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Wer lieben kann, ist klar im Vorteil

Als Buch hier erhältlich:

Willkommen in Happily Inc, der romantischsten Kleinstadt der Welt!



Heiraten will Renee Grothen nicht. Ihr reicht es völlig, die Hochzeiten ihrer Kunden zu organisieren. Gegen gelegentliche Treffen mit dem sexy Schriftsteller Jasper hat Renee allerdings nichts einzuwenden. Sie hilft ihm sogar bei seinem neuen Roman, erklärt ihm, wie Frauenfiguren funktionieren und genießt mit ihm einfach eine schöne Zeit. Als Jasper dann aber glaubt, die Frau seines Lebens in ihr gefunden zu haben, wird Renee unsicher. Ist das der Zauber der wahren Liebe, von dem alle in Happily Inc erzählen?

»Ein wahrhaft unvergessliches Buch! Mallery ist unvergleichlich!« Romantic Times Book Reviews über »Die Liebe trägt Giraffenpulli«

»… besticht durch den für die beliebte Autorin typischen Mix aus Humor, Scharfsinn und Kleinstadt-Charme.« Booklist über »Planst du noch oder liebst du schon?«




  • Erscheinungstag: 28.12.2020
  • Aus der Serie: Happily Serie
  • Bandnummer: 5
  • Seitenanzahl: 384
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745701197

Leseprobe

1. Kapitel

Jasper Dembenski kam problemlos mit dem eigenwilligen Navi klar. Ebenso mit dem geplatzten Reifen und den fünf Hagelschauern, durch die er gestern gefahren war. Aber der Mangel an Kaffee zwang ihn in die Knie.

Er schüttelte die leere Kaffeedose, als würde sie sich dadurch wie von Zauberhand wieder füllen. Was sie leider nicht tat. Er würde also in den Supermarkt fahren müssen, was angesichts der Tatsache, dass er ein zehn Meter langes Wohnmobil fuhr, leichter gesagt als getan war. Vielleicht gab es an der Rezeption Kaffee. Dann könnte er das Einkaufen auf den Nachmittag verschieben.

Jasper befand sich auf dem letzten Stück einer dreimonatigen Lesereise für seinen aktuellen Thriller. Sein Verleger hatte gar nicht erst versucht, ihn zu Dutzenden Flügen, Mietwagen und Hotels zu überreden. Stattdessen hatte er ihn mit der Idee gelockt, die verschiedenen Städte mit einem Wohnmobil anzufahren. Jasper machte es nichts aus, lange hinter dem Steuer zu sitzen. Er genoss die Einsamkeit und die Zeit zum Nachdenken, und die Campingplätze waren bisher alle ziemlich in Ordnung gewesen.

Im Moment befand er sich gute tausendeinhundert Meilen von seinem Zuhause entfernt. Sobald er wieder auf der Interstate 10 war, ging es schnurgerade zurück nach Happily Inc. Was er brauchte, war lediglich ein großer Becher Kaffee. Er würde einen Supermarkt in der Nähe der Interstate finden und sich mit ausreichend Lebensmitteln eindecken, um die zwei Tage durchzustehen.

Er trat in den warmen Septembermorgen hinaus und ging in Richtung Campingplatz-Rezeption. Auf dem Weg nickte er Menschen zu, die ihm zuwinkten oder einen Gruß zuriefen. Campingplätze waren freundliche Orte. Da er nicht so sehr auf Small Talk stand, hatte er sich schnell angewöhnt, forschen Schrittes zu gehen und einfach nur zu nicken. Ansonsten bestand die Gefahr, in eine langwierige und zähe Unterhaltung über den Zustand gewisser Nebenstraßen oder die besten Köder für Welse verstrickt zu werden.

»Hörst du mich, du Penner? Raus hier oder ich hole meine Flinte.«

Die wütenden Worte kamen von links. Instinktiv spannten sich Jaspers Muskeln an, und er wirbelte herum, in die Richtung, aus der die Worte gekommen waren. Er zog sich zurück, wobei er den Wohnwagen, an dem er gerade vorbeigegangen war, als Deckung nutzte. Auf die Weise konnte er sich von hinten anschleichen und gucken, was dort los war.

»Du hast mich gehört!«, rief der Mann. »Raus hier.«

Jasper schlich näher und hielt sich dicht am Wohnwagen. Dann bog er um die Ecke und machte einen Schritt vor, bereit, sich zwischen den Idioten und denjenigen zu stellen, den er bedrohte. Doch der kleine, rundliche alte Mann hatte es nicht auf sein Kind oder seine Frau abgesehen, sondern die Hand über einem Hund erhoben. Einem alten Hund, dessen Rippen durch sein verfilztes Fell zu sehen waren. Ein Hund, der zusammenzuckte und sich zurückzog.

»Gibt es ein Problem?«, fragte Jasper in seiner besten »Sag mir lieber, was los ist, bevor ich dir in den Hintern trete«-Stimme, die er während seiner Zeit bei der Militärpolizei perfektioniert hatte.

Der alte Mann funkelte ihn an, als wollte er sich mit ihm anlegen, schien es sich dann aber anders zu überlegen. »Nein, nichts. Der Hund lungert hier nur schon seit Wochen herum. Irgendjemand hat ihn ausgesetzt. Wenn man keinen Hund haben will, erschießt man ihn einfach. Das sage ich zumindest immer.«

Die Güte von Fremden, dachte Jasper grimmig. Oder besser gesagt: die nicht vorhandene Güte. Er wusste, dass es mehr gute als schlechte Menschen gab, aber ab und zu sah er sich gezwungen, sein Vertrauen in die Menschheit infrage zu stellen.

Der Hund – eine Mischung aus Labrador und irgendeinem Hütehund – schaute ihn mit traurigen, wissenden Augen an, als würde er vom Leben wirklich nichts Besseres erwarten. Er blieb außer Reichweite und zitterte trotz der Wärme. Offensichtlich war er kurz vor dem Verhungern und vielleicht auch krank. Wer setzte seinen Hund einfach an einem Campingplatz aus?

»Er bettelt um Futter«, verteidigte der alte Mann sich. »Ich habe keine Zeit, mich mit ihm herumzuschlagen.«

Jasper dachte an den Kaffee, den er immer noch nicht gehabt hatte, und die elfhundert Meilen zwischen ihm und seinem Zuhause. Er dachte an das Buch, das er gerade versuchte zu schreiben, und daran, wie langsam es damit voranging. Er dachte an die Albträume, die ihn oft heimsuchten, und dass es immer noch genügend schlechte Tage gab, um ihn demütig zu machen. Das absolut Letzte, was er in seinem Leben gebrauchen konnte, war ein alter Hund.

»An seiner Stelle würden Sie auch um Futter betteln«, sagte Jasper. »Erschießen Sie ihn nicht.«

»Sie haben mir nicht zu sagen, was ich tun und lassen soll.«

Jasper seufzte, bevor er die Schultern straffte und auf den Mann herabschaute, der einen guten Kopf kleiner war als er.

»Ernsthaft?«, fragte er. »Diese Richtung wollen Sie mit mir einschlagen?«

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Ich meine ja nur …«

»Ich weiß, was Sie meinen. Erschießen Sie den Hund nicht.«

Jasper ging zur Rezeption. Dort stand tatsächlich eine große Kanne Kaffee. Er füllte seinen Thermosbecher. Während er den ersten Schluck der heißen, dunklen Flüssigkeit trank, fragte er nach dem Hund und bekam bestätigt, dass es sich um einen Streuner handelte. Ein paarmal war der Versuch unternommen worden, ihn einzufangen, aber immer ohne Erfolg.

Jasper kehrte zu seinem Wohnmobil zurück. Er würde maximal fünfzehn Minuten nach dem Hund suchen. Wenn er ihn fand, würde er ihn mit etwas Essbarem ins Wohnmobil locken. Dann würde er zum örtlichen Tierarzt fahren und nachschauen lassen, ob der Hund gechipt war. Falls nicht, würde er ihn bei einem Tierheim abgeben und sich danach auf den Heimweg machen. Das Ganze würde ihn höchstens zwei Stunden kosten.

Oder weniger, dachte er, als er sich dem Wohnmobil näherte und den Hund vor der Tür sitzen sah.

»Guten Morgen«, sagte Jasper und öffnete die Tür.

Der Hund sprang hinein und ging direkt zu dem kleinen Kühlschrank, vor dem er Sitz machte.

»Irgendjemand verarscht mich hier«, murmelte Jasper.

Er nahm den Aufschnitt heraus, mit dem er sich eigentlich ein Sandwich hatte machen wollen, und gab ihn dem Hund, der ihn hinunterschlang. Schnell machte Jasper ein paar Rühreier. Keine zehn Minuten später lag der Hund ausgestreckt auf dem Sofa und war kurz davor einzuschlafen.

Jasper suchte die Nummer des nächstgelegenen Tierarztes heraus und rief dort an, um die Situation zu erklären. Die Rezeptionistin erklärte ihm, dass sie gerade eine Terminabsage bekommen hätten und ihn sofort empfangen könnten.

»Natürlich können sie das«, murmelte er.

Die Praxis war leicht zu finden, es gab ausreichend Platz, um das Wohnmobil abzustellen, und der verdammte Hund folgte ihm auch noch problemlos in das Gebäude.

Jasper erklärte das Problem einer älteren, freundlichen Frau, die laut dem Namensschild an ihrer Brust »Sally« hieß. Als er zu dem Teil kam, in dem er den Hund in einem Tierheim abgeben wollte, schwand ihr Lächeln.

»Sie wollen ihn nicht behalten?«, fragte sie.

»Äh, nein. Ich bin nicht gerade ein Hundemensch.«

Sowohl sie als auch der Hund starrten ihn an. Jasper verlagerte unbehaglich das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Er wollte erklären, dass er nicht gemein, sondern sein Widerstreben nur realistisch war. Nach der Entlassung aus der Armee war es ihm nicht gut gegangen. Unzählige Therapiestunden und Medikamente später war er endlich über etwas gestolpert, was es ihm ermöglicht hatte, wieder einigermaßen am alltäglichen menschlichen Miteinander teilzunehmen. Inzwischen war er so weit geheilt, dass er als normal durchging. Aber er kannte die Wahrheit – er würde nie wieder ganz normal sein. Mehr als ein Therapeut hatte ihn gewarnt, dass er dafür zu kaputt war.

Natürlich hatten sie das nicht mit diesen Worten ausgedrückt, dafür waren sie zu professionell gewesen. Die Wahrheit war trotzdem offensichtlich.

»Ich würde gerne prüfen, ob er einen Chip hat, und ihn vielleicht einer generellen Untersuchung unterziehen lassen«, sagte Jasper.

»Okay. Kommen Sie mit.«

Er und der Hund folgten der Frau. Sie blieb vor einer Waage im Flur stehen und bedeutete dem Hund hinaufzugehen.

»Los, mein Junge. Rauf mit dir.«

Der Hund gehorchte. Er wog vierundzwanzig Kilo. Sally zuckte sichtlich zusammen.

»Er sollte eher an die dreißig Kilo wiegen«, sagte sie. »Der arme Kerl ist wirklich abgemagert.«

Jasper und der Hund betraten das Untersuchungszimmer.

»Ich werde eine der Helferinnen bitten, mit dem Scanner zu kommen. Wenn es einen Chip gibt, machen wir von da aus weiter. Wenn nicht, können wir darüber reden, ob Sie die Untersuchung bezahlen wollen oder ihn einfach so ins Tierheim bringen.«

Ihr Ton war zwar freundlich, aber Jasper hörte die Geringschätzung in ihrer Stimme trotzdem. Anstatt etwas zu erwidern, nickte er nur. Die Frau ging, und er blieb mit dem Hund allein zurück.

Er setzte sich, dann schauten sie einander an. Jasper wandte den Blick zuerst ab.

»Du kannst nicht allein bleiben«, sagte er und rutschte unbehaglich auf dem Stuhl herum. »Sieh dich nur an. Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert. In einem Tierheim hättest du zwei Quadratmeter und ein Bett, oder? Und du könntest eine neue Familie finden.«

Ohne es zu wollen, erinnerte er sich daran, irgendwo gelesen zu haben, wie schwer alte Hunde es hatten, vermittelt zu werden. Aber das war nicht sein Problem.

»Ich hatte nie ein Haustier«, fuhr er mit einem kurzen Blick auf den Hund fort, der ihn immer noch ruhig anschaute. »Ich weiß nicht, wie man sich um dich kümmern muss.«

Vermutlich gab es Bücher zu diesem Thema. Außerdem war der alte Kerl kein Welpe mehr. Er würde wissen, wie man mit Menschen umging. Wenn sie sich beide bemühten, könnte es klappen.

»Ich bin keine gute Wahl«, sagte er leise. »Ich war acht Jahre in der Army und habe gewisse Dinge gesehen. Manchmal habe ich Flashbacks und ich … Ich bin allein besser dran.«

Der Hund ließ den Kopf sinken, als hätte er erkannt, was Jasper sagen wollte. Als hätte er alle Hoffnung aufgegeben und akzeptiert, dass er wieder einmal im Stich gelassen wurde.

Jasper stand auf und funkelte den Hund wütend an, der ihn immer noch nicht wieder anschaute.

»Ich wollte das alles nicht. Es ist nicht meine Schuld. Ich bin hier nicht der Böse.«

Der Hund rührte sich nicht – er saß einfach nur zusammengekauert da, als wäre das Gewicht der Welt einfach zu viel für ihn.

Jasper dachte sehnsüchtig an sein ruhiges Haus, die Eintönigkeit seines Lebens, wenn er dort war. Er pflegte Freundschaften, aber zu seinen Bedingungen. Er hatte Beziehungen zu Frauen. Oder so was in der Art. Er war einfach nicht wie alle andere, und anders sein zu wollen, das änderte daran gar nichts.

Der Hund hob den Kopf und schaute ihn an. In diesem Moment, als sich ihre Blicke trafen, hätte Jasper schwören können, dass er tiefste Traurigkeit und Verzweiflung in den Augen des Hundes sah. Es war so real, so greifbar, dass er den Schmerz am eigenen Leib spürte.

Die Tür zum Behandlungsraum ging auf, und eine zierliche, hübsche Frau mit grauen Haaren und weißem Kittel kam herein.

»Ich bin Dr. Anthony«, sagte sie lächelnd. »Meine Helferinnen sind gerade alle beschäftigt, aber ich bin frei. Was für ein Zufall.« Sie hockte sich hin und tätschelte den Hund sanft. »Hey, mein Großer. Wie geht es dir?« Sie schaute hoch. »Wo haben Sie ihn gefunden?«

»Auf einem Campingplatz ein paar Meilen von hier entfernt. Man hat mir gesagt, dass er dort schon seit ein paar Wochen herumstreunt. Offenbar ist er den Menschen aus dem Weg gegangen, außer um nach Fressen zu betteln. Allerdings ist er sofort in mein Wohnmobil gesprungen.«

Dr. Anthony streichelte den Hund noch ein wenig, bevor sie mit den Händen über seine Beine und seinen Rücken fuhr, um nach Verletzungen zu suchen.

»Menschen können grausam sein«, sagte sie und stand auf. Aus ihrer Kitteltasche zog sie ein Gerät und schaltete es an. »Okay, mal sehen, ob du einen Chip hast.«

Jasper spürte, wie sich sein Körper anspannte. Dabei wusste er gar nicht, ob er wollte, dass der Hund einen Chip hatte oder nicht. Dr. Anthony strich mit dem Lesegerät ein paarmal an seinem Hals entlang, dann richtete sie sich auf und schüttelte den Kopf.

»Kein Piepen«, sagte sie. »Das hatte ich mir schon gedacht. Jemand, der sich die Mühe macht, seinen Hund chippen zu lassen, lässt ihn nicht einfach irgendwo zurück. Sally hat mir gesagt, Sie wollen ihn ins Tierheim bringen?«

Jasper zögerte.

Dr. Anthony warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. »Hören Sie, da ist es für ihn besser als auf der Straße. Wir haben ein gutes Tierheim in der Nähe. Dort wird man sich um ihn kümmern. Er ist nicht Ihre Verantwortung. Sie haben das Richtige getan und ihn hierhergebracht. Das kann genug sein.«

Was wie die Erlaubnis klang zu tun, was er für sinnvoll hielt. Super. Er würde den Hund dort hinbringen und sich dann auf den Heimweg machen.

Als er den Mund öffnete, um nach der Adresse zu fragen, hörte er sich selbst sagen: »Was ist, wenn ich ihn behalten möchte?«

»Sind Sie sicher?«

Jasper sah den Hund an, der seinen Blick erwiderte. Er dachte an sein Haus in den Bergen und daran, wie die Stille ihm manchmal zusetzte. Er dachte an die Einsamkeit, die er in den Augen des Hundes gesehen hatte.

»Nein, aber ich glaube, ihm ein gutes Zuhause zu geben, ist das Mindeste, was ich tun kann.«

Dr. Anthony lächelte. »Okay. Sind Sie aus der Gegend?«

»Nein. Aus Kalifornien. Ich fahre heute nach Hause.«

»Dann würde ich vorschlagen, dass wir ihn kurz untersuchen, um sicherzugehen, dass er einigermaßen gesund ist. Ich kann Ihnen ein Halsband und eine Leine geben, außerdem etwas Futter, das für ihn leicht zu verdauen ist. Wenn Sie zu Hause sind, suchen Sie sich einen Tierarzt und lassen ihn gründlicher untersuchen. Dann können Sie auch besprechen, welche Impfungen er noch bekommen sollte. Er braucht ein paar Kauspielzeuge, vielleicht einen Ball, ein Hundebett. Er ist ein alter Herr, also wird er es ruhig angehen wollen. Sind Sie immer noch interessiert?«

»Ja.«

»Gut. Warum heben Sie ihn dann nicht auf den Untersuchungstisch, damit wir anfangen können?«

»Es könnte gut gehen«, murmelte Renee Grothen leise vor sich hin, als sie den Blick über den Hochzeitsempfang schweifen ließ. Noch wagte sie nicht zu behaupten, dass alles plangemäß gelaufen war. Dazu war es noch zu früh. Erst musste auch der letzte Gast gegangen sein. Aber viereinhalb Stunden nach Beginn der Feier sah es relativ gut aus.

Jim und Monica Martinez waren ein süßes Paar, das sich für seinen großen Tag das Motto »Feuerwehr« ausgesucht hatte. Auf beiden Seiten der Familie gab es eine lange Tradition an Feuerwehrmännern, und das Thema war auf süße Art in die Hochzeit und die anschließende Feier eingewoben worden.

Monicas Kleid war hinten zum Schnüren, und anstelle eines weißen Bandes hatte sie sich für ein knallrotes entschieden. Die Gestecke auf den Tischen steckten in Keramikvasen, die aussahen wie Feuerwehrstiefel, und bestanden aus roten, orangefarbenen und gelben Blumen. Es gab sogar einen Wasserbogen zum Durchlaufen, der aus Feuerwehrschläuchen gemacht worden war, dazu eine Pumpe und mehrere Werkzeuge als Dekoration.

Renee schlenderte langsam am äußeren Rand des Saals entlang und hielt Ausschau nach irgendwelchen Problemen. So weit, so gut, dachte sie mit vorsichtigem Optimismus. Die Torte war angeschnitten worden, der Bar-Service würde bald enden, und die Stimmung der Gäste hatte von überschwänglich und wild zu behaglich und müde gewechselt – also genau so, wie es sein sollte. Mit ein wenig Glück würde alles zur vorgesehenen Zeit und ohne Krise enden. Das hier war Monicas und Jims Tag, und Renee wollte, dass er so perfekt war wie nur möglich. Während sie sich bei allen Kunden größte Mühe gab, weckten einige besondere Paare ihren Mutterinstinkt, und Monica und Jim gehörten definitiv dazu.

Sie sah Pallas Mitchell, ihre Chefin, auf sich zukommen. Es war beinahe zehn Uhr abends an einem Samstag und Pallas, eine hübsche Brünette, der man ansah, dass sie gerade erst aus dem Mutterschutz zurück war, gähnte. Als sie Renee sah, hob sie entschuldigend beide Hände.

»Was soll ich sagen? Ich war mit einem Säugling zu Hause. Es wird eine Weile dauern, mich wieder an die wilden, langen Abende zu gewöhnen.«

»Niemand verurteilt dich«, versicherte Renee ihr. »Wie ich schon um sieben, um acht und um neun Uhr gesagt habe: Geh nach Hause. Ich mach das hier schon. Du bist gerade erst zurück und musst dir Zeit lassen, dich wieder an die Abläufe zu gewöhnen.«

»Du leitest den Laden seit beinahe sechs Monaten allein. Du brauchst auch mal eine Pause.«

Ja, wenn Renee ehrlich war, fühlte sie sich wirklich ein wenig urlaubsreif. Aber es hatte ihr Spaß gemacht, Weddings Out of the Box in Pallas’ Abwesenheit zu leiten. Sie genoss die Herausforderungen, die jede Hochzeit bot, und es bereitete ihr enorme Befriedigung zu sehen, wie am großen Tag alle Puzzleteile an ihren Platz fielen.

»Ich hatte Hilfe«, erklärte Renee. »Es war eine gute Idee, in den Sommerferien Collegestudenten zu engagieren.« Was ihnen an Erfahrung gemangelt hatte, hatten sie mit Energie und Enthusiasmus wettgemacht.

»Jetzt, wo ich wieder da bin, können wir zum normalen Ablauf zurückkehren«, sagte Pallas und versteckte ein weiteres Gähnen hinter ihrer Hand.

»Geh nach Hause«, drängte Renee. »Bitte. Ich komme hier allein klar. Versprochen.«

»Okay. Dann mache ich das. Danke. Und wage es ja nicht, morgen zu kommen«, ermahnte Pallas sie mit fester Stimme. »Zum ersten Mal seit Langem haben wir am Sonntag keine Hochzeit. Also genieß die kleine Pause.«

»Einverstanden.« Renee würde vermutlich kurz hereinschauen, um ein wenig Papierkram zu erledigen, aber wirklich nur kurz. »Kommst du am Montagabend in The Boardroom

In einer Stadt, die sich dem Ausrichten von Hochzeiten verschrieben hatte, gab es keine freien Wochenenden. In Happily Inc begann die Arbeitswoche am Mittwoch mit den Vorbereitungen für die diversen Feiern, die am Wochenende ausgerichtet wurden. Was bedeutete, dass die Bewohner von Happily Inc nicht am Freitagabend ausgingen, sondern am Montagabend.

The Boardroom, ein örtlicher Pub, hielt am Montag immer Spieleabende ab. Bei diesen Turnieren ging es hitzig und lustig zu, und Freunde traten in allem von Candy Land bis zu Risiko gegeneinander an.

Pallas schüttelte den Kopf. »Ich gebe zu, ich mache mir noch zu viele Sorgen. Als wir vor ein paar Wochen da waren, konnte ich nicht aufhören, an Ryan zu denken. Er ist erst fünf Monate alt und noch viel zu jung, um ihn abends allein zu lassen.«

Renee unterdrückte ein Lächeln. »Das verstehe ich.«

»Ich weiß, dass du das nicht tust, aber danke, dass du mir zuliebe behauptest, du würdest es verstehen. Hab für mich Spaß mit. Oh, Jasper ist übrigens zurück, also grüß ihn schön von mir, wenn du daran denkst.«

Jasper war wieder da? Das hatte Renee noch gar nicht gehört. Sie fand es gut, dass er von seiner großen Lesereise zurückgekehrt war. Aber aus keinem bestimmten Grund, fügte sie in Gedanken hastig an. Sicher, er war nett, aber es gab viele nette Männer auf der Welt. Und doch … Jasper hatte etwas an sich … Vielleicht lag es daran, dass er nicht nur gut aussah und ein wenig gefährlich wirkte, sondern auch daran, dass er kein Mann für eine feste Beziehung war.

»Das habe ich gesehen.« Pallas grinste. »Das habe ich so was von gesehen. Du hast auf diese raubtierhafte Art gelächelt, die ich nie draufhatte. Du willst ihn für Sex benutzen! Habe ich das gewusst?« Sie stapfte mit dem Fuß auf. »Ist das etwa passiert, während ich im Mutterschutz war? Was habe ich noch alles verpasst, während ich ein Baby bekommen habe?«

Renee lachte. »Du interpretierst viel zu viel in mein Lächeln hinein. Ich freue mich, dass er von seiner Lesereise zurück ist. Das ist alles.«

»Ich glaube dir nicht.«

»Jasper und ich haben nichts miteinander. Ich bezweifle, dass wir bisher mehr als drei Sätze am Stück geredet haben.«

Nicht, dass es sonderlich vieler Sätze bedurfte, um zu fragen: »Zu dir oder zu mir?« Und auch wenn es schmeichelhaft war, dass Pallas ihr Lächeln als raubtierhaft bezeichnet hatte, war das doch zu viel des Lobes. Würde sie ihn verfolgen und zuschlagen? Nicht mal an ihrem besten Tag. Würde sie Ja sagen, wenn der Mann sie fragte? Sie lächelte erneut. O ja, das würde sie. Definitiv. Okay, wahrscheinlich. Falls sie sich in dem Moment mutig fühlte. Denn während sie sich den Hintern aufriss, um für ihre Paare den perfekten Tag zu erschaffen, wusste sie, dass das für sie nicht in den Sternen stand. Diejenigen, die es konnten, taten es. Die anderen wurden Hochzeitsplanerinnen.

Beziehungen zu vermeiden, mochte die kluge Entscheidung sein, aber es war auch eine Entscheidung, die einsam machte. Sie wusste, dass Jasper auf langfristige, monogame, aber nicht zu ernsthafte Beziehungen stand, und sie war ziemlich sicher, dass sie damit klarkommen würde. Vorausgesetzt, sie wäre sein Typ und er an ihr interessiert. Sie könnten gemeinsam ein wenig lachen, viel Sex haben und sich am Ende ohne Herzschmerz trennen. Was sollte daran schlecht sein?

»Da läuft was, und davon lasse ich mich nicht abbringen«, sagte Pallas. »Du bist ein stilles Wasser. Ich bin beeindruckt. Okay, benutz Jasper und erzähl mir dann alle Einzelheiten, denn ich weiß, er wird super sein.« Sie gähnte erneut. »Ich bin so ein Fliegengewicht. Ich gehe jetzt.«

»Gute Nacht. Gib Ryan ein Küsschen von mir.«

»Das mache ich doch immer.«

Pallas verließ den Saal, und Renee setzte ihren Rundgang fort, wobei sie nach vergessenen Handtaschen und Handys Ausschau hielt und überschlug, wie lange es dauern würde, bis die Putzkolonne den Saal wiederhergerichtet hatte. Sie erledigte ihren Job und dachte überhaupt nicht daran, dass Jasper zurück war. Ja, das fühlte sich schon viel mehr nach ihr selbst an.

Lauter Jubel weckte ihre Aufmerksamkeit. Sie drehte sich um und sah drei Teenagerjungen durch die Fontäne am anderen Ende des großen, zu einer Seite offenen Saals laufen. Alle drei sprangen in der Mitte hoch, um zu versuchen, den Wasserbogen über ihnen mit der Hand zu berühren.

Der jüngere Bruder, dachte sie, als sie auf die Jungs zuging. Und seine Freunde. Zweifellos waren die nach so vielen Stunden ohne altersgemäße Unterhaltung gelangweilt. Trotzdem würde sie nicht zulassen, dass sie die Feier so kurz vor Schluss störten.

Als sie sich den laufenden, springenden Teenagern näherte, sah sie, dass die beiden Elternpaare sowie Braut und Bräutigam immer noch tanzten. Sie wiegten sich im Rhythmus der Musik und hatten alles um sich herum ausgeblendet, einschließlich der Fontäne und der Idioten, die darunter herumspielten. Dann passierten mehrere Dinge auf einmal.

Der jüngere Bruder nahm einen extralangen Anlauf. Jim ließ Monica los und wirbelte sie am ausgestreckten Arm herum. Monica stieß gegen ihre Mom, die ein wenig ins Stolpern geriet. Der Vater packte die Mutter, wobei sie alle näher an die Fontäne heranrückten, sodass der Bruder ihnen mitten im Lauf ausweichen musste. Dabei verlor er das Gleichgewicht, fiel hin und rutschte direkt auf den Mechanismus der Fontäne zu. Einer der Schläuche löste sich und begann, wild Wasser durch die Gegend zu sprühen.

Renee sah das alles und wusste, dass sie nicht zulassen konnte, dass die hübsche Braut durchnässt wurde. Sie sprang auf den Schlauch zu, bekam ihn zu fassen und drückte ihn eng gegen ihre Brust, während der Vater der Braut losstürmte, um das Wasser abzustellen. Das dauerte nur wenige Sekunden, doch in der Zeit war Renee komplett durchnässt worden, außerdem zitterte sie und hatte Wasser in der Nase. Sie fragte sich, ob sie auch nur halb so lächerlich aussah, wie sie sich fühlte.

Die frischgebackene Mrs. Martinez kam zu ihr geeilt. »Renee, geht es dir gut?« Sie wandte sich an ihren Bruder. »Wie konntest du nur? Das hier ist eine Hochzeit, kein Aquapark.«

Da Renee wusste, wie schnell die Erschöpfung am Ende von Hochzeitsfeierlichkeiten dazu führen konnte, dass die Gefühle außer Kontrolle gerieten, setzte sie schnell ein falsches Lächeln auf.

»Monica, alles ist gut. Mach dir keine Sorgen. Ich wollte nur dich und die anderen Hochzeitsgäste davor bewahren, durchnässt zu werden.« Sie schaute auf das Wasser auf dem Boden und merkte, dass ein Teil der Fontäne immer noch Wasser pumpte. Das konnte nicht gut sein. Wenn es ihr nicht gelang, alles abzustellen, musste sie eine dieser Firmen anrufen, die sich um Überschwemmungen und so etwas kümmerten. »Wirklich. Es ist kein Problem.«

»Du bist tropfnass und der Wasserpegel steigt. Mein Dad ist losgezogen, um den Haupthahn zu suchen.«

Renee wrang ihre Haare aus und hoffte, dass ihr Make-up nicht allzu verschmiert war. Dann sah sie, dass der Wasserpegel im Saal tatsächlich anstieg, und hoffte, dass Monicas Vater den Haupthahn schnell fand.

Sie wollte ihn gerade suchen gehen, als er zurückkam.

»Alles abgestellt.« Er musterte die Überschwemmung. »Das tut mir leid.«

»Ist schon gut«, log Renee, denn das gehörte zu ihrem Job. So zu tun, als wäre alles gut, selbst wenn sie herausfinden musste, wie zum Teufel man eine Arche Noah baute.

Der Rest der Gäste verabschiedete sich. Es gibt doch nichts Wirksameres als eine kleine Flut, um die Leute in Wallung zu bringen, sagte sie sich mit einem Anflug von Galgenhumor.

»Es tut mir so leid«, sagte Monica, die ihr Kleid gerafft hatte, um es vor dem Wasser zu schützen, und nun aus ihren Schuhen schlüpfte.

»Das muss es nicht. Ihr hattet eine wundervolle Hochzeit. Warum sammelt du und Jim nicht eure Sachen ein? In meinem Büro habe ich Ersatzkleidung. Ich ziehe mich schnell um, dann helfe ich euch sicherzustellen, dass ihr nichts vergessen habt.«

Während sie sprach, fiel ihr auf, dass der Wasserstand sich bei ungefähr zwölf bis fünfzehn Zentimetern eingependelt hatte. Jupp, sie würde jemanden anrufen müssen. Und zweifellos würde sie die ganze Nacht hier verbringen. Was für eine Freude.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte Jim. »Wir dachten, wir hätten alle Eventualitäten berücksichtigt.« Er funkelte seinen neuen Schwager an. »Abgesehen von Dummheit.« Dann wandte er sich wieder Renee zu. »Schick uns die Rechnung für die Schadensbeseitigung. Das übernehmen wir natürlich.«

»Danke. Ich glaube, die Kaution sollte dafür reichen, aber ich sage Bescheid, falls es ein Problem gibt. Wenn ihr mich jetzt kurz entschuldigt, damit ich mich umziehen kann? Ich bin in zehn Minuten zurück.«

Monica nickte.

Renee schlüpfte aus ihren Schuhen und watete durch das knöcheltiefe Wasser. Als sie ihr Büro im ersten Stock erreicht hatte, schloss sie die Tür hinter sich ab, bevor sie sich auszog und in T-Shirt und Jeans schlüpfte. Das war nicht sonderlich professionell, aber darüber würde sie sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Bevor sie zu dem Brautpaar zurückkehrte, suchte sie noch schnell die Nummer von der Firma für die Behebung von Wasserschäden heraus. Sie stand zwar in ihrem Adressbuch, aber sie hatte sie noch nie zuvor wählen müssen.

Beim ersten Klingeln ging jemand ran.

»Happily Inc Clean Up. Hier ist Hilde. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Hi. Ich bin Renee von Weddings Out of the Box. Wir hatten heute eine Feuerwehrhochzeit mit einem großen Wasserbogen. Es gab einen Unfall mit einem der Schläuche, und jetzt ist unser Saal überflutet.«

Es entstand eine kleine Pause. »Äh, haben Sie Feuerwehrhochzeit gesagt? Egal. Um wie viel Wasser handelt es sich?«

»Es steht ungefähr zwölf Zentimeter hoch.«

»Das ist viel.«

»Es war ein großer Wasserbogen.«

»Wir sind in dreißig Minuten da.«

»Danke.«

Renee legte auf, nahm sich eine Sekunde, um durchzuatmen, und ging dann wieder hinunter, um sich um die Braut, den Bräutigam, die Überschwemmung und die restlichen Dinge zu kümmern, die an diesem Abend noch passieren konnten. Denn bei einer Hochzeit musste man mit allem rechnen.

2. Kapitel

Nach sechs Tagen als Hundebesitzer hatte Jasper keine Ahnung, wie er sich so schlug. Er und Koda – der Name war plötzlich in seinem Gehirn aufgetaucht und schien zum Hund zu passen – kamen dem Anschein nach gut miteinander aus. Koda hatte den Großteil der Heimfahrt geschlafen und war nur für die Mahlzeiten und gemeinsame Spaziergänge aufgewacht, auf denen sie sich beide die Beine vertreten hatten. Auf dem Weg hatte Jasper Hundebetten, ein paar Spielzeuge und mehr Futter gekauft. Koda hatte einen gesunden Appetit und sah mit jedem Tag besser aus.

Sobald sie Jaspers Haus in den Bergen außerhalb von Happily Inc erreicht hatten, hatte Koda das Haus inspiziert und sich dann schnell eingelebt. Wenn Jasper ihn rausließ, damit er sein Geschäft erledigte, entfernte der Hund sich nie weit vom Haus, und er schien lieber drinnen als draußen zu sein. Jeden Tag gingen sie mehrmals langsam spazieren – Koda schnüffelte, während Jasper nachdachte. Wenn Jasper arbeitete, schlief Koda ruhig neben ihm. Wenn sie das Büro gemeinsam verließen, nahm Koda jedes Mal sein Lieblingsspielzeug, einen Stoffhasen, mit.

Aus Jaspers Sicht war Koda ein ziemlich entspannter Geselle. Nachts schlief er auf seinem Hundebett im Schlafzimmer. Einmal war Jasper aus einem der nur zu vertrauten Albträume erwacht und hatte den Hund neben sich im Bett vorgefunden, eng an ihn gepresst, als wolle er ihn trösten. Während Jasper langsam die Benommenheit abgeschüttelt und seinen Atem beruhigt hatte, war Koda vom Bett gesprungen und hatte sich wieder auf seinem Kissen zusammengerollt, wo er schnell eingeschlafen war.

Jasper hatte eine elektronische Hundeklappe installiert, damit Koda nach Belieben kommen und gehen konnte, ohne dass die einheimischen Wildtiere einfach ins Haus spazierten. Koda hatte keine zehn Minuten gebraucht, um den Mechanismus der Hundeklappe zu verstehen. Ende der Woche hatten sie einen Termin beim Tierarzt, und Jasper hatte sich ein Buch über Hundehaltung heruntergeladen, um sicherzugehen, dass er auch an alles gedacht hatte.

Er wusste immer noch nicht, warum er den alten Jungen mitgenommen hatte – aber das war auch egal. Koda war jetzt hier, und Jasper würde sich um ihn kümmern. Und er musste zugeben, dass diese ruhige Gesellschaft ihm guttat.

»Ich fahre in die Stadt«, erklärte er Koda, als er ihm die Schüssel mit der Mischung aus Trocken- und Nassfutter hinstellte. »Es ist Montagabend, da bin ich gerne im Boardroom. Das ist eine Bar, in der sich die Einheimischen treffen. Montags gibt es da Brettspielturniere, und die meisten meiner Freunde gehen hin.«

Er hatte keine Ahnung, warum er das dem Hund alles erklärte – schließlich verstand Koda ihn ja nicht. Aber er konnte nicht anders, als weiterzureden.

»Ich komme nicht allzu spät zurück«, sagte er. »Du hast Wasser und dein Bett. Ich lasse den Klassiksender im Radio an, den du so magst. Und wenn du mal rausmusst, hast du ja die Hundetür.« Er hielt inne, unsicher, was er noch sagen sollte.

Koda fraß auf, dann sah er Jasper an, als verarbeite er die ganzen Informationen. Nach ein paar Sekunden trottete der Hund zu seinem Körbchen im Wohnzimmer und legte sich hin.

»Okay.« Jasper stellte die Futterschüssel in die Spüle. »Wir sehen uns später.«

Er stieg in seinen Truck und fuhr den Berg hinunter. Der Weg war ihm vertraut, und verglichen mit dem Wohnmobil, das er die letzten drei Monate gefahren war, war der Allradtruck beinahe sportlich.

Bei dem Gedanken musste er lächeln. Die lange Lesereise war gut für ihn gewesen. Und das Wohnmobil hatte ihm ein Heim gegeben. Auch wenn sein Verleger angeboten hatte, einen Bus mit allem Schnickschnack inklusive Waschmaschine und Trockner zu mieten, hatte Jasper sich entschieden, lieber ein älteres, gebrauchtes Wohnmobil zu kaufen. Er hatte gedacht, dass er es vielleicht später noch mal für eine Lesereise oder einen privaten Trip nutzen könnte. Auf der Straße unterwegs zu sein, gefiel ihm.

Auf dem Weg in die Stadt fragte er sich, ob Koda wohl Spaß an einer weiteren Reise hätte oder ob ihn das, was in San Antonio passiert war, zu sehr traumatisiert hatte. Vielleicht könnte er probehalber einen Kurztrip mit einer Übernachtung machen und gucken, wie es lief. Wobei das erst einmal warten musste. Er hatte endlich einen Einstieg in seine neueste Geschichte gefunden, und der Abgabetermin zeichnete sich schon drohend am Horizont ab. In den nächsten Monaten würde er sich darauf konzentrieren, die Geschichte auszubauen und sie dann zu Papier zu bringen. Nun ja, nicht wirklich auf Papier. Er schrieb am Computer. Aber das Konzept war das Gleiche.

Er erreichte das Zentrum von Happily Inc und bog auf den Parkplatz vom The Boardroom ein. Dort standen schon viele bekannte Autos, was ihn zum Lächeln brachte. Seine Freunde waren da, genau wie andere Einheimische. Er würde ein wenig an der Brettspielfront brillieren, ein Bier und einen Burger bestellen, mit seinen Kumpels reden und dann wieder nach Hause fahren. Ein perfekter Abend.

Hätte ihm vor vier Jahren jemand gesagt, dass er sich in dieser seltsamen, hochzeitsverrückten Stadt niederlassen würde, hätte er denjenigen für verrückter gehalten als sich selbst. Aber hier war er, und es ging ihm besser, als alle erwartet hatten. Fortschritte, dachte er auf dem Weg in die Bar. Das war besser als Rückschritte.

»Jasper! Du bist wieder da!«

»Hey, Fremder, wie war die Lesereise?«

»Wann bist du zurückgekommen?«

Die Rufe kamen aus allen Ecken. Jasper nickte in Richtung seiner Kumpels, winkte ein paar Leuten zu, die er flüchtig kannte, und ließ seinen Blick auf der Suche nach einem freien Platz durch den Raum gleiten. Es gab diverse kleine Tische, die jeweils für vier Spieler eingerichtet waren.

Mathias Mitchell, ein Künstler, der mit Glas arbeitete, kam mit einem Bier in der einen und einem Glas Wein in der anderen Hand an ihm vorbei.

»Hey, Mann, du hast es geschafft. Schön, dich zu sehen.« Mathias nickte zu einem Tisch. »Komm, setz dich zu uns. Carols Freundin Renee ist heute bei uns, also wärst du der Vierte im Bunde.«

»Okay.«

Jasper begrüßte noch ein paar weitere Freunde und gab eine kurze Zusammenfassung seiner dreimonatigen Reise. Als der Gong ertönte, der ankündigte, dass das erste Spiel in zehn Minuten startete, ging er zur Bar und bestellte sich ein Bier. Den Burger würde er sich später holen.

Nachdem er sein Glas entgegengenommen hatte, schaute er sich im Raum um und erblickte eine zierliche Rothaarige, die mit Carol sprach, der Frau von Mathias. Renee Irgendwas, dachte er. Die Frau, die Mathias erwähnt hatte. Sie war vielleicht eins fünfundfünfzig groß, doch trotz ihrer zierlichen Statur, hatte sie etwas Kraftvolles an sich. Als würde sie tun, was immer nötig wäre, um zu kriegen, was sie wollte.

Er unterdrückte ein Grinsen. Ja, klar. Weil er im Einschätzen von Frauen ja auch so gut war. In Wahrheit wusste er gar nichts über sie. Was völlig in Ordnung war. Auch wenn es beinahe ein Jahr her war, dass er und Wynn ihre Nicht-ganz-Beziehung beendet hatten, suchte er im Moment nicht nach was Neuem. Trotzdem, Frauen mit langen Haaren hatten was. Vor allem mit langen roten Haaren.

Als würde sie seine Musterung spüren, drehte Renee sich zu ihm um. Kurz trafen sich ihre Blicke. Jasper wollte gerade lässig winken, als Renee ihn damit überraschte, dass sie leicht errötete und sich abwandte. Als wäre sie dabei erwischt worden, etwas zu tun, was sie nicht tun sollte.

Er schaute sich um und versuchte herauszufinden, was der Grund für dieses Unbehagen war. Ihm fiel nichts Offensichtliches ins Auge, also nahm er an, dass er die Situation falsch interpretiert hatte. Was kaum überraschend war – er war nicht nur ein Mann, sondern ein Mann, der nicht das Geringste über Frauen wusste. Eine Tatsache, die durch seine Unfähigkeit, für den Helden seines letzten Romans eine heiße Liebesgeschichte zu entwickeln, nur bestätigt wurde. Er wusste, dass der Mann eine Frau in seinem Leben brauchte – das wäre ein großartiger Twist, um die Serie abzuschließen –, aber er hatte noch keine Ahnung, wer sie war und wie sie in die Geschichte passte. Oder wie er sie schreiben sollte. Bisher war der einzige Satz, den er geschrieben und nicht gleich wieder gelöscht hatte, folgender: Sie war groß, mit kurzen blonden Haaren. O ja, die Leser würden sich um das Buch reißen!

Er lachte immer noch in sich hinein, als er sich dem Tisch näherte. Carol stand auf und umarmte ihn zur Begrüßung.

»Du bist wieder da! Willkommen zu Hause. Hast du uns vermisst?«

»Und wie.«

»Erzähl, wie war die Reise?«

»Gut. Lang. Viele Städte.«

»Und bewundernde Fans?«, zog Carol ihn auf.

»Ja, ein paar.« Er wandte sich an Renee. »Macht es dir was aus, wenn ich mich zu euch geselle?«

Sie lächelte und deutete auf den leeren Stuhl. »Nur zu. Dein Ruf eilt dir voraus, also bin ich gerne in deinem Team.«

Was auch immer das vorhin für ein seltsames Gefühl gewesen war – es war offensichtlich verschwunden.

Er hob eine Schulter. »Ich habe seit ein paar Monaten keine Brettspiele mehr gespielt. Ich bin vermutlich ein wenig eingerostet.«

»Das bezweifle ich«, sagte Carol und setzte sich. »Und wo wir gerade von ›eingerostet‹ sprechen: Ich möchte euch alle warnen, dass das heute mein erster Abend ohne Devon ist. Ich habe sie zwar schon mal tagsüber allein gelassen, aber noch nicht abends.«

Jasper wollte fragen, worin der Unterschied bestand, wusste aber, dass das sinnlos war. Ihre Gründe mochten darauf beruhen, dass ihr Baby erst fünf Monate alt war, oder es könnte sich um so ein Frauending handeln, oder es könnte etwas sein, was alle anderen intuitiv verstanden.

Mathias ergriff ihre Hand über den Tisch und drückte sie. »Du weißt, dass es ihr gut geht, oder? Und sie ist ja nicht mit einer fremden Person zusammen.«

Renee lächelte und beugte sich zu Jasper. »Pallas und Carol teilen sich eine Nanny. Was Sinn ergibt, weil ihre Babys nur zehn Tage nacheinander geboren wurden. Die Frau ist großartig und macht einen tollen Job, aber die beiden fühlen sich immer noch komisch, wenn sie von ihren Babys getrennt sind.« Ihre Stimme wurde weicher. »Du weißt ja, wie frischgebackene Mütter so sind.«

Er nickte, anstatt zu sagen, was er dachte. Nämlich: Nee, keine Ahnung. Über junge Mütter wusste er noch weniger als über Frauen an sich. Seine Zeit in der Army hatte ihm so einiges beigebracht, was in Kriegszeiten nützlich sein konnte, aber für das Leben mit normalen Menschen war er eher schlecht gewappnet. Und die Kleinstadt, in der er aufgewachsen war … Nun ja, das war acht Leben her.

Er musterte Renee, ihre Sommersprossen und die süße kleine Stupsnase. Sie hatte grüne Augen – allerdings waren ihre etwas grauer als seine. Er mochte ihr Lächeln. Wenn er sie in einem Buch beschreiben müsste, würde er vermutlich ihren langen Pony erwähnen und …

Und was noch? Ihre Größe? Ihre Augen? Die Form ihres Munds? Interessierte sich irgendjemand für so einen Kram? Verdammt – er war ein New York Times-Bestsellerautor und konnte keine Frau beschreiben? Seine Karriere war offensichtlich vorbei.

Er schüttelte den Gedanken ab. Über seine Unfähigkeit zu schreiben konnte er später nachdenken. Heute Abend ging es darum, Spaß zu haben.

»Was wird heute gespielt?«, fragte er, als die Kellner anfingen, die Spiele auszuteilen. »Ah, Monopoly. Ausgezeichnet.«

Carol nahm den Zettel, der auf den Tisch gelegt worden war. »Die traditionellen Regeln«, las sie vor. »Wer nach der ersten Stunde am meisten Geld hat, kommt in die nächste Runde. Danach geht es im Dreißig-Minuten-Takt weiter.« Sie schaute ihre Teammitglieder an. »Das klingt leicht.«

Renee nickte und wandte sich an Jasper. »Während du weg warst, hatten wir ein Monopoly-Junior-Turnier, bei dem ungerade Zahlen beim Würfeln nicht gezählt haben. Das wurde sehr schnell sehr hitzig.«

»Das kann ich mir vorstellen.«

Ihre Unterhaltung war total normal. Er musste sich das vorhin eingebildet haben. Aber lehnte sie sich ein wenig in seine Richtung, oder kam ihm das nur so vor?

Sie packten das Spiel aus und wählten ihre Figuren. Mathias zählte das Geld und reichte jedem den Anfangsbetrag, dann würfelten sie, um zu sehen, wer anfangen durfte. Wie üblich würfelte Jasper die höchste Zahl und begann. Erst gab es einen Sechserpasch, dann eine Fünf. Er kaufte die Elektrizitätswerke und sammelte dank der gezogenen Karte zweihundert Dollar aus der Gemeinschaftskasse ein. Carol saß zu seiner Linken, also reichte er die Würfel an sie weiter.

Sie starrte ihn an. »Ich hatte ganz vergessen, wie es ist, gegen dich zu spielen. Ich glaube, es gefällt mir nicht.«

Er ließ ein Grinsen aufblitzen. »Was soll ich sagen? Ich bin nun mal ein Glückspilz.«

Sie schnaubte und würfelte fünf und zwei. »Wie ist das Aufräumen gestern gelaufen?«, fragte sie Renee.

»Alles ist wieder wie vorher. Das Wasser ist weg, der Saal trocken, und es ist kein wirklicher Schaden entstanden.« Sie warf Jasper einen Blick zu. »Wir hatten ein kleines Malheur bei der Feuerwehrhochzeit am Samstag. Jemand ist gegen die Schläuche der Fontäne gekommen, was zu einer Überschwemmung geführt hat.«

»Was ist eine Feuerwehrhochzeit?«

Sie nahm die Würfel von Mathias und würfelte. »Weddings Out of the Box bietet Mottohochzeiten an. In diesem Fall war das Motto Feuerwehrmänner. Also alles in Rot, Orange und Gelb. Die Blumenmädchen haben die Blüten in Feuerwehrhelmen getragen und so weiter.«

»So was machen die Leute?«

Renee grinste. »Jasper, du bist doch schon an Weddings Out of the Box vorbeigefahren. Eine Seite des Gebäudes sieht aus wie eine toskanische Villa, eine andere wie ein Schloss. Was hast du geglaubt, was da passiert?«

»Ich dachte, Pallas wäre ein wenig verschroben.«

»Themenhochzeiten sind ein großes Geschäft«, erklärte sie ihm. »Es gibt das Übliche wie Prinzessinnen, Piraten oder Hochzeiten, die von Büchern oder Filmen inspiriert werden. Im Herbst hatten wir eine Halloween-Hochzeit, eine Fußballhochzeit und eine Apfelhochzeit.«

»Was ist eine Apfelhochzeit?«, fragte er.

»Die beiden haben Äpfel geliebt.« Sie lachte. »Das ist schwer zu erklären.«

Eine Apfelhochzeit? Gab es so was wirklich? Er hatte das Gefühl, dass da draußen eine ganze Welt existierte, von der er nichts wusste. Erst Frauen und jetzt Hochzeiten. Er musste wirklich an seiner Allgemeinbildung arbeiten.

Mathias würfelte und setzte seine Spielfigur. »Ich werde mal kurz unsere Nanny anrufen«, sagte er und zuckte verlegen mit den Schultern. »Wie schon gesagt, es ist das erste Mal, dass wir Devon abends allein lassen, also …«

»Ja, du solltest definitiv anrufen«, erklärte Renee. »Danach fühlst du dich besser.«

Carol sah ihm nach, als er ging. »Das ist schon lustig. All die Sachen, über die ich mir vor Devons Geburt den Kopf zerbrochen habe, sind gar kein Problem gewesen. Aber dafür gibt es so viele andere Dinge, um die ich mir Sorgen machen muss. Wie zum Beispiel, sie allein zu lassen.«

Renee tätschelte ihren Arm. »Das wird mit der Zeit leichter werden. Du bist eine großartige Mom, und sie hat Glück, dich zu haben.«

»Danke.«

Jasper schaute Renee an. »Hast du auch Kinder?«

»Ich? Nein. Ich bin nicht verheiratet.« Sie errötete ein wenig. »Nicht, dass man verheiratet sein muss, um Kinder zu haben. Das meinte ich nicht. Ich wollte auch niemanden verurteilen. Ich meinte nur …« Sie räusperte sich, senkte den Blick und sah ihn dann wieder an. »Äh, nein. Und du?«

Er schüttelte den Kopf.

Okay, irgendetwas war mit ihr los, dessen war er sich sicher. Oder ziemlich sicher. Also: wenigstens einigermaßen sicher. Er musste wirklich öfter ausgehen. Das Bedürfnis hatte er bisher noch nie verspürt, aber immer, wenn er mal unter Leuten war, wurde ihm bewusst, wie einsam er lebte. Und wie wenig Sex es in seinem Leben gab.

Er schaute Renee an. Sie war zierlich, aber alles war am richtigen Platz. Sie hatte Humor, und ihm gefiel ihr Lächeln. Wie standen wohl die Chancen, dass sie nach einer kurzen, aber befriedigenden Affäre suchte, die absolut nirgendwo hinführen würde?

Mathias kehrte an seinen Platz zurück. »Alles ist gut«, sagte er zu Carol. »Devon schläft, und bisher ist nichts schiefgelaufen.«

Ihre Blicke trafen sich. »Ich will nach Hause«, sagte Carol leise.

»Gott sei Dank. Ich auch.« Mathias sprang auf. »Tut mir leid, Leute, aber das ist so ein Elternding.«

Renee winkte in Richtung Tür. »Los, fahrt zu eurem süßen Mädchen. Ihr habt heute Abend große Fortschritte gemacht. Nächstes Mal bleibt ihr bestimmt die ganze erste Stunde.«

Carol lachte. »Danke für dein Verständnis. Wir sehen uns morgen zum Lunch.«

»Auf jeden Fall«, erwiderte Renee.

Sekunden später waren die beiden fort. Jasper sah Renee an. »Ich schätze, die Chancen für uns, ins Finale einzuziehen, sind gerade gestiegen.«

»Aber so was von.«

Sie hielt seinen Blick eine Sekunde länger fest, als normal wäre, womit sie beide sich auf einmal in der Ich könnte an dir interessiert sein-Kategorie wiederfanden. Oder war das nur Wunschdenken seinerseits? Er musste dieser Mann/Frau-Sache wirklich auf den Grund gehen. Mit sechzehn mochte es charmant sein, ein wenig ungelenk zu wirken, aber in seinem Alter war es einfach nur erbärmlich.

»Mit zwei Spielern ist Monopoly nicht so lustig«, sagte er. »Kann ich dir stattdessen einen Drink ausgeben?«

Renee sagte sich, dass es überhaupt keinen Grund gab, angespannt zu sein. Jasper hatte sie auf einen Drink eingeladen, und sie hatte Ja gesagt. Keine große Sache. Überall auf der Welt trafen sich unzählige Männer und Frauen auf einen Drink. Das war total normal. Sogar langweilig. Aber Jasper gegenüberzusitzen war alles andere als normal. Und schon gar nicht langweilig.

Zum einen war der Mann wirklich heiß. Er war groß, mit breiten Schultern, aber vor allem hatte er eine Ausstrahlung, die von lässiger Stärke sprach. Als könnte er sich in jeder Situation behaupten. Sollten im nächsten Augenblick Furcht einflößend aussehende Kerle in die Bar stürmen, würde Jasper die Situation regeln, da war sich Renee sicher. Sie hingegen würde schreiend in die Nacht hinauslaufen. Oder sich verstecken. Oder in Ohnmacht fallen.

Außerdem hatte er diesen Anflug von »verwundeter Held«. Er war in der Vergangenheit verletzt worden, und das sah man. Welche Frau konnte dem schon widerstehen? Sie jedenfalls nicht. Aber es ist nur ein Drink, ermahnte sie sich, als Jasper auf den kleinen Ecktisch zukam, an den sie sich zurückgezogen hatten. Er stellte einen Cosmopolitan vor sie, bevor er sich ihr gegenübersetzte und seinen Gin Tonic an die Lippen hob.

Er trank einen Schluck und beobachtete sie dabei über den Rand des Glases hinweg. Sie hatte keine Ahnung, was er dachte, wusste aber auch nicht, was sie sagen sollte. Ihre Nerven waren so angespannt, dass sie sich fast ein wenig unbehaglich fühlte. Seitdem sie nach Happily Inc gezogen war, hatte sie kein einziges Date gehabt, und davor hatte sie ein gebrochenes Herz flicken müssen, und davor war sie beinahe drei Jahre in einer Beziehung gewesen, und davor …

»Und, wie war die Lesereise?«, fragte sie schließlich – in der Hoffnung, dass seine Antwort sie ablenken würde. »Du warst ganz schön lange weg.«

»Das stimmt. Mein Verleger hat was Neues ausprobiert und mich in einem Wohnmobil losgeschickt.«

»Ja, davon habe ich gehört, aber ich dachte, das wäre ein Witz. Du bist wirklich einen Monat lang mit dem Wohnmobil durchs Land gereist?«

»Drei Monate«, sagte er und schenkte ihr dieses Lächeln, das so unglaublich sexy war. »Davor habe ich ein paar Wochen in Europa verbracht. Da bin ich allerdings etwas konventioneller gereist.«

»Du scheinst viele Fans zu haben. Ich wusste zwar, dass du ein erfolgreicher Autor bist, aber nicht, dass du auch international solche Erfolge feierst.«

Sie wollte das lässig klingen lassen, als zöge sie ihn auf, aber irgendwie kam das nicht so rüber. Vermutlich, weil sie sich nicht wirklich im Klaren darüber gewesen war, wer Jasper war. In ihrem Kopf war er der leicht geheimnisvolle, ehemalige Soldat, der meist für sich blieb und ausreichend Stoff für Nimm mich jetzt, du großer Held-Fantasien bot. Aber offensichtlich war er ein bisschen zu erfolgreich für ihre Zwecke.

Natürlich hatte sie nicht vor, ihn strahlend anzulächeln und ihm eine Nacht mit heißem Sex anzubieten. Denn so schön diese Fantasie auch sein mochte – im echten Leben gab es viele Fallstricke. Hysterisches Gelächter gefolgt von mitleidigen Blicken zum Beispiel. Nicht, dass Jasper wie der Typ für hysterisches Gelächter wirkte, aber das Mitleid könnte real sein. Oder Ekel. Das wäre deprimierend, und sie war nicht auf der Suche nach einer weiteren Abfuhr von einem Mann.

Das Klügste wäre, den Drink zu genießen, so zu tun, als hätte sie Jasper nie mit Blicken ausgezogen. Danach würde sie sich in ihre charmante kleine Wohnung zurückziehen, wo sie sich einreden konnte, dass es ihr egal war, wenn sie nie wieder Sex mit einem Mann hätte.

»Ich hatte Glück«, sagte er leichthin. »Die Bücher müssen natürlich den Geschmack der Leser treffen. Aber es gibt viele Autoren, die jahrelang auf ihren Durchbruch warten und immer im Verborgenen schuften. Ich hatte meinen Durchbruch ziemlich früh.«

»Und ist eine Lesereise sehr stressig?«

»Es geht. Vor allem mit einem Wohnmobil. Ich konnte von einem Ort zum anderen fahren. Ich habe mir immer einen Stellplatz in der Nähe einer großen Stadt gesucht und bin dann für die Veranstaltungen hingefahren. Manchmal war ich zu Gast in einer Morgensendung, manchmal im Feierabendradio. Es gab Tage, an denen ich mehrere Interviews für Zeitschriften gegeben oder in verschiedenen Buchläden vorbeigeschaut habe, um meine Bücher vorab zu signieren. Abends gab es auch oft Signierstunden, bei denen ich ein paar Minuten gesprochen und Fragen beantwortet habe. Danach ging es wieder ins Hotel oder ins Wohnmobil, um am nächsten Morgen von vorne anzufangen.«

»Das klingt weniger glamourös, als ich es mir vorgestellt habe. Wie war es in Europa?«

»Das war ganz anders. Dort bin ich normalerweise morgens in einer Stadt angekommen, habe mich zum Mittagessen mit Leuten getroffen, von denen mein Verleger wollte, dass ich sie kennenlerne, habe die Pressearbeit erledigt, gefolgt von einer Signierstunde und einem späten Abendessen. Am nächsten Morgen bin ich dann weitergefahren oder – geflogen, manchmal bin ich auch mit dem Zug in die nächste Stadt gefahren und habe alles noch mal gemacht.« Erneut ließ er ein Lächeln aufblitzen. »Und das Ganze, ohne die jeweilige Landessprache zu sprechen. Das ist ein Ausdauersport.«

»Ja, das klingt ganz so. Was war das Beste daran?«

»Die Leserinnen und Leser zu treffen. Es ist schwer, Leute nicht zu mögen, die freiwillig Schlange stehen, um dir zu sagen, wie sehr sie deine Arbeit lieben.«

»Hm, daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ich bekomme ab und zu eine Dankeskarte, aber bei mir hat noch keiner Schlange gestanden.« Sie nahm ihr Glas in die Hand. »War jemand Gruseliges dabei? Hat Stephen King nicht mal ein Buch über einen verrückten Fan geschrieben?«

»Ja. Und darüber werden wir nicht reden.« Er lachte leise. »Es gibt Fans, die wesentlich mehr über meine Bücher wissen als ich und die dann über neue Themen reden wollen und darüber, was ich anders machen sollte. Manche Leser wollen mir Ideen für Geschichten geben, was ich aber aus urheberrechtlichen Gründen ablehnen muss.«

»Dein Leben ist echt interessant.«

»Nein, das ist es nicht. Neunzig Prozent der Zeit sitze ich am Computer und überlege, was ich als Nächstes schreiben soll. Das sind sehr viele Stunden mit mir allein, in denen ich ab und zu laut fluche.«

Ich mag ihn, dachte sie überrascht. Sie hatte bisher noch nicht wirklich Zeit mit ihm verbracht und hatte die leeren Stellen mit Fantasien ausfüllen müssen, in denen es mehr um seinen Körper als um seine Persönlichkeit gegangen war. Es war schön zu wissen, dass hinter diesen umwerfenden Augen ein echter Mensch steckte.

Lustig, dass sie in den letzten Tagen immer wieder an ihn hatte denken müssen und er heute Abend ins The Boardroom gekommen war und sich an ihren Tisch gesetzt hatte. Als hätte das Schicksal eingegriffen.

»Erzähl mir von der Apfelhochzeit«, bat er und lehnte sich vor. »Da ist doch aber niemand in einem Apfelkostüm aufgetaucht, oder?«

Sie lachte. »Nein, nichts in der Art. Eine Apfelhochzeit ist eher wie eine Weihnachtshochzeit. Das Thema bestimmt die Dekorationen und Farben, nicht die Kleidung an sich. Die Kleider der Brautjungfern waren apfelgrün, in den Sträußen und Blumengestecken auf den Tischen steckten Johannisäpfel, der Drink für die Feier war ein Apple Martini und so weiter.«

Er sah sie ausdruckslos an. »Ich habe keine Ahnung, wovon du da redest.«

»Was verwirrt dich so?«

»Alles. Das mit den Kleidern für die Brautjungfern verstehe ich. Ich habe schon mal Frauen in so was gesehen. Aber der Rest? Du sprichst eine Fremdsprache.«

»Was ist mit den ganzen Hochzeiten, auf denen du schon gewesen bist?«

Er trank einen Schluck von seinem Gin Tonic. »Ich war noch nie auf einer Hochzeit. Mit achtzehn bin ich in die Army eingetreten. Damals hat noch keiner meiner Freunde daran gedacht zu heiraten. Ab und zu bin ich im Heimaturlaub zurückgekommen, aber auch da gab es keine Hochzeiten. Nach dem Tod meines Vaters gab es dann keinen Anlass mehr zurückzukehren. Es hat immer nur uns beide gegeben. Meine Freunde beim Militär sind nach Hause gereist, um zu heiraten, und ich habe in den meisten Fällen keinen Urlaub bekommen.«

Jetzt war er derjenige, der eine Fremdsprache sprach. »Du warst noch nie auf einer Hochzeit?«

»Nö.«

»Das gibt es doch nicht.«

»Ach, das ist doch keine große Sache.«

»Das ist ein Initiationsritus. So verdient diese Stadt ihr Geld. Happily Inc ist ein Ort für Hochzeiten, und du bist nie auf einer gewesen?«

»Pallas und Nick haben in Italien geheiratet, und als Carol und Mathias sich getraut haben, war ich nicht da.«

Sie starrte ihn an. »Komm doch mal bei Weddings Out of the Box vorbei, dann zeige ich dir ein Video«, bot sie an. »Es sind alles nur Varianten des gleichen Themas, also wenn du eine gesehen hast, sprichst du die Hochzeitssprache.«

»Aber noch nicht fließend?«

Seine Stimme war leise und neckend. Sie jagte Renee einen Schauer über den Rücken und weckte in ihr den Wunsch, eine Frau zu sein, die einem Mann in die Augen schauen und ihn nach Hause einladen konnte. Aber das war sie nicht, und das konnte sie nicht. Sie mochte sich zwar eine nackte Nacht mit Jasper wünschen, aber in Wahrheit hatte sie noch nie Sex mit einem Mann gehabt, in den sie nicht wenigstens halbwegs verliebt gewesen war. Dass sie ihre Einstellung ändern und ihre Hemmungen so schnell abstreifen würde, kam ihr eher unwahrscheinlich vor.

»Ich denke, fließend wird überbewertet«, sagte sie leichthin und hoffte, dass er die Enttäuschung in ihrer Stimme nicht hörte. Da er keine Ahnung hatte, was sie gerade dachte, könnte ihn das nur verwirren und auf falsche Ideen bringen. Oje, selbst ohne eine Beziehung war es echt schwierig, sich in dieser Frau/Mann-Sache zurechtzufinden.

»Du hilfst Bräuten dabei, ihre Hochzeiten zu planen, richtig?«, fragte er.

»Ja. Auch wenn es besser ist, wenn der Bräutigam mitmacht. Bei Weddings Out of the Box haben wir uns wie gesagt auf Mottohochzeiten spezialisiert. Es gab schon Prinzessinnenhochzeiten, Cowboyhochzeiten und offenbar die weltweit größte Alien-Hochzeit, die auf einem Computerspiel basierte, aber das war vor meiner Zeit.«

»Interessant.«

Sie war nicht sicher, ob es das war. Aber es war nett von ihm, das zu sagen.

Sie schauten einander an, dann wieder weg. Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus und wurde immer größer, unbehaglicher, bis Renee sich innerlich wand. Mist, Mist, Mist, das hier würde nicht funktionieren. Wem wollte sie was vormachen? Sie war nur in bestimmten Situationen selbstbewusst – wie zum Beispiel bei der Arbeit. Niemals würde sie eine Frau sein, die einem Mann sagen konnte, dass sie ihn attraktiv fand. Geschweige denn, die ihn fragen konnte, ob er sich nicht an ihr gütlich tun wollte. Der Gedanke machte sie traurig, und ihr wurde deprimierend bewusst, dass sie es vielleicht nie wieder tun würde. Am liebsten hätte sie mit dem Fuß aufgestampft. Oder geweint.

Beides würde in der Öffentlichkeit nicht sonderlich gut ankommen, also war es an der Zeit, nach Hause zu gehen. Sie schaute Jasper an.

»Es ist schon spät. Danke für den Drink. Es war ein netter Abend.«

Er musterte sie kurz, bevor er nickte. »Ja, fand ich auch. Komm, ich begleite dich noch zu deinem Wagen.«

Sie traten in die Nacht hinaus. Es war Mitte September und immer noch warm, aber die große Hitze des Sommers war vorbei. In ein paar Wochen würde man den Anflug von Kälte in der Luft spüren. Zumindest in den Stunden rund um Mitternacht. So richtig kalt wurde es in Happily Inc nie.

Sie gingen zu dem schwarzen Mini mit den weißen Rallyestreifen auf der Motorhaube. Ein albernes Auto, sicher, aber sie liebte es. Es war süß, wendig, und wenn sie die Rückbank umklappte, konnte sie alles transportieren, was sie brauchte.

»Da ist meiner«, sagte sie leichthin.

Jasper schaute zu ihrem Wagen und wieder zu ihr. »Der passt zu dir.«

Sie lächelte. »Danke. Ich versuche, mich seiner Schnittigkeit würdig zu erweisen, aber das klappt nicht immer. Ich schätze, das ist eine Metapher für mein Leben. Ich möchte gerne wild sein, weiß aber nicht so recht, wie.«

»Meinst du das ernst?«

Sie schaute zu ihm auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Jetzt, wo sie beide standen, wurde sie sich erst bewusst, wie groß er war, wie stark. Er strahlte Kraft und Selbstbewusstsein aus. Er war unglaublich männlich, was ihr vermutlich Angst machen sollte, aber das tat es nicht.

»Renee?«

»Was?«

»Du hast die Frage nicht beantwortet.«

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