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Wenn zwei sich finden, freut sich das Glück

Als Buch hier erhältlich:

Zwischen Vernunft und Sinnlichkeit Von der großen Liebe träumen? Damit ist jetzt Schluss! Zu oft wurde der jungen Archäologin Lily Rose das Herz gebrochen. Ab jetzt will sie nur noch Affären, und zwar ohne Gefühl … Als ausgerechnet ihr Boss, der überirdisch attraktive Milliardär Nik Zervakis, sie auf die Eröffnungsgala des neuen Museums entführen will, startet Lily ihre "Mission Eisberg". Von dem coolen Playboy kann sie die Kunst des One-Night-Stands sicher am besten lernen. Und wirklich genießt Lily den sinnlichen Zauber seiner erfahrenen Hände, bis sie spürt: Niks verlangender Blick trifft sie mitten ins Herz … Mitternacht in Manhattan Tagsüber ist Matilda eine schüchterne Kellnerin. Nachts erfindet sie Geschichten über eine mutige Frau, die ihren Traum lebt. Matilda dagegen scheint nichts zu gelingen. Nachdem sie ein Dutzend Partygäste versehentlich mit Champagner bespritzt hat, wird sie zu ihrer Verzweiflung auch noch entlassen. Doch als sie auf den charmanten Millionär Chase Adams trifft, sieht sie ihre Chance gekommen: Sie schlüpft in die Rolle ihrer Romanheldin und verbringt eine traumhafte Nacht an seiner Seite. Kann ein mitternächtlicher Ausflug zu Tiffany's ihren größten Traum vielleicht wahr werden lassen?
  • Erscheinungstag: 02.05.2019
  • Seitenanzahl: 240
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745700329

Leseprobe

1. Kapitel

Lily zog sich den Hut tiefer in die Stirn, um ihre Augen vor der gleißenden griechischen Sonne zu schützen, und nahm einen großen Schluck aus der Wasserflasche. Sie setzte sich auf den ausgedörrten Boden und sah ihrer Freundin zu, wie diese vorsichtig mit dem Pinsel Sand und Staub von einer Tonscheibe entfernte. »Solltest du jemals hören, dass ich das Wort ›Liebe‹ noch einmal in den Mund nehme, kannst du mich hier irgendwo an der Ausgrabungsstätte beerdigen und nie wieder ausbuddeln.«

»Gleich hier drunter liegt eine Grabkammer. Ich könnte dich hineinstoßen, wenn du möchtest.«

»Gute Idee. Und als Inschrift hätte ich gerne: ›Hier liegt Lily, die ihr Leben der Erforschung des Ursprungs der Menschheit widmete, aber Männer nie verstanden hat‹.« Sie ließ den Blick über die Ruinen des antiken Aptera schweifen und sah aufs Meer hinaus. Sie saßen hier hoch auf einem Plateau, hinter ihnen ragten die Weißen Berge von Kreta in den Himmel, unter ihnen glitzerte das Kretische Meer. Normalerweise hellte die Schönheit des Panoramas ihre Laune immer auf, heute jedoch nicht.

Brittany wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. »Hör auf, dich zu geißeln. Der Typ ist ein verlogener Bastard.« Sie griff nach ihrem Rucksack und sah zu der Gruppe Männer hinüber, die ein Stück entfernt stand und in ein Gespräch vertieft war. »Zum Glück fliegt er ja morgen wieder nach London zu seiner Ehefrau zurück. Die kann einem wirklich leidtun.«

Lily schlug die Hände vors Gesicht. »Sprich das Wort ›Ehefrau‹ nicht aus. Ich bin ein schrecklicher Mensch.«

»He!« Brittanys Stimme wurde scharf. »Er hat dir gesagt, er wäre Single. Er hat gelogen, das heißt, die Verantwortung liegt allein bei ihm. Ab morgen brauchst du ihn nie wieder zu sehen … und ich muss mich nicht mehr zusammenreißen, um ihm nicht an die Gurgel zu gehen.«

»Was, wenn sie es herausfindet und sich scheiden lässt?«

»Dann hat sie vielleicht noch eine Chance auf ein erfülltes Leben mit jemandem, der sie respektiert. Vergiss es, Lily.«

Wie sollte sie es vergessen, wenn alles in ihrem Kopf durcheinanderwirbelte?

Hatte sie die Zeichen übersehen? Hatte sie die falschen Fragen gestellt? War sie so verzweifelt, dass sie selbst den Wink mit dem Zaunpfahl ignorierte?

»Ich hatte schon für die Zukunft geplant. Im August wollten wir alle griechischen Inseln besuchen. Das war natürlich, bevor er versehentlich statt der Kreditkarte das Familienfoto aus seiner Brieftasche gezogen hat. Drei süße kleine Kinder, die sich um Daddys Beine winden wie Ranken. Oh, ich ertrage es nicht! Wie habe ich mich so irren können? Diese Grenze überschreite ich nie. Die Familie ist heilig! Familie ist wichtiger als alles Geld der Welt!« Sie musste daran denken, dass sie beides nicht hatte. »Ich weiß nicht, was schlimmer ist – dass er offensichtlich keine Vorstellung hat, wer ich bin, oder dass er alle Fragepunkte auf meiner Liste bestanden hat.«

»Du hast eine Liste?«

Lily schoss das Blut in die Wangen. »Objektive Fragen, die helfen, zu einer objektiven Bewertung zu kommen. Wenn man eine solche Sehnsucht nach Wurzeln und Familie hat wie ich, öffnet das Tür und Tor für Fehlschlüsse. Also habe ich Schutzmechanismen eingebaut. Ich weiß, welche grundlegenden Eigenschaften ich bei einem Mann brauche, um glücklich sein zu können, und ich verabrede mich nie mit jemandem, der keine gute Noten bei den drei Punkten erreicht.«

Brittany wurde neugierig. »Dicke Brieftasche, breite Schultern, großer …«

»Nein! Du bist unmöglich!« Trotz ihres Elends musste Lily lachen. »Erstens muss er zärtlich sein. Männer, die ihre Gefühle nicht zeigen können, interessieren mich nicht. Zweitens muss er ehrlich sein. Aber ohne einen Lügendetektor hinzuzuziehen, wüsste ich wirklich nicht, wie sich das herausfinden lässt. Ich dachte, Professor Ashurst – David werde ich ihn nie wieder nennen! – wäre ehrlich.« Sie erlaubte sich einen Blick zu dem Gastprofessor, der sie während der kurzen, von vornherein dem Untergang geweihten Affäre so betört hatte. »Du hast recht, er ist ein verlogener Betrüger.«

»Ich habe ihn nicht Betrüger genannt, sondern Ba…«

»Ich weiß, aber ich nutze dieses Wort nie.«

»Solltest du mal versuchen, hat hohen therapeutischen Stellenwert. Der Mann hat schlimmere Bezeichnungen verdient. Also, was ist der dritte Punkt auf deiner Liste?«

»Ich suche einen Familienmenschen. Aber bitte nicht mit mehreren Familien. Jetzt ist mir auch klar, wieso der Professor wie ein Familienmensch rüberkam – weil er schon Familie hat. Er hätte besser mit seinen Kindern in Urlaub fahren sollen, statt mit mir etwas anzufangen.« Lily versank in der eigenen Düsterkeit. »Ich muss meine Liste grundlegend überarbeiten.«

»Nicht viel. Du musst nur eine zuverlässige Methode für den Ehrlichkeitstest entwickeln und solltest noch den Punkt ›ledig‹ dazusetzen. Du musst lockerer werden, Lily. Suche nicht ständig nach einer festen Beziehung, sondern habe einfach mal ein bisschen Spaß.«

»Damit meinst du Sex, richtig? Das funktioniert bei mir nicht.« Lily nahm noch einen Schluck Wasser. »Ohne Gefühle kann ich nicht mit einem Mann schlafen, für mich sind Körperliches und Emotionelles untrennbar miteinander verbunden.«

»Unsinn. Sex ist Sex, und Liebe ist Liebe. Das eine macht Spaß, das andere sollte man tunlichst vermeiden. Natürlich kann man auf der Suche nach einer festen Beziehung sein, das heißt dann aber auch, dass einem öfter das Herz gebrochen wird.« Brittany nahm ihren Hut ab und wedelte sich Luft damit zu. »Himmel, es ist nicht einmal zehn Uhr morgens, und schon ist es unerträglich heiß.«

»Was erwartest du? Es ist Sommer, wir sind auf Kreta … Du solltest mittlerweile daran gewöhnt sein, schließlich hast du mehrere Sommer an Ausgrabungen im Mittelmeerraum teilgenommen.«

»Und jeden Sommer habe ich mich darüber beschwert«, erklärte Brittany und streckte ihre langen Beine aus.

»Du hast wirklich tolle Beine«, gab Lily neidlos zu. »In diesen Shorts siehst du aus wie Lara Croft.«

»Das kommt von den Gewaltmärschen durch unwegsames Gebiet auf der Suche nach Überbleibseln der Menschheitsgeschichte. Hör zu … vergiss das Wehklagen um diesen Kerl und geh heute Abend mit uns aus. Erst sind wir zu der offiziellen Eröffnung des neuen Flügels im Archäologischen Museum eingeladen, danach wollten wir uns diese schicke Bar ansehen, die gerade neu eröffnet hat. Meine Informanten haben mir berichtet, dass der Professor durch Abwesenheit glänzt, es wird also ein lustiger Abend.«

»Kann nicht. Die Agentur hat angerufen – ein Notfall. Ich muss den ganzen Abend putzen.«

»Lily, du hast einen Magister in Archäologie. Du solltest diese Jobs gar nicht annehmen.«

»Der Kredit für meine Ausbildung zahlt sich nicht von allein ab. Außerdem entspannt Putzen mich. Es gibt mir das Gefühl, etwas vollbracht zu haben, wenn ich ein Haus wieder auf Vordermann bringe und alles blitzsauber glänzt. Aber ja, ich wünschte, es wäre nicht unbedingt heute Abend. Die Eröffnungsfeier hätte ich gerne miterlebt. Aber sie zahlen eine Sondereinsatzprämie, das kann ich nicht ausschlagen.«

»Seit wann wird für Putzen ein Sondereinsatz nötig?«

»In diesem Falle ist es wohl so, dass der Eigentümer ohne Vorankündigung aus den Staaten zurückkommt, wo er sich die meiste Zeit aufhält.« Lily kramte in ihrer Tasche nach Sonnenschutz. »Wie es wohl sein muss, wenn man so reich ist, dass man sich nicht entscheiden kann, in welchem von seinen vielen Häusern man wohnen soll?«

»Wie heißt der Typ?«

»Weiß ich nicht. Die Agentur tat sehr geheimnisvoll. Wir müssen pünktlich da sein, dann wird der Sicherheitsdienst unsere Truppe einlassen, und vier Stunden später kann ich ein ansehnliches Sümmchen auf mein Konto einzahlen.«

»Da sind fünf von euch für vier Stunden nötig, um das Haus sauber zu machen? Was ist das – ein minoischer Palast?«

»Eine riesige Villa. Wir kriegen einen Grundrissplan, den wir natürlich auch wieder abgeben müssen, wenn wir gehen.«

»Ein Grundriss …« Brittany, die gerade noch etwas trinken wollte, hielt mit der Flasche auf halbem Weg zum Mund inne. »Also, jetzt ist mein Interesse geweckt. Kann ich mitkommen?«

»Klar.« Lily warf ihr einen spöttischen Blick zu. »Es ist ja auch so viel interessanter, anderer Leute Toiletten zu schrubben, als Cocktails in einem funkelnagelneuen Museumstrakt zu schlürfen. Ich komme mir vor wie Cinderella – ich darf nicht zum Ball. Willst du heute Abend jemanden treffen, um dein schlafendes Liebesleben zu reaktivieren?«

»Ich habe kein Liebes-, sondern ein Sexleben, und das ist glücklicherweise alles andere als verschlafen.«

Lily verspürte tatsächlich so etwas wie Neid. »Vielleicht hast du recht. Vielleicht sollte ich wirklich lockerer werden und nicht mehr bei jeder Beziehung gleich davon ausgehen, dass es für die Ewigkeit hält. Du als Einzelkind … wünschst du dir manchmal, du hättest Geschwister gehabt?«

»Nein, ich bin auf einer kleinen Insel in Maine aufgewachsen, da wusste jeder alles vom anderen.«

»Muss wunderbar gewesen sein«, seufzte Lily sehnsüchtig. »Erzähl mir von deiner Familie.« Sie liebte es, Geschichten über Familien zu hören. Eine Familie stellte sie sich vor wie einen selbst gestrickten Pullover in allen Farben des Regenbogens und aus verschiedener Wolle, aber fest verwoben, ein warmer Schutz gegen die kalten Stürme des Lebens. Abwesend zupfte sie an einem losen Faden, der vom Saum ihrer Shorts hing. Das perfekte Symbol für ihr Leben – ein einzelner Faden, der nirgendwohin gehörte.

Brittany setzte den Hut wieder auf. »Wir sind eine ganz normale amerikanische Familie … denke ich. Meine Eltern sind geschieden. Mom hasste es, auf der Insel zu leben, und siedelte nach Florida über, Dad als Ingenieur arbeitet noch immer auf irgendwelchen Ölplattformen rund um den Globus. Ich wuchs bei meiner Großmutter auf Puffin Island auf, wir standen einander sehr nah. Als Grandma dann vor ein paar Jahren starb, hinterließ sie mir ihr Cottage. Bis zum Schluss war sie der festen Überzeugung, dieses Cottage am Strand hätte heilende Kräfte.« Brittany grinste, doch Lily blieb ernst.

»Ich sollte den nächsten Monat dort verbringen. Ich muss auch geheilt werden.«

»Gern, du bist jederzeit willkommen. Es ist der schönste Ort auf der Welt, wirklich.«

»Vielleicht nehme ich das Angebot sogar an. Ich muss mir überlegen, was ich jetzt mit dem ganzen August anfange.«

»Weißt du, was du brauchst? Anständigen Sex, und zwar ohne den emotionellen Ballast. Das richtet auf.«

»Ich kann Sex nicht als Trostpflaster nutzen. Ich würde mich nur prompt wieder verlieben.«

»Such dir jemanden, in den du dich garantiert nicht verlieben kannst. Jemand, der gut im Bett ist, aber dich ansonsten kaltlässt. Damit bliebe das Risiko verschwindend gering.«

»Habe ich da gerade etwas von Trost-Sex gehört?« Spyros, einer der griechischen Archäologen von der hiesigen Universität, kam auf die beiden zugeschlendert.

»Geh weg, Spy, hier werden Frauenthemen besprochen.«

»Warum, meint ihr, komme ich zu euch? Hier ist es mit Sicherheit interessanter als bei der Gesprächsrunde, der ich gerade entflohen bin.« Er hielt Lily eine eiskalte Cola-Dose hin. »Dieser Professor … der Mann besteht wirklich nur aus heißer Luft.«

Lily lief rot an. »Ich weiß. Ich werde schon über ihn hinwegkommen.«

Spy ging neben ihr in die Hocke. »Soll ich dir dabei helfen? Wenn du dich mit Sex trösten möchtest … ich bin jederzeit da für dich.«

»Nein danke. Du flirtest doch mit jeder. Dir traue ich nicht.«

»Ich dachte, es geht um Sex. Da ist Vertrauen unnötig, dazu gehört nur ein richtiger Mann. Einer, der dafür sorgt , dass du dich wie eine Frau fühlst.« Er zwinkerte ihr grinsend zu.

»Den Witz kenne ich – du wirst mir deine schmutzige Wäsche in den Arm drücken, die ich dann für dich waschen darf.« Lachend zog Lily die Dose auf. Vielleicht hatte sie keine Familie, aber sie hatte gute Freunde. »Du vergisst, dass ich, wenn ich nicht gerade hier im Staub grabe oder die Villen der Reichen und Schönen putze, auch noch für die fleischgewordene griechische Männlichkeit arbeite.«

»Ah ja, richtig.« Spyros lächelte. »Nik Zervakis. Kopf der mächtigen ZervaCo. Der ultimative Macher und Traum einer jeden Frau.«

»Meiner nicht. Er entspricht keinem einzigen Punkt meiner Liste.«

Fragend sah Spy zu Brittany, doch die schüttelte nur den Kopf. »Das willst du gar nicht hören. Aber ja, Lily, finde alles über ihn heraus. Ich will alles über ihn wissen, angefangen bei seinem Kontostand bis zu seinem Geheimnis, wie er zu diesem umwerfenden Sixpack gekommen ist, das ich letztens auf einem Zeitungsfoto von ihm zusammen mit dieser Schönheit im Pool gesehen habe.«

»Ich weiß nicht viel über ihn, aber angeblich soll er brillant sein. Und das erwartet er offenbar auch von allen, die für ihn arbeiten – was ihn ziemlich einschüchternd macht«, meinte Lily. »Glücklicherweise ist er die meiste Zeit entweder in San Francisco oder New York. Während der zwei Monate meines Praktikums in der Firma hat er jetzt schon zwei persönliche Assistenten verbraucht, weil sie den Arbeitsdruck nicht ausgehalten haben. Von den ständig wechselnden Freundinnen ganz zu schweigen. Er ist wirklich attraktiv, aber nicht mein Typ.«

»Ich verstehe trotzdem nicht, weshalb du dort arbeitest.«

»Ich muss mich neu orientieren. Mein Stipendium läuft diesen Monat aus, und ich weiß nicht, ob ich weitermachen will, also probiere ich andere Optionen aus. Die Museumsarbeit wird nicht gut bezahlt, und ich will auch nicht in einer großen Stadt leben. Lehren ist absolut nichts für mich …« Sie zuckte deprimiert mit den Schultern. »Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll.«

»Du bist Expertin für Keramik und hast selbst schon wunderschönes Geschirr getöpfert.«

»Das ist ein Hobby, mehr nicht.«

»Aber du bist künstlerisch begabt und kreativ. Du solltest etwas damit anfangen.«

»Mit Träumen kann man keine Rechnungen bezahlen.« Sie nahm den letzten Schluck aus der Dose. »Manchmal wünschte ich, ich hätte Jura studiert und nicht Archäologie. Aber in einem Büro mache ich mich auch nicht unbedingt gut. Letzte Woche habe ich den Kopierer außer Betrieb gesetzt, und die Kaffeemaschine hasst mich. Aber es sieht eben gut auf dem Lebenslauf aus, wenn man bei ZervaCo gearbeitet hat. Zeugt von Belastbarkeit.« Lily fächelte sich Luft mit ihrem Hut zu. »In gewisser Hinsicht bewundere ich ihn. Es wird behauptet, dass er keine Gefühle hat. Also ist er das genaue Gegenteil von mir.« Sie sah zu der debattierenden Gruppe hinüber, wo auch der Mann stand, der sie schamlos betrogen hatte. Allein bei dem Gedanken daran verdüsterte sich ihre Stimmung wieder. »Ich werde versuchen, mehr wie Nik Zervakis zu werden.«

Brittany lachte. »Das ist ein Witz, richtig?«

»Nein, ich meine es ernst. Er ist kalt wie Eis. So will ich auch werden.« Lily sah in die Runde. »Was ist mit euch? War einer von euch schon mal so richtig verliebt?«

»Himmel bewahre, nein!«, kam es sofort von Spyros, aber Brittany starrte mit leerem Blick auf einen fernen Punkt am Horizont.

»Brittany?«, hakte Lily nach.

»Möglich«, kam die leise Antwort.

»Wow! Die taffe Brittany und verliebt?« Spy zog die Brauen in die Höhe. »Hast du ihm Eros’ Pfeil durchs Herz geschossen?« Er machte eine abwehrende Handbewegung, als Lily ihn böse anfunkelte. »He, wäre doch logisch. Sie ist Expertin für die Bronzezeit, und ich weiß, dass sie eine brillante Bogenschützin ist.«

Lily ignorierte ihn einfach. »Wieso denkst du, dass du verliebt gewesen sein könntest? Welche Anhaltspunkte hattest du dafür?«

»Ich habe ihn geheiratet.«

Spyros fielen fast die Augen aus dem Kopf, und Lily starrte die Freundin sprachlos an.

»Okay … das ist ein überzeugendes Argument.«

»Es war ein Fehler.« Brittany zog die kleine Schaufel aus dem Sand. »Wenn ich Fehler mache, dann aber richtig. Man könnte es wohl als Wirbelwindromanze bezeichnen.«

»Eher als Hurrikan. Wie lange hat es gehalten?«

Brittany stand auf und wischte sich den Staub von den Knien. »Zehn Tage.«

»Du meinst zehn Jahre, oder?«, kam es von Lily, aber Brittany schüttelte den Kopf.

»Wenn ich zehn Tage sage, dann meine ich auch zehn Tage. Immerhin haben wir die Flitterwochen ohne Mord und Totschlag überstanden.«

Lily stand der Mund offen. »Was ist passiert?«

»Ich habe mir von meinen Gefühlen die Entscheidungen vorgeben lassen«, antwortete Brittany mit einem schmalen Lächeln. »Nach Zach ist es mir zur zweiten Natur geworden, emotionelle Verwicklungen zu vermeiden.«

»Sexy Name.«

»Sexy Typ.« Brittany kniff die Augen gegen die Sonne zusammen. »Sexy verlogener Bastard.«

»Noch einer«, lautete Lilys düsterer Kommentar. »Aber du hattest wenigstens eine Entschuldigung – du warst jung. Ich dagegen … ich bin Gewohnheitstäter. Ich sollte in die Werkstatt gebracht und neu programmiert werden.«

»Blödsinn.« Brittany verstaute das Schäufelchen in ihrem Rucksack. »Du bist freundlich, herzlich und liebenswert. Das mögen die Typen an dir so sehr.«

»Nicht zu vergessen, dass ein Blick reicht, um zu wissen, wie großartig du ohne Kleider aussiehst«, setzte Spy noch hilfsbereit hinzu.

»Freundlich, herzlich und liebenswert sind großartige Eigenschaften für ein Hündchen, nicht für eine erwachsene Frau.« Lily drehte Spy den Rücken zu. »Aber jeder Mensch kann sich ändern, nicht wahr? Und ich auch.« Sie rappelte sich auf die Füße. »Ich werde mir deinen Rat zu Herzen nehmen und Sex haben – nur zur Entspannung. Und dafür werde ich mir jemanden suchen, den ich nicht kenne, nicht mag und in den ich mich in einer Million Jahre nicht verlieben könnte.«

Brittany beäugte sie zweifelnd. »Weißt du, langsam kommen mir Bedenken. Bei dir hört sich das an wie die Garantie für ein Desaster.«

»Nein, es wird perfekt.« Lily war entschlossen. »Ich muss nur einen Mann finden, auf den nichts von meiner Liste passt. Dann kann gar nichts schiefgehen. Ich werde es ›Mission Eisberg‹ nennen.«

Nik Zervakis stand am Fenster und sah auf das glitzernde blaue Meer hinaus, während sein Assistent Bericht erstattete. »Haben sie angerufen?«

»Ja, Sir, genau, wie Sie vorausgesagt haben. So lange zu warten, wenn es um solche Summen geht … ich wäre schon vor Tagen eingeknickt. Sie haben nicht einmal mit der Wimper gezuckt.«

Nik hätte dem Mann jetzt sagen können, dass es nicht um Geld, sondern um Macht ging. »Sind die Anwälte in Kenntnis gesetzt?«, fragte er jedoch nur.

»Sie treffen sich gleich morgen früh mit dem Lexos-Team. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben den Deal in der Tasche.«

»Erst, wenn der Vertrag unterzeichnet ist. Wir geben eine Presseerklärung heraus, aber keine Interviews.« Etwas von dem Druck hob sich von seinen Schultern. »Haben Sie die Reservierung im Athena erledigt?«

»Ja, Sir. Davor steht jedoch die Eröffnung des neuen Museumsflügels an.«

Nik fluchte leise. »Das hatte ich völlig vergessen.«

»Vassilis fährt den Wagen für Sie um viertel nach sechs vor und bringt Sie zur Villa, damit Sie sich umziehen können. Auf dem Weg holen Sie Christina ab, das spart Zeit. Ihr Tisch ist für neun Uhr reserviert.«

Nik löste den obersten Hemdknopf. »Sonst noch etwas?«

»Ihr Vater hat angerufen.« Unruhig verlagerte der Mann das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Da Sie nicht auf seine Anrufe reagiert haben, soll ich Sie daran erinnern, dass am Wochenende seine Hochzeit stattfindet. Er befürchtet, Sie könnten es vergessen haben.« Dem armen Mann wurde immer unwohler. »Ich soll Ihnen noch ausrichten, dass kein Geld der Welt so wichtig ist wie Familie. Er erwartet, Sie dort zu sehen.«

Nik sagte nichts dazu. Seine Gefühle zu diesem Thema waren hinreichend bekannt. Ihm war völlig unklar, weshalb jemand die vierte Hochzeit als Anlass zum Feiern ansah. Für ihn hieß das nur, dass da jemand aus seinen Fehlern nicht lernte. »Ich rufe ihn vom Wagen aus an.«

Der Mann begann klugerweise bereits den Rückzug zur Tür. »Er fügte auch noch hinzu, dass Sie ihm das Herz brechen werden, wenn Sie nicht kommen.«

Eine solche Äußerung war typisch für seinen Vater. Es war diese Sentimentalität, die für drei kostspielige Scheidungen verantwortlich war. »Danke, das war vorerst alles.«

Als der Assistent die Tür hinter sich ins Schloss zog, ging Nik zum Kühlschrank und holte sich ein Mineralwasser heraus. Trotz der Klimaanlage war ihm plötzlich heiß. Warum sollte es ihn stören, dass sein Vater erneut heiratete? Er war kein naiver Neunjähriger mehr, am Boden zerstört nach dem Betrug der Mutter, getrieben von der brennenden Sehnsucht nach Stabilität und Geborgenheit.

Er hatte sich seine eigene Stabilität geschaffen. Emotional gesehen war er wie Fort Knox – nicht zu knacken. Er würde niemals zulassen, dass der Bruch einer Beziehung ihm den Boden unter den Füßen wegriss. Er glaubte nicht an die Liebe, und eine Ehe war seiner Meinung nach nur ein sinnloses und zudem kostspieliges Unterfangen.

Sein Vater, obwohl eigentlich ein intelligenter Mann, teilte diese Ansicht leider nicht. Mit Umsicht und Geschäftssinn hatte der Mann einen profitablen Betrieb aufgebaut, aber diese Qualitäten übertrug er nicht auf sein Liebesleben. Jeder von Niks Versuchen, den bei einem bisher dreimal geschiedenen Mann völlig unangebrachten romantischen Optimismus zu dämpfen und wenigstens Denkanstöße zu geben, wurde ihm stets als Zynismus ausgelegt.

Als wäre das nicht genug, hatte sein Vater ihn bei dem letzten gemeinsamen Dinner auch noch wegen seines Lebensstils gerügt, als wäre das Fehlen an Scheidungen in Niks Leben ein charakterliches Manko.

Frustriert schloss Nik die Augen. Wie war es möglich, dass geschäftlich bei ihm alles so glattlief, während sein Familienleben ein einziges Desaster war? Er würde lieber die zwölf Herkulesaufgaben erledigen, als zu dieser Hochzeit zu gehen. Die neue Ehefrau seines Vaters kannte er nicht einmal, hatte auch nicht das Bedürfnis, sie kennenzulernen.

Hochzeiten deprimierten ihn. Aller Champagner der Welt betäubte nicht genug, um nicht sehen zu können, dass da zwei Menschen vor den Augen der Öffentlichkeit einen kapitalen Fehler begingen.

Lily stellte ihre Tasche in der mit Marmor gefliesten Eingangshalle ab und schloss ganz bewusst wieder den Mund.

»Palast« wäre unzulänglich, um dieses Haus zu beschreiben. Direkt am Meer auf einer Anhöhe gelegen, verkörperte die Villa Harmonia das Sinnbild eleganten, absolut erlesenen Luxus.

Sie fragte sich, wo die anderen des Trupps blieben, und ging auf die Terrasse hinaus. Ein fantastischer Garten, durchzogen von Wegen, die zum Privatstrand in der abgeschiedenen Bucht führten, in der es auch einen Anlegeplatz für Boote gab.

»So muss das Paradies aussehen …« Ihre Träumereien wurden gestört von dem Klingeln ihres Handys. Hastig holte sie es aus der Tasche ihres Kittels. So erfuhr sie, dass die anderen Mitglieder des Putztrupps auf dem Weg hierher einen Unfall gehabt hatten. Glücklicherweise war niemand verletzt worden, aber der Wagen war ein Totalschaden. Was hieß, dass sie sich allein um den Auftrag kümmern musste.

Ergeben in ihr Schicksal, wählte Lily Mozarts »Zauberflöte« als musikalische Unterstützung, steckte sich die Ohrstöpsel ein und sang laut mit, während sie Staub wischte und wienerte und moppte.

Kinder lebten ganz offensichtlich nicht in diesem Haus. Alles hier war kostbar und edel und von diskreter Eleganz.

Nun, Tagträumereien würden sie nur den Job kosten, und so nahm Lily sich zusammen. Hier unten war sie fertig. Also stieg sie die geschwungene breite Treppe hinauf zu den Schlafräumen. An der Tür zum Hauptschlafzimmer blieb sie wie vom Donner gerührt stehen.

In dem kleinen Apartment, das sie zusammen mit Brittany bewohnte, schlief sie in einem Bett, das so schmal war, dass sie bereits zweimal während der Nacht hinausgefallen war. In diesem Bett dagegen hätte eine ganze Familie Platz gefunden.

Oh, sie stellte sich vor, wie sie sich in einem Bett von solcher Größe drehen und rekeln und ausstrecken würde, ohne je Angst haben zu müssen, auf dem Boden zu landen. Ein schneller Blick über die Schulter, ob niemand vom Sicherheitsdienst in der Nähe war, dann fotografierte sie das Bett mit ihrem Smartphone und schickte das Bild an Brittany.

Eines Tages werde ich Sex in einem solchen Bett haben, textete sie dazu.

Das Bett ist mir egal, ich nehme den Mann, dem das Bett gehört, schrieb die Freundin zurück.

Entschlossen machte Lily sich an die Arbeit. Als alles blitzte und blinkte, nahm sie das angrenzende Bad in Angriff. Die riesige Badewanne stand direkt vor der hohen Fensterfront, die freien Blick aufs Meer bot. Bei der Größe blieb ihr gar nichts anderes übrig, als hineinzuklettern, um sie zu putzen. Die begehbare Dusche kam als Nächstes an die Reihe. Argwöhnisch betrachtete Lily die in die Fliesen eingelassene Kontrolltafel. Bei ihrem Glück mit dem Kopierer und der Kaffeemaschine wagte sie es kaum, einen der Knöpfe zu drücken, aber welche Wahl blieb ihr denn?

Vorsichtig legte sie die Fingerspitze auf einen der Sensoren … und schnappte erschreckt nach Luft, als ein Strahl eiskalten Wassers sie von der Seitenwand traf. Hektisch schlug sie mit der Handfläche auf die Tafel … mit dem Ergebnis, dass sie jetzt von allen Seiten mit heißem und kaltem Wasser begossen wurde, bis sie komplett durchnässt war. Wahllos betätigte sie Knöpfe, und endlich gelang es ihr, die Wassermassen abzustellen. Nur tropfte sie jetzt vor sich hin wie ein begossener Pudel.

»Ich hasse, hasse, hasse Technik!«, stieß sie frierend aus.

Sie versuchte, sich das Haar trocken zu rubbeln, und schälte sich aus dem Arbeitskittel, denn wenn sie jetzt so durch die Villa lief, würde sie überall Pfützen hinterlassen. In Unterwäsche stand sie da und wrang die Uniform aus, als sie ein Geräusch aus dem Schlafzimmer hörte.

Das musste einer der Sicherheitsleute sein. Oh Gott! »Bitte, kommen Sie nicht herein, warten Sie einen Moment. Ich bin gerade dabei …« Abrupt verstummte sie, als eine elegant gekleidete und perfekt zurechtgemachte Frau in der Tür auftauchte.

So deklassiert hatte Lily sich in ihrem ganzen Leben noch nicht gefühlt.

»Nik?« Die Frau drehte den Kopf über die Schulter zurück, ihre Stimme klirrend kalt. »Dein Appetit ist zwar legendär, aber es wäre angebracht, die letzte Freundin auszurangieren, bevor man sich die neue ins Haus holt.«

»Wovon redest du da?«

Diese Stimme! Unverkennbar! Lily schloss die Augen und fragte sich, ob es auf dieser Sensorentafel wohl auch einen Knopf für Schleudersitze gab.

Jetzt wusste sie, wem die Villa gehörte!

Augenblicke später tauchte der Eigentümer persönlich auf. Lily wagte einen Blick unter gesenkten Wimpern hervor, die voller Tropfen hingen, und so bekam sie Nik Zervakis zum zweiten Mal in Natura zu sehen. Konfrontiert mit so viel Sex-Appeal und gutem Aussehen, setzte ihr Magen zum Sturzflug an.

Er stand lässig im Türrahmen, als wäre es völlig normal für ihn, halb nackte fremde Frauen in seiner Dusche vorzufinden, und sah mit ungerührter Miene zu ihr hin. »Nun?«

Lily wappnete sich für die Explosion. »Ich kann das erklären …«

»Ich bitte darum.« Die Stimme der Frau klirrte jetzt nicht mehr, sondern ätzte wie Säure.

»Ich bin die Reinemachfrau.«

»Aber natürlich sind Sie das. Irgendwann enden Reinemachfrauen immer nackt in der Dusche des Auftraggebers, nicht wahr?« Mit schmalen Lippen drehte sie sich zu Nik um. »Wer ist das?«

»Hast du doch gehört, Christina. Die Reinemachfrau.«

»Sie lügt. Offensichtlich war sie den ganzen Tag hier, hat sich nach der gestrigen Nacht erst ausschlafen müssen.«

Als Antwort kniff er nur diese großartigen dunklen Augen zusammen, und Lily musste daran denken, dass man sie in der Firma gewarnt hatte, dass Nik Zervakis am gefährlichsten war, wenn er ruhig blieb. Doch seine Begleiterin schien das nicht zu wissen.

»Das Schlimmste ist nicht einmal, dass du dich nach anderen Frauen umsiehst, sondern dass du dich nach Frauen umsiehst, die so fett sind wie sie.«

»Ich bin nicht fett!« Das konnte Lily nicht auf sich sitzen lassen. Sie hielt sich den pitschnassen Arbeitskittel vor die Brust. »Mein BMI ist im Normalbereich.«

Doch das interessierte die Frau offenbar nicht. »Ist sie der Grund, weshalb du mich erst so spät abholen konntest? Ich hatte dich gewarnt, Nik. Keine Spielchen. Nun, du hast gepokert … und verloren. Da du freiwillig keine Erklärung ablieferst, werde ich auch gar nicht fragen.« Damit stolzierte sie davon, und Lily zuckte bei jedem lauten Klicken der hohen Absätze auf dem Marmorboden zusammen.

»Sie ist wütend«, murmelte sie schuldbewusst.

»Ja.«

»Kommt sie zurück?«

»Ich hoffe nicht.«

Gern hätte sie ihn beglückwünscht, doch ihr Job war ihr wichtiger als Ehrlichkeit. »Es tut mir wirklich leid …«

»Das ist unnötig. Es war nicht Ihre Schuld.«

»Wäre mir dieses Malheur nicht passiert, wäre ich angezogen gewesen.«

»Bisher habe ich meine Dusche nie als Malheur angesehen, aber offenbar muss ich meine Meinung überdenken.« Er sah auf die Pfützen auf dem Boden. »Was ist denn passiert?«

»Ihre Duschsteuerung ist wie das Armaturenbrett eines Jumbojets. Und nirgendwo eine Bedienungsanleitung. Ich hatte keine Ahnung, welche Knöpfe ich drücken soll.«

»Aha. Und so haben Sie auf Verdacht einfach alle gedrückt? Sollten Sie sich jemals im Cockpit eines Jumbojets wiederfinden, setzen Sie sich am besten auf die Hände.«

»Das ist nicht lustig.« Vor Kälte klapperte sie mit den Zähnen. »Ich bin bis auf die Haut durchnässt, und ich konnte ja nicht ahnen, dass Sie schon so früh nach Hause kommen.«

»Mein Fehler«, meinte er ironisch. »Sind Sie fertig mit Putzen, oder möchten Sie, dass ich Ihnen erkläre, wie man die Sensorentafel bedient?«

Lily klaubte so viel Würde zusammen, wie sie aufbringen konnte. »Ihre Dusche ist sauber. Schließlich habe ich mich mit vollem Körpereinsatz darum gekümmert.« Sie wollte nur so schnell wie möglich von hier weg. Argwöhnisch schaute sie zur Tür. »Sind Sie sicher, dass sie nicht zurückkommt?«

»Absolut.«

Lily war zwischen Schuld und Reue hin- und hergerissen. »Oh Gott, jetzt habe ich noch eine Beziehung zerstört.«

»Noch eine?« Verblüfft zog er eine Augenbraue in die Höhe.

»Sie ahnen ja nicht … Würde es etwas nützen, wenn ich meine Chefin anrufen und sie bitten würde, sich für mich einzusetzen?« Zu spät wurde ihr klar, dass sie ihrer Chefin dann auch erklären müsste, dass sie halb nackt in der Dusche des Auftraggebers erwischt worden war.

Und Nik lächelte auch schon schmal. »Wenn Ihre Chefin nicht überdurchschnittlich tolerant ist, würde ich mir das an Ihrer Stelle noch einmal überlegen.«

»Es muss etwas geben, wie ich das wieder gutmachen kann. Ich habe Ihnen die Verabredung verdorben. Obwohl … sie schien mir kein besonders netter Mensch zu sein. Auf lange Sicht gesehen ist es wahrscheinlich sogar besser für Sie. Und mit einem so knochigen Körper eignet sie sich auch nicht gut zum Schmusen mit Ihren Kindern …« Ihr fiel auf, wie seltsam er sie ansah. »Amüsieren Sie sich etwa über mich?«

»Nein. Aber ich muss gestehen, dass eine Mutter, mit der meine Kinder gern schmusen, nicht unbedingt ganz oben auf meiner Prioritätenliste steht.« Er wandte sich um und warf achtlos sein Jackett aufs Bett.

Sie fragte sich, ob es ihn überhaupt kümmerte, dass seine Begleiterin ihn versetzt hatte. »Nur rein interessehalber … wieso haben Sie sich nicht verteidigt? Sie hätten es ihr erklären können, und sie hätte Ihnen bestimmt vergeben.«

»Erstens verteidige ich mich grundsätzlich nicht, und zweitens … Sie hatten ihr bereits eine Erklärung gegeben.« Er stand noch immer in der Tür, seine breiten Schultern füllten den Rahmen aus. »Davon ausgehend, dass Sie die Wahrheit gesagt haben. Sie sind wirklich die Reinemachfrau?«

»Natürlich habe ich die Wahrheit gesagt!«

»Dann hätte ich Ihrer Erklärung auch nichts hinzufügen können.«

Es schien ihn überhaupt nicht zu stören, dass er soeben den Laufpass erhalten hatte. »Sie sind also nicht bestürzt?«

»Warum sollte ich bestürzt sein?«

»Nun, die meisten Leute sind das, wenn ihre Beziehung endet.«

»Offensichtlich gehöre ich nicht zu den meisten Leuten.« Er lächelte.

»Nicht einmal ein winziges kleines bisschen traurig?«

»Diese Maßeinheit wüsste ich nicht einzuschätzen, aber nein … nicht einmal ein winziges kleines bisschen. Um traurig zu sein, müsste mir ja etwas daran liegen … tut es aber nicht.«

Brillant! Warum war ihr das nicht eingefallen, als Professor Ashurst sie mit seinem falschen Mitgefühl überhäuft hatte? Auf jeden Fall würde sie sich den Spruch merken müssen – für das nächste Mal.

»Entschuldigen Sie mich.« Tropfnass, wie sie war, drängte sie sich an ihm vorbei und kramte nach dem Notizblock in ihrer Tasche.

»Was tun Sie da?«

»Ich schreibe mir den Satz auf, den Sie soeben benutzt haben, damit ich ihn beim nächsten Mal, wenn ich wieder den Laufpass bekomme, parat habe.«

»Kommt das häufiger vor?«

»Oft genug. Ich verliebe mich, und dann wird mir das Herz gebrochen. Aber ich arbeite gerade daran, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.«

»Wie oft waren Sie denn schon verliebt?«

»Bisher?« Frustriert schüttelte sie den Kuli, der auf dem feuchten Papier nicht schreiben wollte. »Dreimal.«

»Cristo! Unglaublich.«

»Na, da fühle ich mich doch gleich besser, was? Wie oft waren Sie denn schon unglücklich verliebt?«

»Ich war noch nie verliebt. Ich glaube nicht an die Liebe.«

Ihre Neugier war geweckt. »Woran glauben Sie dann?«

»An Geld, Einfluss und Macht.« Er zuckte mit den Schultern. »Das sind messbare Werte.« Er lockerte sich die Krawatte.

»Macht und Einfluss lassen sich messen? Ich rate … Sie stampfen mit dem Fuß auf, und prompt erscheint ein Wert auf der Richter-Skala.«

»Sie wären überrascht.«

»Das bin ich schon jetzt. Ich werde Sie mir zum leuchtenden Beispiel nehmen.« Endlich war es ihr gelungen, dem Kuli Tinte zu entlocken. »Es ist nie zu spät, sich zu ändern. Ab jetzt werde ich mich ausschließlich auf messbare Werte konzentrieren. Darf ich fragen, was Ihr Ziel bei einer Beziehung ist?«

»Orgasmen.«

Bei seinem trägen Lächeln lief sie puterrot an. »Das kommt davon, wenn man dumme Fragen stellt. Geschieht mir recht. Aber das ist auf jeden Fall ein messbarer Wert. Mein Ziel ist es, so kalt und distanziert in einer Beziehung zu bleiben wie Sie. Oh, jetzt habe ich überall auf den Boden getropft!«

Amüsiert lehnte er sich an die Wand. »So sehen Sie also aus, wenn Sie kalt und distanziert sind?«

»Noch habe ich ja nicht angefangen. Aber sobald mein Alarm losschrillt, dass ich dabei bin, mich zu verlieben … dann werden ab sofort die Schotten zugeschlagen und ich verwandle mich in einen Eisberg. Mein Herz bekommt eine Schutzweste, wie eine Rüstung aus Stahl.« Sie lächelte ihn sonnig an. »Sie halten mich für verrückt, nicht wahr? Für Sie ist das ja alles normal, aber ich muss das erst lernen …« Sie horchte auf. »Ihr Handy klingelt. Vielleicht ist das Ihre Freundin.«

»Mit Sicherheit ist sie das. Deshalb antworte ich ja auch nicht.«

Mit höchster Bewunderung registrierte Lily dieses Verhalten. »Sehen Sie, genau das muss ich lernen. Ich hätte den Anruf jetzt angenommen, und wenn derjenige, der mich schlecht behandelt hat, sich entschuldigen würde, hätte ich ihm sofort verziehen.«

»Sie haben recht, Sie müssen sich ändern. Wie heißen Sie?«

Verlegen räusperte sie sich. »Lily.«

»Kennen wir uns? Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.«

Das Blut schoss ihr wieder in die Wangen. »Ich arbeite als Praktikantin zwei Tage die Woche in Ihrer Firma. Ich bin eine der Assistentinnen Ihres persönlichen Assistenten.« Die, die den Kopierer und die Kaffeemaschine zerlegt hat.

»Also haben wir uns schon getroffen?« Er war eindeutig verblüfft.

»Nein. Ich habe Sie nur einmal kurz gesehen. Das eine Mal, als ich mich im Waschraum versteckt habe, zähle ich nicht.«

»Sie haben sich im Waschraum versteckt?«

»Sie feuerten gerade einige Leute, da wollte ich Sie nicht auch noch auf mich aufmerksam machen.«

»Aha. So, Sie arbeiten also zwei Tage pro Woche als Praktikantin in meiner Firma und die anderen drei Tage als Putzfrau?«

»Nein, den Putzjob mache ich nur abends. Die anderen drei Tage gehöre ich zum Ausgrabungsteam in Aptera. Aber die Ausgrabung ist fast abgeschlossen. Im Moment stehe ich vor einer Weggabelung in meinem Leben und weiß nicht, welche Richtung ich einschlagen soll.«

»Ausgrabung?« Das erregte offensichtlich sein Interesse. »Sie sind Archäologin?«

»Ja, ich gehöre zu dem Team, das von der hiesigen Universität gesponsert wird, aber da ich noch einen Ausbildungskredit zurückzahlen muss, brauche ich auch andere Einnahmen.«

»Wie viel wissen Sie über minoische Artefakte?«

Lily blinzelte. »Wahrscheinlich mehr, als für eine normale Vierundzwanzigjährige gesund ist.«

»Gut. Trocknen Sie sich ab, und ich besorge Ihnen ein Kleid. Ich muss heute Abend den neuen Museumsflügel einweihen. Sie kommen mit.«

»Ich? Haben Sie denn keine Begleitung?«

»Ich hatte eine«, meinte er süffisant. »Sie tragen einen Großteil der Verantwortung, dass ich jetzt keine mehr habe. Daher werden Sie diesen Platz einnehmen.« Er drehte sich um, holte sein Handy aus der Jackentasche und wählte eine Nummer.

Lily blinzelte und wusste nicht, ob sie erleichtert oder misstrauisch sein sollte. »Wenn Sie meine Kleidergröße wissen möchten …«

Mit dem Handy am Ohr drehte er sich zu ihr zurück und ließ den Blick träge lächelnd von Kopf bis Fuß über sie wandern. »Ihre Größe kenne ich bereits.«

2. Kapitel

Nik lehnte lässig in den Polstern, während der Wagen sich durch den dichten Feierabendverkehr quälte. Lily neben ihm zappelte dagegen wie ein Fisch auf dem Trockenen.

»Mr. Zervakis? Dieses Kleid ist freizügiger als alles, was ich üblicherweise trage. Und mir ist da dieser schreckliche Gedanke gekommen …«

Sie klang atemlos und aufgeregt, und Nik musste sich daran erinnern, dass Frauen mit einem wirklich süßen Lächeln, die noch dazu bekennende Loveaholics waren, komplett von seiner Liste gestrichen waren. »Nennen Sie mich Nik.«

»Das geht nicht. Ich arbeite in Ihrer Firma. Sie zahlen mir ein Gehalt.«

»Sagten Sie nicht, Sie seien Praktikantin?«

»Richtig. Und Ihre Firma zahlt Praktikanten wesentlich mehr als alle anderen Betriebe. Aber das ist ein anderes Thema. Und dieser schreckliche Gedanke lässt mich einfach nicht los.«

Nik riss den Blick bemüht von ihren vollen Lippen los. »Und der wäre?«

»Wenn Ihre Freundin herausfindet, dass Sie mich heute als Begleitung mit zu der Eröffnung genommen haben, wird sie glauben, dass Sie und ich … nun …« Sie wurde rot. »Sie wird denken, dass wir beide gelogen haben und sie recht hatte. Obwohl intelligente Leute sich selbst denken können, dass, wenn sie Ihr Typ ist, ich es ganz bestimmt nicht bin.«

Nik bemühte sich, dem verhaspelten Wortschwall zu folgen. »Sie sorgen sich, sie könnte denken, dass wir beide Sex haben? Wäre es denn eine so grässliche Vorstellung? Finden Sie mich nicht attraktiv?«

»Eine lächerliche Frage.« Kurz blickte Lily in sein Gesicht, bevor sie die Augen hastig wieder abwandte. »Genauso gut können Sie eine Frau fragen, ob sie Schokolade mag.«

»Es gibt Frauen, die mögen keine Schokolade.«

»Sie lügen alle. Vielleicht essen sie sie nicht, das heißt aber nicht, dass sie sie nicht mögen.«

»Also bin ich Schokolade?« Nik konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal so gut amüsiert hatte.

»Wenn Sie damit fragen, ob Sie eine Versuchung und nicht gut für mich sind, so lautet die Antwort Ja. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass wir überhaupt nicht zusammenpassen, würde ich mich nie nackt in der Gegenwart eines Mannes mit Ihrem perfekten Körper entspannen können. Ich habe die Fotos in der Presse von Ihnen beim Schwimmen gesehen.«

Bisher hatte Nik noch jeder Frau geholfen, sich zu entspannen. »Ich bin gerne bereit …«

»Nein.« Sie bedachte ihn mit einem strengen Blick. »Ich weiß, Sie lieben die Herausforderung, aber der Stress … Mich nur von meiner besten Seite zu zeigen, würde mich umbringen.«

»Ich habe Sie schon in Unterwäsche gesehen.«

»Erinnern Sie mich bloß nicht daran!«

Nik fing den amüsierten Blick seines Chauffeurs im Rückspiegel auf. Vassilis war jetzt seit über zehn Jahren sein Fahrer. Und hatte den Hang, seine Meinung über Niks Liebesleben nicht zurückzuhalten. Es war deutlich, dass Lily seinen Segen hatte.

»Es stimmt, manche Leute, die uns zusammen sehen, werden wohl annehmen, dass wir Sex haben. Ich kenne zwar die Gästeliste nicht, aber ich gehe davon aus, es werden auch Kollegen von Ihnen anwesend sein. Stört Sie das?«

»Nein, im Gegenteil. Das ist sogar gut für meinen Stolz, dann sehen sie, dass ich nicht vor Liebeskummer vergehe. Gerade heute Morgen habe ich mit einem neuen Projekt begonnen – Mission Eisberg. Wahrscheinlich fragen Sie sich jetzt, was das ist.«

Nik öffnete schon den Mund, um zu antworten, doch sie fuhr ohne Unterbrechung fort:

»Ich werde Sex haben, ohne dass mir Gefühle in den Weg kommen. Genau«, sie nickte ihm zu, »Sie haben richtig gehört. Sex zur Entspannung. Ich werde mit einem x-beliebigen Typen ins Bett steigen und nichts dabei empfinden.«

Vorn im Wagen war ein ersticktes Hüsteln zu hören, und mit gerunzelter Stirn ließ Nik die Trennscheibe hochfahren. »Haben Sie schon jemand Speziellen im Auge?«

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