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You - Ich darf dich nicht begehren

Als Buch hier erhältlich:

  • Erscheinungstag: 01.03.2019
  • Aus der Serie: Big Rock
  • Bandnummer: 4
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956498534

Leseprobe

Dieses Buch ist Dr. Khashi gewidmet.
Ich danke dir für deine Mühe
und deinen untrüglichen Röntgenblick.

Über mich

Mir wurde schon oft gesagt, dass ich eine besondere Gabe habe.

Hey, ich meine nicht nur die in meiner Hose! Ich bin auch ziemlich intelligent, und ein großes Herz habe ich auch. Und natürlich pflege ich meine Gaben wirksam einzusetzen, inklusive der zwischen meinen Beinen. Mein Leben könnte wirklich nicht besser laufen …

Zumindest bis ich plötzlich in einer blöden Zwickmühle stecke wegen einer sexy Mitbewohnerin, die mir Tag für Tag echte Standhaftigkeit abverlangt.

In dieser Stadt ist es nämlich leichter, wahre Liebe zu finden als eine vernünftige Wohnung. Deshalb bin ich gezwungen, bei der heißen und unfassbar süßen kleinen Schwester meines besten Freunds einzuziehen, und wie es nun mal so ist, muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss.

Ich kann Josie widerstehen. Ich bin diszipliniert. Ich bin fokussiert und behalte meine Hände bei mir, obwohl wir auf nur etwas über fünfzig Quadratmetern zusammenwohnen. Bis sie eines Nachts unter meine Decke schlüpft. Es helfe ihr beim Einschlafen nach den Ereignissen des Tages, sagt sie.

Achtung, Spoiler: Keiner von uns schläft in dieser Nacht.

Habe ich erwähnt, dass Josie auch meine beste Freundin ist? Dass sie schlau, wunderschön und überhaupt der Hammer ist? Ich schätze, das macht auch sie zu einem Komplettpaket.

Was soll man bloß machen, wenn man so dermaßen in der Zwickmühle steckt?

Prolog

Sagen wir, der Umstände halber überlegst du, ob du dich bei einer Frau einquartieren sollst, die du am liebsten vögeln würdest. Auf die du vermutlich schon immer scharf warst.

Wie gesagt, in dieser Stadt ist es schwieriger, eine Wohnung zu finden als wahre Liebe.

Würdest du es tun? Bei ihr einziehen?

Schau, ich weiß, was du jetzt denkst.

Es kann nur Ärger geben. Zieh nicht bei ihr ein. Such dir etwas anderes.

Aber sie ist nur eine gute Freundin, ich schwöre es dir. Und hey, wir reden hier von New York City. Die Mieten sind exorbitant. Da wohnt man doch lieber zu zweit und teilt sich die Unkosten, oder? Selbst wenn es bedeutet, dass man sich ständig Storys über die Eskapaden des anderen beim Online-Dating anhören muss und um kluge Ratschläge gebeten wird.

Ich bitte euch. Da muss ich nicht groß überlegen. Ich deute einfach auf die Profilfotos und sage: Der da ist ein Trottel, der ein Idiot, der ein Sackgesicht …

Denn keiner dieser Fucker hat sie verdient.

Wie gesagt, bei ihr einzuziehen bedeutet, dass ich fortan die süße Folter ertragen muss, Josie nach dem Duschen fast nackt, nur mit einem winzigen Handtuch am Leib, durch den Flur schreiten zu sehen.

Kinderspiel.

Selbst als sie ruft: »Hey Chase, kannst du mir die Bodylotion bringen?«

Ha. Kinderspiel.

Okay, ein bisschen zucke ich doch zusammen, als sie mich darum bittet. Und ich räume ein, dass die Situation ganz schön hart wird – stahlhart, um genau zu sein –, als das Handtuch verrutscht und ich einen Blick auf ihre makellose nackte Haut erhasche, ehe sie es schnell wieder hochzieht.

Trotzdem, ich komme klar damit, kein Problem.

Und warum?

Ich tue das seit Jahren, es ist mein geheimes Talent.

Jeder Mensch besitzt eine einzigartige Fähigkeit. Der eine kann seinen Ellbogen ablecken, der andere kann sich seine Faust in den Mund stecken oder mit den Augen gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen blicken. Beeindruckende Partytricks, ganz klar.

Was meine einzigartige Fähigkeit ist? Nun, sie hilft mir, in meiner gegenwärtigen Wohnsituation nicht jeden Morgen mit einem Ständer zu erwachen, der den ganzen Tag nicht mehr weggeht.

Ich bin nämlich der Schubladen-König; das ist meine besondere Gabe. In mir gibt es für alles eine Schublade, in die ich Dinge verschwinden lassen kann. Begierde und die entsprechenden Sehnsüchte. Lust und Gefühle. Liebe und Sex. Das eine kommt hier hinein, das andere dort. Diese Dinge dürfen nie aufeinandertreffen.

Deshalb nahm ich an, dass nichts würde schiefgehen können, als meine gute Freundin Josie mir einen Vorschlag unterbreitete, der für uns beide ein gewichtiges Problem lösen würde.

Dafür muss ich nur die Finger von ihr lassen, meine schmutzigen Gedanken wegsperren und in die andere Richtung schauen, wenn sie das nächste Mal nackt aus dem Bad kommt.

Nur ein paar verdammte Meter von mir entfernt.

Ich kriege das hin. Auf jeden Fall kriege ich das hin.

Wenn man ein Meister im Widerstehen ist, wirft einen nichts aus der Spur.

Selbst dann nicht, wenn man auf etwas über fünfzig Quadratmetern mit einer Frau zusammenwohnt, auf die man seit Jahren scharf ist.

Bis ich eines Nachts aufwache und Josie neben mir unter der Bettdecke liegt …

1. Kapitel

Ich habe eine Theorie, die besagt, dass das menschliche Hirn mindestens drei Versuche benötigt, um eine Information zu verarbeiten, wenn es sich dabei um das Gegenteil dessen handelt, was man gerne hören möchte.

So wie gerade bei mir.

Ich bin beim dritten Versuch.

Obwohl ich die Worte der Frau klar und deutlich verstehe, hoffe ich, dass, wenn ich sie in Form einer Frage wiederhole, die Frau schließlich das sagen wird, was ich gern hören möchte. »Ich kriege die Wohnung nicht?« Ich versuche es erneut, denn gleich wird sich ihre schlechte Nachricht auf magische Weise in eine gute verwandeln. So als würde sich eine Reiswaffel in eine Pizza verwandeln, und zwar in eine mit extra Käse und Champignons.

Denn es kann einfach nicht sein, was die Maklerin mir hier erzählt.

»Der Vermieter hat seine Meinung geändert«, sagt sie erneut und die niedliche Zwei-Zimmer-Wohnung in Chelsea geht mir endgültig durch die Lappen.

Zähneknirschend marschiere ich vor dem Eingang der Notaufnahme auf und ab, was gar nicht so leicht ist wegen der vielen anderen Ärzte, Krankenschwestern, Sanitäter und Besucher, die sich auf dem Bürgersteig drängeln. Ich wandere mit dem Handy am Ohr ein Stück an der Ziegelsteinfassade des Krankenhauses entlang, weg von dem Getümmel. »Jetzt geht mir schon zum fünften Mal eine Wohnung durch die Lappen«, sage ich und gebe mir Mühe, gelassen zu klingen. Ich bin nicht jähzornig, werde nie wütend. Wäre ich so drauf, hätte ich jetzt einen passenden Anlass, um auszuflippen. Denn Dante lag falsch. Der zehnte Höllenkreis ist, in New York eine Wohnung zu finden. Und auch der elfte, zwölfte und dreizehnte.

Bisher verlief meine unmögliche Suche folgendermaßen: Bei der ersten Wohnung änderte die Vermieterin aus heiterem Himmel ihre Meinung. Beim zweiten erhielt ein Verwandter des Vermieters den Zuschlag. In der dritten Bude gab es Termiten. Ihr versteht, worauf ich hinauswill.

»Der Markt ist momentan ziemlich schwierig«, sagt Erica, die Maklerin. Ich muss ihr zugutehalten, dass sie sich seit über einem Monat schwer für mich ins Zeug legt. »Ich werde weiter für Sie am Ball bleiben, irgendetwas wird sich schon finden.«

»Danke. Mein Untermietvertrag läuft bald aus, und dann bin ich obdachlos.« Ich wende mich um und kehre zum Eingang zurück. Mir einfach eine Wohnung zu kaufen ist keine Option für mich. Ich stottere immer noch meine Studiengebühren ab, und Ärzte verdienen heutzutage längst nicht mehr so gut wie früher. Besonders nicht die, die im ersten Jahr in der Notaufnahme arbeiten.

Erica lacht. »Sie werden bestimmt nicht obdachlos. Außerdem habe ich Ihnen doch gesagt, dass Ihr Name auf meinem Sofa steht. Und auf meinem Bett übrigens auch, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Ich blinzele. Ich weiß genau, was sie meint. Ich hätte nur nicht gedacht, von meiner Maklerin an einem Mittwochnachmittag um zwei derart angemacht zu werden.

Oder wann auch immer.

»Danke für das Angebot«, erwidere ich einigermaßen überrascht, weil ich dachte, sie wäre glücklich verheiratet.

»Überlegen Sie es sich, Chase. Ich mache ein köstliches Ceviche, bin sehr ordentlich und ich würde Ihnen keinen Cent Miete abnehmen. Sie könnten mich in Naturalien bezahlen«, sagt sie schnurrend.

Wow. Meine Maklerin hat mich soeben tatsächlich gebeten, ihr Lustknabe zu sein. Fuck. Es wird Zeit, dass ich mir einen Bart stehen lasse. Ich weiß, dass ich für einen Arzt ziemlich jung aussehe, aber so jung, um als jugendlicher Sexdiener durchzugehen? Ich wende mich der Fensterscheibe des Krankenhauses zu und betrachte mein Spiegelbild. Frisch rasiert, haselnussbraune Augen, hellbraunes Haar, markantes Kinn … Verdammt, ich bin schon ein ziemlicher Hingucker. Kein Wunder, dass Erica mich anbaggert. Vielleicht sollte ich die Frau ernster nehmen.

Obwohl ich null Interesse daran habe, als jemandes Sexsklave herzuhalten, ist ihr Angebot durchaus bedenkenswert, denn inzwischen bin ich am Ende mit meinem Latein. Ich habe Craigslist und alle anderen diesbezüglichen Websites durchforstet, aber am besten sollte ich für eine Zwei-Zimmer-Wohnung eine Spenderniere anbieten – auf diese Weise eine Bleibe zu finden wäre in dieser Stadt vermutlich erfolgversprechender.

Kennt ihr all die Fernsehserien, in denen flotte zwanzigjährige Werbeassistenten auf der Upper East Side in todschicken Wohnungen mit riesigen Pflanzenkübeln, lila getünchten Wänden und gemütlichen Leseecken wohnen? Oder in denen ein blutjunger Bursche, der einen Einstiegsjob bei irgendeiner Zeitschrift hat, eine protzige Junggesellenbude in Tribeca findet?

Das ist alles gelogen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt würde ich für eine Abstellkammer unter einem Treppenaufgang meine Milz hergeben. Moment, das nehme ich wieder zurück. Ich mag meine Milz. Die Abstellkammer müsste schon im zweiten Stock liegen, damit ich dafür ein Organ hergebe, selbst wenn es eines ist, das man aus medizinischer Sicht nicht unbedingt braucht.

»Was denken Sie? Interessiert?«, fragt Erica mit ihrer zweifellos besten Sexy-wie-die-Sünde-Stimme. »Bob hätte auch nichts dagegen, wenn Sie bei uns wohnen würden.«

Ich runzele die Stirn. »Bob?« Sofort will ich die Frage wieder zurücknehmen, denn mir wird bang ums Herz, dass Bob ihr Vibrator sein könnte und ich ihr voll auf den Leim gegangen bin.

»Bob ist mein Mann«, erklärt sie sachlich, und nun wünschte ich, wir würden über ein Sexspielzeug reden.

»Das ist sehr großzügig von ihm«, entgegne ich trocken. »Richten Sie ihm bitte aus, dass ich seinen Großmut sehr zu schätzen weiß, aber dass bei uns in der Umkleide eben eine Matratze für mich frei wurde.«

Ich lege auf und gehe wieder hinein; meine kurze Pause ist vorbei. Sandy, die gelockte Stationsschwester, kommt mir entgegen und deutet mit ernster Miene auf eines der Untersuchungszimmer. Doch das leise Zwinkern in ihren Augen verrät mir, dass mein nächster Patient nicht in allzu ernsten Schwierigkeiten steckt.

»Zimmer zwei. In der Stirn steckt ein Fremdkörper«, sagt sie mir. Das ist mein Stichwort, fürs Erste nicht mehr an Quadratmeter und unkonventionelle Wohnarrangements zu denken.

Als ich das Untersuchungszimmer betrete, sehe ich einen stämmigen Aquaman auf der Bettkante sitzen.

»Ich bin Doktor Summers. Coole Dreadlocks.« Ich strahle ihn an. Das hilft immer, um die Situation zu entspannen. Außerdem müsste man mir die verdammte Approbation entziehen, falls ich in irgendeiner Form auf die Acht-Zentimeter-Scherbe reagierte, die aus der Stirn des grün kostümierten Burschen ragt.

Er grinst verzagt, während er auf sein Outfit herabschaut. Der Polyester-Anzug ist am rechten Arm und am Oberschenkel aufgerissen.

»Sieht aus, als hätten Sie einen spaßigen Vormittag gehabt«, sage ich und betrachte die Glasscherbe in seiner Haut. »Lassen Sie mich raten. Ihre Stirn hat Bekanntschaft mit einem Kronleuchter gemacht.«

Er nickt schuldbewusst; der Ausdruck in seinen Augen verrät mir, dass er nicht versucht hat zu fliegen.

»Und ich riskiere noch eine Frage.« Ich fasse mir ans Kinn. »Sie haben versucht, Ihr Sexleben aufzupeppen, indem Sie sich testweise an Ihren Kronleuchter gehängt haben.«

Er schluckt und nickt knapp. »Japp. Kriegen Sie das Ding wieder raus?«

»Etwas in der Art hat Ihre Lady vermutlich auch gesagt«, meine ich und er kichert. Ich klopfe ihm auf die Schulter. »Sorry, den Spruch konnte ich mir nicht verkneifen, aber die Antwort lautet Ja, und es wird nur eine kleine Narbe geben. Ich bin ziemlich gut im Nähen.«

Er holt tief Luft, und ich mache mich an die Arbeit, betäube seine Stirn, ehe ich die Scherbe herausziehe. Währenddessen unterhalten wir uns über seine Vorliebe für Superhelden, dann erzähle ich ihm von meiner bislang erfolglosen Wohnungssuche.

»Manhattan ist verrückt«, sagt er. »Selbst bei Gewerbeimmobilien sind die Preise durch die Decke gegangen.« Dann fügt er beinahe verlegen hinzu: »Andererseits will ich mich nicht beklagen, denn ich bin in der Immobilienbranche tätig.«

»Kluger Mann. Ein Quadratmeter in dieser Stadt ist so kostbar wie ein edles Juwel.« Ich vernähe die Stirnwunde.

Nach einigen Minuten bin ich fertig und eine Krankenschwester kehrt mit einem kleinen durchsichtigen Plastikbeutel zurück, in dem die Glasscherbe liegt. Sie gibt sie mir und ich reiche sie an den rechtmäßigen Besitzer weiter.

»Ein Andenken an Ihren heutigen Besuch in der Notaufnahme«, sage ich zu dem Mann, der den Beutel entgegennimmt.

»Danke, Doc. Traurig ist nur, dass die Lady und ich nicht mal zur Hauptsache gekommen sind.«

»Deshalb ist es ja ein urbaner Mythos. Man kann es nicht miteinander treiben, wenn man an einem Kronleuchter hängt. Und hey, wenn Sie das nächste Mal auf ein Abenteuer aus sind, besuchen Sie einen Kochkurs und danach gehen Sie nach Hause und benutzen für die Nachspeise einen Tisch, okay? Aber stellen Sie sicher, dass er aus glattem poliertem Holz besteht, denn ich möchte Ihnen keinen Acht-Zentimeter-Splitter aus dem Musculus gluteus ziehen müssen. Das wäre keine so gute Kriegsgeschichte.«

Er nickt entschlossen. »Ich verspreche es. Keine Akrobatik mehr.«

»Aber Hut ab dafür, dass Sie eine Frau haben, die Sie so mag«, sage ich, als wir das Untersuchungszimmer verlassen.

Er legt den Kopf schräg. »Woher wollen Sie wissen, dass sie mich mag?«

Ich nicke in Richtung des Wartebereichs am Ende des Ganges. Auf einem der Stühle sitzt eine dunkelhaarige Frau in einem auffälligen smaragdgrünen Kostüm, die an ihrer Unterlippe knabbert und auf die Uhr sieht. Als sie den Blick hebt und Aquaman sieht, leuchten ihre Augen auf.

»Ich nehme an, die Meerjungfrau hat Sie hergebracht und wartet auf Sie?«

»Yeah«, sagt Aquaman, während er mit einem schiefen Lächeln zu seiner Frau hinüberschaut.

»Heute Abend ab ins Bett. Und nur dort wird gedingst, wenn Sie verstehen, was ich meine«, sage ich mit leiser Stimme.

Er hebt den Daumen und nickt mir zu, ehe er losgeht.

Und das ist für heute das letzte Kapitel der Geschichten über unzüchtige Handlungen, die einen in die Notaufnahme bringen. Gestern war es eine Reißverschluss-Fehlfunktion. Letzte Woche war es ein Knochenbruch, der aus einem Flickflack resultierte. Ja, ihr wollt nicht wissen, welcher Knochen dabei brach.

Nach meinem Dienst ziehe ich mir in der Umkleide meine normalen Klamotten an, genauer eine Jeans und ein T-Shirt. Ich fahre mir mit den Fingern durchs Haar, nehme meine Brille und lasse den Arbeitstag hinter mir. In dem Moment, als sich die Glastüren des Mercy Hospitals hinter mir schließen, knipse ich den medizinischen Bereich meines Hirns aus, stecke mir die Ohrstöpsel rein und schalte das Hörbuch ein, das ich mir seit einer Weile anhöre. Es handelt von der Chaostheorie und begleitet mich auf dem Weg nach Greenwich Village, wo ich mit einem guten Kumpel verabredet bin.

Downtown steige ich in einem Pulk von New Yorkern aus der U-Bahn und gehe zum Sugar Love Sweet Shop, um dort meinen Kumpel Josie abzuholen.

Ja, dieser Kumpel hat zufällig Möpse.

Denn ich habe eine weitere Theorie – Männer und Frauen können Freunde sein, sehr gute sogar. Selbst wenn die Frau zufällig die großartigsten Brüste hat, derer dieser Mann je ansichtig wurde. Und ein geiler Body ist und bleibt ein geiler Body. Ich kann ihre tolle Figur aus empirischer Sicht würdigen, was allerdings nicht bedeutet, dass ich mich mit Josie an einen Kronleuchter hängen oder sie auf einem Tisch vögeln muss.

Okay, ich gebe zu, dass es sicherlich großartig wäre, sie auf einem Tisch zu vögeln, aber ich erlaube mir nicht, in dieser Art an Josie zu denken.

Selbst obwohl sie toll aussieht in dem pinken, weit ausgeschnittenen T-Shirt und der niedlichen Schürze mit Pünktchenmuster.

Als sie mich sieht, winkt sie mich in den Süßigkeitenladen herein.

Ich folge der Aufforderung, und mir läuft das Wasser im Mund zusammen, denn ich stehe auf süße Sachen.

2. Kapitel

Josie hält mir einen roten Fisch vor das Gesicht.

»Heute gefangen«, sagt sie und deutet mit einem auftrumpfenden Nicken auf die kleine Leckerei in ihrer Hand. »Frisch aus dem Süßigkeitenregal.«

»Hat er dir einen Kampf geliefert?«

Kopfschüttelnd lässt sie den Fisch in ein Plastiktütchen fallen. »Nee. Er hat sich meiner Kreditkarte ergeben. Ich habe ihn mir einfach so geschnappt.« Sie schnippt mit den Fingern.

Wenig später sind wir im Abingdon Square Park, einer kleinen dreieckigen Grünfläche am Rand des Village. Es ist einer der wenigen Parks in Manhattan, der sich wie eine Insel anfühlt. Wir setzen uns auf eine marineblaue Holzbank. Wir sind nicht weit entfernt vom Sugar Love Sweet Shop, wo Josie in einem Kurs gelernt hat, wie man Sushi-Süßigkeiten zubereitet.

Sie nimmt eine davon aus der Tüte und legt sie sich auf die Hand. »Bist du bereit?«

Ich öffne den Mund. »Steck es rein, Baby.«

Yeah, das klang vielleicht etwas zu versaut.

Aber wen kümmert’s? Mich nicht und Josie auch nicht, die zufällig die kleine Schwester meines besten Freunds Wyatt ist. Sie bat mich, heute als ihr Versuchskaninchen herzuhalten. Als Erstes soll ich etwas probieren, das sie »Swedish-Fish-Roll« nennt. Die rote Zuckermasse liegt auf einem Stück Rice Krispies und ist mit einem grünen Fruchtgummi umwickelt.

Momente wie dieser erinnern mich daran, dass alles eine Frage der Perspektive ist. Denn, im Ernst, mein Leben könnte schlechter sein. Sicher, bald schon werde ich ein Airbnb-Dauergast sein und zwischen durchgesessenen Sofas und noch durchgelegeneren Futons hin und her wechseln, aber auf meiner Zunge wird gleich etwas absolut Leckeres landen.

Ich beiße in die Swedish-Fish-Roll hinein, und es ist ein Karneval der Köstlichkeiten. Ich wackele mit den Augenbrauen und nicke anerkennend, während ich die Leckerei hinunterschlucke. Mit der Stimme eines hellauf begeisterten Restaurantkritikers sage ich: »Die perfekte Mischung aus Marshmallow-Süße und exotischem Fruchtgummi. Man nehme die Geschmackssensation der Jahrhundert-Süßigkeit Swedish Fish hinzu und fertig ist ein Meisterwerk.«

Josie ist Konditorin, allerdings nicht irgendeine. Sie ist eine Weltklasse-Desserteuse. Ich weiß nicht, ob es das Wort überhaupt gibt, aber es sollte es geben angesichts der Tatsache, wie Josie mit Mixer und Backblech umzugehen vermag. Jede süße Kreation von ihr schmeckt so gut, dass die Geschmacksnerven im Mund eine Party feiern. Wahrscheinlich hat sie deshalb mit der Sunshine Bakery, die sie von ihren Eltern übernahm, so einen durchschlagenden Erfolg.

Sie macht große Augen, als sie mein Meisterwerk-Kompliment hört. »Wirklich? Das sagst du nicht einfach nur so daher, oder, Chase?«

Meine Miene ist todernst, als ich ihr antworte: »Ich lüge nie, wenn es um Süßkram geht. Ein Paradebeispiel waren deine Chocolate-Chip-Cookies, die das schrecklichste Nahrungsmittel der Welt enthielten, weißt du noch?«

»Du kannst das Wort noch immer nicht aussprechen, oder?«

Ich schließe die Augen, und mir läuft ein Schauder über den Rücken. »Ich versuche die Erinnerung auszublenden, die Erinnerung an …« Ich hole tief Luft und zwinge mich, das Wort über die Lippen zu bringen. »Rosinen.« Als ich die Augen wieder öffne, sieht man in ihnen bestimmt noch mein Entsetzen über das, was Josie den hilflosen Cookies angetan hat. »Im Ernst. Wie kann man etwas so Wunderbares wie einen Chocolate-Chip-Cookie verderben mit einer … vertrockneten Weintraube?«

Sie macht eine wegwerfende Geste mit der Hand. »Auf diese Weise findet man heraus, was beim Backen zueinanderpasst und was nicht. Man muss es ausprobieren. Ich wollte etwas Neues versuchen. Cowboy-Cookies mit Chocolate-Chips, Kokosnuss und …«

Ich lege ihr meine Hand über die Lippen. »Sag es nicht noch mal.« Ich nehme die Hand herunter, und Josie verdreht die Augen und formt mit den Lippen das Wort Rosinen.

Ich zucke zusammen. »Wie auch immer, diese Sushi-Rolls sind das genaue Gegenteil. Sie sind perfekt. Aber warum musstest du dafür einen Kurs besuchen? Hättest du nicht einfach das Rezept besorgen können?«

Ihre Antwort ist simpel. »Ich mag es, Kurse zu besuchen, und ich möchte, dass diese kleinen Desserts so köstlich wie möglich schmecken. Außerdem hat die Frau, der der Laden gehört, die besten Süßigkeiten überhaupt. Ihre Swedish Fish sind nicht die normalen, die man im Supermarkt kaufen kann. Sie bereitet sie nach einem Familienrezept selbst zu. Sie sind wahnsinnig lecker, nicht wahr? Deshalb wollte ich mich mit dir gleich nach dem Kurs treffen. Damit du sie probieren kannst, solange sie noch ganz frisch sind.«

»Wirst du sie bei dir auch ganz frisch anbieten?«

Sie nickt aufgeregt und spreizt die Hände; der herzförmige Silberring an ihrem Zeigefinger glitzert in der Abendsonne. »Mein Plan ist folgendermaßen: Ich werde jeden Tag eine andere abgefahrene Süßigkeit anbieten. Zum Beispiel montags um drei die Sushi-Rolls, dienstags die Kokos-Chocolate-Chips-Cookies minus dem Nahrungsmittel, dessen Namen ich nicht aussprechen darf.«

Mit den Lippen forme ich lautlos das Wörtchen Danke.

»An Mittwochnachmittagen könnte ich Grapefruit-Macarons anbieten. Und ich möchte den Laden verstärkt in den sozialen Medien vermarkten, so wie es die Foodtrucks tun. Es wird in der Sunshine Bakery jedenfalls täglich zu einer bestimmten Uhrzeit eine frisch zubereitete Süßigkeit geben.«

»Die Idee ist brillant.« Ich räuspere mich, seufze und lege ihr eine Hand auf den Arm. »Aber eines muss ich dir sagen: Niemand mag Grapefruit. Selbst nicht in einem Macaron.«

Ihre grünen Augen schimmern, als ob sie ein Geheimnis hätte. »Ah, aber du hast meine Grapefruit-Macarons noch nie probiert. Ich mache dir demnächst welche. Glaub’s mir, sie sind köstlich«, sagt sie und zieht ihren Pferdeschwanz straff. Sie hat pinke Strähnchen im dunkelbraunen Haar. Normalerweise stehe ich nicht auf so etwas, aber bei Josie sieht es klasse aus. Es passt zu ihrer Persönlichkeit. Sie ist immer gut gelaunt, kontaktfreudig und extrem nett. Sie ist genau die Art Person, die mit pinken Haarsträhnen herumlaufen und gleichzeitig in der bunten Sunshine Bakery in der Upper East Side Torten, Cookies und Seven Layer Bars und dazu natürlich auch ihre Sushi-Rolls verkaufen kann.

Ihr ganzer Look passt perfekt zusammen – die weichen Rundungen, der warme Blick, das einladende Lächeln, die lustigen Strähnchen. Kein Wunder, dass diese Frau einer meiner besten Freunde wurde, seit ich sie vor über zehn Jahren kennengelernt habe. Es ist unmöglich, Josie nicht zu mögen.

Und ich erwähne hier noch nicht mal ihren Vorbau. Seht ihr, wie sittsam ich bin?

Sie lässt mich zwei weitere ihrer Kreationen probieren, aber beide sind nicht mein Ding. Ich sage es ihr, und sie nickt nur und bedankt sich. Dann zieht sie etwas aus der Tüte, das wie ein Twinkie-Sushi aussieht, umhüllt von einer Karamellschicht, die den Seetang darstellen soll.

»Probier den mal«, sagt sie und reicht ihn mir, als ein plötzlicher Windstoß die Äste eines nahen Baums rascheln lässt.

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Heißt es nicht, Twinkies seien ungesund?«

Sie zwinkert mir zu. »Alles, was gut schmeckt, ist ungesund.«

»Und trotzdem tun wir so, als wüssten wir das nicht.«

»Außerdem ist es ja gar kein normaler Twinkie«, fügt sie hinzu und deutet auf die Sushi-Roll.

»Was ist es dann? Der böse Cousin eines Twinkies? Ein Winkie Twinkie? Ein Kinky Twinkie?«

»Es ist ein Trinkie«, sagt sie lachend. »Den habe ich zu Hause gemacht und zum Kurs mitgebracht. Sozusagen meine eigene Twinkie-Version. Hier, probier mal.«

Ich beiße hinein und reiße die Augen auf. »Heiliger Bimbam. Den musst du in dein Sortiment aufnehmen.«

»Oh, es freut mich so, dass er dir schmeckt«, meint Josie grinsend. »So, deine Pflicht als mein liebster Vorkoster hast du erledigt. Weißt du eigentlich, wie schrecklich es für mich war, als du in Afrika warst?«

»War bestimmt die Hölle für dich, hier ohne mich klarkommen zu müssen«, sage ich, denn ich war für Ärzte ohne Grenzen ein Jahr in der Zentralafrikanischen Republik tätig und habe mich dort um die Ärmsten der Armen gekümmert. Es war eine extrem herausfordernde, aber auch erfüllende Zeit für mich, die einen besseren Arzt aus mir gemacht hat. Vielleicht auch einen besseren Menschen, das hoffe ich jedenfalls.

Auf jeden Fall habe ich es dort vermisst, für Josie den Vorkoster spielen zu dürfen.

»Es war heftig, Chase«, veralbert sie mich mit todernster Miene. »Jeder einzelne Tag ohne dich war eine schwere Prüfung für mich.«

»Apropos schwere Prüfung … Vorhin kam dieser lustige Typ in die Notaufnahme«, sage ich in dem Wissen, dass Josie auf meine Krankenhausstorys abfährt. Ihre Augen erstrahlen, und sie reibt sich die Hände, wie um zu sagen erzähl, erzähl, erzähl. »Er hatte die Tragkraft eines Kronleuchters getestet«, sage ich und erzähle ihr den Rest der Geschichte von Aquamans Sex-Abenteuer.

Sie kringelt sich vor Lachen. »Nun, das schlägt meinen verrückten Morgen.«

Ich ziehe die Brauen zusammen. »Wie, bist du etwa mit einem Rührstab intim geworden?«

»Ha, nein. Nachdem Natalie ausgezogen ist, suche ich seit letzter Woche einen neuen Mitbewohner.«

»Ach ja?« Natalie ist Josies frühere Mitbewohnerin. Jetzt ist sie mit Wyatt verheiratet und wohnt bei ihm.

»Apropos Schmerzen in der Stirn. Heute Morgen kam eine Frau vorbei, die sich auf meine Suchanzeige gemeldet hat. Sie sah sich die Wohnung an und wollte wissen, wann meine ›Ruhestunden‹ sind, also wann genau bei mir abends das Licht ausgeknipst wird.« Josie wirft mir einen ungläubigen Blick zu, der mir verrät, was sie von der Frage hält.

»Hast du ihr verraten, wann im Chez Josie Zapfenstreich ist?«

»Um Punkt einundzwanzig Uhr«, sagt sie genierlich und strafft den Rücken. »Aber ich habe mir erspart, ihr zu erzählen, dass ich nach neun gerne ausflippe und mir auf HBO in voller Lautstärke unanständige Filme anschaue.«

»Als ob es auf dem Sender noch etwas anderes zu sehen gäbe.«

Sie tippt mir ans Bein. »Aber die Härte war die andere Interessentin, die gefragt hat, ob in meiner Wohnung Schlangen erlaubt sind.«

»Echt jetzt?«, rufe ich erschrocken. Mit Blut, Eingeweiden und seltsamen Gegenständen in gewissen Körperöffnungen habe ich kein Problem. Aber Tiere, die sich über den Boden schlängeln? Igitt. Nicht mein Ding.

»Schlangen? Warum müssen es ausgerechnet Schlangen sein?«, zitieren Josie und ich unisono eine Zeile aus Jäger des verlorenen Schatzes.

Sie schaudert. »Ich schwöre dir, im Moment mache ich nichts anderes, als mir potenzielle Mitbewohner anzusehen. Es ist der reinste Wahnsinn. Es ging los, sobald ich die Anzeige geschaltet habe: Weiblicher Mitbewohner zwischen zwanzig und dreißig gesucht. Die nächste Interessentin wollte wissen, ob ich abends noch backe. Sie sagte, die Wohnung rieche zwar himmlisch, aber sie müsse sicher sein, dass ihre Nase nach zwanzig Uhr nicht von Kuchendüften attackiert werde. Sie sagte es so, als wäre es das Äquivalent zu Schuhcreme oder etwas ähnlich Schrecklichem.«

»Mich würde das null stören. Wenn ich bei dir wohnen würde, könntest du so viel backen, wie du willst.«

»Und du könntest all meine Kreationen vorkosten.«

Ich blase die Backen auf. »Ich wäre nach kürzester Zeit ein dickbäuchiger Fettsack«, entgegne ich.

»Wohl kaum.« Sie streckt eine Hand aus und klopft mir auf den Bauch. Er ist flach wie ein Brett. Ich mache viel Sport und bewege mich in der Stadt meistens zu Fuß oder auf dem Fahrrad. Meine Mutter sagte, als Kind hätte ich keine Sekunde stillsitzen können, wäre immer in Bewegung gewesen, hätte fortwährend unter Strom gestanden. Und das gilt wohl bis heute. Vermutlich entschied ich mich deshalb für die Arbeit in der Notaufnahme. Man ist dort ständig in Bewegung, hat keine ruhige Sekunde. Es ist eine körperliche und mentale Herausforderung.

»Wärst du doch nur ein Mädchen.« Josie seufzt traurig. »Du wärst der perfekte Mitbewohner.«

»Wenn ich ein Mädchen wäre, würde ich den ganzen Tag lang mit meinen Titten spielen.«

»Würdest du nicht.«

»Würde ich wohl.« Ich hebe die Hände an den Brustkorb und wackele mit den Händen, ahme meine Lieblingsbeschäftigung in diesem Was-wäre-wenn-Szenario nach.

Sie knufft mich ins Bein. »Das ist doch Quatsch.« Dann legt sie den Kopf schräg, als in einem nahen Baum ein Vogel zu zwitschern beginnt. »Aber genug von mir. Hast du gute Neuigkeiten wegen der Wohnung in Chelsea, die du unbedingt haben willst?« Sie überkreuzt den Mittel- und Zeigefinger. Sie weiß, dass ich seit geraumer Zeit eine vernünftige Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnung suche. Irgendetwas, das mir allein gehört, wo mich niemand am Ende des Tages stört. Und auch nicht am Beginn des Tages.

Ich fahre mir durchs Haar. »Nee. Lass uns einfach sagen, ans letzte Angebot waren Bedingungen geknüpft, die mir bewusst machten, dass ich noch mal von vorne anfangen muss. Genauer gesagt, meine Maklerin schlug mir einen Dreier vor.«

Ihr fällt die Kinnlade herunter. »Echt jetzt?«

Ich nicke. »Yeah. Echt jetzt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie richtig verstanden habe. Sonst hätte sie mir wohl nicht erzählt, dass sie auch ein köstliches Ceviche kochen kann. Sie hat es eindeutig als Lockmittel benutzt.«

Josie runzelt die Stirn. »Kapier ich nicht. Was hat denn ein peruanisches Fischgericht mit einem Dreier zu tun?«

Ich lache und schüttele den Kopf. »Nichts, glaube ich. Ich stehe nicht auf Dreier, deshalb weiß ich es nicht so genau. Ich weiß nur, dass sie völlig normal klang, als sie ihren Ehemann und dann das Ceviche erwähnte. Daraus schließe ich, dass sie es ernst meinte.«

Josie wedelt mit erhobenen Händen, gibt sich geschlagen. »Du hast gewonnen. Das ist verrückter als die Zapfenstreich-Lady, die Schlangen-Lady und die Nicht-nach-acht-Uhr-backen-Lady.«

»Du sagst es. Und die ständige Herumfahrerei macht mich fertig«, erwidere ich seufzend. Als ich vor einigen Monaten in die Staaten zurückkehrte, zog ich bei meinem Bruder Max ein, aber er wohnt Downtown – ich meine ganz unten Downtown – und ich arbeite im Norden von Manhattan. Außerdem ist es nicht meine Art, ewig bei ihm wohnen zu bleiben. »Es ist, als würde auf mir ein Fluch lasten, wenn es darum geht, eine vernünftige Wohnung zu finden. Und auf dir scheint ein Fluch zu lasten, wenn es darum geht, einen …«

»… vernünftigen Mitbewohner zu finden.« Ihre Stimme verklingt, während sie mich anstarrt. Und ich meine es wörtlich, sie starrt mich an. Und während sie mich eindringlich mustert, macht es klick. Uns beiden geht buchstäblich im selben Moment ein Licht auf. Ich erkenne es am Funkeln in ihren Augen. Ich bin sicher, dass ich genauso aussehe.

»Warum sind wir nicht früher darauf gekommen?«, fragt sie langsam, sichtlich erstaunt.

Ich deute auf sie, dann auf mich. »Du meinst den Umstand, dass ich dein Mitbewohner-Problem lösen kann und du mein Wohnungs-Problem?«

Sie nickt mehrere Male. »Nur weil ich eigentlich eine Frau als Mitbewohnerin suche, bedeutet das nicht …«

»… dass es nicht auch mit einem männlichen Mitbewohner funktionieren könnte?«, beende ich ihren Satz und spüre die aufwallende Hoffnung in mir. Das könnte die Lösung sein. Heilige Scheiße. Es könnte wirklich die verdammte Lösung sein, und ich müsste dafür weder eine Niere hergeben noch irgendeinen Spleen ablegen und auf einen – absolut unerwünschten – Dreier müsste ich mich auch nicht einlassen.

Sie schluckt. Sieht nervös aus. »Wäre das nicht seltsam für dich? Ich weiß, dass du eigentlich allein wohnen möchtest.«

Ich schüttele entschieden den Kopf. »Im Moment möchte ich einfach nur eine feste Bleibe. Bietest du mir wirklich ein Zimmer bei dir an?«, frage ich und vielleicht sollte ich mich etwas eingehender mit den Implikationen eines solchen Arrangements befassen. Aber fuck, dies ist kein Patient mit ungewöhnlichen Symptomen, deretwegen ich Dr. House zurate ziehen müsste. Dies ist eine simple Unpässlichkeit, wie Kopfschmerzen, für die es die Nimm-Aspirin-und-ruf-mich-morgen-früh-an-Lösung gibt.

Sie ahmt mit den Händen eine Waage nach, wägt die Situation ab. »Ich brauche einen Mitbewohner und habe bislang keinen gefunden, der nicht verrückt ist. Du wiederum brauchst eine Bleibe und hast nichts Passendes gefunden, das nicht an heikle Bedingungen geknüpft wäre.« Sie klatscht in die Hände. »Und lass uns nicht vergessen, dass wir uns immer super verstanden haben.«

Ich nicke vehement. »Stimmt genau, du nimmst mir die Worte aus dem Mund.«

»Ich meine, hat es je einen Mann und eine befreundete Frau gegeben, die sich so gut verstehen wie wir beide?«

Ich schneide mit der Hand durch die Luft. »Fuck, nein. Das hat es in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben.«

»Außerdem stehst du auf meine Kochkünste, und ich finde es gut, dass du nicht stundenlang das Bad blockierst, weil du dir das Haar föhnen und dir Make-up auftragen musst.«

Ich deute auf mein Gesicht. »Im Bad brauche ich keine fünf Minuten. Ich sehe von Natur aus gut aus.«

Sie stößt mich mit dem Ellbogen an. »Auch gut wäre, dass jeder von uns genügend Freiraum hätte. Da ich sehr früh zur Arbeit gehe, würden wir nicht ständig aufeinanderhängen.«

Mein Schwanz regt sich, jedoch nicht, weil ich scharf auf sie wäre, aber hallo? Die Vorstellung, wie sie mit ihrem niedlichen sexy Körper auf mir hängt, muss von Rechts wegen eine Erektion hervorrufen. Täte sie es nicht, müsste ich mich auf erektile Dysfunktion untersuchen lassen.

»Wir würden nur ein paar Sekunden am Tag aufeinanderhängen«, erwidere ich und kann nicht widerstehen, dabei mit den Augen zu klimpern. Da dies für uns beide eine großartige Lösung wäre, preise ich mich weiter an und sage: »Ich bin auch extrem gut darin, schwer erreichbare Gegenstände oben vom Regal zu holen, Sektflaschen zu öffnen, den Müll runterzubringen und jede andere Männer-Aufgabe zu übernehmen, die du an mich delegierst. Ganz zu schweigen davon, dass ich Wunden vernähen und Herzen wieder zum Schlagen bringen kann.«

Sie legt sich einen Finger an die Lippen. »Aufgaben für Männer gibt es bei mir jede Menge. Außerdem stehen bei mir mindestens zwei Dutzend ungeöffnete Sektflaschen herum, die nach deiner Aufmerksamkeit kreischen.«

Ich balle eine Hand zur Faust. »Heißt das, du löschst die Mitbewohner-Annonce? Auf der Stelle?«

Sie schnappt sich ihr Smartphone und nimmt die Annonce aus dem Netz. Wir haben gewissermaßen eine Schmerztablette geschluckt, um unser Problem zu lösen, und müssen am Morgen nicht mal mehr den Onkel Doktor anrufen.

3. Kapitel

Aus Josies Rezeptesammlung

Josies Swedish-Fish-Rolls

Zutaten:

1 Esslöffel Butter

12 Marshmallows

(aber bitte die ohne Gelatine, weil Gelatine = eklig)

2 Tassen Puffreis

4 längliche Fruchtgummis

1 Tüte Swedish Fish

(Wie viele Swedish Fish ihr nehmt, ist eure Sache, aber es sollten schon einige sein, denn während ihr das Sushi zubereitet, werdet ihr jede Menge Swedish Fish naschen, weil sie köstlich sind.)

Zubereitung:

1. Die Butter in einem mittelgroßen Topf bei niedriger Temperatur schmelzen, Marshmallows hinzugeben und verrühren, bis sie sich vollständig aufgelöst haben.

Apropos schmelzen: So fühle ich mich nicht in Chase Summers Gegenwart, ganz gleich wie gut er aussieht. Ich schwöre, der Mann lässt mich nicht dahinschmelzen. Aber er ist höchst unterhaltsam, und das ist einer der vielen Gründe, warum ich ihm vorschlug, bei mir einzuziehen. Mit Chase zusammenzuwohnen wird sein, als würde den ganzen Tag HBO laufen. Natürlich ohne die Nacktszenen. Außer ich beobachte ihn heimlich beim Duschen. Aber das werde ich natürlich nicht tun.

2. Den Puffreis zu den geschmolzenen Marshmallows hinzugeben, gut verrühren.

3. Die Fruchtgummis auswalzen und mit der Marshmallow-Puffreismischung bestreichen.

4. Mit mehreren Swedish Fish belegen.

5. Die Fruchtgummis vorsichtig herumwickeln.

6. Ein scharfes Messer in eine Schüssel mit sehr warmem Wasser legen. Die Fruchtgummis zerteilen und servieren.

7. Mit einem guten Freund auffuttern.

Optionaler Schritt: Klopfe dir auf die Schulter für die großartige Idee, mit einem guten Freund zusammenzuwohnen, der dich zum Lachen bringt und dir als Vorkoster wertvolle geschäftliche Dienste leistet. Wir beide passen ausgezeichnet zusammen.

4. Kapitel

Josie und ich marschieren durch die Stadt wie zwei siegreiche Generäle auf dem Schlachtfeld des New Yorker Immobilienmarktes. Nun lassen wir das Gemetzel hinter uns und klären das Regelwerk unserer neuen gemeinsamen Zukunft ab.

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