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Susan Mallery - Blackberry Island (3in1)

hier erhältlich:

WIE ZWEI INSELN IM MEER

Sie waren die besten Freundinnen, bis ein Verrat sie auseinanderriss. Michelle verließ die idyllische Heimatinsel, Carly blieb - mit dem Mann, den eigentlich Michelle liebte. Nach zehn Jahren führt ein Erbe Michelle zurück. Als sie das in Schwierigkeit steckende Hotel Blackberry Island Inn betritt, das ihr Vater ihr vermacht hat, steht sie unerwartet Carly gegenüber. Nur mit Carlys Hilfe, deren Leben inzwischen eng mit dem Inn verwoben ist, kann Michelle den Familienbetrieb retten. Aber können die beiden Frauen nach all den tiefen Wunden an einem Strang ziehen?

DER SOMMER DER INSELSCHWESTERN

Drei Schwestern nennt man die Häuserzeile auf Blackberry Island, und spontan kauft die junge Kinderärztin Andi das letzte Häuschen. Nach einer schweren Enttäuschung braucht sie dringend ein Heim für Herz und Seele. Was sie nicht nur im Haus, sondern vor allem bei ihren beiden neuen Nachbarinnen Deanna und Boston findet. Die zwei Frauen zeigen Andi: Wenn die Straße des Lebens holprig ist, braucht man dringend Freundinnen! Besonders, wenn eine unerwartete Liebe alles durcheinander zu bringen droht …     

MEERESRAUSCHEN UND INSELTRÄUME

Schon immer war Nina für andere der Fels in der Brandung. Deshalb ist die alleinstehende Arzthelferin auf Blackberry Island gestrandet und arbeitet, wo andere ausspannen - während Mutter und Schwester ihre Träume leben. Nina hat ihrer Familie zuliebe ihre große Liebe und das geplante Medizinstudium aufgegeben. Soll das wirklich alles gewesen sein? Jetzt will Nina endlich Kurs aufs eigene Glück nehmen. Aber sie muss lernen, dass man zuerst loslassen muss, um dem Herzen zu folgen …

"Ein sehr vergnüglicher und einsichtsvoller, witziger und treffender Blick auf Selbstaufopferung."
Booklist

"Susan Mallery ist ein wunderbarer, niemals kitschiger Roman über Freundschaft, Familie und Verzeihen gelungen."
Für Sie über "Wie zwei Inseln im Meer"

"Vielschichtig und bewegend, intensiv und so mitreißend, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann!"
Publishers Weekly

"Alles über die heilende Kraft einer Freundschaft."
Library Journal

"Ein offener, ehrlicher Blick in Familienwirren, zu denen Tragödien und Krisen führen […] sollte auf jeder Leseliste unter den ersten zwanzig stehen."
Fresh Fiction

"Susan Mallery ist ein wunderbarer, niemals kitschiger Roman über Freundschaft, Familie und Verzeihen gelungen."
Für Sie über "Wie zwei Inseln im Meer"

"Eine herzerwärmende Geschichte über tiefe Gefühle und die heilende Kraft von Frauenfreundschaften."
Library Journal


  • Erscheinungstag: 25.03.2019
  • Aus der Serie: E Bundle
  • Seitenanzahl: 1200
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959679091
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Susan Mallery

Susan Mallery - Blackberry Island (3in1)

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Susan Mallery

Wie zwei Inseln im Meer

Roman

Aus dem Amerikanischen von Valerie Schneider

image

HarperCollins®

HarperCollins® Bücher

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by HarperCollins
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:
Barefoot Season

Copyright © 2012 by Susan Macias Redmond
erschienen bei: Mira Books, Totonto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: büropecher, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Thinkstock / Getty Images, München

ISBN eBook 978-3-95967-963-3

www.harpercollins.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

„Ich ziehe morgen in den Krieg. Gut möglich, dass ich nie wieder zurückkomme.“

Michelle Sanderson wandte langsam die Aufmerksamkeit von dem fünf Jahre alten Pick-up ab, den sie zu kaufen erwog, und drehte sich zu dem jungen Burschen um, der neben ihr stand.

Er war noch ein Teenager, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt, und hatte rotes Haar und Sommersprossen. Eigentlich war er ganz süß, nur viel zu jung. Seine Gliedmaßen waren jugendlich schlaksig und sein Brustkorb wollte erst ausgefüllt werden. Auch wenn er vermutlich bereits mehr Mann als Junge war, der Wandel war noch nicht völlig vollzogen.

„Entschuldigung“, sagte sie, überzeugt, ihn missverstanden zu haben. „Was hast du gesagt?“

Er grinste breit und zwinkerte ihr zu. „Ich mach’s vielleicht nicht mehr lange. Wenn du den Wagen gekauft hast, könnten wir doch zusammen was trinken gehen oder so, meinen Einstieg in die Army feiern.“

„Es ist zwei Uhr nachmittags.“

„Wir könnten auch einfach zu mir nach Hause gehen.“

Michelle wusste nicht, ob sie laut loslachen oder ihm zu verstehen geben sollte, was für ein Idiot er war, und zwar so, dass er danach heulen würde wie ein kleines Mädchen. Letzteres wäre ein Leichtes für sie. Sie hatte selbst zehn Jahre in der Army gedient, beinahe die Hälfte davon im Irak und in Afghanistan. Dort waren ihr diese notgeilen jungen Typen, die sich für unwiderstehlich hielten, im Überfluss begegnet. Mit der Zeit war sie richtig gut darin geworden, ihnen klarzumachen, dass sie falschlagen.

Loslachen wäre ein wenig schwerer. Hauptsächlich, da ihr ganzer Körper schmerzte. Nicht nur ihre Hüfte, die als Entschuldigung eine Begegnung mit ein paar Kugeln von bewaff-neten Rebellen vorzuweisen hatte, woraufhin ihr eine Teilgelenkprothese eingesetzt werden musste – nein, alles tat ihr weh. Sie dachte lieber nicht darüber nach, wie viel Zeit sie im Krankenhaus zugebracht hatte. Der Körper heilt in seinem eigenen Tempo, hatte ihr Physiotherapeut gesagt. Dennoch hatte sie versucht, schneller wieder auf die Beine zu kommen – was ihr lediglich drei weitere Nächte im Krankenhausbett beschert hatte, bevor sie endlich entlassen wurde.

„Bin ich nicht ein bisschen zu alt für dich?“, fragte sie.

Er zwinkerte ihr zu. „Erfahren nenne ich das.“

Trotz der Schmerzen schaffte sie es, kurz zu lachen. „Verstehe. Du suchst also eine, die dir deine schmutzigen Fantasien erfüllt, ja?“

„Du weißt Bescheid.“

Er ist so erwartungsvoll, dachte sie und fühlte sich sogleich noch ermatteter. Und ganz offensichtlich hatte er den Sehtest bisher nicht absolviert. Ihr war vollkommen bewusst, dass sie nicht in Bestform war. Ihr blasser, allzu dünner Körper verriet, wie lange sie in einem Krankenhausbett gelegen hatte. Sie hatte dunkle Augenringe und ihre Gesichtsfarbe war zu grau, um als normal durchzugehen, und zum Laufen brauchte sie eine Krücke. Was nur mal wieder bewies, wie hormongesteuert junge Männer waren.

Ehe sie dazu kam, sich zu überlegen, wie sie seine Einladung ausschlagen konnte, preschte ein heller Labrador um die Ecke des Hauses. Der Hund jagte auf sie zu und sprang kurz vor ihr in die Höhe. Michelle musste schnell einen Schritt zur Seite tun, damit sie nicht von ihm umgeworfen wurde. Bei der abrupten Bewegung wurde ihre Hüfte belastet und stechender Schmerz schoss durch ihren Körper.

Einen Moment lang drehte sich alles um sie. Ihr wurde schwarz vor Augen und Übelkeit stieg in ihr auf.

Bitte entweder das eine oder das andere, dachte sie, während sie verzweifelt versuchte, bei Bewusstsein zu bleiben. Aber bitte nicht beides auf einmal. Ein überraschend starker Arm legte sich um ihren Körper und hielt sie fest.

„Buster, runter mit dir.“

Sie musste ein paar Mal blinzeln, bis sie an diesem kühlen, feuchten Nachmittag wieder klar sehen konnte. Der brennende Schmerz in ihrer Hüfte ließ so weit nach, dass sie wieder Luft bekam. Der junge Bursche stand nun so nahe bei ihr, dass sie die Sommersprossen auf seiner Nase und eine kleine Narbe auf seiner rechten Wange erkennen konnte.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

Sie nickte.

Er trat zurück und musterte sie. Der Hund blieb auf Abstand, seine Augen waren dunkel vor Beunruhigung, leises Jaulen verriet seine Besorgnis.

Michelle hielt ihm die Hand hin. „Alles okay, Buster. Mir geht’s gut.“

Der Hund kam zu ihr und schnüffelte an ihren Fingern, bevor er sie kurz ableckte.

„Hey, das hatte ich doch vor“, meinte der Junge und lachte unsicher.

Michelle lächelte. „Sorry, er ist mehr mein Typ.“

„Du bist verletzt.“

Sie hob ihre Krücke leicht an. „Hast du das hier für ein modisches Accessoire gehalten?“

„Die habe ich gar nicht richtig bemerkt.“

Das bestätigte ihre Theorie über seine schlechten Augen. „Ist bloß eine Fleischwunde.“ Genau genommen war nicht nur ihre Haut betroffen, sondern auch ein paar Knochen und Sehnen, doch wozu ins Detail gehen?

Sein Blick glitt zu den Army-Seesäcken auf dem Gehsteig, zu ihrer Krücke und schließlich zurück zu ihr. „Warst du drüben?“, fragte er.

„Drüben“, das konnten tausend Orte sein, sie wusste jedoch, was er meinte, und nickte.

„Krass, Mann. Wie war’s, hattest du Angst? Glaubst du …?“ Er schluckte und lief rot an. „Glaubst du, ich kann’s dort schaffen?“

Sie wollte Nein sagen. Dass es so viel leichter für ihn wäre, das College zu besuchen und mit seinen Freunden rumzuhängen. Dass es sicherer wäre. Und bequemer. Aber der einfachste Weg war oft nicht der beste, und einige Leute waren bereit, jeden Preis zu zahlen, um Teil von etwas Sinnvollem zu sein.

Ihre Gründe, der Army beizutreten, waren weit weniger altruistisch gewesen, aber mit der Zeit war auch sie zur Soldatin geformt worden. Das Kunststück würde nun darin bestehen, den Weg zurückzufinden.

„Du kriegst das schon hin“, erwiderte sie und hoffte, dass sie recht hatte.

„Wie ein richtiger Held?“, fragte er grinsend und schlug mit der Hand gegen den Pick-up. „Okay, du hast echt alles getan, um mich zu verwirren – so sexy und dann auch noch eine Kriegsveteranin. Ich lass mich trotzdem nicht aus dem Konzept bringen. Ich will zehntausend, keinen Penny weniger.“

Sexy? Das brachte sie nun wirklich zum Lachen. Zurzeit würde sie wohl nicht mal für einen neunzigjährigen Greis als Trophäe durchgehen. Aber hey, so ein Kompliment war doch immer nett zu hören.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Wagen zu. Er war recht gut in Schuss, hatte ziemlich neue Reifen und nur wenige Beulen. Der Kilometerstand war niedrig genug, dass sie ihn noch ein paar Jahre würde fahren können, bevor sie anfangen müsste, Teile zu ersetzen.

„Zehn sind viel zu viel“, entgegnete sie. „Ich zahle in bar. Und ich dachte eher an achttausend.“

„Acht?“ Er presste in gespielter Dramatik die Hände auf sein Herz. „Du willst mich wohl umbringen. Willst du das einem zukünftigen Helden wirklich antun?“

Leise lachte sie. „Komm schon, Kleiner. Wir unternehmen jetzt eine Spritztour mit deiner Liebsten und fahren bei einem Mechaniker-Freund von mir vorbei. Wenn er sagt, der Pick-up ist in Ordnung, gebe ich dir neun fünf und du hast ein Geschäft gemacht.“

„Deal.“

Zwei Stunden später setzte Michelle den Typen – Brandon hieß er – wieder an seinem Haus ab. Ein Mechaniker auf der Militärbasis, den sie kannte, hatte ihr grünes Licht für den Wagen gegeben und sie hatte Brandon einen sortierten Packen brandneuer Scheine überreicht. Im Gegenzug hatte er ihr die Papiere für das Auto sowie die Schlüssel in die Hand gedrückt.

Als sie nun losfuhr, begutachtete sie den grauen Himmel. Sie war unverkennbar zurück im westlichen Teil von Washington State, wo es so viel regnete, dass ein sonniger Tag die Schlagzeilen der Lokalnachrichten beherrschte. Gepäck unter freiem Himmel zu transportieren war hier riskant, und sie hatte ihre zwei Seesäcke auf die offene Ablage des Pick-ups geschmissen. Doch sie entschied, dass die Wolken eher faul als bedrohlich aussahen. Ihr Gepäck würde während der Fahrt nach Hause einigermaßen in Sicherheit sein.

Nach Hause. Dorthin war es ein weiter Weg von dem Ort aus, an dem sie die letzten zehn Jahre verbracht hatte. Blackberry Island, eine Insel in der Bucht des Puget Sound, die über eine lange Brücke mit dem Festland verbunden war, mochte zwar theoretisch in Pendler-Entfernung von Seattle liegen, dennoch lagen Welten dazwischen. Das einzige Städtchen auf der Insel pries sich selbst als das „Neu-England der Westküste“ an. Ein Verkaufsargument, das sie nie ganz hatte nachvollziehen können.

Die Insel war touristisch und ruhig zugleich, die Uhren gingen dort langsamer. Es gab ein paar hübsche Geschäfte, und alles, was mit den Brombeeren zu tun hatte, die der Insel den Namen gaben, wurde gefeiert. Sie hatte diese Traditionen stets albern gefunden und der Rhythmus der Jahreszeiten kam ihr auf mühsame Weise aus dem Takt geraten vor. Zumindest früher. Doch was sie damals nicht zu schätzen gewusst hatte, erschien ihr nun umso reizvoller.

Sie verlagerte ihr Gewicht auf dem Sitz, der Schmerz in ihrer Hüfte war stärker denn je. Ihr Physiotherapeut hatte geschworen, dass es besser werden würde, dass ihre Wunden schneller heilten als erwartet. Sie war den Genesungsprozess jedoch schon leid – er dauerte ihr viel zu lange. Ihr Körper ließ sich allerdings nicht antreiben.

Sie fand den Weg zur Hauptstraße und dann zum Freeway, dort reihte sie sich in die Kolonne der Fahrzeuge ein, die in Richtung Norden rollte. Sie war überrascht von der Menge der Autos und davon, wie geordnet sie sich fortbewegten. Die letzten Jahre war sie schwere Militärfahrzeuge gewöhnt gewesen, keine SUVs und Sportwagen. Die feuchte, kühle Luft war noch etwas, das sie vergessen hatte. Sie schaltete die Heizung an und wünschte, sie hätte daran gedacht, eine Jacke auszupacken. Dass bereits Mai war, hatte nichts zu bedeuten. Jahreszeiten waren etwas für Weicheier, der Sommer erreichte diesen Teil des Landes erst spät. Glücklicherweise jedoch kamen die Touristen dennoch früh.

Sie wusste, was sie die nächsten vier Monate über erwartete. Vom Memorial Day bis hin zum Labor Day würde die Insel vor Besuchern überlaufen. Sie besuchten das Eiland wegen der Bootsfahrten, der berühmten Puget-Sound-Kraniche und der Brombeeren. Blackberry Island war – was sagt man dazu – die Hauptstadt der, nun ja, der Westküste. Die Urlauber bevölkerten die Restaurants und kauften allen möglichen Schnickschnack und Handgearbeitetes. Und sie aßen Brombeeren.

Sie streuten sie auf ihre Pancakes, in Salate und in und auf jegliche Gerichte, die dem Menschen bekannt sind. Sie kauften Brombeer-Eiscreme von Straßenhändlern und Brombeer-Cookies an Ständen. Sie erwarben Geschirrtücher und Tassen mit Brombeer-Motiven und probierten die fragwürdigen Ergebnisse des jährlichen Brombeer-Chili-Kochwettbewerbs. Und das Beste war, dass sie jedes Zimmer im Umkreis von fünfzig Meilen füllten. Einschließlich der Zimmer des Blackberry Island Inn.

Michelle konnte das fröhliche Klingeln praktisch hören, mit dem sich das Bankkonto für das Hotel füllte. Wie die meisten Unternehmen auf der Insel erwirtschaftete es den Großteil seiner Einnahmen während dieser vier Monate. Die Tage würden lang sein, die Stunden endlos, die Arbeit ermüdend, doch nachdem sie so lange fort gewesen war, konnte sie es kaum erwarten, sich wieder in all das hineinzustürzen. An den einen Ort zurückzukehren, bei dem sie sich darauf verlassen konnte, dass er sich niemals veränderte.

„Ist sie schon da?“

Damaris stand an der Türschwelle zu Carly Williams’ Büro.

Carly blickte von der Willkommenskarte auf, die sie gerade gestaltete. Ein Teil des besonderen Charmes, den das Blackberry Island Inn seinen Gästen bot, war die persönliche Note. Carly sammelte Informationen über ihre Gäste, bevor diese anreisten, und legte dann einen handgefertigten Willkommensgruß in ihr Zimmer. Die Banners – ein älteres Paar –, die herkommen wollten, um Vögel zu beobachten und Weinproben zu besuchen, hatten erwähnt, wie sehr sie das Meer liebten. Carly hatte dafür gesorgt, dass sie ein Zimmer kriegten, das nach Westen hinausging, und bastelte nun eine Karte mit einem Foto von der Blackberry-Bucht bei Sonnenuntergang.

Reste von bunten Bändern und Spitze lagen auf ihrer Schreibunterlage verteilt. Ein Klebestift stand vor ihr, daneben lag ihre ramponierte Pinzette. Sie rieb gedankenverloren an einem winzigen Glitzerpunkt auf ihrem Handrücken herum.

„Sie ist noch nicht hier“, meinte sie zu Damaris. Dann lächelte sie die Köchin an. „Ich hab doch gesagt, ich gebe dir Bescheid, wenn sie eintrifft.“

Damaris seufzte. Ihre Brille war ihr ein Stück die Nase heruntergerutscht, was ihrem Gesicht einen geistesabwesenden Ausdruck verlieh. Neu angestellte Kellner hatten wegen ihres leicht zerstreuten Erscheinungsbilds schon oft darauf geschlossen, dass sie es nicht bemerkte, wenn jemand zu spät zur Arbeit kam oder den Gästen keinen frischen Kaffee nachschenkte, sobald die den ersten Schluck getrunken hatten. Ein Fehler, den sie stets bereuten.

„Ich dachte eigentlich, sie würde um die Zeit bereits da sein“, gestand Damaris. „Ich habe sie so vermisst, sie war so lange nicht hier.“

„Das stimmt“, murmelte Carly, die lieber nicht darüber nachdenken wollte, wie sehr sich ihr Leben verändern würde, wenn Michelle zurückkehrte. Obwohl sie sich in Erinnerung rief, dass sie diejenige war, die man verletzt hatte, änderte das nichts an ihren Magenkrämpfen.

Jetzt ist alles anders, sagte sie sich. Sie war hier zuständig und hatte die letzten drei Monate das Inn selbstständig geführt. Sie war eine wertvolle Bereicherung für das Blackberry Island Inn. Wenn Michelle das nur auch so sehen würde.

Damaris betrat das Büro und setzte sich auf den Stuhl auf der anderen Seite ihres Schreibtisches.

„Ich weiß noch genau, wie sie mich eingestellt hat“, sagte die über fünfzigjährige Köchin seufzend. „Wie alt war sie damals? Sechzehn? Ich hatte bereits Kinder, die älter waren als sie. Sie saß da, wo du jetzt sitzt, und hatte solch einen Bammel. Ich konnte sehen, wie sie zitterte.“ Ihre runzeligen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „Sie hatte sich ein Anleitungsbuch für Bewerbungsgespräche aus der Bibliothek ausgeliehen. Sie versuchte es unter ein paar Papieren zu verstecken, doch ich habe es gesehen.“

Damaris wurde ernst und kniff leicht die dunklen Augen zusammen. „Eigentlich hätte ihre Mutter sich um diese Dinge kümmern müssen, aber das hat sie nie. Michelle dagegen hat dieses Haus immer geliebt.“

Carly atmete tief durch. Sie und Damaris hatten schon so häufig über Mutter und Tochter gestritten. Carly gab bereitwillig zu, dass Brenda ihre Schwächen hatte, doch sie war auch diejenige gewesen, die sie gerettet hatte, die ihr einen Job und eine Aufgabe gegeben hatte. Carly hatte ihr einiges zu verdanken. Was jedoch Michelle anging …

„Ich hoffe, die Neuerungen werden ihr gefallen“, sagte sie, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Die Anspannung, die ihr die Brust einschnürte, war bereits so groß, dass sie sich immer wieder bewusst entspannen musste, um tief durchatmen zu können. Sie brauchte gerade nicht noch mehr Stress in ihrem Leben. „Du hast ihr doch erzählt, was wir alles gemacht haben, oder?“

„Ich schreibe ihr jeden Monat“, erwiderte Damaris schnaubend. „Nicht, dass ihre eigene Mutter das jemals getan hätte.“

So viel dazu, das Gespräch in eine andere Richtung lenken zu wollen, dachte Carly. Sie gab jedoch nicht auf. „Deine Brombeer-Scones sind so beliebt bei den Gästen. Ich habe überlegt, sie am Sonntagmorgen in Tütchen zum Verkauf anzubieten. Dann könnten unsere Gäste ein paar mit nach Hause nehmen. Was meinst du? Wäre das zu viel Arbeit für dich?“

Damaris entspannte sich sichtlich auf ihrem Stuhl. „Ich könnte schon mehr davon backen. Das wäre kein großer Aufwand.“

„Wir könnten sie in Vierer- und Zehnerpackungen anbieten. Benutz doch die hübsche Plastikfolie, die wir angeschafft haben.“

Damaris hatte genau im Kopf, wie viel die Produktion eines Scones kostete, die Preiskalkulation war also schnell gemacht. Carly hätte gerne auch eine Rezeptkarte beigelegt, doch sie hütete sich, Damaris danach zu fragen. Die Köchin verteidigte ihre Rezepte wie eine Tigermama ihre Jungen – mit Zähnen und Klauen.

„Ich gehe mal nachsehen, ob sie da ist“, sagte Damaris und stand auf.

Carly nickte und folgte ihr widerwillig. Es würde sich einiges im Inn verändern – das war nun nicht länger zu verdrängen, auch wenn sie sich alle Mühe gegeben hatte. Brenda war nicht mehr da und Michelle kam zurück. Das genügte schon, um das Kräfteverhältnis zu ändern, doch es gab weitere Komplikationen. Niemand, der zehn Jahre fort war, ist noch derselbe Mensch. Ihr war daher klar, dass Michelle anders sein würde. Die Frage war nur, wie anders? Nicht alle Menschen machten eine Entwicklung zum Positiven durch.

Sie blieb mitten im Flur stehen. Eine Entwicklung zum Positiven durchmachen? Vielleicht sollte sie mal ein paar Wochen keine Selbsthilfebücher mehr aus der Bibliothek ausleihen, sondern sich stattdessen bei einer netten Liebesgeschichte entspannen.

Sie ging in die Lobby und trat hinter das dunkle, handgeschnitzte Holzpult, das als Rezeption diente. Über seine vertraute, abgenutzte Oberfläche zu streichen entspannte sie. Sie kannte jede Macke, jeden Fleck darauf. Sie wusste, dass die Schublade links unten nicht aufging, wenn es regnete, und dass der Griff der Schublade rechts oben locker war. Sie wusste auch, wo das Putzpersonal zusätzliche Handtücher versteckte und in welchen Zimmern es zu Problemen mit den Rohrleitungen kommen konnte. Sogar mit verbundenen Augen hätte sie jederzeit genau sagen können, in welchem Raum sie sich befand. Sie erkannte ihn an seinem Geruch, daran, wie der Lichtschalter sich anfühlte und wie der Holzboden knarrte, wenn man darüberschritt.

Zehn Jahre lang war dieses Haus ihr Heim und ihr Rückzugsort gewesen. Die Tatsache, dass Michelle ihr das alles im Handumdrehen wegnehmen konnte, war mehr als furchterregend. Dass es außerdem nicht gerecht wäre, schien dabei keine Rolle zu spielen. Carly hatte die Befürchtung, dass sie sich, was ihre moralische Überlegenheit betraf, schon seit Langem auf dünnem Eis bewegte.

„Da!“, rief Damaris und deutete nach draußen.

Carly warf einen flüchtigen Blick durch die frisch geputzten Fensterscheiben und nahm dabei eher das blitzsaubere Glas und den weißen Rahmen wahr als den Pick-up, der sich dem Haus näherte. Dann konzentrierte sie sich auf das grüne Gras und die Farbexplosion der Margeriten.

Diese Blumen waren ihr Hobby, ihre Leidenschaft. Wo andere nicht viel mehr als verschiedene Variationen eines einzelnen Themas sahen, sah sie Robinson-Rosa- und Schwarzrand-Margeriten, Gebirgs-, Haller-, Fett- und Magerwiesen-Margeriten – und natürlich die einzigartige Blackberry-Margerite. Diese Blumen gehörten untrennbar zum Inn. Sie standen in Vasen auf den Restauranttischen und schienen fröhlich über Tapeten zu tanzen, sie brachten Farbe in Wandgemälde und zierten als Prägung das Notizpapier des Inns. Als sie Brenda geholfen hatte, neue Dachziegel auszuwählen, hatte sie die leuchtenden Farben ihres Gartens im Kopf gehabt. Nun bildete das Dunkelgrün der Schindeln, das sich in den Fensterläden und der Eingangstür wiederfand, den perfekten Hintergrund für die Blumen.

Damaris rannte über den Rasen, ihre weiße Schürze flatterte dabei hinter ihr her wie Schmetterlingsflügel. Schließlich breitete sie die Arme aus und umarmte eine Frau, die sehr viel größer und dünner war, als Carly sie in Erinnerung gehabt hatte. Sie sah zu, ohne es zu wollen, und lauschte ihren Worten, ohne etwas hören zu können.

Michelle löste sich aus der Umarmung, lächelte glücklich und umarmte Damaris gleich noch einmal. Sie trug ihr Haar jetzt länger, ein dunkles Gewirr aus welliger Mähne und Quasi-Locken. Ihr Gesicht war kantiger, um ihre Augen lagen dunkle Schatten. Sie sah aus, als wäre sie sehr krank gewesen. Carly war im Bilde darüber, dass sie in der Tat Verletzungen erlitten hatte. Sie wirkte zerbrechlich, doch Carly war sich bewusst, dass sie dem Anschein nicht trauen durfte. Michelle war nicht der Typ, der seiner eigenen Schwäche nachgab. Sie glich eher der furchterregenden und unverwüstlichen Alien-Figur aus den gleichnamigen Filmen.

Sie und Michelle waren praktisch gleich alt, Michelle war lediglich ein paar Monate älter. Früher – bevor alles anders geworden war – hatte sie Michelles Gesicht besser gekannt als ihr eigenes. Zu jeder einzelnen ihrer Narben hätte sie eine Geschichte erzählen können.

In Carlys bisherigem Leben hatte es drei prägende Momente gegeben: der Tag, an dem ihre Mutter sie verlassen hatte; die Nacht, in der sie herausgefunden hatte, dass ihre beste Freundin mit ihrem Verlobten geschlafen hatte; und der Morgen, an dem Brenda sie im Lebensmittelgeschäft aufgelesen hatte – in Tränen aufgelöst, weil sie sich die Milch nicht leisten konnte, die ihre Hebamme ihr jeden Tag zu trinken verordnet hatte.

Für sich betrachtet hatte keiner dieser Momente länger als eine Viertelstunde gedauert. Eine Minute hier, zwei Minuten dort. Jedoch hatte jeder von ihnen ihr Leben verändert, es um hundertachtzig Grad gewendet, es zerschmettert und dabei alles zerbrochen, was ihr lieb und teuer war, und ihr jegliche Luft zum Atmen genommen. Michelle war ein Teil des engmaschi-gen Gewebes gewesen, das ihr Leben darstellte – und hatte es dann vollkommen zerrissen, sodass nur noch Fetzen davon übrig waren.

Carly atmete tief durch und sah der Frau entgegen, die auf das Inn zukam. Wieder einmal hing ihr Lebensglück an einem seidenen Faden. Wieder einmal würde Michelle über ihre Zukunft bestimmen, und es gab rein gar nichts, was sie dagegen tun konnte. Ein beklemmendes Gefühl von Ungerechtigkeit presste ihren Brustkorb zusammen, doch sie entspannte sich bewusst und sagte sich, dass sie schon Schlimmeres überstanden hatte. Sie würde auch das hier überstehen.

Das Telefon klingelte. Carly schritt zurück zur Rezeption, um den Anruf anzunehmen.

„Blackberry Island Inn“, meldete sie sich mit klarer, selbstsicherer Stimme.

„Ich schau gleich mal nach“, fuhr sie fort und tippte auf der Computer-Tastatur herum. „Ja, da hätten wir noch ein Zimmer frei.“

Während sie die Kontaktdaten der zukünftigen Gäste notierte sowie die Ankunftszeit und die Kreditkartennummer bestätigte, war sie sich bewusst, dass Michelle immer näher kam. Die Jägerin war zurück. Was Carly dazu veranlasste, sich zu fragen, ob sie zur Willkommensfeier eingeladen war oder einfach nur deren nächstes Beutetier sein würde.

2. KAPITEL

Etwas theoretisch zu wissen und es mit eigenen Augen zu sehen war nicht das Gleiche. Michelle starrte die Fassade des Inns an und wusste, dass von nun an ein Schlag nach dem anderen sie treffen würde.

„Es ist so schön, dich wieder hierzuhaben“, sagte Damaris und presste sie noch einmal so fest an sich, dass ihr beinahe die Rippen brachen.

Wenigstens etwas, das sich vertraut anfühlte. Ebenso wie der Duft nach Zimt und Vanille, den Damaris verströmte und der von den Backwaren herrührte, die sie jeden Morgen zubereitete. Alles andere dagegen war falsch. Angefangen beim Dach, das in einem abscheulichen Grün leuchtete, bis hin zu den Fensterläden in der gleichen Farbe. Sogar die Form des Gebäudes hatte sich verändert. Die Umrisse des Hauses, in dem sie aufgewachsen war, hatten sich nach außen verschoben und das Hotel so aufgebläht, dass es untersetzt wirkte. Als hätte es sich einen Rettungsring angefressen und müsste dringend die Finger von den Brombeer-Scones lassen und sich einen Zumba-Kurs suchen.

Auf der linken Seite, wo früher das Restaurant gewesen war, ragte ein Anbau heraus, der den seitlichen Rasen zerteilte und somit auch den Abhang, den sie als Kind hinuntergerollt war. An der rechten Seite klebte ein protziges geschwürartiges Gebilde, das in knallbunten Farben gestrichen war und in dessen Fenster der übliche Insel-Schnickschnack hing: Puppen und Leuchttürme, Windspiele und klimpernde, bunt bemalte Glasgebilde.

„Es gibt hier jetzt einen Geschenkeshop?“, fragte sie. Ihre Stimme klang mehr verärgert als fragend.

Damaris rollte mit den Augen. „Ja, das war die Idee deiner Mutter. Vielleicht auch die von Carly. Ich habe nie zugehört, wenn die zwei miteinander geredet haben. Sie sind wie Vögel, machen Lärm und sagen nicht viel.“

Damaris’ kleine, kräftige Finger krallten sich in Michelles Oberarme. „Mach dir keine Gedanken wegen der beiden. Du bist jetzt wieder zu Hause und das ist alles, was zählt.“ Sie kniff besorgt die Lippen zusammen. „Aber du bist viel zu dünn. Sieh dich nur an, nichts als Haut und Knochen.“

„Das kommt davon, wenn man im Krankenhaus herumliegt.“ Es gab wohl keinen effektiveren Appetitzügler als eine schmerzhafte Schusswunde.

Aus den Augenwinkeln nahm sie ein Flügelschlagen wahr. Da waren sie – die allgegenwärtigen Puget-Sound-Kraniche, die über dem grauen Wasser des Sunds ihre Kreise zogen. Die Vögel lockten Touristen und Wissenschaftler gleichermaßen an. Aus irgendeinem Grund fanden die Leute sie hochinteressant. Sie hingegen war nie ein Fan von ihnen gewesen. Als sie acht Jahre alt war, hatten ihr die Kraniche einen ganzen Sommer lang ununterbrochen auf den Kopf geschissen. Sie war sich nicht sicher, ob sie einfach nur Pech gehabt hatte oder ob sich die Vögel gegen sie verschworen hatten. Wie dem auch sei, damals hatte sich ihre einigermaßen neutrale Haltung ihnen gegenüber in regelrechte Abscheu verwandelt. Ihre lange Abwesenheit hatte nichts daran geändert, dass sie sie am liebsten weghaben wollte.

Sie wandte den Blick wieder dem Inn zu und spürte, wie sich ihr Magen vor Enttäuschung zusammenzog. Wie hatte man diesem ehemals schönen Gebäude nur so etwas antun können? Selbst ihre Mutter hätte es besser wissen müssen.

Wahrscheinlich hat sie das auch, sagte Michelle sich. Das war Carlys Werk, da war sie sich sicher.

„Komm rein“, sagte Damaris und ging auf die Veranda zu. „Es wird gleich regnen und ich will dir was zu essen machen.“

Diese zwei zusammenhanglosen Gedanken bewirkten, dass Michelle sich ein bisschen weniger beklommen fühlte. Wenigstens Damaris war noch die Alte – liebevoll und gastfreundlich und stets darauf bedacht, die Menschen um sich herum mit Nahrung zu versorgen. Daran würde sie sich klammern.

Hinkend ging Michelle neben der viel kleineren Frau her. Ihr war klar, dass sie eigentlich ihre Krücke benutzen sollte, doch sie wollte keine Schwäche zeigen. Nicht in einer Situation, die sich so fremd anfühlte. Nicht zu wissen, was einen als Nächstes erwartete, war in ihrer Welt gleichbedeutend mit Gefahr.

Eine der prickelnden Nachwirkungen meiner Stationierungen im Irak und in Afghanistan, dachte sie missmutig, neben Albträumen, allgemeiner Reizbarkeit und dem attraktiven kleinen Tick, der die Haut unter einem ihrer Augen von Zeit zu Zeit zucken ließ.

Sie hatte sich dem idiotischen Irrglauben hingegeben, dass es ihr gut gehen würde, sobald sie das Inn erblickte. Dass es genügen würde, einfach zu Hause zu sein. Eigentlich hatte sie es besser gewusst – dennoch, die Hoffnung war da gewesen. Nun fiel sie in sich zusammen und erstarb schließlich völlig. Zurück blieben der Schmerz in ihrer Hüfte und der verzweifelte Wunsch, wieder zehn Jahre alt zu sein. In die Zeit zurückzukehren, in der es genügt hatte, auf den Schoß ihres Dads zu krabbeln und seine starken Arme um sich zu spüren, sodass alles gut war.

„Michelle?“ Damaris klang besorgt.

„Mir geht’s gut“, log sie und lächelte die ältere Frau an.

„Oder, falls du mir das nicht glaubst, ich arbeite daran, dass es mir wieder gut geht. Kannst du damit leben?“

„Nur, wenn du mir versprichst, gut zu essen.“

„Bis ich platze.“

Damaris’ Haar war ein wenig grau geworden und sie hatte ein paar Falten mehr um die Augen, davon mal abgesehen sah sie immer noch aus wie früher. Das war doch wenigstens etwas. Michelle war nach wie vor auf der Suche nach Teilen ihres Zuhauses, die sie wiedererkannte. Sogar der Garten hat sich verändert, dachte sie und blieb stehen, um die Beete mit den endlosen Reihen von heiteren Margeriten zu betrachten, die sich in der sanften Brise leicht bewegten.

Die bunten Farben bildeten fröhliche Muster, säumten den Rasen und krochen an ihm entlang bis zum Hauptgebäude, wo sie um die Ecke bogen. Sie waren so unterschiedlich, als hätte jemand nur die ausgefallensten und kessesten ausgewählt. Die knallbunten Blüten wirkten wie ein gellender Schrei auf ihre überreizten Sinne, am liebsten hätte sie sich Augen und Ohren zugehalten.

Die Stufen der Veranda lenkten ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Inn zurück. Sie bereitete sich gedanklich auf den brennenden Schmerz vor, der sie im nächsten Moment von innen versengen würde, und auf die darauf folgende Übelkeit und die Schweißausbrüche.

Sie setzte den rechten Fuß auf die erste Stufe, dann hob sie den linken an. Auf den Schmerz vorbereitet zu sein machte ihn nicht weniger stechend. Er schoss durch ihren Körper und ließ sie beinahe um Gnade betteln. Wenn sie schon alles hatten verändern müssen, hätten sie nicht gleich auch noch eine Rampe einbauen können?

Als sie schließlich oben ankam, war ihr Körper von kaltem, klebrigem Schweiß bedeckt und ihr zitterten die Knie. Wenn sie heute Morgen etwas gegessen hätte, hätte sie sich in diesem Moment übergeben – eine elegante Art der Heimkehr. Damaris beobachtete sie verstohlen, ihre Miene finster vor Sorge.

„Ist es wegen deiner Mutter?“, fragte sie leise, als wollte sie die Antwort gar nicht hören. „Ich weiß, ihr zwei habt euch nie gut verstanden, aber dennoch, jetzt ist sie tot. Du darfst dir keine Vorwürfe machen, weil du nicht zur Beerdigung kommen konntest.“

„Das tu ich auch nicht“, presste Michelle durch zusammengebissene Zähne hervor. Angeschossen worden zu sein war wohl eine der besten Entschuldigungen, die man haben konnte.

Nach ein paar Atemzügen ließ der Schmerz so weit nach, dass er erträglich war. Es gelang ihr, sich aufzurichten, ohne nach Luft schnappen zu müssen. Was ihr die Gelegenheit gab, festzustellen, dass die Möbel auf der Veranda neu waren, ebenso wie die Brüstung. Ihre Mutter war sichtlich freizügig mit den Einnahmen des Hotels umgegangen, wie hoch auch immer sie gewesen sein mochten.

„Hallo, Michelle. Willkommen zu Hause.“

Sie wandte ruckartig den Blick zur breiten Doppeltür und erblickte Carly auf der Türschwelle.

Auch an ihr waren Veränderungen zu erkennen. Sie trug ihr Haar jetzt kurz statt lang. Ansonsten dasselbe Blond, dieselben dunkelblauen Augen, nur dass sie jetzt durch ein dezentes Make-up betont waren. Weniger „Grufti“, mehr „Lady beim Lunch“.

Die Kombination aus einem schlichten schwarzen Rock, flachen Schuhen und einem pinkfarbenen T-Shirt mit winzigen Rüschen an den Bündchen bildete ein perfektes, professionell wirkendes Outfit für das Inn. Daneben kam sich Michelle in ihrer tief sitzenden Cargo-Hose grobschlächtig vor – doch die bekam sie am einfachsten übergezogen, wenn es gerade mal keine Jogginghose sein sollte. Ihr langärmeliges Shirt war in den Krieg und wieder zurück gereist und sah dementsprechend aus. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal Wimperntusche oder eine Feuchtigkeitscreme aufgetragen hatte. Oder wann sie sich das letzte Mal die Haare von jemandem hatte schneiden lassen, der eine entsprechende Ausbildung hatte.

Im Vergleich dazu sah Carly richtig hübsch aus. Hübscher als sie sie in Erinnerung gehabt hatte. So weiblich.

In ihrer Jugend war sie, Michelle, stets die Schönheit gewesen, mit ihrem langen dunklen Haar und ihren großen grünen Augen. Carly hingegen war die Süße. Ihr Sidekick im Wer-hat-das-schönste-Lächeln-Wettbewerb. Verärgert darüber, eine weitere Veränderung festzustellen, hätte sie sich am liebsten abgewandt und wäre zurück nach …

Das war genau das Problem. Das Inn war alles, was sie hatte, und weggehen war keine Option.

Carly lächelte noch immer, sie wirkte ruhig und kontrolliert.

„Wir freuen uns so sehr, dass du wieder da bist.“ Ihr Lächeln erstarb. „Mein Beileid wegen Brenda. Sie war eine tolle Frau.“

Michelle zog die Augenbrauen hoch. Es gab viele Worte, ihre verstorbene Mutter zu beschreiben. Toll gehörte nicht dazu.

Besorgniserregender war jedoch Carlys Haltung ihr gegenüber. Sie verhielt sich, als hätte sie das Recht, jemanden an diesem Ort willkommen zu heißen. Als würde sie hierhergehören.

„Wir haben uns lange nicht gesehen“, fügte Carly hinzu. „Seit …“ Sie hielt inne. „Nun ja, eben lange nicht“, wiederholte sie noch einmal.

Carlys Worte, ob sie nun spontan waren oder geplant, erinnerten Michelle an ihre letzten Stunden an diesem Ort. Sie nahm an, dass sie verlegen sein sollte oder Schuldgefühle hätte haben sollen, dass Carly eine Entschuldigung erwartete. Doch trotz der Dinge, die sie getan hatte, stellte Michelle fest, dass sie sich eine Entschuldigung von Carly wünschte. Als wäre Carly diejenige, die sich falsch verhalten hatte.

Sie starrten sich eine endlose Minute lang an. Michelle kämpfte gegen ihre Erinnerungen an. Gute Erinnerungen, dachte sie grollend. Sie und Carly hatten unzählige Stunden miteinander verbracht, sie waren zusammen aufgewachsen.

Scheiß drauf, dachte sie und wischte die Bilder weg. Sie ging entschlossen auf die Eingangstür zu. Wie erwartet trat Carly zur Seite, um sie vorbeizulassen.

Das Innere des Hauses hatte sich genauso verändert wie sein Äußeres. Die Vorhänge in fröhlichen Farben waren ebenso neu wie die Kaminverkleidung. Der Holzboden in der Eingangshalle war geschliffen und lackiert worden, die Wände neu gestrichen, und an einer davon, dort, wo es zum Restaurant ging, prangte ein riesiges Wandgemälde mit Margeriten.

Wenigstens das Rezeptionspult war noch das gleiche – und das war es, woran Michelle sich festhielt, wenn auch nicht physisch, so doch geistig. Während der Raum sich um sie zu drehen schien, wurde ihr klar, wie idiotisch es von ihr gewesen war, zu erwarten, dass sich nichts verändert haben würde. Sie hatte angenommen, alles genau so vorzufinden, wie sie es verlassen hatte – abzüglich ihrer Mutter. Dass, wenn sie das Haus beträte, es so sein würde, als wäre sie nie weg gewesen. Als wäre sie nie in den Krieg gezogen.

„Geht’s dir gut?“

Carly streckte eine Hand nach ihr aus, während sie sprach. Im selben Moment fiel das Licht auf das goldene Bettelarmband an ihrem Handgelenk und ließ es aufleuchten.

Michelle kannte es in- und auswendig. Als Kind war sie fasziniert von den glitzernden Goldanhängern gewesen, die stets in Bewegung waren. Als sie größer wurde, hatte sie sich die Herkunft jedes einzelnen Anhängers erzählen lassen und sich eigene Geschichten um den filigranen Seestern oder den winzigen hochhackigen Schuh ausgedacht. Das Armband hatte ihrer Mutter gehört und es verkörperte eine der wenigen guten Erinnerungen, die sie an diese Frau hatte.

Und nun trug Carly es.

Michelle wollte es gar nicht haben, doch ganz sicher wollte sie auch nicht, dass Carly es hatte.

Ärger brodelte in ihr auf wie Wasser in einem Dampfkochtopf. Am liebsten hätte sie Carlys zarten Arm gepackt und ihr die goldenen Kettenglieder heruntergerissen. Sie hatte das Bedürfnis zu zerstören, wegzunehmen und zu verletzen.

Michelle atmete tief durch, wie man es ihr beigebracht hatte. Sie glaubte nicht wirklich an posttraumatische Belastungsstörungen, doch man hatte ihr gesagt, dass sie darunter litt. Also hatte sie sich angehört, was die Ärzte ihr geraten hatten, dass sie Stress vermeiden, sich viel ausruhen und sich gut ernähren sollte. Sie hatte es sich angehört und die Ratschläge herausgepickt, von denen sie dachte, dass sie für sie funktionieren würden.

Sie machte die Atemübung, weil sie sich nicht für eine Reaktion entscheiden konnte und weil ihr gesamter Körper schmerzte. Dann humpelte sie davon. Jeder ihrer Schritte brannte, ihr Fleisch heulte protestierend auf.

Sie ging den kürzeren Flur auf der rechten Seite hinunter, bog um die Ecke und blieb vor einer unbeschrifteten Tür stehen. Noch etwas, das sich nicht verändert hat, dachte sie, und strich über den Türrahmen, auf dem kleine Schnittkerben anzeigten, welche Fortschritte sie als Kind beim Wachsen gemacht hatte. Die Kerben endeten abrupt. Nicht, weil sie irgendwann nicht mehr gewachsen wäre, sondern weil der Mann, der dem Bedeutung zugemessen hatte – der Vater, der sie geliebt hatte – fortgegangen war.

Sie drehte, einem tiefen Bedürfnis folgend, den Türknauf. Dem Bedürfnis, sich zurückzuziehen und ihre Wunden zu lecken.

Die Tür war verschlossen. Sie versuchte es noch einmal, dann hämmerte sie mit der Faust gegen das Holz – laut und entschlossen.

Plötzlich öffnete sich die Tür und ein Teenager starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.

„Ah, hallo“, sagte das Mädchen, wobei sich dessen sommersprossige Nase leicht kräuselte. „Tut mir leid, die Gästezimmer sind alle oben. Hier ist der Privatbereich.“

„Das weiß ich“, sagte Michelle und sprach damit zum ersten Mal, seit sie das Inn betreten hatte.

„Wer ist da, Brittany?“, rief ein jüngeres Mädchen aus dem hinteren Teil der Wohnung.

„Ich weiß es nicht.“ Das Teenager-Mädchen wandte sich wieder ihr zu und blickte sie erwartungsvoll an, als würde es darauf warten, dass sie ging.

Doch Michelle wollte einfach nur in ihr Zimmer, sich auf ihr Bett fallen lassen und schlafen. Schlaf, sofern sie ihn finden konnte, bedeutete Heilung.

Sie drückte sich an der Jugendlichen vorbei und es war, als träte sie wie Alice hinter den Spiegel.

Nichts war so, wie es sein sollte. Weder die Wände noch die Teppiche auf dem Boden noch die Möbel. Das zerfledderte karierte Sofa war verschwunden, stattdessen stand dort eine in Blautönen gehaltene Couch mit Schonbezug. Und alles war voll mit Margeriten – in Vasen, auf Kissen und Bildern. Sogar von den Vorhängen schienen sie höhnisch auf sie herabzuschauen. Und wo keine Margeriten prangten, waren es Brombeeren.

Sie starrte auf die neuen Stühle, den Küchentisch, den sie nicht wiedererkannte, und auf das Spielzeug. In einer Ecke stand ein Puppenhaus. Auf der breiten Fensterbank saßen Stofftiere, daneben stapelten sich verschiedene Brettspiele.

Ein Mädchen, das ungefähr zehn Jahre alt sein mochte, trat vor sie hin. Es hatte große dunkelblaue Augen und einen verängstigten Ausdruck auf dem Gesicht. In der Hand hielt es einen iPod.

„Wer sind Sie?“, fragte es, und plötzlich weiteten sich seine großen Augen noch mehr. „Ich weiß, wer du bist“, hauchte es und trat einen Schritt zurück. Es duckte sich geradezu weg. „Du musst gehen. Sofort!“

„Gabby!“, rief der Teenager schockiert.

Michelle wich eilig zurück und verließ den Raum rückwärtsgehend, wobei sie den heftigen Schmerz ignorierte, der ihre Hüfte umspannte und sie beinahe straucheln ließ. Alles war falsch. Der Schmerz war zu groß und das Zimmer begann sich um sie zu drehen. Sie bekam keine Luft, wusste nicht mehr, wo sie war. Es war, als hätte sie festen Boden unter den Füßen erwartet und würde stattdessen ins Bodenlose fallen.

Sie ging, so schnell sie konnte, und war sich vollkommen bewusst, was sie sich damit antat. Ihr war klar, dass sie später dafür büßen würde, doch das war ihr egal. Sie nahm den Weg zurück, den sie gekommen war. In der Eingangshalle wartete Carly auf sie. Immer noch perfekt aussehend in ihrer mädchenhaften Kleidung und mit Brendas Armband am Handgelenk. Michelle blieb vor ihr stehen.

„Du bist gefeuert“, sagte sie klar und deutlich, trotz des stechenden Schmerzes in ihrer Hüfte.

Carly wurde blass. „Wie bitte? Das kannst du nicht machen!“

„Doch, ich kann. Das Inn gehört mir, schon vergessen? Du bist entlassen. Pack deine Sachen und geh, ich will dich hier nie wieder sehen.“

Sie trat an Damaris vorbei, taumelte mehr die Stufen hinunter, als dass sie ging, und humpelte zurück zu ihrem Pick-up. Als sie ihr linkes Bein auf den Sitz hochziehen wollte, wurde sie beinahe ohnmächtig, schaffte es jedoch. Dann ließ sie den Motor an und fuhr los.

Zwei scharfe Rechtskurven später lenkte sie an den Straßenrand und hielt an. Heftige Schluchzer ließen ihr die Kehle eng werden. Ihre Hände zitterten und eisige Kälte kroch ihr bis in die Knochen.

Es kamen keine Tränen – da waren nur das trockene Weinen und die Erkenntnis, dass allein die Tatsache, dass sie nach Hause gekommen war, nicht bedeutete, dass sie einen Ort hatte, wo sie hinkonnte.

3. KAPITEL

„Unser Tagesgericht heute ist eine Huhn-Marsala-Variation“, sagte Carly und lächelte das ältere Paar an, das an einem Fenstertisch saß. „Rigatoni mit Champignons und frischen Kräutern in Marsala-Sahne-Soße. Eins meiner Lieblingsgerichte.“

Die Frau, die ihr weißes Haar aufgetürmt auf dem Kopf trug, lächelte zurück. „Ich bin mir nicht sicher, ob meine Taille das verkraftet, aber es klingt köstlich.“

Ihr Mann nickte. „Wir haben unseren eigenen Wein mitgebracht. Das ist doch in Ordnung, oder?“

Carly warf einen Blick auf die Flasche. Ein Brombeer-Aufkleber klebte auf der oberen linken Ecke des Etiketts, was bedeutete, dass der Wein in der Stadt gekauft worden war.

„Natürlich“, sagte sie. „Wir berechnen keine Korkengebühr. Soll ich die Flasche schon mal für Sie öffnen, damit der Wein atmen kann?“

Der Mann grinste. „Ich weiß nicht. Das klingt ziemlich vornehm.“

„Sie haben sich da einen hervorragenden Wein ausgesucht. Soll ich ihn nicht für Sie aufmachen? Während Sie sich überlegen, was Sie essen wollen, gehe ich die Weingläser holen, dann können Sie ihn gleich mal probieren.“

„Vielen Dank.“ Die Frau tätschelte die Hand ihres Mannes. „Wir haben eine wunderschöne Zeit hier. Das ist unser dritter Aufenthalt, wir waren allerdings einige Jahre nicht mehr da. Sie haben ein paar schöne Veränderungen vorgenommen.“

„Danke für das Kompliment. Ich hoffe, wir müssen diesmal nicht so lange auf das Vergnügen verzichten, Sie wieder hier begrüßen zu dürfen.“

Sie entschuldigte sich und ging hinüber zur Bar. Mit den Weingläsern und einem Korkenzieher in der Hand kehrte sie zum Tisch zurück, um den Wein zu servieren und die Bestellung aufzunehmen. Als Nächstes sah sie an den anderen drei Tischen nach dem Rechten, dann ging sie in die Küche und holte Salat. Bisher hatte noch niemand bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Und falls doch, so hatte keiner was gesagt, was fast genauso gut war. Wenn sie sich beschäftigt hielt, konnte sie nicht nachdenken, sich keine Sorgen machen, nicht in Panik ausbrechen.

Sie betrat die helle Küche voller Dampfschwaden und sah, dass die Salatteller bereitstanden. Sie nahm sie und kehrte zurück in den Speisesaal.

Die Handgriffe waren einfach, wofür sie dankbar war. „Verwirrt“ beschrieb noch nicht mal annähernd, wie sie sich fühlte. „Starr vor Angst“ kam ihrem Zustand schon näher.

Gefeuert. Sie konnte doch nicht einfach entlassen werden! Das hier war ihr Zuhause, sie hatte hier beinahe zehn Jahre lang gelebt. Hatte ihr Herz und ihre Seele in dieses Haus gesteckt. Sie liebte es. Das musste doch etwas wert sein, oder? Recht und Gesetz wurden allerdings zu neun Zehnteln durch Besitzverhältnisse bestimmt. Konnte es da helfen, Klischees aufzuzählen? Aber irgendetwas musste helfen. Michelle durfte nicht hier reinspazieren und sie feuern.

Doch, das durfte sie.

Carly kämpfte gegen Tränen an und verkroch sich hinter der Bar. Die Marmorplatte fühlte sich kühl unter ihren Fingern an, der Marmor, den sie selbst ausgewählt hatte, ebenso wie die Schränke und sogar die Tische und Stühle im ausgebauten Restaurant.

Sie hat es mir versprochen, dachte Carly und drehte ihr Gesicht zur Wand, um die Tränen zu verbergen, die in ihren Augen brannten. Brenda hatte versprochen, dass sie ihr einen Anteil am Inn überschreiben würde. Zwei Prozent jedes Jahr, bis sie es zur Hälfte besitzen würde und sie gleichberechtigte Partnerinnen wären. Von Rechts wegen hätte ihr inzwischen ein Fünftel gehören müssen. Nur, dass Brenda nicht berechtigt gewesen war, das Inn zu verschenken.

Vor vielen Jahren, als Michelle behauptet hatte, ihr Daddy habe ihr das Blackberry Island Inn vermacht, hatte Carly angenommen, ihre Freundin erzählte die üblichen Geschichten, die Kinder eben so erzählten: „Irgendwann gehört das alles mal mir.“ Michelle hatte hier gelebt und gearbeitet. Letzten Endes war Michelle diejenige gewesen, die die Wahrheit gesagt hatte, und Brenda die Lügnerin, und nun hatte sie, Carly, keinen anderen Ort, an den sie gehen konnte.

Sie wischte sich die Tränen ab und setzte ein gezwungenes Lächeln auf, bevor sie zu ihren Gästen zurückkehrte.

Es war fast halb acht, als sie endlich zurück in die Eigentümerwohnung im Inn flüchten konnte – die Räume, die sie und ihre Tochter seit Gabbys Geburt bewohnten. Räume, die sie zu den ihren gemacht hatte, Räume voller Erinnerungen.

Gabby sah fern, schaute jedoch auf und lächelte, als Carly eintrat. Brittany, ihr Babysitter, legte eilig ihr iPhone weg. Gabby krabbelte vom Sofa herunter und kam auf sie zugerannt.

„Mom.“

Mehr sagte sie nicht, sie hielt sie nur fest.

Carly erwiderte ihre Umarmung, in dem Wissen, dass sie –

wie wohl so ziemlich jede andere Mutter auf der Welt – alles für ihr Kind tun würde. Dazu zählte auch, es vor der Wahrheit zu schützen – der Tatsache, dass sie vermutlich kurz davorstanden, aus ihrem Zuhause verjagt zu werden.

„Wie war dein Abend?“, fragte sie, strich Gabby sanft das blonde Haar aus dem Gesicht und sah ihr in die blauen Augen.

„Gut. Ich habe Brittany zweimal beim Glücksrad-Spiel geschlagen.“

Der Teenager grinste. „Siehst du, die Buchstabier-Hausaufgaben haben doch einen Sinn.“

Gabby kräuselte die Nase. „Mathe ist mir lieber.“

„Das Abendessen war super“, sagte Brittany und stand auf. „Danke.“

Carly hatte ihnen um halb sechs etwas von der Huhn-Marsala-Pasta vorbeigebracht. Sie musste zwei Abende in der Woche im Restaurant arbeiten, konnte aber während ihrer Schicht wenigstens etwas zu essen nach Hause bringen.

„Freut mich, dass es euch geschmeckt hat.“

„Ja, das hat es“, sagte Gabby.

Brittany war bereits in ihre Jacke geschlüpft.

„Triffst du dich mit Michael?“, fragte Carly und stand auf, um sie zur Tür zu begleiten.

Der Teenager lächelte. „Ja. Wir gehen mit ein paar Freunden bowlen.“

„Ich werde wahrscheinlich irgendwann in den nächsten zwei Wochen vom Sommerlager hören“, sagte Carly und ignorierte das leise Schnauben ihrer Tochter. Gabby war kein Fan des Sommerlagers, hauptsächlich, weil es bedeutete, dass man viel draußen sein und Dinge machen musste wie wandern oder Kajak fahren. Ihre Tochter zog es vor zu lesen oder Computer-Spiele zu spielen.

„Meine Sommerkurse gehen von acht bis zwölf.“ Brittany zog ihren langen Zopf aus ihrer Jacke. „Nachmittags passt für mich also gut.“ Sie zögerte, dann senkte sie die Stimme. „Das war sie also? Michelle, meine ich?“

Carly nickte.

„Sie ist überhaupt nicht so, wie ich es erwartet habe. Ich dachte nicht, dass sie so Furcht einflößend sein würde. Nicht, dass sie irgendwas Schlimmes gemacht hätte, es ist nur … Ich weiß auch nicht …“

Carlys erster Impuls war, Michelle zu verteidigen, was bewies, dass dumme Verhaltensweisen nicht so leicht abzuschütteln waren.

„Sie ist eigentlich gar nicht so übel“, sagte sie, um einen inneren Kompromiss zu finden, was ziemlich großzügig von ihr war, angesichts der Tatsache, dass sie soeben gefeuert worden war.

„Okay, einen schönen Abend euch noch.“

Brittany ging und Carly ließ sich auf dem Sofa nieder. Ihre Tochter kuschelte sich an sie und legte den Kopf auf ihre Schulter.

„Ich mag sie nicht“, wisperte Gabby. „Muss sie hierbleiben?“

Carly hätte gerne gesagt, dass sie Michelle auch nicht mochte, doch sie wusste, dass das ein Fehler gewesen wäre. Ständig das Richtige tun zu müssen kann ganz schön nerven, dachte sie und streichelte über das Haar ihrer Tochter.

„Lass uns erst mal sehen, wie es so läuft, bevor wir ein Urteil fällen“, sagte sie betont heiter und ignorierte das Gefühl von drohendem Unheil.

„Das machst du dauernd, Mom“, sagte Gabby seufzend. „Alles immer von beiden Seiten betrachten, meine ich. Willst du nicht manchmal einfach nur total ausrasten?“

„Öfter, als du denkst.“

Es war eine Tatsache, dass Michelle sie brauchte. Zumindest kurzfristig. Jemand musste schließlich das Inn führen, und da Brenda nicht mehr da war, blieb nur sie. Michelle würde Zeit brauchen, um wieder gesund zu werden und sich in die Arbeit hier einzufinden. Der Rausschmiss war eine Kurzschlussreaktion gewesen. Leere Worte, die jeder Grundlage entbehrten.

Es war, als würde sie im Dunklen pfeifen, um sich Mut zu machen, oder immer noch nicht an Geister glauben, obwohl die Beweislage erdrückend war. Sie zog ihre Tochter näher an sich.

Anderthalb Stunden später küsste Carly ihre Tochter auf die Stirn. „Schlaf schön“, flüsterte sie. „Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch, Mom.“

Gabby klang schläfrig, ihr fielen bereits die Augen zu. Obwohl ihre Tochter schon seit Jahren keine Gutenachtgeschichte mehr hören wollte, mochte sie es, von ihr ins Bett gebracht zu werden. Sie war neun, im Herbst würde sie zehn werden. Wie lange würde es noch dauern, bis sie ihre Mutter eher als Nervfaktor denn als Freundin betrachtete?

Carly konnte sich nicht mehr erinnern, wie alt sie gewesen war, als sie anfing, alles, was ihre Eltern taten, entweder bescheuert oder peinlich zu finden. Mit siebzehn hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als sie loszuwerden. Seltsam, dass erst ihre Mutter davonlaufen musste, ehe ihr bewusst wurde, wie sehr sie sie in Wirklichkeit brauchte. Doch da war es zu spät gewesen, um ihr das zu sagen und all die Dinge von ihr zu lernen, die ihr dabei geholfen hätten, eine erwachsene Frau zu werden.

Bevor sie aufstand, gab sie Gabby noch einen Kuss und schwor sich innerlich, ihr Kind niemals im Stich zu lassen, was auch passieren mochte. Ein Nachtlicht leuchtete ihr den vertrauten Weg aus dem Kinderzimmer. Obwohl Gabby immer öfter nach mehr Eigenständigkeit verlangte, war ihre Tochter weiterhin froh über das sanfte Licht, das über ihren Schlaf wachte.

Auf der Türschwelle wandte Carly sich um und betrachtete das schlafende Mädchen, dann ging sie in ihr Zimmer. Die Vorhänge hatte sie selbst genäht und die Regale eigenhändig aufgearbeitet. Farbe war billig und so jagte sie gerne im Trödelladen von Blackberry Island nach Schnäppchen. Auch den bunten Quilt, der noch in der Plastikverpackung des Ladens steckte, hatte sie auf die Art gefunden. Ganz unten in ihrem Schrank bewahrte sie ein großes Einweckglas auf, in das sie all ihr Kleingeld legte. Das war ihr „Sparstrumpf“ für den Geburtstag ihrer Tochter und für Weihnachten. Trotz des chronischen Geldmangels waren sie immer über die Runden gekommen.

Das würde sich jedoch schlagartig ändern, wenn man sie feuerte. Dann würde sie nicht nur ihre Arbeit verlieren, sondern auch ihr einziges Zuhause.

Einen Moment lang stand sie reglos im Halbdunkeln und dachte daran, wie es gewesen war, als dieses Zimmer Michelle gehört hatte. Damals verbrachten sie an den Wochenenden viele Nächte gemeinsam, meistens im Inn, denn dort war es besser. Sicherer. Als sie in Gabbys Alter waren, bastelten sie Ketten aus Margeriten für sich selbst und für die Gäste. Sie liefen zum Strand hinunter und warfen Steine ins Meer. Michelle watete in das kalte Wasser, doch sie blieb am Ufer. Sie hatte immer schon Angst vor Wasser gehabt. Es gab keinerlei Erklärung dafür, kein frühkindliches Trauma, die Phobie war einfach da. Und leider hatte sie sie an ihre Tochter vererbt.

In den guten Momenten sagte sie sich, dass sie dies mit ihrer Liebe, ihrer Fürsorge und einem beständigen Zuhause mehr als ausgeglichen hatte. Gabbys Welt war geordnet und vorhersehbar, und sie waren glücklich zusammen. Und was auch immer sie tun musste, sie hatte dafür zu sorgen, dass das so blieb.

Das Motel-Zimmer hätte an jeder beliebigen Straße Amerikas liegen können. Das Bett war schmal und hart, die Laken rau, der Teppich voller Flecken. Die dunklen Vorhänge schlossen nicht ganz, Autoscheinwerfer streiften das Fenster und warfen Muster auf die gegenüberliegende Wand. Aus dem Badezimmer war das stetige Tropfen eines Wasserhahns zu hören.

Michelle vermutete, dass sie ein schöneres Zimmer hätte finden können, doch das war ihr nicht wichtig gewesen. Dieses würde für die heutige Nacht genügen. Es hatte zudem den Vorzug, nahe am Highway zu liegen und ein bevorzugter Übernachtungsort für Trucker zu sein. Es war unwahrscheinlich, dass sie hier jemanden traf, den sie kannte. Anonymität war gerade genau das, wonach sie suchte.

Sie ließ das Wasser in der Dusche laufen, bis das kleine Bad von Dampf erfüllt war. Nachdem sie ihre Kleider abgestreift hatte, trat sie in den feuchten Nebel und ließ das heiße Wasser an sich hinabrinnen. Sie nahm das winzige Stück Seife, rieb ihr Haar damit ein und spülte es dann aus.

Trotz der Hitze zitterte sie. Nach einer Weile drehte sie die Wasserhähne zu und trocknete sich mit dem dünnen, schmalen Motel-Handtuch ab. Sie konnte sich nicht im Spiegel sehen, doch das war ihr nur recht so. Sie würde ohnehin kein Make-up auftragen. Das einzige Zugeständnis, das sie ihrer Haut während der Stationierung gemacht hatte, hatte aus der Verwendung von Sonnencreme bestanden. Nun, da sie zurück im kühlen Nordwesten der USA war, musste sie sich nicht mal mehr damit herumschlagen.

Als sie sich anzog, vermied sie es, die Wunden auf ihrer Hüfte anzusehen. Sie war sich sicher, dass der Chirurg sein Bestes getan hatte, als er ihre Schusswunde flickte und die Narben auf ein Minimum reduziert hatte, doch es war nicht viel Haut übrig gewesen, mit der er hätte arbeiten können.

Ihr war klar, dass sie Glück im Unglück gehabt hatte. An ihr war noch alles dran. Eine neue Teilhüfte war nichts im Vergleich zu dem, was andere hatten durchmachen müssen. Sie hatte überlebt und somit das höchste Ziel eines jeden Soldaten erreicht: Nicht sterben. Der Rest würde sich schon von selbst regeln.

Sie verließ das kleine Bad. Auf dem winzigen Schreibtisch in der Ecke des Zimmers lag ein Stapel Take-away-Speisekarten. Es wäre vermutlich keine so schlechte Idee, etwas zu essen. Sie musste noch immer Antibiotika und Schmerzmittel einnehmen und mit etwas im Magen würde sie die Tabletten leichter herunterbekommen. Sie könnte sie aber auch einfach weglassen und das Problem anders lösen.

Die Papiertüte stand auf dem Nachttisch. Sie ging hinüber und zog die Wodka-Flasche daraus hervor.

„Hallo, du“, murmelte sie und schraubte sie auf. „Ich suche nichts Festes. Wie wär’s, willst du die Nacht mit mir verbringen?“

Der Psychologe im Krankenhaus hatte sie davor gewarnt, dass Humor als Abwehrmechanismus ihre vollständige Genesung womöglich behinderte. Sie hatte ihm geantwortet, dass dies ein Makel sei, mit dem sie leben könne.

Die Nacht war ruhig. Das stetige Rauschen der vorbeifahrenden Autos war praktisch ein Schlummerlied im Vergleich zu dem, was sie noch vor ein paar Monaten beim Einschlafen gehört hatte. Es drohten keine Explosionen, kein Getöse schwerer Panzerfahrzeuge, es flogen keine Kampfflieger über sie hinweg. Die Nacht war kühl und nicht heiß, der Himmel bewölkt statt klar.

Sie würde ein paar Entscheidungen treffen müssen. Sie konnte das Inn nicht meiden, sie gehörte dorthin, oder zumindest hatte sie das einmal. Und dann war da das Problem mit Carly. Ihr mitzuteilen, dass sie gefeuert war, hatte sich so gut angefühlt. Vielleicht sollte sie sie dabehalten, um sie immer wieder feuern zu können. Als kleines Geschenk an sich selbst.

„Das ist richtig böse, sogar für deine Verhältnisse“, sagte sie laut, während sie den Wodka anstarrte.

Die Erschöpfung ließ ihre Glieder schwer werden und weckte das Bedürfnis, sich hinzulegen und die Augen zuzumachen. Sie widerstand ihm, obwohl sie den Schlaf dringend benötigte, um wieder gesund zu werden, denn er hatte seinen Preis. Mit ihm kamen die Träume und die waren eine Vorstufe zur Hölle.

„Mit dir ist das ganz anders“, sagte sie und hob die Flasche an die Lippen. „Mit dir habe ich einfach nur Spaß.“

Sie nahm einen tiefen Schluck, ließ die brennende Flüssigkeit durch ihre Kehle rinnen und sie ihren leeren Magen füllen. Dann trank sie weiter, bis sie sicher war, dass sie traumlos schlafen würde und eine Nacht lang alles vergessen konnte.

4. KAPITEL

Ein Klopfen an der Hintertür in der Küche veranlasste Gabby dazu, von ihrem Stuhl zu rutschen und dem Geräusch entgegenzulaufen.

„Ich geh schon!“, rief sie.

Es hat einfach keinen Sinn, ihr zu sagen, dass sie leiser sein soll, dachte Carly. Gabby war ein Morgenmensch. An den meisten Tagen machte ihr das nichts aus, doch nach einer durchwälzten Nacht wie heute bohrte sich die grelle Stimme ihrer Tochter wie ein dicker Glassplitter in ihr Gehirn.

Gabby fummelte am Schloss herum, dann riss sie die Tür auf.

„Onkel Robert!“

Sie stürzte mit offenen Armen auf den Mann zu, der im Türrahmen stand, alles an ihr strahlte freudige Erwartung aus. Robert fing sie auf und warf sie hoch in die Luft.

„Wie geht’s meinem tollsten Mädchen?“, fragte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Gut. Wir essen gerade Pancakes mit Brombeeren.“

Robert lachte leise. „Na, das ist ja mal ganz was Neues.“

Sie lachten beide, dann setzte er sie wieder auf dem Boden ab. Gabby ging zu ihrem Stuhl zurück und Robert schloss die Tür hinter sich.

„Wie war’s?“, fragte er, als er in die Küche trat.

Carly wusste sofort, wovon er sprach, jedoch nicht, was sie antworten sollte. Also zuckte sie nur unbestimmt die Achseln und machte sich daran, ihm einen Kaffee einzuschenken. Robert setzte sich auf seinen gewohnten Platz – er war ein regelmäßiger Gast an ihrem Frühstückstisch, er kam mehrmals pro Woche vorbei.

„Danke“, sagte er und nahm die Kaffeetasse entgegen. Dann wandte er sich Gabby zu. „Bist du fertig für die Schule?“

Sie nickte eifrig, wobei ihr blonder Pferdeschwanz auf und ab wippte. Gabby liebte die Schule, den Unterricht ebenso wie ihre Freunde. Wenigstens dort war sie fröhlich und gesellig.

„Und was lernst du diese Woche?“, fragte er weiter. „Integralrechnung? Du bist doch schon auf dem College, stimmt’s?“

Gabby kicherte. „Onkel Robert, ich bin erst neun!“

„Wirklich? Du siehst viel älter aus. Ich dachte, du wärst mindestens zwanzig.“

Die Unterhaltung lief in vertrauten Bahnen ab. Gabby liebte ihren Onkel, es bestand eine tiefe Verbindung zwischen den beiden. Familie war etwas Gutes, sagte Carly sich. Allerdings hatte sie erst Gabby bekommen müssen, um zu dieser Überzeugung zu gelangen. Ihre Tochter war ein Geschenk, von dem sie nicht sicher war, ob sie es verdiente. Ihre übrigen familiären Beziehungen waren bestenfalls zweifelhaft.

Robert war immer überaus lieb und mehr als großzügig mit seiner Zeit und seiner Aufmerksamkeit gewesen. Vieles tat er aus Schuldgefühl, das wusste sie. Robert war ein guter Mann, jemand, der seine Pflichten ernst nahm und das Gleiche auch von anderen erwartete. Sein Bruder Allen hatte Roberts Pflichtgefühl jedoch nicht geteilt und sie sitzen gelassen, noch bevor Gabby geboren wurde.

Verlassen zu werden war schon Schock genug gewesen, noch schlimmer war allerdings, dass er ihr gesamtes Bankkonto leer geräumt und ihr jeden Penny genommen hatte, den sie besaß.

Damals war Robert eingesprungen und hatte ihr angeboten, bei ihm zu wohnen. Sie hatte jedoch abgelehnt und stattdessen die Stelle im Inn angenommen. Robert hatte seinen Bruder aufgespürt, doch Allen hatte das ganze Geld bereits auf den Kopf gehauen und weigerte sich, ihr etwas zurückzugeben. Es folgte die Scheidung. Allen zahlte keinen Unterhalt und verzichtete dafür auf sämtliche Rechte an seiner Tochter. Obwohl sie das Geld dringend hätte gebrauchen können, glaubte sie, einen guten Tausch gemacht zu haben. Es war besser, dass er weg war. Er gehörte zu den Männern, die Unglück säten und sich dann aus dem Staub machten, ohne auch nur einen Gedanken an den Scherbenhaufen zu verschwenden, den sie hinterließen.

Gabby beendete ihr Frühstück und trug ihre Schüssel zur Spüle.

„Ich geh mir die Zähne putzen“, verkündete sie und rannte aus dem Raum.

Robert folgte ihr mit dem Blick. „Ich kann nicht fassen, wie groß sie geworden ist.“

„Sie wird bald zehn.“ Carly goss sich einen Kaffee ein und setzte sich an den Tisch.

„Hast du sie gestern gesehen?“, fragte er.

Sie brauchte nicht nachzufragen, wer „sie“ war. Sie hatte Robert ihre Bedenken bezüglich Michelles Rückkehr anvertraut. Zudem war er Zeuge ihrer Auseinandersetzungen vor zehn Jahren gewesen.

„Ja“, gab sie zu. „Kurz. Sie ist … anders. Dünner. Und sie humpelt, was aber wohl kein Wunder ist.“

„Sie hat einen Schuss in die Hüfte abbekommen, stimmt’s? Hab ich jedenfalls gehört.“

Carly nickte.

„Habt ihr miteinander geredet?“, fragte er.

„Nicht wirklich. Sie war müde.“

Das hatte sie zumindest vermutet. Sie würde nicht zugeben, was Michelle zu ihr gesagt hatte. Sie würde nicht einmal daran denken, ehe sie dazu gezwungen war. Erst dann würde sie sich etwas überlegen.

Die Panik kehrte zurück, doch sie ignorierte sie. Sie würde später noch ausreichend Zeit haben durchzudrehen. Wenn sie allein wäre. Ihrer Angst jetzt nachzugeben, ihre Sorgen vor Robert auszubreiten, würde eine Situation herbeiführen, die sie nicht wollte.

Er sah Allen ähnlich genug, um einerseits anziehend auf sie zu wirken und andererseits ihren Fluchtinstinkt zu wecken. Beide Männer waren mittelgroß, hatten dunkles Haar, dunkle Augen und breite Schultern. Allen, der fast sechs Jahre jünger war als Robert, hatte jedoch die Attitüde und das freigiebige Lächeln eines Mannes, der sich auf seinen Charme verließ. Dass er sie sitzen gelassen hatte, war so unvermeidlich gewesen wie die Wellen, die an die Felsenküste der Insel schwappten.

Robert sah beinahe ebenso gut aus, hatte aber nicht die zerstörerische Veranlagung. Er besaß eine Autowerkstatt am anderen Ende der Stadt. Er war ein guter Mann, der sich um sie und Gabby kümmern wollte, und sie hatte es zugelassen. Weil es so einfach war. Und weil er keine echte Beziehung verlangte und sie keine wollte.

Doch allmählich fragte sie sich, ob diese Einfachheit einen höheren Preis hatte, als ihr klar gewesen war. Ob sie einander nicht nur benutzten, um nicht bei einem anderen Menschen nach dem suchen zu müssen, was sie wirklich wollten. Sollte Michelle sie tatsächlich entlassen, wäre das allerdings kein Thema für sie. Sie hatte so ein Gefühl, dass es sie in der Dating-Szene weniger attraktiv machen würde, wenn sie obdachlos wäre.

„Geht’s dir gut?“, fragte er.

„Ich wusste ja, dass sie kommen würde, aber sie leibhaftig vor mir zu sehen war dann doch ein Schock.“

„Tut mir leid. Das alles, meine ich.“

„Hör auf, das immer wieder zu sagen. Es war ja nicht deine Schuld.“

„Er ist mein Bruder.“

„Und ich bin diejenige, die ihn geheiratet hat. Ich wusste, wie er ist, und bin trotzdem seine Frau geworden.“

Sie hatte Allen geheiratet, obwohl sie ihn zwei Tage vor der Hochzeit mit ihrer besten Freundin erwischt hatte. Es spielte keine Rolle, dass er alle Schuld Michelle zugewiesen und behauptet hatte, sie habe ihn verführt.

Carly konnte sich noch genau an diesen Moment erinnern. An dem Tag hatte sie in einem Antiquitätengeschäft in Aberdeen endlich einen Aufsatz für die Hochzeitstorte gefunden. Das Brautpaar aus zartem Porzellan sah ein wenig altmodisch aus. Doch etwas an der Art, wie es sich anschaute, wie es sich an den winzigen Händen hielt, hatte sie angesprochen. Sie hatte den Tortenaufsatz gekauft, ihn in ihr kleines Haus gebracht und ihn sorgsam gesäubert. Dann hatte sie ihn mit zu Michelle genommen, um ihn ihr zu zeigen.

Sie konnte sich an so viele Details dieses Nachmittags erinnern. Es war alles voller Kraniche gewesen. Im Frühjahr waren sie immer am lautesten, was vermutlich mit ihrem Nestbau und ihren Vogelhormonen zu tun hatte. Und sie wusste noch, dass es ein sonniger Tag war – eine seltene Begebenheit am Pazifik im Nordwesten.

Beim Betreten des Inns hatte sie sich seltsam gefühlt. Sie und Michelle hatten sich erst vor Kurzem wieder vertragen, nachdem ihre Freundschaft, die so viele Jahre lang stabil gewesen war, gefährlich auf der Kippe gestanden hatte. Als sie in die Eigentümerwohnung kam, hatten sich ihre Augen nur langsam an das Halbdunkel dort gewöhnt und sie hatte sich stolpernd ihren Weg durch das Wohnzimmer und in Michelles Schlafzimmer gesucht. Sie war einfach reingegangen, ohne nachzudenken, ohne zu klopfen.

Sie hatten immer noch im Bett gelegen, beide nackt, Arme und Beine ineinander verschlungen.

Zunächst hatte sie nicht glauben können, was sie dort sah. Sie hatte dagestanden, mit dem Tortenaufsatz in der Hand und in dem Gefühl, dass irgendetwas gerade schrecklich falschlief, sie jedoch unfähig war festzustellen, was. Es war wie in einem dieser Träume, in denen die Stühle von der Decke hingen.

Schließlich hatte sich das Bild scharf gestellt und sie hatte begriffen, was passiert war. Nämlich, dass der Mensch, der vertrauenswürdiger als irgendjemand sonst auf der Welt hätte sein sollen, sie betrogen hatte. Ausgerechnet mit Michelle – der Frau, die schon einmal beinahe alles zerstört hatte, was sie besaß.

Allen war aufgesprungen und zu ihr gelaufen. Sein Penis war noch immer hart und feucht vom Sex gewesen, sein Haar zerzaust.

„Carly, bitte. Es war ein Unfall.“

Sie war sich sicher, dass er noch mehr gesagt, sie angefleht und gebettelt hatte. Und er hatte Michelle die Schuld gegeben, die mit leeren Augen und ausdruckslosem Gesicht in ihrem Bett saß.

Sie hatte gewartet – nicht darauf, dass Allen sie überzeugte, sondern darauf, dass Michelle etwas sagte. Was sie schließlich auch getan hatte.

„Du solltest jetzt gehen.“

Das war alles. Vier Wörter. Keine Erklärung, keine Entschuldigung. Nur: „Du solltest jetzt gehen.“

Sie war weggerannt.

Zwei Tage später war sie vor den Traualtar getreten und hatte Allen geheiratet. Weil das einfacher gewesen war, als der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Und weil sie Angst davor gehabt hatte, allein zu sein. Es war wohl Ironie des Schicksals, dass sie genau das am Ende gewesen war.

„Du wirst das schon hinkriegen“, sagte Robert. „Du und Michelle, ihr wart mal Freundinnen. Sobald ihr miteinander ins Gespräch kommt, könnt ihr auch wieder befreundet sein.“

Sie nickte. Weil das einfacher war, als die Wahrheit zu sagen. Nämlich, dass – obwohl sie die Geschädigte war – Michelle nach Hause gekommen zu sein schien, um sich an ihr zu rächen. Michelle betrat die Küche des Inns und nahm einen tiefen Atemzug. Der Duft von Zimt vermischte sich mit dem von Speck und Kaffee. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, zum ersten Mal seit Monaten fühlte sie sich hungrig.

Der Raum hatte sich verändert – er war größer, hatte längere Arbeitsflächen und mehr Fenster, doch sein Herz war dasselbe geblieben. Damaris führte noch immer von ihrem achtflammigen Herd aus das Regiment, und Kellner und Küchenhilfen eilten eilfertig herbei, sobald sie ihre Namen bellte.

Michelle sah zu, wie die Köchin Eier mit ihren geheimen Zutaten würzte und wie sie Pancakes wendete. Klein geschnittenes Gemüse und Käsewürfel wurden in Omeletts gestreut und zu jedem Gericht wurden Brombeeren als Beilage gereicht. Brotscheiben sprangen aus dem Toaster, der Entsafter surrte und das allgegenwärtige Klirren von Geschirr wurde begleitet von „Bestellung fertig“-Rufen.

Ihr Kopf schmerzte beinahe so stark wie ihre Hüfte, das Ergebnis von zu viel Wodka und zu wenig Essen. Doch während sie Damaris zusah, trat der Schmerz in den Hintergrund. Hier, mitten im Chaos, war sie endlich zu Hause angekommen.

„Letzte Bestellung“, rief Damaris und stellte einen weiteren angerichteten Teller auf die Theke, sodass es schepperte.

Michelle warf einen Blick auf die Uhr. Es war beinahe neun. Zu dieser Zeit des Jahres ebbte die Welle der Frühstücksgäste früh ab, da viele von ihnen zur Arbeit mussten. Unter der Woche waren die Besucher des Inns meist recht zielstrebig, sie hatten Pläne oder Reiserouten, die eingehalten werden mussten.

„Morgen“, sagte sie, als Damaris die Gasflammen abdrehte.

Die Köchin wirbelte herum und presste sich erschrocken eine Hand aufs Herz.

„Seit wann stehst du schon da?“

„Ein paar Minuten.“

Damaris kam auf sie zu und wischte sich die Hände an ihrer weißen Schürze ab. „Es ist so schön, dich zu sehen“, sagte sie, zog sie an sich und umarmte sie. „Du hast doch sicher Hunger.“ Damaris ließ sie los. „Ich mach dir dein Lieblingsfrühstück.“

„Das musst du nicht.“

Die Köchin zog die dunklen Augenbrauen über den Rand ihrer Brillengläser hinweg hoch. „Glaubst du, das weiß ich nicht? Setz dich hin.“

Michelle humpelte zu den Hockern, die an der Arbeitsfläche standen, und setzte sich. Damaris goss ihr Kaffee ein und reichte ihr die Tasse, dann betrachtete sie die Zutaten, die noch auf der Küchentheke herumstanden.

„Du hast nicht hier übernachtet“, sagte sie, während sie Zimtbrot in Scheiben schnitt. „Ich habe mich erkundigt.“

„Ich wollte nicht.“ Das war fast die Wahrheit. „Es ist seltsam, wieder hier zu sein.“

„Das liegt nur daran, dass du zu lange weg warst. Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Zehn Jahre! Und in all der Zeit konntest du nicht einmal zurückkommen und mich besuchen?“

Michelle antwortete nicht. Dass sie nie zu Besuch gekommen war, hatte nichts mit Damaris zu tun, sondern sehr viel mit Carly und Brenda.

„Was sagst du zu den Veränderungen hier?“ Damaris hielt den Blick auf die Eier gerichtet, die sie verrührte.

„Dass es mehr sind, als du gesagt hast. Das Haus hat sich vollkommen verändert.“

„Ich wollte dich nicht aufregen. Die Umgestaltung war Carlys Idee, aber dann hat deine Mutter mitgemacht. Der Bauunternehmer kam aus Seattle. Brenda wollte auf keinen Fall jemanden aus der Gegend beauftragen. Ich glaube, sie war mit ihm im Bett.“

„Meine Mutter?“

„Er hat sie total ausgenutzt, wenn du mich fragst. Du siehst ja, wie das neue Dach und die neue Küche geworden sind. Sie tat mir beinahe leid. Als er fertig war, fuhr er weg und kam nie wieder. Immer nur Pech mit den Männern.“

Damaris sah sie über den Brillenrand hinweg an.

„Wie gesagt, fast hätte sie mir leidgetan.“

Michelle konnte noch nicht einmal annähernd so viel Mitleid aufbringen. „Sie hätte es besser wissen müssen, das Inn musste nicht umgebaut werden. Außerdem gehörte es ihr nicht – sie hatte gar nicht das Recht dazu.“

„Meinst du, das hätte sie aufhalten können?“

„Nein.“

Das Pochen in ihrem Kopf kehrte zurück. Der Schmerz in ihrer Hüfte hatte ohnehin zu keinem Zeitpunkt nachgelassen. Sie hätte eine der Schmerztabletten nehmen können, die die Ärzte ihr gegeben hatten, doch sie mochte nicht, wie sie sich fühlte, wenn sie sie nahm, vollkommen neben der Spur.

Das nannte man wohl Ironie. Damit, ihr Leben im Wodka zu ertränken, hatte sie kein Problem, vor der Einnahme von Schmerzmitteln schreckte sie jedoch zurück.

Dieser Widerspruch war aber noch gar nichts verglichen mit dem übrigen Chaos in ihrem Kopf. Sie fühlte sich, als wäre sie nur einen Schritt davon entfernt, zu einer Fallstudie in irgendeinem medizinischen Fachjournal zu werden. Vielleicht nahm sie sich auch nur zu wichtig.

Damaris stellte einen Teller vor sie hin. French Toast mit Zimt und Würstchen. Als Beilage Brombeeren.

„Ist das dein Ernst?“, fragte Michelle und schnippte gegen eine Brombeere, sodass sie beinahe vom Teller fiel. „Sogar mir tust die Dinger drauf?“

Damaris grinste. „Macht der Gewohnheit.“

Sämtliche Gerichte auf Blackberry Island wurden mit Brombeeren serviert. Als sie klein war, hatte ihr Dad gescherzt, sie solle dankbar sein, dass sie nicht auf der Brokkoli-Insel oder an der Spinatbucht wohnten. Sie wusste noch, dass sie damals nicht mehr aufhören konnte zu lachen. Michelle atmete tief durch und versuchte sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal irgendetwas auch nur annähernd so witzig gefunden hatte.

Sie schnitt sich ein kleines Stück vom French Toast ab. Die Ränder waren knusprig, durch die Eierschicht war der braune Zimt zu sehen. Sobald sie den Bissen in den Mund schob, vermischten sich die verschiedenen Geschmacksnoten des Toasts mit der Süße des Ahornsirups auf ihrer Zunge. Das Brot selbst, das leicht, aber nahrhaft war, schmeckte „vollmundig“, wie man im Fachjargon sagte.

Die meisten Menschen glaubten, dass das Geruchsgedächtnis das stärkste war, doch für Michelle war es das Geschmacksgedächtnis. Dieses Frühstück erinnerte sie an eine Zeit, die sich anfühlte, als wäre sie tausend Jahre her. Sie wusste noch genau, wo sie gesessen hatte und worüber die Unterhaltung währenddessen gegangen war. Damaris hatte das gleiche Frühstück an ihrem ersten Arbeitstag im Inn zubereitet. „Gott, du bist so gut.“

Damaris lachte. „Zumindest daran hat sich nichts geändert.“ Sie goss sich einen Kaffee ein, zog einen Hocker heran und sah zu, wie Michelle ihr Essen verschlang.

Michelle hatte den French Toast bereits aufgegessen und machte sich nun an das Würstchen. Es schmeckte genauso, wie sie es in Erinnerung hatte, hergestellt von Bio-Bauern im Norden der Insel. Sie beendete ihr Mahl mit den Brombeeren.

„Sind die aus Chile?“, fragte sie. Es war noch viel zu früh im Jahr, als dass sie aus der Gegend hätten stammen können.

Damaris riss in gespieltem Entsetzen die Augen auf. „Pst, das ist Blasphemie. Alles, was wir hier servieren, ist aus lokalem Anbau.“

„Du bist solch eine Lügnerin. Erzählen wir das den Leuten inzwischen?“

„Nein, sie nehmen es einfach an.“

„Es sind zehn Grad draußen und wir haben gerade mal die erste Maiwoche. Niemand kann glauben, dass die hier geerntet wurden.“

Damaris schnaubte. „Auf der anderen Seite der Insel gibt es ein Treibhaus.“

„Das ist ungefähr so groß wie ein Toaster. Darin könnte man maximal zwei Brombeer-Büsche anpflanzen.“

„Trotzdem.“ Damaris griff nach ihrer Kaffeetasse. „Und was jetzt?“

Michelle hatte das Gefühl, dass die Köchin nicht danach fragte, ob sie ihren leeren Teller zur Spüle tragen wollte oder nicht. Die Frage, ebenso wie die Antwort darauf, war komplizierter.

„Ich kehre in mein altes geregeltes Leben zurück. Ich werde das Inn leiten. Genau wie früher.“

„Das kannst du nicht alleine.“

Michelle warf ihr einen Blick zu und fragte sich, ob sie mitbekommen hatte, was gestern Abend zwischen ihr und Carly vorgefallen war.

„Es ist jetzt viel größer“, fuhr die Köchin fort. „Dreißig Zimmer! Und der Sommer ist im Anmarsch, du weißt, was das bedeutet.“

Massen an Touristen und ein Haus voller Gäste.

Ich habe Carly gefeuert.

Michelle dachte die Worte, schmeckte sie innerlich und genoss die Befriedigung, die sie hervorriefen.

Die Realität würde anders aussehen. Sie umklammerte ihre Kaffeetasse. Die Realität bestand aus harten und langen Arbeitstagen. Angesichts des Zustands ihrer Hüfte und der vielen Physiotherapie-Stunden, die sie benötigte – mal ganz zu schweigen von dem Albtraum, den das Erklimmen der vielen Treppen im Haus für sie bedeuten würde –, hatte Damaris recht. Sie konnte das nicht alleine bewältigen.

Und so kurz vor der Sommersaison würde es schwierig werden, eine Vertretung für jemanden zu finden, der das Inn so gut kannte wie Carly. Auch wenn sie aus tiefstem Herzen gesprochen hatte, wusste sie daher, dass es dumm wäre, sie gehen zu lassen.

„Du meinst, ich muss sie hierbehalten.“

Sie brauchte keinen Namen zu nennen.

Damaris zuckte mit den Schultern. „Vorerst zumindest. Und sie wird auch nicht gehen wollen. Sie hat ihre Tochter hier, Gabby. Zugegebenermaßen ein süßes Mädchen, trotz der Mutter.“

Damaris hatte schon immer auf ihrer Seite gestanden. Spontan schob Michelle einen Arm über die makellose Theke und drückte ihrer Freundin die Hand.

„Ich hab dich vermisst.“

„Ich dich auch.“

In diesem Moment schwang die Tür zum Speisesaal auf und eine dunkelhaarige Frau trat ein, die ein wenig jünger war als Michelle. Sie trug eine pinkfarbene Bluse, die sie in ihre schwarze Hose gesteckt hatte. Ihr Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz hochgebunden.

„Isabella, komm rein. Das ist Michelle. Michelle, das ist meine Schwiegertochter. Isabella ist mit Eric verheiratet.“

Michelle lächelte. „Ich kann nicht glauben, dass er endlich geheiratet hat.“

„Vor vier Jahren“, sagte Isabella.

In Michelles Erinnerung war Eric einer dieser Typen, die keinen Sinn darin sahen, eine feste Freundin zu haben. Warum sich auf eine einzige Frau beschränken? Damals hatte er sie ein paar Mal angebaggert, ihr einmal sogar seinen nackten Penis präsentiert. Es war das erste männliche Geschlechtsteil gewesen, das sie zu Gesicht bekam, und ihre spontane Reaktion, „Wie bitte? Und darum machen alle so ein Gewese?“, hatte nicht nur sämtliche Luft aus ihm entweichen lassen, sondern auch dafür gesorgt, dass er sie nie wieder belästigte.

„Glückwunsch“, sagte sie nun zu Isabella und hoffte für sie, dass Eric ein besserer Ehemann war, als sein vergangenes Verhalten nahelegte.

„Danke.“

„Die beiden haben ein Baby, ein kleines Mädchen.“

„Wie schön.“

Verlegenes Schweigen breitete sich in der Küche aus.

„Okay, es war schön, dich kennenzulernen.“ Isabella wandte sich ihrer Schwiegermutter zu. „Der letzte Gast ist gegangen, ich mache jetzt den Speisesaal dicht. Um Viertel nach elf bin ich wieder da.“

„Gut, bis dann.“

„Bis dann“, sagte Isabella und ging.

„Sie arbeitet zur Frühstücks- und Mittagsschicht als Empfangsdame hier“, erklärte Damaris. „Die Arbeitszeiten sind ideal für sie. So kann sie ein wenig Geld verdienen und die übrige Zeit zu Hause bei dem Baby sein.“

„Schön.“

Michelle war bewusst, dass sie wohl mehr Fragen stellen und wieder richtig hätte mitmischen sollen. Schließlich war sie nun zurück. Doch der Umgang mit Menschen, eigentlich der leichteste Teil ihres Jobs, schien ihr plötzlich unmöglich geworden. Sie wollte sich nur noch in eine Ecke verziehen, in der sie sich sicher fühlen konnte. An einen vertrauten Ort.

Sie stand auf und griff nach dem Geschirr.

„Lass das stehen“, sagte Damaris. „Das mach ich gleich.“

Michelle ging um den Tisch herum und umarmte die Frau, die sich immer schon um sie gekümmert hatte.

„Danke“, flüsterte sie und küsste Damaris auf den Kopf. „Willkommen zu Hause, Michelle. Ich bin froh, dass du wieder da bist.“

„Ich auch.“ Irgendwie zumindest.

Sie humpelte zur Tür, die in den Speisesaal führte. Von dort aus würde sie weitergehen zum Inn und sich überlegen, was sie als Nächstes tun sollte.

„Michelle?“

Sie blieb stehen und wandte sich um.

Damaris lächelte. „Ich bin stolz auf dich.“

Michelle spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte. „Danke.“

5. KAPITEL

Das Büro ihrer Mutter, das jetzt ihr Büro war, gehörte zu den wenigen Bereichen, die sich nicht verändert hatten. Michelle ließ sich auf dem alten Holzstuhl nieder und grinste, als sie das vertraute Protestquietschen hörte. Der Stuhl war älter als sie, er stammte aus einem Büromöbel-Ausverkauf von vor etlichen Jahren. Ebenso wie der Schreibtisch war er altmodisch und voller Schrammen, aber er tat seinen Dienst.

Der Computer war durch einen neuen ersetzt worden. Vermutlich nicht zum ersten Mal in den vergangenen zehn Jahren, dachte sie, als sie ihn einschaltete. Auch wenn er nicht so modern war wie der, den sie zuletzt in Afghanistan benutzt hatte.

Die Wand hinter ihr war von oben bis unten mit maßgefertigten Bücherregalen bedeckt, in denen jahrzehntealte Geschäftsbücher Staub fingen. Der Geruch nach alterndem Leder und muffigem Papier spendete ihr Trost. Hier – mit einem Aquarell an der Wand, das das Inn zeigte, wie es früher einmal ausgesehen hatte, und dem durchgewetzten Webteppich – fühlte sie sich endlich zu Hause.

In den Fünfzigerjahren hatten ihre frisch verheirateten Großeltern unerwartet einen Batzen Geld geerbt und spontan das Inn erworben. Michelles Vater war hier geboren und aufgewachsen, genau wie sie. Drei Generationen von Sandersons hatten ihre Spuren in den Räumen und auf den Böden des alten Gebäudes hinterlassen. Michelle hatte sich nie vorstellen können, woanders zu leben.

Doch vor zehn Jahren hatten die Umstände – okay, vielmehr ihre Schuldgefühle – sie dazu getrieben, zur Army zu gehen. Innerhalb von elf Monaten war sie nach Übersee geschickt worden und schließlich im Irak gelandet. Ihre Arbeit bei der Truppenversorgungsstelle hatte sie beschäftigt gehalten. Und als sie zudem merkte, dass sie damit etwas in der Welt bewirken konnte, beschloss sie, sich für zwei weitere Auslandsstationierungen zu bewerben.

Während ihrer Urlaube war sie nach Europa gereist, hatte die Chinesische Mauer besichtigt und war einmal fast drei Wochen lang durch Australien gewandert. Wenn es nach ihr ginge, so wäre sie bereit für ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Alles schon gesehen“. So es ihr vergönnt war, würde sie die Insel nie mehr verlassen.

Sie wandte die Aufmerksamkeit dem Bildschirm zu und klickte auf das Icon des Inns. Ein Fenster ploppte auf und verlangte nach der Eingabe eines Passworts. Der Computer mochte neu sein, doch die Software war offensichtlich vom vorherigen überspielt worden. Sie gab ihr altes Passwort ein und weitere Fenster öffneten sich vor ihren Augen. Mit Leichtigkeit navigierte sie durch die Reservierungen und dann durch ein Buchhaltungsprogramm.

Als sie die Daten durchging, runzelte sie die Stirn. Sämtliche Einträge endeten abrupt vor drei Monaten. Was war bloß …?

Der Tod ihrer Mutter, wurde ihr plötzlich klar. Brenda hatte sich um die Buchhaltung des Inns gekümmert. Sie war diejenige gewesen, die den Computer benutzt hatte, nicht jedoch Carly. Und was bedeutete das? Dass keine der Rechnungen bezahlt worden war? Sie wusste, dass Carly viele Schwächen hatte, doch mangelndes Verantwortungsgefühl gehörte nicht dazu.

Michelle wandte ihre Aufmerksamkeit den Papieren zu, die sich auf dem Schreibtisch stapelten. Eigentlich suchte sie nach einem Stapel mit Rechnungen, fand stattdessen aber einen Schreibblock mit einer ordentlichen, handgeschriebenen Liste.

17. April. Blackberry Island Wasserwerke: $ 237,18.

Die Einträge gingen drei Monate zurück und beinhalteten zwei unterschiedlich hohe Kreditratenzahlungen pro Monat. Michelle betrachtete die Liste und erkannte Carlys Handschrift. Sie hatte also die Rechnungen bezahlt, dies jedoch per Hand eingetragen. Sie wusste nicht, ob Carly den Computer nicht benutzt hatte, weil sie nicht wusste, wie er funktionierte, oder weil sie dachte, dass es ihr nicht erlaubt war.

Michelle durchwühlte die Schubladen und fand schließlich das Scheckheft des Inns. Sofort sprang ihr die Schrift ihrer Mutter ins Auge, ein wild wucherndes Gekrakel, das im krassen Gegensatz zu Carlys kleineren und ordentlicheren Einträgen stand. Michelle starrte auf die Zahlen, wobei sie mehr deren geschwungene Formen als die Beträge wahrnahm. Sie atmete tief durch und wappnete sich für das Unvermeidliche.

Einatmen, ausatmen – und da waren sie auch schon.

Sie trafen sie mit der Behutsamkeit eines Autos, das einen Felsen rammt: Schuldgefühle. Die Schläge kamen aus sämtlichen Richtungen, sodass sie sich auf ihrem Stuhl zusammenkrümmte. Das tröstliche Frühstück lag ihr auf einmal tonnenschwer im Magen.

Selbstvorwürfe mischten sich mit Scham in einem Gefühlswirrwarr, das schwer zu fassen war. Sie und ihre Mutter hatten sich nie verstanden, und Brenda hatte sie für Dinge verantwortlich gemacht, für die ein Teenager unmöglich verantwortlich sein konnte. Daher wusste Michelle tief in sich drin, dass sie froh gewesen war, nicht da zu sein, als Brenda starb. Zugleich war ihr klar, dass es nicht richtig war, froh darüber zu sein.

Nicht, dass Brenda allein gewesen wäre. Carly war bei ihr, oder, wie ihre Mutter sie in ihren seltenen E-Mails genannt hatte, „die wahre Tochter meines Herzens“. Doch Carly gehörte nicht zur Familie.

Das Wissen, dass die Ambivalenz ihrer Gefühle im Allgemeinen hinter ihren Schuldgefühlen steckte, machte es nicht einfacher, sie zu ertragen.

„Konzentrier dich“, befahl sie sich. Ihr Kater hatte so weit nachgelassen, dass der Kopfschmerz nur noch dumpf im Hintergrund pochte. Welche finanziellen Turbulenzen das Inn in den letzten zehn Jahren wohl durchgemacht haben mochte? Sie würde sich durch die Zahlen arbeiten und einen Plan erstellen. Bei der Army hatte sie sich hervorragende logistische Fertigkeiten aneignen können.

Sie wollte gerade nach der Maus greifen, als das Telefon klingelte. Der schrille Ton, der die Stille durchbrach, ließ sie zusammenzucken. Ihr Herz raste, kalter Schweiß brach ihr aus. Angst gesellte sich zum Schmerz in ihrer Hüfte und weckte das Bedürfnis, sich unter dem Schreibtisch zu verstecken. Stattdessen nahm sie den Hörer ab.

„Sanderson“, meldete sie sich aus langjähriger Gewohnheit wie im Armeelager und entspannte ihre Kiefer.

„Da ist ein Anruf für dich auf Leitung eins. Ellen Snow von der Blackberry Island Bank.“

Carlys Stimme klang ruhig. Hatte sie sich nur eingebildet, dass sie sie gestern Abend rausgeschmissen hatte, und das Hochgefühl danach ebenfalls?

„Du bist immer noch hier?“

„Sieht so aus. Möchtest du den Anruf annehmen?“

Statt einer Antwort drückte Michelle die blinkende Taste, womit sie Carly aus der Leitung warf und den anderen Anruf entgegennahm.

„Michelle Sanderson am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Michelle, wie schön, dich zu hören. Hier ist Ellen Snow von der Blackberry Island Bank. Ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst.“

Michelle lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. „Wir sind zusammen zur Schule gegangen.“

Ellen lachte. „Stimmt. Ich war ein Jahr unter dir und Miles, mein Bruder, ein Jahr drüber.“

Die Bilder in ihrem Kopf waren vage. Blond, dachte sie. Nordischer Typ. Miles war beliebt gewesen, Ellen weniger.

„Ich erinnere mich“, sagte Michelle und entschied sich damit für Höflichkeit statt für Ehrlichkeit.

„Ich wollte nur sagen, wie toll ich finde, was du getan hast. Unserem Land auf diese Art zu dienen, meine ich. Das mag seltsam klingen, aber ich danke dir dafür.“

Michelle öffnete den Mund, dann schloss sie ihn wieder.

Was sollte sie darauf erwidern? Ihre Gründe, zur Army zu gehen, waren alles andere als selbstlos gewesen. Und nun, da sie zurück war, wollte sie nur in die Normalität zurückschlüpfen und so tun, als wäre sie nie dort gewesen. Das war wohl kaum eines Dankes würdig.

„Ähm, gern geschehen.“

„Jetzt, wo du zu Hause bist, wirst du wahrscheinlich das Inn wieder übernehmen, oder?“

„Ja.“

„Gut. Wie du vermutlich weißt, hat die Bank zwei Hypotheken auf den Besitz.“ Ellens Tonfall wechselte von freundlich zu geschäftsmäßig. „Wir sollten so bald wie möglich darüber sprechen. Passt es dir um halb elf?“

Eine zweite Hypothek? Wann war das denn passiert? Wenigstens erklärte das die zweite monatliche Ratenzahlung, aber was steckte dahinter?

Sie schloss die Augen, sah das neue Dach und das ausgebaute Restaurant vor sich und fluchte innerlich. Ihre Mutter. Sie hatte ihr lauter Geschenke hinterlassen, die bis über ihren Tod hinausreichten.

„Du meinst halb elf heute Morgen?“

„Ja genau, da habe ich noch einen Termin frei.“

Es war ja nicht so, als hätte sie irgendetwas Besseres zu tun. „Ich werde da sein.“

„Schön, ich freue mich darauf.“

Die Blackberry Island Bank lag im Stadtzentrum. Das einst florierende Geschäftsviertel war von Boutiquen und Restaurants erobert worden, die mehr für die Touristen da waren als für die Einwohner. Die meisten Unternehmen, die den Einheimischen dienten, waren in die Randbezirke verdrängt worden. Doch die Bank befand sich noch immer dort, wo sie schon seit beinahe hundert Jahren stand.

Michelle parkte direkt davor und trat durch die Glastür ein – eins der wenigen Zugeständnisse an moderne Zeiten. Das Gebäude war aus Ziegelstein gemauert und hatte Holzfußböden, im Eingangsbereich prangte ein Wandgemälde aus den Vierzigerjahren.

Es gab keinen Wachmann, und wenn sie die Hightech-Kameras ignorierte, die an den Wänden angebracht waren, konnte sie beinahe vorgeben, wieder das Kind zu sein, das mit seinem Dad in die Bank ging.

Vor einem einsamen Schalter wartete eine ältere Frau. Darüber hinaus schienen keine anderen Kunden da zu sein. Michelle besah sich die Bürotüren, die die Wände säumten, und ging dann auf die zu, an der mithilfe einer Schablone Ellens Name aufgemalt worden war.

Sie klopfte an die halb offen stehende Tür.

Ellen sah auf, dann lächelte sie und stand auf. „Michelle, vielen Dank, dass du gekommen bist. Wie geht es dir?“

„Danke, gut.“ Sie gab sich Mühe, nicht zu humpeln, während sie in das kleine Büro trat. Ihr T-Shirt und die Cargo-Hose waren ihr im Inn ganz in Ordnung vorgekommen, doch hier, neben Ellen, fühlte sie sich vollkommen underdressed und verlottert.

Ellen war noch genauso schlank wie auf der Highschool. Ihr langes blondes Haar fiel ihr über die Schultern, ihre haselnussbraunen Augen waren von dezentem Make-up umrahmt. Eine – vermutlich echte – Perlenkette schmückte ihr hellgrü-nes Twinset. Flache Schuhe und ein schwarzer, knielanger Bleistiftrock komplettierten Ellens „Vertrauen Sie mir, ich bin Bankerin“-Look.

Während Michelle sich auf dem Stuhl niederließ, den Ellen ihr anbot, versuchte sie sich daran zu erinnern, ob sie sich heute Morgen die Haare gekämmt hatte. Sie hatte geduscht, sauber war sie also, doch ihr einziges weiteres Zugeständnis an Körperpflege hatte darin bestanden, dass sie sich die Zähne geputzt hatte.

„Es hat mir so leidgetan, vom Tod deiner Mutter zu hören“, sagte Ellen mit sanfter Stimme und wartete, bis Michelle saß, ehe sie ihren eigenen Platz hinter dem Schreibtisch wieder einnahm und sich zu ihr vorbeugte. „Das muss hart für dich gewesen sein. Ich habe gehört, du hast ungefähr zur selben Zeit eine Schussverletzung abbekommen. Das ist doch nicht gerecht, oder?“

„Nein, das ist es nicht.“

Ellen seufzte. „Der Tod deiner Mutter, eine schwere Verletzung … und dann noch das hier.“ Sie deutete auf eine schmale Unterlagenmappe, die auf ihrem Schreibtisch lag.

Michelle starrte auf die geschlossene Mappe. „Was meinst du damit?“

Ellen presste die Lippen zusammen, als würde sie nach den richtigen Worten suchen. „Hattest du schon Gelegenheit, dir die Finanzen des Inns anzuschauen?“

Michelle bereute es, dass sie die Wodka-Flasche in ihrem Motel-Zimmer gelassen hatte. Gerade käme ihr ein Drink sehr gelegen. „Nein. Ich war gerade erst seit ein paar Minuten dort, als du angerufen hast.“

„Dann lass mich dich auf den neuesten Stand bringen.“ Sie öffnete die Mappe. „Ich bin sehr ungern diejenige, die dich darüber unterrichtet. Und ich wünschte, es hätte noch Zeit.“ Sie hielt inne.

Michelle überkam das vertraute Gefühl, dass sich ein Unheil anbahnte. „Sag es einfach, egal, was es ist.“

„Das Inn steckt in Schwierigkeiten. Wenn es nach mir ginge, würden wir dieses Gespräch jetzt gar nicht führen. Ich weiß, du bist gerade erst wieder nach Hause gekommen und brauchst Zeit, um dich einzugewöhnen, aber wir haben ein Kreditgremium und dessen neue Bestimmungen sind sehr strikt. Früher hatte ich größere Entscheidungsfreiheit. Es tut mir so leid.“

Vielleicht lag es am Schlafmangel, doch Michelle hätte schwören können, dass Ellens Ausführungen in keinster Weise Licht ins Dunkel brachten.

„Wovon sprichst du?“

„Von den Schulden, mit denen das Inn belastet ist. Es gibt zwei Hypotheken, bei beiden sind die Ratenzahlungen im Rückstand. Ich fürchte, wir reden hier von drohender Zwangsvollstreckung.“

Michelle sprang auf und ignorierte die schmerzenden Stiche in ihrer Hüfte. „Wie bitte? Das kann nicht sein. Wie kannst du so etwas sagen?“

„Das kann ich, da es leider der Wahrheit entspricht. Die letzten drei Zahlungen sind pünktlich erfolgt, doch bei denen handelte es sich nur um die aktuellen Raten. Davor waren die Zahlungen für beide Hypotheken monatelang im Rückstand. Dazu kommen nun auch noch Säumniszinsen und eine Geldstrafe.“

Michelle sank auf ihrem Stuhl zusammen. Der Schmerz in ihrer Hüfte strahlte nach allen Seiten hin aus wie eine explodierende Sonne. Er brannte sich durch ihren Körper und machte es ihr schwer, sich zu konzentrieren.

„Das Inn gehört zu hundert Prozent uns. Mag sein, dass meine Mutter einen Kredit für die Renovierungsarbeiten aufgenommen hat, aber wie hoch kann der schon sein?“

Ellen reichte ihr ein einzelnes Blatt mit zwei Aufstellungen. Die Kredite beliefen sich auf insgesamt beinahe eine halbe Million Dollar, die rückständigen Zahlungen lagen bei fast dreißigtausend.

Michelle ließ das Blatt auf den Schreibtisch fallen und sog scharf Luft ein. Das durfte einfach nicht sein. Noch nicht einmal ihre Mutter konnte sich so verantwortungslos verhalten haben.

„Ich denke, das meiste Geld ist in die Renovierungsarbeiten geflossen“, sagte Ellen behutsam. „Man soll ja nicht schlecht über die Verstorbenen reden, aber Brenda ist mit Geld leichtfertiger umgegangen, als sie sollte. Die Ratenzahlungen für den ersten Kredit kamen oft zu spät. Als sie dann wegen eines zweiten Kredits zu mir kam, war ich nicht sicher, ob ich ihn durch das Gremium kriegen würde. Ich musste meine Kollegen regelrecht überreden, ihr das Geld zu bewilligen.“ Sie seufzte. „Daher ist dieses Desaster zum Teil auch meine Schuld. Deiner Reaktion nach vermute ich, dass du von alldem nichts gewusst hast.“

„Nein, sie hat nie etwas davon gesagt. Es war vertraglich festgelegt, dass sie das Inn treuhänderisch verwaltet, bis ich fünfundzwanzig war. Aber in der Zwischenzeit war ich längst weg, und so hat sie das Inn einfach weitergeführt.“ Und in den Ruin getrieben, dachte sie bitter und fragte sich, wie viel von dem Geld ihre Mutter für sich selbst ausgegeben haben mochte, Klamotten, Schmuck, neue Autos.

Sie konnte das alles nicht fassen. Als sie das Ergebnis der Renovierungen gesehen hatte, hatte sie schon vermutet, dass noch ein paar Rechnungen anfallen würden, doch so etwas hätte sie sich in ihren schlimmsten Träumen nicht ausgemalt.

„Und was passiert jetzt?“, fragte sie.

„Das hängt von dir ab. Das Inn war lange im Besitz eurer Familie. Dich davon zu verabschieden wird wohl nicht leicht für dich sein.“

„Ich verkaufe nicht.“

„Du hast keine andere Wahl“, sagte Ellen mitfühlend. „Die Rückstände sind ein großes Problem. Ich weiß, dass Brenda die Versicherungen bezahlt hat, aber es könnte auch Versäumnisse bei den Steuerzahlungen geben. Selbst die vielen Sommertouristen, die im Anmarsch sind, werden nicht einbringen, was ihr schuldet. Wenn du sämtliches Geld in die Rückstände steckst, wie willst du dann den Winter überstehen? Das Inn ist eine Eins-a-Immobilie, ich bin mehrfach von Interessenten angesprochen worden. Du könntest mit einer Menge Geld aus der Sache rausgehen, Michelle. Fang einfach irgendwo anders noch mal ganz von vorne an.“

„Nein.“ Das Wort kam ganz instinktiv über ihre Lippen. „Nein, ich werde nicht verkaufen. Es muss einen anderen Weg geben. Ich habe Geld.“

„Eine halbe Million Dollar?“

„Natürlich nicht, aber muss ich nicht einfach nur die Rückstände ausgleichen und dann die weiteren Ratenzahlungen pünktlich leisten? Ich habe Ersparnisse. Von meinem Gehalt habe ich nicht viel ausgegeben und es gab ganz gute Zulagen für die Auslandseinsätze.“

Ihr erster Impuls war, alles anzubieten, was sie hatte, doch sie hielt sich zurück. Es konnten schließlich noch weitere dringende Zahlungen anfallen. Die Einkommens- oder Grundsteuer, die Ellen erwähnt hatte, oder Lieferanten, die sich nicht vertrösten lassen würden.

Am liebsten wäre sie aufgesprungen, sie zwang sich jedoch, sitzen zu bleiben. Sie wusste, sobald sie stand, würde sie aus dem Raum stürzen und so weit laufen, bis sie all das weit hinter sich gelassen hatte. Und was dann? Irgendwann würde sie wieder zurückkommen müssen. Da war es besser, die Sache gleich hinter sich zu bringen.

„Ich kann mindestens die Hälfte der rückständigen Raten bis morgen zahlen. Vielleicht sogar mehr. Ich muss mir erst mal ein genaues Bild machen.“ Sie rutschte an den Rand des Stuhls und sah Ellen eindringlich an. „Komm schon, du hast es selbst gesagt. Ich bin ausgezogen, um unser Land zu beschützen. Das muss doch für etwas gut sein.“ So ein Schwachsinn, dachte sie bei sich. Aber möglicherweise nützlicher Schwachsinn.

Ellen seufzte. „Ich würde liebend gerne Ja sagen. Ich stehe auf deiner Seite, Michelle, das musst du mir glauben. Diese neuen Bestimmungen sind so frustrierend, und ich weiß, was du leisten kannst, doch es geht nicht nur ums Geld.“

„Worum denn dann?“

„Um die Leitung des Inns.“

„Die werde ich übernehmen.“

„Genau darum macht sich das Gremium Sorgen.“

„Wie bitte? Ich weiß schon, was ich tue. Ich hab jahrelang im Inn gearbeitet. Während meiner Schulzeit habe ich mich um alles selbst gekümmert, das weißt du. Ich bin nie mit meinen Freunden ausgegangen oder habe Sport gemacht oder so etwas. Und nach der Highschool habe ich Vollzeit im Inn gearbeitet.“ Vor lauter Ungerechtigkeitsgefühl hätte sie am liebsten den nächstbesten Gegenstand an die Wand gepfeffert. „Verdammt noch mal, ich hab außerdem einen Abschluss in Hotel-Management gemacht, während ich weg war. Ich weiß, wie das Inn zu führen ist.“

Ellen nickte. „Ich stimme dir vollkommen zu. Ich weiß noch genau, wie du nach der Schule immer arbeiten gegangen bist.“ Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Meine Mutter hat dich Miles und mir gegenüber ständig als gutes Beispiel angeführt. Weil du so verantwortungsvoll warst und wir nicht. Das war ein bisschen anstrengend.“

„Na also, warum zählt das dann jetzt gar nicht?“

„Das tut es ja, bei mir jedenfalls. Aber eben nicht vor dem Gremium. Brenda wurde zu vierteljährlichen Treffen einberufen, und bei denen hat sie dauernd von Carly erzählt. Dass Carly sich um alles kümmern würde, dass das Inn ohne Carly gar nicht existieren würde. Leider hat man ihr das geglaubt. Und seit deine Mutter gestorben ist, zahlt Carly zuverlässig die Rechnungen.“

Es kamen immer weitere Schläge. „Du meinst, sie würden Carly mehr vertrauen als mir? Sie kann noch nicht mal mit dem Computer umgehen, und sie …“ Michelle schluckte den Rest des Satzes hinunter. Über Carly herzuziehen würde sie jetzt nicht weiterbringen.

„Ich weiß, dass ihr beide eine schwierige Vergangenheit habt.“

Schwierig war nicht mal annähernd das richtige Wort. „Also, dieses Gremium, wer auch immer da drinsitzt, vertraut mir nicht, aber wenn Carly die Leitung übernimmt, dann habe ich eine Chance, das Inn zu behalten?“

Ellen nickte. „Leider ja. Ich hatte schon so ein Gefühl, dass du nicht verkaufen wollen würdest. Die Leute vom Gremium haben mir nicht geglaubt, aber das sind auch keine von uns. Ich hingegen betrachte dich als Freundin, und das Letzte, was ich will, ist, dass ein weiteres einheimisches Unternehmen dichtmachen muss. Ich hab genug davon, dass Fremde von außerhalb hier alles bestimmen wollen. Deshalb habe ich vergangene Woche ein Plädoyer für dich gehalten, und daraufhin haben sie sich auf folgende Bedingungen eingelassen.“

Ellen reichte ihr ein weiteres Blatt Papier.

Die Liste war kurz. Die säumigen Kreditratenzahlungen sollten innerhalb von sechzig Tagen nachgeholt werden. Sämtliche Rechnungen von Lieferanten mussten bis zum Ende des Monats beglichen sein. Und das Inn musste den Sommer über eine fünfundachtzigprozentige Belegung aufrechterhalten, alle behördlichen Inspektionen bestehen und die aktuellen Kreditratenzahlungen pünktlich leisten. Der letzte Punkt auf der Liste ließ ihre Hüfte am meisten schmerzen.

Zudem sollte Carly Williams sich bereit erklären, mindestens zwei weitere Jahre lang für das Inn zu arbeiten.

„Tut mir leid“, sagte Ellen, „das ist das Beste, was ich rausholen konnte. Ich weiß, wie du zu Carly stehst, und ich muss zugeben, ich bin auch nicht gerade ihr größter Fan. Sie hat deine Abwesenheit schamlos ausgenutzt und deine Mom instrumentalisiert. Und jetzt trägt sie sogar ihren Schmuck, das ist wirklich schlimm.“

Die zehn Jahre in der Army hatten sie gelehrt, Befehle zu befolgen, ob sie sie für sinnvoll hielt oder nicht. Und auch in diesem Fall würde sie diskutieren und rumschreien können, wie sie wollte – solange sie nicht in irgendeiner Schublade in ihrem Schreibtisch einen Lottoschein fand, der eine halbe Million Dollar wert war, blieb ihr trotzdem nichts übrig, als sich den Bedingungen zu fügen.

„Ich will das Inn nicht verlieren“, sagte sie. „Mein Dad mag ein totaler Mistkerl gewesen sein, doch er hat es mir vermacht und ich werde es behalten. Und dafür werde ich tun, was ich tun muss.“

„Du kannst ein paar Tage darüber nachdenken“, sagte Ellen. „Da wäre ja auch immer noch der Kaufinteressent.“

„Ich muss nicht darüber nachdenken, ich mach’s. Ich mache alles.“

„Sogar mit Carly arbeiten?“

„Klar.“

„Das wird aber schwierig werden.“

„Du hast ja keine Ahnung, wie schwierig.“

6. KAPITEL

Der Geschenkeshop des Blackberry Island Inn war einer von Carlys Lieblingsorten. Das Geschäft im Anbau bestand seit fast zwei Jahren und hatte sich langsam, aber sicher einen treuen Kundenstamm aufgebaut. Durch seine großen Fenster strömte reichlich Licht herein, sogar an düsteren Tagen, und die maßgefertigten Regale boten viel Ausstellungsraum.

Verkauft wurden vor allem die üblichen kitschigen Insel-Souvenirs, Magneten, Tassen und Schlüsselanhänger mit Brombeer- oder Margeriten-Motiven. Es gab auch eine Ecke mit Werken einheimischer Künstler und eine Vitrine mit wertvollem Porzellan. Brenda hatte zudem auf einer Puppensammlung bestanden, die sie nicht so sehr mochte. Die geschichtlichen Bücher über die Insel und die Bilder hatten sie gemeinsam ausgewählt.

Die Vormittage im Shop verliefen meistens etwas zäh, doch mit den vielen Leuten, die im Restaurant zu Mittag aßen, kamen auch die Kunden. Carly nutzte die ruhigeren Momente, um Staub zu wischen, das Inventar durchzugehen und Rechnungen zu begleichen.

Sobald sie Gabby in die Schule geschickt hatte, setzte sie sich zunächst an die Rezeption, betreute die abreisenden Gäste und stellte sicher, dass das Putzpersonal loslegte. Am späten Vormittag kehrte sie zur Rezeption zurück, um ankommende Gäste zu empfangen, sich um die Korrespondenz zu kümmern und mit den Lieferanten zu reden. Die paar Stunden dazwischen, die sie im Shop verbrachte, waren so ziemlich die einzige Zeit, die sie mal für sich hatte.

Heute wanderte sie durch den Laden, blieb hier und da stehen und strich sanft über ihre Lieblingsstücke, als würde sie ihnen erzählen wollen, dass sie vermutlich bald nicht mehr da sein würde. Als ob die handgeschnitzte Figur eines Orcas, der eine Fontäne ausstoßend aus dem Wasser schoss, sie vermissen könnte.

Die Ladentür ging auf und ließ das daran befestigte Glöckchen klingeln. Als sie sich umdrehte, sah sie Leonard Daniels auf sich zukommen.

„Hallo, Carly.“

„Morgen, Leonard.“

Leonard war der Vogelkundler, der bei ihnen wohnte. Er hatte sich auf die Puget-Sound-Kraniche spezialisiert und war im Rahmen eines Stipendiums hier, das ihm auch sein Zimmer im Inn finanzierte. Meistens wohnten zwei oder drei Wissenschaftler gleichzeitig im Inn.

So groß und dünn, wie er war, und mit seiner dicken Brille und seiner – trotz der vielen Zeit, die er draußen verbrachte – blassen Haut, war Leonard der Inbegriff des nerdigen Wissenschaftlers. Er trug bevorzugt karierte Hemden und Kaki-Hosen und hatte stets ein Fernglas um den Hals und einen kleinen Laptop unter dem Arm.

Mit energischeren Schritten als sonst kam er auf sie zu.

„Es gibt Eier.“

Carly wusste genug über seine Arbeit, um zu begreifen, dass er keine Frühstückseier meinte. „Schon?“

Er nickte. „In einem Nest habe ich zwei gefunden und in einem anderen eins. In einer Woche werde ich genügend Daten beisammenhaben, um vorauszusagen, wie viele Küken schlüpfen werden.“ Seine dunklen Augen strahlten vor Aufregung. „Ich hoffe, es sind in diesem Jahr wieder ein paar mehr. Dann können wir die Kraniche vielleicht endlich von der Liste der gefährdeten Arten streichen.“

Er hielt inne, als erwartete er, dass sie seine Freude teilte.

„Das ist ja großartig, Leonard.“

„Ja, das sollten wir feiern.“

„Dafür ist es aber noch zu früh am Tag.“

Er schob seine Brille hoch und sah auf die Uhr. „Oh, stimmt. Okay. Dann gehe ich wohl mal zurück an die Arbeit.“

Er verließ den Laden.

Sie sah ihm nach und hoffte, dass er nicht versuchen würde, etwas an ihrer Beziehung zu ändern. Er war ein zahlender Gast und sie war immer freundlich zu ihm, doch das Letzte, was sie in ihrem Leben wollte, war ein Mann. Männer bedeuteten Ärger. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie das begriffen hatte, aber diese Lektion würde sie nie wieder vergessen.

Seit Allen sie verlassen hatte, hatte es keinen Mann mehr in ihrem Leben gegeben. Also seit über zehn Jahren. Sicher, ein bisschen heißer Sex wäre schon mal nett, davon abgesehen konnte sie allerdings nichts gebrauchen, das ihre Situation noch weiter verkomplizierte.

Sie wollte sich gerade wieder ihrer gedanklichen Inventur zuwenden, als Wendy, eine der Kellnerinnen, hereinkam. Wendy bediente während der Frühstücksschicht im Restaurant. Sie hatte drei Kinder und einen Ehemann, der Nachtschichten arbeitete. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, schickte er die Kinder in die Schule, und dann übernahm sie, bis er am späten Nachmittag aufstand. Den Abend verbrachten sie gemeinsam, bis er zur Arbeit und sie ins Bett ging.

Wendy war zuverlässig und die Gäste mochten sie, weshalb Carly sie ungern verlieren wollte.

„Was ist los?“, fragte sie.

Wendy verzog das Gesicht. „Damaris hat sich heute Morgen mit mir angelegt. Damit kann ich umgehen, aber dann kam sie auch noch aus der Küche und hat einen der Kunden angeschrien, und da bin ich wirklich sauer geworden. Was ist denn bloß los mit ihr? Die hat manchmal so eine Laune. Der Typ wollte ein Eiweiß-Omelett und sie hat ihm gesagt, dass Sonderbestellungen nicht möglich seien. Als er erklärte, dass es wegen seines Herzens sei, hat sie ihm gesagt, dass sie nichts dafürkönne, dass er fett sei.“

Carly merkte, wie ihr die Kinnlade runterklappte. „Sag bitte, dass das ein Scherz ist.“

„Ich wünschte, es wäre so. Die meiste Zeit ist sie ja in Ordnung, aber ab und zu hat sie eine ihrer Launen und lässt sie an den Gästen aus. Kannst du nicht mal mit ihr reden?“

Carly hätte gerne abgelehnt. Solche Probleme hatte Brenda früher immer geregelt. Sie hatte regelrecht Gefallen daran gefunden, sich mit Damaris anzulegen. Doch wenn es nach ihr, Carly, gegangen wäre, hätte man Damaris schon vor Jahren entlassen. Die temperamentvolle Köchin zu feuern hätte weit oben auf ihrer To-do-Liste gestanden, sobald sie ihre Anteile am Inn bekommen hätte. Jetzt war sie sich nicht mal mehr sicher, ob sie die Stelle hier noch hatte, ganz abgesehen von der Befugnis, jemanden zu feuern.

„Ich rede mit ihr“, sagte sie, denn sie spürte, dass sie dies Wendy schuldig war.

„Danke, ich gehe dann nach Hause. Einen schönen Tag dir.“

„Dir auch.“

Carly blieb noch fast eine Stunde, um sich zu ärgern und sich Sorgen zu machen, bevor Ann ihre Schicht im Geschenkeshop antreten würde. Ohne die leiseste Idee, was sie sagen sollte, ging sie durch das Inn in die Küche des Restaurants. Damaris saß auf einem Hocker, das Handy am Ohr. Als die Köchin sie sah, runzelte sie die Stirn und sagte, dass sie auflegen müsse.

„Das war so ein dicker, fetter Typ. Meinst du, ein Eiweiß-Omelett hätte da einen Unterschied gemacht?“

So viel dazu, eine vernünftige Unterhaltung mit Damaris führen zu wollen, dachte Carly. „Er ist unser Kunde.“

„Aber es stimmt nicht, dass der Kunde immer recht hat. Meistens weiß der Kunde gar nicht, wovon er redet. Und ich habe ihm das Omelett ja zubereitet. Ich wollte nicht, doch ich habe es getan.“

„Dein Job ist es, unseren Gästen ihr Essen zuzubereiten. Kritisch und unfreundlich ihnen gegenüber zu sein ist nicht gut für unser Geschäft.“

Unser Geschäft?“ Damaris zog die Augenbrauen hoch. „Das ist Michelles Geschäft, nicht deins.“

„Ich spreche hier als Angestellte. Wir haben die Verpflichtung, unser Bestes zu geben, dafür werden wir bezahlt.“ Carly spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Sie war noch nie gut darin gewesen, zu verbergen, dass sie aufgebracht war. „Meinst du, Michelle wäre stolz auf dein Verhalten? Meinst du, sie würde sich darüber freuen?“

Damaris stand auf und trat auf sie zu. Die Köchin war ungefähr fünfzehn Zentimeter kleiner als sie, jedoch sehr viel breiter und gewillt, ihren Aggressionen freien Lauf zu lassen.

„Erzähl mir nicht, wie ich meinen Job zu machen habe, junges Fräulein. Ich habe schon gekocht, bevor du überhaupt auf der Welt warst. Und jetzt ist Michelle zurück. Was meinst du, wie lange es dauert, bis sie dich rausschmeißt?“

Kürzer als dir klar ist, dachte Carly. Sie wusste, dass sie in einer schwachen Position war.

„Du bist im Unrecht und das weißt du. Nicht nur, weil das kein guter Service ist, sondern auch, weil es unfein war. Egal, was du denkst, solche Dinge zu Gästen zu sagen ist schlecht für das Inn. Du behauptest zwar, dass Michelle dir wichtig ist, aber dein Verhalten schadet ihr nur.“

Damaris lächelte. „Ach ja? Und was glaubst du, wer von uns am Ende noch hier sein wird? Du oder ich?“

Das war eine Frage, die Carly nicht beantworten wollte. Sie drehte sich um und verließ die Küche.

Frust nagte an ihr, am liebsten hätte sie vor Wut um sich geschlagen. Vielleicht sollte sie tatsächlich einfach gehen und woanders neu anfangen. Sich ein richtiges Leben aufbauen, das nicht von Mächten abhing, die sie nicht kontrollieren konnte, oder von Leuten, die sie belogen. Leute wie Brenda.

Sie blieb kurz im Flur stehen, denn sie brauchte einen Moment, um ihre Gefühle wieder unter Kontrolle zu bekommen und sich zu beruhigen.

„Warum hast du mir das nur angetan?“, fragte sie laut, obwohl sie wusste, dass sie keine Antwort erhalten würde. Carly glaubte nicht daran, dass die Toten zurückkamen und sich mit einem unterhielten, und selbst wenn, bezweifelte sie, dass Brenda sich dazu herablassen würde.

Brenda hatte sie benutzt. Zuweilen war sie zwar mitfühlend, ja sogar liebenswürdig gewesen, doch letzten Endes hatte sie immer nur an sich gedacht. Und jetzt stand sie, Carly, mit leeren Händen da. Ihr mühsam angesparter Notgroschen bestand aus gerade mal tausendsechshundert Dollar. Kaum genug, um die Kaution für eine kleine Wohnung zu bezahlen, ganz zu schweigen von der Miete. An die Lebenshaltungskosten während der Arbeitssuche wollte sie gar nicht erst denken. Sie bezweifelte, dass Michelle ihr eine Empfehlung ausstellte, nachdem sie sie rausgeschmissen hatte, was bedeutete, dass es mehr als schwierig werden würde, einen annehmbaren Job zu finden.

Was blieb ihr dann übrig? Auf der Straße leben? Sozialhilfe?

Ihre Augen brannten. Sie atmete einmal tief durch und befahl sich, den Tränen nicht nachzugeben. Noch nicht. Nicht, solange sich weitaus größeres Unheil am Horizont zusammenbraute.

Sie straffte die Schultern; sie würde das schon überstehen. Wie bereits so vieles andere in ihrem Leben. Sie war stark und harte Arbeit gewohnt und sie hatte Gabby. Außerdem war im Supermarkt Eiscreme im Angebot gewesen und sie hatte eine Packung gekauft. Falls nötig, würde sie später eine zuckerige Selbstmitleidsorgie abhalten können.

Sie betrat die Empfangshalle des Inns und sah ein älteres Paar am Fenster stehen. Die beiden waren keine Gäste, sie fragte sich daher, ob sie auf der Suche nach einer Unterkunft waren. Sie hatten noch drei Zimmer frei, zumindest für diese Nacht. Das größte hatte sogar einen Balkon mit Blick aufs Meer.

„Guten Tag“, sagte sie und setzte automatisch ein Lächeln auf. „Kann ich Ihnen helfen?“

Das Paar war leger, aber teuer gekleidet. Die beiden sahen jedoch mehr nach Insel-Chic aus als nach Urlaubern aus größeren Städten. Er war groß, sie etwas kleiner und sie wirkten jung geblieben mit ihrem blonden Haar und der sonnengebräunten Haut.

Sie wandten sich zu ihr um.

„Seth Farley“, stellte sich der Mann vor. „Das ist meine Frau, Pauline. Hätten Sie vielleicht einen Moment für uns? Können wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?“

Sie sahen nicht wie Handelsvertreter oder Lieferanten aus. Und sie hatte dafür gesorgt, dass alle Rechnungen des Inns bezahlt wurden, also konnten sie nicht hinter Geld her sein. Dass sie Anwälte waren, schien auch unwahrscheinlich.

„Natürlich. Lassen Sie uns hier hineingehen.“

„Hier“ war ein kleiner Konferenzraum, den sie für Geschäftsleute bereithielten.

Nachdem sie am großen Tisch Platz genommen hatten, bot sie ihnen Kaffee an.

„Nein danke“, antwortete Seth. „Ich komme lieber gleich zum Punkt. Meine Frau und ich sind Psychologen. Wir führen seit beinahe fünfundzwanzig Jahren eine gemeinsame Praxis und haben ein Programm für Ehepaare entwickelt, die an ihrer Beziehung arbeiten wollen. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, doch im Rahmen dieses Programms verbringen wir drei Tage gemeinsam mit zwei oder drei Paaren. Bisher haben wir diese Workshops in Seattle abgehalten, aber wir glauben, dass es den Paaren helfen könnte, sich mehr auf die Therapie einzulassen, wenn sie aus der Stadt rauskämen. Wir haben verschiedene Locations recherchiert und hätten Interesse an Ihrem Inn.“

„Oh, wie schön.“ Carlys Laune besserte sich schlagartig. Regelmäßige Gäste waren stets willkommen. „Dies hier ist allerdings unser einziges Besprechungszimmer, wir haben keine Konferenzräume wie traditionelle Hotels.“

„Für die Seminare selbst brauchen wir keinen Raum“, erklärte Pauline. „Darum haben wir uns schon gekümmert. Wir suchen nach einer Unterkunft für unsere Klienten. Drei Zimmer von Dienstag bis Donnerstag. Mitte Mai bis Ende September.“

Während des Sommers war im Inn am meisten los. In dieser Zeit waren die Wochenenden immer ausgebucht, doch unter der Woche waren in der Regel ein paar Zimmer frei. So viele Wochen mit garantierten Buchungen wären großartig.

„Ich müsste nachsehen, wie unsere Auslastung ist“, sagte sie. Erst dann fiel ihr ein, dass da ja noch mehr war. „Und ich muss mit der Inhaberin sprechen.“

Seth runzelte die Stirn. „Ich dachte, Sie wären eine der Inhaberinnen.“

Das dachte ich auch mal.

„Nein“, sagte sie lächelnd. „Aber ich arbeite schon seit zehn Jahren hier, daher bin ich mir sicher, dass Ihre Klienten den Aufenthalt bei uns genießen würden. Wie wäre es, wenn Sie mir die genauen Daten sagen und mir Ihre Karte geben? Dann gehe ich die Reservierungen durch, spreche mit der Inhaberin und melde mich bis zum Ende der Woche bei Ihnen. In Ordnung?“

„Perfekt.“

7. KAPITEL

Michelles Finger schwebten über der Tastatur. Es war nicht so, als wüsste sie nicht, wie die Dateien zu öffnen waren. Es war nur so, dass sie sie nicht öffnen wollte.

Die Realität konnte verdammt unangenehm sein. Manchmal fragte sie sich, wie es wäre, einer von diesen Menschen zu sein, die es schafften, sich einfach auszuklinken. Die in ein Raumschiff zu einem anderen geistigen Planeten stiegen und sich um diese Welt nicht mehr kümmerten. Sich nicht darum zu kümmern würde ihr Problem jedoch nicht lösen. Dies war ihr Inn. Das Einzige, was sie am Leben gehalten hatte, als sie weg gewesen war, war der Gedanke daran, irgendwann nach Hause zurückzukehren. Und wenn dieses Zuhause nun kaputt war, würde sie es eben eigenhändig reparieren müssen.

Sie tippte entschlossen auf der Tastatur herum und konzentrierte sich darauf, zunächst nur Informationen zu sammeln. Tabellen, Schaubilder und Diagramme war sie gewöhnt. In der Army hatte sie sich hauptsächlich um die Truppenversorgung gekümmert und entschieden, was bestellt werden musste. Sie hatte der Truppe alles beschafft, was sie benötigte, um weiter ihre Arbeit zu machen. Das Inn finanziell wieder auf die Beine zu stellen war nichts verglichen damit, Tausende Soldaten am anderen Ende der Welt mit Unterkünften, Nahrung und allem Übrigen zu versorgen.

Sie ging rasch die Steuererklärungen der letzten Jahre durch und zuckte zusammen, als sie sah, wie hoch die Verluste gewesen waren. Steuerzahlungen auf jedwede legale Art zu reduzieren machte großen Spaß, doch die hohen Summen vor sich zu sehen, die das Inn verloren hatte, ließ ihr das Herz bluten. Das einzig Positive an den Verlusten war, dass zumindest keine Steuernachzahlungen fällig waren.

Sie druckte die letzte Steuererklärung aus, dann machte sie sich daran, weitere Listen auszudrucken, Scheckverzeichnis, Debitoren und Kreditoren. Sie fand heraus, dass ihre Mutter nicht ein oder zwei, sondern gleich drei neue Autos erworben hatte in den zehn Jahren, die sie nicht da gewesen war. Das letzte, ein BMW-Cabrio, das gute 70.000 Dollar gekostet hatte, war bereits an den Verkäufer zurückgegangen.

Sie sah die Schreibtischschubladen durch und fand unbezahlte Rechnungen unter Büro- und Heftklammerpackungen. Dann nahm sie Carlys ordentlich geführte Liste der bezahlten Rechnungen und der Ratenzahlungen dazu.

Nachdem sie eine neue Tabellendatei geöffnet hatte, begann sie, sämtliche Informationen über Geldeingänge und -ausgänge einzugeben. Sie rechnete die Einträge im Scheckheft dagegen und rechnete noch einmal alles nach, da das Ergebnis nicht stimmen konnte. Danach sah sie sich die Reservierungen an und stellte fest, dass es viele Wochen gab, in denen sie nicht mal annähernd die Auslastung erreichten, die die Bank forderte.

Zwei Stunden später stand sie auf und humpelte langsam im Raum auf und ab. Ihr Blut fing wieder an zu zirkulieren und strömte in ihre Hüfte, was die Schmerzen verstärkte. Ihr Körper war steif und wund. Doch am schlimmsten fühlte es sich in ihr drin an.

Früher war sie immer der Liebling ihres Vaters gewesen. Schon als kleines Kind hatte sie gewusst, dass ihr Dad sie mehr lieb hatte als Brenda. Sie hatte seine Zuneigung und Hingabe angenommen, dabei jedoch stets gewusst, dass er derjenige war, der zwischen ihr und ihrer Mutter stand. Brenda war bestenfalls gleichgültig ihr gegenüber gewesen, in ihren schlimmsten Momenten tadelsüchtig und verletzend.

Manchmal fragte sie sich, ob ihre Bevorzugung durch den Vater Brenda verletzt hatte. Und ob Brenda ihren Kummer an ihrer Tochter ausgelassen hatte. Es war unmöglich zu wissen, wie viel vom Verhalten ihrer Mutter auf die Umstände und wie viel auf ihre verkorkste Persönlichkeit zurückzuführen war.

Michelle wusste nicht mehr genau, wann sie erfahren hatte, dass ihre Eltern heiraten mussten. Sie war sieben Monate nach der Hochzeit auf die Welt gekommen. Während sie und ihr Vater das Inn und die Insel geliebt hatten, hatte Brenda es ihnen übel genommen, nur wegen ihnen hier festzusitzen. Reisen nach Europa waren nicht möglich – sie konnten das Inn nicht so lange allein lassen. Ebenso Sommerferien generell – im Sommer hatten sie am allermeisten zu tun. Nicht mal Wochenend-Trips waren drin. Das Inn kam stets an erster Stelle.

Michelle erinnerte sich noch daran, wie ihre Mutter einmal geschrien hatte, sie und ihr Vater seien so egoistisch. Mit sieben war sie bereits eine kleine, aber entschlossene Gegnerin gewesen: „Wenn wir so egoistisch sind, warum kriegst dann du immer das, was du willst?“

Eine Frage, auf die ihre Mutter nie eine Antwort gehabt hatte.

Brenda hatte ihrem Mann mehr die Tatsache übel genommen, verlassen worden zu sein, als dass sie unter seiner Abwesenheit gelitten hätte. Er hatte sie jedoch alle beide verlassen – und damit sie, Michelle, in tiefster Seele erschüttert. Seine Fahnenflucht bewies nicht nur, dass er sie doch nicht über alles liebte, sondern hatte sie auch der Willkür ihrer Mutter preisgegeben.

Damals hatte sie sich gefragt, ob ihre Mutter ebenfalls fortgehen würde, aber das tat Brenda nicht. Stattdessen war sie gegangen. Als sie nun die Zahlen betrachtete, die das Vermächtnis ihrer Familie darstellten, kam ihr der Gedanke, dass Brenda auf subtile Art gewonnen hatte. Eine schlechte Entscheidung hier, ein unvernünftiger Kauf dort. Für sich genommen war jeder dieser Fehler unbedeutend, doch insgesamt stellten sie eine Katastrophe dar.

Sie studierte die Gehaltsabrechnungen. Selbst eine Firma wie Boeing benötigte nicht derart viele Angestellte. Das Inn hatte nur dreißig Zimmer, jedoch sieben Zimmermädchen. Und was zum Teufel war eine Empfangsdame? Ebenso verwirrend war, dass manche Leute überbezahlt zu sein schienen, während andere ein zu niedriges Gehalt bekamen. Damaris hatte sechs Jahre lang keine Gehaltserhöhung bekommen. Das war bereits schlimm genug, doch Carlys finanzielle Situation war noch schlechter.

Michelle starrte auf die monatliche Gehaltsabrechnung. Sogar wenn man mit einbezog, dass sie freie Logis sowie zwei Mahlzeiten am Tag erhielt, lag ihr Gehalt weit unter dem Mindestlohn. Sie hatte ein Kind und die Krankenversicherung war unfassbar teuer. Das musste sie doch einiges kosten, von Kleidung, Schuhen und was auch immer Kinder sonst so brauchten, ganz zu schweigen.

Während sie vermutlich hätte glücklich sein müssen, dass Carly praktisch in Armut lebte, schämte sie sich in Wahrheit hauptsächlich dafür und fühlte sich vielleicht sogar ein klein wenig schuldig.

Michelle hätte nur zu gerne ihrer Mutter sämtliche Schuld gegeben. Schließlich hatte die das Inn treuhänderisch verwaltet, sie hätte sich um diese Dinge kümmern müssen. Doch sie wusste, dass sie selbst für das Desaster verantwortlich war. Sie war diejenige, die fortgegangen und lange Zeit nicht zurückgekehrt war, die nie nachgefragt hatte. Nun hatte sie zwei Kredite, eine drohende Zwangsvollstreckung und Auflagen am Hals, die ihr Schauder über den Rücken jagten.

Es klopfte an der Tür.

„Herein“, rief sie, ohne aufzuschauen.

„Du klingst, als wärst du noch bei der Army.“

Damaris trat ein. Sie trug ein Tablett in der Hand.

„Ich bringe dir Mittagessen. Dachte, von alleine isst du bestimmt nichts.“

Michelle warf einen Blick auf die Uhr und war überrascht zu sehen, dass es schon beinahe drei war. „Arbeitest du immer so lange?“

„Mal ja, mal nein.“ Die Köchin stellte das Tablett auf dem Schreibtisch ab, dann setzte sie sich auf den leeren Stuhl. „Ich musste frisches Fleisch bestellen und vorkochen.“

„Und wann kommst du normalerweise hier raus?“

Damaris zuckte mit den Schultern. „So um zwei, halb drei.“

Michelle rechnete die Stunden im Kopf zusammen. Sie wusste, dass Damaris gegen sechs Uhr früh ins Restaurant kam. Um sieben wurde es geöffnet, dann arbeitete sie bis nach dem Mittagessen durch.

„Du hast keine einzige Gehaltserhöhung bekommen, seit ich weggegangen bin.“

„Was du nicht sagst.“

Michelle hätte sie gerne gefragt, ob ihre Mutter das alles mit Absicht getan hatte. Ob ihr Ziel gewesen war, das Inn zu ruinieren. Sie bezweifelte jedoch, dass ihre Freundin eine Antwort darauf haben würde.

„Ich gebe dir jetzt eine Gehaltserhöhung, rückwirkend für drei Monate.“ Sie nannte ihr einen Stundenlohn. „Besser?“

Damaris nickte. „Du bist immer schon ein gutes Mädchen gewesen. Das alles hier ist nicht deine Schuld.“

„Wie viel weißt du? Über die Situation des Inns, meine ich.“

„Na ja, mir sind ein paar Dinge zu Ohren gekommen. Dass Leute nicht bezahlt wurden, Schecks geplatzt sind. Aber niemand gibt dir die Schuld daran.“

Michelle warf einen Blick auf das Tablett. Damaris hatte ihr ein Roastbeef-Sandwich gemacht, ihr Lieblings-Sandwich. Dazu gab es Pommes frites, einen kleinen Salat und einen Schokoladen-Milchshake.

Sie griff nach dem Glas und schöpfte einen Löffel Sahne ab. „Danke.“

„Jemand muss sich ja um dich kümmern. Du bist viel zu dünn. Wie willst du so jemals einen Mann abkriegen?“

Zum ersten Mal, seit sie nach Hause zurückgekehrt war, lachte Michelle. „Ich glaube nicht, dass das gerade mein größtes Problem ist.“

„Aber ein Mann würde dir bei alldem helfen.“

Michelle fand, der nächste Schritt wäre wohl eher, die Nächte zu überstehen, ohne schweißgebadet aus Albträumen hochzuschrecken, doch das sagte sie nicht. Diese Information würde Damaris nur Angst machen.

Damaris tippte auf die Papiere, die auf dem Schreibtisch lagen. „Ist es sehr schlimm?“

„Das habe ich noch nicht genau herausgefunden.“ Sie steckte einen Strohhalm in den Milchshake. „Glaubst du, meine Mutter hat es absichtlich vergeigt?“

„Ich weiß es nicht. Sie war nicht der Typ, der einen genauen Plan verfolgt. Ich denke, es ist einfach irgendwie passiert.“

„Und was ist mit Carly? Hat sie dem Inn geholfen oder eher geschadet?“

Damaris zuckte mit den Schultern. „Ich mag sie nicht besonders, aber ich glaube nicht, dass sie irgendwas falsch gemacht hat.“

Das war nicht gerade das, was Michelle hatte hören wollen. Carlys niedriges Gehalt hatte sie misstrauisch gemacht und angesichts ihrer gemeinsamen Vergangenheit hätte sie ihr am liebsten die Tür gewiesen, doch dem stand die Abmachung mit der Bank im Weg. Ein noch größeres Problem war jedoch, dass Carly nicht mal wusste, wie das Computer-System funktionierte. Ihre sorgsam handgeschriebenen Aufzeichnungen waren ein Beweis dafür.

Wenn Carly das Inn nicht beklaute, dann musste sämtliche Schuld bei Brenda liegen.

„Wie lange arbeitet Carly hier schon?“, fragte Michelle.

„Praktisch, seit du weg bist. Eines Tages stand sie plötzlich hier, hochschwanger. Brenda gab ihr eins der Zimmer. Nach Gabbys Geburt zog sie in die Eigentümerwohnung und Brenda übernahm die zwei Schlafzimmer im zweiten Stock.“

Michelle hätte gerne gefragt, was mit Allen geschehen war. Wenn Carly allein und schwanger gewesen war, hatte er sich offensichtlich aus dem Staub gemacht. Aber weshalb?

„Die Gäste mögen sie“, gab Damaris widerwillig zu. „Sie kann gut mit ihnen. Meine Chefin ist sie deshalb noch lange nicht.“

Michelle musste grinsen. „Wie alt bist du? Fünf?“

Damaris lachte leise. Dann wurde sie wieder ernst. „Wirst du sie rausschmeißen?“

Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre, dachte Michelle. „Nicht heute.“

„Aber bald?“

„So scharf drauf, sie loszuwerden?“

„Das hat was mit dem Meine-Chefin-Ding zu tun.“

„Ich bin deine Chefin.“

„Gut, das gefällt mir.“ Damaris stand auf und ging um den Schreibtisch herum. „Lass dich drücken, ich gehe jetzt nach Hause.“

Als Michelle aufstehen wollte, durchfuhr sie ein so brennender Schmerz, dass sie zusammenzuckte und beinahe das Gleichgewicht verlor.

„Was ist los?“

„Nichts, nur meine Hüfte.“

„Hast du keine Tabletten dagegen?“

„Ich will lieber nichts nehmen.“ Was sie wollte, war trinken.

Damaris stemmte die Hände in die Hüften. „Du warst schon immer ein ziemlicher Dickkopf, das musst du von deinem Vater haben. Nimm jetzt gleich ein Schmerzmittel, ich warte so lange.“

Ihre Augen schienen entschlossen hinter den Brillengläsern aufzuglimmen, und Michelle begriff, dass sie dieses Tauziehen nicht gewinnen würde. Bis sie wieder in ihrem Motel-Zimmer wäre, würde der Wirkstoff der Pille ohnehin abgebaut sein und sie würde so viel trinken können, wie sie wollte.

„Na schön“, murmelte sie und langte nach ihrem Rucksack. Sie fischte die Packung mit Schmerztabletten heraus und schluckte eine davon. „Zufrieden?“

„Immer doch.“

Michelle ließ Carly zwei Tage lang schmoren. Obwohl sie sich während ihrer Arbeitstage im selben Gebäude aufhielten, waren sie Meisterinnen darin, einander aus dem Weg zu gehen.

Carly verbrachte ihre Zeit wahlweise damit, sich zu fragen, ob sie schon mal ihre Sachen packen oder Stoßgebete in den Himmel schicken sollte. Es gelang ihr jedoch, Gabby so weit etwas vorzuspielen, dass ihre Tochter nicht zu bemerken schien, dass was nicht stimmte.

Ann hatte darum gebeten, später kommen zu dürfen, daher stand sie an diesem Donnerstagmittag im Geschenkeshop an der Kasse. Mehrere Kunden sahen die Bücher durch, während ein Teenager-Mädchen und ihre Mutter angesichts der Puppen vor Entzückung seufzten. Carly tippte den Preis einer Teekanne in die Kasse und schlug sie in Papier ein.

„Ich hoffe, sie wird Ihrer Freundin gefallen“, sagte sie, als sie das Päckchen der Kundin überreichte. „Sie ist wirklich hübsch.“

„Das finde ich auch“, sagte die Touristin mittleren Alters. „Einen schönen Tag noch.“

Carly winkte ihr freundlich nach, dann wandte sie sich um und wäre beinahe mit Michelle zusammengestoßen, die sich offenbar leise in den Laden geschlichen hatte. Carly musste abrupt zurückweichen und sich an der Kassentheke festhalten.

„Hast du mal eine Minute?“, fragte Michelle.

Carly schielte nach den Kunden. „Ich sollte die hier nicht allein lassen.“

Michelle beäugte die wenigen Leute, die sich im Geschäft umsahen. Dann deutete sie auf die Nische vor der Tür zum Lagerraum. „Wie wär’s da drüben?“

Carly nickte. Von dort aus konnte sie die Kasse im Blick behalten und bekam mit, wenn jemand etwas kaufen wollte.

Sie schlenderte hinüber zum Lagereingang. Michelle folgte ihr langsamer mit unstetem Schritt – ihre Hüfte machte ihr sichtlich zu schaffen. Carly hätte sie gerne gefragt, wie es ihr ging, hielt sich jedoch zurück, denn soviel sie wusste, war sie kurz davor, gefeuert zu werden. Wieder einmal. Sich in dieser Situation mitleidig zu zeigen war, als würde sie das winzige Körnchen Macht verschenken, das sie noch besaß.

Sie hatte bisher nicht entschieden, ob sie sich verteidigen oder ihr Schicksal mit Würde annehmen sollte. Nachdem sie zwei Nächte lang ihre Bankauszüge studiert hatte, war sie zu keinem Schluss gekommen, und die Zeitung von Seattle durchzugehen hatte ihr auch keine neuen Jobperspektiven eröffnet.

Während sie im Türrahmen gelehnt wartete, bemerkte Carly, dass Michelle noch erschöpfter aussah als bei ihrer Ankunft. Um ihren Mund hatten sich Falten der Müdigkeit und des Schmerzes eingegraben. Ihre Augen waren von dunklen Schatten umrahmt und ihre Haut hatte einen gräulichen Schimmer. Ihr langes Haar hing schlaff herab, und wenn sie weiter an Gewicht verlor, würde ihr bald die Cargo-Hose von den dürren Hüften rutschen.

Michelle stützte sich Halt suchend an der Wand ab.

„Brauchst du einen Stuhl?“, fragte Carly und hätte sich im nächsten Moment am liebsten dafür geohrfeigt.

Michelle schüttelte den Kopf. „Ich komme klar.“

Michelle war zu vielem imstande, aber klar kam sie momentan ganz offensichtlich nicht. Doch Carly sagte sich, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt war, sich daran zu erinnern, dass Michelle vor vielen Jahren einmal ihre beste Freundin gewesen war, dass sie zusammen groß geworden waren, bis furchtbare Ereignisse sie auseinandergebracht hatten. Dennoch verspürte sie noch immer das Bedürfnis, an die alte Freundschaft anzuknüpfen, über alles zu reden, was passiert war, und eine neue gemeinsame Basis zu finden. Die alten Wunden heilen zu lassen, dachte sie wehmütig. Mit der Vergangenheit abzuschließen und etwas Positives aus dem ganzen Chaos zu ziehen, das wäre schön.

„Du bestiehlst das Inn nicht.“

Michelle verkündete ihr dies mit derselben Leichtigkeit, als würde sie über das Wetter sprechen. Carly wich zurück, als hätte sie eine Ohrfeige verpasst bekommen. Ihre warmen, sentimentalen Gefühle verflüchtigten sich, bis nur noch Wut da war. Ihr wurde klar, wie idiotisch es von ihr gewesen war, auch nur annähernd so etwas wie Freundschaft von der Frau zu erwarten, die vor ihr stand.

„Ich dachte, du würdest vielleicht Geld abzweigen, aber das tust du nicht“, fuhr Michelle fort. „Ich bin die Bankauszüge und die Geschäftsbücher der letzten drei Jahre durchgegangen und konnte nichts finden, was du falsch gemacht hättest.“

Hätte sie sich auch nur ansatzweise Chancen ausgerechnet, ohne ihren Job zu überleben, Carly wäre auf der Stelle gegangen. Sie hätte sich einfach umgedreht und wäre in den Nachmittag verschwunden, vielleicht, nachdem sie Michelle noch eine wohlverdiente Faust ins Gesicht gerammt hätte.

„Was für eine Enttäuschung“, blaffte sie. „Ich bin mir sicher, herauszufinden, dass ich der Bösewicht in der Geschichte bin, wäre ein Glanzpunkt in deinem Leben gewesen.“

„Ein paar Glanzpunkte würden mir durchaus zustehen, aber du hast recht. Ich bin enttäuscht, ich würde dich nur allzu gerne rausschmeißen.“

„Du hast mich doch schon rausgeschmissen.“

„Du bist nicht gegangen.“

„Ich war mir nicht sicher, ob du es ernst meinst.“ Carly gab dies äußerst ungern zu.

„Das habe ich“, erwiderte Michelle tonlos. „Aber das ist ein Luxus, den ich mir momentan nicht leisten kann.“

„Was soll das heißen?“

Michelle musterte sie. „Was ich dir jetzt erzähle, musst du für dich behalten.“

„In Ordnung.“

„Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich dir das anvertrauen will.“

„Wenn es um das Inn geht, kannst du mir ruhig vertrauen. Ich arbeite seit fast zehn Jahren hier, das Inn ist mir wichtig. Und wenn dir das nicht genügt, hey, immerhin habe ich nichts geklaut. Das muss doch auch was wert sein.“

Michelle zog die linke Augenbraue hoch. „Wirst du jetzt frech?“

„Das hab ich mir wohl verdient.“

Michelle schloss einen Moment die Augen, dann öffnete sie sie wieder. Ein Sturm der Gefühle wirbelte durch die grünen Iris. Was auch immer ihr durch den Kopf ging, es schienen keine glücklichen Gedanken zu sein.

„Das Inn steckt in Schwierigkeiten, wir sind finanziell kurz vor dem Absaufen. Ich war vor ein paar Tagen bei der Bank. Es sieht richtig übel aus.“

Carly ließ die Information sacken. „Das verstehe ich nicht. Wir hatten einen ziemlich guten Winter, für die Jahreszeit sind richtig viele Gäste gekommen. Und als ich die Rechnungen bezahlt habe, war Geld auf dem Konto.“

„Aber nicht genug. Es sind zwei Hypotheken auf das Haus aufgenommen worden. Vor zehn Jahren gab es noch keine einzige.“ Der Vorwurf in Michelles Stimme klang messerscharf.

„Die Renovierungsarbeiten.“ Carly wusste, dass sie ein Vermögen gekostet haben mussten.

„Zu denen du meine Mutter gedrängt hast.“

„Wie bitte? Das war ihre Idee. Wir mussten das Dach reparieren lassen und von da an hat sich das Ganze immer weiter hochgeschaukelt.“ Hauptsächlich, weil Brenda sich mit dem Bauunternehmer eingelassen hatte. Ihm mehr Arbeit zu geben hatte bedeutet, ihn hierzuhalten.

„Klar, schieb nur ruhig alles auf die Tote.“

Carly straffte die Schultern. „Du kannst die Geschichte umschreiben, so viel du willst, aber das wird an den Fakten nichts ändern“, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Die Renovierungsarbeiten waren die Idee deiner Mutter. Sie war diejenige, die den Geschenkeshop eröffnen und das Restaurant erweitern wollte. Wenn du Beweise brauchst, kann ich dir die Akten zeigen, sie hat Zeichnungen angefertigt und Notizen gemacht. Das Ganze war ihre Vision. Ich hätte das Geld dafür verwendet, die Bäder zu erneuern.“

Im Bewusstsein, dass Kunden in der Nähe waren, senkte sie die Stimme. „Wenn du dir die Mühe gemacht hättest, nur ein einziges Mal vorbeizukommen, wüsstest du das.“

„Jetzt schieb das nicht mir in die Schuhe“, erwiderte Michelle. „Glaub mir, mit mir willst du dich nicht anlegen. Ich bin nicht mehr die, die du von früher kennst. Ich kann dich ohne Weiteres k. o. schlagen.“

Trotz der angespannten Situation lachte Carly. „Ist das dein Ernst, du drohst mir Gewalt an? Bleib mal auf dem Teppich, du warst in der Army, nicht bei der CIA. Du kannst mich nicht mit einem Kugelschreiber erlegen. Außerdem bewegst du dich mit der Geschwindigkeit einer Neunzigjährigen und hast ganz offensichtlich Schmerzen. Aber das sieht dir ähnlich, reagieren, ohne nachzudenken. Immer noch genauso impulsiv wie früher.“

„Und du bist immer noch genauso nervtötend.“

„Blöde Kuh.“

„Selber blöde Kuh.“

Michelles Mundwinkel zuckten, als wäre sie kurz davor zu lächeln.

In dieser Nanosekunde spürte Carly die Verbindung, die seit jeher zwischen ihnen bestanden hatte. Dann wurden Michelles Züge wieder hart.

„Ich gebe dir trotzdem die Schuld. Was mich betrifft, bist du der Feind.“

„Wenn du das brauchst, um nachts gut schlafen zu können, nur zu. Ich bin eine alleinerziehende Mutter mit einer neunjährigen Tochter und tausendsechshundert Dollar auf dem Konto. Mir das Leben noch schwerer zu machen wird nicht so einfach sein. Aber wenn du das brauchst, um dir wichtig vorzukommen, werde ich dich nicht davon abhalten.“

Michelle presste die Zähne zusammen. „Dann liegt es in deinem ureigensten Interesse, für dich zu behalten, was ich dir jetzt sagen werde.“

„Okay.“

Michelle wandte den Blick ab und ließ die Schultern hängen. Einen Moment schien es, als würde sie sich geschlagen geben. Carly wartete ab. Sie war sich nicht sicher, ob die Schwäche echt war oder nur ein Trick. Bevor sie sich entschied, war der Augenblick vorbei und Michelle holte tief Luft.

„Die finanzielle Situation des Inns ist hoffnungslos“, begann sie und erzählte ihr dann von den rückständigen Ratenzahlungen und der drohenden Zwangsvollstreckung.

Als könnte ich noch mehr Sorgen gebrauchen, die mich nachts vom Schlafen abhalten, dachte Carly grimmig. Sie war entsetzt, aber auch nicht wirklich überrascht von dieser Nachricht.

„Brenda hat nie ein Wort davon gesagt, nicht mal andeutungsweise. Vor vier Monaten haben wir sogar Kataloge mit französischer Leinenwäsche angeschaut.“

„Bitte sag mir, dass ihr keine bestellt habt.“

„Nein, haben wir nicht. Aber es hätte durchaus dazu kommen können.“ Carly ließ den Blick durch den Geschenkeshop gleiten. „Wie konnte sie nur? Du brauchst nicht zu antworten, ich denke bloß laut. Das sieht ihr einfach alles so ähnlich!“

In ihre Ungläubigkeit und Resignation mischte sich Ärger. Ärger, weil Brenda Gabbys Sicherheit, die ihr am Herzen zu liegen schien, derart aufs Spiel gesetzt hatte.

Sie und Brenda hatten so oft über die Zukunft gesprochen. Darüber, dass sie Miteigentümerin werden und finanzielle Sicherheit erlangen würde. Reich hätte das Inn sie nie gemacht. Doch ein klein wenig Geld auf der Bank zu haben, genügend Ersparnisse für Gabbys Studium und das Wissen darum, sich alle sechs oder sieben Jahre einen annehmbaren Gebrauchtwagen leisten zu können, hätte schon genügt.

„Ich hatte sie gern“, murmelte Carly, mehr zu sich selbst. „Als sie krank wurde, war ich für sie da.“ Sie sah Michelle an. „Und ich war bei ihr, als sie starb.“

Wie erwartet, änderte sich Michelles Gesichtsausdruck nicht.

„Sie hat uns beide beschissen. Willst du deinen Job behalten?“

„Ja.“

„Und ich will das Inn behalten. Die Bank knüpft jedoch Bedingungen daran. Die rückständigen Ratenzahlungen müssen beglichen werden. Und wir müssen den Sommer über eine Auslastung von mindestens fünfundachtzig Prozent aufrechterhalten. Das heißt, es müssen durchgehend sechsundzwanzig Zimmer besetzt sein.“

Michelle zögerte. „Und da ist noch etwas. Sie wollen, dass du dich verpflichtest, weiter hier zu arbeiten.“

Erst langsam wurde ihr die Bedeutung von Michelles Worten bewusst. „Du kannst mich also gar nicht rausschmeißen?“

„Jetzt klingst du ein bisschen überheblich.“

„Das steht mir wohl zu.“

„Wie zum Teufel kommst du denn darauf? Kaum bin ich dreißig Sekunden weg, zeckst du dich hier ein, benutzt meine Mutter und saugst das Inn bis aufs Blut aus.“

Carly starrte sie wütend an. „Das ist völliger Schwachsinn und das weißt du auch. Ich habe mich nirgendwo reingezeckt. Ich habe mir hier für fast nichts den Arsch abgearbeitet. Ich schiebe Zehn- oder Zwölfstundenschichten und kümmere mich um sämtliche Gäste. Seit ich hier bin, ist die Anzahl der Stammgäste um sechzig Prozent gestiegen. Meinst du, die kommen wieder, weil deine Mutter sie so herzlich aufgenommen hätte? Das ist allein mein Verdienst.“

„Was bist du nur für eine Heilige.“

Carly drehte sich ihr zu. „Ich war zumindest hier, was mehr ist, als man von dir behaupten kann.“

Michelles Wangen färbten sich rot. „Ich war nicht hier, weil ich dein Land verteidigt habe. Und dabei angeschossen wurde.“

„Du hast dich versteckt, hattest nicht den Mut zurückzukommen. Du bist weggeblieben, weil das einfacher für dich war.“

„Und was ist deine Entschuldigung?“, fragte Michelle, ohne zu widersprechen. „Wenn alles so schwierig war, wenn du so hart hast arbeiten müssen, warum bist du dann nicht von hier weggegangen?“

„Weil Brenda mir gesagt hat, sie würde mich zur Teilhaberin machen. Dass ich mir einen Anteil am Inn verdienen könnte.“

Michelle starrte sie ein paar Sekunden lang an. „Sie hatte gar nicht die Berechtigung, darüber zu verfügen“, sagte sie schließlich ruhig.

„Das habe ich erst kürzlich herausgefunden.“ Diese Lüge war am schwersten zu verdauen gewesen.

„Ich hab dir doch immer gesagt, dass das Inn mir gehört. Früher, als wir Kinder waren.“

„Ich dachte, du würdest nur prahlen.“

„Wenn du mir geglaubt hättest, wäre vielleicht von alldem nichts passiert.“

„Was soll das heißen?“, fragte Carly. „Dass die finanziellen Schwierigkeiten des Inns meine Schuld sind? Du hörst mir wohl nicht richtig zu.“

Im Hintergrund ertönte eine Glocke. Sie wandte sich um und sah, dass sämtliche Kunden aus dem Laden geflohen waren. Das war’s wohl mit den Verkäufen für den heutigen Morgen.

„Ich möchte, dass du bleibst“, sagte Michelle. „Ich werde einen Vertrag aufsetzen, der dir eine sichere Festanstellung garantiert.“

Das war etwas, das Carly zu schätzen wusste. „Aber ich möchte in der Eigentümerwohnung bleiben. Das ist das einzige Zuhause, das Gabby jemals gekannt hat.“

Michelle verzog den Mund. „In Ordnung.“

Carly hätte sie liebend gern auch um eine Gehaltserhöhung gebeten, doch wenn das Inn in solchen Schwierigkeiten steckte, dass Michelle bereit war, ihr für eine gewisse Zeit eine Festanstellung zu garantieren, dann war wohl nicht mehr Geld für sie drin. Sie würde trotzdem noch härter dafür arbeiten, ihre Ersparnisse aufzustocken. Und sie würde sich einen Plan überlegen. Wenn ihr Vertrag endete, würde sie vorbereitet sein.

„Danke, dass du dich um Brenda gekümmert hast. Als es mit ihr zu Ende ging, meine ich.“

Diese Worte waren beinahe ebenso ein Schock wie die Neuigkeiten über das Inn. Carly blinzelte. „Gern geschehen.“

„Ich bin mir sicher, dass ihr das mehr bedeutet hat, als mich hierzuhaben. Schließlich warst du die ‚Tochter ihres Herzens‘, wie sie dich gerne mal in ihren Mails genannt hat.“

Volltreffer, dachte Carly wütend. Michelle hatte gelernt, wie man Leuten an die Kehle ging.

„Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich mich um eine Sterbende gekümmert habe“, blaffte sie. „Dreh und wende es, wie auch immer du willst. Ich weiß selbst am besten, was war. Da es dich so sehr wurmt, hättest du vielleicht einfach nach Hause kommen sollen. Oder gar nicht erst weggehen sollen. Aber natürlich hättest du auch nicht abhauen und dich in der Army verstecken müssen, wenn du nicht zwei Tage vor unserer Hochzeit mit meinem Verlobten geschlafen hättest. Angesichts der Tatsache, dass du meine Ehrenbrautjungfer warst, war das ein ganz schöner Schock für uns alle.“

„Ja, klar, vor allem für dich“, gab Michelle zurück. „Du wusstest doch genau, wie er war, was er schon alles angestellt hatte. Warum hast du ihn überhaupt geheiratet?“

„Ich war schwanger, ich dachte damals, nicht groß die Wahl zu haben. Und ich wollte keine alleinerziehende Mutter sein.“ Sie gab ein hohles Lachen von sich. „Nicht, dass die Hochzeit daran etwas geändert hätte.“

Sie ging zur Ladentheke, dann wandte sie sich um. Der Abstand schien ihr nötig zu sein. „Was ich aber nicht verstehe, ist, dass es dir noch nicht mal leidtut, dass du mit ihm geschlafen hast. Du hast dich kein einziges Mal bei mir entschuldigt. Dabei warst du doch meine Freundin.“

„Das hättest du für mich auch sein sollen.“

„Was habe ich denn bitte schön verbrochen?“

Michelle musterte sie eingehend. „Abgesehen davon, dass du dich nur an die Dinge erinnerst, an die du dich erinnern willst, wohl gar nichts.“

Sie war offensichtlich verbittert wegen irgendetwas, doch Carly konnte sich nicht vorstellen, weswegen. Schließlich war sie diejenige, die von den zwei Menschen betrogen worden war, denen sie am meisten vertraute. So viel zu Michelles eigenem selektivem Gedächtnis.

„Es tut mir leid, dass meine Mutter dich bezüglich des Inns angelogen hat.“

Carly öffnete den Mund, dann schloss sie ihn wieder. „In Ordnung“, sagte sie vorsichtig – nicht sicher, ob Michelle ihr eine Falle stellte.

„Das meine ich ernst. Es hat ihr nie gehört, dennoch hat sie es benutzt, um dich hierzuhalten. Das ist für keinen von uns überraschend, aber richtig ist es trotzdem nicht.“

„Danke.“

Michelle nickte.

„Dein Vater hat es dir also vermacht und Brenda hat es treuhänderisch verwaltet?“

„Ja. Ich hätte es mit fünfundzwanzig übernehmen dürfen, aber da ich nicht da war, hat Brenda es auch darüber hinaus geführt. Wie viel lieber hätte ich ihn behalten als das hier“, sagte sie und hob den Blick zur Decke. „Er hat mich nicht vor die Wahl gestellt.“

Carly erwog, sie darauf hinzuweisen, dass sie ihre Mutter zur gleichen Zeit ebenfalls verloren hatte – mit ähnlich verheerenden Auswirkungen –, wollte jedoch die leichte Entspannung der Lage nicht gefährden.

„Ich bleibe“, sagte Carly. „Und ich unterzeichne gerne eine entsprechende Vereinbarung.“

„Für zwei Jahre?“

Das war sehr viel länger, als sie erwartet hatte. Sie war sich nicht sicher, ob sie es hinbekommen würden, zwei Jahre lang zusammenzuarbeiten. Doch sie war bereit, es auszuprobieren.

Sie nickte.

„Du bekommst auch eine Gehaltserhöhung“, sagte Michelle. „Es wird erst mal nicht viel sein, aber sobald wir finanziell besser dastehen, wird es mehr.“

Als würde sie darauf noch hereinfallen. „Okay.“

„Du klingst nicht überzeugt.“

„So was hab ich schon mal gehört.“

„Ich bin nicht Brenda.“

„Ich bin auch sehr vieles nicht, das hält dich trotzdem nicht davon ab, mir zu misstrauen.“

Michelle überraschte sie mit einem Lächeln.

„Da hast du wohl recht. Das nehme ich in den Vertrag mit auf.“ Sie wurde wieder ernst. „Vermutlich reißt du mir jetzt den Kopf ab, aber ich muss einfach fragen: Warum hast du das Haus deines Vaters nicht mehr? Solltest du nicht eigentlich dort wohnen statt hier?“

„Ich habe das Haus verkauft. Das war Allens Idee.“ Ihr frisch gebackener Ehemann hatte sie davon überzeugen können, dass sie für ihre wachsende Familie etwas Größeres brauchten. Und sie hatte sich dummerweise darauf eingelassen und seinen Plan akzeptiert, erst zu verkaufen und danach was Neues zu suchen.

„Zwei Tage nachdem wir den Verkaufsvertrag unterschrieben hatten, ist er mit dem ganzen Geld abgehauen. Bis auf den letzten Penny. Es lag auf unserem gemeinsamen Konto und gehörte somit uns beiden. Die Polizisten tätschelten mir den Kopf und sagten, dass ich hübsch genug sei, einen anderen Ehemann zu finden, und dass ich mich beim nächsten Mal einfach ein bisschen schlauer anstellen sollte.“ Sie hob leicht das Kinn, wie in Erwartung eines Fausthiebs.

„Das tut mir leid.“

„Wie, das ist alles? Kein verbaler Schlag in die Magengrube? Oder unter die Gürtellinie?“

„Heute mal nicht.“

Michelle drückte sich von der Wand ab und humpelte auf sie zu. Ihre graue Gesichtsfarbe war zurück, sie sah abgekämpft aus.

„Wir müssen über das Inn reden. Wer arbeitet wann und wo? Das würde ich gerne morgen machen.“

„Okay. Ich habe vor ein paar Tagen mit einem Psychologen-Paar gesprochen, das eine Art Workshop über Eheprobleme in der Gegend abhält. Sie wollen drei Zimmer pro Woche mieten, von Dienstag bis Donnerstag, den ganzen Sommer lang. Ich habe mir die Reservierungen angeschaut, wir haben freie Zimmer. Aber ich wollte erst mit dir sprechen, bevor ich ihnen zusage.“

„Sag ihnen, das ist kein Problem. Wir brauchen das Geld.“

„Gut, ich rufe sie gleich heute Nachmittag an.“ Sie zögerte. „Musst du vielleicht etwas einnehmen oder so?“

„So schlimm sehe ich also aus? Es geht schon. Mir tut alles weh, das wird auch noch eine Weile so bleiben.“

„Möchtest du darüber reden?“

„Worüber?“

„Über was immer du willst.“

„Mit dir?“ Michelle lachte auf. „Nein danke.“

„Falls du deine Meinung änderst …“

„Das werde ich nicht. Selbst wenn du das ernst meinst, du könntest damit nicht umgehen.“ Ihr Lachen verstummte. „Ich bin kein Sozialprojekt, Carly. Ich bin deine Chefin. Wenn du das nicht vergisst, werden wir uns bestens verstehen.“

Sie wandte sich um und humpelte hinaus.

Carly sah ihr nach, hin und her gerissen zwischen erbitterter Wut und einem äußerst lästigen Gefühl von Mitleid. Obwohl sie Michelle ihr Verhalten übel nahm und ihre eigene Lage als ungerecht empfand, verstand sie, was sie meinte. Michelle war nun mal ihre Chefin. Die Tatsache, dass sie einmal Freundinnen gewesen waren, spielte dabei keine Rolle mehr.

Und was die schrecklichen Dinge betraf, die Michelle erlebt hatte, so überstiegen die ihre Vorstellungskraft. Es war daher unmöglich, sie nachzuvollziehen, doch ein wenig Mitleid zu zeigen konnte nicht schaden.

Sie seufzte. Wem versuchte sie etwas vorzumachen? Und wie ihr das schaden konnte. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie es nicht versuchen würde.

8. KAPITEL

„Warum hat dich deine Mutter eigentlich Mango getauft?“, fragte Michelle keuchend. „Hat sie ein Faible für Früchte? Hast du vielleicht eine Schwester, die Nektarine heißt?“

Der Schmerz schoss in Wellen durch ihre Hüfte, über ihre gesamte Seite und das Bein hinab. Mango – ein großer, gefährlich aussehender, dunkelhaariger Typ mit der Seele eines Teufels – grinste sie an.

„Das ist mein Nachname“, sagte er gelassen und gab mehr Spannung auf die Maschine. „Komm, noch fünf Mal.“

Ihre schweißnassen Hände glitten von den Griffen ab.

„Ich kann nicht.“ Sie war am Ende ihrer Kräfte – und kurz davor, um Gnade zu betteln.

„Doch, du kannst. Du willst nur nicht, das ist ein Unterschied.“

„Irgendwann bring ich dich um.“

Mango klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter. „Wenn ich jedes Mal, wenn das jemand zu mir sagt, ein Fünf-Cent-Stück bekäme, wäre ich längst ein reicher Mann. Komm, fünf noch, Michelle. Bring mich nicht dazu, meine strenge Physiotherapeuten-Stimme einzusetzen. Die wird dir nicht gefallen.“

Wenn ihre Kraft es zugelassen hätte, hätte sie ihm glatt eine runtergehauen. Sie wusste, wie man so zuschlug, dass ein blauer Fleck blieb. Das war einer der Vorteile ihrer Militärausbildung, zwar nicht der offiziellen, aber einer sehr nützlichen. Natürlich war Mango stark genug, um sie im Gegenzug zu zerkrümeln wie einen Keks.

Sie fragte sich, weshalb ein Typ wie er als Physiotherapeut arbeitete statt – wie hatte Carly gesagt? – für irgendeinen Geheimdienst, der Leute mit Kugelschreibern um die Ecke brachte.

„Hör auf, Zeit zu schinden.“

Sie fluchte, hob aber ihr rechtes Bein drei weitere Male an, bis ihr schwindlig und leicht schwarz vor den Augen wurde.

Schneller, als sie es jemals für möglich gehalten hätte, holte Mango sie aus dem Trainingsgerät und drückte ihren Kopf nach unten.

„Atme“, befahl er. Seine riesigen Hände hielten sie so fest, dass sie wusste, sie würde nicht aufrecht sitzen können, ehe er sie losließ. „Von mir aus kannst du dich übergeben, aber ohnmächtig wirst du mir nicht.“

„Ist das reine Information oder ein Befehl?“, fragte sie zwischen zwei Atemzügen.

„Beides.“

Sie atmete tief durch. Langsam nahm der Raum um sie herum wieder Kontur an. „Mir geht’s gut.“

Er ließ sie los. „Mir geht’s besser.“

Sie lehnte sich gegen das Trainingsgerät und versuchte zu lächeln. „Da bin ich mir sicher. Aber das ist mir jetzt gerade so ziemlich scheißegal.“

„Das wird sich schon noch ändern.“

„Vielleicht.“

„Charmant, das mögen Männer bei einer Frau. Warum machst du deine Übungen zu Hause nicht?“

„Gibt es irgendwen, der die macht?“

„Leute, die wollen, dass es ihnen bald besser geht, finden die Zeit dafür. Wen muss ich drohen anzurufen, damit du kooperierst?“

„Niemanden.“ Sie stand auf und wandte ihm den Rücken zu – hauptsächlich um zu vermeiden, dass er versehentlich Mitleid mit ihr bekam.

„Irgendjemanden muss es doch geben. Freund, Feind? Ich bin nicht wählerisch.“

„Okay, ja, eine Freundin.“ Damaris ging als solche durch. Wenn sie noch ihren nächtlichen Tanz mit der Wodka-Flasche dazunahm, konnte sie sagen, dass sie zwei Freundinnen hatte. Fast schon eine Gang.

„Mach das Stretching, mach deine Übungen. Je mehr du auf mich hörst, desto eher musst du nicht mehr herkommen.“

„Das nenne ich mal eine Motivation.“

Sie griff nach ihrer Krücke. Normalerweise strafte sie sie mit Verachtung, aber nach einer Therapie-Stunde kam sie unmöglich ohne ihre Hilfe hier hinaus.

Mango tätschelte ihr den Arm. „Du machst das schon gut. Mit der Zeit wird es leichter.“

„Das sagst du doch zu allen Frauen.“

Er grinste. „Du bist eine Patientin, keine Frau. Was ich zu denen sage, kriegst du nicht zu hören. Komm, ich begleite dich raus.“

Sie schleppte sich hinter ihm her und umschiffte dabei die Trainingsgeräte und die anderen trainierenden Veteranen – hauptsächlich Männer. Verglichen mit vielen Patienten hatte sie mit ihrer Verletzung Glück gehabt. Sie hatte noch beide Arme und Beine, und jegliches schwelende Trauma war sorgsam in ihrem Inneren verborgen, wo nur sie es sah.

Da sie sich damit jedoch nicht beschäftigen wollte, erlaubte sie sich, ihren Blick auf Mangos Hintern zu richten. Er war beeindruckend – so hoch und knackig. Der Po eines Athleten. Sie wettete, dass er gut aussah, wenn er nackt war. Nun ja, nicht dass sie sich vorstellen konnte, sich jemals wieder für nackte Männer zu interessieren.

„Bis nächste Woche“, sagte Mango. „Komm nicht zu spät.“

„War ich etwa heute zu spät?“

„Nein, aber ich will mir keine falschen Hoffnungen machen.“

Sein lockeres Grinsen war ansteckend. Sie stellte fest, dass sie unumwunden zurückgrinste, trotz des steten Pochens in ihrer Hüfte.

Als sie in Richtung Ausgang humpelte, blieb sie kurz stehen, um das Schwarze Brett neben der Tür zu studieren. Dort hingen alle möglichen Anzeigen, so das Übliche, Dinge, die zum Verkauf standen, Mitfahrgelegenheiten und Katzenbabys, die jemand abzugeben hatte. Sie überflog sie alle, auf der Suche nach einem Zimmer, das zu vermieten war.

Angesichts der finanziellen Schwierigkeiten, in denen das Inn steckte, durfte sie nicht einfach dortbleiben und eins der Zimmer nutzen, das sie andernfalls jede Nacht vermieten konnten. Außerdem wollte sie nicht so nahe bei Carly wohnen. Eine ganze Wohnung benötigte sie zurzeit nicht. Sie hatte vor, die nächsten Monate jede Menge Überstunden zu machen, da genügte ein Zimmer vollauf. Die Schwierigkeit bestand jedoch darin, eins zu finden, das nicht zu weit weg war. Sie war bereit, einen gewissen Anfahrtsweg in Kauf zu nehmen, doch alles, was mehr als vierzig Minuten entfernt lag, war zu weit.

Sie war schon kurz davor, aufzugeben, als sie eine kleine Karteikarte sah, auf der ein Zimmer auf Blackberry Island zur Miete angeboten wurde. Die Straße lag nur ein paar Kilometer vom Inn entfernt. Es wurde zu solch einem Schleuderpreis vermietet, dass sie sich fragte, ob sie den Raum mit krabbelnden Mitbewohnern würde teilen müssen. Dennoch tippte sie die Nummer in ihr Handy und rief an.

„Tenly?“

„Ja, hallo, ich rufe wegen des Zimmers an. Ich habe die Anzeige in der Veteranen-Reha gesehen.“

Der Mann am anderen Ende schwieg einen Moment. „Soll das Zimmer für Sie sein?“

„Ja.“

„Es ist eine Art kleine Einliegerwohnung. Es hat keinen privaten Eingang, aber es liegt direkt neben der Küche am Hintereingang des Hauses. Sind Sie mit der Insel vertraut?“

„Ich bin dort aufgewachsen. Michelle Sanderson.“

„Vom Blackberry Island Inn.“

Sie war nicht überrascht, dass er das wusste. Die Insel war klein genug, dass die meisten Leute einander kannten. Es gab nur eine Schule, auf die alle Kinder bis vierzehn Jahre gingen. Danach wurden sie mit dem Schulbus in die nächstgelegene Highschool auf dem Festland gebracht.

„Jared Tenly.“

Sie erkannte den Namen wieder, konnte ihm jedoch kein Gesicht zuordnen. Wenn sie hätte raten müssen, hätte sie gesagt, dass er ein paar Jahre älter war als sie.

„Seit wann bist du zurück?“

„Einige Monate. Auf der Insel bin ich seit letzter Woche.“

„Da du in der Veteranen-Reha in Behandlung bist, wurdest du wohl verletzt.“ Er hielt inne. „Okay, du kannst dir das Zimmer ansehen, wenn du willst.“

„Wie wäre es jetzt gleich?“

„Jetzt gleich passt gut.“

„Dann bin ich in einer halben Stunde da.“

„Ich warte hier.“

Michelle warf sich den Rucksack über die Schulter, rutschte vom Sitz des Wagens und gab sich dabei Mühe, die Hauptlast ihres Gewichts mit dem rechten Bein abzufangen. Dennoch raubte der Aufprall ihr den Atem und sie keuchte auf. Beim Gedanken daran, sich zu übergeben, erinnerte sie sich an Mango und sie wollte lachen. Bei dieser Kombination an Emotionen musste sie jedoch husten und würgen, als hätte sie sich verschluckt.

Als sie die Kontrolle über sich zurückerlangt hatte, betrachtete sie prüfend den Fußweg, der zum Haus führte. Es waren nur fünf oder sechs Meter. Missmutig schüttelte sie den Kopf und nahm ihre Krücke. Tanzen werde ich wohl in näherer Zukunft nicht, dachte sie. Im Moment wäre sie schon heilfroh, herumlaufen zu können, ohne dass die Leute auf sie zeigten und sie anstarrten. Wenigstens war das Haus eingeschossig – sie konnte sich nicht vorstellen, sich am Ende eines langen Tages auch noch mit Treppenstufen abzukämpfen. Es war schlimm genug, dass sie die im Inn hoch- und runterlaufen musste.

Sie stützte sich schwer auf die Krücke, humpelte um den Pick-up herum und die Einfahrt hinauf, um nicht den Bordstein erklimmen zu müssen. Das Haus mit seiner breiten Veranda und den dekorativen Dachgauben sah aus, als wäre es in den späten Vierzigern erbaut worden. Sein vermutlich ehemals hellblauer Anstrich hatte sich mit den Jahren in einen gräulichen Farbton verwandelt. Die Fenster waren sauber genug, um nicht Furcht einflößend zu wirken, blitzten jedoch auch nicht so sehr, dass sie Sorge haben müsste, Jared Tenly sei einer dieser seltsamen Typen, die besessen davon waren, alles zu putzen, was in Reichweite war.

Sie hatte gerade die Hälfte des Aufstiegs geschafft, als die Haustür aufging und ein Mann heraustrat. Bei seinem Anblick blieb sie stehen.

Er war groß – mindestens eins fünfundneunzig –, hatte wuscheliges blondes Haar und breite Schultern. Sie selbst maß einen Meter sechsundsiebzig und er überragte sie um einiges. Unter normalen Umständen hätte sie das vermutlich nicht gekümmert, doch mit ihrer Hüfte und in ihrem erschöpften Zustand fühlte sie sich verletzlich und schnell bedroht.

Sein Gesicht war eher interessant als besonders gut aussehend, aber er hatte sehr schöne blaue Augen. Wenn sie sie mit einem Wort beschreiben müsste, würde sie sagen liebenswürdig. Er trug die übliche Uniform der Männer aus der Gegend, ein ausgewaschenes kariertes Hemd, das in einer abgewetzten Jeans steckte.

„Michelle?“

Sie nickte.

Er musterte sie von oben bis unten, dann verweilte sein Blick kurz auf ihrer Krücke. „Wir gehen hinten rum.“

Er sprang leichtfüßig die Verandastufen hinunter, seine Schritte waren groß und Raum einnehmend. „Das Zimmer ist auf der Rückseite des Hauses.“

Er ging voraus und hielt das Gartentor für sie auf. Von dort aus konnte sie eine Rampe erkennen, die zur Hintertür führte.

„Die war für deinen Vormieter“, sagte er.

Glück gehabt. Eine Rampe kam sie leichter hoch als Stufen. Zumindest momentan.

Sie gingen hinein.

Die Küche schien vor ungefähr zehn Jahren neu gemacht worden zu sein. Die zahlreichen Schränke waren aus Holz, der Herd sah aus, als würde er nicht sehr häufig benutzt. Der PVC-Boden hatte ein paar Kratzer, sah aber sauber genug für ihre Wohlfühlansprüche aus. Sie war keine Sauberkeitsfanatikerin, hatte jedoch eine Abneigung gegen alles, was kroch oder krabbelte.

„Wohn- und Esszimmer sind da drüben“, sagte er und deutete auf eine Tür am Ende der Küche. „Willst du sie dir ansehen?“

„Gibt es dort irgendwas Beachtenswertes?“

„Nein.“

„Dann brauche ich sie nicht zu sehen.“

Er führte sie in die entgegengesetzte Richtung, einen schmalen Flur entlang, öffnete eine Tür auf der linken Seite und zeigte ihr einen Haushaltsraum, in dem sie eine Waschmaschine und einen Trockner entdeckte. Danach betraten sie das Schlafzimmer im hintersten Teil des Hauses.

Es hatte eine annehmbare Größe. An der einen Seite stand ein Doppelbett, an der anderen eine Kommode mit einem Fernseher darauf. Sie sah sich den Schrank an und dann das kleine Badezimmer. Der Anblick der Dusche beruhigte sie. Wenigstens würde sie nicht jeden Tag in eine Wanne steigen müssen.

Zuletzt gingen sie zurück und traten durch einen Bogengang in den Wintergarten. Vor den deckenhohen Fenstern standen zwei Stühle mit Blick auf den hinteren Garten. Eine Wiese führte hinab zu den stahlgrauen Wellen des Sunds, die ans Ufer schwappten.

Die Räume waren groß genug für ihre Zwecke, zudem sauber. Und die Nachbarschaft war ruhig.

Sie wandte sich zu ihm um. „Was machst du so beruflich?“

„Ich habe ein paar Boote und biete Sportfischen und Rundfahrten an.“

Ein Saisonjob, dachte sie, wohl wissend, wie lang und finanziell karg die Winter sein konnten. Eine Zimmermiete sicherte ihm ein klein wenig mehr monatliches Einkommen. Wer hatte das nicht gern?

„Ich nehme es“, sagte sie. „Gibt es irgendeinen Vertrag, den ich ausfüllen soll?“

„Nein. Gib mir einfach einen Scheck, ich vermiete monatsweise. Hast du eine Ahnung, wie lange du bleiben willst?“

„Den Sommer über“, sagte sie, ließ ihren Rucksack auf das Bett fallen und durchwühlte ihn, bis sie ihr Scheckbuch hatte. Sobald im Inn weniger los wäre, würde sie sich eine feste Bleibe suchen.

Sie fand einen Stift und fing an zu schreiben.

Als sie fertig war, sah sie ihn an.

„Ich koche nicht“, sagte sie.

„Ich auch nicht. Im Kühlschrank ist jede Menge Platz für alles, was du gerne darin aufbewahren willst. Außerdem habe ich noch ein paar leere Schränke. Ich lasse sie offen, damit du siehst, welche es sind. Ansonsten, keine Drogen, keine lauten Partys.“

„Kein Problem. Für beides werde ich keine Zeit haben.“

„Gut zu wissen.“

Sie hielt ihm den Scheck hin. „Und ich werde nicht mit dir schlafen.“

Er zog eine Augenbraue hoch und musterte sie von oben bis unten. „Du bist gar nicht mein Typ.“

„Nur damit das zwischen uns klar ist.“

„Für mich ist das glasklar.“

Sie übergab ihm den Scheck.

Er nahm ihn entgegen und fischte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche. „Hier, bitte.“

Sie schloss die Finger um das kühle Metall.

„Ist heute schon Einzug?“, fragte er. „Nur damit ich mich rechtzeitig unter Kontrolle habe.“

Er nahm sie auf den Arm. Sie hätte ihm auf der Stelle eine Retourkutsche geben sollen, doch ihr fiel nichts Schlagfertiges ein.

Sie wusste, was er dachte, dass sie nicht hübsch, nicht weiblich genug war. Sie war nie besonders mädchenhaft gewesen, und mit ein paar Tausend Soldaten zusammenzuleben hatte diese Tendenz noch verstärkt. Momentan konnte sie sich nicht vorstellen, sich jemals wieder für Kleidung oder manikürte Fingernägel zu interessieren. Die einzigen Ziele in ihrem Leben waren gerade, das Inn zu retten und keine Schmerzen mehr zu haben. Wenn sie nur mal eine einzige Nacht richtig schlafen könnte, wäre sie schon glücklich.

„Entweder heute oder morgen“, sagte sie. „Ich hab ein paar Dinge zu erledigen.“

„Brauchst du Hilfe mit deinen Sachen?“

„Nein danke.“

„Schön. Dann sehen wir uns.“

Sie nickte und wandte sich zum Gehen.

Plötzlich verfing ihr Fuß sich im Teppich und blockierte ihren Schritt, sodass sie unweigerlich ihr Gewicht verlagern und die verletzte Hüfte belasten musste. Sofort durchfuhr sie ein Schmerz, der sich anfühlte, als würde sie von mehreren Glasscherben zugleich geritzt. Er raubte ihr den Atem und zwang sie fast in die Knie. Nur ein fester Griff um ihre Oberarme hinderte sie am Fallen.

Sie schnappte nach Luft und heulte beinahe auf vor Schmerzen.

„Es geht schon“, gelang es ihr hervorzubringen. Sie verlagerte ihr Gewicht wieder auf das gesunde Bein und richtete sich auf.

Jared wartete, bis sie einen sicheren Stand hatte, dann ließ er sie los.

Sie hätte erwartet, dass er etwas sagte, ihr anbot, sie zum Wagen zu begleiten, oder ihr riet, zum Arzt zu gehen. Stattdessen schwieg er. Vielleicht mischte er sich nicht gerne ein. Vielleicht wusste er aber auch, dass sie da alleine durchmusste.

Sie schaffte es bis zur Tür, da warf sie ihm einen Blick über die Schulter zu. „Danke. Wir sehen uns.“

„Ich bin hier.“

Sie nickte und ging.

Als sie wieder im Auto saß, betrachtete sie das Haus. Von außen machte es nicht viel her, doch in ihrer Situation war es genau das Richtige. Ein Ort, an den sie sich zurückziehen und ihre Wunden lecken konnte. Ein Ort, an dem sie niemandem etwas vorspielen musste. Ein Ort der Zuflucht.

9. KAPITEL

Carly hatte viele Stunden ihres Lebens auf dem Besucherstuhl vor Brendas Schreibtisch verbracht. Sie hatten über die Arbeit gesprochen, über ihre Pläne für das Inn, und manchmal hatte Brenda sie angeschrien.

Diese Gespräche waren oft lang und unerfreulich gewesen. Brenda hatte geschimpft und gezetert, sie mit Schimpfworten bedacht und damit gedroht, sie zu feuern, bis sie heiser wurde. Carly war stets ruhig geblieben, hatte nur ein paar Worte zu ihrer Verteidigung eingeworfen und das Ganze ansonsten über sich ergehen lassen. In Tränen auszubrechen hätte bedeutet, Brenda einen Sieg zuzugestehen.

Obwohl sie seit drei Monaten nicht mehr unter ihnen war und sie jetzt einen Zweijahresvertrag hatte, spürte sie, wie ihre Nerven flatterten, als sie den vertrauten Raum betrat.

Sie selbst hatte ihn äußerst selten genutzt. Sie zog es vor, den Papierkram in einem sehr viel kleineren Büro hinter der Wäschekammer zu erledigen. Das Gefühl von Sicherheit und Privatsphäre machte das Fehlen von Fenstern und antiken Möbeln mehr als wett.

Michelle, die immer noch blass und dünn aussah, forderte sie mit einer Handbewegung auf, sich zu setzen. Carly beäugte den Stuhl und fragte sich, ob sie ihn jemals wieder würde anschauen können, ohne sich an Brendas Geschrei zu erinnern. Für den Moment würde es genügen müssen, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass Michelle nicht ihre Mutter war und dass sie hier gebraucht wurde.

„Danke hierfür“, sagte Michelle und wedelte mit den Blättern, die Carly ihr gegeben hatte. Darauf waren die Aufgaben aller Angestellten, inklusive ihrer eigenen, sowie die ungefähre Anzahl der jeweiligen Arbeitsstunden aufgelistet.

„Ich werde die Geschäftsbücher der letzten paar Jahre durchgehen und schauen, wo das ganze Geld hingeflossen ist“, fuhr Michelle fort. „Nach dem, was ich bisher rausfinden konnte, hatte das Inn jede Menge Gäste, aber die Renovierungen haben einen dicken Batzen verschlungen.“

Michelles Blick fiel auf ihr Handgelenk, an dem neben ihrer Uhr eins von Brendas Bettelarmbändern baumelte.

Carly verkrampfte sich innerlich. Brenda hatte ihr all ihre persönliche Habe vermacht. So stand es in dem Testament, das sie zum ansässigen Notar getragen hatte, um es mit ihm zu besprechen. Der hatte ihr klargemacht, dass Brenda nie das Recht gehabt hatte, ihr einen Anteil am Inn anzubieten.

Sie hatte Brendas Habseligkeiten zusammengepackt und sie einlagern lassen, Kleidung, Bücher, Papiere. Die intimen Gegenstände eines ganzen Lebens. Obwohl Brenda sie beauftragt hatte, sich um sie zu kümmern, war Carly sich nicht sicher gewesen, was sie mit ihnen tun sollte. Schließlich war Michelle Brendas Tochter. Sie sollte diejenige sein, die darüber entschied.

Brenda hatte ihr auch ihren gesamten Schmuck hinterlassen, der über die Jahre zu einer stattlichen Sammlung angewachsen war, hübsche Ringe und Ohrringe, ein paar Ketten und ihre Bettelarmbänder.

Carly hatte jedoch den größten Teil davon ebenfalls weggepackt und nur wenige Stücke genommen – die mit den guten Erinnerungen. Rechtlich gesehen könnte sie alles behalten, das hatte Brenda in ihrem Testament eindeutig so bestimmt. Doch es erschien ihr nicht richtig.

In diesem Moment wurde sie sich des Armbands an ihrem Handgelenk überdeutlich bewusst. Am liebsten hätte sie es mit der anderen Hand bedeckt und Michelle alles erklärt.

„Ich muss der Sache mit dem Geld nachgehen“, sagte Michelle. „Das wird ein paar Tage dauern, vielleicht eine Woche.“ Sie warf einen Blick auf die Liste. „Du hast ganz schön viele Aufgaben.“

„Ich halte mich gerne beschäftigt.“

„Zerreißt du dich nicht eher?“

„Ich springe eben da ein, wo ich gebraucht werde.“

„Du bist gut im Umgang mit den Gästen.“

Carly neigte den Kopf. Sie war sich sicher, nicht richtig gehört zu haben. „Wie bitte?“

„Ich habe viele Gästebucheinträge gelesen und mit ein paar Leuten gesprochen.“

„Damaris war wohl eher nicht darunter“, murmelte sie, ehe sie sich zurückhalten konnte.

Michelle überraschte sie mit einem Lächeln. „Damaris nicht, aber andere Leute, die hier arbeiten. Alle mögen dich.“

Carly wartete einen Moment, doch es folgte keine vernichtende Kritik. „Ich mache meine Arbeit gern“, gab sie schließlich zu. „Und der Kontakt zu den Gästen macht mir am meisten Spaß.“

„Dann passt das ja. Ich glaube nämlich, du solltest den Großteil des Tages damit verbringen, dich um die Gäste zu kümmern. Da kommt unser Geld her. Den Arbeitsplan im Geschenkeshop modeln wir um.“

Carly grübelte über den Shop und seufzte. „Er bringt nicht viel ein, oder?“

„Ich habe mir die Einnahmen noch nicht im Detail angesehen, aber nein. Was zum Teufel hast du dir nur dabei gedacht?“

Wieder ganz die alte Michelle, fand Carly. „Was ich mir dabei gedacht habe, ist, dass deine Mutter unbedingt einen Geschenkeshop aufmachen wollte – und nein, ich konnte ihr das nicht ausreden und du hättest das genauso wenig gekonnt. Meine Idee war gewesen, einen Verkaufsbereich in der Lobby einzurichten, in dem wir Snacks, Toilettenartikel und ein bisschen lokalen Krimskrams anbieten. Aber sie hat Barty den Anbau entwerfen lassen, den du jetzt hier siehst.“

„Barty?“

„Der Bauunternehmer.“

„Meine Mutter hat mit einem Typen namens Barty geschlafen?“

Carly grinste. „Ich glaube, das war sein Familienname.“

„So wie Mango? Was haben die nur alle für Nachnamen?“

„Mango?“

„Ach, vergiss es. Dann haben wir diese Monstrosität also Barty zu verdanken. Ich hab keine Ahnung, was wir damit machen werden. Vielleicht alles ausverkaufen, ich muss das mal durchrechnen. Ich frage mich nur, wofür wir den Platz sonst nutzen können.“

„Der Geschenkeshop könnte durchaus profitabel sein, wenn wir ein besser ausgewähltes Sortiment hätten.“

„Trotzdem konkurrieren wir mit den Geschäften in der Stadt.“

„Aber mit unseren Gästen haben wir ein dankbares Publikum. Warum sollten sie in die Stadt gehen, wenn sie etwas kaufen wollen, wenn sie es auch hier bekommen können? Da der Geschenkeshop Teil des Hotels ist, zahlen wir keine hohe Miete. Wir könnten also vielleicht die Marge verringern und die Sachen ein bisschen billiger verkaufen als alle anderen.“

„Ja, das könnte funktionieren.“

„Wie bitte? Entschuldige, ich fall mal kurz vom Stuhl.“

Michelle blickte sie belustigt an. „Es ist dir durchaus erlaubt, gute Ideen zu haben. Du hast es geschafft, beinahe ein Jahrzehnt lang mit meiner Mutter zusammenzuarbeiten. Das bedeutet, du bist entweder wirklich tough oder verdammt dickköpfig.“

„Vielleicht beides“, erwiderte Carly, die sich niemals als tough empfunden hatte. Doch der Gedanke gefiel ihr.

„Ich werde das durchrechnen. Das Ganze ist nur eine Sache von Zahlen.“ Michelle reichte ein Blatt Papier über den Schreibtisch.

Carly nahm es entgegen.

In einer ordentlichen Tabelle waren die Arbeitsbereiche aufgeführt, die im Inn anfielen – Restaurant, Rezeption, Hauswirtschaft, Geschenkeshop –, und die entsprechenden Arbeitsstunden. In den Kästchen daneben waren verschiedene Namen eingetragen.

„Das ist ein Arbeitsplan“, sagte Carly, erfreut zu sehen, dass er demjenigen ähnelte, den sie geführt hatte, nur mit wenigen Änderungen. Vor allem, was ihre Stundenzahl betraf. Sie war erheblich niedriger.

„Der sehr viel einfacher auf dem Computer zu erstellen ist“, sagte Michelle. „Wie kommst du nur durchs Leben, ohne zu wissen, wie das funktioniert?“

„Ich weiß, wie so was geht“, erwiderte Carly. „Ich habe einen BWL-Kurs an der Volkshochschule absolviert. Aber Brenda wollte das alles lieber selbst machen. Als sie krank wurde, bot ich ihr an, das zu übernehmen, sie hat abgelehnt.“

„Also weißt du, wie man einen Computer benutzt?“

„Ja.“

„Das ist doch mal was. Kannst du bitte alle über den neuen Arbeitsplan informieren?“

„Klar.“

„Dann sind wir wohl durch fürs Erste.“

Carly stand nicht auf.

So ungern sie es zugab, Michelle hatte sich vollkommen vernünftig gezeigt. War das nur ein vorübergehendes Phänomen oder konnte sie von nun an auf eine Chefin zählen, die ausgeglichen war und nach rationalen Gesichtspunkten handelte? Das war ein berauschender Gedanke.

„Hast du noch was auf dem Herzen?“, fragte Michelle.

„Ein paar Dinge, die alle zusammenhängen.“

Michelle lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Schieß los.“

„Wie geht es dir?“

„Darüber reden wir hier nicht.“

Die Antwort kam schnell und energisch. Michelle lenkte ihre Aufmerksamkeit sogleich wieder dem Computer-Bildschirm zu. Carly war sich nicht sicher, ob ihre Arbeit so interessant war oder ob es sich um einen Abwehrmechanismus handelte. Sie vermutete Letzteres.

„Du bist erschöpft“, fuhr Carly fort. „Ich weiß, was im Inn zu tun ist, ich kann dir helfen.“

„Erledige deine Arbeit, das hilft mir am meisten.“

„Das ist alles? Mehr hast du nicht zu sagen?“

Michelle rollte mit den Augen. „Was willst du denn noch? Willst du hören, dass ich ohne dich verloren wäre? Dass du mich ideal ergänzt? Dass es großartig ist, mit dir zusammenzuarbeiten? Ich weiß nicht, wie das mit uns laufen wird.“

„Das heißt, wenn die Bank dich nicht zwingen würde, mich zu behalten, würdest du mich hochkant rausschmeißen?“

„Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Jedenfalls habe ich keinen Grund, dir zu vertrauen.“

Carly hätte gerne angemerkt, dass es in Wahrheit genau andersherum war. Sie war diejenige, die Michelle nicht vertrauen konnte.

„Ob du mir nun vertraust oder nicht, du brauchst mich. Du hast mir offen gesagt, wie die Dinge hier stehen, also mache ich jetzt das Gleiche.“ Sie stand auf. Zum einen, um sich ein Gefühl von Macht zu verschaffen, zum anderen, um schneller die Flucht ergreifen zu können. „Du musst dich besser anziehen.“

Michelles Gesichtsausdruck wurde hart und unter ihrem linken Auge zuckte ein Muskel.

„Wie bitte?“

„Du hast mich schon verstanden. Dies ist ein Unternehmen, in dem wir mit unseren Kunden persönlich in Kontakt kommen. Deine Shirts hängen labberig an dir runter und diese Cargo-Hosen, die du trägst, sind potthässlich. Sie sind schmutzig und voller Flecken und sie rutschen dir beinahe von den Hüften. Du musst dich professioneller kleiden.“

Langsam schien Michelle zu begreifen, was sie sagte. Sie stützte die Hände auf den Schreibtisch und lehnte sich vor.

„Raus hier.“

Carly ließ sich nicht unterkriegen. „Du vermittelst unseren Gästen einen falschen Eindruck.“

„Raus.“

„Lass dir die Haare schneiden und versuch’s mal mit ein bisschen Make-up.“

„Raus hier, habe ich gesagt!“

Die letzten Worte stieß Michelle in einer derartigen Lautstärke aus, dass beinahe die Fenster wackelten.

„Schön, ich gehe. Aber du weißt, dass ich recht habe.“

Immer noch schäumend vor Wut über ihren Zusammenprall mit Carly marschierte Michelle in den warmen Nachmittag hinaus. Okay, marschieren war nicht gerade das richtige Wort. Sie ging vielmehr langsam, humpelnd, doch innerlich schritt sie energisch aus.

Sie trat ins wässrige Sonnenlicht und ließ sich von der friedlichen Stille beruhigen, die draußen herrschte. Im Gehen spürte sie leider, wie ihr die Cargo-Hose die Hüften herunterrutschte, was sie erneut an Carly erinnerte und bei ihr den Wunsch weckte, laut loszuschreien. Dabei war sie nie ein Schreihals gewesen.

Sie hätte gerne Carly die Schuld gegeben, doch sie wusste, dass sie gegen etwas sehr viel Größeres ankämpfte als eine nervige Freundin. Nervige ehemalige Freundin. Und, Teufel noch mal, Carly hatte recht, was die Klamotten und ihr Erscheinungsbild betraf. In Wahrheit schämte sie sich schon beinahe für ihr Aussehen. Sie vermied es regelrecht, in den Spiegel zu schauen – was in diesen Tagen keine große Herausforderung war, in ihrem Badezimmer hing nur ein ganz kleiner. Dennoch war ihr bewusst, dass sie schlimm aussehen musste.

Michelle betrachtete die weitläufige Wiese und fragte sich, ob sie stabil genug war, um mit der unebenen Grasfläche klarzukommen. Von dort fiel ihr Blick auf die Margeriten. Es waren so fröhliche Blumen und zugleich gingen sie ihr ungemein auf die Nerven.

Der Ruf eines Kranichs zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die Natur ganz allgemein ging ihr auf die Nerven, mit all ihren Margeriten und Vögeln und …

Sie fokussierte ihren Blick, als sie bemerkte, dass am anderen Ende der Wiese, wo die Bäume standen, drei oder vier Kraniche mit ihren klauenartigen Füßen durch das Gras auf etwas zustaksten, das sie nicht sehen konnte.

Da es wohl als Training durchging und somit Mango glücklich machen würde, wenn sie im Gras lief, machte sie sich auf, um herauszufinden, was die Vögel da trieben. Der Nachmittag war relativ warm, es herrschten beinahe um die zwanzig Grad, und draußen zu sein war … angenehm.

Sie ging langsam, ließ sich Zeit und achtete darauf, keine unbedachten Bewegungen zu machen. Als sie nur noch drei, vier Meter entfernt war, wurde ihr klar, dass die Kraniche ihre Aufmerksamkeit auf Carlys Tochter richteten. Oder vielmehr auf den kleinen Teller mit Keksen, der neben ihr auf der Decke lag.

Das Mädchen las, seine Augen waren starr auf das Buch gerichtet. Michelle betrachtete einen Moment lang sein blondes Haar und den zarten Körper. Es fiel ihr immer noch schwer zu glauben, dass Carly ein Kind hatte, doch hier war der lebende Beweis.

Während sie die Situation beobachtete, wurde ihr plötzlich klar, dass Gabby keineswegs las, sondern vollkommen erstarrt war. Sie hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen und atmete hastig. Michelle erkannte die Symptome der Angst, aber sie brauchte einen Augenblick, um den Grund dafür zu erkennen.

Die Kraniche.

Wie jeder andere Schüler auf der Insel hatte Michelle sie im Biologieunterricht durchgenommen. Sie wusste, dass die Puget-Sound-Kraniche eher klein waren – vielleicht einen Meter hoch – und dass sich ihre taubengrauen Körperfedern zur Schwanzspitze hin beinahe zu einem Blau-Grau verdunkelten, dass sie jedes Jahr im Winter in den Süden zogen und dass sie während der Brutzeit paarweise zusammenlebten.

„Hey“, sagte Michelle sanft, ehe sie sich zurückhalten konnte.

Gabby zuckte zusammen und sah auf. Die Kraniche hoppelten weg.

„Was machst du hier?“, fragte das Mädchen.

„Ich bin rausgekommen, weil ich es drinnen nicht mehr ausgehalten habe. Geht dir das manchmal auch so?“

Gabby beäugte sie misstrauisch. „Kann schon sein.“

Michelle sah zu den krächzenden Kranichen hinüber. Der mutigste der drei näherte sich wieder den Keksen. „Als ich ungefähr so alt war wie du, hatten die Kraniche es mal auf mich abgesehen. Den ganzen Sommer lang haben sie mich vollgekackt. Das war echt ekelhaft.“

„Wirklich?“

Michelle nickte. „Es ist schwer, ihnen aus dem Weg zu gehen.“

„Ich weiß. Wir haben hier dauernd Wissenschaftler, die sie studieren.“

„Haben die schon rausgefunden, wie man sie davon abhält, Leute vollzukacken?“

Gabby lächelte. „Nein.“

„Immer geht es nur um Zahlen. Wahrscheinlich erforschen sie nur, wie viele es gibt, wie viele Eier sie legen und so was.“

Gabbys Lächeln wurde breiter. „Ja, genau das tun sie. Du solltest mal mit Leonard sprechen, der weiß alles über sie. Dann kannst du ihn auch wegen der Kacke fragen.“

„Ein guter Gesprächseinstieg: ‚Hey, Leonard. Du, ich wollte mal mit dir über die Kranichkacke reden.‘“

Gabby kicherte.

Michelle deutete auf die Kraniche. „Hast du Angst vor ihnen?“, fragte sie geradeheraus.

Das Mädchen wurde ernst. „Die verfolgen mich ständig.“

„Du hast Kekse, sie wollen nur Futter.“

„Nicht immer, manchmal bin ich auch einfach nur so draußen.“

Michelle schielte auf die Decke und überlegte, sich hinzusetzen. Das Problem war nur, dass sie nicht wusste, wie sie hinterher wieder auf die Beine kommen sollte. Es würde wohl keinen besonders guten Eindruck auf die Gäste machen, wenn sie auf allen vieren zum Haus zurückgekrochen käme.

„Ich hab mal einen Artikel über Puget-Sound-Kraniche gelesen“, sagte Michelle. „Darin stand, dass sie menschliche Gesichter erkennen und irgendwie den anderen Kranichen von bestimmten Leuten erzählen können. Wenn also jemand gemein zu einem Kranich ist, erfährt die ganze Vogelschar davon.“

„Ich weiß“, sagte Gabby und warf einen Blick auf die Vögel. In ihrem Blick lag mehr als nur leichte Angst. „Die Vogelforscher dachten, nur Krähen könnten Gesichter erkennen, aber dann haben sie rausgefunden, dass unsere Kraniche das auch können. Sie sind was Besonderes.“

„Interessant. Woher weißt du das?“

„Ich bin eben schlau.“

„Und so bescheiden dabei.“

Gabby grinste.

„Okay, dann sagt es also ein Kranich den anderen weiter und so erfährt jeder in der Vogelschar den neuesten Klatsch und Tratsch.“ Michelle zuckte mit den Schultern. „Dich bringen sie anscheinend mit Nahrung in Verbindung. Deshalb hängen sie ständig bei dir rum und versuchen, dich einzuschüchtern – sie wollen, dass du deine Kekse hergibst.“

Gabby riss die Augen auf. „Du hast recht. Immer wenn ich hier draußen lese, nehme ich mir einen Snack mit. Meinst du, wenn ich kein Essen mehr mitbringe, lassen sie mich in Ruhe?“

„Klar, das würden sie schon begreifen. Du bist nicht die einzig Schlaue hier.“

Gabby legte den Kopf schief. „Tut dir dein Bein weh?“

„So ziemlich die ganze Zeit.“

„Du bist im Krieg verletzt worden, oder? Das hat Mom mir erzählt. Dass du weg warst, um unser Land zu beschützen.“

Michelle verlagerte ihr Gewicht auf das andere Bein, nicht sicher, was sie darauf sagen sollte. Es war ihr unangenehm, wenn Carly nett von ihr sprach. Da war sie alte Schule. Feinde sollten klar definiert sein wie in Comics.

„Ich war bei der Army, ja.“

„Das ist echt nett von dir, danke.“

Trotz des inneren Widerstands, den sie gegen das Kompliment verspürte, berührte die Aufrichtigkeit des Mädchens sie. „Gern geschehen.“

„Nächstes Mal, wenn ich hier rauskomme, nehme ich einen Stuhl mit, dann kannst du dich hinsetzen.“

Michelle lächelte erfreut über die liebe Geste und den Beweis, dass Gabby keine Angst mehr vor ihr hatte. Sie hatte schon genügend Dämonen, mit denen sie leben musste. Vor allem welche, die mit einem anderen kleinen Mädchen zu tun hatten, das an einem weit entfernten Ort lebte.

„Dann bring ich ein Buch mit“, sagte sie, „und wir können gemeinsam lesen.“

10. KAPITEL

„Sie ist so verdammt anstrengend.“

Während sie diese Aussage traf, stellte Carly das Geschirr ins Spülbecken und ließ Wasser darüberlaufen. Robert war zum Abendessen zu ihnen gekommen, so wie er es mindestens alle zwei Wochen tat. Sie genoss die Unterhaltung mit einem Erwachsenen und die Gelegenheit, für einen erwachsenen Gaumen zu kochen. Doch es gab Zeiten, in denen sie eine Freundin vermisste, bei der sie mal Dampf ablassen konnte. Robert war ein typischer Kerl. Es fiel ihm schwer, einfach nur zuzuhören, meistens wollte er das Problem gleich lösen.

„Versteh mich nicht falsch, ich bin froh, dass ich die Stelle habe.“

„Und noch dazu eine sichere“, ließ er sich von seinem Stuhl am winzigen Küchentisch aus vernehmen.

„Das auch. Das vor allem.“

Mit ihrer Gehaltserhöhung und umsichtiger Planung würde sie ihr finanzielles Polster aufbessern können. Und wenn Michelle es wirklich ernst damit war, dass sie weniger Stunden arbeiten sollte, konnte sie endlich ihrem Wunsch nachgehen, einen Abschluss in BWL zu machen.

„Sie wird sich schon noch ändern“, sagte Robert. „Sie war zehn Jahre lang weg und hat viel erlebt.“

„Ich weiß.“

„Und sie hat schwere Verletzungen erlitten.“

Carly seufzte. „Ja, ich sollte wohl geduldiger sein.“

„Du bist nicht die Einzige, die sich erst mal in die neue Situation einfinden muss.“

Sie war nicht gerade begeistert darüber, dass er Michelles Perspektive einnahm, wusste jedoch, dass er nur vernünftig war.

„Ja, das ist ganz schön viel auf einmal“, gab sie zu, tauchte ihre Hände in die Seifenlauge und schrubbte den ersten Teller.

Die vertrauten Handgriffe entspannten sie. In letzter Zeit hatte es zu viele Abende gegeben, an denen sie sich etwas aus der Küche mit nach Hause gebracht hatte, um schnell mit ihrer Tochter zu essen, bevor ihr Abendritual begann. Was auch sonst so am Tag los gewesen war, abends war sie immer zu Hause.

Die unerschöpfliche Liebe, die sie für ihr Kind empfand, erstaunte sie nach wie vor. Carly war nicht gerade glücklich gewesen, als sie herausgefunden hatte, dass sie schwanger war – bereits vor der Hochzeit war es nicht einfach mit Allen gewesen. Sie hatte darüber nachgedacht, alles abzublasen, doch ihre Schwangerschaft machte das unmöglich. Sie hatte schreckliche Angst davor gehabt, alleine zu sein und war – wie sie heute dachte – einen Pakt mit dem Teufel eingegangen, damit es nicht so weit kam.

Sie hatte einen Mann geheiratet, von dem sie wusste, dass er nicht gut für sie war. Im Gegenzug, so hatte sie gedacht, würde sie keine alleinerziehende Mutter sein. Diesen Punkt der Abmachung hätte sie wohl deutlicher machen sollen.

Nicht, dass ich jetzt noch etwas daran ändern wollte, dachte sie, während sie die Teller spülte und sie ins Abtropfgestell stellte. Die ersten Jahre waren härter gewesen, als sie es sich jemals hätte vorstellen können. Die ganze Zeit über hatte sie furchtbare Angst und fühlte sich von der Verantwortung vollkommen erdrückt. Von dem winzigen Gehalt, das sie im Inn bekam, war sie kaum in der Lage, Windeln zu kaufen. Damals war Brenda für sie da gewesen. Sie war Segen und Fluch zugleich.

Brenda hatte befunden, dass sie ein gemeinsames Schicksal einte. Alleinerziehende Mütter, verlassen von ihren Ehemännern. Doch im Gegensatz zu ihr hatte sich Brenda nie Sorgen darüber machen müssen, dass sie genug zu essen bekam, oder sich zwischen Benzin für das Auto und einer Impfung für ihre Tochter entscheiden müssen.

Mit der Zeit hatte sich die Situation gebessert. Carly hatte gelernt, so ziemlich jeden Job im Inn zu machen, und hatte nach und nach mehr Geld verdient. Just in dem Moment, in dem sie beschlossen hatte, dass sie größere finanzielle Sicherheit brauchte, hatte Brenda ihr angeboten, sich zur Miteigentümerin hochzuarbeiten.

„Sie hat mich einfach angelogen“, sagte sie und starrte auf die Seifenblasen. „Genau hier hat sie vor mir gestanden, mir in die Augen gesehen und mir geradewegs ins Gesicht gelogen.“

„Wer? Michelle?“

Carly warf Robert einen Blick zu und schüttelte den Kopf. „Nein, Brenda. All die Jahre über hat sie mir erzählt, ich sei Miteigentümerin. Ich habe ihr geglaubt und fast für nichts gearbeitet.“

Er stand auf, kam zum Spülbecken und legte ihr eine seiner großen Hände auf die Schulter. „Das konntest du nicht wissen.“

„Ich hätte es aber wissen müssen, es schriftlich verlangen sollen. Ich hätte mich von einem Anwalt beraten lassen sollen.“

„Du hast ihr eben vertraut.“

„Ja, weil ich dumm war.“

Es kam ihr vor, als würde das Gewicht seiner Hand sie niederdrücken. Sie hätte seine Berührung gerne mit einem Schulterzucken abgeschüttelt, konnte jedoch keinen Muskel rühren. Spannung baute sich zwischen ihnen auf. Und das nicht im positiven Sinne.

Wir machen das schon viel zu lange, sagte sie sich. So zu tun, als hätten sie eine Beziehung. Nur ohne Sex. Vielleicht, weil sie zu faul waren, eine echte Beziehung mit jemand anderem einzugehen, oder weil sie Angst davor hatten. Wie auch immer, sie hatten es sich in einer Art Halbleben bequem eingerichtet.

„Jetzt wird alles anders“, sagte er.

„Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.“

„Zumindest musst du dir keine Gedanken mehr über einen Umzug machen.“

„Ja, das ist wirklich viel wert. Ich möchte Gabby nicht entwurzeln, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Sie liebt ihr Zuhause.“

Sie duckte sich unter ihm weg, um den Tisch abzuwischen. Die kleine Küche, die sie immer so sehr geliebt hatte, fühlte sich plötzlich beengend an. Sie schielte ins Wohnzimmer und fragte sich, wie sie Robert dazu bewegen könnte, sich auf das Sofa zu setzen oder vielleicht sogar ganz zu gehen.

„Gib der Sache etwas Zeit“, sagte er. „Du und Michelle wart mal Freundinnen. Ihr werdet euch neu kennenlernen.“

„Freundinnen? Das ist Jahre her. Und als sie fortging, waren wir nicht gerade dicke.“

„Ich bin sicher, die Zeit in der Army hat sie verändert.“

Carly wusch den Spüllappen aus und hängte ihn über die Spüle. „Woher willst du das wissen? Du hast sie doch vorher kaum gekannt.“

„Wie soll sich jemand durch einen Krieg nicht verändern?“

Sie hätte gerne gesagt, dass er keine Ahnung hatte, wovon er sprach. Nur, weil er sämtliche Folgen der Serie Band of Brothers gesehen hatte, machte ihn das nicht zum Experten in Militärfragen. Da Robert immer gut zu ihr gewesen war und es in der Vergangenheit so viele Momente gegeben hatte, in denen sie genau das gebraucht hatte, schwieg sie.

Sie betrachtete sein dunkles Haar und seine markanten Gesichtszüge.

Gleich nach der Highschool hatte er angefangen, im Betrieb seiner Familie, einer Autowerkstatt, zu arbeiten. Fünf Jahre lang war er mit demselben Mädchen zusammen gewesen und hätte seine Freundin auch geheiratet, wenn sie nicht zwei Monate vor der Hochzeit bei einem Autounfall ums Leben gekommen wäre. Als sein Vater vor acht Jahren starb, nahm er die Dinge in die Hand und brachte seine Mutter in einer hübschen Eigentumswohnung in North Carolina unter.

Er bezahlte seine Rechnungen pünktlich, sah gerne Sportsendungen im Fernsehen und hatte noch nie in seinem Leben einem anderen Menschen absichtlich wehgetan.

Robert war die Art Mann, aus der gute Ehemänner und noch bessere Väter wurden. Er konnte einen Wasserhahn reparieren, Bruchrechnung erklären und sich ohne allzu großes Murren einen ausländischen Film ansehen.

Eigentlich hätte sie sich nichts mehr wünschen sollen, als mit ihm zusammen zu sein. Aber sie wollte nicht – und er bedrängte sie auch nicht gerade, sich mit ihm zusammenzutun. Und doch verhielten sie sich wie Frau und Mann, die sich beim Essen und beim Abwasch darüber austauschten, was in ihrem Leben so los war.

Egal, wie sehr sie versuchte, sich einzureden, dass er mehr für sie war als ihr ehemaliger Schwager – es gelang ihr nicht.

„Wünschst du dir denn nicht mehr?“, platzte sie heraus. „Als wir miteinander haben, meine ich? Willst du dich nicht verlieben oder dir zumindest eine Frau suchen, mit der du unbedingt schlafen willst? Wir verstecken uns doch beide, Robert. Vor der Welt, vor der Liebe oder was weiß ich. Denkst du nicht, dass wir mehr als das brauchen?“

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