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S.P.U.K. - Sammler paranormaler Unregelmäßigkeiten

hier erhältlich:

Ein Junge mit einer ungewöhnlichen Gabe und einem noch ungewöhnlicheren Freund …


Denzel sitzt über seinen Hausaufgaben, als er plötzlich spürt, dass er nicht mehr allein ist. Eine rauchige schwarze Masse mit langen Tentakeln klemmt in einer Zimmerecke und Denzel kann gerade noch in Sicherheit springen, als die Wand explodiert. Die S.P.U.K. - Geisterjäger - stürmen sein Wohnzimmer und danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Geister unterschiedlicher Dimensionen? Das Auge des Sh‘grath? Wo ist er da nur hineingeraten? Gut, dass sein bester Kumpel Schmitti an seiner Seite ist. Gemeinsam haben sie immer was zu lachen - auch mitten in einem Krieg zwischen Gut und Böse.
Verrückte Geister, schräge Witze und spannende Action: das perfekte Leseabenteuer für Jungs!


  • Erscheinungstag: 02.08.2018
  • Seitenanzahl: 288
  • Altersempfehlung: 10
  • Format: E-Book (ePub)
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505141997

Leseprobe

Für Michael Lopez,

Mitbegründer der

ursprünglichen S.P.U.K.

Ich hoffe, du erlebst

nach wie vor große Abenteuer,

alter Freund.

B.H.

Kapitel 1

Denzel Edgar war fast fertig mit einer diesmal besonders fiesen Mathehausaufgabe, als er den Geist sah.

Kaum hatte er das Mathebuch herausgeholt, spürte er ein eisiges Kribbeln. Und als er gerade seinen Bleistift anspitzte, stellten sich plötzlich die feinen Härchen in seinem Nacken auf. Denzel sah sich um, woher es wohl so zog, aber alle Fenster und Türen waren fest ver­schlossen.

Er kämpfte mit einer superkomplizierten Gleichung mit Unbekannten, als sein Radiergummi aus dem Stifte­etui sprang und auf den Esstisch plumpste. Denzel hörte auf zu schreiben und sah zu dem recht­eckigen Gummi mit den Bleistiftspuren an den Seiten. Dann guckte er auf sein Etui. Und legte den Radiergummi mit einem Schulterzucken wieder hinein.

Einen Augenblick später sprang er wieder heraus. Diesmal machte Denzel keine Anstalten, ihn zurückzu­legen. Er starrte ihn nur an und fragte sich, was da vor sich ging. Während er den Radiergummi beobachtete, bildete sein Atem zarte, weiße Wölkchen vor seinem Gesicht. Etwa so, wie wenn man im Dezember draußen herumläuft. Aber er war drinnen. Und es war Juni.

Denzel begann am ganzen Körper zu zittern. Er fror von innen heraus. Und er spürte noch etwas, das ihn wesentlich mehr beunruhigte.

Er spürte, dass er nicht allein war.

»W-w-wer ist da?«, flüsterte er. Die Worte klangen wie erstickt von der bedrückenden Stille im Haus. Er hörte und sah nichts, aber er fühlte … etwas. Ein Kitzeln, weil sich etwas über sein Gesicht und durch seine Haare bewegte, als ob die Luft um ihn herum Form ­annehmen und zu etwas anderem werden würde – zu mehr als nur Luft.

Auf der Tischplatte balancierte Denzels Radiergummi nun auf dem kurzen Ende. Er trippelte auf Denzel zu und wankte dabei hin und her wie Denzels Väter, wenn sie den Schrank von einem Ende seines Zimmers zum anderen schleppten, weil sie mal wieder Lust bekommen hatten umzuräumen. Im Gegensatz zu dem Kleiderschrank war der Radiergummi jedoch auf eigene Faust unterwegs.

Instinktiv schnappte Denzel den herumeiernden Radiergummi mit der Hand. Er konnte spüren, wie der sich gegen seinen Griff wehrte, als er ihn wieder in das Stifte­etui stopfte und den Reißverschluss zuzog. Das Etui zuckte und wand sich, also warf Denzel schnell ­seinen Schulrucksack darauf und sprang vom Tisch ­zurück.

Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Es würde mindestens noch eine Stunde dauern, bis seine Väter nach Hause kamen. Er war ganz allein.

Aber warum wurde er das Gefühl nicht los, dass das nicht stimmte?

Und dann sah er es, als Reflexion in der Scheibe ­eines Bilderrahmens: eine dunkle Gestalt, die in einer Ecke des Esszimmers herumlungerte, sich über die Wand und Teile der Decke erstreckte wie ein extrem ­großer Schimmelfleck.

Zuerst versuchte Denzel sich davon zu überzeugen, dass er sich alles einbildete. Das dunkle Ding hinter ihm war nicht echt. Unmöglich! Offensichtlich war er dabei, verrückt zu werden. Die letzte Gleichung hatte in seinem armen, überarbeiteten Gehirn die Siche­rungen durchbrennen lassen und dazu geführt, dass er nun Dinge sah … was für Dinge auch immer das ­waren.

Er war sich sicher, wenn er nur den Mut aufbringen würde, hinter sich zu schauen, wäre da nichts als eine leere Wand. Vielleicht ein Schatten oder so etwas, aber auf keinen Fall das sich wie Rauch windende schwarze Gewirr, das sich im Augenblick in der Glasscheibe vor ihm spiegelte.

Langsam, ganz langsam drehte Denzel sich herum. Weil er die Augen dabei geschlossen hielt, war er auch danach – als er sich so weit umgedreht hatte, dass er mit dem Gesicht in die Ecke schaute – kein bisschen schlauer als vorher.

Er wollte die Augen aufmachen, aber seine Augen hielten das für keine gute Idee. Er musste mehrmals tief durchatmen und ihnen flüsternd Mut zusprechen, bis sich zumindest sein rechtes Auge endlich öffnete. Das linke dagegen war wild entschlossen, nicht einen Millimeter nachzugeben.

Zu seinem Entsetzen sah Denzel, dass die Ecke keineswegs leer war. Das Ding, das dort herumlungerte, sah aus wie eine Kreuzung aus einem Oktopus und ­einem Kaminfeuer. Es war schwarz, so wenig greifbar wie Rauch und besaß sechs oder sieben lange, ver­knotete Tentakel. Die Gestalt schien im selben Rhythmus wie Denzels hämmernder Herzschlag zu pulsieren, ­immer schneller und schneller, je panischer Denzel wurde.

Einer der Tentakel des Dings griff nach Denzel, und der stolperte rückwärts. Er rannte zu der Tür, die in den Flur führte, und riss sie auf. Der Tentakel peitschte an ihm vorbei, schlug die Tür wieder zu und versperrte sie.

Denzel wich aus und suchte den Raum nach etwas ab, womit er sich verteidigen konnte. Das Geeignetste, was er fand, war ein kleines Plastikmodell vom Blackpool Tower, das ihm ein Nachbar aus dem Urlaub mitgebracht hatte. Vermutlich nicht die ideale Waffe im Kampf gegen ein bösartiges, übernatürliches Wesen, aber die einzige, die er zur Hand hatte.

»Z-zurück!«, sagte er und stach mit dem spitzen Ende der Plastikfigur in die Richtung des rauchigen Dings. »Ich w-warne dich!«

Einer der schwarzen Tentakel schlug nach ihm. Eine Schneekugel – ein weiteres Urlaubsandenken – zersplitterte an der Wand über Denzel, und Glas, Glitzer ­sowie eine winzige Nachbildung des Edinburgh Castle regneten auf ihn herab.

Winselnd vor Angst schützte Denzel seinen Kopf mit den Armen, als ein Stuhl durch die Luft geschleudert wurde und mit einem Rumms neben ihm landete. Denzel machte erneut einen Satz zur Tür, aber der Tentakel hielt sie immer noch fest geschlossen.

Das Fenster! Es war Denzels einzige Chance zu entkommen. Er fuchtelte – wie er hoffte, zumindest ein wenig bedrohlich – mit dem Blackpool Tower herum, hüpfte über den zerbrochenen Stuhl und raste zum Fenster. Gerade wollte er die Schnur schnappen, mit der die Rollläden hochgezogen wurden, da explodierte das Fenster nach innen. Der Druck riss ihn von den Füßen und schleuderte ihn auf den Esstisch.

Und zwar mit so viel Schwung, dass Denzel über die gesamte Tischplatte rutschte. Als er auf der anderen Seite herunterfiel, kippte der Tisch um und bildete einen Schutzwall gegen das Ding – und gegen das, was das Fenster hatte explodieren lassen.

Vorsichtig schob Denzel den Kopf über den Rand des Tisches, gerade genug, dass er sich einen Überblick über den Raum verschaffen konnte. Zwei Gestalten betraten das Wohnzimmer durch die Lücke, wo vorher das Fenster und die Wand drum herum gewesen waren. ­Wegen der Schuttwolke waren sie schwer zu erkennen, aber von der Form her sah es so aus, als trüge die ­größere von ihnen ein Sturmgewehr.

Denzel betrachtete den kleinen Blackpool Tower aus Plastik, den er bei seinem kurzen Flug durch das Zimmer festgehalten hatte. Nach kurzem Überlegen setzte er ihn leise auf dem Fußboden ab.

»Suche nach Feindkontakt«, bellte die Gestalt mit der Waffe. Es war ein Mann, das war alles, was Denzel feststellen konnte. Eher jung, dachte er, aber er war sich nicht sicher. Mit dem kleinen Finger stocherte er sich im Ohr herum, um das Klingeln von der Explosion loszuwerden. Irgendjemand musste das Getöse gehört haben. Bestimmt war schon Hilfe unterwegs. Mit etwas Glück würde niemand ihn umbringen, bis sie ankam.

»Irgendein Hinweis?«, fragte die andere Gestalt. Diese musste ein Mädchen im Teenageralter sein. Und sie klang viel unsicherer als ihr Partner.

»Ich kann es noch nicht hundertprozentig lokali­sieren«, antwortete der Mann. Irgendetwas in seiner Stimme verriet Denzel, dass auch er ein Teenager war. Am Kolben seines Gewehrs blinkte ein rotes Licht, während er sich langsam um die eigene Achse drehte. »Aber es ist hier.«

Denzel sah hinüber in die Zimmerecke. Die schwarze Gestalt war immer noch da und pulsierte und wand sich wie zuvor. Er merkte, dass er mit den Augen in ihre Richtung zeigte, als wollte er die Aufmerksamkeit der Eindringlinge auf die Gestalt lenken, ohne selbst entdeckt zu werden.

»Vielleicht kann das Dritte Auge des Lahmaschs die Lage erhellen!«, sagte das Mädchen feierlich. Denzel hörte, wie der Junge seufzte, als seine Partnerin nun ­leise etwas murmelte. Das Zimmer war noch immer von einer riesigen, weißen Staubwolke ausgefüllt, dennoch sah Denzel, wie auf der Stirn des Mädchens etwas ­violett aufleuchtete. Es war ein liegendes Oval mit einem Kreis darin, wie die Kinderzeichnung von einem Auge.

»Das Dritte Auge des Lahmaschs!«, sagte das Mädchen mit lauter Stimme. Als das Echo ihres Ausrufs nachließ, schnalzte der Junge missbilligend mit der Zunge.

»Musst du das jedes Mal machen?«

»Ja«, erwiderte das Mädchen. »So will es die Tradi­tion.«

»Es ist Schwachsinn«, sagte der Junge. »Außerdem geht dadurch der Überraschungseffekt verloren.«

Das Mädchen zeigte mit dem Daumen auf das Loch hinter ihnen, wo sich das Fenster befunden hatte. »Äh … Hallo? Ich bin nicht diejenige, die die Wand pulve­risiert hat. Die Haustür wäre nur fünf Schritte ­weiter ­gewesen.«

»Du hast deine Traditionen, ich meine«, antwortete der Junge. »Wie auch immer. Siehst du es?«

»Das Dritte Auge des Lahmaschs sieht alles«, sagte das Mädchen.

»Ja, aber sieht es auch feindliche Aktivität?«

Das Mädchen drehte sich und suchte das Zimmer ab. Das violette Leuchten des Auges auf ihrer Stirn glitt über die Wände wie ein Scheinwerfer und genau über das Rauchding hinweg. »Nein«, gab sie zu. »Kein Feind in Sicht. Es kann also keiner da sein.«

Der Junge schlug mit der flachen Hand gegen seine Waffe. Das Licht daran flackerte, dann ging es wieder an. »Bist du sicher? Ich bekomme auf jeden Fall eine Meldung.«

»Wem vertraust du mehr? Acht Milliarden Pfund schwerer modernster Trackingtechnologie«, begann das Mädchen und tippte sich dann gegen die Stirn, »oder diesem Schätzchen hier?«

»Acht Milliarden Pfund modernster Trackingtechnologie«, antwortete der Junge, ohne zu zögern.

Denzel hätte sie am liebsten angeschrien, dass ­sowohl die Trackingtechnologie als auch das schicke leuchtende Auge keinen Pfifferling wert waren, denn »die feindliche Aktivität«, wie sie es nannten, fand ­genau neben ihnen statt, in einer Zimmerecke, und ­bestand anscheinend darin, herumzuhängen und unheilvoll auszusehen.

Angespannt beobachtete er die beiden Gestalten dabei, wie sie sich noch einige Male im Kreis drehten und ihre jeweils eigenen Suchmethoden anwandten. Eigentlich hätte man inzwischen Martinshörner hören müssen, aber durch das riesige Loch in der Wand schien überhaupt kein Geräusch hereinzudringen. Es war fast fünf Uhr nachmittags. Normalerweise herrschte um diese Zeit auf der Straße Feierabend­verkehr.

Denzel blickte hinüber zu dem schwarzen Ding in der Ecke und hatte plötzlich das Gefühl, dass es ­zurückstarrte. Es besaß keine Augen, aber er spürte, wie sich sein Blick in ihn hineinbohrte, mitten in seine ­Seele.

»Na ja. War wohl falscher Alarm«, sagte das Mädchen. Der Staub legte sich, und Denzel konnte nun erkennen, dass sie einen dunkelroten Morgenmantel mit lächerlich breiten Schulterpolstern trug. Sie wischte sich mit der Hand über die Stirn, und das leuchtende Auge verschwand. »Schleichen wir uns davon wie Shaktis Schatten!«, sagte sie und machte eine komplizierte ­Geste mit ihren Händen.

Der Junge musterte sie. »Was sollte das sein?«

»Etwas Neues, das ich momentan ausprobiere«, ­antwortete das Mädchen. Es klang ein wenig verlegen. »Ich dachte, vielleicht wirke ich dadurch ein bisschen … na ja … geheimnisvoller.«

»Du wirkst dadurch ein bisschen gestört«, sagte der Junge. »Los, gehen wir.«

Denzels Magen verkrampfte sich, als die beiden Figuren sich dem Loch in der Wand zuwandten. Die dunkle Wolke pulsierte nun schneller. Denzel konnte ihre Aufregung förmlich spüren. Gleich würde er ganz allein sein mit ihr, und er hatte den Eindruck, dass dies genau das war, was sie wollte.

»Wartet, g-geht nicht!«, winselte Denzel. Er zeigte in die Ecke, wo sich das schwarze Ding nun verknotete. »Da ist es doch. Genau da!«

Die zwei Figuren drehten sich abrupt um; das Mädchen riss die Arme hoch, während der Junge mit seiner Waffe auf Denzel zielte. Sie kamen einen Schritt auf ihn zu, und Denzel konnte sie zum ersten Mal klar und deutlich sehen, als sie aus dem Staub hervor­traten.

Er hatte geglaubt, das Mädchen trage einen Morgen­mantel, aber nun sah er, dass es ein fließender roter Umhang war, den sie über eine dunkelgrüne Uniform­jacke drapiert hatte. Sie hatte sich einen Gürtel aus ­goldfarbenem Seil um die Taille gebunden, und an ­ihren Fingern funkelten mehr Ringe als im Schau­fenster eines Juweliers. Sie wirkte jünger, als Denzel gedacht hätte – höchstens vierzehn, eher dreizehn wie er selbst.

Der Junge daneben war ein bisschen älter, aber nicht viel. Er hatte eine Uniform an, allerdings von keiner Armee, die Denzel kannte. Das Flecktarnmuster bestand aus Silber- und Blautönen. An den Füßen trug er glänzende blaue Stiefel, die etwa bis zur Hälfte seiner Unterschenkel reichten. Nicht gerade die ideale Farbe, um sich im Gebüsch zu verstecken, dachte Denzel. Der Junge hatte die Ärmel hochgekrempelt, und in seinen behandschuhten Händen hielt er den Schaft und den Lauf seiner Waffe und zielte, wie Denzel beunruhigt feststellte, direkt auf seinen Kopf.

Der Junge kniff die Augen zusammen und warf dann dem Mädchen einen Blick zu. »Das Dritte Auge des Lahmaschs sieht alles, nicht wahr?«

»Deine Scanner haben ihn ja auch nicht bemerkt!«, protestierte das Mädchen.

»Kopf runter!«, brüllte Denzel, als ein »Ich-war-im-­Legoland«-Keramikteller auf die Eindringlinge zuflog. Der Junge reagierte schnell und duckte sich gerade rechtzeitig, bevor der Teller ihn treffen konnte. Das Mädchen hatte weniger Glück.

»Au!«, jaulte sie, als ihr der Teller gegen den Hinterkopf knallte. »Das tut weh!«

»Wo ist es?«, wollte der Junge wissen und drehte sich auf dem Absatz um, dorthin, woher der Teller gekommen war.

»Da!«, rief Denzel und zeigte wieder in die Ecke.

»Er kann es auf keinen Fall sehen«, sagte das Mädchen und tastete sich vorsichtig den Hinterkopf ab. »Ich meine … Kannst du doch nicht, oder?«

»Großes, schwarzes Wolkending!«, stammelte Denzel.­ »Viele Tentakel. Es ist genau vor euch!«

Der Junge hob die Waffe. »Okay. Ich verlasse mich auf das, was du sagst«, meinte er.

Er betätigte den Abzug. Ein schrilles Kreischen er­füllte den Raum.

Und Denzels Welt wurde weiß.

Kapitel 2

Als das Licht schwächer wurde, war die schwarze ­Gestalt nirgendwo mehr zu sehen. Mit einem Klack ­betätigte der Junge einen Schalter an der Seite seiner Waffe, und ein Edelstein in der Größe einer Hand­granate fiel hinten aus ihr heraus. Das Mädchen bückte sich, um ihn aufzufangen, bevor er am Boden aufkam, und wickelte ihn dann schnell in etwas, das aussah wie ein dünner Zweig. Während sie ihn verknotete, mur­melte sie vor sich hin.

»Volltreffer«, frohlockte der Junge. »Bumm!« Als er sich Denzel zuwandte, wich sein zufriedenes Grinsen einem kalten, misstrauischen Starren. »Du wusstest, wo er war. Woher?«

Denzel stand auf und rieb sich die Augen. Das grelle Leuchten war immer noch in seine Netzhaut gebrannt, und wenn er blinzelte, sah er hinter den Lidern statt der gewohnten Dunkelheit einen glitzernden, weißen ­Nebel.

»Ich habe es gesehen«, sagte Denzel.

»Du hast es gesehen?«, wiederholte der Junge, schnaubte und musterte ihn. »Wie hast du das hin­gekriegt?«

»Ich habe meinen Blick ungefähr in seine Richtung gelenkt, und da war es«, antwortete Denzel. »Wie hast du es hingekriegt, es nicht zu sehen? Es war nicht ­besonders schwierig.«

»Nein, schwierig nicht«, stimmte das Mädchen zu, während sie den umwickelten Edelstein in einen ­kleinen Lederbeutel an ihrem Gürtel gleiten ließ. »Eher unmöglich. Man kann Polter-Anomalien nicht sehen. Das geht einfach nicht.«

Denzel zuckte mit den Schultern. »Na ja, dann war es vielleicht einfach kein Polterdingsbums oder so?«

»Du kannst es auch einfach Poltergeist nennen. Und natürlich war es einer!«, sagte das Mädchen. Es warf dem Jungen einen Blick zu. »Ich meine … War es doch, oder?«

»Die Sensoren haben einen angezeigt«, antwortete der Junge.

»Ja, okay, aber … Das beweist gar nichts. Sie sind nicht gerade zuverlässig.«

»Zuverlässiger als dein dämliches magisches Auge.«

Das Mädchen schnappte nach Luft. »Wie kannst du es wagen, das Dritte Auge des Lahmaschs infrage zu stellen?«

Denzel ließ sie zanken und sah sich um in dem, was vom Esszimmer übrig war. Das gähnende Loch in der Wand war natürlich das Schlimmste, aber auch sonst war einiges zu Schaden gekommen.

Die Tischplatte hatte sich von dem Unterteil gelöst, und mindestens zwei Stühle waren kaputt. Die ­Vitrine, in der das Geschirr aufbewahrt wurde, war um­gefallen, und die Teller lagen in Scherben auf dem ­Boden.

Der Teppich war mit einer dicken Schicht aus Staub, Holzsplittern und Glasscherben bedeckt, und an der Wand, wo das Rauchding gewesen war, befand sich ein ovaler Brandfleck.

»Meine Väter bringen mich um«, murmelte Denzel. Plötzlich wurde er wütend und wollte von den beiden Eindringlingen wissen: »Wer seid ihr? Was gibt euch das Recht, hier hereinzukommen und mein Zuhause zu demolieren?«

»Wir haben jedes Recht dazu«, erwiderte der Junge schnippisch und fuchtelte mit einem Finger direkt vor Denzels Gesicht herum. »Das war eine Feindliche Erscheinung Stufe 8. Ohne unser Eingreifen hätte es wer weiß was zerstören können.«

Gerade als Denzel mit einer Handbewegung auf das Chaos im Esszimmer deutete, fiel ein Lampenschirm von der Decke und zerbrach am Boden. »Und ihr dachtet, ihr helft ihm ein bisschen, oder was?«

Der Junge tat einen Schritt vor, sodass er über Denzel aufragte. Denzel wich keinen Millimeter von der Stelle und versuchte nicht zu zeigen, wie sehr seine Knie zitterten.

»Ja, aber der Unterschied ist, dass es nicht hinter sich aufräumt«, sagte der Junge. »Im Gegensatz zu uns.«

Er starrte Denzel einige Sekunden in die Augen. Denzel starrte so ungerührt zurück, wie er konnte.

Der Junge nahm ein Funkgerät vom Gürtel, aber das Mädchen legte ihm eine Hand auf den Arm, um ihn zu stoppen, und lächelte hoffnungsvoll. »Warte. Darf ich?«

Der Junge seufzte. »Meinst du das ernst? Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.«

»Diesmal kriege ich es hin, ich hab’s jetzt drauf. Versprochen. Bitte lass es mich versuchen.«

Der Junge warf zuerst Denzel einen Blick zu, dann dem Mädchen. Er schüttelte den Kopf, ließ die Hand mit dem Funkgerät aber sinken. »Na gut. Wie du meinst. Mach du es. Aber schnell.«

Erfreut klatschte das Mädchen in die Hände. Dann trat sie einen Schritt zurück. »Okay«, murmelte sie. »Los geht’s. Jetzt wird es klappen. Diesmal keine Unter­brechung und –«

»Mach voran«, fauchte der Junge.

»Okay. In Ordnung. Auf die Plätze, fertig – los.«

Denzel beobachtete das Mädchen dabei, wie sie ihre Finger durch die Luft tanzen ließ und dazu sang. In seinen Ohren klangen ihre Worte wie Kauderwelsch, aber nach ein paar Sekunden begannen die Fingerspitzen des Mädchens zu funkeln und zu glänzen.

Sie senkte die Hände und wandte sich zu dem Loch in der Wand. »Es geht los«, flüsterte sie. »Diesmal klappt es. Ich spüre es. Diesmal funktioniert es.«

Denzel verrenkte den Hals, um durch das Loch schauen zu können. »Was funktioniert diesmal?«, fragte er.

»Warte ab. Es passiert jetzt jeden Augenblick«, ­antwortete das Mädchen. »Jeden Moment …« Sie quietschte vor Begeisterung. »Da! Seht ihr?«

Denzel sah ein graues Eichhörnchen durch die kaputte Mauer hereinhüpfen. Es blieb mitten auf dem Teppich stehen, seine Nase zuckte, und es blickte im Zimmer umher. Einen Augenblick später flatterten zwei Spatzen herein, die gemeinsam etwas trugen.

»Ist das … ein Staubwedel?«, fragte Denzel.

»Ja!«, quiekte das Mädchen. Aufgeregt hüpfte sie von einem Bein aufs andere, als ein Hirsch sein Geweih durch das Loch steckte und ins Zimmer stolzierte. Er trug einen Besen im Maul. »Es funktioniert! Es funktioniert wirklich!«

»Super«, sagte der Junge unbeeindruckt.

Das Mädchen grinste von einem Ohr zum anderen, als eine Entenfamilie mit einigen Elektrogeräten ins Ess­zimmer gewatschelt kam.

*

Drei Minuten später herrschte Chaos im Esszimmer. Die Spatzen pickten den Hirsch, der zertrampelte die rest­lichen Esszimmerstühle und versuchte gleichzeitig mit seinem Geweih Mus aus den Enten zu machen.

Zwei Dachse, die später angekommen waren, ver­prügelten abwechselnd das Eichhörnchen. Das Eichhörnchen hingegen hatte eine Dose Möbelpolitur in die Pfoten bekommen, sprühte sie den Dachsen ins Gesicht und quiekte dabei wütend.

Entsetzt beobachtete Denzel den Tumult. Neben ihm kratzte sich das Mädchen in dem Umhang am Kopf. »Das war bei Schneewittchen irgendwie anders.« Sie seufzte. »Okay, noch mal von vorne.«

Sie wich einer Ente aus, entwischte dem Hirsch und sagte dann mit einem unsicheren Lächeln zu dem Jungen: »Vielleicht solltest du das doch regeln.«

»Ach, meinst du wirklich?«, sagte der Junge und griff nach seinem Funkgerät. »Einmal Reinigung Privathaushalt, bitte.« Er wandte sich an Denzel. »Wann kommen deine Eltern zurück?«

Denzel bekam einen Knoten im Magen, als er daran dachte. »Das hängt davon ab, wie viel Verkehr ist und so, aber … keine Ahnung … so in zwanzig Minuten ­vielleicht?«

Der Junge murmelte etwas Unverständliches und hielt sich dann wieder das Funkgerät vor den Mund. »Oberste Priorität. Ihr müsst sofort hier sein.«

Vom anderen Ende kam knackend eine Bestätigung, und der Junge klemmte sich das Gerät wieder an den Gürtel. Beide, das Mädchen und er, drehten sich gleichzeitig zu Denzel um. Im selben Moment ging der Hirsch mit dem Besen im Maul auf die Spatzen los.

»Das ist doch Wahnsinn«, sagte Denzel und starrte mit offenem Mund auf das Durcheinander. »Das ist … Das ist … verrückt. Wer seid ihr?«

»Wir gehören einer streng geheimen Organisation an, die dazu da ist, die Menschheit vor übernatür­lichen Bedrohungen zu schützen«, antwortete das Mädchen. Es klang fast wie ein Roboter, so, als hätte sie diese Worte schon Hunderte Male zuvor gesagt. »Wir haben viele Namen. Der Kult des Sh’grath. Die Boten des Allüberall. Die Siebte Armee der Erleuch­teten.«

Der Junge drängte sich dazwischen. »Aber wir bezeichnen uns am liebsten als Sammler paranormaler Unregelmäßigkeiten, kurz S.P.U.K.«

Denzel runzelte die Stirn und gab sich Mühe, das Eichhörnchen zu ignorieren, das vor seinen Füßen auf einem Entenküken vorbeiritt. »S.P.U.K.? Ihr seid … Geister­jäger?«

Die beiden nickten. »Unter anderem«, sagte der Junge. »Aber wie gesagt, das ist streng geheim. Geheimer als streng geheim, um genau zu sein.«

»Warum erzählt ihr mir dann davon?«, fragte Denzel, auf einmal nervös.

Das Mädchen griff in eine weitere Tasche an ihrem Gürtel und nahm etwas heraus, das aussah wie eine Handvoll Glitzerstaub. Anders als bei gewöhnlichem Glitzer hingegen schien die Luft darüber zu funkeln, wie wenn im Sommer die Hitze vom Asphalt aufsteigt.

»Weil du dich an nichts davon erinnern wirst«, antwortete der Junge.

Bevor Denzel den Mund aufmachen konnte, pustete das Mädchen in den Glitzerstaub. Er wurde zu einem Mini-Tornado aufgewirbelt und traf Denzel mitten ins Gesicht. Er hustete und spuckte, als ihm der Staub in die Nase flog. Daraufhin kitzelte es ihn wie ein verstocktes Niesen, das nicht rauskommen wollte.

»Was hast du gemacht?«, forderte er eine Erklärung. Er sah vor sich auf den Tisch.

Dort lagen seine Hausaufgaben, aufgeschlagen bei einer besonders hirnerweichenden Gleichung. Er starrte sie lange an, bis er feststellte, dass er die Lösung schon hingeschrieben hatte. Fast hatte er das Gefühl, diesen Moment noch vor Augen zu haben, aber die ­Erinnerung entglitt ihm wie ein Traum.

Er stand auf und ging zum Fenster. Die Rollläden ­waren hochgezogen, und er sah hinaus auf die Straße. Gerade kam das Auto seiner Väter angefahren, und Denzel merkte, dass ihm der Magen knurrte. Es war Mittwoch, das bedeutete Take-away-Abend.

»Bitte, bitte lass es chinesisch sein«, flüsterte er und drückte sich selbst die Daumen. Er schob den Stuhl ­wieder an den Tisch und ging zu der Tür, die zum Flur führte.

Auf dem Weg dorthin knirschte etwas unter seinen Füßen. Denzel bückte sich und hob einen zerbrochenen Gegenstand aus Plastik auf.

»Hm«, sagte er und wendete den Miniatur-Blackpool-Tower in der Hand hin und her. »Wie kommt das denn dahin?«

Er stellte das kaputte Teil zurück ins Regal, ließ den Blick über das saubere, aufgeräumte Zimmer schweifen und ging durch die Tür, um mit seinen Eltern zu Abend zu essen.

Kapitel 3

Am nächsten Morgen – sein Mund brannte noch von dem leckeren, aber letztlich doch ein wenig enttäuschenden indischen Essen – machte Denzel sich auf den Weg zur Schule.

Wie immer war sein Schulweg auf die Minute genau durchgetaktet. Um genau 08:38 Uhr verließ Denzel das Haus und vergaß nicht, der alten Mrs Grigor auf der ­anderen Straßenseite freundlich zuzuwinken. Um 08:39 Uhr ging er zur Bushaltestelle bei den Geschäften. Um 08:40 Uhr donnerte der Bus an ihm vorbei, als wäre er gar nicht da. Von 08:41 Uhr bis 09:05 Uhr rannte Denzel dann wie ein Wahnsinniger zur Schule und bemühte sich, nicht vor Anstrengung sein Frühstück zu erbrechen.

Jeden Morgen derselbe Ablauf, auch an diesem Tag. Sein Klassenlehrer Mr Gavistock sah kaum auf, als ­Denzel hereinstürmte, schnaufend und keuchend und kurz davor, in Ohnmacht zu fallen.

»Anwesend«, sagte Denzel zuversichtlich und ließ sich auf den Stuhl fallen. In dem Augenblick, in dem sein Hintern das Plastik berührte, schellte es. Alle anderen standen auf und wuselten aus dem Klassen­zimmer.

»Oooh. Tut mir leid, Denzel«, sagte Mr Gavistock und lutschte an seinem langen grauen Schnurrbart herum. Sein Kugelschreiber schwebte nur Millimeter über dem Klassenbuch. »Es hat geschellt, bevor ich dich als an­wesend eintragen konnte. Du musst dir ­einen Verspätungsschein im Büro holen.«

»Können Sie mich nicht jetzt eben als anwesend ­eintragen?«

Mr Gavistock legte langsam den Stift ab und beugte sich vor, die Hände verschränkt. »Nein, Denzel. Denn das wäre gegen die Regeln.«

»Ja, aber es waren ja nur ein paar Sekunden. Und ich war da, bevor es geschellt hat.«

Mr Gavistock atmete tief ein. »Aber als es geschellt hat, hatte ich dich noch nicht als anwesend einge­tragen, Denzel«, sagte er. »Mir sind die Hände ge­bunden.«

»Aber –«

»Mir sind die Hände gebunden«, wiederholte der Lehrer. »Dir ist klar, was ich damit sagen will? Mir sind die Hände gebunden.«

Denzel stand auf und warf sich den Rucksack über die Schulter. »Ja, klar, aber … sind Sie in Wirklichkeit gar nicht, oder?«, wandte er ein. »Sie könnten mich einfach eintragen. Das interessiert doch niemanden.«

Mr Gavistock zog eine Augenbraue hoch. »Das ­könnte ich«, gab er zu. Dann fuhr er sich mit der Zunge über den Schnurrbart und feixte. »Aber wo bliebe da der Spaß?«

Als Folge dessen, dass Denzel ins Büro gehen und sich das Formular holen musste, kam er eine Viertelstunde zu spät zu Mathe. Mr Gavistock, der auch ­Denzels Mathelehrer war, sah ihn bekümmert an, als er hereinplatzte.

»Zweimal an einem Tag, Denzel«, sagte er kopfschüttelnd. »Und ich nehme an, deine Hausaufgaben hast du auch nicht gemacht?!«

»Doch, habe ich«, antwortete Denzel. Er kramte in seinem Rucksack herum, zog ein zerknülltes Blatt ­hervor, strich es glatt und gab es dem Lehrer.

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