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Wenn die Liebe Anker wirft

Ein kleines gemütliches Boots-Café am beschaulichen Flussufer. Eigentlich traumhaft, trotzdem fällt es Summer schwer zurückzukehren an den Ort, an dem sie so vieles an ihre verstorbene Mutter erinnert. Doch sie muss das Café retten! Und plötzlich ist sie mittendrin, in einem neuen Leben am und auf dem Fluss. Zum Glück hat sie Mason, den Besitzer des Nachbarbootes, der immer da ist, wenn sie Hilfe braucht. Aber ist das nicht alles zu perfekt, um wahr zu sein?
"Ein Buch, wie eine liebevolle Umarmung." Kirsty Greenwood
  • Erscheinungstag: 11.09.2017
  • Seitenanzahl: 496
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955766450
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für David, für alles.

Danksagung

Jede einzelne Minute des Schreibens an diesem Buch habe ich genossen und dabei jede Menge Unterstützung und Ermutigung erfahren.

Einen Riesendank spreche ich an Kate Bradley aus, die eine wundervolle Person und Lektorin ist und mich immer in die richtige Richtung steuert, an mich glaubt und nie versagt, wenn es darum geht, mir ein Lächeln zu entlocken. Ich bin so froh, mit ihr arbeiten zu dürfen! Dasselbe gilt für das ganze HarperCollins-Team, mit dem einfach alles fröhlich, spannend und leicht über die Bühne geht – zumindest aus meiner Sicht, wenn auch vielleicht nicht aus der des Teams. Mein besonderer Dank geht an Charlotte Brabbin, die außergewöhnlich geduldig und überhaupt brillant ist, an Katie Moss, Kim Young, Martha Ashby und Ann Bissell, außerdem an Alice Stevenson und Alexandra Allden, dafür, dass sie aus meinen Worten ein so ansprechendes Päckchen mit richtig fantastischem Cover gemacht haben. An meine Lektoren und Korrektoren, die bei verschiedenen Phasen meines Buches mitgewirkt haben, entweder an Teilen oder dem vollständigen Roman: Rhian McKay, Kati Nicholl, Anne O’Brien und Linda Joyce. Ich bin voll Anerkennung für alles, was sie geleistet haben, um meine Worte in Form zu bügeln.

Vielen Dank an die brillante und unermüdliche Hannah Ferguson. Sie ist ein Traum von Agentin, und ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich mit ihr zusammenarbeite.

An Kirsty Greenwood und Alex Brown, die Gurus der Bücherwelt, die mir mehr geholfen haben, als ich es ausdrücken kann, und mir herzensgute Freunde geworden sind. Was würde ich nur ohne euch tun?

Ich bin von einigen tollen Autoren inspiriert – und unermüdlich ermutigt – worden. Hier muss ich Katie Marsh, Isabelle Broom, Vicky Walters, Lisa Dickenson, Lucy Robinson, Holly Martin, Cesca Major, Katey Lovell und Elly Griffiths nennen, doch ich könnte die Liste endlos fortsetzen.

Ihr alle, die ihr meine Bücher gelesen, über sie getweetet oder mir dazu Nachrichten geschrieben habt, ihr seid es, für die all die Arbeit sich lohnt. Über Jahre habe ich davon geträumt, dass Leser zu mir Kontakt aufnehmen, um mir mitzuteilen, wie sehr sie meine Geschichten lieben oder durch sie berührt werden, und jetzt geschieht das wirklich. Ich danke euch fürs Lesen und dafür, dass ihr euch die Zeit nehmt, mich anzusprechen.

Ich habe auf Kanalbooten immer nur Urlaubsfahrten gemacht und hatte nie mit den alltäglichen Schwierigkeiten zu tun, die es mit sich bringen, auf einem zu wohnen, darum musste ich der Genauigkeit halber beim Recherchieren auf Bücher zurückgreifen. Besonders hilfreich waren: „The Livea­board Guide: Living Afloat on the Inland Waterways“ von Tony Jones und „How to Live on a Canal Boat: An Alternative Lifestyle“ von Vaughan Tucker. Sämtliche Fehler sind also auf mein Unverständnis bezüglich der richtigen Funktionsweise der Boote zurückzuführen.

Mein Dank an Anne für ihre Freundschaft und ihr Bootswissen und für die Bellinis am Erscheinungstag, an Katy C., dafür, dass sie generell einfach genial ist, und für die Namensvorschläge zu Protagonisten zukünftiger Bücher. Eines Tages erwischt sie bestimmt einen, mit dem auch ich mich wohlfühle, wenn ich ihn benutze, aber höchstwahrscheinlich wird es nicht Willimon sein. Dank auch an Judy, Lisa und Sandra, auch wenn ich sie längst nicht oft genug zu Gesicht bekomme, aber ihre Liebe und ihre Unterstützung sind selbst über die Entfernung superwichtig; an Kate G., dafür, dass sie die Dinge in die richtige Perspektive gerückt und mich stets und ständig zum Lachen gebracht hat.

Dank auch an Mum und Dad, die mich ins Sevenoaks Wildlife Reserve gebracht haben, als ich klein war, und meine Liebe zur Natur erweckten – und für den unvergesslichen Eisvogel-Augenblick. Ohne ihre Unterstützung und ihre fortwährende Bereitschaft, zuzuhören und Ratschläge zu geben, würde ich all dies gar nicht machen. Danke auch an Lucy, dass sie eine echte große Schwester ist.

Dank an David, den wunderbarsten und geduldigsten Ehemann, der mich ohne zu zweifeln von Anfang an unterstützt und Netflix von vorn bis hinten abgegrast hat, während ich mich zum Schreiben verkroch, der mir Kaffee gebracht und mich wundervoll bekocht hat, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beschweren. Er hat das hier möglich gemacht, und ich werde ihm auf ewig für seine Liebe und Großzügigkeit dankbar sein. Ich weiß, dass ein Teil von ihm allzu gern auf einem Boot leben würde, und weil ich mich in den Lebensstil vertieft habe, um dieses Buch zu schreiben, reizt es mich mittlerweile auch selbst, doch ein Problem gibt es dabei, welches ich nie lösen könnte: Wo würde ich bloß all unsere Bücher verstauen?

BAND 1

Alle Mann an Bord

1. Kapitel

Summer Freeman umklammerte das Lenkrad mit vor Aufregung klammen Fingern, als sie auf das Betonrechteck einbog, das sich stolz als „Parkplatz Willowbeck“ ankündigte.

Alles war genau wie früher: die abgewetzte Markierung der Parkbuchten, der Hinweis am Parkautomaten, dass man von November bis März hier gebührenfrei parken durfte, der Holzpfosten mit den Pfeilen, die einem den Weg wiesen: „Black Swan“, „Fluss Great Ouse“ und „Leinpfad“. Eine dünne Eisschicht überzog die Oberkante der Schilder und verlieh ihnen etwas Weihnachtliches, obwohl es bereits Mitte Februar war.

Kein Schild zeigte zum „Bootscafé“, was Summers Mutter Madeleine stets ein Dorn im Auge gewesen war. „Weshalb bekommt der blöde Pub eins, kann man bei uns nicht ebenso gut essen und trinken?“, hatte sie sich echauffiert. Immer wieder dieselbe Diskussion, aber genau genommen immer wieder scherzhaft. Aus dem Wettbewerb mit Dennis und Jenny Greenway, den Besitzern des Pubs, hatte Madeleine einen regelrechten Sport gemacht, zumindest solange sie alle noch befreundet gewesen waren – bevor alles sich unwiderruflich verändert hatte.

Summer parkte in der hintersten Ecke neben dem Lieferwagen der Metzgerei, man hätte denken können, sie wollte auf keinen Fall gesehen werden. In den letzten acht Monaten hatte sie oft an Willowbeck gedacht, und das in sehr lebendigen Bildern, aber an eine Rückkehr war bis vor Kurzem nicht einmal zu denken gewesen. Von Cambridge aus, wo sie wohnte, fuhr man vierzig Minuten bis hierher, und das Studio, in dem sie als Schriftmalerin arbeitete – heute würde man wohl Werbetechnikerin sagen –, lag noch dazu in der entgegengesetzten Richtung. Den Weg nach Norden, vorbei an der imposanten Silhouette der Ely-Kathedrale, hätte sie an diesem Morgen selbst im Schlaf gefunden, dabei war es ein ganzes Weilchen her, dass sie die Strecke das letzte Mal gefahren war. Das Café der Mutter gehörte nun ihr, doch sie hatte es wie ein kaputtes Spielzeug einfach links liegen gelassen. Die Vorstellung, dort den Platz ihrer Mutter einzunehmen, schmerzte einfach zu sehr.

Sie schwang sich aus dem Auto, und kleine Atemwölkchen stiegen vor ihr in die Höhe, so kalt war es. Frierend schloss sie den alten Polo ab, zog den roten wollenen Mantel enger um den Körper und ging langsam über den Platz. Alles umher wirkte an diesem Februarmorgen wie ausgestorben, ihre Schritte hallten weit. Wenn doch nur Latte hier wäre, dachte sie. Ihre junge Hündin, ein süßer kleiner Bichon Frisé, schaffte es immer, sie aufzumuntern, aber weil Summer nicht genau wusste, was heute auf sie zukommen mochte, hatte sie das Fellknäuel lieber gar nicht erst mitgenommen. Nicht dass der kleine Hund ständig im Weg herumsprang oder sie am Ende gar nicht wusste, wo sie ihn unterbringen sollte.

Zum Fluss gewandt, stand sie auf der Straße. Rechts sah sie die Rückseite der kurzen Ladenzeile von Willowbeck, wie sie wusste, die Metzgerei von Adam und seinem Sohn Charlie, daneben der Zeitschriftenladen, in dem mehr Ansichtskarten verkauft wurden als Zeitungen, und ein kleiner Souvenirshop. Sie mochte die weichen Pastelltöne und die gemütliche Atmosphäre dort, inmitten der Regale voller Kerzen, Kissen und Türschilder mit Sprüchen über Hunde und über das Leben auf dem Fluss. In ihrer kleinen Wohnung in Cambridge hing ein Schild, das ihre Mutter einst in dem Laden gekauft hatte. „Wär’ ich doch auf meinem Boot“, stand darauf. Summer war die letzten acht Monate ganz und gar nicht dieser Meinung gewesen, aber mittlerweile stand sie unter Zugzwang.

Links von ihr erhob sich der Black Swan, ein großes, cremefarbenes Gebäude mit schwarzem Anstrich rund um Türen und Fenster. Auf dem Rasen, der zum Fluss hin sanft abfiel, standen einige Picknicktische. Drunten am Ufer erstreckten sich die Anlegeplätze von Willowbeck, genügend für sechs Kanalboote, die typischen schmalen, langen Hausboote für englische Binnengewässer, welche man der Länge nach hintereinander am Leinpfad festmachen konnte. Vier der Anlegestellen waren Dauerplätze von Ortsansässigen, einer von ihnen hatte ihrer Mutter gehört.

Summer holte tief Luft und schlenderte weiter. Langsam geriet der Fluss in ihr Blickfeld, der heute dunkel, jedoch beinahe gläsern wirkte. Kahle Bäume warfen lange Schatten auf den Pfad am jenseitigen Ufer. Sie lächelte, als ein älteres Paar mit einem Jack-Russel-Terrier vorbeispazierte, der eifrig den Boden beschnupperte.

Alle Dauerliegeplätze waren besetzt. Die Moonshine, Valeries lilafarbenes Boot, lag am linken Reihenende, dem Pub am nächsten, direkt neben dem Bootscafé. Die Lichter im Café brannten, aber die Luke an der Seite war geschlossen und die kleine Kuchentafel draußen fehlte. Summer schluckte. Sie wusste, es lag nicht nur am Wetter, dass es sie fröstelte, und sie zögerte noch einen Moment, den Fuß an Bord zu setzen.

Ganz rechts lag die Celeste, das Boot von Norman Friend. Der alte Mann war nicht zu sehen, hielt bei der Kälte wahrscheinlich unter Deck Winterschlaf. Der Liegeplatz zwischen der Celeste und dem Bootscafé hatte beim letzten Mal, als Summer in Willowbeck gewesen war, auf einen neuen Bewohner gewartet. Jetzt lag dort ein schönes, in Rot, Gold und Schwarz angepinseltes Narrowboat. Sandpiper stand in schnörkeligem Schriftzug an der Seite, und Summer konnte nicht umhin, die Kunstfertigkeit des Malers zu bewundern. In glücklicheren Zeiten hatte sie oft davon geträumt, eines Tages ihre eigenen Entwürfe auf Booten wie diesen prangen zu sehen, die gemächlich über den Fluss glitten. Jetzt aber überschattete Kummer jeden Gedanken an den Fluss und die Boote. Sie hatte sich im Atelier vergraben und jeden Auftrag angenommen, nur um nicht an den Tag zurückdenken zu müssen, an dem ihre Mutter gestorben war.

„Summer? Bist du das?“

Die Stimme klang hoch und dünn, aber riss Summer abrupt aus ihrem Tagtraum. Valerie Brogans Kopf erschien in der Bugtür des Bootscafés, bevor sie nach draußen an Deck kam. Ihr rotes Haar wallte wie loderndes Feuer über ihre Schultern, sie hatte rosige Wangen, und das lange Kleid leuchtete ebenso lila wie ihr eigenes Boot nebenan.

„Ein Glück, dass du da bist, Schätzchen!“ Sie breitete die Arme aus, und Summer ging ihr ein Stück weit entgegen, sodass sie eben noch außer Reichweite blieb. „Komm an Bord, Liebes!“, rief Valerie. „Nun komm schon. Von da aus kannst du mich wohl kaum retten.“

Summer setzte ein möglichst warmes Lächeln auf und trat über die Planke. Die ältere Frau schloss sie fest in die Arme, und ein Duftgemisch aus Kaffee, Rauch und Jasminaroma erstickte sie beinahe.

„Du hast ja keine Ahnung, wie sehr ich dich vermisst habe. Wie lang ist es jetzt her? Acht Monate?“

Summer versuchte zu nicken, während Valerie sie umschlungen hielt. Sieben Monate und sechsundzwanzig Tage, dachte sie und murmelte: „Ja, ungefähr.“

„Na, komm rein.“ Valerie löste die Umarmung, sah ihr Gegenüber offen an und seufzte, bevor sie nach hinten deutete. „Ist nicht in bester Verfassung, musst du wissen, also sei gewarnt.“

Aufmerksam folgte Summer ihr durch die Tür und schnappte nach Luft.

Das Café nahm die vordere Hälfte des Bootes ein, an Zweiertischen konnten zwölf Leute Platz finden. Die Theke – der Thron von Madeleines kleinem Königreich – befand sich ganz hinten im Raum. Dort hatte sie Kuchen, Scones und Kaffee verkauft, sowohl an die Gäste im Café als auch durch die Luke zum Leinpfad, und jeder Kunde war von ihr wie ein lieber Freund behandelt worden. Tische und Stühle im Café strahlten in demselben Königsblau mit roten Akzenten wie das Boot, sogar die Möbel für draußen, die im Winter auf dem Boot lagerten, waren farblich abgestimmt.

Zumindest war dies das Bild, das Summer in Erinnerung hatte. In ihrer Erinnerung lief alles rund. Als sie aber jetzt in der Tür stand und die eisige Luft ihr um die Stiefelkanten wehte, war dieses Bild schnell dahin, obwohl Madeleine gewiss mit Recht stolz auf das gemütliche Café gewesen war.

Gäste waren nicht da – zum Glück. Tische und Stühle standen kreuz und quer durcheinander, als hätten die letzten Besucher fluchtartig den Raum verlassen. Einige der blauen Oberflächen waren sogar so zerkratzt, dass das blanke Holz durchschimmerte. Kaffeebohnen lagen überall auf dem Boden verstreut – vermutlich eine ganze Tüte – und teilten sich besonders in den Ecken den Platz mit Staub und Spinnweben. Die Fenster waren verschmiert und kahl, und die Theke sah aus, als wäre sie von Eichhörnchenhorden geplündert worden – alles voller Krümel, Teller und Chaos. Der Geruch von angebranntem Kaffee kroch einem sofort in die Nase.

Valerie stand da wie ein Häufchen Elend.

Aber Summer wusste ohnehin, dass sie an all dem selbst die Schuld trug. „Halb so schlimm“, sagte sie zaghaft und strich mit dem Finger über eine Tischplatte, bis ihr ein Splitter in die Quere kam.

„Nein, noch viel schlimmer“, entgegnete Valerie. „Ich hab’s versucht, Schätzchen, ehrlich, aber selbst im Winter sind andauernd Leute da. Es ist nie voll, aber ein Kommen und Gehen ohne Ruhepause. Am Ende bin ich immer völlig erledigt.“

„Ist ja nicht deine Schuld“, flüsterte Summer. „Was ist denn eigentlich passiert?“ Sie ging hinüber zu der leidgeprüften Kaffee­maschine.

„Die hat den Geist aufgegeben, sprüht nur noch Wasser und dampft und faucht. Heute Morgen wollte ich sie sauber machen und hab dabei die Tüte mit den Bohnen umgekippt. Noch dazu hat Jenny …“ Valerie verstummte und warf einen Blick auf die Theke, auf der unter einem Glassturz mit der Aufschrift „je 10 Cent“ ein paar Jammie Dodgers, kleine Doppelkekse mit Marmeladenfüllung, lagen. „Maddy ist unzufrieden mit mir, das weiß ich.“

Summer ballte die Hände zu Fäusten. „Was sagst du da?“

„Sie ist ganz stark präsent. Und sie sieht mich scheitern.“ Valerie bückte sich, um Kaffeebohnen aufzuheben und sie dann in die Tasche ihres Kleides zu verstauen. „Aber ich glaube, sie verzeiht mir trotzdem.“

„Valerie.“ Summer bemühte sich, ruhig zu sprechen. „Bitte, konzentrieren wir uns darauf, alles wieder in Gang zu bringen. Es dauert bestimmt nicht allzu lange.“ Sie schob einen Stuhl zurück an einen der Tische, hoffte, dass es gleich besser aussehen würde. Leider ohne Erfolg.

Valerie schenkte ihr ein Lächeln. „Ach, Liebes, ich freu mich so, dich zu sehen. Ich hätte dich längst anrufen sollen.“

„Ich freu mich auch“, gab Summer leise zurück. Sie wusste so gut wie Valerie, dass es durchaus mehr als einen Anruf gegeben hatte, aber sie war nicht ans Telefon gegangen. Sie hatte es sich einfach nicht vorstellen können, an den Ort zurückzukehren, an dem ihre Mutter – und sie – einst so glücklich gewesen war. „Und es tut mir so leid“, fügte sie hinzu. „Du hättest dich nicht um all das hier kümmern müssen, Valerie. Schließlich hast du ein eigenes Leben.“

„Aber Maddy war meine beste Freundin, und ich bin ja gleich nebenan. Ich hätte es mir nie verziehen, nicht wenigstens versucht zu haben, das Café am Laufen zu halten. Meine Kartenlesungen halte ich ja trotzdem. Ich fürchte nur, dass ich alles noch schlimmer gemacht hab. Vielleicht wäre es besser gewesen, ganz zu schließen. Die Kaffeemaschine war ja nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wenn wir jetzt an einem kalten Februarmorgen nicht mal heißen Kaffee servieren können, dann war’s das.“

„Also kümmere ich mich erst mal darum.“ Summer zog den Mantel aus und hängte ihn über einen Stuhl, krempelte die Ärmel ihres grauen Pullovers hoch und band sich die rotblonden Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen. Das Haargummi dafür trug sie immer am Handgelenk.

Der Stahl der Maschine war heiß, die Kaffeemühle an der Seite leer, und als sie ins Innere schaute, schlug ihr heißer Dampf ins Gesicht. Sie wandte sich ab, wollte sich ein Tuch greifen, fand aber nur ein Trockentuch, das aussah, als wäre es seit Wochen nicht gewaschen worden. Sie wischte sich das Gesicht an ihrem Strickpulli ab.

Valerie schwebte hinter die Theke, wobei ihre Ohrringe heftig hin und her baumelten. „Also, wie geht es dir, Summer? Ich habe dich vermisst. Willowbeck hat dich vermisst.“

Summer mühte sich mit der Maschine ab. Sie schaufelte durchnässte Brocken von gemahlenem Kaffee hervor, der sich im Innern abgesetzt und alles verstopft hatte. „Ganz gut, danke. Viel Arbeit, einige neue Leute, darum ist die Atmosphäre im Studio wirklich gut. Weihnachten war … schon ein bisschen schwierig“, fügte sie leiser hinzu.

„Ach, Liebes, ist doch klar, ohne Maddy. Geht es deinem Bruder und deinem Vater gut?“

„Ja, Ben ist noch in Edinburgh, aber er war über Weihnachten bei Dad. Trotzdem hat es sich … eigenartig angefühlt.“ Sie hatte seit der Scheidung ihrer Eltern vor fast acht Jahren kein echtes Familien-Weihnachtsfest mehr erlebt. Die wenigen traditionellen Feste bei ihrem Vater hatten sich mit Treffen mit der Mutter die Waage gehalten. Sie hatten meist im Black Swan gefeiert, aber manchmal waren sie auch mit dem Boot den Fluss hochgefahren, um andere Pubs für sich zu entdecken. Madeleine hatte jedes Mal schnell im Mittelpunkt gestanden, weil sie so gern mit allen schwatzte, sie hatte sogar Summer mit ihrer Fröhlichkeit angesteckt, die so auch an Selbstsicherheit gewann. Ohne all das hatte sich Weihnachten einfach völlig falsch angefühlt. Maddys Abwesenheit war erdrückend gewesen.

„Hier war’s genauso“, gestand Valerie. „Willowbeck kam mir viel ruhiger vor.“

Summer schloss die Augen. „Ja, sicher. Klar“, murmelte sie.

Sekunden später lehnte sie an der Theke und schaufelte mehrere Handvoll Kaffeesatz auf das schmutzige Trockentuch. Sie sah zu Valerie hinüber. Ihre Mutter und deren beste Freundin hatten immer eine ähnliche Ausstrahlung gehabt und beide deutlich jünger gewirkt als Anfang fünfzig. Auf Valeries Boot konnte man sich Horoskope erstellen und die Zukunft lesen lassen. Es war eine Schatztruhe der Magie und Mystik gewesen, auf die Summer sich nie richtig hatte einlassen können.

Irgendwie war ihr völlig entfallen, dass Valerie ihrer Mutter fast ebenso nah gestanden hatte wie sie selbst. Die gute Seele hatte jahrelang an Maddys Seite gelebt und sie nun genauso verloren, und anstatt wegzulaufen, hatte sie versucht, weiterzumachen und fortzuführen, was Madeleine nun nicht mehr anpacken konnte.

Kein Wunder, dass es mit dem Café bergab gegangen war, aber wie viel schlimmer wäre es gewesen, wenn Valerie es einfach Summer überlassen hätte? Es wäre längst geschlossen, also was bedeuteten schon ein paar Kratzer oder eine miserable Plätzchenauswahl!

Vom Leinpfad her erklangen Schritte, und Summer sah hinaus zu dem plaudernden Paar, das gerade an den Anlegeplätzen vorbeischlenkerte. Sie seufzte und rührte mit einem Finger durch die Kaffeebohnen. „Tut mir wirklich leid, Valerie“, wieder­holte sie.

„Ach was.“ Die Gute winkte ab. „Hauptsache, du bist hier.“

Summer verzog das Gesicht. Die Entschuldigung war nicht im Mindesten angemessen gewesen, und Valerie war viel zu nachsichtig. „Ich glaub, das gute Stück läuft wieder.“

„Du hast es geschafft?“ Valerie machte große Augen.

„Sie war nur verstopft. Ich wasche sie noch richtig aus, und dann schauen wir nach den anderen Wehwehchen.“

„Ich hol schnell Handfeger und Kehrschaufel.“

„Hast du noch anderes Gebäck? Kuchen?“ Neben den Jammy Dodgers stand ein Tablett mit etwas, das wie Haferplätzchen aussah – die aber so dünn waren wie Krokantriegel.

Valerie wich Summers Blick aus. „Ich bin halt keine begnadete Bäckerin.“

„Sieht man“, witzelte Summer. „Ich aber auch nicht. Das war immer schon Mums Ding.“ Suchend schaute sie sich um, als würde ihr das die Inspiration schlechthin bescheren. Wenn sie ein paar Zutaten besorgte, konnte sie zumindest mit wunderbaren Aromen ein paar Gäste ins Café locken. Aber was konnte sie auf die Schnelle zaubern? Im Sitzbereich lag noch viel im Argen, aber sie hatten zumindest die Luke, die momentan noch vor der Welt verschlossen war. Ely und damit der nächste Supermarkt lag mit dem Auto nur zehn Minuten entfernt, also konnte sie schnell einkaufen fahren. „Hat der Metzger am Wochenende auf?“

„Samstags und Sonntag früh“, erwiderte Valerie. „Also noch ein paar Stündchen.“

„Perfekt. Ich brauche fünf Minuten.“ Summer wusch sich die Hände am Waschbecken, steckte das durchweichte Küchentuch mit dem Berg aus Kaffeesatz in eine Plastiktüte und knotete sie zu. In den Mantel gemummelt, machte sie sich auf den Weg.

Die Luft war schneidend kalt im Vergleich zu drinnen, wo die Kaffeemaschine heißen Dampf versprüht hatte. Der Fluss schien endlos tief, sodass Summer erschauerte, als sie hinüber ans Ufer trat. Im Vorbeigehen warf sie einen Blick auf die Sandpiper, aber dort war alles dunkel. Dann kam sie an der Celeste vorbei. Der Gedanke an Norman, der offenbar noch immer dort hauste, kam ihr tröstlich vor, obwohl man ihn getrost als ungeselligste Person von Willowbeck bezeichnen konnte. Meist saß er mit seiner Angel an Deck und knurrte, wenn andere Boote die Ruhe auf dem Wasser störten. Für jemanden, der auf dem Fluss lebte, gab er sich extrem intolerant gegenüber anderen Bootseignern.

Auf einmal fügte sich alles wieder zu einem Bild zusammen: Valerie und ihre Vorhersagen, Norman, der Metzger, die Schönheit des Flusses, an dem sie orange-blaue Eisvögel beobachtet hatte oder ein Rotkehlchen, das auf der Ruderpinne oder dem Dach saß, das laute Geschnatter von Enten, Gänsen und Schwänen. Heute Morgen war alles so friedlich gewesen. Die Boote hoben sich hell von dem düster-frostigen Silbergrau des Örtchens ab, eine bessere Leinwand für die Bilder in ihrer Erinnerung hätte es nicht geben können.

Nur war ihre Mum auf jedem dabei – in ihrer Baumwollschürze, wie sie lachte oder jemandem zuzwinkerte, das blonde Haar nach hinten gebunden. Wie sie ein Blech mit Kirsch-Scones aus dem Ofen nahm, sich aus der Luke lehnte, um eine vorbeigehende Familie zu begrüßen, und sich dann an Summer wandte, um ihr eine Geschichte von früher zu erzählen, als sie und Blaze ihr noch bis zum Knie reichten. Später musste Summers älterer Bruder ihre Mum ständig daran erinnern, dass er seinen Namen offiziell in „Ben“ geändert hatte, aber Madeleine ließ es sich nicht nehmen, ihn bei seinem ursprünglichen zu nennen. Summer wusste, dass sie es besser getroffen hatte. Sie liebte es, wie die Lieblingsjahreszeit ihrer Mum zu heißen.

Sie merkte, dass sie stehen geblieben war und mit dem Finger den kurvigen Schriftzug Celeste auf Normans Boot nachfuhr. Da ertönte ein lautes Klopfen von innen. Sie machte einen Satz nach hinten, als die Bugtür sich öffnete und Norman angriffslustig mit gestrecktem Zeigefinger vor ihr in der Luft herumwedelte. Er sah genauso aus wie bei ihrer letzten Begegnung: blaue Mütze, löchriger grüner Strickpulli mit Zopfmuster und grau melierter Bart.

„Norman!“, stieß sie hervor und musste lächeln. „Schön, dich zu sehen. Ist lange her, aber du bist immer noch derselbe.“

Er nickte knapp. „Pfoten weg.“

„Was?“ Sie runzelte die Stirn.

„Kratz mir nich’ die Farbe ab.“ Er deutete mit dem Kinn in ihre Richtung, und Summer ließ die Hand sinken. Klar, er wusste natürlich, dass Valerie sich die ganze Zeit mit dem Café abgemüht hatte, selbst wenn er mit niemandem sprach. Ihr wurde klar, dass es einiges gab, was sie wiedergutzumachen hatte, nicht nur der einst besten Freundin ihrer Mutter gegenüber.

„Entschuldige, ich … ich meine, es tut mir leid.“

„Hm?“, knurrte er. „Was?“

Summer sah ihn an. „Dass ich nicht hier war.“

„Wieso? Is’ mir eh einerlei.“

Sie räusperte sich. „Okay. Ich mach Brötchen mit frischem gebratenem Bacon fürs Café. Möchtest du eins haben?“

„Hm“, machte Norman und behielt sie unter den buschigen grauen Augenbrauen hervor im Blick.

„Ja, dann“, sagte Summer betont munter. „Schönen Tag derweil.“ Sie winkte ihm zu und ging schnell zum Metzger.

Dort wurde sie um einiges herzlicher begrüßt, dabei war es im Laden fast so kalt wie draußen. Das Sägemehl auf dem Boden war eigentlich überflüssig, aber Adam hatte sein Geschäft immer möglichst traditionell geführt.

„Sehe ich richtig?“, fragte er und sah von dem Buch auf, in das er etwas eingetragen hatte. „Ich dachte, du hättest diesem Ort den Rücken gekehrt.“

„Tja, zumindest für heute bin ich bin wieder da. Wie geht es dir? Und wie geht’s Charlie?

„Er ist hinten. Macht sich gut als Lehrling. Sonst ist alles beim Alten. Der Laden läuft, und wir kriegen viele Bestellungen. Was kann ich für dich tun?“

Summer blickte auf die Auslage. „Ich brauche etwas Bacon. Geräucherten. Ehrlich gesagt, kann’s auch etwas mehr sein.“

Adam machte große Augen. Er hatte schütteres mittelbraunes Haar, ein freundliches Gesicht und trug eine rot-weiß gestreifte Schürze über dem weißen Kittel. „Also bist du wieder im Café?“

Summer druckste herum. „Ich, äh, helfe Valerie. Und bei der Kälte kommen Brötchen mit knackig gebratenem Bacon bestimmt gut an. Freut mich, dass ihr viel zu tun habt. Es kommt mir heute hier so ruhig vor. Man sieht kaum jemanden. Ist das immer so?“

„Es ist noch ziemlich früh, Mädchen. Aber mir ist schon aufgefallen, dass das Café ein bisschen zu kämpfen hat.“ Konzentriert wog er den geräucherten Speck ab.

Summer fiel keine passende Erwiderung ein. Sie wollte ihm sagen, dass es nicht ihr Café war, dass sie nie darum gebeten hatte und dass dafür verantwortlich zu sein das Letzte war, was sie wollte. Denn das bedeutete, sich offen einzugestehen, dass ihre Mutter nicht mehr da war.

Als sie stumm blieb, fuhr Adam fort: „In den Wintermonaten ist es natürlich immer etwas ruhiger, aber das wird schon werden. Und Valerie ist ein Arbeitstier, oder?“

„Absolut. Es ist toll, wie bemüht sie ist, das Café am Leben zu halten.“ Summer biss sich auf die Unterlippe, als ihr bewusst wurde, wie gemein das klingen musste. Adam reichte ihr den Bacon, und sie kramte ihre Geldbörse hervor, bezahlte und bedankte sich. Dann verließ sie schnell den Laden und fragte sich, wie in aller Welt sie es nur geschafft hatte, es sich schon an einem einzigen Vormittag mit jedem im Ort zu verscherzen. Gut, dachte sie und warf dem Black Swan einen betrübten Blick zu. Bei Jenny und Dennis reicht dafür schon meine bloße Anwesenheit.

Als sie zum Café zurückkam, hatte Valerie alle Stühle und Tische auseinandergeschoben und schrubbte den Boden. Alle Spuren von Kaffeebohnen und Spinnweben waren verschwunden. Es roch nach dem Pinienduft des Putzmittels.

„Ich dachte, ich mach mal klar Schiff“, sagte Valerie.

„So sieht es schon viel besser aus. Ich hab Bacon mitgebracht, aber wir brauchen noch Brötchen. Haben wir welche hier?“

„Nein. Ich hab kaum ein bisschen Kuchen hinbekommen, aber Sandwichcremes erst recht nicht. Beim Zeitungsladen gibt’s Weißbrot.“

Summer grübelte kurz. „Ich glaub, Brötchen wären besser. Meinst du, ich kann eine halbe Stunde verschwinden, um in Ely ein paar Sachen zu besorgen? Dann werd ich ein bisschen backen.“

Valerie strahlte. „Ich wusste, du holst den Laden aus der Klemme.“

„Das werd ich ganz bestimmt nicht“, widersprach Summer. „Jeder hätte seine Mühe, dieses Café ganz allein zu führen. Ich helfe dir wieder auf die Beine, mehr nicht.“

„Es sind aber nicht meine Beine, die hier stehen sollten. Ich mache das für Maddy und dich, Summer. Ich hab selbst einen Beruf, um den ich mich kümmern muss, wie du schon sagtest. Gerade jetzt brauche ich das Geld von meinen Sitzungen mehr denn je.“ Sie deutete umher, und Summer fühlte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. Valerie hatte natürlich eine Menge Zutaten und noch einiges andere besorgen müssen.

„Ich war nie so recht geeignet für so was, und Maddy hat dir das Café hinterlassen“, fuhr Valerie fort. „Du hast es doch früher immer geliebt, oder? Mit ihr hier zu sein?“

„Ja, aber ich hab einen Job, eine Wohnung – und jetzt auch einen Hund. Ich habe ja nie richtig hier gewohnt, weil …“

„Weil all das Maddy gehörte. Aber sie ist nicht mehr hier.“ Energisch stellte die Putzfee den Mopp beiseite. „Der Wohnraum steht leer, das Café geht den Bach runter. So wird es zu einem Geisterschiff.“ Summer warf ihr einen scharfen Blick zu, aber Valerie sprach unbeirrt weiter: „Ich weiß, dass Maddy dich hier haben möchte. Sie würde nichts lieber sehen, als dass du ihr Werk fortführst. Du hast heute schon bewiesen, dass du dazu bestimmt bist, hier zu sein.“

„Ich habe die Kaffeemaschine geputzt und Bacon gekauft“, wehrte Summer mit einer Spur Bitterkeit in der Stimme ab. „Das ist alles. Trotzdem geht noch alles drunter und drüber: Wir haben fast nichts anzubieten, und Gäste sind nicht in Sicht. Egal, wie viel Speck ich brate – was bringt es schon, wenn niemand da ist, der ihn essen will? Ach, Valerie, ich weiß, dass du viel aufgegeben hast, um den Betrieb im Café aufrechtzuerhalten, aber ich kann doch nicht einfach zurückkommen. So einfach geht das nicht!“

„Dann verkauf es.“ Valerie fixierte sie mit nussbraunen Augen. „Sieh zu, dass du das Boot loswirst. Zieh einen Schlussstrich.“ Summer erstarrte. „Ich meine es ernst. Wenn du nicht mehr hier sein willst, dann verkauf alles, und mach etwas anderes mit dem Geld deiner Mutter. Es hat keinen Sinn, so herumzueiern.“

Summer schüttelte den Kopf.

„Ich will dich nicht quälen, Schätzchen, aber du wirst etwas tun müssen.“

„Ich muss zum Supermarkt.“ Summer wandte sich zur Tür.

„Gut“, sagte Valerie, tauchte den Mopp platschend in den Eimer und schwang ihn in einer Pfütze von Seifenlauge in weitem Bogen über die Planken. „Das ist immerhin ein Anfang.“

Als Summer mit Einkaufstaschen voller Backzutaten und krossen weißen und Vollkornbrötchen aus Ely zurückkam, stand die Luke offen, und Valerie lehnte sich hinaus, um einem jungen Pärchen, das in Wollmützen und Handschuhen vor ihr stand, blaue Pappbecher mit Kaffee zu reichen. Summer beeilte sich, an Bord zu klettern, und war erstaunt, als sie die Veränderung sah.

Der Boden blitzte, die Tische und Stühle waren wieder ordentlich aufgestellt und frei von Krümeln, bereit, hier und da ausgebessert und dekoriert zu werden. Die Theke glänzte, die Jammy Dodgers waren weg, und die Kaffeemaschine verströmte einen so verlockenden Duft, dass Summer sich augenblicklich einen Spiced Latte macchiato wünschte.

„Wow!“

„Das waren unsere ersten Kunden“, sagte Valerie. „Sie kamen direkt, als ich die Luke öffnete. Ich hab ein bisschen aufgeräumt, aber das Angebot ist recht dürftig.“

Summer hob die Taschen hoch. „Das hier hilft hoffentlich. Lass uns den Bacon braten, ich mach die Brötchen zurecht, und dann fange ich mit Brownies an.“

„Oh“, sang Valerie träumerisch, „du und deine Brownies. Maddy hat immer gesagt, dass die sich am besten verkaufen.“

„Wer’s glaubt“, knurrte Summer, aber ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln – bis sie den Zustand der Küche sah.

„Dazu bin ich noch nicht gekommen“, entschuldigte sich Valerie hinter ihr.

„Schon okay“, murmelte Summer. Verstohlen nahm sie die Tür weiter hinten in Augenschein, die in die Kabine führte. Dort hatte ihre Mutter auf mehr als engem Wohnraum gehaust, da das Café die Hälfte des Bootes einnahm. Unzählige Filme hatte sie mit ihr gesehen, auf dem Sofa an sie gekuschelt, während das Boot sanft schaukelte.

Summer hatte die Gemütlichkeit des Wohnraums nie in Zweifel gezogen, aber der Gedanke, jetzt dort hineinzugehen, schnürte ihr augenblicklich die Kehle zu. Wie sollte es dort noch Wärme geben, wenn Madeleine nicht mehr da war? Valeries Worte fielen ihr wieder ein: dass ihre Mutter stark präsent sei, und sie stellte sich Maddy auf dem Sofa vor, wie sie blass und emotionslos auf den leeren Bildschirm starrte.

Verärgert schüttelte sie den Kopf – nein, sie würde sich nicht mit Valeries Geisterglauben abgeben – und stellte die Tüten ab, um sich dem Durcheinander auf der Arbeitsplatte und neben dem Spülbecken zu widmen.

„Sag mir, was ich tun soll“, forderte Valerie sie von der Tür her auf.

„Kannst du weiter Kaffee ausschenken? Ich muss zusehen, dass hier alles glänzt, bevor ich anfange.“

„Meinst du nicht, dass ich das lieber übernehmen sollte?“

„Nein, wirklich nicht. Du hast schon das Café gewienert, jetzt bin ich dran.“ Sie ordnete das Geschirr, ließ heißes Wasser ein und packte die Sachen ins Spülbecken.

Die Küche wieder in Schuss zu bringen, würde schnell gehen, aber es reichte gewiss nicht, um das Café zu retten und es wieder in die funkelnde, gemütliche Oase zu verwandeln, in die Maddy ihr Herzblut gesteckt hatte. Dass Summer die erste Hürde genommen und zurückgekehrt war, hieß noch lange nicht, dass sie auch den Willen aufbrachte, bei der Stange zu bleiben.

2. Kapitel

Um elf hatten sie die ersten Bacon-Brötchen durch die Luke verkauft. Im Innenraum wartete allerdings noch eine Menge Arbeit: Die Kratzer auf den Tischen mussten ausgebessert, die Fenster blank geputzt und alles auf Hochglanz gebracht werden, ganz abgesehen von der persönlichen Note wie Blumen auf den Tischen. Darauf hatte Maddy immer viel Zeit verwendet. Gut, zumindest war das Café geöffnet, sie konnten etwas servieren, und eine Ladung Brownies verströmte Schokoladenduft im Ofen.

Summer brach der Schweiß aus. Ihre Wangen glühten, und ihr Haar kräuselte sich von der Hitze aus dem Ofen. Voller Energie hatte sie geputzt und gewerkelt und gespürt, dass sie im Hintergrund mehr bewirken konnte als an der Front im Service. Zudem war sie monatelang nicht in Willowbeck gewesen, sodass die Stammkunden an Valerie gewöhnt waren – falls es überhaupt noch welche gab.

„Schätzchen, was meinst du, sollen wir die Tafel rausstellen?“

Summer wischte sich die Hände ab, kontrollierte kurz die Ofenuhr und folgte Valerie ins Café. Es sah viel heller aus, obwohl die verschmierten Fenster das Sonnenlicht nur gedämpft durchließen. Die Theke war sauber, die Glasstürze warteten auf frische Brownies, und ein Glas mit Schneeglöckchen, die Summer nach ihrem Einkauf noch schnell unterwegs gepflückt hatte, stand neben der Kasse. Bevor sie hätte antworten können, wurde sie von Valerie fest umarmt.

„… Tafel …“, presste sie heraus.

„Schau doch nur, was du bewirkt hast“, Valerie lächelte. „Was für ein Riesenunterschied!“

„Wir beide waren das“, widersprach sie und entwand sich sanft Valeries Griff. „Und wir sind noch längst nicht fertig. Außerdem hätte dir auch sonst jemand helfen können – zwei Paar Hände schaffen mehr als eins. Mehr nicht.“

Valerie schüttelte den Kopf. „Nun sei mal nicht so bescheiden. Das Café ist wie gemacht für dich, du solltest es führen!“

„Ist es nicht“, antwortete sie schwach. „Mum war dafür gemacht. Sie ist es, die jetzt hier stehen sollte.“

Valerie sank in sich zusammen. Das Strahlen verschwand aus ihren Augen, und sogleich fühlte Summer sich schuldig, aber sie konnte nichts daran ändern. Ihre Mum war viel zu früh aus dem Leben gerissen worden, noch dazu, während sie es in vollen Zügen genossen hatte. Und sie selbst sah sich nicht in der Lage, sich mit der schrecklichen Tatsache abzufinden. Auch nicht damit, dass sie eine Mitschuld an all dem trug.

„Ich bereite die Tafel vor“, sagte sie und nahm sich den aufklappbaren Aufsteller, der an der Verkaufstheke lehnte, und die Farbkreiden.

Ihre Schritte hallten auf dem Schiffsboden, und das Boot wippte leicht, als sie durch den Café-Bereich aufs Deck eilte und hinüber auf den Pfad trat. Sie stellte die Tafel nahe der Luke ab und kniete sich davor auf den Boden. Das Leder ihrer Stiefel knarzte. Sie überlegte einen Moment und schrieb dann mit blauer Kreide:

Die Kälte geht weg – mit einem Brötchen Bacon-Speck!

Die Schrift sah sicher und schwungvoll aus. Wann immer Summer auf dem Boot geholfen hatte, war ihr von Madeleine dieser Part überlassen worden. Sie war eine professionelle Schriftdesignerin, es lag ihr im Blut. In Rot schrieb sie darunter:

Kaffee oder Tee dazu? – Für 50 Pence im Nu.

Sie fing gerade die letzte Zeile an, als sie spürte, dass jemand hinter ihr stand.

„Was soll das denn werden?“, fragte eine vertraute Stimme, und Summer drückte die Kreide so fest auf, dass diese abbrach. Sie stützte sich am Boden ab, rappelte sich auf, klopfte sich den Schmutz von den Knien und wandte sich dann langsam zu Jenny um.

„Wonach sieht’s denn aus?“, fragte sie zurück, richtete sich zu ihrer vollen Größe von gerade mal eins fünfundsechzig auf und versuchte, das Gefühl zu ignorieren, von oben herab angesprochen zu werden.

„Nach null Chance, etwas zu verkaufen, was keiner haben will“, kam es bissig zurück. „Du kannst dich nicht nur durch ein paar kindische Reime beliebt machen.“ Sie war ganz in Schwarz gekleidet, hatte das rotbraune Haar zu einem Zopf gebunden, und ein Pony rahmte ihr verkniffenes Gesicht ein.

Summer kam in den Sinn, dass Jenny Mitte vierzig sein musste, aber deutlich verlebter aussah, als Madeleine je ausgesehen hatte. Vielleicht ein weiterer Grund dafür – neben all den anderen –, dass Jenny sich als Konkurrenz aufspielte?

„Vielleicht fühlt man sich ja wohl bei uns. Wie auch immer. Valerie musste alles allein machen, aber jetzt bin ich zurück und helfe ihr. Warum glaubst du, wir könnten keinen Erfolg haben?“

„Weil die Dinge sich geändert haben. Hat die Gute dir nichts erzählt?“

Summer schaute aus den Augenwinkeln zum Boot hinüber. „Was erzählt?“

„Wir bieten jetzt auch professionelle Torten und Kuchen an, und wir haben schon ab zehn Uhr morgens geöffnet. Du solltest dir mal unsere Küche ansehen, super Ausstattung. Kannst ja mal rüberkommen und ein Stück roten Samtkuchen probieren. Hab ich gestern gebacken. Federleicht und saftig frisch.“

Summer verschränkte die Arme. „Dein Ernst?“

„Aber sicher.“ Jenny bedachte sie mit einem so offenen Lächeln, dass Summer sich eine Sekunde lang täuschen ließ und dem Irrglauben verfiel, alles wäre vergeben und vergessen. „Dann siehst du selbst, dass deine kläglichen Bemühungen um euer sogenanntes Café gescheitert sind.“

Summer erschrak selbst über die Woge von Trotz, die sich in ihr auftürmte. „Du irrst dich“, blaffte sie zurück.

„Die Wahrheit tut manchmal verdammt weh, Summer. Ich weiß das ja wohl am besten, oder? Bewundernswert, dass du gekommen bist, aber du musst dich mit der Tatsache abfinden, dass du auf verlorenem Posten stehst.“

„Und wie wir ein Café sind“, warf Summer selbstsicher ein. „Da steht’s doch, sogar in Schönschrift.“ Sie zeigte auf das Boot. „Ihr seid ein Pub, und ich wette, kaum einer weiß, dass ihr Kuchen anbietet. Nur weil du vielleicht einen neuen Mixer und ein paar extravagante Backrezepte rausgekramt hast, heißt das noch lange nicht, dass du was Besseres bist.“

Jennys Gesicht spiegelte ihre wachsende Wut. „Du hast keine Chance“, zischte sie. „Und zwar schon längst nicht mehr! Je eher du das kapierst, umso besser.“

„Und was gibt dir das Recht, hier Regeln aufzstellen zu wollen? Was spricht dagegen, dass jede von uns ihr eigenes Ding macht und wir uns gegenseitig in Ruhe lassen?“

„Als ob du das nicht genau wüsstest.“

„Hör mal, ich hab dir nichts getan. Hör auf, mich wegen etwas anzugreifen, das vor Monaten geschehen ist. Ich will keinen Krieg. Wenn ich demnächst hierher zurückkomme …“ Sie hielt inne, als die Worte ihr unüberlegt aus dem Mund geschlüpft waren.

„Ach. Willst du das denn?“, schoss Jenny zurück.

Summer starrte die Pubbesitzerin an, wie sie in ihrem konservativen Outfit aus schwarzer Hose und schwarzem Pullover in der Kälte stand, professionell, aber ohne jede Persönlichkeit, und sie herausfordernd fixierte, und musste sich eingestehen, dass sie die Antwort nicht kannte. „Kann schon sein“, brachte sie dennoch heraus und wusste gleich, dass ihre Unentschlossenheit Jenny gerade recht kam.

Jenny lächelte triumphierend, bevor sie auf dem Absatz kehrtmachte. „Gib dich geschlagen. Geh nach Hause, und lass die Vergangenheit hier.“

Geknickt beobachtete Summer, wie Jenny den Trampelpfad über den Wiesenhang bis hinauf zur Vorderseite des Pubs stolzierte. „Scheiße“, murmelte sie, wandte sich wieder der Tafel zu und merkte, als sie kurz hochsah, dass Valerie sorgenvoll aus der Luke herüberschaute.

Die Begegnung mit Jenny war exakt so schlimm gewesen, wie Summer es erwartet hatte, aber gleichzeitig hatte sich in ihrem Innern eine Flamme entzündet. Zum ersten Mal an diesem Tag spürte sie etwas von derselben Leidenschaft für das Bootscafé, die sie stets bei ihrer Mutter bewundert hatte. Was Jenny ihr an den Kopf geworfen hatte, stimmte nicht, und selbst wenn sie nicht bereit war, für immer nach Willowbeck zurückzukommen, wollte sie sich dieser Person nicht geschlagen geben.

„Sie hat also wirklich den Einsatz erhöht – mit Torte.“ Seufzend zog sie das Blech mit Brownies aus dem Ofen. Hitze schlug ihr entgegen, gefolgt vom wundervollen Duft nach schmelzender Schokolade und Butter.

Valerie nickte. „Sie bieten jetzt mehr als das übliche Pubessen an. Dennis hat die Küche letztes Jahr renoviert, kurz nachdem … kurz nach dem Sommer.“

Summer runzelte die Stirn. „So?“

„Ich schätze, es gab eine Lücke auszufüllen“, sagte Valerie leise.

„Nein, bestimmt nicht deswegen. Ich meine, vielleicht aus Jennys Sicht, aber ich glaube nicht, dass Dennis es je so gesehen hat.“

Ihre Blicke trafen sich. „Ich bezweifle, dass er eine andere Wahl hatte.“

Summer atmete geräuschvoll aus, setzte die Brownies zum Auskühlen auf ein Gitter und wandte sich wieder ihrer Scones-Mischung zu. Sie knetete sich noch kurz die Finger, bevor sie in den Teig griff. Das war das Beste: Butter und Mehl ineinanderreiben, und heute würde sie genau das als kulinarischen Anti-Stress-Ball benutzen.

„Also haben die vom Pub dich in den letzten Monaten links liegen gelassen?“

„Dennis lächelt mich immerhin kurz an, wenn Jenny nicht in der Nähe ist.“

„Mitgefangen, mitgehangen?“

„Ich glaube, für Jenny ist mittlerweile ein Tag ohne Streit mit wem auch immer kein guter Tag.“

„Und danach zwingt sie die Leute, Torte in sich reinzustopfen“, fügte Summer sarkastisch hinzu. „Das kommt bestimmt ziemlich komisch an.“

Valerie kicherte. Es klang halbherzig und nicht überzeugend. Summer hatte bereits festgestellt, dass die Freundin ihrer Mum einen großen Teil ihrer alten Zuversicht verloren hatte und dafür lieber ihr alles überließ. Sie stellte den Teig beiseite und bedeutete Valerie, schon mal ins Café vorzugehen. Wenig später folgte sie ihr mit den Brownies. Zwar waren die noch lange nicht genug abgekühlt, aber besser klebrige, schmelzende Brownies als gar keine, und bei der frischen Luft, die durch die Luke strömte, würden sie schnell abkühlen.

Summer deckte die Schokosünden noch nicht mit dem Glassturz ab, und schenkte zwei Tassen Kaffee ein. Kurz darauf hatten sich die beiden mit Kaffee und Kuchen an einem der kleinen Tische niedergelassen.

„Es ist sicher einsam hier, seit Mum gestorben ist.“ Die Worte taten weh, aber in den letzten Stunden war Summer zu dem Schluss gekommen, dass sie, solange sie die Tatsachen nicht aussprach, auch niemals überzeugend etwas gegen das Dilemma mit dem Boot würde ausrichten können.

„Ich hab noch meine Arbeit als Medium“, sagte Valerie mehr zu ihrem Kaffee. „Und ich habe Gäste bedient, auch wenn das nicht viel gebracht hat. Mr. Dawson aus dem Dorf holt sich immer auf dem Weg zur Arbeit hier seinen Kaffee. Er kommt jeden Morgen im Anzug den Pfad entlanggeschlendert. Die Bootsleute sind auch nett, fanden die Farbe von meiner Moonshine klasse.“

„Dunkles Purpur sieht ja auch schön aus“, pflichtete Summer bei, „und es ist ungewöhnlich für ein Kanalboot. Aber sag: Wenn die im Pub so feindselig sind, gehst du denn dann trotzdem hin?“

„Manchmal, wenn ich keine Kraft zum Kochen habe, aber eine warme Mahlzeit brauche. Ich hab ja nichts gegen Jenny, und wie ich schon sagte – Dennis benimmt sich immer absolut freundschaftlich, und die Angestellten sind richtig lieb.“

„Norman ist ja eher ein Eigenbrötler, also vermute ich, hier unten …“ Summer sah aus dem Fenster. Ein Wildentenpaar schwamm vorbei, die grünen Federn des Erpels schillerten im Sonnenlicht. „Wer wohnt in der Sandpiper? Die war letztes Mal noch nicht hier.“

„Oh, da wohnt Mason.“ Valeries Gesicht hellte sich auf. „Ein ganz Netter.“

„Wer ist er?“

„So ein Naturtyp. Streift umher und sucht Vögel und Gänse.“

Summer kräuselte die Nase. „Ein Vogelbeobachter?“

„Er macht das beruflich. Schreibt und fotografiert für Zeitschriften. Hat eine ziemlich starke Aura, scheint ein wirklich gutmütiger, liebenswürdiger Naturbursche.“

„Aha“, befand Summer. „Klingt umgänglich.“

„Na ja, er ist – einfach ein echter Lichtblick.“

Ein Geräusch an der Luke ertönte. Summer sprang auf, um sich um den neuen Gast zu kümmern, aber dann sah sie, dass es sich bei dem vermeintlichen Kunden um eine getigerte Katze handelte, die ins Café sprang. Als Summer sie aufhob und sich an die Wange hielt, schnurrte das Fellknäuel ihr laut ins Ohr.

„Harvey! Wie hab ich dich vermisst!“ Sie grinste und ging, den zufriedenen Kater im Arm, an den Tisch zurück. „Wie geht’s den beiden?“, wollte sie von Valerie wissen.

„Gut. Harvey versucht momentan, Motten zu fangen. Auf einem Boot keine gute Idee, besonders nach dem, was seinem Bruder passiert ist.“

„Oh nein.“ Summer wandte sich dem Kater zu. „Es ist sehr, sehr dumm, so was zu machen, nicht wahr, Harvey?“ Das Katerchen schloss die Augen vor Behagen. „Wie geht’s Mike?“

Mike war Harveys Bruder. Als er noch ganz winzig gewesen war, hatte Valerie ihn aus dem Fluss gerettet. Sie war hinter ihm hergesprungen wie Shakespeares wahnsinnige Ophelia, jedoch mit dem Unterschied, dass weder sie noch der Kater dabei ihr Leben gelassen hatten.

„Ihm geht’s prima. Aber sein Abenteuergeist ist noch immer nicht wieder aufgeflammt.“ Valerie streckte einen Arm aus, um Harveys seidiges Fell zu streicheln. „Manchmal überrascht er meine Klienten, nachdem er die Hälfte der Sitzung auf dem Sofa verschlafen hat. Dann taucht er plötzlich maunzend auf oder springt ihnen sogar auf den Schoß. Das zeugt vielleicht nicht gerade von Professionalität, aber ich bringe es nicht über mich, ihn wegzugeben. Mein Boot ist seine kleine Welt, und die will ich nicht noch mehr eingrenzen. Harvey ist waghalsig genug für beide: Er erkundet mutig andere Boote, wenn dort mal ein Fenster oder eine Tür offen steht.“

„Meine Güte, ob er wohl schon auf der Celeste war? Ach Katerchen, wenn du doch nur sprechen könntest.“ Summer kraulte Harvey das Fell zwischen den Augen.

Valerie seufzte. „Neuerdings legt er sich mit Masons Hund an.“

„Oha. Was hat er denn für einen?“ Summer wurde von Sehnsucht übermannt, als sie an Latte dachte, die sie zu Hause bei einer Freundin gelassen hatte.

Valerie machte eine unbestimmte Handbewegung. „So einen kleinen struppigen. Ein echter Quälgeist, wenn du mich fragst, aber Mason würde ich das nicht ins Gesicht sagen. Ich hab Harvey mehr als einmal erwischt, als er den Struppi mit aufgestelltem Schwanz angefaucht hat. Aber Masons Hund kommt immer wieder, als würde er es mögen.“

Summer musste laut lachen. „Klingt wie eine aufrichtige Beziehung.“

Valerie schaute sie eindringlich an. „Weißt du was, Summer Freeman? Du hast gerade zum ersten Mal, seit du wieder hier bist, gelacht.“

Summer wollte etwas erwidern, fand aber keine Worte. Sowieso ertönte im selben Moment ein leises Klackern von der Luke her, diesmal stand dort aber ein menschlicher Besucher.

„Hallo? Kann man einen Kaffee bekommen? Mir frieren die Hände ab.“

Ein Gesicht erschien, und Valerie ging hinüber, um sodann einen älteren Herrn mit weißem Haarschopf zu begrüßen, der in eine dicke braune Jacke eingemummelt war.

Summer kehrte in die Küche zurück, um sich wieder den Scones zu widmen. Während sie die Masse zwischen den Fingern zerrieb, wurde ihr klar, wie sehr sie sich vor der Welt verschlossen hatte und wie ungerecht das Valerie gegenüber gewesen war. Wenigstens schien die sich nicht allzu einsam zu fühlen, konnte in den Pub gehen und hatte einen neuen, netten Nachbarn, obwohl der anscheinend ein komischer Vogel war.

Sie schob die Scones in den Ofen und schaute nach der Zeit. Es war zwei Uhr, und realistisch gesehen, konnte das Café höchstens bis vier geöffnet bleiben. Wieder linste sie zum Durchgang in den Wohnbereich und erschauerte. Herrje, Schluss mit den Spukgedanken, ermahnte sie sich, das dort waren schließlich nur ein paar leere Räume. Sie schalt sich selbst, wünschte sich wieder einmal Lattes unkomplizierte Gesellschaft und begann, aufzuräumen. Sie nahm sich fest vor, das Boot vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu verlassen.

Ihr fiel ein, dass sie Norman gegenüber die Bacon-Brötchen erwähnt hatte. Da er offenbar nicht bereit war, sich eins zu holen, womit sie eigentlich auch nicht gerechnet hatte, entschied sie sich, es ihm zu bringen. Es hatte sie überrascht, wie gut es ihr tat, Valerie wiederzusehen und wieder zu backen. Ein Teil von ihr ahnte schon, dass das keine einmalige Sache sein konnte. Nicht, wenn das Café überleben sollte. Vielleicht konnte sie jedes zweite Wochenende herkommen. Auf jeden Fall war es ihr wichtig, dass jeder in Willowbeck – und vor allem Jenny – wusste, dass das Bootscafé wieder geöffnet hatte. Und Norman auf ihre Seite zu bringen, schien ihr ein guter Ansatz zu sein.

Sie briet noch ein paar Scheiben Bacon, schnitt ein knuspriges Brötchen auf und belegte es. Zum Schluss rundete sie das Ganze mit einem Klacks Barbecuesoße ab.

„Wie trinkt Norman noch mal seinen Kaffee?“

Valerie winkte ab. „Für ihn ist Kaffee eine dieser neumodischen Erfindungen. Er trinkt grundsätzlich nur Tee.“

Summer schaute verdutzt. „Ach, stimmt ja. Was würde wohl passieren, wenn ich ihm einen Spiced Latte mit Lebkuchengewürz, Schlagsahne und Zimt bringe?“

„Er würd ihn wohl in den Fluss schütten.“

„Okay, dann bring ich ihm doch lieber Tee.“

Sie hämmerte an die Bugtür und fürchtete schon, dass das Bacon-Brötchen längst kalt geworden war. Drinnen blieb alles still, und sie klopfte noch einmal. Schließlich hörte sie ein Poltern, und einige weitere merkwürdige Geräusche, bevor die Tür einen schmalen Spalt geöffnet wurde.

„Was?“, brummte Norman.

„Ich hab dir ein Bacon-Brötchen und einen Tee mitgebracht. Ein kleiner Willkommensgruß. Dachte, das wärmt dich ein bisschen auf.“

„War gar nicht weg. Bin die ganze Zeit hier gewesen.“

„Nein, ich meine, weil ich weg war, also eher kein ‚Willkommen‘, sondern ein ‚Schön-dich-wiederzusehen‘.“

„Hast’ schon gesagt.“

„Dann sag ich’s jetzt noch mal. Ich freu mich wirklich, dich zu sehen. Wie geht es dir denn?“

„Bacon, wie?“ Norman nahm das Brötchen argwöhnisch in Augenschein, das in einige Servietten eingeschlagen war.

Summer nickte. „Vom Metzger, also richtig gut.“

Er richtete den Blick auf ihr Gesicht. „Na dann“, sagte er unbestimmt.

„Wie?“

„Is’ gut, ich nehm’s.“ Er streckte die Hände aus, und Summer übergab den Pappbecher und das Brötchen.

„Lass es dir schmecken“, sagte sie herzlich, obwohl er sie behandelte, als hätte er soeben ihr einen Gefallen getan.

Er machte eine Bewegung mit dem Kopf, die man fast für ein genicktes ‚Danke‘ hätte halten können, und schloss die Tür.

Summer seufzte und schlang die Arme um den Körper. Trotz des Mantels fror sie. Die Sonne senkte sich schon langsam, und es wurde kälter. Merkwürdig, dass der Fluss gar nicht zugefroren war. Sie sprang vom Deck der Celeste und ging gemächlich an der Sandpiper vorbei.

Jetzt brannte drinnen Licht. Sie widerstand dem Drang, ihre Nase an die Scheibe zu drücken. Mason, der Naturjournalist. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Geschichten, die er schrieb, wirklich spannend waren: Reiher, die die ansässigen Koikarpfen in den heimischen Teichen dezimierten, die Ankunft eines seltenen Zugvogels aus Afrika … Aber auf einem Boot lebte es sich natürlich sehr naturnah. Wenn sie ehrlich war, hätte sie seine Fotos liebend gern mal gesehen.

Sie war schon fast wieder beim Boot, als sie dort Unruhe wahrnahm, laute Stimmen – die von Valerie und jemand anderem – und Hundegebell. Sie ging schneller, und als sie eben an Deck springen wollte, wetzte ein kleiner struppiger Terrier an ihr vorbei. Er trug etwas in der Schnauze, das stark nach einer großen, dicken Scheibe Bacon aussah.

„Ist das unser …“, platzte sie heraus, da schoss ein Mann über die Schwelle und hätte sie fast umgerannt. Im letzten Moment bewahrte er Summer vor einem Sturz.

„Entschuldigung! Das ist mein Hund. Er hat Valeries Bacon gestohlen, und ich muss …“ Aber er brach den Satz ebenso ab wie der Hund seine Flucht. Der Terrier kam zurückgetrottet und blieb vor seinem Herrchen stehen, den Speck noch immer aus der Schnauze baumelnd. Der Fremde ließ Summer los und hockte sich hin. Er schaute den Hund an, als wüsste er nicht, was er jetzt tun sollte. Das Tier richtete die dunklen Augen keck auf ihn und wedelte mit dem Schwanz. Ein Bild der Herausforderung. Der Mann seufzte, dann hob er den Fotoapparat hoch, der an einem Riemen über seiner Schulter baumelte, nahm den Hund ins Visier und drückte auf den Auslöser.

Summer war völlig perplex und starrte die beiden an.

„Aus!“, befahl der Unbekannte. „Aus, na los.“ Doch das Tier gab den Bacon nicht frei. „Archie“, wiederholte der Mann mit drohendem Ton in der Stimme und hielt dem Hund eine Hand hin. Der wich zurück. „Archie!“, sagte er noch einmal, diesmal noch eindringlicher. Der Terrier zögerte, schaute kurz zu Summer hoch und ließ den vollgesabberten Baconstreifen in die dargebotene Hand fallen.

Sein Herrchen starrte einen Moment darauf, murmelte dem Hund etwas Unverständliches zu und stand auf.

„Tut mir leid, dass ich Sie fast umgerannt hätte.“

Summer, noch immer verwirrt, schüttelte den Kopf und versuchte, den verdorbenen Bacon zu ignorieren, den der Mann in der Hand hielt. „Nein. Nein, ich …“

„Oh, Summer“, Valerie tauchte an Deck auf. „Du hast Mason also schon kennengelernt. Leider in einem ungünstigen Augenblick, wie?“

Mason sah sie scharf an, und Summer sagte nur: „Das ist Mason?“

„Sie scheinen überrascht. Was hat sie Ihnen denn von mir erzählt? Ist mir wirklich unangenehm, das mit Archie. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie …“ Wieder brach er mitten im Satz ab und schaute sie mit leicht zusammengekniffenen Augen an.

Summer hielt seinem Blick stand.

Mason hatte dunkle Augen, die trotz der angespannten Situation freundlich wirkten, wie Valerie schon angedeutet hatte. Sie wurden von dunklen Brauen beschattet, und sein Gesicht umgaben nahezu pechschwarze Locken. Widerspenstige, freche Locken. Ob sie sich wohl weich anfühlten? Summer musste sich zurückhalten, um nicht hineinzulangen. Er trug eine verwaschene Jeansjacke über einem weißen Shirt, dunkle Jeans und einen grünen Wollschal, Letzterer das einzige Zugeständnis an die Kälte. Die schwarze, verchromte Kamera sah modern aus, war aber einer alten Leica nachempfunden. Offenbar ein sehr teures Modell.

„Sie sind also Summer“, nahm er den Faden wieder auf.

„Klingt, als hätten Sie auch schon von mir gehört.“ Ihre Kehle fühlte sich ausgetrocknet an. Valerie war sicher vorsichtig in ihrer Wortwahl gewesen, dennoch konnte er sich zweifellos die wahre Geschichte erschließen: dass sie sowohl das Boot ihrer Mutter als auch deren beste Freundin im Stich gelassen hatte, als diese sie am meisten gebraucht hatten.

„Hab ein bisschen was aufgeschnappt“, gab er zu und sah Valerie an, bevor er ergänzte: „Nur im Vorbeigehen, wenn ich mir einen Kaffee geholt habe.“

„Und das ist Archie?“ Der Hund hechelte leicht und wartete offenbar immer noch darauf, dass man ihm zu seinem Fund gratulierte. Oder er hoffte, dass der Speck ihm nun, da er für den menschlichen Verzehr absolut unbrauchbar geworden war, zurückgegeben würde. „Valerie hat gesagt, dass er ein kleiner Quälgeist ist.“

„Summer!“, zischte die sofort.

Mason warf Valerie einen Seitenblick zu und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Tatsächlich? Er ist ein bisschen frech, aber normalerweise nicht gar so schlimm. Wobei – bisher gab es im Café nie Bacon-Brötchen. Ich wollte eigentlich nur fragen, ob ich eins bekommen kann, aber ich fürchte, das hat sich gerade erledigt.“ Er blickte seinen Hund zerknirscht an.

„Warum haben Sie ihn eigentlich fotografiert? Führen Sie etwa Buch über seine Fehltritte?“

Mason zuckte gleichmütig die Schultern. „Ich fotografiere nun mal gern. Es war vielleicht nicht Archies bester Moment, aber Potenzial für ein gutes Foto bot er schon.“

Summer schüttelte den Kopf und lachte, aber Valerie legte ihr eine Hand auf den Arm.

„Ich glaube, er ist sogar ganz hinten im Boot gewesen.“

„Nein!“ Summer holte tief Luft.

„Und ich weiß nicht, ob die Tür richtig zu war.“

„Mums Sachen!“ Sie schlüpfte an Valerie vorbei, lief in die Küche und öffnete die angelehnte Tür. Ohne sich Zeit zum Nachdenken zu lassen, betrat sie den Wohnraum. Die Vorhänge waren zugezogen. Als sie das Licht anknipste, musste sie blinzeln und sich an eines der Regale klammern. Masons Hund hatte keinerlei sichtbare Zerstörung hinterlassen, weil es gar nichts zu zerstören gab.

Das Zimmer wirkte wie leer gefegt. Die Möbel standen noch da, das Sofa und die Einbauschränke, aber alles Persönliche – der kleine Schmuckkoffer, die Kissen und Fotos – war weg. All das, was den Raum zum Reich ihrer Mutter gemacht hatte. Nichts war von ihr übrig. Summer schlurfte zur Koje. Das Bett hatte jemand abgezogen, das Foto von ihnen dreien – ihr, Ben und Madeleine – fehlte. Ganz hinten in dem winzigen Bad fand sie genau dieselbe Situation vor: der Schrank leer, Handtücher und Badematte nicht mehr da, keine Gummiente mehr auf dem Waschbecken.

Es hätte ein x-beliebiges Boot sein können. Zurück im Wohnzimmer, fühlte sie das Kribbeln in der Nase, wie immer, wenn sie den Tränen nahe war. Sie hatte nicht hineingehen wollen, aber dass Mums Raum wirklich aller Erinnerungen beraubt sein würde, hätte sie im Leben nicht erwartet.

Mason stand neben dem Sofa, schaute sich um und rieb sich eine Wange. „Hat er viel angerichtet?“

Wie betäubt schüttelte sie den Kopf. „Wo ist Valerie?“

„Bedient einen Gast.“

„Sie müssen Ihren Hund anleinen“, sagte sie tonlos, während sie sich an ihm vorbeischob.

Mason folgte ihr. „Sonst kann er sich besser benehmen. Der Bacon hat ihn zu sehr gereizt.“

„Valerie, wo sind Mums Sachen? Warum sieht alles so leer aus?“ Ihre Stimme klang rau, und Summer verfluchte sich innerlich.

Mit gerunzelter Stirn wandte die Freundin ihrer Mutter sich zu ihr um. „Ben hat alles ausgeräumt.“

„Was? Wann?“

Direkt nach der Beerdigung. Ich weiß, es war kompliziert damals – tja, du wolltest nicht herkommen. Darum nahm ich an, dass du ihm das überlassen wolltest. Wir hatten die Küchenausstattung so gelassen, für das Café. Er meinte, den Rest wolle er entsorgen. Ich hab dir eine Nachricht hinterlassen und gedacht, ihr hättet alles abgesprochen.“

„Ich hatte keine Ahnung! Da war doch …“ Sie verstummte und ließ den Kopf hängen. Konnte sie es Ben übel nehmen? Aber musste er denn gleich alles verschwinden lassen? Okay, er hätte es auch nicht ewig hinausschieben können. Genau wie ihr Vater hatte er sich nie für das Boot interessiert, darum war sie überzeugt gewesen, die beiden würden niemals herkommen und alles würde erhalten bleiben, bis sie sich eines Tages in der Lage fühlte, es sich anzuschauen. Valeries Nachrichten hatte sie sich nicht angehört, sondern es wie immer vorgezogen, komplizierte Dinge schlichtweg zu ignorieren. Jetzt musste sie mit den Konsequenzen klarkommen.

„Ben hat bestimmt das ein oder andere aufbewahrt.“ Valerie rieb sich verlegen den Arm. „Ruf ihn doch mal an. Ich weiß, dass Maddy froh wäre, dass er es getan hat, damit ihre Habseligkeiten nicht zu lange unbeachtet herumliegen und verstauben. So ist hier alles bereit für einen neuen Besitzer, für einen Neuanfang.“ Sie sah Summer geradeheraus an. „Das wünscht sich Maddy mehr als alles andere.“

Summer trat einen Schritt zurück und knallte direkt in Mason hinein. Ein Hauch Zitrus- und Vanillearoma von seinem Aftershave erfasste sie, bevor sie auf Abstand ging. „Woher willst du das wissen? Wie kommst du darauf, dass meine Mum es gut finden würde, was Ben gemacht hat? Sie ist tot! Sie kann weder etwas ablehnen noch irgendetwas billigen, wie gern du das auch hättest.“

Valerie riss die Augen auf. „Aber Schätzchen, sie ist …“

„Sie ist nicht mehr da“, sagte Summer hart. Ihr ganzer Ärger brach nun hervor. „Sie ist nicht hier! Nichts ist hier mehr von ihr übrig!“

„Aber ich spüre sie.“ Valerie legte sich eine Hand auf die Brust. „Und wenn du mich nur für dich mit ihr sprechen lassen würdest …“

„Nein! Das werde ich nicht. Es geht nicht.“ Sie zog den Mantel enger.

„Wo willst du hin?“

„Nach Hause. Ich fahre nach Hause in meine Wohnung, zu meinem Hund und meinem Leben.“ Sie wies in die Runde. „Wir haben ja hier jetzt alles so weit wiederhergestellt. So kommst du sicher zurecht.“

Fassungslos starrte Valerie sie an. „Das werde ich nicht! Natürlich nicht – ohne dich wird das alles nicht funktionieren.“

„Komm schon, das stimmt nicht.“

„Ich seh dich aber morgen wieder, oder?“

„Hast du nicht gehört, was ich gesagt hab?“ Summer schaute von Valerie zu Mason, der am Fenster stand. Er sah sie teilnahmslos, aber dennoch durchdringend an. Sie fühlte sich plötzlich peinlich berührt, weil sie merkte, wie falsch alles lief. Sie konnte doch nicht Valerie die Schuld geben! Das musste einen furchtbar falschen Eindruck machen. Ihr Ärger verpuffte ein wenig, aber sie blieb standhaft. „Ich kehre in mein Leben zurück“, sagte sie leise.

„Bitte, komm wieder. Ich bitte dich.“

„Ich würde mich auch morgen über ein Bacon-Brötchen freuen“, mischte sich Mason ein. „Zumal ich heute nicht in den Genuss gekommen bin.“

„Dafür braucht ihr mich nicht, Bacon ist ja da.“ Summer schnappte sich ihre Handtasche, eilte nach draußen und schloss die Tür hinter sich. Im Dämmerlicht sah sie, dass Mason die Hundeleine seitlich am Boot angebunden hatte. Sie bückte sich, um den Terrier zu streicheln, der sie mit braunen Augen ansah und ihr die Hand zu lecken versuchte. „Das war gemein, hm?“, sagte sie zu ihm. „Richtest du Mason aus, dass es mir leidtut und dass ich ihn nicht anmeckern wollte?“

„Es sei dir verziehen“, hörte sie seine Stimme hinter sich. Sie drehte sich um, und er sagte: „Du kannst mir mit Fug und Recht heute alles an den Kopf werfen, was du willst, nach dem, was Archie da vorhin angestellt hat. Der Bacon ist im Eimer, also lass mich morgen neuen besorgen, und den mache ich dann höchstpersönlich im Café – als Wiedergutmachung.“

Summer stand auf und schaute ihn unschlüssig an. Es fiel ihr schwer, sich abzuwenden, nicht nur, weil Mason unvermittelt zum formlosen Du übergegangen war. Er hatte eine weiche Stimme, keine Spur von Akzent. Seine Art zu sprechen ließ darauf schließen, dass er ein unendlich geduldiger Mensch sein musste, aber da war noch etwas. Seine Locken sahen so ungebändigt aus, sein Auftauchen auf ihrem Boot war so chaotisch gewesen, und seinen Hund schien er überhaupt nicht im Griff zu haben – dennoch ging von Mason etwas Anziehendes aus. Es fiel ihr schwer, das Durchdringende, die Tiefe in seinen Augen nicht zu beachten. Ja, sie wollte mehr über diesen Mann erfahren.

„Ich muss los“, sagte sie ruhig. Als sie sich auf den Weg machen wollte, fiel ihr eine weiße Schachtel auf, die an der Kante des Decks stand. Sie bückte sich, klappte sie auf und starrte auf ein Stück roten Samtkuchen. Zornig wandte sie sich um und drückte Mason die Schachtel in die Hand. „Hier. Guten Appetit, im Namen von Jenny. Vielleicht kannst du ja ein tolles Foto davon machen, bevor du ihn genießt.“ Sie warf einen Blick zum Pub hinauf, aber in der Dämmerung konnte sie außer dem Schimmer der erleuchteten Fenster nichts erkennen. Jenny beobachtete sie mit Sicherheit und freute sich diebisch über den gelungenen Scherz. Das hier war so gut wie ein Riesenplakat mit der Aufschrift „Scher dich aus der Stadt!“

Sie ließ den verdutzten Mason mitsamt der Kuchenpackung stehen und lief zu ihrem Wagen.

3. Kapitel

Als Summer vierzig Minuten später ihre Wohnung aufschloss, war ihre Wut verflogen. Latte begrüßte sie, als wäre sie Monate fort gewesen, kläffte und wuselte ihr um die Füße, während Summer ihr Futter gab und sich einen Tee kochte.

Kurze Zeit später machte sie es sich auf dem Bett bequem, mit Lattes kleinem warmen Körper an sich gekuschelt, und rief Ben an.

„Ich dachte, es wäre okay für dich“, sagte er auf ihre Frage. „Einer musste es doch tun.“

„Warum? Es war nicht okay, und es musste auch vorerst keiner tun.“

„Sie ist acht Monate tot, Sum. Du hättest nicht gewollt, dass all ihre Sachen da vergammeln.“

„Und wo sind ihre Sachen jetzt?“

Ben seufzte heftig und lang gezogen. „Die hab ich abgegeben – gespendet vor allem. Dad hat sich nicht dafür interessiert, und du – na ja, hast neben dir gestanden, was verständlich war.“ Bevor sie widersprechen konnte, ergänzte er: „Da hab ich’s eben erledigt.“

„Du hast rein gar nichts aufbewahrt?“ Summer zog das Hündchen auf ihren Schoß und drückte das weiche Fellbündel an sich. Sie hatte den Welpen kurz nach dem Tod der Mutter bekommen und wollte Latte nun nicht mehr missen. Wenn sie noch einmal aufs Boot musste, würde sie die Kleine mitnehmen.

„Doch, ein bisschen was“, antwortete Ben. Und dann wurde seine Stimme weich. „Den Kompass hast du aber schon, stimmt’s?“

„Der war nicht da?“ Summer schloss die Augen. Der Kompass mit den Perlen- und Rosenquarz-Intarsien und der unglaublich glatten, kühlen Oberfläche war Maddys liebstes Stück gewesen.

„Du hast ihn nicht mitgenommen? Nicht vielleicht vorher irgendwann?“

„Nein.“

„Ich schwöre, dass er nicht da war. Ich hab ihn sogar gesucht, aber dann dachte ich, du hättest ihn schon.“

„Dann hast du ihn mit dem anderen Zeug weggeworfen?“

„Nein. Das hätte ich ganz bestimmt nicht gemacht. Jedenfalls nicht absichtlich.“

Summer vergrub den Kopf in Lattes Fell. „Ich weiß“, murmelte sie im Sitzen. „Das würdest du nicht.“

„Er ist vielleicht immer noch auf dem Boot. Wer weiß? Hinters Sofa gefallen oder so. Schau überall nach.“

„Klar.“ Plötzlich fühlte sie sich unendlich erschöpft. „Und wie ist’s dir in der Zwischenzeit ergangen?“

Sie hörte ihm zu, wie er von seinem Leben in Edinburgh erzählte, seiner Arbeit bei der Anwaltskanzlei, seiner Freundin Vicky, mit der er kürzlich zusammengezogen war. Es kam ihr so normal vor, vermutlich genauso normal, wie es ihr eigenes Leben bis zu jenem Tag gewesen war.

„Ehrlich, Sum, ich glaub nicht, dass ich den Kompass weggeschmissen habe. Schau noch mal nach, okay? Und wenn ich kann, komme ich bald mal runter und schau, wie’s dir geht.“

„Du bist kein schlechter Bruder, Blaze.“ Summer rang sich ein Lächeln ab.

„Wenn du mich weiter so nennst, werd ich zum Monster.“

„Wie Incredible Hulk? Blaze, der Bösewicht mit den Superkräften?“

„Fordere es nicht heraus, Sum.“

„Eigentlich ist Blaze ein hervorragender Superheldenname. Kann gar nicht verstehen, dass du ihn aufgegeben hast. Denk mal an all die Frauen, die du haben könntest.“

„Ich leg jetzt auf.“

„Danke, dass du daran gedacht …“, begann sie, aber dann hörte sie es klicken, als Ben das Gespräch beendete. Sie streckte sich aus, Latte noch immer auf dem Schoß, und starrte an die Decke.

Er war nie besonders herzlich gewesen, immer viel förmlicher und fokussierter als sie. Wie sein Dad. Aber immerhin hatte er sich an den Kompass erinnert. Er hätte ihr früher sagen können, dass er das Boot leer räumen wollte – genau genommen hätte er sie fragen können. Aber wenn sie vernünftig darüber nachdachte, war ihr so eine schreckliche, nahezu unmögliche Aufgabe erspart geblieben.

Sie besaß das Boot ihrer Mutter. Sie war entschlossen, den Kompass zu finden, und sie hatte all ihre Erinnerungen. Jetzt musste sie nur noch den Mut aufbringen, sich ihnen zu stellen, die Trauer hinter sich zu lassen. Sie musste akzeptieren, dass Mum nicht mehr da war, und versuchen, die guten Zeiten im Gedächtnis zu behalten. Dafür, das war ihr klar, musste sie nach Willowbeck zurückkehren.

Am nächsten Vormittag, dem Valentins-Sonntag, war es noch immer klirrend kalt, aber die Sonne traute sich etwas mehr heraus. Summer ergänzte den Vorrat an Brötchen und Bacon, bevor sie sich auf den Weg machte.

Latte hüpfte abenteuerlustig neben ihr her, als sie über die Planken ging. Auf dem schmalen Kanalboot konnte man kaum etwas erkennen. Es war abgeschlossen und Valerie noch nicht in Sicht. Summer wühlte in der Tasche nach den Schlüsseln und fragte sich, ob ihr gestriger Zwist Valerie womöglich den Rest gegeben hatte. Hatte die gute Seele nun doch endgültig das Café aufgegeben und überließ es nun ihrer unwilligen Obhut?

Sie schloss auf, schaltete das Licht ein, nahm Brownies und Scones aus dem Kühlschrank und stellte sie auf die Theke, bevor sie die Kaffeemaschine einschaltete. Alles hier kam ihr viel zu leer vor, weil weder ihre Mutter noch Valerie da waren. Zum Glück hatte Summer den kleinen, flauschigen Begleiter dabei.

Sie machte sich ans Aufräumen, wischte die Scheiben der Theke aus und setzte schon Bacon auf, bevor sie anfing, ein Blech Muffins zu backen. Latte erkundete inzwischen jeden Winkel des Bootes. Sie suchte auf dem Smartphone ein Album aus – Bat for Lashes – und drehte den Ton auf volle Lautstärke. Während sie die Zutaten rührte, sang sie mit. Sie konnte ein paar einfache Sachen backen, auch wenn ihr vielleicht das Wissen und Maddys Einfallsreichtum fehlten, wenn es ums Backen ging. Ihrer Erfahrung nach waren die Leute, die auf einem Spaziergang oder einer Bootstour vorbeikamen, schon glücklich, wenn sie nur einen Scone oder ein Haferplätzchen bekamen.

Als die Sonne höher stieg, erwachte auch der Ort. Die Weidenbäume, deren Äste sich sogar bis in den Fluss neigten, riefen einen Schimmer auf dem Wasser hervor. Jogger und Spaziergänger mit Hunden zogen vorüber, und die Straßenlaternen gingen aus, als die Februarsonne sich ganz heraustraute.

Drei Schwäne glitten sacht am Boot vorbei, die Hälse ausgestreckt. Dann tuckerten zwei Kanalboote, eins nach dem anderen, langsam den Fluss hinab, ein Steuermann rief dem anderen zu, wo sie später am Tag anlegen würden.

Um halb neun öffnete Summer die Luke und sperrte auch die Bugtür auf. Eine breite, klappbare Planke diente als Brücke zum Pfad. Auf dem Deck gab es eine Bank, die sich an die Bugkrümmung anzuschmiegen schien, und Summers Blick fiel auf etwas am Boden, das zum Teil hinter der Sitzbank verborgen lag.

Sofort drohte der Ärger wieder aufzusteigen, aber es war keine Kuchenschachtel, sondern ein viel kleinerer Gegenstand, diesmal definitiv kein essbarer. Summer hob ihn auf und drehte ihn in den Händen. Ein Herz, aus Holz geschnitzt. Sie schaute sich um, doch es hätte seit Tagen dort liegen können, wenn es jemand vom Leinpfad oder einem anderen Boot aus fallen gelassen oder herübergeworfen hätte. Sie fuhr mit dem Finger darüber. Die Oberfläche fühlte sich rau und ungeschliffen an, es war grob geschnitzt, jedoch künstlerisch schön gestaltet. Auf jeden Fall in Handarbeit. Sie sah sich noch einmal um, und da sie niemanden entdecken konnte, nahm sie das Herz mit nach drinnen, wo sie es auf die Theke legte, neben das Glas mit den Schneeglöckchen, die bereits die Köpfe hängen ließen.

Fünfzehn Minuten später erschien Valerie. Ihr markerschütternder Schrei verbannte alle vorherige Stille. „Summer! Du bist wieder da! Ich hatte schon Angst, dass es Einbrecher sind.“ Sie trug ein graues Kleid, über dem ein Hauch von silbrigem Schimmer lag. Summer hatte sich an ihrem zweiten Tag auf dem Wasser für einen langen, himmelblauen dicken Pullover über Leggins und dazu fellgefütterte Stiefel entschieden. Sie umarmte Valerie und stellte ihr Latte vor, die von einem Stuhl gesprungen war und der älteren Frau schon um die Füße wuselte.

„Was für ein entzückendes Tierchen! Wie alt ist sie?“

„Sechs Monate. Ich hab sie bekommen, nachdem … um etwas Gesellschaft zu haben.“

„Tiere sind so gut für unser Wohlergehen, und sie ist einfach perfekt“, schwärmte Valerie und fügte an das kläffende Knäuel gewandt hinzu: „Bist du doch, nicht wahr?“ Dann streichelte sie Latte, und der kleine Hund drehte sich im Kreis und ließ vor Begeisterung hechelnd die Zunge heraushängen.

„Sie mag dich“, stellte Summer fest und lächelte. „Valerie, wegen gestern …“

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du zurückgekommen bist“, wurde sie unterbrochen.

„Ich hab mich nicht gerade gut benommen. Es tut mir leid, dass ich dermaßen wütend war.“

„Du warst durcheinander. Ich hab mich gewundert, dass du so gut klargekommen bist, gleich am ersten Tag. Und da bist du ja nun wieder.“

„Nur für heute. Und dann … ich weiß nicht. Ich backe Muffins und vielleicht noch Herzplätzchen.“

„Herzplätzchen?“

„Zum Valentinstag“, erklärte Summer schnell. „Na ja, ist ziemlich kitschig, aber viele Leute mögen das, und vielleicht fördert’s den Absatz.“

„Ich mag deine Art zu denken. Darauf wär ich nie gekommen.“

„Bin ich auch nur deswegen.“ Summer zeigte Valerie das Herz und beobachtete ihre Reaktion, aber sie schien ebenso perplex zu sein, wie sie selbst es gewesen war. „Du kennst keinen Holzschnitzer oder so in der Gegend?“

Valerie schüttelte den Kopf. „Vielleicht kommt es vom Andenkenladen? Jemand könnte es verloren haben, und dann ist es irgendwie hier gelandet.“

„Kann sein. Wie auch immer, es …“

Das Schrillen des Rauchmelders unterbrach sie. Gleich darauf zog eine dicke Rauchwolke an ihnen vorbei. Latte bellte, aber man hörte es kaum bei dem Lärm.

„Verdammt, der Bacon!“, rief Summer und sauste in die Küche, wo sie die angekokelten Reste in der schwelenden Pfanne vorfand. Sie riss die Pfanne vom Herd und hielt sie direkt unter den Wasserhahn, um zumindest irgendetwas zu retten.

„Alles in Ordnung“, rief sie, als sie ins Café zurückging, wo Valerie sich gerade streckte und auf den blinkenden Knopf drückte, bevor sie dem verstummten Rauchmelder mit einem Küchentuch Luft zufächelte, in der Hoffnung, er möge dann nicht wieder anspringen.

In dem Moment stürzte Mason zur Tür herein, in Jeans und einem schwarzen Hemd, das nur zur Hälfte zugeknöpft war. Er runzelte die Stirn und sah überhaupt ganz zerknittert aus, zumindest um die dunklen Augen herum. Er schien tief Luft zu holen, bevor er auf die Theke zuging.

„Wow, einer von der ganz schnellen Truppe“, kommentierte Summer, die versuchte, nicht allzu sehr auf das halb offene Hemd zu starren. „Leider wirst du noch etwas auf dein Brötchen warten müssen. Ich hab eben den Bacon verbrannt.“

„Schon okay“, sagte Mason und deutete ein Lächeln an. Anscheinend abgelenkt, schaute er sich um, und seine Brust hob und senkte sich, als wäre er in aller Eile hergerannt. „Alles in Ordnung?“ Besorgt sah er erst Valerie, dann Summer an.

„Ja, danke“, antwortete Summer, aber Mason sah an ihr vorbei zur Küche. „Ach, entschuldige. Jetzt hat der Alarm dich sicher geweckt.“

Er machte eine Kopfbewegung, als versuchte er, einen unangenehmen Gedanken loszuwerden. „Halb so wild. Hat mich nur an den Bacon erinnert. Ich hab ja versprochen, heute den Küchendienst für dich zu übernehmen.“

„Ach, das mache ich für das Café doch sowieso. Ich bin jetzt eine Bratpfanne im Rückstand, aber wenn du dich hinsetzt und mir fünf Minuten Zeit gibst, stille ich deinen Heißhunger von gestern.“

Er stützte sich an der Theke ab. Sein Atem ging jetzt wieder normal. „Hört sich gut an.“

„Was magst du trinken?“

„Einen Espresso, bitte.“

„Gleich ran an die starken Sachen, wie?“ Als Summer sich zur Kaffeemaschine umdrehte, merkte sie, dass er barfuß war. Auch Latte hatte es gemerkt, und bevor Summer den Neuankömmling warnen konnte, war der Hund dabei, ihm eifrig die Füße abzulecken.

„Wer bist du denn?“ Mason streichelte Latte, wobei sich sein Gesichtsausdruck merklich entspannte.

„Latte. Bisher hat sie noch keinen Bacon gestohlen.“

„Aber sie versucht, meine Zehen zu fressen.“

„Ja, sorry, aber sie hat eine Vorliebe für Füße. Komischer Hund. Latte, hör auf, komm schon, lass das.“ Latte sah zu ihr hoch und trottete zum vorderen Ende des Cafés, sprang auf den Stuhl, der am weitesten entfernt stand, und ließ sich nieder, den Rücken ihnen zugewandt. „Oh nein“, stöhnte Summer. „Jetzt ist sie beleidigt.“

Mason lachte auf. „Dein Hund ist ja eine Diva.“

„He, das ist unfair!“

„Aber du siehst es doch selbst. Sie schmollt.“

„Willst du mir erzählen, dass Archie nie schmollt?“

„Niemals.“ Mason trat zur Fensterbank neben die Luke, dabei fiel ihm auf, dass sein Hemd noch immer halb offen stand.

Summer war es peinlich, dass sie ihn nicht darauf aufmerksam gemacht hatte. Er schien muskulös, soweit sie das beurteilen konnte. Ihre Blicke trafen sich, als er mit Zuknöpfen beschäftigt war, und sie tat gleichgültig.

„Ich muss neuen Bacon braten. Valerie?“

„Soll ich helfen?“

„Nein, willst du auch ein Brötchen?“

„Also, wenn du mich so fragst … Aber lass mich dir zur Hand gehen.“

Für Muffins und Gebäck wie Cookies war der große Ofen ideal, eine Spezialausstattung, auf die Madeleine bei Kauf und Einrichtung des Bootes bereits geachtet hatte. Und mit den fertigen Bacon-Brötchen und frischem Kaffee ließen sich die drei an zwei nah beieinanderstehenden Tischen nieder, Summer gegenüber von Mason. Latte saß immer noch auf dem hintersten Stuhl, aber gutes Zureden und ein Stückchen Bacon halfen ihr schließlich über die Kränkung hinweg.

Mason war zwischendurch kurz auf die Sandpiper gegangen, um Archie zu holen, der nun neben dem Tisch auf dem Boden lag. Latte linste mit schwarzen Augen über die Stuhlkante, als müsste sie noch entscheiden, ob der fremde Hund Freund oder Feind war.

Die Luke war geöffnet, die Tafel auf dem Pfad pries dasselbe Angebot an wie am Tag zuvor, ergänzt durch ein rotes Kreideherz und die Worte:

Liebe, Lust und Leidenschaft –

Gebäck vom Boot, wie märchenhaft!

Die beiden Frauen bedienten die Gäste abwechselnd, die jedoch alle an der Luke bestellten. Summer hoffte, dass die Leute ermuntert wurden, ihrem Beispiel zu folgen, und sich drinnen an einen Tisch zu setzen.

„Ich kann nicht glauben, dass du Archie den Bacon gegeben hast“, klagte Mason kopfschüttelnd.

„Ich konnte doch nicht Latte welchen geben und ihm nicht.“

„Aber er wird denken, dass er gewonnen hat. Dass er die Beute seines Raubzugs zurückbekommt. Was wird jetzt aus seinem Benehmen?“

„Du glaubst, dass er ein vorzeigbares Benehmen hatte?“ Valerie zog eine Augenbraue hoch.

„Warum bist du überhaupt so schnell rübergekommen?“ Summer wollte erst „halb angezogen“ hinzufügen, aber Mason hatte sicher ohnehin gemerkt, dass der Zustand seiner Kleidung ihr aufgefallen war. Sein dunkles Haar war diesmal besonders ungezähmt. Eine einzelne Locke fiel ihm in die Stirn, während er aß.

„Der Alarm hat mich geweckt, den konnte ich doch unmöglich ignorieren.“

„Echt nett von dir, nach uns zu sehen“, befand Valerie.

„Ich wollte euch bloß bitten, das Ding auszuschalten.“ Er grinste sie so entwaffnend an, dass Summer beinahe die Spannung in seinen Schultern entgangen wäre. „Aber ernsthaft – wenn ich eines beim Leben auf einem Boot gelernt habe, dann, dass einer auf den anderen aufpassen muss. So funktioniert das Bootsleben besser. Übrigens – toller Kuchen.“

„Der rote Samtkuchen? Du hast ihn gegessen?“

„Klar. Was hätte ich denn sonst damit machen sollen?“

„Dann war er nicht vergiftet?“ Summer lächelte ihn schuldbewusst an.

„Vergiftet? Ich dachte, er wäre ein Geschenk von Jenny gewesen, und du hättest ihn aus irgendeinem Grund einfach nicht gewollt – vielleicht ja, weil du dich gestern Abend über Gott und die Welt aufgeregt hast.“

Summer seufzte. „Jenny ist nicht gerade der größte Fan des Bootscafés.“

„Warum nicht?“, fragte Mason und nippte an seinem Kaffee. „Konkurrenzdenken?“Valerie nickte heftig. „Genau deswegen.“

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