addison aus dem Mief von abgestandenem Bongwasser. Leicht schwankend versucht er, Evan einzuordnen.

Evan ist absichtlich schwer einzuordnen: Mitte dreißig. Durchtrainiert, aber nicht übermäßig muskulös. Um die eins achtzig. Ein durchschnittlicher Typ mit durchschnittlich gutem Aussehen.

Addison unterschätzt ihn.

Das kommt häufig vor. Auch das ist Absicht.

Der Junge verzieht abschätzig den Mund. Schnickt sich mit einer Kopfbewegung die Haare aus den blauen Augen, derentwegen so manche junge Frau auf einem Containerschiff mit unbekanntem Zielhafen gelandet ist.

„Was willst du denn?“

„Hector Contrells Adresse.“

Addisons mädchenhaft dichtbewimperte Augen weiten sich, aber er hat sich schnell wieder im Griff. „Keine Ahnung, wer das sein soll. Und wenn, würd’ ich’s dir eh nicht sagen.“

Evan verzieht keine Miene. Das macht die Leute meist nervös.

Beginnende Verunsicherung zeigt sich auf Addisons Gesicht, aber er blinzelt sie weg. „Ich kenn die richtigen Leute, du Opfer. Die können dich verschwinden lassen, einfach so.“ Das Fingerschnalzen ist in der kühlen Luft deutlich zu hören. „Für wen hältst du dich überhaupt?“

„Für den Nowhere Man.“

Ein trockenes Schlucken. Der Adamsapfel des Jungen geht einmal rauf und wieder runter.

Diesen Namen kennen nicht viele. Aber dunkle Gerüchte haben sich in bestimmten Vierteln verbreitet wie Abfall, den der Wind durch grafittibeschmierte Gassen treibt.

Addison macht einen Schritt zur Seite, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als er spricht, klingt seine Stimme ganz rau, weil sich ihm die Kehle zuschnürt. „Das ist doch nur so ’ne Bullshit-Geschichte.“

„Dann gibt’s ja auch keinen Grund, Angst zu haben, oder?“

Addison bleibt stumm.

„Du weißt doch, was mit den Mädchen passiert“, erinnert Evan ihn.

Es dauert einen Moment, bis Addison seine Stimme wiederfindet. „Die verschwinden.“

„Wohin?“

„Keine Ahnung. Zu irgendwelchen Typen.“

„Und die machen was mit ihnen?“

Der Junge zuckt die Achseln und unterdrückt doch tatsächlich ein Kichern. „Na ja, was Typen halt so machen.“

„Die Adresse.“

„Geht nicht. Hector bringt mich um. Echt.“

Evan sieht ihn unverwandt an.

Addison gerät ins Stocken. „Nein“, sagt er, als auf einmal der Groschen fällt. „O nein. Hey, ich bin erst siebzehn. Du willst mich doch jetzt nicht umbringen, oder?“

Dann folgt ein Schlag, den Evan mit zwölf oder dreizehn von einem ruppigen Nahkampf-Ausbilder der Marines gelernt hat.

Der sogenannte Gaumenspalter.

Dabei handelt es sich um einen nicht tödlichen Schlag, der das Nasenbein, die Knochen der Nasennebenhöhlen und der Augenhöhlen zertrümmert, also de facto den Schädel einmal von Schläfe zu Schläfe horizontal durchtrennt. Danach hängt der Oberkiefer locker herunter, weil er nicht mehr richtig fixiert ist.

Evans Augen werden schmal. Er sucht sich die richtige Stelle aus und schlägt zu.

Er hätte dem Jungen nicht zugetraut, sich so gut zu halten, aber er steht immer noch aufrecht vor ihm auf dem Bürgersteig. Eine Art Sabber tropft ihm aus dem Mund und beiden Nasenlöchern.

„Nein. Umbringen werd’ ich dich nicht.“

Addison ringt keuchend nach Atem. Mit seinem neuen Gesicht wird es ihm nicht mehr ganz so leichtfallen, Mädchen aufzureißen.

„Die Adresse“, wiederholt Evan.

Das, was noch von Addisons Mund übrig ist, sagt ihm, was er wissen muss.

2. DER GESELLSCHAFTSVERTRAG

Unbemerkt schlüpfte Evan durch die Plastikplane in den Rohbau einer Fertigvilla, erbaut von dem, was Hector Contrell den armen Familien von East L. A. gestohlen hatte. Das alleinstehende Haus lag erhöht am Ende einer Auffahrt am Rande von Chatsworth.

Evan arbeitete sich lautlos durch die noch türlosen Räume ins Innere des Hauses vor. Die in Holzrahmenbauweise gefertigten offenen Bereiche mit den frei liegenden Deckenbalken gaben ihm das Gefühl, einen riesigen Brustkorb zu betreten, ja den Körper von Hector Contrell selbst. Sägemehl setzte sich ihm in Nase und Rachen. Unter den Sohlen seiner Original-S.W.A.T-Boots spürte er Nägel, die aus dem groben Boden ragten. Das griffig geschnittene Fischhautmuster der „Gunner Grip“-Spezialgriffschalen einer eigens für ihn angefertigten Wilson Combat 1911 Pistole sorgte dafür, dass die Waffe sicher in der Hand lag.

Schließlich fand er Contrell im zukünftigen Wohnzimmer, verschanzt wie ein Pilot in seinem Cockpit hinter Computerbildschirmen und Servern, von denen aus er ungestraft sein Mädchenhandelsimperium betrieb.

Er war ein grobschlächtiger bärtiger Mann, der sich total aus dem Gesellschaftsvertrag ausgeklinkt hatte und sich einfach nahm, was er wollte, wann immer ihm danach war. Die Hightechstation mit ihrem bläulichen Schein und den kreuz und quer verlaufenden Kabeln, die wie ein Pilzgeflecht aus dem frei liegenden Unterboden zu wuchern schien, wirkte gänzlich fehl am Platz.

Hector bemerkte eine Bewegung im Dunkeln, griff sofort zum Revolver und erhob sich. Er war so riesig, dass es ewig zu dauern schien, bis er sich zu seiner vollen Größe aufgerichtet hatte.

Von seiner Warte unmittelbar vor den halbkreisförmig angeordneten Schreibtischen aus sah Evan hoch zu ihm. Ein FUCK-YOU-Tattoo vorne auf Hectors Hals ließ vermuten, dass er nicht der Subtilste war.

„Ich weiß nicht, wer du bist oder was du hier verloren hast, aber du hast fünf Sekunden, bevor ich dir ein paar Luftlöcher in den Oberkörper mache.“ Um die Drohung zu unterstreichen, kickte er einen der Bildschirme vom Tisch, der unmittelbar vor Evans Füßen unter beeindruckender Funkenentwicklung zerbarst.

Beide Männer hielten die Waffen locker an der Seite.

Evan sah zu, wie der Bildschirm ein letztes Mal aufflackerte und erlosch. Dann blickte er auf.

„Wut dient unter anderem dazu, andere davon zu überzeugen, dass man es ernst meint“, sagte er zu Hector. „Sie soll beweisen, wie durchgedreht man ist. Wie unberechenbar, zu allem bereit. Sie soll dem Gegenüber Angst einflößen.“

Hector richtete sich noch weiter auf, obwohl das kaum möglich schien. Angestrahlt von den Monitoren in seinem Rücken, konnte man sehen, dass ein Stück seines fleischigen Ohrläppchens fehlte, wo man ihm einen Ohrring herausgerissen hatte.

Evan trat einen Schritt näher. „Ich möchte, dass du mich genau ansiehst: Seh ich aus wie jemand, der Angst hat?“

Der bullige Typ lehnte sich nach vorn. Das Licht der Monitore verwandelte sein Gesicht in eine von tiefen Schatten durchsetzte Gruselmaske: leere Augenhöhlen, betonte Hängebacken, eine stark hervorgewölbte Wange. Er biss sich auf die breiten Lippen: das erste Anzeichen von Unsicherheit.

Evan hielt seine Waffe weiterhin an seiner Seite, genau wie Hector. Über den Schreibtisch hinweg starrten die beiden sich an.

Mit vierzehn hatte Jack Evan beigebracht, wie man am schnellsten eine Waffe zieht. Das hatte nichts mit dem ganzen „High Noon“-Brimborium zu tun, Holster auf, Waffe raus, zielen. Nein, man hob einfach den Lauf leicht an und übte 1,5 Kilo Druck mit dem Zeigefinger aus.

Die Schatten auf Hectors Gesicht veränderten sich. Seine fette Hand zuckte über dem Revolver. Er bewegte sich zuerst.

Der Schuss hallte angenehm satt von den Sperrholzwänden wider.

Später am selben Abend betrat Evan vorsichtig die kleine Gasse hinter der heruntergekommenen Wohnung von Anna Reznian und ihrer Familie. Sein linker Unterarm war von einer glänzenden Blutschicht überzogen, die bei jeder Bewegung abplatzte wie getrockneter Lehm. Er hatte sich zwar Gesicht und Hände gereinigt, so gut es ging, konnte jedoch noch immer seitlich am Hals ein paar Spritzer spüren, die er übersehen hatte.

Er hatte einiges an Blut abbekommen.

Evan nahm sein schwarzes Handy aus der Tasche. Das RoamZone bestand aus einem Glasfasergehäuse mit widerstandfähigem schwarzen Gummi und hatte ein Display aus Gorilla-Glas. Er hatte es immer dabei.

Immer.

Es rettete Leben. Nicht seines, aber das derer, die ihn darauf anriefen.

Er schickte Anna eine SMS: BIN VOR DER TÜR.

Als er wartete, beunruhigte ihn etwas, das er nicht genau greifen konnte. In Hectors Haus hatte er etwas gesehen. Er konnte sich nicht mehr erinnern, aber es war etwas Bedrohliches. War seine Klientin in Gefahr? Nein. Er war gründlich vorgegangen. Keine Gefahr für sie und keine Gefahr für ihn selbst. Etwas anderes. Etwas Wichtiges, aber es lag noch in der Zukunft.

Ungefähr zehn Meter vor ihm, am Anfang der Gasse, tauchte jetzt Annas von hinten erleuchteter Umriss auf. Sie trug nur ein Nachthemd, hatte die Schultern hochgezogen, die strohigen Haare standen ihr vom Kopf ab. Die Gasse bildete einen Windtunnel, und die kühle Oktoberluft fuhr ihr durch die verkletteten dunkelbraunen Haarbüschel und ließ sie steif auf und ab wippen.

„Du bist jetzt in Sicherheit“, sagte Evan zu ihr.

Das Mädchen hatte nichts an den Füßen. Evan sah, wie ihr vor Angst die Knie zitterten.

„Ich hab gedacht, Sie sind einer von denen und kommen mich jetzt holen. Ich hab gedacht, jetzt hier langzulaufen wär das Letzte, was ich im Leben tue. Aber dann … hab ich Sie erkannt.“

„Ich wollte dir keine Angst einjagen.“

„Was heißt das? Bin ich jetzt in Sicherheit?“

„Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen.“

„Worüber genau?“

„Über die ganze Sache.“

„Und Addison?“

„Der hat jetzt ganz andere Probleme.“

„Und sein Boss? Der Typ, der hinter allem steckt?“

„Ist tot.“

Anna schleppte sich ein paar Schritte auf Evan zu. Jetzt sah man an mehreren Stellen ihre Kopfhaut aufglänzen, wo sie sich die Haare ausgerissen hatte. Sie hatte denselben Gesichtsausdruck, den er auch von anderen Klienten kannte. Die hohläugige Erschöpfung von jemandem, den etwas Unvorstellbares aus der Bahn geworfen hatte.

„Albert ist in Sicherheit?“, fragte sie mit versagender Stimme. „Und Eduard?“

„Ja.“

Anna kam noch ein Stück näher. Ihre Wangen waren feucht. „Und Maria? Maria werden sie auch nichts tun?“

„Es gibt niemanden mehr, der ihr wehtun könnte.“

Jetzt ließ Anna ihren Tränen freien Lauf. Schluchzend rief sie etwas auf Armenisch: „Mayrig? Hayrig?“

„Deinen Eltern wird nichts geschehen.“

Evan dachte an Annas Familie in ihren Betten und das Glück und den Frieden, die sie ihr vielleicht geben konnte. Als er so alt gewesen war wie sie, hatte er nicht viel besessen, was bedeutete, dass er auch nicht viel hatte zurücklassen müssen. Mit zwölf war er vor einem Truck-Stop in eine dunkle Limousine gestiegen und von der Bildfläche verschwunden. Damals hatte er sich auf jedes Wagnis eingelassen, das sich ihm bot. Und jenes hatte ihn aus East Baltimore herausgeholt. Er war in Marrakesch, St. Petersburg und Kapstadt gewesen, und überall, wo er hingekommen war, hatte er eine blutige Spur hinterlassen. Aber das, was da oben in der Wohnung auf Anna wartete, hatte er nie erlebt. Der kühle Wind brachte die Erkenntnis mit sich, dass er sein Leben der Rettung dessen verschrieben hatte, was ihm selbst nicht vergönnt war.

„Die Fotos von mir“, sagte Anna jetzt. „Sie werden sich furchtbar schämen.“

Bevor er Hectors Haus verlassen hatte, hatte Evan es durchsucht und außer Baumaterial, leeren Bierflaschen und ein paar ganz anständigen Hanteln in der Garage nichts gefunden. Auf der Matratze in der Ecke eines halb fertigen Zimmers im Obergeschoss, das Hector während der Fertigstellung des Hauses bewohnte, häuften sich Fastfoodverpackungen. Schließlich war er zurück in die Kommandozentrale im Erdgeschoss gegangen und hatte die schwergewichtige Leiche aus dem Weg gezerrt. Nachdem er sich das Cockpit freigeräumt hatte, verbrachte er einige Übelkeit erregende Minuten damit, die Datenbanken zu sichten und sich durch die Ordner mit den ehemaligen „Kandidatinnen“ zu klicken, um die Käufer ausfindig zu machen. Informationen zu den Käufern gab es kaum, und wenn, dann nur in verschlüsselter Form, aber Evan leitete alles an die örtliche FBI-Zentrale weiter. Aber nicht ohne vorher jeglichen Hinweis auf Anna Reznian von den Servern gelöscht zu haben.

„Die Bilder gibt’s nicht mehr. Niemand muss davon erfahren.“

Anna machte schwankend einen Schritt zur Seite und stützte sich an der rissigen stuckverzierten Hauswand ab. „Eduard. Jetzt ist er in Sicherheit. In Sicherheit.“ Sie war immer noch dabei, das Gehörte zu verdauen, und ließ nur langsam ihre verdrängten Gefühle zu.

„Du und deine Familie, ihr seid jetzt alle in Sicherheit.“

Anna konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten, und kurz sah es so aus, als würde sie völlig zusammenbrechen. „Ich weiß nicht, wie ich ihnen noch in die Augen sehen kann. Mit dem Wissen, was ich uns allen beinahe angetan hätte. Ich werd’ mir das nie verzeihen.“

„Deine Entscheidung.“

Diese Reaktion schien sie zu verletzen. An ihren Wimpern hingen Tränen. Sie presste die Lippen aufeinander. Ihr Brustkorb hob sich, die Nasenlöcher waren geweitet. Sie holte tief Luft, atmete aus. Und weinte nicht.

„Du darfst mich nicht wieder anrufen“, sagte Evan eindringlich. „Hast du verstanden? Mein Job ist es, dir zu helfen. Aber mehr kann ich nicht für dich tun.“

„Albert und Maria kann jetzt nichts mehr passieren.“ Ihre Lippen bewegten sich kaum, die Stimme nur noch ein Flüstern. „Mayrig und Hayrig. Und Eduard. Eduard.“

„Anna, du musst jetzt genau zuhören. Sieh mich an. Sieh her zu mir. Bevor ich gehe, habe ich noch eine Bitte an dich.“

Ihr Blick klärte sich plötzlich. „Was immer Sie wollen.“

„Finde jemanden, der mich braucht. So wie du mich gebraucht hast. Egal, ob es eine Woche, einen Monat oder ein Jahr dauert. Finde jemanden, der verzweifelt ist und keinen Ausweg mehr weiß. Gib ihm meine Nummer.“

„Okay. 1-855-2-NOWHERE.“

Jeder Anruf wurde digitalisiert und über das Internet durch eine Reihe von verschlüsselten VPN-Tunneln versendet. Nachdem er per Software als virtuelle Verbindung über fünfzehn verschiedene Vermittlungsstellen auf der ganzen Welt geleitet worden war, landete er schließlich auf seinem RoamZone.

„Genau. Dann erzählst du ihm von mir.“

„So wie Nicole Helfrichs Dad, als er mich im 7-Eleven gefunden hat?“

„Ganz genau. Finde jemanden und sag ihm, ich werde am anderen Ende der Leitung auf ihn warten.“

Für Evans Klienten war dies der letzte Schritt. Eine Aufgabe, ein neuer Lebenszweck, ein Akt der Selbstbestimmung, der sie von einem Opfer in jemanden verwandelte, der andere rettete. Wie Evan nur zu genau wusste, heilten manche Wunden nie, zumindest nicht vollständig. Aber es gab Mittel und Wege, den Schmerz einzudämmen und sich zu seinen Narben zu bekennen, und dies war einer davon.

Anna kam plötzlich auf ihn zu und umarmte ihn. Einen Augenblick lang schwebten seine Arme ein paar Zentimeter über ihrem schmalen Rücken. Diese Art von Körperkontakt war ungewohnt für ihn. Im Mondlicht sah er den bordeauxfarbenen Streifen auf seinem Unterarm und die dunklen Ränder unter seinen Nägeln. Er wollte nicht, dass Hector Contrells Blut auf Annas Kleidung oder Haare geriet. Aber sie hielt ihn noch fester und drückte ihr Gesicht an seine Brust.

Evan ließ die Arme auf ihren Rücken sinken. Sie fühlte sich warm an. Er spürte die Nässe ihrer Wangen durch sein T-Shirt. Sie klammerte sich an ihn.

Ihre Stimme drang gedämpft an sein Ohr. „Wie soll ich Ihnen nur danken?“

„Sei bei deiner Familie.“

Eigentlich hatte dies seine nächste Anweisung sein sollen, aber ihm fiel auf, dass er damit auch ihre Frage beantwortet hatte.

Sie ließ ihn los, um sich die Tränen abzuwischen, was Evan dazu nutzte, sich leise davonzustehlen.

3. KAMPFMASCHINE

Als Evan sich von roter Ampel zu roter Ampel durch den dichten Verkehr quälte, träumte er von Wodka. Er hatte eine neue Flasche in den Gefrierschrank seines Sub-Zero-Kühlschranks gelegt, die jetzt zu Hause auf ihn wartete. Von außen sah sein Ford F-150 Pick-up aus wie Millionen andere auf Amerikas Straßen. Aber mit dem laminierten Panzerglas, den selbstversiegelnden Reifen und dem speziell angefertigten Frontschutzbügel war er in Wahrheit eine Kampfmaschine.

Vor ihm tauchte das Gebäude auf, in dem er wohnte. Das Apartmenthochhaus hatte den überkandidelten Namen Castle Heights und war das letzte Gebäude auf dem Wilshire Corridor in östlicher Richtung. Daher hatte seine Penthousewohnung einen unverstellten Blick auf Downtown. Castle Heights war zwar vornehm, aber nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit, also keinen zweiten Blick wert – genau wie Evans Truck. Oder Evan selbst.

Nachdem er als Junge in den Projects von East Baltimore rekrutiert worden war, hatte er sieben knochenharte Ausbildungsjahre unter der Führung seines Betreuers verbracht. Jack Johns als eine Art Vaterersatz zu bezeichnen traf es bei Weitem nicht. Jack war der Erste, der Evan wie ein menschliches Wesen behandelt hatte.

Evan war ein Produkt des Orphan-Programms, eines streng geheimen Projekts des Department of Defense, des Verteidigungsministeriums, von dem niemand wissen durfte. Das Programm hatte die infrage kommenden Jungs, die im Pflegefamiliensystem verschollen waren, identifiziert, sie heimlich einzeln herausgelöst und dann dazu ausgebildet, das zu tun, was die US-Regierung offiziell nicht tun durfte, und zwar an Orten, wo sie offiziell nicht sein durfte. Ein komplett abstreitbares Programm, das keine Spuren hinterließ und sich aus schwarzen Kassen finanzierte. Streng genommen gab es die Orphans gar nicht.

Sie waren Waffen, derer man sich leicht wieder entledigen konnte.

Als Orphan X hatte Evan über überquellende Bankkonten in Ländern verfügt, die es mit der Bankenaufsicht nicht so genau nahmen. Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hatte er seine Aufträge ausgeführt. Selten gesichtet und niemals gefasst, kannte man ihn nur anhand seiner hochkarätigen Opfer und des Decknamens, den man ihm aufgrund seiner Fähigkeit verliehen hatte, stets unentdeckt im Verborgenen zu agieren.

Der Nowhere Man.

Dann war jedoch ein Punkt gekommen, an dem er hatte aussteigen wollen. Für diese Entscheidung hatte er teuer bezahlen müssen. Allerdings hatte er danach nahezu unerschöpfliche Geldreserven, ganz besondere Fähigkeiten und Zeit zur freien Verfügung gehabt. Und auch wenn er mit seiner Identität als Orphan X abgeschlossen hatte, so hatte er doch festgestellt, dass es für den Nowhere Man noch jede Menge zu tun gab.

Also nahm er von da an unentgeltlich und auf eigene Kappe Aufträge an.

Den Namen, unter dem er bei dem Regierungsprogramm gelaufen war, benutzte er nicht mehr, aber den Decknamen, den ihm seine Gegner verliehen hatten, behielt er bei.

Evan war damals zu Ohren gekommen, das Orphan-Programm sei aufgelöst worden, aber im vergangenen Jahr hatte er herausgefunden, dass es nach wie vor existierte. Der rücksichtsloseste Orphan-Agent hatte das Kommando übernommen. Charles Van Sciver. Seine neue Mission: ehemalige Orphans aufzuspüren und auszuschalten. Van Scivers Auftraggebern zufolge verfügte Evan über zu viel hochbrisantes Wissen, um am Leben zu bleiben.

Bei ihrer letzten blutigen Auseinandersetzung war eines unmissverständlich klar geworden: Van Sciver und seine Orphans würden so lange Jagd auf ihn machen, bis sie ihn erledigt hatten.

Also lebte Evan versteckt und blieb wachsam.

Endlich hatte er den quälenden Stau auf dem Wilshire Boulevard hinter sich gebracht. Er bog in die Einfahrt des Castle Heights, rollte rasch am überdachten Eingang und dem Mitarbeiter vom Parkservice vorbei und hinunter in die Tiefgarage, wo er den Truck auf seinem Parkplatz zwischen zwei Betonpfeilern abstellte.

Evan nahm sich ein schwarzes Sweatshirt aus dem Vorrat hinter dem Fahrersitz, streifte es über, um das getrocknete Blut auf seinem Arm zu verdecken, und ging zum Ausgang. Vor der Tür zur Lobby hielt er wie immer kurz inne, schloss die Augen und holte tief Luft, um sich auf den Übergang in seine andere Identität vorzubereiten.

Evan Smoak, Importeur von Industriereinigern. Nur ein weiterer unauffälliger Bewohner des Apartmentgebäudes.

Um diese Uhrzeit war in der nach Lilien duftenden Lobby nicht viel los. Mit einem Nicken Richtung Wachmann ging Evan rasch zum Aufzug. „Abend, Joaquin.“

Joaquin sah von den unzähligen Monitoren mit den Live-Feeds der Überwachungskameras im Außenbereich und den Korridoren auf. Das Castle Heights war stolz auf seine Sicherheitsvorkehrungen, die es für gut verdienende Mieter mittleren Alters und wohlhabende Ruheständler noch attraktiver machten.

„Hallo, Mr. Smoak. Hatten Sie ’nen netten Abend?“

„Typischer Samstag, Burger mit den Jungs.“

Das Bedienfeld für die Aufzüge lag hinter Joaquins hoher Theke, eine weitere Sicherheitsvorkehrung, und er beugte sich bereits nach unten, um einen für Evan zu rufen. Evan hob zum Dank die Hand, bemerkte die Reste von getrocknetem Blut unter seinen Fingernägeln und ließ sie rasch wieder sinken. Als er die Kabine betrat, leuchtete der Knopf für den einundzwanzigsten Stock bereits auf.

Die Türen gingen gerade zu, als er eine vertraute Stimme hörte: „Warten Sie! Joaquin, halten Sie den Fahrstuhl an. Bitte.“ Das Geräusch von sich rasch nähernden Schritten. „Das ‚bitte‘ sollte natürlich zuerst kommen, sollte ja kein Befehl sein, aber …“

Die Türen glitten wieder auf, und Mia Hall stand vor ihm.

Sie hatte ihren schlafenden neunjährigen Sohn auf dem Arm, der seinen Kopf auf ihre Schulter gelegt hatte.

Mia sah auf, entdeckte Evan und zuckte zusammen.

Normalerweise konnte sie nichts so leicht aus der Fassung bringen, aber jetzt starrte sie Evan mit offenem Mund an, und eine leichte Röte machte sich unter den kaum sichtbaren Sommersprossen auf ihrer Nase bemerkbar.

Letztes Jahr hatten sie fast eine Beziehung gehabt. Er hatte ihr das Leben gerettet und sie ihm den Arsch. Dabei hatte sie mehr über ihn erfahren, als sie gedurft hätte. Und das wäre selbst dann ein Problem gewesen, wenn sie nicht Bezirksstaatsanwältin für die Stadt Los Angeles gewesen wäre.

Die beiden sahen sich peinlich berührt an.

Mia verlagerte das Gewicht, Peter war offensichtlich zu schwer.

„Soll ich ihn nehmen?“, bot Evan an.

Letztes Jahr wäre das ganz normal gewesen.

„Danke, geht schon.“

Den Rest der Fahrt zu Mias Stockwerk verbrachten sie schweigend. Da er sich an die Blutränder unter seinen Nägeln erinnerte, hatte Evan die Hände leicht zur Faust geballt. Ein Hauch Zitronengras lag in der Luft – so duftete Mias Körperlotion.

Peters Wange war so verdrückt, dass sein Mund halb offen stand, die blonden Haare standen ihm an einer Seite vom Kopf ab, und seine Lippen waren klebrig blau von einem Lutscher. Als sich die Türen mit einem alterschwachen Quietschen öffneten, hob der Kleine schlaftrunken den Kopf. Zuerst lächelten seine dunklen Augen, dann hoben sich auch seine Mundwinkel.

„Hallo, Evan Smoak.“ Seine Stimme klang noch rauer als sonst. Bevor Evan etwas erwidern konnte, waren Peter die Augen schon wieder zugefallen.

Mia stieg mit ihrem Sohn auf dem Arm aus. Evan sah den beiden nach, wie sie den Flur hinuntergingen, bis die Aufzugtüren ihm die Sicht versperrten.

4. SAUBER WIE EIN SKALPELL

Evan drehte den Schlüssel im Schloss. Die Tür zu Wohnung 21A öffnete sich mit einem betont satten Schließgeräusch, was davon herrührte, dass eine ganze Anzahl von Sicherheitsriegeln im Innern der Stahltür aufsprang, die sich hinter der Verschalung aus heimeligem Holzlaminat verbarg. „Kugellager in Kugellager“, wie Jack immer gesagt hatte.

Evan stellte den Alarm auf stumm und ging in den Küchenbereich. Dabei kam er an der Grünen Wand vorbei, einem hängenden Garten mit Bewässerungssystem, in dem Minze, Salbei, Petersilie und Kamille wuchsen. Der angenehme Duft und die grünen Farbtupfer waren das einzige Ausstattungsmerkmal des Eckpenthouse, das man als heiter und farbenfroh bezeichnen konnte.

Bis auf wenige Ausnahmen hatte das Penthouse einen offenen Grundriss mit einer Fläche von 650 m² aus Gussbeton, die hier und da durch eine Trainingsstation, Sitzbereiche, einen frei stehenden Kamin und eine Stahlwendeltreppe aufgelockert wurde, die ins Loft führte. In diesem schicken, modernen Ambiente waren unzählige Schutzvorrichtungen versteckt. Die Fenster und Schiebetüren, die zwei Wände in ein permanentes Stadtpanorama verwandelten: kugelsicheres Lexan mit Glasbruchsdetektoren. Die lilablauen Sonnenschutzrollos: eine gepanzerte Schutzschicht aus Titangewebe. Die mit Quartzkies ausgelegten Balkone, die das Penthouse auf beiden Seiten einrahmten: Sekundäralarme, die auf die von den Stiefeln unwillkommener Gäste auf dem Kies verursachten Schallwellen reagierten.

Zielstrebig ging Evan um die Kochinsel zum Sub-Zero. Dort lockte eine große Flasche Karlsson’s Gold in einem Bett aus Eiswürfeln. Der handgefertigte schwedische Wodka aus sieben verschiedenen Kartoffelsorten entstand durch ein einzigartiges Herstellungsverfahren und wurde nur ein einziges Mal in einer kupferbeschichteten Brennblase destilliert. Evan gab ein paar Fingerbreit in ein Glas mit runden Eiswürfeln und verzierte den Drink mit einer Idee Pfeffer aus seiner Pfeffermühle aus Edelstahl.

Sauber wie ein Skalpell auf der Zunge. Im Abgang leicht mineralisch. Und eine knackige Pfeffernote im Nachklang.

Perfekt.

Evan ging zum Kamin, machte ein Feuer mit den aufgeschichteten Zedernholzscheiten, schälte sich aus den Einsatzklamotten und verbrannte sie nacheinander. Mit dem leeren Glas locker in der Hand, tappte er nackt durch den riesigen offenen Raum und den kurzen Flur, vorbei an der Stelle, an der sein bedauerlicherweise nicht mehr existierendes Katana aus dem neunzehnten Jahrhundert gehangen hatte. Die leere Aufhängung an der Wand erinnerte ihn daran, dass er vor Kurzem online ein Samuraischwert als Ersatz ersteigert hatte, und zwar eines aus der frühen Edo-Zeit. Die Lieferung würde bald aus dem Auktionshaus in Seki eintreffen.

Durch sein Schlafzimmer betrat Evan das Bad und tippte an die Milchglastür der Duschkabine, die lautlos zur Seite glitt und in der Wand verschwand. Er stellte die Dusche so heiß ein, wie er es eben noch aushalten konnte, stellte sich darunter und fing an, sich von Kopf bis Fuß abzuschrubben. Das Wasser verfärbte sich blutrot und gurgelte in den Abfluss.

Um das Blut unter seinen Nägeln zu entfernen, brauchte es allerdings eine harte Nagelbürste und ziemlich viel Druck.

Als er sich abgetrocknet hatte, ging er zurück ins Schlafzimmer und zog sich Sachen an, die genauso aussahen wie die, die er vorhin verbrannt hatte: dunkle Jeans und ein graues T-Shirt mit V-Ausschnitt. Bevor er sich von der Kommode abwandte, verharrte er einen Moment vor der untersten Schublade.

Gefühle kamen an die Oberfläche, und plötzlich wurde ihm unangenehm warm.

Er zog die Schublade auf und hob mit dem Daumennagel den Deckel des Geheimfachs im Boden an.

Darin befand sich ein blaues Flanellhemd, schwarz verkrustet von altem Blut.

Jacks Blut.

Während der letzten acht Jahre war keine Nacht vergangen, in der Evan nicht das Licht ausgemacht, die Augen geschlossen und vor sich gesehen hätte, wie Jack in seinen Armen verblutet war.

Evan schloss die Schublade, stand auf und versuchte, die Beklemmung in seiner Brust abzuschütteln. Er setzte sich auf sein Bett, ein Magnetschwebebett, das wortwörtlich zwei Fuß über dem Boden schwebte und dessen Platte durch Neodym-Seltenerd-Magnete in der Luft gehalten wurde. Zwischen Boden und Decke ruhend, schloss er die Augen, konzentrierte sich auf seine Atmung und das Gewicht seiner Knochen. Normalerweise half ihm das, sich zu entspannen.

Aber nicht an diesem Abend.

Grell beleuchtete Szenen zogen an seinem inneren Auge vorbei. Hector Contrells ruckartig, wie von unsichtbaren Fäden nach hinten gerissene Schultern. Tintenschwarze Flüssigkeit, die sich in der Kuhle seiner Kehle sammelte wie ein Satzzeichen zu dem FUCK-YOU-Tattoo. Die baumstammartigen Beine, die unter ihm wegknickten, ein lawinenartiger Zusammenbruch in Zeitlupe. Der Müllhaufen rund um die Matratze im Obergeschoss: mit Resten verklebte Ramenbehälter aus Styropor, leere Burritoverpackungen, zerknüllte Proteinpäckchen. Die an einen Brustkorb erinnernde Innenverkleidung des Hauses, nackte Holzstreben, die an Evan vorbeiscrollten, als er sich hineinschlich. Der sich unendlich ausdehnende Flur wie in einem Horrorfilm von Kubrick, bei dem auf jeden leeren Türrahmen der nächste folgte.

Evan riss die Augen auf.

Keine Türen. Das bedeutete, auch keine Türgriffe. Das war es, was ihm keine Ruhe gelassen hatte. Das Haus war weithin offen, und anstatt von Wänden wurden die einzelnen Räume nur durch raschelnde Plastikplanen getrennt.

Also gab es dort auch keinen abschließbaren Raum für die gekidnappten Mädchen.

Die Logistik, die Mädchen rund um den Globus zu verschiffen, war kompliziert. Es musste irgendwo außerhalb des Hauses etwas geben, wo man sie vorübergehend unterbrachte.

Und damit auch die Möglichkeit, dass sich ein anderes Mädchen noch dort befand.

Evan hüpfte vom Bett, ging zurück ins Badezimmer und trat in die Duschkabine. Er drückte den Heißwasserhebel, bis ein leises Klicken ertönte. Der Hebel wurde durch seinen Handabdruck freigegeben und diente gleichzeitig als versteckter Türöffner. Er drehte ihn in die entgegengesetzte Richtung, und eine nahtlos in das Fliesenmuster der Duschwand eingepasste Tür schwang nach innen auf.

Evan betrat den Raum, den er seinen „Tresor“ nannte.

Der knapp 40 m² große, unter die für alle Bewohner zugängliche Treppe zum Dach gequetschte Raum mit dem unregelmäßigen Grundriss war eine Abstellkammer mit nachträglich eingezogenen Wänden, die als Evans Waffenlager und Einsatzzentrale fungierte. Hier drin gab es von Waffenschränken bis zu einem mit Monitoren, Servern und Kabeln vollgepackten Metallschreibtisch alles, was er für seine Arbeit benötigte. Die Bildschirme zeigten illegal angezapfte Feeds der Überwachungskameras des Castle Heights. Jeden Flur, jeden Treppenaufgang und jede Zugangstür.

Evan atmete den Geruch von feuchtem Beton ein, ließ sich auf seinen Stuhl fallen und rollte an den L-förmigen Schreibtisch, um die Datenbanken der Strafverfolgungsbehörden aufzurufen. Die wichtigsten Strafregister, zivilen Datenbanken, gerichtsmedizinischen Aufzeichnungen und Waffenregister – kurz alles, was die örtliche Polizei auf den Panasonic-Toughbooks ihrer Streifenwagen zur Verfügung hatte – konnte er ebenfalls einsehen.

Evans Ausbildung hatte darin bestanden, ein wenig von allem zu lernen, und zwar von Leuten, die Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet waren. Er war beileibe kein Profi-Hacker, aber es war ihm gelungen, sich unbemerkt Zugang zu diversen Streifenwagen zu verschaffen und einen selbst geschriebenen Code auf deren Laptops hochzuladen, womit er sich ein Hintertürchen zu deren SSH-Verbindung geschaffen hatte, mit der er im Bedarfsfall jederzeit ins System gelangen konnte.

Jetzt hatte er Bedarf und versuchte herauszufinden, mit wem Contrell üblicherweise zusammenarbeitete, seine früheren Anschriften sowie ehemalige Zellengenossen. Nirgendwo klingelte bei Evan ein Alarmglöckchen. Ein paar Stunden später war das Eis im Wodkaglas neben dem Mousepad geschmolzen, und der darin schwimmende gemahlene Pfeffer sah aus wie Zigarettenasche.

Mittels der Website des Department of Motorvehicles fand Evan das Kennzeichen von Contrells Buick Enclave heraus. Nach weiteren raffinierten Eingaben hatte er auch die Navi-Daten des Fahrzeugs. Die gespeicherten Daten, seitenweise Angaben zu Längen- und Breitengraden, druckte er aus.

Als der Laserdrucker die Seiten ausspuckte, machte sich Evan daran, die Stopps zwischen den einzelnen Fahrten des Enclave zu analysieren.

Die Ziele, die Contrell angesteuert hatte.

Jetzt fing Evans Arbeit erst richtig an.

Das Zehnte Gebot: Lasse niemals einen Unschuldigen sterben.

5. DIE AUGEN DES DATAMINING-MONSTERS

Dieser Raum hätte sich überall befinden können. Auf halber Höhe in einem Hochhaus. In einem abgelegenen Flügel einer Villa. Sogar irgendwo unter der Erde.

Er war riesig.

So groß wie ein Kinosaal, aber ohne die Sitzreihen. Eine Leinwand gab es auch nicht.

Dafür Hunderte von Bildschirmen.

Sie säumten drei der Wände vom Boden bis zur Decke in der grandiosesten Zurschaustellung von Rechnerleistung außerhalb der DARPA, der Forschungsabteilung des Verteidigungsministeriums. Über die Bildschirme scrollten nicht enden wollende Ströme von Code. Sie waren die Augen des Datamining-Monsters; die unzähligen Servertürme hinter der bombensicheren vierten Wand waren sein Gehirn.

Der flackernde Schein der Monitore zuckte durch den spärlich beleuchteten Raum und überzog alles mit einem lebendig wirkenden Tarnmuster. Außer den Monitoren konnte man wenig erkennen. Die gesamte Ausstattung aus Teppichen, Computerstationen und hier und da einem Möbelstück schien ein einziger konturloser Block. Selbst die wenigen Besucher mit Zugangsberechtigung – meist ein Computertechniker, der noch nicht zum Team gehörte und ein Gerät einrichten sollte – schienen mit dem Hintergrund zu verschmelzen wie ein Fisch mit dem silbrig glitzernden Wasser.

Charles Van Sciver gefiel es hier drin. Er mochte die Dunkelheit, durch die er sich allein und unerkannt bewegen konnte.

Fenster gab es nicht und auch keine Spiegel, noch nicht einmal in der Toilette nebenan. Weil er sie hatte zuhängen lassen. Gelegentliche Besucher durften sich Van Sciver nur auf ein paar Schritte nähern, damit die schützende Anonymität, die die flackernden Lichter ihm boten, gewahrt blieb.

Hier drin war er sicher und geborgen. Es gab nur ihn und seine Algorithmen.

Man konnte nicht behaupten, dass die gesamte Rechnerkapazität auf die Suche nach Orphan X verwendet wurde.

Lediglich drei Viertel.

Genauer gesagt 76,385 %.

Als Leiter dieses Programms hatte Van Sciver natürlich noch andere Aufträge, um die er sich kümmern musste.

Aber keiner lag ihm so sehr am Herzen wie dieser.

Mehr als zehn Jahre lang war Evan der beste Agent des gesamten Orphan-Programms gewesen. Er wusste nicht nur, wo die Leichen vergraben waren, er hatte die meisten eigenhändig dorthin befördert.

Obwohl man mit dem bloßen Auge keinerlei Chance hatte, die Informationen zu entschlüsseln, die in rasendem Tempo über die Bildschirme zogen, sah sich Van Sciver das riesige Datenverarbeitungsprojekt gerne in Echtzeit an. Er kannte die ganzen Fachbegriffe wie „Cluster-Analyse“, „Anomalie-Erkennung“ oder „Prädiktive Analyse“, aber was da im Einzelnen ablief, verstand er nicht mal ansatzweise. Dafür waren die Auswertungsberichte, die er auf der Suche nach der buchstäblichen Nadel im Heuhaufen alle Stunde genauestens kontrollierte, kein Problem. Die Spuren des Nowhere Man konnte man nur mit äußerster Vorsicht zurückverfolgen. Wenn auch nur das geringste Detail verriet, dass Van Sciver etwas gefunden hatte, würden sie sich in Luft auflösen.

In letzter Zeit hatten sich seine Computerspezialisten verstärkt auf Data-Warehousing konzentriert, winzige Informationsbausteine von Offshore-Konten zusammengetragen und versucht, genug vom Mosaik zu rekonstruieren, um eine brauchbare Spur zu erhalten. Natürlich gab es bereits Hinweise auf Evan. Hier und da ein Bröckchen, das auf dem Datenozean trieb. Aber jedes Mal, wenn sie die Hand danach ausstreckten, dümpelte es davon: ein Geldtransfer, der sich nach unzähligen Zwischenstationen im Nichts verlor, eine Briefkastenfirma, die hinter einer anderen verschwand, eine weitere Spur, die bei einem nicht im Betrieb befindlichen Briefkasten an irgendeiner staubigen Schotterpiste in einem Drittweltland endete.

Van Sciver drehte nervöse Runden, wobei seine zunehmend bleiche Haut die ideale Leinwand für den klinisch wirkenden bläulichen Schein der Monitore abgab. Er hielt sich von anderen Menschen fern, damit ihn nichts von seinem Ziel abbringen konnte. Letztendlich kam es auf Disziplin und Enthaltsamkeit an, also hatte er jegliche Ablenkung aus seinem Leben verbannt. Weil er bereit war, sich jegliches Vergnügen und jede menschliche Zuneigung zu versagen, würde er am Ende gewinnen. Genau aus diesem Grund würde er seinen Widersacher schlagen. Und der Sieg wäre ihm Vergnügen genug.

Er hielt inne. Auf drei Seiten eingerahmt von den flackernden Monitorwänden, sonnte er sich in der von ihnen symbolisierten Macht. Zeit hatte hier keine Bedeutung: Die Gegenwart war damit beschäftigt, die Vergangenheit zu rekonstruieren und die Zukunft vorherzusagen, wie ein Drache, der immerwährend seinen eigenen Schwanz verschluckt, eine Unendlichkeit von Zahlen, die alle null ergaben.

Aber eines Tages würden sie etwas ergeben. Und zwar alles, wonach er suchte.

Eines Tages würden sie dem richtigen Strang von Einsen und Nullen folgen, und er würde sie zu Orphan X führen.

Es war nur eine Frage der Zeit.

6. ÖLFONTÄNE

Wenn Evan im Auto unterwegs war, entging ihm nichts. Ganz besonders keine grauen Ford Transits ohne Seitenfenster und mit Kurzzeitkennzeichen. Wie der, der ihm die letzten paar Blocks im Rückspiegel aufgefallen war.

Evan schaltete den rechten Blinker ein. Der Transit reagierte nicht. Entweder verfolgte er ihn gar nicht, oder der Fahrer war ein Profi, der nicht in die Falle tappte. Evan fuhr am Eingang der Norwalker „FedEx-Office“-Filiale vorbei, ohne abzubiegen. Der Van blieb weiter hinter ihm. Evan schaltete den Blinker aus, zog den Kopf ein wenig ein, behielt aber den Rückspiegel im Blick. Er wartete kurz, dann bog er abrupt in eine Seitenstraße ein. Der Transit segelte vorbei und wurde noch nicht einmal langsamer.

Trotzdem konnte Evan nicht vorsichtig genug sein.

Er hatte den Morgen damit verbracht, alle Safe Houses zu besuchen, die er im Großraum Los Angeles unterhielt, und die dort lagernde Ausrüstung überprüft, den Ölstand der Ersatzfahrzeuge kontrolliert und die Einstellungen der Zeitschaltuhren für die Beleuchtung geändert. In seinem Haus in Westchester, einem heruntergekommenen Bungalow direkt unter der Anflugschneise des LAX-Flughafens, hatte er seinen üblichen Truck gegen einen schlammbespritzten 4Runner mit einem Sporttaucherflagge-Aufkleber im Rückfenster ausgetauscht.

Jetzt, hier in der Seitenstraße, hatte Evan angehalten und beobachtete eine Zeitlang die Straße. Schließlich legte er erneut den Vorwärtsgang ein. Er fuhr zurück zur „FedEx-Office“-Filiale, ging hinein, unterschrieb einen ganzen Stapel Zollformulare und kam mit einem länglichen Pappkarton wieder heraus.

Das neue Katana. Diese Klinge war erst vor vergleichsweise kurzer Zeit – 1653 – von Heike Norihisa geschmiedet worden, dem letzten Meister des fünfschichtigen Laminatstahls. Wie eigentlich auch schon das letzte war dieses Katana als Dekoration gedacht, und Evan konnte es gar nicht erwarten, es endlich an die leeren Haken in seinem Flur zu hängen.

Aber zuerst musste er noch einen anderen Ort überprüfen. Er hatte viele mühselige Stunden damit verbracht, die Daten von Contrells Navi zu analysieren und sich die Stellen genau anzusehen, an denen der Typ einen seiner häufigen Stopps eingelegt hatte, um herauszufinden, wo er die Mädchen vor dem Weitertransport per Schiff gefangen hielt. Je länger es dauerte, desto geringer waren die Chancen, sie lebend zu finden.

Evan steuerte Fullerton an. Auf seinem Schoß lag ein Wust von Ausdrucken. Einen Großteil der Einträge hatte er mit rotem Kugelschreiber bereits durchgestrichen.

Die nächste Adresse auf der Liste war ein bescheidenes Wohnhaus, mehr oder weniger abgelegen hinter einem Streifen schon lange nicht mehr in Stand gehaltener Fußballfelder. Frei stehende Garage, neue Dachschindeln, ein frischer Anstrich, die Gardinen zugezogen. Ein vergittertes Gartentor vor dem links und rechts von Blumenbeeten eingerahmten betonierten Zugang. Ein Spießeridyll im Kleinformat.

Evan stellte den Wagen einige Blocks entfernt ab und kehrte zu Fuß zum Haus zurück. Er schwang sich über den Zaun, legte das Ohr an die Tür, konnte jedoch nichts hören. Das glänzende Schloss der Marke Medeco war brandneu. Er rakte es mit einem dreigezahnten Pick und folgte dem Rhythmus der sich auf verschiedene Höhen anhebenden Stifte. Schließlich spürte er, wie es sich mit einem angenehmen Klicken öffnete.

Die gut geölte Tür schwang lautlos nach innen. Evan zog seine Wilson aus dem High-Guard-Hüftholster aus Kydex und ging vorsichtig hinein. Wegen der zugezogenen Gardinen herrschte drinnen Dämmerlicht, und die abgestandene Luft stank nach Putzmittel. Obwohl er spürte, dass niemand zu Hause war, arbeitete er sich so leise wie möglich von Raum zu Raum vorwärts. Das Haus bestand aus billigem Baumaterial, war aber überraschend sauber. Ordentlich auf der Theke gestapelte Teller. Blitzblank geputzte Linoleumböden. Ein Sofa und Stühle mit Überzügen in beruhigendem Braungrau und verwaschenen Blautönen, die nach IKEA aussahen. Im Wohnzimmer öffnete Evan die Gardinen einen Spaltbreit.

Die Fenster waren zugenagelt.

Er fuhr mit dem Finger über die Nagelköpfe, die sich kühl anfühlten.

Dann setzte er seinen Rundgang fort.

Im Schlafzimmer standen zwei sorgfältig gemachte Doppelbetten. Im Schrank hingen Männersachen. Riesige Männersachen. Eins der Jacketts sah aus, als könnte man damit einen Liegestuhl beziehen.

Evan hielt inne, holte tief Luft und lauschte.

Dann ging er auf das Zimmer am Ende des winzigen Flurs zu. Drei Riegel an der Tür. Außen.

Mit der Pistole im Anschlag blieb Evan vollkommen regungslos zehn volle Minuten davor stehen. Von drinnen waren keine Atemgeräusche oder das Knarren von Bodendielen zu vernehmen.

Schließlich schob er einen der Riegel zurück. Das gedämpfte Geräusch von Metall auf Metall klang in der Stille wie ein Donnerschlag.

Er zog sich neben die Tür zurück und wartete.

Nichts tat sich. Rein gar nichts.

Die restlichen Riegel schob er schnell hintereinander auf. Dann stellte er sich seitlich neben die Tür, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, und stieß sie vorsichtig auf. Sie schwang quietschend nach innen. Mit der 1911 Wilson im Anschlag drehte er sich langsam in den Raum: ein ordentlich gemachtes Bett mit blasslila Überdecke, davor ein nagelneuer Fernseher auf einer TV-Bank.

Ein nettes Zimmer, wäre da nicht die vor dem Fenster angebrachte Metallplatte gewesen. Als Evan die Tür mit der Schulter aufstieß und eintrat, schien sie ihm schwerer als die anderen. Solider Kern.

Das also war das vorübergehende Gefängnis.

Niemand drin. Das Zimmer, wenige Möbel, blitzblank sauber, nur das Nötigste an Ausstattung, wirkte wie ein Schaukasten. Tatsächlich hatte das ganze Haus etwas von einem Puppenhaus.

Die Einrichtung sollte nur eines sein: zweckmäßig, aber bequem.

Hector Contrell hatte schließlich dafür zu sorgen, dass die Ware in gutem Zustand bei den Kunden eintraf.

Die Tür zum Badezimmer war nach wie vor geschlossen. Evan drückte probehalber die Klinke, aber die Tür bewegte sich nicht. Er steckte seine Pistole zurück ins Holster und nahm erneut den Spanner heraus. Um diese billigere Art von Schloss zu knacken, musste man nur ein paarmal mit dem Hook darin herumstochern.

Als die Tür nach innen schwang, raubte ihm der Gestank fast den Atem.

Ein glattes Bein, lilablau marmoriert, hing über den Wannenrand. Ein Wust wirrer schwarzer Haare verdeckte das Gesicht, nur das zarte elfenbeinfarbene Kinn schaute heraus. Evan vermutete, das tote Mädchen war älter als das Gros von Contrells üblicher Ware. Um die zwanzig. Vermutlich für einen Käufer vorgesehen, der etwas Abwechslung suchte.

Zumindest bis Contrells kleines Geschäftsmodell aufgeflogen war und seine Mittelsmänner sich entschlossen, das Lager aufzulösen.

Als Evan Contrell getötet hatte, lebte das Mädchen noch. Auch dann noch, als er wieder nach Hause gefahren war, sich einen Wodka eingeschenkt und damit einen erfolgreich ausgeführten Auftrag begossen hatte.

Evan ließ sein Pick-Set sinken.

Und hörte Schritte, die sich ihm von hinten näherten.

Es waren zwei Männer, denen ganz offensichtlich die XXL-Klamotten in dem Schrank im Schlafzimmer gehörten. Der Typ, der als Erster auf Evan zukam, hatte einen Smith & Wesson Chief’s Special Revolver mit kurzem Lauf im beidhändigen Anschlag und machte eine gute Figur dabei. Handgelenke gerade, Ellbogen zusammen. In einem billigen Nylonholster unter seiner linken Achsel steckte eine zweite Waffe: halbautomatischer Backup, falls die ersten fünf Kugeln nicht ausreichten.

Der zweite Mann hatte einen ziemlichen Bauch, und auch er hielt eine Waffe, eine Sig Sauer. Aber da sein Kumpel Evan bereits genau im Visier hatte, konnte er es sich leisten, etwas laxer zu sein. Viel konnte Evan allerdings nicht erkennen, weil der mächtige Oberkörper des Vordermanns ihm die Sicht versperrte. Das lag nicht nur an dessen beträchtlichem Umfang, sondern auch an der Art und Weise, wie sich alles an ihm aerodynamisch auf Evan zuneigte: das energische Kinn, die wulstige Stirn, der gesamte von Brustkorb und Bizeps vorwärts gezogene Körper, sodass er scheinbar nur noch von seinen Fußballen auf dem Boden gehalten wurde. Ein Hochgeschwindigkeitszug in Menschengestalt.

„Wer hat in unseren Bettchen geschlafen?“

Evan ließ die Wilson ein Stück sinken. Der Smith & Wesson ging ebenfalls nach unten und zielte jetzt auf sein Herz.

„Schneewittchen?“, fragte Evan. „Im Ernst?“

„Da hat er recht, Claude“, schaltete sich jetzt der zweite Typ ein. „Dir ist auch schon mal was Besseres eingefallen.“

Claudes grimmiger Gesichtsausdruck war verschwunden, dafür schaute er jetzt ein wenig dümmlich drein. Seine Wangen glänzten, als hätte er sich erst vor Kurzem rasiert, aber es war bereits ein leichter Bartschatten zu erkennen. Für Gesichter wie seines waren Rasierer mit fünf Klingen entwickelt worden.

„Ich dachte nur von wegen Einbrechen und so. Wir kommen nach Hause und erwischen dich. Und dann noch ‚Schneewittchen‘. Sollte ’ne Beleidigung sein.“

„Weil Schneewittchen ein Mädchen ist …“, folgerte Evan.

Claude nickte.

Evan ließ die Wilson nicht sinken. „Du weißt doch: Wenn man den Witz erklären muss …“

Jetzt nahm auch der zweite Typ die SIG hoch und zielte damit auf Evan. „Waffe auf den Boden.“

Evan gehorchte.

Während er in die Hocke ging, schätzte er die Entfernung zu Claudes Schuhspitzen. Ungefähr anderthalb Meter. Das wäre mit einem Sprung zu schaffen. Normalerweise kein Problem für ihn, wenn da nicht zwei Waffen mitten auf seine Brust gerichtet wären.

Im Aufstehen sah er sich den Lauf des Chief’s Special genau an. Da Claude muskelbepackt und ein Rechtshänder war, würde Evans erste Maßnahme eine Finte nach links sein, damit Claude seine Waffe ebenfalls nach links und somit quer über seinen Riesenbrustkorb schwenken würde. Dadurch dass Delta- und Brustmuskel zusammengedrückt würden, würde sein Arm vielleicht etwas langsamer werden und Evan eine halbe Sekunde verschaffen.

Das würde reichen.

Dann wanderte sein Blick hinunter zu Claudes zweiter Waffe, die locker im Achselholster baumelte. Eine Browning Hi-Power. Sie war geladen und gesichert: Hahn gespannt, Sicherung drin. Der Sicherungshebel lugte unter dem Rückhalteriemen des Nylonholsters hervor. Hilfreich.

Der üble Geruch aus dem Badezimmer kam über Evans Schulter geweht und setzte sich ihm in Mund und Nase, sodass er ihn beinahe schmecken konnte. Unmittelbar vor der Türschwelle im Flur entdeckte er das grelle Rot von Benzinkanistern. Die Männer hatten sie unbemerkt dort abgesetzt. „Seid ihr zum Aufräumen hier?“

„Contrell war der Geschäftsführer“, antwortete Claude. „Wir sind nur für den alltäglichen Kram zuständig. Eigentlich so ’ne Art Babysitter. Rumsitzen, Pizza essen, Fernsehen. Auf jeden Fall besser als Gräben ausheben.“

Evan ließ den winzigen Hook um den Daumen schnellen und packte ihn dann wieder fest. „Und das waren die beiden einzigen Alternativen? Mädchenhandel oder Gräben ausheben?“

Claude lächelte, weil bei ihm gerade der Groschen gefallen war, wodurch sein beträchtlicher Unterkiefer noch mehr betont wurde. „Du bist der Typ, der uns arbeitslos gemacht hat!“

Mit einer blitzschnellen Drehung seines Handgelenks schleuderte Evan den Hook-Pick Claude ins Gesicht und warf sich nach links, unmittelbar bevor der Schuss ertönte. Die Kugel krachte an seinem Ohr vorbei. Evan sprang nicht auf Claude zu, er sprang fast in ihn hinein und benutzte ihn als Schutzschild, als er in Reichweite seines Revolvers kam. Evans rechte Hand schoss zu der Browning im Achselholster, dann prallte er gegen den gewaltigen Typ, Brustkorb gegen Brustkorb, wie eine missglückte Schrittfolge beim Paartanz.

Danach ging alles sehr schnell.

Noch während Evan mit dem Daumen die Sicherung löste, schloss sich sein Zeigefinger um den Abzug. Er rotierte die noch am Gurt hängende Waffe um fünfundvierzig Grad und gab unter Claudes Achsel hindurch einen Schuss direkt durch das Holster ab. Der Schuss durchlöcherte dem Mann hinter ihnen die Wange, Blut spritzte hervor wie eine Ölfontäne. Seine Pistole krachte zweimal, als er nach hinten stürzte. Evan konnte spüren, wie beide Kugeln Claude trafen, Friendly Fire bis aufs Rückgrat.

Claude sackte sofort in sich zusammen und bewegte sich nicht mehr.

Der andere Typ saß mittlerweile zusammengekrümmt vor dem Bett auf dem Boden, eine Hand in die blasslila Überdecke gekrallt. Totenstille legte sich über das Zimmer.

Das Ganze hatte keine zwei Sekunden gedauert.

Evan hob seine Pistole auf und ging Richtung Tür. Es gab zwar keine unmittelbaren Nachbarn, aber eine Schießerei konnte man auch in einiger Entfernung noch hören.

Als er über Claudes Leiche hinwegtrat, fiel ihm ein gelber Zettel auf, der aus der Innentasche des aufgeklappten Jacketts sah. Sein Instinkt gebot ihm, innezuhalten, sich zu bücken und danach zu greifen. Vorsichtig zog er den Zettel heraus.

Die für den Kunden bestimmte Durchschrift eines Frachtbriefs aus dünnem gelben Papier.

Evan erstarrte; ihm schnürte sich die Kehle zusammen.

Sein Blick wanderte zum Bett. Queen Size.

Groß genug für eine Mitbewohnerin.

Er sah wieder auf den Zettel, konzentrierte sich auf die Angaben.

Adresse Absender:

Long Beach, Kalifornien

Adresse Empfänger:

Jacksonville, Florida

Geschätzte Ankunftszeit:

29. Okt., 23:37 Uhr

Entfernung:

5.141,11 Meilen

Diese Entfernung würde eine Sendung nicht zurücklegen, wenn sie per LKW oder Flugzeug verschickt würde. Nicht einmal annähernd. Dann wären es nur rund zweitausend Meilen. Diese Sendung ging runter Richtung Südamerika und dann durch den Panamakanal.

Er las den Rest des Dokuments.

Wie erwartet war die Beförderung eines sechs Meter langen ISO-Containers auf einem mittelgroßen Frachter namens Horizon Express arrangiert worden. Eine zusätzliche Hafengebühr von 120 Dollar war bei Lieferung an die Hafenbehörde von Jacksonville fällig.

Ganz unten stand etwas in blauer Tinte, die sich deutlich von der schwarzen Durchschrift abhob. Ein Name. Und ein Alter.

Alison Siegler/17 J.

Diese achtlos hingeschmierten Wörter entfachten unbändige Wut in Evan.

Er fragte sich, wie es dem siebzehnjährigen Mädchen gehen mochte, das jetzt in Container 78653-B812 eingesperrt war.

Offenbar war es Claude und seinen Kumpanen gelungen, heute Morgen noch eine letzte Bestellung zu verschicken, bevor sie die Produktion eingestellt hatten. Das bedeutete, dass Evan dem Medusenhaupt von Contrells Operation noch einen letzten Kopf abschlagen musste, bevor er sie endlich unschädlich gemacht hätte.

Ihm blieben sechzehn Tage, dann würde der Frachter in Jacksonville einlaufen. Den Käufer würde er dort treffen. Aber er hatte nicht vor, Alison Siegler bis dahin ihrem Schicksal zu überlassen.

Den zerknüllten Beleg in der Hand, verließ er das Zimmer, stieg vorsichtig über die Benzinkanister im Flur und trat aus der Haustür. Er joggte den Weg hinunter und schwang sich über das Gartentor.

Er war gerade auf dem Bürgersteig aufgekommen, als er das Quietschen von Reifen hörte.

Zwei Ford Transits kamen von links und rechts auf ihn zugeschossen und nahmen ihn in die Zange. Im bekannten Grau, ohne Seitenfenster. Als Evan nach der Wilson in seinem Holster griff, flogen die Türen der Vans auf und gaben den Blick auf jeweils mehrere Augenpaare frei, die ihn durch die Sehschlitze von Skimasken anstarrten. In beiden Wagen gingen wie bei einem Geschützturm gleichzeitig die Waffen hoch.

Grellorangefarbene Punkte leuchteten im dunklen Inneren der Wagen auf. Die farbige Markierung an den Kolben stand für „weniger tödliche Waffe“.

Evan hatte gerade noch Zeit zu denken, das wird wehtun, dann feuerten die Schrotflinten auch schon. Das erste Beanbag-Geschoss traf ihn mitten in den Oberschenkel und riss ihn um 180 Grad herum, wobei die nächste Salve ihm in die rechte Seite hämmerte. Eine Rippe brach. Ein weiteres Geschoss streifte ihn am Kopf, nur leicht, aber dank der Schrotkugeln im Inneren reichte es schon. Noch kein Schmerz, der würde erst später kommen, aber er spürte ein Druckgefühl, das eine Schwellung ankündigte.

Er drehte sich mit der Wucht des Geschosses mit und vollendete die Drehung, bis er wieder seine Ausgangsposition erreicht hatte, wobei es ihm irgendwie gelang, die Wilson zu ziehen. Die schwarz gekleideten Männer waren bereits aus den Wagen gesprungen und hatten Gefechtsformation eingenommen. Diese Jungs waren Profis, Klassen besser als Hector Contrell und sein jämmerlicher Trupp Freelancer.

Ein Hüne von Mann in der Mitte hielt eine merkwürdig aussehende Waffe, in deren trichterförmig erweitertem Mündungsaufsatz ein ballonartiger Pfropf steckte. Es sah aus wie eine Schlange mit einem Basketball im Maul.

Die Waffe entlud sich mit einem Rauschen. Evan sah mit hilflosem Staunen zu, wie sich das Objekt über ihm entfaltete. Stabiles Nylonnetz, Stahlgewichte an den vier Ecken. Das ganze Ding gähnte wie das aufgerissene Maul eines Untiers.

Ein Fangnetz für Großwild.

Evan war komplett darin eingewickelt wie in einen Kokon, ein Handgelenk drückte ihm auf die Nase, ein Knie auf die Brust, die Fußspitzen zeigten nach unten wie bei einem olympischen Turmspringer. So mussten sich auch die Einwohner von Pompeji gefühlt haben, als sie, vom Vulkanausbruch überrascht, in wenig schmeichelhafter Körperhaltung für die Ewigkeit festgehalten wurden.

Er konnte weder seine gegen das linke Ohr gequetschte Schusshand noch irgendeinen anderen Körperteil rühren.

Seine Wange drückte gegen den Bürgersteig. Für den Bruchteil einer Sekunde nahm er aus dem Augenwinkel einen vorbeiflatternden gelben Farbklecks wahr: Von einem Windstoß erfasst, trudelte der Frachtbrief in den Rinnstein. Da flog er davon, der letzte Hinweis auf den Verbleib von Alison Siegler.

Evan drehte sein Auge nach außen, so weit es ging, und versuchte, einen Blick nach oben zu erhaschen. Eine gewaltige schwarze Gestalt ragte bedrohlich über ihm auf. Sie hielt eine Spritze einsatzbereit in der latexbehandschuhten Hand.

Die Gestalt beugte sich über ihn.

Der Einstich der Metallkanüle seitlich am Hals.

Dann ein brennendes Gefühl. Schwärze.

7. DAS UNAUSWEICHLICHE RÖCHELN

Und wieder ist Evan in jenem Parkhaus mit Tiefgarage, genau südlich vom Jefferson Memorial. Parkdeck 3 ist seine persönliche Hölle.

Oder, präziser ausgedrückt, sein Fegefeuer.

Es ist eine feuchtwarme Sommernacht des Jahres 2008, dieselbe Nacht, in der er seit etwas mehr als acht Jahren gefangen ist.

Wie immer leuchtet das Aufzugschild rot und taucht die ruhenden Baumaschinen in einen blutigen Schein. Das Parkhaus ist wegen Umbauarbeiten geschlossen. Evan wartet hinter einem Betonpfeiler und schabt die Sohlen seiner Schuhe an einem Kantstein ab, um das Profil von Kirschblüten zu befreien.

Er hat Jack zu einem mitternächtlichen Treffen hierherbestellt. Eigentlich hätte Evan gerade in Frankfurt sein sollen, wo er nach der Liquidierung einer hochkarätigen Zielperson im Jemen untergetaucht war. Stattdessen ist er spontan und voll innerer Unruhe zurück in die Staaten geflogen, weil er unbedingt das Gesicht der einzigen Person sehen musste, der er vertrauen kann.

Evan will aussteigen.

Jack hat ihn zum besten Killer der Welt erzogen. Und auch dazu, dabei seine Menschlichkeit nicht zu verlieren. Zwei Züge auf Kollisionskurs.

Nach zehn Jahren als Orphan X weiß Evan, dass er vor dem Zusammenstoß abspringen muss, auch wenn dieser Sprung ihn tötet.

Was er nicht bedenkt, ist, dass das nicht der schlimmste Ausgang wäre.

Jack hat sich gegen das Treffen gesträubt. Er hat gesagt, er muss jetzt gut aufpassen, was er tut. Er will sich nicht aus der Reserve locken lassen, seine Tarnung preisgeben. Aber Evan hat auf das Treffen bestanden, also hat Jack schließlich wider besseres Wissen nachgegeben.

Es läuft so ab, wie es immer abläuft.

Jack taucht aus dem Nichts auf, das Klappern seiner Sohlen hallt von den Betonwänden wider, sein Schatten fällt lang über den ölfleckigen Boden wie in einem Film Noir. Er und Evan umarmen sich. Ihr letztes Treffen ist über zwei Jahre her. Jack sieht Evan so intensiv an, als sei er sein lang verschollener Sohn. Ein Anflug von Stolz liegt in Jacks Blick. Normalerweise ist er kontrolliert wie ein Catcher beim Baseball und lässt nur äußerst selten zu, dass sich eine Gefühlsregung auf seinem Gesicht spiegelt.

Die Wörter sprudeln aus Evans Mund: „Ich bin raus.“

Jack antwortet mit den Worten, die Evan bereits in tausendfacher Wiederholung gehört hat: „Man ist niemals raus. Das weißt du. Ohne mich bist du nichts weiter als …“

„Ein Kriegsverbrecher.“

Wie vorherbestimmt, wurde das Gespräch immer eindringlicher.

Bis zu dem Punkt …

Das Aufheulen eines Motors und das plötzliche Aufleuchten von Scheinwerfern lässt ihre Köpfe herumfahren zu dem schwarzen SUV, der die Abfahrt hinunter auf sie zurast und schlingernd auf dem verlassenen Parkdeck aufkommt. Pistolen feuern durch die Windschutzscheibe, und das Mündungsfeuer taucht das auf sie zuhaltende Fahrzeug in grelles Stroboskoplicht.

Jack packt Evan und zerrt ihn hinter einen Pfeiler. Evan schiebt sich mit dem Rücken einmal rund um die Säule, die Schultern an den kühlen Beton gedrückt, und kommt auf der anderen Seite bereits schießend wieder hervor. Er verwandelt die Vordersitze und diejenigen, die dort sitzen, in Schweizer Käse. Der SUV wird immer langsamer, rollt im Schneckentempo auf Evan zu und bleibt schließlich mit der Stoßstange an Evans Oberschenkel stehen. Die Angreifer liegen vornübergefallen auf dem Armaturenbrett, bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt von Evans wohlplatzierten Hohlspitzgeschossen.

Evan bereitet sich innerlich auf das Geräusch vor, von dem er weiß, dass es nun folgen wird.

Das unausweichliche Röcheln in seinem Rücken.

Das blaue Flanellhemd ist an der Schulter durchgeweicht. Das Blut ist hell, arteriell. Jacks Hand, die er auf die Wunde presst, ist bereits so gleichmäßig damit überzogen, dass er einen roten Handschuh zu tragen scheint.

Evan reißt Jack das Hemd herunter, damit er die Wunde besser sehen kann. Ein dünner Blutstrahl schießt zwischen Jacks Fingern hervor. Unter den altbekannten durchdringenden Geruch nach Blut mischt sich schwach der süßlich-penetrante Duft von Kirschblüten. Evan dreht sich der Magen um.

Seine jahrelange Ausbildung hat ihm jegliche Panikreaktion ausgetrieben, sie bis auf Zellebene aus seinem Körper verbannt.

Und dennoch …

Sein Gesicht fühlt sich heiß an.

Alles geschieht in Zeitlupe.

Trauer bahnt sich mit Klauen und Zähnen einen Weg aus dem verschlossenen Kästchen in seiner Brust und schnürt ihm die Kehle zu.

Jack sagt Dinge, die er nie gesagt hat und auch nie sagen würde. Was er sagt, kommt nicht aus der Erinnerung, sondern direkt aus Evans tiefstem Innern.

Ich habe dich aufgenommen.

Dich wie meinen eigenen Sohn aufgezogen.

Und du hast mich getötet.

Wieso?

Jack hebt den von Blut überzogenen Arm. Und deutet weg von sich.

Damit verbannt er Evan vom intimen Anblick seiner letzten, mühsamen Atemzüge.

Verdammt Evan dazu, ein Leben lang für diesen Fehler zu büßen.

Entfremdet Evan von sich selbst.

Das blutige Flanellhemd um die Hand gewickelt, flieht Evan. Er flüchtet in die Dunkelheit, denn nur sie kann seine abgrundtiefe Schuld verhüllen.

Und nur in der Dunkelheit ist er allein.

Evan erwachte in einem Meer aus Seide.

Glänzender, glatter Stoff umschmeichelte seine Haut. Er lag in einem zerwühlten dunkelauberginefarbenen Lakenberg, auf einem Bett wie für einen indischen Maharadscha.

Zuerst dachte er, das sei noch Teil des Traums.

Dann setzte der Schmerz ein.

8. SEIN GANZ PERSÖNLICHES PUPPENHAUS

Als Evan den Kopf vom Kissen hob, meldeten sich seine Rippen, und er zuckte vor Schmerz zusammen. Er hielt kurz inne, um sich auf seine Atmung zu konzentrieren. Dann warf er die seidig weiche Bettdecke zur Seite und setzte sich unter Stöhnen auf. Eindrücke prasselten auf ihn ein wie Insekten auf eine Windschutzscheibe.

Er war nackt.

Dunkelrote Blutergüsse zogen sich über seine rechte Körperseite, Schenkel, Bauch und Brust.

Das Zimmer war genauso geräumig und luxuriös wie das riesige Schlittenbett, auf dem er saß.

Noch benebelt von der Betäubung, nahm er Stück für Stück seine Umgebung in sich auf. Gewölbedecke, frei liegende Balken. Gefütterte Vorhänge an einer schmiedeeisernen Stange. Ledersessel und Ottomane im Antiklook mit Kontrastnähten und Ziernägeln. Mahagoniablage mit integriertem Schreibtisch, aber kein Stuhl. Ein Holzfeuer prasselte im travertinverkleideten Kamin. Die gesamte Ausstattung wirkte so überhaupt nicht wie Los Angeles. Eher wie die von Ralph Lauren generalüberholte Berghütte der Trapp-Familie.

Evan gestattete sich einen ausgedehnten WTF-Moment.

Dann biss er die Zähne zusammen und stand auf. Ihm wurde schwindlig, entweder von den Drogen oder weil er zu lange in der Horizontalen verbracht hatte. Wahrscheinlich beides. Rustikale Eichenbohlen, kühl und glatt unter seinen Füßen, waren ein willkommenes Gegenprogramm zur Hitze des Kamins. Er streckte sich und machte dabei eine Bestandsaufnahme seines Körpers: Seine Hände waren okay. Vermutlich eine angebrochene Rippe, das ließ sich nicht ändern. Die Blutergüsse, die zwar in allen erdenklichen Farben leuchteten, waren harmlos und sahen aus, als seien sie schon mehrere Tage alt.

Im Großen und Ganzen waren die Beanbag-Geschosse ihrer Beschreibung gerecht geworden. Er war noch am Leben.

Er ging durchs Zimmer zum begehbaren Kleiderschrank. Darin hingen fünf akkurat aufgereihte Hemden mit Button-down-Kragen. Stapel säuberlich gefalteter Jeans, T-Shirts und Pullover nahmen nur wenig Platz auf den langen Ablagen ein. Kein Gürtel. Neben der gestapelten Kleidung fand er Unterwäsche, Socken und zwei Paar Wanderschuhe in Größe 43. Seine Größe.

Alles, was er vor seiner Begegnung mit dem Großwildfangnetz getragen hatte, fehlte. Seine Boxershorts waren ebenso spurlos verschwunden wie seine Pistole oder das Klappmesser.

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Evan Smoak