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The Texas Outlaws - Sexy Rodeo um Geld und Leidenschaft (3in1)

Eine Trilogie über drei sexy Brüder, die nach berühmten Gesetzlosen benannt sind. Sie sind alle Rodeostars und auf der Suche nach dem Vermögen, das ihr Vater damals bei einem Bankraub erbeutet hat. Doch die wahre Leidenschaft dieser Bad Boys ist nicht das Geld...

DIE RÜCKKEHR DES BAD BOYS

Dom Paladino ist zurück! Als Sara den unwiderstehlichen Bad Boy in Little Italy wiedersieht, trifft es sie wie der Blitz. Eine heiße Affäre beginnt - bis sie etwas über seine Familie herausfindet, das ein riesiges Dilemma bedeutet: Liebe oder Ehre …

EIN HÖLLISCH HEIßER RITT

Sabrina braucht dringend ein paar sexy Cowboys - natürlich nur als Lockmittel für ihre neugegründete Dating-Website! Privat ist die Unternehmerin überzeugter Single. Bis sie den höllisch heißen Rodeoreiter Billy trifft und gegen jede Vernunft plötzlich selbst schwach wird …

VERBOTEN SEXY

So viele Männer, so wenig Zeit‘ ist Nikkis Lebensmotto. Jedenfalls glauben das alle in der Kleinstadt. Doch Nikki hat ein Geheimnis: Unter ihrem knallengen Tank Top schlägt ein schüchternes Herz. Bis Cole, Bad Boy der Kleinstadt, diesem Geheimnis gefährlich nah kommt …


  • Erscheinungstag: 11.05.2020
  • Seitenanzahl: 432
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745752380
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Jo Leigh, Kimberly Raye

The Texas Outlaws - Sexy Rodeo um Geld und Leidenschaft (3in1)

1. KAPITEL

„Das Übliche für die Paladinos! Zwei große Pizzen, eine mit Salami, eine Veggie, und eine Portion Ziti.“ Ellie strahlte, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen und nicht nur eine Telefonbestellung aufgenommen und an die Küche weitergegeben. An ihre große Schwester Sara gewandt, setzte sie hinzu: „Ich glaube, Dom kommt selbst, um das Essen abzuholen.“

Dom.

Sara spürte, wie ihr das Tablett entglitt und mit dem Geschirr scheppernd auf den Linoleumboden schlug.

Lachend sammelte Ellie die Scherben zusammen. „Hast du heute Seife an den Fingern oder was?“

Jeanette streckte den Kopf um die Ecke. „Alles in Ordnung?“

„Alles gut.“ Sara ging zur Spüle, um das Tablett abzuwischen. Ihr Puls war jäh in die Höhe geschnellt. Ihr Herz raste. Ihr Magen hatte sich verkrampft. Ganz eindeutig konnte sie es sich nicht leisten, an Dominic Paladino zu denken.

Das letzte Mal hatte sie ihn vor sieben Jahren gesehen, am Tag bevor sie an die Universität gegangen war. Hier in Moretti’s Pizza Parlor war es gewesen. Er hatte mit zwei Freunden am Tisch gesessen – das dunkle Haar zurückgegelt, das noch feuchte T-Shirt hatte über seinen breiten Schultern gespannt. Sie hatten gerade das Football-Team vom nächsten Block in Grund und Boden gespielt. Sara blieb in der Küche, während Jeanette die drei bediente.

Jetzt sah sie sich um. Starrte Ellie sie an? Nein, sie war schon weitergegangen. Aus ihrer Sicht hatte Sara ein Tablett fallen lassen, das war alles. Ellie wusste nicht, dass Sara einmal für Dom geschwärmt hatte. Und auch nichts davon, was er gesagt hatte, um ihr Herz in tausend Stücke bersten zu lassen. Sara hatte es immer für sich behalten. Aber zwei Jahre später war ihr Temperament dann doch mit ihr durchgegangen: Sie hatte Rache genommen. Ein Fehler, der sie teurer zu stehen gekommen war, als sie es je für möglich gehalten hätte.

Ellie lachte mit den Gästen. Sara entspannte sich. Das Moretti’s hatte sich kaum verändert. Die Wände waren aus grobem Stein, auf den Tischen lagen rotkarierte Decken. Es war ihr Zuhause, und auch wenn sie mit dem Servieren von Drinks an einem Abend in Washington, D. C., mehr verdient hätte als hier in einer ganzen Woche, war sie doch froh, wieder in New York und in Little Italy zu sein.

„Überrascht, dass Dom immer noch hier ist?“ Jeanette stand hinter ihr.

„Wieso sollte er nicht?“ Sara zuckte die Schultern.

Jeanette starrte das Tablett an und fragte sich vermutlich, ob Sara die Beschichtung abschrubben wollte. Sie arbeitete schon seit über zwanzig Jahren hier, gehörte also praktisch zur Familie. „Alle drei Paladinos sind zu Hause, seit der Vater seinen zweiten Herzinfarkt hatte.“

„Den zweiten? Oh, das tut mir leid.“ Es war Sara ernst. Sie kannte die Paladinos, seit sie denken konnte. Ihre Mom und die von Dom waren schon als Kinder befreundet gewesen.

„Joe ist ein harter Knochen“, bemerkte Jeanette.

„Es wundert mich, dass meine Mom es nicht erwähnt hat.“

Jeanette nahm ihr das Tablett ab. „Willst du dich hier in der Küche verstecken, wenn Dom kommt?“

Sara lachte. „Das scheue Mauerblümchen war einmal – jetzt soll er nur versuchen, mir krumm zu kommen.“

„Ich glaube, ich würde Geld dafür bezahlen, das mit ansehen zu dürfen.“

„Über wen sprecht ihr?“ Ellie war wie aus dem Nichts neben ihnen aufgetaucht.

„Niemanden, den du kennst.“ Sara trocknete sich die Hände ab.

„Ich wette, ich kenne ihn.“

„Dann lass es mich anders sagen: Es geht dich nichts an.“

Ellie schnaubte beleidigt, schnappte sich ein paar Servietten und verschwand wieder nach vorn.

Bis zur neunten Klasse hatte Sara eine katholische Mädchenschule besucht und kaum etwas von Dom gesehen. Das hatte sie jedoch nicht davon abgehalten, heimlich für ihn zu schwärmen – so wie fast alle Mädchen ihrer Klasse.

„Sein Bruder Tony heiratet demnächst.“ Ellie war wieder zu ihnen getreten.

„Wessen Bruder?“

„Entschuldigt mich, Mädels.“ Jeanette rollte mit den Augen. „Ich muss wieder in die Küche, bevor Carlo nervös wird.“

„Der Bruder von Dom natürlich.“ Ellie sah Sara an, als wäre sie nicht ganz zurechnungsfähig.

„Ach, dass ich darauf nicht gekommen bin!“

Ellie überhörte die Ironie. „Ob Dom wohl der Trauzeuge ist? Kannst du ihn dir in einem Smoking vorstellen?“

„Ach Süße.“ Sara seufzte. „Nun sag bloß nicht, dass du für den Mann schwärmst. Meine Güte, er ist ein Jahr älter als ich, und du hältst mich ja schon für scheintot.“

„Was willst du? Du bist fast dreißig!“

„Ich bin gerade einmal siebenundzwanzig, vielen Dank. Aber ich glaube, du hast verstanden, was ich meine.“

Ellie begab sich zu Tisch fünf, an dem einige Jugendliche ein wahres Schlachtfeld hinterlassen hatten. „Hast du je mit Siebzehnjährigen zu tun gehabt? Sie sind einfach ekelig!“

„Und du glaubst, das ändert sich, wenn sie achtundzwanzig sind?“

„Er ist megascharf. Und er sieht nicht so uralt aus.“ Ellie bekam rote Flecken auf den Wangen. Mit ihrem hüftlangen braunen Haar und den großen grünen Augen war sie eindeutig die Schönheit der Familie.

Sara war immer die Intelligente gewesen, aber bisher hatte ihr das nicht mehr eingebracht als ein beinahe abgeschlossenes Master-Studium und einen großen Studienkredit, den sie irgendwann zurückzahlen musste.

„Dann gehe ich recht in der Annahme, dass er noch ledig ist?“ Die Bemerkung trug Sara einen weiteren merkwürdigen Blick ihrer Schwester ein. „Ich meine ja nur, weil du ihn so anschmachtest.“

Ihre Schwester lachte laut auf. „Anschmachten? Meine Güte, Sara! Du klingst wie Nonna.“

Sara holte sich ein paar Salz- und Pfefferstreuer, die nachgefüllt werden mussten. „Weich mir nicht aus!“

„So wie du es getan hast, als ich nach Robert gefragt habe?“

„Mein Gott! Wieso musste ich hierher zurückkommen?“ Sara hörte einen Ruf aus der Küche und eilte hinüber, um die Bestellung für die Familie Cho fertig zu machen. Die meisten ihrer Kunden kamen aus Chinatown, Nolita oder SoHo – den umliegenden Stadtteilen von Little Italy. Sie kamen, auch wenn es andere Pizzerien gab, die dichter für sie gelegen hätten. Gott sei Dank erhielt das Moretti’s immer wieder diese Best in New York – Auszeichnungen.

Nicht, dass sie in Geld badeten. Die Pizzeria brachte genug, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, aber das war auch alles. Glücklicherweise war die Miete immer noch erstaunlich niedrig. Was hätten ihre Eltern machen sollen ohne das Moretti’s? Wie auf dem Firmenschild stolz vermerkt war, befand es sich bereits seit 1931 im Familienbesitz.

Sara dachte an Robert, während sie eine große Pizza in Stücke schnitt und dann die Schachtel schloss. Er war jetzt schon zwei Monate in Rom. Sie telefonierten zwei- oder dreimal die Woche miteinander, aber sie war sich nicht sicher, wo ihre Beziehung im Moment stand. Sie kannte Robert schon seit drei Jahren. Immer hatte er davon geträumt, für die Zeitschrift Inside the Vatican zu schreiben. Das war ihm wichtiger als alles andere, sie eingeschlossen. Natürlich würde er das bestreiten, aber sie wusste es besser.

Sie machte noch zwei Salate fertig und stellte sie mit einer Flasche Mineralwasser auf die Abholtheke. Jeanette nahm gerade eine weitere Telefonbestellung auf. Die Abendschicht hatte kaum begonnen, und schon hatten sie gut zu tun.

Die Glocke über der Eingangstür schlug an.

Nicht Mike Cho trat ein, sondern Dominic Paladino.

Sara schluckte. Für einen Moment war sie wieder dreizehn. Ein flachbrüstiges, unscheinbares Mädchen, das sich zwei ganze Nächte lang die Augen ausgeweint hatte, überzeugt, dass ihr Leben vorbei wäre.

Dom hatte sich verändert. Die Brust war breiter geworden, und sein Gang verriet Selbstbewusstsein. Die Augen waren dunkler, als sie sie in Erinnerung gehabt hatte, und sein dichtes, gewelltes Haar verlockte dazu, mit den Fingern hindurchfahren zu wollen. Sein Lächeln schien noch umwerfender als früher.

Es war verständlich, dass Ellie für ihn schwärmte. Ein rascher Blick zu Jeanette verriet, dass auch sie nicht immun gegen ihn war. Sara erinnerte sich, wie sie als Zwölfjährige Schreibübungen gemacht hatte: Mrs. Dominic Paladino. Mrs. Sara Paladino. Mrs. Sarafina Paladino. Immer wieder. Als sie dreizehn war, hörte das dann abrupt auf. Nach dem bewussten Tag. Sie hatte alles vernichtet, das irgendwie an ihn erinnerte. Hatte ihn aus ihrem Leben getilgt.

Im folgenden Jahr stand der Wechsel zur Highschool an. Obwohl sie ihre Eltern angefleht hatte, sie zur katholischen Mädchenschule in Midtown gehen zu lassen, hatten sie sie zur Loyola geschickt. Zu der Schule, die auch Dom und seine Freunde besuchten.

Glücklicherweise hatte er sie überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.

Diesen Gefallen konnte sie ihm jetzt erwidern.

Dom Paladino war froh, das Haus seiner Familie für eine Weile verlassen zu können. Das Gespräch drehte sich wieder einmal um Tonys Hochzeit. Nicht nur alle Paladinos, auch Catherines Eltern, die gerade in Europa waren, fühlten sich bemüßigt, ihre Meinung zu den Vorbereitungen beizusteuern.

Die arme Catherine bekam es von beiden Seiten ab. Sie bemühte sich wirklich, das Ganze überschaubar zu halten, aber ihre Eltern waren Diplomaten, die ungefähr eine Million politischer Freunde hatten, die unbedingt eingeladen werden sollten. Wenn es so weiterging, müssten sie die St. Patrick’s Cathedral auswählen, um alle Gäste unterbringen zu können.

Dom hatte seinem Bruder wohl schon ein dutzend Mal geraten, die Braut einfach zu entführen und heimlich zu heiraten, aber hatte sein ältester Bruder auf ihn gehört? Natürlich nicht. Als Dom das Haus verließ, drehte sich die Diskussion gerade um die Verwandten, die noch in Italien lebten. Sollten sie nicht auch auf die Gästeliste …?

Sein Gedankengang wurde unmittelbar unterbrochen. War das Sara?

Himmel! Wie hatte sie sich verändert!

Er konnte den Blick nicht von ihr wenden, während er Ellie und Jeanette wie immer begrüßte. Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen. Sie war kaum wiederzuerkennen. Das herrliche hellbraune Haar fiel ihr bis auf die Schultern. Und dann diese Augen! Hätte er irgendwelche Zweifel gehabt, dass das Sara war, diese großen braunen Augen hätten sie fortgewischt. Im Geiste sah er wieder das schmale, scheue Mädchen mit der Zahnspange vor sich. Das Mauerblümchen mit dem messerscharfen Verstand.

„Sara?“

Sie nickte knapp, bevor sie ihm den Rücken zukehrte und eine Pizza aufschnitt. Wieso war sie so abweisend? Hatte er ihr irgendetwas getan? Sicher nicht. Er hatte kaum Kontakt mit ihr gehabt.

„Was machen die Hochzeitspläne?“, fragte Ellie.

„Ich kann das Wort Hochzeit schon nicht mehr hören.“ Er seufzte. „Das Ganze artet aus.“

„Ich wette, Tony ist ganz aufgeregt.“ Ellie errötete. Sie ließ ihm ein Mineralwasser in den Becher laufen, drückte einen Deckel drauf und reichte ihn ihm, nachdem sie noch einen Strohhalm hineingesteckt hatte. „Für dich.“

„Danke, Ellie. Gehen die Jungs in der Schule dir noch auf die Nerven? Du brauchst es nur zu sagen, und ich sorge dafür, dass sie sich anständig benehmen.“

„Hör auf“, sagte sie, und ihre Wangen liefen dabei rot an. „Die sind doch alle blöd.“

„Es gibt also noch niemand Besonderes?“

„Oh Gott, nein.“

Er lachte. In diesem Augenblick kam Michael Cho herein. Sie kannten sich noch aus der Schule und auch aus dem Fitness-Studio.

„Dominic“, grüßte Mike. „Was ist los? Machst du keinen Sport mehr?“

„Ich bin umgezogen. Wohne jetzt im Cast Iron District.“

„Das ist ja nicht weit entfernt.“

„Stimmt, aber ich bin zu Body Space Fitness am Union Square gewechselt.“

„Davon habe ich schon viel gehört. Die haben einen Pool, richtig?“

„Und super Trainer.“

„Kannst du mir einen Ausweis besorgen? Ich glaube, für den Pool würde ich sogar den Bus nehmen.“

„Klar doch. Ich rufe dich an.“

Sara kam an die Abholtheke und reichte Mike seine Tasche. „Das macht dann sechsundzwanzig fünfzig.“

„Bist du neu hier?“ Mikes Stimme senkte sich dramatisch. Wie hypnotisiert starrte er auf ihre Brüste.

„Das ist Sara Moretti“, erklärte Dom. „Sie war an der Uni. Hat – was war es doch gleich? Journalistik? – studiert.“

Sara sah ihn an, als überrasche es sie, dass er in ganzen Sätzen reden konnte. „Das stimmt.“ Ihr Blick wanderte wieder zu Mike. „Du hast ein paar Mal etwas für die Schulzeitung geschrieben.“

„Du bist die Sara? Wow. Du hast dich ja ganz schön verändert.“

Sara lächelte ihn an. „Schön, dich wiederzusehen.“

„Ganz meinerseits. Seit wann bist du zurück?“

„Seit einer Woche.“

„Willst du bleiben?“

„Ich bin mir noch nicht sicher.“ Sie zuckte die Schultern. Die Bewegung lenkte Doms Blick wieder auf ihre Brüste, die sich unter dem Stoff ihres T-Shirts deutlich abzeichneten. „Ich schreibe an meiner Masterarbeit. Bis sie fertig ist, bleibe ich auf jeden Fall.“

Dom begriff, dass er sich ebenso schlecht benahm wie Mike und hob rasch den Blick. Er sah, wie sich ihre Lippen bewegten, hatte aber kein Wort verstanden.

Sie und Mike lachten über irgendetwas. Dann fragte Sara: „Zahlst du bar?“

Cho zog seine Brieftasche heraus und suchte nach der Kreditkarte. Dom sah sein Lächeln – und fand, er sollte sich die Sache mit dem Ausweis doch noch einmal überlegen.

Während Sara Mikes Karte durchzog, sah er Dom an und hob vielsagend eine Braue. Dom ignorierte es. Er wusste selbst nicht, wieso er so gereizt reagierte. Mike war ein netter Kerl.

Sara gab Mike die Karte zurück. Er grinste. „Du hast der Zeitung damals wirklich gutgetan. Dein Stil war so viel besser als der von Billy Calabrini.“

„Danke. Nett, dass du das sagst, aber wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, ich muss …“ Sie deutete mit dem Kinn in Richtung Küche.

Mikes Grinsen verblasste. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, den Blick über ihre enge Jeans gleiten zu lassen. „Man kann sie nicht alle haben“, seufzte er und wandte sich zum Gehen.

Natürlich hatte auch Dom sie gemustert. Er nippte an seinem Wasser und zog die Brieftasche heraus, als er sah, dass Sara seine Bestellung brachte. Das Bargeld legte er auf den Tresen, das Trinkgeld kam in die dafür vorgesehene Dose. Wie immer. „Mich hast du nie eingeladen, für die Zeitung zu schreiben“, sagte er zu Sara.

„Mike hat sich angeboten.“ Ihr Blick fiel auf seinen Becher. Er beobachtete, wie sie den Betrag eingab.

„Hmmm. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich dir damals etwas angetan haben muss.“

„Wieso?“

„Weil du das Mineralwasser berechnest?“ Es sollte ein Scherz sein. Vielleicht hatte sie ihn dabei ertappt, dass er sie musterte, und war pikiert. „Ich meine, ich zahle gern dafür, aber …“

Ellie schob Sara beiseite. „Ich bin mir sicher, du hast ihr nichts getan. Sie war einfach zu lange weg und weiß nicht mehr, wie es hier läuft.“

Dom versuchte, Saras Ausdruck zu ergründen. Ging es hier um den Dollar fünfundsiebzig oder um etwas anderes? Er hatte Sara seit Jahren nicht gesehen und …

Himmel. Eine Erinnerung blitzte auf. Wie hatte er das vergessen können? Nicht er hatte ihr etwas getan – es war umgekehrt gewesen. Als Herausgeberin der Schulzeitung hatte Sara ihn in einer Kolumne mehr oder weniger hingerichtet. Er war in seinem ganzen Leben noch nicht so beleidigt worden.

„Ich arbeite schon länger hier als du.“ Sara bedachte Ellie mit einem frostigen Blick.

„Sara …“ Ellies Ton wurde ein wenig herablassend. „Nicht jetzt, okay?“

„Ich kann mich nicht erinnern, dass wir Getränke einfach so weggeben“, fuhr Sara sie an. „Und Mr. Sexy kann es sich doch sicher leisten, dafür zu zahlen.“

Ellie schien gleichermaßen entsetzt wie peinlich betreten. Sie räusperte sich. „Ich setze das Ganze einfach auf eure Monatsrechnung, okay?“ Sie fuhr zu Sara herum und zischte: „Was ist dein Problem?“

Dom konnte sie sehr wohl verstehen und wartete gespannt auf die Antwort. Er hätte das Ganze einfach mit Schweigen übergehen können. Schließlich waren sie damals noch Kinder gewesen. Aber nachdem sie sich so merkwürdig verhielt? „Ellie, wieso fragst du Sara nicht nach dem Artikel, den sie über mich geschrieben hat?“ Er ließ Sara nicht aus den Augen.

Sie lächelte eisig zurück. „Und frag Dom doch mal, was er gesagt hat, als …“ Sie unterbrach sich. „Ach, ist ja auch egal.“

„Nur zu“, drängte er, da er wirklich nicht wusste, was sie meinte. „Was habe ich gesagt? Das würde ich doch gern wissen.“

Statt einer Antwort machte Sara auf dem Absatz kehrt und verschwand in die Küche.

2. KAPITEL

„Äh, sorry, Dom. Sara … äh … sie hat in letzter Zeit viel gearbeitet. Sie hat es sicher nicht so gemeint.“

Sara lauschte hinter der Schwingtür, die die Küche vom Gastraum trennte. Wie feige war das denn, ihre Schwester mit dieser Situation alleinzulassen? Andererseits: Sie hatte Ellie nicht gebeten, für sie einzustehen.

„Ja, das glaube ich auch“, antwortete Dom. „Bis dann, Ellie.“

Sara warf einen Blick um die Ecke und sah, wie er die Box mit den Ziti auf den beiden Pizzakartons balancierte. Als er sich noch einmal umdrehte und Richtung Küche schaute, zog sie rasch den Kopf zurück.

„Ich halte dir die Tür auf.“ Ellie eilte zu ihm.

Sara schloss dankbar die Augen. Dom war fort. Natürlich hatte er sich an das erinnert, was sie über ihn geschrieben hatte. Sie verstand nicht, wieso sie das Thema angeschnitten hatte. Schließlich war das Ganze zehn Jahre her. Er wäre wieder gegangen, und sie hätte ihre Würde bewahrt.

„Was war das denn?“, fauchte Ellie sie an.

„Wieso hast du ihm das Mineralwasser geschenkt?“

„Wir berechnen es ihm nie.“

„Machst du Witze? Gilt das nur für Dom oder für jeden Mann, den du scharf findest?“

„Nur Dom bekommt sein Mineralwasser umsonst.“ Ellies Gesicht wies wieder rote Flecken auf. „Alle hier machen es so.“

„Und wieso? Weil ihr ihn alle anhimmelt?“

„Weil er ein guter Kunde ist.“

„Wir haben viele gute Kunden. Was kommt als Nächstes? Die Pizza kostenlos, weil jemand so weiße Zähne hat?“

Ellie stemmte die Arme in die Seiten. „Er gibt immer ein sehr gutes Trinkgeld.“

„Genug, um das verschenkte Mineralwasser wieder wettzumachen?“

Ellie zog einen Zwanzigdollarschein aus der Dose mit dem Trinkgeld. „Das gibt er bei einer großen Bestellung. Für ein Stück Pizza wirft er fünf Dollar rein. Mindestens. Jedes Mal.“

Sara war überrascht. „Okay, dann liebt er es also, mit Geld um sich zu werfen. Prima. Soll er doch!“

Ellie sah sie immer noch fassungslos an. „Ich kann einfach nicht glauben, wie zickig du zu ihm gewesen bist. Was hast du damals in der Zeitung geschrieben?“

„Nichts weiter. Ich habe gesehen, dass du ihn behandelt hast, als wäre er King mit Kong in der Tasche. Das hat mich geärgert, okay? Es tut mir leid, El. Es wird nicht wieder vorkommen.“

Ellie nickte halbherzig. Und das war wahrscheinlich mehr, als Sara verdient hatte.

Aber mit etwas Glück hatte sie Dom so vergrault, dass er das Moretti’s nie wieder betrat.

Donnerstag. Dominic war auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch bei New York Adventures, einem anspruchsvollen Veranstaltungsmagazin. Seine Chancen, den Job direkt nach dem Studium zu bekommen, waren nicht groß, aber versuchen wollte er es, auch wenn er im Moment mehr denn je mit dem Familienunternehmen beschäftigt war, da Tony mit seinen Hochzeitsvorbereitungen ausgelastet und Luca als Kunsttischler derart gefragt war, dass er eine ganze Reihe privater Kunden gewonnen hatte.

Dom freute sich für seine Brüder. Sie hatten sich um die Firma gekümmert, als ihr Dad krank geworden war. Es war an der Zeit, dass der jüngste Bruder nun für sie einsprang und ihnen etwas Freiraum verschaffte. Und da das Geschäft in alle Richtungen wuchs, lernte er dabei auch eine ganze Menge. Gut, er hatte sich seine berufliche Zukunft anders vorgestellt, aber im Moment war es gut so.

Ein paar Stunden später hatte Dom ernsthafte Zweifel, ob wirklich alles gut war.

Vielleicht für jemand anderen.

Es war einer dieser ganz besonderen Tage gewesen. Alles hatte länger gedauert als erwartet. Und er wusste nicht, wo all die Taxen geblieben waren – dreimal musste er mehr als zehn Minuten warten, bis endlich ein Wagen hielt. Das gab ihm weitaus mehr Zeit, als ihm lieb war, an Sara Moretti zu denken.

Sara in dieser engen Jeans und dem ebenso eng anliegenden blauen Top.

Seit er sie vor ein paar Tagen gesehen hatte, kreisten seine Gedanken in einer Endlosschleife um sie. Zuerst um diesen atemberaubenden Körper, dann um das große Fragezeichen. Er sollte irgendetwas gesagt haben, das sie offensichtlich verletzt hatte. Er konnte sich beim besten Willen nicht denken, was das gewesen sein sollte.

Er wollte Sara fragen, was sie gemeint hatte, und er würde nicht eher gehen, bis er seine Antwort bekommen hatte. Er warf einen Blick auf die Uhr. Die Pizzeria würde bald schließen. Wahrscheinlich eine gute Zeit, um Sara abzufangen.

Das Moretti’s schloss in acht Minuten. Nur eine vierköpfige Familie saß an einem Tisch und schien nicht zu bemerken, dass die Angestellten Feierabend machen wollten. Vor einer Minute hatte der ältere Teenager die Idee gehabt, noch eine Spezial-Pizza-to-go zu ordern. Sara gab den Auftrag gar nicht erst an Carlo weiter – wahrscheinlich hätte er ihr den Kopf abgerissen.

Vor ihr lag ein langer Abend an ihrem Laptop. Sie wollte ein Interview transkribieren, das sie am Morgen geführt hatte – das erste einer hoffentlich langen Reihe. Mr. und Mrs. Scarpetti lebten inzwischen in Brooklyn, aber ihre Familien waren um 1880 aus Neapel nach Little Italy gekommen. Mr. Scarpetti erinnerte sich an viele Geschichten seiner Familie aus der ersten Zeit in den Staaten. Damals waren die Five Points – ein Punkt im Süden Manhattans, an dem fünf Straßen sich kreuzten – das Zentrum eines der größten Slums des Landes gewesen.

Die Menschen lebten im Elend, aber dennoch war die Zeit auch mit schönen Erinnerungen behaftet. Das war einer der Gründe, weshalb Sara sich das Thema für ihre Arbeit gewählt hatte: Die Geschichte von Little Italy, 1810-1940. Sie wollte Geschichten von Familien sammeln, die wie ihre schon seit Generationen im Lande waren, und wollte diese Erinnerungen mit den offiziellen Dokumenten abgleichen.

Die Türglocke schlug an. Sara erstarrte, als sie den Gast erkannte: Dominic.

So viel also dazu, dass sie ihn erfolgreich vergrault hatte!

Es war erst drei Tage her, seit sie ihn gesehen hatte, aber er erschien ihr heute vollkommen verändert. Das Haar zerzaust, die Krawatte schief – er wirkte, als sei er soeben durch einen Windkanal gelaufen.

Sie begrüßte ihn mit einem kurzen Lächeln – und das auch nur, weil er gesehen hatte, wie sie zur Tür blickte. Hastig konzentrierte sie sich darauf, einen der Tische abzuwischen.

Sekunden später stand er ihr gegenüber. „Bist du allein?“

„Carlo ist in der Küche.“ Sie war geistesgegenwärtig genug, an einen anderen Tisch zu wechseln.

„Kann ich dich einen Moment sprechen, Sara?“

„Siehst du nicht, dass ich zu tun habe?“

Er sah sich mit verblüfftem Gesicht in der fast leeren Pizzeria um, widersprach ihr jedoch nicht. „Kein Problem. Ich warte.“

Super! Vielleicht sollte sie es einfach hinter sich bringen.

„Hör mal, ich weiß, es ist unverschämt“, begann Dom erneut, „aber ich habe den ganzen Tag nichts gegessen. Könnte es sein, dass du noch ein Stück Pizza hast?“

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie das Paar und die beiden Teenager sich erhoben. Ausgerechnet jetzt fiel ihnen ein, dass geschlossen wurde? „Pizza? So spät noch?“

„Ist vielleicht etwas liegen geblieben? Eine Pizza, die jemand nicht abgeholt hat?“

„Entschuldige mich.“ Sie schob sich an Dom vorbei.

Der Vater der Familie hatte sein Geld bereits gezückt, die Frau schob ein Trinkgeld unter ihr Glas.

„Waren Sie zufrieden?“, erkundigte sich Sara lächelnd.

„Ja, danke.“ Die Frau warf kurz einen Blick zu Dom hinüber und lächelte Sara dann an, bevor sie ihre Familie Richtung Tür lenkte.

Sara begab sich mit dem Geld zur Kasse. „Ich glaube, wir haben noch eine Pizza Hawaii im Kühlschrank“, sagte sie zu Dom und musste ein Lachen unterdrücken, als sie seine Miene sah.

„Die nehme ich“, sagte er dennoch sofort.

„Nimm Platz.“ Sie ging in die Küche. Es irritierte sie, welche Wirkung er auf sie hatte. Sie hätte schon seit Jahren über ihn hinweg sein sollen – und doch war es wieder da, dieses alberne Prickeln.

Einfach nur peinlich!

Sie holte die Pizza aus dem Kühlschrank, während er am Tresen wartete. „Möchtest du, dass ich sie heiß mache?“

„Das wäre nett.“

„Ich rede von der Mikrowelle. Die Öfen sind schon ausgeschaltet.“

„Mikrowelle, Lagerfeuer, Zigarettenanzünder – mir ist alles recht.“

„Hier.“ Sie reichte ihm einen Becher. „Komm nach hinten, und lass dir ein Mineralwasser einlaufen. Du musst schnell essen, weil wir …“

„Ich weiß, ihr schließt in drei Minuten. Arbeitest du abends immer allein?“

Sie schob die Pizza in die Mikrowelle. „Nein, Jeanette war bis acht hier.“

„Wo ist dein Pop? Ich habe ihn schon eine Weile nicht gesehen.“

„Er ist mit meiner Mutter in Sizilien.“

„Oh.“ Dom schien erstaunt.

„Was ist?“

„Ich dachte, auf Sizilien gäbe es gar keine Italiener mehr, sondern nur noch Fremde.“

„Du meinst, wie in Little Italy?“

„Das ist dir schon aufgefallen?“

„Es wäre schwer, es nicht zu bemerken.“ Sara wusste, dass dieser Small Talk sie nicht vor dem eigentlichen Thema bewahren würde. Jeden Augenblick konnte er sie fragen, was sie neulich gemeint hatte, und sie wusste nicht, was sie ihm dann sagen sollte.

Ein lautes Klappern in der Küche ließ sie zusammenfahren.

„Ist alles in Ordnung, Carlo?“

„Ja, ja.“ Es folgte eine Reihe saftiger italienischer Flüche.

Sara und Dom tauschten einen amüsierten Blick.

„Wird er dich nach Hause bringen?“, erkundigte Dom sich.

„Wovon redest du? Ich wohne gerade einmal fünf Blocks von hier entfernt.“

„Ich weiß. Aber es ist spät.“

„Um diese Zeit ist noch genügend Leben auf der Straße. Deine Pizza sollte jetzt heiß sein.“

Natürlich war sie noch nicht heiß, sie hatte die Zeit zu kurz eingestellt. Sara gab fünfzehn Sekunden nach und trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Ihr war immer noch nichts eingefallen, was sie sagen könnte, falls Dom den weißen Elefanten ansprach, der zwischen ihnen im Raum stand.

Die Zeit war um.

Sara schob Dom den Pappteller mit der Pizza zu. „Falls du noch ein Stück willst, sag es jetzt, weil …“

„Weil du schließen willst. Nein, danke. Damit schaffe ich es jetzt nach Hause.“ Er wirkte müde.

„Hör mal, Dom …“

„Sara …“

Sie sprachen gleichzeitig. Er bedeutete ihr fortzufahren.

„Ich hätte mich längst bei dir entschuldigen sollen.“

3. KAPITEL

Dom war überrascht. Sara wollte sich entschuldigen?

„Ich hätte diesen Kommentar damals nicht schreiben sollen. Es war falsch, und ich wusste es. Dennoch habe ich …“

„Hey, du musst das nicht“, unterbrach er sie. „Das ist alles längst vergangen. Ich hätte es nicht erwähnen sollen. Moment mal …“ Er überlegte kurz. „Es war falsch, den Artikel zu schreiben, oder es war falsch, ihn zu schreiben, weil du wusstest, dass es nicht stimmte?“

„Hier.“ Sie schob ihm ein paar Servietten zu.

„So viele brauche ich nicht.“ Er nahm sich eine. Dabei berührte er ihre Finger. Etwas durchzuckte ihn. Nichts Großes. Ein Gefühl nur. Sie hatte so weiche Haut. Dann ihre Lippen … Und wie sich die Bluse an ihre Brüste schmiegte …

„Ich möchte nur verhindern, dass du Flecken auf deine Jacke bekommst.“

Er zuckte die Schultern. „Ich hatte heute Termine mit zwei neuen Auftraggebern und dann auch noch ein Vorstellungsgespräch.“

Hinter ihm ging die Türglocke.

„Tut mir leid, wir haben schon geschlossen.“

Der abgewiesene Gast reagierte unwirsch, aber die Tür fiel wieder zu.

„Ich muss abschließen.“

„Okay, ich habe den Wink verstanden.“

„Nein, ich wollte nicht …“ Fast hätte sie seine Hand berührt, schien sich aber gerade noch davon abhalten zu können und stattdessen nach dem Schlüsselbund greifen. „Keine Eile. Zumindest nicht für die nächsten zehn Minuten.“

Dom hasste Ananas. Er pickte alle Stückchen von der Pizza, bevor er hineinbiss. Dabei sah er Sara nach. Ob sie wusste, dass sie den perfekten Po hatte?

„Was bin ich dir schuldig?“ Er blickte sie fragend an.

„Vergiss es. Ich habe die Pizza im Kühlschrank gelassen, damit wir morgen früh gleich etwas für unsere obdachlosen Stammgäste haben.“

„Ich wusste nicht, dass ihr das macht. Eine super Idee.“ Er schob ihr einen Zwanzigdollarschein zu.

„Ich habe dir doch gesagt …“

„Betrachte es als meinen Beitrag zu dem Programm.“

Sie seufzte. „Dann kann ich nicht Nein sagen.“ Sie tat den Zwanziger in einen Umschlag hinten in der Schublade, bevor sie begann, den Bargeldbestand zu zählen.

„Bin ich im Weg?“ Er wollte das Gespräch fortsetzen und hatte den Eindruck, dass sie offener sein würde, wenn er ihr nicht zu nahe kam.

„Alles gut“, erklärte sie, aber er nahm schon seinen Pappteller und setzte sich an einen Tisch.

„Ich habe gehört, dein Vater hat einen Herzinfarkt gehabt. Wie geht es ihm jetzt?“

„Gut. Er hat sich aus der Firma zurückgezogen. Das gefällt ihm nicht, aber seiner Gesundheit bekommt es.“

Sie zählte den Stapel Noten fertig und schob ihn in die Geldtasche. „Bist du eigentlich auf dem College gewesen?“

„Allerdings. Zwei Master-Abschlüsse. Hält man das für möglich?“

„Für einen Sportler hattest du immer sehr gute Noten.“

Dom erahnte den Augenblick, in dem sie begriff, was sie gerade gesagt hatte. Rasch senkte sie den Blick und konzentrierte sich auf den Kassenabschluss. Er hatte nun die Antwort auf eine seiner Fragen: Sie hatte gewusst, dass ihr Artikel Unsinn war. Er tat so, als habe er ihren Lapsus nicht bemerkt.

„Ich war kein Sportler“, erklärte er.

„Du hast doch unglaublich viele Sportarten betrieben.“

„Aber ich habe auch anderes gemacht.“ Er war es leid, dass die Menschen immer nur das Oberflächliche wahrnahmen.

„Sportler zu sein ist ja nichts Schlechtes.“

„Hey, mir fällt da gerade etwas von dir ein.“ Er grinste, als er ihre Bestürzung bemerkte. „Ich erinnere mich an den einen Tag, als du dich so über das Essen in der Cafeteria aufgeregt hast. Wir waren alle in der Aula versammelt für irgendeine Ankündigung.“ Er nippte an seinem Wasser. Das Bild vor seinem geistigen Auge war glasklar. „Du hattest einen rosa Sweater an – mit Katzen darauf.“

Sie sah ihn fassungslos an. „Daran erinnerst du dich?“

„Du hast Hölle und Verdammnis auf die Lehrer herabbeschworen. Ich habe mich immer gefragt, ob deine Zensuren anschließend in den Keller gegangen sind.“

„Hmmm.“ Sie lächelte vage und nahm sich einen weiteren Stapel Scheine zum Zählen.

„Ich habe die Schule ein paar Monate später verlassen. Ich nehme an, du warst auch noch in deinem letzten Jahr für die Schulzeitung verantwortlich?“

Saras Lächeln verflog. Offensichtlich war seine Vermutung falsch. Was hatte den Ausschlag gegeben? Dass sie den Lehrern die Meinung gegeigt hatte? Oder die Verleumdungen, die sie über ihn in die Welt gesetzt hatte? Er war sauer gewesen, hatte aber nichts unternommen, obwohl seine Freunde und Coach Randal ihn dazu gedrängt hatten.

„Ich glaube, der Notfall ist vorüber“, sagte er, nachdem er den letzten Bissen Pizza gegessen hatte. „Gehst du bald nach Hause?“

„In ungefähr zehn Minuten.“

„Dann warte ich so lange und begleite dich. Diese Nachbarschaft ist nicht mehr das, was sie einmal war.“

„Dom, draußen ist praktisch noch Rush Hour. Geh nach Hause. Ich fülle dir sogar dein Mineralwasser noch einmal auf.“

„Danke, nicht nötig.“ Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihm bewusst auswich – er wusste nur nicht, wieso.

„Hey, Dom. Dachte ich mir doch, dass das deine Stimme ist!“ Carlo war aus der Küche gekommen. Er war einer der nettesten Menschen überhaupt, wirkte aber so, als könne er jemanden ungespitzt in den Boden rammen, wenn ihm seine Nase nicht gefiel. „Könnt ihr euer Gespräch draußen fortsetzen? Ich möchte hier jetzt wischen. Masterarbeit.“

„Dom wollte gerade gehen“, sagte Sara und griff nach den Schlüsseln. „Ich bin noch nicht fertig mit der Kasse.“

„Bis dann, Carlo.“ Dom hörte, wie sich der Schlüssel hinter ihm im Schloss drehte.

Sie konnte ihm nicht ewig ausweichen. Irgendwann würde er seine Antwort bekommen. Früher oder später.

Sara brauchte wesentlich länger als zehn Minuten, bis sie endlich nach Hause gehen konnte. Alles in allem war es ein guter Tag gewesen. Sie hatten gute Umsätze gemacht und viel Trinkgeld bekommen.

Und dann Dom.

Er hatte wieder einmal bewiesen, dass er großzügig sein konnte. Sie bedauerte, die Vergangenheit nicht abgeschlossen zu haben. Er hatte ihr die Chance dazu geboten. War bereit gewesen, zu vergeben und zu vergessen. Sie hätte darauf eingehen und zugeben sollen, dass sie ein hormongesteuerter Teenager gewesen war. Sie hätte behaupten können, er habe sich wirklich nichts zu Schulden kommen lassen, und damit wäre die Angelegenheit aus der Welt gewesen.

Unwillkürlich musste sie an die dramatischen Folgen denken, die seine Beschwerde beim Schulamt für sie gehabt hatte. Aber das war jetzt einerlei. Es war ein Fehler gewesen, den Artikel zu schreiben, und dafür hatte sie sich entschuldigt. Die Ursache sollte vergessen sein.

Irgendwann fand Sara die nötige innere Ruhe, sich auf ihre Masterarbeit zu konzentrieren. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt platzte Ellie ins Zimmer. Die Tür flog mit so viel Schwung auf, dass der Griff gegen die Wand prallte.

Sara zuckte zusammen. „Meine Güte, was ist denn?“

„Tut mir leid“, log Ellie. „Mir ist die Tür aus der Hand gerutscht. Hör mal zu, ich habe …“

„Es ist mir einerlei, was du hast. Du klopfst an, bevor du dieses Zimmer betrittst. Ich arbeite. Musstest du mich so erschrecken?“

Ellie war verblüfft. „Glaubst du tatsächlich, dass in diesem Haus irgendjemand anklopft?“

Sara seufzte. „Und? Was hast du …?“

„Ich habe Donnerstagabend etwas vor. Es wird später werden. Das wollte ich dir nur sagen.“

„Was ist es? Ein Banküberfall? Tickets für den Broadway?“

„Sehr witzig. Ich will ein Kleid für den Schulball kaufen. Mit Tina.“

„Ist Mom damit einverstanden, dass du in der Woche abends unterwegs bist?“

„Bei besonderen Anlässen erlaubt sie es.“

„Und wieso macht ihr das nicht am Wochenende?“

„Tina hat eine Freundin bei Saks Fifth Avenue. Wir dürfen ihren Angestelltenrabatt nutzen. Aber diese Freundin arbeitet nur donnerstagabends.“

„Okay. Aber wieso solltest du deswegen zu spät zu Hause sein?“

„Wir müssen gegen Ende ihrer Schicht kommen. Sie schließen um zehn.“

„Wann musst du normalerweise zu Hause sein?“

„Großer Gott!“ Ellie rollte mit den Augen. „Ich bin siebzehn, kein Kind mehr!“

Sara maß sie mit einem Blick, den nur eine große Schwester zustande bringen konnte.

„Also gut. Um zwölf.“

„An einem Wochentag? Wirklich?“

„Wochentags bis zehn.“ Ellie seufzte dramatisch. „Komm schon, Sara … Es ist wichtig. Ich habe noch kein Kleid.“

„Wow! Ich durfte wochentags abends eigentlich nie weg, und an den Wochenenden musste ich um elf zu Hause sein.“

„Na ja, das war ja auch noch in der Steinzeit.“

„Haha, sehr witzig.“

„Du schuldest mir noch was.“

„Wovon redest du?“

„Von neulich, als du Dom vergrault hast. Wer weiß, wann er wiederkommt? Wahrscheinlich holt er seine Pizzen jetzt woanders.“

„Unsinn. Er war heute da.“

Damit hatte sie Ellies ungeteilte Aufmerksamkeit. „Wann?“

„Heute Abend. Kurz vor Schluss.“

„Was wollte er?“

„Eine Pizza.“

„So spät noch?“

„Genau das habe ich ihm auch gesagt.“

Ellie musterte Sara vorwurfsvoll und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen.

Sara gab sich einen Ruck. „Ellie?“

„Was?“

„Sei um zwölf zu Hause.“

Die Tür wurde ins Schloss gezogen. Leise.

4. KAPITEL

Dom hatte einen vollen Tag. Er musste sich um die Pläne für den Apartment-Komplex in SoHo kümmern. Wenn er Glück hatte, war Luca im Büro, sodass sie Tonys Junggesellenabschied planen konnten. Dann hatte er einen Termin beim Friseur vor seinem Vorstellungsgespräch bei Edelman PR. Auf Letzteres freute er sich sehr. Das Schöne bei der Arbeit in einem großen Unternehmen war, dass sie Niederlassungen in der ganzen Welt hatten. Der Nachteil: Dort war er nur ein kleines Rädchen in einer großen Maschine.

Einen halben Block vor sich bemerkte er eine langhaarige Frau in Jeans und T-Shirt. Er brauchte nur eine Sekunde, um sicher zu sein, dass es Sara war. Diesen Po würde er überall wiedererkennen.

Ihm fiel die Leinentasche auf, die sie dabeihatte. Wahrscheinlich war sie auf dem Weg zu Met Foods. Es wäre doch eine Schande, sich diese Chance entgehen zu lassen. Sie schuldete ihm noch eine Antwort. Neulich war es ihr gelungen, ihm auszuweichen, aber diesmal wollte er sie nicht so leicht vom Haken lassen. Zwei Minuten später folgte er ihr in das Geschäft.

Er warf eine Flasche Mineralwasser und eine Packung Pfefferminzbonbons für frischen Atem in den Korb und musste einige Gänge absuchen, bevor er sie schließlich bei Obst und Gemüse entdeckte. Prompt vertiefte er sich in den Anblick der Nektarinen.

„Verfolgst du mich?“

Er heuchelte Überraschung. „Hey!“

„Was machst du hier?“

„Äh … das Gleiche wie du?“

Ihr Blick erinnerte ihn an eine Durchleuchtung am Flughafen.

„Dominic?“

Die Frauenstimme kam von hinten. Er drehte sich um und brauchte einen Moment, bis er Danielle Orteaga erkannte, eine Frau, die er mehrfach im Fitness-Studio gesehen hatte. Sie war durchaus attraktiv, aber verheiratet. Das war ihm Grund genug, auf Distanz zu bleiben. Er nickte ihr mit einem unverbindlichen Lächeln zu und drehte sich wieder zu Sara herum.

„Ich sollte mich beeilen, damit ich noch vor dem Mittagsansturm wieder im Restaurant bin“, erklärte Sara mit einem frostigen Lächeln.

Der Temperaturabfall war ihm nicht entgangen – und ließ seine Entschlossenheit wachsen, dem Fragezeichen zwischen ihnen endlich auf den Grund zu gehen. Aber wenn er sie direkt fragte, würde sie auf der Stelle verschwinden. Er warf einen Blick in ihren Wagen. „Das ist alles für Pizza?“

„Und für die Nudelgerichte. Salate. Antipasti. Komm schon, du kennst unsere Speisekarte doch besser als ich.“

„Ich bin nur überrascht, dass du keine Ananas genommen hast.“

Ihr Lächeln wurde wärmer. Er betrachtete es als kleinen Sieg und wusste dabei selbst nicht, wieso er sich so bemühte.

Sara legte einige sorgfältig ausgewählte Salatköpfe in den Wagen und ein Bund Radieschen. Er ging neben ihr her. Als er sah, was sie da einlud, fragte er sich, ob sie für den Rückweg ein Taxi nehmen wollte.

„Hey, Dom!“ Britney Addleson, eine der Serviererinnen aus dem Restaurant in der Nähe seines Apartments, strahlte ihn an.

Zufällig beobachtete er Saras Reaktion und registrierte amüsiert Funken der Empörung.

„Ich wusste gar nicht, dass du hier einkaufst.“ Britney bewegte sich so, dass sein Blick unwillkürlich ihre üppigen Brüste streifen musste, die von dem engen T-Shirt noch betont wurden.

„Ich muss in zehn Minuten im Büro sein. Wenn ich mich nicht beeile, komme ich zu spät. Wir reden ein andermal.“

Britney errötete und ging rasch weiter.

Er musste sich entscheiden. Brutale Konfrontation? Oder sanfte Überzeugung?

Sara verstand selbst nicht, wieso es sie irritierte, dass die Frauen so ungeniert mit Dom flirteten. Im Augenblick wäre es wohl das Klügste, den Einkauf einfach fortzusetzen und so zu tun, als sei er nicht da. Direkt hinter ihr. So nah, dass es ihr fast schwindelte. Ohne in seine Richtung zu blicken, ging sie weiter die Gänge auf und ab und belud ihren Wagen.

Natürlich kam sie nicht umhin zu registrieren, dass er eine absolute Augenweide war. Schmal geschnittene dunkle Hosen, ein maßgeschneidertes Hemd, das seine muskulöse Brust betonte, und dazu eine Seidenkrawatte. Er erschien ihr noch größer und breiter als neulich abends.

Sara hatte gar nicht bemerkt, dass sie stehen geblieben war, bis er fast in sie hineingelaufen wäre.

„Wieso bist du eigentlich noch hier?“, fuhr sie ihn an.

„Mache ich dich nervös?“ Er lächelte sie an. „Ich entschuldige mich.“ Er wich einen Schritt zurück.

Sie schnaubte verächtlich. „Ich dachte nur, du hättest vielleicht mehr davon, dich um deine Damen zu kümmern.“

„Du musst mich mit jemand anderem verwechseln. Bei mir gibt es keine Damen.“

„Wie auch immer du sie nennen willst“, murmelte sie und bog in den nächsten Gang ein.

Er ging neben ihr her. „Sie?“

Sara seufzte dramatisch und bemühte sich, seinen angenehmen Duft zu ignorieren. Sie hatte die Kasse erreicht und bestand darauf, dass Dom vorausging. Er zahlte und wartete dann am Ende der Einpackstation auf sie.

Erst als sie begann, alles auf das Band zu stellen, begriff sie, dass sie viel zu viel eingeladen hatte. Nichts davon war unsinnig, es war nur einfach mehr, als sie brauchte. Niemals könnte sie das alles allein ins Restaurant tragen. Blieb nur ein Taxi.

Mr. Stein hatte ihre Leinentasche bereits gefüllt und auch eine große Papiertragetasche. Er starrte über den Rand seiner dicken Hornbrille auf die Lebensmittel, die er noch einladen musste. Wortlos holte er einen Karton unter dem Tisch hervor und begann, alles dort hineinzupacken.

Sara hatte ihre Kreditkarte bereit, als er ihr die Summe nannte.

Er hob den Karton leicht an. „Sara, wie wollen Sie das alles tragen? Haben Sie ein Taxi bestellt?“

Dom hüstelte. Vielleicht war es auch ein Lachen.

Sie schob ihre Karte in das Gerät. „Wieso sollte ich?“, erwiderte sie betont munter. „Ich habe mir eine Hilfe mitgebracht.“ Sie deutete mit dem Kopf auf Dom.

Mr. Stein sah hinüber. „Er wird sich sein gutes Hemd ruinieren.“

„Ich bin sicher, er hat mehr davon.“

Diesmal gab es keinen Zweifel: Dom lachte.

Nachdem sie unterschrieben hatte, bedachte sie Dom mit einem süßen Lächeln. „Ich hätte natürlich Verständnis dafür, wenn du passen müsstest. Der Karton hat ziemlich Gewicht.“

Okay, sie hatte es nicht besser verdient: Er rollte mit den Augen. Als er den Karton anhob, wanderte ihr Blick automatisch zu seinem Bizeps. Sie musste schlucken. Der Mann war wirklich gut durchtrainiert.

Als ihr auffiel, wie sie ihn anstarrte, schnappte sie sich ihre Leinentasche. Amüsiert ließ Mr. Stein den Blick von ihr zu Dom schweifen, bevor er ihr noch die Papiertragetasche reichte.

„Geh voran, Macduff“, sagte Dom.

Sara wollte ihn korrigieren, aber er kam ihr zuvor. „Ich weiß, dass das Zitat aus Macbeth nicht richtig ist, aber es war witzig, wie du die Nase krausgezogen hast.“

„Hab ich nicht“, widersprach sie und rückte die Papiertasche in eine etwas bequemere Position. „Außerdem wollte ich sagen, dass ich nur Spaß gemacht habe. Ich kann selbstverständlich ein Taxi nehmen, wenn du mir den Karton einfach …“

Er lachte und verließ das Geschäft.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Die Situation war ihr irgendwie entglitten. „Ich dachte, du hättest noch einen Termin“, sagte sie, als sie an der Ecke Prince Street stehen blieben.

„Das Vorstellungsgespräch ist erst um halb zwei.“

„Für was für einen Job?“

„Bei einer Werbeagentur. Oh, und vorher muss ich noch zum Friseur.“ Er versuchte, einen Blick auf die Uhr zu erhaschen. „Ich muss doch einen guten Eindruck machen.“

„Ich glaube, in der Hinsicht brauchst du dir keine Sorgen zu machen“, bemerkte sie trocken.

„Hey, war das ein Kompliment? Du solltest vorsichtig sein, sonst könnte ich mir noch etwas einbilden.“

„Zu spät.“

Dom wartete, bis sie seinen Blick erwiderte. „War das nett?“

Seine Augen waren dunkel. Die Vormittagssonne ließ winzige goldene Fünkchen erkennen. Sie wirkten warm und voller Leben.

„Es war nur ein Scherz“, murmelte sie und begann, die Straße zu überqueren.

Ein lautes Hupen ließ ihr fast das Trommelfell platzen. Sie war direkt vor ein Taxi gelaufen.

Hastig kehrte sie zum Bürgersteig zurück. Nur gut, dass sie vor Schreck nicht die Taschen hatte fallen lassen.

„Tu mir einen Gefallen“, bat Dom.

„Welchen?“ Widerstrebend sah sie ihn an.

„Streich mir das Haar aus der Stirn.“ Er deutete mit einer Bewegung des Kinns nach oben.

Eine dunkle Locke war ihm ins Gesicht gefallen.

Oh Gott!

„Was soll ich machen?“

„Schieb die Strähne einfach nach hinten.“ Er musterte sie stirnrunzelnd, als sei sie schwer von Begriff.

Sie hievte die Taschen ein wenig zur Seite, um eine Hand für einen Moment frei zu bekommen, und strich die Strähne beiseite.

Sie berührte das Haar von Dominic Paladino – mit all der Grazie einer gehemmten Fünfzehnjährigen.

Die Locke fiel zurück.

„Sei nicht so vorsichtig. Schieb das Haar richtig nach hinten.“ Er beugte den Kopf leicht vor, und sie ließ ihre Finger durch sein dichtes Haar gleiten.

„Du solltest dir irgendwas reintun“, murmelte sie, während sie seinen warmen Atem an ihrer Wange spürte. „Einfach damit es hält.“

„Ein Gel?“ Er richtete sich auf und runzelte die Stirn. „Nein, ausgeschlossen. Ich brauche nur einen neuen Schnitt.“

Der Strom der Passanten war in den letzten Minuten deutlich angeschwollen, wahrscheinlich weil es kurz vor der Mittagszeit war. Sie blockierten den Bürgersteig. Einige Leute reagierten verärgert, andere lächelten und sagten Hallo zu Dom.

Sara warf einen Blick auf Doms Uhr. „Mist!“

„Was ist?“

„Ich muss mich beeilen. Die Mittagsgäste kommen gleich.“ Sie schlug einen schnellen Schritt an. Dom hatte kein Problem, ihr zu folgen.

Als sie um die Ecke kamen, erstarrte sie. Der Imbisswagen von Spicy Meatball parkte direkt vor dem Moretti’s. Saras Blutdruck ging fast durch die Decke. Sie presste die Einkäufe an sich und hielt auf den Wagen zu.

„Hey, Sara! Warte!“

Sie hörte Dom, aber sie hatte keine Zeit, stehen zu bleiben und ihm alles zu erklären. Er würde das Problem bald genug erkennen. Die ersten zwei Kunden stellten sich schon an, während der Ganove noch seinen Stand herrichtete.

„Hey!“ Sara trat so dicht wie möglich an das Fenster des Wagens. „Müssen Sie sich direkt vor unseren Eingang stellen? Das geht doch wirklich zu weit.“

Der Mann arbeitete einfach weiter, ohne sie zu beachten.

„Ich sollte Sie verhaften lassen“, fauchte Sara. „Sie werden Ihnen die Lizenz abnehmen. Ist Ihr Gewerbe überhaupt angemeldet?“

„Das würde ich auch gern wissen.“ Dom war neben ihr aufgetaucht. Er hatte die Stimme erhoben, aber nicht ganz so laut wie sie.

„Ich habe das Recht, hier zu parken“, erklärte der Mann pampig. „Machen Sie doch, was Sie wollen. Aber wenn Sie die Leute nicht an den Wagen lassen, hole ich die Polizei.“

Dom beugte sich zu Sara. „Ich dachte, das wolltest du tun?“ Flüsternd setzte er hinzu: „Ist es legal, dass er hier parkt?“

„Was er macht, geht so nicht. Ich habe ihn schon zweimal gebeten, den Platz zu räumen …“

Dom sah zu dem Mann auf. „Kommen Sie schon! Es gibt genügend andere Plätze, an denen Sie sich hinstellen können. Wieso müssen Sie einem Restaurant das Leben schwer machen?“

„Verschwinde, Popeye. Das geht dich nichts an.“ Er wandte sich an die Leute hinter Sara. Drei weitere Kunden hatten sich angestellt. Sara war so wütend, dass sie dem Wagen am liebsten die Reifen aufgeschlitzt hätte.

„Hör mal …“ Dom schob sie ein wenig beiseite. „Wieso gehst du nicht hinein und stellst die Sachen ab? Vielleicht könnte Carlo rauskommen und mir den Karton abnehmen. Mal sehen, ob ich bei dem Kerl weiterkomme, hm?“

Sara wollte ihre Probleme allein regeln, aber dann sah sie die Frau, die neben dem ungehobelten Klotz im Wagen aufgetaucht war. Sie starrte Dom an, als hätte sie ihn am liebsten mit Haut und Haaren verschlungen.

Mit einem letzten giftigen Blick auf das Pärchen im Wagen verschwand Sara ins Restaurant. Statt in die Küche zu gehen, blieb sie am Fenster stehen und betrachtete das Spektakel.

Einen Moment später stand Jeanette neben ihr. „Wenn der Kerl da stehen bleibt, können wir den Mittagsumsatz heute abschreiben.“

„Meine Eltern machen ihren ersten Urlaub seit Ewigkeiten, und er nutzt die Chance, sich hier breitzumachen!“

Jeanette nahm ihr eine der Taschen ab und rief nach Carlo.

„Was macht Dom denn da?“, erkundigte sie sich.

„Er will das irgendwie regeln. Sieh dir mal die Frau im Wagen an – sie verschlingt ihn ja förmlich mit ihren Blicken.“

Carlo eilte zu Dom. Seine bullige Statur machte sichtlich Eindruck.

Einen Moment lang sah es so aus, als wollte der Mann im Wagen handgreiflich werden. Er warf etwas nach Dom, doch der wich geschickt aus und redete weiter. Vollkommen ruhig und gelassen.

Zwei Minuten später geschah das Unfassbare: Der Besitzer des Wagens, die Frau, Dom und einige der Kunden lachten.

Sara wechselte einen Blick mit Jeanette, die nur die Schultern zuckte. Noch ein paar Worte, ein Nicken, gefolgt von einem Händeschütteln.

Ein Händeschütteln?

Einige Leute verließen das Ende der Schlange und folgten Dom, der ihnen galant die Tür aufhielt. Überraschenderweise erkannte sie keinen Einzigen – es waren alles neue Gäste.

„Okay“, sagte Dom. „Wir haben alles geregelt. Rocky wird nicht wieder hierher kommen.“

„Rocky?“

„Ich habe ihm einen Tipp für einen besseren Platz gegeben.“

Sara war einerseits erleichtert, andererseits ärgerte es sie, dass Dom einfach so daherspaziert kam und das Problem löste. Dabei war es in erster Linie seinem Lächeln und seinem unwiderstehlichen Charme zu verdanken. Es musste doch schön sein, Dominic Paladino zu sein.

Er sah sie erstaunt an. „Habe ich irgendetwas falsch gemacht?“

Sara schloss die Augen. Es beschämte sie, dass ihre Miene etwas anderes als Dankbarkeit gezeigt hatte. Und es ärgerte sie, dass sie vor ihm die Nerven verloren hatte. „Nein.“ Sie riss sich zusammen. „Ich bin froh, dass es kein Problem geworden ist, mit dem meine Eltern sich nach ihrer Rückkehr hätten herumschlagen müssen. Danke.“

„Kein Problem.“ Die lockere Atmosphäre, die auf dem Weg vom Geschäft hierher zwischen ihnen geherrscht hatte, war verschwunden. Es war, als habe es sie nie gegeben.

5. KAPITEL

Es war das erste Mal, soweit Dom sich erinnern konnte, dass er zu einem Familienessen zu früh erschienen war. Er stand am Wohnzimmerfenster des Hauses, in dem er aufgewachsen war, wie sein Vater vor ihm und wie dessen Vater und sein Urgroßvater. Das Haus war jetzt wesentlich größer als früher. Die Nonna hatte ihr eigenes Reich. Das große Wohnzimmer war mit einem perfekten Sound-System versehen, über das sein Vater seine Lieblingsschallplatten spielen konnte. In einem kleinen Innenhof zog seine Mutter ihre Tomaten. Das Herzstück des Hauses war die mit allen Annehmlichkeiten eingerichtete Küche.

An diesem Abend war kein typisches Familienessen angesetzt – es gab Wichtiges zu besprechen. Das letzte Mal, als sie sich hier ganz offiziell getroffen hatten, war nach dem zweiten Herzinfarkt ihres Vaters gewesen, als es darum ging, dass Tony die Firma übernehmen sollte. An diesem Abend ging es um den Trust der Paladinos. Sie wollten einen Weg finden, ihn mehr als bisher für Little Italy zu nutzen.

Der Trust diente bisher in erster Linie dazu, die Mieten der Immobilien zu regulieren. Das Ziel war, durch erschwingliche Mieten die Immigrantengemeinschaft zu erhalten. Dennoch hatte diese Gemeinschaft sich mit jedem Jahr weiter aufgelöst. Ein paar Blocks, ein paar Geschäfte, ein paar Dutzend alteingesessene Familien – das war alles, was geblieben war.

Dom konnte das Moretti’s nicht sehen, das drei Blocks entfernt war, aber das hielt seine Gedanken nicht davon ab, zu Sara zu wandern. Sie hatte schon in der Schulzeit bewiesen, was in ihr steckte, als sie das gesamte Lehrerkollegium ausgezählt hatte. Alle waren wie gebannt gewesen von ihrer feurigen Eloquenz, aber niemand war schockierter gewesen als Sara selbst.

Nach dem Vorfall war sie wieder im Hintergrund verschwunden. Aber das konnte auch sehr wohl ein subjektiver Eindruck gewesen sein, weil er in seinem letzten Jahr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen war. Auf jeden Fall hatte sie seine Aufmerksamkeit zwei Monate später wieder erregt, als sie in ihrer Kolumne die Behauptung aufgestellt hatte, er sei das beste Beispiel dafür, wieso Schulsport eine Verschwendung von Zeit und Geld wäre. Die mit flammender Rhetorik erfüllte Kolumne hatte nicht nur ihn empört.

Kurze Zeit später hatte er die Schule verlassen. Bevor er aufs College ging, hatte er noch ein paarmal im Moretti’s gegessen, Sara dabei aber nie zu Gesicht bekommen.

Er musste daran denken, wie sie sich vor dem Fenster des Spicy Meatball verzweifelt bemüht hatte, ihr Temperament unter Kontrolle zu halten. Er konnte ihren Zorn nachvollziehen. Was er nicht verstand, war ihre Reaktion auf seine Hilfe. Ihm war nur daran gelegen gewesen, die Situation zu entspannen und eine Lösung zu finden. Es hatte keinerlei Veranlassung für sie gegeben, so abweisend zu reagieren.

Mitten in seinem Vorstellungsgespräch war ihm ihr vorwurfsvoller Blick durch den Sinn gegangen. Er hatte sich rasch wieder in den Griff bekommen, aber verdammt – diese Art Ablenkung konnte er sich wirklich nicht leisten.

Er hatte Edelman mit einer Einladung zu einem weiteren Gespräch verlassen, aber er kannte die große PR-Agentur zu wenig, um beurteilen zu können, ob ihn das wirklich weiterbrachte.

Dom sah ein Taxi vor dem Haus halten und Tony aussteigen. Sein Bruder freute sich wahrscheinlich auf den Abend. Ausnahmsweise ging es einmal nicht um Hochzeitsvorbereitungen, die Gästeliste oder Ähnliches. Verglichen damit war die Sorge um einen millionenschweren Trust doch ein Kinderspiel.

Es würde wie in alten Zeiten sein. Nur die direkte Familie, ohne Catherine, ohne April. Sogar Nonna war zum Essen bei ihrer Freundin nebenan. Das war gut so, denn das Gespräch war einfacher, wenn sie nicht pausenlos die verschlungenen Pfade in der Entwicklung des Trusts erklären mussten. Das allein hätte bereits die ganze Nacht gedauert. Und die Frauen hatten alle Verständnis dafür und fühlten sich nicht übergangen.

„Meine Güte!“ Luca steckte den Kopf zur Wohnzimmertür herein. „Dom ist heute pünktlich? Das gehört in die Zeitung!“

„Was heißt pünktlich?“, rief seine Mutter aus der Küche. „Er war schon viel zu früh hier.“

Tony blieb in der Tür stehen. „Was ist passiert? Bist du krank? Hast du eine Frau geschwängert?“

Dom lachte nur und ging in die Küche. „Ma, ich schenke mir einen Chianti ein. Möchtest du auch einen?“

„Mach deinem Vater und mir doch einen Eistee. Trinkt nicht zu viel, bis wir das Gespräch hinter uns haben.“ Sie sah zuerst Tony an, dann Luca und dann die Tür, die ins Esszimmer führte.

Luca bewegte sich als Erster. „Ich nehme das Besteck.“

Tony holte Teller und Salatschüsseln. Dom begab sich an die Bar und schenkte drei Wein ein.

Luca runzelte die Stirn, als er eine Kopie der Satzung des Trusts an seinem Platz fand. „Hast du die gemacht?“, fragte er Dom.

„Ich dachte, es könnte nicht schaden.“

Luca sah Tony an. „Unser kleiner Bruder wird erwachsen.“

Zehn Minuten später stand das Essen auf dem Tisch.

„Wieso lesen wir nicht alle die ersten zwei Seiten, während wir die Antipasti essen“, schlug Dom vor. „Danach können wir reden.“

Sein Vater musterte ihn aufmerksam. „Hast du hinterher noch ein Date?“

Dom lächelte nur, aber ihm war durchaus der Gedanke gekommen, dass er Sara vielleicht über den Weg laufen könnte, falls die Besprechung gegen neun endete. Sie würde ihm quasi entgegenkommen, es wäre also alles völlig normal. Aber er wusste nicht einmal, ob sie heute überhaupt arbeitete.

Es war still, während alle lasen. Die Sprache der Satzung verlangte einiges an Konzentration, da sie aus den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts datierte, aber die Grundideen waren sehr gradlinig.

„Okay.“ Theresa legte die Papiere beiseite. „Zuerst wollen wir essen“, schlug sie vor, „später können wir dann reden. Das Letzte, was euer Vater jetzt gebrauchen kann, ist irgendeine Form von Aufregung.“

„Mir geht es gut, Theresa. Mach dir keine Sorgen. Wenn die Jungs über den Trust sprechen wollen – bitte.“

„Ich weiß nicht, wieso alles so kompliziert geworden ist“, klagte sie. „Anwälte und all das. Und dann muss alles geheim gehalten werden.“ Ihr Blick wanderte zu Tony und Luca. „Ihr hättet deswegen beinahe Catherine und April verloren. Ich möchte nicht, dass Dominic dasselbe passiert oder euren zukünftigen Kindern.“

„Deswegen sind wir ja heute hier, Ma“, antwortete Luca. „Dieses Papier hier ist für eine andere Zeit geschrieben worden. Ich will nicht sagen, dass wir die jetzigen Mieten ändern sollten, aber ich finde, wir sollten aufhören, weitere Immobilien zu kaufen.“

„Finde ich auch“, stimmte Tony zu. „Damit würden wir aufhören, das Problem zu vergrößern.“

Ein paar Minuten hingen alle ihren Gedanken nach.

„Du hast recht gehabt, Dominic“, sagte Joe schließlich nachdenklich. „Wann war das noch? Vor zwei Jahren? Damals hast du mir gesagt, dass wir das große Ganze aus den Augen verlieren.“

Alle schauten Dom an.

„Sag es ihnen.“ Joe deutete in die Runde. „Erzähl ihnen von deiner Idee, was wir mit dem Geld machen sollten.“

Dom räusperte sich. „Ich glaube, niemand hat vorhersehen können, wie schnell der Trust wachsen würde.“ Als Tony etwas einwerfen wollte, setzte er rasch hinzu. „Ich weiß, dass alles angelegt ist. Aber damit verdienen wir so viel Geld, wie wir in fünf Leben nicht ausgeben könnten. Dabei gibt es rundum genügend Möglichkeiten, die Mittel sinnvoll einzusetzen. Die Gemeinschaft ist nicht mehr das, was sie einmal war, aber wir können das fördern, was davon geblieben ist.“

„Was genau hast du dir vorgestellt?“, fragte Luca.

„Wir könnten für mehr Grün sorgen. Der Collect Pond Park lockt keine Menschen an, weil dort nur Beton ist. Wir brauchen mehr Grünflächen und Bäume. Bänke zum Sitzen, Tische zum Schachspielen.“

„Und was sollen wir den Leuten sagen?“ Theresa runzelte die Stirn. „Was, wenn sie herausfinden, dass die Paladinos …“

„Niemand muss irgendetwas herausfinden. Der Anwalt kümmert sich weiterhin um die Immobilien, und die Mieten laufen über die Verwaltungsgesellschaft. Aber wir könnten auch etwas Neues ins Leben rufen – etwas, das wir nicht verstecken müssten, wenn wir es nicht wollen.“

Tony nickte. „Zum Beispiel einen Fond für öffentliche Bauvorhaben.“

„Wenn wir uns um öffentliches Eigentum kümmern wollen, sollten wir die Unterstützung der Behörden einholen“, ergänzte Dom. „Vielleicht sind sie bereit, dieselbe Summe zur Verfügung zu stellen wie wir.“

„Wir könnten uns auch um den DaSalvio Spielplatz kümmern. Außerdem könnten wir ein Gemeindezentrum gebrauchen“, überlegte Joe.

„Warum eigentlich nicht?“, stimmte Tony zu. „Lasst uns überlegen, was wir sinnvoll in Little Italy einbringen können.“

„Das könnte ich doch tun“, bot sich Joe an. „Ich meine, diese Überlegungen anstellen.“

Ein paar Sekunden lang sagte niemand etwas.

„Was ist?“ Joe schaute in die Runde. „Das ist doch keine Arbeit. Nicht mit Stress verbunden. Ich würde es gern machen“

Theresa wandte sich an Dom. „Vielleicht könntest du deinen Vater unterstützen?“

„Warum nicht?“ Dom nickte.

Joe strahlte. Alle stießen miteinander an. Dom warf verstohlen einen Blick auf die Uhr. Er könnte es noch schaffen, Sara abzufangen.

6. KAPITEL

Die Nacht war mild. Dom genoss es, nach dem reichlichen Familienessen ein paar Schritte zu Fuß zu gehen. Es war kurz nach neun. Er war noch einen Block vom Moretti’s entfernt, als er sah, wie Sara die Tür abschloss. Zwei Männer überquerten die Straße vor ihm. Dom beobachtete, wie sie hinter Sara hergingen, die sie offensichtlich nicht bemerkt hatte. Irgendwie gefiel ihm das Ganze nicht.

Er beschleunigte seinen Schritt und wechselte ebenfalls die Straßenseite. Als der größere der Männer neben Sara auftauchte, wich sie zurück.

Dom rannte. Schob sich zwischen den Fremden und Sara. Legte einen Arm um ihre Schultern. „Tut mir leid, dass ich zu spät komme, Sweetheart.“ Er spürte ihre Anspannung. „Wer ist denn dein Freund?“

Der Mann wich zurück.

„Hi“, murmelte sie mit einem unsicheren Lächeln.

„Hi.“ Dom küsste sie auf den Mund – und erstarrte innerlich. Er hatte nur etwas demonstrieren wollen, aber der Kuss überraschte ihn jetzt. Es war nicht einfach nur eine flüchtige Berührung der Lippen, nein, es war ein richtiger Kuss. Auch wenn die Zunge dabei keine Rolle spielte, hatte er das Gefühl, einen Stromkreislauf geschlossen zu haben. Zwischen ihnen funkte es. Es dauerte nur Sekunden, aber die Nachwirkungen blieben noch erhalten, nachdem er sich zurückgezogen hatte.

Dann ruinierte einer der Idioten alles, indem er Dom von hinten anrempelte.

„Was machst du denn mit dem Schönling, Süße?“, säuselte der Blonde. „Mein Kumpel und ich haben alles, was du brauchst.“ Er versuchte, Dom beiseitezuschieben.

Gleichzeitig war der zweite an ihrer anderen Seite aufgetaucht. Statt Sara anzusehen, galt sein Augenmerk ihrer Tasche. Dachten die zwei, dass sie die Bareinnahmen des Restaurants mit sich herumtrug? Sie hatte den Gurt der Tasche quer über ihren Oberkörper gelegt, sodass ihr niemand die Tasche einfach von der Schulter reißen konnte. Aber Dom spürte, dass der zweite Mann ein Messer parat hatte. Er würde den Gurt durchtrennen und mit der Tasche das Weite suchen.

Dom zog Sara enger an sich, während er die Männer nicht aus den Augen ließ. „Sie sind nicht aus der Gegend. Ich schlage vor, Sie gehen dorthin zurück, woher Sie gekommen sind.“

Beide Männer lachten nur.

Nicht Männer. Jungs. Gerade aus der Highschool, vermutete Dom. Der Blonde hatte sich das Haar hochgegelt. Er trug Ohrringe, und am linken Arm waren einige hässliche Tattoos zu sehen. Der andere Typ war nicht so auffällig, aber sein Blick spiegelte kalte Gier wider.

Sara entwand sich Doms Griff. „Was ist das hier?“ Sie sah ihn fassungslos an. „Hast du das arrangiert? Nur weil ich neulich nicht wollte, dass du mich nach Hause bringst?“

Er sah es nicht kommen: Eine Faust landete in seinem Gesicht. Dom wankte ein wenig, was ihn jedoch nicht davon abhielt, dem Blonden ebenfalls einen Schlag auf die Nase zu verpassen. Er zog Sara beiseite, bevor er zu einem Roundkick ausholte, der den anderen direkt über der Leber traf. Der Mann fluchte.

„Oh Mist!“

Das war Saras Stimme, laut genug, um Aufmerksamkeit zu erregen. Dom hatte nicht die Absicht, aufzugeben, bevor nicht die Polizei auftauchte oder diese Idioten verschwanden. Sein nächster Schlag traf den Blonden noch einmal auf der Nase. Blut spritzte.

Dom glaubte, in der Hand des anderen eine Klinge blitzen zu sehen. „Verschwinde, Sara. Jetzt!“

Er ließ einen schnellen Tritt in die Leistengegend folgen – der Aufschrei des Mannes übertönte das Geräusch des Messers, das scheppernd zu Boden fiel. Der Blonde hatte bereits die Flucht ergriffen. Sein Kumpel folgte ihm stöhnend.

Sara schrie auf, als Dom sich zu ihr umdrehte. Seine Braue schwoll bereits an, und Blut tropfte herunter. Es war mehr als offensichtlich, dass er das Ganze nicht arrangiert hatte. Sie kam sich unendlich dumm vor, so etwas gedacht zu haben …

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Mir geht es gut. Der Kerl hatte ein Messer!“

Dom hob es auf. „Ich weiß.“

„Oh Gott, Dom … Es tut mir leid. Ich fühle mich schrecklich. Danke …“

„Ich habe es nicht für dich getan.“ Er sah den beiden Kerlen nach. „Vollidioten!“, knurrte er.

Sara hätte fast gelacht. Falls diese beiden hier noch einmal auftauchten, blieb nur zu hoffen, dass es nicht Dom war, der anschließend verhaftet wurde. „Komm, wir haben einen Erste-Hilfe-Kasten im Restaurant.“

„Ich komme schon zurecht. Zuerst bringe ich dich nach Hause.“

„Du blutest. Und das Restaurant ist gleich hier.“

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