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Wenn ich dir jetzt recht gebe, liegen wir beide falsch

Wenn nichts mehr ist, wie es war, war meine Mutter da


Als Zofias Vater in eine Entzugsklinik geht, ist ihr und Schwester Kinga direkt klar, was sie als Töchter einer polnischen Familie tun müssen. Die Mutter kann auf keinen Fall allein zu Hause bleiben, und so wird sie kurzerhand in Zofias Studentenwohnung mit einquartiert. Dadurch ist zwar die Bude sauber, aber nichts liegt mehr, wo es war. Das Essen steht auf dem Tisch, aber es ist eigentlich immer Fleisch drin – und Zofia ist Vegetarierin. Schlussendlich spielen die Töchter Mama für ihre Mama, und Mama selbst spielt Amor. Für Zofia schleppt sie Anton an: bio-deutsch und angehender Mediziner, also genau das, was sie sich für ihre Tochter vorstellt. Dass Zofia Anton auch mag, kann sie natürlich so nicht zugeben – aber heimliche Beziehungen liegen ja sowieso in der Familie.

Die drei Frauen brauchen niemanden und erst recht keinen Mann, um die komplizierten Familienstrukturen aufrecht zu erhalten. Aber wenn man das Beste für seine Lieben will, ist doch schließlich alles erlaubt, oder?

Der urkomische Folgeroman von „Iss das jetzt, wenn du mich liebst“




  • Erscheinungstag: 22.03.2022
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783753000565
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Anni, Bjarne und Lucas

Weil sich mit euch jeder Weg

nach Heimweg anfühlt

1

bruderszaft  Bruderschaft, die

Zeremonie, die zum gegenseitigen Duzen berechtigt, u. a. verwendet in »Bruderschafttrinken« oder »Brüderschafttrinken«  ceremoniał poprzedzający wzajemne mówienie sobie po imieniu

Die Leute sagen, ein gutes Netzwerk sei wichtig. Bau dir ein Netzwerk auf, wenn du im Leben weiterkommen möchtest.

Ich muss mir kein Netzwerk aufbauen, ich habe eine polnische Familie.

In meinem Fall ist das Herz dieses Netzwerks, also der Dreh- und Angelpunkt der Sippschaft aus dem Osten, in einer einzigen Person vereint: in meiner Mutter.

Sollte Francis Ford Coppola sie einmal kennenlernen, hätte er eine neue Muse gefunden. Es ist Gold wert, Mama um sich zu haben, denn Fehlerquellen werden von ihr lokalisiert und behoben, bevor man sie selbst überhaupt wahrnimmt. Sie ist sofort zur Stelle, wenn man Hilfe braucht. Das ist ein Naturgesetz.

Wenn man keine Hilfe braucht, allerdings auch.

Dass in Mamas Welt der Begriff »Tochter« nur ein Synonym für »Eigentum« ist, wirkt verstärkend. Ebenso wie die Tatsache, dass sie aktuell mehr als nur gelangweilt ist. Mamas eigentlicher Fulltime-Job, Papa, macht gerade seinen zweiten Alkoholentzug in einer Klinik an der Nordsee. Den ersten hat er hinter sich gebracht, als ich noch ein Teenager war, danach war er jahrelang trocken, und eigentlich dachten wir, das bleibt so. Tja.

Mama ist auf jeden Fall vorübergehend bei mir eingezogen, um weniger allein und nicht von all den Erinnerungen an Papa umgeben zu sein. Das hielt ich für eine gute Idee, zumindest drei Tage lang.

Nicht falsch verstehen: Ich liebe meine Mutter, aber gerade geht sie mir hart auf den Senkel.

Es ist Samstag, 22:34 Uhr, und wir wollten uns eigentlich einen entspannten Fernsehabend machen. Samstag läuft meist guter Trash in Form von Castingshows, deren Erfolgsrezept die Wahl eindeutig unsympathischer Chefjuroren zu sein scheint, daneben am besten ein lustiger Ausländer mit überzeichnetem Akzent und eine Frau. Mittlerweile schaffen es auch Kinder in Form von Influencer: innen auf die begehrten Stühle, um das »junge Publikum« abzuholen. In den Werbepausen kann man zu Blockbustern mit Superheld: innen umschalten; zu einfach gestrickten Geschichten, die alle nach dem gleichen Muster funktionieren und die man deshalb trotz regelmäßiger Unterbrechung durch tanzende Schweine und Menschen mit biegsamen Körpern genießen kann.

Aber Mama hat andere Pläne fürs Wochenende. In der Küche rauscht seit einer Viertelstunde das Wasser, und Teller klappern, parallel dazu zählt Mama auf, was in der Wohnung alles gemacht werden müsse. Ihre Stimme klingt dabei nicht, als hätte ich nur vergessen, eine Glühbirne auszuwechseln, sondern als wäre ich zum Messie mit Mottenzucht geworden.

»Mehl und Zucker immer in Tupperdosen packen! Diese Plastikklammern reichen da nicht. Sowieso brauchst du neue Boxen, deine Aufbewahrungsmöglichkeiten sind zu begrenzt für einen funktionierenden Haushalt.« Ich frage mich, ob es mehr aus Mamas Mund oder in der Spüle schäumt. »Ich fasse es nicht! Hier passt kein einziger Deckel mehr zu den Boxen!«

»Das soll so …«, antworte ich so leise, dass es Mamas Puls nicht unnötig weiter in die Höhe treibt.

»Und dein Besteckset rostet, habe ich gesehen. Was machst du nur, wenn Besuch da ist? Wir fahren am besten Montag gleich einkaufen, und du suchst dir was aus. Oder ist morgen vielleicht verkaufsoffen? Zofia? Zofia, Schatz, antworte!«

Ich erinnere mich daran, dass ich sie wirklich sehr doll liebe, und konzentriere mich stattdessen auf den Typen mit dem Talent zum Handfurzen.

»Gleich, Mama! Es läuft gerade etwas Wichtiges im Fernsehen, ich muss zuhören …«

Ich lese meiner Schwester unsere Horoskope vor, natürlich nur ganz ironisch. Wenn etwas zutrifft, wird sich nur heimlich darüber gefreut.

Wie es die Höflichkeit gebietet, beginne ich mit der Auswertung von Kingas Sternenlage: »Du wirst ein neues Lebenskonzept erarbeiten.«

»Ich mag aber mein Lebenskonzept.« Sie legt ihre Beine auf den Tisch und lehnt sich zurück.

Ich fahre fort: »Vertraue deinem Herzen und nicht nur deinem Kopf.«

»Ich mag aber meinen Kopf.«

»Traue dich, deine Komfortzone zu verlassen.«

»Ich mag aber meine Komfortzone.«

»Kinga!«

»Was?« Sie reißt mir das Klatschblatt kopfschüttelnd aus den Händen. »Ich kann mich nicht daran erinnern, dem Horoskop schon das Du angeboten zu haben.«

Mit abfälliger Miene beginnt sie durch die Seiten zu blättern. Ich mag das Rascheln und Knistern der Zeitschrift, die ich völlig abgegriffen am liebsten habe. Meine Schwester und ich sitzen auf ihrem Bett, das an seiner Beförderung zum Ehebett arbeitet. Vor knapp einem Monat hat sie unseren Eltern ihren Freund Mahmut vorgestellt. Da die beiden bereits verlobt sind, wurde das auch höchste Zeit. Kinga hat sich schwergetan mit dem »Geständnis«, weil ein Türke an ihrer Seite vorsichtig ausgedrückt nicht unbedingt der Optimalvorstellung unserer Eltern entspricht. Kurzerhand wurde Mahmut mit zur Familie nach Polen genommen und dem ganzen Clan auf einmal vorgestellt. Eignungstest und Mutprobe auf einmal, sozusagen, mit der Option, die »Ware« noch wieder zurückzugeben. Ich habe mich vor dieser Reise und damit vor Babcia und Co. gekonnt gedrückt, indem ich eine Prüfung für mein Lehramtsstudium erfand. Die Ausrede zieht immer.

Meine Vermutung, dass Kinga ihren Verlobten zu Flaki verarbeitet wieder zurück nach Deutschland bringt, bestätigte sich nicht. Dafür gab es eine andere Überraschung: Papa war rückfällig geworden. Bei dem Gedanken an ihn wird mir schwer ums Herz, deshalb lasse ich ihn nicht zu. Meine Schwester scheint Papa tatsächlich noch eine Chance geben zu wollen, wenn er die Therapie ernst nimmt. In meinen Augen hat er alle Karten verspielt. Die Trennung von Mama soll keine vorläufige bleiben.

»Warum hast du Mama eigentlich nicht mitgebracht?«, fragt Kinga genau in diesem Moment. Manchmal habe ich das Gefühl, sie kann meine Gedanken hören.

»Ehrlich gesagt …« Ich atme schwer aus. »Mama und ich …«

»Ja?« Kinga zieht ihre Beine zum Schneidersitz zusammen und lässt die Zeitschrift sinken. »Habt ihr euch gestritten?«

»Nicht direkt.«

»Aber?«

»Du kennst doch Mama.«

Kinga grinst schief.

»Sie treibt mich in den Wahnsinn!« Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen. »Ich brauchte einfach mal Abstand. Mama will mir alles abnehmen, mir bei allem helfen …«

»Sie meint es nur gut.«

»Das ist ja das Schlimme! Ich kann mich nicht mal guten Gewissens beschweren.«

»Mama kann übergriffig sein, ich weiß. Aber sie hat eine schwere Zeit.«

»Du könntest sie ja auch mal nehmen!« Es klingt, als hätten Kinga und ich einen Sorgerechtsstreit.

Meine schöne Schwester schiebt sich eine Haarsträhne hinters Ohr: »Das hab ich doch versucht, aber Mama hat das Gefühl, Mahmut und mich zu stören.«

»Ich weiß.«

»Aber ich lade sie diese Woche zum Abendessen ein, dann hast du mal wieder sturmfrei.«

»Okay.«

»Und vielleicht kann ich mir einen Tag freinehmen und etwas mit ihr unternehmen.«

»Danke.« Ich spiele an meinen Fingernägeln herum. »Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, weil es sich anfühlt, als würde ich sie abschieben wollen, kaum dass sie zwei Wochen bei mir wohnt.«

»Das musst du nicht.« Kinga legt ihre Hand auf meinen Arm und sagt einen der schönsten Sätze dieser Welt: »Das erzählen wir keinem, okay?«

Still beobachte ich, wie sie sich resolut die Zeitschrift wieder vornimmt, weil meine Schwester weiß, dass es die beste Ablenkung ist, die ich jetzt brauchen kann. Manchmal kennt sie mich besser als ich mich selbst. Kinga bleibt auf den Seiten mit den Brautkleidern hängen. Unter meine Dankbarkeit mischt sich ein Gefühl der Belustigung.

»Gefallen sie dir?« Ich muss grinsen.

»Ach was!« Schnell blättert Kinga weiter. »Erst mal klären wir andere Baustellen. Aber schau mal hier, das Quiz können wir machen!«

Wenn es um die Planung ihrer Hochzeit geht, mimt Kinga die Unberührbare, die Pragmatische, die taffe Frau, die auf keinen Fall ein großes Ding draus machen will. Bloß keine Gemeinsamkeiten mit der verschrobenen Verwandtschaft zulassen, die jede Hochzeit zu einer Massenparade der Gefühle macht. Kinga kokettiert mit ihrer gespielten Lässigkeit, wovon Fremde sich vielleicht täuschen lassen – aber bestimmt nicht ich.

Plötzlich springt vor der Zimmertür der Staubsauger an. Kinga horcht auf.

»Doch nicht an einem Sonntag!« Sie sieht mich fassungslos an, als wäre ich für den Lärm verantwortlich. Dann springt sie vom Bett auf. »Mahmut! Schatz!« Mit der Klinke in der Hand lehnt sie sich aus dem Zimmer: »Hör auf damit!«

Das Röhren verstummt.

»Hast du was gesagt?« Ich höre Mahmut näher kommen.

»Du kannst nicht an einem Sonntag so einen Lärm machen!«

»Dauert doch nur fünf Minuten«, kontert er, während er in der Türöffnung erscheint.

»Müssen wir diese Diskussion immer wieder führen?«

Ich muss mir ein Grinsen verkneifen, ebenso wie den Kommentar, dass Kinga mich gerade stark an Mama erinnert. In Mahmuts Gesicht meine ich zu erkennen, dass sich ihm ein ähnlicher Gedanke aufdrängt. Er lenkt ein: »Na gut, wie du meinst.«

Die beiden küssen sich. Sie wirken immer noch so verliebt wie am ersten Tag. Mittlerweile hat auch Mama das eingesehen. Der direkte Vergleich zu ihr und Papa wird dabei geholfen haben.

»Dann störe ich euren Mädelstag nicht weiter …« Mahmut dreht sich um und stolpert dabei fast über den Staubsauger. »Ich bin sozusagen gar nicht da.«

Anfangs habe ich hinter seiner schon fast krankhaft zuvorkommenden Art eine Masche erwartet, wie bei meiner Kollegin Annette, die jede Woche Kuchen mitbringt, um sich bei uns Kolleg: innen einzuschleimen. Im Gegensatz zu Annette ist Mahmut aber wirklich ein herzensguter Mensch. Manchmal vielleicht etwas unraffiniert und laut, aber sympathisch. Heute Nachmittag hat er sich unverzüglich zurückgezogen, als ich unangekündigt, aber deutlich übermüdet vor ihrer Tür stand. Ich hatte dieses wahnsinnige Lachen aufgelegt, das ich sonst nur von durchzechten Nächten vorbei am toten Punkt von mir kannte.

»Ach, Quatsch! Es wird eh Zeit, dass ich verschwinde«, ich schwinge meine Beine über die Bettkante, »und euch in euren Sonntag entlasse.«

»Was?« Gleichzeitig landen Kingas und Mahmuts Blicke auf mir.

»Du bist doch erst seit einer Stunde da!«, ruft meine Schwester.

»Seit drei«, korrigiere ich mit Blick auf mein Handy.

Mahmut schüttelt den Kopf: »Du kannst jetzt noch nicht gehen. Ich habe gerade so viele Nudeln ins Wasser geschmissen, dass es für uns alle reicht.«

»Ach ja?« Mit gespitzten Ohren recke ich mein Kinn. »Ich höre gar nichts kochen.«

»Das ist, weil ich so laut atme.« Mahmut grinst und ist bereits dabei, das Staubsaugerkabel einfahren zu lassen. Sehnsüchtig starre ich auf das klobige Gerät und verspüre plötzlich eine absurde Lust, damit sauber zu machen. Ich liebe Staubsaugen, weil es so eine einfache wie effektive Tätigkeit ist. Ich wünschte, man könnte alles so einfach wegsaugen wie Staub. Sorgen, Schulden, Regen.

Kinga legt ihren Arm um meine Schulter. »Und wenn du unbedingt dein schlechtes Gewissen beseitigen willst, weil du meinst, unseren Pärchensonntag zu stören, kannst du mich zum Ausgleich für unsere Gastfreundschaft massieren, bis Mahmut das Essen fertig hat.«

Der Kirschkuchen ist in authentische blau-weiße Topflappen gewickelt, die nach Landhausstil aussehen und für diesen wichtigen Auftritt mit Sicherheit frisch gebügelt wurden.

»Ich habe Annette und ihre ganzen selbst gebackenen Kuchen, die sie nur mitbringt, um sich Komplimente abzuholen, so satt«, flüstert meine Kollegin Alexandra mir zu.

»Wenn sie dabei wenigstens aus Versehen einen Kirschkern mit einbacken würde, den man ihr als Tötungsversuch unterschieben könnte …«, zische ich grinsend zurück, während ich die frisch kontrollierten Klausuren in meiner Tasche verstaue. Sie finden kaum Platz zwischen den Brotboxen, die Mama mir heute Morgen gepackt hat. Sie hat sogar die Weintrauben von den Stielen gezupft und die harte Kruste von den liebevoll geschmierten Stullen entfernt. Etwas, worüber ich mich mehr freuen würde, wenn ich noch vierzehn und nicht vierundzwanzig wäre, Schülerin und nicht Referendarin. Ich traue mich kaum, die Boxen vor meinen Kolleg: innen oder der Schülerschaft zu öffnen, und werde zukünftig wohl auf dem Schulklo frühstücken. Nicht dass noch jemand denkt, ich schneide mir selbst die Gurkenscheibchen in Herzform. Oder die Wahrheit erfährt.

»Ach, Zofia! Jeffrey aus deiner Klasse macht mir Sorgen.« Alexandra hält mich auf, bevor ich das Lehrer: innenzimmer verlassen kann. »Er kommt immer zu spät, dann stört er den Unterricht. Letztens hat er Mustafa den Stuhl weggezogen, der hat nach dem Sturz kaum noch Luft bekommen.«

»Ich weiß.« Schnaufend wie nach einem Marathon atme ich aus. Nach drei ausgeschlagenen Einladungen zum Elterngespräch betrat letztlich das Problem selbst die Tür: Jeffreys Erziehungsberechtigte. Bei so ignoranten und nur aufs kleine Geschwisterkind konzentrierten Eltern würde ich auch Tische bemalen und Federmappen ankokeln. Auf meine Schilderungen hin reagierten sie wenig erfreut: »Sie sind doch selbst noch grün hinter den Ohren, Kindchen! Als wenn wir uns ausgerechnet von Ihnen sagen lassen müssen, wie wir unseren Sohn zu erziehen haben.«

»Laber, Rhabarber …«, nuschelte ich etwas zu laut, was nicht unbedingt meine Seriosität unterstrich. Leider habe ich eine Vorliebe für griffige Wortspiele dieser Art, worüber sich meine Schüler: innen gern lustig machen. Jeffreys Eltern hingegen konnten gar nicht darüber lachen: »Wie bitte? Könnten Sie das noch mal wiederholen?!«

Kurz gesagt: Ich bin überfordert, und das nicht nur mit Jeffreys Eltern. Als Referendarin gehört es theoretisch nicht zu meinen Aufgaben, die Arschkartentätigkeiten einer Klassenlehrerin zu übernehmen. Der Grund dafür, dass ich es doch tue, ist der Lehrer: innenmangel an unserer, wie an vielen anderen Schulen im Land. Ich habe noch nicht mal fertig studiert, geschweige denn besonders viel praktische Erfahrung gesammelt. Wie soll eine, die sich von Mama Brotboxen packen lässt und weiß, wie sämtliche Protagonist: innen der RTL-Abendunterhaltung (zumindest) beim Vornamen heißen, Verantwortung für Kinder übernehmen? Sogar Harry Handfurzer würde erkennen, dass ich mein Leben kaum selbst unter Kontrolle habe.

Ausgerechnet in diesem Moment schiebt sich Annette in mein Sichtfeld. Sie streckt mir ein Stück Kuchen auf einer Serviette entgegen, die das Muster der Topflappen aufgreift.

»Nicht der Rede wert«, flötet sie. »Das habe ich doch gerne gemacht.«

So ist sie nun mal, die Annette. Das Herz am rechten Fleck.

»Danke.« Ich lächle, wie ich zum Lächeln erzogen wurde.

•••

Kinga guckt so optimistisch wie die in Omas guter, alter Rinderpansensuppe schwimmenden Fettaugen. Dabei kaut sie auf dem Stiel ihres Lutschers herum.

»Jetzt hab dich nicht so!« Ich bin genervt davon, dass sie genervt ist. In letzter Zeit ist Kinga sich zu cool für alles geworden. Selbst für die genialen Spiele, die ich mir für uns ausdenke. Am allerliebsten spiele ich Schule.

»Du musst das anders sagen, und das weißt du!« Ich stemme die Hände in die Hüften, wobei mein aus Papier gedrehter Zeigestock abknickt. »Das ist mehr ein Singsang. Komm, sprich mir nach: »Guuuuteeeen Mooorgeeeen, Fraaaau …«

»Ich bin zu alt für so was.«

»Wohl eher zu langweilig!«

»Wenn du meinst …« Kinga will aufstehen und gehen. »Wer will schon Lehrerin werden? Lehrerin ist ein Scheißjob.«

»Das sagst du nur, weil du nicht das Zeug dazu hättest.«

Kinga zuckt mit den Schultern und schiebt unsanft die Kreide von sich, die ich von meinem eigenen Taschengeld bei Woolworth gekauft habe. Genauso wie die Textmarker, die nach Farben sortiert auf meinem »Pult« liegen. Mein ganzes Zimmer ist aufwendig zum Klassenraum umgestaltet, Mama hat mir ein bisschen dabei geholfen und Plakate für die Wände gebastelt.

»Jetzt bleib schon hier!« Ich stelle mich Kinga mit ausgestreckten Armen in den Weg. »Wer spielt denn sonst meine Schülerin?«

»Das hättest du dir vorher überlegen können.«

»Okay, pass auf: Wenn du jetzt eine Stunde lang mit mir spielst, dann darfst du die ganze Woche entscheiden, was wir abends im Fernsehen gucken.« Manchmal muss man als Lehrerin einen Schritt auf seine Schüler: innen zugehen.

Kinga knabbert nachdenklich an ihrer vom Lutscher bereits blau verfärbten Unterlippe herum. Endlich sieht sie mir wieder in die Augen: »Ich darf zwei Wochen lang entscheiden, was wir gucken.«

»Zehn Tage«, willige ich ein. »Und nur, wenn du dich auf dem Wandertag benimmst und den Tafeldienst ordentlich ausführst.«

»Na gut. Das heißt jetzt aber nicht, dass ich glaube, dass du das Zeug zur Lehrerin hast.«

»Setzt euch, liebe Kinder!« Stolz recke ich das Kinn und deute auf den Stuhl, den ich meiner Schwester bereitgestellt habe. Manch ein Kommentar ist es wert, überhört zu werden. »Der Unterricht hat bereits angefangen.«

•••

2

anlaufrad • Anlaufrad, das

Ein Teil des Schlagwerks in Räderuhren, mit dessen Hilfe die Uhrzeit zusätzlich zur optischen Anzeige auch hörbar mitgeteilt wird • koło, które w zegarkach kieszonkowych ogranicza gwałtowne działanie sprężyny zegarkowej podczas uderzenia

»Du musst kommen.« Hätte ich das Klingeln meines Handys doch einfach ignoriert.

»Was ist denn?«, will ich wissen, doch Mamas Stimme verrät bereits, dass sie keine Widerrede duldet.

Es war ein langer Arbeitstag, und ich freue mich wirklich auf mein Zuhause. Ich will nichts weiter, als im Bermudadreieck der Gemütlichkeit, bestehend aus Bett, Netflix und Abendessen, unterzugehen. Doch stattdessen rekrutiert Mama mich ins Märkische Viertel, in die Platte, in der ich aufgewachsen bin und in der Mama und Papa bislang gelebt haben. Obwohl sie gerade bei mir unterkommt, fährt sie alle drei Tage hin, um zu putzen. Die Vorstellung, dass es in ihrer Wohnung nicht völlig staubfrei ist, macht sie wahnsinnig. Vielleicht, weil potenzielle Einbrecher: innen sonst schlecht über sie denken könnten oder falls Hausgeister spontan ein Bad nehmen wollen.

Doch deshalb hat Mama nicht angerufen. Seit ich denken kann, kümmert sie sich um einige der alten Nachbar: innen in unserem Haus. Der Respekt alten Menschen gegenüber ist in Polen eine Sache der Selbstverständlichkeit, was Mama dazu veranlasst, regelmäßig nach ihren Ü75-Nachbar: innen zu sehen. Eine Pflicht, der sie heute wieder nachgekommen ist und bei deren Vollendung sie nun meine Hilfe braucht.

Juhu.

Mama packt mich an den Schultern – nachdem ich zu ihr gefahren, in Richtung der Hausnummer 7 getrottet und mit dem Fahrstuhl im achten Stockwerk angekommen bin. Sie dreht und wendet mich wie Fleisch am Spieß, dessen gleichmäßige Röstung sie kontrollieren muss. Dabei tut sie so, als hätten wir uns nicht gestern Abend zuletzt gesehen. Wenn man es genau nimmt, sogar heute Morgen, nur lag ich da noch verschlafen im Bett, während sie um halb sieben aufgebrochen ist, weil es bei Aldi Thermounterwäsche im Angebot gab.

»Gut siehst du aus. Schöne Hose.« Mama verteilt Komplimente im selben Ton wie Befehle.

»Danke, Anke.« Die Hose habe ich letztes Weihnachten von ihr geschenkt bekommen. Also, offiziell von Papa, aber machen wir uns nichts vor. Scheinbar nebensächlich zieht sie den Reißverschluss meiner Strickjacke etwas weiter zu. Mit genauso beachtlicher Selbstverständlichkeit und ohne Vorwarnung haut Mama mir auf den Hintern: »Den hast du von mir geerbt.«

Ich nicke.

»Damit könnten wir es auch schaffen in die Vogue.« Sie spricht es »Wok« aus.

»Weshalb sollte ich denn so dringend vorbeikommen?«, frage ich, um meine Zwangsmusterung abzukürzen. Und tatsächlich, es ist, als würde sich bei Mama mit meiner Frage ein Schalter umlegen: Sie verfällt in ihre übliche Geschäftigkeit. Sie reibt sich die Hände und marschiert los.

»Ich kriege Wanda nicht ins Bett.« Mamas polnischer Akzent klingt härter, wenn sie genervt ist. Sie beugt sich zu mir und flüstert für einen Moment. »Hat aus Versehen genommen Schlaftabletten anstatt Vitamin B und Eisen.«

»Ach, Wanda …« Beim Anblick der alten Dame atme ich erschöpft aus. Ich bin mehr oder weniger mit ihr aufgewachsen, und sie war schon immer verpeilt. Einmal mussten wir mit ihr ins Krankenhaus fahren, weil sie ihre Hand mit Sekundenkleber an der Tischdecke festgeklebt hatte. Ein anderes Mal hatte sie sich den Rücken beim Bürsten ihrer Teppichfransen verrenkt. Wir haben zwar erst September, aber Wandas Wohnung ist weihnachtlich geschmückt. An jedem Türknauf und sogar an einer Lilie hängen handbemalte und mit Styroporschnee befüllte Weihnachtskugeln. Da hat Wanda den Jahresumsatz von QVC ordentlich in die Höhe getrieben. Wobei ich auch die Krippe aus dem Vorjahr wiedererkenne.

»Letztes Weihnachten hat der Esel noch nicht geglitzert, oder?«, frage ich Mama, die nur mit den Schultern zuckt. Sie hat gerade keinen Kopf dafür, weil sie den Ein- und Ausfallswinkel von Wandas 110 Kilo berechnet, die wir gleich irgendwie ins Bett hieven müssen. Sie hängt mehr in ihrem Sessel, als dass sie sitzt. Und hat mittlerweile mitbekommen, dass ich da bin, und nuschelt meinen Namen vor sich hin.

»Hallo, Wanda. Ich freue mich auch, dich zu sehen.«

Mama und ich machen uns an die Arbeit. Mit geübten Griffen stützen wir die Rentnerin von beiden Seiten ab und lehnen sie zusätzlich gegen unsere Knie. Jetzt schnaufen und ächzen Mama und ich mit Wanda um die Wette. Als sie ins Bett plumpst, wackeln die Wände so sehr, dass mir eine Glaskugel vom oberen Regal entgegenfällt. Wenige Zentimeter von meinem Kopf entfernt fängt Mama sie mit ihren kurzen Armen auf: »Das war knapp.«

Ich frage mich immer wieder, wie so viel Energie und Kraft in 1,60 Meter reinpassen. Beinahe mechanisch deckt sie Wanda mit der dicken Daunendecke zu und sorgt mit Kissen in ihrem Rücken dafür, dass sie auf der Seite liegen bleibt.

»Dann können wir ja jetzt …« Ich habe es eilig, in meinen wohlverdienten Feierabend zu kommen. Doch als wir in den Fahrstuhl steigen, drückt Mama zu meiner Überraschung nicht auf die EG-Taste, sondern will noch im dritten Stockwerk zwischenhalten.

»Wo willst du hin?«, frage ich.

»Zu Frau Utrecht.«

Selbstverständlich. Was auch sonst? Ich will heimlich mit den Augen rollen, doch der Fahrstuhlspiegel verrät mich. Mama straft mich mit einem mahnenden Blick.

»Jaja …«, murmle ich, mich pflichtbewusst meinem Schicksal fügend.

Im Gegensatz zu Wanda ist Frau Utrecht ansprechbar, wobei das relativ ist. Die Zweiundachtzigjährige textet uns zur Begrüßung wie gewohnt voll: »Zofia, mein Schatz! Wie schön, dich mal wiederzusehen.«

»Ich freue mich auch.«

»Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich dir eine Yogurette aufgehoben. Ich habe gerade die letzte gegessen.« Das erklärt auch den kleinen Rest Schokolade, der in Frau Utrechts Mundwinkel klebt. »Dabei magst du die doch so!«

»Wie geht es Ihnen heute, Frau Utrecht?« Mama unterbricht uns mit lauter Stimme, weil Frau Utrecht sich nach wie vor gegen ein Hörgerät wehrt. Es ist ein Mythos, dass die Vernunft mit dem Alter kommt. »Was macht die Blase heute?«

»Es geht schon … Mal so, mal so. Aber es gibt gute Neuigkeiten!« Frau Utrecht klatscht in die von Altersflecken überzogenen Hände. »Mein Enkelsohn kommt bald zurück. Dann muss ich euch Herzenskinder nicht ständig nerven.«

Mama winkt ab: »Unsinn, Sie nerven doch nicht. Aber schön ist natürlich trotzdem, wenn Enkel kommt zuruck.«

»Er hat jetzt zwei Jahre lang als Arzt ohne Grenzen gearbeitet.« So stolz habe ich Frau Utrecht noch nie erlebt. »Davor hat er Medizin studiert.«

»Wow, ein Arzt!« Für Mama sind das Götter in Weiß. In Polen teilen Ärzt: innen sich schon fast ein Treppchen mit dem Papst. Geduldig nickend hört sie sich alle Erzählungen über Anton an, angefangen bei seiner bevorzugten Windelmarke bis hin zum Thema seiner Doktorarbeit. In Frau Utrechts Geschichten klingt ihr Enkel wie ein Superheld.

Ich erinnere mich noch dunkel an einen blassen, kleinen Jungen, der sie früher ab und an besucht hat. An das Piratenpflaster, mit dem das eine Auge unter den dicken Brillengläsern zugeklebt war, damit er das Schielen verlernte. Dieser Junge war zu weich gewaschen fürs Märkische Viertel und hat sich kaum zu uns auf den Bolzplatz getraut. Immer hatte er irgendeine Ausrede parat: ein verstauchter Fuß oder Kopfschmerzen. Wahrscheinlich ist diese ganze Ärzte-ohne-Grenzen-Geschichte auch nur erfunden, weil er zu faul ist, seine Oma zu besuchen, und die Arbeit lieber den gutmütigen polnischen Nachbarinnen überlässt.

•••

Gestern hat Herr Kaschalek mich dank Frau Utrechts Enkelsohn dabei erwischt, die aus den Karabinerhaken gerissene Schaukel reparieren zu wollen. Wegen der blöden Petze habe ich mir einen ordentlichen Anschiss abholen dürfen. Als wenn es so ein Kunststück wäre, eine Schaukel zu reparieren! Von »Lebensgefahr« hat der feine Herr Hausmeister gesprochen, dabei wäre ich doch weich im Sand gelandet, selbst wenn ich von dem Holzgestell gerutscht wäre.

»Komm da sofort runter!« Seine Augen sind ihm fast aus dem Gesicht gesprungen, nachdem dieser Anton ihn am Ärmel herbeigezogen hatte, weil ich auf dem Weg nach oben vielleicht kurz ins Schwanken gekommen bin.

»Das ist meine Lieblingsschaukel!«, habe ich ihm zu erklären versucht.

Vergeblich: »Das ist nicht dein Job, Zofia.«

»Nee, stimmt, das ist Ihrer.«

»Werd nicht frech.«

»Warum denn nicht?«

»Ich warne dich!« Herrn Kaschalek sind die Argumente ziemlich schnell ausgegangen. Ich würde mir ja etwas drauf einbilden, aber leider lag das in erster Linie an seiner Einfältigkeit und nicht an meinem Argumentationstalent.

»Die Kinder im Kiez brauchen eine Beschäftigung«, versuchte ich es weiter.

»Du bist selbst noch ein Kind. Hör auf, so zu tun, als wärst du dreißig statt dreizehn.«

»Vierzehn.« Also, ab nächster Woche.

»Du brichst dir noch das Genick.«

»Bevor hier irgendjemand an einem Genickbruch stirbt, dann ja wohl eher an Langeweile.«

Leider hat der Kaschalek danach angefangen, mir damit zu drohen, zu meinen Eltern zu gehen. Ab da habe ich eingelenkt, weil Mama und Papa mir meine Comics finanzieren. Reine Abwägungssache.

Gerade noch rechtzeitig fällt mir auf, dass der geisterhafte Anton unter der Buche auf der zugesprayten Bank sitzt, um zu lesen. Zumindest tut er so, als würde er lesen, in Wirklichkeit schielt er arglistig über den Rand seines Buches hinweg und wartet nur auf die nächste Gelegenheit, jemanden zu verpetzen. Man merkt, dass er nicht von hier ist. Wäre Anton in der Platte aufgewachsen, würde er verstehen, dass es keine schlaue Überlebensstrategie ist, die Stärkeren (mich) gegen sich aufzubringen. Würde er auf meine Schule gehen, würden die anderen ihn schneller auseinandernehmen, als er seine Brille mit dem Mittelfinger den Nasenrücken hochschieben kann.

Um mir eine erneute Diskussion mit unserem Hausmeister zu ersparen, lasse ich die Fortsetzung meiner Reparaturarbeiten also so lange bleiben, bis Antons Besuch bei seiner Oma beendet ist. Er hält sich selten länger als ein Wochenende bei ihr auf. Vielleicht wird diese Zeitspanne auch Herrn Kaschalek eine Lehre sein: Wahrscheinlich muss der meine Arbeit erst vermissen, um sie wertzuschätzen.

•••

Während Mama und Frau Utrecht sich unterhalten, fülle ich die Formulare für einen bei ihr anstehenden Arztbesuch aus. Die Worte sind zu fein und klein gedruckt für alte Augen und zu kompliziert formuliert für jemanden, der nicht aus Deutschland stammt.

»Können wir den Fernseher kurz leiser stellen?«, bitte ich, um mich besser konzentrieren zu können. Die Boxen der alten TV-Röhre krächzen bei der Lautstärke, die nötig ist, damit Frau Utrecht den »Bergdoktor« nicht als Stummfilm genießen muss. Um nicht auf der durch das Papier drückenden Spitzentischdecke schreiben zu müssen, benutze ich einen Puzzlekarton als Unterlage: »Venedig bei Nacht«, dreitausend Teile, für Fortgeschrittene.

Kaum dass ich die Fragen auf dem Bogen beantwortet habe, soll ich noch eine Vollmacht aufsetzen, mit der Mama auch als Nichtfamilienangehörige Frau Utrechts Untersuchungsergebnisse beim Arzt abholen kann.

»Und, was habt ihr heute noch Schönes vor, meine Damen?« Frau Utrechts Augen leuchten beinahe jugendlich auf, als ihr Blick zwischen mir und meiner Mutter hin- und herwechselt.

Je mehr sie das Gefühl hat, dass bei Mama und mir Aufbruchsstimmung aufkommt, umso vielfältigere und komplexere Antworten erfordernde Fragen fallen ihr ein. Manchmal ist der Fragenkatalog so endlos, dass er wie vorbereitet wirkt: »Und wie geht es eigentlich dem lieben Adam? Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen …«

Mama fällt bei Papas Namen einer von Frau Utrechts Sammellöffeln aus der Hand, mit dem sie einen Zuckerwürfel in ihren Tee werfen wollte. Sie sieht blass aus.

Frau Utrecht scheint das nicht zu bemerken. Munter plappert sie weiter: »Unternehmt ihr etwas Feines mit ihm? Lädt er euch Grazien vielleicht zum Essen ein?«

»Nicht dass ich wüsste«, antworte ich schnell an Mamas Stelle. »Wir haben nichts Besonderes geplant.«

Und damit war der Fehler passiert.

»Dann bleibt doch noch!« Frau Utrecht ist schnell wie eine Schlange. »Ich bestell uns was Feines beim Italiener.«

Sie beißt zu.

»Auf meine alten Tage würde es mich freuen, mal wieder etwas Abwechslung zu genießen.«

Auf meine jungen Tage würde es mich auch freuen, mal wieder etwas Abwechslung zu genießen. Nur ist ein Abend mit Mama und Frau Utrecht nicht unbedingt meine Auslegung von Abwechslung. Mama sieht das leider anders: »Warum nicht?«

»Ja, warum nicht …?«, murmle ich.

»Darum«, antwortet Nadja auf meine Frage, warum es in den 80er-Jahren zu immer stärker werdenden Friedensprotesten kam. Zu ihrer eigenen Überraschung lasse ich ihr das durchgehen und beende die Doppelstunde zehn Minuten vor dem Klingeln. Ich tue mir damit in doppelter Hinsicht selbst einen Gefallen. Zum einen, weil ich Nadjas flapsigem Verhalten so das erhoffte Gagpotenzial nehme, und zum anderen, weil ich selbst die große Pause nötig habe. Ich muss mich noch darauf vorbereiten, gleich Herrn Svoboda, der sich erst heute Morgen krankgemeldet hat, in der 10b zu vertreten. Ich soll nicht etwa an seiner Stelle Geschichte oder Musik unterrichten, die Fächer, die ich studiere, nein, ich springe in einer Deutschstunde ein. Wenn mehrere Krankheitsfälle im Kollegium gleichzeitig auftreten, wird es schnell mal eng, und es kommt vor, dass ich Fächer unterrichten muss, von denen ich in etwa so viel Ahnung habe wie die Schüler: innen selbst. Also keine – oder maximal »Galileo«-Wissen.

Ich ermahne meine Schüler: innen noch, leise auf den Hof zu gehen, um die anderen Klassen nicht zu stören, und verkrümle mich dann ins Lehrer: innenzimmer, in der Hoffnung, dort ein paar stille Minuten für mich allein zu haben. Statt ein paar stiller Minuten wartet aber Annette auf mich: »Nanu? Die Stunde geht doch noch fünf Minuten?«

»Ja«, antworte ich so ausführlich, wie Nadja es mir vorgemacht hat. Schließlich sollten Lehrer: innen stets die Bereitschaft besitzen, auch von ihren Schüler: innen zu lernen. Ich wähle den Tisch, der so weit von Annette entfernt steht wie möglich, positioniere mich mit dem Rücken zu ihr und vertiefe mich ohne Umschweife in meine Lektüre. Ich sende jedes nur mögliche international verständliche »Lass mich in Ruhe«-Signal. Annette spricht kein International.

»Ich habe gesehen, du musst Deutsch vertreten?«

Ich nicke.

»Kann ich dir behilflich sein?« Ich wundere mich, dass sie ihre Hilfe anbietet – wir sind die einzigen Kolleg: innen im Lehrer: innenzimmer. Es ist also gar kein Publikum da, das Annette wegen ihrer Hilfsbereitschaft bewundern könnte.

»Schließlich bin ich Deutschlehrerin und du nicht …« Ihre Stimme erinnert mich an die von Cruella de Vil aus »101 Dalmatiner«. Meine Stimme hingegen entspricht im Disney-Universum am ehesten der von Dumbo: Ich rede einfach gar nicht beziehungsweise gebe Laute mit Interpretationsbedarf von mir. Stattdessen schenke ich meine Aufmerksamkeit dem Smartphone, das ich auf die Lehrbücher draufgelegt habe. Natürlich hat Google eine Idee, was man Zehntklässler: innen im Deutschunterricht beibringen kann. Ziemlich schnell stoße ich auf die Verlinkung zu einer PDF-Datei, die aus einer nützlichen Auflistung von Stilmitteln besteht, die bei der Textarbeit helfen können. Da im Lehrplan des folgenden Halbjahres Redeanalysen für die Zehnten vorgesehen sind, bleibe ich auf der Seite hängen.

»Wirklich. Das macht mir nichts aus.« Cruella klebt an meinen Fersen. Ich sehe mich gezwungen, ihr Aufmerksamkeit zu schenken, in der Hoffnung, sie damit loszuwerden. Obwohl sich das Lehrer: innenzimmer so langsam mit Kolleg: innen füllt, die keine Hofaufsicht haben, scheint Annette nicht das Bedürfnis zu haben, sich ein neues Opfer zu suchen.

»Das passt schon, danke!« Ich hebe meinen Daumen, verziehe meine Lippen zu einem schmalen Lächeln und wende mich sofort wieder ab. Wirklich sofort, um keine weiteren Missverständnisse aufkommen zu lassen. Für einen kurzen Moment erinnert sie mich an Mama, ohne Mama beleidigen zu wollen. Auch Mama ist immer einfach da. Zu sehr da, wenn man mich fragt. Es reicht nicht, dass meine Geduld aktuell im eigenen Zuhause auf die Probe gestellt wird, nein, in der Schule sorgt meine Lieblingskollegin also für zusätzliche Anstrengung. Mich zur Konzentration ermahnend, lese ich weiter. Schließlich muss ich selbst die Stilmittel erst mal verstehen, bevor ich sie Kindern beibringe.

»Per|for|ma|tiv, Adjektiv«, erklärt Google, »ist eine mit einer sprachlichen Äußerung beschriebene Handlung, die zugleich vollzogen wird, Beispiel: Ich helfe dir.«

»Ich helfe dir gerne!« – Kann doch nicht wahr sein. Für einen Moment habe ich das Gefühl, Annette würde in ihrer Hartnäckigkeit direkt hinter mir stehen und von meinem Handy ablesen. Aber nein, die Frau wird, ohne es zu wissen, zum leibhaftigen Praxisbeispiel der Stilform, die ich mir gerade beizubringen versuche. Darf ich vorstellen, das ist Annette, performativer Bockmist auf zwei Beinen. Vielleicht sollte ich sie bitten, mit in den Unterricht zu kommen, damit die Schüler: innen wirklich verstehen, gar live erleben, was es mit dieser Begrifflichkeit auf sich hat. Praktischerweise könnte Annette dann gleichzeitig als Beispiel für eine Hyperbel herhalten. Denn die Frau ist übertrieben zu viel, immer und von allem.

Wenn Annettes Wesen einer Hyperbel entspricht, bin ich ein Oxymoron. Ich kann mich nämlich gerade nicht entscheiden, was ich fühlen soll. Meine Gefühle sind ein Widerspruch in sich. Sie widersprechen sich mehr als die Worte »Mädchenmannschaft«, »Friedenspanzer« und »Fleischkäse«. Apropos Käse. Beim Duft von Mamas Nudelauflauf schließe ich die Augen und fühle mich für einen Moment ganz besonders schlecht, weil ich eben noch genervt von der Vorstellung war, dass sie zu Hause auf mich wartet. Ich sollte mich besser zusammenreißen. Früher haben Mama und ich schließlich auch zusammengelebt, warum sollte es jetzt für ein paar Wochen nicht wieder möglich sein? Wahrscheinlich ist meine Einstellung das Problem.

Noch einmal tief durchatmend stoße ich die Tür zu meiner Wohnung auf und grüße Mama so freundlich ich kann. Schöne Gedanken, Zofia, hab schöne Gedanken. Mein Versuch, die positive Einstellung zu wahren, ist ernst gemeint. Ich will wirklich durchhalten.

Doch dann sehe ich, dass jede Fernbedienung symmetrisch zur Tischkante ausgerichtet ist. Schlagartig verfinstert sich meine Miene. Ich mag meine Unordnung. Ein perfektes Zuhause ist ungemütlich, es ist unnahbar. Es ist wie Annette.

»Ich hab auch dein Lieblingseis gekauft.« Mama gibt mir einen Kuss.

Ich atme durch. Entspann dich, Zofia. Es sind nur Fernbedienungen. Die Bilder samt Rahmen im Schlafzimmer stehen immer noch auf dem Boden, und die Fenster klappern immer noch bei zu starkem Wind. Nichts perfekt, alles gut. Mama hat Eis gekauft.

»Eis ist jetzt genau das Richtige.«

»Erst mal musst du aber was Vernünftiges essen.« Mama mahnt mich strafenden Blickes. »Eis ist keine vollwertige Mahlzeit. Das hab ich dir schon als Kind beigebracht.«

Durchatmen, Zofia, durchatmen.

Mama streift in ihrem gemütlichen Hausanzug zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her, um das Essen aufzutischen. Kinga und ich nennen ihn heimlich den »Porno-Anzug«. Er besteht aus weichem, tiefrotem Flausch, mit goldenem Reißverschluss. Aus irgendeinem Grund strahlt Mama in diesem Anzug eine wahnsinnige Gemütlichkeit aus. Außerdem hat er, zusammen mit ihren auftoupierten Haaren und den leicht überschminkten Augen, an ihr sogar richtig Stil. Deshalb sagen wir ihr nicht, dass wir ihn den »Porno-Anzug« nennen, sonst zieht sie ihn nicht mehr an, nicht mal zu Hause. Und das wäre traurig, denn Kinga und ich sind uns zu 99 Prozent sicher, dass der Anzug an jemand anderem als Mama dramatisch an Strahlkraft verlieren würde. Ich zum Beispiel würde damit einfach nur billig aussehen.

Auf dem Tisch wartet eine ganze Auflaufform kohlenhydrathaltigen Glücks auf mich. Wenn es früher nach der Schule Nudelauflauf gab, musste ich schnell sein. Kinga, die olle Kuh, hat immer den ganzen Käse runtergegessen, wenn ich nicht aufgepasst habe. Vielleicht war es doch keine so schlechte Idee, dass Mama vorübergehend bei mir einzieht. Ich muss den Nudelauflauf so sehr loben, dass Mama morgen nicht wieder auf die Idee kommt, Gurkensuppe oder Kapuśniak zu kochen.

Ich steche beherzt mit meiner Gabel direkt in die Form und manövriere die Spirelli in meinen Mund.

»Hey!« Mama schlägt mir auf die Hand. »Ich tue dir auf!«

»Sorry, das ist einfach zu lecker. Ich kann es kaum erwarten!«

Und Mama kann sich ihr zufriedenes Lächeln kaum verkneifen.

Es landet eine Papaportion auf meinem Teller. Irgendjemand muss schließlich seinen Job übernehmen, wenn er und sein Freund, der Alkohol, sich nicht benehmen können.

Kauen statt denken, Zofia. Ich gebe mir einfache Anweisungen zum Glücklichsein, denn das war ja mein Plan. Glücklich sein. Positiv denken. Entspannt bleiben. Ich schiebe direkt die nächste Ladung Nudeln hinterher.

»Wusste ich doch, dass es dir schmeckt …« Mama nimmt nun auch ihren ersten Bissen. »Wie war dein Tag?«

»Gut. Deiner?« Für mehr Wörter bleibt mir keine Zeit, ich muss schmatzen.

»Auch.« Normalerweise endet Mamas Antwort an dieser Stelle. Sie fügt maximal noch ein »Du weißt doch, bei mir passiert nix Spannendes« hinzu. Doch heute ist es anders. Sie plant nämlich die Bepflanzung meines Balkons und war deshalb in Baumarkt und Blumenladen unterwegs: »Es ist nicht leicht, schöne winterharte Blumen zu finden, aber ich denke, ich habe gute Ideen.«

»Schön.« Durchatmen, Zofia. Es sind nur Blumen. Keine schlimme Einmischung. Und sie hat Eis gekauft.

Mama verfällt in einen regelrechten Monolog, der meinem aktuell aufs Kauen fokussierten Mundwerk nur recht ist. Ich beschränke mich aufs Nicken, so lange, bis Mama mich erwartungsvoll ansieht.

»Freut mich, dass du so einen aufregenden Tag hattest.« Ich lege meine Hand auf ihrem Unterarm ab. »Und dass du dann trotzdem noch Zeit und Muße hattest, so lecker zu kochen …«

»Ich wusste, dass es dir schmeckt.« Mama lächelt so, wie sonst nur, wenn sie beim Monopoly gewinnt. Meiner Meinung nach funktionieren Familien in dieser Hinsicht nach einem Entweder-oder-Prinzip: Entweder man ist eine Spielefamilie oder man ist keine. Wir gehören ganz klar zu Letzteren. Einzige Ausnahme: Monopoly. Das wird einmal im Jahr, am ersten Weihnachtsfeiertag, ausgepackt. Keine Ahnung, wieso sich dieses Ritual etabliert hat, aber auf jeden Fall lächelt Mama sonst nur auf diese schalkhafte Art, wenn sie gerade wieder Scheine aus der Bank abgreifen durfte.

Ich will ihr meinen fast leeren Teller reichen, um das Gefühl einer gewürfelten Sechs noch zu verstärken – da entdecke ich etwas in meinem Essen. Kleine, dunkelrote Würfel. Auf millimeterfeine Größe heruntergedrechselt, aber unverkennbar ölig glänzend.

»Ist das …?« Ich kann es kaum fassen. Schlingend und eindeutig abgelenkt von Mamas Erzählungen, habe ich den rauchigen Geschmack verdrängt, der sich jetzt beinahe pelzig auf meiner Zunge ausbreitet. »Ist das Fleisch

Mama spitzt die Lippen und starrt, eindeutig meinem Blick ausweichend, auf ihren Teller. Dann zuckt sie mit den Achseln: »Siehst du, es schmeckt dir noch.«

»Mama!«

»Was?!«

»Das kannst du doch nicht bringen! Du weißt ganz genau, dass ich kein Fleisch esse!«

»Du musst doch aber mal was Vernünftiges zu dir nehmen.«

»Du bist unmöglich!«

»Wo bekommst du denn sonst deine Nährstoffe her, hm?«

Ich bin kurz davor, mein Geschirr gegen die Wand zu donnern. Selten habe ich mich so hintergangen gefühlt: »Mama, du hast meine Entscheidungen zu respektieren! Nimmst du mich überhaupt irgendwann mal ernst?«

»Natürlich …« Immerhin hat sie den Anstand, beschämt zu wirken. Ich bin trotzdem fuchsteufelswild. Und ich habe mir auch noch eingeredet, es sei meiner negativen Einstellung geschuldet, dass wir ständig aneinandergeraten. Den Teller auf dem Tisch von mir stoßend, stehe ich auf, die Lightvariante von Geschirr-gegen-die-Wand-Donnern. Dass das schmallippige Lächeln in ihrem Gesicht verhaftet zu sein scheint und Anstand und Fassung vorgaukeln soll, macht mich wahnsinnig. Meine Hände ballen sich zu Fäusten zusammen, dann spreize ich die Finger weit, nur um kurz darauf wieder eine Faust zu machen.

»Das geht zu weit!« Ich gebe einen Wutschrei von mir, der sich gewaschen hat, und stürme in mein Schlafzimmer. Mit geschlossenen Augen lehne ich mich an die Tür und versuche ruhig durchzuatmen, doch als ich die Augen öffne, blicke ich auf meine Bilder. Sie hängen an der Wand. So gerade wie mit der Wasserwaage ausgemessen. Einfach perfekt.

Mein zweiter Wutschrei übertrifft den ersten bei Weitem.

3

kluski • Klöße, die

Die leckerste aus Teigmasse bestehende kugelförmige Speise der Welt • najsmaczniejsza masa kulista tortowa na całym świecie

Ich kann nur so lange sauer auf Mama sein, wie ich sie sehe und mit ihr zusammen bin. Sobald ich etwas Abstand gewinne und mich daran erinnere, was für eine Scheiße sie in letzter Zeit mit Papa durchgemacht hat, bildet sich ein Kloß in meinem Hals. Noch während der Schulchor jeden einzelnen Ton von Marterias »Lila Wolken« versemmelt. Deshalb versuche ich gleich am nächsten Tag die Speckaffäre hinter mir zu lassen und mich auf den gemeinsamen Fernsehabend zu freuen.

Schon das breite Grinsen, mit dem sie mir die Tür öffnet, hätte mir zu denken geben sollen. Auch die Tatsache, dass sie ihre teuerste Perlenkette angelegt hat, hätte mir ein eindeutiges Indiz sein müssen. Doch stattdessen öffne ich völlig grün hinter den Ohren die Tür zu meinem Wohnzimmer. Ich erstarre. Da sitzt Kai Pflaume. Na gut, nicht das Original. Aber dafür eine genauso dauergrinsende und glatt geleckte jüngere Version des Originals. Die gefälschte Pflaume sitzt an meinem Tischchen, auf meinem Stühlchen, isst von meinem Tellerchen und prostet mir mit meinem Becherchen zu.

»Mama, wer ist das?«

»Freut mich.« Die gefälschte Pflaume erhebt sich und kommt auf ihren dünnen Beinen auf mich zumarschiert. Sie ist kleiner, als es im Sitzen den Anschein machte. »Anton mein Name.«

Anton? Es klingelt irgendwo ganz hinten in meinem Kopf, doch die kleinen Heinzelmännchen da oben brauchen einen Moment, um die notwendigen Informationen ins Bewusstsein zu transportieren.

Mama ist schneller als die Heinzelmännchen: »Das ist Frau Utrechts Anton. Der Arzt ohne Grenzen.«

»Und du musst Zofia sein, freut mich.« Galant übernimmt die gefälschte Pflaume die Moderation, was sie noch schlechter vom Original unterscheidbar macht. Auf den zweiten Blick erkenne ich ihn: Die blasse Haut hat Farbe bekommen, dafür ist die Brille weg, das Haar trägt er noch genauso zerzaust wie als Kind. »Mir wurde schon viel von dir erzählt.«

»Das kann ich mir denken.« Ich reiche ihm meine Hand, weil Mama zuguckt. Die Heinzelmännchen in meinem Kopf betätigen alle Alarmglocken auf einmal. So verträumt sieht sie normalerweise nur Guido Maria Kretschmer an. Sie blinzelt häufiger, als ein Falter mit den Flügeln schlägt.

»Sitzen wir uns doch ab!« Meine Mutter hat eine Hand auf meinem Rücken und die andere auf Antons Rücken abgelegt. Sanft, aber bestimmt werden wir an den Tisch geführt, in dessen Mitte ein riesiger Kerzenleuchter prangt.

»Wo ist der denn her?« Ich strecke den Zeigefinger nach dem silbernen Ungeheuer aus, woraufhin meine Mutter den Arm unwirsch nach unten drückt.

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