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Wie ein Tanz auf Morgentau

Eine berühmte Tänzerin werden und auf den Bühnen des Broadways stehen, das war Alice’ Traum, seit sie klein war. Nach einem schrecklichen Familienstreit zog sie gemeinsam mit ihrer Mutter nach New York. Doch inzwischen hat sie Sehnsucht nach England, der Honeysuckle Farm und ihrem über alles geliebten Großvater. Als sie erfährt, dass er im Krankenhaus liegt, ergreift sie die Chance: Nach dreizehn Jahren kehrt sie das erste Mal zurück. Sie hat sofort das Gefühl, nach Hause zu kommen. Doch das scheinbar längst vergessene Tanzstudio, das Alice in einem versteckten Raum auf der Farm findet, scheint nicht das einzige Geheimnis zu sein, das ihre Familie hütet. Alice beschließt, endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen, damit alte Wunden endlich heilen können.
»Voller Wärme und Witz und mit dem richtigen Wohlfühlfaktor« Sunday-Times-Bestsellerautotin Katie Fforde
  • Erscheinungstag: 03.06.2019
  • Seitenanzahl: 384
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745750157
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Sharon Pillinger, deren Begeisterung für meine Bücher mich immer wieder aufs Neue anspornt.

Vielen lieben Dank dafür.

Prolog

Mit zehn Jahren kannte ich nichts anderes als Brook Bridge. Inmitten ländlicher Idylle am Rand der Grafschaft Staffordshire gelegen, strahlte das malerische kleine Dorf mit seinen engen Straßen und den reetgedeckten Fachwerkhäusern altertümlichen Charme aus. Die Dorfbewohner bildeten eine enge Gemeinschaft, alle waren freundlich und kümmerten sich umeinander. Ich liebte das Leben dort in jeder Hinsicht.

In den Sommermonaten war stets viel los. Besucher kamen in Scharen, um die beeindruckenden alten Häuser im Tudorstil zu bewundern, in den verwinkelten Shabby-Chic-Läden zu stöbern und die historischen Pubs entlang der kopfsteingepflasterten Hauptstraße zu erkunden.

Ich freute mich immer auf den Sonntagmorgen. Diese Zeit war mir die liebste der Woche, denn dann schlenderte ich mit Grandie über die steinerne Bogenbrücke zu einem urigen Innenhof, der Maler und Fotografen geradezu magisch anzog. Dort setzten wir uns in einer Ecke vor den Old Tea Shop, hielten uns an unseren Bechern mit heißer Schokolade fest und gönnten uns ein Stück von Mrs. Jones fabelhaften Torten.

Zusammen mit meiner Mum lebte ich am Rand des Dorfes auf der Honeysuckle Farm. Wir wohnten dort in einem Anbau, der an Grandies rustikales dreistöckiges Backsteinhaus grenzte. Hier fühlte ich mich sicher und geborgen, wenn ich durch die Scheunen schlenderte, mit dem Rad auf den unebenen Grasflächen herumfuhr oder im Bach plantschte. Meilenweit umgab uns nichts als ländliche Idylle. In dem Flickenteppich aus goldgelben und grünen Feldern, die von Hecken eingefasst waren, wuchsen Kartoffeln und Wurzelgemüse, aus denen meine Mum im Herbst köstliche Eintöpfe zauberte. Natürlich gab es frische Eier, so viele wir wollten, gelegt von den Hühnern, die frei auf der Farm herumliefen. Ein besseres Zuhause gab es einfach nicht.

Hinter den Maissilos führte eine wackelige alte Holzbrücke über einen seichten Bach, an dessen Ufern rostrote Weidensträucher wuchsen – dies war mein Lieblingsplatz. Hier saß ich oft auf dem mächtigen grauen Felsen am Fuß eines Ahornbaumes und sah Billy, dem kastanienbraunen Welsh-Pony, beim Grasen zu.

Gerade hatte ich mich auf den Sommer eingestellt: Die langen Sommerferien lagen vor mir, und ich freute mich schon darauf, dass meine Freundin Grace den ganzen Tag zum Spielen herüberkommen würde. Völlig sorgenfrei sprang und stapfte ich in meinen Gummistiefeln durch das flache Wasser des Baches.

Ich hatte ja keine Ahnung, dass mein Leben sich urplötzlich drastisch ändern würde …

Fröhlich hüpfte ich zum Haus zurück, voller Vorfreude auf buttrig glänzendes Rührei auf selbst gebackenem Vollkornbrot. Ich riss die Tür zum Windfang auf, der eine Sammlung von Stiefeln, Jacken und Regenschirmen beherbergte. Meine schlammbespritzten Gummistiefel streifte ich vor der Hintertür ab und stellte leicht enttäuscht fest, dass es aus der Küche noch gar nicht köstlich nach Essen duftete. Marley, der Cockerspaniel, döste selig zusammengerollt in seinem Korb am Fuß des großen Küchenherdes und blinzelte nicht einmal, als ich den Raum betrat, so verschlafen war er.

Im selben Moment hörte ich, dass im Wohnzimmer laut gestritten wurde. Ich wagte kaum zu atmen, schlich mich auf Zehenspitzen durch den Flur und spähte durch den Spalt der angelehnten Wohnzimmertür.

Grandie stand mit gesenktem Kopf am hinteren Ende des Zimmers und stützte sich mit den Händen am Sims des großen steinernen Kamins ab. Mum saß auf einer Kante des Couchtisches, den Blick fest auf den Boden gerichtet.

Dann atmete Grandie langsam und stockend aus und drehte sich zu meiner Mutter um, die den Blick hob und ihn ansah.

»Herr im Himmel, Rose«, schrie er sie an, »wann, zum Teufel, wolltest du mir das mitteilen?«

Mum zitterte am ganzen Körper, gab aber keine Antwort.

Ich hatte keine Ahnung, was geschah oder was Mum getan haben mochte, aber mich überfiel eine unbestimmte Angst. Die perfekte Idylle, in der ich geborgen gewesen war, wurde von einer unheimlichen Stimmung verdrängt, die ich noch nie erlebt hatte.

Wie angewurzelt stand ich da und wartete gespannt, was als Nächstes geschehen würde.

Grandie brüllte Mum immer noch an, und ich bekam es mit der Angst zu tun. Mein Herz hämmerte wie wild in meiner Brust. Noch nie hatte ich Grandie so schreien hören, und noch nie hatte ich erlebt, dass er und Mum sich stritten. Das gefiel mir nicht. Das gefiel mir ganz und gar nicht.

»Nach allem, was ich für dich getan habe, ist das der Dank?« Grandie war rot angelaufen vor Zorn.

Mum ließ wieder den Kopf hängen, offenbar konnte sie ihm nicht in die Augen sehen.

»Ich dachte, ich hätte dich besser erzogen. Wie konntest du mich nur so hintergehen? Schämst du dich überhaupt nicht?« Er schnaubte angewidert. »Geh mir aus den Augen, ich will dich nie wiedersehen.« Zorn stand ihm ins Gesicht geschrieben, dunkle Wut blitzte in seinen Augen.

Seine Worte ließen Mum zusammenzucken.

Ich hielt den Atem an, wagte nicht, mich zu rühren.

»W…wie meinst du das?«, stotterte Mum. Die gespielte Gelassenheit wich dem Entsetzen, und Tränen strömten ihr übers Gesicht.

»Genau so, wie ich es sage: Mach, dass du mir aus den Augen kommst«, schrie er sie an, sodass sie erschrocken aufsprang.

»Ist das dein Ernst?« Diesmal wagte sie es, ihm direkt in die Augen zu schauen.

»Mein absoluter Ernst.«

»Na schön. Wenn das so ist, dann gehe ich. Dir wird es noch leidtun«, fauchte Mum und rannte zur Tür. »Ich gehe irgendwohin, wo du mich nicht finden kannst, und Alice nehme ich mit. Du wirst sie nie wiedersehen, wenn du so denkst.«

»Du wirst Alice nicht mitnehmen«, donnerte Grandie.

»Doch, das werde ich. Ich bin ihre Mutter, und du kannst mich nicht daran hindern«, rief sie, während ihr Tränen der Enttäuschung übers Gesicht strömten.

Ihre Worte durchbohrten mir das Herz, Tränen verschleierten mir den Blick. Entsetzen packte mich.

»Wie kannst du mir das antun? Du weißt, wie sehr ich das Mädchen liebe. Wenn du mit Alice durch diese Tür hinausgehst, dann sind wir geschiedene Leute … für immer.« Er trat an den Tisch und schlug mit solcher Wucht auf die Tischplatte, dass eine Tasse samt Untertasse klirrend zu Boden fiel.

Jeden Moment würde Mum die Tür aufreißen, und plötzlich packte mich die Angst. Auf keinen Fall wollte ich dabei ertappt werden, wie ich hinter der Tür stand und lauschte. Sie durfte nicht erfahren, dass ich ihren Streit mit angehört hatte. Einen Sekundenbruchteil zögerte sie noch, die Hand auf der Türklinke. Dann zuckte sie abschätzig die Achseln. »Ganz wie du willst …«

Ich spürte, wie meine Knie weich wurden, und hockte mich hastig in den Schatten der großen Standuhr. Ich hielt den Atem an. Ihre Stimme verklang, als sie an mir vorbeistolzierte, die Treppe hinaufging und verschwand – zu meiner großen Erleichterung hatte sie mich nicht gesehen.

Ich kämpfte mich auf die Beine und warf einen verstohlenen Blick ins Wohnzimmer, bevor ich durch die Küche zurückrannte und mir hastig erneut die Stiefel anzog. Dann rannte ich nur noch, rannte über die Felder, hin zu Billy, dem ich meine Arme um den Hals schlang. In der Hoffnung auf eine Möhre schnupperte er währenddessen geschäftig meine Taschen ab.

In Gedanken war ich bei Grandie, der zusammengesunken auf seinem Stuhl gesessen hatte, während er sich verzweifelt die Haare raufte und etwas tat, was ich noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte: Er weinte.

Ich hatte keine Ahnung, worüber er und Mum sich gestritten hatten, aber nur vierundzwanzig Stunden später saß ich angeschnallt auf der Rückbank eines Taxis und drückte meinen Teddy fest an mich. Natürlich hatte ich gefragt, wohin wir wollten, aber Mum schwieg sich aus.

»Hör auf, Fragen zu stellen, Alice. Du wirst es schon sehen, wenn wir da sind.« Mehr sagte sie nicht zu dem Thema.

Mums beste Freundin Connie packte Mum vor der Treppe zum Farmhaus an den Armen. »Ich begreife nicht, warum ihr fortgeht. Wohin wollt ihr? Was ist passiert?« Die Fragen prasselten nur so auf Mum ein, aber sie beantwortete nicht eine einzige. Wie in Trance murmelte sie irgendetwas, küsste Connie rasch auf die Wange, nahm sie ein letztes Mal in den Arm und stieg auf der Beifahrerseite ins Taxi. Sie warf nicht einen einzigen Blick zurück zum Haus.

Ich wusste immer noch nicht, wohin und warum wir überhaupt fortgingen. Ich wusste nur, dass ich mich elend fühlte. Übelkeit stieg in mir auf. Völlig verängstigt drückte ich meinen Teddy an mich und versuchte, die Tränen herunterzuschlucken. Als das Taxi losfuhr, blickte ich hoch und schaute ein letztes Mal zurück zum Farmhaus. Da war Grandie am Fenster des Schlafzimmers. Er legte seine Hand auf die Fensterscheibe, und ich tat dasselbe am Fenster des Taxis. Seine tränenerfüllten traurigen Augen hielten mich fest. Je näher das Taxi sich jedoch dem verschnörkelten schmiedeeisernen Tor am Ende der Einfahrt näherte, desto kleiner wurde er, bis er schließlich aus meinem Blickfeld verschwand. Tiefer Schmerz krampfte mir das Herz zusammen.

Damals wusste ich noch nicht, dass ich Grandie dreizehn lange Jahre nicht wiedersehen würde.

1. Kapitel

New York City, dreizehn Jahre später …

Es klopfte an der Tür, und ich wusste sofort: Das war Molly. Man konnte die Uhr nach ihr stellen. Seit drei Jahren war Molly Gray meine beste Freundin. Ein richtiges Stadtmädchen, geboren und aufgewachsen in New York, lebte sie in einem Apartment im zweiten Stock eines Hauses an der Ecke 57th Street und 9th Avenue im Westen der Stadt. Ich hingegen war vor dreizehn Jahren als verängstigtes und verstörtes Kind hierhergekommen, und mir war klar, dass ich es immer noch nicht geschafft hatte, mich anzupassen und einzuleben. Inzwischen wohnte ich in einer schäbigen Wohnung in einer weniger freundlichen Ecke von Manhattan. Hier war alles ungewohnt: die Geräusche, die Gerüche. Alles um mich herum – Menschen wie Dinge – schien ständig in Bewegung zu sein. Millionen von Meilen trennten mich von meiner Kindheit auf dem Dorf. Oft sehnte ich mich danach, das vertraute Krähen eines Hahnes oder das Blöken eines Lammes zu hören. Manchmal träumte ich, ich könnte das ständige hektische Treiben zum Stillstand bringen und schweigend in meinem eigenen Tempo durch die Straßen wandern.

Jeden Sonntagmorgen, egal, welches Wetter gerade vorherrschte, rannte Molly eine gute Stunde lang durch den Central Park, bevor sie auf einen Kaffee und ein Schwätzchen zu mir kam, wenn sie ihr Laufpensum hinter sich hatte.

»Die Tür ist offen«, rief ich. »Ich bin in der Küche.«

Kurz darauf stand sie in der Tür – mit funkelnden Augen und glühenden Wangen.

»Morgen«, keuchte sie und schaltete die neueste technische Errungenschaft ab, mit der sie ihre Leistung und ihren Puls kontrollierte. »Keine schlechte Zeit«, murmelte sie in sich hinein.

Ihr schlanker Körper steckte in extravaganter Laufkleidung, die so eng anlag, wie es nur möglich war. Aus ihrem Pferdeschwanz hatten sich etliche Strähnen rostroter Haare gelöst. Langsam strich sie sich diese aus dem Gesicht.

»Das guckte gerade aus deinem Briefkasten«, verkündete sie und legte das Faltblatt vor mir auf den Tisch, bevor sie sich auf den Stuhl plumpsen ließ. »Das ist genau das Richtige für dich«, fügte sie hinzu, schnappte sich ein Stück mit Butter bestrichenen Toast von meinem Teller und grinste mich an.

Vorspielen für Wicked – Die Hexen von Oz

The Majestic Theatre

Broadway, New York City

»Was? Willst du mir damit sagen, ich sei eine Hexe?«, fragte ich lächelnd und wärmte meine Finger an dem mittlerweile dritten Becher Kaffee an diesem Morgen.

»Eine gute Hexe«, kicherte sie, »aber heute Morgen siehst du eher aus wie ein englischer Rockstar der Achtzigerjahre. Was ist mit deinem Make-up passiert?« Sie drohte mir spielerisch mit dem Finger, bevor sie aufstand und sich über das abgetragene braune Linoleum zur Kaffeekanne schlich.

»Sagen wir mal so: Ich habe schon wesentlich bessere Nächte gehabt«, erwiderte ich, stellte meinen Kaffeebecher auf dem Tisch ab und blickte zu Molly hoch.

»Ich schenke uns beiden frischen Kaffee ein, und du erzählst mir in allen Einzelheiten, was los ist. So schlimm kann es doch nicht sein.« Anteilnahme schwang in ihrer Stimme mit.

»Tut mir leid, aber es ist kein Kaffee mehr da. Er ist mir ausgegangen … schon wieder.«

Molly musterte erst die Kaffeekanne, dann mich. Ihr Gesichtsausdruck verriet Überraschung und Mitgefühl, jedoch hatte sie keine Vorstellung davon, wie schwierig meine Lage tatsächlich war. Sofort überfielen mich Schuldgefühle, weil ich mit meinen Sorgen hinterm Berg hielt, aber Mitleid war das Letzte, was ich wollte.

»Du kannst den hier haben«, bot ich an und schob ihr meinen Kaffeebecher hin.

»Ist schon gut. Du siehst so aus, als bräuchtest du ihn dringender als ich. Ich lass mir am Wasserhahn ein Glas Wasser ein.«

»Ich bekomme mein Geld erst morgen«, seufzte ich. »Aber falls du noch etwas Toast möchtest – es sind noch ein paar Scheiben da.«

Molly schaute mich fragend an, bevor sie den Kühlschrank öffnete. Er war leer bis auf ein verschimmeltes Stück Käse, das ich in der hintersten Ecke übersehen hatte.

»Und was willst du heute essen?«

Völlig hilflos zuckte ich mit den Achseln. So weit hatte ich noch gar nicht gedacht. Wollte ich auch gar nicht denken.

»Weiß nicht, vermutlich bleiben mir nur ein paar Twinkies«, erwiderte ich scherzhaft, aber tief in meinem Inneren wusste ich ganz genau, dass das durchaus Realität werden konnte, wenn es so weiterging wie bisher.

»Ist es inzwischen wirklich so schlimm?« Molly klang jetzt ein wenig ernster.

»Ach Molly, ich komme einfach nicht mit meinem Geld über die Runden, sosehr ich mich auch bemühe«, antwortete ich und wich dabei ihrem Blick aus. »Es ist so schwer, Arbeit zu finden – mit einem anständigen Gehalt, zu fairen Bedingungen. Jeder Job, um den ich mich bewerbe, ist entweder schon vergeben, oder die Bezahlung reicht so gerade eben nur für meine Miete, und mir bleibt nichts für alles andere übrig. Ich will nicht ständig nur Jobs annehmen, die mir keine Zukunft bieten; ich will eine Karriere, ich will in dem Bereich arbeiten, für den ich ausgebildet bin, aber ich komme nie übers Vorspielen hinaus. Irgendetwas muss passieren. Ich kann so nicht weitermachen.«

Molly schloss die Kühlschranktür und drückte mir tröstend die Hand. Sie verzichtete jedoch darauf, mir zu sagen, es werde alles wieder gut werden. Das würde nicht geschehen. Tatsächlich ist das nun schon seit einigen Jahre nicht mehr der Fall. In letzter Zeit verlor ich jedoch mehr und mehr die Kontrolle und konnte das nicht länger verbergen. Auf dem Tisch vor mir lag ein Stapel unbezahlter Rechnungen, und als wäre das noch nicht schlimm genug, war ich obendrein mit meiner Miete einen Monat im Rückstand.

»Lass mich dir helfen.«

Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass ich schon die ganze Zeit versucht hatte, meine Tränen zurückzuhalten, aber jetzt konnte ich mich nicht mehr beherrschen. Ihre freundliche Geste brachte alles zum Laufen.

Ich schüttelte den Kopf. »Danke, das ist ein liebes Angebot, aber nein, danke. Du hast selbst Rechnungen zu bezahlen. Das ist mein Problem, nicht deines.«

»Unsinn, Alice, du bist meine Freundin. Meine beste Freundin. Ich kann so viel erübrigen, dass du Lebensmittel einkaufen kannst, und dir helfen, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen. Hast du es deiner Mum erzählt?«, hakte sie vorsichtig nach.

»Nein«, gab ich zu. »Das Diner, in dem sie arbeitet, hat gerade zugemacht, und ich weiß, dass sie in einer ähnlichen Situation ist wie ich. Ich wollte nicht, dass sie sich auch noch meinetwegen Sorgen macht.«

Molly musterte mich beunruhigt, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich mir gegenüber an den Tisch.

Ich ließ mir meine letzten drei Jobs durch den Kopf gehen und atmete heftig aus. Auf dem Times Square hatte ich Flugblätter für einen Hungerlohn verteilt, hatte mich mit Nachtschichten in einem rund um die Uhr geöffneten Imbiss einer Burgerkette über Wasser gehalten, der hauptsächlich von Säufern und Abschaum frequentiert wurde, und zurzeit arbeitete ich als Reinigungskraft in einem Theater am Broadway. Das Geld, das ich damit verdiente, reichte kaum für die Miete, geschweige denn für Lebensmittel oder abendliches Ausgehen. Ich konnte mir keine neue Kleidung leisten, und jeder Tag war ein Kampf. So hatte ich mir mein Leben nicht vorgestellt.

Am Abend zuvor hatte ich einen Wendepunkt erreicht: Ich hatte mir entschieden klargemacht, dass sich etwas ändern und ich mein Leben in den Griff bekommen musste.

»Ich hatte einmal Träume, Molly, und jetzt schau mich an. Weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben?«

Molly lächelte. »Natürlich weiß ich das noch.«

Es war drei Jahre her. Molly und ich standen eingepfercht wie Ölsardinen in der U-Bahn. Stoßzeit im Berufsverkehr. Wir fuhren Richtung Times Square und hielten uns am selben Metallhandlauf fest, als er uns beiden zeitgleich auffiel.

»Schau dir diese Wimpern an. Neid!«, flüsterte Molly mir zu, und ich lachte in mich hinein.

Ich konnte nicht anders und musste ebenfalls die strahlend blauen Augen, die ausgeprägten Wangenknochen und diese Wimpern anstarren. Molly hatte recht – sie waren unglaublich. Jedes Mädchen auf dieser Seite der Stadt, ach was, jedes Mädchen in der gesamten Stadt wäre bereit gewesen, für diese Wimpern zu sterben. Seine Kleidung – ein leuchtend roter Samtanzug, ein brauner Zylinder und eine goldene Fliege – sorgte für einige Aufregung bei einer Gruppe Mädchen, die in der Nähe saßen. Auch ich war wie hypnotisiert von seiner ganz besonderen Ausstrahlung.

An der 42nd Street stieg er aus. Unmittelbar vorher aber drehte er sich um, zwinkerte uns zu und streckte uns zwei goldene Eintrittskarten für Willy Wonkas Schokoladenfabrik hin.

Wir stiegen dicht hinter ihm aus und sahen ihm nach, wie er in der Menge verschwand.

»Passiert auch nicht jeden Tag, dass man eine Eintrittskarte in den Schokoladenhimmel bekommt«, meinte Molly seufzend. Ich lachte und steckte die Karte in meine Handtasche. Gemeinsam gingen wir weiter zum Times Square und kicherten dabei die ganze Zeit.

Auf diesem kurzen gemeinsamen Weg machte es klick zwischen uns. Wir verstanden uns blendend. Ich erzählte ihr, dass ich gerade meinen Studienabschluss in Darstellender Kunst abgelegt hatte und davon träumte, eines Tages auf dem Broadway aufzutreten.

Molly lud mich zum Kaffee an ihrem Arbeitsplatz ein, und wir schlenderten im New Yorker Sonnenschein die 6th Avenue hinunter zu dem Radiosender, bei dem sie, seit sie von der Schule abgegangen war, arbeitete. Sie erzählte mir, sie habe als Mädchen für alles angefangen, das Telefon bedient, unzählige Tassen Kaffee gekocht und sich bemüht, den Nachrichtenredakteuren auszuweichen, die ihre Finger nicht bei sich behalten konnten. Inzwischen hatten ihre schnelle Auffassungsgabe, ihre Bereitschaft, hart zu arbeiten, und ihre Entschlossenheit ihr einen Platz am Mikrofon eingebracht: Sie moderierte die werktägliche Nachmittagssendung zwischen fünf und sieben.

Ich bewunderte sie, und als wir durch die Glastüren des Studios schritten, fühlte es sich an, als hätte ich eine fremde Welt betreten. Im Foyer hingen die signierten Fotos zahlreicher Berühmtheiten, die vom Sender interviewt worden waren, und Molly erzählte mir, sie habe die meisten kennengelernt. Ich fand es aufregend, dass sie mit Reichen und Berühmten in Berührung kam und sich ihren Erfolg aus eigener Kraft erarbeitet hatte. Auch ich wollte meinen Namen in den Leuchtreklamen sehen, wollte von Radiosendern interviewt werden und auf den Titelseiten der Illustrierten stehen.

Jetzt, wo ich meinen Studienabschluss hatte, brannte ich darauf, mich zu beweisen. Ich suchte nach Jobs am Broadway, gespannt darauf, was die Zukunft für mich bereithielt.

Nach dem Kaffee bot Molly mir an, mit ins Aufnahmestudio zu kommen und live mitzuerleben, wie sie ihre Sendung moderierte. Aufregung erfasste mich, als sie mir bedeutete, ihr gegenüber Platz zu nehmen. Ich schaute ihr bewundernd zu, wie sie den Kopfhörer aufsetzte, das Mikrofon zu sich heranzog und die Sendung startete. Nach dem ersten Abschnitt schoss Molly ein Foto von uns beiden, wie wir unsere goldenen Tickets hochhielten, und setzte einen Tweet mit dem Hashtag findwillywonka ab. Keine Stunde später hatten wir Antwort auf Twitter: Der Schauspieler Joe Tucker hatte sich gemeldet.

Noch am selben Abend lud Joe uns zu einer seiner Vorstellungen ein. Sie war sensationell, die Darbietung einfach fantastisch. Hinterher trafen wir uns auf einen Drink, und er war so freundlich, zahlreiche Möglichkeiten zum Vorspielen für mich zu arrangieren. Leider war die Konkurrenz jedes Mal mörderisch. Ich war einfach nicht gut genug, um mir eine Rolle zu sichern, und die Absageschreiben stapelten sich auf meiner Fußmatte. Die Monate vergingen, und ich fühlte, wie der ersehnte Starruhm in immer unerreichbarere Ferne rückte. Allmählich kam ich mir vor wie eine Versagerin in meinem Bemühen, meinen Karrieretraum zu verwirklichen. Zu dem Zeitpunkt fing ich an, jeden Job anzunehmen und jede Arbeitszeit zu akzeptieren, um meine eigene Wohnung halten zu können. So war ich in die Situation geraten, in der ich mich jetzt befand …

Molly nahm einen Schluck von ihrem Wasser. »Nun sag schon, was ist letzte Nacht passiert?«, fragte sie und riss mich damit aus meinen Erinnerungen.

Ich schaute mich kurz in meiner schäbigen Küche um. Die Tapete löste sich von der feuchten Stelle in einer Ecke des Zimmers, das braune Linoleum rollte sich an den Kanten hoch, und durchs Küchenfenster fiel kaum Licht. Überall stapelten sich Flugblätter, Zeitungen und offene Rechnungen.

Ich atmete aus, dann holte ich tief Luft.

»Ich brauchte Zeit, um nachzudenken, also bin ich die 5th Avenue entlanggegangen, bis ich mich vor dem Empire State Building wiederfand. Weißt du …« Ich stockte. »Bis gestern Abend bin ich nie auf der Spitze dieses Gebäudes gewesen. Ich stand da, schaute zu den Lichtern an der Spitze hoch, und da hörte ich jemanden meinen Namen rufen. Ich konnte es kaum glauben, aber da stand Madison, ein Mädchen, das mit mir zusammen das College besucht hat. Sie verkaufte draußen Eintrittskarten und steckte mir eine Freikarte zu. Während ich auf dem Weg nach oben in den sechsundachtzigsten Stock war, kamen mir plötzlich die Tränen. Irgendetwas in mir veränderte sich«, versuchte ich zu erklären.

»Wie meinst du das?«

Ich drängte die erneut aufkommenden Tränen zurück und schluckte gegen die Enge in meiner Kehle. »Der Ausblick war umwerfend. In all den Jahren, die ich schon hier in New York lebe, habe ich noch nichts Vergleichbares gesehen. Ich schaute über die Stadt … auf die Millionen Lichter, die vor dem Nachthimmel funkelten, und es war einfach atemberaubend. Und es mag sein, dass dies der schönste Ort auf der ganzen Welt ist, Mol … aber …« Ich wappnete mich, während ich redete. »Aber ich bin nicht glücklich.«

Beinah zeitgleich beugte Molly sich vor und nahm meine Hände in ihre.

»Ach Alice«, sagte sie leise, »wie kann ich dir helfen?«

Ihr Gesichtsausdruck verriet mir, dass sie nicht die leiseste Ahnung hatte, wie ich mich fühlte. Natürlich hatte das Leben in New York seine Vorzüge, aber irgendetwas sagte mir, dass ich nicht hierhergehörte. Ich passte nicht hierher – und das schon von Anfang an nicht. Bereits in der Schule war ich das blasse englische Mädchen mit den Sommersprossen und dem komischen Akzent gewesen, das immer und überall auffiel.

Mum redete nie darüber, warum wir nach New York gezogen waren, und im Laufe der Jahre wurde es auch immer schwieriger, sie darauf anzusprechen.

Meine Stimme zitterte. »Ich glaube nicht, dass du irgendetwas tun kannst … Ich muss ewig dort oben gestanden und auf die Stadt herabgeblickt haben, völlig in Gedanken versunken. Und dann brandete rings um mich her plötzlich Beifall auf. Ich drehte mich um und sah ein Pärchen, umringt von etlichen Leuten. Der Mann hatte sich auf ein Knie herabgelassen und blickte zu der Frau auf, die eine burgunderrote Schachtel in den Händen hielt. Man konnte sehen, wie sehr er sie liebte, und dann bat er sie, ihn zu heiraten! Was für ein Heiratsantrag, Molly! Das war so romantisch, rosa Herzen, Blumen, wie im Märchen, aber … ich dachte nur: Und was ist mit mir?«

»Du siehst ganz passabel aus«, lächelte sie mir halbherzig zu, um die Stimmung ein wenig aufzulockern. »Ich kenne massenweise Männer, die ihren rechten Arm hergeben würden, um sich mit dir zu verabreden … allerdings solltest du dir vielleicht doch erst diesen Achtzigerjahre-Rockstar-Look abschminken.«

»Ich fühle mich einsam, Mol, hocke hier fast mittellos in dieser schäbigen Wohnung, nehme jeden Job an, um über die Runden zu kommen. Das Leben hat doch sicher noch mehr zu bieten, meinst du nicht?«

Im Laufe der Zeit hatte ich begonnen, diese Wohnung zu verabscheuen. Allein in der letzten Woche war ich jede Nacht im Schlaf gestört worden. Musik hämmerte durch die papierdünne Decke aus der Wohnung über mir, der Discosound brachte den Lampenschirm zum Schwingen. Oft verbrachte ich meine Nächte damit, fluchend mit dem Besenstiel gegen die Decke zu hämmern. Wenn das nicht half, vergrub ich meinen Kopf unter Kissen in dem Versuch, den Lärm auszusperren.

»Mir war gar nicht klar, wie schlimm deine Situation geworden ist«, sagte Molly, immer noch aufmerksam. »Ich schau mal, ob beim Sender eine Stelle frei ist.«

»Es ist zu spät«, erwiderte ich leise, »es ist zu spät.« Ich ließ beide Hände auf die Tischplatte sinken und seufzte.

Molly nickte kaum merklich, verarbeitete, was ich gesagt hatte, und einen Moment saßen wir schweigend da.

»Eines Tages lernst du den richtigen Mann kennen«, sagte sie schließlich.

Ich rang mir ein Lächeln ab. »Das ist noch nicht alles.« Schon seit einiger Zeit ging mir etwas durch den Kopf, etwas, das mir zu schaffen machte, so wie eine juckende Stelle, an der man ständig kratzen musste. Bisher hatte ich es jedoch noch nicht ausgesprochen.

Noch einmal holte ich tief Luft. Es war an der Zeit, mein Gewissen zu erleichtern und zu gestehen, worüber ich nachdachte, solange Molly mir aufmerksam zuhörte. Sie war meine beste Freundin, und ich hatte keine Ahnung, wie sie auf das reagieren würde, was ich ihr erzählen wollte. Langsam brachte ich die Worte über die Lippen: »Ich denke daran, nach England zurückzugehen.«

Es war ihr anzusehen, wann sie wirklich begriff, was ich gerade gesagt hatte. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich, dann richtete sie sich schlagartig auf.

»Alice, England ist über dreitausend Meilen weit weg«, brach sie schließlich das Schweigen, und ich konnte hören, wie mühsam sie das Zittern in ihrer Stimme unterdrückte.

»Ich weiß, aber ich denke schon eine ganze Weile darüber nach«, gestand ich.

Mollys Unterlippe begann zu zittern. »Wie lange ist eine ganze Weile? Und warum weiß ich so absolut gar nichts davon?« Zutiefst bekümmert fummelte sie am Armband ihrer Garmin-Smartwatch herum.

»Vielleicht seit sechs Monaten oder so, aber noch intensiver, seit ich das hier bekommen habe.« Langsam atmete ich aus und drehte meinen Laptop so zu ihr um, dass sie die Nachricht lesen konnte, die Grace mir am Anfang der Woche über Facebook geschickt hatte.

Grace Anderson und ich kannten uns quasi von Geburt an. Unsere Mütter waren eng befreundet gewesen, und als Kinder waren wir stets gemeinsam unterwegs. Wir besuchten nicht nur dieselbe Schulklasse, sondern hegten auch dieselbe Leidenschaft für Tanz und Schauspiel. Jeden Samstag wurde Grace ganz in Rosa gekleidet von ihrer Mutter in Grandies Ballettschule abgeliefert, in der meine Mutter als Tanzlehrerin arbeitete. Jeder hielt uns für Schwestern, wenn wir mit unseren nahezu identischen, langen kaffeebraunen Zöpfen, den blauen Augen und den Sommersprossen auf der Nase durch den Raum wirbelten. Damals waren wir unzertrennlich gewesen, engste Freundinnen bis zu dem Tag, an dem ich England verlassen musste.

Ich erinnerte mich noch gut daran, wie Grace sich auf der Treppe an mich klammerte und mir das Versprechen abnahm, ihr so bald wie möglich zu schreiben. Dieses Versprechen hatte ich nie gebrochen, und wir standen immer noch in engem Kontakt. Im Laufe der Jahre war es leichter geworden, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Inzwischen verfolgten wir das Leben der jeweils anderen in den sozialen Medien, und ich freute mich für sie, dass sie ihren Traum verwirklicht hatte und im Theater in Birmingham auftrat, obwohl ich zugeben musste, dass ich ein bisschen neidisch war, weil ihre Karriere so viel besser verlief als meine.

Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug, als Molly die Nachricht zu lesen begann:

Liebe Alice,

ich hoffe, du benimmst dich anständig in der großen alten Stadt … und sie ist nett zu dir.

Verzeih mir, dass ich so spät noch störe. Ich denke seit etwa vierundzwanzig Stunden darüber nach, ob ich überhaupt etwas sagen soll, habe aber entschieden, dass ich es an deiner Stelle wissen wollen würde. Ich fürchte, deinem Großvater geht es nicht gut. Mit seiner Gesundheit ging es in den letzten Monaten bergab, und er ist ins örtliche Krankenhaus eingewiesen worden. Mum kümmert sich nach wie vor als Haushälterin um die Honeysuckle Farm. Er hat ihr gegenüber erwähnt, dass er dich gern ein letztes Mal sehen würde. Natürlich weiß ich, dass das unter den gegenwärtigen Umständen schwierig sein kann, aber ich dachte, du müsstest es trotzdem erfahren.

Wenn du beschließt zurückzukommen, dann denke daran: Hier bei mir ist immer ein Bett für dich frei. Ich würde mich sehr freuen, dich wiederzusehen.

Grace xx

»Weiß deine Mum davon?« Mit Augen, so groß wie Untertassen, schaute Molly mich an und setzte sich wieder auf ihre Füße.

Ich schluckte und schüttelte den Kopf.

»Du wirst ihr sagen müssen, dass du nach England zurückgehst. Du kannst nicht einfach packen und ohne ein Wort verschwinden.« Auf Mollys Lippen war ein Anflug eines Lächelns zu sehen. »Du musst dorthin, Alice.« Ihre Stimme brach, als sie mir den Laptop zurückgab und ich ihn langsam zuklappte. »Du musst deinen Großvater besuchen. Niemand lebt ewig, und Zeit ist kostbar.«

Ich wusste, dass Molly recht hatte, und auch wenn ich keineswegs die Absicht hatte, einfach zu packen und abzureisen, gefiel mir der Gedanke, Mum zu informieren, überhaupt nicht. Wie würde sie reagieren? Ich hatte keine Ahnung. Grandies Name war seit Jahren nicht mehr gefallen. Genau genommen gar nicht mehr seit dem Tag, an dem wir die Farm verlassen hatten. Allein der Gedanke daran drehte mir fast den Magen um.

»Keine Sorge, ich werde dir zur Seite stehen«, versicherte Molly mir und lächelte mich aufmunternd an.

»Danke, Mol, das bedeutet mir viel.«

»Bist du dir deiner Sache ganz sicher?«

Ich nickte. »Ganz sicher. Ich muss ihn wiedersehen. Das ist vielleicht meine letzte Gelegenheit.«

»Ich weiß.« Mollys Antwort war kaum lauter als ein Flüstern.

»Grace hätte mir diese Nachricht nicht geschickt, wenn es nicht ernst wäre. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich versuchen muss, die Angelegenheit zu bereinigen.«

»Wie meinst du das?«, fragte sie zaghaft.

»Ich habe Grandie geliebt. Ich liebe ihn immer noch. Aber als wir damals fortgingen, hatte ich keine Wahl, ich war ja erst zehn. Heute dagegen habe ich eine Wahl. Ich bin erwachsen, treffe meine eigenen Entscheidungen, und was immer zwischen ihm und Mum vorgefallen ist, hat nichts mit mir zu tun.«

Molly nickte verständnisvoll. »Hast du eine Ahnung, worum es bei dem Streit zwischen ihnen ging?«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf und spürte, wie ich bei der Erinnerung an jenen Tag zu zittern begann. »Ich habe nicht den leisesten Schimmer. Ich weiß nur, dass Grandie wütend war und schrie, sie habe ihn irgendwie hintergangen.« Der Schmerz von damals zuckte mir durch die Eingeweide, als ich nur an seine Worte dachte.

»Hast du viele Erinnerungen an England?«

Lächelnd nickte ich, und Wärme durchströmte mich beim Gedanken an das Zuhause meiner Kindheit. »Grandie lebt auf der Honeysuckle Farm, und wir wohnten in einem Anbau, der an das Farmhaus grenzte.« Bis zu diesem Moment war mir gar nicht klar gewesen, wie sehr ich ihn vermisste.

»Klingt großartig.«

»Das ist es.« Ich versetzte mich zurück in die Vergangenheit, stellte mir das dreistöckige Backsteingebäude mit den Holzbalken an der Decke und den riesigen steinernen Kaminen vor, in denen im Winter stets ein Feuer loderte. »Und hinterm Haus gab es eine geheime Wendeltreppe.«

»Sehr idyllisch, wie aus einem Liebesroman.«

Ich lächelte. Ja, die Honeysuckle Farm war idyllisch, umgeben von vielen Hektar Land mit Feldsteinmauern, Ponys und Hühnern. »Irgendwann musst du mich dort besuchen.«

»Das würde ich sehr gern tun.«

»Dann war da noch die Tanzschule, in der ich meine Liebe zum Ballett und Schauspiel fand. Mum war dort Lehrerin und half Grandie bei der Leitung der Tanzschule. Ursprünglich sollte sie sie ganz übernehmen, wenn Grandie sich aus dem Geschäft zurückzog.«

Molly zog sorgenvoll die Stirn kraus. »Weißt du, was daraus geworden ist? Gibt es sie noch?«

»Ich bin mir nicht sicher. Ich vermute, dass sie letztendlich geschlossen wurde.« Der Gedanke daran tat weh. Ich hatte Grace nie danach gefragt, ob die Tanzschule noch existierte, geschweige denn darüber nachgedacht, was mit ihr passiert war. Dabei hatte dieser kleine Ort doch den Traum in mir geweckt, eines Tages als Musicaldarstellerin auf der Bühne zu stehen. Ich hatte unglaublich gern dort getanzt.

»Wie schade.«

Ich nickte. »Brook Bridge würde dir gefallen. Es ist ein hübsches Dorf, ein idyllisches Nest mit entzückenden Teashops. Alles sehr urig.«

»Durch und durch englisch!«

Wärme durchströmte mich plötzlich, das Gefühl, dorthin zu gehören, ausgelöst durch meine Erinnerungen.

»Es war ein wunderbarer Ort, aber ich weiß nicht, wie es heute dort aussieht.« Und ich fragte mich, ob sich etwas verändert haben mochte, und wenn ja, wie viel.

Plötzlich schlug Mollys Stimmung um. Sie biss sich auf die Unterlippe und ließ den Blick sinken. »Wenn es auch sonst nichts gebracht hat, so hat dein Umzug hierher doch dafür gesorgt, dass wir uns kennengelernt haben.«

»Mol«, rief ich, »ich gehe doch nur für kurze Zeit zurück, höchstens für ein paar Wochen. Ich muss meine Akkus wieder aufladen. Ich glaube, ich brauche dringend einen Tapetenwechsel. Mit etwas Glück geht es mir anschließend besser, und ich bringe mein Leben auf die Reihe.«

»Gut, wann wirst du es Rose sagen?« Molly schien meine Gedanken lesen zu können.

Ich atmete aus und holte tief Luft. »Darüber denke ich gerade nach«, sagte ich, während mir die Sache durch den Kopf ging.

»Und wann willst du abreisen?«

»Ich schaue heute noch nach passenden Flügen. Eine Kreditkarte habe ich schon beantragt. Die ist gestern gekommen. Je schneller ich abreise, desto schneller bin ich wieder hier.«

»Alice Parker, ich werde die Tage bis zu deiner Rückkehr zählen.« Molly breitete die Arme aus, und ich ließ mich hineinfallen, drückte meine Freundin fest an mich.

Sosehr ich Molly auch vermissen würde, der Gedanke an eine Rückkehr nach England auf eigene Faust ließ einen ganzen Schwarm aufgeregter Schmetterlinge in meinem Bauch tanzen. Bot sich mir hier eine Chance, mein Leben wieder auf die Reihe zu bringen? Ich konnte es kaum erwarten, Grandie wiederzusehen und Grace und natürlich die Honeysuckle Farm. Das Einzige, was mir zu schaffen machte, war der Umstand, dass Mum ganz bestimmt nicht mitkommen würde.

2. Kapitel

Vierundzwanzig Stunden später hatte die warme Luft des frühen Abends die meisten Stadtbewohner aus ihren Wohnungen gelockt. Molly und ich saßen auf den bequemen Sitzen einer Dach-Jazzbar und genossen den Blick auf die riesigen Leuchtreklamen, die die Stadt erhellten. Der klare tiefblaue Himmel bildete den perfekten Hintergrund für die Wolkenkratzer, die im Abendlicht glitzerten. Ich liebte diese Bar, hier wurde Gipsy gespielt, es gab umwerfend raffinierte Cocktails, und obendrein war sie nur einen Katzensprung von dem Radiosender entfernt, in dem Molly arbeitete. Das Ambiente war absolut stimmig mit dem schwach beleuchteten Innenraum, den Pflanzen an den Wänden und den Lichterketten, die die Bar schmückten. Die Dachterrasse war klein und intim, auf der Eckbühne spielte eine Band.

Molly hatte mich dazu überredet, mit ihr auszugehen. Sie wollte zahlen, aber da ihr Freund Jay hier der Barmanager war, mussten wir sowieso nur selten für unsere Drinks bezahlen. Jay hatte uns unseren Lieblingstisch reserviert, und als er uns entdeckte, lächelte er und salutierte zu uns herüber.

Nur Sekunden später stand er mit zwei Prosecco-Cocktails auf einem runden silbernen Tablett an unserem Tisch.

»Wenn das kein Service ist.« Molly lächelte Jay liebevoll an und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Können wir eine Rechnung aufmachen?«

Er zwinkerte ihr zu. »Nicht, solange ich bediene. Ihr schenkt mir euer Lächeln, und ich schenke euch die Drinks«, erwiderte er mit fröhlich blitzenden Augen, bevor er mir rasch einen Kuss auf die Wange hauchte.

»Abgemacht«, antworteten Molly und ich wie aus einem Mund und mussten lachen.

Molly hatte Jay vor fast fünf Jahren in ebendieser Bar kennengelernt. Seitdem waren sie ein Paar und passten offenbar perfekt zueinander. Auch er war ein echter New Yorker, in der Stadt geboren und aufgewachsen. Sein Lächeln würde zu den Dingen zählen, die ich wirklich vermissen würde, wenn ich nach England zurückkehrte.

»Anstrengender Tag?«, fragte er, als er uns die Cocktails auf den Tisch stellte.

»Ja, die Radioshow hat heute Abend Spaß gemacht, und Missy hier …« Sie lächelte mir zu. »… hat ihre letzte Schicht als Putzfrau hinter sich gebracht und angefangen, ihren Koffer zu packen.«

»Häh?« Jay war sichtlich verwirrt.

»Ich wusste, dass du mir nicht zugehört hast, als ich es dir erzählt habe!« Scherzhaft knuffte Molly ihm in die Rippen.

»Was erzählt?! Ich höre immer zu«, meinte er augenzwinkernd, »aber vielleicht nicht unbedingt um drei Uhr morgens, wenn ich gerade geschafft von der Arbeit komme und nur noch schlafen möchte.«

»Hmm, dann ist dir das verziehen«, alberte Molly.

Jay wandte sich mir zu. »Wohin gehst du?«

»Ich mache eine Reise … zurück nach England.«

»Das hätte ich nicht erwartet.« Er zog eine Braue hoch und setzte sich auf die Armlehne meines Stuhls. »Gibt es dafür einen bestimmten Grund?«

»Mein Großvater ist krank, und es ist sehr lange her, dass ich ihn gesehen habe. Es kann durchaus sein, dass ich ihn zum letzten Mal sehe«, erläuterte ich und schenkte Jay ein trauriges Lächeln.

»Kommst du wieder?«

»Natürlich. Ich weiß im Moment noch nicht, wann, aber allzu lange werde ich nicht fortbleiben«, versprach ich.

»Du wirst mir fehlen, Mary Poppins.«

Ich musste lachen. Schon in dem Moment, in dem ich die Bar zum ersten Mal zusammen mit Molly betreten hatte, erriet Jay, dass ich Engländerin war. Im Laufe der Zeit hatte ich offensichtlich einen amerikanischen Akzent angenommen, aber der ursprüngliche englische war immer noch ein bisschen herauszuhören. Er nannte mich deshalb Mary Poppins, und dieser Spitzname war hängen geblieben.

»Du mir auch, Jay.«

»Wann reist du ab?«

»Übermorgen.«

Jay schwieg einen Moment, um diese Mitteilung zu verdauen. »So bald schon.« Ein Blick zu Molly, deren Augen inzwischen in Tränen schwammen. »Die Drinks gehen heute Abend definitiv auf meine Rechnung.« Zögernd berührte er meinen Arm, bevor er an die Bar zurückging.

Eine Weile schauten Molly und ich schweigend hinaus in den eindrucksvollen Nachthimmel und nippten gedankenversunken an unseren Cocktails. Dann brach sie das Schweigen.

»Mit wem soll ich trinken, wenn du fort bist?«

»Das klingt ja, als hättest du sonst keine Freunde! Dabei hast du doch einen ganzen Haufen davon beim Sender.« Ich lächelte sie an.

»Das ist aber nicht dasselbe, weißt du?« Schmollend schob sie die Unterlippe vor. »Du bist meine beste Freundin.«

»Ich werde erreichbar sein, am anderen Ende eines iPads, wir können uns per Facetime unterhalten, und ich werde im Handumdrehen wieder hier sein.« Die Worte klangen leer und nicht überzeugend, sie überzeugten nicht einmal mich selbst.

Molly deutete mit dem Zeigefinger auf mich. »Wehe, wenn nicht. Sonst komme ich und hole dich zurück.«

Obwohl wir beide lachten, war mir, als lastete eine Atmosphäre der Unsicherheit und Ungewissheit auf mir. Wollte ich wirklich in dieses Leben zurückkehren? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich an meiner Misere hier etwas ändern würde, solange in meinem Alltag alles beim Alten blieb.

Die Band in der Ecke war inzwischen in Schwung gekommen, und eine gut gelaunte Gruppe genoss den Anfang einer Nacht mit ein paar Cocktails an der Bar. Jay war damit beschäftigt, sie zu unterhalten und ihnen ihre Drinks zuzubereiten.

Molly musterte mich vorsichtig, während der Strohhalm ihres Cocktails vor ihren Lippen schwebte. »Möchtest du über heute Nachmittag reden?«, fragte sie. »Ich war überrascht, als ich deine SMS bekam.«

Ich schaute sie an, schluckte und spürte, wie mir das Blut aus den Wangen wich. Diese Frage hatte sie schon den ganzen Abend stellen wollen, so viel war mir klar.

»Ich hätte dich begleitet, weißt du«, fuhr sie fort, »du hättest das nicht allein durchstehen müssen.«

An diesem Nachmittag war ich so nervös gewesen wie noch nie in meinem Leben. Für eine Hauptrolle in einer Produktion vorzuspielen war eine Sache – da war ich immer nervös –, aber meiner Mum zu beichten, dass ich nach England reisen wollte, war eine ganz andere. Meine Hände waren schweißnass, mir war übel, und ich glaubte allen Ernstes, gleich ohnmächtig zu werden.

»Ich weiß, danke. Aber nachdem ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, sie zu besuchen, musste ich es auf der Stelle tun. Ich musste es so schnell wie möglich hinter mich bringen.«

»Und? Darf ich fragen, wie es war?« Molly lehnte sich zurück und musterte mich besorgt.

Mum hatte vor Freude gestrahlt, als sie mir die Tür öffnete, und kam mir dann gleich mit den üblichen Bemerkungen: dass sie mich nicht erwartet habe und dass ich entschuldigen müsse, wie es in der Wohnung aussehe. Natürlich war die Wohnung makellos sauber und ordentlich. Und dann, wie jedes Mal, wenn ich unerwartet auftauchte, folgte das ewig gleiche Spielchen – wenn sie gewusst hätte, dass ich komme, hätte sie Lebensmittel besorgt und so weiter und so fort. Ich wusste nur zu gut, dass sie ebenso zu kämpfen hatte, sich über Wasser zu halten. Oft hatte ich daran gedacht, wieder zu ihr zu ziehen, aber als ich aufs College ging, erlangte ich damit meine Unabhängigkeit. Ich wollte selbst entscheiden, was ich wie tat, musste mich entwickeln und reifen. Wieder zu ihr in die kleine Wohnung zu ziehen wäre für uns beide belastend geworden.

Ich leerte mein Glas. »Eins kannst du mir glauben: Das Thema Grandie auch nur anzuschneiden war schwierig. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, auf Eiern zu laufen. Schließlich habe ich ihr einfach auf meinem Smartphone die Nachricht gezeigt, die Grace mir geschickt hat.«

»Und?«

»Und sie hat eine Minute lang draufgestarrt und kein Wort gesagt. Dann hat sie weiter die frisch gewaschene Wäsche zusammengelegt, als hätte sie die Nachricht gar nicht gelesen.«

Ein verdutzter Ausdruck machte sich auf Mollys Gesicht breit. »Und dann?«

»Ich habe ihr gesagt, dass ich nach England reisen werde. Sie meinte darauf nur: ›Tu, was du tun musst.‹ Ich konnte sehen, dass die Sache sie nicht kaltließ, sie wurde blass, und Tränen stiegen ihr in die Augen, aber sie starrte nur auf ihre zitternden Hände. Es hat mich ziemlich aus der Fassung gebracht, sie so zu sehen.«

»Weiß sie, wann du abreist?«

Ich nickte. »Ja, das habe ich ihr gesagt. Sie stand auf, verschwand für eine Weile in ihrem Schlafzimmer, und ich konnte hören, dass sie in irgendwelchen Schränken wühlte. Dann kam sie zurück und hatte ein kleines blaues Büchlein in den Händen.«

»Was war das?«

»Ein Sparbuch …« Ich holte tief Luft. »Sie erzählte mir, dass Grandie schon, als ich noch ein kleines Mädchen war, Geld auf dieses Sparbuch für mich eingezahlt hatte. Ob er das immer noch tat, konnte sie nicht sagen, denn das Sparbuch konnte hier nicht aktualisiert werden, aber wenn ich erst mal in England bin, kann ich damit zur Bank gehen, den Kontostand überprüfen und Geld abheben.«

»Wie viel ist darauf?«, fragte Molly.

»Fünftausend Pfund, aber das ist der Stand von vor dreizehn Jahren.«

Ich war völlig baff, als ich das Sparbuch zum ersten Mal aufschlug, schließlich hatte ich nicht einmal geahnt, dass Grandie für mich ein Sparkonto angelegt hatte. Mum erklärte, sie habe bisher nichts davon gesagt, weil sie kein Geld von ihm annehmen wollte. Außerdem wusste sie nicht, ob und wie man mit dem altmodischen Sparbuch Geld abheben konnte. In England jedoch sollte das Problem für mich leicht zu lösen sein. Das Geld gehörte mir, und ich brauchte nur meine Geburtsurkunde und meinen Führerschein als Identitätsnachweis.

Molly stieß einen leisen Pfiff aus. »Das ist ja mal eine Überraschung.«

Ich nickte. »Ehrlich gesagt hätte sie zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen können. Und das bedeutet, dass ich meinen Flug nicht mit Kreditkarte bezahlen muss. Du weißt, dass solche Dinge mir Angst machen, und die Schuldzinsen summieren sich schnell.«

»Ja«, nickte Molly, »aber mit diesem Geld kannst du dein Kreditkartenkonto schnell ausgleichen, und dir bleibt noch genug Geld für den Heimflug.«

»Richtig.« Ich lächelte. »Ich habe Mum sogar gebeten mitzukommen, aber sie schüttelte nur den Kopf.«

»Hast du versucht, sie umzustimmen?«

»Natürlich habe ich das, aber sie ließ einfach nicht mit sich reden. Sie sagte, ich solle das Thema ruhen lassen, wiederholte, ich sollte tun, was ich tun müsse, und stand dann auf, um weiter die Wäsche zusammenzulegen. Dabei wirkte sie wie in Trance. Es war, als hätte ich überhaupt nichts gesagt.«

Nachdem ich Mum informiert hatte, fühlte ich mich um eine zentnerschwere Last erleichtert. Trotzdem machte ich mir Sorgen um sie. Sie wirkte so angespannt, so gebrochen; ganz so, als trage sie die Last der Welt auf ihren Schultern. Ich war mir darüber im Klaren, dass ich sie nicht weiter drängen durfte, aber eines Tages, das nahm ich mir fest vor, würde ich das Geheimnis lüften, das uns aus England vertrieben hatte.

»Das muss ein grauenvoller Streit gewesen sein«, meinte Molly.

»Das war es, und es gibt nur zwei Menschen, die wissen, worum es dabei ging, nämlich Mum und Grandie. Mum redet nicht – hat sie nie getan –, aber ich sehe, dass sie leidet. Sie vermisst ihn bestimmt auch.«

»Verletzter Stolz.«

»Verbohrter Stolz. Wie kann man es nur so weit kommen lassen?«

»Ich weiß nicht recht, aber eins habe ich in meinem Leben gelernt: Es gibt nichts Merkwürdigeres als Streitereien innerhalb der Nachbarschaft und innerhalb der Familie.«

Ich wusste, dass der Streit, den ich beobachtet hatte, sehr heftig gewesen war und die Familie gespalten hatte, aber das Ganze war mir immer noch ein Rätsel. Wir hatten ein gutes Leben auf der Farm, alles war friedlich und ruhig gewesen, und wir hatten beide eine wertvolle und enge Beziehung zu Grandie – bis zu jenem Tag.

In New York hatte Mum viele verschiedene Jobs angenommen, genau wie ich. Überwiegend Jobs, die sie verabscheute, mit Arbeitszeiten jenseits von Gut und Böse. Jedoch verdiente sie genug Geld damit, um uns zu ernähren. Nach außen wahrte sie allen gegenüber den Schein, aber ich wusste, dass sie in Wahrheit niedergeschlagen war und die Lebensfreude verloren hatte, die sie in England stets ausgestrahlt hatte.

Dort war sie eine geachtete Tanzlehrerin gewesen und hatte im Familienunternehmen gearbeitet. Jedes Jahr choreografierte sie das Dorffest. Die Dorfkinder wie auch die älteren Herrschaften waren in ihre Tanzstunden geströmt und hatten voller Begeisterung daran teilgenommen. Natürlich vermisste sie ihr Leben in England. Wenn ich nur die Zeit zurückdrehen könnte zu dem Tag vor dem Streit, dann wäre unser beider Leben vermutlich anders verlaufen.

Mehr als ein schwaches Nicken brachte ich nicht zustande. »Was, wenn er stirbt, Mol, und sie hat sich nicht mit ihm ausgesöhnt?« Bei dem bloßen Gedanken daran kamen mir schon wieder die Tränen. »Wie soll sie damit leben?«

Molly sprang auf und nahm mich fest in die Arme. »Quäl dich nicht mit solchen Fragen. Die Entscheidung liegt bei ihr. Du hast sie gebeten, mit dir nach England zu kommen, und sie hat Nein gesagt. Was könntest du mehr tun? Es ist ihre Entscheidung. Du tust das Richtige, tust, was du tun musst. Das ist das Einzige, was zählt«, versicherte sie mir, aber es half nichts. Es beunruhigte mich immer noch, Mum allein in Amerika zu lassen. Ich wünschte mir so sehr, dass sie mitkäme.

»Du wirst mir fehlen, Molly.«

»Jetzt werde bloß nicht sentimental, sonst fange ich an zu weinen«, warnte sie mich. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber ihre Stimme drohte zu brechen.

»Hey, ihr beiden, in meiner Bar wird nicht geflennt.«

Plötzlich stand Jay an unserem Tisch. »Und eure Gläser scheinen leer zu sein«, fügte er grinsend hinzu und präsentierte uns zwei weitere Gläser, gefüllt mit einem perlenden Prosecco-Cocktail. Er sammelte die beiden leeren Gläser ein und stellte sie auf sein Tablett.

»Weißt du, Jay, du bist der beste Barkeeper der ganzen Stadt«, meinte Molly und zwinkerte ihm zu.

»Danke, Jay, du bist ein Superstar«, ergänzte ich mit tränenerfülltem Lächeln.

»Nimmst du mich in die Arme, Ms. Poppins, bevor du abreist?«

»Natürlich tue ich das.« Ohne zu zögern, stand ich auf.

Jay drückte mich fest an sich. »Beeil dich mit deiner Rückkehr. Nicht nur Molly wird dich vermissen.«

»Kümmere dich gut um sie, während ich fort bin.«

Ich nickte zu Molly hinüber, die sich bemühte, ihre Tränen wegzublinzeln.

»Das werde ich ganz sicher«, erwiderte er und breitete die Arme aus. »Kommt schon, Umarmung zu dritt. Und wenn du wiederkommst, werde ich meine beiden Lieblingsladys groß ausführen.«

»Dafür lohnt sich das Wiederkommen doch«, sagte ich lächelnd. Ich gab mir Mühe, trotz meiner Tränen tapfer zu erscheinen, aber ich wusste nur zu gut, wie unwahrscheinlich es war, dass ich schon bald wieder hier sein würde.

3. Kapitel

Ich lag mit meinem geöffneten Notebook auf dem Bett und scrollte durch meine Nachrichten. Es war nichts besonders Interessantes dabei. Nur ein paar E-Mails, die Vorsprechen für diverse Rollen betrafen, und Newsletter-Mitteilungen zu demnächst anlaufenden Broadway-Shows, die ich abonniert hatte. Seufzend klickte ich den Button, um das Abonnement zu beenden. Welchen Sinn hatte es, mich selbst damit zu quälen, dass ich diese E-Mails las? Schließlich kamen doch immer nur neue Absageschreiben dabei heraus.

Nach dem Einloggen bei Facebook klickte ich auf das Profil meiner Freundin Grace, die ein Portfolio des Erfolgs hatte, verglichen mit meiner eigenen enttäuschenden Timeline. Zurzeit spielte sie eine Hauptrolle im Musical Mamma Mia in Birmingham. Ich hatte in den letzten Jahren ihre Karriere verfolgt und staunte nur darüber, wie gut sie sich machte. Sie lebte den Traum – unseren Traum –, den wir als kleine Kinder geteilt hatten, als beste Freundinnen. Natürlich freute ich mich für sie, aber ein ganz klein wenig beneidete ich sie auch um die Rollen, die sie gespielt hatte – und um ihren Erfolg.

Mir fiel auf, dass sie ein neues Fotoalbum hochgeladen hatte: sie und die gesamte Besetzung des Musicals bei einem gemeinsamen Drink. Sie sah umwerfend aus, ihre gewellten rostroten Haare berührten gerade so ihre Schultern, und ihre Augen strahlten. Das Cath-Kidston-Kleid mit Blumenmuster, zu dem sie einen Vintage-Cardigan mit Bogenkanten trug, wirkte wie aus einer Modezeitschrift. Auf den Fotos stand sie mit verschiedenen Leuten zusammen, einen Drink in der Hand und stets ein perfektes Lächeln auf den Lippen. Beiläufig klickte ich mich durch das Album, kannte außer ihr aber niemand anderen. Sie alle trugen diesen makellosen, polierten West-End-Look, zeigten ein strahlendes Lächeln und waren perfekt frisiert.

Als mein Blick das nächste Foto erfasste, stellten sich mir die Nackenhaare auf, und eine Gänsehaut lief mir über den Rücken. Ich starrte in ein Paar hypnotisierend dunkelbraune Augen und ein fast symmetrisches Gesicht. Dieser Mann ließ mich zu meiner Überraschung restlos erstarren.

»Ohne Zweifel ein verdammt gut aussehender Mann«, murmelte ich in mich hinein. Er verschlug mir den Atem, und ich beugte mich vor, um den Namen zu lesen, der unter seinem Foto stand: Sam Reid.

»Genauer gesagt: geradezu orgasmisch gut.« Mir war klar, dass ich Selbstgespräche führte, aber ich konnte den Blick nicht von dem Foto abwenden. Immer noch starrte ich das Gesicht an und spürte, wie eine Hitzewelle meinen Körper erfasste. Irgendetwas in mir war plötzlich erwacht. Ich war ganz einfach hin und weg von ihm. Seine Augen blickten so sanft, sein Lächeln war so freundlich, dass er mich geradezu magisch in seinen Bann zog. Er bewegte sich auf dem schmalen Grat zwischen gut aussehend und ausgesprochen sexy. Es war nur ein Foto von einem Menschen, dem ich noch nie begegnet war, aber ich spürte eine spontane Verbindung, ein Gefühl, das ich schon sehr lange nicht mehr erlebt hatte.

»Mit wem redest du?«, fragte Molly, die plötzlich grinsend in der Tür stand. »Muss ich die Männer in den weißen Jacken rufen?«

Obwohl ich Molly erwartet hatte, fuhr ich zu Tode erschrocken zusammen. »Haha, sehr witzig. Ich habe nur Selbstgespräche geführt, so wie du auch oft«, gab ich lächelnd zurück. »Eigentlich schaue ich mir nur die Fotos an, die Grace gestern Abend hochgeladen hat«, fügte ich hinzu und scrollte zurück zum ersten Foto.

Molly deutete auf den Bildschirm und setzte sich neben mich. »Ihr Kleid gefällt mir – durch und durch englisch.«

»Sie versteht es, sich zu kleiden.«

»Und wer ist das?« Molly riss die Augen auf und deutete mit dem Finger auf genau das Foto, das auch mir aufgefallen war.

»Laut Facebook heißt er Sam Reid.«

Ich schaute mir das Foto noch einmal näher an. Er stand neben Grace, hatte ihr einen Arm um die Schulter gelegt und trug ein ausgeblichenes Vintage-T-Shirt und Levi’s-Jeans.

»Ich hätte nichts dagegen, mich an diese Brust zu werfen«, meinte Molly und verdrehte die Augen.

»Molly! Du bist vergeben«, erwiderte ich leicht verschnupft, obwohl mir klar war, dass sie nur scherzte und Sam Reid am anderen Ende der Welt lebte. Außerdem wussten wir ja gar nicht, ob er mit jemandem liiert war oder nicht.

»Dieses T-Shirt sitzt ja wie angegossen. Betont … nun ja, sämtliche Muskeln, und diese Augen, das verwuschelte braune Haar …« Sie legte den Kopf schräg und drückte ihre Hand verträumt auf ihr Herz.

»Er gehört dir, Molly. Stalke ihn, so viel du willst, während ich noch mal im Bad verschwinde.« Ich stand auf und stieg über meinen gepackten Koffer, bevor ich einen Blick auf die Uhr warf. »Die Zeit rennt, in fünfzehn Minuten kommt mein Taxi.« Gemischte Gefühle machten sich bemerkbar, einerseits war ich traurig, Molly zurücklassen zu müssen, andererseits war mir klar, dass das Leben mir in letzter Zeit keine neuen Herausforderungen bot. In nur wenigen Stunden würde ich einmal um die halbe Welt fliegen, und wer weiß, was mein Abenteuer für mich bereithielt? Bei dem Gedanken keimte ein wenig Vorfreude in mir auf.

»Ich weiß. Ich will aber nicht daran denken, und dieser Sam Reid wird uns helfen, die Zeit herumzubringen, bis du ins Land der Bauernhöfe und der Leute, die wie die Queen reden, abdüst«, meinte Molly, bemüht, das Ganze mit englischem Akzent zu sagen. Dann zog sie den Laptop zu sich heran und beugte sich über den Bildschirm.

»Nicht jeder hat dort denselben Akzent wie die Queen, weißt du«, klärte ich sie lächelnd auf und verschwand im Bad.

»Er arbeitet in derselben Produktion wie Grace«, rief sie mir nach, »sagt sein Facebook-Profil, aber ich kann nicht sehen, ob er alleinstehend ist oder nicht. Er gibt seinen Beziehungsstatus nicht an.«

»Nicht jeder breitet sein ganzes Leben öffentlich auf Facebook aus, weißt du.« Ich grinste mein Spiegelbild an, während ich auf Mollys Protest wartete.

»Soll das etwa eine Anspielung sein?«, rief sie beleidigt, obwohl ihr durchaus bewusst war, dass sie sich in jeder Bar auf Facebook einloggte und ihr Leben dokumentierte, als wäre es eine Reality-Show im Fernsehen.

»Es gibt da so ein Sprichwort in England: Wem der Schuh passt, der muss ihn auch tragen.«

»Lustige Redewendungen habt ihr, aber … oh nein!«, rief sie genau in dem Moment, als ich das Zimmer wieder betrat.

»Was hast du getan?«, fragte ich, weil mir das schadenfrohe Glitzern in ihren Augen nicht entging.

Sie tat unschuldig. »Ich hoffe, es macht dir nichts aus, aber ich habe beim Scrollen durch sein Profil aus Versehen eine Freundschaftsanfrage abgeschickt.«

»Oh Gott! Sag mir, dass du das nicht getan hast!« Hastig schaute ich auf den Bildschirm.

»Er wird keinen blassen Schimmer haben, wer ich bin!«, gab ich mich entrüstet. Insgeheim war ich aber neugierig, ob er bemerken würde, dass ich mit Grace befreundet war, und die Anfrage deshalb annehmen würde. Ich klappte meinen Laptop zu und verstaute ihn in meiner Tasche.

»Ich habe das Gefühl, das wird eine sehr interessante Reise ins kleine alte England! Ich werde jeden deiner Schritte stalken, Alice Parker, und dich dabei entsetzlich vermissen!«

Spielerisch schlug ich nach ihrem Arm. »Wenn ich in England angekommen bin, wirst du feststellen, dass ich dich in all meinen sozialen Netzwerken geblockt habe.«

»Spielverderberin«, erwiderte sie lachend und verdrehte die Augen. »Manchmal sind Engländer grässlich verklemmt!«

4. Kapitel

Ich holte tief Luft, bezahlte den Taxifahrer und stieg aus. Meinen Rollkoffer zog ich hinter mir her, den Rucksack über eine Schulter geworfen. Mein erstes Etappenziel hatte ich erreicht, Newark Airport. Der Schwall klimatisierter Luft im Terminalgebäude bot eine willkommene Erleichterung nach der brütenden Hitze draußen. Zugleich spürte ich einen Stich von Traurigkeit, als ich durch die Drehtüren trat.

Mich begleitete ein ungutes Gefühl in Bezug auf Mum. In der Hoffnung, sie sei doch gekommen, um mich zu verabschieden, hatte ich beim Einsteigen ins Taxi noch einen letzten Blick über meine Schulter geworfen, aber sie war nirgends zu sehen. Ich hatte ihr eine SMS geschickt, um sie darüber zu informieren, dass ich unterwegs zum Flughafen war. Es erleichterte mich ein wenig, als sie antwortete und mir eine gute Reise wünschte und mir sagte, dass sie mich liebte.

Ich schob meine Sonnenbrille auf den Kopf und warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Da ich sehr früh zum Flughafen gefahren war, würde ich genug Zeit haben, um mich zu entspannen und meine Nervosität abzubauen, nachdem ich eingecheckt hatte.

Zum Glück zeigte mir ein Blick auf den Bildschirm mit den Abflugzeiten, dass der Flug nach Manchester pünktlich starten würde. Bisher war ich erst einmal geflogen, und das war der Flug vor dreizehn Jahren von England nach Amerika gewesen. Dennoch hatte ich dafür gesorgt, dass mein Pass seine Gültigkeit nie verlor, denn tief in meinem Innersten hatte ich immer gewusst, dass ich eines Tages nach England zurückkehren würde.

Im Terminalgebäude herrschte reges Treiben: Die Leute eilten über die glänzenden weißen Bodenfliesen, zogen ihre Rollkoffer hinter sich her, schauten auf ihre Armbanduhren, tippten auf ihren Smartphones herum. Überall schienen blankes Chaos und unterschwellige Panik zu herrschen. Zwei gläserne Aufzüge führten zu den oberen Ebenen, und überall gab es Verkaufsstände, in denen abgekämpfte Kassierer ihren Dienst taten. Ich kaute auf meiner Unterlippe und sah mich verwirrt um. Vor Nervosität war mir leicht übel, und ich hatte keine Ahnung, wohin ich gehen und was ich tun musste.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?« Peinlich berührt schaute ich auf und sah einen Flughafenangestellten vor mir, der mich freundlich anlächelte.

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