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Wintermärchen in Virgin River

Als Buch hier erhältlich:

Die Bücher zur beliebten Netflix-Serie

Letzte Weihnachten verlor Marcie Sullivan ihren geliebten Mann Bobby. Dieses Jahr sucht sie nach dem Menschen, der es ihr ermöglichte, sich von Bobby zu verabschieden. Im verschneiten Virgin River spürt sie Ian Buchanan auf. Obwohl der Empfang frostig ist, lässt Marcie sich nicht so leicht in die Flucht schlagen. Offenbar hat auch Ian Schlimmes erlebt und trägt eine schwere Last mit sich herum. Können sie gemeinsam die Vergangenheit bewältigen? Immerhin werden in Virgin River manchmal Weihnachtswunder wahr …

»Robyn Carr ist eine bemerkenswerte Geschichtenerzählerin.«


The Library Journal



  • Erscheinungstag: 22.09.2020
  • Aus der Serie: Virgin River
  • Bandnummer: 4
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745701036

Leseprobe

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

als man mich bat, eine Wintergeschichte zu schreiben, die in Virgin River spielen sollte, fühlte ich mich sehr geehrt, zumal in meiner Vorstellung das Weihnachtswunder mit diesem besonderen Ort bedeutungsgleich ist. Virgin River ist für mich ein Ort der Freundlichkeit und Freundschaft, der Liebe und der Magie.

In dieser Geschichte werden Ihnen Ian und Marcie begegnen, zwei tapfere Menschen, die in ihrem jungen Leben viel zu viele Stürme überstanden haben. Beide brauchen zwei Dinge, die ihnen helfen werden, Frieden und Glück zu finden, und das sind Vertrauen und Liebe. Vieles aus ihrer Vergangenheit verbindet sie bereits, gleichzeitig lernen sie sich aber gerade erst kennen. Und was sie in ihrer erneuerten Bekanntschaft finden, könnte sie dem Frieden und der Heiterkeit, die sie beide so dringend benötigen, ein Stück näher bringen.

Die Virgin-River-Romane sind sämtlich Teil einer fortlaufenden Reihe, und Wintermärchen in Virgin River ist eine spezielle Zugabe zu dieser Serie. Auch wenn viele der bekannten Figuren aus Virgin River in diesem Buch mitspielen, müssen Sie nicht die ersten drei Bände gelesen haben, um sich hier zurechtzufinden. Aber alle Leser, die von Anfang an dabei sind und geduldig auf dieses nächste Buch gewartet haben, möchte ich in den Zeitrahmen versetzen: Wintermärchen in Virgin River spielt nur wenige Wochen vor Weihnachten – mitten im Geschehen von Happy End in Virgin River, dem dritten Band der Serie.

Für uns alle kann Weihnachten vieles bedeuten. Für Marcie und Ian, zwei Menschen, die es am ehesten verdient haben, wollte ich eine ganz besondere Zeit erschaffen.

Es war mir eine besondere Ehre, diese Geschichte zu kreieren. Ich hoffe, sie wird Ihnen gefallen.

Mit den besten Wünschen für Sie und Ihre Lieben

Robyn Carr

PROLOG

Marcie stand neben ihrem limonengrünen Volkswagen und zitterte in der Novemberkälte, denn die Morgensonne hatte sich gerade erst über dem Horizont blicken lassen. Ihr Wagen war gepackt und sie wollte aufbrechen. Sie war ebenso aufgeregt, wie sie sich vor diesem Vorhaben fürchtete. Auf dem Rücksitz stand eine kleine Kühltasche mit Snacks und Limonaden. Im Kofferraum hatte sie eine Kiste Wasser verstaut, und auf dem Beifahrersitz lag eine Thermoskanne mit Kaffee. Sie hatte einen Schlafsack mitgenommen, für den Fall, dass die Bettwäsche in einem der Motels ihren Ansprüchen nicht gerecht würde; an Kleidung hatte sie vor allem Jeans, Sweatshirts, dicke Socken und Stiefel in ihre Reisetasche gepackt, alles geeignet, um kleine Bergdörfer abzuklappern. Sie war ganz kribbelig, endlich aufbrechen zu können, aber ihr jüngerer Bruder Drew und ihre ältere Schwester Erin zögerten den Abschied hinaus.

»Hast du alle Telefonkarten dabei, die ich dir gegeben habe? Für den Fall, dass du mal keinen Handyempfang hast?«, fragte Erin.

»Habe ich.«

»Hast du auch wirklich genug Geld?«

»Ich werde zurechtkommen.«

»In weniger als zwei Wochen ist Thanksgiving.«

»So lange wird es kaum dauern«, versprach Marcie, denn hätte sie etwas anderes gesagt, würde die ganze Auseinandersetzung von vorne losgehen. »Ich rechne damit, dass ich Ian ziemlich schnell finden werde, denn ich glaube, dass ich ungefähr weiß, wo er sich aufhält.«

»Überleg es dir noch mal, Marcie«, flehte Erin in einem letzten Versuch. »Ich kenne ein paar der besten Privatdetektive der Branche – die Anwaltskanzlei arbeitet ständig mit ihnen zusammen. Wir könnten Ian ausfindig machen und ihm die Sachen, die du ihm zukommen lassen willst, schicken.«

»Das haben wir doch bereits besprochen«, erwiderte Marcie. »Ich will ihn sehen, mit ihm reden.«

»Wir könnten ihn doch erst einmal finden, und dann könntest du …«

»Sag du es ihr, Drew«, wandte Marcie sich an ihren Bruder.

Drew holte Luft. »Sie wird ihn finden, mit ihm reden, herausfinden, was mit ihm los ist, Zeit mit ihm verbringen, ihm die Baseballkarten geben, ihm den Brief zeigen, und dann wird sie nach Hause kommen.«

»Aber wir könnten …«

Marcie legte ihrer älteren Schwester eine Hand auf den Arm und sah sie mit einem entschlossenen Blick aus ihren grünen Augen an. »Hör auf damit. Ich komme in meinem Leben nicht weiter, wenn ich es nicht mache, und ich werde es auf meine Weise tun, nicht auf deine. Wir haben genug darüber geredet. Ich weiß, dass du es für dumm hältst, aber es ist das, was ich tun werde.« Sie beugte sich vor und gab Erin einen Kuss auf die Wange. Erin, die so völlig anders war als Marcie – gepflegt, schön, vollendet und kultiviert –, war wie eine Mutter für Marcie, seit sie ein kleines Mädchen war, und es fiel ihr schwer, das Bemuttern aufzugeben. »Mach dir keine Sorgen. Es gibt nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest. Ich werde vorsichtig sein. Und ich werde nicht lange bleiben.«

Dann gab sie Drew einen Kuss auf die Wange und sagte: »Kannst du ihr nicht Xanax oder so etwas besorgen?« Drew studierte Medizin und – nein –, er durfte keine Rezepte ausstellen.

Er lachte, legte die Arme um Marcie und drückte sie einen Moment lang fest an sich. »Mach schnell, und sieh zu, dass du es hinter dich bringst. Erin wird mich wahnsinnig machen.«

Marcie fixierte Erin mit schmalen Augen. »Lass ihn in Ruhe. Es war meine Idee, und ich werde zurück sein, bevor du es überhaupt bemerkst.«

Dann setzte sie sich in den Wagen und ließ die beiden an der Bordsteinkante vor dem Haus zurück, während sie davonfuhr. Bis zur Autobahn schaffte sie es noch, dann merkte sie, wie ihr die Tränen in den Augen brannten. Sie wusste, dass sie ihren Geschwistern Sorgen bereitete, aber sie hatte keine andere Wahl.

Es war nun beinahe ein Jahr her, dass Marcies Mann Bobby kurz vor Weihnachten im Alter von sechsundzwanzig Jahren gestorben war. Der Tod kam nach mehr als drei Jahren, die er in Krankenhäusern und zuletzt in einem Pflegeheim zugebracht hatte – hoffnungslos gelähmt und hirngeschädigt. Die Verletzungen hatte er sich zugezogen, während er als Marine im Irak diente. Ian Buchanan war sein Sergeant und bester Freund gewesen, ein Marine, der sich laut Bobby für zwanzig Jahre verpflichtet hatte. Aber kurz nachdem Bobby verwundet worden war, hatte Ian das Marine Corps verlassen und seitdem nichts mehr von sich hören lassen.

Marcie hatte gewusst, dass Bobby sich von seinen Verletzungen niemals erholen würde. Sie hatte seinen Verlust schon lange, bevor er wirklich starb, betrauert und hatte erwartet, eine Art Erleichterung zu empfinden, als es schließlich so weit war – zumindest für ihn. Sie hatte geglaubt, mehr als bereit zu sein, ein neues Leben zu beginnen, ein Leben, das sie jahrelang zurückgestellt hatte. Als Witwe im zarten Alter von siebenundzwanzig Jahren hatte sie noch reichlich Zeit für Dinge wie Ausbildung, Flirten, Reisen. So viele Möglichkeiten. Aber jetzt war es bald ein Jahr her, und sie steckte fest. Sie war einfach unfähig, weiterzugehen. Und sie wunderte sich ständig darüber, weshalb der Mann, den Bobby wie einen Bruder geliebt hatte, völlig von der Bildfläche verschwunden war, ohne jemals anzurufen oder zu schreiben. Er hatte sich seinen Brüdern aus dem Corps und seinem Vater entfremdet. Und er hatte sich ihr entfremdet, der Frau seines besten Freundes.

Und dann waren da noch diese Baseballkarten. Selbst wenn sie ihre Vorstellungskraft noch so sehr bemühte, Marcie fiel nichts ein, das ihre Schwester, die Juristin, lächerlicher finden könnte als Marcies Bedürfnis, dafür zu sorgen, dass Ian Bobbys Baseballkarten erhielt. Aber seitdem sie Bobby mit vierzehn Jahren kennengelernt hatte, wusste sie, wie besessen er von seiner Sammlung war. Es gab keinen Spieler oder Star, an den Bobby sich nicht erinnern konnte. Später hatte sich herausgestellt, dass auch Ian ein Baseballfanatiker war und seine eigene Sammlung besaß. Aus Bobbys Briefen wusste sie, dass die beiden davon gesprochen hatten, miteinander zu tauschen.

In den Wüsten und Städten des Iraks, während sie Aufständische verfolgten und sich wegen Selbstmordattentätern und Heckenschützenfeuer Sorgen machten, hatten Bobby und Ian sich darüber unterhalten, Baseballkarten zu tauschen. Es war surreal.

Dann war da noch dieser Brief, den Bobby ihr aus dem Irak geschrieben hatte, kurz bevor er verwundet wurde. Alles drehte sich um Ian und darum, wie stolz Bobby wäre, wenn er sein könnte wie Ian. Er war das Bild eines Marines – der Kerl, der mit seinen Männern durch die Scheiße ging, sie mit Kraft und Mut anführte, sie niemals hängen ließ, alles mit ihnen durchstand, ob sie nun bis zur Halskrause in Kämpfen steckten oder wegen eines Abschiedsbriefs von zu Hause weinten. Er war ein lustiger Kerl, der sie alle zum Lachen brachte, aber er war auch ein strenger Sergeant, der sie hart arbeiten, lernen und alle Regeln buchstabengetreu befolgen ließ, um sie auf der sicheren Seite zu halten. In diesem Brief hatte Bobby ihr gestanden, dass er auf ihre Unterstützung hoffte, sollte er sich entschließen, ebenfalls Berufssoldat zu werden. So wie Ian Buchanan es einer war. Wenn er nur halb der Mann sein könnte, der Ian war, wäre er verdammt stolz. Alle Männer sahen in Ian einen Helden, jemanden, der dabei war, zur Legende zu werden. Marcie war nicht sicher, ob sie sich von dem Brief würde trennen können, auch wenn sich darin alles nur um Ian drehte. Aber er sollte es wissen. Ian sollte wissen, was Bobby für ihn empfunden hatte.

In dem Jahr, nachdem Bobby einen ruhigen und friedvollen Tod gefunden hatte, hatte sie seinen Geburtstag, ihren Hochzeitstag und jeden Feiertag überstanden. Und doch gab es da immer noch diese unerledigte Sache. Es fehlte ein großer Teil; etwas, das noch gelöst werden musste.

Ian hatte Bobby das Leben gerettet. Zwar hatte Bobby es nicht gesund überlebt, aber dennoch – Ian hatte dem Tod die Stirn geboten, um ihn an einen sicheren Ort zu tragen. Und dann war Ian verschwunden. Es war wie ein Haken, an dem man ständig hängen blieb; sie konnte es nicht hinnehmen. Konnte es nicht einfach lassen.

Marcie besaß nicht viel Geld; seit fünf Jahren hatte sie dieselbe Stelle als Sekretärin, eine gute Arbeit mit guten Kollegen, aber mit einer Bezahlung, die keine Familie ernährte. Sie hatte Glück gehabt, dass ihr Boss ihr die Zeit ließ, die sie brauchte, nachdem Bobby verwundet worden war. Erst war sie nach Deutschland gereist, dann nach Washington, D. C., um bei ihm zu sein. Die Ausgaben waren enorm gewesen, viel mehr, als ihr Gehalt verkraften konnte. Bobby hatte als einfacher Marine im dritten Dienstjahr weniger als fünfzehnhundert Dollar im Monat verdient. Sie hatte ihre Kreditkarten bis zum Maximum überzogen, obwohl Erin und Bobbys Familie angeboten hatten, ihr zu helfen. Am Ende hatte seine militärische Lebensversicherung sich nicht damit übernommen, diese Rechnungen zu begleichen, und auch die Hinterbliebenenrente für die Witwe war nicht berauschend.

Es war schon ein Wunder, dass sie ihn überhaupt nach Chico heimholen konnte. Ein Wunder, das vermutlich allein Erins Hartnäckigkeit zu verdanken war. Tatsächlich war es so, dass viele Familien von Kriegsopfern, die mit einer hundertprozentigen Behinderung in Langzeitpflegeeinrichtungen untergebracht waren, umzogen, um dem Patienten nahe zu sein, weil die Regierung sie nicht zu ihnen nach Hause schicken wollte oder konnte. Aber Erin hatte es geschafft, Bobby in das zivile Kranken- und Gesundheitsversorgungsprogramm der uniformierten Dienste – CHAMPUS – einzuschleusen, das für ein privates Pflegeheim in Chico die Kosten übernahm. Die meisten Soldaten hatten kein solches Glück. Es war ein kompliziertes System, das nun durch die vielen Opfer extrem belastet war. Erin hatte sich um alles gekümmert. Sie hatte ihr außerordentliches Juristenhirn eingesetzt, um das Bestmögliche an Unterstützungen und Zahlungen zu erhalten, das das Corps zu bieten hatte. Erin wollte verhindern, dass Marcie sich zusätzlich zu allem anderen auch noch um Geld Sorgen machen musste. Sie hatte alles geregelt und sogar sämtliche Rechnungen im Haushalt bezahlt. Obendrein hatte sie es dann auch noch irgendwie geschafft, die Kosten für Drews Medizinstudium aufzubringen.

Aus diesem Grund konnte Marcie für ihre Exkursion keinen Penny von ihrer Schwester annehmen. Erin hatte ihr bereits so viel gegeben. Drew verfügte zwar über etwas Taschengeld, aber als armer Medizinstudent besaß er nicht viel. Es wäre sehr viel praktischer gewesen, bis zum Frühling zu warten und die Zeit bis dahin zu nutzen, etwas Geld beiseitezulegen, bevor sie sich aufmachte, Ian Buchanan in den kleinen Orten und Bergen im Norden Kaliforniens zu suchen. Aber je näher der Jahrestag von Bobbys Tod und Weihnachten rückten, desto größer wurde die Sehnsucht in Marcie, die Sache ein für alle Mal hinter sich zu bringen. Wäre es nicht schön, dachte sie immer wieder, wenn alle Fragen beantwortet wären und der Kontakt vor den Feiertagen wiederhergestellt sein könnte?

Marcie wollte Ian finden. Um den Geistern ihren Frieden zu geben. Anschließend könnten sie dann alle ihr Leben weiterleben …

1. KAPITEL

Als Marcie Sullivan in den kleinen Ort fuhr – das sechste Bergdorf an diesem Tag –, geriet sie mitten in ein Weihnachtsbaumschmücken, und wie es aussah, war der versammelte Arbeitstrupp dem Job nicht gewachsen, denn der Baum war riesig.

Sie hielt vor einem großen Holzhaus mit breiter umlaufender Veranda, parkte ihren Volkswagen und stieg aus. Es waren drei Frauen, die sich mit der etwa neun Meter hohen Weihnachtsfichte beschäftigten. Eine davon war ungefähr in Marcies Alter. Sie hatte weiches braunes Haar und hielt eine offene Schachtel in Händen, die wahrscheinlich Baumschmuck enthielt. Eine ältere Frau mit federndem weißen Haar und schwarz gerahmter Brille zeigte nach oben, als wäre sie die Leiterin der Aktion. Und eine dritte, eine hübsche Blondine, stand ganz oben auf einer hohen Standleiter.

Der Baum befand sich zwischen dem Holzhaus und einer alten, mit Brettern verschlagenen Kirche, die zwei hohe Türme besaß und ein einziges noch intaktes Buntglasfenster. Früher war diese Kirche sicher einmal ein schönes Gebäude gewesen.

Während Marcie das Geschehen beobachtete, trat ein Mann auf die Veranda, blieb stehen, sah nach oben und fluchte, dann ging er mit großen Schritten zum Fuß der Leiter. »Beweg dich nicht. Atme nicht«, rief er mit tiefer, befehlsgewohnter Stimme. Nacheinander erklomm er rasch die Stufen der Leiter, bis er die blonde Frau erreicht hatte. Dann schlang er einen Arm um sie, irgendwo zwischen den Brüsten und dem, was – wie Marcie jetzt erkannte – ein kleiner schwangerer Bauch sein musste, und sagte: »Nach unten. Langsam.«

»Jack!«, schimpfte sie. »Lass mich in Ruhe!«

»Wenn es sein muss, werde ich dich nach unten tragen. Runter von der Leiter, langsam. Jetzt.«

»Ach, um Himmels …«

»Jetzt«, wiederholte er betont ruhig.

Eine Sprosse nach der anderen kletterte sie nach unten, wobei sie ihre Füße zwischen seine großen, standfesten Füße setzte, während er sie sicher festhielt. Als sie unten angekommen waren, stemmte sie die Hände in die Hüften und funkelte ihn wütend an. »Ich weiß genau, was ich tue!«

»Wo hast du deinen Verstand gelassen? Was, wenn du aus dieser Höhe runtergefallen wärst?«

»Es ist eine ausgezeichnete Leiter! Ich wäre nicht gefallen!«

»Bist du hellsichtig? Du kannst sagen, was du willst, ich werde nicht zulassen, dass du in deinem Zustand auf eine derart hohe Leiter kletterst«, entgegnete er und stemmte nun gleichfalls die Hände an die Hüften. »Wenn nötig, werde ich neben dir Wache schieben.« Dann sah er sich über die Schulter nach den beiden anderen Frauen um.

»Ich hatte ihr gesagt, dass ich glaube, dir würde das nicht gefallen«, sagte die Frau mit dem braunen Haar und hob hilflos die Schultern.

Der Mann warf der weißhaarigen Frau einen bösen Blick zu. »In Familienangelegenheiten mische ich mich nicht ein. Das ist dein Problem, nicht meins«, meinte diese und schob ihre große Brille auf der Nase nach oben.

Und Marcie bekam Heimweh. Großes Heimweh. Sie fuhr zwar erst seit zwei Wochen in dieser Gegend herum, aber sie vermisste all die Familienstreitigkeiten, die ermüdenden Komplikationen. Sie vermisste ihre Freundinnen, ihren Job. Sie sehnte sich nach ihrer herrschsüchtigen älteren Schwester, die sich in alles einmischte, sehnte sich nach ihrem dummen kleinen Bruder und welche seiner Freundinnen auch immer gerade sein Schatten sein mochte. Sie vermisste die große, lustige, stürmische Familie ihres verstorbenen Mannes.

Zu Thanksgiving hatte sie es nicht nach Hause geschafft. Sie hatte sich nicht getraut, auch nur für ein bis zwei Tage heimzufahren, weil sie fürchtete, dass sie es niemals schaffen würde, sich ein zweites Mal aus Erins Griff zu befreien. Zu Hause – das war Chico, Kalifornien, bloß ein paar Stunden von hier entfernt. Aber dort hielt niemand – weder ihre Geschwister noch Bobbys Familie – das, was sie tat, für eine gute Idee. Also hatte sie angerufen und geschwindelt, sie hätte Hinweise auf Ian erhalten und stünde kurz davor, ihn zu finden. Jedes Mal, wenn sie anrief, und das war mindestens jeden zweiten Tag, behauptete sie, dass sie ein wenig näher an ihm dran sei, obwohl es in Wirklichkeit nicht so war. Aber sie war nicht bereit, das Handtuch zu werfen.

Allerdings gab es ein Problem, das ihr keine Ruhe ließ. Sie hatte fast kein Geld mehr. Neuerdings übernachtete sie häufiger im Auto als in Motels, und bei den sinkenden Temperaturen in den Bergen wurde das zunehmend ungemütlich. Anfang Dezember war hier jeden Augenblick damit zu rechnen, dass Schnee fiel oder der Regen sich in Glatteis verwandelte und dieser kleine VW wie eine Rakete den Berghang hinunterschoss.

Aber Marcie hasste die Vorstellung, nach Hause zurückzukehren, ohne ihre Mission beendet zu haben. Mehr als alles andere wollte sie das durchziehen. Sollte sie diesmal keinen Erfolg haben, würde sie nur nach Hause fahren, um etwas Geld zu verdienen, und dann noch einmal von vorne anfangen. Sie konnte Ian nicht einfach aufgeben. Sie konnte sich selbst nicht aufgeben.

Nun schauten sie alle an. Nervös schob sie ihr wildes, lockiges hellrotes Haar, das völlig außer Kontrolle geraten war, über die Schultern zurück.

»Ich … Äh … Ich könnte da raufsteigen, wenn Sie wollen. Ich habe keine Höhenangst oder so …«

»Sie müssen nicht auf diese Leiter klettern«, sagte die schwangere blonde Frau, deren Stimme nun deutlich sanfter klang und die Marcie reizend anlächelte.

»Ich werde auf die Leiter steigen«, sagte der Mann. »Oder ich werde jemanden finden, der auf diese verdammte Leiter steigt, aber das wirst nicht du sein.«

»Jack! Benimm dich!«

Er räusperte sich. »Machen Sie sich um die Leiter keine Gedanken«, fuhr er etwas ruhiger fort. »Können wir etwas für Sie tun?«

»Ich … Äh …« Marcie ging auf die Leute zu. Sie zog ein Foto aus der Innentasche ihrer Daunenweste und hielt es dem Mann hin. »Ich suche jemanden. Vor ungefähr drei Jahren ist er verschwunden, aber ich weiß, dass er sich irgendwo hier aufhält. Wie es aussieht, erhält er seine Briefe postlagernd über das Postamt in Fortuna.«

Sie reichte dem Mann das Foto. »Oje«, sagte er.

»Sie kennen ihn?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Nein«, antwortete er und schüttelte den Kopf. »Nein, ich kenne ihn nicht, und das ist seltsam. Der Kerl ist ein Marine«, erklärte er, während er sich das Foto des Mannes in Uniform genau anschaute. Es war Ians offizielles Marine-Corps-Porträt, ein gut aussehender Mann, glatt rasiert in blauer Uniform mit Mütze und Medaillen. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier im Umkreis von fünfzig Meilen einen Marine gibt, von dem ich nicht wenigstens gehört hätte.«

»Es wäre möglich, dass er dieses Detail für sich behält, denn die Beziehung zwischen ihm und dem Corps war zuletzt reichlich angespannt. Jedenfalls habe ich es so gehört …«

Mit sehr viel weicherer Miene sah er ihr ins Gesicht und stellte sich vor: »Jack Sheridan. Meine Frau Mel. Dies ist Paige«, er wies mit dem Kopf auf die jüngere Frau, »und Hope McCrea, die Wichtigtuerin im Ort.« Er hielt Marcie die Hand hin.

Sie ergriff sie. »Marcie Sullivan.«

»Weshalb suchen Sie nach diesem Marine?«, fragte Jack.

»Das ist eine lange Geschichte. Er ist der Freund meines verstorbenen Mannes. Ich bin mir sicher, dass er nicht mehr so aussieht wie auf diesem Bild. Er hat einige Verletzungen erlitten. Auf seiner linken Wange hat er eine Narbe und auf derselben Seite fehlt die Augenbraue. Wahrscheinlich trägt er nun einen Bart. Jedenfalls war das so, als er vor etwa drei oder vier Jahren zuletzt gesehen wurde.«

»An Männern mit Bart mangelt es hier in der Gegend nicht«, sagte Jack. »Holzfällergebiet – da kann es vorkommen, dass die Männer schon mal ein wenig verlottert aussehen.«

»Aber er könnte sich auch noch anderweitig verändert haben. Beispielsweise … ist er älter geworden. Inzwischen ist er fünfunddreißig. Dieses Bild wurde aufgenommen, als er achtundzwanzig war.«

»Ein Freund Ihres Mannes? Aus dem Corps?«, vergewisserte sich Jack.

»Ja«, bestätigte sie. »Ich möchte ihn gern finden. Verstehen Sie … Er hat sich schon seit langer Zeit nicht mehr gemeldet.«

Jack schien nachzudenken, während er das Gesicht auf dem Foto musterte. Einige Sekunden lang herrschte Schweigen, dann sagte er: »Kommen Sie in die Bar. Nehmen Sie etwas zu sich, vielleicht ein Bier oder was immer Sie möchten. Erzählen Sie mir ein wenig von ihm und weshalb Sie ihn finden möchten. Was halten Sie davon?«

»Die Bar?«, fragte sie und schaute sich um.

»Es ist ein Bar-Restaurant«, erklärte er lächelnd. »Speisen und Getränke. Wir können etwas essen und uns dabei unterhalten.«

»Oh«, sagte sie, während ihr Magen grimmig knurrte. Es war spät am Tag, ungefähr vier Uhr, und sie hatte noch nichts gegessen. Allerdings sparte sie ihr Geld für das Benzin, und sie hatte damit gerechnet, das Essen noch eine Weile länger vergessen zu können. Vielleicht würde sie sich dann etwas wirklich Billiges wie zum Beispiel ein Brot vom Vortag besorgen, um über die Runden zu kommen. Das könnte sie mit dem halben Glas Erdnussbutter essen, das sie noch im Wagen hatte …, anschließend würde sie sich ein sicheres Plätzchen suchen, wo sie parken und sich für die Nacht einmummeln könnte. »Ein Glas Wasser wäre wirklich gut. Seit Stunden fahre ich schon herum und zeige allen, die es sehen wollen, dieses Bild. Aber ich habe keinen Hunger.«

»Wasser haben wir reichlich«, versprach Jack mit einem Lächeln. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und begann, sie zur Veranda der Bar zu führen, blieb dann aber plötzlich stehen und zog die Augenbrauen über einem finsteren Blick zusammen. »Gehen Sie schon einmal vor«, bat er sie. »Ich bin gleich bei Ihnen.«

Marcie stieg zur Veranda hinauf und drehte sich dann um, weil sie sehen wollte, was er machte. Er konfiszierte die Leiter. Um zu verhindern, dass seine schwangere Frau noch einmal hinaufstieg. Es war ein zusammenklappbares Gestell, das als kurze oder hohe Standleiter benutzt werden konnte, und er faltete es zusammen, bis er es mit einer Hand tragen konnte. Nun war die Leiter nur noch knapp zwei Meter lang und er trug sie direkt in die Bar. Marcie hörte, wie seine Frau ihm nachrief: »Du bist ein herrschsüchtiger Quälgeist! Wann hätte ich je zu erkennen gegeben, dass ich mich von dir kommandieren lasse?«

Darauf erwiderte Jack nichts, grinste jedoch, als hätte sie ihm gerade einen Kuss zugeworfen. »Springen Sie da rauf«, forderte er Marcie auf und wies auf einen der Hocker vor der Bar. »Bin gleich wieder da.« Und er trug die Leiter durch eine Tür hinter der Theke.

Marcie holte tief Luft und dachte: Lieber Himmel …, diese Düfte hier werde ich nicht überleben! Wieder einmal ließ ihr Magen von sich hören und sie presste eine Hand darauf. Irgendwas in der Küche sandte ein köstliches Aroma aus …, etwas, das auf dem Herd köchelte, nahrhaft, heiß und dick wie eine ausgekochte Rindersuppe; frisches Brot; und dann auch noch etwas Süßes und Schokolade.

Und als der Mann namens Jack zurückkam, trug er ein Tablett, auf dem eine dampfende Schale stand. Er stellte es ihr direkt vor die Nase; Chili, Maisbrot und Honigbutter, dazu eine kleine Schüssel Salat. »Meine Güte, hm, wie schade«, entschuldigte sie sich. »Wirklich, ich habe keinen Hunger …«

Er zapfte ein frisches Bier für sie, und ihr lief wirklich das Wasser im Mund zusammen. Marcie schluckte schwer. Sie besaß noch ungefähr dreißig Dollar, und die wollte sie nicht für ein ausgefallenes Essen verschwenden, nicht, solange sie jeden einzelnen Cent für Sprit brauchte, um all diese kleinen Bergdörfer abzufahren.

»Das macht nichts, dann essen Sie eben nur so viel, wie Sie möchten«, meinte Jack. »Kosten Sie wenigstens einmal. Ich habe Preacher, meinem Koch, das Foto gezeigt. Aber er hat den Mann auch nicht gesehen. Wir werden noch Mike fragen. Er ist der Dorfpolizist und kennt jede Nebenstraße und alle, die sich dort aufhalten. Vielleicht hat er ja den einen oder anderen Hinweis. Die beiden sind übrigens auch Marines.«

»Wo genau bin ich eigentlich?«, fragte sie.

»In Virgin River. Nach der letzten Zählung – sechshundertsiebenundzwanzig Einwohner.«

»Ah, dann ist es wohl auf der Karte.«

»Das will ich doch hoffen. Im Vergleich zu vielen anderen kleinen Dörfern hier draußen sind wir geradezu eine lärmende Metropole. Probieren Sie wenigstens mal«, sagte er und wies mit dem Kopf auf die Schale.

Ihre Hand zitterte leicht, als sie den Löffel aufnahm und etwas von dem besten Chili kostete, dass sie je gegessen hatte. Es zerschmolz ihr im Mund, und sie seufzte laut.

»Chili mit Wildfleisch«, erklärte er. »Vor zwei Monaten haben wir einen schönen Hirsch erlegt, und wenn das geschieht, haben wir hier monatelang ein paar der besten Chilis, Eintöpfe, Burger und Würste der Welt.« Er klopfte auf ein großes Glas mit Dörrfleisch, das auf dem Tresen stand. »Preacher macht auch ein unglaublich gutes Wilddörrfleisch.«

Marcie traten die Tränen in die Augen, so köstlich war das Essen. Denn trotz allem, was sie Erin und Drew versprochen hatte – sie hatte weder gut gegessen noch Vorsicht walten lassen. Sie hatte mit dem Essen geknausert und im Auto übernachtet. Wenn Erin sah, wie die Jeans an ihrem dünnen Körper hing, würde die Hölle losbrechen.

»Möchten Sie mir nicht ein wenig von diesem Mann erzählen, während Sie essen?«, fragte Jack.

Ach zum Teufel, dachte Marcie. Seit Tagen hatte sie keine wirklich gute warme Mahlzeit mehr zu sich genommen, und sobald ihr das Geld komplett ausging, hatte sie gar keine andere Wahl mehr, als nach Hause zu fahren. Sie musste einfach von diesem Geld ein wenig ausgeben und die Berge halt einen Tag früher als geplant verlassen. Sie musste essen, um Himmels willen! Ohne etwas im Magen zu haben, ließ sich schwer auf Männerjagd gehen!

Rasch verschlang sie ein paar Bissen, um ihren Heißhunger zu dämpfen, und spülte sie mit einem Schluck von dem eiskalten Bier hinunter. Es war himmlisch, einfach himmlisch. »Sein Name ist Ian Buchanan. Wir kommen aus derselben Stadt, aber obwohl Chico klein ist – nur ungefähr fünfzigtausend Einwohner –, sind wir uns als Kinder oder Jugendliche nie begegnet. Ian ist acht Jahre älter als wir … Mein Mann und ich sind zusammen aufgewachsen, waren zusammen auf der Highschool und haben sehr jung mit neunzehn geheiratet. Gleich nach der Highschool ist Bobby dann ins Marine Corps eingetreten.«

»Das habe ich auch gemacht«, sagte Jack. »Und ich war zwanzig Jahre dabei. Wie hieß ihr Mann?«

»Bobby Sullivan. Robert Wilson Sullivan. Besteht vielleicht die Möglichkeit …?«

»Ich erinnere mich an keinen Bobby Sullivan oder Ian Buchanan. Haben Sie ein Foto Ihres Mannes?«

Sie griff in ihre Westentasche, zog eine Brieftasche heraus, schlug sie auf und drehte sie Jack zu. In den durchsichtigen Plastikhüllen steckten mehrere Bilder. Während sie weiter aß, schaute Jack sich die Fotos an – das Hochzeitsfoto der beiden Neunzehnjährigen, Bobbys offizielles Porträt des Marine Corps. Ein gut aussehender junger Mann, ein schöner Mann. Es gab noch zwei Schnappschüsse, die sein markantes Profil zeigten, die kräftigen Schultern und Arme, und schließlich das letzte Foto, auf dem Bobby beinahe nicht mehr wiederzuerkennen war – dünn, ausgemergelt, blass, die Augen zwar offen, aber mit unkoordiniertem Blick, saß er aufgerichtet in einem Krankenhausbett, an seiner Seite Marcie, die seinen Kopf an ihre Schulter gebettet hatte und lächelte.

Jack schaute von den Fotos auf und sah sie ernst an. Sie legte den Löffel auf den Teller und tupfte sich mit der Serviette die Lippen ab. »Er ist mit der ersten Welle in den Irak gegangen«, erklärte sie. »Damals war er zweiundzwanzig. Mit dreiundzwanzig wurde er dann verwundet. Rückenmarkverletzung und Hirnschaden. So hat er mehr als drei Jahre zugebracht.«

»Ach, Mädchen.« Jacks kräftige Stimme klang schwach. »Das muss furchtbar schwer gewesen sein …«

Sie blinzelte zwar ein paarmal, aber es zeigten sich keine Tränen in ihren Augen. Ja, zeitweise war es schrecklich gewesen, zeitweise hatte es ihr das Herz zerrissen, und es hatte auch Zeiten gegeben, in denen sie das Marine Corps für das gehasst hatte, was es ihr in jungen Jahren zugemutet hatte. Zu anderen Zeiten hatte sie sich neben ihn ins Bett gelegt, ihn in die Arme genommen und ihre Lippen an seine Wangen gedrückt. So hatte sie stundenlang liegen und ihren Erinnerungen nachhängen können. »Ja, manchmal«, antwortete sie. »Aber wir sind zurechtgekommen. Wir haben sehr viel Unterstützung erhalten. Meine Familie und seine Familie. Ich stand damit nicht allein da.« Sie schluckte. »Schmerzen hatte er anscheinend keine.«

»Wann ist er gestorben?«, fragte Jack.

»Das ist jetzt fast ein Jahr her, kurz vor Weihnachten. Es war ein sehr stiller Tod.«

»Mein Beileid.«

»Danke. Bobby hat unter Ian gedient. Ian war sein Sergeant im Corps. Fast von Anfang an waren sie gute Freunde. Ian war die Art von Anführer, der alles mit seinen Männern gemeinsam durchstand. Bobby war so glücklich, als sich herausstellte, dass Ian aus unserer Heimatstadt kam. Es war eine Freundschaft, die hätte ewig dauern sollen, auch lange noch, nachdem sie das Corps verlassen hätten.«

»Ich war auch gleich von Anfang an im Irak. Schon beim ersten Mal war ich dabei. Wahrscheinlich war ich sogar zur selben Zeit dort. Falludja.«

»Hmm. Da ist es passiert.«

Jack schüttelte den Kopf. »Es tut mir so verdammt leid.« Er schob ihr die Brieftasche wieder zu. »Suchen Sie deshalb nach Buchanan? Um es ihm zu sagen?«

»Vielleicht weiß er es längst. Ich habe ihm oft geschrieben. Postlagernd nach Fortuna. Die Briefe kamen nicht zurück, also nehme ich an, dass er sie abgeholt hat.«

Neugierig runzelte Jack die Stirn.

»Ich weiß nicht, was mit Ian los ist. Nachdem Bobby verwundet wurde, lag er erst in Deutschland in einem Krankenhaus, dann in Washington, D. C., im Walter Reed. In dieser Zeit habe ich Ian geschrieben, und er hat meine Briefe beantwortet. Er hat sich nach Bobbys Zustand erkundigt und wollte wissen, wie es mir dabei geht. Ich hatte mich auf seine Briefe gefreut und konnte erkennen, was Bobby in ihm sah. Schon allein durch Bobbys Briefe hatte ich mich Ian verbunden gefühlt, und als wir nun anfingen, direkt miteinander zu korrespondieren, und ich ihn kennenlernte, hatte ich das Gefühl, er würde allmählich auch mein Freund. Ich kann es nicht erklären. Es waren nur Briefe. Und meistens ging es dabei um Bobby. Aber ich glaube, dass ich ihm nahegekommen bin …«

»Viele Soldaten fühlen sich ihren Brieffreundschaften sehr verbunden«, bemerkte Jack. »Besonders wenn sie bei einem Einsatz so isoliert sind wie dort.«

»Nun, es gibt keinen Hinweis darauf, dass Ian sich mir nahegefühlt hätte, umgekehrt allerdings schon. Dann kam er aus dem Irak zurück, hat uns einmal besucht und ist kurz darauf aus dem Corps ausgeschieden. Er ist weggezogen und hat sich in Chico nie wieder blicken lassen. Nach seiner Rückkehr aus dem Irak gab es wohl irgendwelchen Ärger mit dem Corps. Die Einzelheiten kenne ich nicht, aber sein Vater hatte angenommen, er wäre Berufssoldat, und dann macht er sich bei der ersten Gelegenheit, nachdem er eine wirklich harte Zeit hinter sich hatte, aus dem Staub.« Sie lachte verärgert und traurig. »Nie wieder hat er angerufen oder geschrieben. Er hat sich von seiner Verlobten getrennt, sich mit seinem Vater entzweit und ist gegangen. Ungefähr ein Jahr später habe ich herausgefunden, dass er wie ein alter Einsiedler in den Wäldern lebt.«

»Woher wissen Sie denn, dass er sich draußen in den Wäldern aufhält?«

»Das Büro für Veteranenangelegenheiten unterhält in Chico eine ambulante Klinik. Wegen Bobby kannte ich mich dort ziemlich gut aus. Ein paar dieser Leute wussten, dass ich mit Ian Kontakt aufnehmen wollte. Mit Sicherheit hätten sie mir das alles eigentlich gar nicht erzählen dürfen, aber Veteranen … sie helfen sich gegenseitig, so gut sie können. Es stellte sich heraus, dass Ian einmal in dieser Klinik war. Vermutlich die nächstgelegene Möglichkeit für ihn. Er hatte angegeben, dass er keine Adresse hätte, weil er in den Wäldern lebe, und der nächste größere Ort wäre Fortuna. Alle Dokumente oder was auch immer könne man ihm postlagernd dorthin schicken. Er hatte sich beim Holzfällen verletzt und musste genäht werden, bekam eine Tetanusspritze und Antibiotika. Er war also dort gewesen, genau da, wo wir waren, wo sein Vater lebte, und er hat nicht einmal angerufen, um zu sagen, dass mit ihm alles in Ordnung ist, oder sich erkundigt, wie es Bobby geht. Das passt einfach nicht zu dem Typ, den mein Mann mir beschrieben hatte. Nicht zu dem Mann, den ich selbst kennengelernt habe.«

Einen Moment lang schwieg Jack, während Marcie noch ein wenig weiter aß. Sie schmierte sich Butter auf das Maisbrot und verschlang die Hälfte davon, womit sie deutlich machte, dass ihre Behauptung, nicht hungrig zu sein, eine Lüge war.

»Also habe ich angefangen, ihm Briefe nach Fortuna zu schicken, aber er hat nicht reagiert. Ich glaube, ich habe sie eher für mich selbst geschrieben als für ihn, und mir dabei vorgestellt, er würde sie lesen, aber … Ich habe ihn auch eingeladen, per R-Gespräch einmal anzurufen, doch ich habe nie etwas von ihm gehört.«

»Und jetzt suchen Sie ihn?«, fragte Jack schließlich.

»Ich werde ihn finden«, bestätigte sie. »Ich muss einfach wissen, ob mit ihm alles in Ordnung ist. Ich habe lange darüber nachgedacht. Nach allem, was ich weiß, wäre es gut möglich, dass er mit ein paar ernsten Problemen aus dem Irak zurückgekehrt ist. Probleme, die vielleicht auf Anhieb nicht so erkennbar sind wie bei Bobby. Sollte das der Fall sein, würde ich dem Marine Corps vorwerfen, dass man ihm nicht geholfen hat.«

»Nun, da haben sie recht. Wenn er Hilfe gebraucht hat, hätten sie helfen sollen. Aber gehen Sie mit dem Corps nicht zu hart ins Gericht. Es ist kompliziert … Ein Marine wird darauf trainiert, furchtlos zu sein. Da kann man von ihm nicht erwarten, um Hilfe zu bitten. Das passt nicht zusammen.«

»Trotzdem …«

»Es wäre möglich, dass er sich das Leben ausgesucht hat, das er sich wünscht. Als ich aus dem Corps ausgeschieden bin, habe ich mich nach einem ruhigen Platz umgeschaut, wo ich jagen und angeln konnte, und habe Virgin River gefunden. Damals habe ich mich auch eine ganze Weile verkrochen.«

»Haben Sie den Kontakt zu Ihrer Familie abgebrochen?«, fragte sie und zog eine blonde Augenbraue hoch. »Sich geweigert, Briefe zu beantworten?«

Jack hatte nicht nur laufend den Kontakt zu seiner Familie aufrechterhalten, sondern auch zu seiner Truppe. Und er hatte es zu schätzen gewusst. »Nein. Ich verstehe schon, was Sie meinen.«

»Ich werde ihn finden. Ein paar Dinge müssen einfach geklärt werden. Müssen einmal abgeschlossen werden. Verstehen Sie?«

»Hören Sie, was ist, wenn mit ihm etwas nicht stimmt?«, wagte Jack sich vor. Er stützte sich mit beiden Händen auf dem Tresen ab und beugte sich ein wenig vor, um Marcie durchdringend anzuschauen. »Was, wenn er leicht durchgeknallt ist oder so? Vielleicht sogar gefährlich?«

»Dann hätte er immer noch einen Vater, der älter wird und krank ist. Zwischen den beiden ist vieles nicht geregelt. Mr. Buchanan ist ein sturer, launischer alter Kauz, aber ich wette, dass er unter dieser ganzen Kruste seinen Sohn zurückhaben will, egal, was mit ihm nicht stimmt. Ich würde es jedenfalls wollen.« Sie machte sich über ihren Salat her.

»Das verstehe ich, aber was, wenn er für Sie gefährlich ist?«

Sie lachte kurz auf. »Das mag zwar möglich sein, aber das bezweifle ich. Ich war in jeder Polizeistation, sämtlichen Sheriff Departments und allen Tankstellen, Eisenwarenhandlungen und Bars in der Gegend. Nirgendwo ist er registriert, und niemand kennt ihn. Wäre er gefährlich, würde er doch vermutlich irgendwie Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben, meinen Sie nicht? Höchstwahrscheinlich ist er bloß ein verdrossener, gestörter, verkorkster Marine, der glaubt, auszusteigen sei besser, als sich mit seiner Last auseinanderzusetzen. Und damit läge er falsch.«

»Wollen Sie nicht lieber noch einmal darüber nachdenken?«, wandte Jack ein. »Marines, die vom Krieg völlig aus dem Lot gebracht sind, haben viele undurchschaubare Gründe, diesen Weg einzuschlagen und einfach auszusteigen. Es wäre möglich, dass er gern vergessen möchte, und alles nur schlimmer wird, wenn er Sie sieht.«

»Tja, Sie waren im Krieg, deshalb werden Sie wohl etwas davon verstehen …«

»Aber hallo, wie meine Frau sagen würde. Ich schleppe meinen eigenen Mist mit mir herum und hatte auch das eine oder andere Problem mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Zum Glück habe ich große Unterstützung.«

»Er ist erst fünfunddreißig, hat also Zeit genug, noch einmal neu anzufangen, die Beziehungen mit allen Leuten zu flicken, denen er sich entfremdet hat, und über jedes Trauma hinwegzukommen, das er aus der Geschichte mit Bobby zurückbehalten hat. Sein Vater war vielleicht etwas sauer, als sie sich damals zerstritten hatten, aber der alte Mann liebt seinen Sohn noch immer. Darauf würde ich wetten.« Sie trank einen Schluck Bier und fügte leise hinzu: »Vielleicht würde ich mein Geld dabei verlieren, aber ich würde wetten.«

»Warum versucht denn nicht sein Vater, ihn zu finden?«, fragte Jack.

»Warum es niemand außer mir versucht, meinen Sie? Seine Exverlobte hasst ihn regelrecht, weil er sie abserviert hat, und sein Vater ist einundsiebzig und krank. Verwitwet, bitter, stur. Ich muss schon sagen, er ist ein kleinlicher, nachtragender alter Mann. Aber auch wenn ich daran nichts ändern kann, werde ich Bobbys besten Freund neu kennenlernen. Wir haben uns nur ein paar Monate lang geschrieben, aber ich dachte, ich würde ihn kennen. Er war liebenswert. Es mag sich jetzt dumm anhören, aber seine Handschrift war kraftvoll und schön, und das, was er geschrieben hat, freundlich und sensibel. Irgendwie fühle ich mich, als hätte ich einen Freund verloren und …« Sie lächelte Jack an. »… abgesehen davon ist niemand so hartnäckig wie ich.«

»Und warum ist das so? Warum sind Sie so hartnäckig?«

Sie senkte den Blick. »Ich komme in meinem Leben nicht weiter, bis ich weiß, warum der Mann, den mein Mann am meisten geschätzt hat, den er bewundert hat, einfach so verschwindet. Warum er uns einfach so ignoriert. Warum er sich von einem Wald verschlingen lässt und überhaupt keinen Kontakt mehr zu seiner Familie hält, zu seinen Freunden. Ich möchte sicher sein, dass mit ihm alles in Ordnung ist. Dann werde ich loslassen können.« Sie schaute auf. »Vielleicht können wir dann alle in unserem Leben einen Schritt weitergehen.«

Jack konnte nicht anders, er musste über sie lächeln; sie wusste wirklich, was sie wollte. Er sah ihr zu, wie sie den Rest ihres Salats in den Mund stopfte. »Schokoladenkuchen?«, fragte er. »Da werden Sie in die Knie gehen.«

»Nein danke. Das hier war gut.« Ihre Brieftasche lag noch auf dem Tresen. Sie trank ihr Glas leer und fing dann an, die Scheine darin zu zählen. »Was bin ich Ihnen schuldig?«

»Das ist ja wohl ein Witz, oder? Sie ziehen in die Wälder, um einen meiner Brüder zu finden, und glauben, ich würde Geld von Ihnen annehmen? Zum Teufel, ich würde Ihnen meine Hilfe anbieten, aber Sie sehen ja selbst – ich kann Melinda keine Sekunde lang aus den Augen lassen. Sie macht nur Ärger. Na, es ist mir eine Freude, Ihnen eine kleine Mahlzeit bieten zu können. Wann immer Sie wollen, wirklich. Kommen Sie regelmäßig hier vorbei, schlagen Sie sich den Bauch voll und lassen Sie uns wissen, ob Sie etwas gefunden haben … ich meine jemanden gefunden haben. Darüber würden wir uns alle freuen. Wir sind hier ein ganzer Haufen Exsoldaten aus Falludja.«

»Warum gibt es hier so viele Marines?«

»Süße, Marines gibt es überall.« Er grinste. »Nachdem ich die Bar eröffnet hatte, kamen viele aus meinem alten Trupp zum Jagen und Fischen hier rauf. Zwei von ihnen hatten keine besseren Alternativen und sind ganz hierhergezogen. Wirklich, wir versuchen, gegenseitig auf uns aufzupassen. Alle für einen«, fügte er hinzu.

Sie klappte ihre Brieftasche zusammen und lächelte ihn an, ein warmes, dankbares Lächeln. Sie hatte gelernt, jede Hilfe anzunehmen, die ihr geboten wurde. »Dann nehme ich gern noch ein Stück von dem Kuchen«, sagte sie.

»Und Kaffee?«

»Oh Gott, ja, Kaffee.« Fast hätte sie aus lauter Dankbarkeit geseufzt. Ein kühles Bier, eine Tasse guten, heißen Kaffee … zwei ihrer größten Schwächen.

»Der beste Kaffee, den Sie je trinken werden.« Jack schenkte ihr eine Tasse ein, und nachdem er ihr ein großes Stück Kuchen hingestellt hatte, fragte er: »Wenn Sie ihn gefunden haben, was haben Sie dann vor?«

»Er war schrecklich gut zu Bobby … Ich möchte ihm einfach danken. Mit ihm reden. Ihn neu kennenlernen, so wie ich es damals begonnen hatte. Ich habe etwas von Bobby, das ich ihm geben muss. Ich habe vor, ihn zu fragen, was mit ihm los ist, und will sehen, ob jetzt ich etwas für ihn tun kann. Vielleicht werden wir beide glücklicher sein, wenn wir das alles einmal besprechen. Offensichtlich ist er in seinem Leben nicht weitergegangen, und ich brauche einen klareren Abschluss. Wäre es nicht großartig, wenn wir das beide finden könnten? Ach, ich weiß nicht, Jack. Freiheit? Die Freiheit, die Vergangenheit in die Vergangenheit setzen zu können?«

Jack hob die Augenbrauen. »Und wenn er nicht bereit ist zu reden?«

Sie schob sich eine Gabel voll samtigem, köstlichem Schokoladenkuchen in den Mund und kratzte die Glasur anschließend mit Lippen und Zähnen von der Gabel. Dann schloss sie die Augen, um diesen kurzen luxuriösen Augenblick zu genießen. Schließlich lächelte sie Jack Sheridan an und sagte: »Dann werde ich mich in seinen schlimmsten Albtraum verwandeln, bis er so weit ist. Ich werde nicht aufgeben.«

Bevor Marcie ihren Kaffee ganz ausgetrunken hatte, betrat ein gut aussehender Mann spanischen Typs die Bar durch einen Seiteneingang. Er hielt einen Katalog in der Hand und schaute missmutig drein. »Deine Frau hat mich mit der Suche nach der perfekten Christbaumspitze beauftragt«, erklärte er Jack. »Wessen Idee war das noch mal?«

»Ich glaube, es war deine«, antwortete Jack. »Und beklag dich nicht bei mir. Ohne eine hydraulische Arbeitsbühne werden wir diesen Baum niemals schmücken können. Ich werde eine mieten, bevor ich zusehe, wie Mel mit Flaschenzug und Seilen versucht, an die Spitze zu kommen. Mike, darf ich dir Marcie vorstellen; Marcie, das ist Mike Valenzuela.«

»Sehr erfreut.« Sie reichte ihm die Hand.

Er nahm sie und sagte lächelnd: »Angenehm. Das war seine Idee. Dieser große Baum. Damit wollte er seine Frau beeindrucken. Sie hatte einen hohen Baum gewollt, und er hat uns einen ganzen Tag lang über die Hügel gejagt, bis er den größten Baum gefunden hatte, den wir in einem Stück schlagen konnten.«

Ein wenig verlegen unterbrach Jack seinen Freund: »Marcie sucht nach einem Marine, der nach seiner Rückkehr aus dem Irak abgetaucht ist. Zeigen Sie ihm das Bild, Marcie.«

Wieder zog sie es hervor und erklärte noch einmal, wie sich sein Äußeres verändert haben könnte, nachdem dieses Foto aufgenommen wurde.

»Kenne ich nicht«, stellte Mike fest.

»Aber vielleicht sieht er jetzt völlig anders aus …«

»Die Augen sagen mir nichts.«

Sie seufzte schwer. »Irgendwelche Vorstellungen, wo ich suchen könnte?«

»Nun«, begann Mike und kratzte sich am Kinn. »Ich habe ihn nicht gesehen, was aber nicht heißen muss, dass er nicht gesehen wurde. Da draußen in den Bergen gibt es viele Leute, die seit Jahren dort leben und nicht gerade gesellig sind. Vielleicht hat einer von denen ihn gesehen.«

»Können Sie mir sagen, wo ich suchen soll?«

»Ich kann Ihnen ein paar Orientierungshilfen geben. Aber noch wichtiger – ich möchte Ihnen gern ein paar Plätze nennen, von denen Sie sich unbedingt fernhalten sollten. Da draußen gibt es ein paar Grower, also Leute, die illegal Marihuana anbauen und ein regelrecht territoriales Verhalten an den Tag legen. Wirklich unfreundlich. In manchen Fällen haben sie ihr Grundstück sogar mit Sprengfallen gesichert.« Er zog eine große Serviette unter dem Tresen hervor, nahm seinen Schreiber aus der Hemdtasche und zeichnete eine Linie auf die Serviette. »Hier ist der Highway 36 …«

Zehn Minuten später hatte er ihr eine grobe Karte mit einem halben Dutzend bewohnter Holzhäuser aufgezeichnet, in denen Leute lebten, die Ian Buchanan gesehen haben könnten. Auch hatte er drei Stellen markiert, die sie meiden sollte.

Die Holzhäuser, die Mike auf der Karte mit einem X versehen hatte, lagen alle an ehemaligen Holzabfuhrwegen, die manchmal mit einem Tor versehen waren. Sie lagen versteckt hinter Bäumen und Büschen und waren vom Highway aus unmöglich auszumachen. Größtenteils waren diese Grundstücke in den Bergen einmal besiedelt gewesen und schließlich abgeholzt worden. Und nachdem ein solches Grundstück einmal abgeholzt war, musste der Besitzer erst dreißig bis fünfzig Jahre warten, bis er erneut Holz schlagen durfte. Daraus erwuchs dann eine Fläche voller Eichen, Madronen, junger Fichten und Pinien, etwa fünfzehn bis achtzehn Meter hoch, wirklich hübsch, aber nicht reif genug, um gefällt zu werden.

»Ich bin da draußen Streife gefahren, nur um die Gegend kennenzulernen und zu wissen, wer sich dort aufhält. Ein paar alte Männer leben dort allein in den Büschen und ein paar alte Witwen. Es gibt auch das eine oder andere Mann-Frau-Gespann und sogar eine ganze fünfköpfige Familie. Aber soweit ich weiß keinen fünfunddreißigjährigen alleinstehenden Mann.«

»Vielleicht ist er nicht mehr alleinstehend.«

Mike schüttelte den Kopf. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich dort niemand aus dieser Altersgruppe aufhält; keiner mit diesen Augen. Auch wenn er einen Bart hat.«

»Glauben Sie ihm«, warf Jack ein. »Er war ein echter Polizist beim LAPD, bevor er hierherkam, wo es fast keine Verbrechen gibt.«

»Nett«, meinte Marcie. »Keine Verbrechen und ein großer Weihnachtsbaum. Wenn ich Sie recht verstanden habe, hatten Sie vorher noch nie einen so großen Baum?«

Daraufhin lachten beide. »Mehr als acht Meter«, bestätigte Jack. »Wir haben uns für wer weiß wie männlich gehalten, weil wir uns einen so großen ausgesucht hatten, bis wir ihn dann gefällt haben und beinahe noch einen Tieflader mieten mussten, um ihn in den Ort zu transportieren. Schließlich haben wir die Äste fest zusammengebunden und ihn hinter einem Truck hergeschleift. Und dann kam erst der wirklich schwierige Teil. Einen ganzen Tag haben wir gebraucht, um ihn aufzustellen.«

»Zwei Tage«, korrigierte Mike. »Nach dem ersten Versuch lag er wieder auf der Straße, als wir morgens aufwachten. Ein wahres Wunder, dass er nicht auf die Bar gefallen ist und das Dach zerstört hat.«

Marcie lachte. »Und warum das Ganze? Wollen Sie sich vor Ihrer Frau brüsten?«

»Ne. Es war jetzt der Zeitpunkt dafür. Vor Kurzem haben wir einen Kameraden im Irak verloren, und einer der Jungs aus dem Ort – ein wirklich ganz besonderer Junge – hat sich dem Corps angeschlossen. Wir dachten, es wäre gut, ein Symbol zu errichten, ein Monument für die Männer und Frauen, die dienen. Nächstes Jahr werden wir wohl lieber einen etwas kleineren Baum aussuchen, denke ich. Das ist billiger und besser für die Nerven. Aber ich will nach Eureka fahren und schauen, dass ich eine hydraulische Arbeitsbühne anmiete und die Sache zu Ende bringe. Melinda und die anderen Frauen haben eine Menge Arbeit investiert, um einen perfekten Baum daraus zu machen.«

»Ein schöner, ein fantastischer Baum«, sagte Marcie, die ein wenig melancholisch wurde. Sie wollte Ian unbedingt noch vor Weihnachten finden. Aus irgendeinem Grund schien das äußerst wichtig zu sein.

Als sie aufbrach, dämmerte es bereits, und die Bar füllte sich allmählich mit Ortsansässigen. Es war schon zu dunkel, um sich noch in die tiefen Wälder vorzuwagen und ein paar der Holzhäuser zu überprüfen, von denen Mike erzählt hatte. Für sie wurde es Zeit, sich einen Platz zu suchen, wo sie über Nacht parken konnte, irgendwo sicher und nicht zu weit von einer Tankstelle entfernt, in der sie ihr morgendliches Ritual durchführen konnte – zur Toilette gehen, das Gesicht waschen, die Zähne putzen. Morgen früh würde sie sich dann wieder auf ihre Suche begeben, auch wenn sie nicht sonderlich optimistisch war, ihren Mann zu finden. So oft war sie enttäuscht worden. An diesem Punkt ihrer Suche bedeutete allein die Möglichkeit, eine Liste abhaken zu können, schon so viel wie auf eine Goldader gestoßen zu sein.

Bevor sie aber zu ihrem Wagen ging, begab sie sich noch einmal zu dem Baum, der bis in eine Höhe von ungefähr vier Metern teilweise geschmückt war. Sie trat nahe heran und schaute sich einige der Ornamente an. Zwischen roten, weißen und blauen Kugeln und Goldsternen hingen Bänder – Bänder, die an Uniformen getragen wurden – von verschiedenen Marine- und anderen Militäreinheiten. Ehrfürchtig berührte sie eins davon. 1. Bataillon, 8. Marineregiment; 2. Bataillon, 10. Marineregiment; 1. Spezialeinsatzbataillon. Alle steckten in Plastikhüllen, um sie vor den Elementen zu schützen. Luftlandedivision, Scharfschützenkommando, 41. Infanteriebataillon. Es schnürte ihr die Kehle zu und vor ihren Augen verschwamm alles.

Genau das war der Grund, weshalb sie so entschlossen war, Ian Buchanan zu finden. Diese Männer vergaßen nicht, sie gingen nicht einfach davon. Es musste gewichtige Gründe dafür geben, dass er seine Brüder aus dem Militär, sein Corps, seine Familie, seine Stadt verlassen hatte. Man rettet nicht das Leben eines Kameraden und ignoriert ihn dann. Ian Buchanan war sowohl mit dem Bronze Star wie auch dem Purple Heart ausgezeichnet worden, weil er Bobby durchs Schützenfeuer zu einem medizinischen Transportfahrzeug getragen hatte. Dabei hatte er sich selbst zwei Kugeln eingefangen und war dennoch weitergegangen. Er war kein Mann, der leicht aufgab. Warum also jetzt? Warum gab er jetzt auf?

2. KAPITEL

Die dreißig Dollar, die Marcie besaß – 28,87 Dollar, um genau zu sein –, hielten weitere sechsunddreißig Stunden vor. Davon waren fünfundzwanzig in den Benzintank gewandert. Das Benzin konnte sie sich kaum leisten, auch wenn der Verbrauch ihres kleinen grünen Käfers minimal war. Drei Dollar hatte sie für ein Brot und zwei Äpfel ausgegeben, und sie hatte ihre Erdnussbutter aufgegessen. Anschließend begab sie sich wieder in die kleine Bar in Virgin River und fragte, ob sie das Telefon benutzen könnte, um ihre Schwester anzurufen. Ihre Telefonkarten waren beinahe alle verbraucht, denn es war nicht vorgesehen gewesen, dass sie so lange unterwegs war. Aber auf einer war doch noch ein wenig Zeit übrig. Erin, sieben Jahre älter als Marcie, hatte vor langer Zeit die Familienleitung übernommen und wurde zunehmend nervöser, weil Marcie so lange unterwegs war.

Der Koch, den alle Preacher nannten, ließ sie in die Küche.

Marcie rief Erin an, und auch wenn sich ihr der Magen dabei verkrampfte, bat sie um Geld. »Sieh es als ein Darlehen an«, sagte sie und log, als sie behauptete, jetzt ganz nahe am Ziel zu sein und dass Ian gesehen worden war.

»Wir hatten eine Vereinbarung, Marcie«, entgegnete Erin. »Du hattest versprochen, nur zwei Wochen wegzubleiben, und das ist jetzt bereits einen Monat her. Nicht einmal zu Thanksgiving bist du nach Hause gekommen.«

»Ich konnte nicht. Das hatte ich dir doch erklärt. Ich hatte diesen Tipp …«

»Es ist jetzt an der Zeit, dass du nach Hause kommst und einmal daran denkst, dass es auch noch andere Wege gibt, ihn zu finden.«

»Nein. Ich höre nicht damit auf. Ich gebe nicht auf«, erwiderte Marcie entschieden.

»In Ordnung, aber komm zurück nach Chico, und wir werden es auf meine Weise versuchen. Wir werden einen Profi engagieren, der ihn für dich finden wird. Dann kannst du von da aus weitermachen. Wirklich, der einzige Weg, dich nach Hause zu bringen und dafür zu sorgen, dass du diesen Wahnsinn aufgibst, ist Nein zu sagen. Kein Geld, Marcie, in deinem eigenen Interesse. Das einzige Geld, das ich dir zukommen lasse, ist das Geld für die Heimreise. Komm jetzt nach Hause. Auf der Stelle. Ich sterbe noch vor Angst.«

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