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Tochter des Geldes

Als Buch hier erhältlich:

Als Eveline Hasler in den Achtzigerjahren in die DDR reist, hört sie durch Irmtraud Morgner den Namen Mentona Moser zum ersten Mal. Aus unermesslich reichem Haus stammend, Sozialrevolutionärin und frühe Feministin, hat sie die europäische Welt des 20. Jahrhunderts bewegt – und wurde vergessen. Fasziniert spürt Eveline Hasler diesem Ausnahmeleben einer Unbeugsamen nach und zeichnet ein eindringliches, intimes Porträt.

Mentona war kein Kind der Liebe. Ihr Vater, der Schweizer Uhrmacher Heinrich Moser, starb, als sie vier Tage alt war, und so war die kränkliche Mentona allein dem kalten Regiment einer herrischen Mutter unterworfen, um 1900 eine der reichsten Frauen Europas. Doch ist eine abgeschiedene Kindheit auf dem Schloss zwingend der Vorspann für das spätere Leben? Mentona studiert, geht mit 17 nach England, findet ihre Berufung. Sie setzt sich ein für verarmte Arbeiterfamilien, wird Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei der Schweiz und freundet sich mit Clara Zetkin an. Im Berlin der Dreißigerjahre wird sie proletarische Schallplatten mit Hanns Eisler produzieren, ein Waisenhaus bei Moskau gründen und als Geheimagentin gegen den Aufstieg der Nationalsozialisten kämpfen. – Stalin, Lenin, Hitler: eine Ära der Gewalt und der Illusionen, in der Mentona immer neue Wege findet, um für eine gerechtere Welt einzutreten.
Eveline Hasler, mit ihrer wunderbaren Unmittelbarkeit des Erzählens, spürt dem wechselvollen Leben und Wirken dieser einzigartigen Frau nach. Ein Platz im kollektiven Gedächtnis Europas ist Mentona Moser nun endlich gewiss.
  • Erscheinungstag: 11.03.2019
  • Seitenanzahl: 288
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312011155
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Nagel & Kimche E-Book

Eveline Hasler

Tochter des Geldes

Mentona Moser – die reichste Revolutionärin Europas

Roman eines Lebens

Im Unbekannten wohnen wir alle.

Johannes Urzidil

Schloss Au soll meiner würdig werden

Mentonas und Fannys Mutter, eine junge Witwe, nannte sich Freiherrin Moser Sulzer-Wart. Auf Bemerkungen wie: Adel? Das kennen wir doch in der Schweiz nicht?, belehrte sie die ungläubigen Geister: »Maximilian I. Joseph von Bayern hat meinen Vorfahr Johann Heinrich von Sulzer aus Winterthur mit dem erblichen Freiherrentitel ausgezeichnet, weil er Bayern mit dem Salzmonopol große Dienste erwiesen hat. Mit seinen Einkünften aus dem bayerischen Salz hat mein Vorfahr in der Heimat ein Schloss bauen lassen, das märchenhafte Schloss Wart, vom Turm aus sieht man hinunter auf die Dächer von Winterthur.«

Die Witwe Moser, die den ihr zustehenden Titel Freifrau ungern trug und sich lieber eigenwillig Freiherrin nannte, las 1887 in einer Annonce der Neuen Zürcher Zeitung: Auf der Halbinsel Au im oberen Zürichsee steht das Schloss zum Verkauf. Und sie war der Meinung, ein Schloss als Wohnstätte würde ihr und ihren beiden Töchtern zustehen.

Als Frau Moser in Begleitung ihrer zwei Töchter Fanny und Mentona zum ersten Mal die Halbinsel Au betrat, kam ihr das Schlösschen wenig präsentabel vor. Vielfältige, sich überlappende Dächer, bräunlich geduckt unter Baumzweigen. An der schweren Eichentür wurde die potentielle Käuferin von zwei jungen Damen empfangen. Auf orientalische Art in goldblau gewirkte Tücher gehüllt, winkten sie die Besucher mit graziösen Bewegungen ins Innere: »Bitte, wir zeigen Ihnen das Schloss.«

Schon in der Eingangshalle erschrak die Freiherrin Moser: Da stand ein lebensechter, zum Sprung bereiter Königstiger. Die dreizehnjährige Mentona trat nahe hin, sah das grüne Glasauge, lächelte still. Dann ging sie hinter der Mutter die ausgetretene Treppe hinauf zur Galerie, die Freiherrin raffte ihren Rock, stieg in den Schlafzimmern über farbige Kissen und Matratzen, die mit Tierfellen bedeckt auf dem Boden lagen. »Lotterbetten«, murmelte sie. Vom Arzt in dem nahen Dorf Horgen hatte sie gehört, die Besitzer mit dem Namen Drumond hätten lange in Indien gelebt. Der schon betagte Vater, einst Sekretär des englischen Vizekönigs in Indien, pflege seine Magenschmerzen mit Pflanzendrogen zu betäuben, die hätten ihm zunehmend den Kopf vernebelt. Die letzten Jahre auf der Au, im Gespinst seiner Vorstellungen, galt die Welt für ihn als verdorben, Grund genug, seinen heranwachsenden Töchtern jeden Kontakt außerhalb der Insel zu verbieten, nur ein Hauslehrer bekam Zutritt zum Schloss.

Nach der Besichtigung reichten die Drumond-Töchter in der Schlossküche Schalen mit Gewürztee. Sie begannen in einem von englischen Wörtern durchsetzten Deutsch über ihren Kummer zu reden, jetzt, nach dem Tod des Vaters, gezwungen zu sein, das Refugium ihrer Kindheit zu veräußern. Das Schönste hier auf der Insel sei die rundum sich selbst überlassene Natur, die reiche Pflanzenwelt, die Tiere, sie hätten sich hier an ihre glückliche Kinderzeit in Indien erinnert ...

Auf dem Waldweg zum Pächterhaus mit seinen Ställen fragte Fanny ihre Mutter: »Wie hat dir das Schloss gefallen, Mama?«

»Ach, die Gebäude sind unscheinbar. Seit wann beugt sich ein Schloss vor den Ästen der Zedern?«

»Aber der wilde Park ist so schön«, sagte darauf versonnen die dreizehnjährige Mentona. Ihre Stimme klang scheu und leise, warum lauter reden, sie wusste ja, die Mutter hörte fast nie hin.

In der Tat erging sich Frau Moser in ihren eigenen Gedanken.

Dann hielt die hohe Gestalt in ihrem Witwenschleier abrupt inne, sie blickte sich noch einmal nach dem Gebäude um.

Im Dämmergrau der Baumschatten streifte sie ein Schauer.

»Ich kaufe es, dieses geduckte Schloss«, murmelte sie. »Aber als Erstes will ich einen Turm bauen lassen.«

In der ersten Zeit auf der Au verfiel Frau Moser in hektische Betriebsamkeit.

Täglich bekamen die Bauleute, die Gärtner, das Hausgesinde neue Befehle. Aufgepasst, dachte sie. Die Au wird meiner schon noch würdig werden: ein kleiner Hofstaat, ein neues Wart.

Die Besucher waren zahlreich in den ersten Jahren.

Es waren teils Menschen aus dem Adel, aus dem ehemaligen Karlsruher Lebenskreis. Doch bald figurierten in ihrem Gästebuch – erste Einträge stammten aus dem Jahr 1888 – Persönlichkeiten aus dem näheren Umfeld: die Eschers aus Zürich, die von Salis aus Jenins, die Willes aus Meilen. Auch Schriftsteller waren unter den geladenen Gästen: Meinrad Lienert, Emil Ludwig, Conrad Ferdinand Meyer, der Rudolf Werdmüller, den ehemaligen Besitzer des Schlosses Au, in seiner Novelle Der Schuss von der Kanzel zu einer Hauptfigur gemacht hatte. Doch es kamen auch neugierige Bewohner aus den umliegenden Dörfern, sie erhielten an den Holztischen unter den Bäumen belegte Brote und Wein, das sprach sich herum. Begann es zu dämmern, leerte sich der Park rasch, die Leute fürchteten im Zwielicht die schadhaf-ten Wege der Halbinsel, die defekten kleinen Brücken über Wasserrinnen zum Binnensee.

Die Schlossmädchen entdecken die Halbinsel

Allein gelassen, lag die Herrin in der Dämmerung auf ihrem Diwan, von Kopfschmerzen heimgesucht.

Nur der junge Hausarzt aus Horgen wurde vorgelassen. Dr. Felix, ein blonder rundköpfiger Mensch mit Pausbacken und einem herzhaften Lachen, kam täglich zur Visite. Er steuerte mit seinen groben Schuhen über den roten Perserteppich auf die neue Bewohnerin zu, legte seine bäuerische, fast quadratische Hand auf die Stirn der Leidenden und murmelte: »Geduld, liebe Frau. Die Au mit ihrer Landluft wird Sie wieder gesund machen.«

Dann gab er der Magd Anweisungen für Wickel.

Um die Töchter Fanny und Mentona, die freudlos und unbeschäftigt im Haus saßen, schien sich der Arzt mehr Sorgen zu machen. »An die frische Luft, ihr Mädchen!«

Dr. Felix nahm sie tagsüber mit hinaus in den Schlosspark, am Binnensee, der Ausee hieß, weihte er sie ein in die Arten der Vögel, zeigte Nistplätze. Vor allem Mentona war von dieser Sorte Unterricht begeistert.

»Wenn wir am Teich unsere ornithologischen Beobachtungen machen wollen, müssen wir uns früh einfinden«, sagte der Vogelfreund. »Nächste Woche begleitet mich mein Neffe Konrad, er studiert seit dem Frühling in Zürich Zoologie. Also, kurz nach Sonnenaufgang, geht das?«

Mentona stand an besagtem Tag ohne Frühstück vor der Schlosspforte bereit. Konrad war vier Jahre älter, ein hochgewachsener, schlanker junger Mann, er zog Mentona, die für ihn noch ein Kind war, ohne große Einführung sofort in ein Gespräch. Mentona verlor schnell ihre Hemmungen. Konrad sprach halb seinen Zürcher Dialekt, halb bemühte er sich um das Hochdeutsche, das Mentona aus Karlsruhe mitgebracht hatte. Während seiner Sommerferien begleitete der junge Student seinen Onkel fast täglich, kam er einmal nicht, begann Mentona ihn zu vermissen. Beide fanden aneinander Gefallen. Eine Freundschaft, mehr war da nicht, aber die Freiherrin dachte, die beiden könnten in ein paar Jahren Mann und Frau werden. Mentona hätte diesen Gedanken für merkwürdig gehalten. Konnte Mama es nicht abwarten, ihre Töchter von der Bildfläche verschwinden zu sehen?

Nach einigen Wochen, seine Ferien gingen bald zu Ende, zeigte Konrad Mentona an einem Septemberabend auf der anderen Seite des Schlosses bei einem Eichenwäldchen eine Grabstätte. Die Sonne warf eine Handvoll Goldtaler auf den Moosboden, Vögel probten den Abendgesang. Ein wunderbarer Friede war zu spüren. Konrad streckte sich zwischen Eichenwurzeln und Farnkraut aus, rätselte über die Identität des Toten, der da weit unter ihm liege. »Da, schau, die Ameisen, sie sind organisiert, in ihrem Staat arbeiten einige sichtbar, andere bearbeiten tief im Erdreich ihren Fund, putzen die Knochen blank, stoßen langsam zur Herzgegend vor, sind wohl schon ganz mit den Geheimnissen des Körpers vertraut. Du siehst, Leben und Tod, Natur und Mensch gehören eng zusammen.«

Mentona schwieg, die Geschichte mit dem Grab war ihr unheimlich. Konrad konnte das ihrem kleinen Gesicht mit den großen dunklen Augen ansehen. Er stand auf und gab ihr, als gelte es sie zu trösten, einen vorsichtigen Kuss.

Anfang Oktober, Mentona kaufte in Zürich mit ihrer Mutter Winterkleidung ein, trafen sie in der Nähe des Bahnhofs auf Konrad. Er kam mit seiner Mappe aus einer Vorlesung, erfreut grüßte er seine Bekannten von der Au, ließ sich von Frau Moser in eine elsässische Brasserie einladen. Doch hier verhielt er sich seltsam. Nur langsam, mit kleinen Bissen aß er seine Wurst. »Schmeckt es dir nicht?«, fragte Frau Moser. Er entschuldigte sich, jeder Bissen tue ihm weh, unter seiner Zunge habe sich eine kleine Geschwulst gebildet. »Konrad, du musst das einem Arzt zeigen.« Ja, ja, er habe übermorgen einen Termin.

Mentona hatte seine Beschwerden nicht weiter ernst genommen, doch eine Weile hörte und sah man von Konrad nichts mehr. Der kleine Schaden gewann mit jeder Woche mehr Macht über ihn, schließlich entfernte man ihm im Universitätsspital einen Teil der Zunge.

Als er endlich wiederkam und sie im Wäldchen saßen, lächelte er ihr zu: »Ob ich noch küssen kann?« Mentona war verblüfft, sie hielt ihm für den Versuch willig ihr Gesicht hin, er schluckte erst ein paarmal, drückte dann die Lippen auf ihre Wange.

Im November blieb Konrad aus, der erste Frost erreichte die Halbinsel, der Eichenhain wurde zum Märchenwald.

Da kam eine Anzeige: Konrad tot.

Der Verlust des Freundes schmerzte die junge Mentona über lange Zeit sehr. Sie streifte in einer dicken Winterjacke durch den Park, Eisringe lagen um die Schilfstengel im Weiher, es gab ein leises Klingeln, wenn der Wind durch die Halme strich. Sie sah die hungrigen Vögel, sann über das Leben nach, über seine Kürze, seinen Sinn.

Die sechzehnjährige Schwester Fanny versuchte zu trösten: »Tote Freunde bleiben um uns. Vergiss nicht, die Halbinsel wird von einer Handvoll Lebendigen bewohnt, die uns nicht viel bedeuten, doch unsere Beschützer sind die treuen toten Freunde.« Fanny verstand etwas von Zwischenreichen, sie interessierte sich für Parapsychologie, im übernächsten Jahr wollte sie darüber Vorlesungen hören an der Universität. Konrads Wunsch, auf der Au begraben zu werden, hätten zwar die Verwandten gerne erfüllt, doch die Schlossherrin wehrte sich strikt dagegen. Fanny wusste: »Wo immer er ruht, er ist da in seiner Geistigkeit, vergiss das nicht, Schwesterchen.« Der originellste der früheren Schlossbesitzer, General Werdmüller, geistere immer noch herum. Gerüchte, er habe sich auf der Au eine schöne türkische Sklavin gehalten, hielten sich hartnäckig. Des Öfteren werden den jetzigen Bewohnern geheime Zeichen übermittelt. Man müsse sie nur wahrnehmen können: Nachtgeräusche wie von feinen Klangschalen. Mama höre sie. Und könne trotzdem nicht an die Botschaften der Toten glauben.

Mama hatte der Älteren verboten, vor der jüngeren Schwester gespenstisches Zeug‹ zu erwähnen, die Nerven der kleinen Mentona seien dafür zu schwach.

Das Porträt aus dem Atelier

A uf der Anrichte im Schloss stand ein reizendes Kinderfoto von Fanny und Mentona, beide weiß gewandet in Wien. Daneben das Porträt der achtjährigen Mentona mit der Mutter. Ein schauerliches Foto, gab Fanny zu. Damals hatte Mentona mit einer Attacke von Kinderlähmung lange im Bett gelegen. Der Vormund der Kinder riet der Schlossherrin, ein Foto machen zu lassen als Beweis, dass Mentona, das zweite Kind, jetzt außer Gefahr und gesund sei. Fotografieren war damals noch eine seltene Kunst, und der Vormund empfahl das Atelier ›Trautes Heim und Elternliebe‹ des Herrn Bärenbold in Zürich, der erfahrene, schon ergraute Mann arbeite für erlesene Kreise und habe ein Auge für das Gediegene.

Im Sinne dieser Tradition wies er der gnädigen Frau Moser den bequemsten Stuhl in der Schlosshalle zu und ordnete an, sie habe hier ihr Kind liebevoll auf ihrem Schoß zu halten. »Die Vorstellung ›Mutter und Kind in inniger Verbundenheit‹ pflegen wir mit Akribie und Gefühl ins Bild zu setzen ...« Nachdem die Mutter ihr Seidenkleid straff über die Beine gezogen hatte, wurde Mentona auf Mutters spitze Knie gesetzt, das war unbequem. Die Mutter sollte zudem das Kind mit beiden Armen liebevoll halten.

»Näher rücken!«, befahl Herr Bärenbold.

»Ich bin kurzsichtig«, sagte die Mutter, »um scharf zu sehen, muss ich das Kind auf Armlänge von mir halten.«

»Nun, dann halt auf Armlänge. Doch vergessen Sie nicht, in Ihren beiden Blicken begegnen sich Fürsorge und kindliche Liebe!«

Das Mädchen war längst kein Kleinkind mehr, es hatte den kindlichen Liebreiz verloren, die blonden Kringel über der Stirn, die weit aufgerissenen vertrauensseligen Augen, auch war vorne bei den Schneidezähnen eine Lücke entstanden. »Du lächelst, doch mit geschlossenem Mund!«, befahl Herr Bärenbold dem Kind Mentona. »Die hübsche Mama hingegen darf Zähne zeigen!«

Als das Bild anfing, seiner Vorstellung zu gleichen, stellte sich Herr Bärenbold hinter seinen altmodischen hohen Fotoapparat und schlüpfte mit dem Kopf unter ein graues Tuch.

Das Kind glaubte ihn verschwunden und rief: »Au! Mama, du stichst mich!«

Herr Bärenbold kam hinter dem Tuch hervor. Er sah, dass es so nicht funktionieren konnte. Er stellte die Freiherrin nun an einen Tisch, das Kind nebendran auf ein gleich hohes Gestell, dort saß es rittlings, ohne die Mutter zu belasten, die Kinderbeine baumelten unter dem Saum des Kleides. Damit alles im Bild natürlich erschien, hatte er mit einem weichen Stift später zu korrigieren.

»Bequemer so?«

»Ja.«

»Und nun bitte, bitte, gnädige Frau!«, ermahnte er die Freiherrin. »Der liebevolle Blick zu Ihrem Kind!«

Er war wieder unter das Tuch geschlüpft. Doch die Mutter lächelte nicht. Hinter ihrem randlosen Zwicker starrte sie das Kind an: Sie fand es hässlich. Sein Ausdruck war altklug. Das Kind im Gegenzug erkannte hinter dem Zwicker den starren Blick einer Schlange. Unter der spitzen Nase sahen die mütterlichen Lippen, deutlich nach unten gebogen, unzufrieden aus. Um bald erlöst zu werden von der mühevollen Stellung auf dem Gestell, wollte das Kind der Mutter alles recht machen. Es ahmte den Blick der Mutter und den Ausdruck ihrer Lippen nach, Mutter und Tochter musterten sich jetzt kritisch, mit verkniffenem Mund.

Unter dem Tuch drückte der Fotograf den Auslöser. Es machte klick!

Herr Bärenbold kam unter dem Tuch hervor, erkannte: Das Familienbild war verpatzt, von Vertrautheit keine Spur.

»Soll ich nochmals von vorn beginnen, gnädige Frau?«

»Oh, nein, das reicht«, sagte Frau Moser.

Mentona ging hinaus, Tränen trübten ihre Sicht, die Mutter hatte sie wieder einmal einer kleinen Lüge wegen mit der Rute geschlagen.

Das Mädchen drang in das Dickicht des Eichenwäldchens, suchte, sich nach Verständnis und Zuwendung sehnend, ihren verstorbenen Freund. In der Nähe der alten Grabstätte rief sie seinen Namen. Er antwortete, wurde zum Buntspecht mit dem rotgefiederten Kopf, hämmerte Lautzeichen in rhythmischen Abständen, Botschaften zwischen Eichenwurzeln und Farnkraut.

Ein rotes Federchen segelte zwischen den Stämmen durch die Luft.

Mentona hob es vom Waldboden auf, steckte es in die Jackentasche.

Sie begann freier zu atmen. Sonnenstrahlen fielen durch das Blätterdickicht, malten Lichtaugen auf ihre bloßen Arme und Beine.

Die kopulierenden Ameisen von Auguste Forel

A n einem Nachmittag im Mai saß eine dörfliche Blasmusik auf den Holzbänken hinter dem Schloss, sie gaben der Freiherrin ein Ständchen, als Dank ließ sie Wein und Teller mit Trockenfleisch auftragen. An dem schon warmen Tag sprachen die Männer kräftig dem Wein zu, die Stimmen beidseits der langen Bankreihen wurden lauter und klangen zunehmend zänkisch. Bevor es dämmerte, lagen zwei der Betrunkenen unter dem Tisch. Man rief nach dem stämmigen Kutscher August, der die Blaskapelle im Namen der Gastgeberin zu schnellem Aufbruch ermahnte.

Auf diese Weise endeten auf der Au viele Abende, die harmonisch und heiter begonnen hatten.

Der Zufall wollte, dass an diesem Nachmittag an einem der Nebentische ein berühmter Gast saß: Auguste Forel, Chefarzt der Nervenklinik Burghölzli in Zürich.

Nicht nur die Freiherrin liebte seine Gegenwart, auch die Mädchen waren begeistert von ihm, sie mochten die schalkhaften dunklen Augen in seinem schmalen Kopf, denen nichts entging. Dass er aus der französischen Schweiz stammte, war auch seiner deutschen Sprache anzumerken. Doch die Mädchen hingen an seinen Lippen, weil die Themen, die er anschlug, so anregend waren, ja manchmal vergaß er ob der Fülle seiner Ideen zu essen, alles beschäftigte ihn mit Leidenschaft.

Am nächsten Morgen beim Frühstück versuchte er seine Gastgeberin für seine Abstinenzidee einzunehmen.

In Forels Anstalt war jeder Tropfen Alkohol streng untersagt, ein Novum, stand sonst in den sogenannten Irrenanstalten, zum Beispiel in der Friedmatt in Basel, jedem Patienten ein halber Liter Wein als Tagesration zu.

Jeder Tropfen Alkohol sei Gift für labile Gemüter, sagte Forel auf seinem Feldzug. Seine Strenge zahle sich aus zum Wohl der Patienten.

Der Psychiater war aber auch Insektenforscher, Pazifist, Feminist.

»Ist das eine Demokratie, wo die eine Hälfte der Menschheit weder studieren noch wählen darf?«, ließ er sich im Senat der Universität Zürich vernehmen. Er setzte sich ein für die erste Juristin deutscher Sprache, für die Zürcherin Emily Kempin-Spyri, die man zwar studieren ließ, sie dann aber trotz Doktorat als Frau ohne politische Rechte von juristischen Ämtern ausschloss. Bis sie dann auf der anderen Seite des Atlantiks mit Vorlesungen in New York und mit juristischen Schriften Beachtung erfuhr. Sie hatte drei Kinder, familiäre Gründe zwangen sie zur Rückkehr in die Schweiz, wo es erneut Kämpfe um ihre Existenz gab. Schließlich starb sie, am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte, 1901 in der Irrenanstalt Friedmatt in Basel.

Und so gab die Schlossherrin der Au Forel für seine Abstinenzkampagne Geld, sie empfing auch auf dem Schloss die Abordnung des Internationalen Kongresses der abstinenten Guttempler.

Kam Frau Moser auf Schloss Au nicht mehr zurecht mit der Erziehung, so schickte sie die Töchter nach Zürich zu Forel. Sie hatte wohl an diesem Morgen beim Frühstück von der Eigenart der jüngeren Tochter gesprochen, alles in sich hineinzufressen und eigene Wege zu gehen, und Forel war einverstanden, dass Mentona ihn in seiner Anstalt besuche.

Als der verabredete Termin kam, gab die Mutter der Tochter einen Brief mit. Der Brief machte Mentona Angst: Wollte Mama den Arzt etwa bewegen, sie wie damals ihre Schwester Fanny für eine Therapie eine Weile in der Psychiatrie zu behalten? In Zürich, hinter dem Häuschen der Tramstation, öffnete Mentona vorsichtig den Brief. Sie las ihn atemlos. Doch zu ihrer Beruhigung war da nur das Übliche: Die Tochter kapsle sich ab, gehe eigene Wege, neige zur Rebellion gegen die Mutter.

Als Mentona in den Parkweg der Anstalt einbog, fand sie Forel nicht wie abgemacht am Tor. Sie blickte umher, der Park lag weitläufig unter der wasserblauen Glasglocke des Sommerhimmels. Doch der Professor war nirgends zu entdecken. Da kam eine Pflegerin in weißem Kittel vorbei:

»Wen suchen Sie?«

»Dr. Forel.«

»Nun, er liegt etwas weiter unten neben dem Plattenweg und frönt seiner Leidenschaft!« Die Wärterin lächelte.

Mentona ging also den Weg weiter und entdeckte nach einer Wegbiegung Forel in seiner ganzen Länge ausgestreckt am Boden, in der Hand ein Vergrößerungsglas. Als sie herankam, grüßte er von unten herauf: »Schön, dass du da bist, Mentona. Nicht wahr, du liebst doch Insekten? Komm, schau!« Er winkte sie heran, und sie legte sich nach kurzem Zögern neben ihn auf den Plattenweg. Er zeigte auf ein Erdloch, aus dem Ameisen quollen, sie trugen durchsichtige längliche Flügel.

»Lasius brunneus – braune Wegameisen«, erklärte Forel. »Schau die frisch geschlüpften Jungköniginnen, geflügelt für den Hochzeitsflug! Sie schwärmen aus, kopulieren mit ihren Männchen meist in der Luft. Suchen dann sofort ein neues Habitat ...«

»Und die Flügel?«

»Die Flügel stoßen sie kurz nach dem Hochzeitsflug ab, oft hier, an den Rändern dieser Wegplatten ...«

»Für einen einzigen Moment dieser ganze Aufwand?«

Der Naturforscher lächelte: »Die Natur ist großzügig, sie leiht ihnen Flügel, damit sie sich paaren und Eier legen können, die den Bestand der Art sichern ...« Forel rappelte sich jetzt langsam auf, nun stand er auf dem Plattenweg und wischte mit dem Handrücken ein paar der geflügelten Ameisen von seiner Hose: »Also, Mentona«, sagte er, »gehen wir etwas trinken! Es ist warm geworden.«

Der Speisesaal lag kühl und leer unter einer weißgeschwungenen Decke. Auf Forels Wink eilte ein Küchenjunge herbei, der Mentona Traubensaft einschenkte. »Klar, ohne Alkohol!«, sagte Forel lachend. »Du weißt ja, ich konnte deine Mama bekehren, das war Schwerstarbeit! Die Freiherrin weiß genau, was sie will! Doch wem sage ich das, auch du scheinst mir eigenwillig zu sein! Gut so. Auch dein Papa ist ja mit Erfolg eigene Wege gegangen. Ein Moserkopf, wie man in Schaffhausen respektvoll sagte ...«

Nach der Rückkehr auf die Au fragte die Mama Mentona über die Begegnung mit Forel aus. Stirnrunzelnd hörte sie die Geschichte von der Kopulierung der Flugameisen. War sie sich im Klaren, dass Mentona noch nicht aufgeklärt war? Jetzt schaute sie die Tochter nur fragend an: »War das alles? Er hat dich wohl auch ein bisschen zurechtgewiesen?« – »Geh nur deine eigenen Wege, Mentona«, hat er zu mir gesagt. »In eurer Familie hat das immer Erfolg gebracht.«

Unzufrieden über den milden Verlauf der Aktion schüttelte die Freiherrin ihren Kopf mit der hochaufgerichteten Frisur, senkte dann den Blick und putzte lange ihre Brille. Dann sagte sie: »Ab in dein Zimmer, Mentona, zur französischen Grammatik! Deine Leistungen sind alles andere als erfolgversprechend!«

Eine Kindheit, von Geheimnissen umwittert

M entona hatte Mühe, das von der Lehrerin Vermittelte im Gedächtnis zu behalten, wohl eine Folge der frühen Kinderlähmung, hatte der Hausarzt, Dr. Felix, vermutet. Gestern hatte die Mutter das Heft mit den Französischsätzen inspiziert, am Rand die roten Striche gesehen und am Ende der Arbeit das von der Lehrerin rot hingeschriebene Wort ›ungenügend!‹. In Wut geraten, rief sie: »Dafür gebe ich Geld aus, meine Töchter zu unterrichten! Du bist träge, Mentona!« Sie holte die Rute, die immer in einem Wasserglas auf ihrem Toilettentisch steckte, »damit sie besser zieht«. Mentona bückte sich in Erwartung der Schläge. Die Mutter fitzte damit über Rücken und Arme der Tochter, der brennende Schmerz ließ die Geschlagene schreien. Am andern Tag zog Mentona aus Scham eine Jacke an, denn in ihrem ärmellosen Sommerkleid konnte man die Striemen und blauen Flecke sehen, auch beide Hände blieben hoch geschwollen.

Nie sah ich Mamas Blick liebevoll auf mich gerichtet, berichtete Mentona später. Sie sollte Mamas Vorstellung zufolge hübscher sein, auch größer gewachsen.

Fanny war nicht nur ihrem Charakter nach, sondern auch äußerlich mehr zur Zufriedenheit der Mutter geraten.

Die jüngere Tochter war nach der Kinderlähmung nur wenig gewachsen, nun brachte Frau Moser die Vierzehnjährige zu einem Spezialarzt in Zürich mit der Anweisung, mit ihr Streckübungen zu machen.

Doch mit fünfzehn wurde Mentona ganz von allein größer.

Als ihr Körper zusätzlich da und dort Rundungen bekam, erschrak sie vor ihrem Spiegelbild, sie wollte ein Kind bleiben, bestand weiterhin auf bunten kurzen Röcken.

Der Alltag der beiden heranwachsenden Töchter blieb gepflastert mit mütterlichen Belehrungen.

Vor den Mahlzeiten hatten alle, auch die Gäste des Hauses, stehend zu warten, bis die Schlossherrin auf ihrem hochlehnigen Stuhl von der Zofe an den Tisch geschoben wurde. Frau Moser hatte dieses Zeremoniell in Russland in vornehmen Häusern kennengelernt, als sie mit ihrem Mann das Land seiner Erfolge bereist hatte. Tischgespräche wurden nur auf Französisch oder Englisch geduldet. Nach Tisch mussten die Mädchen aufstehen und der Mama jedes Mal die Hand geben mit dem Satz: »Merci, Maman, pour le bon repas!«

Fanny knickste dabei wie vorgeschrieben, grinste aber hinter der Tür der Schwester zu: »Der Gemüseauflauf war doch eine Katastrophe, nicht wahr?«

Das Leben kam Mentona verlogen vor, sie wollte lieber draußen bei den Vögeln und Fröschen sein, bei Blumen und Kraut. »Du steckst immer nur draußen, Mentona, warum?«

»Ach, Mama, jetzt ist es wunderschön am Teich, weißt du das? In der Sumpfwiese, wo die gelben Schwertlilien blühen, haben sich heute Morgen auf ihren hohen Stengeln auch die blauen geöffnet, die mit dem tiefen violetten Schlund! Zwischen den Halmen jetzt auch rosa Mehlprimeln und kleine Lilien ...«

An einem Abend, auf der Bank neben den Säulen, um die sich Weinlaub wand, wollte Mentona von ihrer Schwester wissen: »Warum bin ich denn auf der Welt? Hat mein Vater für seine russischen Uhrenfabriken nicht statt meiner einen Jungen erwartet? Stimmt es, dass er sterben musste, als ich zur Welt kam?«

Fanny schwieg. Sie legte ihre Hand wie schützend über den Handrücken der kleinen Schwester, und beide blickten eine Weile dem mäandernden Flug der Fledermäuse nach. Dann flüsterte sie der Jüngeren ins Ohr: »Oh, Mentona, weißt du, wie froh ich bin, dass es dich gibt! Stell dir vor, ich wäre mit Mama ganz allein in dem alten Spukschloss ...«

»Ja«, seufzte Mentona, »alles ist mir so rätselhaft. Und Mama schweigt ...«

»Geduld, meine Kleine, wir schaffen es noch, hinter die Geheimnisse der Erwachsenen zu kommen. Jedenfalls war unser Vater glücklich in seinem letzten Sommer in Frankreich, in Menton. Deshalb dein Name Mentona ... Viel Zeit ist unseren Eltern in ihrer nur dreieinhalb Jahre dauernden Ehe nicht geblieben, glücklich zu sein ... Er ist in Badenweiler gestorben, dort im Arzthaus, in dem du geboren bist ...«

Bilder stiegen in Mentona auf.

Sie waren im Frühsommer für einen kurzen Besuch in Badenweiler gewesen. Der alt gewordene, liebenswürdige Hofrat und Arzt, den sie in der Familie nur ›Hoferli‹ nannten und dem das stattliche Haus gehörte, hatte sich gefreut, die nun größeren Moser-Töchter zu sehen. Die Mutter, die mit dem Kutscher August noch Einkäufe im Ort machte, war noch nicht eingetroffen, und ›Hoferli‹ zeigte auf Fannys Wunsch nochmals den Raum, in dem Mentona zur Welt gekommen war, nebenan das Sterbezimmer des Vaters.

»Dieser 19. Oktober 1874«, murmelte der alte Arzt, »auch für mich unvergesslich: Hier das Stöhnen meines Patienten, des genialen Heinrich Moser, erst achtundsechzig Jahre alt, seiner kräftigen Art nach hätte ich ihm noch viele Jahre gegeben. Drüben die Gebärende, dreiundvierzig Jahre jünger. Ihr zweites Kind eine Frühgeburt, klein, runzlig, die Hebamme war nicht sicher, ob das Frühchen den ersten Monat überstehen würde ... Ich kämpfte also um zwei Leben. Doch es schien, als habe das alte Leben dem neuen den Vortritt gelassen, trotz aller ärztlichen Bemühungen starb euer Vater vier Tage später, am 23. Oktober 1874.«

Es war ein warmer Junitag, in Badenweiler brachte die Haushälterin den Töchtern kalten Tee und Mandelkuchen, der Arzt, der sich den Schweiß von der Stirn wischte, setzte sich mit einem Glas gespritzten Weißwein zu den Mosermädchen in den Schatten der Terrasse.

Fanny wagte die Frage, ob der Hofrat denn auch Vaters erste Frau gekannt habe?

»Ja, die Charlotte.« Der Arzt lächelte vor sich hin: »Sie stammte aus St. Petersburg, eine stille, schöne Frau. Euer Vater hat damals nach seiner Rückkehr aus Russland in Schaffhausen ein Schloss für sie bauen lassen, Charlottenfels. Ein schattiger Platz zwar, doch von der Stadt aus überall gut sichtbar, als wollte der Bauherr zu bedeuten geben: Seht her, ihr Schaffhauser, zu was es euer Moser in der Welt gebracht hat, ihr habt ihm ja das Amt des Stadt-Uhrmachers verweigert!

Ein paar Tage, bevor Charlotte das für sie errichtete Schloss beziehen konnte, war sie in ihrer Familienkutsche verunglückt. Der beigezogene Arzt hatte die Thrombose nicht erkannt, und sie erlag ihren inneren Verletzungen.«

Mentona, bestürzt von dem Unglück, das über Charlotte gekommen war, schwieg.

Doch Fanny drängte: »Und? Wann kam unsere Mutter?«

»So schnell ging das nicht«, sagte der Hofrat. »Heinrich Moser lebte einige Jahre danach nur noch für seine zahlreichen Unternehmungen. Er war erfindungsreich! In Schaffhausen ist es ihm gelungen, durch einen Kanal, der das Rheinwasser staut, die wirtschaftlichen Zweige seiner Heimatstadt zu beleben. Doch dann«, der alte Hofrat lächelte, »sollte eine Zugreise sein Leben verändern ...

Ihm gegenüber im Coupé saß eine junge Frau, sie hatte auf der steilen Treppe hinauf zum Waggon einen Fehltritt getan und ihre Brille war zu Bruch gegangen. Moser kam mit ihr ins Gespräch. Ihr Blick, jetzt ohne Sehhilfe, gab ihrem Gesichtsausdruck etwas Hilfloses und Rührendes. Mit unsicheren Zwinkerblicken öffnete sie ihre Reisetasche, suchte nach einem Taschentuch. Sie war unverheiratet, reiste allein, obwohl, wie ihr Mädchen natürlich wisst, sie aus bester Winterthurer Familie stammte. Heinrich Moser war überzeugt, dass dieses reizende junge Wesen den Schutz und die Hilfe eines erfahrenen Mannes nötig hatte. Die Begegnung ging ihm nicht mehr aus dem Sinn; kurze Zeit darauf bat er um die Hand der jungen Frau. Die Eltern Sulzer waren gegen eine solche Verbindung, erwähnten den Altersunterschied, ihre Tochter Fanny war erst zweiundzwanzig, der Freier fünfundsechzig. Doch ein Moser fragt nicht lange, gegen allen Widerstand wurde geheiratet.«

Jetzt entstand im Haus des Arztes plötzlich Unruhe, die Mama war von ihren Einkäufen zurückgekommen, sie öffnete Tüten und Pakete, um ihren Töchtern die erstandenen Dinge zu zeigen. Aus der Küche wurde Kaffee gebracht, die Freiherrin hatte oben an der Schmalseite des Tisches Platz genommen. Unter ihren strengen Augen wechselte der Hofrat, dies zum Bedauern der beiden Mädchen, das Thema.

Ihr seid doch eine große Familie, sagte Sigmund Freud

Dass es in Schaffhausen schon Erben aus Mosers erster Ehe gab, vier Töchter und den Sohn Henri, alle fünf älter als Mosers zweite Frau, hatte der Hofrat nicht erwähnt. Auch hatte es die Freiherrin ihren Töchtern bisher verschwiegen.

Eine Reise nach Wien sollte Licht in dieses Geheimnis bringen.

Fanny, die inzwischen zu einem hübschen jungen Mädchen herangewachsen war, hatte ihre Mutter zu einer Konsultation bei dem schon berühmten Psychiater Sigmund Freud zu begleiten. Der Arzt an der Bergstraße war damals noch jung und wirkte ein bisschen unsicher, ein schmaler Mensch mit rabenschwarzem Haar und eindringlich blickenden dunklen Augen. Das Gespräch mit der Mutter zog sich über drei Tage hin, am dritten Tag wurde Fanny von der Praxishilfe aus der kleinen Bibliothek mit den Bildbänden über Wien weggeholt: »Der Arzt möchte noch mit Ihnen, dem Fräulein Tochter, sprechen, die Freiherrin Moser hat er zur Entspannung in das nahe Kaffeehaus geschickt.«

In seinem mit orientalischen Teppichen ausgelegten, jeden Schall dämpfenden Sprechzimmer fragte Freud die Sechzehnjährige: »Stimmt es, was Ihre Mutter mir berichtet, Sie leiden unter Periodenschmerzen?« Fanny nickte. »Wenn Ihre Mama, wohl in Ihrer Begleitung, bald wieder nach Wien kommt zur Weiterführung der begonnenen Therapie, werde ich Sie zu einer Untersuchung bei einem befreundeten Gynäkologen schicken.

Nun aber sagen Sie mir: Sind Sie oft traurig?« Das Mädchen nickte. »Es wird mir oft fade und einsam auf der Au: Allein mit Mutter und meiner jüngeren Schwester in dem weitläufigen Schloss! Ich stelle mir vor, es wäre schöner, in einer großen Familie zu leben ...«

Freud stutzte. Dann stand er von seinem Stuhl auf, ging mit ein paar energischen Schritten hinüber zum Fenster und sagte, mit dem Blick hinunter auf die Blumenrabatten: »Aber Fanny, Ihr seid doch eine große Familie! Ihr habt doch Kontakt mit den Halbgeschwistern in Schaffhausen, dem Sohn Henri auf Charlottenfels und seinen vier Schwestern aus der ersten Ehe des Vaters?«

»Halbgeschwister?« Fanny staunte. »Davon habe ich noch nie gehört.«

»Nun, die Mutter hat Ihnen das wohl verheimlicht ...«

»Verheimlicht? Warum?«

»Erbgeschichten. Das Geld, das Geld! Es bringt Familien durcheinander.«

Der Arzt kehrte an seinen Tisch zurück, schrieb etwas in sein Notizbuch. Blickte dann über den Rand seiner Brille und sagte: »Bitten Sie Ihre Mutter, Sie darüber aufzuklären! Sie haben ein Recht darauf.«

Eine Woche später, auf Druck des Psychiaters Freud, gestand die Freiherrin ihren Töchtern die Existenz der Halbgeschwister.

Doch über eine Erbgeschichte verlor sie kein Wort.

An Frühsommerabenden auf der Au saßen die Töchter am liebsten unter den von Weinlaub umsponnenen Säulen der Vorhalle.

»In Wien bin ich aus allen Wolken gefallen«, sagte Fanny zu ihrer Schwester. »Stell dir vor, wir haben fünf Halbgeschwister!«

»Tatsächlich? Wie schön!«, rief Mentona überrascht. »Wo sind sie?«

»In Schaffhausen.«

»Dann können wir doch hinfahren und sie besuchen?«

»Mentona, du stellst dir das zu einfach vor! Angenommen, wir reisten hin und gingen dort durch die Straßen, so würden uns diese Halbgeschwister nicht erkennen, alle sind ja mehr als zwanzig Jahre älter als wir, Herren mit Bärten und Damen mit toupierten Köpfen! Keiner dreht den Kopf nach uns ...«

»Und das in der Vaterstadt der Moser?«

Fanny nickte. »Nicht mal unser Vater, käme er aus seinem Grab, würde uns, seine Kinder, wiedererkennen! Wir waren zu klein, als er starb ...«

»So gehören wir beide also nirgends hin?«

»So ist es.«

Mentona überlegte: »Vielleicht kommen die Halbgeschwister zu uns, und wir lernen uns kennen?«

Fanny schüttelte den Kopf: »Von unserer Mutter wollen sie nichts hören. Erbgeschichten, weißt du!«

»Bist du sicher, Fanny?«

Fanny nickte. »›Hoferli‹ aus Badenweiler hat kürzlich der Mama einen Besuch gemacht. Als sie ins Haus gerufen wurde, konnte ich eine Weile allein mit ihm reden, ich wollte wissen, weshalb die Halbgeschwister uns meiden. Zuerst war er erschrocken über das wohl verbotene Thema, dann hat er gestanden, es gebe Geldprobleme: ›Eure Halbgeschwister haben nach dem Tod ihrer Mutter Charlotte – ihrer Meinung nach – nur eine bescheidene Abfindung erhalten. Und nun, nach dem Tod des vermögenden Vaters, sind sie – ihrer Meinung nach – leer ausgegangen!‹«

Die auffallend weiße Nase des Toten

In Schaffhausen wusste man über diese Erbgeschichte Genaueres. Man sprach es dort direkt und wenig diplomatisch aus: »Die Kinder aus der ersten Moser-Ehe sind um riesige Summen geprellt worden!«

Dieses Gerücht hatte sich mit der Geschwindigkeit einer Giftwolke verbreitet, es schwappte hinüber nach Deutschland und Frankreich, auch in Russland, wo Mosers Betriebe noch funktionierten, las man in der Skandalpresse davon.

Die Töchter auf der Au, weiterhin in Unkenntnis gelassen, konnten abends auf einem der Holztische hinter dem Schloss einen Zeitungsartikel über die Erbaffäre finden, hatte jemand ihn absichtlich zu ihrer Aufklärung liegengelassen? Jedenfalls schien die halbe Welt über Dinge, die ihnen verheimlicht wurden, im Bild zu sein. Auch aus den Gesprächen der sonntäglichen Besucher schnappten die Mädchen Wörter auf: Vergiftung, Tod, Erbbetrug.

Fanny, mit ihrem Spürsinn für die Dinge, die sich in den Köpfen ihrer Umgebung abspielten, hatte sich die Ereignisse zusammengereimt:

»Mit deiner Geburt, Mentona, hat alles seinen Anfang genommen ... Der alte Pfleger, der allein Zugang hatte zu Vaters Sterbezimmer, hat auf Druck eines Journalisten ausgesagt, dieWöchnerin sei, obwohl es ihr verboten war, mit dem Neugeborenen im Arm in das Zimmer des Kranken ein-gedrungen. Hat sie vielleicht dem Sterbenden das neue Kind als Junge ausgegeben, um an die russischen Fabriken zu kommen?« Tatsache jedenfalls: Im Testament des Verstorbenen figuriert die zweite Ehefrau als alleinige Erbin der russischen Fabriken und des beträchtlichen Vermögens.

Bei den Kindern aus erster Ehe war noch ein anderer Verdacht aufgekommen. Der einzige männliche Erbe, Sohn aus erster Ehe, Henri Moser aus Schaffhausen, wohnhaft auf Schloss Charlottenfels, hatte vernommen, sein Vater liege im Sterben. Er reiste sofort nach Badenweiler, doch die zweite Ehefrau verweigerte ihm vehement den Zugang zum Sterbezimmer: »Eine Aufregung mehr, und er ist tot.«

Noch am selben Abend starb Heinrich Moser, ohne seinen Sohn gesehen zu haben, die Todesnachricht erreichte Henri im Gasthof. Am anderen Morgen wurde Henri vom Arzt und Hofrat Hofer empfangen und in das Zimmer des Verstorbenen geführt. Allein gelassen im Zimmer, blickte Henri erschüttert auf den toten Vater, entschuldigte sich stumm noch einmal für die großen Differenzen und Revolten in der Jugendzeit, meist war es um die Fabriken in Russland gegangen. Später hatten sich Vater und Sohn wieder versöhnt bis zu jenem unglücklichen Tag, als Heinrich Moser seine Heirat mit einer dreiundvierzig Jahre jüngeren Frau ankündigte. Die vier Schwestern und Sohn Henri, alles Kinder der St. Petersburgerin Charlotte, fühlten sich auf die Seite geschoben.

Nun lag der willensstarke Mann starr auf seinem Bett, Henri betrachtete das knochige Gesicht, die abstehenden Ohren, die starke Mosernase ... Im Nachhinein wird er sich an die auffallend weiße Nase des Toten erinnern, auch an die seltsame Unordnung im Sterbezimmer, zu dem ein alter Pfleger allein Zugang gehabt hatte. Henri nahm auch unter den auf einem Gestell befindlichen Medikamenten ein dunkles Fläschchen mit Rattengift wahr ...

Das Testament, in das er noch in Badenweiler durch einen Rechtsanwalt Einsicht erhielt, lautete wie befürchtet: Das riesige russische Vermögen fiel vollumfänglich an die junge Witwe, auch die noch funktionierenden Uhrenfabriken in Russland, in denen Henri eine Zeitlang gearbeitet hatte.

Die Kinder aus erster Ehe berieten sich, Henri erwähnte die auffällig weiße Nase des Vaters. Sie forderten die Exhumierung der Leiche. Der anschließende Prozess, der in der Schweiz, in Deutschland und Russland geführt wurde, verlief im Sand, die wichtigsten Akten blieben verschwunden. Um die Todesursache festzustellen, hatte man das Gehirn des Vaters einem bedeutenden Chemiker zugeschickt, doch auf der langen Reise ging das wertvolle Präparat, das Moserhirn, zugrunde.

Mentona dachte im Laufe der Zeit noch viel über diese Geschichte nach.

Später, in einem ihrer Notizbücher bemerkt sie: So erhielt meine Mutter, wonach sie gestrebt hatte, die Fabriken in Russland und den größten Teil des riesigen Vermögens.

»Die geheimsten Wünsche liegen ungefiltert in uns«

Hatte Sigmund Freud zu der Patientin Moser gesagt. »Sie drängen unzensiert aus unserem ›Es‹. Einmal losgelassen, gebären sie neue Wünsche, sie wachsen, uns terrorisierend, ins Unersättliche.«

Die Freifrau saß bei Einbruch der Dämmerung am Lesetischchen in der Halle des Schlosses. Draußen vor dem Fenster lag die Dämmerung weich auf den Ästen der Zedern, die Zofe hatte die Tischlampe angezündet und sich dann auf Befehl ihrer Herrin zurückgezogen. Bis auf das gelegentliche Knacken des alten Holzes oben auf der Galerie, wo die Lotterbetten der Drumonds gelegen hatten, blieb es still. Nur in der Nische beim Treppenaufgang glimmten die grünlichen Glasaugen des Königstigers als letzter Gruß aus Drumonds Indienzeit.

Frau Moser beugte sich über einen Zeitungsbericht, er war den neuesten Methoden des von ihr geschätzten Wiener Psychiaters Sigmund Freud gewidmet. Nebenan, aus einem braunen Oval, blickte das Porträt des jungen Arztes. Es schien der Freiherrin, die dunklen Augen seien jetzt fragend auf sie gerichtet, und sie entschloss sich, den Kontakt mit ihrem früheren Arzt wiederaufzunehmen. Sie klingelte, ließ sich von der Zofe weißes Papier mit Büttenrand bringen. Unter den goldgedruckten Lettern der Schlossadresse bat die Schreiberin in markanter Handschrift höflich um eine längere Visitation auf Schloss Au: Sie wolle sich mit ihren psychischen Leiden dem Seelenarzt erneut anvertrauen. Verspreche sich Erfolg vom Einsatz seiner neuesten Hypnose-therapie.

Mit ihrem Vermögen standen Frau Moser eine unbegrenzte Auswahl von Ärzten und Therapien zur Verfügung, so drückte ein Heiler dem andern die Klinke in die Hand: Dr. Felix empfahl seinen früheren Mitstudenten Auguste Forel. Forel empfahl den Burghölzli-Therapeuten Josef Breuer. Breuer empfahl seinen Mitarbeiter Sigmund Freud. Freud empfahl den Hypnosearzt Otto Wetterstrand in Kopenhagen, der wiederum rühmte die Kaltwasseranstalt in Wiesbaden ...

Unter den Therapien und Zuwendungen nahmen die psychischen Besonderheiten der Freiherrin jedoch nicht ab, im Gegenteil, sie gediehen wie die seltenen Pflanzen im Augarten während des Frühlingsregens.

 

Der junge Gärtner Hesse, aus Erfurt stammend, war auf seiner Gesellenwanderung am Ufer des Zürichsees hängengeblieben und bei der Freiherrin Moser von Sulzer-Wart in Dienst getreten. Die gesamten Parkanlagen hatte er in verwahrlostem Zustand vorgefunden, Hesse vermutete, dem seltsamen Drumond sei das Geld ausgegangen und seine Töchter hätten jeden Tag versucht, im Binnensee Fische zu fangen, die Pflanzen habe man verwildern lassen.

Hesse, seit zwei Jahren verheiratet, hielt nicht nur Wege und Rabatten im Schlosspark in bester Ordnung, in seiner Freizeit legte er ein Rondell an mit Seltsamkeiten, auch fleischfressender Sonnentau war darunter. Er tat es aus Liebhaberei, da er die vielfältige Flora und Fauna der Halbinsel bewunderte, und nicht des Lohnes wegen, obwohl die Löhne der Angestellten im Dienst der Freiherrin ohnehin schmächtig waren.

»Ihr solltet um bessere Entlohnung kämpfen«, hatte ihm die Köchin Friederike zugerufen, als sie ihren roten Schopf aus dem Küchenfenster streckte und den jungen Hesse bei strenger Arbeit sah: »Ihr wohnt ja jetzt mit Frau und Kind in einem der Reihenhäuschen am Rand der Insel, Eigentum der Schlossherrin! Ihr müsst dafür gewiss tüchtig Zins zahlen?«

Der Gärtner Hesse ließ den Spaten ruhen, blickte zu der Köchin auf, er wischte sich den Schweiß von der Stirn und seufzte.

»Im Reich der Moser wird überall geknausert!«, schimpfte Friederike.

Und sie begann zu schildern: Am Morgen stelle sie am Küchentisch mit der Freiherrin das Tagesmenü zusammen, dann müsse eine der Töchter den Schlüssel holen und den stets verschlossenen Schrank mit den Lebensmitteln öffnen: Butter und Mehl abwägen, Fleisch, Eier und Teigwaren bereitstellen. Die Zuckerwürfel würden einzeln abgezählt, Kaffee vom besseren gäbe es nur für die Herrschaften, für die Angestellten sei die mindere Qualität gut genug! »Für die zahlenden Schlossgäste werden die Portionen noch reichlich bemessen«, fügte sie hinzu, »schließlich darf die Gnädige ihren Ruf nicht verlieren! Doch für den täglichen Bedarf der eigenen Leute und für die Bediensteten hält man die Mahlzeiten knapp! Dabei hat es sich herumgesprochen: Seit dem Tod ihres Gatten ist Frau Moser Sulzer-Wart eine der reichsten Frauen Europas!«

König Midas wählte den Goldzauber

Die sechzehnjährige Fanny, bis jetzt ausschließlich von der Hauslehrerin Schall unterrichtet, bekam zusätzlich einen Privatlehrer. Der junge Lehrer aus Wädenswil hieß Vitus Kohler, er las viel, war ein angehender Dichter und Liebhaber alter Mythen.

Eines Tages erzählte er von König Midas von Phrygien: »Also Fanny, das war so: Der König sollte einen Wunsch freihaben. Er konnte wählen zwischen dem Land der ewigen Zufriedenheit und dem Goldzauber: Alles, was man berührt, wird zu dem kostbaren Metall!

Midas überlegte nicht lange, er wählte das Gold.

Nun stell dir vor: Alles wurde zu Metall: sein Palast, seine Diener, ja selbst sein geliebtes Kind! Und da auch die Spei-sen verwandelt wurden, verhungerte Midas mitsamt seiner schönen Tochter.«

Das unglaublich viele Geld, das Frau Moser geerbt hatte, war eine vielziffrige Zahl, der Geldverwalter musste sie mehrmals auf einen Zettel schreiben. Sie betrachtete lange die schlangenartige Ziffer, ergötzte sich an den zahllosen Nullen am Schluss, als hätte das Reptil Eier gelegt.

»Warum ist die Zahl mit den vielen Ziffern jedes Mal eine andere?«, fragte die Erbin misstrauisch. Der Geldverwalter lachte. »Ein Vermögen ist ein lebendiger Organismus, gnädige Frau, täglich nimmt es der Zinsen wegen zu, eine Geldsumme, wenn sie schön in Ruhe gelassen wird, wächst und wächst!«

»Nun, ich hätte gerne mein Erbe einmal physisch vor mir gesehen«, sagte die junge Witwe: »Türme von Geldscheinen und Haufen von Goldmünzen, die meine Hände berühren können!«

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