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Vier Männer um Honey

Wenn Honey gelegentlich schwindelig wird, dann liegt das nicht an den Folgen ihres Autounfalls, sondern an den sexy Hudson-Brüdern, die sie gerettet haben. Vor allem der umwerfend attraktive Sawyer lässt ihren Puls rasen! Dumm nur, dass Honey ihm nicht vertrauen kann …
  • Erscheinungstag: 02.11.2015
  • Seitenanzahl: 137
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955765477
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

LORI FOSTER

Ein Traummann kommt selten allein

Vier Männer um Honey

 

Image

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2012 by MIRA Taschenbuch
in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Sawyer

Copyright © 2000 by Lori Foster

erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Titelabbildung: whiteisthecolor/iStock

eBook-Herstellung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN eBook 9783955765477

www.mira-taschenbuch.de

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1. KAPITEL

Einen Augenblick zuvor hatte Sawyer noch die Spätnachmittagssonne genossen und gespürt, wie der Schweiß auf seinen Schultern und seinem Hals trocknete, ehe er ihn wegwischen konnte.

Und dann war sie plötzlich da.

Er hatte gerade zu seinem Sohn Casey gesehen, der mit seinen fünfzehn Jahren groß und stark war und schon so hart arbeitete wie ein Mann. Stolz hatte Sawyer gelächelt.

Die letzten beiden Wochenenden hatte er mit Patienten zugebracht, und es hatte ihm gefehlt, mit Casey im Freien zu arbeiten, bis die körperliche Anstrengung ihn ermüdete.

Die Luft war erfüllt von Sommerdüften. Sawyer legte ein weiteres Brett zum Ausbessern des Zauns an und nagelte es fest. Der warme Wind fuhr ihm durch die Haare. Er atmete tief ein und dachte, wie herrlich das Leben war.

In diesem Moment schrie sein Sohn: “Oh, verdammt!”

Überrascht drehte Sawyer sich in die Richtung, in die sein Sohn mit dem Hammer zeigte. Eine Limousine raste mit halsbrecherischer Geschwindigkeit den unbefestigten Weg entlang, der an ihr Grundstück grenzte. Die letzte Kurve am Ende, die sich sanft in die Hügel Kentuckys schmiegte, war scharf. Der Wagen würde niemals heil hindurchkommen.

Sawyer erhaschte nur einen flüchtigen Blick auf das blasse, erschrockene Frauengesicht hinter dem Steuer, bevor der Wagen mit quietschenden Reifen und Staub aufwirbelnd in den frisch reparierten Zaun krachte. Mit einem Hechtsprung brachte Sawyer sich vor dem splitternden Holz und den umherfliegenden Nägeln in Sicherheit. Durch den Schwung flog der Wagen durch die Luft, bevor er einige Meter weiter scheppernd auf der Wiese landete und mit der Motorhaube voran in den See rollte. Der vordere Teil des Wagens sank unter Wasser, während der hintere Teil noch auf festem Boden stand.

Sawyer und Casey standen sekundenlang wie erstarrt da, bevor sie zum Ufer des Sees rannten. Ohne zu zögern, watete Casey ins hüfttiefe Wasser und spähte durch das Fenster der Fahrertür. “Es ist ein Mädchen!”

Sawyer drängte ihn zur Seite und schaute selbst hinein. “Mädchen” war nicht ganz die passende Bezeichnung für die bewusstlose Frau im Innern des Wagens. Mit raschen Blicken musterte er sie von Kopf bis Fuß. Als Arzt suchte er nach Anzeichen von Verletzungen, doch als Mann registrierte er ihre wundervollen Rundungen. Er schätzte die Frau auf Mitte zwanzig. Sie war sehr zierlich, aber eindeutig mit allen weiblichen Attributen ausgestattet.

Zum Glück war das Fenster offen, sodass er leicht an sie herankam. Doch das Wasser drang rasch in den Wagen ein und reichte ihr bereits bis zu den Schienbeinen.

“Lauf zum Pick-up, und ruf Gabe an. Sag ihm, er soll uns vor dem Haus erwarten!”

Casey rannte davon, während Sawyer die Situation einschätzte. Die Frau war bewusstlos, ihr Kopf über das Lenkrad gesunken, ihr Körper schlaff. Auf dem Rücksitz stapelten sich zugeklebte Pappkartons und Gepäck. Einige von den Sachen waren durch den Unfall nach vorn gegen die Frau geschleudert worden. Ein paar offene Körbe waren umgekippt, und ihr Inhalt – Nippes, Bücher und gerahmte Fotos – lag verstreut herum. Offenbar hatte sie für eine lange Reise gepackt – oder für einen Umzug.

Sawyer nahm ihre Hand und stellte fest, dass der Puls der Fremden normal und ihre Haut warm war.

Es kostete einige Mühe, die Fahrertür aufzubekommen. Wäre der Wagen noch tiefer in den See geraten, hätte er sie nicht mehr öffnen können. Noch mehr Wasser strömte herein. Die Frau stöhnte, drehte den Kopf und stieß sich vom Lenkrad ab, bevor sie dann erneut nach vorn fiel. Ihre Bewegungen zeigten Sawyer, dass sie keine Rücken- oder Nackenverletzungen hatte. Nachdem er die auf sie gefallenen Sachen weggeräumt hatte, überprüfte er ihre Arme, Ellbogen, Handgelenke und Schultern. Dann fuhr er mit seinen Händen über ihre Beine, die in Jeans steckten. Auch dort fand er keine Verletzungen vor. Sie teilte die Lippen und stöhnte vor Schmerz. Skeptisch untersuchte Sawyer die größer werdende Beule an ihrem Kopf. Es gefiel ihm gar nicht, dass sie noch immer bewusstlos war. Ihre Haut fühlte sich ein wenig zu warm an, fast fiebrig.

Casey rannte wieder zu ihm ins Wasser und verursachte kleine Wellen, die gegen Sawyers Hüfte schwappten. Besorgt betrachtete er das Gesicht der Frau. “Gabe bot an, dir deine Tasche zu bringen, aber ich habe ihm gesagt, dass ich ihn wieder anrufe, falls du sie brauchst.” Casey flüsterte, als hätte er Angst, die Frau zu stören. “Wir nehmen sie mit ins Haus, oder?”

“Sieht ganz so aus.” Falls sie unterwegs nicht wieder zu Bewusstsein kam, würde er sie ins Krankenhaus bringen. Er würde entscheiden, was zu tun war, sobald er das Ausmaß ihrer Verletzungen untersucht hatte. Doch eins nach dem anderen. Zuerst musste er sie aus dem Wagen und dem kalten Wasser herausbekommen.

Zum Glück waren sie nicht allzu weit vom Haus entfernt. Sawyer besaß fünfundzwanzig Hektar Land, dicht mit Bäumen, Büschen und Wildblumen bewachsen. Ein langer Abschnitt des Sees, der schmal wie ein Fluss war, gehörte zum hinteren Ende seines Besitzes. Die fünf Hektar, die das Haus umgaben und an den See grenzten, bestanden aus Rasen. Ein unbefestigter Weg, auf dem sie oft mit dem Pick-up an den See fuhren, um zu schwimmen oder zu angeln, schlängelte sich zu der kleinen Bucht hinunter. Heute waren sie hergefahren, um den Zaun zu reparieren.

Ein schiefes Lächeln erschien auf Sawyers Gesicht. Dank der Lady war die Reparatur des Zaunes nötiger denn je.

Vorsichtig schob er einen Arm unter ihre Beine und einen hinter ihren Rücken. Ihr Kopf fiel an seine nackte, schweißbedeckte Schulter. Ihr Haar war honigblond, mit einigen von der Sonne gebleichten helleren Strähnen, die ihr Gesicht einrahmten. Es duftete nach Sommer und Sonne. Sawyer atmete unwillkürlich tief ein. Ihr Haar war so lang, dass es über den Sitz schleifte, als er sie aus dem Wagen hob. “Schnapp dir ihre Handtasche und die Wagenschlüssel. Dann hol das Hemd, das ich beim Zaun gelassen habe.” Er musste sie unbedingt zudecken, und zwar nicht nur wegen der Kälte des Wassers.

Fast schämte er sich, es zuzugeben, doch er hatte sofort bemerkt, dass ihr weißes T-Shirt durch das Wasser so gut wie durchsichtig geworden war. Außerdem trug sie keinen BH.

Auch mit klitschnasser Kleidung wog die Frau fast nichts. Trotzdem war es schwer, mit ihr auf dem Arm die Böschung hinaufzusteigen, ohne sie noch mehr durchzuschütteln. Eine ihrer Sandaletten hatte sie im Autowrack verloren, die andere fiel jetzt ins Wasser. Der Schlamm quietschte unter Sawyers Stiefeln und bot nur unsicheren Halt. Casey watete zunächst voraus und hielt dann Sawyers Ellbogen, um ihn zu stützen. Sobald sie alle an der grasbewachsenen Uferböschung waren, rannte Casey los, um das Hemd zu holen. Er half Sawyer, es ihr um die Schultern zu legen, wobei Sawyer sie so an seine Brust gedrückt hielt, dass der Anblick ihres durchsichtigen T-Shirts seinen Sohn nicht in Verlegenheit bringen konnte.

“Soll ich fahren?” Casey lief, ohne zu stolpern, rückwärts und ließ die Frau nicht aus den Augen.

“Ja, aber langsam. Fahr nicht unnötig durch Schlaglöcher, verstanden?”

Casey lernte gerade erst das Fahren und nutzte jede Gelegenheit, um sich hinters Steuer zu setzen.

“Kein Problem, ich werde …” Er verstummte, da die Frau sich bewegte und eine Hand an die Stirn hob.

Sawyer blieb stehen, betrachtete ihr Gesicht und wartete darauf, dass sie vollständig zu Bewusstsein kam. “Ganz ruhig.”

Sie hatte lange, dichte Wimpern, die jetzt flatterten, bevor sie die Augen langsam öffnete und direkt in seine sah. Ihre waren von einem tiefen Blau.

Mehrere Dinge gleichzeitig wurden Sawyer bewusst: ihr beschleunigter Atem an seinem Hals, ihre festen Oberschenkel an seinen nackten Armen, ihre Brüste, die sich durch den nassen Baumwollstoff des T-Shirts an seine Brust schmiegten. Er fühlte den gleichmäßigen Herzschlag der Frau und wie sich ihr Körper anspannte. Ein sinnlicher Schauer durchlief ihn, was angesichts der Umstände eine völlig unpassende Reaktion war. Schließlich war er Arzt und nahm normalerweise eine Frau nicht einmal als solche wahr, wenn medizinische Hilfe erforderlich war.

Doch jetzt tat er es unwillkürlich. Diese Frau in den Armen zu halten war etwas ganz anderes, und er reagierte nicht wie ein Arzt auf sie, sondern wie ein Mann. So etwas war ihm noch nie passiert, und es verwirrte ihn und machte ihn beinah verlegen. Einen Moment lang, während sie sich ansahen, war es ganz still.

Und dann gab sie ihm eine Ohrfeige.

Obwohl sie völlig kraftlos war und ihre Hand ihn kaum streifte, war Sawyer so perplex, dass er sie um ein Haar fallen gelassen hätte. Während Casey verblüfft zusah und keine Anstalten machte, ihm zu helfen, hatte Sawyer Mühe, mit der zappelnden Frau auf dem Arm das Gleichgewicht zu behalten.

Aus reinem Selbstschutz stellte er sie auf den Boden, musste sie jedoch festhalten, da sie schwankte. Sie wäre gestürzt, wenn Casey und er sie nicht gestützt hätten – was allerdings erneut zur Folge hatte, dass sie nach den Männern schlug.

“Nein!”, rief sie mit rauer, krächzender Stimme, als bekäme sie in ihrer Panik nichts anderes heraus.

“He, ganz ruhig”, sagte Sawyer beschwichtigend. “Es ist alles in Ordnung.”

Sie versuchte wieder nach ihm zu schlagen, doch er wich aus, sodass sie herumwirbelte und Caseys Schulter traf. Erschrocken sprang Casey zurück und rieb sich den Arm.

Genug war genug.

Sawyer schlang von hinten die Arme um sie, sowohl um sie zu stützen, als auch um sie festzuhalten. “Ganz ruhig, es ist alles in Ordnung.” Sie wirkte desorientiert. “Beruhigen Sie sich, bevor Sie sich noch selbst wehtun.”

Seine Worte riefen nur noch mehr Zappeln hervor, das jedoch wirkungslos blieb.

“Lady”, flüsterte er sanft, “Sie machen meinem Sohn Angst.”

Erschrocken sah sie zu Casey, der jung und kräftig aussah, aber keineswegs ängstlich.

Sawyer lächelte und fuhr im gleichen ruhigen Ton fort: “Jetzt hören Sie mir zu, ja? Ihr Wagen ist in unserem See gelandet, und wir haben Sie herausgefischt. Sie waren bewusstlos. Höchstwahrscheinlich haben Sie eine Gehirnerschütterung, zusätzlich zu allem, was Ihnen sonst noch fehlt.”

“Lassen Sie mich los.”

Sie zitterte am ganzen Körper, zum Teil wegen des Schocks, zum Teil wegen ihrer Verletzung. “Wenn ich Sie loslasse, werden Sie hinfallen. Oder Sie gehen wieder auf meinen Sohn los.”

Sie schien noch mehr in Panik zu geraten und schüttelte wild den Kopf. “Nein.”

Nach einem Blick auf Sawyer streckte Casey beide Arme aus. “He, Lady, mir ist nichts passiert. Sie haben mir nicht wehgetan. Wirklich. Dad will Ihnen nur helfen.”

“Wer sind Sie?”

Diese Worte waren nicht an Casey gerichtet, sondern an Sawyer. Obwohl er sie stützte, schwankte sie. “Sawyer Hudson, Ma’am”, antwortete er. “Mir gehört dieses Land. Mir und meinen Brüdern. Wie ich schon sagte, Sie sind in meinem See gelandet. Ich bin Arzt und werde Ihnen helfen.” Er wartete darauf, dass sie sich ebenfalls vorstellte. Doch von ihr kam nichts.

“Lassen Sie mich los.”

Langsam, ohne den Griff zu lockern, drehte er sich mit ihr zum See um. “Sehen Sie Ihren Wagen? Damit können Sie ohnehin nirgendwo mehr hinfahren, Honey. Nicht ohne Abschleppwagen und einige größere Reparaturen.”

Sie erstarrte. “Sie kennen meinen Namen.”

Er verstand nicht, was sie meinte. Doch er kannte sich mit Schocks aus. “Noch nicht, aber bald. Und jetzt …” Er hielt inne, da sie leichenblass wurde und sich eine Hand vor den Mund presste. Rasch ließ er sie auf die Knie sinken und hielt sie von hinten fest. “Ist Ihnen übel?”

“O Gott!”

“Atmen Sie ein paar Mal tief durch. Ja, genau so.” Zu Casey gewandt, meinte er: “Hol Wasser.” Sein Sohn rannte mit langen Schritten los.

Dann sagte Sawyer mit beruhigender Stimme: “Ihnen ist übel wegen des Aufpralls mit dem Kopf.” Zumindest glaubte er, dass das die Ursache war. Sie fühlte sich außerdem fiebrig an, was jedoch nicht auf eine Gehirnerschütterung zurückzuführen sein konnte. Nachdem er eine Weile beobachtet hatte, wie sie tief durchatmete, fragte er: “Besser?”

Sie nickte. Ihr langes blondes Haar verbarg ihr Gesicht wie hinter einem seidenen Vorhang. Er strich ihre Haare zur Seite, damit er ihr Gesicht sehen konnte. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Lippen zusammengekniffen. Casey kam mit der Wasserflasche, und Sawyer hielt sie ihr an die Lippen. “Trinken Sie ein paar Schlucke. Ja, so ist es gut. Schön langsam.” Er sah, wie sie um Beherrschung rang, und hoffte, dass ihre Übelkeit nachließ. “Lassen Sie uns aus der heißen Sonne gehen, einverstanden?”

“Ich brauche meinen Wagen.”

Erinnerte sie sich nicht daran, dass sie in den See gefahren war? Sawyer runzelte die Stirn. “Kommen Sie, ich werde Sie ins Haus bringen, Sie abtrocknen und Ihrem Magen die Gelegenheit geben, sich zu beruhigen. Einer meiner Brüder wird Ihren Wagen aus dem Wasser ziehen und dafür sorgen, dass er in die Werkstatt kommt, um …”

“Nein!”

“Was nein?”, fragte er, inzwischen leicht gereizt.

“Nein, ich will nicht, dass der Wagen abgeschleppt wird.”

“Na schön.” Sie wirkte, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen. Ihr Gesicht war gerötet, ihre Lippen waren farblos. Am wichtigsten war es jetzt, erst einmal festzustellen, wie schwer sie verletzt war. Daher probierte er eine neue Taktik aus. “Was halten Sie davon, wenn Sie mit in mein Haus kommen und erst mal trocken werden? Sie können das Telefon benutzen und jemanden anrufen, der Ihnen hilft.”

Ihre Nasenflügel bebten, als sie tief die Luft einsog. Dann begann sie zu husten. Sawyer lockerte den Griff und hob ihre Arme über den Kopf, um ihr das Atmen zu erleichtern. Sobald sie sich beruhigt hatte, schloss er sie erneut in die Arme, um sie zu wärmen, da sie immer noch zitterte.

Sie schluckte und fragte: “Wieso wollen Sie mir helfen? Ich glaube Ihnen nicht.”

Ihre offenkundige Angst machte ihn neugierig. Sawyer sah zu Casey, der ebenso verwirrt schien wie er, und versuchte zu entscheiden, was er als Nächstes tun sollte. Die Frau nahm ihm diese Entscheidung ab.

“Wenn … wenn Sie mich gehen lassen, gebe ich Ihnen Geld.”

Er zögerte nur kurz, bevor er Casey befahl: “Los, hol den Wagen.”

Erneut versteifte sie sich, schloss die Augen und flüsterte: “Nein.”

Entschlossen half er ihr auf die Beine und führte sie behutsam, damit sie nicht stolperte. “Ich fürchte, ich kann Sie in Ihrem Zustand nicht allein lassen.”

“Was werden Sie tun?”

“Sie haben die Wahl. Entweder kommen Sie mit zu mir nach Hause, oder ich bringe Sie ins Krankenhaus. Entscheiden Sie sich. Ich werde Sie hier jedenfalls nicht allein lassen.”

Sie machte noch zwei weitere schleppende Schritte, dann hielt sie sich den Kopf und lehnte sich erschöpft an Sawyer. “Zu Ihnen.”

Erstaunt und unerklärlicherweise froh, hob er sie erneut auf die Arme. “Dann vertrauen Sie mir also doch ein wenig?”

Sie schüttelte den Kopf, wobei sie gegen sein Kinn stieß. “Niemals.”

Er musste unwillkürlich lachen. “Ich bin nur das geringere von zwei Übeln, was? Allerdings frage ich mich natürlich, wieso das Krankenhaus nicht infrage kommt.” Sie zuckte bei jedem Schritt, den er machte, zusammen. Um sie abzulenken, sprach er mit ihr. “Haben Sie vielleicht eine Bank ausgeraubt? Sind Sie eine gesuchte Verbrecherin?”

“Nein.”

“Wird Sie jemand wiedererkennen, wenn ich Sie ins Haus bringe?”

“Nein.”

Das Hemd, das er ihr um die Schultern gelegt hatte, war nun um ihre Taille gewickelt. Er versuchte nicht hinzusehen, aber schließlich war er auch nur ein Mensch. Und so wanderte sein Blick zu ihren Brüsten.

Was sie bemerkte.

Sie errötete, daher beeilte er sich, sie zu beruhigen. “Schon gut, ich habe nur überlegt, das Hemd wieder etwas hochzuziehen.”

Sie wehrte sich nicht mehr gegen ihn, als er sie wieder hinstellte und ihr das Hemd anzog. Es war ein altes, verwaschenes Chambrayhemd mit abgeschnittenen Ärmeln und fehlendem obersten Knopf. Sawyer zog es oft zur Arbeit an, weil es weich und zerschlissen war. Die Frau sah bezaubernd darin aus, da das viel zu große Hemd ihre feminine Zierlichkeit betonte.

“Besser?”

“Ja.” Sie zögerte kurz, hielt das Hemd zu und sagte leise: “Danke.”

Auf den letzten Schritten zum Wagen meinte er: “Sie haben sicher Schmerzen, nicht wahr?”

“Nein, ich bin nur …”

Er unterbrach sie, da sie offensichtlich log. “Na ja, zum Glück bin ich tatsächlich Arzt. Vorerst können Sie also Ihren Namen und den Grund für Ihre Angst ruhig für sich behalten. Ich will Ihnen nur helfen.”

Sawyer öffnete die Tür des Pick-ups, dessen Motor bereits lief, und legte der Frau die Hand auf die Stirn. “Sie haben Fieber. Wie lange sind Sie schon krank?”

Casey legte den Gang ein und fuhr so hart an, dass sie zusammenzuckte. Er murmelte eine Entschuldigung.

Die Frau bedeckte mit einer Hand ihre Augen und erklärte: “Es ist nur eine Erkältung.”

Sawyer schnaubte. Ihre Stimme klang so rau, dass er sie kaum verstehen konnte. “Was für Symptome haben Sie?”

Sie schüttelte den Kopf.

“Schwindel?”

“Ein wenig.”

“Kopfschmerzen? Das Gefühl, als sei Ihre Brust eingeschnürt?”

“Ja.”

Er berührte ihren Hals und prüfte ihre Lymphdrüsen. Sie waren geschwollen. “Tut das weh?”

Sie versuchte die Schulter zu zucken, doch es wirkte nicht so gleichgültig wie wahrscheinlich beabsichtigt. “Ein bisschen. Ich habe Halsschmerzen.”

“Atembeschwerden?”

Seine Beharrlichkeit entlockte ihr ein ersticktes Lachen. “Ein wenig.”

“In dem Zustand mussten Sie natürlich Auto fahren, wie?” Bevor sie protestieren konnte, sagte er: “Sehen Sie mich an.” Behutsam setzte er die Untersuchung fort, indem er ihre Lider hob. Sie musste ins Bett und brauchte Pflege. Außer einer Gehirnerschütterung vermutete er bei ihr eine Infektion der oberen Atemwege, vielleicht sogar eine Lungenentzündung. Wie aufs Stichwort hustete sie erneut heiser. “Wie lange haben Sie den Husten schon?”

Mit müden, misstrauischen Augen sah sie ihn an. “Sie sind ein echter Arzt?”

“Wollen Sie meine Tasche sehen? Alle Ärzte haben so eine.”

“Er ist wirklich einer”, mischte sich Casey ein. “Sogar der einzige, den es in Buckhorn gibt. Manche Frauen in der Gegend schützen Krankheiten vor, nur um ihn zu sehen.” Er lächelte der Frau zu. “Sie brauchen also keine Angst zu haben.”

“Casey, achte lieber auf die Straße”, ermahnte Sawyer ihn.

Die Frau sah ihn nervös an und befeuchtete mit der Zungenspitze ihre Lippen, was Sawyer erschauern ließ. Das machte ihn wütend. Wieso weckte sie männliche Instinkte in ihm, von denen er nicht einmal geahnt hatte, dass er sie besaß?

“Auf Ihrem Rücksitz befanden sich viele Sachen”, bemerkte er. “Wollten Sie umziehen?”

Nervös wickelte sie einen Hemdzipfel um ihren Finger. Es war deutlich, dass sie nicht antworten wollte. Nach einem erneuten Hustenanfall, bei dem sie die Hand auf die Brust legte und geduldig wartete, bis er vorbei war, fragte sie: “Woher kennen Sie meinen Namen?”

Sawyer hob die Brauen. “Ich kenne ihn nicht.”

“Aber …” Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sie sich die Schläfen.

“Sie sind durcheinander. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie krank Sie sind. Von dem Aufprall mit dem Kopf bei Ihrem Sturz in den See ganz zu schweigen.”

“Es tut mir leid”, murmelte sie. “Ich werde den Schaden an Ihrem Zaun bezahlen.”

Sawyer erwiderte darauf nichts. Sie machte sich Sorgen wegen des Zauns? Sie sollte sich lieber um sich sorgen.

Vorsichtig steuerte Casey den Pick-up auf den Hof unter eine riesige Ulme. Gabe kam von der Vorderveranda gerannt, wo er auf sie gewartet hatte. Noch bevor Casey den Motor abgestellt hatte, riss Gabe die Tür auf. “Was, zur Hölle, ist hier los?” Beim Anblick der Frau stieß er einen Pfiff aus.

Sawyer beugte sich zu ihr. “Mein kleiner Bruder, Gabe.” Die Frau nickte, schwieg jedoch. Zu Gabe gewandt, sagte er: “Der Wagen der Lady ist mitsamt der Fahrerin in den See gerauscht.”

“Das hat Casey mir schon erzählt.” Mit undurchdringlicher Miene musterte Gabe die Frau. “Was fehlt ihr? Und wieso bringst du sie nicht ins Krankenhaus?”

“Weil sie nicht dorthin will.” Sawyer schaute auf die Frau, die das Gesicht abgewandt hatte. Sie scheute vor Gabe zurück, was schon an sich ein Phänomen war, da Gabe der beliebteste Junggeselle in Buckhorn County war. Normalerweise schmolzen die Frauen nur so dahin, sobald er sie anlächelte.

Allerdings lächelte Gabe jetzt auch nicht. Dafür war er viel zu besorgt. Und die Frau sah nicht einmal in seine Richtung. Sie hatte ihm einen kurzen Blick zugeworfen und war sofort enger an Sawyer herangerutscht.

Er nahm sie wieder auf die Arme und hob sie aus dem Wagen. Diesmal wehrte sie sich nicht, sondern barg das Gesicht an seinem Hals. Sawyer schluckte hart, da sich in ihm ein Gefühl ausbreitete, das er nicht benennen konnte. Er wusste nur, dass es besser wäre, wenn er dieses Gefühl nicht hätte.

“Casey, mach ein Bett zurecht, und hol meine Tasche”, befahl er schroff.

Casey lief eilig davon, doch Gabe blieb an Sawyers Seite. “Das ist eine verdammt merkwürdige Sache.”

“Ich weiß.”

“Sag mir wenigstens, ob sie schwer verletzt ist.”

“Hauptsächlich krank, glaube ich. Aber wahrscheinlich hat sie auch eine Gehirnerschütterung.” Er warf seinem jüngeren Bruder einen Blick zu. “Falls ich sie hier nicht behandeln kann, werden wir sie ins Krankenhaus bringen. Jetzt aber genug mit dem Verhör. Ich könnte deine Hilfe gebrauchen.”

Gabe hob eine Braue und verschränkte die Arme vor der Brust. “Inwiefern?”

“Die Lady hatte eine Menge Sachen auf dem Rücksitz ihres Wagens. Könntest du sie holen, bevor sie davonschwimmen oder völlig ruiniert sind? Und versuch Morgan zu erwischen, damit er ihren Wagen aus dem See zieht.” Die Frau hob ihren Kopf und ballte eine ihrer kleinen Hände an seiner Brust zur Faust. Bevor sie protestieren konnte, fügte Sawyer hinzu: “Bring ihn nicht in die Werkstatt, sondern hierher. Wir können ihn im Schuppen unterstellen.”

Gabe dachte einen Moment darüber nach. “Ich hoffe, du weißt, was du tust.”

Langsam wandte die Frau ihr Gesicht wieder ab und schmiegte sich an Sawyer. Er stieg die Verandastufen zum Haus hinauf und sagte leise vor sich hin: “Das hoffe ich auch. Allerdings habe ich so meine Zweifel.”

2. KAPITEL

Wenn sie eine Wahl gehabt hätte, hätte Honey Malone sich weiter an den warmen männlichen Hals geschmiegt und sich so lange wie möglich versteckt. Zum ersten Mal seit über einer Woche fühlte sie sich einigermaßen in Sicherheit, und sie hatte es nicht besonders eilig, sich wieder der Realität zu stellen. Nicht wenn diese Realität aus Schurken und Bedrohungen bestand, einem schmerzenden Kopf und einem Schwächegefühl, das jeden Muskel ihres Körpers erfasst zu haben schien. Hinzu kamen in unregelmäßigen Abständen Übelkeit und ein Pochen hinter den Schläfen. Ihr Magen war so in Aufruhr, dass sie nicht einmal an Essen denken konnte, ohne das Gefühl zu, sich übergeben zu müssen. Außerdem war ihr schrecklich kalt, innerlich wie äußerlich.

Im Moment jedenfalls wollte sie nichts sehnlicher, als die Augen zu schließen und ausgiebig zu schlafen. Aber das ging natürlich nicht.

Es war einfach unfair, dass sie ausgerechnet jetzt krank wurde. Doch sie konnte sich nicht länger etwas vormachen. Es stimmte, sie war tatsächlich krank, und es war pures Glück, dass sie bei dem Unfall nicht sich selbst oder jemand anders getötet hatte.

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