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Vermächtnis der Stille - zwei Romane von Heather Gudenkauf

DAS FLÜSTERN DER STILLE

Als an diesem Tag im August die ersten Sonnenstrahlen die feuchte Morgenluft durchdringen, stellen zwei Familien nach dem Aufwachen fest, dass ihre kleinen Mädchen über Nacht verschwunden sind.


Die siebenjährige Calli ist ein süßes, verträumtes Kind, das seit seinem vierten Lebensjahr kein Wort mehr gesprochen hat. Petra ist ihre beste Freundin, ihre Seelenverwandte und ihre Stimme. Doch niemand hat die beiden seit dem letzten Abend gesehen.
Auf der verzweifelten Suche der Eltern schlägt die anfängliche Unterstützung schnell in gegenseitiges Misstrauen um. Und bald schon müssen alle der Wahrheit ins Auge sehen: Niemand ist so unschuldig, wie er von sich glaubt - und einer von ihnen könnte ein Mörder sein.


VERMÄCHTNIS DES SCHWEIGENS

Kindsmord! Keiner kann glauben, dass Allison Glenn dieses schändliche Verbrechen tatsächlich begangen hat. Doch als das Gericht sie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, scheint die Schuld der Sechzehnjährigen bewiesen. Und die Einzige, die etwas dazu sagen könnte, schweigt.

Fünf Jahre später wird Allison aus dem Gefängnis entlassen - in eine Welt, die sich von ihr abgewandt hat. Nur die Buchhändlerin Claire ist bereit, ihr eine zweite Chance zu geben. Gemeinsam kümmern sie und Allison sich um den kleinen Buchladen - und um Joshua, Claires fünfjährigen Adoptivsohn. Doch wie wird Claire reagieren, wenn sie die Wahrheit über Allisons Geheimnis erfährt?

  • Erscheinungstag: 29.10.2015
  • Aus der Serie: E Bundle
  • Seitenanzahl: 688
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955765071
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Heather Gudenkauf, Ivonne Senn

Vermächtnis der Stille - zwei Romane von Heather Gudenkauf

PROLOG

Antonia

Louis und ich sehen dich beinah gleichzeitig. Im Wald, durch die Schwarzlinden, deren schwerer, süßer Geruch mich für immer an diesen Tag erinnern wird, blitzt dein pinkfarbenes Sommernachthemd auf, das du letzte Nacht getragen hast. Die Enge in meiner Brust löst sich, und ich zittere vor Erleichterung. Ich bemerke deine zerkratzten Beine kaum, die schmutzigen Knie oder die Kette in deiner Hand. Ich strecke die Arme aus, um dich festzuhalten, meine Wange an deinen verschwitzten Kopf zu drücken. Ich werde mir nie wieder wünschen, dass du sprechen mögest, dich nie mehr schweigend bitten, zu reden. Du bist hier. Aber du gehst an mir vorbei, ohne mich zu bemerken, bleibst an Louis’ Seite stehen, und ich denke, du siehst mich nicht einmal; es ist Louis’ Sheriff-Uniform, braves Mädchen, du tust genau das Richtige. Louis beugt sich zu dir hinunter, und ich kann den Blick nicht von deinem Gesicht wenden. Ich sehe, wie deine Lippen anfangen, sich in Position zu bringen, und ich weiß es, ich weiß es. Ich sehe, wie sich das Wort bildet, die Buchstaben sich festigen und ohne jede Mühe aus deinem Mund schlüpfen. Deine Stimme, weder unsicher noch rau von mangelndem Gebrauch, sondern klar und stark. Ein Wort, das erste in drei Jahren. Einen Augenblick später halte ich dich in meinen Armen, und ich weine, in Tränen gehüllte Gefühle tropfen zu Boden, hauptsächlich Dankbarkeit und Erleichterung, aber es mischen sich auch Tränen des Kummers hinein. Ich sehe, wie Petras Vater zusammenbricht. Das von dir gewählte Wort ergibt für mich keinen Sinn. Aber das macht nichts. Es ist mir egal. Du hast endlich gesprochen.

Calli

Calli rührte sich in ihrem Bett. Die Hitze einer dunstigen Augustnacht in Iowa lag im Raum, hing feucht und schwer über ihr. Sie hatte sich schon vor Stunden von dem weißen Chenille-Überwurf freigestrampelt, ihr pinkfarbenes Nachthemd knüllte sich um ihren Bauch zusammen. Durch das geöffnete Fenster wehte kein Lufthauch herein. Der Mond hing tief, und sein milchiges Licht lag kraftlos auf dem Boden; eine matte, ungenügende Laterne. Sie wachte auf, die Geräusche im Erdgeschoss drangen nur vage an ihr Ohr. Ihr Vater bereitete sich darauf vor, angeln zu gehen. Calli hörte seine festen, sicheren Schritte, so anders als der leichte, schnelle Tritt ihrer Mutter oder die zögerliche Art, mit der sich Ben bewegte. Sie setzte sich zwischen zerwühltem Bettzeug und Stofftieren auf, die Blase unangenehm voll, und presste die Beine zusammen, versuchte, mit reiner Willenskraft den Drang, ins Bad zu gehen, zu unterdrücken. Ihr Zuhause hatte nur ein Badezimmer, einen rosafarben gefliesten Raum, der beinah zur Hälfte von einer weißen Badewanne mit Klauenfüßen eingenommen wurde. Calli wollte nicht die knarrende Treppe hinuntersteigen, an der Küche vorbeigehen, wo ihr Vater mit Sicherheit seinen bitter riechenden Kaffee trank und seine Ködertasche richtete. Der Druck auf ihre Blase stieg, und Calli versuchte, an etwas anderes zu denken. Ihr Blick fiel auf den Stapel Sachen für das kommende zweite Schuljahr: bunte Stifte, noch ganz lang und mit glatter Spitze; schmale Mappen, deren Ecken wie gestärkt aussahen; weiche, gut riechende Radiergummis; eine Packung mit vierundsechzig Wachsmalkreiden (die Liste führte nur eine vierundzwanzigteilige Box auf, aber Mom wusste, dass das nicht reichen würde); und vier spiralgebundene Notizblöcke, jeder in einer anderen Farbe.

Die Schule war für Calli immer eine Mischung aus Freude und Leid gewesen. Sie mochte, wie es in der Schule duftete; der staubige Geruch von Büchern und Kreide. Sie mochte das Knistern der Herbstblätter unter ihren neuen Schuhen, wenn sie zur Bushaltestelle ging, und sie liebte ihre Lehrer, jeden einzelnen. Aber Calli wusste, dass sich die Erwachsenen im Konferenzraum trafen, um über sie zu reden: die Direktorin, die Psychologen, Sprachspezialisten, normale Lehrer und welche von der Sonderschule, Spezialisten für Verhaltensstörungen. Warum sprach Calli nicht? Calli wusste, dass man mit vielen Begriffen versuchte, sie zu beschreiben – geistig herausgefordert, autistisch oder beinah autistisch. Aufsässigkeitsstörung, selektive Stummheit. Sie war eigentlich sehr klug. Sie konnte lesen und verstand Bücher, die weit über ihr Alter hinausgingen.

Im Kindergarten hatte Miss Monroe, eine energische Vorschullehrerin, deren glattes braunes Haar und durchdringende Bassstimme ihr mädchenhaftes Aussehen Lügen straften, gedacht, dass Calli einfach nur schüchtern sei. Bis zum Dezember ihres Kindergartenjahres war Callis Name im „Solution-Focus-Education“-Team nicht ein einziges Mal gefallen. In diesem Team saßen die Experten zusammen, um Lösungen für schwierige oder auffällige Schüler zu finden. Miss White war es, die Callis seltsames Verhalten entdeckte, als sie zum zweiten Mal in einer Woche im Schwesternzimmer ein Paar frische Socken, Unterwäsche und eine Jogginghose herausgeben musste.

„Hast du denn niemandem gesagt, dass du mal auf die Toilette musst?“, hatte sie mit ihrer sanften, freundlichen Stimme gefragt.

Keine Antwort, nur Callis üblicher, ausdrucksloser Blick aus großen Augen.

„Geh in die Toilette hier, und zieh dich um, Calli“, hatte die Schulschwester sie angewiesen. „Und wasch dich so gründlich wie möglich.“ Sie blätterte durch ihr akribisch geführtes Büchlein, in das sie mit säuberlicher, steiler Handschrift sämtliche Besuche im Krankenzimmer mit Datum, Uhrzeit und Beschwerden notierte – Kratzen im Hals, Bauchschmerzen, Bienenstiche. Callis Name tauchte seit dem 29. August, ihrem ersten Schultag, neun Mal auf. Neben jedem Eintrag stand die Abkürzung UV für Urin-Vorfall. Mrs. White wandte sich an Miss Monroe, die Calli ins Krankenzimmer begleitet hatte.

„Michelle, das ist Callis neuntes Missgeschick in diesem Jahr.“ Mrs. White hielt kurz inne, um Miss Monroe die Gelegenheit zu geben, etwas zu erwidern. Schweigen. „Geht sie denn nicht, wenn die anderen Kinder gehen?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Miss Monroe. Ihre Stimme drang unter der Toilettentür hindurch, wo Calli gerade aus ihren durchnässten Sachen stieg. „Ich bin mir nicht sicher. Sie hat ausreichend Gelegenheit zu gehen … und sie kann jederzeit danach fragen.“

„Ich werde ihre Mutter anrufen und ihr empfehlen, mit Calli einen Arzt aufzusuchen, nur um sicherzugehen, dass es sich nicht um eine Blasenentzündung oder Ähnliches handelt“, erwiderte Mrs. White in ihrer kühlen, effizienten Art, die keinen Widerspruch zuließ. „In der Zwischenzeit sollte sie die Toiletten aufsuchen dürfen, wann immer sie will; schick sie einfach aufs Klo, auch wenn sie nicht muss.“

„Gut, aber sie kann immer fragen.“ Miss Monroe drehte sich um und verließ das Krankenzimmer.

Calli trat leise aus der Toilette, in einer pinkfarbenen Jogginghose, die ihr viel zu lang um die Knöchel schlackerte. In einer Hand hielt sie eine Plastiktüte mit ihrer durchweichten Emily-Erdbeer-Unterwäsche, den Jeans, Strümpfen und pink-weißen Turnschuhen. Der Zeigefinger ihrer anderen Hand drehte unbewusst Locken in ihr braunes Haar.

Mrs. White beugte sich zu Calli hinunter. „Hast du Gymnastikschuhe dabei, die du anziehen kannst, Calli?“

Calli schaute auf ihre Füße, die nun in schmuddeligen, aus dem Schulfundus stammenden Tennissocken steckten. Durch die Löcher konnte sie die pfirsichfarbene Haut ihres großen Zehs sehen und den knallroten Nagellack, den ihre Mutter am Abend zuvor auf jeden ihrer kleinen, perlförmigen Fußnägel aufgetragen hatte.

„Calli“, wiederholte Mrs. White, „hast du Gymnastikschuhe, die du anziehen kannst?“

Calli betrachtete Mrs. White, kniff ihre dünnen Lippen zusammen und nickte.

„Okay, Calli.“ Mrs. Whites Stimme nahm einen sanften Ton an. „Zieh deine Schuhe an, und pack die Tüte in deinen Ranzen. Ich werde jetzt deine Mutter anrufen. Nein, du bekommst keine Schwierigkeiten. Ich sehe nur, dass du ein paar Unfälle dieses Jahr hattest, und möchte, dass deine Mom ein Auge darauf hat, okay?“

Aufmerksam betrachtete Mrs. White Callis vom Winter geküsstes Gesicht. Callis Blick war auf den an der weißen Wand hängenden Sehtest mit seinen immer kleiner werdenden Buchstaben gerichtet.

Nachdem ein kleines Team von Erziehern sich getroffen, Calli untersucht und die Ergebnisse ausgewertet hatte, schien körperlich mit ihr alles in Ordnung zu sein. Man diskutierte und debattierte verschiedene Möglichkeiten, und nach einigen Wochen beschloss man, ihr aus der amerikanischen Gebärdensprache das Zeichen für Toilette und andere Schlüsselwörter beizubringen, wöchentliche Treffen mit dem Schulpsychologen anzusetzen und ansonsten geduldig darauf zu warten, dass Calli anfing zu sprechen.

Sie warteten noch immer.

Calli stieg aus dem Bett, nahm vorsichtig ihre neuen Schulsachen und legte alles so auf ihren kleinen Tisch, wie sie es am ersten Tag ihres zweiten Schuljahres im Klassenzimmer auch tun wollte. Große Dinge unten, kleine oben, Stifte und Füller ordentlich in ihrem neuen, grünen Federmäppchen verstaut.

Der Druck auf ihre Blase wurde zum Schmerz, und sie überlegte, ob sie sich in den weißen Papierkorb aus Plastik neben ihrem Schreibtisch erleichtern sollte, aber sie wusste, dass sie ihn nicht sauber machen konnte, ohne dass ihre Mutter oder Ben es bemerkten. Wenn ihre Mutter einen See in ihrem Papierkorb fand, würde sie sich nur wieder darüber aufregen, was bloß in Callis Kopf vorging. Eine endlose Reihe von Fragen wäre die Folge. War jemand im Badezimmer? Konntest du nicht mehr warten? Hast du mit Petra ein Spiel gespielt? Bist du böse auf mich, Calli? Sie überlegte auch, einfach aus dem Fenster ihres im ersten Stock liegenden Zimmers zu klettern und sich am Spalier nach unten zu hangeln, das nun mit weißen Mondblumen überwachsen war, deren Blüten so groß waren wie ihre Hand. Sie verwarf auch diesen Gedanken. Sie wusste nicht genau, wie man das Fliegengitter entfernte, und wenn ihre Mutter sie beim Klettern überraschte, könnte sie auf die Idee kommen, Callis Fenster zuzunageln, und das, wo Calli es so liebte, ihr Fenster nachts offen stehen zu haben. An regnerischen Abenden wollte sie ihre Nase an das Fliegengitter drücken, die Tropfen auf ihren Wangen fühlen und das staubige, sonnenverbrannte Gras riechen, das den fallenden Regen begierig aufsaugte. Calli wollte nicht, dass ihre Mutter sich noch mehr Sorgen machte, sie wollte aber auch nicht die Aufmerksamkeit ihres Vaters auf sich ziehen, wenn sie die Treppe hinunterschlich, um ins Badezimmer zu gelangen.

Langsam öffnete Calli die Tür ihres Zimmers und spähte um die Ecke. Vorsichtig trat sie auf den kurzen Flur hinaus, wo es dunkler war, die Luft abgestandener und schwerer. Direkt gegenüber von ihrem Zimmer lag das von Ben, eine Kopie ihres eigenen, dessen Fenster nach hinten hinaus in den Garten und die Willow Creek Woods gingen. Bens Tür war geschlossen wie auch die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern. Calli hielt auf der obersten Treppenstufe kurz inne und versuchte, ihren Vater auszumachen. Stille. Vielleicht war er schon fort zum Angeln. Calli schöpfte Hoffnung. Ihr Vater würde mit seinem Freund Roger an die östlichste Grenze des Staates fahren, den Mississippi entlang, ungefähr hundertzwanzig Kilometer. Roger wollte ihn heute Morgen abholen, und sie würden für drei Tage fortbleiben. Calli hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil sie sich über die Abwesenheit ihres Vaters freute, aber das Leben war so viel friedlicher, wenn sie drei allein waren.

Jeder Morgen, an dem er in der Küche saß, brachte ihnen einen neuen Mann. An manchen Tagen war er fröhlich, er setzte sie auf seinen Schoß und rieb seine roten Barthaare an ihrer Wange, um sie zum Lächeln zu bringen. Er küsste Mom, reichte ihr eine Tasse Kaffee und lud Ben ein, mit ihm in die Stadt zu fahren. An diesen Tagen flossen die Worte wie ein endloser Strom aus dem Mund ihres Daddys, leicht und beinah mit einem Anflug von Zärtlichkeit in der Stimme. An anderen Tagen saß er an dem vernarbten Küchentisch, den Kopf in die Hände gestützt, leere Bierdosen achtlos über die Spüle und die braun gesprenkelte Arbeitsplatte verteilt. An diesen Tagen huschte Calli auf Zehenspitzen durch die Küche und schloss die Fliegentür leise hinter sich, lief in die Willow Creek Woods, um am Flussbett oder hinter den umgestürzten Bäumen zu spielen. Regelmäßig ging sie zurück bis zum Rand der Lichtung und sah nach, ob der Truck ihres Vaters noch da war. War er fort, kehrte sie heim, wo die Bierdosen schon weggeräumt und der durchdringende, schwitzige Geruch des Gelages weggeschrubbt worden waren. Wenn der Truck an seinem Platz stand, zog sich Calli wieder in die Wälder zurück, bis der Hunger oder die Hitze des Tages sie nach Hause trieben.

Immer noch Stille. Ermutigt stieg Calli die Treppe hinab und vermied sorgsam, auf die knarrende vierte Stufe zu treten. Die Glühbirne über dem Herd warf ein gespenstisches Licht bis zum Fuß der Treppe. Calli musste nur in zwei großen Schritten an der Küchentür vorbei, um ins Badezimmer zu gelangen. Sie stand auf der letzten Stufe, die Zehen um die Kante gekrümmt, das hölzerne Geländer fest umklammert, und hob ihr Nachthemd an, um einen größeren Schritt machen zu können. Ein Schritt, ein vorsichtiger Blick in die Küche. Keiner da. Ein weiterer Schritt, an der Küche vorbei, die Hand auf das kühle Metall des Türknaufs, ein Dreh.

„Calli!“, hörte sie ein barsches Flüstern. Calli stockte. „Calli! Komm raus!“

Callis Hand löste sich vom Türknauf, sie folgte dem tiefen Klang der Stimme ihres Vaters. Die Küche war leer, aber durch die Fliegentür sah sie die Silhouette seiner breiten Schultern im frühen Morgenlicht. Er saß draußen auf den Betonstufen, sein Kopf eingehüllt in einen Nebel aus Zigarettenrauch und heißem Kaffeedampf.

„Komm raus zu mir, Calli. Was bist du so früh schon auf?“, fragte er nicht unfreundlich. Calli öffnete die Fliegentür und achtete darauf, sie ihm nicht in den Rücken zu schlagen. Sie zwängte sich durch die schmale Öffnung und stand neben ihrem Vater.

„Warum bist du wach, Calli? Schlecht geträumt?“ Mit einem Blick echter Besorgnis schaute Griff zu ihr auf.

Sie schüttelte den Kopf und machte ein Zeichen, dass sie auf die Toilette müsse, obwohl der Drang sich im Moment verflüchtigt hatte.

„Was ist das? Ich kann dich nicht hören.“ Er lachte. „Sprich ein bisschen lauter. Ach, du sprichst ja nicht.“ Jetzt wurde sein Gesichtsausdruck gehässig. „Du musst die Hände dafür benutzen.“ Abrupt stand er auf und verdrehte seine Hände in einer grotesken Imitation von Callis zaghaftem Handzeichen. „Kannst nicht wie ein normales Kind reden, musst stumm sein wie das Kind eines Zurückgebliebenen.“ Seine Stimme wurde lauter.

Callis Blick glitt langsam zu Boden, wo ein Dutzend oder mehr zerknüllte Bierdosen herumlagen, und der Drang zur Toilette kehrte auf einmal mit aller Macht zurück. Sie schaute hinauf zum Fenster ihrer Mutter. Die Gardinen waren noch zugezogen, kein beruhigendes Gesicht schaute zu ihr herab.

„Kannst nicht reden, was? Bullshit. Du hast früher auch gesprochen. Du hast gesagt ‘Daddy, Daddy’, besonders, wenn du was wolltest. Und jetzt hab ich eine Zurückgebliebene als Tochter. Vielleicht bist du ja gar nicht meine Tochter. Du hast die Augen vom Deputy Sheriff.“ Er beugte sich hinunter, der Blick aus seinen graugrünen Augen bohrte sich in sie, und sie kniff die Lider zusammen.

In der Ferne hörte sie Reifen auf Kies, das scharfe Knirschen von jemandem, der aufs Grundstück fuhr. Roger. Calli öffnete die Augen in dem Moment, als Rogers Allradtruck neben ihnen zum Stehen kam.

„Hey. Morgen zusammen. Wie geht’s, Miss Calli?“ Roger nickte ihr nur kurz zu, sah sie nicht wirklich an, erwartete keine Antwort. „Wollen wir Angeln gehen, Griff?“

Roger Hogan war seit Schulzeiten Griffs bester Freund. Er war klein und breit, sein dicker Bauch quoll über den Hosenbund. Als Vorarbeiter in der örtlichen Fleischverpackungsfabrik bat er Griff jedes Mal, wenn der von der Arbeit an der Pipeline nach Hause kam, dort zu bleiben. Er könne Griff einen Job in der Fabrik besorgen, „wie in alten Zeiten“, fügte er jedes Mal hinzu.

„Morgen, Rog“, bemerkte Griff, die Stimme fröhlich, die Augen dagegen zu gemeinen Schlitzen verengt. „Du musst schon mal ohne mich losfahren, Roger. Calli hat einen bösen Traum gehabt. Ich werde noch eine Weile bei ihr bleiben, bis sie sich besser fühlt und wieder einschlafen kann.“

„Ach, Griff“, jammerte Roger. „Kann das nicht ihre Mutter machen? Wir haben das seit Monaten geplant.“

„Nein, nein. Ein Mädchen braucht unbedingt seinen Daddy, oder, Calli? Einen Daddy, auf den sie sich verlassen kann, der ihr auch durch schwere Zeiten hilft. Ihr Daddy sollte für sie da sein, meinst du nicht auch, Rog? Also wird Calli ein bisschen Zeit mit ihrem guten alten Daddy verbringen, ob sie will oder nicht. Aber du willst doch, nicht wahr, Calli?“

Callis Magen zog sich jedes Mal, wenn ihr Vater Daddy sagte, mehr zusammen. Sie sehnte sich danach, ins Haus zu laufen und ihre Mutter zu wecken, aber auch wenn Griff voller Hass auf sie war, sobald er getrunken hatte – bisher hatte er ihr nie wirklich wehgetan. Ben, ja. Mom, auch. Aber nicht Calli.

„Ich schmeiß nur schnell mein Zeug in den Truck, Rog, und treff dich dann später in der Hütte. Wird noch ausreichend gute Gelegenheiten zum Angeln geben, und ich bring von unterwegs noch mehr Bier für uns mit.“ Griff nahm seinen grünen Seesack und warf ihn auf die Ladefläche des Trucks. Etwas vorsichtiger legte er seine Angelausrüstung, die Rute und die Köderbox, dazu. „Bis später, Roger.“

„Okay, wir sehen uns. Bist du sicher, dass du den Weg findest?“

„Ja, ja, keine Sorge. Ich werde da sein. Du kannst dir schon mal einen Vorsprung erangeln. Den wirst du brauchen, denn ich besiege dich sowieso.“

„Das werden wir noch sehen“, rief Roger durch das geöffnete Wagenfenster und fuhr mit durchdrehenden Rädern davon.

Griff kam zurück zu Calli, die trotz der Wärme die Arme um sich geschlungen hatte.

„Na, wir wär’s mit ein bisschen Daddy-Zeit, Calli? Der Deputy Sheriff wohnt nicht weit von hier, oder? Einfach nur durch den Wald, was?“ Ihr Vater packte sie am Arm, und ihre Blase leerte sich, sandte einen gleichmäßigen Strom von Urin an ihren Beinen entlang, während Griff sie in Richtung Wald zog.

Petra

Ich kann wieder nicht schlafen. Es ist zu heiß, meine Kette klebt an meinem Hals. Ich sitze auf dem Boden vor dem Ventilator, und die kühle Luft fühlt sich gut an auf meinem Gesicht. Ich spreche sehr leise in den Ventilator, sodass ich die summende, tiefe Stimme hören kann, die er zu mir zurückträgt. „Ich bin Petra, Prinzessin der Welt“, sage ich. Vor meinem Fenster höre ich ein Geräusch, und für eine Minute habe ich Angst und will Mom und Dad wecken. Ich krabble auf allen vieren über den Teppich, der an meinen Knien reibt, dass es brennt. Ich spähe vorsichtig aus dem Fenster, und in der Dunkelheit glaube ich, jemanden zu mir hinaufschauen zu sehen, groß und Furcht einflößend. Dann sehe ich jemand Kleineres an seiner Seite. Oh, jetzt habe ich keine Angst mehr, ich kenne sie. Glaube ich. „Warte, ich komme!“ Für eine Sekunde denke ich, dass ich nicht gehen sollte. Aber es ist ein Erwachsener dabei. Mom und Dad können nicht böse auf mich sein, wenn ein Erwachsener dabei ist. Ich ziehe meine Turnschuhe an und schleiche mich aus dem Zimmer. Ich werde nur schnell Hallo sagen und gleich wieder zurückkommen.

Calli

Calli und ihr Vater waren schon eine ganze Weile unterwegs, aber Calli wusste genau, wo sie sich in diesem großen Wald befanden. Sie waren in der Nähe vom Beggar’s Bluff Trail, wo rosafarbene Schildblumen zwischen den Farnen und Binsen wuchsen und wo Calli oft schlanke, wunderschöne Pferde ihre Besitzer graziös durch den Wald tragen sah. Sie wünschte sich, dass eine zimtfarbene Stute oder ein schwarz gefleckter Appaloosa durch die Bäume brechen und ihren Vater zur Räson bringen würde. Aber es war Donnerstag, und in der Woche begegnete sie selten einem anderen Menschen auf den Wegen nahe ihrem Haus. Es gab eine geringe Chance, dass sie auf einen Park Ranger treffen würden, aber die Park Ranger hatten über fünfundvierzig Kilometer Wege zu bewachen. Calli wusste, dass sie auf sich allein gestellt war, und ergab sich in ihr Schicksal, von ihrem Vater durch den Wald gezerrt zu werden. Sie waren nicht einmal in der Nähe von Deputy Sheriff Louis’ Haus. Calli konnte sich nicht entscheiden, ob das gut oder schlecht war. Schlecht war jedenfalls, dass ihr Vater keine Anstalten machte, seine Suche aufzugeben, und dass Callis bloße Füße schon ganz zerkratzt waren von dem steinigen, unebenen Weg. Gut war, dass ihr Vater, einmal an Deputy Louis’ Haus angekommen, unverzeihliche Dinge sagen würde, und dass Louis dann versuchen würde, ihn zu beruhigen und Callis Mutter anzurufen. Seine Frau würde hinter ihm in der Tür stehen, die Arme verschränkt, während ihr Blick panisch umherschweifte, um sicherzugehen, dass niemand das Spektakel beobachtete.

Ihr Vater sah nicht gut aus. Sein Gesicht hatte die Farbe von Blutkraut, dieser filigranen Frühlingsblume, die ihre Mutter ihr auf einem der Spaziergänge durch den Wald gezeigt hatte; sein Haar hatte das kupferne Rot des Safts der verletzten Wurzeln. Ab und zu, wenn er über eine hochstehende Wurzel stolperte, umklammerte er Callis Arm fester, während er leise vor sich hin fluchte. Calli wartete ab, wartete auf den perfekten Augenblick, um sich loszureißen und zu ihrer Mutter nach Hause zu laufen.

Sie kamen auf die Lichtung namens Willow Wallow zu. Direkt neben dem Bach standen sieben Trauerweiden in einem perfekten Halbkreis. Die Legende besagte, dass die Bäume von einem französischen Siedler hergebracht worden waren, einem Freund von Napoleon Bonaparte, als ein Geschenk des großen Generals, dessen Lieblingsbäume sie waren.

Callis Mutter war eine Frau, die mit ihren Kindern auf Bäume kletterte und in den Ästen saß, während sie ihnen Geschichten über ihre Ururgroßeltern erzählte, die um 1800 aus der Tschechoslowakei in die Vereinigten Staaten immigriert waren. Ihre Mutter würde ein Lunchpaket mit Erdnussbutter-Sandwiches und Äpfeln packen und mit ihnen zum Willow Creek gehen. Sie würden über die mit Moos bewachsenen, schlüpfrigen Steine hüpfen, die im Bach verteilt lagen. Dann würde Antonia eine Decke unter den tief herabhängenden Zweigen einer Weide ausbreiten, und sie würden in den Schatten krabbeln, eingehüllt von den rankigen Ästen wie in einen Mantel. Aus den Weiden wurden dann Hütten auf verlassenen Inseln; Ben war damals, als er noch Zeit für so etwas hatte, ein mutiger Seemann, Calli sein verlässlicher erster Maat. Antonia, der Pirat, der sie verfolgte, würde mit kehliger Stimme und hartem Akzent hinter ihnen herrufen: „Hey, Landratten, ergebt euch, und ich erspare euch die Planke!“

„Niemals“, würde Ben zurückrufen. „Du wirst uns schon an die Haie verfüttern müssen, bevor wir uns jemandem wie dir ergeben, pockennarbiges Bartgesicht.“

„So sei es! Bereitet euch darauf vor, mit den Fischen zu schwimmen!“, rief Antonia und schwang einen krummen Ast.

„Lauf, Calli!“, schrie Ben, und Calli lief. Mit ihren langen, blassen Beinen, übersät mit blauen Flecken, weil sie ständig auf Bäume kletterte und über Zäune sprang, würde sie so lange rennen, bis Antonia schwer atmend stehen blieb und die Hände auf die Knie stützte.

„Waffenstillstand, Waffenstillstand“, würde ihre Mutter lauthals betteln. Alle drei würden sie dann wieder in ihre Weidenhütte zurückkrabbeln, sich ausruhen und Limonade trinken, während der Schweiß in ihren Nacken langsam trocknete. Antonias Lachen würde tief aus ihrem Bauch heraussprudeln, frei und ungezwungen. Sie würde ihren Kopf zurückwerfen und ihre Augen schließen, um die sich gerade die ersten Anzeichen von Alter und Enttäuschung abzuzeichnen begannen. Wenn Antonia lachte, lachten alle um sie herum mit, außer Calli. Calli hatte seit langer Zeit nicht mehr gelacht. Sie lächelte ihr süßes Lächeln mit geschlossenen Lippen, aber ein wirkliches Kichern, was einst frei aus ihr herausgebrochen war und wie ein Windspiel geklungen hatte, ertönte niemals mehr, auch wenn sie wusste, dass ihre Mutter sehnsüchtig darauf wartete.

Antonia war die Art Mutter, die einen Cornflakes mit Zucker zum Abendbrot und Pizza zum Frühstück essen ließ. Die an einem regnerischen Abend erklärte, es sei Beauty-Tag, und dich mit französischem Akzent in ‘Tonis Schönheitssalon’ empfing. Sie füllte dann die alte Badewanne mit den Löwenfüßen mit warmem, nach Flieder duftendem Schaum, und später, nachdem sie dich mit einem riesigen weißen Handtuch abgerubbelt hatte, lackierte sie dir die Fußnägel in verruchtem Rot oder zauberte dir mit Haarschaum und Gel einen Igelkopf.

Griff hingegen war die Art Vater, die Budweiser Light zum Frühstück trank und seine siebenjährige Tochter auf der betrunkenen Suche nach seiner Version der Wahrheit durch den Wald zerrte. Als die Sonne am Himmel aufstieg, machte Griff mit ihr unter einer der Weiden Rast.

Martin

Ich kann Fieldas Gesicht an meinem Rücken spüren, ihre Arme umfangen meinen immer größer werdenden Bauch. Es ist zu heiß, um so beieinanderzuliegen, aber ich stupse sie nicht von mir fort. Selbst wenn ich mich in Dantes Inferno befände, könnte ich Fielda nicht von mir stoßen. Seit unserer Hochzeit vor vierzehn Jahren waren wir nur zwei Mal getrennt, und beide Male erschien es mir mehr, als ich ertragen konnte. Über das zweite Mal, als Fielda und ich nicht zusammen waren, spreche ich nicht. Das erste Mal war neun Monate nach unserer Hochzeit, als ich eine Wirtschaftskonferenz an der Universität von Chicago besuchte. Ich erinnere mich daran, auf dem Hotelbett mit der steifen, kratzigen Überdecke gelegen und mich nach Fielda gesehnt zu haben. Ohne sie fühlte ich mich haltlos, als ob ich, ohne ihren im Schlaf träge über mich geworfenen Arm, davontreiben könne wie Pappelsamen im sanften Wind. Nach dieser einsamen Nacht ließ ich den Rest meines Seminars sausen und fuhr heim.

Fielda lachte mich meines Heimwehs wegen aus, aber ich weiß, dass es ihr heimlich schmeichelte. Sie ist spät in meinem Leben zu mir gekommen, ein junges, freches Mädchen von achtzehn Jahren. Ich war zweiundvierzig und verheiratet mit meinem Beruf als Professor für Volkswirtschaft am St. Gilianus College, einem Privatcollege in Willow Creek mit nur zwölfhundert Studenten. Nein, sie war keine Studentin; viele haben mich das gefragt, in einem leicht anklagenden Ton. Ich habe Fielda Mourning kennengelernt, als sie als Kellnerin im Café ihrer Familie jobbte. Jeden Morgen kehrte ich auf meinem Weg zum College im Mourning Café ein, um mit einer Tasse Kaffee, einem englischen Muffin und der Tageszeitung meinen Tag auf einem sonnendurchfluteten Eckplatz zu beginnen. Ich erinnere mich an die Fielda aus diesen Tagen als sehr beflissen und liebenswürdig, der Kaffee kochend heiß, der Muffin mit einem Schälchen Butter serviert. Ich muss zugeben, dass ich diesen aufmerksamen Service als selbstverständlich betrachtete; ich glaubte, dass Fielda alle ihre Kunden mit der gleichen Aufmerksamkeit behandelte. Wie falsch ich damit lag, bemerkte ich erst an einem winterlichen Morgen, ungefähr ein Jahr nachdem ich angefangen hatte, täglich ins Mourning Café zu gehen. Fielda stapfte auf mich zu, eine Hand in die wohlgerundete Hüfte gestemmt, in der anderen meinen Kaffeebecher.

„Was“, fragte sie in erschreckender Lautstärke, „muss ein Mädchen noch tun, um Ihre Aufmerksamkeit zu wecken?“ Sie knallte den Becher vor mich hin, meine Brille hüpfte überrascht von meiner Nase, Kaffee spritzte über den Tisch.

Bevor ich eine Erwiderung herausstottern konnte, war sie schon wieder verschwunden, um gleich darauf mit meinem Muffin zurückzukehren, den sie in meine Richtung warf. Er prallte von meiner Brust ab, kleine Krümel orangefarbener Mohnsamen klammerten sich an meine Krawatte. Fielda stürmte aus dem Café, und ihre Mutter, eine sanfte, erschöpfte Version von Fielda, schlenderte zu mir hinüber. Sie verdrehte die Augen und seufzte: „Gehen Sie hinter ihr her, und reden Sie mit ihr, Mr. Gregory. Sie schmachtet Sie schon seit Monaten an. Entweder Sie erlösen sie von ihrem Elend, oder Sie bitten sie, Sie zu heiraten. Irgendwann muss ich nachts auch mal wieder schlafen können.“

Ich bin Fielda nachgegangen, und einen Monat später haben wir geheiratet.

Die stechende Hitze des Augustmorgens spüre ich bereits auf der Haut, während ich in meinem Bett liege. Ich drehe mich um, finde Fieldas Wange in der Dunkelheit und küsse sie. Ich schleiche mich aus dem Bett und gehe aus dem Zimmer. An Petras Tür halte ich kurz inne. Sie steht ein wenig offen, und ich kann das Summen des Ventilators hören. Sanft drücke ich die Tür auf und betrete das Zimmer; ein magischer Ort so voll mit den Launen eines kleinen Mädchens, dass es mich immer wieder staunen lässt. Die sorgfältig arrangierte Sammlung von Tannenzapfen, Eicheln, Blättern, Federn und Steinen, alle auf unserem Grundstück am Rande der Willow Creek Woods ausgegraben. Die Puppen, Stoffhunde und Teddybären, liebevoll unter Bettdecken aus Waschlappen gebettet und um ihre Schlafmulde platziert. Der Geruch nach kleinem Mädchen, eine Mischung aus Lavendelshampoo, grünem Gras und Schweiß, der nichts als die Enzyme der Unschuld enthält, überwältigt mich jedes Mal, wenn ich die Türschwelle übertrete. Meine Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit, und ich sehe, dass Petra nicht in ihrem Bett liegt. Ich mache mir keine Sorgen; sie hat öfter Phasen, in denen sie nicht schlafen kann und hinunter ins Wohnzimmer geht, um ein wenig fernzusehen.

Ich gehe ebenfalls nach unten, aber sehr schnell weiß ich, dass Petra nicht fernsieht. Das Haus ist still, keine fremden Stimmen, kein falsches Lachen. Schnell gehe ich durch jeden Raum, mache die Lichter an; das Wohnzimmer – keine Petra. Esszimmer, Küche, Bad, mein Büro – keine Petra. Zurück durch die Küche in den Keller – keine Petra. Ich renne nach oben und wecke Fielda.

„Sie ist nicht in ihrem Bett!“, keuche ich.

Fielda springt auf und wiederholt den Weg, den ich gerade gegangen bin – keine Petra. Ich renne aus der Hintertür und umrunde das Haus ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Keine Petra. Fielda und ich treffen uns in der Küche, und wir schauen einander hilflos an. Fielda unterdrückt ein Stöhnen und wählt die Nummer der Polizei.

Schnell ziehen wir uns an, um vor Deputy Sheriff Louis einigermaßen präsentabel auszusehen. Fielda läuft noch einmal durch jeden Raum, auf der Suche nach Petra, schaut in Schränke und unter die Treppe. „Vielleicht ist sie zu Calli hinübergegangen“, sagt sie.

„So früh am Morgen?“, frage ich. „Warum sollte sie das tun? Vielleicht war ihr zu warm, sie ist zum Abkühlen nach draußen und hat die Zeit vergessen“, überlege ich weiter. „Setz dich hin, du machst mich nervös! Sie ist nicht im Haus!“ Ich werde lauter, als ich sollte. Fieldas Miene verdüstert sich, sie sackt in sich zusammen, und ich gehe zu ihr. „Es tut mir leid“, flüstere ich, auch wenn ihr ewiges Herumgerenne mich wirklich nervös macht. „Lass uns schon mal Kaffee für den Sheriff aufsetzen.“

„Kaffee? Kaffee?“ Fieldas Stimme ist schrill, sie schaut mich ungläubig an. „Lass uns ein bisschen Kaffee aufbrühen, lass uns hinsetzen und in Ruhe besprechen, wohin unsere Tochter verschwunden ist? Soll ich dem Kerl etwa auch noch Frühstück vorsetzen? Beidseitig gebratene Spiegeleier? Oder vielleicht Waffeln? Martin, unser Kind ist verschwunden! Mitten in der Nacht einfach verschwunden!“ Ihr Ausbruch endet in einem Wimmern, und ich tätschle ihr den Rücken. Ich bin ihr kein Trost, das weiß ich.

An der Vordertür klopft es. Wir gehen beide hin und stehen Deputy Sheriff Louis gegenüber, groß und schlank, die blonden Haare fallen ihm vor die ernsten blauen Augen. Wir bitten ihn in unser Haus, diesen Mann, der beinah halb so alt ist wie ich, näher an Fieldas Alter, und setzen ihn auf unser Sofa.

„Wann haben Sie Petra das letzte Mal gesehen?“, fragt er uns. Ich greife nach Fieldas Hand und erzähle ihm, was wir wissen.

Antonia

Ich werde von einem sanften Grollen aus dem Schlaf gehoben, das ich erst für ein Gewitter halte, und ich lächle mit geschlossenen Augen. Ein Unwetter mit kalten, dicken Regentropfen. Ich denke, dass ich vielleicht Calli und Ben wecken sollte. Sie lieben es, im Regen herumzustapfen, den trockenen, heißen Sommer abzuwaschen, und sei es nur für ein paar Augenblicke. Ich strecke meine Hand nach Griffs Bettseite aus. Sie ist leer und kühler als meine. Es ist Donnerstag, der Angelausflug. Griff ist mit Roger angeln gefahren. Kein Donner, ein Truck? Ich rolle mich auf Griffs Seite, genieße die Kühle seines Lakens und versuche zu schlafen, aber das anhaltende Hämmern, ein heftiges Klopfen an der Haustür, vibriert durch die Bodendielen bis zu mir hinauf. Irritiert schwinge ich meine Beine aus dem Bett. Es ist erst sechs Uhr morgens, um Himmels willen. Ich ziehe die Shorts an, die ich am Abend vorher auf den Boden habe fallen lassen, und fahre mit den Fingern durch mein zerwühltes Haar. Als ich durch den Flur gehe, sehe ich, dass Bens Tür fest geschlossen ist, wie immer. Bens Zimmer ist seine persönliche Festung; ich versuche gar nicht erst, hineinzugehen. Die einzigen Leute, die er einlädt, sind seine Schulfreunde und seine Schwester Calli. Was mich überrascht. Ich bin in einer Familie mit vier Brüdern aufgewachsen, und sie haben mich nur in ihre Zimmer gelassen, wenn ich mich mit Gewalt hineingedrängt habe.

Mein ganzes Leben lang bin ich von Männern umgeben; meine Brüder, mein Vater, Louis und natürlich Griff. Die meisten meiner Freunde in der Schule waren Jungs. Meine Mutter starb, als ich siebzehn war, und selbst davor hielt sie sich nur am Rande unserer Gemeinschaft auf. Ich wünschte, mehr darauf geachtet zu haben, wie sie die Dinge tat. Ich habe verschwommene Erinnerungen daran, wie sie dasaß, immer im Rock, ein Bein über das andere geschlagen, ihre braunen Haare in einem eleganten Knoten zusammengefasst. Sie hat es nie geschafft, mich in ein Kleid zu stecken, mich für Make-up zu interessieren oder dafür, wie eine Dame sitzt. Aber sie bestand darauf, dass ich mein Haar lang trug. Ich habe dagegen rebelliert, indem ich es zu einem Pferdeschwanz band und unter einer Baseballkappe versteckte. Ich wünschte, ich hätte genauer zugesehen, wie sie sorgfältig Lippenstift auftrug und genau die richtige Menge Parfüm an ihre Handgelenke sprühte. Ich erinnere mich, wie sie sich nah zu meinem Vater beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, was ihn lächeln ließ. Wie sie ihn mit nur einer leichten Berührung ihrer manikürten Hand auf seinem Arm zur Ruhe bringen konnte. Mein eigenes, schweigsames kleines Mädchen ist ein noch viel größeres Mysterium für mich. Wie sie es mag, die Haare nach dem Bad gekämmt zu bekommen, ihre Freude, wenn sie ihre Nägel betrachtet, nachdem ich sie ungeschickt lackiert habe. Ein kleines Mädchen zu haben ist für mich, wie einer alten Schatzkarte zu folgen, auf der die Hauptwege unkenntlich gemacht worden sind. In letzter Zeit sitze ich oft da und beobachte sie, studiere jede ihrer Bewegungen und Gesten. Als sie noch gesprochen hat, konnte sie mir wenigstens sagen, was sie wollte oder was sie brauchte; jetzt rate und taste ich und hoffe auf das Beste. Ich tue einfach so, als ob nichts mit meiner Calli wäre, als ob sie eine ganz normale Siebenjährige sei, Fremde sich nicht in Schulbüros über sie austauschten, Nachbarn nicht hinter vorgehaltener Hand über das komische Clark-Mädchen tuschelten.

Die Tür zu Callis Zimmer steht einen Spalt offen, aber das Hämmern unten an der Tür ist eindringlich, also haste ich die Treppe hinunter, das verzogene Holz knarrt unter meinen bloßen Füßen. Ich schließe die schwere Eichentür auf und stehe Louis und Martin Gregory, Petras Vater, gegenüber. Louis ist das letzte Mal vor drei Jahren in meinem Haus gewesen, auch wenn ich mich kaum daran erinnern kann, weil ich beinah bewusstlos neben meinem Sofa gelegen habe, nachdem ich die Treppe hinuntergefallen war.

„Hi“, sage ich unsicher. „Was ist los?“

„Toni“, fängt Louis an, „ist Petra hier?“

„Nein“, erwidere ich und schaue zu Martin. Er verliert für einen Moment die Kontrolle über seine Gesichtszüge, dann hebt er das Kinn.

„Können wir mit Calli sprechen? Petra scheint …“ Martin zögert. „Wir können Petra nicht finden und dachten, dass Calli uns vielleicht sagen kann, wo sie ist.“

„Ach, du meine Güte, natürlich. Bitte, kommt doch rein.“ Ich führe sie ins Wohnzimmer und bin mir plötzlich der leeren Bierdosen auf dem Couchtisch bewusst. Ich sammle sie rasch ein und eile in die Küche, um sie wegzuwerfen.

„Ich gehe nur schnell hoch und wecke Calli.“ Ich nehme zwei Stufen auf einmal, mein Magen krampft sich aus Mitgefühl für Martin und Fielda zusammen. Ich rufe: „Calli! Calli, steh auf, Liebling, ich muss mit dir reden!“ Als ich den Flur erreiche, öffnet Ben seine Tür. Er trägt kein T-Shirt, und mir fällt auf, dass seine roten Haare dringend geschnitten werden müssen.

„Morgen, Ben. Sie können Petra nicht finden.“ Ich gehe an ihm vorbei zu Callis Tür und stoße sie auf. Ihr Bett ist zerwühlt, ihr Strumpfaffe liegt auf dem Boden, sein lächelndes Gesicht mir zugewandt. Dann drehe ich mich um. „Ben, wo ist Calli?“

Er zuckt mit den Schultern und verschwindet wieder in seinem Zimmer. Schnell schaue ich ins Gästezimmer, in mein Zimmer, in Bens Zimmer. Ich renne die Treppe hinunter. „Calli ist auch fort!“ Ich laufe an Louis und Martin vorbei, die klapprigen Kellerstufen hinunter, knipse auf dem Weg nach unten das Licht an, die kühle Feuchtigkeit hüllt mich ein. Nur Spinnenweben und Kartons. Unsere alte, leere Kühltruhe. Mein Herz setzt für einen Schlag aus. Man hört davon, dass Kinder in alten Gefrierschränken Verstecken spielen und allein nicht mehr herauskommen. Ich habe Griff wieder und wieder gesagt, dass er das alte Ding endlich entsorgen soll. Aber er hat es nie getan. Ich auch nicht. Schnell renne ich zur Kühltruhe, reiße den Deckel auf, die abgestandene Luft trifft mich wie ein Schlag. Die Truhe ist leer. Ich versuche, meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen, und gehe zurück zur Treppe. Ich sehe, dass Martin und Louis oben auf mich warten. Ich renne die Stufen hinauf, an ihnen vorbei und durch die Hintertür nach draußen. Ich suche den Garten ab, renne an den Waldrand, starre angestrengt zwischen die Bäume. Erschöpft gehe ich langsam zurück zum Haus. Louis und Martin warten hinter der Fliegentür auf mich. „Sie ist nicht da.“

Louis’ Gesichtsausdruck zeigt keine Regung, aber auf Martins Miene spiegelt sich seine Enttäuschung.

„Nun, sie sind wahrscheinlich irgendwo zusammen spielen. Hast du eine Ahnung, wo sie sein könnten?“, will Louis wissen.

„Im Park? An der Schule, vielleicht. Aber so früh? Wie spät ist es, sechs Uhr?“, frage ich zurück.

„Petra ist seit mindestens halb fünf heute Morgen weg“, sagt Martin nüchtern. „Wo sollten sie so früh schon hingegangen sein?“

„Ich weiß es nicht, es ergibt keinen Sinn“, antworte ich. Louis fragt mich, ob er sich umsehen darf, und ich beobachte ihn, folge ihm dicht auf den Fersen, während er entschlossen durch mein Haus geht, in Schränke und unter Betten guckt. Sie ist nicht da.

„Ich habe bereits Meldung über Petras Verschwinden rausgegeben. Alle Officer halten die Augen nach ihr offen“, erklärt Louis. „Es sieht nicht so aus, als ob die Mädchen …“ Er hält kurz inne. „Dass ihnen irgendetwas passiert ist. Ich schlage vor, dass ihr die Stellen absucht, an denen sie sich normalerweise aufhalten.“ Martin scheint nicht recht überzeugt, aber er nickt trotzdem und ich auch.

„Toni, Griffs Truck steht noch draußen. Ist er da? Kann er uns sagen, wo die Mädchen sein könnten?“

Es ist Louis’ vorsichtige Art zu fragen, ob Griff an diesem Morgen vernehmungsfähig ist oder ob er die Nacht durchgesoffen hat. „Griff ist nicht hier. Er ist heute Morgen mit Roger zum Angeln gefahren. Er wollte gegen halb vier oder so los.“

„Hat er die Mädchen vielleicht mitgenommen?“ Martin klingt hoffnungsvoll.

„Nein“, lache ich. „Das Letzte, was Griff tun würde, wäre, zwei kleine Mädchen mit auf seinen Angelausflug zu nehmen. Er kommt erst am Sonntag zurück. Ich bin mir sicher, dass er die Kinder nicht mitgenommen hat.“

„Ich weiß nicht, Toni. Vielleicht hat er die Mädchen kurz entschlossen eingepackt. Eventuell liegt irgendwo eine Notiz von ihm.“

„Nein, Louis. Ich bin mir sicher, dass er das nicht gemacht hat.“ Langsam werde ich gereizt.

„Okay, gut. Dann sprechen wir uns in einer Stunde wieder. Wenn die Mädchen bis dahin nicht wieder aufgetaucht sind, überlegen wir uns einen neuen Plan.“

Ich höre ein Geräusch und drehe mich um. Ben sitzt auf der obersten Treppenstufe. Beim flüchtigen Hinsehen könnte man ihn für Griff halten, mit seinen breiten Schultern und dem rotblonden Haar. Wären da nicht seine Augen. Ben hat sanfte, stille Augen.

„Der Wald“, sagt er ruhig. „Ich werde die Zeitungen austragen und dann nach ihnen suchen.“

„Und ich bitte einige Officer, das an euch angrenzende Waldstück zu durchsuchen. Eine Stunde“, wiederholt Louis. „Wir sprechen uns in einer Stunde.“

Ben

Heute Morgen bin ich abrupt aufgewacht, mein Herz hämmerte gegen meine Brust. Ich habe wieder diesen Traum gehabt. Den, in dem du und ich auf den Walnussbaum im Wald klettern. Den bei der Lone Tree Bridge. Ich helfe dir hinauf, wie ich es immer tue, und du greifst nach einem Ast, deine Finger mit den abgeknabberten Nägeln weiß vor Anstrengung. Ich maule dich an, dass du dich beeilen sollst, weil ich nicht den ganzen Tag Zeit habe. Dann bist du oben, und ich schaue von unten zu. Jetzt ist es für dich einfacher zu klettern; die Äste sind dichter gewachsen, dicke, stabile Äste. Du kletterst höher und höher, bis ich nur noch deine knochigen Knie sehe, dann nur noch deine Turnschuhe. Ich rufe zu dir hinauf: „Du bist zu hoch, Calli, komm wieder runter! Du wirst fallen!“ Dann bist du weg. Ich kann dich nicht mehr sehen, und ich denke: Ich stecke in verdammten Schwierigkeiten. Dann höre ich eine Stimme zu mir herunterrufen: „Kletter rauf, Ben! Das musst du sehen! Komm schon, Ben, komm endlich!“

Und ich weiß, dass du es bist, die ruft, auch wenn ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann, wie deine Stimme eigentlich klingt. Du rufst und rufst, und ich kann nicht klettern. Ich will es, aber ich erreiche nicht einmal den untersten Ast, er ist zu hoch. Ich rufe zurück: „Warte auf mich! Warte auf mich! Was siehst du, Calli?“

Dann bin ich aufgewacht, schweißgebadet. Kein heißer Schweiß, sondern kalter, bei dem einem der Kopf wehtut und sich der Magen zusammenzieht. Ich habe versucht, wieder einzuschlafen, konnte es aber nicht.

Nun bist du irgendwohin verschwunden, und ich fühle mich verantwortlich, so als wäre es meine Schuld. Für eine kleine Schwester bist du ganz in Ordnung, aber du bist auch eine große Verantwortung. Ich muss immer auf dich aufpassen. Erinnerst du dich, als ich zehn war und du fünf? Mom wollte, dass wir gemeinsam zur Bushaltestelle gehen. Sie sagte: „Pass auf Calli auf, Ben.“ Und ich hab „okay“ gesagt, aber ich hab’s nicht wirklich gemacht, zumindest am Anfang nicht.

Ich war gerade in die fünfte Klasse gekommen und viel zu cool, um Babysitter zu spielen. Bis zum Ende der Auffahrt habe ich deine Hand gehalten, genau bis zu der Stelle, wo Mom uns aus dem Küchenfenster nicht mehr sehen konnte. Dann hab ich deine Hand abgeschüttelt und bin so schnell zur Bushaltestelle gelaufen, wie ich konnte. Ich habe mich ab und zu umgeschaut, ob du auch hinterherkommst. Eins muss ich dir lassen, du bist mit deinen dünnen Kindergartenbeinen unglaublich gerannt, und dein brandneuer pinkfarbener Rucksack hüpfte auf deinen Schultern, aber du konntest nicht mit mir mithalten. Vor dem Haus der Olsens bist du über den alten Riss im Bürgersteig gestolpert und der Länge nach hingeschlagen.

Fast wäre ich zu dir zurückgelaufen, wirklich. Aber dann kam Raymond vorbei, und ich bin doch nicht umgekehrt. Hab’s einfach nicht gemacht. Als du endlich an der Bushaltestelle angekommen bist, fuhr auch schon der Bus vor, und deine Knie waren ganz blutig; und die dunkelrote Haarspange, die Mom dir in die Haare gemacht hatte, hing nur noch an einer dünnen Strähne. Du hast dich einfach durch alle Kinder in der Warteschlange durchgedrängelt, um dich neben mich zu stellen, und ich habe so getan, als wärst du gar nicht da. Als wir eingestiegen sind, habe ich mich zu Raymond gesetzt. Du hast im Gang gestanden und darauf gewartet, dass ich ein wenig zur Seite rücke und Platz für dich mache, aber ich habe dir den Rücken zugedreht und mich mit Raymond unterhalten. Die Kinder hinter dir fingen an zu rufen: „Beeil dich!“ und „Setz dich!“, also bist du endlich in die Sitzreihe gegenüber von Raymond und mir geglitten. Ganz eng ans Fenster gedrückt hast du dagesessen, die Beine zu kurz, um den Boden zu berühren, ein kleines blutiges Rinnsal floss dein Schienbein hinab. Du hast mich den ganzen Tag und Abend nicht mehr angeschaut. Sogar nach dem Essen, als ich dir angeboten habe, eine Geschichte vorzulesen, hast du nur mit den Schultern gezuckt und mich allein am Küchentisch sitzen lassen.

Ich weiß, dass ich an dem Tag ziemlich gemein zu dir war. Aber am ersten Schultag der fünften Klasse ist es für einen Jungen verdammt wichtig, einen guten Eindruck zu machen. Ich habe versucht, es wiedergutzumachen. Falls du es nicht wusstest: Ich war es, der dir an diesem Abend die Bonbons unter das Kopfkissen geschoben hat. Es tut mir leid, dass ich in diesen ersten Wochen nicht auf dich aufgepasst habe. Aber du weißt, wie es ist, wenn einem etwas leidtut und man nicht die richtigen Worte findet, um zu sagen, was man sagen will.

Calli

Griff saß mit dem Rücken an eine der alten Weiden gelehnt, sein Kopf war auf die Brust gesunken, die Augen hatte er geschlossen, die kräftigen Finger immer noch um Callis Handgelenk geklammert. Calli rutschte unruhig auf dem unbequemen, harten Boden hin und her. Der Geruch von Urin stach ihr in die Nase, und eine Welle der Scham überflutete sie. Ich sollte weglaufen, dachte sie. Sie war schnell und kannte jede Ecke und jeden Winkel des Waldes; es wäre ein Leichtes, ihrem Vater zu entkommen. Langsam versuchte sie, ihren Arm aus seinem eisernen Griff zu lösen, aber in seinem unruhigen Schlaf packte er nur noch fester zu. Calli sackte entmutigt zusammen und lehnte sich wieder gegen ihre Seite des Baumstamms.

Sie mochte es, sich vorzustellen, wie es wäre, ohne jegliche Vorräte im Wald zu überleben; etwas, das Ben „das wahre Abenteuer“ nannte. Ben wusste alles über die Willow Creek Woods. Er wusste, dass der Wald über fünfeinhalbtausend Hektar groß war und bis in zwei Countys hineinreichte. Er hatte ihr erzählt, dass der Wald hauptsächlich aus Kalkstein und Sand bestand und Teil des Paläozoischen Plateaus war, was bedeutete, dass die Gletscher niemals durch diesen Teil Iowas gewandert waren. Er hatte ihr auch gezeigt, wo sie den Rotschulterbussard finden konnte, eine bedrohte Vogelart, die sogar Ranger Phelps noch nie gesehen hatte. Doch jetzt war sie erst seit ein paar Stunden hier draußen, und schon wollte sie nach Hause. Normalerweise war der Wald ihr Lieblingsplatz, ein ruhiger Ort, an dem sie denken, wandern und Neues entdecken konnte. Sie und Ben hatten oft so getan, als würden sie ihr eigenes Camp hier in Willow Wallow aufschlagen. Ben schleppte dann eine Thermoskanne voll Wasser herbei, während Calli die Snacks – Tüten mit salzigen Chips und dicken Lakritzstangen – mitbrachte. Später schichtete Ben Stöcke und Reisig zu einem großen, runden Haufen auf und begrenzte ihn mit einem Kreis aus Steinen, so als ob er ein Lagerfeuer machen wolle. Sie machten nie wirklich Feuer, aber es war lustig, so zu tun als ob. Sie steckten Marshmallows auf grüne Äste und „rösteten“ sie über ihrem Feuer. Ben holte dann immer sein Taschenmesser hervor und versuchte, aus kleinen Ästen Besteck zu schnitzen. Er hatte zwei Löffel und eine Gabel geschnitzt, bevor die Klinge abrutschte und er sich in die Hand schnitt; er musste mit sechs Stichen genäht werden. Danach hatte ihre Mutter ihm das Messer weggenommen und gesagt, dass er es in ein paar Jahren wiederhaben könne. Ben hatte es nur widerwillig abgegeben. In letzter Zeit waren sie dazu übergegangen, anstatt Besteck zu schnitzen, Teller und echtes Besteck aus der Küche hinauszuschmuggeln. Unter der größten aller Weiden hatte Ben aus alten Brettern ein Regal gebaut und an den Baumstamm genagelt. Da bewahrten sie ihre Küchenutensilien auf. Einmal – sie hatten versucht vorauszuplanen – hatten sie eine Tüte Cracker und eine Packung Kekse auf das Regal gestellt. Als sie ein paar Tage später wiederkamen, stellten sie fest, dass schon jemand vor ihnen dagewesen sein musste. Vermutlich ein Waschbär, hatte Ben gemeint, vielleicht aber auch ein echter Bär. Calli hatte ihm nicht wirklich geglaubt, aber es hatte Spaß gemacht, sich vorzustellen, wie Mama-Bär irgendwo da draußen ihre Jungen mit Chips und Keksen fütterte.

Sie fragte sich, ob ihrer Mutter inzwischen aufgefallen war, dass sie weg war. Ob sie sich Sorgen machte, sie suchte? Callis Magen knurrte, und schnell drückte sie ihre freie Hand an den Bauch, um ihn zum Schweigen zu bringen. Vielleicht war in dem Regal zwei Bäume weiter noch etwas zu essen. Griff schnarchte, seine Augenlider flatterten, dann schaute er Calli an.

„Du stinkst“, sagte er gemein, weil er sich seiner eigenen Ausdünstungen nach Alkohol, Schweiß und Zwiebeln wohl nicht bewusst war. „Komm, wir gehen weiter. Wir werden heute noch auf einer kleinen Familienzusammenführung erwartet. Wo geht’s lang?“

Calli dachte darüber nach. Sie könnte lügen, könnte ihn tiefer in den Wald lotsen und sich, sobald sie eine Chance bekam, losreißen; oder sie könnte ihm den richtigen Weg zeigen und es hinter sich bringen. Die zweite Möglichkeit gewann. Sie war hungrig und müde, und sie wollte endlich nach Hause. Sie zeigte mit einem kleinen, schmuddeligen Finger auf den Weg, den sie gekommen waren.

„Los, steh auf“, befahl Griff.

Sie rappelte sich auf, Griff ließ ihren Arm los, und Calli versuchte, die Taubheit abzuschütteln, die in ihre Finger gekrochen war. Sie liefen in einer komischen Art von Gänsemarsch, Griff hinter ihr, seine Hand auf ihrer Schulter. Calli sackte unter dem Gewicht der fleischigen Hand ein wenig zusammen. Sie führte ihren Vater ungefähr hundert Meter aus Willow Wallow hinaus bis zu einem schmalen, gewundenen Weg, der Broadleaf genannt wurde. Calli konnte sehen, ob vor ihr schon jemand diesen Weg gegangen war. Während der Nacht spannten die Spinnen ihre Netze von Baum zu Baum. Wenn das Morgenlicht richtig stand, konnte man die hauchzarten Fäden sehen, eine zerbrechliche Barriere zwischen der Welt draußen und dem Innenleben des Waldes. „Betreten verboten“, schien die Barriere zu flüstern. Calli wich den fein gewobenen Netzen immer aus, versuchte, sie nicht kaputt zu machen. Wenn das Netz nur noch als zarte Fäden lose herabhing, wusste sie, dass schon jemand vor ihr da gewesen war, und wenn sie bei näherer Untersuchung Fußspuren von Menschen fand, zog sie sich zurück und suchte sich einen neuen Weg. Calli mochte die Vorstellung, dass sie meilenweit der einzige Mensch war. Dass das weiß gesprenkelte Erdhörnchen, das auf einem verrotteten Baumstamm saß und seine kleinen Hände wrang, in ihr sein erstes menschliches Wesen erblickte. Und dass es wusste, dass diese Kreatur mit den traurigen Augen hier nicht wirklich hergehörte, seine Welt aber nicht stören würde. Heute ging Calli vorsichtig um einen Rot-Ahorn herum, der Luftzug ließ das Spinnennetz für einen Moment gefährlich hin und her schwingen, bevor es sich wieder beruhigte.

Eine Bewegung zu ihrer Rechten überraschte sie beide. Ein großer Hund mit goldrotem Fell sprang auf sie zu und schnüffelte an ihren Füßen. Calli streckte die Hand aus, um ihn zu streicheln, aber er lief schnell weiter und zog eine lange rote Leine hinter sich her.

„Jesus!“, rief Griff aus und fasste sich an die Brust. „Hat mich fast zu Tode erschreckt, das Biest. Los, weiter.“

Bei ihren Erkundungen des Waldes hatte Calli nur ein einziges Mal ein Tier Angst gemacht. Eine rußfarbene Krähe mit ihren glatten, öligen Federn, die in einem dunklen Ahornbaum saß und mit ihren schrillen Schreien das flüsternde Murmeln des Waldes übertönte. Calli hatte sich einen aus lauter Krähen bestehenden Hexenzirkel vorgestellt, der von seinem laubgeschützten Versteck auf sie herabschaute, die Augen der Krähen so klar und kalt wie Kugellager, beobachtend, abwägend. Die Vögel schienen ihr in einigem Abstand zu folgen, in lauten, tiefen Schwüngen. Calli schaute über sich. Keine Krähen. Dafür entdeckte sie eine einsame, grau gefiederte Spechtmeise, die auf der Suche nach Insekten einen Baumstamm hinunterhüpfte.

„Bist du sicher, dass das der richtige Weg ist?“ Griff hielt an, unterzog seine Umgebung einer sorgfältigen Betrachtung. Seine Worte klangen klarer, weniger lallend.

Calli nickte. Sie gingen noch ungefähr zehn Minuten, dann führte sie ihren Vater vom Broadleaf Trail weg ins Unterholz, wo die Brombeerbüsche dicht wuchsen und der Boden bedeckt war mit Walnussschalen. Sie hielt die Augen nach giftigem Efeu offen; als sie keinen fand, setzte sie ihren Weg fort. Plötzlich lichtete sich das Dickicht, und sie standen am Rand von Louis’ Garten. Das Gras war noch taufeucht, Baseballschläger, Handschuhe und anderes Spielzeug lagen wild verstreut um eine Schaukel. Ein grüner Van stand in der Einfahrt neben dem Holzhaus im Ranch-Stil. Alles war ruhig, abgesehen von den Honigbienen, die um einen wild wachsenden Busch Sommermargeriten summten. Das Haus schien zu schlafen.

Griff sah aus, als ob er nicht wisse, was er als Nächstes tun sollte. Seine Hand auf Callis Schulter zitterte leicht; sie konnte die Bewegung durch ihr Nachthemd spüren.

„Hab dir doch gesagt, dass ich dich zu deinem Vater bringe. Stell dir vor, du könntest in diesem schönen Haus wohnen.“ Griff lachte laut und rieb sich die rot unterlaufenen Augen. „Was meinst du, sollen wir hingehen und Guten Morgen wünschen?“ Sein vorheriges Gehabe fiel langsam von ihm ab.

Kläglich schüttelte Calli den Kopf.

„Lass uns gehen, ich hab Kopfschmerzen.“ Grob zerrte er an Callis Arm, da ließ ihn das Klappen einer Fliegentür innehalten.

Eine Frau, barfuß, in Shorts und T-Shirt, trat aus dem Haus, ein schnurloses Telefon gegen ihr Ohr gedrückt. Ihre Stimme klang hoch und schrill. „Sicher, du springst, sobald sie ruft, wenn ihr kostbares Töchterchen verschwindet!“

Griff blieb reglos stehen. Calli trat einen Schritt vor, um besser hören zu können, doch Griff zog sie zurück. „Es ist mir egal, ob zwei Mädchen vermisst werden. Ihre Tochter ist weg, und das ist alles, was dich interessiert!“, schimpfte die Frau verbittert. „Wenn Antonia ruft, lässt du alles stehen und liegen!“ Jetzt schwieg sie und lauschte der Stimme am anderen Ende der Leitung. „Was auch immer, Louis. Tu, was du nicht lassen kannst, aber erwarte nicht von mir, dass ich darüber glücklich bin.“ Sie nahm das Telefon vom Ohr und drückte wütend einen Knopf. Dann holte sie aus, als wolle sie das Telefon ins Gebüsch werfen, hielt im letzten Moment aber inne. „Verdammt“, fluchte sie, ging zurück ins Haus und schlug die Tür mit einem Knall hinter sich zu.

Griff schnaubte verächtlich. Er blickte Calli an. „Du wirst also vermisst, ja? Ich frage mich, wer dich entführt hat.“ Er lachte gehässig. „Ooooh, ich bin ein großer, böser Kidnapper. Himmel! Lass uns gehen. Deine Mutter wird ziemlich sauer auf uns sein, wenn wir nach Hause kommen.“

Calli ließ sich zurück in den Schatten der Bäume führen, und sofort war die Luft um sie herum wesentlich kühler. Ihre Mutter wusste, dass sie verschwunden war, aber sie schien nicht damit zu rechnen, dass sie bei ihrem Vater war. Welches andere kleine Mädchen wurde noch vermisst? Calli unterdrückte die Tränen, wollte zurück zu ihrer Mutter, wollte ihr uringetränktes Nachthemd ausziehen, ihre Hände waschen und ihre blutenden Füße verbinden, dann ins Bett krabbeln und sich unter der Decke verstecken.

Martin

Ich war an allen Lieblingsplätzen von Petra. In der Bücherei, in der Schule, in der Bäckerei, bei Kerstin zu Hause, bei Ryan, am Wycliff Pool und hier, im East Park. Jetzt laufe ich zwischen den Schaukeln, Wippen, Rutschen und Kletterbalken umher, alles wirkt verlassen zu dieser frühen Morgenstunde. Ich bin sogar auf die schwarze Lokomotive geklettert, die die Eisenbahngesellschaft dem Spielplatz überlassen hat. Es erstaunt mich, dass irgendeiner der Verantwortlichen glaubt, dass so eine Maschine ein sicheres Klettergerüst für Kinder sei. Natürlich hat man alle gefährlichen Teile abgebaut, das Glas wurde durch Plastik ersetzt, scharfe Kanten abgeschliffen. Trotzdem ist das Ding riesig, beeindruckend. Genau das Richtige für kleine Kinder, die keine Angst haben und meinen, fliegen zu können, wenn man sie nur ließe. Ich habe gesehen, wie Kinder die vielen Leitern hinaufkletterten, die zu verborgenen Plätzen auf der Lok führen. Die Kinder spielten ein selbst erdachtes Spiel, dass sie Zugüberfall nannten und für das es viele Regeln gab, die meisten davon unausgesprochen und oft erst mitten im Spiel erfunden. Ich habe gesehen, wie sie von ganz oben hinuntersprangen und mit einem dumpfen Geräusch, das in meinen Ohren verdächtig nach gebrochenen Knochen klang, auf dem Boden landeten. Doch jedes Mal waren die Kinder sofort wieder auf den Beinen und klopften sich den Dreck vom Hosenboden, so als wäre das alles gar nichts.

Ich klettere auch auf den höchsten Punkt der schwarzen Lok und halte Ausschau nach irgendeinem Zeichen von Petra oder Calli. Zum ersten Mal fühle ich die Aufregung, die die Kinder hier oben fühlen müssen. Als ob man auf einem Turm stünde, von dem aus es nur noch einen Weg gibt – den nach unten. Es ist eine atemberaubende Erfahrung, und ich fühle, wie mir die Knie weich werden, während ich mich umschaue. Sie sind nirgends zu sehen. Ich setze mich rittlings auf die Lok. Ich schaue auf meine Hände, staubig vom Ruß, der so mit dem Metall verbunden ist, dass er nie ganz abzuwaschen sein wird.

Petra

In der Nacht, als Petra geboren wurde, bin ich bei Fielda im Krankenhaus geblieben. Ich habe sie nicht für eine Sekunde aus den Augen gelassen. Ich hatte es mir in einem gemütlichen Stuhl neben ihrem Bett bequem gemacht. Der Luxus der Geburtsstation hatte mich überrascht: die gedämpften Farben der Wände, die Lichter, die nach Bedarf gedimmt werden konnten, das Badezimmer mit dem Whirlpool. Es gefiel mir, dass Fielda in einer so schönen Umgebung unser Kind zur Welt bringen würde, betreut von einer erfahrenen Hebamme, die eine fähige Hand auf Fieldas schweißnasse Stirn legte und ihr ermutigende Worte ins Ohr flüsterte.

Ich bin in Missouri geboren, auf einer Schweinefarm, so wie meine sieben jüngeren Brüder und Schwestern auch. Mir waren die Geräusche einer Geburt nur zu vertraut, und als Fielda anfing, die gleichen kräftigen, Angst einflößenden Schreie von sich zu geben, wurde mir etwas schwindelig. Ich musste den Raum kurz verlassen. Als ich jung war, hat meine hochschwangere Mutter ihre hausfraulichen Pflichten stets mit der gleichen Sorgfalt erledigt. Ich erinnere mich aber daran, wie sie sich eines Tages an der Arbeitsfläche festklammerte, als die Wehen sie überfielen. Als ihr stolzes, ernstes Gesicht sich unter dem Schmerz verzerrte, wurde ich zum Haus meiner Tante geschickt, um sie und meine Großmutter zu holen, damit sie bei der Geburt halfen. Ich bin die achthundert Meter gelaufen, dankbar, der angespannten Atmosphäre in unserem sonst so wohl organisierten Haus für eine Weile zu entkommen.

Es war Sommer, und ich lief barfuß, die Sohlen meiner Füße waren hart und verhornt. Unempfindlich gegen Dreckklumpen und Steine, konnte ich den Boden unter mir kaum noch fühlen. Ich hätte lieber Schuhe getragen, aber meine Mutter erlaubte mir das nur am Sonntag und für die Schule. Ich hasste es, dass alle Leute meine entblößten Füße sehen konnten, den Dreck unter den Zehennägeln. Ich hatte die Angewohnheit, auf einem Bein zu stehen. Meine Zehen krümmte ich zusammen, sodass nur ein dreckiger Fuß zu sehen war. Meine Großmutter lachte darüber und nannte mich „Storch“. Meine Tante fand es auch sehr amüsant, vor allem, wenn ich sie holen kam, um meiner Mutter zu helfen, ein weiteres Kind zur Welt zu bringen. Ein volltönendes, bellendes Lachen entfuhr ihr; es klang so angenehm in meinen Ohren, dass auch ich nicht anders konnte, als zu lächeln, auch wenn der Spaß auf meine Kosten ging. Wir kletterten dann gemeinsam in den rostigen Ford meiner Großmutter und fuhren zurück zur Farm. Wir kamen am Schweinestall vorbei, und mein Vater winkte uns zu und lächelte strahlend. Wir waren das Zeichen, dass bald ein neuer Sohn oder eine neue Tochter geboren wurde.

Von meiner Herkunft war ich ein Farmersjunge, aber die Details eines Farmbetriebs interessierten mich überhaupt nicht. Ich mochte Bücher und Zahlen. Mein Vater, ein einfacher, gütiger Mann, schüttelte stets den Kopf, wenn ich kein Interesse für die ferkelnde Sau zeigte, aber trotzdem musste ich meinen Beitrag zur täglichen Arbeit leisten. Die Ställe ausmisten und Eimer mit Futterbrei zu den Schweinen bringen waren nur einige davon. Aber ich weigerte mich, beim Schlachten mitzumachen. Der Gedanke daran, ein lebendiges Wesen zu töten, machte mich krank, auch wenn ich keine Probleme damit hatte, das Fleisch zu essen. Am Schlachttag war ich immer spurlos verschwunden. Ich nahm meine Schuhe aus dem Schrank, band sie ordentlich, bürstete den Schmutz ab und ging die fünf Kilometer in die Stadt. Am Ortsrand spuckte ich in die Finger und beugte mich hinunter, um den Staub und Dreck von den Schuhen abzuwischen. Ich überprüfte noch einmal, ob ich meinen Büchereiausweis dabeihatte, zerknittert und ganz dünn vom vielen Gebrauch, bevor ich die Bücherei betrat. Da verbrachte ich dann Stunden damit, etwas über Münzsammlungen und Geschichte zu lesen. Die Bibliothekarin kannte mich mit Namen und legte oft Bücher zurück, von denen sie wusste, dass sie mich interessieren würden.

„Und mach dir keine Gedanken, dass du sie in zwei Wochen wieder zurückbringen musst“, sagte sie konspirativ, wenn sie mir die Bücher übergab, die sorgfältig in der Jutetasche verstaut waren, die ich immer mitbrachte. Sie wusste, dass es schwierig für mich war, alle paar Wochen in die Stadt zu kommen, aber oft fand ich eben doch einen Weg.

Ich schlich zurück zur Farm, das Schlachten war für den Tag erledigt, und mein Vater erwartete mich auf der vorderen Veranda, rollte seine Zigarette zwischen den Fingern und trank Eistee, den meine Mutter für ihn gemacht hatte. Ich staunte immer wieder über seine Größe, wenn ich mich langsam dem Haus näherte und wusste, dass mich eine Enttäuschung erwarten würde. Mein Vater war ein enormer Mann, sowohl von seiner Größe als auch der Breite; die Knöpfe seines Hemdes spannten sich über der Wölbung seines Bauchs. Leute, die ihn nicht kannten, schreckten vor seiner mächtigen Erscheinung zurück, wurden aber schnell von seinen sanften Manieren angezogen, wenn sie ihn erst einmal kennengelernt hatten. Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater auch nur ein einziges Mal seine Stimme erhoben hat, weder meiner Mutter noch mir oder meinen Geschwistern gegenüber.

An einem fürchterlichen Tag, ich war zwölf, kehrte ich von der Bücherei zurück, nachdem ich mich vor meinen Aufgaben auf der Farm gedrückt hatte, und mein Vater lehnte an dem hölzernen Zaun an der Ecke des Schweinestalls und erwartete meine Rückkehr. Sein normalerweise gelassenes Gesicht war verärgert, und er hatte die Arme vor der breiten Brust verschränkt. Mit unverwandtem Blick beobachtete er, wie ich näher kam, und er weckte den Wunsch in mir, die Bücher fallen zu lassen und ganz schnell fortzulaufen. Ich tat es nicht. Ich setzte meinen Weg fort bis zu der Stelle, wo er stand, und schaute auf meine Kirchenschuhe, verschmiert von Schmutz und Staub.

„Martin“, sagte er mit einer tiefen Stimme, die ich nicht kannte. „Martin, schau mich an.“

Ich hob den Blick und sah in seine Augen und fühlte das Gewicht seiner Enttäuschung auf mir ruhen. Ich dachte, ich könnte das Blut vom Schlachten noch an ihm riechen. „Martin, wir sind eine Familie. Und unser Geschäft ist nun mal die Schweinezucht. Ich weiß, dass du dich deswegen schämst …“

Schnell schüttelte ich den Kopf. Das war nicht das, was ich dachte, aber ich wusste nicht, wie ich es ihm verständlich machen sollte. Er fuhr fort: „Ich weiß, dass dich der Dreck dessen, was wir tun, beschämt, und dass ich nicht sehr gebildet bin, beschämt dich ebenfalls. Aber das bin nun mal ich, ein Schweinefarmer. Und das ist auch das, was du bist. Zumindest im Moment. Ich kann deine hochtrabenden Bücher nicht lesen und verstehe einige der großen Worte, die du benutzt, nicht. Aber was ich tue, bringt Essen auf unseren Tisch und diese Schuhe an deine Füße. Du bist der Älteste, du musst mithelfen. Finde selber heraus, wie du helfen kannst, Martin, und sag es mir dann. Aber du musst deinen Anteil leisten. Du kannst nicht einfach in die Stadt laufen, wenn hier Arbeit zu tun ist. Verstanden?“

Ich nickte, tief rot von der Hitze meiner eigenen Scham.

„Denk darüber nach, Martin, heute Abend noch. Morgen früh sagst du mir dann, was du zu unserem Leben beitragen kannst.“ Dann ging er fort, den Kopf gesenkt, die Hände in die hinteren Taschen seiner Arbeitshosen gesteckt.

In jener Nacht habe ich wenig geschlafen, habe versucht, einen Weg zu finden, meiner Familie nützlich zu sein. Ich wollte nicht auf meine jüngeren Geschwister aufpassen, und ich war auch nicht sehr begabt darin, Dinge herzustellen oder zu reparieren. Aber worin war ich gut? Das fragte ich mich die ganze Nacht. Ich konnte gut lesen und war gut im Rechnen. Das waren meine Stärken. Ich überlegte die ganze Nacht, und als mein Vater am nächsten Morgen erwachte, wartete ich bereits am Küchentisch auf ihn.

„Ich glaube, ich weiß, wie ich helfen kann, Daddy“, sagte ich schüchtern und wurde von ihm mit einem strahlenden Lächeln belohnt.

„Ich wusste, dass du etwas finden würdest, Martin“, erwiderte er und setzte sich neben mich.

Ich erklärte es ihm detailliert, die Bücher der Farm, merkte so höflich wie möglich an, wie schlampig sie geführt waren und welche Ungenauigkeiten sie enthielten. Ich könnte helfen, sagte ich ihm, indem ich mich um das Geld kümmere. Ich würde Wege finden, mehr zu sparen und die Farm effizienter zu machen. Mein Plan gefiel ihm, und ich war stolz auf das Vertrauen, das er in mich setzte. Wir wurden nie ein richtig florierendes Unternehmen, aber unsere Lebensqualität verbesserte sich enorm. Wir konnten unsere Gerätschaften instand halten und ein Telefon installieren lassen; wir konnten uns für alle Kinder das ganze Jahr über Schuhe leisten, auch wenn ich weiterhin der Einzige blieb, der sie im Sommer trug. An einem Wintertag, als ich sechzehn war, kurz vor dem Geburtstag meines Vaters, fuhr ich mit dem Truck zu dem einzigen Warenhaus der Stadt, das alles von Lebensmitteln bis zu Werkzeugen führte. Ich verbrachte zweieinhalb Stunden damit, mir die beiden zur Verfügung stehenden Fernsehgeräte anzuschauen und die Vor- und Nachteile beider Modelle gegeneinander abzuwägen. Schlussendlich entschied ich mich für die Dreißig-Zentimeter-Variante mit Zimmerantenne. Sorgfältig in Decken eingehüllt stellte ich den Fernseher neben mich auf den Beifahrersitz und fuhr vorsichtig die gewundene Straße zurück zur Farm.

Als mein Vater an diesem Abend ins Haus kam, nachdem er sich um die Schweine gekümmert hatte, saßen wir alle zusammen im Wohnzimmer, wir alle neun, und verdeckten den Blick auf sein Geburtstagsgeschenk.

„Was ist hier los?“, wollte er wissen, denn es war selten, dass wir alle an einem Platz versammelt waren, der nicht der Esstisch war.

Meine Mutter stimmte „Happy Birthday“ an, und wir alle fielen mit ein. Am Ende des Lieds traten wir einen Schritt zur Seite und gaben den Blick auf den winzigen Fernseher frei, der auf einem alten Bücherregal stand.

„Was ist das?“, fragte mein Vater ungläubig. „Was habt ihr getan?“

Wir alle grinsten ihn an, und meine kleine Schwester Lottie, die sieben war, quäkte: „Mach ihn an, Daddy, mach ihn an!“

Mein Vater trat vor und drehte den Knopf auf „An“, und nach einem kurzen Augenblick füllte das Schwarz-Weiß-Bild einer Varieté-Show den Schirm. Wir alle lachten vor Freude und versammelten uns vor dem Bildschirm, um zuzuschauen. Mein Vater fummelte am Lautstärkeregler, bis wir alle zufrieden waren, und dann schauten wir alle wie gebannt fern. Später nahm mein Vater mich zur Seite und dankte mir. Er legte mir eine Hand in den Nacken und schaute mir in die Augen; wir hatten inzwischen beinah die gleiche Größe. „Mein Junge“, flüsterte er. Das waren die wohl süßesten Worte, die ich je gehört habe – bis zu dem Moment, an dem Petra das erste Mal „Da Da“ sagte.

Petra nach der langen und beschwerlichen Geburt das erste Mal in den Armen zu halten war für mich ein Wunder. Ich hatte jahrelang versucht, meine Wurzeln als Farmersjunge abzustreifen, mir auch noch den kleinsten Hauch von Akzent abzugewöhnen, mich als kultivierten, intelligenten Mann darzustellen, nicht als Sohn eines ungebildeten Schweinefarmers. Ich war verblüfft über die Perfektion, die ich in meinen Armen hielt, die langen, dunklen Wimpern, den Wust an dunklen Haaren auf ihrem eiförmigen Kopf, die weiche Hautfalte unter ihrem Nacken, die eifrigen Saugbewegungen, die sie mit ihren winzigen Lippen vollführte. Für mich war das alles unglaublich.

Oben auf der Lok verberge ich mein Gesicht in meinen schmutzigen Händen. Ich kann sie nicht finden, und ich kann die Schande nicht ertragen, ohne ihre Tochter zu Fielda zurückzukehren. Wieder mal bin ich beschämt. Ich habe mich erneut meinen Pflichten entzogen, dieses Mal als Vater, und ich stelle mir wieder einmal die Enttäuschung auf dem Gesicht meines Vaters vor.

Deputy Sheriff Louis

Auf meinem Weg zu den Gregorys rufe ich unseren Sheriff Harold Motts an. Ich muss ihn auf den neuesten Stand bringen. Ihn wissen lassen, dass ich ein schlechtes Gefühl bei der Sache habe, dass ich nicht denke, es handele sich lediglich um zwei Mädchen, die sich beim Spielen verlaufen haben.

„Welche Beweise hast du?“, fragt Motts mich.

Ich muss zugeben, keine zu haben. Nichts Greifbares zumindest. Es gibt keine Anzeichen eines Einbruchs, keine Kampfspuren in den Zimmern der Mädchen. Nur ein schlechtes Gefühl. Aber Motts vertraut mir, wir kennen einander schon sehr lange.

„Du denkst an FPF?“, fragt er mich.

FPF steht im Polizeijargon für Foul Play Feared und bedeutet, dass ein Gewaltverbrechen nicht ausgeschlossen werden kann. Allein durch das Aussprechen dieser drei Buchstaben kann eine ganze Kette an Ereignissen in Gang gesetzt werden. Die State Police und das DCI, die Kriminalpolizei, werden tätig, die Presse interessiert sich, es wird kompliziert. Ich wäge meine Worte sorgfältig ab, bevor ich sie ausspreche.

„Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich würde mich wesentlich wohler fühlen, wenn du einen der Jungs von der State Police dazurufst, nur um sich die Sache mal anzugucken. Außerdem übernehmen sie doch die Rechnung, sobald wir sie dazugeholt haben, oder? Wir können uns eine umfangreiche Suchaktion weder leisten noch bezahlen.“

„Ich rufe das DCI sofort an“, sagt Motts zu meiner großen Erleichterung. „Brauchen wir auch die Spurensicherung?“

„Im Moment noch nicht. Hoffentlich nie, aber vielleicht wird es später doch notwendig werden. Ich bin auf dem Weg zurück zu den Gregorys. Ruf also schon mal die Reservisten.“ Ich bin froh, dass Motts derjenige ist, der unsere außer Dienst befindlichen Officer und Reservisten wecken, sie von ihren Familien loseisen und in den Dienst schicken muss. Willow Creek hat ungefähr achttausend Einwohner, wobei diese Zahl jeden Herbst um zwölftausend steigt, wenn das College beginnt. Unser Revier ist klein, wir haben insgesamt zehn Officer, drei pro Schicht. Nicht annähernd genug, wenn man zwei vermisste Siebenjährige suchen will. Wir brauchen die Reservisten, um die Gegend zu durchkämmen und die Leute zu befragen.

„Louis“, sagt Motts, „glaubst du, es besteht irgendeine Ähnlichkeit mit dem McIntire-Fall?“

„Der Gedanke ist mir gekommen“, gebe ich zu. Wir haben bis heute nicht die geringste Spur von der vor einem Jahr entführten und getöteten zehn Jahre alten Jenna McIntire. Das kleine Mädchen verfolgt mich immer noch jede Nacht im Schlaf. Sosehr ich den Gedanken auch beiseiteschieben will, Calli und Petra könnte etwas Ähnliches zugestoßen sein, es gelingt mir nicht. Es ist mein Job, so zu denken.

Petra

Ich kann nicht mit ihnen mithalten, sie sind zu schnell. Ich weiß, dass er mich gesehen hat, denn er hat sich zu mir umgedreht und mich angelächelt. Warum warten sie nicht auf mich? Ich rufe sie, aber sie halten nicht an. Ich weiß, dass sie irgendwo vor mir sind, aber ich bin mir nicht sicher, wo genau. Ich höre eine Stimme in der Ferne. Ich komme näher.

Calli

Die Temperatur stieg beständig, und das Zirpen der Heuschrecken erfüllte ihre Ohren. Griff war ungewohnt still geworden, und Calli wusste, dass er über etwas nachgrübelte. In Calli machte sich Unbehagen breit, und sie versuchte, es niederzudrücken. Sie konzentrierte ihre Aufmerksamkeit darauf, so viele Heuschreckenpanzer wie möglich zu finden. Die zerbrechlichen Hüllen hingen an Baumstämmen und von Ästen, und sie hatte bereits zwölf von ihnen entdeckt. Ben hatte sie früher in einem alten Schmuckkästchen gesammelt, das ihrer Großmutter gehört hatte. Er konnte Stunden damit zubringen, die graue, haarige Borke der Schuppenrinden-Hickory nach den leeren Chininhäuten abzusuchen, sie sorgfältig vom Holz abzupflücken und sie in die mit rotem Samt ausgekleidete Schachtel zu legen. Er würde Calli rufen, damit sie zusehen konnte, wie eine grimmig aussehende Heuschrecke mit Teufelsaugen sich langsam aus ihrer Haut schälte. Fasziniert würden sie die langsame Reise beobachten, die feinen Risse im Panzer, das vorsichtige Hervorkommen des weißen Insekts mit seinen noch feuchten Flügeln, das geduldige Warten darauf, dass sein neues Außenskelett verhärtete. Ben würde die zurückgelassene Schale auf ihre ausgestreckte Handfläche setzen, und die winzigen Beine, nur noch ein Hauch ihres vorherigen Lebens, würden ihre Haut kitzeln.

„Sogar seine Frau weiß, dass da was vor sich geht“, fluchte Griff.

Callis Herz flimmerte. Dreizehn, vierzehn … sie zählte.

„Sogar seine Frau weiß, dass er zu sehr an ihr interessiert ist. Toni läuft immer zu ihm, wenn sie in Schwierigkeiten steckt.“ Griffs Stimme war unsicher. „Kommt sie zu mir? Nein, sie rennt zu Louis! Und ich spiele all die Jahre den Vater für dich.“ Griffs Finger gruben sich in ihre Schulter, sein Gesicht war rot vor Hitze und tropfnass vor Schweiß. Winzige Mücken umkreisten seinen Kopf. Einige blieben an seiner feuchten Haut kleben wie kleine Schmutzflecken. „Weißt du, wie ich dastehe, wenn jeder, jeder über deine Mutter Bescheid weiß?“ Unerwartet stieß er Calli grob zu Boden, und die Luft wurde ihr mit einem Zischen hart aus den Lungen gepresst, als sie aufschlug.

„Ah, so bekommt man also einen Ton aus dir raus, ja? Das brauchst du also, um zu reden?“

Calli krabbelte rückwärts, während Griff über ihr aufragte. Sie wandte den Kopf ab, und stumme Tränen rannen ihr über die Wangen. Er war ihr Vater; sie hatte seine kleinen Ohren, die gleichen Sommersprossen auf der Nase. An Weihnachten holten sie immer das große, grüne Lederalbum mit den Fotos hervor, die Callis und Bens wichtigste Stationen im Leben zeigten. Das Foto von Calli mit sechs Monaten, wie sie auf dem Schoß ihres Vaters sitzt, war beinah identisch mit dem von Griff auf dem Schoß seiner Mutter, das gleiche, zahnlose Lächeln, dieselben Grübchen in den Wangen blitzten ihnen aus beiden Bildern entgegen.

Calli öffnete den Mund, wollte das Wort herauszwingen. „Daddy“, wollte sie weinen. Sie wollte aufstehen und zu ihm gehen, ihre Arme so weit wie nur irgend möglich um ihn schlingen, sich dann gegen die weiche Baumwolle seines T-Shirts schmiegen. Natürlich war er ihr Daddy; die Art, wie sie beide mit den Händen in den Hüften dastanden, wie sie beide erst das gesamte Gemüse essen mussten, bevor sie sich dem Rest des Hauptgangs widmeten und sich die Milch bis zum Schluss aufbewahrten. Ihre Lippen zuckten, um das Wort zu sagen. „Daddy“, sie wünschte sich von ganzem Herzen, es auszusprechen. Aber nichts kam heraus, nur ein sanfter Hauch ihres Atems.

Griff trat näher an sie heran, Wut tobte in seinem Gesicht. „Hör mir gut zu. Du magst in meinem Haus leben, aber deshalb muss es mir noch lange nicht gefallen!“ Er trat nach ihr, die Spitze seines Schuhs streifte ihr Schienbein. Calli rollte sich zu einem kleinen Ball zusammen, wie eine kleine, wollige Raupe, schützte ihren Kopf mit den Armen. „Wenn wir nach Hause kommen, werde ich deiner Mutter sagen, dass du draußen gespielt und dich verlaufen hast und ich losgezogen bin, um dich zu suchen. Verstanden?“ Er holte erneut aus, aber dieses Mal rollte Calli zur Seite, bevor er sie treffen konnte. Der Schwung warf ihn aus der Bahn, und er stolperte und fiel in einen Haufen dorniger Äste neben dem Weg.

„Verdammt“, fluchte er, seine Hände blutig und zerkratzt. Calli war vor ihm auf den Füßen, ihre Beine angespannt, bereit, loszulaufen. Er griff nach ihr, und Calli wendete auf dem Fußballen, eine unbeholfene Pirouette. Griffs gerötete Hand wollte ihren Arm umfassen, berührte kurz die weiche, zarte Haut an der Innenseite. Dann riss sie sich los und war fort.

Antonia

Ich sitze am Küchentisch, warte. Louis hat mir gesagt, ich solle nicht in Callis Zimmer gehen, dass sie vielleicht Callis Sachen durchsuchen müssten auf der Suche nach einer Spur, wohin sie gegangen sein könnte. Ich hatte ihn ungläubig angestarrt.

„Was? Wie an einem Tatort?“, hatte ich ihn gefragt. Louis hat mich nicht angeschaut, als er antwortete, dass es vielleicht dazu kommen würde.

Ich bin nicht so besorgt über ihr Verbleiben wie Martin über Petra, und ich frage mich, ob ich eine schlechte Mutter bin. Calli ist schon immer herumgestromert. In Supermärkten wende ich mich nur kurz ab, um das Etikett auf dem Erdnussbutterglas zu lesen, und schon ist sie weg. Ich laufe durch die Gänge, suche sie. Calli ist immer in der Fleischabteilung, direkt vor dem Hummerbecken, mit ihrem kleinen Finger gegen die Scheibe klopfend. Sie dreht sich dann zu mir um, schaut mich an, die Schultern sacken erleichtert nach unten, ein verlorener Gesichtsausdruck auf ihrem Gesicht. „Mom, tut es den Krebsen weh, wenn ihre Hände so zusammengebunden sind?“

Ich zerzause ihr weiches, fliegendes braunes Haar und sage ihr: „Nein, das tut ihnen nicht weh.“

„Vermissen sie denn das Meer nicht?“, beharrt sie. „Wir sollten sie alle kaufen und im Fluss aussetzen.“

„Ich denke, sie würden ohne Meerwasser sterben“, erkläre ich. Dann klopft sie noch einmal vorsichtig an die Scheibe und lässt sich von mir wegführen.

Natürlich war das früher, als ich mich noch nicht fragen musste, ob das nächste Wort jemals kommen wird. Bevor ich aus Träumen erwachte, in denen Calli mit mir sprach und ich versuchte, mich an den Klang ihrer Stimme zu erinnern, an ihre Tonlage, den Rhythmus.

Ich habe ein Dutzend Mal versucht, Griff auf dem Handy zu erreichen. Nichts. Ich überlege, Griffs Eltern anzurufen, die in der Stadt wohnen, aber entscheide mich dagegen. Griff ist nie richtig mit seiner Mutter und seinem Vater klargekommen. Sie trinken noch mehr als er, und Griff ist seit über acht Jahren nicht mehr im gleichen Raum gewesen wie sein Vater. Ich denke, das ist eines der Dinge, die mich anfangs so zu Griff hingezogen haben. Die Tatsache, dass wir beide mehr oder weniger allein waren. Meine Mutter war gestorben, mein Vater weit weg in seiner eigenen Trauer über ihren Tod. Und Louis, nun, das war vorbei. Nicht mit einem großen Knall, sondern sanft, traurig. Griff hatte nur seine kritischen Eltern, denen alles egal war. Seine einzige Schwester war weit fortgezogen in dem Versuch, sich dem Stress und Drama, den das Leben mit zwei Alkoholikern als Eltern mit sich brachte, zu entziehen. Als Griff und ich einander gefunden haben, war es eine solche Erleichterung. Wir konnten wieder frei atmen, zumindest für eine Weile. Dann änderten sich die Dinge, wie sie es immer tun. So wie jetzt, wieder einmal, wo ich ihn nicht finden kann, wenn ich ihn brauche.

Nervös falte und entfalte ich die Geschirrtücher aus der Küchenschublade und denke, ich sollte meine Brüder anrufen, ihnen sagen, was passiert ist. Aber der Gedanke daran, auszusprechen, dass Calli verschwunden ist, ist zu Furcht einflößend. Ich schaue aus dem Küchenfenster und sehe Martin und Louis aus Louis’ Auto aussteigen. Martins Hemd ist bereits von der Hitze des Tages durchnässt. Die Mädchen sind nicht bei ihnen. Ben wird sie finden. Sie denken gleich, und er wird sie finden.

Deputy Sheriff Louis

Martin Gregory und ich gehen auf Tonis Haustür zu. Martin hatte kein Glück auf der Suche nach seiner oder Tonis Tochter, und ich hoffe, dass die Mädchen schon am Küchentisch sitzen und Tonis Pfannkuchen essen, oder dass sie bei den Gregorys aufgetaucht sind, wo Fielda auf sie wartet. Ich bin immer noch abgelenkt durch meinen Streit mit Christine am Telefon, und ich versuche, ihre scharfen Worte aus meinem Kopf zu verbannen.

Tonis Tür öffnet sich, bevor ich noch anklopfen kann, und da steht sie vor mir, so schön, in ihrem typischen Sommeroutfit – ein ärmelloses T-Shirt, Jeansshorts und nackte Füße. Die Sonne hat sie gebräunt, in den vielen Stunden, die sie im Garten zubringt oder draußen mit ihren Kindern spielt, nehme ich an.

„Ihr habt sie nicht gefunden“, stellt sie fest. Es ist keine Frage.

„Nein“, sage ich und schüttle den Kopf. Wir beide treten über die Schwelle in ihr Haus. Sie führt uns nicht wie vorhin ins Wohnzimmer, sondern in die Küche, wo schon eine Karaffe Eistee auf dem Tresen steht, zusammen mit drei eisgefüllten Gläsern.

„Es ist zu heiß für Kaffee“, erklärt sie und beginnt, den Tee einzuschenken. „Bitte, setzt euch“, lädt sie uns ein, und wir folgen ihr.

„Ist dir noch irgendetwas eingefallen, wo sie sein könnte?“, fragt Martin bittend.

„Ben ist immer noch im Wald und sucht sie. Er weiß, wo Calli hingehen würde“, antwortet Toni. Ihre Stimme klingt seltsam unberührt. Unglaublich, sie scheint nicht zu denken, dass irgendetwas fehlt.

„Geht Calli oft in den Wald?“, frage ich sie und wähle meine Worte sorgfältig.

„Es ist quasi ihr zweites Zuhause. So wie für uns damals, Lou“, sagt sie. Unsere Blicke treffen sich, und die Erinnerungen eines ganzen Lebens liegen in unseren Augen. „Sie geht nie weit, und sie kommt immer zurück. Sicher und gesund“, fügt sie hinzu. Ich denke, um Martin zu beruhigen.

„Wir erlauben es Petra nicht, ohne Begleitung eines Erwachsenen in den Wald zu gehen. Es ist zu gefährlich. Sie würde sich verlaufen.“ Martin klingt ein bisschen anklagend.

Ich denke immer noch daran, dass Toni mich „Lou“ genannt hat; etwas, was sie seit Jahren nicht mehr getan hat. Sie ist an dem Tag zu Louis zurückgekehrt, als sie sich mit Griff verlobt hat. Es war, als ob die formellere Verwendung meines Namens wie ein Puffer wäre, als ob ich nicht bereits alle ihre intimsten Geheimnisse kennen würde.

„Ben wird bald hier sein, Martin“, sagt Antonia beruhigend. „Wenn die Mädchen da draußen sind …“, sie zeigt mit ihren dünnen, starken Armen zum Wald, „… wird Ben sie nach Hause bringen. Ich kann mir nicht vorstellen, wohin sie sonst gegangen sein sollten.“

„Vielleicht sollten wir auch in den Wald gehen und nach ihnen suchen“, schlägt Martin vor. „Einen Suchtrupp organisieren. Ich meine, wie weit können zwei kleine Mädchen gekommen sein? Wenn wir eine Gruppe zusammentrommeln, können wir ein größeres Gebiet absuchen und hätten vielleicht eher eine Chance, sie zu finden.“

„Martin“, sage ich, „es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Mädchen in den Wald gegangen sind. Ich halte es nicht für richtig, alle Ressourcen auf ein Gebiet zu konzentrieren und dadurch vielleicht eine andere Spur zu vernachlässigen. Der Wald hat über fünftausend Hektar, und das meiste davon ist unerschlossen. Wenn sie dort sind, haben sie sich hoffentlich auf den Wegen gehalten. Wir haben einen Deputy da draußen“, ich zeige auf den anderen Polizeiwagen, der auf Clarks Auffahrt steht. „Ich denke jedoch, wir sollten die Öffentlichkeit darüber informieren, dass zwei Mädchen verloren gegangen sind.“

„Verloren gegangen?“, bellt Martin, sein Gesicht ist rot vor Wut. „Meine Tochter ist nicht verloren gegangen. Wir haben sie gestern Abend um halb neun ins Bett gebracht, und als ich heute Morgen aufgewacht bin, war sie nicht in ihrem Bett. Sie hatte ihren Pyjama an, mein Gott. Wann akzeptierst du denn endlich die Tatsache, dass irgendjemand sie aus ihrem Kinderzimmer geholt hat? Wann wirst du …“

„Martin, Martin, ich wollte nicht sagen, dass du oder Toni irgendetwas falsch gemacht habt“, versuche ich ihn zu beruhigen. „Es gibt keinen Anlass zu denken, dass sie entführt wurden, keine Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens. Ihre Turnschuhe sind weg, Martin. Denkst du, ein Einbrecher würde ihr erst die Schuhe anziehen, bevor er mit ihr verschwindet? Das ergibt doch keinen Sinn.“

Martin seufzt. „Es tut mir leid. Ich kann mir nur nicht vorstellen, wohin sie gegangen sein sollten. Wenn sie nicht … entführt wurden und auch nicht an ihren Lieblingsplätzen sind, scheint mir der Wald die logischste Erklärung. Zumal wenn Calli sich da so gut auskennt.“

Antonia nickt. „Ich wette, Ben wird bald mit zwei kleinlauten Mädels hier sein, die sich schämen, so viel Ärger verursacht zu haben.“

Mir kommt ein Gedanke. „Toni, fehlt eigentlich auch ein Paar von Callis Schuhen?“

„Ich weiß es nicht.“ Toni setzt sich ein wenig gerader hin, das mit Feuchtigkeit beschlagene Teeglas in der Hand. „Ich sehe mal nach.“

Sie steht auf und geht die Treppe hinauf zu Callis Zimmer. Martin nippt an seinem Tee, stellt das Glas hin, dann, unsicher, was er mit seinen Händen tun soll, hebt er das Glas wieder an.

Er und ich sitzen einen Augenblick da, es herrscht eine unbehagliche Stille, dann ergreift er das Wort.

„Ich habe nie verstanden, wie Petra und Calli so gute Freundinnen werden konnten. Sie haben eigentlich nichts gemeinsam. Das Mädchen spricht ja nicht einmal. Was um alles in der Welt können zwei Siebenjährige miteinander unternehmen, wenn nur eine von ihnen spricht?“ Er schaut mich erschöpft an. „Petra sagt dann immer: ‘Können Calli und ich ein Sandwich haben? Für Calli nur Erdnussbutter, sie mag keine Marmelade.’ Ich meine, woher weiß sie das, wenn Calli nicht spricht? Ich verstehe es einfach nicht.“ Er schüttelt den Kopf.

„Verwandte Seelen“, ertönt eine sanfte Stimme aus dem Flur. Toni betritt die Küche und hält in einer Hand ein paar abgenutzte Turnschuhe, in der anderen ebenfalls gebraucht aussehende Flip-Flops. „Sie sind verwandte Seelen“, wiederholt sie auf unsere fragenden Blicke. „Sie wissen, was die jeweils andere braucht. Petra kann Calli lesen wie ein Buch. Was sie spielen möchte, ob ihre Gefühle verletzt wurden, alles. Und Calli ist genauso. Sie weiß, dass Petra Angst vor Gewitter hat, und stellt die Musik so laut, dass sie das Donnern übertönt. Oder wenn Petra traurig ist, kann Calli sie wieder zum Kichern bringen. Calli kann die schönsten Grimassen ziehen – sie kann alle von uns zum Lachen bringen. Sie sind beste Freunde. Ich kann nicht erklären, wie es funktioniert, aber das tut es. Für sie. Und ich bin froh darüber. Petra macht es nichts aus, dass Calli nicht spricht, und Calli macht es nichts aus, dass Petra Angst vor Donner hat und manchmal noch am Daumen lutscht.“ Toni macht eine Pause und hält die Schuhe hoch. „Ihre Schuhe sind noch da. Wir wollen nächste Woche neue Schuhe für die Schule kaufen. Ihre Cowboystiefel habe ich vorhin in der Garage stehen sehen. Calli hat also keine Schuhe an. Aber sie würde nicht ohne Schuhe in den Wald gehen.“

Tonis Kinn beginnt zu zittern, und zum ersten Mal, seit ihre Tochter verschwunden ist, sieht sie ängstlich aus. Ich lege meine Hand auf ihren Arm, und sie zieht ihn nicht weg.

Ben

Ich war an allen Plätzen, wo wir immer gespielt haben. Zuerst am Willow Wallow, wo wir uns in den Weiden von Ast zu Ast schwingen und so tun, als seien wir Affen. Ich habe unter jeder der sieben Weiden nachgeschaut, habe gedacht, dass ich dich und Petra versteckt unter einer von ihnen finden würde. Ich bin zur Lone Tree Bridge hinuntergegangen, dem schmalen Baumstamm, der über den Willow Creek gefallen ist. Hier haben wir immer abwechselnd versucht, wer ihn schneller überqueren kann. Ich habe jedes Mal gewonnen. Hier warst du auch nicht. Ich bin den Spring Peeper Pond Trail mehrmals auf und ab gegangen, sicher, euch dort nach Baumfröschen Ausschau haltend zu finden. Aber damit habe ich auch falschgelegen. Ich will nicht ohne euch zurückkommen.

Langsam denke ich, dass Dad euch vielleicht doch mit zum Angeln genommen hat. Das wäre typisch für ihn, plötzlich Vater zu spielen und Zeit mit dir verbringen zu wollen. Er konnte uns wochenlang ignorieren, um uns dann von jetzt auf gleich total interessiert anzuschauen und mit uns irgendetwas wirklich Lustiges zu unternehmen. Einmal hat er mich mit zum Angeln am Bach genommen. Wir sind abends losgegangen, nur er und ich. Wir hatten keine Regenwürmer dabei, also haben wir einfach etwas Frischkäse aus dem Kühlschrank gemopst und als Köder verwendet. Stundenlang haben wir am Ufer gesessen, da, wo der Bach am breitesten ist. Wir haben nicht viel geredet, nur nach Mücken geschlagen und Groppen und Sonnenbarsche herausgezogen und gelacht, weil sie so klein waren. Wir haben darum gewettet, wer den kleinsten Fisch an Land zieht, fünf Dollar, und ich habe gewonnen. Mein Sonnenbarsch hatte nicht einmal die Größe eines Guppys. Wir haben Erdnüsse gegessen, die Schalen ins Wasser geworfen und Limonade getrunken. Als die Sonne unterging, konnten wir die Grillen zirpen hören, und Dad sagte, dass man herausfinden könnte, wie warm es ist, indem man zählte, wie oft eine Grille zirpte. Ich sagte: „Auf keinen Fall!“, und er sagte: „Aber sicher!“ Und dann hat er mir gesagt, wie es geht. Das war der beste Tag. Also überlege ich, dass er dachte, es wäre an der Zeit, auch zu dir eine festere Bindung aufzubauen und dich zum Angeln mitzunehmen; wobei er dann vergessen hat, irgendjemandem Bescheid zu sagen. Andererseits glaube ich nicht, dass er zwei kleine Mädchen mitnehmen würde. Aber wer weiß, manchmal ist es schwer nachzuvollziehen, was in ihm vorgeht.

Du warst nie eine Spielverderberin, Calli, das muss ich zugeben. Du bist kein Mädchen-Mädchen. Ich erinnere mich daran, als du ein Jahr alt warst und gerade angefangen hast zu laufen – noch ganz wackelig und unsicher. Ich war sechs, und Mom sagte, wir sollten draußen im Garten spielen gehen. Du bist mir überallhin gefolgt und hast versucht, alles zu tun, was ich tue. Ich habe die angeschlagenen Äpfel unter dem Apfelbaum aufgehoben und neben die Garage geworfen, und du hast es mir nachgemacht. Ich fand es nicht sonderlich spannend, die ganze Zeit ein Baby hinter mir herlaufen zu haben, aber ich liebte es, wie du „Beh, Beh“ sagtest, wenn du Ben meintest. Immer wenn du mich sahst, schien es, als wärst du ganz erstaunt, dass ich da war. Du hast dich jedes Mal wie wahnsinnig gefreut, wenn ich ein Zimmer betreten habe, auch wenn wir uns gerade vor zehn Minuten das letzte Mal gesehen hatten.

Mom lachte dann immer und sagte: „Siehst du, Ben, Calli liebt ihren großen Bruder, nicht wahr, Calli?“ Und du würdest mit deinen kleinen, pummeligen Füßen aufstampfen und rufen: „Buder, Buder“. Dann kamst du auf mich zugerannt, hast deine Arme um mein Bein geschlungen und ganz fest gedrückt.

Später in dem Jahr, als ich sieben wurde, habe ich zum Geburtstag die coolsten Cowboystiefel bekommen. Sie waren schwarz mit roten Nähten. Ich habe sie immer und überall getragen. Und wenn ein Kleinkind neidisch auf Stiefel sein konnte, dann warst du es mit Sicherheit. Du hast mich dabei ertappt, wie ich mich und meine Stiefel im Spiegel bewundere, und dich sofort auf die Stiefel gestürzt und versucht, sie mir auszuziehen. Das war eigentlich ganz lustig; Mom saß jedes Mal auf dem Fußboden im Schlafzimmer und lachte sich kaputt. Ich weiß nicht, ob du gedacht hast, dass ich die Stiefel mehr liebe als dich oder ob es dir einfach Spaß gebracht hat, mich zu ärgern. Auf jeden Fall war das für eine Weile mein liebster Zeitvertreib. Es endete immer damit, dass du mir mindestens einen Stiefel ausgezogen hast, weil du so viel kleiner warst als ich und ich dich nicht einfach zur Seite schieben wollte. Damit hätte ich mir eine Menge Ärger eingehandelt. Oft hast du dich einfach angeschlichen, wenn ich ferngesehen habe, und hast so lange gezogen, bis der Stiefel vom Fuß gerutscht ist, dann bist du weggelaufen. Meistens hast du den Stiefel einfach die Treppe hinunter in den Garten geworfen, aber einmal hast du ihn in die Toilette gesteckt. Mann, war ich sauer. Danach habe ich mich geweigert, ihn zu tragen. Mom hat ihn ausgewaschen und in die Sonne zum Trocknen gestellt, aber trotzdem habe ich die Stiefel nicht mehr angezogen. Aber du. Seit dem Tag waren sie deine, auch wenn sie dir viel zu groß waren. Du hast sie zu allem getragen, zu kurzen Hosen, zu Kleidern, sogar zum Schlafanzug. Mehr als einmal musste Mom sie dir ausziehen, nachdem du mit ihnen im Bett eingeschlafen warst. Du trägst sie immer noch manchmal. Es würde mich sogar nicht überraschen, wenn du mit ihnen jetzt gerade durch den Wald stapfst.

Wann du aufgehört hast zu sprechen, weiß ich nicht genau. Aber ich weiß, dass du vier warst und ich neun. An dem einen Tag hast du meine Stiefel getragen, mir die fürchterlichsten Witze erzählt und wie blöd gekichert, und ich habe meine Augen verdreht. Am nächsten Tag: nichts; kein Wort. Es wurde so unglaublich still hier. So eine Stille, als wenn man nach dem ersten großen Schneesturm des Jahres nach draußen geht und alles unter einer weißen Decke liegt und noch niemand Schnee geschippt hat und auch keine Autos auf den Straßen unterwegs sind. Alles ist still, und es ist schön. Für eine Weile. Dann wird es unheimlich, eine Stille so groß, dass du schreist, nur um deine eigene Stimme zu hören, aber die Natur verschluckt jeden Laut.

Calli

Calli rannte den Broadleaf Trail hinunter, bis er vom River Bottom gekreuzt wurde und sich steil bergab zum Bach hinunterwand. Jede Kuhle oder Anhöhe im Wald hatte ihren ganz besonderen Duft; süße Dotterblumen, beißende wilde Zwiebeln, stinkendes, verrottendes Laub. Jede Mulde und Ecke hatte ihr eigenes Klima, warm und feucht, kühl und luftig. Als Calli hinunter zum Bach und tiefer in den Wald hineinlief, fiel die Temperatur, wuchsen die Bäume näher beisammen, wurde die Vegetation um ihre Knöchel immer dichter.

Calli konnte Griffs schwere Schritte auf dem oberen Weg hören. Ihre Brust brannte bei jedem Atemzug, aber sie rannte weiter, dürre Baumstämme und schroffe Felsvorsprünge verschwommen in ihren Augenwinkeln. Kleine Sonnenflecken tauchten kurz vor ihr auf dem Boden auf. Seitenstiche ließen sie langsamer werden und schließlich anhalten. Sie lauschte vorsichtig. Der schmale Bach gurgelte, ein Kardinal rief, und die Insekten summten. Calli suchte nach einem Ort, um sich zu verstecken. Abseits des Pfads entdeckte sie mehrere umgefallene Bäume, die kreuz und quer übereinanderlagen. Dahinter könnte sie sich vielleicht für einen Moment ausruhen, ohne gesehen zu werden. Sie kletterte über den knorrigen Haufen und sprang vorsichtig auf der dem Weg abgewandten Seite auf den Boden. Nachdem sie sich gesetzt hatte, zog sie Äste und Zweige zu sich heran, um ihr pinkfarbenes Nachthemd zu verdecken. Sie versuchte, ihren Atem zu beruhigen. Sie wollte nicht, dass Griff sie durch ihr Keuchen fand und sie hier inmitten der Baumstämme gefangen wäre, ohne jede Möglichkeit, schnell zu fliehen.

Minuten vergingen, ohne dass Griff kam. Nur das beruhigende Klopfen eines Spechts irgendwo über ihr durchdrang die üblichen Geräusche des Waldes. Trotz der Hitze zitterte Calli und rieb sich über die Gänsehaut an den Armen. Die Wut, die Griff ausgestrahlt hatte, schmerzte in Callis Erinnerung, und sie versuchte, die Augen davor zu verschließen. Jener Tag.

An jenem Dezembertag war es kalt gewesen. Sie war vier, und Ben war mit ein paar Freunden Schlitten fahren. Ihre Mutter, schwer und unbeweglich durch ihre Schwangerschaft, machte ihr heißen Kakao, ließ weiße, weiche Marshmallows in die heiße Schokolade plumpsen, dann fügte sie noch einen Eiswürfel hinzu, um das Getränk etwas abzukühlen. Calli saß am Küchentisch, ein Blatt Papier vor sich und viele bunte Stifte darum verteilt.

„Wie sollen wir das Baby nennen, Calli?“, fragte ihre Mutter, als sie den Kakao vor sie hinstellte. „Pass auf, das ist heiß; verbrenn dir nicht die Zunge.“

Calli legte ihre Zeichnung zur Seite, ein Bild von einem Weihnachtsbaum und einem dicken Weihnachtsmann. „Popsicle, glaub ich“, antwortete sie, während sie den Löffel gegen einen schmelzenden Marshmallow drückte.

„Eis am Stil?“, lachte ihre Mutter. „Das ist ein ungewöhnlicher Name. Hast du noch einen anderen Vorschlag?“

„Cupcake“, kicherte Calli.

„Wird das ihr zweiter Name?“

Calli nickte, ihr Lächeln war überzogen von klebrigen weißen Marshmallows. „Geburtstagstorte“, sagte sie. „Popsicle Cupcake Birthday Cake, so wird sie heißen.“

„Das gefällt mir“, sagte ihre Mutter grinsend. „Aber ich fürchte, ich werde jedes Mal Hunger kriegen, wenn ich ihren Namen sage. Wie wäre es mit Lily oder Evelyn? Evelyn war der Name meiner Mutter.“

Calli zog eine Grimasse und nahm vorsichtig einen Schluck Kakao. Sie fühlte, wie die heiße Flüssigkeit ihre Kehle hinunterrann und wedelte mit ihrer Hand vor dem offenen Mund, als ob sie damit die Wärme fortwinken wollte.

Die Hintertür öffnete sich und brachte einen Schwall eisiger Luft herein, der Calli aufquietschen ließ. „Daddy!“, rief sie. „Daddy ist zu Hause.“ Sie stellte sich auf ihren Stuhl und streckte die Arme nach ihm aus, klammerte sich dann an seinen Hals, als er an ihr vorbeiging. Die Kälte, die an seinem Parka klebte, sickerte durch ihr Sweatshirt. Ihr Vater versuchte, Calli wieder zu Boden zu lassen.

„Nicht jetzt, Calli. Ich muss mit deiner Mutter reden.“ Calli ließ jedoch nicht los, als er sich linkisch ihrer Mutter näherte. Schließlich zog er sie zu sich herum, sodass sie auf seiner Hüfte saß.

Der Geruch nach Bier stach ihr in die Nase. „Es stinkt.“ Sie zog eine Grimasse.

„Ich hatte schon vor ein paar Stunden mit dir gerechnet“, sagte Antonia ruhig. „Bist du gerade erst angekommen?“

„Ich war drei Wochen weg, was machen da schon ein paar Stunden mehr aus?“ Griffs Worte waren unschuldig, aber sie hatten einen beißenden Beiklang. „Ich hab mit Roger noch ein paar Bier bei O’Leary’s getrunken.“

Antonia musterte ihn von oben bis unten. „Nach dem Geruch und der Art, wie du dich bewegst, zu urteilen, waren es mehr als nur ein paar. Du warst einen Monat weg. Ich dachte, wenn du endlich nach Hause kommst, würdest du deine Familie sehen wollen.“

Calli hörte die Anspannung in ihren Stimmen und wand sich, um sich aus Griffs Armen zu befreien. Er hielt sie eisern fest.

„Ich will meine Familie sehen, aber ich will auch meine Freunde treffen.“ Griff öffnete die Kühlschranktür auf der Suche nach einem Bier, fand aber keins. Er schmiss die Tür so fest zu, dass die Glasflaschen klirrten.

„Ich will mich nicht streiten.“ Antonia ging auf Griff zu und umarmte ihn ungelenk über ihren dicken Bauch. Calli streckte die Arme nach ihrer Mutter aus, aber Griff drehte sich abrupt um und setzte sich an den Küchentisch, Calli auf seinem Schoß.

„Ich hatte eine interessante Unterhaltung im O’Leary’s“, sagte Griff im Plauderton. Antonia wartete, sie wusste, was jetzt kommen würde. „Einige der Jungs sagten, dass Louis in letzter Zeit häufig hier war.“

Antonia wandte sich dem Regal zu und begann, die Teller fürs Abendessen herauszuholen. „Oh, er hat für mich vor ein paar Tagen in der Auffahrt Schnee geschippt. Er hatte gerade bei Mrs. Norland vorbeigeschaut, weil der Postbote ihn darauf hingewiesen hatte, dass sie schon eine ganze Weile ihre Post nicht mehr reingeholt hatte. Ihr ging es gut. Auf jeden Fall sah er mich beim Verlassen ihres Hauses beim Schneeschieben und hat gefragt, ob er helfen könnte“, erklärte sie und drehte sich um, um Griffs Reaktion zu beobachten. „Ben war krank, er hatte sich den Magen verdorben und konnte nicht schippen, also habe ich es gemacht. Louis kam zufällig vorbei, keine große Sache. Er ist nicht mal ins Haus gekommen.“

Griff schaute Antonia mit einem unversöhnlichen Gesichtsausdruck an.

„Was? Denkst du, ich würde … wir würden … Ich bin im siebten Monat schwanger!“ Antonia lachte humorlos. „Vergiss es. Denk, was du willst. Ich werde mich jetzt ein wenig hinlegen.“ Antonia verließ die Küche. Calli konnte ihre schweren, behäbigen Schritte auf der Treppe hören.

Griff sprang vom Stuhl auf und riss Calli mit sich. Durch die Wucht der Bewegung biss sie sich auf die Zunge und schrie vor Schmerzen auf, der metallene Geschmack von Blut erfüllte ihren Mund.

„Ich rede mit dir!“, schrie er hinter ihr her. „Willst du gar nicht wissen, was die Leute reden?“ Mit ein paar schnellen Schritten war er am Fuß der Treppe. „Komm zurück!“ Calli konnte eine dunkelrote Vene an seiner Schläfe pochen sehen und wie sich die Sehnen an seinem Hals anspannten. Sie fing an, laut zu weinen und sich aus Griffs Armen zu winden.

„Setz sie runter“, rief Antonia ihm von oben zu. „Du machst ihr Angst.“

„Halt den Mund. Halt den Mund!“ Griff schrie Calli an, während er, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe erklomm. Bei jedem Schritt wurde ihr Kopf wild hin und her geworfen.

„Lass sie runter. Du tust ihr weh!“ Antonia weinte jetzt, ihre Arme nach Calli ausgestreckt.

„Dreckige Hure! Hast dich wieder mit ihm eingelassen. Wie stehe ich denn jetzt da? Ich schufte weit weg von hier wie ein Blöder, um Geld für diese Familie zu verdienen, und du sitzt hier und lässt dich wieder mit deinem alten Freund ein!“

Spucke flog von seinen Lippen, mischte sich mit Callis Tränen, und sie bog den Rücken durch, versuchte, seinem Griff zu entkommen.

Antonia kreischte. „Oh, mein Gott, Griff! Hör auf! Hör bitte auf!“

Griff war oben angekommen, stand neben Antonia und zerrte an ihrem Arm. „Schlampe!“ Callis hysterische Schreie übertönten beinah sein Gebrüll.

„Mommy! Mommy!“

„Halt’s Maul! Halt’s Maul!“ Griff schmiss Calli auf den Treppenabsatz. Ihr Kopf prallte hart von den Holzdielen ab, und für einen Moment war sie still, den verzweifelten Blick auf ihre Mutter gerichtet, die Griff zur Seite schob, um zu ihrer Tochter zu kommen. Griff hielt den Arm ihrer Mutter fest umklammert, sodass sie wie ein Gummiband zurückschnellte. Für einen Augenblick, bevor Toni rückwärts die Treppe hinunterstürzte, hatte Griff sie stabilisieren können. Jetzt sahen Calli und Griff mit Entsetzen, wie Antonia mit dem Rücken auf die Stufen krachte und erst im Erdgeschoss liegen blieb.

„Mommy!“ Calli schrie, als Griff die Treppen zu Antonia hinunterrannte. Er kniete sich vor ihre zusammengekrümmte Gestalt hin. Sie war bei Bewusstsein, ihr Gesicht schmerzverzerrt, ihre Arme um den Bauch geschlungen. Sie wimmerte leise.

„Kannst du dich hinsetzen? Calli, sei still!“, brüllte er. Calli schluchzte weiter, als Griff Antonia in eine sitzende Position brachte.

„Das Baby, das Baby“, weinte sie.

„Es wird alles gut. Alles wird gut.“ Griffs Stimme klang flehend. „Es tut mir leid. Es tut mir so leid! Calli, halt verdammt noch mal das Maul. Kannst du laufen? Komm, lass uns zur Couch rübergehen.“ Vorsichtig zog Griff Antonia auf die Füße und führte sie zum Sofa, wo er sie hinlegte und mit einer Decke zudeckte.

Calli weinte weiter im Hintergrund, ihr Weinen wurde lauter, als sie die Treppe hinunterging und sich zu ihrer Mutter setzte. Antonia schaute sie unter halb geöffneten Lidern an und streckte einen Arm nach ihr aus.

„Lass uns ins Ruhe“, befahl Griff. „Jesus, geh aus dem Weg, und sei endlich still!“ Griffs Hände zitterten, als er Calli hochhob und in die Küche brachte. „Setzt dich hier hin und sei still.“ Griff lief unruhig in der Küche auf und ab, raufte sich die Haare, wischte sich den Mund mit einer zittrigen Hand ab.

Er beugte sich zu Calli hinunter, deren tränenerfüllte Schreie zu einem untröstlichen Schluckauf verebbt waren, und flüsterte ihr für eine volle Minute etwas ins Ohr. In diesen unendlichen sechzig Sekunden blinzelten Callis Lider im Takt von Griffs Worten. Sein Atem zischte über die zierlichen Bögen ihrer Ohrmuschel und vermischte sich mit dem sanften Weinen ihrer Mutter. Dann stand er auf und rauschte in einer Böe aus winterkaltem, eisigem Wind aus der Hintertür.

An diesem Abend, nachdem Ben nach Hause gekommen war, hielten Ben und Calli Nachtwache an der Seite ihrer Mutter, die immer noch auf der Couch lag. Ihr verzweifeltes, trauriges Stöhnen erfüllte den Raum, bis Ben endlich Officer Louis anrief und der Krankenwagen kam, gerade rechtzeitig, um ein perfektes, stilles, kükengleiches kleines Mädchen zu entbinden, dessen Haut die gleiche blaue Farbe hatte wie die Lippen seiner Mutter. Die Sanitäter trugen das atemlose Baby schnell fort, aber zuvor konnte Calli noch einmal über seine rotblonden Haare streichen.

Jahre später, Calli saß zwischen den umgefallenen Baumstämmen, aufmerksam und angespannt, erinnerte sie sich an das Flüstern ihres Vaters, das immer noch in ihren Ohren nachklang. Von irgendwo hinter ihr hörte sie ein Rascheln. Das konnte nicht ihr Vater sein. Ranger Phelps? Hoffnung stieg in ihr auf. Sollte sie es wagen, ihr Versteck zu verlassen? Sie wog ihre Möglichkeiten ab. Wenn sie sich zeigte, würde Ranger Phelps ihr sicher helfen, nach Hause zu kommen. Aber was, wenn sie dabei auf ihren Vater stießen? Er würde sie ihrem Vater übergeben, und sie wäre nicht in der Lage, dem Ranger zu erzählen, was passiert war. Nein. Sie musste hierbleiben. Sie kannte den Weg nach Hause, sie musste nur geduldig sein und warten, bis Griff seine Suche nach ihr aufgab. Was sicher bald passieren würde, denn er wollte zu Roger zum Angeln fahren, wollte einen Drink. Die olivgrüne Hose von Ranger Phelps’ Uniform zog an ihr vorbei, und Calli unterdrückte den Drang, aus ihrem Versteck zu springen und den Mann aufzuhalten. So schnell, wie er aufgetaucht war, verschwand er auch wieder, verschmolz mit den Farnen, seine Schritte gedämpft auf der moosbedeckten Erde. Calli lehnte sich zurück, zog ihre Knie unter das Kinn und bedeckte ihren Kopf mit den Armen. Wenn sie ihren Vater nicht sehen konnte, dachte sie, konnte er sie mit Sicherheit auch nicht sehen.

Martin

Ich halte an meinem Haus an und sehe Fielda an der Tür stehen, ihr pechschwarzes Haar streng aus dem Gesicht gekämmt, die Brille leicht schief auf der Nase. Sie schaut mich erwartungsvoll an, ich schüttele den Kopf, und ihrem Gesicht ist die Enttäuschung anzusehen.

„Was machen wir jetzt?“, fragt sie mitleiderregend.

„Der Deputy Sheriff sagt, wir sollen alle anrufen, die uns einfallen, und sie bitten, die Augen offen zu halten. Er will, dass wir ein Foto heraussuchen, das sie auf Flugblätter drucken können. Ich werde die Bilder der Mädchen zum Polizeirevier bringen. Sie werden die Handzettel für uns drucken, und dann werde ich versuchen, Leute zu finden, die uns helfen, sie zu verteilen.“

Fielda streckt ihre Arme nach mir aus und umarmt mich. „Was machen wir denn nur?“, weint sie leise.

„Wir werden sie finden, Fielda. Wir finden Petra und bringen sie nach Hause. Ich verspreche es.“ Einen Moment stehen wir da, lassen das Gewicht meines Versprechens in unser Hirn sacken, bis Fielda schließlich einen Schritt nach hinten tritt.

„Du machst die Handzettel“, sagt sie mit fester Stimme. „Ich werde die Leute anrufen. Ich fange bei A an und arbeite mich dann durch das Alphabet.“ Sie gibt mir einen Abschiedskuss, und ich drücke ihre Hand, bevor ich die Tür schließe.

Als ich die Straßen meiner Stadt entlangfahre, suchen meine Augen jeden Zentimeter des Bürgersteigs ab, suchen nach Petra. Ich versuche, in Fenster zu schauen, und verrenke mir den Hals, um einen Blick in Gärten werfen zu können; mehr als einmal bin ich kurz davor, von der Straße abzukommen. Als ich vor dem Polizeirevier anhalte, zittern meine Beine, und mit weichen Knien trete ich durch die Tür. Ich stelle mich einem Mann am Empfang vor. Als er mich anschaut, versuche ich, in seinen Augen zu lesen, was er von mir denkt. Verdächtigt er mich? Tue ich ihm leid? Ich kann es nicht sagen.

„Ich werde die Flugblätter gleich für Sie vorbereiten, Mr. Gregory“, sagt er und lässt mich allein.

Jetzt, in der Geborgenheit meines Büros am St. Gilianus, ist die Erinnerung an jeden schmerzvollen Moment des Tages wie ein Dolchstoß in mein Gehirn. Ich kann mich nicht konzentrieren. Von dem Stapel Papiere vor mir auf dem Schreibtisch sieht mich das Gesicht meiner wundervollen Tochter an. Beinah kann ich Petras Anwesenheit in dem Raum spüren. Petra liebt es, unter meinem großen Walnusstisch zu sitzen. Da spielt sie mit ihren Puppen, die sie in einer großen Segeltuchtasche, auf die ihr Name gemalt ist, mit sich herumträgt. Während ich mich um meinen Papierkram kümmere, kann ich den komplizierten Gesprächen lauschen, die ihre Puppen miteinander führen, und bei dem Gedanken lächle ich. Petra liebt es, alles über die mysteriöse Geschichte des Colleges zu lernen. Sie geht mit mir durch die Gebäude, Sonnenlicht scheint durch die juwelenfarbenen Buntglasfenster, die die Heiligen und Märtyrer der katholischen Kirche darstellen. Sie lässt mich oft vor dem Fenster des heiligen Gilianus anhalten, des Namensgebers des Colleges. In brillanten Nuancen von Safran, Lapislazuli, Kupfer und Jade erzählt der Künstler die Geschichte von Gilianus’ Leben, ein alter Mann in einer braunen Kutte, der eine Rollenschrift hält und von einem großen Bären und einer Schar Amseln flankiert wird. Ich erzähle ihr immer wieder von St. Gilianus, auch als St. Gall oder St. Callo bekannt, ein irgendwann im sechsten Jahrhundert in Irland geborener Mann. Die Legende besagt, dass Gilianus, ein Eremit, einen Bären beauftragte, ihm und seinem zurückgezogenen Clan Feuerholz in den entlegenen Wald zu bringen, und der Bär tat wie ihm geheißen. Ich beschreibe ihr die Sage, wie König Sigibert von Austrasien – heutzutage nordöstliches Frankreich und westliches Deutschland – Gilianus anflehte, seine ihm versprochene Braut von Dämonen zu befreien. Gilianus kam seiner Bitte nach und befreite die gequälte Frau von Dämonen, die sie in Form von Amseln verließen. Petra fröstelt bei dieser Geschichte jedes Mal vor Entzücken und reibt den kleinen Notenanhänger an ihrer Kette mit nervösen Fingern.

Meine Kollegen statten mir immer Besuche ab, wenn sie wissen, dass Petra da ist. Sie fragen sie nach der Schule und nach ihren Freunden, und sie malt ihnen Bilder, die sie in ihren Büros aufhängen. Meine Studenten sind von Petra ebenso verzaubert; sie merkt sich die Namen aller, die sie hier bei mir trifft. Im letzten Winter kam ein verzweifelter Student überraschend in mein Büro, als Petra fröhlich unter dem Tisch spielte. Der junge Mann, normalerweise selbstbewusst und charmant, war den Tränen nahe, weil er sich Sorgen machte, ob er den Abschluss in der ihm verbleibenden Zeit schaffen würde. Er konnte sich nicht auf seine Studien konzentrieren und musste einen weiteren Nebenjob finden, um seine Studiengebühren und die Miete zahlen zu können.

„Lucky“, sagte ich zu ihm, „du hast zurzeit zu viel auf dem Tisch. Es ist nur natürlich, dass du dich da gestresst fühlst.“ Ich beeilte mich, Petra unter dem Schreibtisch hervorzulocken und sie dem jungen Mann vorzustellen, bevor er nichts ahnend in ihrer Gegenwart zu emotional wurde.

„Das ist meine Tochter Petra. Sie kommt am Wochenende oft mit mir ins Büro, um mir zu helfen. Petra, das ist Lucky Thompson, einer meiner Studenten.“

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