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Zuckerküsse und Lamettaglitzern

Er braucht keine Köchin - und stellt sie trotzdem ein


Sie will sich beweisen - und sich nicht verlieben

Als ob die Weihnachtszeit nicht schon stressig genug wäre. Parker hat alle Hände voll mit der Eröffnung seines neuen Restaurants zu tun. Es muss vor Weihnachten fertig werden, denn sein großer Bruder möchte seine Winterhochzeit in der ausgebauten Scheune auf dem Weingut feiern. Und obwohl Parker keine Köchin gesucht hat, steht plötzlich Gabriella vor ihm und bewirbt sich als Küchenchefin. Die schöne Halbitalienerin lässt nicht locker, und Parker kann nicht widerstehen, denn es knistert gewaltig.

»Witzig, flirty und voller Emotionen. Ich bin total verliebt in Candis Terrys Sunshine-Valley-Serie.« Rachel Lacey

  • Erscheinungstag: 01.10.2018
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955768546
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für meinen Vater und die vielen Jahre, die wir verloren haben.

Es ist alles vergeben.

Vix ea nostro voco

1. Kapitel

»Du kriegst das doch fertig, oder?«

Die durchdringende Kälte des Novembertags hing in der Luft. Parker Kincade blickte zu seinem älteren Bruder Jordan, einem ehemaligen knallharten NHL-Eishockeyspieler, der früher seine Gegner auf dem Eis so hart angerempelt hatte, dass sie für eine Weile ihren Namen vergaßen. Jetzt fragte Parker sich, wie aus dem zweihundert Pfund schweren Mann, noch dazu einem zweihundertprozentigen Alphatier, so ein Weichei werden konnte.

»Das habe ich dir doch schon hundertmal gesagt.«

»Ja«, konterte Jordan. »Aber du hast auch behauptet, du hättest Britney Braxton vernascht. Die Kleine, die sich immer den Bikini ausgestopft hat. Und das war eine verdammte Lüge.«

»Weißt du was, Alter? Ich hasse es, dir das sagen zu müssen, aber du hast anscheinend doch ein paar Schläge zu viel auf den Kopf bekommen. Oder wieso kommst du hier mit etwas an, was vor fast zwei Jahrzehnten passiert ist?« Parker verschränkte die Arme vor der Brust und ahmte damit die Haltung seines Bruders nach. »Damals war ich ein Kind. Kinder lügen, um ihre älteren Brüder zu beeindrucken, die sie Schlappschwanz nennen und herausfordern, blöde Sachen zu machen.«

Jordan verzog den Mund zu einem Grinsen. »Also gibst du zu, dass du gelogen hast?«

»Ach du meine Güte.« Parker warf die Hände in die Luft. »Für so einen Scheiß hab ich wirklich keine Zeit. Falls es dir trotz des Durcheinanders hier nicht klar ist: Ich versuche, demnächst ein Restaurant zu eröffnen.« Das betreffende Restaurant bestand zurzeit aus einer Ansammlung von Brettern, Schrauben und Bauarbeitern, die mit unterschiedlichen Werkzeugen bemüht waren, den Verzug von mehreren Wochen aufzuholen. Es war Parkers einzige Möglichkeit, das Familienunternehmen nach dem Tod ihrer Eltern wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen.

»Was uns zurück zu meiner ursprünglichen Frage bringt.«

»Alter.« Parker stöhnte und streckte die Hand aus. »Gib schon her.«

»Was meinst du?«

»Deinen Mitgliedsausweis für den Club der echten Männer. Den ziehe ich hiermit ein. Du scheinst dich nämlich wirklich in Groomzilla, das Ehe-Monster, verwandelt zu haben. Und soweit ich mich erinnere, bin ich nicht dein verdammter Hochzeitsplaner.«

»Hochzeitsplaner stehen nicht in halb renovierten, hundert Jahre alten Scheunen, in denen Lucy und ich unseren Hochzeitsempfang abhalten wollen.« Jordan kniff die für die Kincades typischen blauen Augen zusammen. »Du hast versprochen, dass du den Laden rechtzeitig fertig bekommst.«

»Und das könnte auch klappen, wenn du aufhörst, alle zehn Minuten vorbeizukommen, um dich von den Fortschritten zu überzeugen. Deine Hochzeit ist doch erst in der Woche vor Weihnachten. Draußen stehen noch die Kürbisse von Halloween, und die Truthähne für Thanksgiving sind noch nicht einmal geschlachtet. Also halt endlich mal die Füße still.«

Ein wütendes Funkeln verdüsterte Jordans Blick, und ein Muskel in seinem Kiefer begann zu zucken.

Parker lachte. »Tut mir leid, Brüderchen, aber auch wenn du mit diesem Blick deine Hockeygegner einschüchtern konntest: mich nicht!«

»Mag sein, aber ich kann dir immer noch in den Arsch treten.«

»Versuch das ruhig. Aber wenn du mich verletzt, kannst du deinen ach so tollen Traum-Hochzeitsempfang im Mother Lode stattfinden lassen. Stell dir nur vor, wie enttäuscht deine süße Verlobte sein wird, wenn da jemand auf die Bühne torkelt und lallend einen Karaoke-Song zum Besten gibt, während ihr eure Hochzeitstorte anschneidet.«

»Ja, ja, schon gut. Aber ich hab dich weiter im Blick, kleiner Bruder.« Jordan führte zwei Finger an seine Augen, ehe er sie auf Parker richtete. »Enttäusch Lucy ja nicht.«

»Keine Sorge. Vor ihr habe ich mehr Angst als vor dir.« Parker fragte sich, warum es ihn so befriedigte, seinen Bruder derart aufgewühlt zu erleben. Außerdem fragte er sich, wie Jordans Verlobte es im Moment noch mit ihm aushielt. Alle anderen waren schon tierisch genervt. »Aber wenn du nicht endlich deinen Arsch von hier wegbewegst und ihn auch draußen lässt, garantiere ich dir, dass das Restaurant nicht fertig wird. Und dann heulst du mir die Ohren voll wie ein kleines Mädchen.«

Jordan starrte ihn noch einmal wütend an, zeigte Parker im Weggehen kurz den Mittelfinger und war dann – glücklicherweise – verschwunden.

Während Jordan durch die große Öffnung hinausmarschierte, in der der neue Eingang zum Restaurant entstehen sollte, rieb Parker sich die schmerzende Brust. Er stand unter Druck, bemühte sich aber krampfhaft, sich von seinen Ängsten nicht niederringen und sich die Motivation nicht austreiben zu lassen. Egal, wie groß die Erwartungen waren.

Als hätte das Schicksal ihm nicht schon genügend Steine in den Weg gelegt, war ihm auch noch die glorreiche Idee gekommen, ein Restaurant zu eröffnen. In einer Scheune. Wo früher einmal Pferde, Kühe und Schafe gefressen, gelebt und ihre schmutzigen Geschäfte verrichtet hatten. Wo Spinnen sich nicht mit einem einzigen Netz begnügten, sondern ganze Städte bauten. Und wo seine älteren Brüder angeblich die eine oder andere holde Jungfrau überredet hatten, sich im Heu ihres T-Shirts zu entledigen. Ganz zu schweigen davon, dass die Scheune auf dem Weingut der Familie in Sunshine Valley lag, nicht in den nahe gelegenen – und vor allem belebten – Städten Portland oder Vancouver, wo die Gäste zumindest die Chance hätten, das Restaurant zu finden.

Was zum Teufel hatte er sich nur dabei gedacht?

Er stand mit zurückgelegtem Kopf in der Mitte der Scheune mit den kahlen Wänden und dem provisorischen Fußboden, um den Elektrikern zuzuschauen, die auf hohen Leitern Kabel für die Beleuchtung verlegten. Es wäre schon ein verdammtes Wunder, wenn sie den Schuppen nicht abfackelten, ehe der Brandschutz die Chance hatte, das Gebäude zu inspizieren.

Sean Scott, der Architekt und Bauleiter, hatte ihm gesagt, es wäre sehr viel einfacher gewesen, ein nagelneues Gebäude zu errichten, statt dieses alte, seit mindestens zwanzig Jahren unbenutzte Gemäuer wieder zum Leben zu erwecken. Aber es gab unzählige Gründe – allesamt sehr persönliche Gründe –, warum Parker darauf beharrt hatte, dieses Kincade-Erbe zu bewahren. Egal, welche stinkenden Tiere hier gehaust hatten; er liebte diese Scheune, die sein Urgroßvater mit eigenen Händen erbaut hatte.

Es war noch ein verdammt langer Weg, ehe das Ganze zu dem Traum wurde, den er vor Augen hatte. Aber noch verspürte er Hoffnung.

Er konnte es schaffen.

Er würde es schaffen.

Er musste es schaffen.

Und zwar nicht nur, weil er seine gesamten Ersparnisse in das Projekt gesteckt hatte.

In der Vergangenheit hatte er sich – nicht ganz zu Unrecht – den Titel »schwarzes Schaf der Familie« verdient. Und auch wenn er diese Phase inzwischen überwunden hatte, musste er seiner Familie noch immer beweisen, dass er geläutert war.

»Halten Sie Ausschau nach Fledermäusen?«

Parker senkte den Blick und drehte sich in die Richtung, aus der die Frage gekommen war. An der Stelle, an der noch vor wenigen Minuten sein Bruder herumgelungert hatte, stand jetzt eine atemberaubend kurvige Frau.

»Hallo.« Ihre roten High Heels klapperten auf den Sperrholzplatten, als sie die Scheune betrat, wo Parker sie genauer mustern konnte.

Ausgewaschene Jeans schmiegten sich an wohlgeformte Hüften und Oberschenkel. Ein Ärmel ihres dünnen beigefarbenen Sweaters war heruntergerutscht und entblößte eine nackte Schulter, und das lange, seidig braune Haar fiel in weichen Locken auf ihren Rücken. Als sein Blick endlich ihr hübsches Gesicht erreicht hatte, sah er, dass ihr kirschroter Mund und die schokoladenbraunen Augen lächelten.

Okay.

Sie hatte ihn dabei erwischt, wie er sie angestarrt hatte.

Als sie vor ihm stand und die Hand ausstreckte, erkannte er, dass sie sehr viel kleiner war, als er zuerst gedacht hatte. Himmel, trotz ihrer hohen Absätze überragte er sie bei weitem.

Ihre Hand versank in seiner, als sie sich begrüßten.

»Sie sehen mich so ratlos an.« Verwirrt neigte er den Kopf zur Seite. »Kennen wir uns?«

»Noch nicht. Gabriella Francesca Montani«, sagte sie mit einer herrlich sinnlichen Stimme. »Ich bin Ihre neue Küchenchefin.«

»Meine was?« Er blickte sich in der Scheune um, auf der Suche nach der versteckten Kamera, die seine Brüder aufgestellt haben mussten.

Sie schüttelte seine Hand noch einmal fest, ehe sie sie losließ. »Überrascht?«

»Weil ich gar nicht die Absicht habe, jemanden einzustellen? Ja.«

»Aber bald brauchen Sie jemanden.« Ihre braunen Augen funkelten. »Stimmt’s?«

»Irgendwann vielleicht. Im Augenblick stehen gerade einmal die Wände, und das Restaurant wird frühestens nach Weihnachten eröffnet.«

»Gut.« Sie schenkte ihm ein selbstbewusstes Lächeln. »Dann bin ich jetzt die Erste in der Warteschlange.«

Ein unangenehmer Verdacht keimte in ihm auf. »Woher wissen Sie, dass ich ein Restaurant eröffnen will? Ich habe das noch gar nicht offiziell bekanntgegeben.«

»Aber Sie haben darüber mit ihren Kunden am Food Truck gesprochen.«

»Sie sind eine Kundin von mir?«

»Ja.«

»Und ich habe mit Ihnen darüber geredet?«

»Nicht direkt.«

»Aha. Also haben Sie gelauscht.«

»Vermutlich.«

»Soll das heißen, dass Sie mich ausspionieren? Sind Sie eine Stalkerin?« Nicht dass es ihm etwas ausmachte. Sie war bezaubernd und höllisch sexy.

»Stalken würde ich es nicht nennen.« Sie lachte leise, und dieses Lachen rieselte durch ihn hindurch und beschwor Bilder herauf, die er nicht im Kopf haben sollte. »Ich weiß nur gern viel über einen Arbeitgeber, ehe ich für ihn arbeite.«

Hoffnung schwang in ihrer Stimme mit, ohne aufdringlich zu wirken. Umso weniger durfte er sie in dem Glauben lassen, er könne ihr einen Job bieten. Selbst wenn er absolut nichts dagegen hätte, sie besser kennenzulernen. Privat. Es wäre einfach nicht fair. »Nun, ich weiß Ihr Interesse zu schätzen, aber Sie vergeuden Ihre Zeit, Miss …«

»Montani. Aber bitte nennen Sie mich doch Gabriella.«

All das, was ihn als Mann ausmachte, schrie geradezu, dass er sie nennen würde, wie sie wollte, solange sie ihre Beine um seine Hüften schlang, und er sie auf die intimste Weise kennenlernen konnte.

»Miss Montani.« Es war sinnlos, weiter Smalltalk zu betreiben, wenn sie in ein paar Minuten wieder weg war. Es sei denn, er konnte sie davon überzeugen, aus anderen Gründen hierzubleiben. »Wie Sie vielleicht sehen, bin ich derzeit nicht in der Lage, jemanden einzustellen. Es tut mir wirklich leid, dass Sie umsonst den weiten Weg hier heraus auf sich genommen haben, aber … na ja, so ist es nun einmal.«

»Glauben Sie mir, Mr. Kincade, alles, was ich tue, ist wohlüberlegt. Sie bieten hier eine ganz erstaunliche Chance, und ich möchte Ihre Küchenchefin werden. Ich kann Ihnen versprechen, dass es absolut kein Fehler war herzukommen.«

Die Frau war hartnäckig, das musste man ihr lassen. Leider gab es nichts, was er ihr anbieten konnte.

»Um es klar auszusprechen: Ich werde hier Küchenchef sein. Es ist schließlich mein Restaurant. Warum sollte ich das Ruder aus der Hand geben, noch dazu einer völlig Fremden?«

»Also fällt es Ihnen schwer, Verantwortung abzugeben, weil Sie es nicht mögen, wenn andere das Sagen haben?«

Bei der Arbeit? Ja.

Im Bett. Niemals.

Aber das sagte er ihr natürlich nicht.

»Kommt drauf an.«

»Niemand kann alles alleine machen.« Sie lächelte wieder, und er erkannte, dass sie dieses Lächeln wie eine Waffe einsetzte – da konnte selbst der stärkste Mann schwach werden. »Ich habe Ihr Essen probiert. Ich habe Sie bei der Arbeit beobachtet.«

»Also sind Sie doch eine Stalkerin.«

»Nein, ich beobachte nur. Und nur deshalb, weil ich Sie verstehen wollte.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich so leicht zu durchschauen bin.« Was natürlich Quatsch war. Man hatte ihm schon oft gesagt, dass man in ihm wie in einem offenen Buch lesen konnte. Vielleicht sollte er sich doch mal eine rätselhaftere Aura zulegen.

»Nur, wenn es um den Job geht«, sagte sie. »Ihre Hingabe ist bewundernswert, genau wie die Art, mit der Sie sich um jedes Detail kümmern, wirklich erstaunlich.«

Zum Glück wusste sie nicht, was er gerade dachte, sonst hätte sie ihm bestimmt eine schallende Ohrfeige verpasst. Denn nichts, aber auch wirklich gar nichts, machte ihn mehr an, als eine starke Frau, die wusste, was sie wollte, und alles daransetzte, es zu bekommen.

»Danke.«

»Mir gefällt es, wie Sie mit Lebensmitteln umgehen«, sagte sie in einem Tonfall, der ihm verriet, dass sie es ernst meinte. »Ich würde nie für jemanden arbeiten, der irgendetwas auf den Teller knallt und als Spezialität verkauft. Ich suche jemanden, der Essen in seiner wahren Form versteht. Jemand, der nicht versucht, den Geschmack zu verändern, zu unterdrücken oder zu Tode zu stylen, sondern jemanden, der weiß, wie man den Geschmack so hervorhebt, dass das Essen ein Erlebnis wird, bei dem einem das Wasser im Munde zusammenläuft. So wie eine perfekt gereifte Tomate, deren sonnengewärmte Süße im Mund explodiert.«

Du meine Güte!

Wenn die Frau schon beim Essen so poetisch werden konnte, mochte er sich gar nicht vorstellen, wie sie im Bett klang.

»Und deshalb wollen Sie für mich arbeiten?«, sagte er. »Das fasse ich mal als Kompliment auf.«

»Ich muss zugeben, dass ich Sie auch in der Sendung Chopped gesehen habe. Es war genau richtig, dass die Juroren Ihre Kreativität und Kunstfertigkeit gelobt haben. Die Gerichte waren wirklich eine Augenweide.«

Das klang nach einem ehrlichen Kompliment. Trotzdem … »Wollen Sie mir Honig um den Bart schmieren, damit ich Sie anstelle, obwohl ich gar keinen Job zu vergeben habe?«

»Nein, ich bin nur ehrlich. Ich will mir kaum vorstellen, wie schwierig es ist, in dieser Show aufzutreten.«

»Schwierig?« Er zuckte mit den Schultern. »Es war eher eine persönliche Herausforderung.« Diese Show war weniger ein Kochwettbewerb als eine Spielshow. Nachdem er das einmal erkannt hatte, war es gar nicht so schwer gewesen, sich bis ins Finale durchzukämpfen und überraschenderweise sogar als Gewinner hervorzugehen.

»Nun, was auch immer es war, was Sie da gezaubert haben, es hat auf jeden Fall funktioniert. Glückwunsch.«

»Nochmals danke.« Er lächelte. War sie vielleicht einfach ein Groupie der Show? Konnte nichts schaden, ihr mal auf den Zahn zu fühlen. Für alle Fälle. »Und was machen Sie im Moment? Welchen Job möchten Sie so dringend hinter sich lassen?«

Sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne und hob leise seufzend die Schultern.

Parker fand ihr Zögern total faszinierend.

Verdammt, alles an dieser Frau faszinierte ihn.

Und das war nicht unbedingt eine gute Nachricht.

Parker Kincades Worte rauschten durch Gabis Kopf, und das fühlte sich fast so an, als hätte sie zu viel Wein getrunken.

Gefährlich.

Verführerisch.

Wie sehr wünschte sie sich, ihm das schmutzige T-Shirt über den Kopf zu ziehen, um die Muskeln, die sich ganz offensichtlich unter dem verblichenen Baumwollstoff verbargen, genauer unter die Lupe zu nehmen.

Konzentrier dich, Gabi!

Seine intelligenten, fesselnden blauen Augen lächelten aus einem Gesicht, das so faszinierend war, dass es sie fast umhaute. Die unglaubliche Kombination von dichten dunklen Wimpern, kräftigem, stoppeligem Kinn und etwas zu langen, fast schwarzen lockigen Haaren gab ihm ein leicht wildes Aussehen, dem sie nicht widerstehen konnte.

Er brachte sie definitiv aus dem Tritt, was nicht gut war. Denn alles, was sie von ihrem Ziel ablenkte, stellte ein Dilemma dar, darüber musste sie sich im Klaren sein.

»Zurzeit bin ich Köchin in einem Privathaushalt«, sagte sie.

»Klingt nach einem netten, bequemen Job.«

»Ich arbeite für Milton Skolnick. Der Name ist Ihnen vielleicht schon untergekommen? Er hat vor zwei Jahren den größten Lottogewinn aller Zeiten abgesahnt.«

»Also werden Sie auch noch gut bezahlt.« Mit seiner großen Hand rieb er sich geistesabwesend die dunklen Bartstoppeln. »Jetzt bin ich aber wirklich neugierig, warum Sie den Job wechseln wollen.«

Sie hatte schon in der Chopped-Show gesehen, wie er sich den Bart gerieben hatte, und wusste, dass sein Gehirn in diesen Momenten auf Hochtouren arbeitete. Als sie herausgefunden hatte, dass er einen Food Truck in Portland besaß, wo sie wohnte, war sie an ihren freien Tagen hin und wieder dort vorbeigegangen, um sich etwas zum Mittagessen zu holen. Seine kreativen Gerichte und die offensichtliche Begeisterung, mit der er sie zubereitete, hatten sie fasziniert. Fast genauso, wie er selbst sie faszinierte.

Während der Arbeit flirtete er schamlos mit seinen Kundinnen, die Männer jedoch behandelte er wie Kumpel. Er hatte eine lockere Art, und all seine Gäste am Food Truck schienen ihn zu lieben. Wenn sie für Parker Kincade arbeiten wollte, musste sie zugänglich, gesprächig und vor allem ehrlich sein. Oder zumindest so ehrlich, wie es möglich war, ohne die ganze Wahrheit zu sagen.

Denn mit der ganzen Wahrheit herauszurücken war auf keinen Fall eine Option.

»Manchmal ist guter Lohn nicht alles«, sagte sie. »Mr. Skolnick findet es schick, eine persönliche Köchin zu haben, kennt aber nicht einmal den Unterschied zwischen einer Rübe und einer Kartoffel. Er hält Sandwiches mit Erdnussbutter und Chips für eine Delikatesse. Und er beharrt darauf, dass Salzstangen ein besserer Partysnack sind als ein Teller mit Krabben-Beignets oder sautierte Steak-Salat-Becher.«

»Mit anderen Worten, Sie haben leichte kulinarische Differenzen mit Ihrem Arbeitgeber.«

»Unter anderem.« Dass er sie neulich mal wieder – völlig unbeabsichtigt, ich schwöre, es war ein Versehen – angegrapscht hatte, machte die Sache auch nicht angenehmer. Obwohl sie einen Job brauchte, brauchte sie ihn nicht so dringend, dass sie sich eine derart miese Behandlung bieten ließ. »Ich bin unterbeschäftigt, werde unterschätzt und erwarte etwas mehr Kreativität von meinem Beruf, als gefrorene Pizza in den Ofen zu schieben oder Würstchen auf einem Gaskocher zuzubereiten. Mr. Skolnick legt keinen Wert auf eine fantasievolle Küchenchefin. Er wäre auch mit Käpt’n Iglo oder so zufrieden.«

Parkers maskuline Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Das heißt, Sie haben keinerlei Spielraum für neue Erkundungen?« So, wie seine Augen funkelten, konnte er dabei auch etwas anderes im Kopf haben. Etwas, was auch bei ihr Gedanken auslöste, die absolut nichts mit dem zu tun hatten, worüber sie gerade sprachen.

»Leider nein.«

»Das heißt, Sie sitzen in der Zwickmühle. Gutes Gehalt oder guter Job.«

Sie holte tief Luft. »Das kann man wohl sagen.« Denn auch, wenn ihr Arbeitgeber ihr tatsächlich ein passables Gehalt zahlte: Gut war der Job wirklich nicht.

»Sie sind eine spannende Person, Ms. Montani.« Parker wippte auf den Absätzen seiner Arbeitsschuhe und musterte sie. »Aber wie schon gesagt, ich habe keine Stelle zu vergeben.«

»Ich hätte trotzdem gern eine Chance.« Sie setzte alles auf eine Karte und versuchte es mit einem Köder. »Ich bin sogar bereit zu einem Probekochen.«

»Wie bitte?«

»Ich wäre bereit, für Sie zu kochen. Ich beweise Ihnen, dass Sie mich hier in Ihrer Küche brauchen.« Sie atmete noch einmal tief durch, um sich selbst Mut zu machen. »Ich beweise Ihnen, dass Sie mich nicht nur brauchen, sondern sogar wollen.«

Neugier ließ seine Augen aufleuchten, während er ihr Gesicht aufmerksam betrachtete. Sie konnte geradezu hören, wie er sämtliche Möglichkeiten in seinem Kopf durchging.

Sie hoffte. Betete. Und flehte stumm, dass er ihr wenigstens eine Chance gab.

»Wann?«, fragte er schließlich, und sie bemühte sich, nicht allzu erleichtert auszuatmen.

»Freitagabend?«

»Wenn ich Nein sage, stalken Sie mich dann weiter?«

Sie lächelte. »Darauf können Sie wetten.«

»Also gut.« Als er langsam nickte, berührte sein dichtes dunkles Haar im Nacken den Ausschnitt seines T-Shirts. »Abgemacht. Aber ich erwarte von Ihnen, dass Sie sich voll ins Zeug legen. Verschwenden Sie nicht meine Zeit.«

»Bestimmt nicht.«

»Na dann.«

Erleichterung machte sich in ihr breit und löste ein Kribbeln in ihrem Magen aus, während Parker nach dem Bleistift neben der Kreissäge griff. Suchend blickte er sich nach etwas um, auf dem er schreiben konnte. Schließlich riss er einen Fetzen von einer zerknitterten Papiertüte ab, kritzelte etwas darauf und reichte ihr den Zettel.

Eine Adresse.

Am Pier.

»Ein Hausboot?«, fragte sie.

»Da wohne ich.«

»Ich soll zu Ihnen nach Hause kommen?«

Er hob seine breiten Schultern. »Was schlagen Sie denn sonst vor? Wie man wohl sieht, ist die Küche hier noch nicht fertig, der Food Truck steht nicht zur Debatte, und ich lebe nicht auf dem Weingut. Wenn Sie für mich Probe kochen wollen«, er machte Anführungszeichen in die Luft, »dann kommen Sie dahin, wo das möglich ist. Okay?«

»Natürlich.«

»Es sei denn, Sie haben mich die ganze Zeit auf den Arm genommen.«

Unbeabsichtigt ließ sie ihren Blick über seinen Körper zu seinem Schoß und der perfekt sitzenden Jeans wandern. »Nein, es ist alles wahr. Ich will das hier.«

»Dann sehen wir uns Freitagabend.« Er schenkte ihr ein freundliches Lächeln. »Acht Uhr. Bei der Adresse. Drücken Sie einfach auf die Klingel am Tor vor dem Parkplatz, und dann lasse ich Sie rein.«

»Ich werde da sein«, antwortete sie. Sie wollte das hier wirklich.

Das Problem an der Sache?

Es konnte sein, dass sie auch ihn wollte.

Und das war definitiv keine gute Idee.

2. Kapitel

Parker musste die ganze Zeit an Gabriella Montani denken, und das ließ auch nicht nach, als er das Chaos auf der Baustelle verließ, um eine kurze Pause zu machen. Er stieg den Hügel hinauf, vorbei an den langen Reihen abgeernteter Weinreben, zum Büro des Weingutes. Am Wegesrand standen noch einige vergessene Kürbisse und Heuballen, die als Dekoration für eine Hochzeit am vergangenen Wochenende gedient hatten. Schon bald würde die riesige Vogelscheuche, die zurzeit die Besucher des Weingutes begrüßte, durch einen ebenso großen Truthahn als Thanksgiving-Deko ersetzt werden. Vielleicht war er ja auch der Truthahn, denn offenbar besaß er ein ebenso kleines Gehirn wie diese Vögel.

Weshalb genau er sich hatte breitschlagen lassen, Gabriellas Bewerbung zu akzeptieren, obwohl er nicht einmal eine fertige Küche hatte, war ihm ein Rätsel. Okay, zugegeben, vermutlich hatte es eher damit zu tun, wie sich ihre Jeans um ihre köstlichen Kurven geschmiegt hatte, als mit dem, was sie mit Bratpfanne oder Küchensieb anfangen konnte. Zeit für dieses Probekochen hatte er jedenfalls eigentlich nicht. Ganz davon abgesehen, dass das Restaurant fertig werden musste, hatte er noch mit familiären Problemen zu kämpfen. Da waren zum einen der Tod seiner Eltern, zum anderen die Tatsache, dass das Weingut in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Hinzu kam das plötzliche Auftauchen seiner neuen Halbschwester, was wiederum seine andere Schwester wütend machte, und zu allem Überfluss stand die Hochzeit seines Bruders an. Kein Wunder, dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.

Er liebte seine Familie. Er mochte sie alle. Und er wollte es ihnen allen recht machen. Doch wegen all der Aufregungen blieb ihm für sich selbst so gut wie keine Zeit. Allenfalls für eine warme, willige Frau, die auf nichts weiter aus war als ein gemeinsames Essen und ein paar Stunden Vergnügen ohne weitere Verpflichtungen.

Parker versuchte, diesen emotionalen Ballast abzuschütteln, und freute sich auf eine kleine Pause und einen Kaffee bei seinem Bruder Ryan im Büro. Als er die Tür aufstieß, waren alle seine vier Brüder gerade dabei, sich lautstark über das Spiel der Pittsburgh Steelers gegen die Philadelphia Eagles von gestern Abend zu streiten.

Nichts Ungewöhnliches.

Wenn die Kincade-Jungs zusammen waren, stritten sie sich eigentlich immer und über alles. Über Sport debattierten sie voller Leidenschaft, sodass daraus ein einziges Geschrei wurde, bis schließlich irgendwann jemand anfing, sich zu langweilen oder einfach verschwand. Nachgeben kam nicht infrage. Obwohl Parker sich auf eine ruhige Pause gefreut hatte, störte ihn das Chaos nicht. Immerhin diskutierten sie zur Abwechslung mal nicht über die Finanzen des Weinguts, den Tod der Eltern oder über die Untreue ihres Vaters.

»Wieso arbeitest du nicht am Restaurant?«, wollte Jordan sofort von ihm wissen und griff damit die ermüdende Unterhaltung von vorhin wieder auf. »Ist dir klar, dass meine Hochzeit kurz bevorsteht?«

»Echt?« Parker schnappte hörbar nach Luft. »Scheiße. Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass unser Schönling hier ins Netz gegangen ist?«

Ryan, Declan und Ethan lachten.

»Blödmann.« In letzter Zeit waren Jordans Beleidigungen nur noch halb so Furcht einflößend wie zu der Zeit, als er sich seinen Lebensunterhalt auf dem Eis verdient hatte.

Parker war fast versucht, ihn davonkommen zu lassen. Aber wo blieb denn dann der Spaß?

»Wie wäre es, wenn du Lucy rüberschickst, damit sie den Empfang plant?«, meinte Parker. »Sie scheint mir eindeutig gelassener mit der ganzen Sache umzugehen.«

»Es gibt Neuigkeiten«, erklärte Ryan, der Älteste. »Lucy hat die gesamte Hochzeitsplanung unserem lieben Bruder übergeben.«

»Die gesamte?«, hakte Declan nach und klang, als hätte jemand gerade den weltbesten Zaubertrick vorgeführt.

»Bis hin zu den Blumen und der Frage, wie ihr Hund die Ringe zum Altar bringen soll.« Jordan beugte sich vor und vergrub den Kopf in den Händen. »Ich bin so was von am Arsch.«

»Ist sie verrückt geworden?«, fragte Ethan, der Jüngste.

»Sie sagt, er sei der Verrückte«, meinte Ryan.

»Ich würde eher sagen, er ist ein Kontrollfreak«, behauptete Declan.

»Sucht er auch die Kleider für die Brautjungfern aus?«, wollte Ethan wissen. »Da wäre ich zu gern dabei.«

»Euch ist schon klar, dass ich direkt neben euch sitze, oder?«, beschwerte sich Jordan.

»Das macht das Ganze ja noch besser.« Parker grinste. »Dann brauchen wir nicht hinter deinem Rücken zu lästern und uns zu fragen, was für ein hübsches Outfit du wohl tragen wirst, wenn du auf den Altar zuschreitest.«

»Ich hasse euch.« Jordan sah aus, als wäre er ziemlich durch den Wind.

»Nein, tust du nicht. Du hast das Eishockeyspielen aufgegeben, nur um bei uns sein zu können«, erinnerte Ryan ihn.

»Ich habe wegen Lucy aufgehört.«

»Ohhh.« Ethan tat, als wäre er gerührt. »Das ist ja so romantisch. Mir kommen gleich die Tränen.«

Jordan zeigte ihm den Mittelfinger. »Die Sache ist, dass Lucy echt viel zu tun hat in der Schule. Sie hat ein paar wirklich schwierige Schüler in diesem Jahr.«

»Noch schwieriger als unsere Schwester im letzten Jahr?«, hakte Declan nach.

»Scheint so. Und da ich nicht mehr Eishockey spiele und noch nicht so recht weiß, wie ich den Tag rumkriegen soll, wenn sie nicht da ist, habe ich ihr leichtsinnigerweise angeboten, bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen.«

»Jetzt mal im Ernst«, meinte Parker, »das ist ziemlich nett von dir.«

»Ja. Nur leider wusste ich nicht, worauf ich mich da einlasse. Ich dachte eher an Sachen wie die Vorbereitung der Junggesellenparty oder Möbelrücken. Aber sie hat mir eine fünf Seiten lange Liste übergeben und dazu noch einen Stapel Hochzeitszeitschriften. Dann hat sie mich geküsst und ist zur Arbeit gefahren. Ich konnte doch nicht Nein sagen! Ihre erste Hochzeit und Ehe waren ein einziges Desaster, ich möchte, dass unsere Hochzeit etwas ganz Besonderes wird.«

»Du hast mehr Geld, als du jemals ausgeben kannst. Warum engagierst du nicht einfach eine Hochzeitsplanerin?«, fragte Dec, das Finanzgenie unter den Brüdern. »Brooke war mehr als glücklich, unsere Planung in die Hände eines Profis zu legen.«

»Ja, aber deine Verlobte ist damit beschäftigt, hier einen Familien-Vergnügungspark aufzubauen, während sie gleichzeitig noch immer nach Südkalifornien pendelt. Außerdem muss ihr Verlobter sich um seine eigene Firma kümmern«, argumentierte Jordan. »Lucy weiß ja, dass ich mehr als genug Zeit habe.«

»Warum fragst du nicht Lili, ob sie dir hilft?«, schlug Ethan vor.

Erst vor kurzem hatten sie nicht nur erfahren, dass sie eine 23-jährige Halbschwester hatten, sondern auch, dass sie eine Eventplanerin war – eine Position, die auf dem Weingut dringend besetzt werden musste. Obwohl die Familie Lili anfangs nicht gerade mit offenen Armen in Sunshine Valley willkommen geheißen hatte, als sie unverhofft aufgetaucht war, um ihren Vater kennenzulernen – nur um zu erfahren, dass er kürzlich gestorben war –, hatte sie ihnen eine Chance gegeben und den Job angenommen.

Parker hoffte, dass sie sich auf diese Weise alle noch ein bisschen besser kennenlernen konnten, auch wenn eine von ihnen – nämlich seine rebellische kleine Schwester Nicole – sich noch immer abweisend gegenüber Lili verhielt. Was ihr niemand wirklich verübeln konnte. Sie hatte schließlich am meisten unter dem Seitensprung ihres Vaters und emotionaler Vernachlässigung gelitten.

So vieles in ihrer Familie schien auf einem Lügengerüst und Geheimnissen aufgebaut zu sein, und nur ihre Tante Pippy war in der Lage, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Doch bisher hatte die nicht mit der Wahrheit herausrücken wollen.

»Ich glaube nicht, dass es sinnvoll wäre, noch weitere Meinungen einzuholen«, meinte Jordan zu der Frage, ob er nicht Lili um Hilfe bitten sollte.

Dec, Geschäftsmann durch und durch, zeigte auf Jordan. »Mit anderen Worten, dir gefällt es, die Hochzeit zu planen?«

»Ich möchte, dass Lucy glücklich ist«, erwiderte Jordan. »Wenn das bedeutet, dass ich Blumenschmuck und Dekoration aussuchen muss, dann sei es eben so.«

»Verdammt.« Parker schüttelte den Kopf. »Nie hätte ich gedacht, dass Hochzeitsdetails mal wichtiger sein könnten als eine ordentliche Diskussion über ein Footballspiel.«

»Ach ja?« Jordan wies mit dem Finger auf ihn. »Warte nur ab, bis du die Richtige findest. Mal sehen, wer dann lacht.«

Parker hatte weder die Absicht noch Wunsch oder Zeit, in den Klub der verlobten Brüder einzutreten.

Die einzige Frage, die er sich in Bezug auf Frauen im Moment stellte, war, womit die verführerische Ms. Gabriella Montani ihn am Freitagabend wohl verwöhnen würde.

Bevor Gabriella das Sunshine-Creek-Weingut verließ, fuhr sie einmal über das gesamte Grundstück. Sie wollte einen besseren Eindruck davon bekommen, was einen Mann wie Parker Kincade wohl ausmachte. Oder was er schätzte. Angesichts seines schmutzigen T-Shirts, der Jeans und der Arbeitsstiefel konnte man auf den ersten Blick vermuten, dass er eher schlichte Küche und solide Hausmannskost bevorzugte. Doch auch wenn er keinen goldenen Ohrring oder eine Piraten-Augenklappe trug, wirkte er wild und ungezähmt, was auf einen eher exotischen Geschmack schließen ließ.

Die Speisekarte seines Food Trucks half ihr nicht viel weiter, um aus ihm schlau zu werden. Sie reichte von einer reichhaltigen und köstlichen Meeresfrüchte-Paella bis zu eher bescheidenen und fast anspruchslosen Fleischbällchen-Panini und all dem, was es so dazwischen gab. Jedes einzelne der köstlichen Gerichte wurde mit viel Liebe und Sorgfalt zubereitet, womit Parker garantierte, dass seine Kunden stets wiederkamen.

So köstlich, wie seine Speisen waren, konnte Gabriella nicht umhin zu überlegen, ob der äußerst attraktive Mr. Kincade auch auf anderen Gebieten einen derart exquisiten Geschmack bewies.

Bevor ihre Gedanken noch weiter in diese Richtung wanderten, rief sie sich zur Ordnung. Die entscheidende Frage, die sie ihm hätte stellen müssen, war, wie die Speisekarte in seinem Restaurant aussehen sollte. Normalerweise war sie immer wachsam und auf alle Hindernisse gefasst, aber das Zusammentreffen mit diesem Mann, der ihre gesamte weibliche DNA zum Dahinschmelzen brachte, hatte sie völlig aus dem Konzept gebracht.

Als Parker Kincade sie mit diesem verruchten Grinsen angeschaut und seine blauen Augen interessiert gefunkelt hatten, hatten ihr pochendes Herz und die verrücktspielenden Hormone sie einfach daran gehindert, klar zu denken. Jetzt, nachdem sie ein wenig Abstand gewonnen hatte, waren ihre Gedanken zurück im Normalbetrieb. Sie musste sich zusammenreißen und konzentrieren. Und vor allem das Knistern ignorieren. Es war Zeit für einen kulinarischen Angriffsplan.

In der Hoffnung auf ein paar gute Ratschläge rief sie den Menschen an, dem sie am meisten vertraute. Die Frau, die ihr alles beigebracht hatte. Alles, was man wissen musste, um Gerichte zu kochen, die jeden begeisterten, der über Geschmacksnerven verfügte. Eine Anforderung, die ihren jetzigen Arbeitgeber ausschloss.

Als ihr Handy die Verbindung nach Norditalien aufbaute, schlug ihr Herz vor Glück ein wenig schneller.

»Nonna

»Ciao, cara!«

Allein die Stimme ihrer Großmutter zu hören, genügte, um jeden Sturm zum Erliegen zu bringen. Damals, als Gabis Welt zusammengebrochen war, hatte ihre Großmutter sie in den Arm genommen und ihr versichert, dass alles gut werden würde, auch wenn immer wieder Steine im Weg lagen. Obwohl Gabi noch immer auf dieses glückliche Ende wartete, war sie ihrer nonna, der Mutter ihres Vaters, auf ewig dankbar für ihre Liebe und Unterstützung. Traurigerweise war das alles, was sie hatte.

Sie plauderten kurz über dies und jenes, bis Gabriella schließlich sagte: »Mir bietet sich eine unglaubliche Chance, nonna. Aber ich würde gern wissen, was du darüber denkst.«

»Was ist das für eine Chance?«

Der Tonfall verriet Gabi, wie skeptisch ihre Großmutter war, und sie beeilte sich, sie zu beruhigen. Auch, wenn sie selbst sich nicht sicher war. »Ich werde Probe kochen, als Bewerbung auf eine Stelle als Köchin in einem neuen Restaurant. Es wird demnächst auf einem Weingut eröffnet, das in Familienbesitz ist. Der Eigentümer ist der Mann, von dem ich dir schon erzählt habe. Der mit dem Food Truck.«

»Der Koch, der Chopped gewonnen hat, als wir es zusammen angesehen haben?«

»Ja, Parker Kincade.« Gabi erzählte ihrer Großmutter von dem Treffen. Natürlich ohne dabei zu erwähnen, dass sie sich ungemein zu diesem Mann hingezogen fühlte.

»Was soll das heißen, dass du Probe kochen willst?«, hakte ihre Großmutter nach.

»Von meinem jetzigen Arbeitgeber bekomme ich kein Empfehlungsschreiben, und weitere Referenzen habe ich nicht, außer von dir. Also werde ich für Mr. Kincade kochen, um ihm zu zeigen, was ich kann. Und dann heißt es Daumen drücken. Vielleicht findet er meine Kreationen so toll, dass er nicht nach weiteren Zeugnissen fragt.«

Die Tatsache, dass sie bei Parker zu Hause kochen würde, ließ sie lieber unter den Tisch fallen. Ihre nonna brauchte nicht alles zu wissen.

»Aber du hast doch gesagt, dass Mr. Kincade gar keinen Job zu vergeben hat.«

»Aber bald, nonna. Und ich will die erste Bewerberin sein. Ich muss endlich aus diesem elendigen Job raus, den ich jetzt habe. Es wäre eine großartige Chance für mich.«

»Ist es das wirklich? Oder willst du nur deinem Vater beweisen, dass du auch ohne seine Hilfe Karriere machen kannst?«

Gabi seufzte. Ihre Großmutter kannte sie einfach zu gut. Sie wollte diesen Job. Brauchte ihn. Und nicht nur, um ihrem Vater etwas zu beweisen. Sie brauchte diese Chance, um sich selbst zu beweisen, dass sie es draufhatte. Sie wollte sich einen eigenen Namen machen.

Und nichts würde sie aufhalten.

»Ich mache es für mich, nonna. Wenn ich noch länger Erdnussbutter oder Marmelade auf Cracker streichen muss, werde ich verrückt. Ich möchte etwas kreieren. Möchte all das anwenden, was du mir beigebracht hast.«

»Ich wollte aber nie, dass du versuchst, mit deinem Vater zu konkurrieren. Bitte, bring dich nicht in solch eine Lage.«

Das brauchte sie gar nicht. Das hatte ihr Vater bereits getan.

»Nonna, ich verspreche dir, ich will nur die Chance bekommen, meine Fantasie und mein Können einzusetzen. Außerdem ist es egal, was ich tue, es interessiert ihn ohnehin nicht«, fügte Gabi hinzu.

»Er ist stur, la mia bambina. Aber er liebt dich.«

Das bezweifelte Gabi. Ihr Vater war freiwillig gegangen. Egal, wie hart sie gearbeitet, was sie erreicht hatte, nie war es genug gewesen, um seine Liebe zu erringen. Weder Tränen noch Flehen hatten diesen undurchdringbaren Panzer, der sein eiskaltes Herz umgab, aufzubrechen vermocht.

Sie hatten seit Jahren kein Wort miteinander gewechselt. Aber bis heute konnte sich Gabriella nur zu gut daran erinnern, wie er erst ihr Selbstvertrauen zerstört und sich dann, ohne einen Blick zurückzuwerfen, von ihr abgewandt hatte. Er hatte ihr jegliche Hoffnung genommen, die sie in ihrem dummen kleinen Herzen gehegt haben mochte.

Damals war sie gerade einmal siebzehn Jahre alt gewesen.

Weil sie wusste, dass ihre Großmutter es nur gut meinte, ignorierte Gabi die Bemerkung über die Liebe ihres Vaters. »Dieses Probekochen ist ungeheuer wichtig für mich, nonna. Du weißt, dass ich in einem etablierten Restaurant niemals eine solche Anstellung finden werde. Also, was meinst du, was soll ich kochen?«

»Hm.« Einen Moment lang herrschte Stille, während ihre Großmutter über die Frage nachdachte. »Dieser Parker Kincade sieht gut aus, oder?«

»Außergewöhnlich gut.« Da brauchte sie nicht zu lügen.

»Dann solltest du etwas kochen, das auch sein Herz und nicht nur seinen Magen anspricht. Vielleicht frische Bandnudeln in Sahnesauce. Oder diese köstliche Carbonara, die du gemacht hast, als du das letzte Mal hier warst. Und natürlich liegst du mit Tomaten auch nie falsch. Tja, was das Dessert angeht, da kennst du ja meine Vorliebe. Ich bin sicher, das wird dann auch seine Lieblingsnachspeise.«

Ideen wirbelten Gabi durch den Kopf. »Du bist ein Genie, nonna! Ich liebe dich.«

»Ti amo troppo. Ruf mich hinterher an und erzähl mir, wie es gelaufen ist.« Ihre Großmutter lachte leise. »Obwohl ich natürlich genau weiß, dass du es sehr gut machen wirst und ich stolz auf dich sein kann.«

Die Zuversicht und die Ermunterung ihrer Großmutter wärmten Gabis Herz und gaben ihr das nötige Selbstvertrauen, das sie für einen Erfolg brauchte. Nach dem Telefonat fühlte sie sich noch beflügelter als vorher. Jetzt musste sie nur noch zusehen, dass sie professionell blieb und nicht wie ein Starkoch-Groupie über Parker Kincade herfiel.

Am folgenden Tag kümmerte Parker sich um die Mittagsbestellungen und blickte seiner Verkaufshilfe, die das Essen am Food Truck ausgab, kurz über die Schulter, während sein Assistent in der Küche weitere Gerichte auf Bestellung brutzelte. Um einen Moment den Kopf freizukriegen, ließ Parker den Blick zu den Bäumen wandern, deren Laub in herbstlich bunten Farben leuchtete.

Und dort, mit einer Baseballkappe tief über die Augen gezogen, entdeckte er Gabriella Montani. Ganz offensichtlich versuchte sie, möglichst nicht bemerkt zu werden.

Glaubte sie etwa, dass er sie nicht erkannte?

Als könnte er sie vergessen.

Sie hatte einen ziemlichen Eindruck bei ihm hinterlassen. Etwas, was er nicht hatte kommen sehen. Und jetzt wusste er nicht, wie er damit umgehen sollte.

Er liebte Frauen, vor allem solche, die Selbstbewusstsein ausstrahlten. Er war sich nur nicht immer sicher, was er mit ihnen anfangen sollte. Manchmal sah er einfach nur staunend zu, wie sie alle taten, was nötig war, um Dinge am Laufen zu halten. Die meisten Frauen, die er kannte, gaben viel, ohne im Gegenzug etwas zu verlangen. Und ähnlich wie seine zukünftigen Schwägerinnen, schien auch Gabriella Montani nicht zu den Frauen zu gehören, die sich zurücklehnten und darauf warteten, dass etwas passierte.

Obwohl es herbstlich frisch war, trug sie leichte Sportbekleidung: knallrosa Laufschuhe statt umwerfender roter High Heels wie bei ihrer letzten Begegnung. Ein eng anliegendes Lauf-Top statt eines knappen Sweaters. Und schwarze Sportleggings statt Jeans.

Oh ja.

Er müsste schon tot sein, um sie nicht zu bemerken.

Und als er das letzte Mal nachgesehen hatte, war bei ihm noch alles äußerst lebendig gewesen.

Bedauerlicherweise musste er den Blick von der faszinierenden Ms. Montani abwenden, um eine Bestellung über den Tresen zu reichen. Er griff nach dem Teller, lehnte sich über den makellosen Edelstahltresen und zwinkerte der etwas älteren Dame mit den glitzernden Sneakern am Anfang der Schlange zu. »Ich hoffe, es mundet Ihrem Gaumen, meine Liebe.«

Umgeben von ihren Freundinnen – eine selbsternannte Truppe von Shopping-Mall-Fans (trotz mangelnder Mall in der Umgebung) – stach die Frau mit der Gabel in die Pancetta mit Safranreis, schob sie sich in den Mund und begann, genüsslich zu kauen. Gleichzeitig hob sie den Daumen und strahlte Parker an, um ihm zu signalisieren, dass er einen Volltreffer gelandet hatte.

Ehe er sich seiner nächsten Bestellung zuwandte, spähte Parker noch einmal hinüber zu Gabriella. Und als hätte er sie beim Namen gerufen, blickte sie auf. Er hob die Hand und winkte sie mit dem Finger zu sich. Sie schaute sich um, als würde er jemand anderes meinen. Als sie wieder zu ihm sah, winkte er ihr erneut zu. Sie deutete auf sich.

Ja, Sie, sagte er lautlos und nickte. Mit gesenktem Kopf, als hätte man sie beim Keksestibitzen erwischt, drängte sie sich durch die Schlange zum Food Truck.

»Stalken Sie mich schon wieder, Ms. Montani?« Er verschränkte die Arme vor der Schürze.

»Aber nein!« Sie riss die Augen auf. »Ich habe nur … gewartet. Sie wissen schon, darauf, dass es etwas leerer wird, ehe ich mir etwas bestelle.«

»Ach, wirklich?« Ihr Zögern verriet mehr, als sie vermutlich zugeben wollte. Was ihn wiederum dazu brachte, sie noch ein wenig länger an seiner Seite zu behalten. Und sei es auch nur, um die Monotonie des Alltags ein bisschen aufzulockern.

Jedenfalls redete er sich das ein.

»Wirklich.« Sie nickte.

Als sie zwei Finger kreuzte und sie zum Schwur vor das hautenge Tanktop hielt, konnte Parker gar nicht anders, als auf ihre Brüste zu schauen. Zugegebenermaßen etwas länger als nötig.

»Ich schwöre«, beharrte sie. »Ich habe Sie nicht gestalkt. Sie brauchen also nicht gleich die Polizei zu rufen.«

»Daran habe ich auch definitiv nicht gedacht.« Auf solche Sachen wie Handschellen stand er nämlich nicht. Weder im Bett noch sonst wo. »Und, was möchten Sie? Ich besorge es Ihnen gern.« Und noch so einiges mehr.

»Oh nein.« Sie blickte zu den anderen, die vor dem Truck warteten, und sie ziemlich böse ansahen. »Ich werde mich nicht vordrängeln und hier einen Tumult auslösen.«

»Ich glaube zwar nicht, dass das passieren würde, aber vielleicht sollten Sie vorsichtshalber nach hinten kommen.« Er drehte sich zu seinem Team herum, die fleißig Essen ausgaben. »Kommt ihr ein paar Minuten ohne mich zurecht?«

»Klar, Boss.«

»Danke.« Er öffnete die Tür und trat nach draußen, wo Gabriella ein paar Schritte entfernt wartete, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie bemühte sich so auszusehen, als würde sie das, was vor sich ging, weder interessieren noch beeindrucken.

Parker grinste in sich hinein.

»Also, was wollten Sie bestellen?«, fragte er noch einmal.

Das Steinchen auf ihrem Baseballcap funkelte im Sonnenlicht, als ihre Blicke sich trafen und die Wahrheit zutage trat. Sie wollte gar nichts essen.

»Ähm.«

»Haben Sie sich die Speisekarte von heute überhaupt angesehen?«, fragte er.

»Natürlich.« Eine winzige Falte erschien zwischen ihren Augen, als sie nickte. Doch im nächsten Moment wurde aus dem Nicken ein Kopfschütteln. »Ganz ehrlich? Nein.«

»Also doch Stalking?« Er schaffte es nicht, ein Lächeln zu unterdrücken, denn was auch immer sie hier tat, es war irgendwie süß. Und harmlos. Davon war er überzeugt.

Hoffentlich zu recht.

»Das war kein Stalken«, beharrte sie. »Lediglich eine Art Vorbereitung auf mein Probekochen.«

»Inwiefern?«

»Ich habe Ihre Kunden beobachtet, zugesehen, was sie bestellen und wie sie auf den Geschmack der Gerichte reagieren. Ich muss noch entscheiden, was ich für Sie koche, und es fällt mir schwer, mich zwischen drei meiner Spezialitäten zu entscheiden.«

»Ich würde ja vorschlagen, Sie kochen einfach alle drei, aber das wäre vermutlich ziemlich viel Arbeit.«

»Das macht mir nichts aus, Mr. Kincade.« Sie presste die Lippen aufeinander. »Ich mag harte Arbeit. Sie ist der Weg zum Erfolg.«

»Erfolg ist nicht alles.« Viel, ja, aber eben nicht alles. Jedenfalls seiner Auffassung nach. »Es gibt da noch ein paar Dinge, die weitaus wichtiger sind.«

Ihre dunklen Augen blitzten auf, und sie hob ihr Kinn, als würde ihr dieser Hinweis nicht gefallen. Und das machte ihn höllisch neugierig. »Was denn?«

»Familie. Ehre. Loyalität. Bindungen.«

»Alles Dinge, die man sich nicht erarbeiten muss.«

»Sind Sie sicher?« Er hatte sich den Arsch aufreißen müssen, um sich all das zu verdienen.

»Ach, ich weiß nicht.« Sie seufzte. »Können wir wieder aufs Essen zurückkommen? Auf dem Gebiet fühle ich mich sicherer.«

»Wollen Sie damit sagen, dass Sie mit Familie, Ehre, Loyalität und Bindungen nichts anfangen können? Und ich soll Sie als Köchin engagieren?«

Frustriert presste sie die Lippen zusammen und verlagerte ihr Gewicht auf eine der wohlgerundeten Hüften. »Sie drehen mir das Wort im Mund um.«

Eigentlich hatte er sie nur ein wenig aufziehen wollen, aber anscheinend hatte er einen Nerv getroffen.

»Betrachten Sie es einfach als Teil des Bewerbungsgesprächs«, meinte er. »Und ich entschuldige mich. Ich meine zwar immer, was ich sage, aber ich sage nicht immer das, was ich meine. Wenn es in der Küche hart auf hart zugeht, muss mir mein Team deshalb manchmal aus der Klemme helfen.«

»Ich versuche, das im Kopf zu behalten.« Sie schaute in den Truck hinein, wo seine Mitarbeiter unermüdlich schufteten. »Also lassen Sie mich noch immer Probe kochen, obwohl ich heute nichts bei Ihnen bestellen wollte?«

Ob ich sie lassen würde?

Verdammt. Im Moment war es das Einzige, worauf er sich freute.

»Wie wäre es, wenn wir mit dem Bewerbungsgespräch hier und jetzt beginnen? Wenn Sie die erste Runde überstehen, dann …« Er zuckte mit den Schultern. »Dann können Sie auf jeden Fall mit Runde zwei am Freitag weitermachen.«

Sie blickte auf ihre Sportkleidung, ehe sie den Blick wieder hob und Parker ansah. »Ich bin nicht darauf vorbereitet zu kochen.«

»Nicht immer geht es beim Kochen ums Kochen.«

»Sie verwirren mich schon wieder.«

»Tut mir leid.« Er streckte die Hand aus und berührte sie sanft am Arm, einfach weil er nicht anders konnte. All diese weiche Haut lockte ihn, seit er Gabriella in der Menge entdeckt hatte. »Schließen Sie die Augen.«

»Wie bitte?«

»Die erste Runde, Ms. Montani.«

»Oh. Okay.« Sie kniff die Augen zusammen und zog die Unterlippe gespannt zwischen die Zähne. Dabei sah sie so verdammt süß aus, dass es ihm extrem schwerfiel, sie nicht in die Arme zu schließen.

»Sagen Sie mir, was Sie riechen.«

»Oh. Ein Sinnestest.« Sie lächelte und legte dann den Kopf zurück, ehe sie tief einatmete.

Da sie die Augen geschlossen hatte, konnte Parker sie ungestört mustern. Sie war unglaublich hübsch. Und, dachte er, genauso kompliziert.

»Sumach«, flüsterte sie, als hätte sie ein Geheimnis entdeckt. »Piment, Ingwer und«, sie atmete noch einmal tief ein, »Safran.«

»Sehr gut, Ms. Montani. Ich dachte mir schon, dass Sie das Offensichtliche sofort erkennen würden.«

Sie riss die Augen wieder auf, und in den dunkelbraunen Tiefen erkannte er ein Funkeln, das herausfordernd wirkte.

»Es wäre zu einfach, das Fleisch oder bestimmte Gemüsesorten zu nennen. Und, wie Sie schon sagten, das hier ist ja ein Bewerbungsgespräch.« Sie lächelte, als hätte sie schon gewonnen. »Soll ich fortfahren?«

»Eine Sekunde.« Ihm kam ein verrückter Gedanke. Er griff in den Truck, holte die Liste mit den Zutaten heraus, die sie zurzeit benutzten, und gab sie Gabriella. Sofort begann sie, sie zu überfliegen.

»Wählen Sie fünf Zutaten von der Liste aus«, sagte er. »Und dann sagen Sie mir, was Sie daraus zubereiten würden.«

»So, frei aus dem Kopf?«

Er nickte.

»Okay.« Sie hob eine der dünnen Augenbrauen, als wollte sie sagen, ich bin dabei.

Während sie die Liste genau studierte, wartete Parker gespannt, was sie sich ausdenken würde. Es war fast wie bei Chopped, als man ihm einen Korb mit unbekannten Zutaten gereicht hatte, und er aus dem Stand daraus ein Essen zaubern sollte. Und zwar eines, das auch den Juroren zu gefallen hatte. In diesem Fall musste Gabriellas Kreativität ihn beeindrucken. Obwohl er zugeben musste, dass sie nicht viel zu tun brauchte, um das zu erreichen.

»In Anbetracht der Tatsache, dass das hier ein Vorstellungsgespräch ist …« Sie klopfte mit dem Finger gegen ihre herrlich volle Unterlippe. »… würde ich niemals etwas Alltägliches auswählen.«

»Natürlich nicht.«

»Oder …« Sie blickte ihn aus diesen faszinierenden schokoladenbraunen Augen an. »Da ich nicht weiß, wie scharf Sie drauf sind, würde ich auch nichts vorschlagen, was zu stark gewürzt ist.«

Wie scharf er drauf war? Wow, die Frau war so was von gefährlich, dass Parker ganz heiß wurde.

»Und weil ich natürlich etwas kreieren möchte, was in Erinnerung bleibt, würde ich mich für …«

Aufregung machte sich in ihm breit. Kaum zog Gabriella wieder ihre Unterlippe zwischen die Zähne, hätte er am liebsten das ganze Vorstellungsgespräch vergessen, alle nach Hause geschickt und Gabriella in den Truck gezogen, um dort mit ihr etwas zu tun, was sie mit Sicherheit in Erinnerung behalten würde.

»Arme Ritter aus Brioche mit braunem Zucker und Cranberry-Sauce.«

»Frühstück?« Er versuchte, sich wieder zu konzentrieren.

»Dessert.«

»Interessant. Ich hatte angenommen, Sie würden sich für eine Vorspeise entscheiden.«

»Sehen Sie.« Ein zweideutiges Lächeln ließ ihr Gesicht leuchten und machte sie noch schöner. Wenn das überhaupt möglich war. »Sie haben erwartet, dass ich mich für eine Vorspeise entscheide. Aber das Ziel der Aufgabe war ja, meine Kreativität zu testen?«

Unter anderem. »Ja.«

»Nun, finden Sie nicht auch, dass ein überraschendes Dessert sehr viel außergewöhnlicher und erinnerungswürdiger als eine Vorspeise sein kann? Jede Frau – vor allem, wenn sie Köchin ist – möchte am Ende des Abends in köstlicher Erinnerung bleiben.«

Während Parker einfach nur dastehen konnte, völlig perplex und hochgradig erregt, zwinkerte sie ihm zu und reichte ihm lächelnd die Liste zurück.

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