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Yelena - 3-teilige Serie

YELENA UND DIE MAGIERIN DES SÜDENS
Kurz vor ihrer Hinrichtung wird Yelena ein außergewöhnliches Angebot gemacht: Sie bekommt das beste Essen, eigene Gemächer im Schloß - und riskiert ihr Leben, falls jemand versucht, den Kommandanten von Ixia zu töten.
Und so entscheidet sich Yelena, unter Anleitung des Sicherheitschefs Valek Vorkosterin des Kommandanten zu werden. Aber Valek überlässt nichts dem Zufall: Damit sie nicht flieht, gibt er ihr regelmäßig Schmetterlingsstaub ins Essen. Und nur, wenn sie täglich das Antiserum von ihm erhält, kann sie ihren langsamen und qualvollen Tod verhindern.
Als Rebellen planen, Ixia in ihre Gewalt zu bringen, entwickelt Yelena magische Kräfte, die sie nicht kontrollieren kann. Doch Magie ist in Ixia unter Todesstrafe verboten. Einzig Irys, die Magierin des Südens, kann ihr jetzt noch helfen. Doch wenn Yelena versucht zu fliehen, wird der Schmetterlingsstaub sie langsam aber sicher vergiften.


YELENA UND DER MÖRDER VON SITIA
Nach ihrem Weggang aus Ixia hat Yelena nur wenig Zeit, um ihre Familie kennen zu lernen, aus deren Armen sie als Kind gestohlen wurde: Die Zitadelle von Sitia wartet auf ihr Eintreffen, damit sie unter der Führung der Magierin Irys ihre magische Ausbildung beginnt. Doch dann werden im ganzen Land junge Magierinnen entführt und getötet, um sie ihrer Macht zu berauben. Yelena schließt sich der Jagd auf den Mörder an begleitet von ihrem Geliebten Valek, dem die Hinrichtung droht, sollte er in Sitia entdeckt werden. Und so muss Yelena ungeahnte magische Kräfte entwickeln, um den Mörder zu fangen und ihre Liebe zu schützen.


YELENA UND DIE VERLORENEN SEELEN
Die bösen Kräfte rotten sich noch einmal zusammen - wird Yelena sie aufhalten können?
Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht, dass Yelena eine Seelenfinderin ist, die Seelen fangen und in die Ewigkeit entlassen kann. Gerade als sie versucht, dieser Gabe Herr zu werden, erhält sie eine verstörende Nachricht: Ferde, der Mörder von elf Mädchen, ist aus dem Gefängnis entkommen und plant gemeinsam mit den Daviians, die Macht in Sitia zu übernehmen. Um das Schlimmste zu verhindern, muss die junge Magierin sich jetzt einer Herausforderung stellen, die sie an die Grenzen ihrer Fähigkeiten bringt. Doch die Hoffnung, am Ende endlich wieder ihren Geliebten in die Arme schließen zu können, verleiht ihr ungeahnte Kräfte.
  • Erscheinungstag: 19.10.2015
  • Aus der Serie: E Bundle
  • Seitenanzahl: 1504
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955765125
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Maria V. Snyder, Rainer Nolden

Yelena - 3-teilige Serie

1. KAPITEL

Es war schwarz wie in einem Sarg. In dieser Dunkelheit, die mich umfangen hielt, gab es nichts, was mich von meinen quälenden Erinnerungen hätte ablenken können. Sobald ich meinen Gedanken freien Lauf ließ, überfielen mich die grässlichen Bilder wie wilde Tiere.

Aus der Finsternis tauchten gleißende Flammen auf und loderten vor meinem Gesicht. Im letzten Moment konnte ich ihnen ausweichen, obwohl ich mit den Händen an einen Pfosten gefesselt war, der sich mir schmerzhaft in den Rücken bohrte. Die Hitze ließ nach, ehe sie meine Haut verbrannte. Den noch war das Feuer nahe genug gekommen, um meine Augenbrauen und Wimpern zu versengen.

„Lösch die Flammen“, hatte ein Mann mit bar scher Stimme befohlen. Ich spitzte die aufgesprungenen Lippen und blies auf das Feuer. Hitze und Angst hatten meinen Mund ausgetrocknet, und meine Zähne fühlten sich so heiß an, als hätten sie in einem Backofen gelegen.

„Närrin“, fluchte er. „Nicht mit dem Mund. Benutze deinen Geist. Lösch die Flammen mit Hilfe deiner Vorstellungskraft.“

Mit geschlossenen Augen versuchte ich, dem Inferno durch pure Willenskraft ein Ende zu setzen. Ich hätte alles Mögliche getan, gleichgültig, wie abwegig es sein mochte, nur damit der Mann endlich von mir abließ.

„Streng dich an.“ Wieder wurde es ganz heiß an meinem Gesicht, und das gleißende Rot blendete mich, obwohl ich die Augen fest zukniff.

„Steck ihr das Haar in Brand“, befahl eine andere Stimme. Sie klang jünger und eifriger als die des anderen Mannes. „Das sollte sie gefügiger machen. Komm, Vater, lass es mich mal versuchen.“

Als ich die Stimme erkannte, begann ich, am ganzen Körper zu zittern. Verzweifelt zerrte ich an meinen Fesseln, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Ein Summen drang plötzlich aus meiner Kehle, das immer lauter wurde, bis es den ganzen Raum erfüllte und die Flammen erstickte.

Das metallische Quietschen eines Schlosses riss mich aus meinem Albtraum. Ein Streifen bleichen Lichts durchschnitt die Dunkelheit und tastete sich, breiter werdend, über die Steinwand, als die schwere Kerkertür aufschwang. Die Laterne blendete mich, und schmerzerfüllt kniff ich die Augen zusammen, während ich mich in eine Ecke kauerte.

„Beweg dich, Miststück, oder du wirst die Peitsche spüren.“ Zwei Gefängniswächter befestigten eine Kette an dem Metallring um meinen Hals und zerrten mich hoch. Ich spürte einen stechenden Schmerz im Nacken, als ich vorwärts stolperte. Zitternd blieb ich stehen, während die Wächter mir mit flinken Bewegungen die Hände auf dem Rücken fesselten und meine Füße aneinander ketteten.

Ich vermied es, in das flackernde Licht zu schauen, als sie mich durch den Hauptgang des Kerkers führten. Ein widerlicher Geruch schlug mir entgegen. Barfuß watete ich durch Pfützen von undefinierbarem Unrat.

Die Wächter kümmerten sich nicht um die Schreie und das Stöhnen der anderen Gefangenen. Stattdessen achteten sie darauf, wohin sie traten. Ihre Worte trafen mich wie Peitschenhiebe.

„Ho, ho, ho … jemand wird bald hängen!“

„Knick. Knack. Und dann läuft dir deine letzte Mahlzeit an den Beinen herunter.“

„Eine Ratte weniger durchzufüttern.“

„Nimm mich! Nimm mich! Ich will auch sterben!“

Wir blieben stehen. Blinzelnd nahm ich eine Treppe wahr. Als ich die erste Stufe betreten wollte, stolperte ich über meine Ketten und stürzte. Sofort rissen die Wächter mich hoch. Die scharfen Kanten der Stufen schnitten mir ins Fleisch, und an den rauen Steinwänden schürfte ich mir Arme und Beine auf. Die Männer schubsten mich durch zwei schwere eiserne Türen und stießen mich zu Boden. Sonnenlicht stach mir in die Augen. Ich kniff sie fest zusammen, während mir Tränen über die Wangen liefen. Zum ersten Mal seit langer Zeit sah ich wieder Tageslicht.

Jetzt ist es soweit, dachte ich, während Panik in mir hochstieg. Doch die Vorstellung, dass die Hinrichtung meiner elenden Existenz im Kerker ein Ende bereiten würde, tröstete mich ein wenig.

Wieder riss man mich hoch, und blindlings folgte ich den Wächtern. Mein Körper juckte von Insektenstichen und vom schmutzigen Stroh, auf dem ich schlief. Ich stank erbärmlich. Das bisschen Wasser, das man mir zuteilte, verschwendete ich nicht für Körperpflege.

Sobald sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, schaute ich mich um. Nichts als kahle Wände. Nirgendwo waren die berühmten goldenen Leuchter und die feingewirkten Wandteppiche zu sehen, die, wie man mir erzählt hatte, die Hauptkorridore der Burg schmückten. Der kalte Steinfußboden glänzte zur Mitte hin vor Abnutzung. Offenbar liefen wir durch einen der Nebengänge, die nur von den Dienern und Wächtern benutzt wurden. Als wir an zwei geöffneten Fenstern vorbeikamen, schaute ich voller Sehnsucht hinaus.

Das frische Grün des Rasens tat meinen Augen fast weh. Die Bäume waren dicht belaubt. Blumen säumten die Pfade und wucherten üppig in Kübeln. Die frische Brise duftete wie ein teures Parfüm, und ich atmete tief ein. Nach den stechenden Gerüchen von Exkrementen und Körperausdünstungen schmeckte die klare Luft wie köstlicher Wein. Eine warme Brise umschmeichelte meine Haut. Verglichen mit dem ewig feuchten und kühlen Verlies war es ein wohltuend besänftigendes Gefühl.

Dies musste der Beginn der heißen Jahreszeit sein, und das bedeutete, dass ich fast ein ganzes Jahr in der Zelle ein geschlossen gewesen war. Eine sehr lange Zeit für jemanden, der auf seine Hinrichtung wartete.

Es war nicht leicht, mit Fußfesseln zu laufen, und ich war ganz außer Atem, als man mich in ein geräumiges Zimmer führte. Landkarten von Ixia und den angrenzenden Ländern hingen an den Wänden. Bücherstapel auf dem Fußboden machten es fast unmöglich, den Raum zu durchqueren. Überall standen Kerzen, einige frisch angezündet, andere fast heruntergebrannt. Manche Dokumente waren den Flammen offenbar zu nahe gekommen, denn sie wiesen braune Flecken auf. Ein großer Holztisch, übersät mit Papieren und umrahmt von einem halben Dutzend Stühlen, beherrschte die Mitte des Raums. Am anderen Ende des Arbeitszimmers, vor einem weit geöffneten Fenster, saß ein Mann an einem Schreibtisch. Sein schulterlanges Haar wehte im Wind.

Unwillkürlich fuhr mir ein Schauer über den Rücken, und meine Ketten klirrten. Durch die geflüsterten Unterhaltungen von Kerkerzelle zu Kerkerzelle hatte ich mitbekommen, dass verurteilte Gefangene einem Beamten vorgeführt wurden, um sich noch einmal zu ihren Vergehen zu bekennen, ehe sie gehängt wurden.

Der Mann trug die Uniform eines Ratgebers des Commanders: schwarze Hose und schwarzes Hemd, auf dessen Kragen zwei rote Diamanten gestickt waren. Das bleiche Gesicht des Mannes war ausdruckslos. Doch bei meinem Anblick riss er überrascht die saphirblauen Augen auf.

Jetzt erst wurde ich mir meines Aussehens bewusst. Ich schaute an meiner zerrissenen roten Gefängniskleidung hinunter, durch deren fadenscheinigen Stoff man die ungewaschene Haut sehen konnte. Mein Blick fiel auf meine schmutzigen, schwieligen Füße. Mein langes schwarzes Haar war verfilzt, und ich schwitzte unter dem Gewicht der Ketten.

„Eine Frau? Der nächste Todeskandidat ist eine Frau?“ Seine Stimme klang eisig. Bei dem Wort „Todeskandidat“ begann ich zu zittern und verlor die Fassung. Ohne die Wächter an meiner Seite wäre ich schluchzend zu Boden gesunken. Doch sie folterten jeden, der nur das geringste Anzeichen von Schwäche zeigte, also riss ich mich zusammen.

Der Mann zupfte an seinen schwarzen Haarlocken. „Ich hätte mir Zeit nehmen sollen, deine Akte noch einmal zu lesen.“ Mit einer Handbewegung bedeutete er den Wächtern, sich zu entfernen. „Ihr könnt gehen.“

Nachdem sie verschwunden waren, deutete er auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Die Ketten klirrten, als ich auf der Kante Platz nahm.

Er öffnete einen Ordner, der auf seinem Tisch lag, und überflog die Seiten. „Yelena, heute könnte dein Glückstag sein“, sagte er.

Ich schluckte eine sarkastische Antwort hinunter. Eine wichtige Lektion hatte ich während meiner Gefangenschaft im Kerker gelernt: Man sollte nie Widerworte geben. Stattdessen senkte ich den Kopf und vermied es, meinem Gegenüber in die Augen zu sehen.

Der Mann schwieg eine Weile. „Gut erzogen und respektvoll. Du siehst mir ganz nach einer geeigneten Kandidatin aus.“

Trotz des Durcheinanders im Raum herrschte Ordnung auf seinem Schreibtisch. Neben meiner Akte und einigen Schreibwerkzeugen standen nur noch zwei kleine schwarze, mit glänzenden Silberstreifen durchzogene Figuren auf der Schreibtischplatte – zwei naturgetreu geschnitzte Panther.

„Man hat dir den Prozess gemacht und dich für schuldig befunden, General Brazells einzigen Sohn Reyad ermordet zu haben.“ Er schwieg und rieb sich mit dem Finger über die Schläfe. „Deshalb also hält sich Brazell in dieser Woche hier auf und ist so interessiert an den Hinrichtungen, die für die nächsten Tage vorgesehen sind.“ Der Mann redete mehr zu sich selbst als mit mir.

Beim Klang von Brazells Namen legte sich die Angst wie ein Panzer um meine Brust. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich schon bald unerreichbar für ihn sein würde.

Die Militärregierung hatte erst vor einer Generation die Herrschaft in Ixia übernommen, und die Justiz hatte strenge Regeln erlassen, die im Neuen Gesetzbuch niedergelegt waren. In Friedenszeiten – die, seltsam genug für eine Militärregierung, die meiste Zeit über herrschten – war es nicht erlaubt, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Auf Mord stand Hinrichtung. Selbstverteidigung oder Totschlag wurden als Entschuldigung nicht anerkannt. Wenn jemand als schuldig verurteilt war, wurde der Mörder in die Verliese des Commanders gesteckt und musste dort auf seine öffentliche Hinrichtung – Tod durch den Strang – warten.

„Ich nehme an, du wirst das Urteil anfechten und behaupten, das Opfer einer Intrige geworden zu sein oder dass es Selbstverteidigung war.“ Gelangweilt lehnte er sich in seinen Stuhl zurück.

„Nein, Sir“, flüsterte ich. Mehr gaben meine ungeübten Stimmbänder nicht her. „Ich habe ihn ermordet.“

Der schwarzgekleidete Mann richtete sich auf und musterte mich mit einem durchdringenden Blick. Dann lachte er laut auf. „Das klappt ja besser, als ich dachte! Yelena, ich lasse dir die Wahl. Du kannst entscheiden, ob du hingerichtet oder die neue Vorkosterin von Commander Ambrose werden möchtest. Sein letzter Vorkoster ist kürzlich gestorben, und wir müssen die Position neu besetzen.“

Entgeistert starrte ich ihn an, während mir das Herz bis zum Hals schlug. Das musste ein Witz sein. Bestimmt machte er sich nur lustig über mich. Erst weideten sie sich an der Freude und der Hoffnung im Gesicht eines Gefangenen, und dann machten sie all seine Erwartungen zunichte, indem sie ihn dem Henker übergaben.

Trotzdem ging ich wohl oder übel auf das Spiel ein. „Nur ein Narr würde ein solches Angebot ausschlagen.“ Meine Stimme war zwar immer noch heiser, aber wenigstens ein wenig fester geworden.

„Nun, es ist eine Stellung auf Lebenszeit. Die Ausbildung kann tödlich sein. Denn wo her willst du wissen, ob Gift in den Speisen des Commanders ist, wenn du nicht einmal weißt, wie es schmeckt?“ Er legte die Dokumente in den Aktenordner zurück.

„Du bekommst ein Schlafzimmer innerhalb der Burg, aber die meiste Zeit des Tages verbringst du ohnehin an der Seite des Commanders. Freie Tage gibt es nicht. Auch keinen Ehemann und keine Kinder. Einige Gefangene haben sich allerdings für die Hinrichtung entschieden. Auf diese Weise kannten sie wenigstens den genauen Zeitpunkt ihres Todes und mussten nicht befürchten, ihm beim nächsten Bissen zu begegnen.“ Er schnalzte mit der Zunge und lächelte boshaft.

Offenbar meinte er es tatsächlich ernst. Ich bebte am ganzen Körper. Das war meine Chance zu überleben. Dem Commander zu dienen war allemal besser als der Kerker – und tausend Mal besser als der Strick. Dutzende von Fragen schossen mir durch den Kopf: Ich bin eine verurteilte Mörderin. Wie können sie mir vertrauen? Was sollte mich davon abhalten, den Commander zu töten oder zu fliehen?

Stattdessen erkundigte ich mich vorsichtig: „Wer ist denn im Moment der Vorkoster?“ Ich befürchtete nämlich, dass er seine Meinung ändern und mich zum Galgen schicken würde, hätte ich die Fragen gestellt, die mir wirklich auf dem Herzen lagen.

„Ich. Deshalb bin ich ja so sehr daran interessiert, einen Nachfolger zu finden. Außerdem schreibt das Neue Gesetzbuch vor, dass demjenigen, der sein Leben verwirkt hat, die Position angeboten werden muss.“

Ich konnte nicht länger ruhig auf meinem Stuhl sitzen. Meine Ketten klirrten, als ich aufsprang und begann, im Raum hin und her zu gehen. Auf den Karten an den Wänden waren strategisch wichtige Militärstützpunkte verzeichnet. Die Bücher handelten von Sicherheits- und Spionagetechniken. Die vielen Kerzen, von denen manche schon heruntergebrannt waren, deuteten darauf hin, dass hier bis spät in die Nacht gearbeitet wurde.

Ich betrachtete den Mann, der die Uniform eines Ratgebers trug. Er musste Valek sein, der persönliche Sicherheitsberater des Commanders und Chef des weit verzweigten Geheimdienstnetzes von Ixia.

„Was also soll ich dem Henker denn sagen?“, wollte Valek wissen.

„Dass ich keine Närrin bin.“

2. KAPITEL

Valek schloss den Aktenordner. Elegant und geschmeidig wie ein Schneeleopard auf dünnem Eis schritt er zur Tür. Die Wächter, die im Korridor warteten, nahmen bei seinem Anblick Haltung an. Valek sagte etwas zu ihnen, und sie nickten. Einer der Wächter trat auf mich zu. Entsetzt sah ich ihn an. In den Kerker zurückzukehren war nicht Teil von Valeks Angebot gewesen. Blieb mir eine Fluchtmöglichkeit? Gehetzt schaute ich mich im Zimmer um. Der Wächter drehte mich um und befreite mich von den Fesseln und Ketten, die ich seit meiner Festnahme tragen musste.

An meinen blutunterlaufenen Handgelenken war das rohe Fleisch zu sehen. Ich berührte meinen Nacken und spürte Haut, wo zuvor Eisen gewesen war. An meinen Fingern klebte Blut. Ich griff taumelnd nach dem Stuhl. Befreit von den Ketten verspürte ich auf einmal ein ganz merkwürdiges Gefühl – so, als würde ich jeden Moment davon schweben oder in Ohnmacht fallen. Ich atmete tief ein, bis der Schwächeanfall nachließ.

Nachdem ich meine Fassung wieder gefunden hatte, sah ich Valek neben seinem Schreibtisch stehen und zwei Becher füllen. Die geöffneten Türen eines Holzschranks gaben den Blick frei auf merkwürdig geformte Flaschen und Becher in allen möglichen Farben. Valek stellte die Flasche zurück und verschloss den Schrank.

„Ich glaube, du kannst jetzt etwas zu trinken gebrauchen, während wir auf Margg warten.“ Er reichte mir einen hohen Zinnkrug mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit darin. „Auf Yelena, unsere neue Vorkosterin. Mögest du länger leben als dein Vorgänger.“

Den Becher nahe an meinen Lippen, erstarrte ich.

„Sei unbesorgt“, beruhigte er mich. „Das ist bloß der übliche Trinkspruch.“

Ich nahm einen tiefen Schluck. Die süße Flüssigkeit brannte ein wenig in meiner Kehle. Einen Moment lang glaubte ich, dass mein Magen rebellieren würde. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich etwas anderes als Wasser getrunken hatte. Doch dann beruhigten sich meine aufgewühlten Nerven.

Ehe ich ihn fragen konnte, was mit dem ehemaligen Vorkoster geschehen war, verlangte Valek von mir, den Geschmack des Getränks zu beschreiben. Nachdem ich noch einen kleinen Schluck genommen hatte, sagte ich: „Pfirsich, gesüßt mit Honig.“

„Gut. Jetzt nimm noch einen Schluck. Lass das Getränk über deine Zunge rollen, ehe du es hinunterschluckst.“

Ich befolgte seinen Rat und war überrascht, einen Hauch von Zitrusfrüchten zu schmecken. „Orange?“

„Richtig. Und jetzt gurgle damit.“

„Gurgeln?“, fragte ich ungläubig. Er nickte. Ich kam mir ziemlich töricht vor, als ich mit dem Rest des Getränks gurgelte. Fast hätte ich es ausgespieen. „Verfaulte Orangen.“

Kleine Fältchen bildeten sich um Valeks Augen, als er lachte. Er hatte ein ausgeprägt eckiges Gesicht, wie aus einem Stück Eisen gestanzt, aber es wurde sanft, wenn er lächelte. Er reichte mir sein Getränk und bat mich, die Prozedur zu wiederholen.

Ein wenig beklommen nahm ich einen Schluck. Erneut schmeckte ich das schwache Aroma von Orangen. Ich wappnete mich für den ekelhaften Geschmack, als ich mit Valeks Getränk gurgelte, und war erleichtert, dass das Gurgeln nur die Orangenessenz verstärkte.

„Besser?“, fragte Valek und nahm mir den leeren Becher ab.

„Ja.“

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und öffnete noch einmal meinen Aktenordner. Während er den Federkiel zur Hand nahm, redete er mit mir. „Das war gerade deine erste Lektion im Vorkosten. Dein Getränk war – im Gegensatz zu meinem – mit einem Gift versetzt, das Butterfly Dust heißt. Die einzige Möglichkeit, es zu entdecken, besteht darin, damit zu gurgeln. Die verfaulten Orangen, die du herausgeschmeckt hast, waren das Gift.“

Mir schwirrte der Kopf, als ich aufstand. „Ist es tödlich?“

„Eine entsprechend große Dosis wird dich innerhalb von zwei Tagen umbringen. Die Symptome zeigen sich erst am zweiten Tag, aber dann ist es bereits zu spät.“

Mir stockte der Atem. „Hatte ich denn tatsächlich eine tödliche Dosis?“

„Selbstverständlich. Wäre sie geringer gewesen, hättest du das Gift nicht herausgeschmeckt.“

Mein Magen rebellierte, und ich musste würgen. Doch ich schluckte die Galle, die mir in die Kehle gestiegen war, hinunter, denn ich wollte mir nicht die Blöße geben, mich auf Valeks Schreibtisch zu übergeben.

Valek schaute von seinen Papieren auf und betrachtete mich aufmerksam. „Ich habe dich gewarnt. Die Lektionen sind gefährlich. Aber ich hätte dir niemals ein Gift gegeben, mit dem dein Körper wegen deiner Unterernährung nicht fertig geworden wäre. Es gibt ein Gegenmittel für Butterfly Dust.“ Er zeigte mir ein kleines Fläschchen mit einer weißen Flüssigkeit.

Mit einem Seufzer sank ich auf meinen Stuhl zurück. Valeks Gesichtsausdruck war wieder undurchdringlich geworden. Jetzt erst wurde mir bewusst, dass er mir das Gegenmittel nicht angeboten hatte.

„Um deine Frage zu beantworten, die du nicht gestellt hast, aber hättest stellen sollen …“ Valek hob das Fläschchen hoch und schüttelte es. „Auf diese Weise verhindern wir, dass die Vorkoster des Commanders fliehen.“

Ich starrte ihn an und versuchte, den Sinn seiner Worte zu begreifen.

„Yelena, du hast einen Mord gestanden. Wir müssten verrückt sein, wenn wir dich ohne gewisse Sicherheiten in die Dienste des Commanders nähmen. Er wird rund um die Uhr bewacht, sodass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass du eine Waffe gegen ihn richten könntest. Und um anderen Arten der Vergeltung vorzubeugen, benutzen wir Butterfly Dust.“ Valek nahm das Fläschchen mit dem Gegengift und hielt es gegen das Sonnenlicht. „Davon brauchst du täglich eine Dosis, um zu überleben. Das Gegenmittel verhindert, dass das Gift dich tötet. So lange du jeden Morgen in mein Arbeitszimmer kommst, werde ich dir das Gegengift geben. Verpasst du einen Tag, wirst du am übernächsten tot sein. Wenn du ein Verbrechen oder einen Verrat begehst, wirst du in den Kerker zurückgeschickt, und das Gift wird dich umbringen. An deiner Stelle würde ich versuchen, einem solchen Schicksal zu entgehen. Das Gift verursacht heftige Magenschmerzen und unkontrolliertes Erbrechen.“

Noch ehe ich mir der Bedeutung seiner Worte vollkommen bewusst wurde, wanderte sein Blick über meine Schultern. Als ich mich umdrehte, bemerkte ich eine kräftige Frau in der Uniform einer Haushälterin, die soeben zur Tür hereintrat. Valek stellte sie als Margg vor – die Frau, die sich um meine täglichen Bedürfnisse kümmern würde. Offenbar erwartete sie von mir, dass ich ihr folgte, denn sie verschwand, ohne ein Wort zu sagen.

Ich betrachtete das Fläschchen auf Valeks Schreibtisch.

„Komm morgen in mein Büro. Margg wird dir den Weg zeigen.“

Damit war ich entlassen. An der Tür blieb ich noch einmal stehen. Tausend Fragen lagen mir auf der Zunge. Doch ich schluckte sie hinunter, und sie lagen mir wie Steine im Magen. Ich schloss die Tür und eilte hinter Margg her, die nicht auf mich gewartet hatte.

Sie legte ein rasches Tempo vor, und keuchend versuchte ich, mit ihr Schritt zu halten. Eigentlich wollte ich mir den Weg und die Windungen durch die verschiedenen Korridore einprägen, doch Marggs imposante Rückenansicht und ihr zügiges Tempo forderten meine ganze Konzentration. Ihr langer schwarzer Rock schien über dem Boden zu schweben. Die Uniform der Haushälterin bestand aus einer schwarzen Bluse und einer weißen Schürze, die vom Hals bis zu den Knöcheln reichte und fest um die Taille geschnürt war. Auf die Schürze waren zwei senkrechte Reihen von kleinen roten Edelsteinen gestickt, die am unteren Rand zusammenliefen. Als Margg schließlich bei den Baderäumen stehen blieb, musste ich mich auf den Boden setzen, um das Schwindelgefühl in meinem Kopf zu bekämpfen.

„Du stinkst“, stellte sie mit einem Ausdruck des Ekels in ihrem breiten Gesicht fest. Mit einer herrischen Geste, die darauf schließen ließ, dass sie keinen Widerspruch gewohnt war, deutete sie zum anderen Ende des Raumes. „Wasch dich zweimal und leg dich dann in die Wanne. Ich hole deine Uniform.“ Damit verließ sie das Zimmer.

Mit einem Mal überwältigte mich das Verlangen nach einem heißen Bad. Mit neuer Energie entledigte ich mich der Gefängniskleidung und betrat den Waschbereich. Ich drehte den Hahn auf und genoss den heißen Strahl, der wie ein Wasserfall auf mich hinabstürzte. Die Burg des Commanders verfügte über Heißwassertanks, die direkt oberhalb des Badebereichs eingebaut waren. Nicht einmal Brazells verschwenderisch eingerichtetes Haus bot diesen Luxus.

Lange blieb ich so stehen und hoffte, das Wasser, das über mein Gesicht strömte, möge jeden Gedanken an das Gift wegspülen. Gehorsam wusch ich zwei Mal mein Haar und meinen Körper. Die Seife brannte auf meinem Hals, den Handgelenken und Fußknöcheln, aber ich achtete nicht darauf. Immer wieder rieb ich über die hartnäckigen Schmutzstellen auf meiner Haut. Erst als ich feststellte, dass es Prellungen oder Blutergüsse waren, hörte ich damit auf.

Ich hatte das Gefühl, dass der Körper unter der Kaskade nicht zu mir gehörte. Er hatte den Schmerz und die Demütigung der Kerkerhaft erfahren. Die Seele allerdings war ihm bereits zuvor schon in den zwei langen Jahren, die ich auf Brazells Anwesen verbracht hatte, ausgetrieben worden.

Unvermittelt tauchte das Bild von Brazells Sohn vor meinem inneren Auge auf. Reyads attraktives Gesicht war wutverzerrt. Ich trat einen Schritt zurück, und unwillkürlich hob ich die Hände, um ihn abzuwehren. Als die Vision verblasste, zitterte ich am ganzen Körper.

Es kostete mich viel Kraft, mich abzutrocknen und mir ein Handtuch umzubinden. Während ich einen Kamm suchte, bemühte ich mich, die hässlichen Erinnerungen zu verdrängen, die Reyads Gesicht in mir geweckt hatte.

Selbst nach der Wäsche widersetzten sich meine Haare dem Kamm. Auf der Suche nach einer Schere entdeckte ich aus den Augenwinkeln eine andere Person im Baderaum. Ich betrachtete den Körper. Jemand erwiderte meinen starren Blick. Die grünen Augen waren das einzige Zeichen von Leben in dem hageren ovalen Gesicht.

Die Erkenntnis traf mich wie ein Blitz und erfüllte mich mit eisiger Angst. Das war mein Körper. Ich wandte den Blick vom Spiegel ab, denn ich wollte diese elende Gestalt nicht länger betrachten. Feigling, dachte ich, und schaute bewusst zurück. War meine Seele durch Reyads Tod von dem Ort, an den sie geflohen war, zurückgekehrt? In meiner Vorstellung versuchte ich, meinen Geist und meinen Körper zu vereinen. Warum glaubte ich, dass meine Seele zurückkehren würde, wenn mein Körper immer noch nicht mir gehörte? Er gehörte Commander Ambrose, und er benutzte ihn als Werkzeug, um Gifte aufzuspüren. Schaudernd wandte ich mich ab.

Ich kämmte die verfilzten Knoten aus meinem Haar und flocht den Rest zu einem langen Zopf, der mir über den Rücken hing.

Vor kurzem war meine ganze Hoffnung ein sauberes Gefängniskleid vor der Hinrichtung gewesen, und jetzt tauchte ich in die berühmten heißen Bäder des Commanders ein.

„Das reicht!“, bellte Margg und riss mich aus einem leichten Schlummer. „Hier ist deine Uniform. Zieh dich an.“ Ihr hartes Gesicht drückte Missbilligung aus, und ich konnte ihre Abneigung gegen mich förmlich spüren.

Zur Uniform des Vorkosters gehörte Unterwäsche, eine schwarze Hose, ein breiter roter Satingürtel und eine rote Satinbluse mit einer Reihe von kleinen schwarzen, diamantähnlichen Steinen, die an die Ärmel gestickt waren. Die Kleidung war offensichtlich für einen Mann gemacht. Unterernährt und nur knapp ein Meter sechzig groß, sah ich aus wie ein Kind, das in die Sachen seines Vaters geschlüpft war. Dreimal schlang ich den Gürtel um meine Taille und rollte Ärmel und Hosenbeine hoch.

Margg schnaubte verächtlich. „Valek hat mir zwar nur befohlen, dir etwas zu essen zu geben und dein Zimmer zu zeigen. Aber es ist wohl besser, wenn wir auch bei der Näherin vorbeischauen.“ An der offenen Tür hielt Margg inne, kräuselte die Lippen und setzte hinzu: „Stiefel brauchst du auch.“

Gehorsam wie ein heimatloses Hündchen folgte ich ihr.

Dilana, die Näherin, brach in fröhliches Gelächter aus, als sie meinen Aufzug sah. Blonde Locken umrahmten ihr herzförmiges Gesicht, dessen Schönheit durch die honigfarbenen Augen und langen Wimpern noch unterstrichen wurde.

„Die Stalljungen tragen die gleichen Hosen und die Küchenmädchen die gleichen roten Blusen“, erklärte Dilana, nachdem ihr Lachanfall verebbt war. Sie rügte Margg, weil sie sich nicht die Zeit genommen hatte, besser sitzende Kleidungsstücke für mich zu finden. Margg presste die Lippen noch fester zusammen.

Dilanas Aufmerksamkeit wärmte mein Herz und machte sie mir sehr sympathisch. Ich konnte mir diese Frau, die sich mehr wie eine Großmutter als wie ein junges Mädchen mit mir beschäftigte, sehr gut als meine Freundin vorstellen. Vermutlich hatte sie viele Bekannte und Verehrer, die sich zu ihr hingezogen fühlten wie Höhlenbewohner zu einer wärmenden Feuerstelle. Wie gerne hätte ich Dilana berührt.

Nachdem sie meine Maße aufgeschrieben hatte, wühlte sie in Stapeln von roten, schwarzen und weißen Kleidungsstücken, die im ganzen Raum verstreut lagen.

Jeder, der in Ixia arbeitete, hatte eine Uniform. Die Diener in der Burg und die Wächter trugen eine Kombination aus schwarzen, weißen und roten Kleidungsstücken mit diamantförmigen Applikationen entweder an den Hemdsärmeln oder an den Seiten der Hosenbeine. Ratgeber und hochrangige Beamte waren in der Regel schwarz gekleidet. Kleine rote Diamanten an den Krägen wiesen auf ihre Stellung hin. Der Commander hatte die Uniformen eingeführt, nachdem er an die Macht gekommen war, damit jeder auf den ersten Blick sah, mit wem er es zu tun hatte.

Schwarz und rot waren die Farben von Commander Ambrose. Das Territorium von Ixia war in acht militärische Distrikte aufgeteilt, denen jeweils ein General vorstand. Die Uniformen der acht Bezirke entsprachen – abgesehen von der Farbe – jener des Commanders. Eine schwarz gekleidete Haushälterin mit kleinen roten Diamant-Applikationen auf der Schürze arbeitete folglich im Militärdistrikt 3 oder MD-3.

„Ich glaube, die hier passen besser.“ Dilana reichte mir einige Kleidungsstücke und deutete auf den Wandschirm am anderen Ende des Raumes.

Während ich mich umzog, hörte ich sie sagen: „Sie braucht auch Stiefel.“ In der neuen Uniform kam ich mir sogleich weniger lächerlich vor. Ich sammelte die alten Kleidungsstücke auf und gab sie ihr zurück.

„Die müssen Oscove gehört haben, dem ehemaligen Vorkoster“, sagte Dilana. Einen Moment lang wurde ihre Miene traurig. Dann schüttelte sie den Kopf, als wollte sie einen unwillkommenen Gedanken vertreiben.

Alle Gedanken an eine mögliche Freundschaft verschwanden im Handumdrehen, als mir klar wurde, dass die Position der Vorkosterin mit einem großen emotionalen Risiko verbunden war. Mein Magen krampfte sich zusammen, und die Wärme von Dilanas Herzlichkeit wurde verdrängt von einem Gefühl kalter Verbitterung.

Unvermittelt musste ich an May und Carra denken, die immer noch in Brazells Haus lebten, und endlose Einsamkeit überkam mich. Unwillkürlich zuckten meine Finger, als wollten sie wie damals Carras wirre Zöpfe richten und Mays Rock glatt streichen.

Doch statt Carras seidenweiches blondes Haar hielt ich ein Bündel Kleider in der Hand. Dilana führte mich zu einem Stuhl, kniete sich auf den Boden und zog mir Socken und weiche, schwarze Lederstiefel an, deren umgestülpter Schaft bis zur Mitte meiner Waden reichte. Dann stopfte sie die Hosenbeine in die Stiefel und half mir beim Aufstehen.

Da ich schon seit Monaten keine Schuhe mehr getragen hatte, befürchtete ich, dass sie meine Haut aufscheuern würden. Aber die Stiefel fühlten sich an meinen Füßen wie Kissen an und passten wie angegossen. Ich warf Dilana ein Lächeln zu und vergaß May und Carra fürs Erste. Es waren wirklich die wunderbarsten Stiefel, die ich jemals getragen hatte.

Sie erwiderte mein Lächeln und sagte: „Auch ohne nach zumessen finde ich immer die richtige Größe.“

Margg räusperte sich vernehmlich. „Bei den Stiefeln vom armen Rand hast du dich aber vertan. Doch weil er sich in dich vergafft hat, humpelt er lieber in der Küche herum als etwas zu sagen.“

„Achte nicht auf sie“, sagte Dilana zu mir. „Margg, hast du nichts zu tun? Verschwinde, oder ich schleiche mich in dein Zimmer und kürze dir alle deine Röcke.“ Ausgelassen scheuchte Dilana uns aus dem Raum.

Margg führte mich zum Speisesaal der Diener und tischte mir eine kleine Portion Suppe und Brot auf. Die Suppe schmeckte vorzüglich. Nachdem ich das Essen hinuntergeschlungen hatte, bat ich um mehr.

„Nein. Wenn du zuviel isst, wird dir schlecht“, sagte sie nur. Zögernd folgte ich Margg und ließ meine Schüssel auf dem Tisch zurück.

„Sei bei Sonnenaufgang bereit zur Arbeit.“

Damit drehte sie mir den Rücken zu und verschwand.

In meinem kleinen Raum stand ein schmales Bett mit einer fleckenübersäten Matratze auf einem schlichten Metallrahmen, ein einfacher hölzerner Schreibtisch mit einem Stuhl, ein Nachttopf, ein Schrank, ein Leuchter, ein winziger Ofen und ein Fenster, dessen Läden fest geschlossen waren. Die grauen Wände waren schmucklos. Die Matratze gab kaum nach, als ich sie ausprobierte. Im Vergleich zu meinem Verlies war es zwar eine beträchtliche Verbesserung; dennoch stimmte mich meine neue Umgebung nicht sonderlich zufrieden.

Nichts in diesem Zimmer strahlte Behaglichkeit aus. Valeks unbewegliche Miene und Marggs missbilligender Gesichtsausdruck kamen mir in den Sinn, und ich sehnte mich nach einem Kissen oder einer Decke. Ich fühlte mich wie ein verlassenes Kind, das sich an etwas klammern wollte, etwas Weiches, das mich nicht verletzen würde.

Nachdem ich meine Uniform in den Schrank gehängt hatte, trat ich ans Fenster. Das Fensterbrett war breit genug, um darauf sitzen zu können. Die Läden waren geschlossen, aber die Riegel saßen auf der Innenseite. Mit zitternden Händen löste ich sie, stieß das Fenster weit auf und blinzelte in die plötzliche Helligkeit. Ich legte die Hand an die Stirn, kniff die Augen zusammen und betrachtete ungläubig das Bild vor meinem Fenster. Ich befand mich im Erdgeschoss des Schlosses, nur einen Meter fünfzig über dem Erdboden.

Zwischen meinem Zimmer und den Ställen befanden sich die Hundezwinger und der Trainingsparcours für die Pferde. Den Stalljungen und Hundetrainern wäre es egal, wenn ich fliehen würde. Ich hätte problemlos hinunterspringen und weglaufen können. Ein verlockender Gedanke – abgesehen von der Tatsache, dass ich dank des Gifts von Valek in zwei Tagen tot wäre. Vielleicht ein anderes Mal, wenn zwei Tage in Freiheit den Preis wert wären.

Darauf konnte ich nur hoffen.

3. KAPITEL

Reyads Peitsche schnitt mir in die Haut und hinterließ einen brennenden Schmerz in meinem Fleisch. „Beweg dich“, befahl er. Ich versuchte, den Schlägen auszuweichen, aber das Seil um meine Handgelenke, mit dem ich an einen Pfosten in der Mitte des Raumes gefesselt war, hinderte mich daran.

„Beweg dich. Mach schneller!“, schrie Reyad.

Wieder und wieder traf mich die Peitsche. Mein dünnes Hemd bot keinen Schutz vor dem harten Leder. Plötzlich meldete sich in meinem Kopf eine leise, tröstliche Stimme. „Geh fort“, flüsterte sie. „Lass deinen Geist zu einem fernen Ort reisen, wo es nichts Böses gibt. Trenne deine Seele von deinem Körper.“

Die angenehme Stimme gehörte weder Reyad noch Brazell. Vielleicht einem Erlöser? Es war ein einfacher Weg, den Qualen zu entkommen, und ausgesprochen verlockend – aber ich wartete lieber auf eine andere Gelegenheit. Deshalb ignorierte ich die Aufforderung und konzentrierte mich darauf, der Peitsche auszuweichen. Als die Erschöpfung übermächtig wurde, begann mein Körper, wie Espenlaub zu zittern. Wie ein Kolibri, der die Orientierung verloren hatte, irrte ich durch den Raum, um den Peitschenhieben zu entkommen.

Schweißgebadet fuhr ich in der Dunkelheit auf. Die verknautschte Unterwäsche klebte an meinem Körper. Aus dem Peitschenknallen in meinem Traum war lautes Klopfen geworden. Ehe ich zu Bett gegangen war, hatte ich einen Stuhl unter die Türklinke geklemmt, damit niemand hereinkommen konnte. Jetzt erbebte der Stuhl bei jedem Schlag.

„Ich komme“, rief ich. Sofort hörte das Hämmern auf. Vor der Tür stand Margg mit einer Laterne in der Hand und musterte mich griesgrämig. Schnell schlüpfte ich in meine Uniform und folgte ihr auf den Korridor. „Hast du nicht Sonnenaufgang gesagt?“

Ihr missbilligender Blick ließ mich verstummen. „Es ist Sonnenaufgang.“

Im Morgengrauen folgte ich Margg durch das Labyrinth der verborgenen Gänge. Mein Zimmer ging nach Westen, sodass ich die aufgehende Sonne nicht mitbekam. Margg löschte die Laterne aus, als mir der Duft von frischem Kuchen in die Nase stieg.

Ich atmete tief ein und fragte: „Frühstück?“ Verärgert stellte ich fest, dass meine Stimme hoffnungsvoll, fast flehentlich klang.

„Nein. Dein Essen bekommst du von Valek.“

Die Vorstellung von einem vergifteten Frühstück ließ mich meinen Hunger auf der Stelle vergessen. Unwillkürlich krampfte sich mein Magen zusammen, als ich mich an Valeks Butterfly Dust erinnerte. Noch ehe wir sein Arbeitszimmer erreichten, hatte ich das Gefühl, dass mich das Gift jeden Moment dahinraffen würde, falls ich nicht umgehend das Gegenmittel bekäme.

Valek stellte gerade dampfende Schüsseln und Teller auf seinen Schreibtisch. Dafür hatte er eigens einen Teil der Tischplatte freigeräumt und die Papiere achtlos zusammengelegt. Er deutete auf einen Stuhl. Während ich mich hin setzte, suchte ich auf dem Schreibtisch vergeblich das Fläschchen mit dem Gegengift.

„Hoffentlich hast du …“ Valek musterte mich eindringlich. Ich bemühte mich, seinem Blick standzuhalten.

„Erstaunlich, was ein Bad und eine Uniform bewirken können“, sagte er. Geistesabwesend kaute er ein Stück Frühstücksspeck. „Das sollte ich mir für die Zukunft merken. Wer weiß, wofür es gut ist.“ Er stellte zwei Teller mit Eiern und Schinken vor mich hin und sagte: „Fangen wir an.“

Mir war schwindlig und heiß. „Ich möchte lieber zuerst das Gegenmittel“, brach es aus mir hervor. Als Valek lange schwieg, begann ich, nervös auf meinem Stuhl hin und her zu rutschen.

„Eigentlich kannst du noch gar keine Symptome spüren. Die treten erst später am Nachmittag auf.“ Achselzuckend ging er zu seinem Schrank. Mit einer Pipette nahm er etwas von der weißen Flüssigkeit aus einer großen Flasche und verschloss den Schrank sofort wieder. Mein Interesse am Schlüssel musste offensichtlich gewesen sein, denn Valek ließ ihn mit einer geschickten Handbewegung verschwinden. Er gab mir die Pipette und setzte sich auf die andere Seite des Tisches.

„Trink aus, damit wir mit der heutigen Lektion beginnen können“, befahl er.

Begierig sog ich den Inhalt ein, der so bitter schmeckte, dass ich den Mund verzog. Valek nahm mir die Pipette ab und drückte mir stattdessen ein blaues Gefäß in die Hand. „Riech daran.“

Das Gefäß enthielt ein weißes Pulver, das wie Zucker aussah, aber wie Rosenholz duftete. Valek deutete auf die beiden dampfenden Teller vor mir auf dem Tisch und forderte mich auf herauszufinden, auf welchem das vergiftete Essen lag. Ich schnüffelte an den Speisen wie ein Spürhund auf der Suche nach Beute. Der linke Teller verströmte ein schwaches Aroma von Rosenholz.

„Gut. Solltest du diesen Geruch bei einem Gericht entdecken, das für den Commander bestimmt ist, lass es zurückgehen. Das Gift heißt Tigtus, und ein einziges Körnchen tötet innerhalb weniger Stunden.“ Valek stellte die vergiftete Speise zur Seite und deutete auf den anderen Teller. „Jetzt iss dein Frühstück. Du musst zu Kräften kommen.“

Den Rest des Ta ges verbrachte ich da mit, Gifte zu er schnuppern, bis mir schwindlig wurde und mein Kopf schmerzte. Die Vielzahl der Namen und Gerüche verwirrte mich. Deshalb bat ich Valek um Papier, Federhalter und Tinte. Er sah mich verblüfft an.

„Wie schaffst du es bloß, mich immer wieder zu überraschen? Ich müsste doch wissen, dass General Brazell seinen Zöglingen die bestmögliche Erziehung zukommen lässt.“ Valek gab mir ein Heft, einen Federhalter und Tinte. „Nimm das mit auf dein Zimmer. Für heute haben wir genug getan.“

Insgeheim verfluchte ich mich dafür, Valek daran erinnert zu haben, warum ich die Nächste auf der Hinrichtungsliste war, während ich das Heft und die Schreibutensilien ergriff. Seine schroffe, unnahbare Miene verriet all seine Gedanken. Brazell hatte mich von der Straße geholt, mir zu Essen gegeben und mich auf eine Schule geschickt, und ich hatte es ihm gedankt, indem ich sein einziges Kind getötet hatte. Ich wusste, dass Valek mir niemals glauben würde, wenn ich ihm die Wahrheit über Brazell und Reyad erzählte.

Mit seinem Waisenhaus war General Brazell zum Gespött der anderen Generäle geworden. Sie glaubten, er sei nach der Übernahme von Ixia vor fünfzehn Jahren ein wenig wunderlich geworden. Ein Ruf, der Brazell durchaus gefiel. Als vermeintlicher Wohltäter konnte er nämlich in seinem Militär-Distrikt 5 schalten und walten, wie er wollte, ohne dass ihm jemand dreinredete.

Ehe ich Valeks Arbeitszimmer verließ, zögerte ich. Zum ersten Mal bemerkte ich die drei schweren Schlösser der massiven Holztür. Gedankenverloren betastete ich sie eine Weile, bis Valek mich ungeduldig fragte: „Was gibt’s denn noch?“

„Ich weiß nicht, wo mein Zimmer ist.“

„Frag eine der Haushälterinnen oder die Küchenmädchen auf den Korridoren. Um diese Tageszeit sind sie überall unterwegs.“ Valek sprach mit mir wie mit einem geistig zurückgebliebenen Kind. „Sag ihnen, dass du im Westflügel der Bediensteten wohnst, im Erdgeschoss. Sie werden dir den Weg zeigen.“

Die erste Küchenmagd, die mir über den Weg lief, war gesprächiger als Margg, und ich machte mir ihre Gutmütigkeit zunutze. Sie führte mich zur Wäschekammer, wo ich einige Leinenlaken für mein Bett erhielt. Dann bat ich sie, mir den Weg zu den Baderäumen und zum Zimmer der Näherin zu zeigen. Vielleicht konnten mir Dilanas Uniformen eines Tages nützlich sein.

In meinem Zimmer öffnete ich die Fensterläden, um die letzten Strahlen der untergehenden Sonne hereinzulassen. Dann setzte ich mich an meinen Schreibtisch und notierte ausführlich, was ich an diesem Tag gelernt hatte. Dazu skizzierte ich einen ungefähren Lageplan der Korridore für die Dienstboten. Ich hätte die Burg gerne intensiver ausgekundschaftet, aber Valek hatte Recht: Ich musste erst einmal zu Kräften kommen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, später Zeit für Erkundungsgänge zu haben.

Der Unterricht in den folgenden beiden Wochen unterschied sich durch nichts von der ersten Lektion, sodass sich schon bald ermüdende Routine einstellte. Jeden Morgen erschien ich in Valeks Arbeitszimmer, um zu lernen. Nachdem ich vierzehn Tage lang Gifte erschnüffelt hatte, stellte ich fest, dass mein Geruchssinn viel schärfer geworden war. Eines Tages verkündete Valek, dass ich nun stark genug sei, um Gifte zu probieren.

„Ich beginne mit dem tödlichsten“, sagte er. „Wenn dich das nicht umbringt, werden dir auch die anderen Gifte nichts anhaben können. Ich möchte schließlich nicht meine Zeit mit Lehrstunden verschwenden, nur um zu sehen, dass du am Ende doch stirbst.“ Er stellte eine schmale rote Flasche auf seinen Schreibtisch. „Dieses hier ist ziemlich unangenehm. Es wirkt sofort auf den Körper.“ Valeks Augen leuchteten, als er die Flasche betrachtete. „Es heißt ‚Drink, my Love‘ oder einfach nur ‚My Love‘, denn das Gift wurde oft von verzweifelten Frauen benutzt.“ Er gab zwei Tropfen des Gifts in einen dampfenden Becher. „Eine höhere Dosis würde dich sofort töten. Ist sie geringer, besteht die Chance, dass du überlebst, aber du bekommst Wahnvorstellungen, wirst paranoid und einige Tage lang nicht wissen, wer und wo du bist.“

„Valek, warum muss ich ‚My Love‘ Gift probieren, wenn es sofort wirkt? Sollte ich mein Leben nicht lieber für den Ernstfall aufbewahren? Dafür sind Vorkoster doch da, oder? Ich teste die Speisen des Commanders. Ich falle tot um. Ende der Geschichte.“ Aufgebracht lief ich durchs Zimmer, stolperte aber ständig über Stapel von Büchern. Schließlich trat ich wütend gegen einen Bücherturm, dessen Bestandteile sich auf dem Boden verteilten und das Chaos noch vergrößerten. Valek sah mich durchdringend an, und sofort verschwand das befreiende Gefühl, das mir der Tritt gegen die Bücher verschafft hatte.

„Die Aufgabe eines Vorkosters ist viel komplizierter“, erklärte Valek. Er strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Das Mittel, mit dem die Speisen des Commanders vergiftet wurden, führt mich mitunter zum Täter. Deshalb muss ich in der Lage sein, das Gift zu identifizieren.“ Er reichte mir den Becher. „Selbst wenn dir nur der Bruchteil einer Sekunde bleibt, um ‚Drink, my Love‘ zu sagen, verkleinert es die Liste der Verdächtigen. Es gibt eine Reihe von Mördern, die eine Vorliebe für dieses Gift haben. Die Pflanze wächst in Sitia, im Süden des Landes. Vor der Machtübernahme konnte man es sich leicht beschaffen. Nachdem die Grenze zum Süden geschlossen wurde, gibt es nur noch wenige Leute, die reich genug sind, um es illegal zu erwerben.“

Valek begann, die auf dem Boden verstreuten Bücher aufzustapeln. Seine Bewegungen waren so graziös, dass ich mich fragte, ob er Tänzer gewesen war. Wenn man ihn allerdings reden hörte, wurde einem schnell klar, dass ihn eher die Geschmeidigkeit eines ausgebildeten Mörders auszeichnete.

„Yelena, deine Arbeit ist sehr wichtig. Deshalb verbringe ich so viel Zeit mit deinem Unterricht. Ein geschickter Attentäter beobachtet einen Vorkoster unter Umständen mehrere Tage lang, um herauszufinden, wie er arbeitet.“ Auf dem Boden hockend, fuhr Valek mit seinen Lektionen fort. „So kann der Vorkoster beispielsweise stets ein Stück Fleisch von der linken Seite abschneiden, oder er rührt sein Getränk nicht um. Manche Gifte sinken auf den Bo den des Glases. Wenn der Vorkoster nur an der Oberfläche des Getränks nippt, weiß der Mörder genau, wo er das Gift platzieren muss, um sein Opfer töten zu können.“ Er legte das letzte Buch auf den Stapel. Sie waren ordentlicher als die anderen Bücherhaufen. Valek schien es als Aufforderung zu nehmen, auch die anderen Büchertürme säuberlich auszurichten. Auf diese Weise schlug er eine breitere Schneise durch sein Arbeitszimmer.

„Wenn du das Gift genommen hast, wird Margg dich in dein Zimmer bringen und sich um dich kümmern. Ich gebe ihr die tägliche Dosis Gegengift für Butterfly Dust mit.“

Ich schaute auf die dampfende Teetasse und nahm sie in die Hand. Das heiße Gefäß wärmte meine eiskalten Finger. Als Margg ins Zimmer kam, hatte ich das Gefühl, ein Henker würde das Podest betreten und nach dem Hebel greifen. Sollte ich mich hinsetzen oder hinlegen? Ich schaute mich im Zimmer um, ohne etwas wahrzunehmen. In meinen Armen kribbelte es, und ich merkte, dass ich den Atem anhielt.

Ich hob den Becher, als ob ich einen Toast aussprechen wollte, und leerte den Inhalt. „Saure Äpfel“, sagte ich.

Valek nickte. Mir blieb gerade noch genügend Zeit, um den Becher auf den Tisch zu stellen, ehe die Welt vor meinen Augen zu zerfließen begann. Marggs Körper schwankte auf mich zu. Aus den Augen in ihrem großen Kopf sprossen Blumen. Eine Sekunde später füllte ihre wuchtige Gestalt den ganzen Raum aus, und ihr Kopf begann zu schrumpfen.

Etwas berührte mich. Aus den grauen Wänden schossen Arme und Beine, die mich umschlangen und zu Boden ziehen wollten. Graue Gespenster wuchsen unter meinen Füßen und ließen mich das Gleichgewicht verlieren. Sie tauchten unter mir hindurch, versetzten mir Stöße und lachten mich gackernd aus. Sie bedeuteten Freiheit. Ich versuchte, das, was von Margg übriggeblieben war, von mir zu stoßen, aber sie hielt mich fest und schlang sich um mich, drang in meine Ohren ein und hämmerte unter meiner Schädeldecke.

„Mörderin“, flüsterte es um mich herum. „Hinterlistiges Biest. Bestimmt hast du seine Kehle aufgeschlitzt, als er schlief. So lässt es sich leicht töten. Hat es dir Spaß gemacht zuzusehen, wie sein Blut die Laken rot färbte? Du bist nur eine kleine miese Ratte.“

Ich versuchte, die Stimme zu fassen und sie zum Verstummen zu bringen, aber sie verwandelte sich in zwei grünschwarze Spielzeugsoldaten, die mich festhielten.

„Sie wird an dem Gift sterben. Wenn nicht, könnt ihr sie haben“, sagte das, was von Margg übriggeblieben war, zu den beiden Soldaten.

Sie stießen mich in eine tiefe Grube, und ich stürzte in bodenlose Dunkelheit.

Der Gestank von Erbrochenem und Exkrementen stieg mir in die Nase, als ich wieder zu Bewusstsein kam. Es waren die unverkennbaren Gerüche des Verlieses. Ich richtete mich auf und überlegte, warum ich wieder in meiner ehemaligen Zelle war. Eine Welle von Übelkeit überkam mich. Ich tastete nach dem Nachttopf und bekam den Metallpfosten eines Bettes zu fassen. Mein Körper wurde von trockenen Würgeattacken geschüttelt. Als sie verebbten, lehnte ich mich erschöpft an die Wand. Ich war erleichtert, dass ich in meinem Zimmer und nicht in der Zelle war. Betten waren ein Luxus, den man in den unterirdischen Bereichen vergebens suchte.

Mit einiger Mühe rappelte ich mich auf. Als ich zitternd auf den Füßen stand, zündete ich meine Laterne an. Mein Gesicht war verschmiert von eingetrocknetem Erbrochenen. Meine Bluse und meine Hose waren nass und stanken. Meine Körperflüssigkeiten bildeten eine übelriechende Lache auf dem Boden.

Margg passt wirklich gut auf mich auf, dachte ich sarkastisch. Wenigstens handelte sie praktisch. Hätte sie mich aufs Bett gelegt, hätte ich die Matratze ruiniert.

Ich dankte meinem Schicksal, dass ich das Gift überlebt hatte und mitten in der Nacht aufgewacht war. Das Gefühl von feuchten Kleidungsstücken auf der Haut war so unangenehm, dass ich unverzüglich in die Baderäume eilte.

Als ich von dort zurückkam, hörte ich Stimmen im Korridor, der zu meinem Zimmer führte. Sofort blieb ich stehen, löschte meine Laterne und schaute vorsichtig um die Ecke. Vor meiner Tür standen zwei Soldaten. Im schwachen Licht ihrer Lampen erkannte ich die schwarzgrüne Uniform. Es waren Brazells Farben.

4. KAPITEL

Sollen wir mal nachsehen, ob sie tot ist?“, fragte einer von Brazells Soldaten gerade. Er hob den Arm, um mit seiner Laterne den oberen Türrahmen auszuleuchten. Dabei klirrten die zahlreichen Waffen an seinem Gürtel.

„Nein. Diese Haushälterin sieht jeden Morgen nach ihr und gibt ihr etwas zu trinken. Wir werden es schon rechtzeitig erfahren. Außerdem stinkt es da drinnen.“ Der zweite Soldat wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht.

„Stimmt. Wenn einem bei diesem Geruch nicht schon alles vergeht, hätte man spätestens dann die Nase voll, wenn man ihr die vollgekotzte Uniform auszieht. Andererseits …“ Der Soldat mit der Laterne berührte kurz die Handschellen, die an seinem Gürtel hingen. „Wir könnten sie zu den Baderäumen schleifen, sie saubermachen und ein bisschen Spaß mit ihr haben, ehe sie abkratzt.“

„Da würde uns bestimmt jemand sehen. Nein, nein, wenn sie überlebt, haben wir alle Zeit der Welt, ihr die Uniform auszuziehen. Das ist dann so, wie wenn man ein Geschenk auspackt, und es macht gewiss mehr Spaß, wenn sie dabei wach ist.“ Er grinste, und sie brachen in schallendes Gelächter aus.

Sie entfernten sich über den Gang und waren kurz darauf verschwunden. Ich stützte mich an der Wand ab und fragte mich, ob das, was ich gerade erlebt hatte, tatsächlich passiert war. Oder hatte ich immer noch Halluzinationen? Mein Kopf fühlte sich an, als sei er zu lange unter Wasser getaucht worden. Mir war schwindlig und übel.

Erst lange, nachdem die Soldaten außer Sicht waren, fasste ich mir ein Herz und ging in mein Zimmer zurück. Ich stieß die Tür weit auf und leuchtete in jede Ecke und unters Bett.

Doch das Einzige, was mir entgegenschlug, war ein aufdringlicher, säuerlicher Gestank. Würgend öffnete ich die Fensterläden und sog begierig die kühle frische Luft ein.

Angewidert betrachtete ich die Lache auf dem Boden. Sie wegzuwischen war das Letzte, wozu ich jetzt Lust verspürte, aber mir war klar, dass ich mit diesem widerwärtigen Geruch unter der Nase keinen Schlaf finden würde. Ich besorgte mir die notwendigen Putzmittel. Nur hin und wieder musste ich innehalten, um den Brechreiz zu unterdrücken, aber es gelang mir, den Boden zu säubern, ohne in Ohnmacht zu fallen.

Erschöpft streckte ich mich auf dem Bett aus. Es fühlte sich ungemütlich an. Unruhig wälzte ich mich umher auf der Suche nach einer bequemen Position. Wenn Brazells Soldaten nun zurückkamen? Schlafend wäre ich eine leichte Beute. Da ich mich gewaschen hatte, mussten sie mich nicht zu den Baderäumen schleppen. Das Zimmer roch nach Reinigungsmitteln. Außerdem hatte ich vergessen, den Stuhl unter den Türknauf zu klemmen.

Meine Fantasie ging mit mir durch. Ich sah mich wehrlos ans Bett gefesselt, während die Soldaten mich langsam auszogen, um ihre Vorfreude zu steigern und sich an meiner Angst zu ergötzen.

Die Wände meines Zimmers schienen sich aufzublähen und rhythmisch zu pulsieren. Ich stürzte in den Korridor und erwartete, Brazells Soldaten vor meiner Tür herumlungern zu sehen. Aber der Gang lag leer und verlassen vor mir.

Als ich ins Zimmer zurückgehen wollte, hatte ich das Gefühl, als ob mir jemand ein Kissen vors Gesicht presste. Ich konnte mich nicht überwinden, über die Schwelle zu treten. Mein Zimmer war eine Falle. Waren es die Nebenwirkungen des Gifts, oder warnte mich mein Instinkt? Unentschlossen blieb ich auf dem Korridor stehen, bis mein Magen knurrte. Getrieben von Hunger, begab ich mich auf die Suche nach etwas Essbarem.

Meine Hoffnung, die Küche leer vorzufinden, wurde enttäuscht. Ein hoch gewachsener Mann in einer weißen Uniform mit zwei schwarzen Diamanten auf der Hemdbrust wieselte um die Backöfen herum und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Sein linkes Bein war steif. Gerade als ich mich wieder davonschleichen wollte, entdeckte er mich.

„Suchst du mich?“, fragte er.

„Nein“, erwiderte ich schüchtern. „Ich suche etwas zu essen.“ Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

Stirnrunzelnd verlagerte er sein Gewicht auf das gesunde Bein, währender meine Uniform in Augenschein nahm. Für einen Koch zu dünn, dachte ich, aber er trug die entsprechende Kleidung. Außer dem würde nur ein Koch um diese frühe Uhrzeit auf den Beinen sein. Mit seinen hellbraunen Augen und dem kurz geschnittenen braunen Haar sah er auf unaufdringliche Weise recht gut aus. Ich fragte mich, ob er Dilanas Rand war, den Margg erwähnt hatte.

„Bedien dich.“ Er deutete auf zwei dampfende Brotlaibe. „Ich verdanke dir übrigens einen Wochenlohn.“

„Wie bitte?“, fragte ich, während ich mir eine dicke Scheibe Brot abschnitt. „Wieso verdankst du mir einen Wochenlohn?“

„Du bist die neue Vorkosterin, stimmt’s?“

Ich nickte.

„Alle wissen, dass Valek dir eine Dosis von ‚My Love‘ verabreicht hat. Ich habe gewettet, dass du überleben würdest, und einen Wochenlohn darauf gesetzt.“ Er nahm drei weitere Laibe aus dem Ofen. „War ein ziemliches Risiko, denn du bist der kleinste und magerste Vorkoster, den wir je hatten. Die meisten, auch Margg, haben nämlich darauf getippt, dass du die Dosis nicht überstehen würdest.“

Der Koch wühlte in einem der Schränke herum. „Hier.“ Er gab mir die Butter. „Ich backe dir einen Pfannkuchen.“ Er nahm verschiedene Zutaten aus dem Regal und rührte einen Eierkuchenteig an.

„Wie viele Vorkoster hat es hier denn schon gegeben?“, erkundigte ich mich zwischen zwei Bissen in mein Butterbrot. Er schien nicht gerne allein zu arbeiten. Offenbar gefiel ihm meine Gesellschaft.

Ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen, antwortete er: „Fünf, seitdem Commander Ambrose an der Macht ist. Valek ist ganz vernarrt in seine Gifte. Er hat viele Feinde des Commanders getötet, und er möchte nicht aus der Übung kommen. Du weißt schon – hin und wieder stellt er die Vorkoster auf die Probe, um sicher zu gehen, dass sie nicht nachlässig werden.“

Die Worte des Kochs verursachten mir eine Gänsehaut. Mir kam es vor, als habe sich mein Körper verflüssigt und sei in eine gigantische Rührschüssel geflossen. Ich war nur eine Mischung aus Zutaten, die gerührt und geschlagen und benutzt wurden. Als der Koch den Teig in die glühende Pfanne goss, schien mein Blut ebenso heiß zu werden wie die süßen Pfannkuchen.

„Der arme Oscove. Valek hat ihn nie leiden können. Hat ihm dauernd Fallen gestellt, bis er den Druck nicht mehr aushalten konnte. Offiziell heißt es, er habe Selbstmord begangen, aber ich glaube, Valek hat ihn umgebracht.“

Bestürzt sah ich ihm zu, wie er mit geschickten Bewegungen die Pfannkuchen wendete. Mir war plötzlich genauso heiß, wie es die Kuchen auf dem Ofen sein mussten.

Da machte ich mir Sorgen über Brazell, wo doch ein Fehltritt bei Valek mein Ende sein konnte. Vermutlich hatte er ein paar Giftsorten in der Hinterhand für den Fall, dass er sich entschied, den Vorkoster zu ersetzen. Unwillkürlich warf ich einen Blick über meine Schulter, um mich zu vergewissern, dass er nicht heimlich in die Küche gekommen war, um mein Frühstück zu vergiften. Nicht einmal mit dem schwatzhaften Koch konnte ich mich unbeschwert unterhalten, ohne ständig daran erinnert zu werden, dass vergiftetes Essen vermutlich nicht die einzige Gefahr darstellte, der ich bei meiner neuen Arbeit ausgesetzt war.

Der Koch reichte mir einen Teller, beladen mit süßen Pfannkuchen, nahm drei weitere Brotlaibe aus dem Ofen und füllte die Brotformen mit neuem Teig. Die warmen süßen Pfannkuchen schmeckten so aus gezeichnet, dass ich sie gierig hinunterschlang, ohne auf meinen strapazierten Magen Rücksicht zu nehmen.

„Oscove war mein Freund. Der beste Vorkoster, den der Commander jemals hatte. Jeden Morgen nach dem Frühstück kam er in meine Küche und half mir beim Erfinden neuer Rezepte. Ich muss dem Herrn andauernd etwas Neues bieten; sonst sucht er sich einen anderen Koch. Du verstehst, was ich meine?“

Ich nickte und wischte Butter von meinem Kinn.

Er reichte mir seine Hand. „Ich heiße übrigens Rand.“

Ich schüttelte sie. „Yelena.“

Auf dem Weg zu Valeks Arbeitszimmer blieb ich an einem offenen Fenster stehen. Gerade ging die Sonne über den Soul Mountains auf der Ostseite der Burg auf. Die Farben am Himmel erinnerten mich an ein verwischtes Gemälde – als habe ein kleines Kind Wasser über die Leinwand gegossen. Begierig nahm ich dieses Bild blühenden Lebens in mir auf und atmete tief ein. Ringsumher war alles in voller Blüte, und bald würde sich die kühle Morgenluft angenehm er wärmen. Die heiße Jahreszeit stand kurz bevor. Nicht mehr lange, und die Tage der drückenden Hitze und die Nächte von ermüdender, feuchter Schwüle würden beginnen. Seit vierzehn Tagen unterrichtete mich Valek bereits, und ich fragte mich, wie lange ‚My Love‘ mich wohl in Tiefschlaf versetzt hatte.

Ich riss mich von dem Anblick los und ging weiter zu Valeks Arbeitszimmer. Ich traf ihn an der Tür. Er wollte gerade hinausgehen. „Yelena! Du hast es tatsächlich geschafft!“ Er lächelte. „Drei Tage warst du bewusstlos. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“

Ein Blick in sein Gesicht sagte mir, dass er sich tatsächlich darüber freute, mich zu sehen.

„Wo ist Margg?“, fragte er.

„Ich habe sie nicht gesehen“, antwortete ich, wofür ich meinem Schicksal im Stillen dankte.

„Dann brauchst du dein Gegenmittel“, sagte Valek und eilte zu seinem Schrank.

Nachdem ich die Flüssigkeit geschluckt hatte, machte er erneut Anstalten, das Zimmer zu verlassen. Mit einer Handbewegung bedeutete er mir, ihm zu folgen.

„Ich muss das Frühstück des Commanders testen“, erklärte er, während er vorauseilte.

Atemlos lief ich hinter ihm her.

„Es wird Zeit, dass du ihn kennen lernst und siehst, wie das Vorkosten vonstatten gehen soll.“

Wir betraten die Haupthalle der Burg, ohne dass Valek auch nur einmal innehielt, während ich, immer noch ein wenig geschwächt, mehrmals stolperte und einmal fast gestürzt wäre. Die berühmten Wandteppiche, die noch aus der Regierungszeit des Königs stammten, waren zerrissen und mit schwarzer Farbe beschmiert. In Brazells Waisenhaus hatten wir gelernt, dass jeder Teppich eine Provinz des ehemaligen Königreichs repräsentierte. Die mit Goldfäden durchwirkten, farbenfrohen Seidenstickereien, die in langjähriger Handarbeit entstanden waren, erzählten die Geschichte einer jeden Pro vinz. Jetzt, da die Teppiche in Fetzen von den Wänden hingen, kündeten sie von etwas anderem – der bedingungslosen und einflussreichen Machtübernahme des Commanders.

Dessen Verachtung für den Überfluss, die Exzesse und Ungerechtigkeiten des einstigen Regenten und seiner Familie war in ganz Ixia bekannt. Der Wechsel von der Monarchie zur Militärherrschaft hatte zu gravierenden Veränderungen im Land geführt. Einige Bürger hießen die leicht verständlichen, aber strikten Regeln des Neues Gesetzbuches willkommen; andere jedoch rebellierten dagegen, indem sie sich weigerten, ihre Uniformen zu tragen, nicht um Erlaubnis für ihre Reisen baten oder in den Süden flohen.

Die Vergehen der Aufsässigen wurden genau mit den Strafen belegt, die das Neue Gesetzbuch für die jeweilige Übertretung vorsah. Wer die Uniform nicht trug, wurde zwei Tage lang nackt auf dem Marktplatz angekettet. Dabei spielte es keine Rolle, ob der Gesetzesbrecher ein berechtigtes Motiv hatte; die Strafe war stets die Gleiche. Die Bürger von Ixia hatten schnell gemerkt, dass es keinen Verhandlungsspielraum gab, was ihre Sühne anbetraf. Weder Bestechung noch gute Verbindungen halfen ihnen weiter. In dieser Beziehung verstand der Commander keinen Spaß. Wer sich nicht an die Gesetze hielt, bekam die Konsequenzen zu spüren.

Ich löste den Blick von den Wandteppichen und sah gerade noch, wie Valek durch einen kunstvoll verzierten steinernen Torbogen verschwand. Zersplitterte Holztüren hingen schief in den Angeln, aber die verschlungenen Schnitzereien von Bäumen und exotischen Vögeln waren noch zu erkennen. Die Türen waren ein weiteres Opfer der Machtübernahme und ein unmissverständlicher Hinweis auf die Einfachheit, die der Commander zum Lebensstil erhoben hatte.

Verblüfft blieb ich stehen, nachdem ich durch die zerstörte Tür gegangen war. Ich stand im Thronsaal der Burg. Im Raum waren viele Schreibtische verteilt, an denen zahlreiche Ratgeber und Vertreter aus jedem Militärdistrikt des Landes saßen. Die Luft im Saal vibrierte vor Aktivität.

Es war schwer, die Personen im allgemeinen Durcheinander zu unterscheiden, aber schließlich entdeckte ich Valek im Gewimmel. Er verschwand gerade durch eine Tür am anderen Ende des Raums. Es dauerte eine Weile, bis ich mir einen Weg durch das Labyrinth der Schreibtische gebahnt hatte. Als ich die Tür endlich erreicht hatte, vernahm ich die Stimme eines Mannes, der sich über die kalten süßen Kuchen beklagte.

Commander Ambrose saß hinter einem schlichten hölzernen Schreibtisch. Im Vergleich zu Valeks Arbeitszimmer wirkte seines sehr nüchtern; kein einziger dekorativer Gegenstand zeugte von einer persönlichen Note. Das einzige Objekt im Raum ohne spezielle Funktion war eine handgroße Statue einer schwarzen Schneekatze. Ihre Augen glänzten silbern, und silbern glitzerten auch die Punkte auf dem kräftigen Rücken des Tieres.

Die schwarze Uniform des Commanders war maß geschneidert und von makelloser Sauberkeit. Von Valeks Uniform unterschied sie sich dadurch, dass die Diamanten auf dem Kragen echt waren. Sie blitzten im Licht der Morgensonne. Das schwarze Haar des Commanders war graumeliert und so kurz geschnitten, dass es wie eine Bürste abstand.

In Brazells Unterricht hatten wir gelernt, dass der Commander öffentliche Auftritte vermied und keine Porträts von sich duldete. Je weniger Leute wussten, wie er aussah, umso geringer war die Gefahr eines Attentats. Einige hielten ihn für paranoid, aber ich glaubte, da er selber mit Hilfe von Attentaten und geheimen Machenschaften an die Herrschaft gelangt war, verhielt er sich einfach pragmatisch.

Das war nicht der Commander, wie ich ihn mir vorgestellt hatte: stämmig, bärtig, mit Orden behängt und bis an die Zähne bewaffnet. Er war schlank, glatt rasiert und hatte feingliedrige Züge.

„Commander, das ist Yelena, Eure neue Vorkosterin“, stellte Valek mich vor und zog mich ins Zimmer.

Die goldbraunen, mandelförmigen Augen des Commanders schauten mich durchdringend an. Sein Blick war scharf wie die Spitze eines Schwertes. Unter seiner kritischen Musterung zog sich mein Magen zusammen. Reglos blieb ich stehen. Ich hatte das Gefühl, ausgezogen und durchleuchtet zu werden. Erst als ich zu Valek hinübersah, fiel mir das Atmen ein wenig leichter.

„Nach dem, was Brazell über sie verbreitet hat, habe ich damit gerechnet, dass sie Gift und Galle spuckt“, sagte der Commander.

Bei der Erwähnung von Brazells Namen erstarrte ich. Wenn er in Gegenwart des Commanders schlecht über mich geredet hatte, konnte ich damit rechnen, bald wieder auf der Liste derjenigen zu stehen, die aufgeknüpft wurden.

„Brazell ist ein Narr“, erwiderte Valek. „Er bestand auf einer öffentlichen Hinrichtung für die Mörderin seines Sohnes. Ich persönlich hätte die Angelegenheit sofort und diskret erledigt. Damit hätte er sich durchaus im Rahmen des Rechts bewegt.“ Valek schlürfte den Tee des Commanders und schnupperte am süßen Gebäck.

Bei seinen Worten krampfte sich mein Herz zusammen, und ich atmete tief durch.

„Außerdem ist es eindeutig im Neuen Gesetzbuch festgeschrieben, dass wenn der Vorkoster stirbt derjenige, der als Nächster gehängt werden soll, die Stelle angeboten bekommt. Und Brazell gehörte immerhin zu den Verfassern des Gesetzes.“ Valek schnitt je ein Stückchen Kuchen aus der Mitte und von der Seite, steckte beide in den Mund und kaute langsam. „Bitte sehr.“ Er reichte dem Commander den Teller.

„Es ist durchaus etwas dran an dem, was Brazell mitbestimmt hat“, sinnierte der Commander. Er nahm die Tasse in die Hand und starrte in den Tee. „Wann fängt sie an? Ich habe allmählich die Nase voll von kaltem Essen.“

„In einigen Tagen.“

„Gut“, sagte der Commander zu Valek. Dann wandte er sich an mich. „Du kommst, sobald mein Essen serviert wird, und beeilst dich mit deiner Arbeit. Ich möchte nicht nach dir suchen müssen. Hast du verstanden?“

Mir wurde ein wenig leichter ums Herz, und ich antwortete: „Jawohl, Sir.“

„Valek, du bist schuld, dass ich immer mehr Gewicht verliere. Das Mittagessen wird im Besprechungszimmer serviert. Verspäte dich nicht.“

„Nein, Sir“, sagte Valek und ging zur Tür. Ich folgte ihm. Wieder suchten wir uns einen Weg durch das Gewirr der Schreibtische. Als Valek stehen blieb, um sich mit einem anderen Berater zu unterhalten, schaute ich mich um. Unter den Ratgebern des Commanders waren auch einige Frauen. Ich entdeckte einen weiblichen Captain und einen Colonel. Ihre neuen Aufgaben verdankten sie dem Regierungsumsturz. Der Commander vergab Positionen nämlich nach Kenntnissen und Begabung und nicht nach Geschlecht.

Zu Zeiten der Monarchie waren Frauen am liebsten als Zimmermädchen, Küchenhilfen und Gattinnen gesehen worden. Der Commander dagegen ließ ihnen die Freiheit der Berufswahl. Einige Frauen blieben zwar bei ihren früheren Beschäftigungen; andere jedoch nutzten erfreut die Chancen, die sich ihnen boten.

Als wir Valeks Arbeitszimmer betraten, wischte Margg gerade rund um die Papiere auf dem Schreibtisch Staub. Ich konnte mich den Eindrucks nicht erwehren, dass sie mehr Zeit da mit verbrachte, die Akten zu lesen anstatt sauber zu machen. Bemerkte Valek das nicht? Ich fragte mich, was Margg neben Staubwischen sonst noch für ihn tun mochte.

Sie sah ihn freundlich an, doch sobald er ihr den Rücken kehrte, warf sie mir finstere Blicke zu. Vermutlich hat sie viel Geld verloren, als sie gegen mein Überleben wettete, überlegte ich und lächelte ihr zu. Es gelang ihr gerade noch, ihre grimmige Miene zu entspannen, als Valek vom Schreibtisch aufschaute und zu uns hinüberblickte.

„Yelena, du siehst erschöpft aus. Allein bei deinem Anblick werde ich schon müde. Ruh dich ein wenig aus. Komm nach dem Mittagessen zurück; dann werden wir mit dem Unterricht fortfahren.“

Eigentlich fühlte ich mich überhaupt nicht müde, aber Ausruhen war trotzdem eine gute Idee. Auf dem Korridor ging mir Valeks Bemerkung nicht aus dem Sinn. Unwillkürlich wurde ich immer langsamer, sodass ich schließlich im Schneckentempo zu meinem Zimmer schlich. So tief war ich in Gedanken versunken, dass ich zwei von Brazells Soldaten geradewegs in die Arme lief.

„Na schau mal an, Wren. Da haben wir die Ratte ja gefunden“, rief einer von ihnen und packte mich beim Handgelenk. Erschrocken betrachtete ich die grünen Diamant-Imitate auf seiner Uniform.

„Gut gemacht“, lobte Wren. „Zeigen wir deinen Fang doch General Brazell.“

„Der General mag keine lebenden Ratten. Besonders diese hier nicht.“

Der Soldat schüttelte mich heftig. Ein jäher Schmerz schoss durch meinen Arm bis hinauf zu meiner Schulter und in meinen Nacken. Voller Angst schaute ich mich im Korridor nach Hilfe um. Niemand war zu sehen.

„Stimmt. Er mag sie lieber lebendig gehäutet.“

Ich hatte genug gehört und tat, was jede gewitzte Ratte tun würde. Ich biss in die Hand des Soldaten, bis ich Blut schmeckte. Er jaulte überrascht auf und stieß einen lauten Fluch aus. Dabei lockerte sich sein Griff. Sofort riss ich mich von ihm los und rannte davon.

5. KAPITEL

Kaum hatte ich einen knappen Vorsprung gewonnen, erholten sich Brazells Männer auch schon von ihrer Überraschung und nahmen die Verfolgung auf. Meine Angst und die Tatsache, dass ich keine Waffen bei mir trug, die mich behinderten, verschafften mir einen kleinen Vorteil. Auf den konnte ich mich allerdings nicht mehr lange verlassen, denn ich keuchte bereits vor Anstrengung.

Seltsamerweise waren alle Gänge menschenleer, während ich um mein Leben rannte. Und falls ich tatsächlich jemandem begegnen sollte, wäre ich mir gar nicht sicher gewesen, ob er mir helfen wollte oder konnte. Meine einzige Chance bestand darin, wie eine Ratte ein Loch zu finden, um mich darin zu verkriechen.

Ziellos lief ich durch die Korridore, einzig und allein darauf bedacht, meinen Vorsprung vor den Soldaten zu halten. Ein Gang erschien mir wie der andere, bis ich den Eindruck hatte, dass ich auf der Stelle trat und die Wände sich an mir vorbei bewegten. Ich verlangsamte mein Tempo, um mich zurechtzufinden. Wo war ich?

Das Licht im Gang wurde schwächer. Meine hämmernden Schritte wirbelten Staub auf. Ich war in einen abgelegenen Teil der Burg geraten – ein idealer Ort für einen stillen Mord. Still deshalb, weil ich nicht mehr genügend Luft in den Lungen hatte, um zu schreien. Ich bog nach rechts in einen Korridor, der ins Dunkle führte. Den Blicken der Wächter für einen kurzen Moment entkommen, rüttelte ich an der ersten Tür, an der ich vorbeikam. Ächzend und quietschend gab sie ein wenig unter meinem Gewicht nach, ehe sie festklemmte. Der Spalt war zwar breit genug für meinen Körper, aber nicht für meinen Kopf. Verzweifelt warf ich mich gegen die Tür, als die Schritte der Männer näher kamen. Sie gab noch eine Handbreit nach. Kopfüber stolperte ich in einen finsteren Raum und stürzte zu Boden.

Die Soldaten bemerkten die Tür so fort. Entsetzt sah ich, wie sie sie mit gemeinsamer Muskelkraft aufzustemmen versuchten. Der Spalt wurde breiter. Gehetzt spähte ich durch den Raum. Meine Augen begannen, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Leere Fässer und zerfetzte Getreidesäcke lagen auf dem Boden herum. An der gegenüberliegenden Wand waren unter einem Fenster einige Läufer aufgestapelt.

Unter den vereinten Stößen der Soldaten gab die Tür noch ein paar Zentimeter nach. Ich rappelte mich auf und hievte die Fässer auf den Teppichstapel. Unsicher erklomm ich den schwankenden Berg, der bis ans Fenster reichte. Oben angekommen, stellte ich fest, dass es zu klein war, um mich hindurchzuzwängen.

Unheilvoll ächzte die Tür. Mit dem Ellbogen zerschmetterte ich die Fensterscheibe, pulte die Glassplitter aus dem Rahmen und warf sie auf die Erde. Blut floss mir über den Arm. Ohne auf den Schmerz zu achten, sprang ich zu Boden, presste mich an die Wand neben der Tür und versuchte, meinen keuchenden Atem zu unterdrücken.

Mit einem seufzenden Ächzen schwang die Tür auf und blieb nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht stehen. Die Männer stürzten ins Zimmer. „Schau nach dem Fenster. Ich sichere die Tür“, sagte Wren.

Vorsichtig lugte ich um die Ecke. Wrens Kamerad eilte zu dem Stapel aus Teppichen und Fässern. Unter seinen Stiefeln knirschte Glas.

Mein Plan würde nicht funktionieren. Wren blockierte meinen Fluchtweg. Das zerbrochene Fenster würde das Unvermeidliche nur ein wenig hinauszögern.

„Zu klein. Sie muss noch hier sein“, rief der Soldat von oben.

Mein Atmen war ein heftiges Keuchen geworden. Ich fühlte mich ganz leicht im Kopf. Die Rattenfalle war zugeschnappt, und ich saß in ihren eisernen Klauen.

Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, klammerte ich mich an der Tür fest, um nicht hinzufallen. Ein unkontrollierbares Summen entrang sich meiner Kehle. Es war mir unmöglich, das Geräusch zu unterdrücken. Je mehr ich es versuchte, umso lauter wurde es.

Ich stolperte hinter der Tür hervor. Trotz des merkwürdigen Summens schauten die Soldaten nicht ein mal in meine Richtung. Es sah aus, als seien sie an Ort und Stelle festgewurzelt.

Meine Lunge verlangte nach Sauerstoff. Kurz bevor ich ohnmächtig wurde, hörte der summende Laut auf. Er klang in meinen Ohren nach, aber er kam nicht länger von mir.

Die Männer reagierten noch immer nicht. Nachdem ich ein paar Mal tief Luft geholt hatte, stürzte ich aus dem Zimmer. Jetzt war nicht die passende Zeit, sich über diesen seltsamen Zwischenfall Gedanken zu machen. Das summende Geräusch folgte mir, als ich denselben Weg zurücklief, den wir gekommen waren.

Das Summen erstarb, sobald ich andere Diener durch den Gang laufen sah. Sie schauten mich verwundert an. Offenbar bot ich einen seltsamen Anblick. Ich zwang mich, in normalem Tempo zu gehen, und versuchte, mein hämmerndes Herz zu beruhigen.

Meine Kehle brannte vor Anstrengung, meine Uniform war schmutzig, ich spürte ein stechendes Klopfen in meinem Ellbogen, und von meinen Fingern tropfte leuchtend rotes Blut. Ich schaute auf meine Hände und sah die tiefen Schnitte von den Glassplittern. Benommen starrte ich auf das Blut am Boden.

Als ich mich umdrehte, bemerkte ich eine Spur rubinroter Tropfen, die sich im Gang verlor. Ich drückte den Arm an meine Brust, doch es war zu spät. Brazells Soldaten brauchten der Fährte nur noch wie Spürhunde zu folgen.

Schon bogen sie am anderen Ende des Ganges um die Ecke. Bis jetzt hatten sie mich noch nicht entdeckt, aber mir war klar, dass jede unbedachte Bewegung von mir ihre Aufmerksamkeit erregen würde. Ich schloss mich einer Gruppe von Dienern an, in der ich unterzutauchen hoffte. Die Schmerzen pochten im gleichen Rhythmus wie mein Herzschlag.

An der Einmündung zu einem anderen Korridor riskierte ich einen Blick zurück. Die Männer verharrten an der Stelle, wo meine Blutspur endete. Wren diskutierte wild gestikulierend mit seinem Kumpel. Unbemerkt schlüpfte ich um die Ecke und lief direkt in Valek hinein.

„Yelena! Was ist passiert?“ Er ergriff meinen Arm.

Ich krümmte mich vor Schmerzen. Sofort ließ er mich los.

„Ich bin … auf ein paar Glassplitter gefallen.“ Es war eine schwache Ausrede. Deshalb sprach ich schnell weiter. „Ich bin gerade auf dem Weg zu den Baderäumen.“ Als ich an ihm vorbeilaufen wollte, fasste er mich bei der Schulter und drehte mich zu sich um.

„Du musst zum Arzt.“

„Oh … na gut.“ Erneut versuchte ich, an ihm vorbeizukommen.

„Den Doktor findest du in dieser Richtung.“ Ohne meine Schulter loszulassen, schob er mich über den Gang zurück zu der Stelle, wo die Soldaten standen. Ich war so töricht zu hoffen, dass sie mich nicht bemerken würden, aber als wir an ihnen vorbeigingen, kamen sie grinsend hinter uns her.

Ich warf Valek einen Blick zu. Seine Miene war ausdruckslos. Doch der Griff an meiner Schulter wurde härter. Führte er mich etwa zu einer verlassenen Stelle, wo die drei mich in aller Ruhe töten konnten? Sollte ich versuchen zu fliehen? Aber wenn Valek mich ermorden wollte, hätte er mir nur das Gegengift zu Butterfly Dust vorenthalten müssen.

Als niemand mehr im Gang zu sehen war, ließ Valek meine Schulter los und drehte sich nach den beiden Soldaten um. Ich hielt mich dicht hinter ihm.

„Habt ihr euch verlaufen?“, fragte er die beiden.

„Nein, Sir“, erwiderte Wren. Er überragte Valek um einen Kopf, und seine Hände waren groß wie Teller. „Wir wollen nur unsere Gefangene zurückhaben.“ Wren griff an Valek vorbei und versuchte, mich zu packen.

Valek wehrte seine Hand ab. „Eure Gefangene?“, fragte er mit eisiger Stimme.

Die Männer warfen sich verdutzte Blicke zu. Valek trug keine Waffe bei sich. Obwohl der zweite Soldat kleiner als Wren war, übertraf er die beiden anderen Männer an Körpergewicht. Brazells Wachhunde grinsten verschlagen. Ob sie diese herablassende Haltung und die starren Blicke in ihrer Ausbildung gelernt hatten? Rand, der Koch, würde bestimmt seinen ganzen Monatslohn darauf verwetten, dass die Soldaten die Auseinandersetzung für sich entschieden.

„Genau genommen General Brazells Gefangene, Sir. Wenn Sie jetzt bitte gestatten …“

Mit einer Handbewegung bedeutete Wren Valek, beiseite zu treten.

„Sagt eurem Herrn, dass Valek es überhaupt nicht schätzt, wenn seine neue Vorkosterin durch die Burg gejagt wird. Und dass ich wünsche, dass man sie in Ruhe lässt.“

Wieder schauten sich die Soldaten an. Allmählich hatte ich den Verdacht, dass sie sich ein Gehirn teilten. Sie musterten Valek noch eindringlicher und stellten sich in Kampfpositur auf.

„Wir haben den Befehl, das Mädchen zum General zu bringen – und keine Botschaften“, sagte Wren und nahm sein Schwert vom Gürtel.

Metall klirrte, als auch der andere Mann seine Waffe zückte. Wren befahl Valek erneut, beiseite zu treten. Was konnte er, von zwei Schwertern bedroht, noch tun? Ich wäre um mein Leben gerannt. Vorsichtshalber verlagerte ich mein Körpergewicht auf die Fußballen und bereitete mich auf die Flucht vor.

Unvermittelt machte Valek zwei Bewegungen aus dem Handgelenk, die so schnell waren, dass ich sie nur verschwommen wahrnahm. Es sah so aus, als salutierte er vor den Soldaten. Ehe sie reagieren konnten, stand er zwischen ihnen – zu nahe, als dass sie mit ihren Schwertern etwas ausrichten konnten. Er duckte sich, legte die Handflächen auf den Boden und wirbelte um die eigene Achse. Mit ausgestrecktem Bein fällte er die beiden Soldaten. Metall klirrte. Ich spürte einen Luftzug, als Wren stürzte, und hörte den anderen fluchen. Dann lagen beide regungslos zu meinen Füßen.

Verblüfft sah ich, wie Valek mit einer eleganten Bewegung von den außer Gefecht gesetzten Gegnern einen Schritt zurücktrat. Leise zählte er bis zehn. Dann beugte er sich über die Männer und zog zwei winzige Pfeile aus ihren Nacken.

„Es ist nicht gerade die feine Art, so zu kämpfen, aber ich bin schon spät dran zum Mittagessen.“

6. KAPITEL

Valek stieg über die auf dem Bauch liegenden Soldaten, nahm meinen verletzten Arm und untersuchte ihn. „Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Du wirst es überleben. Wir gehen erst zum Commander und dann zum Arzt.“

Valek eilte mit mir quer durch die Burg. Ein klopfender Schmerz machte sich in meinem Arm bemerkbar, und ich wurde immer langsamer. Die Vorstellung, dem Commander mit seinem undurchdringlichen Gesichtsausdruck gegenüberstehen zu müssen, ließ meine Füße schwer wie Blei werden. Ein Besuch beim Arzt und danach ein heißes Bad wären mir viel lieber gewesen.

Wir betraten einen weitläufigen runden Raum, den der Commander als Besprechungszimmer benutzte. Schmale Buntglasfenster, die vom Boden bis zur Decke reichten, nahmen drei Viertel der Wände ein. Die Farbenvielfalt gab mir das Gefühl, mitten in einem Kinderkreisel zu sitzen. Mir war ganz schwindlig, und ich wäre fast gestolpert, hätte ich nicht etwas entdeckt, an dem ich meinen Blick festmachen konnte.

Ein langer Holztisch beherrschte die Mitte des Raums. Am Kopf des Tisches saß der Commander, die dünnen Augenbrauen missbilligend zusammengezogen. Hinter ihm standen zwei Wächter. Ein Tablett mit unberührten Speisen war vor ihm aufgebaut. Außerdem saßen drei Generäle des Commanders mit am Tisch. Zwei von ihnen waren damit beschäftigt, ihr Mittagessen einzunehmen, während die Gabel des Dritten unentschlossen über seinem Teller schwebte. Ich konzentrierte mich auf die Hand, die sie hielt. Dass ihr Besitzer wütend war, konnte man an den Fingerknöcheln erkennen, die weiß hervortraten. Brazell ließ die Gabel sinken. Seine Miene war wie versteinert, und die zornigen Blitze in seinen Augen galten mir. Wie das Kaninchen vor der Schlange hütete ich mich, auch nur die geringste Bewegung zu machen.

„Valek, du bist …“ begann Commander Ambrose.

„ …spät“, beendete Valek den Satz für ihn. „Ich weiß. Es gab eine kleine Auseinandersetzung.“ Er zog mich näher zu sich.

Neugierig unterbrachen die anderen beiden Generäle ihr Mittagsmahl. Ich errötete. Am liebsten wäre ich Hals über Kopf aus dem Zimmer geflohen. Da ich noch nie zuvor mit hochrangigen Offizieren zu tun hatte, erkannte ich die Generäle nur an den Farben ihrer Uniformen. Auf meiner Reise in die Verliese des Commanders war ich zum ersten Mal aus MD-5 herausgekommen. Sogar während meiner ersten zehn Jahre im Waisenhaus hatte ich Brazell und seine Familie nur kurz zu sehen bekommen.

Nachdem ich sechzehn geworden war, wurde der Anblick von Brazell und seinem Sohn Reyad für mich jedoch zu einem allnächtlich wiederkehrenden Albtraum. Zunächst schmeichelte mir die Aufmerksamkeit meines Wohltäters; sein graues Haar und sein kurz geschorener Bart umrahmten ein geradliniges, angenehmes und Respekt heischendes Gesicht. Von mannhafter Entschlossenheit und Tapferkeit geprägt, war er für mich die Vaterfigur schlechthin. Brazell versicherte mir häufig, ich sei das klügste seiner „adoptierten“ Kinder. Deshalb benötige er meine Hilfe bei einigen seiner Experimente. Bereitwillig stimmte ich zu, daran mitzuwirken.

Inzwischen verursachte mir die Erinnerung an meine Dankbarkeit und Naivität Übelkeit. Das war vor drei Jahren gewesen. Ich war ein dummes Hündchen, das selbst dann noch freudig mit dem Schwanz wedelte, als der Sack, in den man es gesteckt hatte, zugebunden wurde.

Zwei Jahre lang dauerte mein Martyrium. Mein Verstand schreckte vor der Erinnerung zurück. Ich betrachtete Brazell, der mit zusammengepressten Lippen am Tisch saß. Seine Wangenmuskeln zitterten. Er bemühte sich, seine Hassgefühle im Zaum zu halten. Wie durch einen Nebelschleier sah ich Reyads Geist hinter seinem Vater auftauchen. Reyads Kehle war aufgeschlitzt. Blut tropfte auf den Boden und befleckte sein Nachtgewand. Unwillkürlich fiel mir eine Geschichte ein, in der die Opfer ihre Mörder heimsuchten, bis sie sich an ihnen für die Tat rächen konnten.

Ich rieb mir die Augen. Bemerkte sonst noch jemand die Erscheinung? Falls ja, wussten sie es sehr gut zu verbergen. Ich schaute zu Valek hinüber. Wurde er auch von Geistern verfolgt? Konnte man jener alten Geschichte glauben, dann musste er sich ganzer Heerscharen von ihnen erwehren.

Es machte mir Sorgen, dass ich Reyad immer noch nicht losgeworden war, aber ich verspürte nicht die geringsten Gewissensbisse. Das Einzige, das ich bedauerte, war die Tatsache, dass ich Brazell nicht ebenfalls getötet hatte, als sich mir die Chance dazu bot. Außerdem tat es mir Leid, dass ich nicht in der Lage war, meine „Schwestern und Brüder“ im Waisenhaus vor dem schrecklichen Schicksal zu bewahren, das ihnen mit ihrem sechzehnten Geburtstag drohte. Und ich empfand tiefe Trauer darüber, dass ich May und Carra nicht hatte warnen und ihnen zur Flucht verhelfen können.

Die Stimme des Commanders riss mich abrupt aus meinen Gedanken.

„Eine Auseinandersetzung, Valek?“ Er seufzte wie ein nachsichtiger Vater. „Wie viele Tote?“

„Keine. Ich kann es schwerlich mit meinem Gewissen vereinbaren, Soldaten umzubringen, nur weil sie dem Befehl von General Brazell gehorchen, unsere neue Vorkosterin zu verfolgen und zu töten. Außerdem schien sie ihnen ohnehin gerade zu entkommen, als sie mir in die Arme lief. Gott sei Dank, kann ich da nur sagen, denn sonst hätte ich niemals von dem Zwischenfall erfahren.“

Der Commander betrachtete mich eine Weile, ehe er sich an Brazell wandte.

Darauf hatte dieser offensichtlich nur gewartet. Wie von der Tarantel gestochen, sprang er von seinem Stuhl auf und schrie: „Sie soll sterben! Ich will ihren Tod. Sie hat meinen Sohn ermordet.“

„Aber das Neue Gesetzbuch …“, begann Valek.

„Zum Teufel damit! Ich bin General. Sie hat den Sohn eines Generals getötet – und jetzt ist sie hier …“ Vor lauter Erregung versagte ihm die Stimme. Seine Finger zuckten, als wollte er sie mir um den Hals legen und zudrücken. Reyads Geist schwebte hinter seinem Vater. Er hatte ein höhnisches Grinsen im Gesicht.

„Ich empfinde es als persönliche Schande, dass sie lebt“, tobte Brazell weiter. „Eine Beleidigung. Bildet einen anderen Gefangenen aus. Ich will ihren Tod!“

Instinktiv versteckte ich mich hinter Valeks Rücken. Die anderen Generäle nickten zustimmend. Vor lauter Angst wagte ich nicht, den Commander anzusehen.

„Sein Argument ist nicht von der Hand zu weisen“, sagte dieser gerade ohne die geringste Gefühlsregung in der Stimme.

„Bisher habt Ihr Euch immer streng an das Neue Gesetzbuch gehalten“, erinnerte Valek ihn. „Wenn Ihr jetzt davon abweicht, schafft Ihr einen Präzedenzfall. Abgesehen davon würdet Ihr die fähigste Vorkosterin töten, die wir jemals hatten. Ihre Ausbildung ist fast beendet.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf das Tablett mit kalten Speisen, das neben dem Commander stand.

Vorsichtig lugte ich hinter Valeks Schulter hervor, um die Reaktion des Commanders zu sehen. Gedankenverloren spitzte er die Lippen, während er über Valeks Einwand nachdachte. Ich verschränkte die Arme und grub die Fingernägel tief ins Fleisch.

Brazell, der den Stimmungsumschwung spürte, trat einen Schritt auf den Commander zu. „Sie ist klug, weil ich sie unterrichtet habe. Ich kann nicht glauben, dass Ihr diesen Emporkömmling, diese hinterhältige und boshafte Verbrecherin auch nur eine Minute lang …“ Brazell verstummte. Er hatte zuviel gesagt. Er hatte Valek beleidigt, und sogar ich wusste, dass der Commander sehr viel von Valek hielt.

„Lasst meine Vorkosterin in Frieden, Brazell.“

Erleichtert atmete ich auf.

Brazell wollte etwas erwidern, aber der Commander bedeutete ihm zu schweigen. „Das ist ein Befehl. Geht und baut Eure neue Fabrik. Eurem Ersuchen wurde stattgegeben.“ Es war der Versuch, Brazell zu ködern. War eine neue Fabrik mehr wert als mein Tod?

Stille breitete sich aus, während alle auf Brazells Antwort warteten. Er warf mir einen letzten hasserfüllten Blick zu. Reyads Geist grinste spöttisch, und Brazells inzwischen triumphierender Miene war anzumerken, dass ihm diese Erlaubnis sehr viel bedeutete. Mehr, als er dem Commander gegenüber zugeben wollte. Die Wut und die Empörung darüber, dass ich meinen Kopf aus der Schlinge gezogen hatte, waren echt, aber jetzt konnte er erst einmal seine Fabrik bauen – und mich später töten. Er wusste ja, wo er mich finden würde.

Ohne ein weiteres Wort verließ Brazell den Raum. Reyads Geist, der sich sehr zu amüsieren schien, formte mit den Lippen die Worte „Bis zum nächsten Mal“, ehe er seinem Vater folgte.

Schweigend hörte sich der Commander die Proteste der anderen Generäle gegen die Baugenehmigung an. Da nun niemand mehr von mir Notiz nahm, betrachtete ich die beiden aufmerksam. Sie trugen, abgesehen von den schwarzen Jacketts mit goldenen Knöpfen, die gleiche Uniform wie der General. Statt echter Diamanten an den Krägen hatte jeder General fünf Imitate auf das linke Revers gestickt. Weder Orden noch Borten schmückten ihre Uniformen. Die Truppen des Commanders trugen nur das Notwendigste, damit man ihren Rang in Friedenszeiten wie im Kampf sofort erkennen konnte.

Die Diamanten des Generals, der unmittelbar neben dem Commander saß, waren blau. Es war General Hazal, zuständig für den Militär-Distrikt 6, der im Westen an Brazells MD-5 grenzte. General Tessos Stickereien glänzten silbern. Er war verantwortlich für MD-4 nördlich von Brazells Territorium. Falls in einem Distrikt ein großes Projekt geplant war – beispielsweise der Bau einer Fabrik oder die Rodung von Boden für landwirtschaftliche Zwecke –, musste der Commander seine Einwilligung geben. Für kleinere Dinge wie den Einbau eines neuen Ofens in eine Bäckerei oder die Errichtung eines Hauses innerhalb eines Distrikts reichte die Erlaubnis vom jeweiligen General. Die meisten von ihnen beschäftigten einen Stab von Untergebenen, die sich um die notwendigen Formalitäten für derlei Bauvorhaben kümmerten.

Die Einwände der Generäle ließen darauf schließen, dass das Genehmigungsverfahren für Brazells Projekt noch in der Anfangsphase steckte. Gespräche mit den angrenzenden Bezirken waren zwar schon geführt worden, aber die Mitarbeiter des Commanders hatten die Pläne für die Fabrik noch nicht geprüft oder beglaubigt. Normalerweise setzte der Commander seine Unterschrift erst unter ein Projekt, wenn sein Stab eine Empfehlung aussprach. Das Neue Gesetzbuch schrieb nur vor, dass die Genehmigung vor Baubeginn vorliegen musste, und falls der Commander die Formalitäten umgehen wollte, war er frei, das zu tun.

Im Waisenhaus hatte das Neue Gesetzbuch zum Unterrichtsstoff gehört. Jeder musste die Paragrafen wortgetreu wiedergeben können, ehe er oder sie für würdig befunden wurde, Botengänge in die Stadt zu machen. Neben Lesen und Schreiben hatte Brazell mich Mathematik und die Geschichte von der Machtübernahme in Ixia durch den Commander gelehrt. Seit dem Putsch war Schulbildung für alle da und nicht länger ein Privileg für die männlichen Mitglieder der reichen Klasse.

Mit meinem Unterricht nahm es jedoch ein böses Ende, als ich anfing, Brazell zu „helfen“. Die Erinnerung daran drohte, mich zu überwältigen. Auf einmal war mir ganz beklommen zumute. Zitternd versuchte ich, mich auf meine Umgebung zu konzentrieren. Die Generäle hatten es aufgegeben, den Commander umzustimmen. Valek kostete von den kalten Speisen und schob sie näher zum Commander hin.

„Eure Bedenken habe ich zur Kenntnis genommen. An meinen Anweisungen ändert sich nichts“, sagte der Commander. Dann wandte er sich an Valek. „Sorg dafür, dass deine Vorkosterin die Erwartungen nicht enttäuscht. Ein Fehler, und du lernst ihren Nachfolger an, bevor du selbst degradiert wirst. Ihr könnt gehen.“

Valek nahm meinen Arm und führte mich hinaus. Wir eilten den Gang hinunter, bis wir die Tür zum Besprechungszimmer hinter uns ins Schloss fallen hörten. Sofort blieb Valek stehen. Sein Gesicht war eine undurchdringliche Maske.

„Yelena …“

„Seid still. Hört auf, mir Angst zu machen oder zu drohen. Das hat Brazell oft genug getan. Ich werde alles tun, um die beste Vorkosterin zu werden, denn ich gewöhne mich allmählich an den Gedanken, weiterzuleben. Und ich möchte Brazell nicht die Genugtuung verschaffen, mich tot zu sehen.“ Ich hatte keine Lust mehr, auf jede noch so kleine Regung in Valeks Miene oder jeden noch so leisen Unterton in seiner Stimme zu ach ten, um seine Laune zu er raten, und ließ ihn einfach stehen. Er folgte mir. An der Einmündung eines anderen Korridors legte Valek seine Hand auf meinen Ellbogen. Ich hörte ihn das Wort „Doktor“ murmeln, als er mich nach links führte. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ließ ich mich von ihm zur Krankenstation bringen.

Auf dem Weg zum Untersuchungstisch betrachtete ich aus den Augenwinkeln die schneeweiße Uniform des Arztes. Der einzige Farbfleck waren zwei kleine rote Diamanten am Kragen. Meine Auffassungsgabe war durch Müdigkeit so geschwächt, dass ich eine Weile brauchte, um zu erkennen, dass der Doktor mit den kurzen Haaren eine Frau war. Seufzend streckte ich mich auf dem Tisch aus.

Die Ärztin verschwand, um ihre Instrumente zu holen, und Valek sagte: „Ich postiere einige Wachen vor der Tür für den Fall, dass Brazell seine Meinung ändert.“ Ehe er die Station verließ, wechselte er noch einige Worte mit der Ärztin. Nickend blickte sie in meine Richtung.

Mit einem Tablett voll blitzender Instrumente und Utensilien, darunter ein Glas mit einer Geleeartigen Substanz, kam die Ärztin zurück. Sie rieb meine Arme mit Alkohol ein, sodass die Wunden erneut bluteten und höllisch brannten. Ich biss die Zähne zusammen, um nicht laut aufzuschreien.

„Das sind alles nur Schürfwunden – bis auf diese hier.“ Die Ärztin zeigte auf meinen Ellbogen, mit dem ich die Fensterscheibe zertrümmert hatte. „Diese Wunde muss versiegelt werden.“

„Versiegelt?“ Das klang allerdings nach einer schmerzhaften Prozedur.

Die Ärztin griff nach dem Glas mit dem Gelee. „Entspann dich. Es ist eine neue Methode zur Behandlung tiefer Schnittwunden. Wir benutzen diesen Klebstoff, um die Haut zu versiegeln. Wenn die Wunde erst einmal verheilt ist, wird der Klebstoff vom Körper aufgenommen.“ Mit den Fingern holte sie einen großen Klumpen heraus und verstrich ihn auf dem Schnitt.

Der Schmerz fuhr mir wie Messerstiche durch den Körper. Die Ärztin presste die Haut zusammen, indem sie fest auf die Wunde drückte. Tränen liefen mir über die Wangen.

„Ausgerechnet der Koch des Commanders hat diese Substanz erfunden. Sie ist frei von Nebenwirkungen und schmeckt vorzüglich im Tee.“

„Rand?“, fragte ich überrascht.

Sie nickte. „Du musst ein paar Tage einen Verband tragen und darauf achten, dass kein Wasser an die Verletzung kommt“, erklärte sie, während sie die Wunde weiter zusammendrückte. Sie blies eine Weile auf den Klebstoff, ehe sie ihren Griff lockerte. Anschließend bandagierte sie meinen Arm. „Valek möchte, dass du heute Nacht hier bleibst. Ich werde dir dein Abendessen bringen. Dann kannst du dich ein wenig ausruhen.“

Zuerst befürchtete ich, dass Essen zu anstrengend wäre, aber beim Anblick der warmen Mahlzeit merkte ich plötzlich, dass ich fast am Verhungern war. Doch ein seltsamer Beigeschmack in meinem Tee verdarb mir sofort den Appetit.

Jemand hatte ihn vergiftet.

7. KAPITEL

Ich winkte die Ärztin zu mir. „Da ist etwas in meinem Tee“, sagte ich. Mir wurde bereits ganz leicht im Kopf. „Ruf Valek.“ Vielleicht hatte er ein Gegenmittel. Sie sah mich mit ihren großen braunen Augen an. Ihr Gesicht war lang und schmal. Längeres Haar hätte ihre Züge weicher gemacht. So kurz, wie sie es trug, ähnelte sie einem Frettchen.

„Das sind Schlaftabletten. Befehl von Valek“, erwiderte sie.

Erleichtert ließ ich die Luft aus meinen Lungen entweichen. Sofort fühlte ich mich besser. Die Ärztin warf mir einen belustigten Blick zu, ehe sie ging. Doch der Appetit war mir vergangen, und ich schob mein Essen zur Seite. Meine letzten Kraftreserven waren verbraucht, und ich fühlte mich so erschöpft, dass ich auch ohne Tabletten eingeschlafen wäre.

Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug, stand ein verschwommener weißer Farbklecks am Fußende meines Betts. Er bewegte sich. Blinzelnd kniff ich die Augen zusammen, bis aus dem verwaschenen Bild die Ärztin mit den kurzen Haaren wurde.

„Hast du gut geschlafen?“

„Ja“, antwortete ich. Es war seit langem die erste Nacht ohne Albträume, obwohl ich das Gefühl hatte, mein Kopf sei mit Watte ausgestopft, und ein widerwärtiger Geschmack in meinem Mund ließ ebenfalls nichts Gutes für den Morgen erwarten.

Die Ärztin prüfte meinen Verband, murmelte etwas Nichtssagendes und teilte mir mit, dass es mit meinem Frühstück noch ein wenig dauern würde.

Während ich wartete, ließ ich meinen Blick prüfend durch die Krankenstation wandern. In dem rechteckigen Raum standen zwölf Betten, sechs auf jeder Seite. Sie waren symmetrisch angeordnet. Die Laken auf den leeren Betten spannten sich straff über die Matratze. Mich störte die Überkorrektheit der Einrichtung. Ich dagegen fühlte mich wie zerknautschtes Bettzeug – ohne Kontrolle über meine Seele, meinen Körper oder meine Welt. Die penible Ordnung, die mich umgab, empfand ich als Provokation, und plötzlich überkam mich das brennende Verlangen, auf die gemachten Betten zu springen und die millimetergenau ausgerichteten Reihen durcheinander zu bringen.

Mein Bett stand am weitesten von der Tür entfernt. Zwei leere Betten trennten mich von den anderen drei Patienten auf meiner Seite. Sie schliefen noch, sodass ich niemanden hatte, mit dem ich mich unterhalten konnte. Die Steinwände waren kahl. Im Vergleich dazu hatten die Mauern meines Verlieses viel interessantere Dekorationen zu bieten. Wenigstens roch es hier besser. Ich holte tief Luft. Der reine, stechende Geruch nach Alkohol, gemischt mit Desinfektionsmitteln, stieg mir in die Nase – ganz anders als der faulige Gestank in meinem Kerker. Sehr viel angenehmer – oder? Eine weitere Duftnote schwang in dem Krankenhausgeruch mit. Schnuppernd erkannte ich, dass ich den sauren Geruch von alter Furcht ausdünstete.

Unter normalen Umständen hätte ich den vorhergehenden Tag nicht überlebt. Brazells Soldaten hatten mich in die Enge getrieben. Es gab kein Entkommen. Dennoch war ich von einem seltsamen Summen gerettet worden, das ungestüm und unkontrollierbar aus meiner Kehle gedrungen war. Ein urtümlicher Überlebensinstinkt, ein fernes Echo aus meinen Albträumen.

Ich wollte nicht über dieses Summen nachdenken, weil es mir so vertraut war, aber die Erinnerung ließ mich nicht los. Ich ließ die vergangenen drei Jahre an meinem inneren Auge vorüberziehen und versuchte mir ins Gedächtnis zu rufen, wann und in welchem Zusammenhang das Summen zum ersten Mal aufgetaucht war, wobei ich die damit verbundenen Gefühle tunlichst außer Acht ließ.

In den ersten Monaten hatten Brazells Experimente darin bestanden, meine Reflexe zu testen. Er wollte ausprobieren, wie schnell ich einem Ball oder einem schwingenden Stock ausweichen konnte. Es waren harmlose Versuche – bis aus dem Ball ein Messer und aus dem Stock ein Schwert wurde.

Mein Herz begann zu hämmern. Mit schweißfeuchter Hand betastete ich eine Narbe in meinem Nacken. Keine Gefühle, befahl ich mir streng und wedelte mit den Händen durch die Luft, als könnte ich damit die Furcht vertreiben. Tu so, als seiest du die Ärztin, dachte ich, die fragt, um Informationen zu erhalten. Ich stellte mir vor, ganz in Weiß gekleidet zu sein und neben einer Patientin zu sitzen, die im Fieberwahn vor sich hin plapperte.

Was kam dann?, fragte ich die Patientin. Tests, in denen Stärke und Ausdauer geprüft wurden, antwortete sie. Einfache Aufgaben wie das Heben von Gewichten waren durch Versuche ersetzt worden, bei denen sie schwere Steine minutenlang und später stundenlang über dem Kopf halten musste. Ließ sie den Stein fallen, ehe die vorgeschriebene Zeit verstrichen war, wurde sie ausgepeitscht. Man befahl ihr, Ketten, die von der Decke hingen, zu er greifen, sodass sie nur wenige Zentimeter über dem Boden baumelte, bis Brazell oder Reyad die Erlaubnis zum Loslassen gaben.

Wann hast du das Summen zum ersten Mal gehört?, fragte ich die Patientin. Sie hatte die Ketten zu oft zu früh losgelassen, und Reyad wurde wütend. Deshalb zwang er sie, sich mit den Händen am Außensims eines Fensters fünf Stockwerke über der Erde festzuhalten.

„Versuchen wir’s noch einmal“, sagte Reyad. „Jetzt, wo wir den Einsatz erhöht haben, schaffst du vielleicht die ganze Stunde.“

Die Patientin verstummte. Erzähl weiter, drängte ich sie. Ihre Arme waren kraftlos geworden, weil sie die meiste Zeit des Tages an den Ketten gehangen hatte. Ihre Finger waren schweißnass, und ihre Muskeln zitterten vor Erschöpfung. Sie war fast wahnsinnig vor Angst. Als ihre Hände vom Sims rutschten, schrie sie vor Entsetzen laut auf wie ein kleines Kind. Plötzlich nahm das Schreien eine andere Qualität an – es verwandelte sich in eine Materie, die sich ausbreitete, ihren Körper umhüllte und ihre Haut streichelte. Sie hatte das Gefühl, in angenehm warmem Wasser zu treiben.

Als Nächstes erinnerte sie sich daran, auf dem Boden zu sitzen und zum Fenster emporzuschauen. Reyad betrachtete sie mit hochrotem Kopf. Sein sonst stets makellos frisiertes blondes Haar war zerzaust. Entzückt warf er ihr eine Kusshand zu.

Die einzige Möglichkeit, diesen Sturz zu überstehen, war Zauberei. Nein. Unmöglich, beharrte sie. Es mussten irgendwelche seltsamen Windströmungen gewesen sein – oder sie hatte einfach Glück gehabt und war deshalb unverletzt gelandet. Aber Zauberei war es auf keinen Fall!

Zauberei oder Magie waren verbotene Wörter in Ixia, seitdem Commander Ambrose die Herrschaft übernommen hatte. Magier waren in seinen Augen nur Moskitos, die Krankheiten übertrugen. Sie wurden gejagt, gefangen und getötet. Jeder Hinweis oder allein die Vermutung, dass jemand über magische Kräfte verfügte, kam einem Todesurteil gleich. Die einzige Überlebenschance bestand in der Flucht nach Sitia.

Die Patientin wurde zunehmend erregter, und ihre Bettnachbarn blickten verwundert zu ihr hinüber – zu mir hinüber. Eins nach dem anderen, befahl ich mir. Wenn ich mir die Vergangenheit in kleinen Dosen verabreichte, konnte ich leichter damit fertig werden. Jedenfalls war ich bei dem Sturz nicht verletzt worden, und Reyad behandelte mich eine Zeit lang sehr nett. Aber seine Freundlichkeit währte nur so lange, bis ich erneut bei seinen Tests versagte.

Um mich von meinen Erinnerungen abzulenken, zählte ich die Risse in der Zimmerdecke. Ich war bei sechsundfünfzig angelangt, als Valek hereinkam.

In einer Hand trug er ein Tablett mit Speisen, in der anderen hielt er einen Aktenordner. Misstrauisch beäugte ich das dampfende Omelett. „Was ist da drin?“, wollte ich wissen. „Noch mehr Schlaftabletten? Oder ein weiteres neues Gift?“ Jeder Muskel meines Körpers hatte sich verspannt. Vergeblich versuchte ich, mich aufzusetzen. „Wie wäre es, wenn Ihr mir zur Abwechslung einmal etwas gäbt, was mir gut tut?“

„Wie wäre es mit etwas, das dich am Leben hält?“, konterte Valek. Er half mir hochzukommen und reichte mir eine Pipette mit meinem Gegengift. Anschließend stellte er das Tablett mit den Speisen auf meinen Schoß.

„Schlaftabletten sind nicht nötig. Die Ärztin hat mir gesagt, dass du sie gestern Abend herausgeschmeckt hast.“ In Valeks Stimme schwang Anerkennung mit. „Probier dein Frühstück und sag mir, ob du dem Commander erlauben würdest, es zu essen.“

Valek hatte wirklich nicht übertrieben, als er sagte, dass ich keine freien Tage haben würde. Seufzend roch ich an dem Omelett. Keine auffallenden Aromen. Ich teilte es in Viertel und prüfte jedes auf ungewöhnliche Zutaten. Nacheinander schob ich mir einen Bissen von jedem Stück in den Mund und kaute bedächtig. Beim Hinunterschlucken achtete ich auf einen auffälligen Nachgeschmack. Ich schnupperte am Tee und rührte ihn um, ehe ich den ersten Schluck nahm und ihn über meine Zunge rollen ließ. Beim Hinunterschlucken bemerkte ich einen süßlichen Geschmack.

„Wenn der Commander nichts gegen Honig hat, würde ich dieses Frühstück nicht zurückgehen lassen.“

„Dann iss es.“

Ich zögerte. Wollte Valek mich hinters Licht führen? Falls er nicht ein mir unbekanntes Gift benutzt hatte, war das Frühstück unbedenklich. Ich verspeiste es restlos und trank den Tee unter Valeks wachsamen Blicken.

„Nicht schlecht“, sagte er. „Kein Gift … heute.“

Einer der Ärzte brachte Valek ein zweites Tablett. Darauf standen vier Tassen mit einer olivgrünen Flüssigkeit, die nach Minze roch. Valek tauschte die beiden Tabletts aus und sagte: „Ich möchte einige Probiertechniken durchgehen. Jede dieser Tasse enthält Pfefferminztee. Koste von einer.“

Ich griff nach der Tasse, die mir am nächsten stand, und nahm einen Schluck. In meinem Mund breitete sich ein alles andere überlagerndes Aroma von Minze aus. Ich musste husten.

Valek lächelte verschmitzt. „Schmeckst du sonst noch etwas heraus?“

Ich nahm einen zweiten Schluck. Die Minze dominierte immer noch. „Nein.“

„Gut. Jetzt halte dir einmal die Nase zu und versuche es dann noch einmal.“

Mit dem bandagierten Arm fiel es mir schwer, mir die Nase zuzuhalten und dabei zu trinken. Schließlich schaffte ich es. In meinen Ohren knackte es. Der Geschmack verblüffte mich. „Süß. Kein Pfefferminz.“ Meine Stimme klang drollig, und ich ließ meine Nase los. Sofort übertönte die Minze die Süße.

„Richtig. Und jetzt versuch die anderen.“

Die nächste Tasse Pfefferminztee schmeckte säuerlich, die dritte bitter und die vierte salzig.

„Diese Methode funktioniert bei allen Getränken und Speisen. Wenn man den Geruchssinn ausschaltet, werden sämtliche Aromen außer süß, sauer, bitter und salzig unterdrückt. Einige Gifte sind an einer der vier Geschmacksrichtungen zu erkennen.“ Valek blätterte in seinen Unterlagen. „Hier ist eine vollständige Liste der für Menschen schädlichen Gifte und ihr typischer Geschmack. Es gibt insgesamt zweiundfünfzig bekannte Arten. Lern sie auswendig.“

Ich überflog die Aufstellung. Einige Gifte hatte ich bereits gerochen. ‚My Love‘ stand an oberster Stelle. Die Liste hätte mir Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen und die gelegentlichen Wahnvorstellungen erspart. Ich wedelte mit dem Papier durch die Luft. „Warum habt Ihr mir nicht einfach das Verzeichnis gegeben, statt mich ‚My Love‘ erst selbst ausprobieren zu lassen?“

Valek hörte auf zu blättern. „Was kannst du schon von einer Liste lernen? Kattsgut beispielsweise schmeckt süß. Doch wie süß? Honigsüß? Apfelsüß? Es gibt verschiedene Arten von Süße, und die einzige Möglichkeit, sie kennen zu lernen, ist durch persönliche Erfahrung. Dieses Verzeichnis gebe ich dir nur aus einem einzigen Grund: der Commander möchte, dass du so schnell wie möglich mit deiner Arbeit beginnst.“ Valek klappte den Ordner zu. „Dass du diese Gifte jetzt nicht probierst, bedeutet nicht, dass du es auch in Zukunft nicht brauchst. Lerne die Liste auswendig. Sobald die Ärztin dich von der Krankenstation entlässt, werde ich dein Wissen prüfen. Wenn du den Test bestehst, kannst du mit der Arbeit beginnen.“

„Und wenn ich durchfalle?“

„Dann werde ich einen neuen Vorkoster anlernen.“

Seine Stimme klang gleichgültig, aber die Bedeutung seiner Worte ließ mein Herz fast stehen bleiben.

Valek fuhr fort: „Brazell wird sich weitere zwei Wochen in der Burg aufhalten. Er muss sich noch um ein paar andere geschäftliche Dinge kümmern. Weil ich dich nicht den ganzen Tag bewachen lassen kann, richtet Margg dir ein Zimmer in meinen Privaträumen ein. Ich komme später noch mal, um mich zu erkundigen, wann du entlassen wirst.“

Ich sah Valek nach, als er zur Tür ging. Mit ebenso eleganten wie zielstrebigen Bewegungen schien er durch das Zimmer zu schweben. Ärgerlich schüttelte ich den Kopf. Über Valek nachzudenken war das Schlechteste, was ich tun konnte. Stattdessen konzentrierte ich mich auf das Verzeichnis der Gifte, das meine Finger umklammerten. Ich strich das Papier glatt und hoffte, dass mein Schweiß die Tinte nicht verwischt hatte. Glücklicherweise war die Schrift noch lesbar, und erleichtert begann ich mit meiner Lektüre.

Ich merkte kaum, wie die Ärztin hereinkam, um nach meinem Arm zu sehen. Das Tablett mit den Tassen musste sie weggenommen haben, denn es war von meinem Schoß verschwunden. Die Geräusche und die Hektik auf der Krankenstation hatte ich vollkommen aus meinem Bewusstsein ausgeblendet, sodass ich zusammenfuhr, als mir ein Teller mit einem Kuchen unter die Nase geschoben wurde.

Die Hand, die den Teller hielt, gehörte zu Rand. Fröhlich grinste er mich an.

„Schau mal, was ich an der Frau Doktor vorbeigeschmuggelt habe. Na, mach schon. Iss, bevor sie zurückkommt.“

Das warme Gebäck roch nach Zimt. Weißer Zuckerguss tropfte an den Seiten herunter. Meine Finger wurden klebrig, als ich den Kuchen in die Hand nahm. Sorgfältig untersuchte ich ihn und sog das Aroma ein, um zu prüfen, ob sich ein ungewöhnlicher Geruch darunter mischte. Ich biss hinein und entdeckte mehrere Lagen von Teig und Zimt.

„Mein Gott, Yelena, du glaubst doch nicht etwa, dass ich ihn vergiftet habe?“ Rand schnitt eine Grimasse, als ob er Schmerzen hätte.

Genau das hatte ich gedacht, aber Rand wäre beleidigt gewesen, wenn ich ihm die Wahrheit gesagt hätte. Warum war er überhaupt hier? Obwohl er nett und zuvorkommend zu sein schien, trauerte er vielleicht noch immer um seinen Freund Oscove, den ehemaligen Vorkoster, und empfand einen Groll auf jeden, der seinen Platz eingenommen hatte. Andererseits war er ein potenzieller Verbündeter. Mit wem auf meiner Seite wäre ich besser dran? Mit Rand, dem Koch, dessen Speisen ich täglich essen würde, oder mit Valek, dem Mörder, der die unangenehme Angewohnheit hatte, mein Essen zu vergiften?

„Berufsbedingtes Misstrauen“, versuchte ich ihn schnell zu beruhigen.

Noch immer pikiert, grummelte er etwas Unverständliches vor sich hin. Ich biss ein großes Stück vom Kuchen ab.

„Köstlich“, sagte ich, um seinem Ego zu schmeicheln und mir eine zweite Chance zu geben.

Rands Miene wurde versöhnlich. „Gut, nicht wahr? Mein neuestes Rezept. Ich rolle ein Stück Teig aus, bestreue es mit Zimt, forme daraus eine Kugel und backe sie. Anschließend gieße ich Zuckerguss darüber, solange der Kuchen noch warm ist. Ich weiß nur noch nicht, wie ich ihn nennen soll. Zimtkuchen? Zimtkugel? Strudel?“ Rand unterbrach sich, um einen Stuhl heranzuziehen. Wegen seines steifen Beins dauerte es eine Weile, ehe er eine bequeme Sitzposition eingenommen hatte.

Ich ließ mir den Kuchen schmecken, und Rand fuhr fort: „Verrate der Frau Doktor aber nicht, dass ich ihn dir gebracht habe. Sie mag es nicht, wenn ihre Patienten etwas anderes als dünnen Haferschleim essen. Sie behauptet, er beschleunige den Heilungsprozess. Nun, er hat auch tatsächlich seine Wirkung.“ Er hob die Arme, sodass mehrere Brandwunden auf den Handgelenken sichtbar wurden. „Er schmeckt so entsetzlich, dass jeder so schnell wie möglich gesund werden will, um wieder etwas Ordentliches zu essen zu bekommen.“

Seine ungestüme Bewegung lockte die Blicke der anderen Patienten auf uns. Rand rückte näher zu mir und fragte leise: „Und wie geht es dir, Yelena?“ Er schaute mich an, als beurteilte er ein Stück Fleisch danach, welcher Teil wohl den besten Braten abgeben würde.

Ich wurde misstrauisch. Was kümmerte ihn mein Befinden? „Geht’s wieder um eine Wette?“, fragte ich.

Er lehnte sich zurück. „Wir wetten andauernd. Wetten und Tratschen ist alles, was wir Dienstboten tun. Was bleibt uns denn sonst? Du hättest hören sollen, wie sich alle das Maul zerrissen und gewettet haben, als herauskam, dass Brazells Mörder hinter dir her waren.“

Entsetzt sagte ich: „Niemand hat mir geholfen. Die Korridore waren menschenleer.“

„Natürlich. Sonst hätten wir uns ja in etwas eingemischt, das uns nicht persönlich betrifft. Das Personal tut so etwas niemals. Wir sind wie Kakerlaken, die im Dunkeln umherhuschen.“ Rand wackelte mit seinen schlanken Fingern. „Geht ein Licht an – wusch, sind wir verschwunden.“ Mit einer Handbewegung unterstrich er seine Worte.

Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Auch ich kam mir vor wie eine glücklose Kakerlake, die vom Licht überrascht worden war, auf der Flucht vor dem unheilvollen Schatten des Stiefels, der immer näher kommt und sie zu zerquetschen droht.

„Jedenfalls sah es beim Wetten nicht gut für dich aus. Die meisten haben große Einsätze gemacht, aber nur einige wenige …“, Rand machte eine dramatische Pause, „… haben richtig abgesahnt.“

„Da du hier bist, nehme ich an, dass du zu den Absahnern gehörst.“

Er grinste. „Yelena, ich werde immer auf dich setzen. Du bist wie die Terrier des Commanders: kleine kläffende Köter, an die man keinen zweiten Blick verschwendet. Doch wenn sie dich erst mal am Hosenbein gepackt haben, lassen sie dich nicht mehr los.“

„Vergifte das Essen der Hunde, und sie ärgern dich nicht länger.“

Rands Grinsen erstarb, als er meinen verbitterten Ton hörte. „Probleme?“

Es überraschte mich, dass die Klatschtanten in der Burg noch keine Wetten über Valeks Test abgeschlossen hatten. Deshalb zögerte ich. Rand tratschte nämlich gern, und er konnte mich womöglich in Schwierigkeiten bringen. „Nein. Es ist nur, weil ich die neue Vorkosterin bin und so …“ Ich hoffte, ihn mit dieser ausweichenden Antwort zufrieden zu stellen.

Rand nickte verständnisvoll. Den Rest des Nachmittags schwelgte er in Erinnerungen an Oscove und Berichten über neue Rezepte, die er erfunden hatte. Als Valek auftauchte, verstummte er sofort und wurde blass. Er murmelte etwas über das Abendessen, um das er sich kümmern müsse, erhob sich umständlich von seinem Stuhl und wäre fast hingefallen, als er Hals über Kopf aus dem Zimmer stürzte. Valek sah ihm nach, während er davoneilte.

„Was wollte er hier?“

Valeks Miene blieb gleichgültig, doch weil er sich so kühl verhielt, fragte ich mich, ob er möglicherweise verärgert war. Deshalb wählte ich meine Worte sorgfältig aus, als ich ihm erklärte, dass Rand mich nur besucht hatte.

„Seit wann kennst du ihn?“

Eine beiläufige Frage, aber dennoch lag ein seltsamer Unterton in seiner Stimme. „Nachdem ich mich von ‚My Love‘ erholt hatte, war ich hungrig, bin in die Küche gegangen und habe ihn dort getroffen.“

„Pass auf, was du sagst, wenn er in der Nähe ist. Er ist nicht besonders vertrauenswürdig. Ich hätte ihn entlassen, aber der Commander bestand darauf, dass er blieb. In der Küche ist er ein Genie – und so etwas wie ein Schützling. Er war noch sehr jung, als er anfing, für den König zu kochen.“

Valek musterte mich mit seinen kalten blauen Augen. In seinem Blick las ich eine Warnung vor Rand. Vielleicht hatte Valek Oscove des halb nicht gemocht. Mit jemandem Bekanntschaft zu pflegen, der dem König gegenüber loyal war, konnte von erheblichem Nachteil für mich sein. Trotzdem ärgerte es mich, dass Valek mir Angst einjagen wollte. Ich hielt seinem Blick stand – mit gleichgültiger Miene, wie ich hoffte.

Schließlich schlug er die Augen nieder, und ich triumphierte. Diese Runde ging endlich einmal an mich.

„Morgen früh wirst du entlassen.“ Valek war kurz angebunden. „Wasch dich und melde dich in meinem Arbeitszimmer, damit wir mit den Tests beginnen können. Selbst wenn du sie bestehst, glaube ich noch nicht, dass du für deine neue Aufgabe schon bereit bist, aber der Commander will, dass du beim Mittagessen zur Verfügung stehst.“ Verärgert schüttelte er den Kopf. „Es ist eine Abkürzung zum Ziel, und ich hasse Abkürzungen.“

„Warum? Dann müsst Ihr Euer eigenes Leben nicht mehr riskieren.“ Ich bereute meine Worte, kaum dass ich sie ausgesprochen hatte.

Valeks Blick war vernichtend. „Nach meiner Erfahrung führen Abkürzungen gewöhnlich zum Tod.“

„Ist es das, was meinem Vorgänger widerfahren ist?“, erkundigte ich mich, unfähig, meine Neugier im Zaum zu halten. Würde Valek Rands Vermutungen bestätigen oder widerlegen?

„Oscove?“ Valek machte eine Pause. „Dafür war er nicht stark genug.“

8. KAPITEL

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hielt ich Valeks Giftliste immer noch fest in der Hand. Wieder und wieder ging ich die Aufstellung durch, bis die Ärztin mich entließ.

Auf dem Weg zur Tür protestierten meine schmerzenden Muskeln gegen jede Bewegung. Eigentlich hätte ich froh sein müssen, die Krankenstation verlassen zu können, aber meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. In meinem Magen schien eine lebendige Maus zu sitzen, die versuchte, sich einen Weg in die Freiheit zu bahnen.

Beim Anblick der Wächter vor der Tür der Krankenstation erschrak ich. Aber sie trugen nicht Brazells Farben, und erst dann fiel mir ein, dass Valek sie zu meinem Schutz angefordert hatte, bis ich mich in seinem Arbeitszimmer meldete.

Suchend schaute ich mich um, denn ich hatte keine Ahnung, in welcher Richtung mein Zimmer lag. Seit achtzehn Tagen wohnte ich nun in der Burg, aber noch immer war mir deren Inneres ein Buch mit sieben Siegeln. Ich kannte nicht einmal den Grundriss, da ich das Gebäude nie von außen gesehen hatte.

Der Gefängniskarren, der mich in die Burg gebracht hatte, war eine quadratische Kiste mit Luftlöchern gewesen, und ich hatte mich geweigert, wie ein eingesperrtes Tier durch die Sehschlitze zu spähen. Die Vorstellung, in Ketten gelegt, von Wächtern befingert und in den Kerker geworfen zu werden, war so entsetzlich für mich, dass ich, an der Burg angekommen, die Augen fest zusammenkniff, um meine Demütigung nicht mit ansehen zu müssen. Natürlich hätte ich bei dieser Gelegenheit nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau halten können, aber ich hatte meine Strafe akzeptiert, nachdem ich Reyad getötet hatte.

Obwohl es mir widerstrebte, die Wächter nach dem Weg zu meinem Zimmer zu fragen, blieb mir nichts anderes übrig. Stumm führten sie mich durch die Burg. Einer ging voran, der andere folgte. Erst nachdem der Anführer mein Zimmer inspiziert hatte, durfte ich eintreten.

Meine Uniformen hingen noch immer so im Schrank, wie ich sie einsortiert hatte. Nur mein Tagebuch, dass ich in einer Schublade aufbewahrte, lag offen auf dem Schreibtisch. Jemand hatte meine Meinung über Gifte und andere Dinge gelesen. Das mulmige Gefühl in meinem Magen machte einer schneidenden Kälte Platz. Die Maus war gestorben, und das passte vollkommen zu meiner düsteren Stimmung.

Ich verdächtigte Valek. Er war dreist genug, in meinen persönlichen Aufzeichnungen herumzuschnüffeln. Möglicherweise rechtfertigte er sein Tun sogar damit, dass es seine Pflicht sei nachzuprüfen, ob ich nicht irgendwelche umstürzlerischen Pläne schmiedete. Immerhin war ich nur die Vorkosterin und hatte kein Recht auf Privatsphäre.

Ich nahm mein Tagebuch und die Uniform und ging zu den Baderäumen. Die Wächter warteten vor der Tür, während ich ins Wasser eintauchte. Ich ließ mir Zeit. Valek und sein Test konnten warten. Mir widerstrebte es, ständig nach seiner Pfeife zu tanzen.

Von Brazells Wächtern verfolgt zu werden, Gift in fast allen meinen Speisen zu finden und das Objekt von Wetten zu sein wie ein verflixtes Rennpferd, machte mich nicht halb so wütend wie die Tatsache, dass Valek mein Tagebuch gelesen hatte.

Um eine spitze Bemerkung aus seinem Mund zu vermeiden, fragte ich beim Betreten seines Arbeitszimmers sofort: „Wo ist der Test?“

Amüsiert erhob Valek sich hinter seinem Schreibtisch. Mit einer theatralischen Geste deutete er auf zwei Reihen von Speisen und Getränken auf dem Konferenztisch. „Nur eines davon ist nicht vergiftet. Probiere sie und finde heraus, welches es ist.“

Ich kostete von jedem Teil. Ich schnupperte. Ich gurgelte. Ich hielt mir die Nase zu. Ich biss winzige Stücke ab. Ich spuckte aus. Einige der Speisen waren bereits abgekühlt. Die meisten schmeckten ziemlich fade, sodass man das Gift leicht entdecken konnte. Fruchtsäfte dagegen überdeckten den Giftgeschmack.

Nachdem ich vom letzten Teil gekostet hatte, drehte ich mich zu Valek. „Ihr seid ein Schwindler. Das ist alles vergiftet.“ Was für ein schäbiger Trick. Aber ich hätte damit rechnen müssen, dass er mit solchen Methoden arbeitete.

„Bist du sicher?“

„Natürlich. Ich würde nichts von dem anrühren, was auf dem Tisch steht.“

Valeks Blick war unerbittlich, als er zu mir kam. „Es tut mir Leid, Yelena. Du hast versagt.“

Mein Herz wurde schwer wie Blei. Die tote Maus er wachte wieder zum Leben und begann, Löcher in meine Eingeweide zu nagen. Verwirrt blickte ich über den Tisch. Was war mir entgangen?

Nichts. Ich hatte Recht. Ich forderte Valek auf, mir zu beweisen, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ohne zu zögern ergriff er eine Tasse. „Diese hier ist einwandfrei.“

„Dann trinkt sie aus.“ Ich erinnerte mich an die Tasse. Das Getränk war mit einem bitter schmeckenden Gift versetzt.

Valeks Hand zitterte ein wenig, als er einen Schluck nahm. Ich biss mir auf die Lippe. Vielleicht irrte ich mich ja doch. Vielleicht war es die Tasse daneben. Valek hielt meinem Blick stand, als er die Flüssigkeit über seine Zunge rollen ließ. Dann spuckte er aus.

Am liebsten hätte ich einen Luftsprung gemacht und wäre jauchzend um ihn herumgetanzt. Stattdessen sagte ich nur: „Brombeergift.“

„Ja“, erwiderte Valek. Sein Blick wanderte von der Tasse in seiner Hand zu den aufgereihten kalten Speisen.

„Habe ich bestanden?“

Geistesabwesend nickte er. Dann trat er an seinen Schreibtisch und stellte die Tasse behutsam ab. Kopfschüttelnd nahm er einige Papiere zur Hand und legte sie ungelesen wieder hin.

„Ich hätte wissen müssen, dass Ihr versuchen würdet, mich hereinzulegen.“

Meine gereizte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Als er mich ansah, wünschte ich, den Mund gehalten zu haben.

„Du bist wütend. Aber das liegt nicht am Test. Erkläre es mir.“

„Erklären? Warum sollte ich etwas erklären? Vielleicht solltet Ihr mir erklären, warum Ihr mein Tagebuch gelesen habt.“ So, jetzt war es heraus.

„Tagebuch?“ Verdutzt schaute er mich an. „Ich habe nichts von dir gelesen. Doch selbst wenn ich es täte, hätte ich das Recht dazu.“

„Warum?“, wollte ich wissen.

Valeks Gesichtsausdruck wurde ungläubig. Ein paar Mal öffnete und schloss er den Mund, ehe er in der Lage war, seine Gedanken in Worte zu fassen. „Yelena, du hast einen Mord gestanden. Man hat dich erwischt, als du mit einem blutverschmierten Messer rittlings auf Reyads Körper gesessen hast. Ich habe in deiner Akte nach einem Motiv gesucht. Es gab keins. Nur einen Bericht, demzufolge du dich geweigert hast, auch nur eine Frage zu beantworten.“

Er kam näher und senkte die Stimme. „Da ich nicht weiß, aus welchem Grund du getötet hast, kann ich unmöglich sagen, ob du es nicht noch einmal tust oder was dich dazu veranlasst hat. Ich bin an das Neue Gesetzbuch gebunden; deshalb musste ich dir diese Stelle als Vorkosterin anbieten.“ Er holte tief Luft und fuhr fort: „Du wirst täglich in der Nähe des Commanders sein. Solange ich dir nicht vertrauen kann, muss ich dich kontrollieren.“

Mein Ärger schmolz dahin. Warum sollte ich von Valek Vertrauen erwarten, wenn auch ich ihm nicht vertraute?

Ich beruhigte mich wieder. „Wie kann ich Euer Vertrauen gewinnen?“

„Sag mir, warum du Reyad getötet hast.“

„Ihr seid wohl noch nicht soweit, dass Ihr mir glauben würdet.“

Valeks Blick wanderte zum Besprechungstisch. Ich hielt mir die Hand vor den Mund. Warum hatte ich noch nicht so weit gesagt? Das hieß ja, dass er mir irgendwann einmal glauben würde. Was natürlich reines Wunschdenken meinerseits war.

„Da hast du Recht“, sagte er.

Wir schienen in einer Sackgasse gelandet zu sein.

„Ich habe Euren Test bestanden. Jetzt möchte ich mein Gegengift.“

Valek erwachte aus seiner Erstarrung. Er füllte eine Dosis ab und reichte sie mir.

„Und jetzt?“, fragte ich.

„Mittagessen. Wir sind schon spät dran.“ Er schob mich zur Tür hinaus. Im Laufen schluckte ich die weiße Flüssigkeit hinunter.

Als wir uns dem Thronsaal näherten, drang erregtes Stimmengewirr durch die Gänge. Zwei Berater des Commanders stritten miteinander. Offiziere und Ratgeber drängelten sich hinter den beiden Kontrahenten. Der Commander lehnte an einem Schreibtisch und hörte aufmerksam zu.

Die Gruppe diskutierte über die aussichtsreichste Möglichkeit, einen Entflohenen aufzuspüren und gefangen zu nehmen. Die rechte Seite plädierte für viele Soldaten und Spürhunde; die linke dagegen war dafür, nur wenige, dafür aber intelligente Soldaten mit der Aufgabe zu betrauen. Rohe Gewalt gegen Verstand.

Die Diskussion wurde zwar laut, aber emotionslos geführt. Die Wächter, die über all im Raum standen, machten einen entspannten Eindruck. Ich vermutete, dass derartige Gespräche an der Tagesordnung waren, und fragte mich, ob der Entflohene tatsächlich existierte oder nur das Objekt einer theoretischen Übung war.

Valek ging zum Commander hinüber, und ich stellte mich hinter die beiden. Die Debatte verursachte mir ein unbehagliches Gefühl, denn unwillkürlich stellte ich mir vor, selbst die arme Seele zu sein, die gejagt wurde.

Ich sah mich atemlos durch den Wald hetzen und angespannt auf die Schritte meiner Verfolger lauschen. In einer Stadt konnte ich nicht untertauchen, denn ein ungewohntes Gesicht würde die patrouillierenden Soldaten sofort in Alarmzustand versetzen – gelangweilte Soldaten, deren einzige Aufgabe darin bestand, ein waches Auge zu haben und jeden Einwohner der Stadt zu kennen.

Jeder Bürger in Ixia hatte eine bestimmte Arbeit, die ihm nach der Machtübernahme zugewiesen worden war. Ein Bewohner durfte zwar in eine andere Stadt oder einen anderen Militär-Distrikt ziehen, aber dafür waren bestimmte Vorschriften einzuhalten. Ein Aufsichtsbeamter musste den Umzugsantrag genehmigen, und wer umziehen wollte, musste beweisen, dass er am neuen Wohnort eine Arbeitsmöglichkeit hatte. Ohne ordnungsgemäße Dokumente wurde ein Zivilist, der sich in der falschen Gegend aufhielt, festgenommen. Besuche in anderen Distrikten waren erlaubt, aber nur, wenn man im Besitz entsprechender Papiere war, die man den Soldaten bei der Ankunft zeigen musste.

Während meiner Arbeit mit Brazell und Reyad, bei der ich von der Außenwelt vollkommen abgeschnitten war, hatte ich ständig an Flucht denken müssen. Träume von Freiheit waren besser als Grübeleien über ein Leben als Laborratte. Da ich weder Familie noch Freunde außerhalb des Anwesens hatte, bei denen ich mich hätte verstecken können, erschienen mir die Länder im Süden als beste Ausweichmöglichkeit, vorausgesetzt, mir gelänge es, die streng bewachte Grenze zu überwinden.

In meiner Fantasie stellte ich mir immer wieder vor, heimlich nach Sitia zu fliehen, eine Adoptivfamilie zu finden und mich zu verlieben. Kitschige, sentimentale Gedanken, aber sie waren das Einzige, was mich aufrecht hielt. Jeden Tag, wenn die Experimente begannen, richtete ich meine Gedanken auf Sitia. Dort fand ich leuchtende Farben, freundliche Zuwendung und Wärme. Mit diesen Bildern im Kopf konnte ich Reyads Experimente ertragen.

Doch selbst wenn ich die Gelegenheit zur Flucht gehabt hätte, wüsste ich nicht, ob ich sie auch genutzt hätte. Obwohl ich mich nicht an die Familie erinnerte, in die ich hineingeboren wude, hatte ich ja eine Familie auf dem Anwesen – die anderen verlorenen Kinder, die ebenfalls hier aufgenommen worden waren. Meine Schwestern. Meine Brüder. Meine Kinder. Ich lernte mit ihnen, ich spielte mit ihnen, und ich kümmerte mich um sie. Wie hätte ich sie jemals im Stich lassen können? Die Vorstellung, dass May oder Carra meinen Platz einnehmen mussten, war unerträglich.

Ich biss mir in den Finger, bis ich Blut schmeckte, und konzentrierte mich wie der auf die Ge gen wart. Ich war Brazell entkommen. Er würde die Burg in zwei Wochen verlassen und nach Hause zurückkehren, vermutlich zu einer neuen Runde von Experimenten mit einer anderen Laborratte. Schon jetzt gehörte ihr mein Mitleid, egal, wer es sein mochte. Ihr stand eine schwere Zeit bevor, denn Brazell war grausam. Wenigstens hatte ich sie vor Reyad bewahrt.

Ich nahm die Hand vom Mund und untersuchte die Bissstelle. Sie war nicht tief; es würde keine Narbe zurückbleiben. Ich betrachtete die Ansammlung von halbrunden Narben auf meinen Fingern und Knöcheln. Als ich aufschaute, bemerkte ich, dass auch Valek meine Hände anstarrte. Rasch verbarg ich sie hinter meinem Rücken.

Der Commander hob die Hand. So fort trat Stille ein. „Ausgezeichnete Argumente von beiden Seiten. Wir werden eure Vorschläge in die Praxis umsetzen. Es gibt zwei Mannschaften.“ Er deutete auf die beiden Wortführer der Diskussion und fuhr fort: „Ihr seid die Captains. Stellt eure Gruppe zusammen und entwerft einen Angriffsplan. Rekrutiert so viele Leute, wie ihr braucht. Valek wird aus den Reihen seiner Männer einen auswählen, der die Rolle des Entflohenen übernimmt. Ihr habt vierzehn Tage Zeit zur Vorbereitung.“

Der Lärmpegel stieg, als der Commander mit Valek und mir im Gefolge in sein Arbeitszimmer ging. Valek schloss die Tür, und die Stimmen klangen gedämpfter. „Seid Ihr immer noch verärgert wegen Marroks Flucht nach Sitia?“, fragte er.

Der Commander runzelte die Stirn. „Ja. Diese Verfolgung war schlampige Arbeit. Marrok musste gewusst haben, dass ihr in MD-8 wart. Es ist wirklich an der Zeit, dass du ein paar neue Zöglinge anlernst.“

Valek sah ihn mit gespieltem Entsetzen an. „Aber dann wäre ich ja nicht mehr unentbehrlich.“

Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Commanders, ehe er mich in einer Ecke des Zimmers entdeckte. „Nun, Valek, was sie angeht, hattest du Recht. Sie hat deinen Test überlebt.“ Dann befahl er mir: „Komm näher.“

Meine Füße gehorchten automatisch, während mir das Herz bis zum Hals schlug.

„Als meine offizielle Vorkosterin meldest du dich jeden Morgen vor dem Frühstück bei mir. Du erfährst dann auch meinen Tagesplan. Ich erwarte dich zu jeder Mahlzeit und dulde keine Verspätung. Verstanden?“

„Jawohl, Sir.“

Er sah zu Valek. „Sie sieht abgezehrt aus. Bist du sicher, dass sie stark genug ist?“

„Jawohl, Sir.“

Der Commander wirkte nicht überzeugt. Nachdenklich schaute er mit seinen goldbraunen Augen von mir zu Valek. Ich hoffte inständig, dass er nicht nach einem Grund suchte, um mich zu entlassen.

„Nun gut. Da ich das Mittagessen verpasst habe, Valek, erwarte ich dich zu einem frühen Abendessen. Yelena, morgen früh beginnst du mit deiner Arbeit als Vorkosterin.“

„Jawohl, Sir“, antworteten Valek und ich wie aus einem Mund. Damit waren wir entlassen.

Wir kehrten in Valeks Arbeitszimmer zurück, um meine anderen Uniformen und mein Tagebuch zu holen. Anschließend begleitete Valek mich zu seinen Privaträumen, die im mittleren Teil der Burg lagen. Auf dem Weg durch die Hauptkorridore stellte ich fest, dass die hellen Stellen an den Wänden die dunkleren Partien bei weitem übertrafen. Offenbar waren zahlreiche Gemälde entfernt worden. Außerdem kamen wir an einer ganzen Reihe unscheinbarer Räume vorbei, die zu Arbeitszimmern oder Schlafsälen für Soldaten umgewandelt worden waren.

Mir fiel auf, dass der funktionale Stil und die nüchterne Atmosphäre, die der Commander zum Stilprinzip erhoben hatte, der Burg die Seele geraubt hatten. Übriggeblieben war ein toter Steinkasten, der nur noch zweckmäßig war.

Ich war zu jung, um mich an das Leben vor der Machtübernahme zu erinnern, aber in Brazells Waisenhaus hatten wir gelernt, dass die Monarchie korrupt und das Volk unglücklich war. Es hatte sich in der Tat nur um eine Machtübernahme gehandelt; den Regierungswechsel als Krieg zu bezeichnen, wäre falsch. Die Mehrheit der Soldaten des Königs war in den Dienst des Commanders getreten und von da an ihm loyal ergeben, denn sie hatten sich lange genug darüber geärgert, dass Beförderungen nur aufgrund von Bestechungen und verwandtschaftlichen Beziehungen vonstatten gingen und nicht das Ergebnis von Kompetenz und harter Arbeit waren. Darüber hinaus verbitterte es sie, dass Menschen wegen geringfügiger Vergehen – zum Beispiel, weil sie ein Mitglied der Oberschicht gegen sich aufgebracht hatten – getötet wurden.

Der Commander hatte auch Frauen in seine Dienste genommen, und sie gaben ausgezeichnete Spione ab. Valek hatte die wichtigsten Verbündeten des Königs getötet. Als dieser versuchte, ein Heer zu rekrutieren, um gegen die Soldaten des Commanders zu kämpfen, fand er keine Unterstützer mehr. Kampflos eroberte der Commander die Burg, wobei kaum Blut vergossen wurde. Die meisten Adligen waren bereits zuvor umgekommen, und einigen wenigen war die Flucht nach Sitia gelungen.

Valek und ich näherten uns einer massiven Holztür, die von zwei Wächtern flankiert wurde. Er sagte den beiden Männern, dass ich jederzeit Zugang zu seinen Räumen hätte. Wir betraten einen kurzen Korridor mit zwei gegenüberliegenden Türen. Valek schloss die Tür auf der rechten Seite auf und erklärte mir, dass die andere zu den Privaträumen des Commanders führte.

Valeks Wohnung bestand aus mehreren großzügigen Zimmern. Nach dem düsteren Korridor war ich wie geblendet von der Helligkeit des L-förmigen Wohnbereichs. Fensterscheiben, so dünn wie die Streifen eines Tigers, ließen das Sonnenlicht herein.

Überall auf dem Boden und den Tischen türmten sich Bücher. Handtellergroße Steine, durchzogen von weißen Adern, und vielfarbige Kristalle waren im ganzen Raum verteilt.

Zahlreiche schwarzglänzende Statuen, die Tiere und Blumen darstellten, schmückten das Zimmer. Kunst voll und sorgfältig gefertigt, ähnelten sie den Panthern auf dem Schreibtisch in Valeks Arbeitszimmer.

An den Wänden hing eine beeindruckende Waffensammlung. Einige der Waffen waren ziemlich alt – Staub bedeckte Altertümer, die seit Jahren nicht mehr benutzt worden waren – wohingegen andere Spuren häufigen Gebrauchs aufwiesen. An einem langen, schmalen Messer klebte frisches Blut. Die rote Flüssigkeit glänzte im Sonnenlicht. Der Anblick verursachte mir eine Gänsehaut. Ich fragte mich, wer wohl am falschen Ende des Messers gestanden haben mochte.

Links vom Eingang führte eine Treppe nach oben, und in die rechte Wand des Wohnraums waren insgesamt drei Türen eingelassen.

Valek zeigte auf die erste Tür. „Das ist dein Zimmer, bis Brazell die Burg verlässt. Ich schlage vor, du ruhst dich ein wenig aus.“ Er nahm drei Bücher von einem kleinen Tisch. „Ich komme bald zurück. Verlass die Räume nicht. Ich bringe dir dein Abendessen.“ Er machte Anstalten zu gehen. An der Tür drehte er sich noch einmal um. „Schließ hinter mir ab. Hier solltest du sicher sein.“ Damit verschwand er.

Sicher, dachte ich beim Verriegeln der Tür, werde ich mich hier bestimmt nie fühlen. Jeder, der ein Schloss zu knacken wusste, konnte sich hereinstehlen, eine Waffe in die Hand nehmen und mir zu Leibe rücken. Ich untersuchte die Schwerter an der Wand und seufzte erleichtert auf. Die Waffen waren fest verankert. Um mich zu vergewissern, rüttelte ich heftig an einer Keule.

Vor meiner Tür war das Durcheinander größer als vor den anderen beiden. Den Grund dafür entdeckte ich, als ich das Zimmer betrat. Im dick mit Staub bedeckten Boden waren vollkommen saubere, kastenförmige Flächen ausgespart. Staubflocken lagen auch auf dem Bett, der Kommode und dem Schreibpult. Das Zimmer diente als Abstellkammer. Anstatt es zu putzen, hatte Margg lediglich die Kisten herausgeholt und ihre Arbeit damit als erledigt betrachtet. Ihre Schludrigkeit war nur ein weiterer unmissverständlicher Hinweis darauf, dass sie mich nicht ausstehen konnte. Vielleicht war es am Besten, ihr eine Weile aus dem Weg zu gehen.

Das Bettzeug war schmutzig. Ein modriger Geruch lag in der Luft. Ich musste niesen. In die Wand war ein kleines Fenster eingelassen, und nachdem ich eine Weile mit den Läden gekämpft hatte, gelang es mir, es zu öffnen.

Das Mobiliar bestand aus kostbarem Ebenholz. Kunstvolle Schnitzereien von Blattwerk und Weinreben rankten sich an Stuhlbeinen und Schubladen entlang. Als ich den Staub vom Kopfende des Betts wischte, entdeckte ich eine anmutige Gartenszenerie mit Schmetterlingen und Blumen.

Nachdem ich die schmuddeligen Laken abgezogen und mich auf der Matratze ausgestreckt hatte, verschwand mein Eindruck von Margg als harmloser alter Drache schlagartig. Ich entdeckte die Botschaft, die in den Staub des Schreibpults geschrieben worden war.

Sie lautete: „Mörderin. Der Galgen erwartet dich.“

9. KAPITEL

Wie vom Blitz getroffen, fuhr ich hoch. Die Worte verschwanden aus meinem Blickfeld, aber besser fühlte ich mich trotzdem nicht. Kalte Angst jagte durch meinen Körper, während ich mir die schrecklichsten Dinge ausmalte.

Wollte Margg mich warnen oder mir drohen? Plante sie, das Geld, das sie beim Wetten auf mich verloren hatte, zurückzubekommen, indem sie mich gegen einen Obolus an Brazells Totschläger auslieferte?

Doch warum sollte sie mich warnen?, versuchte ich mich zu beruhigen. Schon wieder hatte ich übertrieben reagiert. Nach allem, was ich von Margg gesehen und gehört hatte, machte es ihr einfach Freude, mich zu erschrecken. Eine kindische Reaktion, nur weil sie meinetwegen mehr Arbeit hatte. Ich beschloss, dass es das Beste sei, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mir ihre alberne Botschaft zugesetzt hatte. Wenn ich so darüber nachdachte, erschien es mir auf einmal durchaus möglich, dass sie mein Tagebuch gelesen und es offen auf dem Schreibtisch liegengelassen hatte, nur um mich zu ärgern.

Valek hatte mir empfohlen, mich auszuruhen, doch dazu war ich natürlich viel zu aufgeregt. Stattdessen ging ich in sein Wohnzimmer. Marggs Worte hatten mir erneut bewusst gemacht, dass es besser war, auf meinen Instinkt zu hören und keiner Menschenseele zu trauen. Dann würden sich meine Probleme darauf beschränken, Gift aus Speisen herauszuschmecken und Brazell aus dem Weg zu gehen.

Wenn es doch nur so einfach wäre – oder ich so stark! Vermutlich hatten Brazell und Reyad mir meine ganze Vertrauensseligkeit ausgetrieben, aber tief in einem Winkel meines Herzens klammerte ich mich immer noch an die Hoffnung, einen wahren Freund zu finden.

Selbst eine Ratte braucht andere Ratten. Ich konnte mich gut in die Nager hineinversetzen, denn auch ich huschte umher, schaute ängstlich zurück und achtete auf Fallen mit giftigen Ködern.

Im Moment war es für mich das Wichtigste, den Tag lebend zu überstehen, aber irgendwann einmal würde ich nach einem Ausweg suchen. Wissen war Macht. Deshalb nahm ich mir vor, still zu sitzen, zuzuhören und soviel wie möglich zu lernen. In Valeks Wohnzimmer wollte ich damit beginnen. Ich nahm einen Stein von einem der Tische und bahnte mir einen Weg durch das Durcheinander seiner Räume. Allerdings suchte ich nur oberflächlich, denn ich traute Valek zu, den Inhalt seiner Schubladen so zu ordnen, dass er es sofort merken würde, wenn ein Fremder darin herumschnüffelte.

Ich entdeckte einige Texte über Gifte, die mein Interesse weckten, aber sie handelten hauptsächlich von Mordanschlägen und Intrigen. Ein paar Bücher hatten verschlissene Ledereinbände und waren in einer archaischen Sprache verfasst, die ich nicht entziffern konnte. Entweder war Valek ein Sammler, oder er hatte die Bände aus der Bibliothek des toten Königs gestohlen.

Am Fuß der Treppe fiel mir ein Lageplan der Burg ins Auge. Er steckte in der Ecke eines Bilderrahmens, der rechts neben der Treppe an der Wand hing. Endlich etwas, das ich gebrauchen konnte. Während ich den Grundriss studierte, kam es mir plötzlich vor, als nähme ich eine Maske, durch die ich zuvor alles nur verschwommen wahrgenommen hatte, von meinem Gesicht. Endlich konnte ich mir ein Bild von der Burg verschaffen.

Ich verschob meine Erkundungstour durch die oberen Räume auf einen späteren Zeitpunkt und griff nach meinem Tagebuch. Die Zeichnung war nicht versteckt gewesen; Valek konnte mithin auch nicht verärgert darüber sein, dass ich sie gefunden hatte. Vielleicht war es ihm sogar recht, dass ich nicht jedes Mal nach dem Weg fragen musste, wenn ich zu einem neuen Ort geschickt wurde. Ich schob Papiere und Bücher auf dem Sofa beiseite, machte es mir auf dem freigeräumten Platz bequem und begann, den Plan abzuzeichnen.

Ich schreckte auf. Mein Tagebuch fiel zu Boden. Blinzelnd schaute ich durch den von Kerzen erleuchteten Raum. Ich hatte von Ratten geträumt. Sie waren von den Wänden heruntergefallen, durch die Ritzen des Fußbodens gekrochen und wimmelten hinter mir her – ein Meer von angriffslustigen Nagern, die sich mit ihren kleinen scharfen Zähnen in Kleidern, Haut und Haaren festbissen.

Schaudernd zog ich die Füße hoch und ließ meinen Blick argwöhnisch durch das Zimmer schweifen. Keine Ratten – wenn ich Valek nicht dazurechnete, der damit beschäftigt war, die Lampen anzuzünden.

Während er sich mit den letzten Kerzen beschäftigte, überlegte ich, ob er zu den Ratten gehörte. Nein. Bestimmt nicht. Er gehörte zu den Katzen, und er war beileibe keine gewöhnliche Hauskatze, sondern eine Schneekatze. Das tüchtigste Raubtier auf dem Territorium von Ixia.

Die weiße Schneekatze war etwa so groß wie zwei massige Hunde zusammengenommen – schnell, wendig und tödlich. Sie schlug zu, ehe ihre Beute die Gefahr überhaupt witterte. In der Regel blieben sie im Norden, wo der Schnee niemals schmolz, aber wenn die Nahrung knapp wurde, zogen sie auch in den Süden.

Noch nie in der langen Geschichte von Ixia hatte jemand eine Schneekatze getötet. Die Raubkatze roch, hörte oder erspähte den Jäger, ehe er nahe genug kommen konnte, um mit einer Handwaffe zuzuschlagen. Blitzschnell sprang sie auf, wenn sie das Schwirren der Bogensehne hörte. Das Vernünftigste, das die Menschen aus dem Norden tun konnten, war, die Raubkatzen in den Schneeregionen zu füttern und zu hoffen, dass sie in ihrem Revier blieben und sich von den Wohngebieten fernhielten.

Nachdem Valek die letzte Lampe angezündet hatte, drehte er sich zu mir um. „Ist etwas mit deinem Zimmer nicht in Ordnung?“ Er nahm ein Tablett und drückte es mir in die Hand.

„Nein. Ich konnte nur nicht schlafen.“

Valek schaute amüsiert drein. „Ach so.“ Dann deutete er auf das Tablett. „Tut mir Leid, dass dein Essen kalt geworden ist. Ich wurde aufgehalten.“

Die Giftprobe war für mich mittlerweile schon so selbstverständlich geworden, dass ich zunächst nur einige Kostproben nahm. Dabei warf ich Valek einen verstohlenen Blick zu, um zu sehen, ob ihn mein Verhalten vor den Kopf stieß. Offenbar machte es ihm nichts aus, denn er sah mich nur belustigt an. Zwischen zwei Bissen fragte ich ihn, ob sonst noch jemand einen Schlüssel zu seinen Privaträumen besaß.

„Nur der Commander und Margg. Kannst du jetzt besser schlafen?“

Ohne auf seine Antwort einzugehen, fragte ich: „Ist Margg Eure persönliche Haushälterin?“

„Meine und die des Commanders. Wir wollten jemanden haben, dem wir vertrauen konnten. Eine Person, die alle kannten. Sie war schon vor der Machtübernahme bei uns, sodass ihre Loyalität außer Frage steht.“ Valek setzte sich an seinen Schreibtisch und drehte den Stuhl herum, um mir ins Gesicht zu sehen. „Erinnerst du dich noch daran, was im Besprechungszimmer geschehen ist?“

Ich nickte, verwirrt über den abrupten Themenwechsel.

„Drei Generäle waren im Raum. Brazell kanntest du bereits, aber weißt du auch, wer die anderen beiden waren?“

„Tesso und Hazal“, antwortete ich ohne Umschweife, stolz auf mein Gedächtnis.

„Kannst du sie beschreiben? Haarfarbe? Augen?“

Ich zögerte, während ich mich zu erinnern versuchte. Sie hatten die Uniform der Generäle getragen, und sie hatten zu Mittag gegessen. Ich schüttelte den Kopf. „General Tesso hatte einen Bart, glaube ich.“

„Du hast sie an ihren Uniformen erkannt und ihnen gar nicht ins Gesicht geschaut, stimmt’s?“

„Ja.“

„Das habe ich mir gedacht. Genau das ist das Problem mit dem Uniformzwang. Er macht die Menschen unaufmerksam. Ein Wächter sieht die Uniform einer Haushälterin und wird annehmen, dass diese Person zur Burg gehört. Auf diese Weise ist es ganz leicht für Fremde, hier umher zu schleichen. Deshalb sorge ich dafür, dass der Commander bei Tag und bei Nacht von vertrauenswürdigen Menschen umgeben ist. Und deshalb ist Margg die einzige Haushälterin, die meine und seine Privaträume und Arbeitszimmer putzen darf.“ Valek sprach mit mir wie mit einer Schülerin.

„Warum entlasst Ihr nicht alle Diener in der Burg und nehmt stattdessen Eure eigenen Leute?“

„Soldaten stellen den Löwenanteil unseres Heeres. Zivilisten, die sich uns vor der Machtübernahme angeschlossen haben, sind zu Beratern befördert worden oder haben andere wichtige Positionen erhalten. Einige der Diener des Königs standen bereits auf unserer Lohnliste, und den anderen gaben wir das Doppelte von dem, was sie beim König verdienten. Gut bezahlte Diener sind glückliche Diener.“

„Erhalten alle Dienstboten in der Burg einen Lohn?“

„Ja.“

„Auch der Vorkoster?“

„Nein.“

„Warum nicht?“ Ehe Valek davon sprach, hatte ich nicht einmal an Lohn gedacht.

„Der Vorkoster wird im Voraus bezahlt. Wie viel ist dir dein Leben wert?“

10. KAPITEL

Offenbar erwartete Valek keine Antwort, denn er drehte sich zu seinem Schreibtisch. Sein Argument leuchtete mir ein. Ich aß den letzten Bissen von meiner kalten Mahlzeit, schob das Tablett beiseite und wollte in mein Zimmer gehen. Doch er hielt mich zurück.

„Was würdest du dir für das Geld kaufen?“

„Eine Bürste, Nachtgewänder – und einiges würde ich auf dem Fest ausgeben“, sprudelte es aus mir heraus, selbst überrascht von meiner Redseligkeit.

Nachthemden wollte ich, weil ich es leid war, in meiner Uniform zu schlafen. In meiner Unterwäsche ins Bett zu gehen traute ich mich nicht aus Angst davor, mitten in der Nacht um mein Leben rennen zu müssen. Und dann stand das jährliche Feuerfest vor der Tür. Es war eine Art Geburtstag für mich. Beim vergangenen Feuerfest hatte ich nämlich Reyad getötet.

Obwohl der Commander alle Formen von kultischen Veranstaltungen verboten hatte, unterstützte er Feste, um die Bevölkerung bei Laune zu halten. Allerdings waren nur zwei derartige Feiern im Jahr erlaubt.

Beim vorigen Eisfest, bei dem Akrobaten und Handwerker ihre Künste vorführten, hatte ich noch im Kerker gelegen. Das Eisfest wurde in der kalten Jahreszeit veranstaltet, wenn man sowieso nichts anderes tun konnte, als am Feuer zu sitzen und Kunstobjekte herzustellen. Jede Stadt richtete ihr eigenes Eisfest aus.

Das Feuerfest dagegen war ein riesiger Karneval, der in der heißen Jahreszeit von Stadt zu Stadt zog. Es begann im hohen Norden, wo es nur während einiger weniger Wochen warm wurde, und machte sich dann auf den Weg nach Süden.

Es gehörte zur Tradition, dass für die einwöchigen Feiern in der Burg mitten in der heißen Jahreszeit zusätzliche Vorstellungen und Wettkämpfe eingeplant wurden, und ich hoffte, dass man mir erlauben würde, daran teilzunehmen. Valek hatte zwar angedeutet, meinen Unterricht auch noch auf den Nachmittag auszudehnen, aber die Zeit zwischen den Mahlzeiten hatte ich bislang zur freien Verfügung gehabt.

Schon immer war ich gern zum Feuerfest gegangen. Brazell hatte den Kindern in seinem Waisenhaus ein wenig Geld gegeben, sodass wir jedes Jahr daran teilnehmen konnten. Es war das Ereignis, auf das sich alle am meisten freuten. Wir übten das ganze Jahr, um uns für die Wettkämpfe zu qualifizieren, und sparten jeden Penny, den wir erübrigen konnten, für das Startgeld.

Valeks sachlicher Tonfall riss mich aus meinen Erinnerungen. „Du kannst dir ein paar Nachtgewänder bei Dilana, der Näherin, besorgen. Sie hätte sie eigentlich zu deinen Uniformen legen sollen. Was den Rest deiner Wünsche angeht, so wirst du dich mit dem begnügen müssen, was sich so ergibt.“

Seine Worte zogen mich in die Niederungen des Alltags zurück. Feuerfeste gehörten nicht dazu. Vielleicht konnte ich als Zaungast daran teilnehmen, aber ich würde keine Gelegenheit haben, die gut gewürzten Hühnerschenkel oder den köstlichen Wein zu probieren.

Seufzend ergriff ich mein Tagebuch und ging in mein Zimmer. Eine warme Brise umschmeichelte mein Gesicht. Ich beseitigte die restlichen Spuren von Staub, wischte Marggs Botschaft allerdings nur halb weg. In gewisser Hinsicht hatte sie Recht gehabt. Der Galgen wartete wirklich auf mich. Die Zukunft hielt kein normales Leben für mich bereit. Marggs Worte sollten mir eine ständige Warnung sein, nicht allzu sorglos zu werden.

Entweder versagte ich und wurde durch einen neuen Vorkoster ersetzt, oder ich vereitelte einen Mordanschlag um den Preis meines eigenen Lebens. Wenn ich auch nicht durch den Strick starb, so würde mir das Bild einer leeren Schlinge doch immer warnend vor Augen stehen.

Am nächsten Morgen stand ich ein wenig unschlüssig vor Dilanas Nähstube. Sie saß in einem schmalen Streifen Sonnenlicht, der durch das Fenster fiel, und summte vor sich hin. Ihre goldenen Locken glänzten. Ich beschloss, sie nicht zu stören, und wollte mich davonschleichen.

Doch sie hatte mich schon gesehen. „Yelena?“

Ich tauchte wieder im Türrahmen auf.

„Um Himmels willen, Mädchen, tritt doch ein. Du bist immer willkommen.“ Dilana legte ihre Nähsachen beiseite und klopfte mit der Handfläche auf den Stuhl, der neben ihr stand. Als ich mich zu ihr ins Sonnenlicht setzte, rief sie aus: „Du bist ja fast so dünn wie mein feinster Faden! Setz dich. Setz dich doch. Ich hole dir etwas zu essen.“

Sie achtete nicht auf meine Proteste und stellte eine große Scheibe gebutterten Brotes vor mich hin.

„Mein Rand schickt mir jeden Morgen einen warmen Laib Honigbrot.“ Der Blick ihrer hellbraunen Augen wurde zärtlich. Ich wusste, dass sie nicht locker lassen würde, bis ich einen Bissen genommen hatte. Da ich ihre Gefühle nicht verletzen wollte, unterdrückte ich mein Bedürfnis, das Brot auf Gift zu prüfen. Erst als ich mit vollem Mund kaute, war sie zufrieden.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte sie.

Zwischen zwei Bissen erkundigte ich mich nach Nachtgewändern.

„Oh je, wie konnte ich die nur vergessen? Du armes Ding.“ Geschäftig lief sie durch die Stube und kehrte mit einem Arm voller Nachthemden zurück.

„Dilana, ich brauche nur ein paar“, versuchte ich ihren Eifer zu bremsen.

„Warum bist du nicht schon früher gekommen? Margg hätte mir etwas sagen müssen.“ Dilanas Empörung war aufrichtig.

„Margg …“, begann ich, verstummte aber sofort, da ich nicht wusste, wie Dilana über sie dachte.

„Margg ist ein gemeiner Drachen, ein hinterhältiges böses Weib und eine tyrannische alter Jungfer“, verkündete Dilana.

Überrascht schaute ich sie an.

„Sie hat grundsätzlich etwas gegen jeden, der neu ist, und für uns andere ist sie genau genommen auch nur eine Plage.“ „Aber zu dir war sie doch nett.“

„Als ich die erste Zeit hier war, hatte sie andauernd etwas an mir auszusetzen. Eines Tages habe ich mich in ihren Kleiderschrank geschlichen und alle ihre Röcke enger genäht. Zwei Wochen hat es gedauert, bis sie herausfand, was geschehen war. Zwei Wochen, in denen sie sich ziemlich unwohl fühlte.“ Mit einem spitzbübischen Lächeln ließ sie sich neben mich auf den Stuhl fallen. „Margg hat kein Talent für Nadel und Faden. Deshalb musste sie wohl oder übel ihren Stolz hinunterschlucken und mich um Hilfe bitten. Seitdem behandelt sie mich mit Respekt.“

Dilana ergriff meine Hand. „Unglücklicherweise bist du ihre neue Zielscheibe. Aber lass dir bloß nichts gefallen. Zahle es ihr mit gleicher Münze heim, wenn sie garstig zu dir ist.  Wenn sie erst einmal merkt, dass du nicht leicht einzuschüchtern bist, verliert sie das Interesse an dir.“

Ich konnte mir kaum vorstellen, dass diese liebenswürdige Frau zu einer solchen Hinterlist fähig war, aber in ihrem Lächeln lag tatsächlich ein Schimmer von Boshaftigkeit.

Sie legte mir einen Stapel Nachtgewänder in den Arm und packte einige bunte Bänder dazu.

„Für das Fest, meine Liebe“, beantwortete sie meinen fragenden Blick. „Damit dein wunderschönes dunkles Haar noch besser zur Geltung kommt.“

„Hast du jemanden gefunden, der bei der Übung die Rolle des Entflohenen übernehmen kann?“, erkundigte sich der Commander bei Valek, sobald er zum Mittagessen in dessen Arbeitszimmer erschienen war.

Seit zehn Tagen arbeitete ich inzwischen als offizielle Vorkosterin des Commanders. Mein Magen verkrampfte sich nicht mehr in seiner Gegenwart; ja, manchmal verspürte ich sogar den Anflug eines leichten körperlichen Wohlbefindens. Das machte Valek mit seiner Antwort nun prompt zunichte.

„Ja. Ich kenne die perfekte Person für diese Aufgabe.“ Valek nahm auf dem Stuhl gegenüber dem Commander Platz.

„Wer ist es denn?“ „Yelena.“

„Wer?“

„Was?“ Mein Einwurf kam wie ein Echo auf die Frage des Commanders. Ich tat nicht länger so, als kümmerte ich mich ausschließlich um meine Arbeit.

„Nenn mir deine Gründe“, verlangte der Commander.

Valek lächelte, als ob er von vornherein gewusst hatte, wie der Commander reagieren würde. „Meine Leute sind dazu ausgebildet, ihren Verfolgern zu entkommen. Einen von ihnen auszuwählen wäre dem Suchtrupp gegenüber nicht fair. Deshalb brauchen wir jemanden, der die Kunst der Flucht nicht beherrscht, aber dennoch klug genug ist, die Übung zu einer Herausforderung werden zu lassen.“

Valek erhob sich, um seinen Vortrag fortzusetzen. „Der Entflohene braucht einen Ansporn, damit es eine gute Verfolgungsjagd wird, doch er muss auch freiwillig zur Burg zurückkehren. Deshalb kann ich keinen echten Gefangenen nehmen. Die Diener haben keinerlei Fantasie. Auch mit der Ärztin habe ich gesprochen, aber sie wird hier für Notfälle gebraucht. Ich wollte schon einen Eurer Soldaten verpflichten, als mir Yelena einfiel.“

Valek zeigte auf mich. An den Fingern zählte er seine Argumente auf. „Sie ist klug. Sie ist ehrgeizig genug, eine gute Leistung zu erbringen, und ihr liegt daran, hierher zurückzukommen.

„Ehrgeizig genug?“ Zweifelnd runzelte der Commander die Stirn.

„Die Vorkosterin erhält keinen Lohn. Aber für diese zusätzliche Arbeit und ähnliche Aufgaben in der Zukunft kann sie bezahlt werden. Je länger sie in Freiheit bleibt, umso höher ist die Summe. Und was den Ansporn zurückzukehren angeht, so liegt der Grund dafür doch auf der Hand.“

Für mich war er auch sonnenklar. Valek hatte Recht. Allein die tägliche Dosis Butterfly Dust sicherte mein Überleben. Wenn ich bis zum folgenden Morgen nicht in die Burg zurückgekehrt war, würden sie nur noch nach einer Leiche suchen.

„Und wenn ich mich weigere?“, fragte ich Valek.

„Werde ich einen der Soldaten auswählen. Aber das würde mich sehr enttäuschen. Ich dachte, dass du die Herausforderung zu schätzen wüsstest.“

„Vielleicht tue ich das ja doch nicht …“

„Genug.“ Die Stimme des Commanders klang schroff. „Das ist absurd, Valek.“

„Genau darum geht es doch. Ein Soldat würde sich vorhersehbar verhalten. Wie sie reagiert, weiß dagegen kein Mensch.“

„Du kannst unseren Entflohenen vielleicht überlisten, aber die Leute, die ich zu der Übung abgestellt habe, sind nicht so aufgeweckt. Ich hoffe, bald jemanden zu finden, den du als deinen Gehilfen anlernen kannst. Mir ist klar, was du damit bezweckst, aber ich glaube nicht, dass es so rasch geschehen wird. Wir brauchen jetzt jemanden.“ Der Commander seufzte. Es war die größte Gefühlsregung, die ich bisher bei ihm erlebt hatte. „Valek, warum missachtest du dauernd meine Befehle, wenn es um die Ausbildung eines Assistenten geht?“

„Weil ich mit Eurer Wahl bisher nicht einverstanden war. Sobald ein geeigneter Kandidat auftaucht, werde ich alles tun, um ihm die bestmögliche Ausbildung angedeihen zu lassen.“

Der Commander betrachtete das Tablett in meiner Hand. Er nahm das Essen entgegen und befahl mir, heißen Tee zu holen. Es war ein leicht durchschaubarer Versuch, mich loszuwerden, damit sie ungestört weiterdiskutieren konnten. Nur zu gern befolgte ich den Befehl.

Auf dem Weg zur Küche dachte ich über Valeks Vorschlag nach, die Rolle der Entflohenen zu spielen. Mein erster Impuls war gewesen, abzulehnen, denn ich hatte wirklich keine Lust, mir noch mehr Probleme aufzuhalsen. Doch als ich über die Herausforderung nachdachte, die darin bestand, dem Suchtrupp zu entkommen, verbunden mit der Möglichkeit, ein wenig Geld zu verdienen, erschien mir die Übung mehr und mehr als willkommene Gelegenheit. Und noch bevor ich die Küche erreichte, hoffte ich bereits, dass Valek die Diskussion für sich entscheiden würde. Immerhin konnte ich mich dann einen Tag lang außerhalb der Burg bewegen und mir als Flüchtling ein paar Tricks aneignen, die mir irgendwann einmal vielleicht nützlich sein würden.

„Stimmt etwas mit dem Mittagessen nicht?“, fragte Rand nervös, als er mich sah.

„Nein. Ich brauche nur etwas heißen Tee.“

Seine Gesichtszüge entspannten sich. Ich fragte mich, warum er sich solche Sorgen machte, dass mit den Speisen etwas nicht in Ordnung sein könnte. Das Bild des jungen Rand kam mir in den Sinn, der gegen den Commander rebellierte, indem er sein Essen verdarb und damit sozusagen Sabotage aus der Küche betrieb. Doch sofort verwarf ich den Gedanken. Rand würde niemals minderwertige Mahlzeiten servieren; dazu lag ihm viel zu sehr daran, köstliche Speisen zu erfinden. Zwischen ihm und dem Commander musste etwas anderes vorgefallen sein. Da ich mir jedoch nicht sicher war, ob unsere noch sehr junge Bekanntschaft persönliche, vielleicht sogar heikle Fragen überstehen würde, hielt ich lieber den Mund.

Jetzt kannte ich Rand schon fast zwei Wochen, aber noch immer wusste ich nicht, woran ich mit ihm war. Ohne ersichtlichen Grund wechselten seine Stimmungen von einem Moment auf den anderen. Rand redete gern. Meistens bestritt er die Unterhaltung allein, wobei er nur wenige persönliche Fragen stellte. Ich bezweifelte, dass er meine Antworten überhaupt zur Kenntnis nahm, ehe er weiterschwatzte.

„Da du schon mal hier bist …“ Er holte eine weiße Torte von einem der Auskühlbretter, die wie Regale an der Wand hingen. „Probier doch mal diese hier und sage mir, wie sie dir schmeckt.“

Er schnitt ein Stück ab. Die Torte war mit Sahne überzogen und mit einer Himbeercreme gefüllt.

Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass mein erster Bissen die Giftprobe war. „Geschmacklich passt alles gut zusammen“, meinte ich.

„Ist noch nicht perfekt, aber ich weiß nicht, woran es liegt.“

„Die Creme ist ein bisschen zu süß“, sagte ich und nahm einen zweiten Bissen. „Und der Teig ein wenig trocken.“

„Also auf ein Neues! Kommst du heute Abend noch mal vorbei?“

„Warum?“

„Ich brauche die Meinung einer Expertin. Mit dem Kuchen will ich nämlich am Backwettbewerb des Feuerfests teilnehmen. Gehst du auch hin?“

„Ich weiß noch nicht.“ Valek hatte nicht gesagt, dass ich zum Fest gehen könnte, als ich am Abend zuvor davon gesprochen hatte.

„Ein paar von uns Küchenschaben gehen auf jeden Fall. Wenn du willst, kannst du mit uns kommen.“

„Danke. Ich sag dir Bescheid.“

Auf dem Weg zurück zum Arbeitszimmer des Commanders kam mir ein beunruhigender Gedanke in den Sinn. Da Brazell sich noch in der Burg aufhielt und erst nach dem Fest abreisen wollte, hatte ich mich immer in Valeks Nähe aufgehalten. Was würde geschehen, wenn Brazell herausfand, dass ich für die Rolle der Entflohenen im Gespräch war? Wie würde er reagieren, wenn wir uns beim Fest zufällig über den Weg liefen?

Überzeugt davon, dass ich bis zu seiner Abreise innerhalb der Burgmauern sicherer war, beschloss ich, sowohl Valeks als auch Rands Angebot auszuschlagen. Doch als ich mit dem Tee in der Hand das Arbeitszimmer des Commanders betrat, hatte Valek ihn mit seinen Argumenten bereits überzeugt. Noch ehe ich etwas sagen konnte, erwähnte er das Geld, mit dem ich gelockt werden sollte.

Die Summe, die ich für einen Tag in „Freiheit“ erhalten würde, war enorm.

„Die Übung findet genau während des Feuerfests statt. Da haben die Soldaten ohnehin viel zu tun. Sollten wir sie nicht auf einen späteren Zeitpunkt verlegen?“, fragte Valek den Commander.

„Nein. Das bunte Treiben ist eine zusätzliche Herausforderung für unsere Verfolger.“

„Nun, Yelena, dann bleiben dir nur noch wenige Tage, um dich vorzubereiten. Aber das macht ja nichts. Einige Gefangene planen ihre Flucht sehr lange im Voraus; andere dagegen entscheiden sich spontan, wenn sich ihnen eine Gelegenheit bietet. Nimmst du die Herausforderung an?“, fragte Valek.

„Ja“, erwiderte ich ohne nachzudenken. Mein Verstand hätte gewiss mit „Nein“ geantwortet. „Unter der Bedingung, dass Brazell nichts von meiner Mitwirkung erfährt.“

„Ist der Umstand, dass du ein Zimmer in meiner Privatwohnung bekommen hast, nicht ein deutlicher Hinweis darauf, dass ich um dein Wohlergehen besorgt bin?“ Valek klang beleidigt, und mir wurde bewusst, dass ich ihn gekränkt hatte.

Als ich Rand vor den Kopf stieß, hatte ich versucht, meinen Fehler so rasch wie möglich wieder gutzumachen. Valek dagegen hätte ich gern noch mehr provoziert, aber auf die Schnelle fiel mir leider nichts ein.

„Da wir gerade von Brazell sprechen“, schaltete sich der Commander ein. „Er hat mir ein Geschenk gemacht. Ein neues Dessert, das sein Küchenchef erfunden hat. Brazell war der Meinung, dass es mir schmecken würde.“

Commander Ambrose zeigte uns ein Holzkistchen, gefüllt mit dicken braunen Quadraten, die wie Ziegelsteine aufeinander gestapelt waren. Glatt und glänzend war die Oberfläche; nur die Ecken sahen aus, als seien sie mit einem stumpfen Messer abgeschnitten worden. An den rauen Stellen bröckelten braune Krümel ab.

Valek nahm ein Stück und roch daran. „Ich hoffe, Ihr habt nichts davon gegessen.“

„Nein. Aber selbst Brazell wäre nicht so dumm, mich damit vergiften zu wollen. Es wäre viel zu offensichtlich.“

Valek reichte mir das Kistchen. „Yelena, nimm ein paar Stücke und koste sie.“

Ich betrachtete die Quadrate und fischte vier heraus. Sie waren etwa so groß wie mein Daumennagel, und alle vier passten auf meine Handfläche. Hätte man mir nicht gesagt, dass es sich um eine Süßigkeit handelte, hätte ich sie wohl für braunen Kerzenwachs gehalten. Mit meinem Fingernagel ritzte ich eine Kerbe in die Oberfläche, und meine Finger fühlten sich ein wenig klebrig an, nachdem ich die Stücke betastet hatte.

Ich zögerte. Diese Dinger stammten von Brazell, und ich erinnerte mich nicht, dass sein Koch besonders erfindungsreich gewesen wäre. Doch mir blieb keine andere Wahl, und ich verdrängte meine Beklommenheit.

Da ich an Wachs dachte, erwartete ich auch, Wachs zu schmecken. Ich biss in den harten Würfel und rechnete damit, dass er zwischen meinen Zähnen zerkrümeln würde. Es musste mein Gesichtsausdruck gewesen sein, der den Commander veranlasste, sich zu erheben, denn hingerissen von den Empfindungen in meinem Mund, sagte ich kein Wort.

Statt zu zerkrümeln, schmolz das Dessert und entwickelte eine Vielzahl von Aromen auf meiner Zunge. Süße, bittere, nussige und fruchtige Geschmacksrichtungen lösten einander ab. Gerade, wenn ich glaubte, ein Aroma benennen zu können, schmeckte ich ein anderes, und dann wieder alle zusammen. Es war anders als alles, was ich jemals kennen gelernt hatte. Ehe ich mich versah, waren die vier Würfel verschwunden. Ich hätte gerne noch mehr davon gegessen.

„Unglaublich. Was ist das?“

Valek und der Commander tauschten verblüffte Blicke.

Der Commander sagte: „Brazell nannte es Criollo. Warum? Ist es vergiftet?“

„Nein. Kein Gift. Es ist nur …“ Mir fehlten die richtigen Worte, um meine Eindrücke zu schildern. „Kostet selbst“, war alles, was ich sagen konnte.

Ich ließ den Commander nicht aus den Augen, als er in einen Würfel biss. Er riss die Augen auf und zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Mit der Zunge fuhr er sich über Lippen und Zähne und versuchte, die letzten Reste dieser Köstlichkeit zu genießen. Dann griff er nach einem weiteren Stück.

„Es ist süß. Ganz anders. Aber ich schmecke nichts Ungewöhnliches heraus“, sagte Valek und wischte sich die Krümel von der Hand.

Ich wechselte einen Blick mit dem Commander. Im Gegensatz zu Valek war er nämlich ein Feinschmecker, der etwas Außergewöhnliches erkannte, wenn er es probierte.

„Ich glaube nicht, dass die kleine Ratte auch nur eine Stunde lang überlebt“, klang Marggs gedämpfte Stimme durch die geschlossene Tür, als ich gerade die Küche betreten wollte.

„Ich setze fünfzig zu eins dagegen, dass jemand dumm genug ist zu glauben, die Ratte würde das Ende des Tages erleben. Und hundert zu eins gegen den Narren, der davon überzeugt ist, dass sie nicht gefangen wird.“ Nachdem Margg die Vorgaben genannt hatte, redeten alle durcheinander, um ihre Einsätze zu machen.

Ich lauschte mit wachsendem Entsetzen. Margg konnte unmöglich von mir reden. Warum hätte Valek ihr etwas von der Übung erzählen sollen? Unter diesen Umständen würde es sich bis zum nächsten Tag in der ganzen Burg herumgesprochen haben, und Brazell würde es ebenfalls erfahren.

„Ich wette einen Monatslohn, dass Yelena den ganzen Tag in Freiheit bleibt“, übertönte Rand die anderen. Sofort verstummte das erregte Stimmengewirr.

Meine Gefühle schwankten zwischen Enttäuschung und Stolz. Sie wetteten auf mich, und ich konnte kaum glauben, dass Rand einen ganzen Monatslohn aufs Spiel setzte. Er hatte mehr Vertrauen in mich als ich selbst. Wenigstens in dieser Hinsicht schien ich mit Margg einer Meinung zu sein.

Marggs Lachen hallte von den gefliesten Wänden wider. „Du hast wohl zu lange in der Küche gestanden, Rand. Die Hitze hat dein Gehirn zu Brei zerkocht. Ich glaube, du fängst an, Gefallen an der kleinen Ratte zu finden. Schließ besser deine Messer weg, wenn sie hier ist, sonst …“

„Also bitte, das reicht jetzt“, sagte Rand. „Das Abendessen ist beendet. Verschwindet aus meiner Küche. Alle!“

Ich trat in den Gang zurück, damit mich niemand entdeckte. Doch weil ich Rand versprochen hatte, seinen Kuchen zu probieren, schlich ich mich zur Küche zurück, sobald die anderen verschwunden waren. Rand saß an einem der Tische und hackte Nüsse. Ein Stück von seiner Himbeertorte stand neben ihm.

Er schob mir den Teller hin, und ich kostete.

„Viel besser. Der Kuchen ist unglaublich saftig. Was hast du damit gemacht?“, erkundigte ich mich.

„Ich habe Pudding unter den Teig gemischt.“

Rand war ungewöhnlich schweigsam. Mit keinem Wort erwähnte er die Wetten. Ich würde ihn auch nicht darauf ansprechen. Nachdem er alle Nüsse gehackt und sein Küchengerät gereinigt hatte, sagte er: „Ich lege mich jetzt besser hin. Morgen Abend gehen wir zum Fest. Kommst du nun mit?“

Ich spielte auf Zeit. „Wer ist denn alles dabei?“ Den ersten Abend des Fests würde ich nur ungern verpassen, und allein der Gedanke, dass Brazell mir meinen einzigen Spaß verderben könnte, machte mich wütend. Sollte Margg allerdings auch gehen, würde ich bei meiner ursprünglichen Entscheidung bleiben.

„Porter, Sammy, Liza und vielleicht Dilana.“ Als er ihren Namen erwähnte, leuchteten Rands müde Augen kurz auf. „Warum?“

„Wann geht ihr denn?“ Wieder war ich drauf und dran, auf mein Herz zu hören, anstatt mich auf meinen gesunden Menschenverstand zu verlassen.

„Nach dem Abendessen. Es ist die einzige Zeit, in der wir alle frei haben. Am ersten Abend des Fests bestellt der Commander immer eine leichte Mahlzeit, sodass das Küchenpersonal früh Feierabend machen kann. Wenn du also mitkommen willst, treffen wir uns morgen Abend hier.“

Mit diesen Worten verschwand Rand in seiner Wohnung, die direkt neben der Küche lag, und ich ging zurück in Valeks Privaträume.

Die dunkle Wohnung war leer. Ich verschloss die Tür und tastete nach einem Feuerstein. Beim Anzünden der Lampen bemerkte ich auf dem Schreibtisch ein Blatt Papier. Ich schaute mich um, um mich zu vergewissern, dass Valek sich nicht in einer dunklen Ecke verborgen hielt, und nahm das Papier genauer in Augenschein. Namen waren darauf notiert und wieder durchgestrichen worden. Mein Name war eingekreist. Darunter stand geschrieben, dass ich bei der Übung die perfekte Besetzung für die Rolle der Entflohenen sei.

Auf diese Weise konnte Margg es also erfahren haben. Jetzt erinnerte ich mich auch wieder daran, wie ich sie beim Lesen der Unterlagen auf Valeks Schreibtisch beobachtet hatte. Je nachdem, wie lange die Papiere dort schon gelegen hatten, wusste sie es möglicherweise schon seit einiger Zeit. Diese Frau würde für meinen Tod sorgen. Wenn ich lange genug überlebte, würde ich ein ernstes Wort mit ihr reden müssen. Aber dazu hatte ich erst Zeit, wenn die Übung überstanden war.

Um meine Flucht sorgfältig zu planen, durchsuchte ich Valeks Bücherstapel. Irgendwo hatte ich bereits einige Titel zu diesem Thema gesehen und wurde prompt belohnt, als ich zwei Bände über die Methoden der Verfolgung entdeckte und einen über den besten Weg, der Gefangennahme zu entgehen. Niemand hatte mir verboten, mich ein wenig zu informieren. Deshalb lieh ich mir Valeks Bücher aus, nahm eine Lampe und ging in mein Zimmer.

Aufmerksam studierte ich die Texte, bis mir vor Müdigkeit die Buchstaben vor den Augen verschwammen. Erschöpft schlüpfte ich in mein Nachtgewand, löschte die Lampe und fiel ins Bett.

Als ich aus dem Schlaf auf schreckte, beschlich mich das beklemmende Gefühl, dass jemand in meinem Zimmer war. Vor Angst war ich sofort schweißgebadet. Ein schwarzer Schatten beugte sich über mich. Unvermittelt wurde ich aus dem Bett gerissen und gegen die Wand geschleudert. Ein paar Atemzüge lang passierte gar nichts. Der Angriff war vorüber, aber noch immer hielt mich jemand fest.

Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, und ich erkannte das Gesicht meines Angreifers. „Valek?“

11. KAPITEL

Valeks Gesicht, nur eine Handbreit von meinem entfernt, glich einer Totenmaske – stumm, kalt und ohne jede Gefühlsregung. Meine Tür war nur angelehnt, aber nicht einmal das schwache Licht der Lampe, das durch den Spalt fiel, verlieh seinen blauen Augen auch nur eine Spur von Wärme.

„Valek, was ist passiert?“

Unvermittelt ließ er mich los, und ich landete auf dem Boden. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass er mich hochgehoben und gegen die Wand gedrückt hatte. Wortlos verließ er mein Zimmer. Unbeholfen rappelte ich mich auf und stolperte hinter ihm her. Er stand vor dem Schreibtisch in seinem Wohnzimmer.

„Wenn es wegen der Bücher ist …“, begann ich. Er wandte mir den Rücken zu. Vermutlich war er wütend, weil ich sie mir einfach ausgeliehen hatte.

Jetzt drehte er sich zu mir um. „Bücher? Du glaubst, es geht um die Bücher?“ Er klang verblüfft, riss sich aber sofort zusammen und fuhr mit barscher Stimme fort: „Ich war ein Narr. Die ganze Zeit habe ich deine Überlebensinstinkte und deine Klugheit bewundert. Aber jetzt …“ Er verstummte und schaute sich im Zimmer um, als suchte er nach den richtigen Worten.

„Ich habe am Abend einige Dienstboten über dich reden hören. Dass du bei der Übung mitmachst. Sie haben sogar Geld auf dich gesetzt. Wie konntest du nur so dumm und unbesonnen sein? Eigentlich wäre es besser, dich auf der Stelle umzubringen, um mir den Ärger zu ersparen, später nach deiner Leiche suchen zu müssen.“

„Keiner Menschenseele habe ich etwas davon erzählt.“ Ich ließ meinem Ärger freien Lauf. „Wie kommt Ihr darauf, dass ich mich selbst in Gefahr bringe?“

„Warum sollte ich dir glauben? Der Einzige, der etwas davon wusste, war der Commander.“

„Aber Valek, Ihr seid der Herr der heimlichen Nachrichtenzuträger. Wäre es nicht möglich, dass jemand die Unterhaltung belauscht hat? Wer hat sonst noch Zugang zu diesem Zimmer? Ihr habt Eure Unterlagen auf dem Schreibtisch liegen lassen, sodass jeder sie sehen konnte.“ Ehe er weitere falsche Rückschlüsse zog, fuhr ich hastig fort: „Sie springen einem doch geradezu ins Auge. Wenn ich sie schon mit einem flüchtigen Blick bemerkt habe, dann mussten sie doch für denjenigen, der mehr wissen wollte, geradezu eine Aufforderung zum Lesen gewesen sein.“

„Was soll das heißen? Wen beschuldigst du?“

Eine steile Falte bildete sich über seiner Nasenwurzel, als seine Augenbrauen sich zusammenzogen. Für einen kurzen Moment wirkte er besorgt, ehe seine Miene wieder den üblichen undurchdringlichen Ausdruck annahm. Seine Reaktion war sehr verräterisch. Entweder war er davon überzeugt, dass ich den Dienstboten gegenüber alles ausgeplaudert hatte, sodass er gar keine andere Möglichkeit in Betracht zog, oder er konnte den Gedanken nicht akzeptieren, dass es eine Schwachstelle in seinem Sicherheitssystem gab. Wenigstens einmal hatte ich ihn verunsichert – wenn auch nur für eine Sekunde. Wie gerne hätte ich ihn einmal vollkommen fassungslos und kleinlaut erlebt. Eines Tages vielleicht.

„Ich habe einen Verdacht“, sagte ich. „Aber ohne einen Beweis klage ich niemanden an. Das wäre nicht fair. Und außerdem – wer würde mir schon Glauben schenken?“

„Niemand.“ Valek nahm einen der grauen Steine von seinem Tisch und warf ihn nach mir.

Wie versteinert blieb ich stehen, als der Stein an mir vorbei sauste und hinter mir gegen die Wand krachte. Graue Krümel rieselten auf meine Schultern und regneten zu Boden.

„Außer mir.“ Er sank auf einen Stuhl. „Entweder bin ich süchtig nach Gefahr, oder das, was du sagst, ergibt einen Sinn, und wir haben tatsächlich eine undichte Stelle. Einen Informanten, eine Klatschtante, einen Verräter. Wer immer es ist, wir müssen ihn finden.“

„Oder sie.“

Valek runzelte die Stirn. „Sollen wir lieber auf Nummer sicher gehen und jemand anderen für die Rolle des Flüchtlings suchen? Oder die Übung ganz absagen? Oder sollen wir weitermachen wie geplant und dich gleichzeitig zum Flüchtling und zum Köder machen? Und unseren Spion auf diese Weise dazu bringen, sich selbst zu entlarven?“ Er schnitt eine Grimasse. „Oder unsere Spionin.“

„Glaubt Ihr nicht, dass Brazell mich gefangen nehmen will?“

„Nein. Es ist noch zu früh. Ich glaube nicht, dass er versuchen wird, dich zu töten, ehe nicht seine Fabrik fertig gestellt ist. Erst wenn er hat, was er will, dürfte es hier interessant werden.“

„Gott sei Dank. Ich kann die Langeweile nämlich kaum noch ertragen.“ Meine Stimme troff vor Sarkasmus. Nur Valek konnte auf die Idee kommen, dass ein Anschlag auf mein Leben eine spannende Abwechslung sein könnte.

Er ging nicht auf meine Bemerkung ein. „Es ist deine Entscheidung, Yelena.“

Meine Entscheidung war in Valeks Plänen nicht enthalten. Ich hätte mich dafür entschieden, an einem Ort zu sein, wo mein Leben nicht in Gefahr war. Wo ich keinen Mörder zum Vorgesetzten hatte und wo es keine unbekannte Person gab, die mein ohnehin schon schwieriges Leben noch komplizierter machte. Ich hätte mich für die Freiheit entschieden.

Ich seufzte. Der sicherere Weg war der verlockendere, aber er würde zu nichts führen. Hatte ich nicht auf grausamste Art am eigenen Leib erfahren, dass es nichts brachte, Problemen aus dem Weg zu gehen? Fliehen und Verstecken waren meine typischen Verhaltensweisen, doch die sorgten nur dafür, dass ich früher oder später in die Falle tappte und nur noch blindlings um mich schlagen konnte.

Das war alles andere als befriedigend. Ich war je des Mal entmutigt, wenn ich die Beherrschung verlor. Doch mein Überlebensinstinkt schien eine eigene Existenz zu führen. Zauberei. Unwillkürlich kam mir das Wort in den Sinn. Nein. Jemand hätte es schon längst bemerkt, wenn ich über magische Fähigkeiten verfügte. Jemand hätte mich gemeldet. Auch, wenn dieser Jemand Brazell war? Oder Reyad?

Entschlossen vertrieb ich den Gedanken. Das war Schnee von gestern. Im Moment plagten mich größere Sorgen. „Gut. Ich werde am Haken baumeln und sehen, welcher Fisch angeschwommen kommt. Aber wer steht mit dem Netz bereit?“

„Ich.“

Langsam ließ ich die Luft aus meinen Lungen entweichen. Der Kloß in meinem Magen wurde kleiner.

„Bleib bei deiner Entscheidung. Ich kümmere mich um alles.“ Valek nahm das Blatt, auf dem mein Name stand, hielt eine Ecke in die Flamme und setzte es in Brand. „Vielleicht sollte ich dich morgen Abend beschatten, wenn du zum Feuerfest gehst. Es sei denn, du hast dich entschieden, Rands Einladung auszuschlagen und in der Burg zu bleiben.“ Er ließ das brennende Blatt zu Boden schweben.

„Woher wisst Ihr …?“ Ich unterbrach mich. Ich würde ihn nicht fragen. Es war allgemein bekannt, dass er Rand nicht traute. Vermutlich hatte er einen anderen Informanten in der Küche. Es sollte mich nicht überraschen.

Da Valek nicht gesagt hatte, dass ich nicht gehen dürfte, traf ich eine spontane Entscheidung. „Ich gehe. Es ist ein Risiko. Aber was soll’s? Schließlich riskiere ich jedes Mal mein Leben, wenn ich den Tee des Commanders probiere. Dieses Mal besteht wenigstens die Aussicht, ein wenig Spaß dabei zu haben.“

„Es ist nicht leicht, ohne einen einzigen Penny Spaß beim Fest zu haben.“ Valek zertrat die glimmenden Funken mit dem Stiefel.

„Das schaffe ich schon.“

„Möchtest du einen Vorschuss auf deinen Lohn als Flüchtling haben?“

„Nein. Ich werde mir das Geld erst verdienen.“ Ich wollte keine Gefälligkeiten von Valek. Auf derlei Aufmerksamkeiten von seiner Seite war ich nicht vorbereitet. Ich wollte nicht, dass er umgänglicher wurde und vielleicht unser seltsames Katz-und-Maus-Verhältnis zerstörte. Ich wollte, dass unsere Beziehung so blieb, wie sie war. Abgesehen davon konnte es ausgesprochen gefährlich werden, wenn man zu freundliche Gedanken über Valek hegte. Ich bewunderte seine Fähigkeiten und war froh, wenn er bei einem Streit auf meiner Seite war. Aber eine Ratte, die eine Katze mochte? So etwas konnte nur damit enden, dass die Ratte am Ende tot war.

„Wie du willst“, sagte Valek. „Aber lass es mich wissen, wenn du deine Meinung änderst. Und mach dir keine Gedanken wegen der Bücher. Nimm nur alles mit, was du lesen möchtest.“

Ehe ich in mein Zimmer ging, blieb ich mit der Hand auf dem Türknauf stehen. „Danke“, sagte ich zur Tür, da ich Valek nicht in die Augen sehen wollte.

„Für die Bücher?“

„Nein. Für das Angebot.“ Mein Blick wanderte an der Holzmaserung entlang.

„Keine Ursache.“

In der Burg herrschte reges Treiben. Gut gelaunte Diener eilten durch die Korridore und Gelächter hallte von den Steinwänden wider. Am ersten Tag des Feuerfests wollten alle Dienstboten so schnell wie möglich ihre Arbeit erledigen, um die Eröffnungsfeier nicht zu verpassen. Ihre Aufregung war ansteckend, und selbst nach einer schlaflos verbrachten Nacht fühlte ich mich allmählich wieder freudig erregt wie ein Kind. Entschlossen verdrängte ich die beunruhigende Vorstellung, dass mich jemand auf dem Fest verfolgte, in die hinterste Ecke meiner Gedanken, und gab mich ganz der Vorfreude auf die abendlichen Ereignisse hin.

Am Nachmittag ließ ich ungeduldig eine von Valeks Unterrichtsstunden über mich ergehen. Er versuchte mir beizubringen, wie man einen Verfolger entdeckt. Die meisten seiner Ratschläge waren ziemlich banal. Einige Methoden kannte ich bereits aus einem seiner Bücher, und meine Gedanken begannen zu wandern. Ich nahm mir vor, am Abend so wenig wie möglich hinter mich zu blicken – am besten überhaupt nicht. Valek spürte, wie mir zumute war, und beendete die Lektion vorzeitig.

Kurz darauf nahm ich eine neue Uniform und die bunten Bänder, die Dilana mir gegeben hatte, aus dem Schrank und eilte zu den Baderäumen. Um diese Zeit war niemand hier. Schnell wusch ich mich, um anschließend in einen der dampfenden Bottiche zu sinken. Langsam tauchte ich in das heiße Nass ein und entspannte jeden Muskel. Genießerische Wohllaute von mir gebend, rutschte ich tiefer, bis ich bis zum Kinn im Wasser saß.

Erst als die Haut auf meinen Fingern schrumpelig wurde, stieg ich aus der Wanne. Seit einem Monat hatte ich nicht in den Spiegel geschaut. Jetzt war ich neugierig geworden und betrachtete mich ausgiebig. Zwar war ich nicht mehr erschreckend dürr, aber ich musste trotzdem noch einiges an Gewicht zulegen. Meine Wangen waren eingefallen, und meine Hüftknochen und Rippen stachen durch das Fleisch. Mein schwarzes Haar, vor kurzem noch stumpf und verfilzt, war wieder glänzend geworden. Die Wunde auf meinem rechten Ellbogen hatte sich von einem leuchtend hellen in ein tief dunkles Rot verwandelt.

Ich musste schlucken, während ich mich wie aus weiter Ferne betrachtete. War meine Seele schon in meinen Körper zurückgekehrt? Nein. Stattdessen sah ich Reyads Geist, der grinsend hinter mir schwebte. Als ich mich umdrehte, war er verschwunden. Ich fragte mich, was er von mir gewollt hatte. Höchstwahrscheinlich Rache, aber wie kann man einen Geist in die Schranken weisen? Ich beschloss, mir an diesem Abend keine Sorgen darüber zu machen.

Ich schlüpfte in die saubere Uniform, flocht die leuchtend bunten Bänder in mein Haar und ließ sie über meine Schultern und meinen Rücken fließen. Als ich mich beim Commander zum Abendessen meldete, machte ich mich auf eine spöttische Bemerkung wegen meines unmilitärischen Haarschmucks gefasst. Doch eine hochgezogene Augenbraue war seine einzige Reaktion.

Nach dem Abendessen eilte ich in die Küche, wo Rand mich mit einem breiten Lächeln empfing. Das Küchenpersonal war noch mit Auf räumen beschäftigt. Um nicht nutzlos herumzustehen, half ich ihnen beim Scheuern der Tischplatten und des Fußbodens. Rand legte Wert auf eine makellose Küche, und erst als sie vor Sauberkeit glänzte, waren die Dienstboten entlassen.

Rand tauschte seine schmutzige Uniform gegen eine frische. Unterdessen beobachtete ich aus den Augenwinkeln eine Gruppe von Leuten, die sich unterhielten, während sie auf ihn warteten. Ich kannte sie alle vom Hörensagen, hatte allerdings noch mit keinem von ihnen ein Wort gewechselt. Hin und wieder schaute einer von ihnen misstrauisch in meine Richtung. Ich unterdrückte einen Seufzer und versuchte, mich nicht davon beeinflussen zu lassen. Im Grunde genommen konnte ich ihnen keinen Vorwurf machen, denn es war schließlich kein Geheimnis, dass ich Reyad getötet hatte.

Porter war der Älteste aus der Gruppe. Er kümmerte sich um die Hundezwinger des Commanders und war ebenfalls ein Überlebender aus der Regierungszeit des Königs. Seine Dienste waren für zu wichtig erachtet worden, um ihn ersetzen zu können. Meistens blickte er finster drein. Lächeln sah man ihn nur selten. Rand war sein einziger Freund. Mit einem Unterton in der Stimme, der soviel sagen wollte wie „Ich kann nicht glauben, dass jemand einen solchen Unsinn für bare Münze nimmt“, hatte Rand mir einige Geschichten über ihn erzählt. Wilde Gerüchte, denen zufolge Porter eine geistigseelische Verbindung zu seinen Hunden pflegte, machten ihn zu einem Außenseiter.

Die unheimliche Art und Weise, in der die Hunde Porter verstanden und auf ihn reagierten, erschien in höchstem Maße unnormal. Geradezu magisch. Allein der Verdacht der Zauberei reichte den anderen aus, Porter zu behandeln, als habe er eine ansteckende Krankheit. Aber es gab nicht den geringsten Beweis, und immerhin war seine Beziehung zu den Hunden manchem von Nutzen. Der Commander etwa wusste dies sehr zu schätzen.

Sammy war Rands Laufbursche. Die einzige Aufgabe des schmalen Zwölfjährigen bestand darin, alles zu besorgen, was Rand benötigte. Ich hatte schon erlebt, dass Rand Sammy in der einen Sekunde anbrüllte und in der nächsten fest an seine Brust drückte.

Liza war eine stille Frau, nur ein paar Jahre älter als ich, und als Hauswirtschafterin der Burg verantwortlich für die Speise- und Vorratskammern. Jetzt zupfte sie nervös an den Ärmeln ihrer Uniform. Vermutlich dachte sie, dass es sogar besser sei, sich mit Porter zu unterhalten, als in meiner Nähe zu sein.

Sobald Rand fertig angezogen aus seinem Zimmer kam, verließen wir die Burg. Sammy lief vor uns her. Er war viel zu aufgeregt, als dass es ihn lange bei uns gehalten hätte. Porter und Liza setzten ihre Unterhaltung fort, während Rand und ich ihnen folgten.

Die Nachtluft war erfrischend. Ich sog den Geruch von feuchter Erde, vermischt mit dem schwachen Aroma von rauchendem Holz, ein. Seit fast einem Jahr war dies mein erster Ausflug ins Freie, und ehe wir das Burgtor passierten, das zwischen hohen Pfeilern in die wuchtige Steinmauer eingelassen war, die die gesamte Anlage einfasste, warf ich einen Blick zurück. Ohne Mondlicht war es zu dunkel, um Einzelheiten erkennen zu können. Ich sah nur einige erleuchtete Fenster und die hoch aufragenden Wände. Das gesamte Gebäude schien verlassen zu sein. Falls Valek mir folgte, konnte ich ihn nirgendwo entdecken.

Kaum hatten wir das Tor hinter uns gelassen, wehte uns eine frische Brise ins Gesicht, die die stickige Luft des Tages wegblies. Mit leicht vom Körper abgewinkelten Armen ließ ich den Wind an mir vorbeiziehen. Meine Uniform flatterte und mein Haar tanzte mir ums Gesicht. Tief atmete ich ein und genoss die kühle Abendluft. Wir liefen durch die Wiesen, die sich jenseits der Burgmauern erstreckten. Im Umkreis von einer Viertelmeile durften rund um die Anlage keine anderen Gebäude errichtet werden. Die Stadt, die einst nach Queen Jewel benannt worden war, hieß nach dem Regierungswechsel Castletown. Jewelstown war vom König als Geschenk an seine Frau im Tal südlich der Burg erbaut worden.

Die Zelte für das Feuerfest standen auf den Feldern westlich von Castletown.

„Kommt Dilana nicht mit?“, fragte ich Rand.

„Sie ist schon vorausgegangen. Heute Nachmittag gab es einen unvorhergesehenen Zwischenfall. Als die Tänzer die Kisten mit ihren Kostümen öffneten, stellten sie fest, dass irgendein Tier Löcher in die Kleider gefressen hatte. Deshalb haben sie Dilana um Hilfe gebeten, um rechtzeitig vor der Eröffnungsfeier fertig zu sein.“ Rand lachte. „Ihre entgeisterten Gesichter hätte ich sehen mögen, als sie die Kisten öffneten. Das war bestimmt lustig.“

„Für dich vielleicht, aber sicher nicht für die Frau, die für die Kostüme verantwortlich ist.“

„Stimmt.“ Schweigend humpelte er neben mir her. Weil wir langsamer gingen, blieben wir weit hinter den anderen zurück.

„Wo ist denn dein Kuchen?“, fragte ich. Hoffentlich hatte ich ihm seine gute Laune nicht verdorben.

„Sammy hat ihn schon heute Morgen abgeliefert. Der Backwettbewerb findet am ersten Tag statt, damit die eingereichten Kuchen verkauft werden können, so lange sie frisch sind. Ich würde nur gern das Ergebnis erfahren. Wieso nimmst du eigentlich an keinem Wettbewerb teil?“

Eine einfache Frage. Eine von vielen, die das Fest betrafen und die ich mit einigem Erfolg vermieden hatte, seit Rand und ich Freunde geworden waren. Zunächst vermutete ich hinter seinem Interesse nur den Versuch, an vertrauliche Informationen zu gelangen, um seine Chancen für die nächste Wettrunde zu erhöhen. Doch da das Glücksspiel nun beendet war, erkannte ich, dass sein Interesse echt war.

„Ich habe kein Geld für die Teilnahmegebühr“, antwortete ich. Es war die Wahrheit, wenn auch nicht die ganze Geschichte. Zunächst aber musste ich Rand vollkommen vertrauen können, ehe ich ihm er zählen würde, welche Bedeutung das Feuerfest für mich hatte.

Missbilligend schnalzte er mit der Zunge. „Was bringt es denn, die Vorkosterin nicht zu bezahlen? Dadurch wird sie doch nur bestechlich. Wie schnell könnte einer auf die Idee kommen, ihr Geld anzubieten, um etwas über den Commander in Erfahrung zu bringen.“ Er blieb stehen und sah mich mit ernstem Gesicht an. „Würdest du Informationen für Geld verkaufen?“

12. KAPITEL

Bei Rands Worten lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. War es nur eine harmlose Frage, auf die er nicht wirklich eine Antwort erwartete, oder bot er mir tatsächlich an, mich für Auskünfte zu bezahlen? Ich malte mir Valeks Reaktion aus, wenn er erführe, dass ich bestechlich wäre. Kein Geld zu haben war besser, als seinen Zorn auf sich zu ziehen.

„Nein, das würde ich nicht“, antwortete ich.

Rand grummelte etwas Unverständliches vor sich hin. Ein ungemütliches Schweigen entstand, während wir weitergingen. Ob Oscove, der ehemalige Vorkoster, wohl Geld für Informationen genommen hatte? Das würde erklären, warum Valek ihn nicht mochte und von Rand verdächtigt wurde, Oscove umgebracht zu haben.

„Wenn du willst, zahle ich das Startgeld für dich. Du hast mir sehr geholfen, und außerdem habe ich beim Wetten auf dich eine Menge gewonnen.“

„Vielen Dank, aber ich bin doch überhaupt nicht vorbereitet. Es wäre reine Geldverschwendung.“ Außerdem war ich fest entschlossen, mich auch ohne Geld auf dem Fest zu amüsieren – und sei es nur, um Valek zu beweisen, dass es möglich war.

Ob wohl ich mir vorgenommen hatte, mich nicht mehr umzuschauen, warf ich einen Blick über meine Schulter. Nichts. Ich versuchte mir einzureden, dass es ein gutes Zeichen war, Valek nicht zu sehen. Wenn ich ihn nämlich entdecken konnte, konnten es die anderen ebenfalls. Trotzdem wurde ich das nagende Gefühl nicht los, dass er es vielleicht doch riskieren wollte, mich ins offene Messer laufen zu lassen. Hör auf damit, befahl ich mir. Mach dir keine Sorgen. Andererseits wäre es ziemlich leichtsinnig von mir, aufs Fest zu gehen, ohne mir der Gefahr bewusst zu sein.

Ich kam mir vor wie eine Seiltänzerin, die krampfhaft versuchte, nicht abzustürzen. Konnte man sich gleichzeitig in Acht nehmen und amüsieren? Ich hatte keine Ahnung, wollte es aber auf jeden Fall versuchen.

„Bei welchem Wettbewerb hättest du denn mitgemacht?“, wollte Rand wissen.

Ehe ich et was erwidern konnte, machte er eine abwehrende Geste. „Nein, sag nichts. Ich möchte selbst darauf kommen.“

Ich lächelte. „Dann versuch’s mal.“

„Lass mich kurz überlegen. Klein, schlank und zierlich. Tänzerin?“

„Rate noch mal.“

„Hm. Du erinnerst mich an einen schönen Vogel, der so lange auf dem Fenstersims sitzen bleibt, bis jemand näher kommt. Dann fliegt er sofort los. Ein Singvogel. Bist du vielleicht Sängerin?“

„Du hast mich offenbar noch nie singen gehört. Rätst du etwa nur ins Blaue, um mehr über mich und meinen Charakter zu erfahren?“, fragte ich.

„Unsinn. Und jetzt sei still. Ich versuche nachzudenken.“

Die Lichter vom Fest wurden heller. Schon von weitem hörte man Musik, Tiergebrüll und Stimmengewirr.

„Lange, schmale Finger. Etwa Mitglied einer Spinn-Gruppe?“

„Was ist denn eine Spinn-Gruppe?“

„Nun, dazu gehören ein Schafscherer, ein Wollkämmer, ein Spinner und ein Weber. Du weißt schon – vom Schaf zum Schultertuch. Die Gruppen wetteifern miteinander, wer zuerst ein Schaf geschoren und aus der Wolle ein Kleidungsstück gewoben hat. Ist ziemlich spannend anzusehen.“ Rand betrachtete mich nachdenklich. Ob ihm wohl die Ideen ausgegangen waren?

„Eine Reiterin?“

„Glaubst du im Ernst, ich könnte mir ein Rennpferd leisten?“, fragte ich verblüfft. Nur sehr reiche Bürger besaßen Pferde für den Rennsport. Beim Militär benutzten hochrangige Offiziere und Berater Pferde als Transportmittel. Alle anderen gingen zu Fuß.

„Nicht alle, die Rennpferde besitzen, reiten selber. Sie mieten Reiter. Immerhin hast du die perfekte Größe dafür, also schau mich bitte nicht so an, als sei ich nicht ganz richtig im Kopf.“

Unser Gespräch versiegte, als wir das erste große, farbenprächtige Zelt erreichten. Sofort ließen wir uns von der Hektik und dem bunten Treiben gefangen nehmen. Als ich jünger war, liebte ich es, mitten im Getümmel zu stehen und mich am Trubel des Feuerfests zu erfreuen. Ich konnte mir keinen besseren Namen dafür vorstellen – nicht nur, weil das Fest in der heißen Jahreszeit stattfand, sondern auch, weil der Lärm und die Gerüche wie Hitzewellen über mir zusammenschlugen, meinen Körper erwärmten und mein Blut in Wallung brachten. Jetzt, nachdem ich fast ein Jahr im Kerker verbracht hatte, spürte ich diese gebündelte Energie wie eine ungeheure Kraft, die eine Mauer zum Einstürzen bringen konnte. Genauso fühlte ich mich – eine Mauer, die unter dem Ansturm der Eindrücke und Emotionen drohte zusammen zu brechen.

Laternen leuchteten und Freudenfeuer loderten. Sie machten die Nacht zum Tag. Die Zelte, in denen die Vorstellungen und Wett kämpfe stattfanden, waren über den ganzen Fest platz verteilt. Vor ihnen und an ihrer Seite befanden sich kleine offene Verkaufsstände, die sich wie Kinder am Rock der Mutter festklammerten. Von exotischen Edelsteinen bis zu Fliegenklatschen boten Kaufleute eine Vielzahl von Dingen an. Über zahlreichen offenen Feuern wurde köstlich duftendes Fleisch gegrillt und mein Magen begann zu knurren. Jetzt bereute ich es, dass ich das Abendessen hatte ausfallen lassen, weil ich so schnell wie möglich hierher kommen wollte.

Gaukler, Artisten, Wettkampfteilnehmer, Zuschauer und lachende Kinder zogen an uns vorbei. Bald wurden wir von der Menge mitgerissen, dann wieder kamen wir im Gedränge keinen Schritt vorwärts. Längst hatten wir die anderen in diesem Getümmel aus den Augen verloren. Wenn Rand mich nicht untergehakt hätte, wären wir ebenfalls längst getrennt worden. Es gab so viel zu sehen und zu hören. Ich wäre gern den Klängen der munteren Musik gefolgt oder stehen geblieben, um einem Jongleur zuzuschauen, aber Rand brannte darauf, das Ergebnis des Backwettbewerbs zu erfahren.

Beim Weiterschlendern schaute ich prüfend in das eine oder andere Gesicht in der Menge und hielt Ausschau nach den grünschwarzen Uniformen, obwohl Valek mir versichert hatte, dass Brazell keine Bedrohung für mich darstellte. Dennoch hielt ich es für sicherer, ihm und seinen Soldaten aus dem Weg zu gehen. Da ich nicht wusste, nach wem ich eigentlich suchte, achtete ich besonders auf ungewohnte Gesichter. Natürlich war dies die falsche Methode, um einen Verfolger zu entdecken. Valek hatte mich gelehrt, dass die besten Beschatter vollkommen unauffällig waren und keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zogen. Aber die Chance, einen geschickten Verfolger zu enttarnen, stufte ich ohnehin als sehr gering ein.

Wir trafen Porter und Liza in einem Zelt, das von einem süßen Duft erfüllt war, bei dem sich mein Magen vor Hunger zusammenkrampfte. Die beiden unterhielten sich mit einem hochgewachsenen Mann in der Uniform eines Kochs. Sie unterbrachen ihr Gespräch, als wir eintraten, umringten Rand und gratulierten ihm zu seinem ersten Platz. Der große Mann erklärte, Rand habe den Rekord gebrochen, weil er fünf Jahre hintereinander gewonnen hatte.

Während Rand die Torten und Kuchen inspizierte, die in den Regalen ausgestellt waren, fragte ich den Mann, wer im Militär-Distrikt 5 gesiegt hatte. Ich war neugierig, ob Brazells Koch mit seinem Rezept für Criollo den ersten Platz erlangt hatte. Der Mann überlegte angestrengt, wobei sich seine dichten Augenbrauen so zusammenzogen, dass sie den Ansatz seines schwarzen lockigen Haars berührten.

„Bronda hat mit einem himmlischen Zitronenkuchen gewonnen. Warum?“

„Ich hätte auf Brazells Chefkoch Ving getippt. Ich habe nämlich auch mal für Brazell gearbeitet.“

„Na ja, Ving hat vor zwei Jahren mit einer Cremetorte gesiegt, und jetzt reicht er jedes Jahr die gleiche Torte ein und hofft, dass er wieder auf den ersten Platz kommt.“

Ich fand es seltsam, dass er nicht mit seinem Criollo teilgenommen hatte, aber ehe ich mir noch länger Gedanken darüber machen konnte, jagte Rand uns freudestrahlend aus dem Zelt. Er wollte jedem von uns ein Glas Wein spendieren, um seinen Sieg zu feiern.

Mit den Bechern in der Hand bummelten wir über den Festplatz. Unvermittelt tauchte Sammy aus der Menge auf und berichtete uns begeistert von einer Art Wunder. Noch ehe wir fragen konnten, worum es sich handelte, war er schon wieder verschwunden.

Zwei Mal fiel mir eine Frau mit ernstem Gesicht auf. Ihr schwarzes Haar hatte sie zu einem strengen Knoten gebunden. Sie trug die Uniform einer Falknerin und bewegte sich mit der Gewandtheit eines Menschen, der daran gewöhnt ist, unter vollem Körpereinsatz zu arbeiten. Bei unserer zweiten Begegnung kamen wir uns so nahe, dass ich in ihre grünen, mandelförmigen Augen sehen konnte. Sie wurden zu schmalen Schlitzen, als sie mich so lange herausfordernd anschaute, bis ich den Blick abwandte. Irgendetwas an ihr kam mir bekannt vor, aber es dauerte eine Weile, bevor ich wusste, was es war.

Sie erinnerte mich an die Kinder in Brazells Obhut, und ihr Gesicht hatte eher die Farbe von meinem als die der meisten anderen Bewohner des hiesigen Territoriums mit ihrer elfenbeinfarbenen Haut. Ihr Teint dagegen war bronzefarben – von Natur aus und nicht von der Sonne gebräunt.

Unsere Clique, die ziellos hin- und herwanderte, wurde plötzlich von einer Gruppe von Festbesuchern in ein großes, rotweiß gestreiftes Zelt mitgerissen. Es war das Zelt der Akrobaten, wo bunt kostümierte Männer und Frauen auf Trampolinen, Hochseilen und Bodenmatten ihre Kunststücke präsentierten. Sie alle versuchten, sich für den Wettbewerb zu qualifizieren. Ein Mann führte eine Reihe von atemberaubenden Salti auf dem Hoch seil vor, doch dann wurde er disqualifiziert, weil er beim Radschlagen das Gleichgewicht verlor und umfiel.

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass Rand mich beobachtete. Seine Miene war triumphierend.

„Was gibt’s?“, wollte ich wissen.

„Du bist Akrobatin.“

„Ich war es.“

Rand wedelte mit den Händen durch die Luft. „Das ist egal. Ich hatte Recht.“

Mir war es nicht egal. Reyad hatte mir die Akrobatik für immer verdorben. Die Zeit, als mir die Vorführungen Freude und Befriedigung bereiteten, war lange vorbei, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich jemals wieder Gefallen daran finden würde.

Von den Bänken im Zelt aus beobachtete unsere kleine Küchen-Clique die Wettbewerbsteilnehmer. Ihr angestrengtes Ächzen, ihre schweißnassen Kostüme und ihre stampfenden Füße weckten in mir die Sehnsucht nach jenen Tagen, als meine einzige Sorge darin bestand, genügend Zeit zum Üben zu finden. Zu viert hatten wir in Brazells Waisenhaus mit akrobatischen Kunststücken begonnen, uns die notwendigen Utensilien zusammengesucht und darum gebettelt, hinter den Ställen ein Übungsfeld anlegen zu dürfen. Jeder unserer Patzer bescherte uns eine schmerzhafte Bauchlandung im Gras, bis der Stallmeister Mitleid mit unseren geschundenen Körpern bekam. Eines Tages fanden wir eine dicke, streng nach Dung riechende Strohschicht auf unserem Trainingsplatz.

Brazells Lehrer hatten uns ermutigt, nach einem Talent in uns zu suchen, mit dem wir uns hervortun konnten. Einige fanden ihre Erfüllung im Singen und Tanzen; ich dagegen war seit meinem ersten Feuerfest von Akrobatik fasziniert.

Trotz intensiven Übens fiel ich bei meiner ersten Teilnahme an einem Wettbewerb in der Qualifizierungsrunde durch. Die Enttäuschung brach mir fast das Herz, aber ich bekämpfte den Schmerz mit umso größerer Entschlossenheit. Im folgenden Jahr gab es keine Stelle an meinem Körper, die nicht mit blauen und grünen Flecken übersät war. Irgendwann hörte ich auf, die Verstauchungen zu zählen. Beim nächsten Fest bestand ich die Aufnahmeprüfung und die erste Runde, doch in der zweiten stürzte ich vom Hochseil. Jahr für Jahr übte ich intensiver und wurde immer besser. Endlich schaffte ich es bis zum Endkampf – ein Jahr, bevor Brazell und Reyad mich zu ihrer Laborratte machten.

Sie verboten mir das Üben, aber das hielt mich nicht davon ab, mich fortzustehlen, wann immer Reyad im Auftrag seines Vaters unterwegs war. Doch einmal erwischte er mich. Es war eine Woche vor dem Fest, und er kam früher als geplant von einer Reise nach Hause. Ich war so sehr mit meiner Übung beschäftigt, dass ich ihn erst auf seinem Pferd bemerkte, als ich mein letztes Rad geschlagen hatte. In seiner Miene lag eine Mischung aus Zorn und Triumph, die mir den Schweiß auf der Stirn förmlich gefrieren ließ.

Weil ich seine Anordnungen nicht befolgt hatte, durfte ich in jenem Jahr nicht auf das Feuerfest. Und als zusätzliche Abschreckung für meinen Ungehorsam erhielt ich an jedem Tag des Fests eine weitere Strafe. Fünf Tage lang musste ich mich allabendlich vor Reyad nackt ausziehen. Mit einem hinterhältigen Lächeln betrachtete er mich von oben bis unten, und trotz der warmen Nacht zitterte ich am ganzen Körper. Er legte mir einen Metallring um den Hals, Handschellen und Eisenmanschetten um Hand- und Fußgelenke und verband die Teile mit schweren Ketten. Ich hätte am liebsten laut geschrien und mit den Fäusten auf ihn eingeschlagen, aber ich befürchtete, ihn damit nur wütender zu machen.

Er weidete sich so sehr an meiner Furcht und Erniedrigung, dass sein Gesicht vor Schadenfreude puterrot anlief. Mit einer kleinen Peitsche zwang er mich zu akrobatischen Kunststücken, die er sich selbst ausgedacht hatte. Bewegte ich mich zu langsam, versetzte er mir einen scharfen Peitschenhieb auf die blanke Haut. Wenn ich mich bewegte, klirrten die Ketten gegen meinen Körper. Ihr Gewicht zog mich zu Boden und machte jeden Überschlag zu einer Qual. Die Handschellen und Fußmanschetten rieben meine Haut wund, bis das rohe Fleisch sichtbar wurde. Blut floss mir über Arme und Beine.

Wenn Brazell an den Übungen teilnahm, folgte Reyad penibel den Anweisungen seines Vaters, doch war er mit mir allein, wurde der Drill zu einer grausamen Quälerei. Manchmal bat er seinen Freund Mogkan, ihm zu helfen, und sie wett eiferten miteinander, wer sich die gemeinsten Übungen ausdenken konnte, um meine Ausdauer auf die Probe zu stellen. Es war die reinste Hölle.

Und ständig schwebte ich in der Furcht, dass Reyad die einzige Grenze, die er sich gesetzt hatte, übertreten würde, falls ich ihn zu sehr reizte. Bei allen Qualen und Schmerzen, die er mir zufügte, hatte er mich nie vergewaltigt. Also schlug ich Rad und Salti mit meinen Ketten, um zu verhindern, dass es bis zum Äußersten kam.

Rands Arm fiel schwer auf meine Schulter. Sofort war ich wieder in der Gegenwart.

„Yelena! Was ist los?“ Rand musterte mich besorgt. „Du hast ausgesehen, als hättest du mit offenen Augen etwas Schreckliches geträumt.“

„Tut mir Leid.“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Hier …“ Er drückte mir eine dampfende Fleischpastete in die Hand. „Sammy hat sie uns mitgebracht.“

Als ich mich zu Sammy umdrehte, um mich zu bedanken, riss er die Augen auf, und sein Kindergesicht wurde kreideweiß. Rasch wandte er den Blick ab. Wie immer war mein erster Bissen die Giftprobe. Als ich nichts Ungewöhnliches schmeckte, aß ich weiter, wobei ich mich fragte, welche ungeheuerlichen Geschichten man sich von mir erzählte, dass Sammy so entsetzt reagiert hatte. Normalerweise erzählen Kinder in seinem Alter doch gerne Schauermärchen, um sich gegenseitig Angst zu machen.

Im Waisenhaus hatten wir auch versucht, einander mit Gruselgeschichten zu übertreffen, nachdem die Kerzen gelöscht waren und wir in unseren Betten auf den Schlaf warteten. Gewisperte Erzählungen übergefährliche Ungeheuer und Zauberflüche ließen unseren Atem stocken oder brachten uns zum Kichern. Schauergeschichten über ältere Kinder aus dem Waisenhaus, die auf unerklärliche Weise verschwunden waren, machten die Runde. Niemand hatte uns gesagt, wo sie arbeiteten, und wir sahen auch nie wie der eines auf dem Anwesen oder in der Stadt. Deshalb berichteten wir uns die entsetzlichsten Dinge von ihrem Schicksal.

Wie ich diese Abende mit den anderen Kindern vermisste, wenn ich mich nach einem Tag mit Reyad endlich ausruhen konnte. Er hatte mich von meinen Mitbewohnern getrennt. Ich schlief nicht mehr im Saal mit den anderen Mädchen, sondern hatte ein eigenes kleines Zimmer direkt neben Reyads Privaträumen zugewiesen bekommen. Nachts, wenn ich vor lauter Schmerzen und Kummer keine Ruhe fand, erzählte ich mir diese Geschichten immer und immer wieder, bis mir endlich vor Erschöpfung die Augen zufielen.

„Wir können auch woanders hingehen, Yelena.“

„Was?“ Verdutzt blickte ich Rand an.

„Wenn dich das zu sehr mitnimmt, können wir gehen. Es gibt einen neuen, prächtigen Feuertanz zu sehen.“

„Von mir aus können wir gerne noch bleiben. Ich habe mich nur an … etwas erinnert. Aber wenn du den Feuertanz sehen möchtest, gehen wir.“

„An etwas erinnert? Du hast es wohl gehasst, Akrobatin zu sein?“

„Im Gegenteil, es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Durch die Luft zu fliegen, meinen Körper zu beherrschen, Rad zu schlagen oder mich um meine eigene Achse zu drehen. Das aufregende Gefühl, im nächsten Moment mit einem perfekten Absprung auf dem Boden zu laden, noch ehe mein Fuß die Erde berührte …“ Ich verstummte. Beim Anblick von Rands verdatterter Miene hätte ich am liebsten gleichzeitig gelacht und geweint. Wie konnte ich ihm nur klarmachen, dass es nicht die Akrobaten waren, die mich bedrückten, sondern die Erinnerungen, die sie in mir weckten? Wie konnte ich ihm von Reyads grausamen Strafen erzählen, die ich wegen meines Trainings erdulden musste? Vom heimlichen Davonschleichen zum Fest im folgenden Jahr, in dem ich Reyad getötet hatte?

Ich erschauerte. Diese Erinnerungen waren ein tiefes, dunkles Loch in einem Winkel meines Verstandes, und ich war noch nicht bereit, an seinen Rand zu treten und hinunterzuschauen. „Eines Tages werde ich es dir erklären, Rand. Aber jetzt möchte ich erst einmal den Feuertanz sehen.“

Er hakte mich unter, als unsere Gruppe das Zelt verließ und vom Strom der Menschen mitgerissen wurde. Sammy lief voraus und rief uns über die Schulter zu, dass er gute Plätze für uns freihalten wollte. Ein Betrunkener rempelte mich an, und ich stolperte. Er murmelte eine Entschuldigung und winkte mir mit seinem Krug Ale zu. Dabei versuchte er, sich zu verbeugen, verlor das Gleichgewicht und fiel vor meine Füße. Normalerweise wäre ich stehen geblieben, um ihm zu helfen, aber ich wurde von brennenden Holzstöcken abgelenkt, die plötzlich vor uns auftauchten. Meine Füße wippten im Takt des pulsierenden Rhythmus’, zu dem die Feuertänzer die lodernden Stäbe über ihre Köpfe wirbelten und ins Zelt einmarschierten. Fasziniert von den rasanten Bewegungen der Artisten, trat ich über den Betrunkenen hinweg.

In der Hektik und im Getümmel der Menge, die uns mit sich ins Zelt zog, hatte Rand meinen Arm losgelassen. Ich machte mir deswegen keine Sorgen – bis ich von vier riesigen Männern umzingelt wurde. Zwei von ihnen trugen die Uniform eines Schmieds, die beiden anderen waren wie Bauern gekleidet. Ich murmelte eine Entschuldigung und wollte an ihnen vorbeigehen, aber sie kamen noch näher und bauten sich drohend um mich herum auf. Ich saß in der Falle.

13. KAPITEL

Panik schnürte mir die Kehle zu. Ich steckte in ernsten Schwierigkeiten. Als ich um Hilfe schrie, legte sich eine behandschuhte Hand über meinen Mund. Ich biss in das Leder, schmeckte Asche, drang aber nicht bis zur Haut durch. Die Schmiede ergriffen meine Arme und stießen mich vorwärts, während die Bauern vor uns hergingen und mich den Blicken der Menschen um uns herum entzogen. In dem Trubel, der rund um das Zelt herrschte, bemerkte keiner, dass ich entführt wurde.

Ich kämpfte wie besessen, schlug um mich und trat mit den Füßen, ohne dass die Männer ihr Tempo verlangsamten. Sie zerrten mich weg von den Lichtern und der Sicherheit, die das Fest bot. Ich verrenkte mir den Hals, um nach einer Fluchtmöglichkeit Ausschau zu halten. Doch der Schmied neben mir kam noch einen Schritt näher und verstellte mir vollkommen den Blick. Sein dichter Bart war rußgeschwärzt und halb angesengt.

Hinter einem dunklen Zelt blieben wir stehen. Die Bauern traten zur Seite, und ein Schatten löste sich von der Zeltwand.

„Hat jemand etwas bemerkt? Ist euch einer gefolgt?“, fragte der Schatten mit der Stimme einer Frau.

„Es ist wie am Schnürchen gelaufen. Alle haben nur auf die Tänzer geschaut“, antwortete der Schmied mit den Lederhandschuhen.

„Gut. Dann tötet sie jetzt“, befahl die Frau.

Ein Messer blitzte zwischen den lederbehandschuhten Fingern auf. Erneut begann ich zu kämpfen, und es gelang mir sogar, mich einen Moment lang zu befreien. Doch dann ergriffen die Bauern meine Arme, und der Mann mit dem versengten Bart umklammerte meine Beine. Der Lederhandschuh schwenkte seine Waffe.

„Kein Messer, du Dummkopf. Das gäbe ein schönes Blutbad! Nimm das hier.“ Sie reichte dem Lederhandschuh ein langes, schmales Halseisen. Sofort verschwand das Messer. Er wickelte das Eisen um meine Kehle.

„Neeeiin …!“, schrie ich, doch mein Schrei erstarb, als er das Eisen enger zog und mir die Luft wegblieb. Ich verspürte einen gewaltigen Druck an meinem Hals. Vergebens schlug ich um mich. Weiße Punkte tanzten vor meinen Augen. Ein schwaches Summen entrang sich meinen Lippen, doch es war zu leise. Mein Überlebensinstinkt, der mich vor Brazells Wächtern und Reyads Quälereien gerettet hatte, war diesmal nicht stark genug.

Durch das Rauschen des Bluts in meinen Ohren hörte ich die Frau sagen: „Beeil dich. Sie versucht es mit Zauberkraft.“

Kurz bevor ich das Bewusstsein verlor, vernahm ich wie aus weiter Ferne eine betrunkene Stimme: „Entschuldigt, meine Herren, wisst Ihr, wo ich hier meinen Becher auffüllen kann?“

Der Druck an meinem Hals ließ ein wenig nach, als der Lederhandschuh erneut sein Messer zog. Ich tat so, als sei alles Leben aus meinem Körper gewichen, und sie ließen mich achtlos zu Boden fallen. Die anderen drei Männer traten über mich hinweg und bauten sich vor dem Fremden auf. In meiner Verzweiflung hätte ich am liebsten nach Luft geschnappt, aber stattdessen atmete ich so flach wie möglich. Niemand sollte merken, dass ich noch lebte.

Während ich regungslos auf der Erde lag, stürzte sich Lederhandschuh auf den Betrunkenen. Ein metallisches Klirren drang durch die Nacht, als das Messer den Becher statt der Brust des Mannes traf. Mit einer flinken Handbewegung riss dieser das Gefäß hoch. Das Messer flog durch die Luft und blieb in der Zeltwand stecken. Dann schmetterte der Betrunkene dem Lederhandschuh den Becher auf den Schädel. Sofort sackte er zusammen.

Nachdem ihr Kumpel außer Gefecht gesetzt war, stürzten sich die anderen drei, die nur wenige Schritte entfernt gestanden hatten, auf den Fremden. Die Bauern packten ihn an den Oberarmen und Schultern, und der Mann mit dem versengten Bart boxte ihm zweimal ins Gesicht. Der Betrunkene benutzte seine Bezwinger als Stütze, hob beide Beine in die Luft und schlang sie um den Hals des Bärtigen. Polternd stürzte er nieder.

Noch immer hielt der Betrunkene seinen Becher fest umklammert. Jetzt rammte er ihn in den Unterleib des Bauern zu seiner Rechten. Als er nach vorn kippte, schmetterte der Fremde ihm den Becher ins Gesicht.

Gleich darauf schwang er sein Gefäß nach links und traf den zweiten Bauern auf die Nase. Blut spritzte heraus, und mit einem Aufschrei ließ er von dem Betrunkenen ab. Dieser schlug erneut zu und traf seinen Angreifer an der Schläfe. Lautlos sank der Bauer zu Boden.

Der Kampf hatte nur Sekunden gedauert. Die Frau hatte sich nicht vom Fleck gerührt, ohne die Kämpfenden auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Ich erkannte die Dunkelhäutige, der ich bereits zweimal auf dem Festplatz begegnet war. Was würde sie nun tun, da ihre Totschläger außer Gefecht gesetzt waren?

Allmählich kehrten meine Kräfte zurück, und ich überlegte, wie groß meine Chancen waren, das Messer, das in der Zeltwand steckte, vor ihr zu erreichen. Der Betrunkene wischte sich das Blut aus dem Gesicht. Bewegungslose Körper lagen zu seinen Füßen.

Mühsam rappelte ich mich auf. Meine Beine zitterten. Blitzschnell drehte die Frau mir den Kopf zu, als hätte sie vergessen, dass ich auch noch da war. Dann begann sie zu singen. Die einschmeichelnde Melodie lullte mich ein. Entspann dich, sagte das sanfte Lied, leg dich hin, sei ganz ruhig. Ja, dachte ich, während ich wieder zu Boden sank. Meine Glieder wurden ganz weich. Es kam mir vor, als würde sie mich ins Bett legen und mir die Decke bis zum Kinn hochziehen. Doch dann wurde diese Decke über meinen Kopf gezogen, gegen meinen Mund und meine Nase gedrückt, und nahm mir die Luft zum Atmen.

Ich warf mich hin und her und versuchte, Mund und Nase zu befreien. Und dann tauchte plötzlich Valek aus dem Nichts vor mir auf, schrie mir etwas ins Ohr, packte mich an den Schultern und schüttelte mich heftig. Benommen merkte ich erst jetzt, dass er der Betrunkene war. Natürlich! Wer außer Valek konnte schon einen Kampf gegen vier bullige Männer gewinnen – mit einem Bierkrug als einziger Waffe?

„Denk an die Liste! Nenne mir die Namen der Gifte!“, rief Valek.

Doch ich beachtete ihn nicht. Plötzlich fühlte ich mich sehr matt und gab den Kampf auf. Ich wollte nur noch der Musik lauschen und mit ihr in der Dunkelheit versinken.

„Sag sie auf. Sofort. Das ist ein Befehl!“

Die Macht der Gewohnheit rettete mich. Ohne nach zu denken gehorchte ich Valek. Namen von Giften kamen mir in den Sinn. Die Musik hörte auf. Die Decke verschwand von meinem Gesicht, und ich konnte wieder frei atmen. Geräuschvoll sog ich die Luft ein.

„Mach weiter“, forderte er mich auf.

Die Frau und das Messer waren verschwunden. Valek half mir auf die Füße. Als ich schwankte, legte er den Arm um meine Schultern, um mich zu stützen. Eine Sekunde lang hielt ich seine Hand fest umklammert und widerstand dem Drang, schluchzend an seine Brust zu sinken. Er hatte mir das Leben gerettet. Nachdem ich mein Gleichgewicht wieder gefunden hatte, ließ er mich los und ging zu den Männern. Ich wusste, dass der Bärtige tot war, aber bei den anderen war ich mir nicht so sicher.

Valek drehte einen der leblosen Körper auf den Rücken und fluchte. „Leute aus dem Süden“, sagte er abschätzig. Er trat zu den anderen und fühlte ihren Puls. „Zwei leben noch. Ich werde sie zum Verhör in die Burg bringen lassen.“

„Was ist mit der Frau?“, krächzte ich. Das Sprechen verursachte mir Schmerzen.

„Sie ist fort.“

„Wollt Ihr sie nicht suchen?“

Valek warf mir einen seltsamen Blick zu. „Yelena, sie ist eine Zauberin aus dem Süden. Ich habe sie nicht im Auge behalten, also kann ich sie jetzt auch nicht finden.“

Er nahm mich beim Arm und führte mich zum Festplatz zurück.

Ich zitterte am ganzen Körper. Es war die Reaktion auf die lebensgefährliche Situation, der ich soeben um Haaresbreite entkommen war. Jetzt erst wurde mir die Bedeutung seiner Worte klar.

„Zauberin?“, fragte ich. „Ich dachte, man hätte alle Magier aus Ixia verbannt.“ Getötet, sobald man sie enttarnte, wäre zutreffender gewesen, aber ich brachte es nicht fertig, diese Worte laut auszusprechen.

„Obwohl sie hier nicht geduldet sind, kommen einige von ihnen trotzdem hin und wieder nach Ixia.“

„Aber ich …“

„Jetzt nicht. Ich erkläre es dir später. Ich bringe dich jetzt zu Rand und seinen Freunden zurück. Tu so, als sei nichts geschehen. Und sei unbesorgt. Ich glaube nicht, dass sie es heute Abend noch einmal versuchen wird.“

Die gleißenden Feuer blendeten mich. Valek und ich hielten uns im Schatten, bis wir Rand in der Nähe des Akrobaten-Zelts entdeckten. Er suchte nach mir und rief meinen Namen. Valek bedeutete mir, zu ihm zu gehen.

Kaum hatte ich zwei Schritte gemacht, als er mich zurückhielt. „Warte, Yelena.“

Ich drehte mich um. Er winkte mich zu sich. Als ich vor ihm stand, fasste er mir an den Hals. Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück, doch dann besann ich mich und hielt still. Seine Hand berührte meine Haut, als er mir das Halseisen abnahm und es mir reichte, als wäre es eine giftige Schlange. Angewidert warf ich es zu Boden.

Die Erleichterung stand Rand ins Gesicht geschrieben, als er mich in der Menge entdeckte. Ich zögerte. Warum machte er sich solche Sorgen um mich? Soviel er wusste, hatten wir uns doch nur kurz aus den Augen verloren. Als er näher kam, bemerkte ich, dass er nach süßem Wein roch.

„Yelena, wo bist du gewesen?“, fragte er mit unsicherer Stimme.

Er musste eine Menge getrunken haben. Wahrscheinlich hatte er deshalb so verzweifelt nach mir gesucht. Alkohol benebelte den Verstand und ließ die Gefühle ausufern.

„Das Zelt war zu voll. Ich brauchte ein wenig frische Luft.“ Bei dem Wort „Luft“ versagte mir fast die Stimme, als ich daran dachte, dass ich fast erwürgt worden wäre. Ich schaute zurück zu den Schatten. Beobachtete Valek mich noch, oder sorgte er bereits dafür, dass die Männer festgenommen wurden? Und wo steckte die dunkelhäutige Frau? Vor wenigen Stunden war ich noch so froh gewesen, die Burg verlassen zu können, doch jetzt wünschte ich mir nichts sehnlicher, als wieder von den schützenden Mauern umgeben und in der Sicherheit von Valeks Wohnung zu sein. Valek und Sicherheit in einem Satz – wirklich eine merkwürdige Kombination, dachte ich bei mir.

„Ich wollte mich euch später wieder anschließen“, log ich, während ich meinen Blick über die quirlige Menge schweifen ließ. Es gefiel mir nicht, Rand etwas vormachen zu müssen. Schließlich war er mein Freund. Vielleicht sogar ein guter Freund, der sich so sehr um mich sorgte, dass er sich sofort auf die Suche gemacht hatte, nachdem wir getrennt worden waren. Vermutlich war er auch der einzige Mensch, der über meinen gewaltsamen Tod entsetzt gewesen wäre. Sicher, Valek hatte für mich gekämpft – aber wahrscheinlich nur deshalb, weil er keine Lust verspürte, einen neuen Vorkoster anlernen zu müssen.

Soeben war der Feuertanz zu Ende gegangen, und die Leute strömten aus dem Zelt. Der Rest unserer Clique wartete bereits draußen. Inzwischen war auch Dilana dazugestoßen. Sofort ließ Rand meinen Arm fallen und ging zu ihr hinüber. Sie lächelte ihm zu und neckte ihn, weil er sich so sehr um mich kümmerte, obwohl er mit ihr verabredet war.

Lallend bat er sie um Verzeihung. Mit schwerer Stimme erklärte er ihr, dass er es sich nicht leisten könne, mich zu verlieren, weil ich ihm geholfen hätte, den Backwettbewerb zu gewinnen. Sie lachte und umarmte ihn, wobei sie mir ihr herzerwärmendes Lächeln zuwarf. Arm in Arm gingen sie zurück zur Burg.

Wir anderen folgten ihnen. Wie der war ich die Letzte in unserer kleinen Gruppe, aber diesmal ging Liza neben mir her.

Sie warf mir einen grimmigen Blick zu. „Ich weiß nicht, was Rand in dir sieht“, brach es aus ihr hervor.

Das war nicht gerade ein verheißungsvoller Anfang für ein Gespräch. „Was soll das heißen?“, fragte ich so gelassen wie möglich.

„Er hat den Feuertanz verpasst, nur weil er dich die ganze Zeit gesucht hat. Überhaupt ist alles anders geworden in der Küche, seitdem du hier bist. Alle sind ziemlich sauer auf dich.“

„Wovon redest du eigentlich?“

„Bevor du gekommen bist, waren Rands Launen vorhersehbar. Er war fröhlich und zufrieden, wenn Dilana glücklich war und er beim Wetten gewonnen hatte, und mürrisch und unnahbar, wenn es ihr schlecht ging und er eine Pechsträhne hatte. Und dann …“ Liza sprach das Wort mit besonderer Betonung aus. Ihr nichtssagendes Pfannkuchengesicht verzog sich zu einer zornigen Grimasse. Wütend funkelte sie mich an. „Seitdem du um ihn herumwuselst, schnauzt er seine Leute ohne ersichtlichen Grund an. Und selbst wenn er eine Wette gewinnt, hat er schlechte Laune. Es ist deprimierend. Wir wollen, dass du aufhörst, ihn Dilana auszuspannen. Lass ihn in Ruhe und halt dich von der Küche fern.“

Liza hatte den denkbar ungünstigsten Zeitpunkt gewählt, um mir Vorwürfe zu machen. Ich war gerade mit knapper Not dem Tod entronnen, und das ließ einen alle Dinge in einem anderen Licht sehen. Meine Verfassung war nicht die beste. Voller Wut packte ich ihren Arm und riss sie herum, damit sie mir ins Gesicht sah. Unsere Nasenspitzen berührten sich fast.

„Ihr wollt, dass ich womit aufhöre? Ihn Dilana auszuspannen? Das ist absolut lächerlich! Selbst wenn ihr alle euren Verstand zusammenlegt, würdet ihr es noch nicht einmal schaffen, eine Kerze anzuzünden. Unsere Freundschaft geht euch überhaupt nichts an. Denk also lieber zweimal nach, ehe du einmal solchen Unsinn von dir gibst. Wenn ihr ein Problem in der Küche habt, dann löst es gefälligst selber. Du verschwendest nur deine Zeit mit deinem dummen Gejammer.“ Ich stieß sie von mir fort. Schockiert sah sie mich an. Mit einer solchen Reaktion hatte sie wohl nicht gerechnet.

Pech für dich, dachte ich grimmig, während ich mich beeilte, die anderen einzuholen und sie allein zurückließ. Was erwartete sie von mir? Hatte sie etwa geglaubt, dass ich mich unterwürfigst bereit erklärte, nicht mehr mit Rand zu reden, nur damit er seine Leute nicht mehr an schnauzte? Ich hatte wirklich keine Lust, mir ihr törichtes Geschwätz anzuhören. Schließlich hatte ich selbst genug Probleme am Hals. Warum zum Beispiel trachtete mir eine Zauberin aus Sitia nach dem Leben?

Sobald wir in der Burg eingetroffen waren, wünschte ich Rand und Dilana eine gute Nacht und eilte in Valeks Wohnung. Obwohl ich so schnell wie möglich in mein Zimmer wollte, bat ich einen der Wächter vor der Tür nachzuschauen, ob sich ein Eindringling in Valeks Wohnung versteckte. Mordversuche und eine blühende Fantasie hatten mich ausgesprochen nervös gemacht und ließen mich überall einen Hinterhalt vermuten. Alle Lampen brannten, als ich mich in Valeks Wohnzimmer auf das Sofa setzte, das mitten im Raum stand. Trotzdem fühlte ich mich erst sicher, als er im Morgengrauen zurückkam.

„Hast du gar nicht geschlafen?“, fragte er. Eine faustgroße, dunkelrote Wunde auf seinem Kinn stach von seiner hellen Haut ab.

„Nein. Ihr doch auch nicht“, entgegnete ich gereizt.

„Ich kann den ganzen Tag schlafen. Aber du musst in einer Stunde das Frühstück des Commanders testen. Dafür brauchst du einen ausgeruhten Kopf.“

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