×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Unverhüllte Lust«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Unverhüllte Lust« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Unverhüllte Lust

hier erhältlich:

Gerade hat die hübsche Melissa sich dazu durchgerungen, ihre Karriere als Diebin an den Nagel zu hängen. Da bekommt sie ein gestohlenes Diamantenkollier geschenkt. Kurzentschlossen will sie es zurückbringen und wird dabei prompt von dem attraktiven Ex-Cop und Sicherheitsexperten Kyle Radley erwischt...


  • Erscheinungstag: 15.07.2016
  • Seitenanzahl: 154
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955766269
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Julie Kenner

Unverhüllte Lust

Aus dem Amerikanischen von M. R. Heinze

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgaben:
Stolen Kisses
Copyright © 2004 by Julia Beck Kenner

Published by arrangement with
Harlequin Enterprises II B.V./S.ár.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln
Umschlaggestaltung: büropecher, Köln
Titelabbildung: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz
Redaktion: Eva Wallbaum

ISBN eBook 978-3-95576-626-9

www.harpercollins.de

Werden Sie Fan von MIRA Taschenbuch auf Facebook!

eBook-Herstellung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

 

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Die Morgensonne schien durch das Schlafzimmerfenster und kitzelte mit ihren warmen Strahlen Melissa Tanners geschlossene Augenlider. Melissa wollte noch nicht aufwachen und drehte sich zur Seite. Nur eine oder zwei Minuten lang wollte sie sich in diesem unwirklichen Zustand zwischen Schlafen und Erwachen treiben lassen, in jener Traumwelt, die man sich durch einen einfachen Druck auf die Schlummertaste des Weckers bewahren konnte.

“Melissa!” Sie hörte Schritte auf der Treppe, die zu ihrem Zimmer führte. “Melissa, du willst doch nicht wieder den ganzen Tag verschlafen, oder?”

Verdrießlich zog sie sich die Decke über den Kopf in der vergeblichen Hoffnung, das dünne Ding könne die Stimme ihres Großvaters dämpfen. Er meinte es ja nicht böse, aber war es denn wirklich nötig, sie schon wieder daran zu erinnern, dass sie arbeitslos war?

Er klopfte energisch an die Tür, im selben Moment, als der Wecker sein schrilles Hightech-Piepen ertönen ließ. Die sieben von der Schlummertaste geschenkten Minuten waren vorbei. Dann konnte sie auch genauso gut in den sauren Apfel beißen und aufstehen.

“Komme schon!” rief sie in Richtung Tür, setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett.

In den zwei Monaten seit ihrer Entlassung war sie kreuz und quer durch Orange County gefahren, hatte Dutzende von Bewerbungsschreiben losgeschickt und annähernd zwanzig Vorstellungsgespräche durchgestanden. Fünf Mal war sie in die engere Auswahl gekommen, aber die Stelle hatte stets eine andere Bewerberin erhalten. Melissas Schulden wuchsen, Steuerforderungen drohten, und ihr Bankkonto war so gut wie leer.

Es sah alles andere als gut für sie aus.

Der Wirtschaft ging es schlecht, und Melissas Geschichtsdiplom war längst keine Freifahrkarte zum Erfolg. Wenn sie nicht bald eine Stelle fand, geriet sie in ernsthafte Schwierigkeiten. Ihr Erspartes war aufgebraucht, und sie besaß keinerlei Reserven.

Kein Geld, keine Berufserfahrung – die Lage war alles andere als rosig. Abgesehen von einem Ausbildungsplatz im Management, den sie kürzlich verloren hatte, verfügte sie über keinerlei Fähigkeiten, mit denen sie ihren Unterhalt bestreiten konnte.

Nun ja, so ganz stimmte das nicht. Melissa verfügte gewiss über höchst einträgliche Fähigkeiten, doch als Fassadenkletterin Einbrüche zu begehen war nicht gerade die eleganteste Methode, zu Geld zu kommen. Außerdem war sie fest entschlossen, ab sofort eine rechtschaffene und anständige Bürgerin dieses Landes zu werden.

Bisher hatte ihr Leben nur aus Geheimnissen bestanden, das war sie nun gründlich leid. Es störte sie, keine engen Freunde zu haben und Beziehungen nach dem vierten Treffen schon wieder zu beenden, um sich bloß nicht zu binden. Vor allem aber wollte sie nicht mehr ständig in der Angst leben, entdeckt zu werden.

Melissa sehnte sich nach Ansehen, einem normalen Leben und einem guten Job. Wenn sich jedoch nicht bald grundlegend etwas änderte, würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als Hamburger zu braten und sich jeden Abend den Fettgeruch aus dem Haar zu waschen. Das war nicht gerade die Tätigkeit, die sie sich im reifen Alter von vierundzwanzig erträumte.

Nein, verbesserte sie sich, ab sofort fünfundzwanzig. Herzlichen Glückwunsch, liebe Melissa! Seufzend stand sie auf und ging zur Tür.

Sie war bei einem Großvater aufgewachsen, der die Wiedergeburt von Robie, der Katze, zu sein schien. In dem Film “Über den Dächern von Nizza” bekam Cary Grant zuletzt die spätere Fürstin von Monaco. Das reichte Melissa jedoch nicht. Sie wünschte sich nicht nur einen Prinzen, sondern auch eine richtige Arbeit und überhaupt ein märchenhaftes Leben. War das vielleicht zu viel verlangt?

“Melissa Jane Tanner, wenn du nicht sofort diese Tür öffnest, behalte ich dein Geburtstagsgeschenk!”

Diese Drohung wirkte. Melissa riss die Tür auf. Ihr Großvater stand, schick wie immer, in einem makellosen Leinenanzug vor ihr und hielt zwei Martinigläser in den Händen.

“Ein Toast”, sagte er, reichte ihr ein Glas und trat ein. “Auf meine Lieblingsenkelin.”

“Ich bin deine einzige Enkelin”, erwiderte Melissa lächelnd.

“Darum schenke ich dir ja auch meine ganze Zuneigung.”

Während er sich auf die Bettkante setzte, ließ sie sich auf den hölzernen Klappstuhl sinken, die einzige Sitzgelegenheit in dem winzigen Schlafzimmer. “Lass mich raten”, sagte sie und hob das Glas. “Heute bist du William Powell in ‘Der dünne Mann’.”

Ein Lächeln huschte über Gregory Tanners Gesicht, das auch noch im hohen Alter sehr attraktiv wirkte. “In diesem Punkt warst du schon immer besser als deine Großmutter oder dein Vater.”

“Die Requisiten haben mir den entscheidenden Hinweis geliefert”, erwiderte sie und prostete ihm zu.

“Das sind sogar die Originalgläser”, versicherte ihr Großvater. “Ich war in ‘Der dünne Mann’ Statist. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Jimmy Stewart getroffen. Damals hatte er gerade angefangen, wie du vielleicht weißt.”

Das wusste sie nur zu gut. Schließlich war sie praktisch mit Filmklassikern aufgewachsen und liebte sie ebenso sehr wie ihr Großvater.

“Meine Szenen sind zwar auf dem Fußboden des Schneideraums gelandet”, fuhr er fort, “aber wenigstens bin ich an die Gläser herangekommen.”

“Was für ein edles Kunstwerk”, scherzte Melissa und drehte das Glas hin und her, als würde sie es eingehend unter die Lupe nehmen. “Aber ein Martini zum Frühstück? Was soll ich denn davon halten?”

“Heute ist dein Geburtstag. Da geht alles.”

“Das merke ich mir”, versicherte sie und lachte, als er ihr mit erhobenem Zeigefinger drohte. Sie betete ihren Großvater geradezu an und hätte alles für ihn getan.

Das war sogar der einzige Grund, weshalb sie überhaupt so lange als Einbrecherin gearbeitet hatte. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte ihr Großvater sich um sie gekümmert, und als er älter wurde, war ihr die Aufgabe zugefallen, ihn zu versorgen. Da sie nur über jene Fähigkeiten verfügte, die er ihr beigebracht hatte, musste sie auf diese ungewöhnliche Weise für ihren Lebensunterhalt sorgen.

Melissa hatte ihr spezielles Talent auch dafür eingesetzt, ihre Ausbildung am College finanzieren zu können. Das Klettern über Hausdächer und Fassaden war allerdings eine mühevolle Methode, das Studiengeld zu beschaffen. Trotzdem hatte sie es geschafft und dabei die Einbrüche auf ein Minimum beschränkt. Jetzt hing das College-Diplom an der Wand, und hatte Melissa nicht mehr die geringste Veranlassung, wieder kriminell zu werden.

Wenn ihr allerdings nicht bald etwas einfiel, wie sie die Steuern bezahlen könnte, blieb ihr vielleicht doch keine andere Wahl. Noch schlimmer freilich als ihr früheres Leben fortzusetzen, wäre der Verlust des Hauses. Es war das Einzige, was ihr von ihren Eltern geblieben war, und es war ihr Zuhause und das ihres Großvaters. Das würde sie niemals aufgeben. Um keinen Preis der Welt!

Nicht viele Frauen ihres Alters lebten mit ihrem Großvater unter einem Dach. Das war Melissa schon klar, aber sie hatte ihre Eltern plötzlich und unerwartet verloren. Deshalb wollte sie möglichst viel Zeit mit ihrem Großvater verbringen, bevor auch an ihm die Reihe war, das Zeitliche zu segnen.

“Er hob sein Glas. “Auf einen Neuanfang und eine strahlende Zukunft!”

“Darauf trinke ich gern”, erwiderte sie. “Hoffentlich denkst du bei dieser strahlenden Zukunft nicht an die Neonbeleuchtung in einem Schnellimbiss oder einem Fast-Food-Restaurant.”

“Nein, ganz sicher nicht”, beteuerte er und nahm einen Schluck.

Sie folgte seinem Beispiel, spuckte jedoch vor Lachen sofort alles wieder aus. “Großvater, das ist ja Wasser!”

“Aber natürlich, Melissa. Du denkst doch nicht etwa, dass ich vor der Cocktailstunde Alkohol zu mir nehme.”

Sie verdrehte die Augen, ging dann aber auf das Spiel ein, leerte das Glas und warf ihrem Großvater einen vorwurfsvollen Blick zu. “Eigentlich mag ich mein Mineralwasser geschüttelt und nicht gerührt.”

“James Bond”, stellte er fest. “Ich bitte dich, Melissa. Das ist für mich doch keine Herausforderung. Fällt dir nicht ein besserer Film ein, den ich erraten soll?”

“Nicht, solange ich noch im Pyjama herumlaufe.” Außerdem fühlte sie sich im Moment nicht übermäßig geistreich und witzig. Genau genommen kam sie sich wie eine Verliererin vor. War es denn wirklich so schwer, eine anständige Arbeit zu finden? Offenbar ja, zumindest für sie.

“Was ist?” fragte ihr Großvater.

Melissa runzelte die Stirn. Er kannte sie eben viel zu gut. “Ich habe nur überlegt, wofür ich meine Ausbildung gemacht habe. Ich meine, es hat endlos gedauert, das Diplom zu erwerben. Und wofür das alles? Damit ich mir bei der Arbeitsuche die Hacken ablaufe und doch nichts finde?”

“Du wirst schon etwas finden”, versicherte er. “Einmal ist es dir ja schon gelungen. Du hattest eine sehr schöne Stelle bei dieser Mietwagenfirma.”

“Eine wunderschöne Stelle, die ich allerdings verloren habe.” Die Sparmaßnahmen hatten sie als Erste getroffen. Das war einer der Nachteile, wenn man auf der Karriereleiter noch ganz unten stand.

Sie hatte allerdings, um ehrlich zu sein, innerlich über die Kündigung gejubelt, weil die Arbeit entsetzlich langweilig und stumpfsinnig gewesen war. Um die neu gewonnene Freiheit gebührend zu feiern, hatte sie ihren Großvater sogar nach Los Angeles zu einem köstlichen Abendessen ausgeführt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sie jedoch noch angenommen, mühelos eine neue Anstellung zu finden. Mittlerweile war sie schlauer geworden.

Jedenfalls konnte sie nicht weiter vom Einbrechen leben. Das war zu riskant, illegal und einfach nicht richtig. Darüber hinaus hasste sie die damit verbundene ewige Lügerei.

Andererseits – konnte sie etwas dafür, dass sie nichts aufregender fand, als sich in einen verschlossenen Raum vorzuarbeiten? Sie wusste natürlich, dass solch eine Einstellung beschämend war. Darum wünschte sie sich ja einen Neuanfang. Wenn sie das nächste Mal Lust auf Aufregung verspürte, konnte sie es ja mit Bungeespringen probieren. Ein Einbruch kam jedenfalls nie wieder infrage. Das war vorbei, ein für alle Mal.

Gregory stand auf, stellte sein Glas auf den Sekretär und wandte sich seiner Enkelin mit ernstem Gesicht zu.

“Was ist denn?” fragte sie.

“Du solltest mir und auch dir selbst nichts mehr vormachen.”

Was meinte er damit? Würde er ihr gleich vorhalten, dass sie doch lieber eine Diebin sein wollte? “Was denn vormachen? Wovon sprichst du?”

“Von deiner Arbeitsuche”, erklärte er. “Wieso gönnst du dir nicht eine Ruhepause, in der du herausfindest, was du wirklich machen möchtest und welche Möglichkeiten du hast? Und dann kannst du überlegen, wie du vorgehen willst.”

Das war eine schöne Idee. Leider aber nicht durchzuführen, sofern ihr Großvater nicht gleichzeitig vorschlug, dass sie die offenen Rechnungen durch Diebestouren begleichen sollte. Das würde ihm jedoch im Traum nicht einfallen. Besser als jeder andere kannte er die Gefahren und Tücken eines kriminellen Lebens. Daher hatte er ihr mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln diesen “Beruf” auch wieder ausgeredet. So viel Mühe hatte er sich sonst nur damit gegeben, ihr beizubringen, wie man niemals erwischt wird.

“Großvater, das ist zwar ein verlockender Vorschlag, aber selbst wenn ich das Finanzamt dazu überreden könnte, mich in Ruhe zu lassen – die täglichen Einkäufe, die Autoraten und alle anderen Ausgaben würden bleiben.”

Höchst ungern machte sie ihn auf diese Dinge aufmerksam, denn er hatte kein Geld, mit dem er die Haushaltskasse auffüllen konnte. Schon längst hatte er sein Erspartes verbraucht, und eine Rentenversicherung für Diebe im Ruhestand gab es nicht.

“Ich muss unbedingt wieder eine Stelle finden”, erklärte sie seufzend. “Aber was? Alles Normale habe ich schon durchprobiert, ohne Erfolg. Als Nächstes möchte ich etwas Ungewöhnliches versuchen. Wie wäre es mit einem Job als Ranger in einem Naturschutzpark? Das könnte doch interessant sein. Oder ich suche mir was in einem Vergnügungspark. Das klingt abenteuerlich und aufregend. Das wäre genau das Richtige für mich, meinst du nicht auch?”

“Aber ja. Es würde dich unglaublich befriedigen, Zuckerwatte zu verkaufen. Bevor du jedoch deine neue berufliche Laufbahn planst, solltest du dir mein Geburtstagsgeschenk ansehen.”

“Das war nicht dieser verwässerte Martini?” Der Scherz war lahm, doch mehr fiel ihr unter den gegebenen Umständen nicht ein. Eine böse Vorahnung hatte sie nämlich beschlichen. Worauf wollte ihr Großvater hinaus? Schon oft hatte er davon gesprochen, dass er ihr gern helfen würde, finanziell unabhängig zu sein. Er hatte doch keine Dummheit begangen! Oder?

Gregory zog eine schwarze Schmuckschatulle mit roter Seidenschleife aus der Jackentasche. Melissa blieb fast das Herz stehen, als sie nach der Samtschatulle griff. Er hatte es doch getan!

Obwohl sie sich zusammennahm, zitterten ihre Finger, als sie das Band löste und behutsam den Deckel aufklappte. Auf schwarzem Samt lag das schönste Diamantcollier, das sie jemals gesehen hatte. Und sie hatte eine ganze Menge Juwelen gesehen.

Oh nein, das durfte nicht wahr sein!

Vorsichtig hob sie das Schmuckstück an, untersuchte mit geschultem Blick die Steine und bekam ein flaues Gefühl im Magen. Die Diamanten waren von höchster Qualität, die Arbeit war ausgezeichnet. Ein solches Collier kostete etwa eine halbe Million.

Bestürzt wandte sie sich an ihren Großvater. “Um Himmels willen”, flüsterte sie. “In was hast du uns da hineingeritten?”

Diamanten mochten durchaus die besten Freunde einer Frau sein – “Diamonds are a girl’s best friend”, wie es im Song hieß. Im Moment bereiteten Kyle Radley jedoch Diamanten und Frauen jede Menge Ärger.

Er stand im Salon seiner Großmutter neben einem riesigen Buffet. In dem vornehmen Ambiente zwischen Chippendale-Möbeln und antiken französischen Wandteppichen ertrug er das Stimmengewirr von fünfzig oder sechzig Leuten. Allerdings beachtete er die Anwesenden nicht, sondern überlegte, wie er es anstellen sollte, seiner Großmutter nicht eine Collier im Wert von fünfhunderttausend Dollar stehlen zu müssen.

Leider fiel ihm nichts ein. Überhaupt nichts.

Wenn er Miss Emily Ärger ersparen wollte, musste er ihr das Collier abluchsen, und zwar noch heute Abend, bevor es zu spät war.

Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie Miss Emily ihre Schwester Frances bestohlen hatte, trotzdem konnte er es noch immer nicht glauben. Und dabei ging es nicht um Modeschmuck, oh nein. Letzte Woche hatte sie bei einem Familientreffen ein Diamantcollier mitgehen lassen, das durchaus einen Platz zwischen den Kronjuwelen der Queen verdient hätte.

Kyle war Augenzeuge gewesen. Prompt hatte sich der Instinkt des ehemaligen Polizisten gemeldet. Natürlich hatte er seine Großmutter auf der Stelle zur Rede gestellt, aber sie hatte sich geweigert, ihre Beute wieder zurückzulegen und gemeint, als habe sie ein Recht auf das Collier, das Frances von ihrem gemeinsamen Vater geerbt hatte. Kyle konnte sich zwar nicht daran erinnern, jemals innerhalb der Familie von dem Collier gehört zu haben, konnte Emily allerdings auch nicht widersprechen. Sie hatte das Collier schließlich im BH verschwinden lassen. Zurück blieb nur Frances’ leere Schmuckschatulle.

Frances war in Kyles Augen eine reizende alte Frau, aber sie bedrohte Miss Emilys Stellung als Herrscherin von Emerald Cliffs. Zwischen den beiden Schwestern schwelte seit langem ein Konflikt, den auch die Zuneigung der zwei zu Kyle nicht überdeckte. Der Zusammenhalt der Familie bedeutete ihnen nichts. Sollte Frances entdecken, dass Emily sich ihr Collier angeeignet hatte, würde sie die Polizei schneller verständigen, als Miss Emily bis drei zählen konnte.

Rückblickend fand Kyle, es wäre besser gewesen, Frances sofort zu informieren und dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Schließlich musste Miss Emily irgendwann lernen, dass sie im Leben nicht alles haben konnte. Da sie jedoch auf die neunzig zuging, war es für eine solche Lektion wohl schon etwas spät. Wollte er denn, dass seine Großmutter in diesem Alter noch festgenommen wurde und ihre Fingerabdrücke abgeben musste?

Nein, das wollte er nicht. Daher hatte er nichts unternommen und stattdessen beschlossen, das Collier heimlich an sich zu nehmen und sie zu Frances zurückzubringen. Mit etwas Glück würde er das schaffen, noch ehe seine Tante das Schmuckstück vermisste.

Im Moment hielt die Missetäterin Hof. Das silbergraue Haar hatte sie hochgesteckt, und mit dem figurbetonten purpurfarbenen Kleid zog sie noch immer bewundernde Blicke auf sich. Jetzt ging es dabei allerdings nicht mehr so sehr um weibliche Rundungen, sondern … Nun ja, diese Frau war eben Emily Radley, die selbst ernannte Herrscherin über die feine Gesellschaft von Emerald Cliffs und die umliegenden Städte am Pacific Coast Highway.

Etwa ein Dutzend ältere Leute hatte sich um sie versammelt, während sie aus ihrer Vergangenheit beim Film erzählte. Kyle schnappte Wortfetzen wie “die Garbo” und “diese herrlichen Musicalfilme in Technicolor” auf.

Er kannte die Geschichten seiner Großmutter und mochte jede einzelne von ihnen. Unwillkürlich ging er näher heran, blieb jedoch stehen. Er musste die Gelegenheit nutzen und sich nach oben schleichen, ohne dass Miss Emily ihn bemerkte, sonst hätte sie ihn vielleicht in ein Gespräch verwickelt. In letzter Zeit sprach sie mit ihm allerdings weniger über die alten Zeiten beim Film, dafür umso mehr über sein Liebesleben. Heute jedoch, auf der Party, hatte sie tatsächlich noch nicht versucht, ihn zu verkuppeln. Beinahe hätte er sie gefragt, ob sie krank war, doch das ließ er besser bleiben. So ungeschoren würde er bestimmt nicht so schnell wieder davonkommen.

Man konnte tatsächlich von Glück sprechen, wenn seine Großmutter ihn mal verschonte. Zehn Jahre hatte er in Los Angeles als Polizist mit den gemeinsten und brutalsten Banden zu tun gehabt. Die Schrecken, die er dabei erlebt hatte, waren jedoch harmlos im Vergleich zu Miss Emilys drakonischer Vorgehensweise, wenn es um sein Liebesleben ging. Er hatte keine Ahnung, wie lange der Burgfrieden anhalten würde, aber er war dankbar. Allerdings fürchtete er, Emily würde insgeheim bereits die nächste Attacke planen.

Abigail Van Martin, die beste Freundin seiner Großmutter, die sich selbst zu seiner Patentante ernannt hatte, steuerte auf ihn zu und benutzte dabei ihren Stock weniger als Stütze, sondern mehr als Zeichen ihrer Würde. “Kyle, mein Lieber, du solltest nicht hier sein.”

“Ich weiß.” Er fuhr sich durchs Haar und entlockte Abby damit ein Stirnrunzeln. Als er acht war, hatte sie ihm noch das Haar glatt gestrichen. Heute verzichtete sie zum Glück darauf. “Ich weiß, ich sollte arbeiten, aber ich habe schon den ganzen Tag versucht, die Driskell-Geschichte in Ordnung zu bringen.”

Nach seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst hatte Kyle eine eigene Sicherheitsfirma gegründet. Im ersten Jahr war es für “Integrated Security Systems” großartig gelaufen. Dann aber hatte Ethan Driskell die Top-Alarmanlage von Integrated gekauft – und war drei Wochen später von Dieben ausgeraubt worden. Der Wert der Beute überstieg neun Millionen Dollar.

Driskell war vielfacher Millionär. Der Verlust war beträchtlich, Driskell konnte ihn jedoch verkraften. Für Kyle dagegen stellte diese Negativreklame eine Katastrophe dar. Er musste den Fehler im System so schnell wie möglich finden, bevor sich das Missgeschick herumsprach und er Kunden verlor.

Ja, eigentlich sollte er jetzt im Büro und nicht auf der Party seiner Großmutter sein. Miss Emilys Schrullen hatten ihn jedoch zum Handeln gezwungen, und darum musste er jetzt durchhalten.

Anstatt die Brille aufzusetzen, die an einer Kette um ihren Hals baumelte, kniff Abby die Augen zusammen, um Kyle besser sehen zu können. “Driskell?” meinte sie verwirrt. “Kenne ich nicht. Ich will nicht wissen, warum du hier bist, sondern was du in dieser Ecke machst. Du solltest dich unter die Leute mischen und vor allem junge Damen kennen lernen.”

Unwillkürlich musste Kyle lachen. Selbst wenn seine Firma Pleite ging, würden sich Abby und Emily nur den Kopf darüber zerbrechen, ob er eine passende Begleiterin hatte. “Großmutter hat heute noch kein einziges Wort über mein beklagenswertes Junggesellendasein verloren. Sag jetzt bloß nicht, dass du als Vertretung abkommandiert bist.”

“Ich habe mir lediglich eine Bemerkung erlaubt”, erwiderte Abby pikiert. “Deine Großmutter hat allerdings ganz Recht.”

Kyle seufzte und überlegte, ob er eine Freundin erfinden und dadurch den Anstrengungen der beiden alten Damen ein Ende bereiten sollte. Die Idee gefiel ihm, weil sie nicht einer gewissen Ironie entbehrte, die auch seine Großmutter irgendwann erkennen würde. Wie oft hatte sie ihm von dem Verlobten erzählt, den das Studio für sie erfunden hatte, damit sie beim Platzen der angeblich geplanten Hochzeit umso begehrenswerter erschien?

Abby klopfte ihm mit dem Stock auf den Fuß, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. “Du bist ein wirklich gut aussehender Junge. Wieso suchst du dir keine nette Frau und gründest eine Familie?”

“Ich bitte dich, Abby, nimm mich nicht auf den Arm. Wie soll ich denn eine Familie gründen, wenn keine Frau auch nur halb nett ist wie du?”

“Heb dir deinen Charme für jüngere Damen auf, mein Bester.” Sie tätschelte seine Wange. “Ich bevorzuge Männer mit ein oder zwei Falten. Die entsprechen eher meinem Alter.”

“Lass mir noch einige Jahre Zeit, dann kann ich dir alles bieten, was dein Herz begehrt.”

“Führ mich nicht in Versuchung!” Sie tastete nach der Brille und schob sie sich auf die Nase. “Hast du dir eine gesucht?”

“Was gesucht?”

“Eine Frau, mein Bester. Du solltest besser zuhören.”

Kyle lächelte. Abby Van Martin redete nie lange um den heißen Brei herum. “Soll ich ehrlich sein? Ich habe überhaupt nichts gesucht.” Für ihn stand derzeit die Rettung seiner Firma an erster Stelle und nicht irgendein Abenteuer im Bett. Ganz aktuell ging es allerdings weder um die angeschlagene Firma noch um Frauen, sondern um Diamanten.

Er drückte Abby einen Kuss auf die Wange, entschuldigte sich und behauptete, sich um die weiblichen Gäste kümmern zu wollen.

Das stimmte natürlich nicht.

Er konnte jedoch seiner Patentante kaum erklären, dass er nach oben gehen, den Safe seiner Großmutter knacken und ein Diamantcollier stehlen wollte.

Melissa kletterte an dem mit Efeu bedeckten Spalier hoch und schwang sich übers Balkongeländer. Lautlos glitt sie in die schützende Dunkelheit nahe der Wand und sah sich um.

Niemand beobachtete sie.

Langsam stieß sie den Atem aus. Bisher war es gut gelaufen.

Normalerweise bereitete sie sich auf ein Unternehmen besser vor. Diesmal war ihr jedoch nur knapp ein Tag geblieben. Sie schloss die Augen, holte tief Luft und versuchte, sich zu entspannen. Im Moment schlug ihr Herz viel zu schnell.

Kaum zu glauben, dass ihr Großvater ihr erst vor wenigen Stunden das Collier gegeben und gestanden hatte, es aus dem Safe von Emily Radley entwendet zu haben, einem Star aus Hollywoods frühen Tagen.

Unbegreiflich, dass er etwas dermaßen Unbedachtes getan hatte. Große Edelsteine ließen sich nur schwer verkaufen. Außerdem war Gregory nie unnötige Risiken eingegangen. Diesmal hatte er es um ihretwillen getan. Er hatte ihre Zukunft absichern wollen.

Sie war gleichzeitig verärgert und gerührt gewesen, und es war ihr unbeschreiblich schwer gefallen, das Geschenk abzulehnen. Er war so stolz auf sich gewesen, und sie hatte seinen Stolz verletzt. Sie hatte ihm angesehen, dass er am Boden zerstört war, und hatte versichert, ihm für die gute Absicht und das enorme Risiko, das er eingegangen war, dankbar zu sein. Schließlich war er schon viel länger als sie nicht mehr in diesem Geschäft.

“Was wäre denn passiert, wenn man dich erwischt hätte?” hatte sie ihm vorgehalten.

“Hast du schon vergessen, wer dich ausgebildet hat? Bist du vielleicht jemals geschnappt worden?”

“Darum allein geht es doch nicht.” Vielleicht half eine andere Taktik. “Sieh mal, ich möchte mit den Diebstählen aufhören und ein neues Kapitel in meinem Leben beginnen. Soll ich mein neues Leben als gesetzestreue Bürgerin etwa mit einem Diebstahl finanzieren?”

Gregory seufzte tief bekümmert. “Wenn es dir dermaßen wichtig ist, bringe ich das Collier eben wieder zurück.”

“Gut. Es ist mir nämlich sehr wichtig.”

“Ja, ja, schön. Dann kaufe ich dir eben einen elektrischen Mixer zum Geburtstag oder besorge einen Geschenkgutschein.”

Melissa war zu ihm gegangen, hatte ihn auf die Wange geküsst und sich zu ihm aufs Bett gesetzt. Die Schmuckschatulle in der einen Hand, drückte sie mit der anderen seine Finger. “Warum hast du ausgerechnet Emily Radley bestohlen?”

“Wie meinst du das?” fragte Gregory erstaunt.

“Kennt sie dich denn nicht? Du hast in mindestens einem Dutzend ihrer Filme kleinere Rollen gespielt.”

“Ach ja, das stimmt schon. In gewisser Weise waren wir tatsächlich miteinander bekannt.”

Melissa fasste sich an die Stirn. “Großvater, dein Ruf als geheimnisumwitterter Juwelendieb mag dich in den vierziger Jahren zu einer romantischen Figur gemacht haben. In der heutigen Zeit hätte Miss Emily schlicht und einfach die Polizei gerufen.”

“Du hast ja so Recht. Absolut!”

Autor