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Vom Land in den Mund

Als Buch hier erhältlich:

Bio und Handarbeit sind gut, Industrie und Massenproduktion schlecht – so sehen wir die Landwirtschaft. Während Vegetarier, Tierschützer und Bio-Kunden Lebensqualität für Nutztiere, Bewusstsein für die Natur und die Abkehr von der Discounter-Mentalität fordern, kontern die Bauern mit dem Vorwurf weltfremder Romantik. Jan Grossarth plädiert dafür, die unausweichliche Nahrungsindustrie sinnvoll und mit neuen Ideen zu gestalten. Er schreibt über Genmais, Schweinemast, ethisches Essen, Schlachthofarbeiter und Selbstversorger, über Stadtgärtner und Ökoterroristen und warum bei diesen Themen die Emotionen hochkochen. Wem nicht egal ist, was er vor sich auf dem Teller hat, muss dieses Buch lesen.
  • Erscheinungstag: 22.02.2016
  • Seitenanzahl: 160
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312006991
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Landwirtschaft und Gesellschaft

Wenn es ums Essen geht, kann es lecker und genussreich werden, aber auch bitterernst. Die Leidenschaften für Land, Pflanzen und Tiere nehmen zu. Das Glück im Grünen, Selbstversorgung mit Gemüse und das liebe Mit-Tier lassen Herzen schneller schlagen. Denn Ernährung ist existentiell und für viele nicht nur ein privater Genuss, sondern Teil des Selbstverständnisses oder ein Politikum.

Ist die Nahrungsindustrie eine freundliche Ernährerin oder eine Gefahr für die Gesundheit und das Ökosystem? Aufgrund mancher Erscheinungsformen der Industrie, zum Beispiel der Massentierhaltung, ist vielen Menschen fremd geworden, was sie ernährt. Sie trauen der Landwirtschaft nicht und wollen sie anders haben. Schön, liebevoll, wertvoll, sinnvoll. Dann kommt man auch schon mal auf simple Ideen: böse Industrie! Gute Natur!

So einfach ist es nicht. Aber auch das Gegenteil wäre falsch. Von den vielen, zum Teil widersprüchlichen Forderungen an die Nahrungsindustrie sind fast alle gut begründet, aber niemals wären alle umsetzbar. Zumindest nicht, ohne auch das Beste über Bord zu werfen, das die Industrie mit sich bringt: eine hohe Produktivität.

Es geht also nicht nur darum zu erfahren, wie es den Tieren geht und ob das Brot gesund ist, sondern auch darum, was in einer Gesellschaft los ist, die so viele Ansprüche an die Landwirtschaft hat. Denn es gibt viele Antworten auf die Frage nach der Relevanz: Natürlich eine allgemeine Neugier an der Herkunft unserer Speisen, aber auch viel mehr – je nachdem, wen man fragt: Dicke oder Dünne, Veganer, Ökologen, Klimaschützer, Wasserschützer, Tierschützer, rechte Esoteriker, linke Kapitalismusskeptiker, Naturmystiker, Foodies, grüne Lifestyle-Ästheten, Biobauern, Ethiker, Bodenschützer, Naturphilosophen, Raucher oder Nichtraucher. Da wird es schnell unübersichtlich.

Wenn man sich im Falle solcher Konflikte nicht auf eine Seite schlägt, sondern beiden Parteien ein Existenzrecht zuerkennt, in diesem Fall der Industrielogik und dem, was man Gespür, Herz oder gesunden Menschenverstand nennen kann, und drittens auch der ökologischen Vernunft, dann ist man mitten drin in den Konflikten; dann wird es unbequem. Dann geht es nicht um die Kultivierung ausgedachter Gegensätze, wie «böse Industrie» und «gute Natur», nicht nur um dieses Rechthaben und Abkanzeln, wie es zum Beispiel manche Politikerinnen und Politiker perfektioniert haben, sondern um Kompromisse und Mittelwege. Dafür sinkt die Kriegsgefahr.

Wenn Zitronen bis zum Horizont reifen, das Schwein im Neonlicht döst und der Hühnerbaron auf der Flucht ist, dann sind wir in der Nahrungsindustrie. Die ist keine Industrie wie jede andere. Ihre Fabrik ist die Natur, einige ihrer, sozusagen, Maschinen sind Lebewesen. Aus dieser Besonderheit bezieht sie einerseits ihr Selbstverständnis, damit wirbt sie, und dadurch begründet sie, dass viele Milliarden Euro Steuergeld als Agrarsubventionen an die Bauern fließen. Andererseits hat sie es oft versäumt, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Als Journalist durfte ich viel vom Land sehen. Die Reportagen, Portraits und Essays in diesem Buch machen anschaulich, worüber und warum es über Landwirtschaft so großen Streit gibt. Sie thematisieren weniger die Abgründe, Risiken und Skandale, sondern alltägliche Realitäten der Nahrungsindustrie, vor allem der Landwirtschaft. Das Buch hat nicht die Absicht, mit dem Fernglas auf Natur und Land und Wirtschaft zu blicken und aus der Ferne Utopien oder Vorurteile zu kultivieren. Entsprechend verdichtet sind die kurzen Folgerungen, die sich aus den Geschichten ergeben, einfach, aber im Kontext der Beobachtungen hoffentlich nicht banal. Vielleicht können sie ein Beitrag sein für einen versöhnlichen Weg in die Zukunft angesichts des postmodernen Chaos’ um den Teller.

Übrigens gibt es auch viele Millionen Menschen, vermutlich die Mehrheit, denen ziemlich egal ist, was sie essen, solange es sättigt und schmeckt und nicht krank macht. Und irgendwo, draußen auf dem fernen Land, gibt es auch noch Landwirte: eine viertel Million Bauern, die einen kühleren, professionellen Blick auf die Umwelt haben. Vielen von ihnen ist der kritische Chor merkwürdig geworden. Das liegt daran, dass er manchmal behauptet, man müsse die Natur vor ihnen beschützen: Vögel, Bienen, Wasser, Böden, Puten, Klima. Verständlich, dass sich viele Bauern selbst davor schützen, indem sie sich die Ohren zuhalten, was auch nicht weiterhilft; ein Selbstschutz vor Ansprüchen, denen sie in dem wirtschaftlichen Korsett, in dem sie säen, ernten und mästen, nicht genügen können. Denen machen wir Angst: scheinbar abgehoben und jenseits gesunder Bodenhaftung, die ein Landwirt meist zu haben meint. Das ist die Entfremdung zwischen Stadt und Land, die der Grund für dieses Buch ist. Denn es gibt nicht nur ein Überangebot an Milch, sondern auch ein Informationsdefizit.

Billig ist in guten Zeiten zu wenig

These Eins

Die Nahrungsindustrie muss sich neu erfinden,
weil die Leute hier satt sind
und jetzt Appetit auf Werte haben.

Norma, Rewe oder Aldi sind Paradiese. Sie wurden nach dem Vorbild des Schlaraffenlands gebaut. Hier wie da gibt es unendlich viele Hühnerbeine. Es gibt reife Mangos, Erdbeeren und Avocados von Januar bis Dezember. Und, hurra!, sogar Räucheraal, Kaviar, Champagner und Schwarzbrot, Kürbiskernöl, Sanddorngeist, Trüffelbutter. Ohne Zynismus: Gemessen an dem, was auf dem Teller liegt, kann ein Arbeitsloser heue besser leben als der Adel im Mittelalter. Man muss nur den Mund aufmachen.

Und doch ist nichts in bester Ordnung. Das Paradies verdient Anerkennung, aber es verdient auch Misstrauen. Es ist kein echtes Paradies, was natürlich auch viel zu viel verlangt wäre. Es sättigt, aber macht nicht glücklich. Vielleicht sättigt es auch nur heute und nicht mehr morgen; die Frage der Nachhaltigkeit. Es sättigt außerdem auf Kosten anderer, zum Beispiel von Küken, die den Schreddertod erleiden. Es sättigt auf Kosten von schönen Landschaften, von Schmetterlings- und Vogelartenvielfalt. Und sieht die Kassiererin nicht müde aus? Hat auch das die Industrie gemacht?

Und was ist das eigentlich: die Industrie? Die Industrialisierung, also Industrie-Werdung vormals handwerklich organisierter Produktion, ist gekennzeichnet durch drei Merkmale: Technisierung, Spezialisierung der Unternehmen und Arbeiter und Standardisierung der Produkte. Alles zusammen führt zu einer Effizienzsteigerung der Produktion. Die ganze Wirtschaftsgeschichte der Menschheit, nicht erst seit der industriellen Revolution, lässt sich als eine Geschichte von Effizienzsteigerungen durch Technisierung, Spezialisierung und, später, der Standardisierung erzählen. Die Erfindung eines Werkzeugs in der Steinzeit beispielsweise, einer Pfeilspitze aus Feuerstein, könnte zu differenzierter Arbeitsteilung geführt haben: von spezialisierten Jägern und Pfeilbogensteinmetzen. Dann gab es mehr Fleisch zu essen. Die Standardisierung der Produkte setzte viel später ein. Es kann nicht darum gehen, das Rad der Wirtschaftsgeschichte zurückzudrehen. Zu viele Menschen hängen von den Effizienzgewinnen ab, die der Industrialisierungsprozess brachte. Nicht nur die Nahrung, auch die Industrie ist also existentiell. Es muss darum gehen, die Industrie intelligenter zu gestalten. Das gilt auch für den Ressourcenverbrauch. Die Technisierung der Landwirtschaft seit den 1950er Jahren ging mit stark erhöhtem Erdölverbrauch einher. Die Ausbeutung der fossilen Rohstoffe hat sich in den vergangenen zweihundert Jahren so beschleunigt, dass die Nachhaltigkeitsfragen von hoher Bedeutung sind.

Doch auch die billige Butter kann einen Wert darstellen. Gäbe es, wie immer wieder über viele Jahrhunderte in Europa, noch einen Mangel an Fetten, die Leute würden vor Freude tanzen angesichts einer Butterpreissenkung. Aber den Mangel gibt es ja längst nicht mehr. Häufige Klage stattdessen: «Essen ist bei uns viel zu billig.» Etwa zwölf Prozent des Einkommens gehen dafür drauf. Zu wenig, finden manche: Denn in den Effizienzmühlen sei etwas zerrieben worden, im Produktivitätswettlauf etwas verloren gegangen. Das ist offenkundig wahr: etwa die Artenvielfalt, die Bauernhofvielfalt.

Und noch etwas ging verloren. Das, was verloren ging, suchen nicht wenige in der Gegenwelt zur Stadt, auf dem Land. In Gärten, auf Bauernhöfen, in Wellnessklöstern. Die viel bemühte Landlust bleibt das erfolgreichste Magazin der 2010er Jahre, mehr gelesen als der Spiegel oder Die Zeit.

Landlust, ach ja. Doch was macht das Land? Es erwidert unsere Liebe nicht. Land und Lust, das ist bloß eine platonische Fernbeziehung. Viele Leute, die sich die Bilder alter Bauernhöfe ansehen, wollen das vermutlich selbst gar nicht nachleben. Denn auf dem real existierenden Land wird es einsam. Dörfer verwaisen. Das Land entgleitet uns, die Städte hingegen wachsen wie Kürbis unter Glas. Das Land bleibt aber in den Köpfen: als virtuelles Bullerbü.

Natürlich ist auch das Land nicht das Paradies. Das würde auch ein Romantiker nicht behaupten. Viele Leute ernten Tomaten auf dem Balkon, aber auf dem Land arbeiten will kaum jemand: Spargel stechen und Blaubeeren pflücken. Es ist in natur- und ernährungsbewussten Kreisen angesagt, sich beim Bauern einen Streifen Acker zu pachten und Zucchini zu züchten oder sich ein Weideschwein beim Bauern zu kaufen, ihm einen Namen zu geben, es per Webcam beim entschleunigten Fettwerden zu überwachen, ehe das Schwein selbst zum Verzehr einlädt, doch daneben sieht die alltägliche Lebenswirklichkeit sehr urban aus: Fertigessen, Selbstoptimierung, Halbmarathon.

Was ist in der Stadt los, die so vom Land träumt? In Frankfurt am Main gibt es beispielsweise einen neuen Markt für die hippen Leute, die gutes Essen betont gut finden. Das Essen soll handgemacht und interessant sein: Craft Beer aus einer Hausbrauerei oder hessischer Döner mit Kasseler und Sauerkraut, viel Veganes. Eine Weinhandlung hat ein Regal für regionale Weine, die nach Methoden aus dem 19. Jahrhundert gekeltert sind; nicht nur pestizidfrei, sondern überhaupt ohne Zusatzstoffe, ohne Sulfite. Sie sind fünfmal so teuer wie moderner Wein. Nicht weit, in Offenbach, wurde eine brache Industriefläche in einen Urban Garden transformiert: Gurken, Flaschentomaten und Physalis wachsen aus tausend Plastiktüten, Ölkanistern, Regentonnen und Autoreifen. Im Hafencafé daneben, umgeben von Industrie und einem Kohlekraftwerk, leben Schafe im Bauwagen und freilaufende Hühner. So sieht es aus, wenn sich die Stadt das Land einverleibt: eine harmonische grüne Welt mit kurzen Wegen, Uni, Yoga, Basilikum, Döner und Bienenvölkern. Die Stadt soll das Schönste vom Land adaptieren und das Hässliche und Enge draußen lassen: Provinz, Tristesse, Kulturferne. Der grüne Lifestyle ist ein Freiheitsprojekt, aber auch eine Utopie. Und er schafft, wie jeder Freiheitstraum, der sich an konkrete Ziele koppeln lässt, wie etwa «Hundert Prozent Bio», nebenher wieder neue Moralsätze, die spießige Formen annehmen können: Werte engen diejenigen ein, die sie nicht teilen, zum Beispiel die Bauern in der Provinz. Als echtes Freiheitsprojekt hat das grüne Stadtleben Charme. Sehr schön war es in Bullerbü. Recht schön wird es in Offenbach. Wenn man einen kleinen Teil davon in die Wirklichkeit der Nahrungsindustrie holen will, dann sollte man es in einer Zeit versuchen, in der der Wohlstand es möglich macht. Also jetzt.

Drehen sich unsere Träume und politischen Talkshows ums Landleben, geht es darum, dass dieses Land bewahrt oder restauriert werden soll. Aber es geht in Wahrheit auch um Werte. Das Land ist ein Platzhalter für Werte. Viele Ansprüche an die Nahrungsindustrie sind Forderungen nach Wertverwirklichungen in der Wirtschaft. Die ist materiell orientiert: auf Wachstum und Gewinn, Zuchterfolge und Ernterekorde. Rekorde gibt es im Überfluss. Doch sehnen sich die Menschen zunehmend nach ideellen Werten. Sie haben einen Preis, denn sie sind knapp.

Ein Unternehmen aus der Nahrungsindustrie zum Beispiel, die Firma Alnatura, macht vor, wie eine Supermarktkette Antwort auf die Wertefrage geben kann: Sie gibt auf ihrer jährlichen Pressekonferenz die Umsatzsteigerungen immer erst ganz am Ende bekannt. Erst geht es darum, was sie Gutes für die Welt getan hat: so viele Zehntausend Päckchen Sommerblumensamen verschenkt, Unterschriften gesammelt, ein neues Modellprojekt für artgerechte Hühnerhaltung gestartet. Dann erst geht es ums Geld. Das hat vielleicht etwas Scheinheiliges. Aber verkehrt ist es nicht. Schließlich muss man ja auch erst einmal Blumen verschenken, um es dann behaupten zu dürfen.

Jenseits der Fragen von Ökologie, Artenschutz, Klimaschutz und anderem ist auch die Frage zentral, wie die Industrie mit den nachvollziehbaren, wenn auch gelegentlich überschäumenden oder verträumten Wünschen nach der Verwirklichung von Werten umgeht. Die entgrenzte Ökonomisierung des Lebens findet in allen Belangen unserer Realität statt: in Schulen, an Unis, im Arbeitsleben. Auch an diesen Orten blüht die Sehnsucht nach Werten jenseits des Materiellen und der Nützlichkeitskalküle. Wertefragen waren wohl eine Weile aus dem Blick geraten. Die neunziger und nuller Jahre erscheinen im Rückblick als Wettlauf der Exporte, Aktienkurse, Lebenslaufphantasien. Er geht zwar weiter. Er ist auch nicht grundsätzlich verkehrt, aber er verliert an Akzeptanz, wenn er zum Selbstzweck wird.

Wilhelm Abel: Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland, Göttingen 1986.

Andreas Möller: Das Grüne Gewissen, München 2013.

Tier- und Landliebe ehrlich gemeint

These Zwei

Die Nahrungsindustrie darf nicht alles dem
Effizienzdruck unterwerfen.

Wir machen Urlaub auf dem Bauernhof. Es ist der schönste Julitag. Ein Feldweg den Hügel hinauf, rechts Roggen, links ein Weizenfeld; Weiden mit einzelnen Kühen. Fröhliche Kinder: unser kleines Mädchen in rotkariertem Kleid dreht Pirouetten und singt, es sei eine Meerjungfrau. Der kleine Junge pult Körner aus einer Weizenähre und knabbert. Grillen geigen, ein Bussard kreist. Bremsen beißen. Nacktschnecken verminen den Weg. Leiser Wind geht über die Felder. Die orange Sonne sackt in ein Roggenfeld wie Eigelb. Das Feld ist von Himbeersträuchern umrahmt; wo die Sonne war, ist jetzt Lila, Himbeeren rot, Roggen golden. Wir halten uns an den Händen und gehen den Feldweg hinab, zurück zum Bauernhof, wo die Hühner noch grasen und Ziegen dickköpfig sein dürfen. Wir trinken frische Milch, fettig und nahrhaft, und schlafen irgendwann ein.

Vogelsberg hieß unsere idyllische Urlaubswelt, im Osten von Hessen. Die Weidelandschaft hat sich hier behauptet. Vor sehr langer Zeit spuckten Vulkane unendlich viele Felssteine in die Landschaft und sperrten das Gelände gegen Traktoren und Mähdrescher. Deswegen gibt es nur wenige kleine Weizen- und Roggenfelder. Es lohnt sich kaum zu ackern. Der größere Teil der Landschaft besteht aus Grasland. Da weiden Kühe, mit denen es ist wie im antiken Mythos vom Dornauszieher: Ihre Schönheit kommt daher, dass sie nicht um ihre Schönheit wissen. Die Landschaft hat ihre Schönheit, weil niemand sie inszeniert hat. Es ist absichtslos geschehen, es ist so gekommen und lebt so vor sich hin.

So wünscht man sich die Nahrungsindustrie. Dieses Naturglück im Sommerurlaub war echt und hat es nicht verdient, verspottet oder ironisiert zu werden. Man sollte die glücklichen Momente ernst nehmen. Das sind die Bilder, die ein Leben lang bleiben. Wenn es nur noch vernünftige Sojawüsten gäbe und gackernde Masttiermassen, beraubte man die Menschen dieser Bilder. Wären Effizienz und die «Wir müssen die Welt ernähren»-Doktrin der Industrie der einzige Maßstab der Nahrungswirtschaft und Agrarpolitik, dann dürfte dieser wunderbare Vogelsberg gar nicht mehr sein. Doch es muss diese bäuerlichen Naturlandschaften schon deswegen weiter geben, weil sie den Menschen guttun und sehr wahrscheinlich auch den Tieren.

Nach solchen Erlebnissen kann man dort, wo die Nahrungsindustrie zu Hause ist, lange suchen – wie zum Beispiel in den Schweizer Alpen, wo es zwar hochsubventionierte Weidekühe gibt, etwa im Gruyère-Tal, das Land aber auf rätselhafte Weise kitschig geraten ist, nicht wie eine Fabrik, sondern wie Heimattheater: Grüne und himmelblaue Tapeten, ein Strahler aus Sonnenlicht. Natur, die die größere Freude macht, ist nicht inszeniert, sondern ist einfach so da.

In den vergangenen Jahren habe ich als Journalist viele Facetten der Landwirtschaft beobachten dürfen und mir Argumente angehört, die dafür und dagegen sprechen, dass es so ist, wie es ist. Mich interessierten die Gründe für die Konflikte, und wie es wirklich aussieht in der Landwirtschaft. Die Schlagworte können so missverständlich sein, etwa: konventionell oder bio, industriell oder bäuerlich. Das sind leere Worte. Man braucht Beobachtungen, um sie mit Inhalt zu füllen. Und Gespräche mit Menschen, die das kennen und schon viel darüber nachgedacht haben.

Ich beobachtete Extreme und die sogenannte Normalität. Ein Extrem ist der Selbstversorger, der von dem lebt, was der Wald und der Bach und die Wiese hergeben. Die extensive Wirtschaft vom Vogelsberg, unsere heile Urlaubswelt, ist gemessen an der Norm fast schon ein Extrem. Sie ist ästhetisch sehr ansprechend, aber man sieht auch hier die Kehrseite: Sie bringt den meisten Bauern kein großes Einkommen. Überall verfallene Höfe, man kann sie für einen Spottpreis kaufen, und sie stehen doch leer. Die meisten Bauern arbeiten woanders und landwirtschaften nur noch nebenher. Ich habe mir Agrarindustrie angeschaut, Putenställe, Bauernfunktionäre, ich habe in eine Walnuss in monumentaler Walnussmonokulturlandschaft in Kalifornien gebissen, Gensoja probiert, Panflötenklänge in westfälischen Schlachtfabriken gehört, wo am Tag fünfundzwanzigtausend Schweine ankommen. Und dann verbrachte ich auch einmal viele Stunden in einem zeitgenössischen Schweinestall.

Andreas Weber: Lebendigkeit: Eine Erotische Ökologie, München 2014.

Hotel Schwein

These Drei

Die Nahrungsindustrie soll Tieren
ein abwechslungsreicheres Leben bereiten.

Mit dem Schwein ist es wie mit dem Photon in den Experimenten der Quantenphysik. Indem man es beobachtet, verändert man sein Verhalten. Wie geht es dem Schwein heutzutage? Der Stall, in dem die Antwort zu finden ist, steht im Nieselregen wie ein Raumschiff. Wer reingeht, scheucht die Tiere auf. Sie springen hoch und grunzen wild. Wenn man vorsichtig von draußen durch das Fenster des Stalls hineinsieht, so dass die Schweine es nicht merken, sieht man die Wirklichkeit: große Müdigkeit. Zweihundert Schweine liegen auf dem Plastikboden und schlafen. Jetzt. In einer Stunde. Fünf Stunden später auch. Nur manchmal fressen ein paar, manchmal kämpfen zwei.

Sie mögen die Wärme und das Träumen und schlafen dicht aneinander. Sie haben es gern ruhig und warm und satt, die Schweine. Zumindest bei den gegebenen Umständen, in denen sie leben. Sie kennen es nicht anders. Sie kennen es nur ohne Bäume und Wühlschlamm, ohne Schneeregen, Erkältungen, Würmer und ohne andere Tiere, die sie ärgern. Alle Unannehmlichkeit wird aus dem Leben herausgehalten, damit sie gut fressen und fett werden. Sie haben keine Sorgen hier, in dieser tristen grauen Halle.

Auf dem Masthof in Westdeutschland leben zweieinhalbtausend Schweine und zweihundert Säue mit Ferkeln. Und ein Eber. Sie leben wie die meisten der knapp dreißig Millionen deutschen Schweine. Bis zur Schlachtung haben sie sorglose zwanzig Wochen. Das Leben beginnt im Ferkelstall. Zweihundert Ferkel stehen in dem Saustall bei ihren Müttern in Parzellen. Dreizehn Neugeborene hat etwa Sau Nummer 6078, welche selbst am 12. Februar geboren wurde in einem modernen Zuchtsauen-Erzeugungsbetrieb im Sauerland. Diese Ferkel hier sind, so steht es auf einem Zettel, der über der Sau 6078 von einem Bindfaden hängt, ihr vierter Wurf. Die Sau darf so lange leben, wie sie gut wirft. Manche werden fünf Jahre alt. Kommen weniger Ferkel, kommt die Sau in den Schlachthof. Sie steht unter krassem Leistungsdruck, aber merkt es nicht.

Draußen schneite es am Tag der letzten Geburten, doch auch das merkte kein Schwein. Im Stall war es zwanzig Grad warm für die Sauen und achtunddreißig Grad in den Ferkelnestern. Wie immer. Die Lüftung pustete leise, die Sauen kreißten. Hier in der Abferkelbucht wird die Sau, dreihundert Kilo schwer, von Eisenstangen fixiert. Sie kann einige Zentimeter vor, zurück und zur Seite tippeln. Sieben Prozent der Liegefläche Spalten, der Rest Boden, EU-Vorschrift. Das Eisenkorsett hat der Bauer nicht gemacht, um die Sau zu ärgern. Sondern damit sie keins der kostbaren Ferkel plattdrückt. «Das ist praktizierter Tierschutz», sagt er mit staatstragendem Ernst. Ganz wegsperren kann er den Tod aber nicht. Eins von zehn Ferkeln überlebt nicht. Die anderen sind versorgt. Sie bekommen vier Impfungen, damit sie gesund bleiben. Die Männchen erhalten eine Betäubungsspritze, bevor ihre Hoden entfernt werden. Allen Ferkeln werden auch die Schwänze abgeschnitten, damit die Schweine sie einander nicht später abbeißen. Das Kupieren tue ihnen nicht weh, behauptet der Bauer. Aber bald wird es verboten sein; die Grünen im Land haben sogar schon eine Ringelschwanzprämie ausgelobt, jawohl: Rin-gel-schwanz-prä-mie. Sechzehn Euro für jeden heilen Ringelschwanz im Schlachthof, wenn eine Mindestquote an heilen Ringelschwänzen erfüllt ist.

Der Bauer spricht von seinen Tieren wie ein Hotelmanager über seine Gäste. «Dem Schwein ging es nie so gut wie heute in diesen Ställen», behauptet er. «Wir versuchen, dem Schwein alle Umwelteinflüsse abzunehmen.» Er hat gar keinen Blick mehr dafür, dass genau das für viele Leute, die seine Kunden sind, das Problem ist. Der Lebenszyklus: In den ersten drei Wochen bleiben die Ferkel bei ihrer Mutter. Die Sau liegt oder hockt im Eisengerüst und hat, wie der Bauer mehrfach betont, immer «reichlich Futter und Wasser» vor der Nase (drei Liter Frischwasser pro Minute, EU-Vorgabe). Die Ferkel springen rum oder liegen unter dem Infrarotstrahler. Manchmal hüpfen sie auf den Rücken ihrer Mutter, wieder herunter und knabbern an ihrem Bauch. Die Zeugung der Ferkel war kein romantischer Akt. Sie sind ein Produkt künstlicher Befruchtung. Ein Eber – vier Jahre alt, lebenslang Jungfrau – läuft von Gittern getrennt vor Sauen auf und ab, um diese zu erotisieren. Währenddessen führt der Bauer den Sauen mit einer Pipette Sperma eines sogenannten Hochleistungsebers ein. Das hat er von einer Besamungsstation gekauft, die es gut gekühlt und verpackt versandte. Auf dem Lieferschein steht, der Vater des Ferkels heiße BHZP 3715, die Rasse BHZP db. 77. Nach hunderfünfzehn Tagen gebären alle Sauen dieser Kohorte. Manche mit Hilfe eines Wehenmittels. «Die BHZP-Sau, eine vitale, gesunde Sau, langlebig und ruhig», sagt der Bauer, «da kommt dieses mastige Schwein heraus, was wirklich schönen Schinken hat und einen guten Rücken.»

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