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Verliebt in Mr. Perfect

Als Buch hier erhältlich:

Mr Perfect trifft auf Queen Chaos!

Manche Menschen passen so perfekt zusammen wie Avocado und Toast - und manche passen so gut zusammen wie Hund und Katze. Bei Darcy und Tom ist es dummerweise die zweite Variante …


Nachts arbeitet die unkonventionelle Darcy in einer zwielichtigen Bikerbar, tagsüber fotografiert sie sexy Unterwäsche. Auch wenn sie manchmal einsam ist, genießt sie ihr chaotisches Leben und ein Glas Wein oder zehn. Bis zu jener Nacht, als sie auf ihrer Veranda eine Überraschung im engen Muscleshirt vorfindet: ihre Jugendliebe Tom. Er will ihr nicht nur bei der Renovierung des Hauses helfen, das sie geerbt hat - er ist auch noch zum ersten Mal seit Ewigkeiten Single! Genie und Wahnsinn treffen aufeinander. Schon bald fliegen die Fetzen …

»Die perfekte Liebesgeschichte - Boy-Next-Door trifft auf Rebel-Girl. Lustige Dialoge und eine mitreißende Geschichte von Freunden, die sich ineinander verlieben. «


Publishers Weekly

»Witzig, romantisch, leidenschaftlich. Die Leser werden die charmant unperfekte Darcy und ihre verrückten inneren Monologe lieben und sich genau wie sie unsterblich verlieben. «


Booklist

  • Erscheinungstag: 19.08.2019
  • Seitenanzahl: 412
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745700336

Leseprobe

Für Roland, die Flamethrowers
und mich

1. Kapitel

Niemand hatte es mir damals gesagt, als ich anfing, als Barkeeperin zu arbeiten, aber zum Glück lernte ich es schnell: Wenn eine Gruppe Männer hereinkommt, sollte man herausfinden, welcher davon der Alphamann ist.

Wenn man mit dem klarkommt, bekommt man vielleicht ein bisschen Respekt von den anderen.

Heute Abend erkenne ich ihn sofort. Es ist der größte und bestaussehende mit dem einnehmenden Leuchten in den Augen. War ja klar.

Er und seine Kumpel haben sich vermutlich von einer Verbindungsparty in der Nähe abgeseilt, weil sie sich gelangweilt haben. Jetzt sind die Jungs auf der Suche nach Abenteuern. Sie tragen allesamt pastellfarbene Poloshirts. Okay, schnallt euch an, ihr Lackaffen. Wenn ich euch richtig einschätze, könnte es ziemlich amüsant werden. Die Devil’s End Bar ist nämlich nichts für Weicheier. Ich beobachte, wie die Biker über die Billardtische hinweg belustigte Blicke austauschen. Unser Security-Mann richtet sich auf seinem Hocker neben der Tür auf. Verrückt, dass solche Jungs uns immer den meisten Ärger machen.

Ich lächele den Alphamann nicht an. »Habt ihr euch verlaufen, Jungs?«

»Hey, Mister«, antwortet er – ein Seitenhieb auf meinen Kurzhaarschnitt.

Seine Freunde lachen und stimmen ein »Ach du Scheiße« an.

Ich heiße Darcy, daher hat er ohne es zu wissen einen Jane-Austen-Witz gemacht. Wobei ich mal schwer bezweifeln würde, dass er das kapiert hat. Das Lachen vergeht ihm ein Stückweit, als ich die Augen zusammenkneife und ihn noch schärfer ansehe. Dem Alphatyp ist wohl eingefallen, dass ich die absolute Macht über den Alkoholausschank habe. »Aber bei dir sieht es echt geil aus.«

Meine Kollegin Holly weicht etwas zurück. Sie ist noch zu neu hier, um den Blicken der Typen standzuhalten. »Ich gehe mal neue … Kassenrollen holen.« Sie verschwindet nach hinten, und zurück bleibt eine Wolke Gardenienduft.

Ich starre dem Alphamann immer noch in die Augen, und als er zuerst wegsieht, verschafft mir das eine gewisse Genugtuung. Jetzt bin ich das Alphatier. »Anscheinend haben wir denselben Frisör, du siehst nämlich auch echt gut aus. Also Jungs, bestellt was oder zischt ab.«

Der Anführer ist so etwas von Frauen nicht gewohnt und selbst überrascht, dass es ihm gefällt. Er kaut mit offenem Mund Kaugummi und mustert mich interessiert. »Wann hast du Feierabend?«

Ich stelle mir eine Ken-Puppe vor, die zu lange in der Sonne liegen gelassen wurde. In meiner Fantasie trete ich auf den weichen gebräunten Kopf wie auf eine Zigarette. »Nicht in einer Million Jahren.«

Er ist sichtlich angefressen. Schließlich öffnet ihm sein gutes Aussehen doch sämtliche Türen im Leben. Warum sollte das ausgerechnet bei mir nicht funktionieren? Stimmt mit mir was nicht? Das Licht fällt schattenlos auf sein Gesicht, das fahl und reizlos erscheint, absolut uninteressant. Ich hab’s mit Gesichtern. Die Schatten sind das A und O.

»Was bekommt ihr?« Ich stelle schon mal die Schnapsgläser bereit.

»Sambuca«, ruft einer. Natürlich. Das Elixier der Vollpfosten.

Ich mache die Reihe voll, kassiere ab, und das Trinkgeldglas füllt sich. Sie lieben es, wie Dreck behandelt zu werden. Diese Jungs wollen das volle Bikerkneipe-Safari-Paket, und ich bin ihre Reiseleiterin. Der Anführer flirtet weiter mit mir, fest entschlossen, mich weichzukochen, doch ich lasse ihn mitten im Satz stehen.

Es ist Sonntagabend, aber die Leute hier machen sich keine Sorgen, dass sie früh genug ins Bett kommen, um morgen zur Arbeit zu gehen.

Meine Großmutter Loretta sagte einmal, wenn du weißt, wie man einen Drink einschenkt, kriegst du überall einen Job. Sie hat in ihren Zwanzigern selbst als Barkeeperin gejobbt. Es war ein guter Ratschlag, ich habe auf der ganzen Welt Drinks eingeschenkt und mit jeder denkbaren Variante von Alphamännern zu tun gehabt.

Ich frage mich, was Loretta wohl sagen würde, wenn sie mich jetzt sehen könnte, als ich mit einer abrufbereiten Beleidigung auf den Lippen dieses Bier eingieße. Sie würde lachend applaudieren und sagen: Wir könnten Zwillinge sein, Darcy Barrett, denn das sagte sie immer. Auf ihrer Beerdigung gab es eine Diashow mit Aufnahmen von ihr, und ich konnte die Blicke der anderen auf mir spüren.

Zwillinge. Ach nee! Jetzt schlafe ich in ihrem Schlafzimmer und brauche ihre Konserven auf. Wenn ich jetzt noch anfange, Kristalle in der Handtasche mit mir herumzutragen und Tarotkarten zu legen, kann ich mich offiziell als ihre Reinkarnation betrachten.

Holly scheint diese Kassenrollen aus der Fabrik zu holen. Einer der Lederjacken-Rocker wird ungeduldig und wirft einen Seitenblick auf die Pastellhemden. Ich nicke ihm zu und gebe ihm mit einem gehobenen Finger zu verstehen, nur noch einen Moment. Er brummelt und schnaubt, sieht aber davon ab, jemandem ernsthafte körperliche Schäden zuzufügen.

»Ist das eine Lederhose?« Einer der Pastelltypen lehnt sich über die Theke und betrachtet meine untere Körperhälfte. »Du bist wie Bad Sandy aus Grease.« Sein Blick heftet sich auf das falsche Namensschild, das ich mir über meine Möpse gepinnt habe. »Joan.« Skeptisch rutscht sein Blick nach unten. Ich sehe wohl nicht wie eine Joan aus.

»Sandy? Vergiss es, Blödmann. Ist ja wohl offensichtlich, dass ich Rizzo bin. Und wenn du nicht aufhörst, dich zu verrenken, um auf meine Titten zu glotzen, kommt Keith rüber. Das ist der an der Tür. Er ist zwei Meter acht und sehr gelangweilt.«

Ich winke Keith zu, indem ich die Finger wie Schmetterlingsflügel flattern lasse, und er kopiert die Bewegung von seinem Hocker aus.

»Er ist gelangweilt, ich bin gelangweilt, und die Lederjacken sind sehr, sehr gelangweilt.« Ich bewege mich hinter der Theke hin und her, gebe Getränke aus, nehme Zahlungen entgegen und schubse immer wieder mit meiner Hüfte die Kassenlade zu.

»Joan hat recht. Wir sind sehr gelangweilt«, sagt einer der Rocker gedehnt. Er hat die ganze Zeit an der Theke gelehnt und interessiert das Gespräch verfolgt. Die Pastellhemden zucken allesamt zusammen und starren auf ihre Handys. Der Rocker und ich grinsen uns an, und ich schiebe ihm ein Bier aufs Haus rüber.

Ich habe ihr dämliches Rudelverhalten satt. »Sambuca schrumpft das Gehirn. Ach, Mist, zu spät. Und jetzt verpisst euch.« Das machen sie.

Als sich der Staub gelegt hat, lugen Hollys große Augen um die Ecke. Ihre Hände sind leer. Sie besteht nur aus Beinen und Ellbogen, und unser Boss Anthony hat sie eingestellt, ohne ihr auch nur eine einzige Frage zu stellen. Mit einem solchen Gesicht bekommt man problemlos einen Job. Auch wenn Holly weder richtig rausgeben noch Drinks einschenken kann, geschweige denn mit Männern umgehen.

»Ich bin immer so erleichtert, wenn ich sehe, dass wir zusammen Schicht haben.« Holly setzt sich auf die Bank und atmet lang und geräuschvoll aus, als hätte sie Schwerstarbeit geleistet. Auf ihrem Namensschild steht HOLLY, und sie hat einen rosa Herzsticker mit Glitzer dazu geklebt. »Mit dir zusammen fühle ich mich sicherer. Ich wette, du kümmerst dich sogar noch um Keith.«

»Allerdings.« Ich begegne Keiths Blick. Er hebt bestätigend das Kinn und lehnt sich auf seinem Hocker mit dem Rücken gegen die Wand. Noch ein Barkeeper-Tipp: Freunde dich mit der Security an. Ich mache diese Typen betrunken, und Keith sorgt dafür, dass hier nichts aus dem Ruder läuft. Mir kommt der Gedanke, dass ich Holly an diesen Perlen der Weisheit vielleicht teilhaben lassen sollte. Aber ich will nicht, dass sie länger in diesem Job hängen bleibt als nötig. »Wenn ich hier aufhöre, musst du dir ein dickeres Fell zulegen.«

Holly zieht eine Schnute. »Wie lang bist du denn noch da?«

»Die Renovierungsarbeiten im Haus meiner Grandma fangen in zwei Monaten an, vorausgesetzt, sie werden nicht wieder verschoben. Und dann bin ich hier weg.« Hollys Glitzeraufkleber nervt mich ohne Ende. »Ich würde mir hier nie meinen richtigen Namen auf die Brust heften.«

Sie neigt den Kopf zur Seite. Die Kleine wäre das perfekte Brautmodel, fehlen nur noch das Sahnetörtchenkleid plus Diadem. »Ich bin nie auf die Idee gekommen, mir ein falsches Namensschild zu machen. Wer könnte ich denn sein?«

Wenn bei meinem alten Kumpel, der Etikettiermaschine, noch durchsichtiges Klebeband drin wäre, würde das an ein Wunder grenzen. Wie gut sich Anthony um seine Angestellten kümmert, kann man an diesem riesigen Berg Namensschildern sehen. Aber mein Boss wird wohl erst etwas gegen die ständige Mitarbeiterfluktuation unternehmen, wenn auch die letzten hundert Schilder aufgebraucht sind.

»Du würdest eine hervorragende Doris abgeben.«

Holly zieht die Nase kraus. »Das klingt so alt.«

»Du willst einen sexy Fake-Namen? Ach, komm schon, Hol.« Ich krame ein Etikett hervor und setze das Namensschild zusammen. Als ich es ihr gebe, ist sie erst mal still.

»Du findest, ich bin eine Bertha?«

»Definitiv.« Nebenbei bediene ich ein paar Kunden.

»Bin ich nicht eher eine Gwendolyn. Oder eine Violet?« Trotzdem steckt sie es sich pflichtschuldig an.

Ich lasse mir von ihr das alte Schild aushändigen und werfe es in den Müll. Vielleicht kann ich mich in meinen Schichten etwas mehr entspannen, wenn sie diesen Kurs beibehält.

»Eines Tages wirst du Dr. Bertha Sinclair sein, depressive Papageien therapieren und jeden Abend um neun im Bett liegen.« Ich klinge wie eine große Schwester mit übermäßigem Beschützerinstinkt, deshalb setze ich rasch hinzu: »Oder vielleicht Tierärztin im südamerikanischen Dschungel, wo du den Aras hilfst, wieder lieben zu lernen.«

Grinsend steckt sie die Hände in ihre engen Hosentaschen. »Bei uns im Veterinärstudium geht es wirklich nicht nur um Papageien. Das sage ich dir immer wieder.«

»Hey, Baby«, wendet sich ein Typ an Holly. Böse Jungs lieben brave Mädchen.

»Wenn du das sagst«, sage ich zu ihr. Zu ihm sage ich, »Mach dich vom Acker.«

Sie spielt unser Spiel weiter. »Ich wette, während ich bei einer alten Tigerkatze eine diagnostische Laparoskopie durchführe, schlägst du dich mit deinem Wanderrucksack im südamerikanischen Dschungel durchs Gestrüpp.« Sie macht eine Handbewegung wie mit einer Machete.

»Hab ich sogar schon mal gemacht, in Peru«, gebe ich zu und versuche nicht zu angeberisch zu klingen. Es gibt nichts Schlimmeres als selbstgefällige Weltenbummler. »Junge, jetzt im Moment könnte ich auch ein Buschmesser gebrauchen.« Ich werfe einen Blick in den Raum auf unsere Klientel.

»Ich war mal auf deinem Instagram-Profil. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, in wie vielen Ländern du schon warst.«

»Leider habe ich meinen Reisepass verlegt, sonst könnte ich die Stempel für dich zählen.« Ich fange an, schmutzige Gläser einzusammeln, während ich im Geist einmal mehr den Grundriss des Cottages durchgehe. Wahrscheinlich spielt mir Lorettas Geist einen Streich. Entweder das, oder mein Bruder Jamie hat den Pass versteckt.

Allein der Gedanke, dass Hollys hübsche Augen sich mein altes Leben ansehen, lässt mich erschaudern. Ich stelle mir vor, wie verschiedene Leute sich durch die Fotos klicken: Ex-Freunde, dubiose One-Night-Stands, frühere Kunden oder, noch schlimmer, Jamie. Ich muss die Privatsphäre-Einstellungen für das Konto ändern. Oder es löschen.

»Da waren auch Fotos von dir und deinem Bruder. Unglaublich, wie ähnlich ihr euch seht. Er ist echt attraktiv. Könnte Model sein.« Ich habe das schon tausend Mal gehört.

»Er hat es mal versucht, aber er hatte ein Problem damit, sich sagen zu lassen, was er tun soll. Trotzdem danke. Das ist auch für mich ein Kompliment«, sage ich, obwohl mir klar ist, dass sie es nicht kapieren wird.

Jamie und ich sehen uns so ähnlich, weil wir Zwillinge sind. Es gibt eine Zwillings-Rangliste. Auf der stehen wir ganz unten. Ein Junge und ein Mädchen. Wir können uns noch nicht mal gleich anziehen und die Rollen tauschen. Zweieiig, wie öde.

Aber wenn wir unseren Zwillingsstatus preisgeben, finden das viele faszinierend. Sie fragen, wer der Erstgeborene ist, ob wir die Gedanken des anderen hören oder seine Schmerzen spüren können. Ich zwicke mich fest ins Bein und hoffe, dass Jamie in irgendeiner schicken Szenekneipe jetzt aufschreit und sein Getränk verschüttet.

Wenn er gut aussieht, müsste ich das theoretisch auch, aber ich wurde in der Schule zu oft Jamie mit Perücke genannt, um das zu glauben. Wenn man uns nebeneinanderstellt und ich ungeschminkt bin, kann man mich für seinen kleinen Bruder halten. Das weiß ich, weil es schon vorkam.

»Wohin wirst du als Erstes reisen?«, fragt Holly. Sie selbst ist definitiv der Typ Baskenmütze, Baguette im Fahrradkorb auf Kopfsteinpflaster.

»Ich vergrabe alle meine Namensschilder in Aokigahara, diesem japanischen Selbstmordwald. Erst dann wird meine Seele frei sein von der Devil’s End Bar.«

»Also nicht nach Paris«, sagt sie, malt mit der Spitze ihres weißen Sneakers etwas auf den Fußboden, und ich muss fast darüber lachen, dass meine Einschätzung genau richtig war. Ich lehne einen Wischmop an ihr Bein, aber sie nimmt ihn nur in beide Hände und legt die Wange an den Stiel, wie eine Musicaldarstellerin, die gleich zu singen anfängt. »Warum reist du so viel?«

»Angeblich habe ich Impulskontrollprobleme.« Ich schneide eine Grimasse.

Sie denkt immer noch über das nach, was sie ausspioniert hat. »Du warst Hochzeitsfotografin. Wie das denn?« Sie mustert mich von oben bis unten.

»Das ist ziemlich einfach. Man findet die Dame im weißen Kleid und macht so«, ich halte eine unsichtbare Kamera hoch und drücke auf den Auslöser.

»Nein, ich meine, warst du nicht die ganze Zeit unterwegs?«

»Ich habe in der Hochzeitssaison gearbeitet und hier bei meiner Großmutter gelebt. Den Rest des Jahres bin ich gereist.« Dass ich von der Hand in den Mund gelebt habe, kann man nicht gerade behaupten, aber viel Geld hatte ich nicht. Trotzdem hielt ich dieses Arrangement sechs Jahre lang aufrecht. »Wenn ich Kohle brauche, arbeite ich in Kneipen. Ich mache etwas Reisefotografie, aber die verkauft sich nicht besonders gut.«

»Also, nicht böse gemeint, aber …«

»Auf diese Ankündigung folgt meistens etwas bös Gemeintes«, unterbreche ich sie, doch dann rettet mich einer der älteren Biker mit blauen Tattoos auf den Unterarmen und einem braunen Fleck im Bart. Er ist die Personifikation von widerwärtig, aber er sagt nichts, als ich ihm seinen Drink einschenke, und ich belohne ihn mit einem Lächeln. Er wirkt etwas verstört.

Als er weg ist, gehe ich auf die Toilette und lächele mich höflich im Spiegel an. Ich sehe aus, als hätte ich das lange nicht gemacht. Mein Spiegelbild erinnert mich an Shark Week.

Holly ist gut darin, ihre Gedanken auf Pause zu schalten. Ich versuche eine Weile, irgendwas mit meinen Haaren anzustellen, trage noch etwas Eyeliner auf, wasche mir minutenlang die Hände, und trotzdem fährt sie, als ich wiederkomme, nahtlos fort: »Aber ich finde, Hochzeiten, das passt irgendwie nicht zu dir.«

»Wieso das denn, Bertha?« Diesen Kommentar habe ich schon von zahllosen Besoffenen auf Hochzeitsempfängen zu hören bekommen, die an mir hingen, während ich versuchte, den ersten Tanz abzulichten.

Holly sagt: »Hochzeiten sind romantisch. Und du bist nicht romantisch.«

»Ich muss nicht romantisch sein. Ich muss nur wissen, was der Kunde romantisch findet.« Ihre Aussage sollte mich nicht treffen, aber ich versetze einem der Kartons unter dem Tresen einen Tritt, bevor ich wieder in die ungewaschene Menge starre.

Ein Pärchen macht gerade an der hinteren Wand bei den Toiletten rum. Bei den stoßartigen Bewegungen, die der Typ mit seinem Becken macht, könnte ich kotzen. Aber immer mal wieder heben sich ihre Köpfe, um Luft zu holen, und ihre Lippen lösen sich voneinander. Seine Hände vergraben sich in ihrem Haar, und sie schauen einander an. Das ist der Moment, in dem ich auf den Auslöser drücken würde. Ich könnte selbst diese Arschlöcher schön aussehen lassen.

Dann würde ich den Löschschlauch aufdrehen und sie hier rausspülen.

»Bist du bei diesem Vince romantisch? Irgendwie bezweifele ich das.« Als sie ihn das erste Mal hier reinschleichen sah, sagte sie: »Das ist kein netter Kerl, Darcy.«

Ich entgegnete: »Er hat ein Zungenpiercing, ein Teil von ihm ist also sehr nett.« Ihr blieb der Mund offen stehen.

Ich überprüfe die Lagerbestände im nächstbesten Kühlschrank. »Ich habe ein Sonett in der Gesäßtasche. Das lese ich ihm vor, wenn ich ihn das nächste Mal sehe.«

»Aber du bist nicht in ihn verliebt.«

Darüber kann ich nur lachen. Ich habe es aufgegeben, bei Männern irgendwas zu empfinden.

»Er ist eine Möglichkeit, die Zeit totzuschlagen. Ich bin hier schon viel länger, als ich vorhatte.« Stell jetzt bitte nicht die nächste Frage: Warst du je verliebt? »Hmm, na ja, wahrscheinlich bin ich unromantisch.«

»Warum hast du das mit den Hochzeiten aufgegeben?«

Das Wort »aufgeben« ist ein wunder Punkt, und das sieht Holly mir an. Sie senkt den Blick und fummelt an ihrem Bertha-Schild herum. »Sorry. Auf deiner Website steht, dass du bis auf Weiteres keine Aufträge annimmst. Und jetzt machst du Produktfotografie. Was ist das eigentlich?«

»Googel es doch einfach, Bertha.« Ich will einen Witz machen, aber ich bin sauer. Warum versucht sie die ganze Zeit, sich mit mir anzufreunden? Hat sie nicht kapiert, dass ich schon so gut wie weg bin?

Und was diese Website betrifft: Die werde ich löschen.

»Du erzählst mir nie irgendwas richtig«, protestiert sie mit piepsiger Stimme. »Und du bist nie ernst.« Ihr hübsches Gesicht läuft rosa an und ist vor Sorge ganz zerknautscht. Ich gehe ans andere Ende der Theke und wende ihr den Rücken zu. Dann nehme ich das Bierglas mit meinen Namensschildern herunter. Ich habe keine Lust mehr, Joan zu sein. Für den Rest der Schicht werde ich Lorraine sein, beschließe ich.

Worauf ich ebenfalls keine Lust mehr habe, ist Darcy zu sein.

»Tut mir leid«, sagt Holly kleinlaut.

Ich zucke mit den Achseln und schiebe im letzten Kühlschrank Wodkaflaschen hin und her. »Schon gut. Ich bin nur …« Hier festgehalten, ohne Pass oder Flugticket. Ich lebe meinen Albtraum. »Eine blöde Kuh. Beachte mich einfach gar nicht.«

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich das Licht in einer Whiskeyflasche fängt und ihr einen goldenen Schimmer verleiht. Ich verspüre ein Stechen tief in der Magengrube und atme aus, bis ich ganz leer bin. In letzter Zeit habe ich Anfälle von schweren Traurigkeitsseufzern, insbesondere, wenn ich an Hochzeiten denke. Weshalb ich mich weigere, das zu tun.

Stattdessen lenke ich meine Gedanken in eine andere Richtung. Ich war jahrelang selbstständig und habe das Gefühl, einen Röntgenblick für Dinge zu haben, die sich zu einem größeren Problem auswachsen können: Holly hat immer noch keine Gehaltsabrechnung bekommen. Der Lagerbestand ist alarmierend niedrig. Vielleicht ist Alkohol nicht Anthonys Haupteinnahmequelle. Ich gehe nach hinten ins Büro und schreibe auf einen Post-it: »Anthony, soll ich die Bestellung machen? D«.

Für eine harte Braut habe ich eine peinlich mädchenhafte Handschrift. Außerdem: Die Typen in der Tagesschicht schreiben garantiert keine pflichtbewussten Zettelchen. Ich knülle den Zettel zusammen.

Als ich wieder rauskomme und anfange, das Geld in der Kasse zu zählen, versucht Holly es noch mal, indem sie zu dem Punkt zurückspult, bevor sie es verbockt hat. »Ich finde jedenfalls nicht, dass Vince der Richtige für dich ist. Ich glaube, dass du einen von denen da brauchst.« Sie meint die Lederjacken.

Ich zähle weiter. Fünfhundert, fünf, fünfzig. Interessant, dass das ausgerechnet von ihr kommt. Sie verfällt in Gegenwart der Lederjacken immer in Schockstarre. Wenn ein Glas zu Bruch geht, bin ich diejenige, die mit Kehrblech und Handfeger lostrottet. »Warum glaubst du das?«

Holly zuckt mit den Schultern. »Du brauchst jemanden, der noch härter ist als du. Wie wär’s mit dem da? Er sieht dich die ganze Zeit an und sorgt immer dafür, dass er von dir bedient wird.«

Ich habe jetzt keine Lust, auch nur kurz von der Kasse aufzublicken und nachzusehen, welchen sie meint. Sechshundert, sechs, fünfzig. »Lieber sterbe ich einsam und allein, als mit einem von diesen Arschlöchern zu enden.«

Der junge Lederjackentyp, der mir geholfen hat, die Collegejungs zu verschrecken, bahnt sich einen Weg zu uns. Freibier geht offenbar gut runter.

»So durstig heute?«, sage ich und gieße ihm diesmal seinen üblichen Whiskey ein.

»Sehr durstig«, sagt er, und es klingt anzüglich, aber als ich ihm ins Gesicht sehe, ist er ernst. »Gelangweilt und durstig.«

»Tja, deshalb seid ihr ja hier. Also, falls ihr diese Kids nachher verprügeln wollt, macht das bitte draußen auf dem Parkplatz.«

Seine kristallblauen Augen streifen kurz mein Namensschild. »Kein Problem. Wir sehen uns, Lorraine.« Er zahlt, gibt ein Trinkgeld und geht wieder.

»Das war der, der in dich verliebt ist«, sagt Holly eindeutig zu laut.

2. Kapitel

Der Lederjackentyp gerät ins Stolpern, und etwas Whiskey schwappt auf den Boden. Er fängt sich wieder, und etwas verunsichert geht er weiter. »Sei still«, zische ich Holly zu. Ich habe mir den Typen noch nie genauer angesehen, aber jetzt bemerke ich, dass er groß, gut aussehend und tätowiert ist. Muskeln, Arsch, Stiefel. Drei Häkchen. Dazu noch eine ordentliche Statur.

Ich stelle mir vor, wie ich mit ihm rede. Ihn berühre. Ihn kennenlerne. Dann stelle ich mir vor, wie er dasselbe mit mir macht.

Vielleicht könnte er mich zum Flughafen fahren.

»Passe.« Ich werfe Holly einen Blick zu, der sagt: Kümmere dich um deinen eigenen Kram. Die Botschaft kommt offenbar an. Fast eine Stunde gehen wir einander höflich aus dem Weg. Sie gibt Getränke aus, jeder Vorgang scheint für sie völlig neu zu sein, und sie starrt mit ernstem Blick auf die Kasse. Mit Grauen denke ich daran, ob die Kasse am Ende wohl stimmen wird.

Ich schleppe ein neues Bierfass aus dem Lagerraum, und ein vertrautes Rasseln in meiner Brust meldet sich. Eigentlich sollte ich es besser wissen, aber es überrascht mich jedes Mal, weil ich eine Idiotin bin. Man müsste meinen, dass ich mich nach so vielen Jahren an meine Herzrhythmusstörung gewöhnt hätte, aber jedes Mal: Alter Schwede! Das schon wieder. Es ist wie ein Stolperdraht, den ich wieder vergesse, sobald ich drüber bin, und obwohl ich eine ansonsten gesunde Sechsundzwanzigjährige bin, muss ich mich auf Anthonys Stuhl niederlassen und sehe Sternchen.

»Alles in Ordnung?«, ruft Holly, die den Kopf hereinsteckt. »Mädchen sollen keine Fässer schleppen.«

»Hat nur ein bisschen gezwickt«, lüge ich ihr ins Gesicht und deute auf meinen Rücken. »Geh du nach vorn.«

»Du hättest Keith Bescheid sagen sollen«, sagt sie rebellisch, und ich strecke den Finger aus, bis sie verschwindet.

In der Zwischenzeit rast mein Herz weiter. Fühlt sich an, als würde jemand mit einem Holzbein die Feuerleiter eines Wolkenkratzers erklimmen. Schritt – Pause – Stolperschritt. Immer weiter nach oben, ohne Geländer, bloß keine Panik, nicht rückwärts ins Schwarze fallen. Ich muss es nur so lange aushalten, bis es vorbei ist. Aber dieses Mal geht auch mein Atem, als würde ich die Treppe hochrennen. In solchen Momenten kann ich Jamies ärgerliche Besorgnis geradezu spüren, er würde jetzt seine Willenskraft benutzen, um mein Herz wieder gleichmäßig schlagen zu lassen.

Jamie hat meine Herzprobleme verursacht. Er hat meine Nabelschnur ausgestöpselt, um einen gemächlichen Zug zu nehmen, und sah grinsend zu, wie ich blau anlief, bevor er sie mir wieder zurückgab. Mein Kardiologe hat gesagt, das sei unmöglich, aber ich bin nach wie vor davon überzeugt. Das würde so gut zu Jamie passen.

Eigentlich war ich kurz vor der Geburt in der Pole Position, aber Jamison George Barrett zog in letzter Sekunde an mir vorbei und luchste mir den Platz als Erstgeborene ab. Er kam als Erster aus Mom rausgeflutscht, stramm und rosig, und brüllte »Erster!« Er war bei allem auf der obersten Perzentile. Ich kam mit Gelbsucht auf die Welt und wurde eine Woche lang in einen dieser Schnellkochtöpfe für Neugeborene mit Herzmonitor gesteckt. Seit dem Tag unserer Ankunft hat Jamie mich bei allem abgehängt, zahllose Touchdowns in der Schule, in Büros und Kneipen, auf spiegelnden Oberflächen und wahrscheinlich in Betten erzielt. Einfach ekelhaft!

Vielleicht komme ich deswegen so gut mit den Typen in der Kneipe klar, weil ich es schon im Mutterleib mit einem Alphamännchen zu tun hatte.

In Jamies neuer Stadt hat es heute geregnet. Er ist bestimmt zu Fuß zu seinem Job in der Bank gegangen. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was er macht, stelle mir nur immer vor, dass er in einem Tresorraum voller Goldmünzen schwimmt. Wahrscheinlich trägt er seinen Burberry-Trenchcoat, einen schwarzen Regenschirm in der einen und sein Handy in der anderen Hand, bla, bla, bla, Kohle, Kohle, Kohle.

Was würde er jetzt sagen, wenn er wieder mit mir reden würde?

Atme, du wirst ganz blass.

Mich mit Gedanken an Jamie abzulenken, funktioniert meistens. Ich kann meinen Ärger auf ihn konzentrieren, statt auf meinen defekten Motor. Mein Peiniger ist zugleich mein Rettungsanker.

Darce, was dein Herz betrifft – da musst du dringend was unternehmen.

Ich zahle exorbitante Krankenversicherungsbeiträge dank diesem Luschenherz. Dafür geht mein gesamter Verdienst hier drauf. Wenn ich so darüber nachdenke, macht das diesen Job noch ein bisschen deprimierender.

Mein Herzschlag hat jetzt wieder seine traurige Version von »normal« erreicht, aber so lange, bis Jamie wieder mit mir spricht, versuche ich das Unmögliche: zwillingslos zu leben. Wir haben uns gestritten, und ich habe es verkackt. Er fehlt mir, und ich bin kurz versucht, ihm ein paar beiläufige Beleidigungen per Textnachricht zu schicken. Aber dann fällt mir ein, dass das gar nicht geht, selbst wenn ich wollte. Denn ich versuche auch hier das Unmögliche: handylos zu leben.

Vorletztes Wochenende war ich mit Vince in Sully’s Bar und ließ mein Telefon in die Toilette fallen. Während es auf den Grund sank, leuchtete das Display auf und zeigte einen eingehenden Anruf an. Mein Bruder – denn gleich darauf erschien ein Foto seines arroganten Gesichts. Typisch: das erste Mal seit Monaten, dass er versucht, mich zu erreichen, und prompt befindet er sich fünfzehn Zentimeter tief in Pipiwasser. Das Display wurde schwarz, und ich wusch mir die Hände und ging raus.

Meine Eltern würden mich umbringen, wenn sie wüssten, dass ich kein Handy habe. Sie würden mich umbringen, wenn sie wüssten, dass ich in kalten Nächten im Cottage keinen Bademantel trage. Dein Herz! Nerv, nerv! Leider habe ich eher den Verdacht, dass überhaupt niemand merkt, dass ich nicht zu erreichen bin. Seit ich alles verbockt habe und Jamie weg ist, hat mein Telefon aufgehört zu klingeln. Er ist der Leitstern, dem alle folgen.

Ich höre ein Klirren von draußen, und ein paar Typen »Oooh« rufen. Männer sind fasziniert von zerspringendem Glas. Wieder versuche ich einzuatmen und meinen Herzschlag zu beruhigen. Ich mache das schon seit Jahren, trotzdem würde ich nicht sagen, dass es leichter wird.

»Was ist hier los?« Ich stampfe in meinen Stiefeln nach draußen und finde eine Reihe Kerle vor, die sich einen abgrinsen. Holly versucht mit hochroter Birne Glasscherben aufzusammeln. Überall ist Bier, und ihr T-Shirt ist vorne klatschnass. Ich habe noch nie ein Mädchen gesehen, das Rettung nötiger hatte als sie in diesem Moment.

»Die dumme Gans kann nicht mal ein Bier einschenken.« Das Alphatier dieser Gruppe ist ein Typ vom Bau mit losem Mundwerk. »Sie hat Glück, dass sie so heiß ist. Nicht so wie die da.« Er meint mich. Ich zucke mit den Achseln.

»Ist schon gut«, sage ich zu Holly. Sie nickt wortlos und verschwindet nach hinten. Ist das die Schicht, die ihr das Genick bricht?

Dieser Typ wird nicht einfach bezahlen und gehen. Er sucht nach Anregung. Ich streite mit ihm wie auf Autopilot, und die Einzelheiten langweilen mich zu Tode: Ich würde besser aussehen, wenn ich nicht so kurze Haare hätte. Ich wäre so hübsch, wenn ich mir mehr Mühe geben würde. Ich sähe irgendwie aus wie ein Kerl mit Make-up.

Okay, die letzte Bemerkung tat ein bisschen weh. Ich bin schon eine echt harte Braut, oder? Jede Beleidigung perlt einfach an mir ab, und wenn er zu weit geht, kann ich fünf doppelte Whiskeys abrechnen.

»Für wen hältst du dich eigentlich? Meinst du, du wärst was Besonderes?« Seine Stimme durchschneidet den Dunst, und mein Blick schnellt wieder in sein Gesicht. In meinem Inneren spüre ich etwas: eine große Kluft, als wäre ich gerade mit der Axt in der Mitte zerteilt worden wie ein trockener Holzscheit. Mir fällt darauf keine Antwort ein. Er sieht, dass er die Grenze überschritten hat, und lächelt.

Ich wurde schon so viel schlimmer beschimpft, in so vielen Sprachen, aber heute Nacht fühlt es sich an wie das Schlimmste, das jemals jemand zu mir gesagt hat.

Weil es so ist. Genau dasselbe hat mein Bruder zu mir gesagt, bevor er ging.

»Der da«, sage ich zu Keith, als würde ich mir einen Goldfisch aussuchen. Er packt den Typen am Kragen und befördert ihn nach draußen. Der Rest der Gruppe grummelt und flucht. In mir brennt der Ärger lichterloh. »Ihr bestellt, zahlt und gebt Trinkgeld. Das war’s. Es wird nicht geredet. Ihr macht einfach diese drei Sachen und geht mir aus den Augen.«

Holly kniet neben mir und schabt Glasscherben auf das Kehrblech. »Autsch!« Jetzt läuft ihr ein schmales Rinnsal Blut übers Schienbein, in Socke und Schuh.

»Zeig mal«, bringe ich hervor, ohne dabei zu seufzen. Während ich im Erste-Hilfe-Kasten krame, überlege ich, wo sie ein neues Zuhause finden könnte. »Hast du Grundkenntnisse im Nähen? Meine Freundin Truly braucht eventuell demnächst eine Assistentin. Vielleicht könntest du das von zu Hause aus machen.«

»Ich habe den Quilt auf meinem Bett gemacht. Aber das waren nur gerade Linien, das war nicht so schwer. Ich könnte es machen, wenn es leicht ist.« Sie wischt sich die verschmierte Wimperntusche ab und blickt sich um, als würde ihr gerade klar, was ich schon die ganze Zeit wusste: dass das hier nicht das Richtige für sie ist.

Ich verarzte sie, teile das Trinkgeld und schicke sie früh nach Hause. »Wenn du nicht mehr kommen willst, schreib mir einfach, und ich sage es Anthony.« Sie nickt unter Tränen.

Holly ist so ein nettes Mädchen, aber um ihretwillen hoffe ich, dass sie geht. Sonst endet sie noch wie ich.

Die Kneipe schließt erst um vier Uhr morgens, deshalb kommen jetzt die richtig harten Bräute, die die Friedhofsschicht übernehmen. Sie sind das, was ich mal sein werde. Ich stecke mein Trinkgeld ein, und wir unterhalten uns ein paar Minuten darüber, welche Vollidioten hier drin man im Auge behalten muss.

»Ciao«, sage ich zu Keith, als ich einige Zeit später an seinem Hocker an der Tür vorbeikomme, aber er ist schon dabei, sich auf die Beine zu hieven.

»Du kennst die Regeln.«

»Die Regeln hier sind Mist.«

»So ist das Leben«, erwidert er achselzuckend.

»Und wer bringt dich zum Auto?« Ich sehe, wie er darüber nachdenkt.

»Du würdest das wahrscheinlich tun.« Diese Erkenntnis bringt ihn zum Lächeln. »Wenn du dir mal was dazuverdienen willst, könnte ich dir ein bisschen was über Security-Arbeit beibringen. Du wärst sicher großartig.«

»Ja, wahrscheinlich, aber nein danke.« Ich füge mich der Tatsache, dass er hinter mir herläuft, und gehe durch die Eingangstür. Ich trete hinaus in eine Wolke aus Zigarettenqualm und Auspuffgasen. »Im Ernst, du weißt gar nicht, wie sehr ich es hasse, wenn du meinen Babysitter spielst.«

»Ich habe eine ungefähre Ahnung«, entgegnet Keith trocken. Als ich zurückblicke, scannt er mit geübtem Blick den Parkplatz. Vor langer Zeit ist einem Mädchen, das hier gearbeitet hat, etwas passiert, und auf der Seitenstraße liegt viele Jahre später noch immer der düstere Schatten einer eiskalten Schandtat.

Ich gebe auf und gehe los. »Na komm, Wachhund, Zeit zum Gassigehen.«

Keiths unglaublich lange Beine halten ohne Weiteres Schritt mit meinem Marsch mitten durch das Grüppchen Kerle hindurch, die bei ihren Motorrädern herumstehen. Jemand sagt: »Warte mal kurz, Baby.«

»Heute kann ich nicht«, antwortet Keith mit mädchenhafter Stimme, worauf die gesamte Gruppe in Gelächter ausbricht. »Ist alles in Ordnung? Du wirkst heute ein bisschen labil.«

Ich sollte nicht unterschätzen, wie feinfühlig er sein kann. Sein Job ist es, Leute zu beobachten.

»Wer, ich? Nein, alles in Ordnung. Danke wegen vorhin. Das muss das Beste an deinem Job sein, wenn du sie über den Asphalt hüpfen lässt.« Ich wühle in meiner Tasche. Bei so einem großen Schatten brauche ich keinen Schlüssel in der geschlossenen Faust.

»Nicht ganz.« Keith stützt sich mit dem Ellbogen auf meinem Autodach ab. Er ist so groß wie Big Foot, auf eine gut aussehende Art unscheinbar und trägt einen goldenen Ring. »Übrigens schulde ich dir noch die zwanzig Piepen von neulich Nacht. Ich wollte dir nur sagen, das war echt nett von dir … auch dass du zugehört hast.«

Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, denn ich habe überhaupt nicht zugehört.

Ich habe den Dienstplan studiert wie ein notorischer Arschkriecher und die Fehler und Lücken eingekreist, während Keith auf einem Barhocker saß und mir irgendwas von seiner Frau, seiner Schwiegermutter und einer verlegten Brieftasche erzählte. Irgendwas über Krankheit und darüber, dass er die ganze Zeit arbeiten muss. Ein paar Seufzer und ein in kleine Fetzen zerrupfter Bierdeckel. So traurig und süß er auch ist, die zwanzig Mäuse, die ich ihm geliehen habe, waren ein Schnäppchenpreis, um dieses Gespräch zu beenden.

»Mach dir keinen Kopf deswegen.« Mir schwillt immer vor Stolz die Brust, wenn ich mich großzügig zeige. Ich werde langsam ungeduldig, aber Keith lehnt sich weiter an mein Auto. »Ehrlich, die zwanzig Mäuse sind mir Wurst. Du kannst mir einen ausgeben zur Feier des Tages, wenn ich endlich hier abhaue. Ich muss dann mal. Der Wein trinkt sich nicht von alleine.«

»Du könntest ihn hier trinken«, erwidert er. »Es ist eine Kneipe, weißt du.«

Ich schneide eine Grimasse. »Als würde ich auch nur eine Minute länger als nötig dieselbe Luft wie diese Schwachköpfe atmen.«

»Ich stelle dir einen Hocker neben meinen«, bietet er an, aber ich schüttele den Kopf.

»Am besten kann ich zu Hause auf der Couch trinken. Ohne Hose. Während ich mich von The Smiths so richtig schön depressiv machen lasse.« Das war ein bisschen zu ehrlich.

Ich greife an die Autotür, aber er atmet nur tief aus. Es gibt einen Grund, warum er stehen bleibt. Langsam habe ich das Gefühl, dass er auf ein größeres Darlehen hinarbeitet. »Mein Gott, was ist denn? Spuck’s schon aus.«

Er schielt zu den Sternen hinauf. »Also, ein anderes Mal, ja?«

Ich stemme meine Hand in die Hüfte. »Keith, du benimmst dich echt komisch. Hör auf, mein Auto zu zerquetschen.«

»Du spürst es, oder?« Er blickt auf eine merkwürdige Art zu mir herunter. Ein bisschen, als müsste er gleich niesen.

»Eine Horde Dinosaurier, die auf uns zu rast?« Ich entlocke ihm kein Lächeln. Er sieht mich nur weiter an und lässt mich einfach nicht gehen. »Was? Was soll ich spüren?«

»Na das hier. Zwischen dir und mir.«

Schock und Überraschung sind genauso groß wie mein Ärger. »Keith, was in aller Welt …«

»Du siehst sehr oft zu mir rüber.«

»Weil du unser Bollwerk auf dem Hocker neben der Tür bist. Nein, versuch es gar nicht erst«, ich ziehe meinen Arm zurück, als er danach greifen will. »Deine Frau wäre bestimmt begeistert.« Untreue ist das Letzte. Das komplette Gegenteil von allem, wofür Hochzeiten stehen. Nicht umsonst habe ich so viel Zeit mit Brautpaaren verbracht. Das muss irgendwie auf mich abgefärbt haben. Jemand verspricht dir, dich für immer zu lieben, und du starrst bei der Arbeit andere Mädchen an? »Hau ab, Keith, im Ernst.«

Er sinkt in sich zusammen, die Hand im Nacken, ein Bild des Elends. »Sie hat kaum noch Zeit für mich, seit ihre Mom krank ist. Ich habe das Gefühl, dass es zwischen dir und mir eine Verbindung gibt, weißt du?«

»Weil wir Freunde waren. Vergangenheitsform.« Ich reiße meine Autotür auf und verspüre einen Anflug von Angst, als seine Hand sich um mein Handgelenk legt und mich festhält. Ich versuche, mich zu loszureißen, aber er packt nur noch fester zu. Ich werde immer wütender und ziehe kräftiger. Mein Handgelenk brennt noch mehr als früher, wenn Jamie es mit Absicht verdreht hat. Aber ich will, dass es wehtut. Besser, als stillzuhalten.

»Wenn du nur mal zuhören würdest«, versucht Keith es, aber meine Haut ist zu zart und glatt. Ich gleite aus seinem Griff wie ein Seidentuch. Der Parkplatz ist inzwischen unerklärbar menschenleer. Mein Herz meldet sich wie jemand, der fragend über den Rand seiner Zeitung blickt. Nach dem Motto: Was ist denn hier los? Wenn es mir jetzt abschmiert, werde ich echt sauer.

Ich halte Keith den ausgestreckten Zeigefinger ins Gesicht. »Ich dachte, du wärst einer von den Guten. Mal wieder falsch gedacht.«

Ich schwinge meinen Hintern auf den Sitz, knalle die Tür zu und vernehme ein schwaches, schmerzvolles Aufheulen. Mit verriegelten Türen mache ich mich aus dem Staub, und mein einstiger Freund ist nur noch ein fremdgehender Pappkamerad in meinem Rückspiegel. »Mal wieder falsch gedacht, weil es keine Guten gibt.«

Während ich meine eigenen Worte höre, weiß ich, dass es nicht stimmt. Es gibt immer noch einen grundguten Mann da draußen. Er ist die Hochwassermarke in einer Welt voll Pfützen. Und schon habe ich einen Weinnotfall. Betrinken, schlafenlegen und vergessen.

Über Umwege fahre ich zum Kiosk in der Nähe meines Hauses und sehe immer wieder in den Rückspiegel. Währenddessen lasse ich eine zehnminütige Diskussion mit meinem weiblichen Ich über mich ergehen. War ich zu nett zu Keith? Zu locker, zu unanständig, zu vorlaut und zu großzügig mit meinem Lächeln? Nein, scheiß auf ihn.

Ich gehe verschiedene Gespräche durch, die ich mit ihm hatte, und zucke zusammen, wenn ich daran denke, wie leicht und angenehm platonisch ich sie fand. Vielleicht habe ich ihn sogar als Ersatz für meinen Bruder benutzt. Habe ich Keith zwanzig Mäuse bezahlt, damit er mein Freund wird?

Mein Gott, bin ich erbärmlich.

Unwillkürlich frage ich mich, wie viele ehebrechende Keiths auf den Hochzeitsporträts sind, die ich über die Jahre gemacht habe. Ich betaste mein schmerzendes Handgelenk. Es ist eine gute Erinnerung daran, dass ich gar nicht vorsichtig genug sein kann. Heute Nacht werde ich eine Menge Wein brauchen.

Ich fahre mit dem Auto auf den Bordstein und halte an. Früher war das hier eine Parklandschaft, eingefasst durch das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, und Lorettas Cottage. Der Fortschritt war wohl nicht aufzuhalten, aber ein neon-beleuchteter 7-Eleven ist einfach nur demütigend. Ich kriege es immer noch nicht fertig, an meinem alten Haus vorbeizufahren. Es wurde malvenfarben angestrichen.

Ich brauche Wein, Wein, Wein.

»Nicht schon wieder«, sagt der Verkäufer Marco, als ich hereinkomme. »Nicht. Schon. Wieder.«

»Ich bin zu müde für den Mist, also fang gar nicht erst damit an.« Dieser Laden ist so bequem, wie es die Neonschrift »Convenience Store« vor der Tür verheißt. Ansonsten würde ich mir das bestimmt nicht antun. Marco hat ein Buch über Zucker gelesen, und es hat sein Leben verändert.

»Zucker ist weißes Gift.« Er fängt an, mir eine erfunden klingende Geschichte über zuckersüchtige Laborratten zu erzählen. Ich wähle eine billige Flasche lieblichen Wein sowie eine Dose Fischinnereien für Diana und begebe mich dann in meinen allerliebsten Lieblingsgang.

»Sie haben Zucker der Nahrung vorgezogen und starben dann an Unterernährung.« Marco verkauft jemandem kommentarlos eine Schachtel Zigaretten.

Ich recke den Kopf über die Regale. »Genau das habe ich vor. Hör auf mit mir zu reden.« Es nervt mich, dass ich schon so lange in der Gegend hier rumhänge, dass sogar ein Kioskangestellter weiß, wer ich bin. Ich lasse mir das nicht von ihm kaputtmachen. Das ist ein ganz besonderer Moment.

Es ist unglaublich, welche Formen Zucker annehmen kann. Es ist Kunst. Es ist Wissenschaft. Es ist kosmisch. Es ist das, was bei mir einer Religion am nächsten kommt.

Ich liebe diese Comicfarben. Saure Fruchtgummis in granuliertem Rohrzucker gewälzt. Lacklederne Lakritzstangen, glücklich machende Skittles. Rosa und weiße Marshmallows, zarter als Rosenblätter. All das gibt es hier, das ganze Regenbogenspektrum des Zuckers, und es wartet nur auf mich.

»Diabetes … Krebs …« Marco ist ein Radio, das man ein- und ausschalten kann.

Meine Freundin Truly – meine einzige Schulfreundin, die noch hier lebt – findet, dass Frauen sich jede Woche einen Trostpreis kaufen sollten. Dafür, dass sie den ganzen Mist auf der Welt ertragen. Sie kauft sich selbst Blumen. Mein Verwöhnprogramm besteht darin, meinen Insulin- und Alkoholspiegel in die Höhe zu jagen.

Sonntagabend ist mein persönliches Halloween.

Ich schlendere langsam das Regal entlang und fahre mit den Fingerspitzen über die Schokoriegel. Ihr gottverdammten, kleinen, verführerischen Rechtecke. Dunkel, Vollmilch, weiß, ich diskriminiere niemanden. Ich esse alles. Diese sauren Bonbons in Leuchtfarben, die sonst nur nervige kleine Jungs mögen. Ich lutsche die Glasur von Liebesäpfeln. Wenn der Verschluss eines Briefumschlags süß schmeckt, lecke ich zweimal darüber. Ich gehörte zu den Kindern, die hoch gefährdet waren, sich mit der Aussicht auf einen Lolli in einen Transporter locken zu lassen.

Manchmal lasse ich die Einzelhandelsverführung zwanzig Minuten andauern, ignoriere Marco und begrapsche die Ware, aber heute habe ich die Schnauze voll von männlichen Stimmen.

»Fünf Tüten Marshmallows«, sagt Marco in resigniertem Tonfall. »Wein. Und eine Dose Katzenfutter.«

»Katzenfutter ist Low Carb.«

Er macht keinerlei Anstalten, etwas einzuscannen, also scanne ich jeden einzelnen Artikel selbst und rolle einen Geldschein von meinem Trinkgeld auseinander. »Dein Job besteht darin, Sachen zu verkaufen. Also verkauf sie. Wechselgeld, bitte.«

»Ich weiß einfach nicht, warum du dir das antust.« In Marcos Augen spiegelt sich sein moralisches Dilemma, als er auf die Kasse sieht. »Jede Woche kommst du her und machst das.«

Er zögert und blickt über die Schulter, wo, von einer Staubschicht bedeckt, sein Zuckerbuch steht. Er weiß, dass es nichts bringt, mir das Buch zu meinen Einkäufen in die Tasche zu schmuggeln.

»Ist mir schleierhaft, warum dich das überhaupt kümmert. Bedien mich einfach. Ich brauche deine Hilfe nicht.« Er hat nicht ganz unrecht damit, dass ich süchtig bin. Ich würde jetzt und hier eine Line Puderzucker vom Tresen lecken, wenn ich unbeobachtet wäre. Ich würde in eine Zuckerrohrplantage gehen und direkt reinbeißen.

Ich arbeite jetzt schon seit vielen Jahren an dieser kohlrabenschwarzen Verkleidung, und sie ist kugelsicher. Aber manche Menschen merken trotzdem, dass ich ein Schwächling bin, und versuchen, mich zu bevormunden und mir zu helfen. Es muss so ein Überleben-des-Stärkeren-Ding sein. Aber sie liegen alle falsch. Ich bin keine lahmende Gazelle, ich bin diejenige, die den Löwen erlegen wird.

»Gib mir mein Wechselgeld, oder ich schwöre bei Gott …« Ich kneife die Augen zusammen und versuche, mein Temperament im Zaum zu halten. »Behandele mich einfach wie jeden anderen Kunden.«

Er gibt mir ein paar Münzen und steckt meine süßen, schwammigen Drogen in eine Tüte. »Du erinnerst mich nur so an mich selbst. Wie ich früher war. So abhängig. Wenn du bereit bist, aufzuhören, leih dir mein Buch. Ich habe seit fast acht Monaten keinen Zucker mehr zu mir genommen. Meinen Kaffee süße ich nur noch mit etwas Agavenpulver …«

Ich bin bereits am Rausgehen. Keinen Zucker? Warum geht es im Leben immer darum, auf Dinge zu verzichten? Was habe ich überhaupt noch zum Genießen? Das Schwere-Seufzer-Gefühl in mir wird schlimmer. Trauriger. Ich bleibe an der Tür stehen.

»Ich werde mich bei deinem Chef über dich beschweren.« Es ist echt feige von mir, die Kunde-ist-König-Karte zu ziehen, aber na und? »Du hast gerade eine Kundin verloren, Zuckerbärchen.«

»Du kannst so fies sein«, brüllt Marco, als sich die Schiebetür hinter mir schließt. Ich nehme wieder in meinem Auto Platz, verriegele die Türen, lasse den Motor an und drehe die Musik noch mehr auf. Ich weiß, dass Marco mich sehen kann, weil er in seinem kleinen mördersicheren Kabuff an die Fensterscheibe hämmert und meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versucht. Männer hinter Plexiglas.

Auf meinem Schoß öffne ich eine Packung und stopfe mir vier rosa Riesenmarshmallows in den Mund, was in Hamsterbacken resultiert. Dann zeige ich ihm den Mittelfinger und beobachte, wie seine Augen fast aus dem Kopf springen. Es ist einer der besten Momente seit Langem, und ich lache noch bestimmt fünf Minuten beim Fahren und bekomme Zuckerstaub in die Lunge.

Gott sei Dank lache ich, denn ansonsten würde ich vielleicht heulen. Für wen halte ich mich eigentlich?

»Hey, Loretta«, sage ich laut zu meiner Großmutter. Sie hockt hoffentlich direkt über mir auf einer Wolke, während ich an einer roten Ampel anhalte, meine Hand in die Zellophantüte stecke und die weiche Fluffigkeit an den Fingerspitzen spüre. Wenn irgendjemand mein Schutzengel sein wird, dann sie. Sie würde darauf bestehen.

»Bitte, bitte, gib mir etwas, das besser ist als Zucker. Ich brauche es wirklich.« Schon als ich es laut sage, schnürt es mir die Kehle zu. Ich brauche eine Umarmung. Ich brauche das Gefühl warmer Haut an meiner. Ich sterbe vor Einsamkeit, und das würde ich selbst, wenn Vince kommen und wieder gehen würde.

Für wen halte ich mich? Ich bin ungeliebt, ungebunden. Und zwillingslos.

Die Ampel wird genau in diesem Moment grün, als wolle sie mir ein Zeichen geben, aber ich genehmige mir noch ein paar Marshmallows, bevor ich mir die Mühe mache, zu beschleunigen. Die Welt ist schlafen gegangen, und ich bin völlig allein.

Obwohl, vielleicht auch nicht.

Als ich in die Marlin Street einbiege, sehe ich ein merkwürdiges Auto vor meinem Haus parken. Ich stelle die Musik leiser und verlangsame das Tempo. Es ist ein großer schwarzer Transporter, wie ihn Baufuzzis fahren würden. Er sieht nagelneu aus und glänzt, mit einem Nummernschild aus einem anderen Bundesstaat. Hat er herausgefunden, wo ich wohne? Die Haare auf meinen Armen stellen sich auf.

Ich drehe den Kopf, während ich langsam vorbeirolle. Im Auto sitzt keiner. Es kann unmöglich Jamie sein – er würde sich niemals von einer Autovermietung einen Lieferwagen andrehen lassen, und er würde auch niemals auf dem Bordstein parken. Ich fahre einmal um den Block, und mein Herz versucht, sich zu Tode zu hämmern. Kurz wünsche ich mir Keith herbei, bevor es mir wieder einfällt.

Dann drehe ich durch.

Mit einem aggressiven Aufheulen des Motors biege ich in die Einfahrt und mache das Fernlicht an. Ich lasse das Fenster ein Stück herunter und schreie über das ohrenbetäubende Pochen meines Herzens hinweg: »Wer ist da?«

Gleich darauf höre ich ein Kläffen, und aus der Dunkelheit kommt ein steifbeiniger mit einem gestreiften Pulli bekleideter Chihuahua angaloppiert. Dann taucht ein Mann auf, und ich atme erleichtert auf. Selbst ohne den Hund würde ich seine riesenhafte Silhouette überall erkennen. Ich bin nicht kurz davor, umgebracht zu werden, sondern am sichersten Ort der ganzen Welt.

»Danke, Loretta«, sage ich zu der Wolke über mir. Es gibt nur eine Sache, die süßer ist als Zucker. »Das ging ja schnell.«

3. Kapitel

In Tom Valeska steckt ein Tier, das habe ich schon immer gespürt, wenn ich ihn ansah.

Jamie hat ihn damals entdeckt, als er ausgesperrt vor dem Haus gegenüber herumlungerte. Jamie nannte es das Haus für Arme, weil dort mit alarmierender Regelmäßigkeit traurige Familien einzogen. Mom schimpfte ihn deswegen. Bloß weil wir viel haben, heißt das nicht, dass du das Recht hast, gemein zu sein, mein Prinz. Sie ließ Jamie den Rasen drüben mähen, ohne dass er dafür Geld bekam. So ungefähr alle sechs Monate machten wir einen Willkommenskorb für unsere neuen Nachbarn, in der Regel verängstigte Frauen, die mit dunklen Ringen unter den Augen hinter ihrer neuen Haustür hervorlugten.

Aber der Sommer war heiß gewesen, Mom hatte eine Menge Singschüler, und Mrs. Valeska war einfach nie anzutreffen. Der Willkommenskorb war bereits in Cellophan eingewickelt und mit einer Schleife zugebunden, aber Mrs. Valeska verschwand schon bei Sonnenaufgang in ihrer alten Rostlaube und kam erst nach drei Uhr morgens zurück, immer mit Eimern und Körben voll Putzutensilien.

Ihr Sohn, acht Jahre alt wie wir, streunte herum und hackte zum Zeitvertreib mit einer Axt auf einem Holzklotz in seinem Vorgarten herum. Ich wusste das, weil ich ihn schon Tage bevor Jamie ihn aufgabelte, gesehen hatte. Wenn es mir erlaubt gewesen wäre, mich weiter als bis zur Fußmatte vom Haus zu entfernen, wäre ich rübergegangen und hätte ihn herumkommandiert. Hey, ist dir nicht heiß? Keinen Durst? Setz dich doch in den Schatten.

Jamie fand Tom, als der spätabends ausgesperrt war, und brachte ihn mit nach Hause. Er musste ihn am Ärmel in die Küche ziehen. Tom sah aus, als könnte er ein Flohbad gebrauchen. Wir gaben ihm Hähnchen Nuggets zu essen.

»Ich wollte auf der Hollywoodschaukel schlafen. Ich hab noch keinen Schlüssel«, erklärte Tom meinen Eltern schüchtern in heiserem Flüsterton. Die waren so an Jamies Bellen gewöhnt, dass sie ihn kaum verstanden. So gelassen nahm er die Aussicht auf kein Abendessen und kein Bett hin? Ich war voller Ehrfurcht. Und jedes Mal wenn er mich mit seinen orange-braunen Augen für eine halbe Sekunde ansah, schien sich in meinem Bauch ein Reißverschluss zu öffnen.

Tom wirkte, als würde er mich kennen, in- und auswendig.

An jenem Abend wendete sich das Blatt am Esstisch der Barretts.

Tom war vor lauter Schüchternheit praktisch stumm und überstand so den Ansturm von Jamies Redeschwall. Seine einsilbigen Antworten hatten einen knurrenden Unterton, der mir gefiel. Unsere Eltern, die nicht mehr Schiedsrichter zwischen uns Zwillingen spielen mussten, konnten sich aneinanderkuscheln und sich murmelnd unterhalten. Und ich war zum ersten Mal in meinem Leben vergessen und unsichtbar.

Ich fand das gut. Niemand klaute mir Nuggets vom Teller. Ich konnte zwischen zwei Bissen mit der alten Pentax-Kamera auf meinem Schoß spielen und heimlich Blicke auf das interessante Geschöpf erhaschen, das Jamie gegenübersaß. Alle hatten automatisch akzeptiert, dass er ein Mensch war, aber ich war mir da nicht so sicher. Meine Großmutter Loretta hatte mir viele Feengeschichten über Menschen erzählt, die ihre Gestalt änderten und zu Tieren wurden, um mich misstrauisch zu machen. Was sonst konnte seinem Blick diese Schärfe verleihen und mein Inneres derart zum Vibrieren bringen?

Der Willkommenskorb wurde spät an jenem Abend bei seiner erschöpften Mutter abgeliefert. Sie weinte und saß noch lange mit meinen Eltern bei einem Glas Wein auf der Veranda. Wir beschlossen, Tom den Sommer über bei uns zu behalten, während sie bei der Arbeit war. Er war der Puffer, von dem meine Familie nicht gewusst hatte, dass sie ihn brauchte. Meine Eltern bettelten förmlich darum, ihn mit nach Disneyland nehmen zu dürfen. Mrs. Valeska hatte ihren Stolz und versuchte, abzulehnen, aber sie sagten: »Es wäre wirklich zu unserem Besten. Dieser Junge ist sein Gewicht in Gold wert. Wir müssen abwarten, bis Darcys Medikamente eingestellt sind, aber dann können wir häufiger verreisen. Oder wir lassen sie bei ihrer Großmutter. Das wäre vielleicht das Beste«.

Und nach jenem ersten Abendessen machte ich zugegebenermaßen etwas sehr Verrücktes. Ich ging in mein Zimmer und zeichnete in einen Notizblock, den ich im Lüftungsschacht versteckt hielt, einen Schlittenhund. Auf dem Namensschild des Schlittenhundes stand, so winzig, dass man es kaum lesen konnte: Valeska. Ich stellte mir ein Geschöpf vor, das am Fußende meines Betts schlief. Valeska würde mir aus der Hand fressen, könnte aber jedem, der durch meine Tür kam, die Kehle durchbeißen.

Ich wusste, dass das bescheuert war. Jamie hätte mich gekreuzigt, wenn er rausgefunden hätte, dass ich basierend auf dem neuen Nachbarsjungen ein fiktionales Tier erschaffen hatte. Aber genau das hatte ich getan, und bis heute zeichnet meine Hand wie von selbst Valeskas Umriss mit den Augen eines Wolfs oder eines verwunschenen Prinzen, wenn ich bei meinem Stromversorger in der Warteschleife hänge.

Offenbar hatte ich damals schon eine ausgezeichnete Menschenkenntnis.

Wenn einer der verwöhnten blonden Barrett-Zwillinge in eine Gletscherspalte fiel, tauchte unser treuer Valeska auf. Seine hübschen geisterhaften Augen taxierten die Situation, und schon spürte man seine Zähne am Kragen. Und als Nächstes seine demütigende Stärke und das Gefühl, in Sicherheit gezerrt zu werden. Du bist nutzlos, und er weiß, wo es langgeht. Barbie-Cabrio kaputt? Es ist bloß die Achse. Die musst du wieder einrasten lassen. Echtes Auto kaputt? Mach mal die Haube auf. Versuch jetzt noch mal. Na also.

Und das war nicht nur bei mir als dem weiblichen Zwilling so. Tom hat Jamie am Kragen aus Faustkämpfen, Kneipen und Betten gezerrt. Und in jeder Stadt, in die ich je gereist bin, habe ich beim Abbiegen in eine unheimliche, dunkle Gasse im Geiste Valeska heraufbeschworen, um den Rest des Wegs mit mir zurückzulegen.

Das ist wahrscheinlich beknackt, aber so ist es.

Also, um die Situation zusammenzufassen: Mein Leben ist beschissen, und Tom Valeska steht auf meiner Veranda. Er wird von der Straßenbeleuchtung, dem Mond und den Sternen angestrahlt. Der eine Reißverschluss in meinem Bauch öffnet sich, und ich stecke schon so lange in einer Gletscherspalte, dass ich meine Beine nicht mehr spüren kann.

Ich steige aus dem Auto. »Patty!« Dem Himmel sei Dank für kleine Tiere, die peinliche Situationen durchbrechen. Tom setzt sie auf den Boden, und Peppermint Patty tippelt steif die Einfahrt entlang auf mich zu. Mit einem Auge fixiere ich die Dunkelheit auf der Veranda hinter Tom. Wenn keine elegante Brünette ins Licht tritt, falle ich auf die Knie und spreche ein stummes Gebet.

Patty ist ein kurzhaariger schwarz-brauner Chihuahua mit einem großen apfelförmigen Kugel-Kopf. Sie hat eine Art, die Augen prüfend zusammenzukneifen, als würde sie einen verurteilen. Ich nehme es inzwischen nicht mehr persönlich – aber dieser Hund sieht einen verdammt noch mal an, als wäre man ein dampfender Kackhaufen. Das ist einfach ihr Gesicht. Sie erinnert sich an mich. Was für eine Ehre, für immer in ihrem walnusswinzigen Gehirn eingebrannt zu sein. Ich nehme sie hoch und küsse sie auf die Wangen.

»Was machst du denn hier, Tom Valeska, der perfekteste Mann der Welt?« Manchmal ist es eine Erleichterung, die wahren Gefühle zu verbergen, indem man sie ganz offen ausspricht.

»Ich bin nicht der perfekte Mann«, entgegnet er nach dem gleichen Prinzip. »Und ich bin hier, um mit dem Haus anzufangen. Hast du meine Nachrichten nicht bekommen?«

»Mein Telefon liegt im Klo einer Kneipe. Wo es schon immer hingehörte.«

Er rümpft die Nase, wahrscheinlich froh, dass er nicht gerufen wurde, um es wieder rauszuholen.

»Na ja, es weiß sowieso jeder, dass du nie drangehst. Die Genehmigungen sind schon durch, also beginnen wir … na ja, jetzt.«

»Aldo hat uns immer wieder mit den fadenscheinigsten Ausreden vertröstet. Und jetzt seid ihr zwei Monate früher dran? Das kommt … unerwartet.« Meine Nerven flattern. Es ist nichts vorbereitet. Am allerwenigsten ich. »Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich meinen Kwench-Vorrat aufgestockt.«

»Kwench wird nicht mehr hergestellt.« Er lächelt, und der Reißverschluss in meinem Bauch gleitet seine silberne Bahn entlang. Bis zu meinem Herz. In vertraulichem Ton fügt er hinzu: »Keine Sorge, ich habe einen ganzen Weinkeller voll davon.«

»Bäh, das Zeug ist einfach nur schwarzes Plastikwasser.« Ich spüre, wie sich mein Gesicht zu einer Grimasse verzieht, lege die Hand an die Wange und lächele. Wenn ich gewusst hätte, dass er kommt, hätte ich ein Badetuch perfekt gefaltet und den Kühlschrank mit Käse und Kopfsalat vollgestopft. Und ich hätte am Fenster gestanden und nach seinem Wagen Ausschau gehalten.

Wenn ich gewusst hätte, dass er kommt, hätte ich zugesehen, dass ich meinen Scheiß auf die Reihe kriege.

Ich laufe auf den Randsteinen des Wegs entlang und spüre, wie sie wackeln. »Du solltest es nur zu besonderen Gelegenheiten trinken. An deinem achtzigsten Geburtstag könntest du ein Glas Kwench zu deinen Käse-und-Salat-Sandwiches trinken. Das ist doch noch dein Mittagessen, oder?«

»Genau.« Er sieht verlegen weg. »Ich habe mich wohl nicht verändert. Was ist dein Mittagessen?«

»Kommt drauf an, in welchem Land ich gerade bin. Und ich trinke etwas stärkere Sachen als Billig-Cola.«

»Tja, dann hast du dich auch nicht verändert.« Er sieht mich nie länger als eine Sekunde an, bevor er blinzelt und wegguckt. Aber das ist okay. Eine Sekunde fühlt sich bei ihm wie eine sehr lange Zeit an.

Ich rede mit Patty. »Du hast ja mein Weihnachtsgeschenk bekommen, Kleine.« Ich meine ihren Pulli.

»Danke, er passt hervorragend. Meiner übrigens auch.« Das St. Patrick’s-Day-T-Shirt, das er vermutlich aus Höflichkeit trägt, zieht sich hauchdünn im verzweifelten Versuch, überallhin zu reichen. Es passt wie ein Traum.

Die Art von Traum, aus der man schweißgebadet und voller Scham aufwacht.

»Ich wusste, dass du nicht zu cool bist, um ein Patty-T-Shirt zu tragen.« Ich habe das T-Shirt in einem Second-Hand-Laden in Belfast gefunden, und im selben Augenblick fand ich Tom wieder.

Ich hatte ein paar Jahre nicht mit ihm gesprochen, aber das hier war das perfekte Geschenk für ihn. Ich schickte ein Luftpostpäckchen mit den beiden Kleidungsstücken, adressiert an »Thomas und Patricia Valeska«, und lachte mich darüber kaputt, bis mir einfiel, dass wahrscheinlich seine Freundin es annehmen würde. Megan hatte ich total vergessen. Für sie hatte ich noch nicht mal einen Schlüsselanhänger mit ins Päckchen gelegt.

Ich werfe einen prüfenden Blick auf seine linke Hand – immer noch ringlos. Dem Allmächtigen sei Dank! Aber langsam sollte ich mir Megans Existenz ins Gedächtnis rufen. Gleich nachdem ich den nächsten Satz gesagt habe.

»Gute T-Shirts können also sterben und in den Himmel kommen.« Ich grinse über seine Miene, auf der sich Entgeisterung, Überraschung, Abstreiten und Geschmeicheltsein widerspiegeln. Und mit dem nächsten Blinzeln ist auch alles schon wieder verschwunden. Ich bin süchtig.

»Du bist immer noch eine freches Stück.« Voller Missbilligung sieht er auf seine Uhr.

»Und du bist immer noch ein heißer Opi.« Ich drücke diesen alten Knopf, und seine Augen glühen irritiert auf. »In letzter Zeit mal Spaß gehabt?«

»Ich würde dich ja bitten, das Wort ›Spaß‹ näher zu erläutern, aber ich fürchte, ich ertrage die Antwort nicht.« Er gibt ein mürrisches Stöhnen von sich und tippt mit seiner Stiefelspitze gegen die baufälligen Treppenstufen. »Soll ich das jetzt reparieren oder nicht, Klugscheißerin?«

»Ja, bitte. Während Daddy einen auf ernst macht, haben wir beide Spaß, stimmt’s, Patty?« Ich schaukele sie sanft wie ein Baby. Ihre Augen haben eine bläulich-milchige Färbung. »Ich kann nicht glauben, wie viel älter sie geworden ist.«

»Das Vergehen der Zeit hat im Allgemeinen diesen Effekt«, sagt Tom trocken, aber sein Tonfall wird weicher, als ich aufblicke. Ich muss verzweifelt aussehen. »Sie ist jetzt dreizehn. Kommt mir vor, als wär es erst gestern gewesen, dass du ihren Namen für mich ausgesucht hast.« Er faltet sich zusammen, um auf der obersten Stufe Platz zu nehmen, den Blick auf die Straße gerichtet. »Warum bist du eben vorbeigefahren?«

Ich lasse den dunklen Bereich hinter ihm immer noch nicht aus den Augen. Bestimmt tritt gleich Megan daraus hervor. Das hier ist die längste, ununterbrochene Unterhaltung, die Tom und ich seit vielen Jahren geführt haben. Ich warte darauf, dass Jamie durch das Hoftor platzt.

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