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Wir bleiben nicht lange

Als Buch hier erhältlich:

Mirja besucht ihre Schwester Sisko täglich im Krankenhaus. Sisko hat Krebs, und in Erwartung des nahen Endes reden die Schwestern über Leben und Tod, ihre Familie und die Vergangenheit. Sisko lebt in England, ihre Schwester Mirja, die zur Unterstützung angereist ist, in Deutschland. Die Familie kommt aber aus Finnland, und in den Geschichten von früher, von der Kindheit inmitten der Geschwister und der eigenwilligen Eltern, spielt diese Herkunft eine wichtige Rolle. Marjaleena Lembckes Sprache ist entwaffnend direkt und dadurch eindringlich. Selten liest man so unverstellt von den letzten Dingen und findet dabei dennoch Trost.
  • Erscheinungstag: 22.02.2016
  • Seitenanzahl: 192
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312006953
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Über das Buch

Sisko und Mirja wachsen in Finnland auf. Später lebt Sisko in England, ihre ältere Schwester Mirja in Deutschland, ihre Brüder in Schweden. Als Sisko unheilbar erkrankt, kommen die Schwestern einander wieder näher. Bei Mirjas letztem Besuch lassen sie die gemeinsame Kindheit aufleben. Immer wieder kehren sie zurück zu dem Tag, an dem ihre Mutter sich das Leben nahm, als sei dies der Augenblick, der alles weitere in ihrem Leben bestimmte.

Aus knappen Skizzen entsteht das Porträt einer eigenwilligen Familie, die sich kaum von einem Drama erholt hat, bevor sie der nächste Schicksalsschlag trifft. Siskos Sprache ist oft sarkastisch, Mirja zeichnet mit weicherer Feder. Bei aller Unterschiedlichkeit der Geschwister, auch der beiden Schwestern, spürt man die Verbundenheit, die Liebe zueinander. Die Geschichte fordert den Leser heraus und ist doch voll friedlichen Trostes.

Für Hans und Marko – Danke für die Liebe.

And to Tanja.

Die Frau oben schrie. Die Kamera in Siskos Hand schwenkte kurz in Richtung der Stimme, als sei es möglich, die Frau durch die Decke hindurch zu filmen. Dann nahm sie die Bauarbeiter auf, die vor ihren Fenstern tätig waren. Die Männer verputzten die Fassade, sie konnte nur ihre Beine sehen, die sich vorsichtig auf dem schmalen Gerüst bewegten. Eine Taube flog vorbei. Die Frau über ihr schrie weiter. Einer der Arbeiter bückte sich und warf einen verstohlenen Blick in Siskos Suite. Sie winkte ihm vom Bett aus zu, der Mann erwiderte den Gruß nicht. Sie nahm den Tisch und die Stühle im Zimmer auf, einen Teil ihres Bettes, die Schreie der Frau in der Sterbekammer, wie der Raum genannt wurde, ihr eigenes schweres Schnaufen und die Geräusche, die aus dem Fernseher kamen.

Dort lief die Serie Coronation Street. Die Folge von Kens und Deirdres Hochzeit wurde wiederholt, im Film war das Jahr 1981. In dem Jahr, ein paar Tage später, hatten auch Diana und Charles geheiratet, und Ende August 1997 verunglückte Diana tödlich. Sie kann sich gut an die Fernsehübertragung erinnern. Anfang August, einen Tag nach seinem siebenundvierzigsten Geburtstag, starb Eino. Ihr Bruder starb an einem Herzinfarkt. Er wurde einbalsamiert, musste lange auf die Beerdigung warten. Seine thailändische Schwiegermutter hatte irgendwelche Schwierigkeiten mit dem Reisevisum nach Schweden. Sisko flog eine Woche nach Einos Tod hin. Zusammen mit ihrer Schwester Mirja nahm sie Abschied von ihrem aufgebahrten Bruder. Sie küsste ihn auf den Mund, Mirja nicht. Beide konnten sie nicht bis zum Begräbnis bleiben. Das Grab hat sie zwei Jahre später besucht. Im August. Es war ein großes Familientreffen. Das letzte. Sie war da schon sehr krank gewesen, der älteste Bruder auch. Sie waren alle da, alle, die noch lebten. Sogar Mirja ist gekommen. Jetzt kam sie nicht. Sie hätte längst dasein müssen. Vielleicht hatte sie den Flug verpasst, das Flugzeug war abgestürzt, oder sie fand sich nicht zurecht in London. Sie sollte auf dem Flughafen in London City ankommen. Von dort ist es gar nicht so weit bis zu den Kliniken. Wenn man sich auskennt. Mirja hatte sie ja schon im Royal Marsden Hospital besucht.

Sisko hatte keinen Wodka mehr und kaum noch Bier.

Das Warten hatte sie immer gehasst. Die unsinnigen Gedanken und Sorgen, der leere Raum zwischen Abfahrt und Ankunft, den man mit dem Wissen über die Dauer der Reise zu füllen versucht, die Zeit, die man von der Uhr abliest, aus den Zeigern, die sich kaum bewegen.

Sie zappte, bis sie eine Nachrichtensendung fand. Keine Meldung von einem Flugzeugabsturz. Aber das Personal der Underground streikte. Die Züge standen still. In der Stadt herrschte Chaos, die Taxis reichten nicht aus, die Busse waren überfüllt. Deshalb also. Sisko stieg aus dem Bett, steckte eine Bierflasche und Zigaretten in einen Stoffbeutel, zog sich einen Morgenmantel an und schlurfte aus dem Zimmer.

Ich bin im Raucherzimmer!, rief sie den Krankenschwestern zu.

Im Aufzug roch es nach Essen, und ihr wurde leicht übel.

Der Raum für die Raucher war hässlich, die Wände in hellem, kaltem Türkis gestrichen, oft ausgekühlt, weil ein Fenster immer offen stand. Die Aschenbecher quollen über, wurden von den Putzfrauen nur selten geleert.

Sie begrüßte die Mitpatienten, kannte sie alle.

Ich dachte, deine Schwester sollte heute kommen?, sagte ein Mann.

Die Tube streikt, antwortete sie.

Einen Augenblick machten sie sich Gedanken über Siskos Schwester, wie sie sich zurechtfinden und wann sie wohl ankommen würde.

Sisko öffnete die Bierflasche und trank einen kleinen Schluck. Kleine Schlucke waren ihre Spezialität. Die kleinen Schlucke machten ihre Schwester nervös, weil das Trinken sich in die Länge zog.

Jedesmal, wenn die Tür des Zimmers geöffnet wurde, spürte Sisko einen zusätzlichen Herzschlag. Die Lungenpatienten husteten und steckten sich schnell eine neue Zigarette an. Sie nuckelte an der Flasche.

Als Mirja in der Tür erschien, fing sie an zu weinen. Mirja schloss sie in die Arme und strich ihr über den fast kahlen Kopf, drückte ihn gegen ihre flache Brust, und Sisko wusste nicht, wessen Herzschläge sie spürte. Mirja ließ sie los und schaute sie an. Siskos Gesicht war dick, aufgedunsen, der Körper unförmig und der Mund vom Rest der Angst verzerrt.

Ich sehe gespenstisch aus, sagte Sisko.

Überhaupt nicht, behauptete Mirja, die in ihrer schwarzen Hose und in schwarzem Pullover, mit dem etwas steifen Lächeln wie eine Angestellte des Bestattungsinstituts wirkte. Sie hatte einmal gesagt, Schwarz sei ihre Tarnfarbe. Sisko glaubte nicht an Tarnfarben. Sie hatte schon alle Farben getragen und sich in keiner geschützt gefühlt.

Sie stellte Mirja den anderen Patienten vor. Ihre Schwester lächelte liebenswürdig, entgegenkommend wie immer und wechselte ein paar Worte mit dem einen und den anderen, steckte sich dann auch eine Zigarette an und wandte sich wieder ihr zu.

Es folgte eine lange Beschreibung der Reisebeschwerlichkeiten. Sisko wippte mit dem Fuß. Mirjas ausführliche Geschichte nervte sie, obwohl sie wusste, dass das Herunterleiern des Berichts dazu diente, die Aufregung abzubauen, und auch der Erleichterung, endlich angekommen zu sein und sie noch lebend vorgefunden zu haben. Sie wusste, dass ihre Schwester Angst um sie gehabt hatte, so wie sie immer um Mirjas Leben bangte. In der Angst waren sie sich nah.

Meine Schwester ist erstaunt und beeindruckt von der Hilfsbereitschaft und Höflichkeit der Engländer, übersetzte sie den Anwesenden. She is living in Germany! Sie lächelte verschwörerisch, als würde die Erwähnung des Landes, aus dem Mirja kam, ausreichend erklären, warum die britische Freundlichkeit sie überraschte.

Die Raucher nickten und lächelten gefällig.

Die Deutschen sind auch hilfsbereit, sagte Mirja auf Finnisch.

Aber man muss ihnen erst das polizeiliche Führungszeugnis zeigen, ehe sie einem erklären, wo die nächste Bushaltestelle ist, erwiderte Sisko und tätschelte Mirjas Hand. Kannst du mir bitte aus meinem Zimmer eine Flasche Bier holen?

Ich sollte vielleicht erst meinen Koffer in das Gästehaus bringen und mich anmelden, damit sie wissen, dass ich angekommen bin und mein Zimmer heute Nacht beziehen werde.

Eine Schwester von der Station kann doch dort anrufen, meinte Sisko.

Nachdem Mirja den Raum verlassen hatte, malte Sisko die schriftstellerischen Erfolge ihrer Schwester in Deutschland aus, in einem Land, wo es wahrhaftig nicht leicht war, als Ausländerin akzeptiert zu werden. Sie erzählte auch, sie selbst habe ein Jahr in Deutschland gelebt und wisse, wovon sie spreche. Die anderen hörten halb interessiert zu, und sie ermüdete sich selbst in ihrem Eifer, Mirja in höchsten Tönen zu rühmen, wusste auch nicht, ob Mirja eine gute oder schlechte Autorin, ob sie bekannt oder völlig unbekannt war. Sie hatte kein Buch von ihr gelesen, und Mirja selbst sprach selten über ihre Arbeit. Sisko hörte mitten im Satz auf. Niemand fragte sie nach der Fortsetzung. Sie kannten viele abgebrochene Geschichten.

Sie erinnerte sich an die vielen Tage in Helsinki, als sie in ihrem Zimmer saß, auf Mirja wartete und fast verrückt wurde vor Angst, ihr könnte etwas zugestoßen sein.

Damals war sie dann doch irgendwann gekommen, wie heute. Aber immer wenn sie da und das Warten zu Ende war, wusste sie nicht mehr, warum sie sich so sehr nach ihr gesehnt hatte.

Natürlich brachte Mirja nur eine Flasche mit. Sisko trank in winzigen Schlucken und spürte Mirjas wachsende Ungeduld. Aber ihre Schwester sagte nichts. Natürlich nicht. Sie hatte sich vorgenommen, alles zu erdulden. Weil es vielleicht das letzte Mal war.

Ich wünsche nur, dass ich nicht leiden muss. Das ist das Einzige, was ich mir wünsche, sagte sie.

Mirja nickte und drückte ihre Hand.

Ich will nicht sterben, dachte sie. Weiß Mirja das?

Ich habe den Eindruck, dass du dein Schicksal akzeptierst, hatte eine Psychologin zu ihr gesagt. Du hast gegen die Krankheit, gegen viele Krankheiten gekämpft. Jetzt bist du müde und bereit loszulassen. Dadurch hast du es einfacher als viele andere in deiner Situation.

Sie hatte sanftmütig gelächelt, abgeklärt, als habe die Therapeutin recht. Sie war etwa Mitte dreißig und für eine Engländerin elegant und dezent angezogen. Ihr Gesicht war hübsch, und der Mund, die Augen, die Nase, alle Zutaten hatten die richtige Größe, und alle befanden sich an der richtigen Stelle. Sisko misstraute ihr. Ihre Worte klangen wie eine höfliche, aber bestimmte Aufforderung, doch bitte schön ohne Aufhebens von der Bühne zu verschwinden und sich damit zufriedenzugeben, eine Weile mitgespielt zu haben. Als ob es so einfach wäre. Nur weil man die eigene Rolle nicht so geschickt spielte wie viele andere, heißt das noch lange nicht, dass man das Theater für immer verlassen möchte.

Mirja unterhielt sich mit Malcolm. Er erzählte ihr von der Operation und den Bestrahlungen, von seiner Hoffnung, er würde zu Ostern entlassen werden.

Dabei wussten alle in dem Raum, dass er das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen würde. Alle außer ihre Schwester. Sie freute sich für Malcolm. Ihr konnte man alle Lügen über baldige Genesung, wundersame Heilungen erzählen, sie würde sie glauben, weil sie nichts von diesen Menschen wusste, weil sie alle Märchen glauben wollte, damit es ihr selbst besserging. Außerdem war sie nie fähig gewesen, den Menschen ihre Illusionen zu nehmen.

In diesem Zimmer sitzt nicht ein Einziger, der gesund wird!, sagte sie auf Finnisch zu Mirja. Malcolm wird der Nächste sein, der im Sarg rausgetragen wird.

Woher weißt du das?

Das weiß man, antwortete sie.

Jill hatte Nachtschicht. Sie brachte Siskos Pillen und wechselte einige Worte mit ihr.

Sie war eine Schwarze, und Sisko mochte sie und eine irische Krankenschwester am liebsten.

Sie sagt immer, was sie denkt, sagte sie zu Mirja.

Woher willst du wissen, was sie denkt?

Weil sie es sagt!

Sie lachten, und Mirja setzte sich auf die Bettkante und sah sie an.

Wie ein Riesenbaby siehst du aus.

Ich bin ein Riesenbaby. Wie lange kannst du bleiben?

Mirja gab eine ausweichende Antwort. Das bedeutete: solange sie es aushalten konnte.

Nimmst du eigentlich noch Prozac?, fragte Mirja.

Alles! Prozac, Morphium, Schlafmittel, alles, was sie mir geben, und mehr.

Die Frau im Zimmer über ihr schrie.

Das letzte Mal lag ich mit der Frau da oben im selben Zimmer. Ihre Tochter besuchte sie jeden Tag. Sie ist schon fast vierzig, aber sie liebt ihre Mutter über alles. Hat keine eigene Familie und auch keinen Freund. Bis ihre Mutter krank wurde, haben sie noch jeden Morgen zusammen gefrühstückt und zusammen zu Abend gegessen. Mit vierzig Jahren wohnt sie noch bei der Mutter! Ich habe der Tochter gesagt, dass ich mit sechzehn von zu Hause weggegangen bin, man muss das eigene Leben leben. Aber sie weiß nicht, wie man das macht. Stell dir vor, so lange hat die Mutter sie an der Hand geführt. Eigentlich ist es mir egal, ob sie mit ihrer Mutter oder mit einem Kerl frühstückt. Man verpasst das Leben sowieso. Ewig auf der Suche nach einer Hand, an der man sich festhalten kann. Aber Geld haben sie. Sie muss nicht arbeiten, sie kann sich ganz dem Sterben der Mutter widmen.

Sie schwieg, und Mirja fragte nach Siskos Tochter.

Sie muss für ihre Abiturprüfung lernen. Nichts ist wichtiger! Sterben kann ich auch allein. Ich weiß, wie es geht.

Woher? Du bist ja noch nie gestorben.

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