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Weihnachtsliebe und Lamettazauber

Als ihr Vater, der König von El Bahar, seinen edelsten Zuchthengst verkauft, kann Prinzessin Bethany nicht anders. Sie muss sicher sein, dass ihr Lieblingspferd ein gutes Zuhause bekommt, und reist unter falschem Namen nach Happily Inc. Der neue Besitzer des Tiers macht auf sie einen guten Eindruck − einen sehr guten sogar. Cade Saunders ist überaus charmant, und seine Küsse unterm Weihnachtsbaum sind himmlisch. Aber er hält nichts von Reichtum und Etikette. Deshalb darf er nie erfahren, wer sie wirklich ist!
»Ein wahrhaft unvergessliches Buch! Mallery ist unvergleichlich!« Romantic Times Book Reviews über »Die Liebe trägt Giraffenpulli«
»… besticht durch den für die beliebte Autorin typischen Mix aus Humor, Scharfsinn und Kleinstadt-Charme.« Booklist über »Planst du noch oder liebst du schon?«
  • Erscheinungstag: 05.11.2018
  • Aus der Serie: Happily Serie
  • Bandnummer: 0.5
  • Seitenanzahl: 128
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955768904
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Hazel, die immer nach Bethanys Geschichte gefragt hat. Hier ist sie endlich!

1. KAPITEL

Sein Leben zu entprinzessinen war gar nicht so leicht. Zum einen gab es da Dinge, die man logischerweise zurücklassen musste: Tiaras, Zepter, Kammerzofen. Aber mal abgesehen von diesen Kleinigkeiten, gab es auch einige größere Probleme. Für Bethany Archer, ebenfalls bekannt als Prinzessin Bethany von El Bahar, gehörte dazu ihr Reisepass. Beziehungsweise die Frage, welchen sie mitnehmen sollte.

Sie besaß einen amerikanischen Pass, weil sie in Kalifornien geboren war und die ersten neun Jahre dort verbracht hatte. Aber dann waren sie und ihre Mom nach El Bahar gezogen. Dort hatte Liana, ihre Mom, Kronprinz Malik kennengelernt und ihn geheiratet. Vor zwei Jahren war Malik dann König geworden. Und das bedeutete, dass Bethany neben ihrem kalifornischen auch einen Pass aus El Bahar hatte. Einen Pass, in dem als Berufsbezeichnung doch tatsächlich Prinzessin stand.

Sie betrachtete die beiden offiziell aussehenden Büchlein auf ihrem Bett, dann stöhnte sie und schob beide in ihren Rucksack. Sie würde die USA mit ihrem amerikanischen Pass betreten und verlassen, aber für den Notfall auch den anderen mitnehmen. Denn eines wusste Bethany genau: Wo auch immer sie hinging, die Komplikationen folgten ihr.

Hätte ihre Mutter sich doch nur in einen normalen Mann verliebt! In jemanden, der genauso klug und liebevoll war wie König Malik, aber weniger … königlich. Es war nicht so, dass Bethany das Leben in dem berühmten rosafarbenen Palast von El Bahar hasste. Oder ihren Job in den königlichen Stallungen. Oder das Zusammenleben mit ihren drei jüngeren Brüdern und ihrer Mutter, Königin Liana. Ihren Adoptivvater, den König, hatte Bethany sofort ins Herz geschlossen, als sie ihn damals, im Alter von neun Jahren, zum ersten Mal gesehen hatte. Doch diese ganze Monarchie war wirklich ätzend.

Bethanys leiblicher Vater hatte vor seinem Tod den Lebensunterhalt mit Autorennen bestritten. Rückblickend hatte Bethany keine Ahnung, wie ihre Eltern je hatten glauben können, diese Ehe würde funktionieren. Nach der Scheidung war Chuck wesentlich mehr daran interessiert gewesen, seine Autos in Schuss zu halten, als Unterhalt für seine Tochter zu bezahlen, und er hatte auch vergessen, Zeit mit Bethany zu verbringen.

Um ihrer Tochter ein Zuhause zu geben und etwas Geld zur Seite zu legen, damit Bethany später aufs College gehen konnte, hatte Liana sich entschieden, eine Stelle als Mathelehrerin an der amerikanischen Schule in El Bahar anzunehmen. Die gut bezahlte Position sollte nur vorübergehend sein – nur so lange, bis sie ein finanzielles Polster angespart hatte. Doch Liana hatte die Aufmerksamkeit des damaligen Kronprinzen erregt, und innerhalb weniger Wochen war das Paar verheiratet gewesen und Bethany eine Prinzessin geworden.

Sie packte ihren E-Book-Reader und ein paar Müsliriegel in ihren Rucksack. Der Flug von El Bahar zu dem kleinen Flughafen in der Nähe der kalifornischen Stadt Happily Inc würde beinahe siebzehn Stunden dauern. Auch wenn es an Bord etwas zu essen gäbe, wusste sie nicht, ob sie den hinteren Bereich des Flugzeugs für mehr als kurze Toilettenpausen verlassen konnte. Das hing alles von Rida ab – und davon, wie er die Reise wegsteckte.

Ihre beiden Taschen hatte Bethany bereits gepackt. Sie reiste nicht in den Urlaub oder in offizieller Mission, also brauchte sie nicht viel: Jeans, T-Shirts und Stiefel. Ihre Hautpflege bestand sowieso nur aus Seife, Wasser und Sonnencreme. Als Make-up genügten ihr etwas Lipgloss und Wimperntusche. Ihre zweite Tasche enthielt den Schlafsack und ein Kissen.

„Bist du fertig?“

Als sie sich zur Tür umdrehte, sah sie ihre Mutter eintreten. Königin Liana von El Bahar war eine wunderschöne Frau Mitte vierzig, die sich stets stilsicher kleidete und immer perfekt gestylt war. Wobei es sicher ganz hilfreich war, dass im Palast oft berühmte Designer vorbeischauten, um ihrer Mutter neue Kleider zum Anprobieren vorbeizubringen.

Ihre Mutter vergaß jedoch nie ihre Herkunft. Eine ihrer liebsten Wohltätigkeitsorganisationen half Frauen, Bildung zu erlangen, damit sie sich aus der Armut befreien und ihren Familien helfen konnten. Neben ihrer Arbeit im Vorstand dieser Organisation ging die Königin einmal im Jahr ihren Kleiderschrank durch und verkaufte einen Großteil ihrer Garderobe für einen guten Zweck.

Eines Tages, versprach Bethany sich. Eines Tages würde sie so klug, so elegant und selbstsicher sein wie ihre Mutter. Doch noch war dieser Tag nicht gekommen.

„Ich sehe, du hast schon gepackt“, sagte Liana und umarmte ihre Tochter. „Ich wünschte, du müsstest nicht gehen.“

„Ich auch, aber Rida kann den Flug auf keinen Fall allein überstehen. Er braucht mich.“

„Du wirst das Thanksgiving-Dinner verpassen. Und ich werde dich vermissen.“

Bethany versuchte, nicht zu lächeln. „Ich werde dich auch vermissen, Mom. Aber das Thanksgiving-Dinner? Wirklich? Soll ich dich an letztes Jahr erinnern?“

Die Mundwinkel ihrer Mutter begannen, leicht zu zucken. „Lieber nicht. Aber es war nicht meine Schuld.“

„Ja, ja, diese gemeinen Kalender-Leute haben dich reingelegt.“

El Bahar, in diplomatischen Kreisen auch als die Schweiz des Nahen Ostens bekannt, war ein multikulturelles Land, in dem viele verschiedene Glaubensrichtungen gelebt wurden. Es gab immer irgendeinen Feiertag zu begehen, und die königliche Familie genoss sie alle, einschließlich Thanksgiving.

Weil es beinahe zwanzig Jahre her war, dass sie Kalifornien verlassen hatte, und es im Palast weder Truthähne noch Pilger gab, die sie an den Tag erinnerten, geriet Thanksgiving manchmal zugunsten anderer Ereignisse in den Hintergrund. Im letzten Jahr hatte Liana den Feiertag komplett vergessen. Als es ihr an dem Tag gegen Mittag einfiel, war sie ganz aufgeregt durch den Palast geeilt und hatte förmlich darum gefleht, man möge einen Truthahn mit Füllung und Soße und dazu einen Kürbiskuchen auftreiben, und zwar wenn möglich noch rechtzeitig zum Abendessen um sieben Uhr.

Diese Aufgabe war unmöglich zu erfüllen gewesen, und so war die Familie übereingekommen, das Festmahl am nächsten Tag nachzuholen. Bethanys drei jüngere Brüder hatten die ganze Aufregung nicht verstanden. Wie auch, sie waren in El Bahar geboren und aufgewachsen. Ihr Wissen über die USA begrenzte sich auf das, was sie bei ein paar kurzen Besuchen und aus den Erzählungen ihrer Mutter gelernt hatten. Außerdem waren sie alle drei keine großen Freunde von Truthahn.

„Inzwischen habe ich den Feiertag in meinen Kalender eingetragen.“ Liana seufzte. „Ich hatte ein großes Festessen geplant. Was wirst du machen? Immerhin bist du in den Staaten, da vergisst den Feiertag garantiert niemand. Alle werden gemeinsam mit Familie und Freunden feiern. Ich möchte nicht, dass du dich einsam fühlst.“

„Ich komme schon klar“, versprach Bethany. „Rida und ich werden uns damit beschäftigen, die Regeln für Football zu lernen. Du weißt, was für ein großer Fan er ist.“

„Sehr lustig.“ Ihre Mutter schaute sich in dem Zimmer um und lächelte. „Mir gefällt es, dass du noch immer in dieser Suite lebst.“

Es war das Apartment, das man Liana und ihrer Tochter überlassen hatte, als sie vor so vielen Jahren hierhergekommen waren. Die Möbel waren inzwischen ausgetauscht worden, aber der Blick über das Meer war immer noch derselbe, genau wie das große Wandgemälde mit den Araber-Pferden, die durch die Wüste galoppierten.

Dieses Wandgemälde war das Erste, was Bethanys Interesse an ihrem neuen Zuhause geweckt hatte. Dann hatte sie das Gestüt des Kronprinzen mit den wunderschönen Pferden besucht und ihr Herz endgültig verloren.

Nach der Hochzeit waren Bethany und ihre Mutter bei Malik eingezogen. Und an ihrem achtzehnten Geburtstag hatte Malik ihr diese Suite als Geschenk übergeben.

„Ja, hier schließt sich der Kreis“, sagte sie gedankenverloren und schüttelte den Kopf. „Mom, ich komme schon klar.“

„Ich weiß. Du bist sehr gut in der Lage, dich um dich selbst zu kümmern.“

Bethany wusste, dass ihre Mutter noch mehr sagen wollte. „Aber?“, hakte sie deshalb nach.

„Ich will nur, dass du glücklich bist.“

„Ich bin glücklich.“

„Gut. Dann werde ich deutlicher: Ich will, dass du dich Hals über Kopf verliebst. Und ich will Enkelkinder. So, nun habe ich es gesagt, und du kannst mich bis in alle Ewigkeit hassen.“

Mit ihren sechsundzwanzig Jahren wollte Bethany das auch. Gut, nicht die Enkelkinder, aber einen Mann, der sie liebte, und ein paar Babys wären schon schön.

„Ich will dich natürlich nicht unter Druck setzen“, fügte ihre Mutter hinzu. „Du musst deine eigenen Entscheidungen treffen.“

Bethany lachte. „Genau, Mom. Kein Druck.“ Was eigene Entscheidungen anging, hatte sie es bis zum heutigen Tag geschafft, stets die falschen zu treffen. Vor allem, was Männer anging.

„Ich werde immer meinen Beruf haben.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln, damit ihre Mutter sich keine Sorgen machte.

„Dein Beruf hält dich aber nachts nicht warm.“

„Wenn ich im Stall schlafe, schon.“

„Du liebst es, deine wunderschöne Mutter zu quälen, oder?“, fragte König Malik, der in diesem Moment den Raum betrat. „Ich werde dir keine Vorhaltungen machen, weil du die Tochter meines Herzens bist. Aber du sollst wissen, dass sie sich um dich sorgt.“

König Malik – der diesen Titel erst trug, seit sein Vater vor fünf Jahren zurückgetreten war – war groß und attraktiv und hatte dunkle Augen und dunkles Haar. Er trug einen stylishen Anzug mit Hemd und Krawatte. Das traditionelle Gewand von El Bahar sparte er sich für seine regelmäßigen Ausflüge in die Wüste auf. Das Land war zwar modern und finanziell erfolgreich, doch genau wie der König vergaß es nie seine Wurzeln als Wüstenvolk.

„Du verlässt uns also schon wieder.“ Malik gab Bethany einen Kuss auf die Wange. „Das bricht uns das Herz.“

„Mein Herz ist auch gebrochen“, erwiderte sie nur halb im Scherz. „Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du Rida verkauft hast. Deine Hengste verkaufst du doch eigentlich nie, und technisch gesehen ist er noch ein Fohlen. Er ist erst vier. Und dann ist sein neuer Besitzer auch noch irgendein Typ in Kalifornien, von dem ich noch nie gehört habe. Wie kommt das?“

Malik schüttelte den Kopf. „Du wagst es, die Entscheidung deines Königs zu hinterfragen? Da habe ich als Vater wohl versagt.“

Bethany stöhnte. „Dad, ich meine das ernst.“

Maliks Augen funkelten amüsiert. „Ich auch. Ich bin der große und mächtige König des Landes, und du sprichst so aufmüpfig mit mir. Da ist eine angemessene Strafe fällig.“

„Sie verpasst Thanksgiving“, sagte Liana seufzend. „Das ist Strafe genug.“

„Ah, also werden wir uns dieses Jahr daran erinnern, meine Liebe?“ Er nahm Lianas Hand und gab ihr einen Kuss auf die Fingerknöchel. „Ich bin überaus erfreut.“

„Ihr beide seid komisch.“ Bethany nahm ihren Rucksack. „Ich muss zu Rida, damit wir uns auf den Weg zum Flugzeug machen können.“ Sie sah ihren Vater an. „Wenn wir den Spaß einmal beiseitelassen, Dad: Ich bin nicht glücklich darüber, dass du das getan hast.“

„Ich weiß, mein Kind. Ich denke, Rida wird es in Amerika gut gehen. Aber wenn du mit den Gegebenheiten vor Ort nicht einverstanden bist, hast du meine Erlaubnis, ihn wieder nach Hause zu bringen. Ich werde deine Entscheidung nicht infrage stellen.“

„Danke.“ Sie wusste, dass sie seinem Wort vertrauen konnte. Malik hatte sie noch nie angelogen.

Ihr Vater sah erst ihre Mutter und dann wieder sie an. „Wie von dir gewünscht, wurde der Stallmanager in Happily Inc darüber informiert, dass Rida auf seiner Reise von einer Beth Smith begleitet wird, die bei ihm bleibt, bis er sich eingelebt hat.“

„Vielen Dank.“

Sie wusste, dass ihre Eltern nicht verstanden, warum sie es manchmal vorzog, ihre Rolle als Prinzessin abzustreifen und als ganz normaler Mensch aufzutreten. Trotzdem respektierten die beiden ihre Wünsche. Da ihr Vater sein Leben lang auf die Rolle als Herrscher vorbereitet worden war, kannte er es nicht anders, doch sie schon. Obwohl sie ab und zu in Klatschmagazinen auftauchte, war sie relativ unbekannt, und das wollte sie auch bleiben. Statt ihren alten bürgerlichen Nachnamen zu nutzen, hatte sie sich für einen erfundenen Namen entschieden, damit niemand sie im Internet finden konnte. Die einfache Beth Smith konnte sich ungestört durchs Leben bewegen. Prinzessin Bethany von El Bahar nahm auf der Bühne wesentlich mehr Platz ein.

Das war wie mit ihrem Job in den königlichen Stallungen. Hätte sie auch nur die kleinste Spur von Interesse angedeutet, hätte ihr Vater ihr sofort irgendeine hohe Position gegeben, einfach nur, weil sie seine Tochter war. Doch Bethany zog es vor, sich ihren Platz zu verdienen. Also war sie nun eine schlichte Pferdewirtin, deren Aufgabe darin bestand, sich um ein bestimmtes Pferd zu kümmern, bis es verkauft wurde. Rida war eines dieser Pferde.

„Bist du zu Weihnachten zurück?“, fragte ihre Mutter sichtlich angespannt.

„Ich verspreche es, Mom. Rida wird nur ein paar Wochen brauchen, um sich einzugewöhnen. Ich werde weit vor Weihnachten wissen, ob ich ihn dort lassen kann oder nicht. Aber egal, wie, ich werde rechtzeitig wieder zu Hause sein.“

Ihre Eltern umarmten sie. Obwohl Bethany sechsundzwanzig Jahre alt war, kam sie sich plötzlich wieder wie ein kleines Kind vor. Ein Kind, das zum ersten Mal sein Zuhause verließ. So ist es immer, dachte sie. Der Palast war ihr sicherer Hafen geworden, und aus seinen schützenden Mauern herauszutreten bedeutete, viel zu viel zu riskieren. Aber Rida brauchte sie, und sie würde ihn nicht im Stich lassen.

Es gab einige Dinge, die Bethany an ihrem Prinzessinnen-Dasein störten, aber die Art, wie sie für geschäftliche Anlässe reiste, gehörte ganz bestimmt nicht dazu. Sie kam vor Rida auf dem Privatflughafen an und inspizierte die große Box, die in der Boeing 757 ihres Vaters eingerichtet worden war. Eine luxuriöse Sitzecke und private Kabinen nahmen den vorderen Teil des Flugzeugs ein. Der hintere war zu einem Pferdestall umgebaut worden.

Weiche Matten und eine dicke Lage Holzspäne sorgten für einen gedämpften und doch sicheren Stand des Pferdes. Der Wassertrog war so angebracht, dass er sich den Bewegungen des Flugzeugs anpasste, ohne seinen Inhalt zu verschütten. Es standen ein paar Eimer mit Deckeln bereit und die nötige Ausrüstung, damit sie sich um Ridas andere Geschäfte kümmern konnte.

Auch wenn die 757 jeden nur erdenklichen Komfort bot, würde Bethany im hinteren Bereich bei dem Hengst bleiben. Sie hatte dort einen bequemen Stuhl und ihren E-Reader. Mehr brauchte sie nicht. Rida war schon ein paarmal kürzere Strecken geflogen, damit er sich an die Erfahrung gewöhnte, doch mehrere Stunden war er noch nie in der Luft gewesen. Bethanys Aufgabe bestand darin, ihm ein Gefühl von Sicherheit zu geben und ihn bei Bedarf zu beruhigen. Da sie ihn seit seiner Geburt betreute, wirkte alleine ihre Anwesenheit besänftigend auf ihn.

Sie ging die lange Rampe hinunter und wartete auf die Entourage, die Ridas Ankunft verkündete. Alles Notwendige für seinen Umzug in die Staaten befand sich bereits an Bord. Sie nahmen ihr eigenes Heu, Pellets und Decken mit. Die Liste war endlos. Sein neues Zuhause würde anfangs fremd für ihn sein, deshalb sollte er wenigstens ein paar vertraute Dinge vorfinden. Bethany hatte sogar arrangiert, dass zweihundert Liter Wasser aus El Bahar mitgenommen wurden, damit Rida sich langsam an das kalifornische Wasser gewöhnen konnte.

Manche Menschen hätten einen derartigen Aufwand vermutlich lächerlich gefunden. Immerhin war Rida nur ein Pferd und würde schon klarkommen. Doch für Bethany war er mehr. Es war nicht nur ihr Job, sich um ihn zu kümmern, sondern sie liebte den Hengst und würde ihn schrecklich vermissen.

Ein Truck mit Pferdeanhänger fuhr vor dem Flugzeug vor. Dahinter hielt ein glänzender schwarzer Rolls Royce mit der königlichen Standarte. Bethany liebte ihren Pferdeschützling zwar heiß und innig, aber sie kannte auch die korrekten Umgangsformen. Statt sofort zu Rida zu laufen, ging sie daher zu dem Wagen hinüber und wartete, bis ihr Vater ausgestiegen war.

„Ich dachte, wir hätten uns im Palast voneinander verabschiedet“, sagte sie. „Was nicht heißen soll, dass ich mich nicht freue, dich hier zu sehen.“

König Malik lächelte. „Ich habe es nicht ertragen, dass die Tochter meines Herzens geht, ohne dass wir noch ein paar Minuten zusammen haben.“

„Und?“

„Ich gucke nach dir. Ich spüre, dass irgendetwas nicht stimmt. Sag mir, was es ist.“

Ab und zu überraschte ihr Vater sie mit seiner emotionalen Feinfühligkeit. Das war kein typischer Charakterzug für einen regierenden Monarchen. Autoritär – ja. Entschieden – sicher. Aber ein so genaues Empfinden für die Gefühlsschwankungen seiner Tochter? Interessant, dass Malik das gerade jetzt zeigte.

„Dad, mir geht es gut.“

„Natürlich geht es dir gut. Wäre es dir lieber, wenn jemand anderes Rida begleiten würde?“

„Wie bitte? Ich soll sein Wohlergehen einem Fremden überlassen? Kommt nicht infrage!“

„Unsere eigenen Pferdepfleger würde ich nicht als Fremde bezeichnen. Rida kennt sie und fühlt sich wohl mit ihnen“, erwiderte er sanft. „Bist du bedrückt, weil du deine Brüder vermissen wirst?“

Natürlich würde sie ihre Brüder vermissen. Sie waren sechzehn, vierzehn und zwölf, und sie betete sie an. Ihre Rolle als ältere Schwester machte viel mehr Spaß, als Bethany je gedacht hatte.

„Ich werde meine gesamte Familie vermissen“, murmelte sie und warf einen Blick zu dem Pferdeanhänger. „Dad, wir müssen wirklich los.“

Ihr Vater blieb, wo er war. „Sie werden warten.“

Richtig. Weil es ja schließlich sein Flugzeug war.

„Tochter meines Herzens, ich weiß, es hat auf deinem Weg ins Erwachsenenleben Schwierigkeiten gegeben“, setzte König Malik an. „Unerwartete Stolperfallen.“

Bethany unterdrückte ein Stöhnen. Diese Unterhaltung wollte sie auf keinen Fall führen. Nicht jetzt. Und überhaupt niemals.

Bei diesen ‚unerwarteten Stolperfallen‘, die ihr Stiefvater gerade erwähnt hatte, handelte es sich um eine Serie von schrecklichen Ereignissen, nach denen Bethany sich gedemütigt und fürchterlich hintergangen gefühlt hatte.

Mit vierzehn war sie auf ein Schweizer Internat geschickt worden, auf das die Töchter von Präsidenten, Premierministern und Adelsfamilien gingen. Bethany hatte die Schule geliebt und viele Freundschaften geschlossen. Ihre Familie hatte ihr natürlich gefehlt, aber sie war damit zurechtgekommen. Alles hatte perfekt gewirkt, bis dann plötzlich die ganze Sache schiefgegangen war.

Bei einem gemeinsamen Tanzabend mit einer nahegelegenen Jungenschule hatte Bethany einen Jungen kennengelernt. Es war nur ein unschuldiger, ihrem Alter angemessener Flirt gewesen, und der Abend hatte mit ihrem ersten Kuss geendet. Doch eine Freindin, wie Bethany ihre ehemalige Freundin nun nannte, hatte davon erfahren und in ihrem Blog darüber geschrieben. Irgendjemand hatte diesen Artikel an die europäische Presse durchsickern lassen, und aus der harmlosen Geschichte war ein Skandal über Sexpartys und Drogen geworden.

Bethany war zu Tode gedemütigt gewesen. Ihre Eltern hatten ihr angeboten, nach El Bahar zurückzukehren, und sie hatte die Gelegenheit sofort ergriffen. Eine Reihe von Privatlehrern und die Liebe zum Lernen hatten dafür gesorgt, dass sie nur zwei Jahre später trotzdem ihren Highschoolabschluss machen konnte. Danach war sie in Tennessee aufs College gegangen. Dort hatte sie – nachdem sie inzwischen älter und weiser war – beim Ausgehen besondere Vorsicht walten lassen.

Aber dann hatte sie sich in einen süßen Jungen verguckt – einen etwas nerdigen Ingenieurstudenten. Alles schien gut zu laufen. Sie beide waren die Sache langsam angegangen, doch mit der Zeit waren sie sich immer näher gekommen. Bis sie schließlich Liebende wurden. Denn dann hatte der Ingenieurstudent heimlich Fotos von ihr gemacht und sie an ein Boulevardblatt verkauft. Es gab zwar keine nackten Frontalaufnahmen, dennoch war nicht zu verkennen gewesen, wer auf den Bildern zu sehen war. Die Schlagzeile „Ich entjungferte eine Prinzessin“ hatte auch die letzten Zweifel ausgeräumt.

Bethany war erneut am Boden zerstört gewesen. Und sie war wieder zurück in die Sicherheit des königlichen Palasts geflüchtet. Ihr Vater hatte gedroht, den jungen Mann aufzuspüren und ihn in den Kerker werfen zu lassen. Ihre normalerweise sehr ausgeglichene Mutter hatte diesem Plan zugestimmt. Doch als Bethany selbst aus dem Tal der Schande wieder aufgetaucht war, hatte sie sich mehr Gedanken darüber gemacht, warum es bei ihr immer schiefging.

Andere schafften es doch auch, im Scheinwerferlicht aufzuwachsen, ohne ständig ins Fettnäpfchen zu treten. Lag es daran, dass sie nur ein Kind aus Riverside, Kalifornien war? Fehlte ihr das, was man von Anfang an mitbekam, wenn man in adlige Kreise hineingeboren wurde? Was auch immer der Grund war, sie akzeptierte, dass sie in Zukunft noch vorsichtiger sein musste, und zog sich von dem, was die Welt als normales Leben bezeichnete, noch mehr zurück. Ihrer Familie und den Menschen im Palast konnte sie vertrauen. Genauso ihren Pferden. Allen anderen eher nicht.

Deshalb würde sie als Beth Smith reisen und niemandem in Happily Inc verraten, wer sie wirklich war. Während sie Rida half, sich einzugewöhnen, würde sie einfach mal eine Weile das Leben einer ganz normalen jungen Frau führen, bevor sie dann in die Sicherheit des Palasts zurückkehrte.

Jetzt sah sie ihren Vater an. „Dad, es liegt nicht an dem, was damals passiert ist. Es liegt daran, dass du Rida verkauft hast. Er ist wundervoll. Schnell, klug und in perfekter Form. Er wäre eine tolle Ergänzung unseres Zuchtprogramms.“

„Ja, das wäre er. Doch in meinem Stall ist jedes Pferd perfekt. Rida wäre nur einer von vielen gewesen, und ich glaube, er hat mehr verdient. Er hat es verdient, etwas Besonderes zu sein. In Amerika bekommt er die Chance, sein volles Potenzial auszuschöpfen und herauszufinden, was er alles sein kann.“

Sie verengte die Augen ein wenig. „Wir reden immer noch über das Pferd, oder?“

Ihr Vater lächelte. „Natürlich. Worüber sonst?“

Richtig. Es war ja nicht so, dass sie für immer in Happily Inc bleiben würde. Sobald Rida sich eingelebt hatte, würde sie nach Hause zurückkehren. Rechtzeitig zu Weihnachten, wie sie es ihrer Mutter versprochen hatte.

Sie umarmte ihren Vater. „Ich komme zurecht, Dad.“

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