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Starstruck - Sinnliches Weihnachtsfest

Julie Kenner: Starstruck - Sinnliches Weihnachtsfest
Tausendmal berührt und plötzlich ist alles anders: Chris ist charmant, attraktiv, unwiderstehlich - und Alyssas bester Freund. Zumindest bis zu der verrückten Weihnachtsparty, bei der die beiden von ihrer Leidenschaft übermannt werden …
"Julie Kenner ist DIE Autorin für leidenschaftliche Begegnungen, die ihre Figuren überwältigen, verändern und erlösen." Romantic Times
  • Erscheinungstag: 13.11.2017
  • Seitenanzahl: 112
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955767488
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. Kapitel

Sechs Tage bis Weihnachten

„Was du brauchst, ist etwas Warmes und Kuscheliges zu Weihnachten.“

Violet Summerlin runzelte die Stirn, während sie das Handy zwischen Kinn und Schulter klemmte. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich viel zu beschäftigt bin, um mich um ein Haustier zu kümmern.“ Sie schaute auf den flauschigen karamellfarbenen Pekinesen hinunter, den sie im Park ausführte. „Um ein eigenes jedenfalls.“

Nan seufzte. „Ich sprach eher von einem Mann.“

„Auch dafür habe ich keine Zeit.“

„Du arbeitest zu hart. Wann gibst du endlich ein paar Aufgaben an deine neue Assistentin ab? Hast du sie nicht deshalb eingestellt?“

Violet biss sich auf die Unterlippe. „Ich weiß immer noch nicht genau, was ich von ihr halten soll. Sie ist nett, aber sie hat einen ganz anderen Arbeitsstil als ich.“

„Du meinst, sie ist nicht so pingelig wie du? Vielleicht wird diese Lillian dir helfen, ein bisschen lockerer zu werden.“

„Weihnachten gehört nun mal zu den Zeiten im Jahr, an denen am meisten los ist. Da kann ich es mir nicht leisten, ausgerechnet jetzt lockerer zu werden.“

„Violet“, meinte Nan nachsichtig. „Es ist vielleicht gar keine schlechte Idee, ein bisschen Tempo herauszunehmen. Seit dem Tod deiner Großeltern wirkst du noch angespannter als sonst.“

„Ich vermisse sie schrecklich“, gestand Violet. „Obwohl Mom und Dad wieder in der Stadt wohnen, fühle ich mich manchmal so verloren.“

„Ich weiß, Süße, aber dein Arbeitspensum ist ungesund. Eines Tages wirst du deiner vergeudeten Jugend nachtrauern.“

Weil der Pekinese stehen blieb und anfing zu kläffen, blieb Violet ebenfalls stehen. „Danke für den Rat. Aber jetzt muss ich mich beeilen. Winslow will nicht weitergehen, solange ich telefoniere.“

„Du machst Witze, oder?“

„Nein, er ist ein verwöhnter kleiner Kerl und braucht meine volle Aufmerksamkeit, damit er … na, du weißt schon.“

„Ich würde ja lachen, wenn ich nicht wüsste, dass die alte Lady Kingsbury dir wahrscheinlich ein Vermögen zahlt, damit du nach ihrer Pfeife tanzt.“

„Ich bin eine persönliche Concierge, ich tue, was meine Kunden mir auftragen.“

„Besonders dieser tolle Dominick Burns.“

Nans Lieblingsthema war Violets bester Kunde, der außerdem ein stadtbekannter Playboy in Atlanta war. Bei dem Gedanken an ihn beschleunigte sich Violets Puls, weil sie seit fast einem Jahr heimlich in diesen Mann verknallt war. „Bis ich erfolgreich genug bin, um mir meine Kunden auszusuchen, muss ich mich eben um alle möglichen Tiere kümmern“, sagte sie fröhlich.

„Ja, aber diesen Mann nimmt keiner an die Leine“, entgegnete Nan und hechelte schneller als Winslow. „Der Kerl ist wirklich heiß.“

„Du meine Güte, geh kalt duschen.“ Am anderen Ende der Leitung war Nans Lachen zu hören, bevor Violet auflegte und vor dem Hund in die Hocke ging. „So, jetzt bin ich ganz für dich da. Würdest du also bitte dein Geschäft erledigen?“

Winslow kläffte und legte den Kopf schräg.

Seufzend gab Violet nach. Zeit war schließlich Geld. „Du bist ein braver Junge“, sagte sie und tätschelte den Kopf des arroganten kleinen Kerls. „Braver Junge, ja, das bist du.“

Zufrieden nahm Winslow seine Position ein, während Violet das Gesicht verzog und sich abwandte.

Manchmal stellte sie ihre Entscheidung, „Summerlin at Your Service“ zu gründen, infrage, besonders nach einem Tag wie diesem, am dem sie zahllose Fahrten zur Reinigung und zum Kurierdienst hinter sich hatte, um zur Krönung mit Patricia Kingsburys Hund Gassi zu gehen.

Zum Glück bezahlten die meisten Kunden Höchstpreise für produktivere Dinge, wie zum Beispiel für das Einrichten eines Computers oder das Schmücken des Hauses für die Festtage. Aufgewachsen bei einem Großvater, der in technischen und elektronischen Dingen ein wahrer Zauberer gewesen war, und bei einer Großmutter, die Amerikas Küchenkönigin Martha Steward Konkurrenz gemacht hatte, hatte sie ihren verschiedenen Fähigkeiten mit einem Studium der Betriebswirtschaft und fünf Jahren Praxis in der Hotelbranche den letzten Schliff gegeben. Dass sie seit der Gründung ihres Concierge-Unternehmens vor drei Jahren jedem Kundenwunsch gerecht werden konnte, erfüllte sie mit Stolz.

Violet hielt inne. Mit Ausnahme von Dominick Burns, der angedeutet hatte, dass er nichts gegen ein wenig mehr persönliche Aufmerksamkeit hätte.

Dieser teuflisch gut aussehende Bad Boy, der ein Vermögen mit dem Entwerfen und Herstellen von Extremsportausrüstung gemacht hatte, war zu beschäftigt, um sich um Alltagskleinigkeiten zu kümmern. Trotzdem gefiel ihm offenbar der Gedanke nicht, Leute fest anzustellen, die sich um seine Belange kümmerten. Also fuhr Violet einmal in der Woche zu seinem Büro, wo sie eine To-do-Liste abholte, die alle möglichen Aufgaben enthielt – von der Auswahl eines Anzugs für einen besonderen Anlass, der Auswahl von persönlichem Briefpapier bis zum Kauf eines Geschenks für die aktuelle Freundin.

Was seine Freundinnen wohl denken würden, wenn sie wüssten, dass er gar nicht selbst in den Boutiquen gestöbert hatte, um ein Geschenk für sie zu finden, das ohnehin nur dazu diente, sie ins Bett zu bekommen?

Allerdings war Dominick Burns großzügig, das musste sie zugeben, und er beauftragte sie meistens mit interessanten und relativ anspruchsvollen Dingen. Sie fragte sich, was sie wohl heute auf seiner Liste finden würde. Da es nur noch eine Woche bis Weihnachten war, handelte es sich wahrscheinlich um eine Geschenkeliste. Violet erinnerte sich an all die Frauen, für die sie im Laufe des Jahres kleine Aufmerksamkeiten besorgt hatte. Es waren schätzungsweise zwanzig gewesen.

Eine hübsche runde Zahl, dachte sie spöttisch.

Sie bückte sich, um Winslows Geschäft in einer dafür vorgesehenen Tüte verschwinden zu lassen, die sie in den nächsten Mülleimer warf, und zerrte ihn in Richtung seines Zuhauses. Die Luft war kühl, und Violet überlegte, ob es dieses Jahr wohl ausnahmsweise Schnee zu Weihnachten geben würde. Selbst im tiefsten Winter schneite es in Atlanta nur selten. Aber hoffen konnte man ja.

Leider würde dies das erste Weihnachtsfest ohne ihre Großeltern werden. Wenigstens hatten ihre Eltern ihre Weltreise unterbrochen, um eine Weile im Haus der Großeltern zu wohnen und Weihnachten mit Violet zu verbringen. Natürlich vermisste sie Granny und Grandpa sehr, doch andererseits hatte sie sich immer sehnlich gewünscht, Weihnachten einmal mit ihren Eltern feiern zu können. Jahrelang blieb es bei dem Wunsch, denn ihre Eltern waren einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um an ihre Tochter zu denken.

Jetzt, da sie die Feiertage selbst gestalten konnte, freute sie sich darauf, mit den beiden vor dem geschmückten Baum zu sitzen und heißen Apfelwein zu trinken, während es aus dem Ofen nach Braten duftete und im Hintergrund Weihnachtsmusik spielte. Sie würden sich gegenseitig Geschenke machen, die ehrlich von Herzen kamen. Für ihre Mutter hatte sie einen Quilt gemacht, und ihrem Vater hatte sie einen Werkzeugkasten für die Werkstatt gekauft, die er in der Garage einrichten wollte. Nachdem sie wegen ihres Vaters, der als Dolmetscher für Diplomaten arbeitete, jahrelang um die Welt gereist waren, schienen ihre Eltern endlich sesshaft zu werden.

Violet seufzte zufrieden. Es würde ein wundervolles Weihnachtsfest werden.

Als sie noch einen halben Block vom Kingsbury-Haus entfernt waren, einem alles überragenden Backsteingebäude mit Weihnachtsbeleuchtung, setzte Winslow sich trotzig hin und wollte nicht weitergehen.

Genervt hob Violet ihn auf den Arm und trug ihn den restlichen Weg. Dass das genau das war, was das kleine Biest beabsichtigt hatte, wurde ihr klar, als Winslow seine kalte Nase an ihre Schulter drückte.

„Du bist unverbesserlich“, sagte sie tadelnd, bevor sie das Haus betrat.

Patricia Kingsbury nahm ihren Liebling an der Tür in Empfang. Ihre mit Edelsteinen besetzten Armreifen klimperten, als sie die Hände nach ihm ausstreckte.

„Hat er Aa gemacht?“ Patricia klang besorgt, ihrem Gesicht war das jedoch nicht anzusehen, was Violet auf die regelmäßigen Botox-Injektionen schob.

„Ja, hat er.“

Patricia knuddelte ihren Hund. „Sie scheinen genau zu wissen, wie man mit ihm umgehen muss.“

„Das ist eine Gabe“, stimmte Violet zu. „Falls nichts weiter ist, Miss Kingsbury …“

„Violet, Sie arbeiten seit zwei Jahren für mich. Nennen Sie mich bitte Patricia.“

„Patricia“, verbesserte sie sich wunschgemäß. „Falls nichts mehr …“

„Ich habe meine Einkaufsliste auf den Tisch gelegt. Und würde es Ihnen etwas ausmachen, ein paar Sachen für mich in die Einkaufspassage zu bringen?“ Dabei zeigte sie auf einen Berg Tüten auf dem Sofa.

„Überhaupt nicht.“

„Hier ist meine Kreditkarte. Tauschen Sie alles um, und wenn es Probleme gibt, rufen Sie mich an.“

„Ich bin sicher, es wird keine Probleme geben.“ Violet nahm die Liste und die Tüten und ging zur Tür. „Ich bringe Ihnen Ihre Kreditkarte morgen früh vorbei.“

„Morgen Nachmittag reicht völlig, meine Liebe, wenn Sie ohnehin kommen und Winslow abholen.“

„Fein. Bis dann.“

Zum Hundesitter degradiert zu werden, ist gar nicht so schlecht, dachte Violet wenig später, als sie ihren Hybrid-Geländewagen auf die I-75 Richtung Norden lenkte. Miss Kingsbury stellte sie selten vor schwierige Aufgaben, außerdem hatte sie schon viele Empfehlungsschreiben von ihr bekommen.

Nachdem sie sich dreißig Minuten durch den sechsspurigen Verkehr gekämpft hatte, erreichte sie eine Vorortsiedlung, in der drei Häuser zum Verkauf standen. Ihr Auftrag lautete, Spinnweben zu entfernen, Vasen mit frischen Blumen aufzustellen und ganz allgemein dafür zu sorgen, dass es keine unliebsamen Überraschungen gab, wenn der Makler mit einem Interessenten auftauchte. Überraschungen wie zum Beispiel die, dass der bankrotte frühere Besitzer des Hauses noch in einem der Kleiderschränke hauste oder ein Waschbär in der Küche saß. Oder ein umgestürzter Baum durch die Schlafzimmerdecke ins Haus ragte. Das hatte sie alles schon erlebt.

Mit Margeriten, einem Besen und einem Elektroschocker bewaffnet, eilte sie durch die Häuser und schaute in jeden Winkel. Nach ereignislosem Fegen fuhr sie auf der I-75 wieder nach Süden und kämpfte sich abermals durch den Verkehr, um zu einem Tabakladen zu gelangen, wo sie eine Kiste Zigarren für Dominick Burns bestellt hatte. Auf dem Weg in die Innenstadt klingelte ihr Handy. Ihre Assistentin meldete sich. In der Hoffnung, dass nichts passiert war, schaltete Violet die Freisprechanlage ein. „Hallo, Lillian, was gibt’s?“

„Sie haben einen Besucher. Dominick Burns.“

„Aber ich bin heute Nachmittag mit ihm in seinem Büro zu unserer wöchentlichen Besprechung verabredet.“

„Er sagt, er sei gerade in der Gegend gewesen und wolle warten.“ Lillian senkte die Stimme. „Er sieht ziemlich gut aus und hat mich um einen Wodka Tonic gebeten.“

Violet verdrehte die Augen. „Wir sind ein Büro, keine Bar. Geben Sie ihm eine Tasse Kaffee. Ich bin in fünf Minuten da.“

Sie überprüfte ihre Frisur und ihr Make-up im Rückspiegel und redete sich ein, dass sie das bei jedem Kunden so machen würde. Dann strich sie sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus dem unspektakulären Pferdeschwanz gelöst hatten – mit dem Dominick Burns sie immer aufzog. Ihr schwarzer Hosenanzug war ebenfalls Standard. Dazu trug sie, je nach Jahreszeit, entweder ein weißes T-Shirt oder einen Rollkragenpullover, so wie jetzt. Bequeme schwarze Halbschuhe vervollständigten den neutralen Look. Ihre „Uniform“ war sicher nicht annähernd so glamourös wie das, was Dominicks Freundinnen trugen, aber dafür sah sie professionell aus, und nur darauf kam es an.

Außerdem wäre Dominick sowieso nie im Leben ernsthaft an ihr interessiert.

Violet fuhr in die Tiefgarage und hielt auf einem der vier für sie reservierten Parkplätze. Im Erdgeschoss lag ihr Büro, das ein kleines Schaufenster zur Juniper Street hinaus hatte, im ersten Stock befanden sich die Wohnräume. Lillians VW Käfer stand auf einem weiteren der Summerlin-at-Your-Service-Plätze. Auf den verbliebenen zwei Stellplätzen parkte ein schwarzes Porsche-Cabrio, und zwar schräg, so als hätte sein Fahrer sich nicht damit aufhalten können, korrekt einzuparken. Auf dem vorderen Nummernschild stand XTREME. Violet stieg aus und hielt ihren Ärger im Zaum.

Der Mann war jedenfalls extrem dreist, so viel stand fest.

Als sie ihr Büro betrat, wusste sie auch wieder, warum: Dominick Burns war, wie ihre Granny sagen würde, so außergewöhnlich wie Froschhaar.

Lässig lehnte er am Schreibtisch ihrer Assistentin, die langen Beine von sich gestreckt. Sein dunkelbraunes Haar war von der Sonne gebleicht – ungewöhnlich genug im Dezember. Die dunkelblauen Augen wurden umrahmt von den längsten schwarzen Wimpern, die man sich vorstellen konnte. In der löchrigen Jeans und dem grauen Sweatshirt mit dem Logo der Emory-University sah er eher aus wie ein Student und nicht wie der Chef eines millionenschweren Unternehmens.

Ihrem Lachen nach zu urteilen, amüsierten sich Lillian – eine zierliche Frau in den Vierzigern, die eine pinkfarbene Strähne in ihr stachelkurzes schwarzes Haar gefärbt hatte – und Dominick prächtig. Sie hatten nicht einmal die Türglocke gehört, die erklang, als Violet eintrat. Aus irgendeinem Grund ärgerte sie das, zumal sie das unbehagliche Gefühl hatte, dass die beiden über sie lachten.

„Hallo, Mr. Burns.“ Als er sie ansah, bekam sie sofort Herzklopfen.

„Du liebe Zeit, Vee, wie oft habe ich Sie schon gebeten, mich Dominick zu nennen?“

„Und wie oft habe ich Sie schon gebeten, mich nicht Vee zu nennen?“

Er zuckte die Schultern. „Ein paar Hundert Mal.“ Dann wandte er sich an Lillian. „Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, Ihr Boss ist ein bisschen gereizt.“

„Hier sind Ihre Zigarren“, unterbrach Violet ihn und hielt ihm die Kiste hin. „Können wir in meinem Büro weitersprechen?“

Dominick grinste Lillian an. „Ich glaube, ich stecke in Schwierigkeiten – und es gefällt mir.“

Ohne darauf einzugehen, marschierte Violet in ihr Büro. Dieser Mann war ein großes Kind.

Er folgte ihr gut gelaunt, und schon kam ihr das Büro, in dem nur ihr Schreibtisch, zwei Stühle und ein Aktenschrank Platz fanden, viel zu klein vor. „Sie arbeiten also hier unten und wohnen oben?“, erkundigte er sich.

„Stimmt. Es ist klein, aber mir reicht es.“

„Gute Lage, so dicht am Piedmont Park.“

„Ein weiterer Pluspunkt“, stimmte sie zu. „Außerdem gibt es vernünftige Parkplätze – solange die Kunden nicht gleich zwei Plätze beanspruchen.“

„Ich bleibe nicht lange“, versprach er, trank einen Schluck Kaffee und sah sich um. „Hier drin ist alles so ordentlich. Sind Sie sicher, dass Sie hier arbeiten?“

„Ja.“

Sie stellte ihre Tasche ab, und als sie sich wieder umdrehte, hatte er den Stapel Aktenordner auf ihrem Schreibtisch durcheinandergebracht. Dominick sah zur Decke und pfiff wie ein unschuldiger Junge.

„Toll“, bemerkte sie trocken.

„Ach, kommen Sie schon, Vee. Werden Sie locker.“

„Mr. Burns“, entgegnete sie kühl. „Ich bin gut in meinem Job, weil ich auf Details achte. Was kann ich heute für Sie tun?“

Provozierend hob er eine Braue, was sie ignorierte. Dann seufzte er, zog ein zerknülltes Stück Papier aus der Hosentasche und reichte es Violet. „Na schön, kommen wir zum Geschäftlichen. Es gibt eine Firma in Miami, die ich zu kaufen gedenke. Ich möchte, dass Sie für mich einige Nachforschungen anstellen.“

„Sunpiper Extreme Sports School?“, las sie laut vor.

„Genau.“

„Was für Nachforschungen?“

„Was immer Sie finden können. Recherchieren Sie im Internet, oder telefonieren Sie herum.“

„Ich kenne mich mit Extremsportarten nicht besonders gut aus. Möglicherweise bin ich nicht geeignet für diesen Job …“

„Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann und der nicht in meiner Firma arbeitet. Sobald sich herumspricht, dass ich Informationen einhole, gibt es Probleme. Die Leute werden gierig, und ich weiß nicht, ob meine Berater wirklich loyal sind.“

Wenn er ernst wurde wie jetzt und der Ausdruck in seinen Augen Wärme und Intuition verriet, verstand Violet vollkommen, weshalb dieser Mann so erfolgreich war. Hinter der lockeren Fassade verbarg sich ein hochprofessioneller Geschäftsmann. Er konnte einen in seinen Bann ziehen, darum wandte sie den Blick ab und räusperte sich. „Gut, ich werde mich gleich an die Arbeit machen.“

„Wenn Sie auf etwas Interessantes stoßen, schicken Sie mir die Informationen nach Hause.“

„Selbstverständlich. Ist das alles, Sir? Brauchen Sie noch Weihnachtsgeschenke?“

Das Lächeln kehrte auf sein Gesicht zurück, und er verwandelte sich wieder in den großen Jungen. „Sie kennen mich gut. Das steht alles auf der Rückseite des Zettels.“

Sie drehte den zerknitterten Zettel um und las die handgeschriebene Liste. Bei den meisten Namen handelte es sich um die von Frauen, was nicht überraschend war.

Er beugte sich über den Schreibtisch und funkelte sie so übermütig an, dass sie instinktiv ein Stück zurückwich. „Was wünschen Sie sich eigentlich zu Weihnachten?“

Nans Bemerkung, sie brauche etwas Warmes und Kuscheliges, kam ihr in den Sinn, doch das verdrängte sie rasch. Stattdessen sagte sie: „Frieden in der Welt.“

Dominick lachte. „Ich glaube, Sie könnten das hinbekommen, wenn Sie das Kommando hätten. Danke für die Zigarren.“ Er setzte seine verspiegelte Sonnenbrille auf und ging in Richtung Tür. „Wir sehen uns, Lillian!“, rief er auf dem Weg nach draußen.

Noch ehe die Türglocke hinter ihm aufgehört hatte zu läuten, stand ihre neue Assistentin bereits in ihrem Büro. „Was für ein Mann!“, seufzte Lillian.

„Na, wenigstens ist eine von uns seinem Charme erlegen.“

„Sie etwa nicht?“

Erst jetzt merkte Violet, dass sie an ihrem Rollkragen zupfte, um sich Luft zu verschaffen. Sofort ließ sie die Hand sinken. „Nein“, erwiderte sie mit mehr Nachdruck als beabsichtigt und nahm Lillian den Stapel Post ab. „Schließlich ist er ein Kunde. Seine Aufträge brauche ich dringender als sein …“

Lillian wartete gespannt.

Prompt errötete Violet. „Gab es Anrufe für mich, während ich weg war?“

Ihre Assistentin reichte ihr einen kleinen Stapel pinkfarbener Notizzettel. „Wenn Sie mich brauchen, sagen Sie Bescheid.“

„Natürlich.“ Allerdings hatte sie nicht die Absicht, Lillian schon jetzt Kunden anzuvertrauen. Vielleicht konnte sie ihr im neuen Jahr, wenn alles etwas ruhiger lief und sie sich besser kannten, mehr Verantwortung übertragen. „Danke für die Post. Wären Sie denn so freundlich, Mr. Burns’ Kaffeetasse mitzunehmen? Und schließen Sie bitte die Tür, wenn Sie gehen.“

„Gern“, erwiderte Lillian lächelnd und zog sich zurück.

Nur Sekunden später schaltete Violet ihren Laptop ein, um mit der Recherche für Dominick zu beginnen. Während sie darauf wartete, dass der Computer hochfuhr, sortierte sie ihre Post. Ein länglicher weißer Umschlag mit dem Absender Jacksonville, Florida, fiel ihr ins Auge. Covington Women’s College. Ihre ehemalige Universität? Wahrscheinlich ging es um irgendeine Wohltätigkeitsveranstaltung. Sie riss den Umschlag auf und zog einen Begleitbrief zu einem pink gepunkteten Umschlag heraus. Irgendetwas rührte sich vage in ihrer Erinnerung. Neugierig las sie den Briefkopf – Dr. Michelle Alexander.

Violet stutzte. Ihre frühere Dozentin?

Liebe Miss Summerlin,

Sie haben in Ihrem letzten Studienjahr an meinem Kurs „Die sexuelle Psyche“ am Covington Women’s College teilgenommen. Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, dass eine der freiwilligen Arbeiten darin bestand, die eigenen sexuellen Fantasien niederzuschreiben und in einem Umschlag zu versiegeln, der Ihnen zehn Jahre später zugestellt werden sollte. Beiliegend finden Sie Ihren Umschlag, der, um die Anonymität zu wahren, mit einem Zahlencode versehen katalogisiert wurde. Ich hoffe, sein Inhalt wird Ihnen nützlich sein, wo immer Sie heute sein mögen und wie auch immer Ihre Lebensumstände aussehen. Falls Sie Fragen haben, zögern Sie bitte nicht, Kontakt zu mir aufzunehmen.

Mit herzlichen Grüßen

Dr. Michelle Alexander

Über Jahre vergessene Erinnerungen erwachten in ihr. Der Kurs „Die sexuelle Psyche“ war von allen Studentinnen scherzhaft „Sex für Anfänger“ genannt worden. Violet hatte sich ziemlich verwegen gefühlt, dass sie ihn überhaupt belegt hatte. Ihren Großeltern erzählte sie damals jedenfalls nichts davon, und im Hörsaal setzte sie sich ganz nach hinten – anfangs zumindest. Doch als Dr. Alexander darüber dozierte, wie gesund es sei, eine selbstbewusste Liebhaberin zu sein, war Violet nach und nach weiter nach vorn gewandert. Als Teenager war sie eine Spätentwicklerin gewesen, scheu und unsicher, und hatte die Nase lieber in Bücher gesteckt. Wegen einer ständig abwesenden Mutter und einer sehr altmodischen Großmutter war sie nie richtig aufgeklärt worden, weshalb sie den Kurs geradezu revolutionär fand. Er weckte allerdings auch ganz erstaunliche Empfindungen und Bedürfnisse in ihr … Sie erinnerte sich noch schwach an die Aufgabe, ihre Fantasien niederzuschreiben, und wie sie dabei um die richtigen Worte gerungen hatte, aber was sie geschrieben hatte, wusste sie nicht mehr.

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Violet schaute auf ihren Laptop, der gerade einen Virencheck durchführte. Zögernd nahm sie den pinkfarbenen Umschlag in die Hand.

2. Kapitel

Violet zog zwei gefaltete Blätter aus dem kleineren Umschlag und war plötzlich schrecklich aufgeregt. Gleich würde sie einen Blick in ihre Seele vor zehn Jahren werfen. Damals war sie so ernst gewesen. Der Kurs „Sex für Anfänger“ hatte sie ziemlich aufgewühlt, wenn auch nur für wenige Wochen.

Sie sah kurz zur geschlossenen Bürotür, dann faltete sie die Blätter auseinander und fing an zu lesen.

Liebe Violet,

mir fällt die Aufgabe, meine sexuellen Fantasien aufzuschreiben, sehr schwer, denn mir ist irgendwie immer noch nicht klar, worum es beim Sex eigentlich geht. Ich habe es erst zweimal getan, und beide Male war es vorbei, bevor ich überhaupt die Bluse ausgezogen hatte.

Ich muss sagen – wenn Sex so ist, dann bin ich nicht sehr beeindruckt. Es kommt mir doch ein bisschen langweilig vor. Zum Beispiel, es in einem Bett zu tun … Kann man nicht an anderen Orten als im Schlafzimmer Sex haben? Ein Bett ist doch quasi eine Einladung zum Einschlafen! (Was dem einen Jungen auch prompt passiert ist …)

Vielleicht liegt es auch an mir, vielleicht bin ich nicht aufregend genug, um einen Mann lange genug zu interessieren. Ich weiß, dass die meisten Jungs mich für langweilig und verklemmt halten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich in mir selbst gefangen bin. Ich versuche aus mir herauszukommen, aber es gelingt nicht. Ich will mich ändern, aber ich weiß nicht, wie.

Dr. Alexander sagt, dass sie uns diese Briefe in zehn Jahren zuschicken wird. Wenn Du das liest, Violet, bist Du hoffentlich nicht mehr so gelangweilt. Ich hoffe, Du hast dann jemanden gefunden, mit dem Du aufregenden Sex hast. Ich hoffe, Du hast einen Weg gefunden, um aus Dir herauszukommen.

Ein Klopfen ließ sie aufschrecken. Hastig schob Violet den Umschlag unter einen Ordner auf ihrem Schreibtisch, als Lillian auch schon den Kopf durch den Türspalt steckte.

„Violet …“ Sie hielt inne. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Violet nickte, setzte sich gerader hin und fuhr sich mit der Hand über den geröteten Hals. „Ja, alles … bestens. Was gibt es denn?“

Lächelnd hielt Lillian eine Dose hoch. „Noch mehr Süßigkeiten. Wenn die weiter in diesen Mengen abgegeben werden, kann ich mein Gewicht nicht halten. Möchten Sie ein paar Karamellbonbons?“

„Jetzt nicht, danke.“ Violet dachte daran, dass sie noch nicht zu Mittag gegessen hatte. „Wer hat die geschickt?“

„Gail’s Gourmet Candy.“

„Oh, die sind bestimmt gut. Das ist ein Laden, in dem ich für meine Kunden einkaufe. Die können Sie mit nach Hause nehmen, wenn Sie wollen.“

„Danke, das werde ich.“ Die Assistentin wollte die Tür wieder schließen.

„Lillian?“

„Ja?“

Violet schluckte. Dann hob sie das Kinn. „Finden Sie mich eigentlich … langweilig?“

Lillian wirkte überrascht. „Ich halte Sie für einen der talentiertesten Menschen, denen ich je begegnet bin. Sie können fast alles.“

„Aber?“

„Na ja, aber Sie scheinen sich nicht oft zu amüsieren.“

Sofort hatte Violet das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. „Es ist auch schwer, sich zu amüsieren, wenn man ein Unternehmen leiten muss.“

„Ich weiß nicht. Dominick Burns scheint sich doch prächtig zu amüsieren“, erwiderte Lillian und schloss die Tür.

Violet dachte über die Worte ihrer Assistentin nach. Sie amüsierte sich doch auch und hatte ihren Spaß! Oder? Andererseits wurde das ziemlich überbewertet. Wenn man sich zu sehr amüsierte, vergaß man seine Pflichten und verlor die Kontrolle.

Dominick Burns’ sexy Lächeln kam ihr in den Sinn und seine Frage: „Was wünschen Sie sich zu Weihnachten, Vee?“

Dieser Mann hat bestimmt Sex außerhalb des Schlafzimmers, dachte sie und verspürte ein überraschendes Verlangen. Entsetzt von dieser Reaktion widmete sie sich ihrer Aufgabe – der Recherche, um die er sie gebeten hatte. Denn auch wenn er mit ihr flirtete, war er doch mehr an ihrem Verstand als an ihrem Körper interessiert.

Zwei Stunden arbeitete sie intensiv, druckte die wichtigsten Informationen aus und schrieb eine Notiz an Dominick, in der sie ihm mitteilte, dass sie noch weitere Quellen prüfen werde. Dann steckte sie alles in einen Umschlag. Dabei musste sie wieder an den Brief denken, den sie auf dem College geschrieben hatte. Was wiederum dazu führte, dass sie an Dominicks knackigen Po in seiner lässigen Jeans dachte.

Himmel! Der Brief war nichts weiter als das naive Geplapper einer behüteten Studentin, deren Dozentin für kurze Zeit ihren Wagemut geweckt hatte. Nach dem College war der Sex außerdem besser geworden …

Ein bisschen jedenfalls.

Wenigstens war es nicht mehr ganz so schnell vorbei. Richtig aufregend fand sie es aber leider immer noch nicht.

Plötzlich wurde ihr klar, dass sie seit Monaten kein ernsthaftes Date mehr gehabt hatte. Sie hatte einfach zu viel zu tun gehabt, und seit ihre Eltern wieder in der Stadt waren … Bei diesem Gedanken kamen ihr sofort Gewissensbisse. Sie sah ihre Eltern nicht oft. Die beiden hatten ein aktives Privatleben, was sie von sich nicht unbedingt behaupten konnte.

Da sie ihren knurrenden Magen nicht länger ignorieren konnte, beschloss Violet, vor der Rushhour aufzubrechen und sich in der Lenox Square Mall etwas zu essen zu besorgen, bevor sie Miss Kingsburys Einkäufe umtauschte. Außerdem konnte sie schon anfangen, Dominicks Geschenkeliste abzuarbeiten. Die weihnachtliche Atmosphäre würde sie darauf einstimmen, das Fest mit ihren Eltern zu verbringen.

Die Zettel mit den telefonischen Nachrichten nahm sie mit, um unterwegs Rückrufe zu tätigen. Bevor sie ging, gab sie Lillian den dicken Umschlag. „Ich bin für den Rest des Tages unterwegs. Lassen Sie dieses Päckchen von einem Kurier abholen und zu Mr. Burns nach Hause bringen.“

„Natürlich. Kann ich sonst noch etwas tun?“

Nach einem kurzen Zögern warf Violet durch die offene Tür einen Blick auf ihren mit Papieren übersäten Schreibtisch. „Sie können sämtliche Schriftstücke auf meinem Schreibtisch, die nicht eingeordnet sind, wegwerfen.“

„Gut.“

Violet suchte drei der Telefonnachrichten heraus. „Und würden Sie sich bitte um diese drei Kunden kümmern? Rufen Sie mich an, falls Sie Fragen haben.“

„Mach ich“, versprach Lillian, die sich sichtlich über die zusätzliche Verantwortung freute.

In der Hoffnung, dass ihre Assistentin keinen Fehler machte, der das, was sie sich hart erarbeitet hatte, gefährden würde, verließ Violet das Büro.

Dominick stellte fest, dass das Eis in seinem Wodka Tonic geschmolzen war. „Du lässt nach, alter Mann“, murmelte er, sich selbst tadelnd, und kippte den Drink in die zur Bar gehörende Spüle.

Seit Wochen war er unruhig, ohne den Grund dafür zu kennen, abgesehen von der Tatsache, dass ihn die Weihnachtszeit immer unruhig machte. Keine Familie mehr zu haben, nagte das ganze Jahr über an ihm, aber Weihnachten allein zu sein, fand er am allerschlimmsten.

Es klopfte an der Tür, und seine Haushälterin Sandy kam herein. „Wenn du mich nicht mehr brauchst, mache ich mich jetzt auf den Heimweg.“

„Ja, geh nur.“

Die grauhaarige Frau musterte ihn. „Ist alles in Ordnung mit dir, Dominick? Du bläst jetzt schon seit Monaten Trübsal.“

Sandy kannte ihn, seit er als Teenager seine Eltern mit seinem Extremsport verrückt gemacht hatte. Ihr entging nicht viel.

„Keine Sorge, ich bin nur gelangweilt“, wiegelte er ab.

„Und einsam?“

„Hm, schon möglich.“

„Du solltest aufhören, dich aus Flugzeugen zu stürzen, und endlich eine Familie gründen. In den vergangenen Monaten habe ich ein Dutzend Frauen kommen und gehen sehen. War denn wirklich keine zum Heiraten dabei?“

Lächelnd ging er auf sie zu und legte ihr einen Arm um die Schulter. „Ich bin derjenige, der nicht zum Heiraten taugt.“

„Du hast keine Angst, von einer Klippe ins Meer zu springen, aber vor den Altar traust du dich nicht.“

„Sandy, es gibt ein paar Dinge, die sogar mir zu riskant sind.“

„Eines Tages wirst du jemanden kennenlernen, bei dem du dich lebendiger fühlen wirst als bei irgendeinem deiner Stunts. Versprichst du mir etwas, wenn das passiert?“

„Was?“

Sie pikte ihm mit dem Zeigefinger in den Arm. „Dass du springst. Gute Nacht.“

„Gute Nacht“, erwiderte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Nachdem Sandy gegangen war, überlegte Dominick, dass er sich eine Auszeit vom Büro und etwas Spaß gönnen sollte. Diese Idee munterte ihn sofort auf. Er hatte den neuen Wingsuit – eine Art Fallschirmspringeranzug –, den die Abteilung für Forschung und Entwicklung geschickt hatte, noch nicht ausprobiert. Das war es schließlich, was ihm am meisten Spaß machte: aus Flugzeugen zu springen und die Luftströmungen meilenweit über der Erde auszunutzen, während der Erdboden mit halsbrecherischer Geschwindigkeit näher raste. Das war fast so gut wie Sex.

In letzter Zeit sogar besser.

Ob er Bethany anrufen sollte, seine aktuelle Geliebte? Doch er war der Unterhaltungen mit ihr überdrüssig, da sie vor allem über Reality Shows redete. Vielleicht war er altmodisch, aber er lebte das Leben lieber, als es sich auf einem Flachbildschirm anzusehen.

Einen Moment lang war er versucht, sich einen neuen Drink einzuschenken, konnte sich aber nicht dazu aufraffen. Er brauchte dringend eine neue Herausforderung. Sein Leben fing an, ein bisschen langweilig zu werden. Wahrscheinlich reizte es ihn deshalb, Sunpiper zu kaufen. Mit dem Erwerb dieses Unternehmens hätte er endlich eine neue Aufgabe, auf die er sich stürzen konnte.

Als seine Türklingel läutete, war er regelrecht dankbar für die Ablenkung.

Draußen stand ein Kurier, der ihn von oben bis unten musterte. „Dominick Burns?“

„Der bin ich“, erklärte er, obwohl er zugeben musste, dass man in dieser Gegend den Hausbesitzer nicht unbedingt barfuß, in Jeans und lässigem T-Shirt an der Tür erwartete.

Er bestätigte mit seiner Unterschrift den Empfang des Päckchens und gab dem Boten ein Trinkgeld. Erfreut las er den Absender. Violet Summerlin hatte also bereits Material über Sunpiper zusammengetragen. Die Frau steckte voller Energie. Ein paarmal hatte er versucht, sie als persönliche Assistentin anzuwerben, doch sie hatte ihm immer eine Absage erteilt. Und er respektierte ihre Entscheidung, schließlich war er selbst auch lieber sein eigener Chef.

Außerdem könnte er nicht mehr mit ihr flirten, bis sie errötete, wenn sie auf seiner Gehaltsliste stand.

Während er das Päckchen öffnete, sah er sie vor sich, stets schwarz und weiß gekleidet und mit strengem Pferdeschwanz. Eine züchtigere Person war ihm noch nie begegnet. Aber er hatte Augen im Kopf und konnte sehen, dass diese Frau eine klassische Schönheit war. Ihr Haar war voll und gewellt, die Farbe beinah rot – erdbeerblond, hatte er seine Sekretärin einmal sagen hören. Sie hatte Sommersprossen, doch er bezweifelte, dass sie jemals einen Tag an der Sonne verbracht hatte.

Vermutlich, dachte er amüsiert, gibt es Stellen an ihr, die noch nie das Tageslicht gesehen haben.

Dafür besaß sie faszinierende blaugrüne Augen und volle rote Lippen. Auch hatte er stets mit Genuss bemerkt, wie ihre Brüste sich unter den tristen Jacken abzeichneten. Violet Summerlin hatte eine aufregende Figur – sie wollte nur nicht, dass irgendjemand es wusste. Ob sie wohl einen Freund hatte oder ihre ganze Zeit damit verbrachte, Leute wie ihn zufriedenzustellen?

Außerdem fragte er sich, ob jemals jemand versucht hatte, sie zufriedenzustellen. Ein Bild, wie er ihre Knie spreizte, um in diese unerforschte Region vorzudringen, erschien vor seinem geistigen Auge und erregte ihn heftig.

Dominick rieb sich das Gesicht und tadelte sich dafür, solch sündige Fantasien über eine so nette Person zu entwickeln. Eine Frau, die sich zu Weihnachten nichts als den Weltfrieden wünschte.

Er beschloss, auf Kaffee umzusteigen, um sich auf die Informationen, die sie ihm geschickt hatte, konzentrieren zu können. Während er auf den Kaffee wartete, zog er den Stapel Papiere aus dem Umschlag. Violets handgeschriebene Nachricht war knapp und präzise – sie hatte zunächst eine grobe Recherche betrieben und würde sich nun den Details widmen.

Weiteres Material folgt, lautete die letzte Zeile. Unterschrieben hatte sie mit ihren Initialen.

Ihm gefiel ihre Art zu kommunizieren – schnell und auf den Punkt. Doch ihre Handschrift aus großen Buchstaben, mit etlichen Schnörkeln und Schlenkern überraschte ihn. Sie kam ihm sehr … romantisch vor.

Dieser Gedanke ließ ein neues Bild von Violet Summerlin entstehen, nackt auf pinkfarbenen Seidenlaken, die Haare offen, mit rosa Brustwarzen auf vollen Brüsten, die Beine lang und schlank. Er spürte, wie er eine Erektion bekam, und tadelte sich erneut für seine Reaktion. Er war schon mit vielen Frauen im Bett gewesen, alle trainiert, gebräunt und körperbetont. Violet hatte absolut nichts mit diesen Frauen gemein. Sie lächelte nicht ständig grundlos, plapperte nicht oder war übertrieben lustig. So verlockend der Versuch auch sein mochte, sie ins Bett zu bekommen, schien sie ihm doch zu den Frauen zu gehören, die beim Sex das Licht löschten.

Mit dem Kaffee machte er es sich in einem Sessel im Wohnzimmer bequem und ließ im Hintergrund ein Basketballspiel laufen. In den nächsten zwei Stunden las er abwechselnd in den Unterlagen und schielte nach dem Spielstand. Violets Material ergab auf den ersten Blick, dass es sich lohnte, Sunpiper zu kaufen.

Nur waren die Dinge selten so einfach, wie sie zu sein schienen.

Beim Umblättern stieß er plötzlich auf einen pink gepunkteten Briefumschlag, der nicht zu den übrigen Dokumenten passte. Ob er aus Versehen zwischen die Unterlagen geraten war?

Auf dem Umschlag stand ein Code aus Zahlen und Buchstaben. Er zog zwei zusammengefaltete Blatt Papier heraus. Wegen der Anrede hielt er sie zunächst für einen Brief an Violet und wollte das Blatt schon wieder zusammenfalten. Aber dann erkannte er, dass es ihre Handschrift war – die gleichen Schnörkel und Schlenker. Das weckte seine Neugier.

Als er das Datum las, begriff er, dass Violet den Brief irgendwann vor vielen Jahren an sich selbst geschrieben hatte. Vermutlich zu Collegezeiten. Kaum hatte er die erste Zeile gelesen, stutzte er verblüfft. Violet wollte ihre sexuellen Fantasien aufschreiben? Er las die Stelle über ihre wenigen sexuellen Erfahrungen und schüttelte den Kopf. Die meisten Collegestudenten gehörten nun einmal nicht zur Sorte aufopferungsvoller Liebhaber.

Dann kam er zu der Stelle, wo sie sich selbst und ihre eigene Attraktivität infrage stellte. Auf eine seltsame Weise schmerzte ihn das. Es waren die Worte eines einsamen Mädchens, das sich unscheinbar und ungeliebt fühlte. Kein Wunder, dass sie ihre Schönheit verborgen hielt. Je mehr Männer sie ignorierten, desto mehr wollte sie wahrscheinlich ignoriert werden. Und dennoch: Aus ihrem Brief ging eindeutig hervor, dass sie sich wünschte, ihre Sinnlichkeit zu entdecken.

Ich hoffe, Du hast dann jemanden gefunden, mit dem Du aufregenden Sex hast. Ich hoffe, Du hast einen Weg gefunden, um aus Dir herauszukommen.

Dominick stand auf und ging zur Bar. Jetzt brauchte er etwas Stärkeres als Kaffee. Das Blut rauschte ihm in den Ohren und pumpte Adrenalin durch seinen Kreislauf. Gerade noch war er auf der Suche nach einer Herausforderung gewesen, und hier fiel ihm buchstäblich eine in den Schoß.

Die stille Violet Summerlin mit dem niedlichen Pferdeschwanz fantasierte heimlich von aufregendem Sex?

Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Das änderte alles.

3. Kapitel

Fünf Tage bis Weihnachten

Als der Wecker am nächsten Morgen klingelte, riss er Violet aus tiefstem Schlaf und einem beunruhigenden Traum, an dessen Einzelheiten sie sich nur vage erinnerte. Sie war irgendwohin gegangen – nackt –, und er versprach sie aufzufangen. Ihrem Unterbewusstsein war es offenbar gelungen, ihre Höhenangst ebenso auszutricksen wie ihre Angst davor, sich Dominick auszuliefern. Sie stöhnte und schlug auf den Wecker.

Dieser verdammte Brief hatte alle möglichen Gedanken in ihr ausgelöst, und die drehten sich nur deshalb um Dominick, weil sie für ihn arbeitete, und nicht etwa, weil sie sich tatsächlich zu ihm hingezogen fühlte!

Sie stand auf und ging unter die Dusche. Fast wie von selbst begann der Duschschwamm, sie an Stellen zu liebkosen, die kein Mann zuvor berührt hatte … ihre Taille … die Hüften … ihre Kniekehlen. Sosehr sie auch versuchte, Dominick aus ihrem Kopf zu verbannen, es half nichts: Sie war noch immer erregt von den Worten, die sie vor langer Zeit an sich selbst geschrieben hatte. Am Ende folgte sie dem Rat, den sie Nan gegeben hatte, und drehte den Kaltwasserhahn auf. Darauf schnappte sie unter dem eisigen Strahl zwar nach Luft, aber es half, sündige Gedanken zu vertreiben.

Nach dem Duschen machte sie sich zur Arbeit fertig und klemmte sich den Karton mit Weihnachtsschmuck unter den Arm, um ihn ihrer Mutter zu ihrer Verabredung zum Lunch mitzubringen.

Unwillkürlich fragte sie sich, wo Dominick wohl Weihnachten feierte. Er hatte nie eine Familie erwähnt, und sie hatte nie gefragt. Allerdings kam er ihr nicht vor wie ein Mann, der gern klassische Weihnachten feierte.

Bei diesem Gedanken erinnerte sie sich wieder an seine Frage: „Was wünschen Sie sich zu Weihnachten, Vee?“

Violet schloss die Wohnungstür ab und verdrängte die Erinnerung an Dominicks funkelnde blaue Augen. Sie schleppte den Karton mit dem Weihnachtsschmuck und die Geschenke für ihre Eltern nach unten ins Büro und kämpfte gegen ein Gähnen an. So würde sie den Tag bestimmt nicht überstehen. Eines war sicher – sie konnte es sich nicht erlauben, wegen eines törichten Traums – ausgelöst durch einen albernen Brief aus Collegezeiten – noch mehr Schlaf einzubüßen. Entschlossen betrat sie ihr Büro. Je eher der Brief im Reißwolf landete, desto besser.

Als sie den ordentlichen Stapel Aktenmappen auf ihrem Schreibtisch sah, geriet sie in Panik. Sie hatte Lillian gebeten, die übrigen Ausdrucke der Recherche für Dominick wegzuwerfen – und zwar alles, bis auf die Aktenmappen. Wenn ihre Assistentin nun den Brief gefunden und gelesen hatte?

Ihre Wangen glühten. Wenn dem so wäre, könnte sie Lillian nicht mehr unter die Augen treten. Hastig blätterte sie die Mappen durch, ohne den pink gepunkteten Briefumschlag zu finden.

Die Türglocke und ein fröhliches Summen verkündeten Lillians Ankunft. Violet verließ ihr Büro und begrüßte sie mit einem zögernden Lächeln. „Guten Morgen.“

„Guten Morgen“, erwiderte Lillian strahlend und hängte ihren Mantel und den bunten Schal auf.

Nervös biss sich Violet auf die Unterlippe. Sie kannte Lillian nicht sehr gut. Wenn diese Frau ihren Brief tatsächlich gelesen und darüber geredet hatte? Sie hatte so hart an ihrem professionellen Ruf gearbeitet, dieser dumme Brief konnte alles ruinieren.

„Ich wollte mir gerade Kaffee holen“, bemerkte sie. „Möchten Sie auch welchen?“

„Gern.“

Mit zwei Tassen Kaffee kehrte Violet an Lillians Schreibtisch zurück. „Ich habe übrigens einen kleinen pinkfarbenen Umschlag auf meinem Schreibtisch liegen lassen“, bemerkte sie und versuchte, es ganz beiläufig klingen zu lassen. „Haben Sie ihn zufällig gestern beim Aufräumen gesehen?“

Lillian trank einen Schluck Kaffee. „Nein. Sind Sie sicher, dass er dort war?“

„Ja. Er war gepunktet“, fügte sie hinzu, in der Hoffnung, dem Gedächtnis ihrer Assistentin auf die Sprünge zu helfen.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, ihn gesehen zu haben. Haben Sie mal unter dem Schreibtisch nachgeschaut? Vielleicht ist er heruntergefallen.“

Warum war sie noch nicht selbst darauf gekommen? Violet eilte zurück in ihr Büro und ging in die Hocke, konnte den Umschlag jedoch nirgends entdecken.

„Möglicherweise habe ich ihn zusammen mit anderen Unterlagen weggeworfen. Das täte mir schrecklich leid. Ist der Müll denn schon abgeholt worden?“, fragte Lillian besorgt.

Violet nickte und stand wieder auf. Eigentlich wollte sie den Brief gar nicht zurückhaben – sie hatte schließlich selbst vorgehabt, ihn zu schreddern. Doch ihn nicht mehr in Händen zu halten, war, als sei ihr etwas entglitten. „Schon gut. Schließlich habe ich Sie gebeten aufzuräumen. Außerdem brauche ich ihn nicht dringend.“

„Sind Sie sicher?“

„Absolut.“

Das Telefon klingelte vorn im Büro, und Lillian verschwand, um das Gespräch entgegenzunehmen. Nach wenigen Sekunden kam sie sichtlich aufgeregt zurück. „Dominick Burns ist am Apparat!“

Nachdem sie vorhin erst von ihm fantasiert hatte, war Violet nicht besonders erpicht darauf, mit ihm zu sprechen. Leider fiel ihr auch kein guter Grund ein, um ihn abzuwimmeln. „Danke“, murmelte sie und drückte einen Knopf, um den Anruf entgegenzunehmen. „Hier spricht Violet.“

„Vee, hallo, hier ist Dominick.“

Er klang verschlafen, daher nahm sie an, dass er noch nicht lange wach war. Als ein quietschendes Geräusch im Hintergrund zu hören war, wurde ihr mit Entsetzen klar, dass er noch im Bett lag. Trug er einen Slip oder Boxershorts? Oder schlief er etwa nackt?

„Sind Sie noch da?“

„Äh … ja.“ Sie schluckte. „Was kann ich für Sie tun, Mr. Burns?“

„Danke für Ihre Recherchen zu Sunpiper.“

„Gern geschehen. Ich werde noch mehr Material zusammentragen.“

„Gut. Ich will nämlich nach Miami reisen, um vor Ort einiges in Erfahrung zu bringen. Dabei bräuchte ich Ihre Hilfe. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich zu begleiten?“

Ihr Puls beschleunigte sich. Eine Geschäftsreise mit Dominick Burns? „Ich … ich kann nicht denken … Ich wollte sagen, ich denke nicht …“

„Ich zahle Ihnen selbstverständlich den doppelten Stundensatz.“

Violet stutzte und dachte unwillkürlich an eine zusätzliche Hypothekentilgung. „Und wann wollen Sie reisen?“

„Ich fliege morgen früh und komme am sechsundzwanzigsten zurück.“

„Oh, das geht leider nicht.“ Erleichtert atmete sie auf. „Das ist die arbeitsreichste Zeit des Jahres für mich.“

„Kann Ihre Assistentin die Geschäfte nicht weiterführen?“

„Nein“, sagte Violet entschieden. Die letzten Tage vor Weihnachten würde sie damit beschäftigt sein, quer durch die Stadt zu fahren, um Geschenke für Leute zu besorgen, die das nicht selbst erledigen konnten. „Außerdem verbringe ich Weihnachten mit meinen Eltern.“

„Oh.“ Er klang enttäuscht – und ein wenig überrascht, dass sie andere Pläne hatte. „Und wenn wir am ersten Weihnachtstag morgens wieder zurück wären?“

„Ich glaube trotzdem nicht, dass das möglich ist. Ich habe Verpflichtungen. Aber ich bin sicher, Sie finden jemand anders, der Ihnen assistiert.“

„Aber ich will Sie, Vee. Sie haben sich bereit erklärt, mir bei dieser Recherche zu helfen.“

„Per Internet und Telefon“, erinnerte sie ihn.

„Wenn es nicht ums Geld geht …“

„Das ist nicht das Problem“, versicherte sie ihm. „Vielleicht Anfang des Jahres …“

„Dann ist es zu spät. Anfang Januar fliege ich nach Brasilien. Und da sich noch eine andere Firma für Sunpiper interessiert, muss ich schnell handeln. Falls Sie sich wegen der Übernachtungen Sorgen machen, so kann ich Ihnen versichern, dass wir getrennte Zimmer haben werden.“

Allein bei der Erwähnung verspürte sie ein Kribbeln im Bauch, was nur bewies, dass sie auf gar keinen Fall mit Dominick verreisen konnte. „Ich fürchte, meine Antwort lautet trotzdem Nein.“

„Na schön“, meinte er resigniert. „Es bricht mir das Herz. Wir hätten eine tolle Zeit miteinander gehabt, Vee.“

„Danke für die Einladung“, brachte sie heraus. „Wiederhören.“ Benommen legte sie auf. Es bricht mir das Herz. Wir hätten eine tolle Zeit miteinander gehabt.

Offenbar hatte er nicht vor, die Feiertage bei seiner Familie zu verbringen. Er würde in Miami sein und sich mit halb nackten Frauen am Strand amüsieren. Violet wusste, dass Dominick problemlos eine andere finden würde, die ihm an ihrer Stelle half. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken durfte, ließ Dominick sich auch gern von mehr als einer Frau gleichzeitig helfen.

Lillian erschien erneut an der Tür. „Alles in Ordnung?“

„Bestens“, antwortete sie knapp und griff nach ihrem Kalender, um sich abzulenken. „Haben Ihre Anrufe gestern irgendetwas ergeben?“

„Einer nicht, aber die anderen beiden Kunden wollen am Nachmittag vorbeikommen, um ihre Geschenke einpacken zu lassen. Ich habe schon das viele Geschenkpapier im Arbeitsraum gesehen“, meinte Lillian und deutete auf den Raum hinter Violets Schreibtisch. „Früher habe ich bei Macy’s Geschenke eingepackt. Ich kann mich also darum kümmern und die Geschenke auch ausliefern, wenn Sie möchten.“

Während sie aufstand und ihren Mantel anzog, überlegte Violet fieberhaft, wie sie es schaffen konnte, rechtzeitig wieder hier zu sein, um die Kunden persönlich zu begrüßen. „Ich muss noch ein paar Besorgungen machen, bei Miss Kingsbury vorbeischauen und mit meiner Mutter zu Mittag essen. Aber ich müsste vor zwei wieder hier sein.“

„Soll ich in der Zwischenzeit irgendetwas erledigen?“, fragte Lillian hoffnungsvoll.

„Nein, halten Sie einfach nur die Stellung, bis ich wieder da bin.“

„Und wenn ich zufällig den pinkfarbenen Briefumschlag finde, den Sie verloren haben?“

„Dann verbrennen Sie ihn.“

Violet schloss die Wagentür auf und balancierte dabei ihre Handtasche und die Schachtel mit der Weihnachtsdekoration und den Geschenken. Wieder einmal ärgerte sie sich über sich selbst. Sie hätte den Brief nicht aufmachen dürfen, denn das hatte nur zur Folge gehabt, dass sie noch verwirrter als sonst war, wenn sie an Dominick dachte. Aber jetzt, wo der Brief unterwegs zur Mülldeponie war, könnte sie die albernen Worte von damals hoffentlich vergessen, die sie aufgeschrieben hatte, als sie noch geglaubt hatte, dass Sex eine wichtige Rolle spielte.

Das mochte für andere Menschen gelten, doch sie selbst war seit dem College zu der Erkenntnis gelangt, dass sie einfach kein sexueller Mensch war. Nicht so wie Nan zum Beispiel, bei der das Flirten ganz unbeschwert aussah. Sobald sie selbst sich mit einem Mann unterhielt, musste sie unweigerlich an die Katastrophe denken, zu der sich eine mögliche Beziehung entwickeln würde. Und dann bekam sie kein vernünftiges Wort mehr heraus. Außerdem hatte sie gegen die vielen charmanten Südstaatenschönheiten, die in Atlanta lebten, keine Chance.

Aber du hast dein Unternehmen, sagte sie sich, während sie Wäsche für die Reinigung abholte, fünfundzwanzig perfekte Weihnachtssterne für eine Weihnachtsfeier auswählte und sechs mit den Namen der Enkel eines Kunden bestickte Strumpfhosen besorgte.

Außerdem, dachte sie, während sie anschließend für Miss Kingsbury Lebensmittel einkaufte, hast du ohnehin mehr Glück bei vierbeinigen männlichen Wesen. Spontan packte sie eine Tüte Hundekuchen für Winslow ein. Wenn der Hund mehr fraß, wäre er vielleicht nicht mehr so wählerisch, was Zeit und Ort seines Geschäfts betraf.

Als sie das bunt geschmückte Backsteinhaus erreichte, erwartete der Pekinese sie bereits an der Tür, mit der Leine im Maul.

„Er sitzt schon den ganzen Vormittag hier“, erklärte Miss Kingsbury. „Ich habe mehrmals versucht, mit ihm zu gehen, aber er wollte nicht.“

Violet gab der alten Dame ihre Kreditkarte zurück und stellte die Tüte mit den Lebensmitteln auf einen Tisch. „Ich werde sehen, was ich tun kann. Darf ich Winslow einen Hundekuchen geben?“

„Was immer Sie möchten, meine Liebe. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass er mehr Ihr Hund ist als meiner.“

Nachdem sie die Leine an seinem Halsband befestigt hatte, ließ Violet den Pekinesen einen Hundekuchen aus ihrer Hand fressen. „Wirst du heute ein braver Junge sein?“

Winslow bellte begeistert. Auf dem kurzen Weg zum Park rief sie ihre Freundin an, um sich zu verabschieden, bevor diese über Weihnachten die Stadt verließ.

„Nan Wellington.“

Im Hintergrund ertönte das Klacken einer Computertastatur. Nan war Redakteurin beim Atlanta Journal Constitution. „Bist du gerade beschäftigt?“, fragte sie ihre Freundin.

„Ich zähle bloß die Stunden, bis ich endlich nach Aruba aufbreche. Ich wünschte, du würdest mitkommen, aber ich weiß ja, wie sehr du dich auf Weihnachten mit deinen Eltern freust.“

„Ja, das tue ich.“

„Du klingst niedergeschlagen“, stellte Nan fest.

„Ach, ignorier es einfach.“

„Was ist los?“

„Dominick Burns hat mich gefragt, ob ich mit ihm über Weihnachten nach Miami fliege.“

Das Klacken hörte auf. „Nimmst du mich auf den Arm?“

„Weil er meine Hilfe braucht. Eine reine Geschäftsreise also.“

„Violet, sag mir, dass du zugestimmt hast.“

„Ich kann nicht, Nan. Ich habe jede Menge Kunden und verbringe Weihnachten bei meinen Eltern, wie du ja weißt.“

„Hm, kannst du denn nicht rechtzeitig wieder zurück sein?“

„Er hat mir angeboten, dass wir am ersten Weihnachtstag wieder hier sind. Aber damit ist noch nicht geklärt, wer sich um die ganze Arbeit kümmert.“

„Wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass deine neue Assistentin genau dazu da ist?“, seufzte Nan.

„Mir ist nicht wohl dabei, alles jemand anders zu überlassen.“

„Violet, ich weiß, dass du glaubst, du hättest eine besondere Beziehung zu all deinen Kunden. Aber in Wirklichkeit wollen sie doch bloß, dass man Dinge für sie erledigt, oder?“

„Stimmt“, räumte Violet ein.

„Du hättest diese Frau doch nicht eingestellt, wenn sie nicht qualifiziert wäre. Also lass dir von ihr helfen.“

„So einfach ist das nicht“, widersprach Violet. „Ich habe schon versucht, ihr Aufgaben zu übertragen, aber weil ich es nicht gewohnt bin, mit jemandem zusammenzuarbeiten, gab es bereits ein Missgeschick.“

„Was für ein Missgeschick?“

„Ich glaube, sie hat einen wichtigen Brief weggeworfen.“

„Ruf den Absender an und bitte ihn, den Brief noch einmal zu schicken. Missgeschicke passieren nun mal.“

„Es handelte sich um einen persönlichen Brief, einen handgeschriebenen.“

„Von wem?“

„Von … mir. Ich habe diesen Brief auf dem College an mich selbst geschrieben.“

„Hört sich cool an. Bist du im Jahrbuch darauf gestoßen?“

„Nein, die Dozentin hat ihn mir geschickt. Die Aufgabe damals lautete, einige … Gedanken niederzuschreiben. Sie versprach, uns ausfindig zu machen und uns die Briefe zehn Jahre später zukommen zu lassen.“

„Um herauszufinden, wie sehr sich alles verändert hat?“

„Oder auch nicht“, murmelte Violet, und zum ersten Mal gestand sie sich ein, dass sie heute möglicherweise immer noch die gleichen Gedanken aufschreiben würde wie damals.

„Für welchen Kurs war das?“

Einen Moment zögerte Violet, dann antwortete sie: „‚Sex für Anfänger‘.“

„Wie bitte?“

„Der Kurs hieß ‚Die sexuelle Psyche‘, aber alle nannten ihn ‚Sex für Anfänger‘.“

„So läuft das also auf diesen reinen Mädchenschulen“, zog Nan sie auf.

„Es war nur ein Kurs von vielen“, erklärte Violet verlegen.

„Was stand in dem Brief? Deine sexuellen Erfahrungen? Deine Fantasien?“

Violet schwieg.

„Du lieber Himmel! Du hast deine sexuellen Fantasien aufgeschrieben! Wie sahen die aus?“

„Vergiss es“, sagte Violet aufgebracht. „Das war eine alberne Aufgabe.“

„Ich finde sie faszinierend. Das würde eine tolle Story für die Zeitung abgeben.“

„Nein, würde es nicht.“ Bei der Vorstellung, ihre Fantasien könnten öffentlich ausgebreitet werden, geriet Violet fast in Panik.

„Na schön, der Brief ist also aus Versehen in die Müllverbrennungsanlage gewandert?“

„Sieht ganz so aus.“

„Konntest du ihn vorher wenigstens lesen?“

„Ja.“

„Und?“

„Wie ich schon sagte, es war eine alberne Aufgabe. Ich habe den Brief auch nur als Beispiel dafür erwähnt, dass es so toll nun auch wieder nicht ist, eine Assistentin zu haben.“

„Du musst ihr eine Chance geben. Du wirst dein Unternehmen niemals vergrößern können, wenn du nicht Leute einstellst und ihnen Arbeit überlässt.“

„Ich weiß. Wenn sich Anfang nächsten Jahres alles ein wenig beruhigt hat … Ich werde darüber nachdenken. Aber ich hasse nun einmal die Vorstellung, Verantwortung abzugeben. Dabei hätte ich an diesem Auftrag gut verdient.“

Am anderen Ende der Leitung gab Nan einen wehmütigen Laut von sich. „Wahrscheinlich ist es ganz gut, dass du Dominicks Angebot nicht angenommen hast.“

„Warum?“

„Na ja, er ist ein berüchtigter Playboy. Bestimmt hätte er dich bloß nach Miami geschleppt, um dich ins Bett zu bekommen.“

Violet schluckte. „Meinst du?“

„Ganz bestimmt. Wahrscheinlich hättest du dich die ganze Zeit gegen seine Aufdringlichkeiten zur Wehr setzen müssen.“

„Ja, das wäre wirklich … schrecklich.“ Violet sah zu Winslow hinab, der winselnd zu ihren Füßen auf dem Gehsteig saß. „Ich muss weiter. Die Pflicht ruft. Amüsier dich gut in Aruba.“

„Das werde ich“, versprach Nan. „Grüß deine Eltern herzlich von mir. Ich rufe dich an, sobald ich wieder in der Stadt bin.“

Nach dem Telefonat absolvierte Violet mit Winslow das Ritual, das ihn dazu bewog, sein Geschäft zu verrichten. Als er fertig war, trug sie ihn nach Hause, um Zeit zu sparen. Wäre er eine Katze, hätte er vermutlich in ihren Armen geschnurrt.

„Er war sehr brav“, versicherte sie Patricia, als sie ihr den Hund übergab. „Frohe Weihnachten, Miss Kingsbury. Genießen Sie Ihre Zeit in Birmingham mit Ihrem Sohn und Ihren Enkeln.“

„Danke, meine Liebe.“ Patricia Kingsbury wuschelte Winslows Fell. „Ich reise morgen früh ab. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto beunruhigter bin ich darüber, Winslow mitnehmen zu müssen. Da ist zum einen seine Weigerung, mit mir Gassi zu gehen, und zum anderen die Allergie eines meiner Enkelkinder …“ Sie seufzte. „Um die Wahrheit zu sagen, Violet, ich hatte gehofft, Sie könnten sich bis zu meiner Rückkehr um ihn kümmern.“

„Ich … ich?“, stammelte Violet perplex.

„Sie bleiben doch über Weihnachten in der Stadt, oder?“

„Das schon, aber …“

„Selbstverständlich werde ich dafür bezahlen. Aber mir wäre viel wohler, wenn er hier bei Ihnen wäre als irgendwo in einer Tierpension.“

Violet vermochte nicht zu sagen, wessen Blick flehender war, Patricias oder Winslows. Sie zögerte und überlegte, dass sie ihn tagsüber im Büro lassen und abends nach Feierabend mit nach oben in die Wohnung nehmen könnte. Ihre Eltern hätten sicher nichts dagegen, wenn er Weihnachten mit dabei wäre.

„Einverstanden“, sagte sie schließlich. „Aber ich kann ihn jetzt noch nicht mitnehmen. Der Wagen ist voller Weihnachtssterne, und ich muss noch ein paar Stopps einlegen.“

„Ich bringe ihn morgen früh vorbei, bevor ich abreise“, erklärte Patricia rasch, als befürchte sie, Violet könne ihre Meinung doch noch ändern. „Ich liefere ihn mitsamt Transportkäfig, Spielzeug und all seinen Sachen ab.“

„Gut, bis dann.“ Violet tätschelte Winslow noch einmal, dann eilte sie zurück zu ihrem Wagen und schaute dabei auf die Uhr. Sie freute sich auf das Treffen mit ihrer Mutter, da sie bisher nur sehr wenig Zeit mit ihren Eltern verbracht hatte, seit die beiden wieder in der Stadt waren. Darum hatte sie ihrer Mutter vorgeschlagen, sich einmal pro Woche zum Essen zu treffen, um sich zu sehen und Neuigkeiten auszutauschen. Sie tat, was sie konnte, um eine Mutter-Tochter-Beziehung aufzubauen, und glücklicherweise schien ihre Mutter das anzunehmen.

Als Violet vor dem Haus ihrer Großeltern hielt, stellte sie enttäuscht fest, dass es weder Weihnachtsbeleuchtung noch sonstigen Weihnachtsschmuck gab. Vermutlich hatten ihre Eltern Weihnachten so oft in fremden Ländern verbracht, dass sie mit dieser Tradition nichts mehr anfangen konnten. Aber nun hatte sie ja den Tannenbaumschmuck und die Geschenke mitgebracht, das würde ihre Eltern schon in weihnachtliche Stimmung versetzen. Jedes Mal, wenn sie die Treppenstufen zum Haus ihrer Kindheit hinaufstieg, wurde ihr warm ums Herz. Zwar hatte sie sich als Kind nach ihren abwesenden Eltern gesehnt, doch dafür hatte sie im Haus ihrer Großeltern viel Liebe und Glück genossen.

Sie drückte mit dem Ellbogen auf die Türklingel und lehnte sich an den Türrahmen, um all die Sachen, die sie auf dem Arm trug, besser balancieren zu können. Einige Sekunden später öffnete ihre Mutter die Tür.

„Hallo, Mom“, begrüßte Violet sie fröhlich.

Diane Summerlin war gerade dabei, einen Ohrring anzulegen, der zu ihrem schicken cremefarbenen Ensemble passte. Violet hatte ihre Mutter schon immer um ihre lässige Eleganz beneidet.

„Hallo, Violet, komm rein. Was für eine nette Überraschung.“

Augenblicklich bekam ihre gute Laune einen Dämpfer. Sie trat über die Schwelle und fragte: „Ich dachte, wir sind zum Lunch verabredet?“

Ihre Mutter verzog das Gesicht. „Sind wir? Oh, Schätzchen, es tut mir schrecklich leid. Ich treffe mich mit ein paar alten Freundinnen im Club.“

Nur mit Mühe konnte Violet ihre Enttäuschung verbergen. „Macht ja nichts. Dann holen wir es ein andermal nach.“ Sie bemerkte, dass die Möbel im Wohnzimmer umarrangiert worden waren und vor den Fenstern neue Vorhänge hingen. Natürlich war sie davon ausgegangen, dass ihre Eltern das Haus nach und nach ihren Vorstellungen entsprechend einrichten würden. Trotzdem versetzten ihr die Veränderungen einen Stich.

Dianes Miene hellte sich auf. „Du könntest mitkommen.“

Aber Violet merkte, dass ihre Mutter diese Einladung nur aus Mitgefühl aussprach. „Danke, ich muss zeitig wieder zurück ins Büro. Ist Dad zu Hause?“

„Er spielt Golf.“

„Aha.“ Violet klopfte auf den Karton, den sie mitgebracht hatte. „Na ja, vielleicht bleibe ich ein wenig hier und fange schon mal an, das Haus weihnachtlich zu schmücken.“

Das Lächeln ihrer Mutter erlosch. „Also, was Weihnachten angeht …“

„Ja?“, fragte Violet misstrauisch, da der bedauernde Tonfall sie stutzig machte.

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