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Seelenfreunde - Fremde Seelen

Das warme Wasser des Golfs von Mexiko umspielte ihre Knöchel und streichelte die Erschöpfung aus ihren Gliedern. Es war eine lange Fahrt von Corpus Christi nach Veracruz gewesen. Sie hatte nicht geplant, hier einen Zwischenstopp einzulegen, hatte überhaupt keine Ahnung gehabt, wohin sie wollte.


  • Erscheinungstag: 01.05.2012
  • Seitenanzahl: 22
  • ISBN/Artikelnummer: 9783862786084
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Das warme Wasser des Golfs von Mexiko umspielte ihre Knöchel und streichelte die Erschöpfung aus ihren Gliedern. Es war eine lange Fahrt von Corpus Christi nach Veracruz gewesen. Sie hatte nicht geplant, hier einen Zwischenstopp einzulegen, hatte überhaupt keine Ahnung gehabt, wohin sie wollte. Das Wichtigste war einfach, unterwegs zu sein.

Sie hatte allein sein wollen. Und hier steht sie nun, umgeben von der Einsamkeit eines nahezu verlassenen Strands, der nur von wenigen Fremden besucht wird. Und da sie Fremde sind, zählen sie nicht. Sie stören auch nicht.

Seit drei Tagen war sie völlig allein gewesen – erst auf der Fahrt hierher, dann während ihrer Wanderungen am Strand entlang, als sie immer wieder kurz schwimmen ging oder in ihrem Hotelzimmer schlief. Das Hotelzimmer ist in Wahrheit ein kleines Häuschen direkt am Strand. Der Sand reicht bis zu ihrer Tür, und sie muss ihre Füße mit einem Handtuch abwischen, ehe sie das Haus betritt. Dennoch ist der abgenutzte Holzfußboden mit Sandnestern übersät, und im Gewebe der farbenfrohen, gewebten Teppiche setzt er sich ebenfalls fest.

Dieses Haus riecht nach Meer, ein bisschen nach Schimmel und nach etwas leicht Dunklem und Exotischem. Es macht ihr nichts aus. Sie liebt den Geruch, sogar das leicht Modrige; es erinnert sie daran, dass sie weit weg von zu Hause ist. Weit weg von ihrem Leben. Das Bett, das vielleicht ein bisschen zu weich ist, umfängt sie nachts im Schlaf und auch tagsüber, wenn sie gelegentlich ein Nickerchen macht. Sie hat endlos lang in diesem Raum am Strand geschlafen. Und sie ist immer noch müde. Ihre Glieder sind mit einer müden Schwere erfüllt, die sie nicht abschütteln kann. Nichts scheint ihr Energie zu geben – weder die herrlichen, mexikanischen Sonnenuntergänge noch die endlosen Stunden des Schlafs. Nicht mal die Kraft des Ozeans.

Was ist es, das sie braucht?

Sie wagt sich tiefer in das blaugrüne Wasser vor und blickt auf das Meer hinaus. Die spätnachmittägliche Sonne berührt die Wellenkämme und taucht sie in funkelndes Silber. Das Meer brandet heran, steigt hoch und liebkost ihre Knie und ihre Hüften. Wie die weichen Hände eines Liebhabers, dem sie nie begegnet ist.

Hinter sich spürt sie eine Bewegung und dreht sich um. Sie sieht einen Mann, er steht ein Stück entfernt. Das Wasser reicht ihm bis zur Taille. Sonnenlicht glitzert auf seinen breiten, gebräunten Schultern. Auf einer Schulter zeichnen sich die Linien eines Tattoos ab, aber sie kann nicht genau erkennen, was für ein Muster es hat. Sie kann die Muskeln sehen, die sich unter seiner Rückenhaut abzeichnen und bis zu seiner schmalen Taille reichen.

Zu ihrer Überraschung erschauert ihr Körper. Fast dreht er sich so um, als wäre er sich erst jetzt bewusst geworden, dass sie ihn beobachtet. Er hat ein strahlendes Lächeln.

Sie erwidert sein Lächeln, und plötzlich bewegt er sich auf sie zu. Jetzt kann sie erkennen, dass er ein hübsches Gesicht hat. Eins von den Gesichtern, die zugleich attraktiv und männlich sind. Seine Gesichtszüge sind etwas unregelmäßig, aber sein Kiefer ist kantig, sein Mund üppig und sinnlich. Seine Augen haben die Farbe von Erde, dasselbe Dunkelbraun, das sie findet, wenn sie in ihrem kleinen Garten daheim den Boden umgräbt. Aber sie will jetzt nicht an Zuhause denken. Nein, sie will nur hier sein. Und diesen Mann beobachten.

Sein Körper ist muskelbepackt, und er pflügt sich anmutig durch das Gewicht des Wassers. Einige Meter entfernt bleibt er stehen. Aber er ist trotzdem nah genug, dass sie seine glatte Haut erkennen kann. Ihre Augen wandern wieder zu seinem Tattoo. Jetzt kann sie sehen, dass es ein Tiger vor einer Tsunamiwelle ist, die der klassischen, japanischen Holzschnittkunst nachempfunden ist. Sie verspürt den Drang, es berühren zu wollen.

Wasser scheint ihr in diesem Augenblick absolut elementar. Dieser Mann jedoch ist ganz der Erde zugewandt. Der Fremde. Und als er sie anspricht, ist seine Stimme ein dunkles Grollen, das aus ungeahnter Tiefe zu ihr aufsteigt.

„Du bist neu hier.“

Es ist nur eine Feststellung. Trotzdem fühlt sie sich bemüßigt, darauf zu antworten. Er ist Amerikaner, und die Höflichkeit gebietet, etwas zu erwidern.

„Ich bin vorgestern angekommen.“

Er nickt nur und kommt näher. Sie kann den Blick nicht von ihm wenden. Als sie zu ihm aufsieht, ist auch sein Blick auf ihr Gesicht gerichtet. Die Sonne blendet sie. Dennoch kann sie seine Augen erkennen. Dunkel und erdig. Seine Augen lassen sie innerlich erbeben.

Warum hat sie nur das Gefühl, dass er direkt durch sie hindurchsehen kann?

Plötzlich spürt sie sehr deutlich das Wasser, das wie Seide zwischen ihren Schenkeln hindurchstreift, mit jeder Welle, die heranbrandet und zurückweicht. Ihr türkisfarbener Bikini, der farblich so gut zu dem Ozean jenseits der Wellen passt, lässt viel Haut frei, und sie fühlt sich unter dem Blick des Fremden plötzlich nackt.

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