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Totenstarre

Als Buch hier erhältlich:

Es ist ein idyllischer Sommerabend in Cambridge, Massachusetts, an dem Doctor Kay Scarpetta zu der Leiche einer Radfahrerin in einem Park gerufen wird. Der Körper ist starr, doch die junge Frau kann noch nicht lange tot sein. Teile der Kleidung wurden ihr vom Körper gerissen, doch nicht von Menschenhand. Die goldene Totenkopfkette ist noch da, doch sie hat sich in die Haut der jungen Frau eingebrannt. Alles deutet auf einen Blitzschlag hin, doch es gab kein Gewitter.


Noch ahnt Scarpetta nicht, dass diese mysteriöse Leiche auch mit ihr zu tun hat. Dass sie eine tödliche Nachricht von einem Menschen ist, der von Hass zerfressen ist - und der nicht aufhören wird, bis er am Ziel ist.

"Von der ersten bis zur letzten Seite Spannung pur. Wieder ein geniales Werk der beliebten Autorin. Das ihr Schreibstil auch diesmal perfekt ist, muss man wohl nicht erwähnen. Es handelt sich eben um eine Toperzählerin."


(Magazin Köllefornia)

"Patricia Cornwell führt auch im 24. Teil der Kay-Scarpetta-Serie ihre erfolgreiche Mischung aus forensischer Spurensuche und raffiniert konstruierter Thrilleraction fort. Und überrascht Fans wie Neueinsteiger mit der ungewöhnlichsten Mordwaffe seit langem."


(kulturnews)

"Patricia Cornwells Bücher sind in 36 Sprachen in 120 Ländern erschienen, damit gilt sie als eine der erfolgreichsten Spannungsautorinnen der Welt. Eine Meisterin der Forensik! Auch ihr neuer Roman lässt Adrenalin aufkommen (…)." (Bremer)

"Keiner reicht an Cornwell heran, wenn es um Forensik geht."


New York Times Book Review über TOTENSTARRE

"Dunkel und klug geplottet."


Booklist über TOTENSTARRE

"Cornwells Romane preschen voran mit leistungsstarkem Treibstoff, einem Cocktail aus Adrenalin und Furcht."


The Times, London über TOTENSTARRE

  • Erscheinungstag: 11.09.2017
  • Aus der Serie: Kay Scarpetta
  • Bandnummer: 24
  • Seitenanzahl: 432
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959676755
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

FÜR STACI

– In Gedenken an Tram –

»Es ist eine Liebe in mir,
wie ihr sie noch nie gesehen habt.
Es ist ein Zorn in mir,
wie er nie zum Ausbruch kommen darf.«

Mary Shelley, Frankenstein

Chaos

Aus dem Altgriechischen (χάος oder cháos)

Ein gewaltiger Abgrund oder eine Leere

Anarchie

Die Wissenschaft vom Unvorhersehbaren

PROLOG

DÄMMERUNG

Mittwoch, 7. September

Jenseits der Backsteinmauer an der Grenze zum Harvard Yard ragen vier hohe Kamine und ein graues Schieferdach mit weiß gestrichenen Dachgaubenfenstern durch die Äste der Laubbäume.

Das Gebäude im georgianischen Stil ist ein willkommener Anblick und nicht mehr als eine Viertelstunde Luftlinie entfernt. Allerdings war es keine gute Idee, zu Fuß zu gehen. Es war dumm von mir, die Mitfahrgelegenheit abzulehnen. Selbst im Schatten fühlt man sich wie in einem Backofen. Die schwülheiße Luft steht förmlich, und es regt sich nicht die leiseste Brise.

Wären da nicht der Verkehrslärm in der Ferne, hier und da ein Passant und die Kondensstreifen am Himmel, ich könnte glauben, ich sei der letzte Mensch auf einer Erde nach der Apokalypse. Noch nie habe ich den Campus von Harvard so verlassen gesehen, außer vielleicht während eines Bombenalarms. Allerdings habe ich in diesen Breiten auch noch nie so ein extremes Wetter erlebt. Blizzards und arktische Stürme zählen nicht.

Daran sind Neuengländer gewöhnt, jedoch nicht an Temperaturen über fünfunddreißig Grad. Die Sonne klebt an einem knochenbleichen Himmel, dem die Hitze das Blau ausgesaugt hat, diese Beschreibung habe ich zumindest schon einmal gehört. Treibhauseffekt. Erderwärmung. Die Strafe Gottes. Der Teufel in seiner Werkstatt. Der Merkur auf dem Rückzug. El Niño. Endzeit.

So lauten einige der Erklärungen für eine der übelsten Hitzewellen in der Geschichte von Massachusetts. In meinem Institut, dem Cambridge Forensic Center, ist die Hölle los, und das ist das Paradoxe an meinem Beruf. Wenn die Lage schlimm ist, ist das normal. Ist sie noch schlimmer, ist es gut. Es ist gleichzeitig Geschenk und Fluch, dass ich in dieser unvollkommenen Welt einen sicheren Job habe. Und während ich in der erdrückenden Hitze eine Abkürzung mitten durch den Campus nehme, überarbeite ich in Gedanken die Rede, die ich morgen Abend in der Kennedy School of Government halten werde.

Schlagfertigkeit, Wortspiele, sensationelle Geschichten, die alle wahr sind. Vielleicht ist meine Schwester Dorothy doch kein so hoffnungsloser Fall, wie ich immer geglaubt habe. Sie sagt, ich müsse unterhaltsam sein, wenn ich einen Saal voller abgebrühter Intellektueller von Eliteunis und politisch einflussreicher Leute dazu bringen will, dass sie mir zuhören. Vielleicht schlüpfen sie ja sogar ausnahmsweise in meine Schuhe, wenn ich die dunkle Seite, die Abgründe und die schaurigen Keller mit ihnen teile, die niemand zur Kenntnis nehmen, geschweige denn betreten will.

Katastrophen sind meine Berufung. Schreckensnachrichten jagen mich aus dem Bett. Tragödien sind mein täglich Brot, und der Kreislauf von Leben und Tod wird nie durchbrochen, ganz gleich, wie intelligent man auch ist.

So, meint meine Schwester, soll ich mich Hunderten von einflussreichen Wissenschaftlern, Professoren, Politikern und internationalen Führungskräften morgen Abend präsentieren. Ich hingegen finde, dass ich es nicht nötig habe, mich zu erklären. Doch offenbar verhält es sich anders, so sagte Dorothy gestern Abend zumindest am Telefon, während unsere alte Mutter im Hintergrund laut auf ihre diebische südamerikanische Haushälterin schimpfte, die – und das ist kein Witz – Honesty heißt: Ehrlichkeit. Offenbar stibitzt Honesty wieder einmal gewaltige Mengen von Schmuck und Bargeld, versteckt Moms Tabletten, isst ihr alles weg und stellt die Möbel um, und zwar in der Hoffnung, dass die alte Frau stürzt und sich die Hüfte bricht.

Natürlich tut Honesty, die Haushälterin, nichts dergleichen und hat es auch nie getan. Manchmal ist es nicht zu meinem Vorteil, ein beinahe fotografisches Gedächtnis zu haben. Ich erinnere mich an das gestrige Telefondrama, einschließlich der Szenen auf Spanisch, und jedes Wort hallt in meinem Kopf wider. Dazu Dorothy, die währenddessen wie ein Maschinengewehr gute Ratschläge herunterratterte, damit ich bloß meine Zuhörerschaft nicht langweile, was sicher geschehen würde, wenn man mich mir selbst überließe. Sie hat mir Folgendes empfohlen:

Geh zum Rednerpult, mustere das Publikum mit einem Pokerface und sage: »Willkommen. Ich bin Dr. Kay Scarpetta. Ich nehme Patienten auch ohne Termin an und mache noch Hausbesuche. Würden Sie nicht dafür sterben, von meinen Händen berührt zu werden? Denn das ließe sich regeln.« Dann zwinkerst du.

Wer könnte da widerstehen? So musst du mit denen reden, Kay! Komisch, sexy und nicht politisch korrekt. Die werden dir aus der Hand fressen. Einmal im Leben solltest du deiner kleinen Schwester sehr aufmerksam zuhören. Ich hätte es nicht so weit gebracht, wenn ich nicht das ein oder andere über PR und Marketing wüsste.

Eines der größten Probleme bei todlangweiligen Jobs, das sollte kein Wortspiel sein, wie in Bestattungsinstituten oder der Gerichtsmedizin, besteht darin, dass niemand einen Schimmer von Werbung und vom Verkaufen hat. Warum sich also die Mühe machen? Gut, fairerweise muss ich sagen, dass Bestattungsinstitute es besser draufhaben als deine Branche. Schließlich gehört es nicht zu deinen Aufgaben, einen Toten hübsch zu machen oder dich darum zu kümmern, dass er auch einen schönen Sarg kriegt. Also hast du alle Nachteile eines Bestattungsunternehmens, aber nichts zu verkaufen und niemanden, der sich bei dir bedankt.

Während meiner gesamten Laufbahn als Forensikerin hat es meine jüngere Schwester geschafft, meinen Beruf mit dem einer Leichenforscherin gleichzusetzen. Oder einfach mit dem eines Menschen, der den Dreck wegmacht, den niemand anfassen will.

In gewisser Weise ist es die logische Folge davon, dass ich als Kind meinen sterbenden Vater gepflegt habe. Ich wurde zu der Person, an die man sich wendete, wenn etwas schmerzhaft und abstoßend war oder erledigt und weggeräumt werden musste. Wenn ein Tier überfahren wurde, ein Vogel gegen eine Fensterscheibe prallte oder mein Vater wieder Nasenbluten hatte, rannte meine Schwester schreiend zu mir. Das tut sie noch immer, wenn sie etwas braucht, ohne sich darum zu kümmern, ob es mir gerade passt oder ob der Zeitpunkt der richtige ist.

Allerdings vertrete ich in der derzeitigen Phase meines Lebens die Haltung, dass wir beide nicht jünger werden. Ich habe beschlossen, mich um eine offene Einstellung zu bemühen, obwohl meine Schwester der egoistischste Mensch ist, dem ich je begegnet bin. Doch sie ist klug und begabt, und ich bin auch keine Heilige. Ich gebe zu, dass ich mich stur geweigert habe, ihre Talente anzuerkennen, und das ist nicht fair.

Denn es ist durchaus möglich, dass sie wirklich weiß, wie der Hase läuft, wenn sie mir empfiehlt, weniger wie eine Gerichtsakte oder ein Laborbericht zu klingen, sondern eher wie eine Journalistin oder Schriftstellerin. Ich muss Lautstärke, Licht und Farbe hochfahren. Und genau das halte ich mir vor Augen, während ich an meinen einleitenden Worten feile, einschließlich Gedächtnisstützen wie Unterstreichungen, wo etwas betont werden muss, und Pausen für Gelächter.

Ich trinke einen Schluck aus einer Flasche mit Wasser, das so heiß ist, dass man Tee damit kochen könnte. Dann schiebe ich die dunkle Brille hoch, die mir immer wieder von der verschwitzten Nase rutscht. Die Sonne ist ein gnadenloser Schmied, der auf den Amboss der Dämmerung eindrischt. Selbst mein Haar fühlt sich heiß an, während meine hellbraunen flachen Lederpumps auf dem Backstein klicken. Ich bin noch etwa zehn Minuten von meinem Ziel entfernt. Im Geiste gehe ich meine Rede durch:

Guten Abend, sehr geehrte Lehrende und Studierende in Harvard, Ärztekollegen, Wissenschaftler und weitere angesehene Gäste.

Wenn ich den Blick durchs Publikum schweifen lasse, sehe ich Träger des Pulitzer- und des Nobelpreises, Mathematiker und Astrophysiker, die auch Schriftsteller, Maler und Musiker sind.

Eine bemerkenswerte Versammlung unserer klügsten Köpfe, und wir fühlen uns sehr geehrt, dass auch der Gouverneur, der Justizminister und einige Senatoren und Kongressabgeordnete unter uns sind. Außerdem Vertreter der Medien und einflussreiche Geschäftsleute. Ich sehe meinen guten Freund und ehemaligen Mentor, General John Briggs, der sich hinten tief in seinen Sessel duckt und sich bei dem Gedanken, dass ich hier vorn stehe, windet. [Pause für Gelächter]

Für diejenigen, die es nicht wissen: Er ist der Leiter des Armed Forces Medical Examiner System, kurz AFMES. Wenn es einen solchen Posten gäbe, wäre General Briggs sozusagen der Forensikminister der Vereinigten Staaten. Er wird sich während der Fragestunde zu mir gesellen, um den Absturz der Raumfähre Columbia im Jahr 2003 zu erörtern.

Wir werden erläutern, was wir von der Materialwissenschaft und der Luftfahrtmedizin gelernt haben. Ebenso wie von der Untersuchung der Überreste der sieben Astronauten, die in einem Umkreis von etwa fünfundsiebzig Kilometern in Texas geborgen wurden …

Eines muss ich Dorothy lassen.

Sie ist schrill und dramatisch, und es rührt mich ein wenig, dass sie zu meinem Vortrag anreist, obwohl ich keine Ahnung habe, warum. Sie sagt, sie wolle sich den morgigen Abend auf keinen Fall entgehen lassen, aber ich glaube ihr nicht. In den acht Jahren, die ich nun das CFC leite, ist meine Schwester nie in Cambridge gewesen. Ebenso wenig wie meine Mutter, doch die reist nicht gern und kann es inzwischen auch nicht mehr. Was mag nur Dorothys wahrer Grund für den Besuch sein?

Schließlich hat sie bis jetzt nie das geringste Interesse für mich gezeigt, und es ist der ungünstigste Zeitpunkt, dass sie ausgerechnet heute Abend nach Boston fliegen muss. Am ersten Mittwoch im Monat treffen mein Mann Benton und ich – sofern kein Notfall eintritt – uns stets zum Abendessen im Harvard Faculty Club, dem ich nicht angehöre. Er schon, und zwar nicht, weil er beim FBI ist. Das verschafft einem in Harvard, dem Massachusetts Institute of Technology, MIT, und den anderen Eliteunis in der Umgebung keine Privilegien.

Doch als beratender forensischer Psychologe am Harvard angegliederten McLean Hospital in Belmont hat mein Mann, Profiler beim FBI, jederzeit Zutritt zu den beeindruckendsten Bibliotheken und Museen der Welt. Auch Zugang zu den berühmtesten Wissenschaftlern. Also kann er nach Herzenslust im Faculty Club dinieren.

Wir können sogar ein Gästezimmer in der oberen Etage buchen, was wir mehr als einmal genutzt haben, weil wir zum Essen zu viel Whiskey oder Wein getrunken hatten. Nur dass das heute nicht passieren wird, weil Dorothy anreist. Ich hätte wirklich ablehnen sollen, als sie mich bat, sie später am Abend abzuholen und zum Haus ihrer Tochter Lucy zu fahren. Was heißt, dass Benton und ich erst nach Mitternacht zu Hause sein werden.

Meine Schwester hat den Rückflug offen gelassen, und ich kann nicht anders, als zu denken, wie wundervoll es wäre, wenn ich mich all die Jahre in ihr geirrt hätte. Vielleicht kommt sie ja in Wahrheit nach Neuengland, weil sie genauso empfindet wie ich. Vielleicht will sie, dass wir endlich Freundinnen werden.

Wie schön wäre es, wenn wir zusammentun könnten, wenn es um unsere alte Mutter, Lucy, ihre Lebenspartnerin Janet und ihren neunjährigen Adoptivsohn Desi geht. Außerdem um ihren neuesten Familienzuwachs Tesla, einen geretteten Bulldoggenwelpen, der seit einer Weile bei Benton und mir in Cambridge lebt. Jemand muss die kleine Hündin ausbilden; außerdem wird unser Greyhound Sock alt und hat Freude an ihrer Gesellschaft.

KAPITEL 1

Das heiße, trockene Gras raschelt unter meinen Schuhen, und unter den Kleidern rinnt mir der Schweiß an Brust und Rücken hinunter. Ich bin wieder in Bewegung und suche Schatten, während die Sonne immer weiter sinkt und der Lichteinfall zunehmend schräger wird.

Jedes Mal, wenn ich dem grellen Sonnenschein entrinne, findet er mich wieder. Im eingemauerten Zentrum des Campus von Harvard, einem Labyrinth aus Wiesen und Rasenflächen, die quadratischen Gebäude und Höfe verbunden durch Pfade und Wandelgänge. Die stattlichen Gebäude aus Backstein und Stein sind mit Efeu bewachsen und entsprechen genau dem Klischee. Ich erinnere mich daran, was ich empfand, als ich mit fünfzehn hier eine Führung mitgemacht habe. Es ist, als versetze mich jeder Schritt weiter in eine bittersüße Vergangenheit.

Es war eines der wenigen Male, die ich in meinem letzten Highschooljahr Florida verließ und anfing, Colleges zu erkunden und mir Gedanken über meine Zukunft zu machen. Nie werde ich vergessen, dass ich genau dort ging, wo ich mich jetzt befinde. Ich spürte einen limbischen Rausch und fühlte mich gleichzeitig verlegen und fehl am Platz. Ein Summen wie von einem großen Insekt reißt mich jäh aus meinen Tagträumen.

Ich bleibe auf dem glühend heißen Gehweg stehen, schaue mich um und bemerke eine Drohne, die hoch über dem Campus fliegt. Im nächsten Moment wird mir klar, dass das Summen von meinem eigenen Telefon kommt, gedämpft von der Jackentasche meines Kostüms, wo ich es vor der Hitze versteckt habe. Ich schaue nach, wer mich da anruft. Es ist Pete Marino vom Cambridge Police Department. Ich nehme das Gespräch an.

»Läuft da etwas, von dem ich nichts weiß?«, fragt er ohne Einleitung. Die Verbindung ist ziemlich schlecht.

»Ich glaube nicht«, erwidere ich verwundert, während ich auf dem Backstein langsam gegrillt werde.

»Warum gehst du zu Fuß? Bei dieser Hitze sollte keiner draußen rumrennen.« Er klingt barsch und gereizt, und ich erkenne sofort, dass er nicht anruft, um mit mir zu plaudern. »Was zum Teufel ist nur in dich gefahren?«

»Erledigungen.« Ich werde argwöhnisch. Außerdem gefällt mir sein Ton nicht. »Und zu Fuß gehe ich, weil ich mit Benton verabredet bin.«

»Und aus welchem Grund?«, hakt Marino nach, während unsere Telefonverbindung ständig zwischen gut, miserabel und so einigermaßen schwankt und manchmal beinahe abbricht, bevor sie wieder besser wird.

»Ich treffe mich mit meinem Mann, um mit ihm zu Abend zu essen«, entgegne ich leicht sarkastisch. Ich habe keine Lust, heute mit noch jemandem aneinanderzugeraten. »Ist alles in Ordnung?«

»Vielleicht solltest du diejenige sein, die mir das verrät.« Plötzlich dröhnt seine laute Stimme mir schmerzhaft im rechten Ohr. »Warum bist du nicht bei Bryce?«

Meine Klatschbase von einem Bürochef hat Marino offenbar erzählt, dass ich mich geweigert habe, am Harvard Square wieder ins Auto zu steigen. Von meinem Verstoß gegen die Vorschriften und meinem leichtsinnigen Umgang mit Sicherheitsregeln.

Bevor ich antworten kann, fängt Marino an, mich zu verhören, als sei ich eine Verdächtige. »Du bist vor etwa anderthalb Stunden aus dem Auto gestiegen und warst etwa zwanzig Minuten im Coop«, spricht er weiter. »Und wo bist du hingegangen, als du endlich wieder aus dem Buchladen in der Massachusetts Avenue gekommen bist?«

»Ich musste etwas in der Arrow Street erledigen.« Die Gehwege auf dem Harvard Yard, dem ältesten Teil des Universitätscampus, bilden ein Spinnennetz aus Backstein. Ich stelle fest, dass ich ständig die Richtung wechsle und den günstigsten, sprich: schnellsten und kühlsten Weg suche.

»Was für eine Erledigung?«, fragt er, als ob ihn das etwas anginge.

»Ich habe im Loeb Center Karten für Waitress abgeholt, das Musical von Sara Bareilles«, erwidere ich mit einer gekünstelten Höflichkeit, die allmählich ins Wanken gerät. »Ich dachte, das könnte Dorothy vielleicht interessieren.«

»Nach dem, was ich gehört habe, hast du dich verdammt verdächtig verhalten.«

»Pardon?« Ich bleibe stehen.

»So wurde es wenigstens geschildert.«

»Von wem? Bryce?«

»Nein. Bei uns ist wegen dir ein Notruf eingegangen«, entgegnet Marino, und ich verstehe gar nichts mehr.

Er teilt mir mit, jemand habe wegen »eines jungen Typen und seiner älteren Freundin«, die sich gegen Viertel vor fünf auf dem Harvard Square gestritten hätten, die Polizei verständigt.

Der junge Mann wurde als Ende zwanzig mit hellbraunem Haar, blauer Caprihose, weißem T-Shirt, Turnschuhen, Designerbrille und einem Marihuanablatt-Tattoo geschildert. Das mit dem Tattoo stimmt nicht. Der Rest schon.

Offenbar hat der besorgte Bürger, der die Polizei angerufen hat, mich aus den Nachrichten erkannt. Es ist besorgniserregend, dass die Beschreibung meiner Kleidung korrekt ist. Ich trage tatsächlich ein kakifarbenes Kostüm, eine weiße Bluse und hellbraune Lederpumps. Leider trifft ebenfalls zu, dass ich eine Laufmasche in der Strumpfhose habe. Ich werde sie ausziehen und wegwerfen, sobald ich am Ziel bin.

»Wurde mein Name genannt?« Ich traue meinen Ohren nicht.

»Die Person meinte in etwa, Dr. Kay Scarpetta habe sich mit ihrem Kifferfreund gestritten und sei wütend aus dem Auto gesprungen«, eröffnet mir Marino die nächste Unverschämtheit.

»Ich bin nicht rausgesprungen, sondern ganz normal ausgestiegen, während er am Steuer sitzen geblieben ist und weitergeredet hat.«

»Bist du sicher, dass er nicht raus ist, um dir die Tür aufzuhalten?«

»Das tut er nie, und ich möchte das auch nicht. Vielleicht hat der Zeuge ja das beobachtet und es als Streit missverstanden. Bryce hat sein Fenster aufgemacht, damit wir reden konnten, mehr war da nicht.«

Marino verkündet, ich hätte als Nächstes herumgebrüllt, sei gewalttätig geworden und hätte Bryce durch das soeben von mir erwähnte Fenster geohrfeigt. Außerdem hätte ich ihm den Zeigefinger in die Brust gebohrt. Er habe geschrien, als habe er Schmerzen und Angst vor mir. Ich bekomme ein ungutes Gefühl, eine flaue Beklemmung, die bei mir stets ein Warnsignal ist.

Marino ist Polizist. Auch wenn ich ihn schon seit Ewigkeiten kenne, ist Cambridge sein Revier. Wenn er wollte, könnte er mir offiziell Ärger machen, und das ist ein völlig neuer und verrückter Gedanke. Er hat mich noch nie festgenommen, nicht dass er dazu je einen triftigen Grund gehabt hätte. Er hat mir noch nicht einmal einen Strafzettel verpasst oder mich verwarnt, weil ich bei Rot über die Ampel gegangen bin. Professionelle Rücksichtnahme ist eine zweispurige Straße. Doch wenn man nicht aufpasst, kann sie rasch zur Sackgasse werden.

»Ich gebe zu, dass ich ein wenig aufgebracht war, aber es stimmt einfach nicht, dass ich jemanden geohrfeigt habe …«, beginne ich.

»Fangen wir mit dem ersten Teil deiner Aussage an«, unterbricht mich Marino, der Detective. »Wie wenig ist ein wenig?«

»Verhörst du mich jetzt? Solltest du mir meine Rechte vorlesen? Brauche ich einen Anwalt?«

»Du bist selbst Anwältin.«

»Ich mache keine Witze, Marino.«

»Ich auch nicht. Ein bisschen aufgebracht? Das frage ich nur, weil er sagt, du hättest rumgeschrien.«

»Lass uns erst mal klarstellen, von wem du überhaupt redest. Fangen wir damit an. Denn du weißt ja, dass Bryce zu Übertreibungen neigt.«

»Ich weiß nur, dass ihr beide angeblich gestritten und die öffentliche Ordnung gestört habt.«

»Das behauptet er wirklich?«

»Der Zeuge behauptet das.«

»Was für ein Zeuge?«

»Der, der angerufen hat, um sich zu beschweren.«

»Hast du selbst mit diesem Zeugen gesprochen?«

»Ich konnte niemanden finden, der etwas gesehen hat.«

»Also hast du offenbar gesucht«, stelle ich fest.

»Nachdem der Anruf reinkam, bin ich um den Platz gekurvt und habe Fragen gestellt. Die gleichen Antworten wie meistens. Kein Mensch hat etwas beobachtet.«

»Das ist doch alles lächerlich.«

»Ich mache mir Sorgen, dass es jemand auf dich abgesehen haben könnte«, sagt er. Dieses Thema hatten wir im Laufe der Jahre schon so oft.

Die panische Angst, dass mir etwas Schreckliches zustoßen könnte, ist Marino in Fleisch und Blut übergegangen. Allerdings sorgt er sich in Wahrheit um sich selbst. Er benimmt sich genauso wie bei seiner Exfrau Doris, die ihn schließlich wegen eines Gebrauchtwagenhändlers verlassen hat. Marino versteht den Unterschied zwischen Bedürftigkeit und Liebe nicht. Für ihn fühlen sie sich gleich an.

»Wenn du unbedingt Steuergelder verschwenden willst, kannst du ja die Überwachungskameras am Platz, insbesondere die vor dem Coop, überprüfen«, schlage ich vor. »Dann wirst du sehen, dass ich weder Bryce noch sonst jemanden geohrfeigt habe.«

»Ich frage mich, ob das etwas mit deinem Vortrag in der Kennedy School morgen Abend zu tun hat«, sagt Marino. »Ständig wird in den Nachrichten darüber berichtet, weil es ziemlich umstritten ist. Als du und General Briggs beschlossen habt, über die explodierte Raumfähre zu sprechen, hättest du vielleicht damit rechnen müssen, dass ein paar Durchgeknallte aus dem Unterholz kriechen werden. Einige dieser Typen glauben, die Columbia sei von einem UFO abgeschossen worden. Und deshalb wurde das Raumfährenprogramm eingestellt.«

»Ich warte noch immer auf den Namen dieses angeblichen Zeugen, der einen eurer Telefonisten angelogen hat.« Ich habe kein Interesse daran, mir sein Gejammer über Verschwörungstheoretiker und den Aufruhr anzuhören, den sie während der Veranstaltung in der Kennedy School anrichten könnten.

»Er hat der Telefonistin, die den Anruf annahm, seinen Namen nicht genannt«, erwidert Marino. »Wahrscheinlich hat er eines dieser Prepaid-Telefone benutzt, die man in jedem Drugstore kaufen kann. Solche Nummern lassen sich nicht bis zu einer Person zurückverfolgen. Nicht, dass wir es versucht hätten, aber so sieht es aus. Heutzutage haben wir ständig damit zu tun.«

Ich gehe unter einer riesigen alten Eiche mit tief hängenden Ästen hindurch. Die Blätter sind für September zu üppig grün. Es ist früher Abend, und die Hitze drückt auf mich hinunter wie eine brennende Hand, die sengend das Leben aus allem herauspresst. Ich nehme die Einkaufstüte in die andere Hand. Meine Aktentasche im Fahrradkurierstil ist auch ziemlich schwer geworden. Vollgepackt mit Laptop, Unterlagen und anderen persönlichen Gegenständen. Der breite Riemen schneidet mir in die Schulter.

»Wo genau bist du?« Marinos Stimme wird mal lauter, mal leiser.

»Ich nehme eine Abkürzung.« Ich habe keine Lust, ihm meinen exakten Aufenthaltsort zu verraten. »Und du? Du klingst immer wieder so gedämpft, als würdest du in einem Fass telefonieren. Sitzt du im Auto?«

»Also bist du zum Johnson Gate rein, damit du über den Yard zur Quincy Street gehen kannst?«

»Wie sonst?« Inzwischen antworte ich nur noch ausweichend. Außerdem werde ich leicht kurzatmig, als ich weitertrotte.

»Dann bist du in der Nähe der Kirche«, stellt er fest.

»Warum fragst du? Willst du mich festnehmen?«

»Sobald ich meine Handschellen finde. Hast du sie vielleicht gesehen?«

»Vielleicht solltest du dich bei der Dame erkundigen, die du zurzeit datest.«

»Du wirst durch das Tor gegenüber vom Museum aus dem Yard kommen. Du weißt schon, bei der Ampel, die dann links von dir auf der anderen Seite der Mauer sein wird.« Es klingt eher wie eine Anweisung als wie eine Vermutung oder eine Frage.

»Wo bist du?« Mein Argwohn wächst.

»Der Weg, den ich vorgeschlagen habe, wäre der kürzeste«, entgegnet er. »An der Kirche und am Vorhof vorbei.«

KAPITEL 2

Ich trete durch ein schwarzes schmiedeeisernes Tor in der an den Yard angrenzenden Backsteinmauer und schaue auf der Quincy Street nach links und rechts.

Die andere Straßenseite wird völlig von dem kürzlich renovierten Harvard Art Museum aus Backstein und Beton eingenommen, das unter einer Glaspyramide auf sechs Etagen Galerien beherbergt. Ich warte neben einer Reihe geparkter Autos, die im schräg stehenden, allmählich verblassenden Sonnenlicht grell funkeln. Auf meinem Telefon rufe ich die Uhrzeit und den Wetterbericht ab.

Um zwanzig vor sieben Uhr abends herrschen noch immer drückende fünfunddreißig Grad. Ich weiß nicht, was ich mir vor einigen Stunden gedacht habe. Aber ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, dass Bryce unablässig plapperte, während er am Fluss entlang zur Anderson Memorial Bridge fuhr, vorbei am Weld Boathouse mit seinem roten Dach und dann die John F. Kennedy Street hoch zur Massachusetts Avenue.

Weil ich kein einziges weiteres Wort mehr ausgehalten hätte, habe ich ihn angewiesen, nicht auf mich zu warten, als ich vor dem College-Buchladen aus dem SUV stieg. The Coop. Harvard Square mit seinen Läden und einer U-Bahn-Station der Red Line ist selbst bei den schlimmsten Wetterverhältnissen belebt. Rund um die Uhr begegnet man hier Passanten und einer verhältnismäßig gleich bleibenden Anzahl von Bettlern.

Es war nicht gerade der beste Ort für Bryce, sein Fenster herunterzulassen und mit seiner Chefin zu streiten. Die Gaffer beobachteten uns mit Argusaugen. Ein Obdachloser, der auf dem Gehweg vor dem Drogeriemarkt saß und sein Pappschild als Sonnenschirm benutzte, starrte uns mit den Augen einer Elster an. Es war nicht unbedingt die optimale Stelle, um ein Fahrzeug zu parken, auf dessen Türen in Blau die Aufschrift THE CHIEF MEDICAL EXAMINER sowie das Emblem des CFC, die Waagschalen der Justitia und der Aeskulapstab, angebracht sind. Die rückwärtigen Scheiben des SUV sind schwarz getönt, und ich verstehe, welche Wirkung es hat, wenn eines unserer Fahrzeuge erscheint.

Nachdem es mir gelungen war, Bryce loszuwerden, kaufte ich im Coop Geschenke für meine Mutter und meine Schwester. Ich vergewisserte mich, dass mein anhänglicher Büroleiter wirklich verschwunden war, als ich schließlich aus dem klimatisierten Laden in die mörderische Hitze hinaustrat und die Brattle Street entlangging.

Ich machte einen Abstecher zum American Repertory Theater, dem ART, im Loeb Center, um sechs Karten für Waitress abzuholen. Ich hatte die besten Plätze im ganzen Haus reserviert. Anschließend marschierte ich auf der Massachusetts Avenue zurück, nahm die Abkürzung durch den Yard und stehe jetzt hier auf der Quincy Street.

Ich lasse das Carpenter Center for the Visual Arts links liegen. Sicherlich sehe ich zum Fürchten aus. Nach all der Mühe, die ich mir vor der missglückten Autofahrt gemacht habe. Ich habe im Büro geduscht und ein Kostüm angezogen, das inzwischen verschwitzt und zerknittert ist. Ich habe sogar Bentons Lieblingsparfüm, Amorvero, verwendet, das er in Rom bestellt. Es ist der Duft des Hotels Hassler in Rom, wo er mir einen Heiratsantrag gemacht hat. Allerdings kann ich den exotischen Duft nicht mehr riechen, als ich beim Warten an einer Kreuzung an meinen Handgelenken schnuppere. Die Hitze steigt in schimmernden Wellen vom nach Teer stinkenden Gehweg auf. Ich höre Marinos dröhnende Stimme, noch ehe ich ihn sehe.

»Du kennst ja den Spruch, dass nur verrückte Engländer und Hunde bei so einem Mistwetter rausgehen.«

Das verdrehte Sprachbild sorgt dafür, dass ich mich umwende. Er hat an einer Ampel gehalten. Das Fenster auf der Fahrerseite seines zivilen dunkelblauen SUV ist offen. Nun weiß ich, warum bei unserem Telefonat vorhin der Empfang so schlecht war. Er ist durchs Viertel gefahren, hat mich gesucht und mit Leuten auf dem Platz gesprochen. Nun schaltet er das Blaulicht ein, lässt die Sirene aufheulen, zwängt sich zwischen den Autos auf der Gegenfahrbahn durch und kommt auf mich zu.

Marino parkt in der zweiten Reihe und steigt aus. Ich glaube, ich werde mich nie daran gewöhnen, ihn in Anzug und Krawatte zu sehen. Beim Entwerfen eleganter Kleidung hat man nicht an Menschen wie ihn gedacht. Ihm passt nichts richtig bis auf seine eigene Haut.

Er ist fast zwei Meter groß und wiegt hundertzehn Kilo – plus oder minus fünfzehn. Sein gebräunter rasierter Schädel ist so glatt wie polierter Stein, und seine Hände und Füße haben die Größe von Booten. Marinos Schultern sind so breit wie eine Tür, und er könnte mein Gewicht fünfmal stemmen – so prahlt er wenigstens gern.

Mit seinem flächigen, derben Gesicht, der hohen Stirn und der markanten Nase ist er auf primitive Art attraktiv. Er hat den Kiefer eines Höhlenmenschen und kräftige weiße Zähne. Aus Bürokleidung platzt er heraus wie der Incredible Hulk. Nichts Schickes von der Stange sieht an ihm richtig aus, und ein Teil des Problems ist, dass man ihn nicht allein in ein Bekleidungsgeschäft lassen sollte, was ohnehin nicht häufig vorkommt oder geplant ist. Es wäre hilfreich, wenn er hin und wieder seine Schränke oder die Garage ausmisten würde, aber ich bin ziemlich sicher, dass er das noch nie getan hat.

Als er auf den Gehweg tritt, stelle ich fest, dass die Ärmel seines marineblauen Sakkos oberhalb der Handgelenke enden. Die Säume seiner Hosenbeine stehen auf Hochwasser, sodass graue Tennissocken in Sicht kommen. Außerdem trägt er schwarze Turnschuhe aus Leder, die nicht bis ganz oben zugebunden sind. Seine Krawatte passt beinahe dazu und ist ebenso unmodern. Schwarz-rot gestreift, viel zu breit und vermutlich aus den Achtzigern, als die Leute in Schlaghosen aus Polyester, Gesundheitsschuhen und Jogginganzügen herumgelaufen sind.

Er hat seine Gründe, warum er etwas anzieht, und zweifellos ist auch die Krawatte aus bedeutsamen Erinnerungen gewebt. Vielleicht eine Kugel, der er ausgewichen ist, ein siegreiches Bowlingtournier, der größte Fisch, den er je gefangen hat, oder ein ganz besonders tolles erstes Date. Marino betont, dass er nie etwas wegwirft, das ihm wichtig ist. Er bummelt gern durch Secondhandläden, auf der Suche nach einer Vergangenheit, die ihm besser gefallen hat als das Hier und Jetzt. Ironie des Schicksals ist es, dass ein harter Bursche wie er so sentimental sein kann.

»Komm, ich fahre dich hin.« Seine Augen sind hinter einer schwarzen Retro-Pilotenbrille von Ray-Ban verborgen, die ich ihm vor einigen Jahren zum Geburtstag geschenkt habe.

»Wozu muss ich gefahren werden?« Der Backsteinpfad, der vom betonierten Gehweg zum Faculty Club führt, beginnt ganz in der Nähe. Höchstens eine Minute Fußmarsch entfernt.

Aber er lässt sich nicht mit einem Nein abspeisen, schiebt mich vom Gehweg und hebt eine gewaltige Pranke, um den Verkehr anzuhalten, als wir die Straße überqueren. Er hält mich zwar nicht fest, doch ich habe auch nicht unbedingt Bewegungsfreiheit, während er mich auf den Beifahrersitz seines Polizeifahrzeugs bugsiert. Dort mühe ich mich unbeholfen mit meinen Taschen ab, und die Laufmasche in meiner Strumpfhose schießt vom Knie hinunter bis zur Ferse, als wolle sie Marinos Wahnwitz entgehen.

»Warum fährst du in der Gegend herum und suchst mich? Denn das hast du ja offenbar getan«, erkundige ich mich, während er die Tür schließt. »Mal im Ernst, Marino.« Aber er kann mich nicht hören.

Er umrundet das Auto und nimmt auf dem Fahrersitz Platz. Das Wageninnere ist blitzsauber und mit sämtlichen der Menschheit bekannten Sirenen, Lampen, Werkzeugkästen, Aufbewahrungsboxen und Ausrüstungsgegenständen zur Untersuchung von Tatorten ausgestattet. Das dunkle Kunstleder ist glatt, und der Geruch von Cockpitspray steigt mir in die Nase. Die mit Stoff bezogenen Sitze wirken beinahe unbenutzt, die Konsole ist blank wie nagelneu, und die Scheiben glänzen, als käme der SUV gerade aus der Werkstatt. Was seine Fahrzeuge angeht, ist Marino ein Ordnungsfanatiker. Über sein Haus, sein Büro und seine Kleidung schweigen wir lieber.

»Habe ich dir schon gesagt, wie sehr ich diese verdammten Telefone hasse?«, fängt er an zu meckern, während er die Tür zuknallt. »Über einige Dinge sollten wir nicht an einem drahtlosen Ding reden, das Zugriff auf jede verdammte Kleinigkeit in deinem Leben hat.«

»Warum bist du so fein angezogen?«

»Ich war bei einer Trauerfeier. Niemand, den du kennst.«

»Ich verstehe.« Obwohl das eigentlich nicht stimmt.

Marino ist nicht der Typ, der sich wegen einer Trauerfeier in Anzug und Krawatte wirft. Das würde er kaum für eine Beerdigung oder eine Hochzeit tun. Außerdem würde er sich bei einem solchen Wetter nicht aufstylen, außer, er hat einen bestimmten Grund, den er mir nicht verrät.

»Nun, du siehst gut aus, und du riechst auch so. Lass mich sehen. Zimt, Sandelholz und auch Hauch von Zitrone und Moschus. British Sterling erinnert mich immer an die Highschool.«

»Wechsle nicht das Thema.«

»Ich wusste gar nicht, dass wir eins hatten.«

»Ich rede über das Ausspionieren. Weißt du noch, die Zeit, als es unsere größte Sorge war, dass jemand mit einem Scanner rumfahren könnte?«, erwidert er. »Um sich so in einen Festnetzanschluss einzuhacken? Als man noch nicht überall eine Kamera im Gesicht hatte? Vorhin habe ich am Platz vorbeigeschaut, um festzustellen, wer wohl dort so rumhängt. Und da hat doch so ein Arschloch von einem Collegekid angefangen, mich mit seinem Telefon zu filmen.«

»Woher wusstest du, dass es ein Collegestudent war?«

»Weil er mit seinen Flipflops, den Schlabbershorts und der Rolex aussah wie ein verwöhnter kleiner Balg.«

»Was hast du dort gemacht?«

»Nur ein bisschen rumgefragt, was die Leute so beobachtet haben. Du weißt ja, dass vor dem Coop und dem Drugstore immer die üblichen Verdächtigen rumlungern. Bei dieser Hitze waren es nicht so viele, aber die treiben sich offenbar lieber frei und ungebunden in der großen, dreckigen Natur herum, als in einer netten Unterkunft Schutz vor den Elementen zu suchen. Und dann hat dieser Junge sein Telefon auf mich gerichtet, als würde ich gleich jemanden grundlos erschießen, damit er vielleicht das Glück hat, es auf Film zu haben. Gleichzeitig ist da eine verdammte Drohne rumgeflitzt. Ich hasse Hightech«, fügt er missmutig hinzu.

»Bitte erklär mir, warum ich hier sitze. Ich brauche nämlich eindeutig keine Mitfahrgelegenheit, weil ich bereits am Ziel bin.«

»Ja, du brauchst ganz klar keine Mitfahrgelegenheit. Ich würde sagen, der Schaden ist bereits geschehen.« Als er mich von Kopf bis Fuß mustert, ruht der Blick durch die Sonnenbrille zu lange auf der Laufmasche in meiner Strumpfhose.

»Und ich bin sicher, du hast mich nicht eigens deshalb abgeholt, um mir das mitzuteilen.«

»Nein. Ich will wissen, was wirklich mit Bryce los ist.« Marinos Ray-Bans scheinen mich an den Sitz zu heften.

»Ich hatte keine Ahnung, dass da etwas nicht stimmt. Er ist nur noch zerstreuter und nervtötender als sonst.«

»Genau. Und was könnte dahinterstecken? Überleg mal.«

»Okay, ich überlege. Vielleicht liegt es ja an der Hitze und daran, dass wir alle Hände voll zu tun haben. Wie du sehr wohl weißt, hatten wir wegen des Wetters ungewöhnlich viele Fälle. Außerdem hat Ethan wieder mal Schwierigkeiten mit dem Nachbarn, der ihn immer nervt. Und, lass mich nachdenken … Ich glaube, Bryces Großmutter wurde letzte Woche die Gallenblase entfernt. In anderen Worten: jede Menge Stress. Aber wer, zum Teufel, kann wissen, was in ihm oder sonst jemandem vorgeht, Marino?«

»Falls es einen Grund gibt, Bryce zu misstrauen, ist jetzt der Moment, den Mund aufzumachen, Doc.«

»Meiner Ansicht nach haben wir diesen Punkt nun lange genug erörtert«, übertöne ich die aus vollen Rohren pustende Klimaanlage, die mich wegen meiner feuchten Kleider bis ins Mark frösteln lässt. »Ich habe gerade nicht die Zeit, mit dir herumzufahren, und muss mich vor dem Abendessen noch ein bisschen erholen.«

Als ich aussteigen will, greift er wieder nach meinem Arm.

KAPITEL 3

»Bleib«, befiehlt er, und er klingt dabei, als spräche er mit Quincy, seinem Deutschen Schäferhund, der gerade nicht in seinem Käfig hinten im Kofferraum sitzt. Wie sich herausgestellt hat, ist er nicht nur als Leichensuchhund eine Niete, sondern auch lediglich bei gutem Wetter der beste Freund des Menschen.

Obwohl benannt nach dem legendären Gerichtsmediziner im Fernsehen, hält sich Quincy bei ungünstigen Witterungsbedingungen von Tatorten fern. Ich habe den Verdacht, dass Marinos pelziger Gefährte im Moment zu Hause auf seinem Tempur-Pedic-Bettchen im Wohnzimmer liegt, während Klimaanlage und Hundefernsehen laufen.

»Ich lasse dich hundertfünfzig Meter vorher aussteigen, verdammt. Also bleib sitzen und genieße die kühle Luft.«

Ich ziehe den Arm weg, weil ich es nicht mag, festgehalten zu werden, und sei es auch noch so sanft.

»Lass mich ausreden.« Er schiebt den Wählhebel auf DRIVE. »Wie ich schon sagte, wollte ich es am Telefon nicht weiter ausführen. Wir können inzwischen nicht mehr feststellen, wer uns nachspioniert, richtig? Und falls Bryce die Sicherheit des CFC oder deine gefährdet, möchte ich, dass wir das rauskriegen, bevor es zu spät ist.«

Ich erinnere Marino daran, dass wir persönlich auf uns abgestimmte Smartphones verwenden, die über Verschlüsselungsprogramme, Firewalls und alle möglichen spezialisierten und im höchsten Maße abgesicherten Apps verfügen. Dass jemand unsere Gespräche oder E-Mails hackt, ist äußerst unwahrscheinlich. Meine Nichte Lucy, Computergenie und Expertin für Cyberverbrechen im CFC, achtet sehr sorgfältig darauf.

»Hast du mit ihr über diese Sache geredet?«, frage ich. »Wenn du dir solche Sorgen machst, dass wir ausspioniert werden, hättest du sie doch darauf ansprechen können, oder? Immerhin ist es ihr Job.«

Gerade als ich das sage, läutet mein Telefon. Es ist Lucy, die sich über ihre eigene Version von FaceTime meldet, was heißt, dass sie mich sehen möchte, während wir reden.

»Was für ein Timing«, sage ich, als ihr waches, hübsches Gesicht auf dem Display meines Telefons erscheint. »Wir haben gerade über dich gesprochen.«

»Ich habe nur eine Minute.« Ihre Augen erinnern an grüne Laserstrahlen. »Drei Dinge. Erstens hat meine Mom gerade angerufen: Ihr Flugzeug wird sich ein kleines bisschen verspäten. Nun, ich sollte es nicht als ein kleines bisschen bezeichnen, auch wenn sie es so ausgedrückt hat. Momentan wissen wir nicht, wie lange die Verspätung dauern wird. Außerdem bin ich nicht sicher, was bei der Flugsicherung los ist. Jedenfalls sind derzeit alle Starts verschoben.«

»Welche Gründe hat man ihr genannt?«, frage ich und werde von Enttäuschung ergriffen.

»Dass sie die Gates ändern oder so. Mom und ich haben nicht lange telefoniert, aber es hörte sich danach an, als würde sie erst gegen zehn oder halb elf hier sein.«

Es ist nett von meiner Schwester, mir Bescheid zu geben, schießt es mir durch den Kopf. Ganz gleich, wie beschäftigt Benton und ich auch sein mögen, hätte sie keine Probleme damit, uns die halbe Nacht am Flughafen warten zu lassen.

»Zweitens ist gerade die letzte Nachricht von Tailend Charlie eingetroffen.« Lucys Augen bewegen sich beim Sprechen, und ich versuche zu ermitteln, wo sie ist. »Ich habe noch nicht reingehört. Das erledige ich, sobald ich mit diesem schwachsinnigen Notruf durch bin.«

»Ich vermute, dass es sich wieder um eine Audiodatei auf Italienisch handelt«, sage ich, denn Lucy spricht diese Sprache nicht fließend und wäre nicht in der Lage, alles oder womöglich überhaupt etwas zu übersetzen.

Sie bejaht. Auf den ersten Blick ist diese letzte Nachricht von Tailend Charlie genau wie die übrigen acht, die ich seit dem 1. September erhalten habe. Die anonyme Drohung wurde um dieselbe Uhrzeit abgeschickt und ist unter demselben Dateityp abgespeichert, die Aufnahme hat die identische Länge. Doch weil sie es sich noch nicht angehört hat, sage ich ihr, wir würden uns später darum kümmern.

»Wo bist du? In wessen Auto?«, fragt sie dann. Sie hebt sich deutlich vor einem stockdunklen Hintergrund ab, als befände sie sich in einer Höhle.

Dennoch schimmert ihr rotgoldenes Haar in einer Hintergrundbeleuchtung, die flackert, als würde gerade ein Film abgespielt. Schatten huschen über ihr Gesicht, und ich habe den Verdacht, dass sie sich vielleicht im Personal Immersion Theater des CFC aufhält, das wir PIT abkürzen.

Ich teile ihr mit, dass ich bei Marino bin, was sie zu ihrem dritten und wichtigsten Punkt bringt. »Hast du gesehen, was auf Twitter los ist?«, erkundigt sie sich.

»Wenn du es erwähnst, ist es sicherlich nichts Gutes«, erwidere ich.

»Ich schicke es dir jetzt. Ich muss los.« Im nächsten Moment verschwindet Lucy einfach von dem kleinen, rechteckigen Bildschirm.

»Was?«, hakt Marino nach. »Was ist auf Twitter?«

»Augenblick.« Ich öffne die Mail, die Lucy mir gerade gesendet hat, und klicke den angehängten Tweet an. »Tja, wie du erwartet hast, scheint es ein Video zu sein, das zeigt, wie du mit einigen der üblichen Verdächtigen am Harvard Square redest.«

Ich halte ihm das Telefon hin und spüre seinen verletzten Stolz, als er sich selbst aus der Entfernung betrachtet, während er umherstapft und in barschem Ton die Obdachlosen befragt, die vor den verschiedenen Läden herumlungern. Marino hetzt einen Mann in den Schatten und wieder hinaus, während dieser wild gestikulierend versucht, den Fragen auszuweichen. Marinos unverkennbare, dröhnende Stimme, während der Mann panisch hin und her schlurft, ist peinlich.

»Ich hätte gern eine Minute, um mich frisch zu machen.« So will ich Marino mitteilen, dass ich genug davon habe, in der bedrückenden Atmosphäre seines dunklen Wagens wie eine Geisel gehalten zu werden. »Könntest du also bitte die Türen entriegeln und mich freilassen? Vielleicht können wir ja morgen oder ein andermal darüber reden.«

Marino gibt seinen illegalen Parkplatz in zweiter Reihe auf und stoppt am Straßenrand vor dem Faculty Club, der hinter einem Staketenzaun zurückversetzt auf einer viele Hektar großen Rasenfläche steht.

»Du nimmst die Sache nicht ernst genug.« Er sieht mich an.

»Was genau?«

»Wir werden überwacht, und die Frage lautet, von wem und warum. Bestimmt hat jemand Bryce auf dem Kieker. Wie sonst erklärst du dir das Marihuanablatt-Tattoo?«

»Da gibt es nichts zu erklären. Er hat keine Tattoos.«

»Hat er doch. Nämlich ein Marihuanablatt, wie der Anrufer es bezeichnet hat«, entgegnet Marino.

»Ganz bestimmt nicht. Er fürchtet sich so vor Nadeln, dass er sich nicht mal gegen Grippe impfen lässt.«

»Offenbar kennst du die Geschichte nicht. Das Tattoo ist genau hier.« Marino beugt sich vor und tippt mit einem dicken Finger auf die Außenseite seines Knöchels, die ich von meinem Platz aus nicht gut sehen kann, selbst wenn ich hinschauen würde. »Es ist ein Fake-Tattoo«, fügt er hinzu. »Das wusstest du vermutlich auch nicht.«

»Anscheinend bin ich nicht sehr gut informiert.«

»Das Marihuanablatt ist ein abwaschbares Tattoo. Ein Witz von gestern Nacht, als er und Ethan sich mit Freunden getroffen haben. Und was wieder mal typisch Bryce ist? Er hat sich gedacht, er könnte es vor dem Schlafengehen wieder wegschrubben, aber viele dieser Fake-Tattoos halten fast eine Woche.«

»Offenbar hast du mit ihm geredet.« Ich betrachte Marinos gerötetes, glänzendes Gesicht.

»Ich habe mich bei ihm gemeldet, als ich von dem Notruf erfuhr. Als ich ihn nach dem Tattoo gefragt habe, hat er mir ein Selfie davon geschickt.«

Ich wende mich ab, um mir im Seitenspiegel die vorbeifahrenden Autos anzusehen. Mir fällt ein, dass ich gar nicht weiß, womit Benton heute Abend unterwegs ist. Es könnte sein Porsche Cayenne Turbo S, sein Audi RS 7 oder ein Wagen des FBI sein. Als mein Mann heute bei Morgengrauen das Haus verlassen hat, war ich mit den Hunden Sock und Tesla beschäftigt und habe weder gesehen noch gehört, wie er wegfuhr.

»Das Tattoo ist das Problem, Doc«, sagt Marino. »Dadurch wird der Anruf glaubhafter. Es beweist nämlich mehr oder weniger, dass der Mensch, der sich darüber beschwert hat, dass du und Bryce die öffentliche Ordnung stören, euch tatsächlich gesehen hat. Außer, diese Person ist aus irgendeinem anderen Grund über das Tattoo und darüber im Bilde, was ihr beide anhattet.«

Ich erkenne das Geräusch eines Turbomotors, dessen Tonhöhe sich verändert, und lausche, während es näherkommt und lauter wird.

»Holst du sie trotzdem heute Nacht ab?«, fragt Marino.

»Wen?« Ich beobachte, wie Bentons RS 7, eine flache, elegante Limousine mit getönten Scheiben, langsam vorbeigleitet und in der Parklücke vor uns hält.

»Dorothy.«

»So lautet der Plan.«

»Tja, falls du Hilfe brauchst, erledige ich das gern«, erbietet sich Marino. »Ich wollte dir schon länger sagen, dass du nur zu fragen brauchst, wenn ich etwas für dich tun kann. Insbesondere jetzt, weil sie wahrscheinlich ziemlich viel Verspätung haben wird.«

Ich kann mich nicht erinnern, ihm vom Besuch meiner Schwester erzählt zu haben – geschweige denn, wer sie vom Flughafen abholen wird. Außerdem hat er es anscheindend nicht zum ersten Mal gehört, als Lucy vor wenigen Minuten anrief. Er hat es bereits gewusst.

»Das ist nett von dir«, erwidere ich. Seine dunkle Brille ist gebannt auf das Heck des Audi gerichtet, während Benton den Wagen so dicht an den Straßenrand lenkt, dass kaum eine Messerklinge zwischen Randstein und Felgen passen würde.

Die mattschwarze Limousine gibt ein grollendes Knurren von sich wie ein sprungbereiter Panther. Durch die getönten Scheiben kann ich den Umriss des attraktiven Kopfes meines Mannes und seines dichten Haars ausmachen – das weiß ist, seit ich ihn kenne. Gerade und mit gestrafften Schultern sitzt er reglos wie eine Dschungelkatze da. Durch grau getönte Brillengläser beobachtet er uns im Rückspiegel. Als ich die Autotür öffne und aussteige, trifft mich die Hitze wie ein Schlag.

Ich schaue zu, wie Benton aus dem Wagen steigt. Er streckt seine hochgewachsene, schlanke Gestalt. Mein Mann sieht immer makellos aus. Sein perlgrauer Anzug wirkt noch genauso frisch wie heute Morgen, als er ihn angezogen hat. Die blaugrau gemusterte Seidenkrawatte ist perfekt gebunden. Seine gravierten antiken Manschettenknöpfe aus Weißgold schimmern in der Abendsonne.

Mit seinen markanten und gleichzeitig zarten Gesichtszügen, dem schlohweißen Haar und der Hornbrille könnte er die Titelseite von Vanity Fair zieren. Er ist schlank, sehnig und muskulös, und seine ruhige Art verrät nichts von dem Feuer in seinem Inneren. Wenn man Benton Wesley in seinem maßgeschneiderten Anzug sieht – mein Mann entstammt einer wohlhabenden neuenglischen Familie –, würde man nie ahnen, wie er wirklich ist.

»Hallo«, sagt er und nimmt mir die Einkaufstüte ab. Die Aktentasche halte ich fest.

Er blickt Marinos dunkelblauem SUV nach, der sich wieder in den Verkehr einfädelt. Die vom Gehweg aufsteigende Hitze lässt die Luft zäh und schmutzig wirken.

»Hoffentlich hattest du einen besseren Nachmittag als ich.« Mir wird bewusst, wie zerzaust ich neben meinem perfekt gepflegten Mann erscheine. »Tut mir leid, dass ich so zum Fürchten aussehe.«

»Welcher Teufel hat dich geritten, zu Fuß zu gehen?«

»Fang du jetzt nicht auch noch an. Hat Bryce dir eine Fahndungsmeldung geschickt? Halten sie Ausschau nach einer Verrückten mit Laufmasche im Strumpf, die sich auf dem Campus von Harvard herumtreibt?«

»Das hättest du wirklich nicht tun sollen, Kay. Aus verschiedenen Gründen.«

»Sicher bist du über den Notruf informiert worden. Wahrscheinlich wird das die Schlagzeile des Tages.«

Er antwortet nicht, aber das ist auch überflüssig. Er ist im Bilde. Bestimmt hat Bryce ihn angerufen, denn Marino hat es sicher nicht getan.

KAPITEL 4

Hinter uns auf dem Gehweg läutet fröhlich eine Glocke. Wir machen Platz, als eine junge Frau auf einem Fahrrad vorbeifährt.

Sie stoppt vor uns, als hätten wir dasselbe Ziel. Ich lächle ihr mitfühlend zu, als sie absteigt. Sie trägt eine sportliche dunkle Brille. Ihr Gesicht ist gerötet und verschwitzt. Sie öffnet den Kinnriemen ihres leuchtend blauen Fahrradhelms und nimmt ihn ab. Ich bemerke ihr zurückgebundenes langes braunes Haar, die blauen Shorts und das beige ärmellose T-Shirt. Sofort bekomme ich ein seltsames Gefühl.

Ich betrachte ihr blaues Halstuch mit Paisleymuster, ihre beigen Turnschuhe von Converse und ihre grauweiß gestreiften Funktionssocken, während sie erst auf ihr Telefon und dann auf das georgianische Backsteingebäude des Faculty Club schaut, als erwarte sie jemanden. Sie tippt mit den Daumen und hält das Telefon ans Ohr.

»Hallo«, sagt sie. »Ich bin hier.« Inzwischen weiß ich, warum sie mir so bekannt vorkommt. Ich bin ihr vor etwa einer halben Stunde begegnet.

Sie war im Loeb Center, als ich die Theaterkarten gekauft habe. Ich erinnere mich, dass sie die Vorhalle betrat, um zur Toilette zu gehen. Sie ist höchstens Anfang zwanzig und hat einen britischen Akzent, der mir ein wenig affektiert oder antrainiert erscheint. Das ist mir schon aufgefallen, als sie mit Mitarbeitern und einigen Schauspielern im American Repertory Theater gesprochen hat.

Sie stand auf der anderen Seite des Raums und klebte Karteikarten mit Kochrezepten an eine Wand, an der bereits Hunderte davon hingen. In dieser Inszenierung von Waitress werden die Zuschauer aufgefordert, ihre Lieblingsgerichte und leckere Geheimrezepte aus der Familie mit anderen zu teilen. Bevor ich ging, bin ich hinübergeschlendert, um einen Blick darauf zu werfen. Kochen ist meine große Leidenschaft, und meine Schwester liebt Süßes. Gerade notierte ich mir das Rezept für einen Erdnussbutterkuchen, als die junge Frau im Ankleben der Karten innehielt.

»Ich warne Sie, der ist lebensgefährlich«, sagte sie zu mir. Sie trug einen kitschigen goldenen Totenkopf um den Hals, der mich an Piraten denken ließ.

»Pardon?« Unsicher, ob ich gemeint war, sah ich mich um.

»Der Erdnussbutterkuchen. Aber er wird besser, wenn Sie Schokolade drüberstreuen. Richtige. Und ersetzen Sie die Kruste aus Graham-Kräckern bloß nicht durch etwas anderes, das Sie vielleicht besser finden. Denn das stimmt nicht, Ehrenwort. Und nehmen Sie echte Butter – ich stehe nicht auf fettreduzierten Kram.«

»Das haben Sie auch gar nicht nötig«, erwiderte ich, weil sie drahtig und durchtrainiert war.

Nun steht dieselbe junge Frau vor mir und Benton auf dem Gehweg in der Quincy Street, hält ihr iPhone in einer eisblauen Hülle in der Hand und steckt es dann wieder in seine schwarze Plastikhalterung. Dabei stößt sie versehentlich an ihre Wasserflasche, die runterfällt, mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden landet und auf uns zurollt. Benton bückt sich, um sie aufzuheben.

»Tut mir leid. Vielen Dank.« Sie wirkt erhitzt. Ihr Gesicht ist gerötet und schweißnass.

»Die brauchen Sie heute ganz sicher.« Er reicht ihr die Flasche. Gerade verstaut sie sie in ihrer Halterung, als ich einen jungen Mann bemerke, der über den Rasen vor dem Faculty Club läuft.

Ihre randlose Brille ist auf ihn gerichtet, als sie wieder aufs Rad steigt und sich mit den Spitzen ihrer Turnschuhe am Gehweg abstützt. Er ist dunkelhaarig und mager und trägt eine Stoffhose und ein Button-down-Hemd, als sei er in einem Büro beschäftigt. Als er endlich durchgeschwitzt und grinsend vor ihr steht, gibt er ihr einen Umschlag von FedEx, der zwar beschriftet, aber nicht verschlossen ist.

»Danke«, sagt er. »Leg einfach die Karten rein, und dann können wir ihn abschicken.«

»Ich erledige das auf dem Heimweg. Bis später.« Sie küsst ihn auf die Lippen.

Dann trottet er zurück zum Faculty Club, wo er offenbar arbeitet. Sie setzt den Helm wieder auf, ohne sich um den Riemen zu kümmern, der eigentlich stramm unter ihrem Kinn sitzen müsste. Sie dreht sich zu mir um und lächelt mich an.

»Sie sind doch die Erdnussbutterlady.«

»Was für ein reizender Spitzname.« Ich erwidere das Lächeln und erinnere sie beinahe daran, ihren Kinnriemen zu schließen.

Allerdings kenne ich diese Frau nicht und möchte nicht aufdringlich sein.

»Bitte seien Sie vorsichtig hier draußen«, sage ich stattdessen. »Diese Hitze ist mörderisch.«

»Was einen nicht umbringt, macht einen stark.« Sie greift nach dem niedrigen Lenker und tritt mit langen, kräftigen Stößen in die Pedale.

»Nicht immer«, merkt Benton an.

Die heiße Luft bewegt sich träge, als sie an uns vorbeifährt.

»Viel Spaß mit dem Kuchen und dem Stück«, ruft sie uns noch zu. Sie erinnert mich an meine Nichte: waches Gesicht, selbstbewusst und ausgesprochen fit.

Ich beobachte, wie ihre nackten Beine pumpen und sich ihre Wadenmuskeln wölben, als sie schneller wird und sich durch dasselbe Tor schlängelt, das ich vorhin benutzt habe. Dabei erinnere ich mich an die Zeit, als ich in ihrem Alter war, das Beste und Schlimmste noch vor mir lagen und ich alles im Voraus wissen wollte, so als könnte ich mit meinem Schicksal verhandeln. Mit wem würde ich zusammen sein, und was würde aus mir werden? Wo würde ich leben, wem etwas bedeuten? Ich grübelte und versuchte manchmal, mein Leben in die Richtung zu zwingen, die ich für richtig hielt. Inzwischen würde ich das nicht mehr tun.

Ich beobachte, wie die Gestalt der jungen Frau sich entfernt und kleiner wird, während sie zwischen den riesigen Gebäuden der Pusey-Bibliothek und der Lamont-Bibliothek durch den Yard radelt. Ich verstehe nicht, warum jemand die Zukunft kennen wollen sollte. Und ich frage mich, ob es sich bei ihr auch so verhält. Die Standardantwort lautet »vermutlich«. Doch die wahrscheinlichere ist »absolut«. Ganz im Gegensatz zu mir.

»Was wollte Marino?« Benton berührt mich sanft und liebevoll am Rücken, als wir den Gehweg entlangschlendern.

Vor uns links befindet sich der Staketenzaun. Weit zurückversetzt steht das neo-georgianische zweistöckige Gebäude aus Backstein mit den weißen Kanten. Der Wintergarten verfügt über eine Glaskuppel. Vier hohe Kamine ragen stolz und symmetrisch an verschiedenen Ecken empor, und zehn Dachgaubenfenster halten Wache auf dem Satteldach aus Schiefer.

Der lange, mit roten Steinen gepflasterte Weg windet sich durch Steingärten und Zierbüsche. Die Sonne ist hinter den Gebäuden untergegangen, und die drückende Luft fühlt sich an wie ein Dampfbad, das langsam abkühlt.

Benton hat sein Sakko ausgezogen und es sich ordentlich gefaltet über den Arm gelegt. Wir gehen an hellrosafarbenen Zylinderputzern, Zimterlen, violettem Berglavendel und weißen und blauen Hortensien vorbei. Keine Pflanze regt sich in der stehenden Luft, und nur wenige dunkelgrüne Blätter zeigen auch nur den kleinsten Hauch von Rot. Je länger es so heiß und trocken bleibt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass wir in diesem Jahr bunte Herbstfarben zu sehen bekommen.

In unserem Gespräch beantworte ich Bentons Fragen, was Marinos Absichten betrifft, so gut wie möglich und erkläre, wie nachdrücklich er darauf bestanden hat, dass ich nicht allein draußen herumlaufe. Allerdings glaube ich nicht, dass es ihm nur darauf ankam, und ich habe den starken Verdacht, dass es Benton ebenso ergeht.

»Wie dem auch sei«, erzähle ich weiter, »war er beim Telefonieren die ganze Zeit unterwegs und hat mich buchstäblich verfolgt, obwohl er das Gegenteil behauptet hat. Dann hat er mich die letzten hundertfünfzig Meter gefahren, und dort haben wir beide uns vor einigen Minuten getroffen.«

»Die letzten hundertfünfzig Meter?«, wiederholt Benton.

»Ich sollte einsteigen, und er würde mich die letzten hundertfünfzig Meter fahren. Die letzten gottverdammten hundertfünfzig Meter waren besonders wichtig.«

»Offenbar wollte er sich ungestört unter vier Augen mit dir unterhalten. Vielleicht stimmt es ja, dass er das nicht am Telefon besprechen wollte. Oder er hat es nur vorgeschoben. Es könnte auch beides stimmen«, erwidert Benton, als ob er es wüsste. Und vermutlich tut er das ja. Für ihn ist es nicht schwierig, Pete Marino zu durchschauen.

»Und jetzt verrate mir mal, warum du beschlossen hast, allein einen Spaziergang zu unternehmen. Im Kostüm und mit schweren Taschen bepackt«, kommt Benton auf sein eigentliches Thema zu sprechen. »Bist du nicht diejenige, die alle vor einem Hitzschlag warnt – so wie gerade eben die Frau auf dem Fahrrad?«

»Wahrscheinlich kommt da der Spruch her, dass man nicht Wein trinken und Wasser predigen soll.«

»Hier geht es nicht um das, was du predigst, sondern um etwas anderes.«

»Ich dachte, ein Spaziergang würde mir guttun«, entgegne ich, worauf er schweigt. »Außerdem musste ich die Theaterkarten abholen.«

Ich erkläre ihm, dass ich außerdem im College-Buchladen, dem Coop, Geschenke kaufen wollte. Vielleicht sind das T-Shirt, das Nachthemd und der attraktiv gestaltete Bildband nicht unbedingt die originellsten Geschenke, die ich je gemacht habe. Aber mehr habe ich beim Bummeln durch die Gänge nicht entdeckt. Wie Benton sehr wohl weiß, ist es schwierig, meiner Schwester eine Freude zu bereiten.

Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht wüsste, was ihr gefällt. Ein beliebtes Musical und ein Erdnussbutterkuchen zum Beispiel. Dorothy wird sich auch über das enge Harvard-T-Shirt freuen, das sie zu ihren noch engeren Leggings oder Jeans tragen kann. Ihr operativ aufgemöbelter Busen wird das T-Shirt von einer Eliteuni ausfüllen bis zum Platzen. Zweifellos werden sich daraus anregende Gespräche in den Kneipen von South Beach und Margaritaville ergeben.

»Und das Buch mit Fotos aus Cambridge kann sie mit nach Miami nehmen, als wäre es ihre Idee gewesen«, fahre ich fort, während Benton wortlos lauscht, wie er es immer tut, wenn er nicht meiner Meinung ist. »Und genauso wird meine Schwester auch vorgehen, wenn sie Mom die Bilder von Harvard, dem MIT und dem Charles River zeigt. Dorothy wird wieder im Mittelpunkt stehen, was in Ordnung ist, solange Mom Spaß an ihren Geschenken hat und weiß, dass jemand an sie denkt.«

»Es ist nicht in Ordnung«, entgegnet Benton, während wir durch die tiefer werdenden Schatten zwischen hohen Buchsbaumhecken spazieren.

»Einige Dinge ändern sich nie. Es ist okay.«

»Du darfst dir von Dorothy nicht so auf der Nase herumtanzen lassen.« Seine dunklen Brillengläser richten sich auf mich.

»Wie ich annehme, hast du von dem Notruf gehört«, wechsle ich das Thema, weil meine Schwester schon genug von meiner Zeit vereinnahmt hat. »Offenbar hat Marino einen Mitschnitt, aber er wollte ihn mir nicht vorspielen.«

Benton antwortet nicht, und falls er den Mitschnitt kennt, wird er es mir nicht verraten. Wenn man ihn darauf hingewiesen hätte, hätte er wahrscheinlich vom Cambridge Police Department eine Kopie verlangt – und zwar mit der Begründung, das FBI wolle sichergehen, dass sich eine Staatsbedienstete weder danebenbenimmt noch bedroht wird.

Mein Mann könnte sich alles Mögliche einfallen lassen, um den Mitschnitt des Notrufs in die Finger zu kriegen. Außerdem versteht er sich ziemlich gut mit dem Polizeichef, dem Bürgermeister und auch sonst fast allen, die hier etwas zu sagen haben. Er hätte Marinos Hilfe nicht gebraucht.

»Wie du vielleicht weißt, oder auch nicht, hat sich jemand beschwert, ich würde angeblich die öffentliche Ordnung stören.« Als ich mir zuhöre, wie ich so etwas einem Menschen erkläre, der sich tagtäglich mit Terroristen und Serienmördern herumschlägt, klingt es noch absurder.

Ich sehe ihn an, während wir uns in der aufziehenden Dämmerung dem beeindruckenden Backsteingebäude nähern. Seiner Miene ist rein gar nichts zu entnehmen.

»Vermutlich hat Bryce dir davon erzählt, nachdem Marino ihn zur Rede gestellt hat und genau wissen wollte, was passiert ist, als ich am Harvard Square ausgestiegen bin«, füge ich hinzu.

»Marino sorgt sich um dich«, sagt Benton, und ich kann nicht erkennen, ob das eine Feststellung oder eine Frage ist.

»Er sorgt sich ständig«, erwidere ich. »Und er verhält sich seltsam. Er wollte unbedingt zum Flughafen fahren und war sehr darauf erpicht, Dorothy abzuholen.«

»Woher mag er wohl wissen, dass sie kommt? Von dir? Denn ich habe ihm nichts gesagt.«

»Da wir fast keine Vorwarnung hatten, hatte ich eigentlich kaum Gelegenheit, es überhaupt jemandem zu sagen«, entgegne ich. »Vielleicht hat Lucy es ja erwähnt.«

»Oder Desi. Er und Marino sind inzwischen dicke Kumpel«, antwortet Benton. Er kann seine Gefühle zwar besser verbergen als jeder andere, den ich kenne, doch mich täuscht er nicht.

Ich merke ihm an, wenn ihn etwas kränkt, und das ist bei der keimenden Freundschaft zwischen Marino und Desi offenbar der Fall. Ich habe so etwas befürchtet, weil Marino immer mehr Zeit mit einem frühreifen und unersättlich neugierigen Jungen verbringt, dessen genetische Herkunft uns zum Großteil unbekannt ist. Wir wissen nicht, womit wir rechnen müssen, und haben keinen Anhaltspunkt, wem er nachschlagen wird.

Eigentlich sollte es Janets verstorbene Schwester Natalie sein, denn schließlich hat sie sich ihre Eizellen einfrieren lassen, als sie erst Mitte zwanzig war. Lange bevor sie etwas unternommen hat, hat sie sich mit Leihmutterschaft und Samenspendern befasst. Ich erinnere mich, dass sie davon gesprochen hat, eine alleinerziehende Mutter zu werden. Und rückblickend betrachtet erscheint es fast, als habe sie geahnt, dass ihre Tage auf Erden gezählt sein würden. Sieben Jahre nach Desis Geburt ist sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Es ist so schade, dass sie nicht hier ist. Sie wird nicht miterleben, dass er sich so rasch verändert wie ein Schmetterling, der aus dem Kokon schlüpft.

»Schau, ich kapiere es ja«, sagt Benton. »Ich bin nicht annähernd so unterhaltsam wie Marino. Er war bereits mit Desi beim Angeln, hat angefangen, ihm etwas über Waffen beizubringen, und hat ihn den ersten Schluck Bier kosten lassen.«

»Das mit dem Angeln ist eine Sache, doch wenn Lucy und Janet den Rest auch in Ordnung finden, gefällt mir das gar nicht.«

»Der Punkt ist …«

»Der Punkt ist, dass du nicht auf dieselbe Weise unterhaltsam sein musst wie Marino«, unterbreche ich ihn. »Eigentlich hoffe ich, dass du ein gutes Beispiel für ihn bist.«

»Wofür? Dafür, wie es ist, ein langweiliger Erwachsener zu sein?«

»Ich dachte da eher an einen sexy und brillanten FBI – Agent, der schnelle Autos fährt und Designerklamotten trägt. Desi kennt dich noch nicht.«

»Das ist offensichtlich der Fall. Marino hat ihm erzählt, ich sei ein pensionierter Schuldirektor, und Desi hat mich danach gefragt. Ich habe ihm gesagt, das sei vor hundert Jahren gewesen, als ich gerade das College hinter mir hatte und an meinem Master gearbeitet habe«, entgegnet Benton.

»Hast du ihm erklärt, dass damals viele FBI – Agents aus dem Bildungswesen oder der Juristerei kamen? Dass du also einfach einen vernünftigen Karriereweg beschritten hast?« Noch während ich das ausspreche, wird mir klar, dass das zu kompliziert und der Brunnen bereits vergiftet ist.

»Der einzige Grund für Marino, das zu erwähnen, war, Desi Angst vor mir einzujagen. Was schädlich und wenig hilfreich ist, denn der Junge ist bereits dickköpfig genug. Mir ist aufgefallen, dass er immer ungehorsamer wird.«

»Ich stimme zu, dass er es nicht mag, wenn man ihm Vorschriften macht. Aber so geht es doch den meisten von uns.«

»Marino ist der liebe Onkel Pete, mit dem man Spaß hat, während ich der Schuldirektor bin«, entgegnet Benton. Ich sehe zu, wie sich die Dunkelheit schwer und heiß herabsenkt.

Inzwischen haben wir die breite gepflasterte Terrasse erreicht. Sie ist mit Holztischen, roten Sonnenschirmen, Kübelpflanzen und Blumenbeeten ausgestattet. An diesem letzten Mittwoch im September sollte es hier eigentlich keinen freien Platz mehr geben. Aber es sitzt niemand vor dem Faculty Club. Wir sind ganz allein auf der Welt.

KAPITEL 5

Der Eingang könnte auch zu einem Privathaus gehören. Und das ist der Faculty Club für meinen Mann, der nicht in Harvard studiert hat, auch geworden. Benton war in Amherst, genau wie sein Vater und Großvater vor ihm.

Ein zweites Zuhause. Ein Portal in eine andere Welt, wo Schmerz, Angst und Tragödien nicht erlaubt sind. Benton kann sich an seinen idyllischen georgianischen Rückzugsort im Herzen des Campus flüchten und für eine kurze Zeit so tun, als existierten Dummheit, Heuchelei, politische Intrigen und kleingeistige Bürokraten einfach nicht.

Er kann sich ein Meditationswochenende wie im Kloster gönnen, wo jeder aufklärerische Ideen und die Verschiedenartigkeit der Menschheit feiert und wo Gewalt und Aggressionen schlichtweg nicht vorkommen. Hier fühlt Benton sich sicher. Einer der wenigen Orte, wo er es tut. Allerdings nicht so sicher, dass er nicht bewaffnet wäre. Ich kann zwar keine Pistole entdecken, zweifle jedoch nicht daran, dass er eine im Aktenkoffer hat. Dazu eine Ersatzwaffe irgendwo am Körper. Seine Glock 27 oder den verborgen getragenen Smith & Wesson Model 19, ohne den er niemals das Haus verlässt.

Wir sind vor den weiß gestrichenen Säulen zu beiden Seiten stehen geblieben. Über der dunkelroten Tür befindet sich ein Oberlicht. Ich betrachte die makellose Symmetrie der Backsteinfassade. Mein Blick bleibt an den großen Buntglasfenstern der Gästezimmer im oberen Stock hängen.

»Vielleicht ein andermal.« Benton schaut auch nach oben und weiß, was ich denke.

»Ja. Dank meiner Schwester fällt die Übernachtung heute wohl flach. Aber wenn ich frische Sachen dabeihätte, würde ich trotzdem sofort ein Zimmer mieten und duschen.« Fast kann ich das Knarzen der mit einem Teppich bedeckten alten Holzstufen hören, die in den ersten Stock führen.

Ich erinnere mich an das Geräusch, daran, wie sich die mit Stoff tapezierten Wände anfühlen, an die heimelige Eleganz und vor allem an die schmalen Betten, wo Benton und ich nie viel Schlaf abbekommen. Wir haben ein gut eingespieltes Ritual, über das wir ausschließlich untereinander sprechen. Es gehört einzig und allein uns. Ich würde es nicht als Date bezeichnen, sondern betrachte es eher als eine Art Therapie, dass wir einmal im Monat herkommen, vorausgesetzt, die Sterne stehen gut.

Viel zu oft tun sie das nicht, aber wenn doch, werden wir zu unserer Freude daran erinnert, dass es auf der Welt noch Anstand und Menschlichkeit gibt. Nicht jeder lügt, stiehlt, vergewaltigt, schlägt, vernachlässigt, quält, entführt und mordet. Nicht jeder will uns vernichten und uns unser Hab und Gut wegnehmen. Und wir haben solches Glück, dass wir einander gefunden haben.

Wir treten in die kühle Stille, ausgestattet mit antiken Möbeln, kostbaren Gemälden und Perserteppichen. Als Benton die Tür hinter uns schließt, sind wir von Wandleuchten, Vertäfelungen aus Mahagoni, mit Polsternägeln beschlagenen Chesterfield-Sesseln aus dunklem Leder und breiten Bodendielen umgeben. Auf dem Flurtisch stehen frische Blumen. Auf einem viktorianischen Rednerpult aus Eiche liegt die Speisekarte des heutigen Abends.

Ich erschnuppere verschiedene Lagen vertrauter Gerüche. Geschnittene Lilien und Rosen, Bienenwachs und eine leicht muffige Patina. Sie wirken beruhigend, verbreiten den Charme der alten Welt und lassen mich an Gedichte, Zigarren und seltene, in Leder gebundene Folianten denken. Es herrscht die feierliche Förmlichkeit, die man von einem Club erwartet, wo Staatschefs und kultivierte Menschen aus aller Welt zu Gast waren.

In der Vorhalle bleibe ich vor einem antiken ovalen Spiegel stehen und fahre mir mit den Fingern durchs schlaffe blonde Haar. Ich starre in das zerschrammte Glas und betrachte den hochgewachsenen, attraktiven Mann im grauen Anzug, der hinter mir verharrt.

»Kenne ich Sie?«, frage ich Benton, ohne mich umzudrehen.

»Ich glaube nicht. Warten Sie auf jemanden?«

»Ja.«

»Was für ein Zufall. Ich auch. Ich habe schon immer auf jemanden gewartet.«

»Ich ebenfalls.«

»Nun, nicht auf irgendjemanden. Die Richtige.« Sein Spiegelbild sieht mich an.

»Glauben Sie, dass es für uns beide nur einen richtigen Menschen gibt?«, frage ich den Spiegel an der Wand.

»Ich kann nur für mich selbst sprechen.«

Unser kleines Spiel hat keinen Namen, und niemand weiß von unserer hübschen Choreografie, in der wir so tun, als seien wir Fremde. Es ist erfrischend, aufmunternd und auch seelisch aufbauend, sofern man die Wahrheit ertragen kann. Was würde geschehen, wenn wir uns wirklich gerade zum ersten Mal in der Vorhalle des Harvard Faculty Club begegnet wären?

Hätten wir einander bemerkt? Würde er mich noch immer so anziehend finden wie damals? Männer reagieren unterschiedlich darauf, dass ihre Frauen älter werden. Einige Paare behaupten, sich noch zu lieben wie am ersten Tag, auch wenn das nicht stimmt. Es ist mutig, sich dieser Frage zu stellen und der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, ohne mit der Wimper zu zucken. Was würden wir empfinden, wenn wir uns jetzt zum ersten Mal sehen würden? Nicht vor Jahrzehnten, als Benton verheiratet und ich geschieden war und wir unseren ersten gemeinsamen Fall bearbeiteten?

Es gibt keine wissenschaftliche Methode, eine solche Frage zu beantworten. Ich zweifle nicht daran, dass wir uns wieder ineinander verlieben würden. Ganz sicher würde ich eine Affäre mit ihm anfangen, mit dem Ergebnis, dass man mir vorwerfen würde, ich hätte eine Familie zerstört. Und das wäre mir egal, denn es ist die Sache wert.

Benton legt mir warme, anmutige Hände auf die Schultern und lehnt das Kinn auf meinen Scheitel. Ich rieche sein erdiges Rasierwasser, als wir uns in dem gewölbten Spiegel betrachten. Wo die Silberschicht sich vom Glas gelöst hat, wirken unsere Gesichter wie abstrakte Gemälde von Picasso.

»Was hältst du von einem Abendessen?«, flüstert er mir ins Haar.

»Entschuldigst du mich einen Moment?«

Ich gebe meine Einkaufstüte an der Garderobe ab und gehe zur Damentoilette, die mit förmlichen Tapeten und alten viktorianischen Theaterplakaten ausgestattet ist. Nachdem ich meine Aktentasche auf die Theke aus schwarzem Granit gestellt habe, krame ich mein Schminktäschchen heraus. Als ich in den Spiegel über dem Waschbecken schaue, macht die Frau in Kaki, die mir entgegenstarrt, einen leicht angeschlagenen und zerrauften Eindruck.

Nur dass »leicht« es nicht ganz trifft, beschließe ich. Ich sehe zum Fürchten aus. Ich schlüpfe aus der feuchten Kostümjacke und breite sie über einen Stuhl. Mein BH ist so durchgeschwitzt, dass er sich unter der weißen Bluse abzeichnet. Ich schalte den Händetrockner an und puste mir heiße Luft in den Kragen, alles, was möglich ist, damit ich nicht in nasser Unterwäsche dasitzen muss. Dann fördere ich Puder, Lippenstift und eine Zahnbürste zutage. Danach mustere ich mich und überlege, was ich sonst noch tun kann, um mich zu restaurieren. Nicht viel.

Die Folgen von schlechtem Schlaf, Herumgehetze und einem Fußmarsch bei großer Hitze lassen sich nicht so einfach rückgängig machen. Mir ist ein wenig schwindelig, ich bin erschöpft und hoffnungslos verschwitzt. Außerdem muss ich dringend etwas essen und trinken. Aber am meisten brauche ich eine Dusche. Ich ziehe die kaputte Strumpfhose aus und werfe sie in den Papierkorb. Anschließend halte ich ein Handtuch unter den Kaltwasserhahn, um mich zu säubern. Aber gegen schweißnasse, zerknitterte Kleider gibt es kein schnell wirkendes Mittel.

Es ist, als würde ich in einer Waschmaschine eingeweicht und herumgeschleudert. Außerdem fällt mir auf, dass ich in den letzten Wochen ein wenig magerer geworden bin. Das passiert immer, wenn ich den Sport vernachlässige. Ich war schon eine ganze Zeit lang nicht mehr beim Joggen, kein Wunder bei dieser Hitzewelle. Meine Gymnastikbänder habe ich nicht angerührt, und Lucy setzt mir zu, ich müsse mit ihr ins Fitnessstudio gehen.

Als ich mir das Gesicht pudere, betonen die Schatten im Dämmerlicht eines Kristallkronleuchters meine hohen Wangenknochen, die große Nase und das markante Kinn. Ich denke an die Worte der Journalisten, die in den meisten Fällen nicht eben wohlwollend sind. Ich bin maskulin und abstoßend. Mein wenig schmeichelhaftes Lieblingszitat, das bis zum Erbrechen in den Artikeln wiedergekäut wird, lautet: Dr. Kay Scarpettas Äußeres erregt Aufsehen, ihr Gesichtsausdruck wirkt unzugänglich, geheimniskrämerisch und dominant.

Ich feuchte mir die Finger an und zause mir das Haar. Dann gönne ich ihm eine Dosis Volumenspray, putze mir die Zähne und bestäube Stirn und Wangen mit einem mineralischen Puder, das gegen ultraviolette Strahlung schützt und nicht krebserregend ist. Dass es draußen bald stockfinster sein wird, kümmert mich nicht. Ich tue es trotzdem. Danach trage ich Lippenbalsam auf Olivenölbasis auf und krame Augentropfen und eine kleine Tube Sheabutter hervor.

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