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Versprechen um Mitternacht

Vor sieben Jahren hat Jax sie verlassen und ihr das Herz gebrochen. Nun will er Kelly zurückerobern. Dafür muss er ihr aber zuerst gestehen, warum er damals so plötzlich von der Bildfläche verschwand …


  • Erscheinungstag: 06.02.2017
  • Seitenanzahl: 151
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499708
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. Kapitel

Kelly O’Brian zerrte ihre schwere Leinentasche mit Büchern durch die Hintertür der Redaktion der Studentenzeitung. Es war ein heißer Frühlingstag, und Schweiß rann ihr über den Rücken.

Sie hievte die Tasche auf den Schreibtisch und strich sich die feuchten Strähnen ihres langen, dunklen Haares aus der Stirn. Seufzend zog sie sich die Jacke aus und öffnete die oberen Knöpfe ihrer ärmellosen Bluse.

„Hi.“

Kelly blickte auf und sah Marcy Reynolds, die Fotografin der Studentenzeitung, mit einem aufgeregten Funkeln in den braunen Augen eintreten.

„Da wartet ein Typ im Vorzimmer auf dich“, sagte Marcy und reichte Kelly mehrere pinkfarbene Zettel mit Nachrichten. „Er ist nicht nur irgendein Typ. Er ist mit ziemlicher Sicherheit der prachtvollste Mann, der diese ehrenwerten Gemäuer je betreten hat.“

Kelly grinste. „Ach, komm schon!“

„Ich meine es ernst. Er ist ein Traum. Sehr groß, blond, grüne Augen. Er sieht aus wie Mel Gibsons jüngerer Bruder. Er ist eine wandelnde Jeansreklame. Seine Beine sind ellenlang, und sein Po …“

Kelly lachte. „Das klingt zu gut, um wahr zu sein.“

„Er sieht aus wie ein Held aus den Romanen, die du schreibst.“ Marcy strich sich durch das kurze schwarze Haar und beklagte sich: „Er sitzt jetzt schon seit fünfundvierzig Minuten da und stört meine Konzentration.“

„Ein Student?“

„Dazu ist er ein bisschen zu alt. Ich schätze ihn auf etwa dreißig. Er hat diese neckischen Lachfältchen um die Augen. Sieh ihn dir an.“

„Vielleicht ein Dozent. Hat er gesagt, was er will?“

„Dich will er. Ich habe ihn gewarnt, dass es Stunden dauern könnte, bis du zurückkommst, aber das hat ihn nicht abgeschreckt. Er hat gesagt, dass er seit sieben Jahren wartet und ihn ein paar Stunden mehr nicht umbringen. Hast du diesen Mann etwa sieben Jahre lang sitzen lassen?“

„Vor sieben Jahren war ich erst sechzehn.“ Kelly ging zu der Glaswand, die das Vorzimmer vom hinteren Büro trennte. Die Jalousien waren herabgelassen, und sie hob eine der Aluminiumlamellen und spähte hinaus.

Ihr Herz setzte aus.

Tyrone Jackson Winchester der Zweite.

Das konnte nicht sein, und doch war es so.

Er war die einzige Person im Vorzimmer, und er saß lässig zurückgelehnt neben der Tür, so als befände er sich in seinem eigenen Wohnzimmer. Er trug ein blaues Polohemd. Beide Knöpfe waren geöffnet und enthüllten seinen gebräunten Hals. Eine verblichene Jeans umschmiegte seine muskulösen Schenkel. An den Füßen trug er Mokassins ohne Socken.

Er las die letzte Ausgabe der Studentenzeitung, und seine Augen waren von langen, dunklen Wimpern verborgen. Sie brauchte diese Augen nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie eine bemerkenswerte Mixtur an Farben aufwiesen. Ein silbergrauer Ring umgab die Pupille, und die Iris war von einem leuchtenden Grün, durchzogen von Meerblau. Und wie das Meer änderten seine Augen die Farbe. Sie funkelten grau wie Gewitterwolken oder dunkelblau wie der Abendhimmel oder geheimnisvoll grün wie der Ozean.

Kelly musterte ihn genauer, suchte nach Anzeichen von Alter, von Veränderung.

Er trug das goldblonde Haar länger, als sie es je gesehen hatte. Voll und wellig fiel es mehrere Zentimeter über den Kragen hinab. Sein Gesicht wies ausgeprägtere Fältchen auf, aber er sah besser aus denn je.

Er hatte immer sehr gut ausgesehen, schon bei ihrer ersten Begegnung, obwohl er damals an einem Kater gelitten hatte. Sie erinnerte sich so deutlich an jenen Morgen, als wären seitdem wenige Tage und nicht elf Jahre vergangen.

Auf Zehenspitzen hatte Kelly sich in das abgedunkelte Gästezimmer geschlichen, in dem der geheimnisvolle Kommilitone und Mitbewohner ihres Bruders Kevin schlief. Er lag ausgestreckt auf dem Bett, die langen Beine aufgedeckt, einen Arm auf der nackten Brust.

Er hieß T. Jackson Winchester der Zweite, und die Länge des Namens beeindruckte Kelly ebenso wie der rote Triumph Spitfire, mit dem er eingetroffen war.

Während sie sich erneut fragte, wofür das T. stehen mochte, schlich sie sich neugierig näher an das Bett und musterte ihn eingehend.

Er hatte furchtbar viele Muskeln. Kevin war achtzehn und hatte auch viele Muskeln, aber das hatte Kelly nie interessiert. Er war eben nur ihr Bruder, manchmal nervtötend, manchmal gemein, aber meistens witzig.

Doch dieser Typ war aufregend. Sie musterte sein schönes Gesicht und schluckte schwer. Er war einfach eine Wucht. Im Fernsehen oder Kino hatte sie so tolle Typen gesehen, aber noch nie von Angesicht zu Angesicht.

Er hatte eine lange, gerade Nase und ein markantes Kinn. Seine Haut war glatt und gebräunt. Seine Lippen waren weder zu schmal noch zu breit und selbst im Schlaf nach oben geschwungen, so als wäre ein Lächeln seine natürliche Miene.

Unwillkürlich fragte sie sich, welche Farbe seine Augen haben mochten – und seine Unterhose. Hastig schlug sie sich eine Hand vor den Mund, um ein Kichern zu unterdrücken, und wich zurück.

Sie war in dieses Zimmer gekommen, um ihre Steinsammlung zu holen. Leise ging sie zum Schrank und öffnete die Tür.

Oje! Ihre Mutter hatte den Rucksack auf das oberste Regal gelegt. Kelly war groß für ihre zwölf Jahre, doch so weit reichte sie nicht hinauf.

Sie schlich sich zu dem einzigen Stuhl im Zimmer, der an der anderen Wand unter dem Fenster stand. T. Jackson Winchester der Zweite hatte Jeans und Hemd über die Lehne gehängt, als er ins Bett gegangen – oder besser gesagt getorkelt – war. Er und Kevin hatten am vergangenen Abend irgendeine wilde Party besucht.

Mit gerümpfter Nase warf Kelly die Sachen, die nach kaltem Zigarettenrauch und Bier rochen, auf den Fußboden, und trug den schweren Stuhl vorsichtig zum Schrank. Doch sie übersah die Basketballschuhe, die im Weg lagen, stolperte und ging mit einem dumpfen Aufschlag und einem Aufschrei zu Boden.

Bevor sie sich aufrappeln konnte, ragte T. Jackson Winchester der Zweite vor ihr auf und fragte besorgt: „Bist du okay?“

Rot. Er trug rote Boxershorts. Als Kelly zu ihm aufblickte, fragte sie sich, ob es Zufall war oder ob er seine Unterwäsche immer der Farbe des Autos anglich, das er gerade fuhr.

„Hast du dir wehgetan?“, hakte er nach, während er ihr eine große, starke Hand reichte und ihr auf die Füße half.

Hastig ließ sie seine Hand wieder los. „Ich werde es überleben“, murmelte sie und beobachtete, wie er ein Glas Wasser vom Nachttisch nahm und in einem Zug austrank. „Igitt! Ist das nicht warm?“

„Es ist nass, und das allein ist wichtig.“ Er strich sich über das Gesicht und blickte sehnsüchtig zum Bett. „Wie spät ist es?“

„Kurz vor neun. Wie groß sind Sie eigentlich genau?“

Er sank auf das Bett und blickte sie belustigt an. „Genau? Einssechsundneunzigeinhalb.“

„Das ist aber ziemlich groß“, murmelte sie beeindruckt. „Ich bin übrigens Kelly O’Brian.“

T. Jackson Winchester der Zweite reichte ihr die Hand. „Es freut mich, dich kennenzulernen, Kelly O’Brian. Ich bin Jax, Kevins Zimmergenosse.“

Sie schüttelte seine Hand. „T. Jackson Winchester der Zweite. Ich weiß.“ Seine Augen waren grün und momentan rot geädert.

„Ich sehe schlimm aus, oder?“

Kelly nickte. „Sie sehen verdammt schlimm aus.“

Er lachte. „Du kannst mich ruhig duzen.“

„Okay. Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe: Ich wollte nur meinen Rucksack aus dem Schrank holen.“

Er blickte sich in dem unpersönlich eingerichteten Raum um. „Das ist doch nicht dein Zimmer, oder?“

„Nein. Ich habe nur ein paar Sachen im Schrank, weil meiner voll ist. Wofür steht das T?“

„Das was?“

„In deinem Namen. Und wieso nennst du dich Jacks? Das ist doch die Mehrzahl von Jack, oder? Gibt es etwa zwei von deiner Sorte?“

Er lachte laut und hielt sich dann den Kopf, der zu schmerzen schien. „Nein, es gibt nur einen. Es schreibt sich J-A-X. Das ist ein Spitzname.“

„Und das T?“

Er verzog das Gesicht. „Tyrone.“

„Oh.“

„Genau deshalb benutze ich nur die Initiale.“

„Tyrone“, sagte sie gedehnt. „Na ja, so schlimm ist das auch nicht. Aber ‚Jax‘ finde ich ziemlich komisch. Warum nennst du dich nicht einfach T. J.?“

„Schon vergeben. Mein Vater ist T. J.“

„Der Erste.“

„Richtig.“

„Bist du dann nicht eigentlich der Junior? Ich meine, ‚der Zweite‘ klingt ganz schön versnobt.“

Jax grinste und ging zum Schrank. „Wenn du mich fragst, ist an der Familie Winchester alles ziemlich versnobt.“

„Ich nenne dich einfach T.“, entschied sie. „Das gefällt mir besser als Jax.“

Er drehte sich zu ihr um. „Hör mal, wenn ich dir den Rucksack runterhole, lässt du mich dann weiterschlafen?“

Sie grinste. „Wenn du mir versprichst, mich nachher zu einer Spritztour in deinem Spitfire mitzunehmen.“

Er musterte sie von ihren jungenhaft kurzen Haaren über den Rollkragenpullover mit den zu kurzen Ärmeln und der zerrissenen Jeans bis hin zu den abgewetzten Cowboystiefeln. Er starrte sie so lange an, dass sie verunsichert von einem Fuß auf den anderen trat.

Seine Miene wurde ernst, und er blickte missbilligend an sich selbst hinab, so als würde ihm gerade erst bewusst, dass er halb nackt war. „Ich sollte wohl nicht in meiner Unterwäsche hier stehen und mit dir reden.“

„Ich habe Kevin schon ganz oft in Unterwäsche gesehen. Da ist nichts dabei.“

„Er ist ja auch dein Bruder. Ich bin es nicht.“ Er grinste. „Irgendwie ahne ich, dass es deinem Vater nicht gefallen würde, und ich möchte nicht zu einer Hochzeit gezwungen werden, so hübsch du auch bist.“

Kelly errötete. „Blödmann“, murrte sie. „Ich weiß genau, wie ich aussehe.“ Sie war eine dürre, jungenhafte Bohnenstange. Mit sehr viel Fantasie hätte sie ihre Augen als hübsch bezeichnen können, aber auch nur die Augen.

Jax deutete in den Schrank. „Ist das da der Rucksack, den du brauchst?“

Sie nickte.

Er schwang den Rucksack herab, der schwerer als erwartet war und ihn taumeln ließ. „Was hast du denn da drin? Steine?“

Sie nickte. „Das ist meine Sammlung.“

„Du beschäftigst dich mit Geologie?“, hakte er überrascht nach. „Zeigst du mir nachher deine Sammlung?“

„Ja.“ Sie wandte sich zur Tür. Mit einer Hand auf der Klinke drehte sie sich noch einmal um. „T. Jackson Winchester der Zweite, du bist kein Snob. Ich mag dich. Mein Bruder hat Glück, dass er dich als Mitbewohner gekriegt hat.“

„Ich mag dich auch, Kelly. Und ich habe Glück, dass ich einen Mitbewohner mit einer Schwester wie dir gekriegt habe.“

Nun ließ Kelly die Lamelle der Jalousie los und stellte fest, dass sie die Zettel in ihrer Hand zerknüllt hatte.

„He, Erde an Kelly“, hörte sie Marcy sagen. „Jetzt habe ich dich schon drei Mal gefragt, wer das ist.“

Das war eine gute Frage. Ein Jugendfreund? Ein Freund der Familie? Ein Beinahegeliebter? „Er war der Mitbewohner meines Bruders im College.“ Abrupt drehte sie sich zu Marcy um. „Tu mir einen Gefallen. Sag ihm, dass ich gerade angerufen und dir gesagt habe, dass ich heute nicht mehr komme.“

Marcy starrte sie entgeistert an. „Und über welches Telefon hast du angeblich angerufen? Das, das lautlos klingelt?“

„Dann sag ihm, dass du mich angerufen hast.“

Marcy verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe zwar keine fünf Minuten mit ihm geredet, aber ich habe gemerkt, dass er kein Idiot ist. Wenn ich irgendwelche Ausreden vorbringe, merkt er sofort, dass du vor ihm wegläufst. Und ein Typ wie der da tut normalerweise nur eins, wenn wer vor ihm wegläuft: Er nimmt die Verfolgung auf. Wenn du also nicht willst, dass er dir durch die ganze Stadt nachläuft – wogegen ich an deiner Stelle nichts einzuwenden hätte – dann hol jetzt lieber tief Luft und geh mit ihm reden.“

2. Kapitel

Jax starrte auf die Studentenzeitung, ohne darin zu lesen. Er versuchte, die nächste Szene für das Buch zu entwerfen, das er gerade schrieb, doch nicht einmal darauf konnte er sich konzentrieren. Er war nervös. Was war, wenn Kelly nicht auftauchte? Was war, wenn sie auftauchte?

Sieben Jahre waren seit ihrem Schulfest vergangen. Sieben lange, vergeudete Jahre.

Er wünschte, die Zeit zurückdrehen und alles anders machen zu können. Nun, nicht alles. Aber mit Sicherheit hätte er auf den Trip nach Mittelamerika verzichtet, der als zehntägige Informationsreise begonnen und sich zu einem zwanzig Monate andauernden Albtraum entwickelt hatte.

Er atmete tief durch. In der vergangenen Nacht hatte er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder von dem Gefängnis in Mittelamerika geträumt.

Doch daran wollte er nicht denken. Es war besser, sich auf Kelly zu konzentrieren. Sieben Jahre waren eine lange Zeit. Sie musste sich ebenso sehr verändert haben wie er.

Doch seit Kevin ihn am Vortag angerufen und ihm mitgeteilt hatte, dass sie inzwischen geschieden war und ihr Studium wieder aufgenommen hatte, fühlte Jax sich wieder wie zweiundzwanzig. Sein Optimismus und seine Hoffnungen waren wieder aufgekeimt.

Kelly war zurück in Boston. Sie war wieder Single, und sie war nicht mehr zu jung.

Im Geiste sah er sie vor sich, wie sie bei ihrer ersten Begegnung ausgesehen hatte. Sie war erst zwölf gewesen, aber mit ihrer Intelligenz und ihrem trockenen Humor hatte sie reif und weise wie eine erwachsene Frau gewirkt.

Und seine Gefühle für sie waren im Laufe der Zeit ebenso herangewachsen wie sie.

Er hatte viel Zeit mit den O’Brians verbracht. Sie waren zwar wesentlich ärmer als seine Eltern, aber in seinen Augen waren die Winchesters die Verlierer.

Nolan und Lori O’Brian waren schon damals zwanzig Jahre verheiratet gewesen, aber sie liebten einander immer noch, und sie liebten ihre Kinder. Sie hatten Kevin und Kelly keine teuren Geschenke machen und ihnen nicht einmal das Studium ohne Stipendium finanzieren können, aber an Liebe mangelte es nicht in ihrer Familie.

Und sie hatten Jax mit offenen Armen in ihrem bescheidenen Heim aufgenommen, in dem stets Liebe und Frohsinn regierten.

Er hatte sogar einen ganzen Sommer bei ihnen verbracht, und es war der wundervollste Sommer, den er je erlebt hatte.

Kelly war damals vierzehn gewesen. Ihr hochgewachsener, schlaksiger Körper war nicht länger dürr gewesen, sondern gertenschlank, und sie hatte sich die Haare wachsen lassen.

Sie hatte ihn noch immer „T.“ oder manchmal sogar Tyrone genannt. Sie war die einzige Person im ganzen Universum, der er es durchgehen ließ.

Den gesamten Sommer über war er kein einziges Mal ausgegangen, sondern hatte fast jeden Abend im Kreis der Familie verbracht. Aber hätte ihn damals jemand beschuldigt, mehr als platonische Gefühle für Kelly zu hegen, hätte er sich auf das Schärfste dagegen verwahrt. Schließlich war er ein zweiundzwanzigjähriger Mann und sie noch ein Kind gewesen.

Erst zwei Jahre später, an jenem Abend, als ihr Schulfest stattgefunden hatte …

„T. Jackson Winchester der Zweite.“

Kellys kehlige Stimme durchdrang seine Gedanken, und er blickte auf in ihre vertrauten blauen Augen. Er zwang sich, seine Unruhe zu verbergen. Langsam legte er die Zeitung beiseite, stand auf und lächelte sie an.

Sie war noch wundervoller geworden als bei ihrer letzten Begegnung vor vier Jahren auf Kevins Hochzeit.

Ihre Augen waren von einem dunklen Blau und wundervoll geformt. Ihr Teint war zart und hell, hob sich von ihren dunkelbraunen Haaren und langen dunklen Wimpern ab. Ihr Gesicht war herzförmig, mit einem kleinen, aber eigenwilligen Kinn und einer perfekten Nase. Schon als Mädchen war sie bemerkenswert hübsch gewesen, doch als Frau war sie geradezu atemberaubend.

„Kelly.“ Es war kaum mehr als ein Flüstern.

„Wie geht es dir?“, fragte sie. „Was tust du hier?“

Jax räusperte sich und strich sich durch das Haar. „Ich bin geschäftlich hier.“ Es war nicht völlig gelogen. Er hätte es auch telefonisch erledigen können, aber … „Ich dachte, ich komme einfach mal vorbei und lade dich zum Dinner ein. Ich habe erst gestern von Kevin erfahren, dass du wieder in Boston bist.“

Als sie ihm in die Augen blickte, wurde ihr bewusst, wie wenig er sich geändert hatte. Er wirkte immer noch so ausgeglichen und zuversichtlich, charismatisch und charmant wie eh und je.

Lächelnd erwiderte er ihren Blick. „Also, gehst du mit mir essen?“

Es war Plan „A“. Er wollte sie an diesem wie an den folgenden Abenden ausführen und ihr bewusst machen, wie gut sie sich verstanden, dass ihre Freundschaft all die Jahre der Trennung überlebt hatte. Dann wollte er sie wissen lassen, dass er sich mehr als Freundschaft erhoffte, und ihr am Wochenende schließlich einen Heiratsantrag machen. Wenn man bedachte, dass er sie bereits seit ihrem zwölften Lebensjahr umwarb, war es kein überstürztes Vorgehen.

Kelly schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht.“

Die Möglichkeit, von ihr abgewiesen zu werden, hatte er nicht in Erwägung gezogen. Obwohl es ein heißer Tag war, fröstelte ihn plötzlich. Kam er wieder zu spät? „Bist du liiert?“

Sie wandte den Blick ab. „Nein.“

Er bemühte sich sehr, seine Erleichterung zu verbergen.

„Es ist nur … einfach nicht nötig, dass du mich ausführst“, erklärte sie.

Jax lachte. „Das sagt wer?“

Sie seufzte. „Ich weiß, dass Kevin dich angerufen hat, weil er besorgt um mich ist. Ich war in letzter Zeit etwas niedergeschlagen. Ich bin gerade geschieden worden und habe das Recht, deprimiert zu sein. Ich bin in der Überzeugung erzogen worden, dass eine Ehe von Dauer ist, aber Brad und ich haben es nicht mal drei Jahre ausgehalten.“

Ihre Miene verriet ihm, wie unglücklich sie war. Ein weiterer Aspekt, den er in seinen Plänen nicht berücksichtigt hatte. „Liebst du ihn noch?“, fragte er sanft.

Sie blickte zu ihm auf. Tränen füllten ihre Augen. „Weißt du, was das wirklich Dumme daran ist, T.?“

Stumm schüttelte er den Kopf.

„Ich glaube, ich habe ihn nie geliebt.“

Eine Träne rann über ihre Wange, und er konnte nicht umhin, sie mit dem Daumen wegzuwischen.

Sie wich zurück. „Nicht.“

„Entschuldige. Es tut mir leid.“

Kelly wischte sich mit dem Handrücken über die Wange und brachte ein zittriges Lächeln zustande. „Du hältst mich bestimmt für ein totales Wrack.“

„Ich glaube, du könntest einen Freund gebrauchen.“

„Ja, das könnte ich. Aber nicht dich, Tyrone. Nicht diesmal.“

„Warum nicht?“

Sie schien ihn nicht gehört zu haben. „Sag Kevin, dass alles okay ist. Es wird mir bald wieder gut gehen. Und es wird mir wesentlich schneller wieder gut gehen, wenn du nicht um mich herumlungerst, um meinem Bruder einen Gefallen zu tun.“

„Ich bin nicht hier, um Kevin einen Gefallen zu tun.“

„Tja, nun, es wäre nicht das erste Mal, oder?“

Jax lachte, doch dann wurde er schlagartig ernst, als ihm bewusst wurde, was sie meinte. „Oh Gott! Du hast Kevin geglaubt, was er am Morgen nach dem Schulfest gesagt hat?“

„Natürlich habe ich ihm geglaubt. Du hast es nicht geleugnet.“ Sie wandte sich dem Hinterzimmer zu. „Ich muss jetzt gehen.“

„Kelly, warte …“

Doch schon war sie fort.

Jax stand lange Zeit da, obwohl er wusste, dass sie das Gebäude durch die Hintertür verlassen hatte und nicht zurückkehren würde.

So viel also zu Plan „A“.

Jax klappte seinen Laptop auf, schaltete ihn ein und schob die mit „Jared“ benannte Diskette hinein.

Es war ein historischer Roman, der in der Zeit des Bürgerkriegs spielte. Er hatte schon mehrere Bücher über diese Epoche geschrieben, sodass diesmal nur minimale Recherchen erforderlich gewesen waren. Zudem war ihm die Story extrem vertraut. Die Arbeit ging ihm gut von der Hand. Nach lediglich einer Woche hatte er bereits 163 Seiten verfasst. Schnell überflog er die letzten Zeilen, bevor er zu tippen begann.

Düster starrte Jared auf das schwere, schmiedeeiserne Tor, das ihn von Sinclair Manor trennte. Es war bei Einbruch der Dunkelheit verschlossen worden, genau wie an jedem Abend. Erst am Morgen würden die Diener es wieder öffnen.

Jareds Blick wanderte durch die Dunkelheit zu dem hell erleuchteten Herrenhaus auf dem Hügel. Er wusste ohne jeden Zweifel, dass er dort nicht länger willkommen war, ob bei Tag oder bei Nacht. Dieses Tor war ihm für immer verschlossen.

Doch Carrie war in diesem Haus, und er war fest entschlossen, zu ihr zu gelangen. Mühelos erklomm er den Zaun und sprang auf der anderen Seite zu Boden.

Er hatte Carrie ein Versprechen gegeben, und er war wild entschlossen, dieses Versprechen zu halten.

Im Schutz der Bäume schlich er zum Haus. Seine entschlossene Miene ließ ihn geradezu grimmig aussehen.

Sein Blick glitt zu Carries Fenster.

„Moment mal“, murmelte Jax und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Wo willst du denn hin?“

Im Geiste sah er Jared mit ungehaltener Miene vor sich stehen, hörte ihn entschieden erwidern: „Ich gehe zu Carrie.“ Und nichts wird mich aufhalten, sagte sein Blick.

„Oh nein. Nach meinem Konzept triffst du dich morgen mit ihr in der Laube.“

„Aber nicht sie wird kommen, sondern ihr Bruder Edmund, von dem ich mich wieder zusammenschlagen lassen muss, weil ich nicht die Hand gegen ihn erhebe, der mal mein bester Freund war. Ich habe genug davon, und deinen Lesern wird es genauso gehen. Es ist an der Zeit für etwas Sex.“

Jax seufzte. Was nun? Seine Helden waren alle gleich. Sie alle liebten die Heldinnen voller Verzweiflung und Ungeduld und konnten nicht begreifen, warum das Leben ihrem Happy End alle möglichen Hindernisse in den Weg räumte.

„Ich liebe Carrie“, argumentierte Jared, „und sie liebt mich. Ich würde niemals ohne sie auf ein Schiff nach Europa gehen. Das passt überhaupt nicht zu mir.“

„Doch. Wenn du überzeugt bist, dass es das Beste für sie ist.“

Jared schüttelte entschieden den Kopf. „Sprichst du von Carrie oder Kelly? Bring diesen Roman nicht mit deinem eigenen Leben durcheinander.“

„Du willst also in ihr Zimmer klettern und mit ihr schlafen?“

Jared nickte.

„Und du willst sie aus dem Haus schmuggeln und mit nach Europa nehmen?“

Jared nickte erneut.

„Womit willst du Geld verdienen?“, wandte Jax ein. „Sie ist an einen gewissen Luxus gewöhnt.“

„Ich weiß, dass sie mich mehr liebt als Geld. Solange wir zusammen sind, ist sie glücklich.“

„Du bist zu perfekt. Ich muss dir ein paar Mängel geben.“

„Ich bin schon zu einem Viertel Indianer und bettelarm. Sind das nicht genug ‚Mängel‘?“

„Nein. Das Buch soll mehr als hundertsiebzig Seiten haben.“

Jareds Miene erhellte sich. „Ich habe eine gute Idee: Wie wäre es mit hundert Seiten Sex?“

Jax lachte laut auf. „Ganz schön scharf heute, wie?“

„Seit der ersten Seite versuche ich schon, mit Carrie zu schlafen. Zwei Mal bin ich kurz davor, aber im letzten Moment verhinderst du es wieder. Komm schon, ich halte es nicht länger aus.“

„Also gut“, gab Jax sich geschlagen und schrieb weiter.

Einen Moment später kletterte Jared am Spalier hinauf, ungeachtet der Rosendornen, die ihm die Hände zerkratzten.

Das Fenster stand offen, und er stieg behände hinein. Sobald seine Füße den Boden berührten, wurde ihm klar, dass etwas nicht stimmte. Das Bett war abgezogen, das Bücherregal ebenso leer wie die Kommode. Er stürmte zum Kleiderschrank und riss ihn auf. Ebenfalls leer.

„Suchst du etwas?“

Jared wirbelte herum und sah Edmund, Carries Bruder, mit höhnischer Miene in der Tür stehen.

„Oder jemanden?“

„Wo ist sie?“, verlangte Jared zu wissen.

„Fort. Mein Vater hielt es für angebracht, sie für eine Weile zu Verwandten zu schicken. Seltsam, ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, ob sie nach Vermont oder Connecticut gefahren ist. Oder vielleicht war es Maine.“

Mit zwei langen Schritten stürmte Jared zu Edmund. Er holte aus, schlug ihn, seinen ehemals besten Freund, mitten ins Gesicht, und verschwand ohne ein Wort durch das Fenster.

Jax grinste. Den Verlauf dieser Szene hatte er eigentlich anders geplant, aber es gefiel ihm so, und er beschloss, nichts daran zu ändern.

Jax parkte seinen Sportwagen am Straßenrand vor Kellys Apartment, blickte zum Haus hinauf und sah Licht in ihren Fenstern. Er stieg aus und nahm die Tüte, die er aus dem chinesischen Restaurant um die Ecke geholt hatte.

Wenn Kelly nicht mit ihm zum Dinner gehen wollte, dann kam das Dinner eben zu ihr.

Sie wohnte im ersten Stock eines Dreifamilienhauses, in einem ruhigen Wohnviertel am Stadtrand. Er erklomm die Stufen zur Veranda, drückte auf die mittlere der drei Klingeln und wartete.

Der Abend war warm, und er lehnte sich an die Brüstung und beobachtete die Kinder, die auf dem Bürgersteig Fahrrad fuhren.

Dann ging die Verandabeleuchtung an, die Tür öffnete sich, und Kelly erschien.

Sie trug Jeansshorts und ein knappes T-Shirt, und das Haar fiel ihr locker auf den Rücken hinab. Mit einem verlegenen Lächeln trat sie zu ihm. Ihre Füße waren nackt, und er verspürte eine Woge des Verlangens, als er den Blick an ihren langen Beinen hinaufgleiten ließ.

Sie setzte sich auf die oberste Stufe und schlang die Arme um die angezogenen Knie. „Warum überrascht es mich nicht, dich zu sehen?“

„Du hast mich erwartet?“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Es ehrt mich, dass du dich für mich in Schale geworfen hast.“

„Sag bloß nicht, dass du nicht auch lieber Shorts anhättest.“

„Du hast recht.“ Lächelnd musterte er sie. Er verspürte den Drang, ihre seidig glänzenden Haare zu streicheln. Stattdessen umklammerte er die Brüstung. „Wie lange hat es gedauert, die Haare so lang wachsen zu lassen?“

„Ich habe vier Jahre lang nur die Spitzen schneiden lassen. Aber ich habe vor, sie in diesem Sommer radikal kurz zu tragen.“

„Radikal?“

Kelly lachte. „Ja, ich will mir den Nacken ausrasieren lassen.“ Sie hob die Haare hoch und drehte sie zusammen, um ihm zu zeigen, wie es aussehen würde.

Sehnsüchtig musterte er ihren Nacken. Ihm gefielen ihre langen Haare, aber eine Kurzhaarfrisur würde ihr hübsches Gesicht und ihren langen, schlanken Hals betonen. „Ich glaube, es würde toll aussehen.“

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