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Zwei Herzen im Schnee: So stark und so zärtlich

Ausgerechnet Alaska! Aber nur hier, umgeben von Eis und Schnee, ist Mary ungestört und kann den Männern endgültig abschwören. Alles läuft wie geplant … bis sie den charmanten Tierforscher Steve kennenlernt.
  • Erscheinungstag: 10.11.2014
  • Seitenanzahl: 120
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956493836
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jennifer Greene

Zwei Herzen im Schnee: So stark und so zärtlich

Aus dem Amerikanischen von
Brigitte Bumke

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieser Ausgabe © 2014 by MIRA Taschenbuch

in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der englischen Originalausgabe:

A Groom For Red Riding Hood

Copyright © 1994 by Jennifer Greene

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Maya Gause

Titelabbildung: Corbis, Düsseldorf

ISBN eBook 978-3-95649-383-6

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

Steve Rawlings klopfte sich den Schnee von den Stiefeln und öffnete dann die Tür zu „Samson’s“. Die plötzliche Wärme und das Licht ließen seine Augen tränen. Er streifte Handschuhe und Mütze ab und ging, ohne lange zu überlegen, zur Tischnische in der hinteren Ecke hinüber. Wie erwartet war die Bar überfüllt. An einem bitterkalten, schneereichen Montagabend gab es nichts zu tun in Eagle Falls – außer zu trinken und sich dabei ein wenig über ein Football-Spiel zu ereifern.

Auf dem Schwarz-Weiß-Fernseher über dem Bartresen lief gerade ein Spiel mit den Lions. Das Bild war unscharf. Aber der Empfang in diesem entlegenen Teil der Upper Peninsula in Michigan war nun einmal schlecht. Dafür floss das Bier umso reichlicher. Keiner der Männer nickte Steve zu oder bat ihn, sich zu ihnen zu setzen. Durch seine Arbeit war er automatisch so beliebt wie ein Piranha. Er war daran gewöhnt. Bis jetzt hatten die Männer misstrauisch Abstand zu ihm gehalten, aber Anzeichen für offene Feindseligkeit gab es nicht. Zum Teufel, er hatte an Orten gelebt, wo die Leute ihn mit einer Schrotflinte begrüßten.

Er nahm in der holzgetäfelten Nische Platz. Bei Außentemperaturen, die deutlich unter null lagen, hatte er gut sechs Stunden im Freien gearbeitet. Seine Stiefel waren eisverkrustet, seine Finger so erstarrt, dass er sie kaum bewegen konnte, und er war regelrecht ausgehungert. Ungelenk öffnete er seinen Parka und streifte ihn sich von den Schultern. Auf einmal vernahm er eine weiche weibliche Stimme mit südlichem Akzent. Er blickte hoch.

Natürlich gab es Frauen in Eagle Falls. Wenn auch nicht allzu viele. Der ganze Ort hatte selbst im Sommer höchstens ein paar Hundert Einwohner. Jedoch zu dieser Jahreszeit waren die Sommerhäuser und Jagdhütten vernagelt, und sogar die Holzindustrie ruhte. Mitten im Winter wohnte nur noch die Stammbevölkerung hier. Leute, die die Wildnis liebten, Einzelgänger, selbstverständlich auch Familien, aber hauptsächlich Menschen, deren Leben von der üblichen Norm abwich. Alleinstehende Frauen lebten hier keine, aus dem einfachen Grund, weil es hier absolut nichts gab, was eine alleinstehende Frau hätte ansprechen können.

Und besonders eine junge Frau wie sie.

Sie fiel auf wie eine Rose in einem Stall voller Stiere. Ihr Gesicht war jugendlich glatt – sie konnte noch keine dreißig sein – und mit Stiefeln kam sie vielleicht auf eine Größe von eins siebenundsechzig. Ihr Gesicht wurde von glänzendem dunkelbraunem Haar umrahmt. Es war kinnlang und glatt. Eine klassische Schönheit konnte man sie nicht nennen. Hübsch traf es eher. Mit ihrer frechen Stupsnase, dem Grübchen am Kinn und den wohlgeformten dunklen Brauen über großen strahlend blauen Augen. Ihr kleiner ungeschminkter Mund war zartrosa und hübsch geschwungen.

Während Steve sich die Hände rieb, damit sie wieder warm wurden, setzte er seine Betrachtungen fort. Ihre Kleidung war unauffällig und wirkte ganz neu. Eine Flanellbluse, die sie offen über einem schwarzen Rollkragenpullover trug, und Jeans. Sanft spannte sich der Jeansstoff über ihrem reizenden Po, und ein Mann musste schon blind sein, um nicht zu merken, wie wunderbar sie ihren Rollkragenpulli ausfüllte.

Er konnte sich nicht vorstellen, was sie hier machte.

Samson, der Besitzer des Lokals, kam in die Jahre und litt zudem an Arthritis. Steve verstand, warum er jemanden eingestellt hatte, der ihm zur Hand ging, aber nicht, wieso gerade sie. Ihre Ungeschicklichkeit im Umgang mit Serviertablett und Bierkrügen ließ darauf schließen, dass sie als Serviererin überhaupt keine Erfahrung hatte.

Gerade als sie alle Hände voll zu tun hatte, nutzte Fred Claire die Chance, um ihr einen Klaps auf den Po zu geben. Den anderen Männern zwinkerte er dabei übermütig zu. Die junge Dame errötete heftig. Ein Bierkrug fiel um, und das Tablett landete unsanft auf dem Tisch.

Steve rieb sich das Kinn. Für Ärger hatte er einen sechsten Sinn. Bei seiner Arbeit kam ihm dieser Instinkt sehr zupass. In diesem Fall sah es jedoch nicht danach aus. Nichts an ihrer Kleidung war gewollt aufreizend. Aber falls sie glaubte, an einem Ort wie diesem nicht die Aufmerksamkeit der Männer zu erregen, dann musste sie eine hoffnungslose Träumerin sein. Die meisten Barbesucher waren in mittleren Jahren, einige von ihnen verheiratet – kaum ausgemachte Schürzenjäger. Doch sie regte nun einmal ihre Hormone an, neu in der Gegend, jung, hübsch und mit allen weiblichen Reizen versehen, wie sie war. Dass die Jungs sie nicht in Ruhe lassen würden, war geradezu vorprogrammiert.

Vom Tisch neben der Tür klang lautes Gelächter herüber. Fred und seine Kumpane tranken offenbar schon seit Stunden und amüsierten sich nun lautstark über das verschüttete Bier. Rafer behauptete, auf seinem Schoß sei ein nasser Fleck und er würde sich mit Vergnügen bei dessen Entfernung von ihr helfen lassen. Die anderen wollten sich über diese freche Bemerkung halb totlachen. Und die Röte auf den Wangen der jungen Kellnerin vertiefte sich.

Gleich darauf trat sie an seinen Tisch und zückte ihren Bestellblock. „Tut mir leid, dass Sie warten mussten. Was kann ich Ihnen bringen?“

„Kaffee. Und ein paar Steaks, falls Samson noch welche hat. Englisch, bitte.“

Sie notierte die Bestellung und beachtete ihn nicht weiter. Plötzlich schaute sie hoch. „Ein paar Steaks?“, wiederholte sie.

„Ja, zwei.“

Daraufhin schenkte sie ihm mehr Beachtung. Weil er saß, konnte sie natürlich nicht erkennen, dass er etwas über eins neunzig war, doch es schien ihr aufzufallen, dass er groß war und besonders breite Schultern hatte. Sie war nicht die erste Frau, die ihn musterte. Es war nicht seine Schuld, dass man ihn wegen seiner Größe und seines kräftigen Körperbaus schlecht übersehen konnte. Sein pechschwarzes Haar, seine blauen Augen und seine gesunde Gesichtsfarbe waren weitere optische Pluspunkte, denen er es verdankte, dass die meisten Frauen einen zweiten Blick riskierten.

Diese nicht. Nach der kurzen Musterung senkte sie schnell wieder den Blick. Sie notierte „zwei“ und unterstrich es. „Ich kann mir vorstellen, dass Sie besonders große Portionen brauchen. Ich werde Ihnen auch ein paar Kartoffeln bringen. Und ich glaube, es ist auch noch ein Stück Apfelstrudel da.“

„Das wäre wunderbar.“

„Möchten Sie Ihren Kaffee schwarz oder mit Milch?“

„Schwarz.“

„Okay. Ich bin so schnell wie möglich zurück.“

Sie ging weg, ohne ihn noch einmal anzusehen. Doch er hatte Zeit genug gehabt, sie näher zu betrachten. Sobald die Röte auf ihren Wangen verflogen war, kam darunter ein blasser, zarter Teint zum Vorschein. Ihre Stimme klang durch den Südstaaten-Akzent besonders weich und weiblich und so verletzlich, wie alles an ihr wirkte. Auf dem Namensschild auf ihrer Bluse stand „Mary Ellen“.

Falls Mary Ellen nach Männern Ausschau hielt, dann war sie hier genau richtig. Die Winter in diesen Breiten waren lang und einsam, und das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen war höchstens in Alaska noch größer. Dennoch konnte er sich überhaupt nicht vorstellen, dass sie auf Männerjagd war. Ihre Haltung war steif, ihre Miene spiegelte Nervosität und Zurückhaltung wider, und die Blicke aus ihren unglaublichen Augen verrieten ihre Rastlosigkeit.

Er sah zu, wie sie eine weitere Bestellung aufnahm, dabei in sicherem Abstand zum Tisch stand, um Kniffen und Tätscheln zu entgehen, und keinem der Männer direkt ins Gesicht blickte. Dann verschwand sie im hinteren Teil des Lokals. Ein Aufschrei ging durch den Raum, als die Lions den Ball bekamen. Und Samson kam aus der Küche geschossen, um das Spiel zu verfolgen.

Steve lockerte die Schultern, bemüht, das Football-Spiel, den Lärm und auch seine Neugier in Bezug auf die Serviererin zu ignorieren. Sie war nicht sein Problem. Lieber Himmel, er hatte genug eigene Probleme. Die Wärme in der verräucherten Bar taute ihn langsam auf, und er wurde zunehmend müde. Wenn er nicht so hungrig gewesen wäre, wäre er direkt zu seinem Wohnwagen gefahren, um mindestens sechs Stunden zu schlafen. Er war Anstrengungen gewöhnt, und es lag nicht mehr Schnee als in Wyoming, wo er auf einer Ranch aufgewachsen war. Aber das Zusammenwirken von Kälte und Erschöpfung hatte ihm heute doch sehr zugesetzt.

Dass er die Augen geschlossen hatte, merkte Steve erst, als ihm plötzlich frischer Kaffeeduft in die Nase stieg. Vor ihm stand ein Becher mit dampfendem Kaffee. Mary Ellen hatte ihn gebracht, ohne dass er sie bemerkt hätte. Jetzt jedoch sah er sie durch das Lokal eilen, Krüge mit frisch gezapftem Bier servieren, sich unter dem Fernseher ducken, damit sie nicht die Sicht behinderte. Jemand rief: „Sweetheart? Darling, wir brauchen Sie unbedingt hier bei uns.“ Daraufhin biss sie die Zähne zusammen und errötete erneut heftig.

Es gab wohl kaum eine Frau, die weniger geeignet war, in einer Kneipe zu arbeiten.

Während der nächsten Stunde kam sie mehrmals an seinen Tisch. Sie sagte nie ein Wort, blickte ihm nie ins Gesicht. Doch sie schenkte ihm immer wieder Kaffee nach, servierte ihm zu seinen englisch gebratenen Steaks Kartoffeln und weitere Beilagen, die er gar nicht bestellt hatte. Und kaum hatte er aufgegessen, da brachte sie ihm ein großes Stück Apfelstrudel mit Eiscreme. Sie hielt sich nie länger als nötig auf, doch er kam sich richtig mütterlich umsorgt vor.

Natürlich merkte Steve, dass sie sich bei ihm anders verhielt als bei den anderen Männern. Er hatte es immer verstanden, mit wilden Tieren umzugehen – sie vertrauten ihm instinktiv. Aber Frauen waren nun wirklich etwas anderes. Die Lady brauchte keine besondere Beobachtungsgabe, um festzustellen, dass die anderen Barbesucher ihn wie einen Paria behandelten. Für die meisten Frauen Grund genug, ihn zu meiden. Und bei seinen Körpermaßen war ein Gefühl der Sicherheit gewöhnlich das Letzte, was er bei Frauen auslöste. Dennoch verhielt sie sich so, als habe sie ihn sofort als „sicher“ eingestuft, als jemanden, der ihr keinen Ärger machen würde. Auch wenn das natürlich stimmte, war ihr Verhalten den anderen männlichen Gästen gegenüber umso befremdlicher.

Während er seinen Apfelstrudel verspeiste, beobachtete er, wie Fred Claire erneut versuchte, sie anzufassen. Als Mary Ellen zurückschreckte, kippte eine Schale Erdnüsse um.

Steve zwang sich, sich auf sein köstliches Dessert zu konzentrieren, denn am Tisch neben der Tür ging nichts vor, worüber er sich Gedanken oder Sorgen hätte machen müssen.

Er war keineswegs mit Fred befreundet – oder sonst jemandem in Eagle Falls – aber er traf diese Leute regelmäßig in der Bar und konnte sie inzwischen einschätzen. Fred hatte einen kürzeren Bürstenhaarschnitt als ein Marineinfanterist. Am liebsten trug er Arbeitshosen der Armee, spielte Video-Kriegsspiele, besaß etliche Waffen und versuchte jeden dazu zu bringen, sich seine Verschwörungstheorien anzuhören. Nicht gerade ein Durchschnittsmann, aber im Grunde war er harmlos. Er prahlte gern, handelte jedoch nicht danach.

Plötzlich hallte lautes Gelächter durch das Lokal.

Steve aß weiter, ohne hochzusehen. Sie hatte keinen wirklichen Ärger. Fred war nicht besonders schwierig. Ein Lächeln oder eine Zurechtweisung hätte ihn wie jeden der anderen Jungs auch auf seinen Platz verwiesen. Seine Neckereien jedoch so ernst zu nehmen hieß, weitere heraufzubeschwören. Jede Frau, die einen Job in einer Männerkneipe hatte, wusste das eigentlich. Die Jungs hatten zu viel Bier getrunken. Ihre Hormone machten ihnen zu schaffen, und sie würden Mary Ellen keine Ruhe lassen, wenn sie sich jetzt nicht wehrte.

Kurz darauf schob sie ihm die Rechnung unter den Teller. Ihre Unterlippe sah ganz zerbissen aus. Und sie selbst wirkte müde und abgespannt.

„Ich bin gleich mit dem Wechselgeld zurück“, sagte sie mit ihrer bezaubernd schüchtern klingenden Stimme.

Und noch ehe Steve seine Brieftasche hätte zur Hand nehmen können, war sie wieder weg. Sie brauchte ihm nicht herauszugeben. Er legte genügend Geldscheine auf den Tisch, sodass es auch für ein großzügiges Trinkgeld reichte. Sie hatte es sich verdient. Damit, so sagte er sich, ist meine Begegnung mit Mary Ellen beendet. Er dachte nur noch daran, schnell nach Hause zu kommen. Im Geist sah er schon sein breites Bett im Wohnwagen vor sich, wie er sich splitternackt unter die wärmende Daunendecke kuschelte. Er fühlte sich bis auf die Knochen müde.

Er hätte schwören können, dass er sie nicht länger beobachtete. Doch als er nach seinem Parka griff, schien sein Blick wie von selbst suchend durch den Raum zu wandern, und er entdeckte Mary Ellen genau in dem Moment, als Fred ihr einen Arm um die Taille legte.

Sie trug diesmal kein Tablett, doch sie hatte auch nicht mit diesem Annäherungsversuch gerechnet. Wenig anmutig landete sie auf Fred Claires Schoß. Fred sagte etwas – ohne Zweifel etwas Anzügliches, denn die anderen Männer brachen in schallendes Gelächter aus. Sie versuchte, von ihm wegzukommen. Fred versuchte, sie festzuhalten.

Mit einem unterdrückten Fluch sprang Steve auf. Eigentlich ging ihn das nichts an. Er hatte seine eigenen Probleme, und mit den Männern des Ortes auszukommen war sehr wichtig, damit er diese Probleme lösen konnte. Doch verdammt, sie war diesmal nicht rot geworden. Sondern kreidebleich. Selbst aus der Entfernung konnte er erkennen, dass sie nicht einfach nur verwirrt oder verlegen war, sondern regelrecht in Panik.

Er ging hinüber, so leise, dass niemand sein Kommen hörte, und zog die Lady kurzerhand von Freds Schoß.

„He!“, protestierte Fred.

Es dauerte eine Sekunde, bis sie sicher auf den Beinen stand. In diesem kurzen Augenblick, in dem seine Hände auf ihrer Taille ruhten, spürte er die Wärme ihres Körpers, und ein feiner weiblicher Duft stieg ihm in die Nase. Völlig unerwartet durchzuckte ihn heftiges Begehren.

„He!“, entfuhr es Fred erneut, und er hätte beinah den Tisch umgestoßen, als er vom Stuhl aufsprang.

Sein wettergegerbtes Gesicht war gerötet, und seine Augen funkelten vor Wut. Steve packte ihn blitzschnell am Kragen.

„Ich mache mir Sorgen um Sie, wenn Sie nach all dem vielen Bier noch nach Hause fahren wollen“, sagte er ruhig. „Sollte Ihnen da nicht ein guter Freund helfen, wieder nüchtern zu werden?“

Als ob eine Bombe eingeschlagen hätte, war es plötzlich ganz still im Raum. Wenn man vom Geschrei des Sportreporters vom Fernseher her absah. Niemand versuchte, Steve daran zu hindern, Fred zur Tür zu bugsieren. Niemand hatte Grund, sich einzumischen. War es doch die beste Unterhaltung, die sich den Männern heute Abend bot – außer zuzusehen, wie eine kleine Frau bedrängt wurde.

Der Wind hatte sich endlich gelegt, doch es war noch immer sehr kalt. Als Steve die Tür aufriss, nahm ihm die Kälte den Atem. Es war zwar dunkel, aber der frisch gefallene Schnee leuchtete weithin. Steve ließ Fred los, bückte sich, um eine Handvoll Schnee zu nehmen und Freds Gesicht damit abzureiben. Er hatte richtig vermutet. Diese Methode ernüchterte Fred augenblicklich. Er stieß mit der Faust nach ihm. Und dafür bekam er das Gesicht gleich ein zweites Mal gewaschen.

„Wo ich herkomme, bedrängt ein Mann niemanden, der kleiner ist als er. Nur Fieslinge tun das, und ich habe noch keinen Fiesling getroffen, der kein Feigling gewesen wäre. Also verstehen wir uns, oder wollen Sie das Ganze noch etwas länger diskutieren?“

Offenbar war Fred durchaus in der Laune zu einer längeren Diskussion, auch wenn er kein Wort über den Fiesling verlor. Stattdessen begann er zu fluchen und zu schimpfen, unterließ es jedoch, erneut zuzuschlagen.

„Hören Sie, Sie sind betrunken“, sagte Steve ruhig. „Da ist es verdammt unklug, sich zu schlagen. Wenn Sie wieder nüchtern sind und sich dann immer noch mit mir prügeln wollen, dann soll mir das recht sein. Nur lassen Sie die Lady zufrieden, verstanden?“

Fred war anscheinend der Meinung, dass diese Zurechtweisung einen weiteren Ausbruch an Beschimpfungen erforderte. Geduldig hörte Steve ihm zu. Die Japaner hatten schon immer gewusst, dass ein Mann, der sein Gesicht verlor, zum Feind wird. Kein Mann vergaß eine Demütigung. Also ließ Steve ihm das letzte Wort aus dem gleichen Grund, aus dem er den Hitzkopf nicht vor seinen Kumpanen im Lokal abgekanzelt hatte. Er wollte sich Fred Claire nicht zum Feind machen. Oder sonst jemanden in Eagle Falls. Er wollte nur, dass Ms Blue Eyes in Ruhe gelassen wurde.

Nachdem Fred die Schimpfworte ausgegangen waren, blieb Steve abwartend stehen. Das aggressive Funkeln in Freds Blick verschwand, er wurde ruhiger. Er fror nur noch, hemdsärmelig, wie er war. Ein paar Minuten in klirrender Kälte glichen so manches aus. Selbst angeschlagene männliche Egos und Wutanfälle. Fred hatte keinen Spaß mehr.

Steve sah ihm noch einmal ins Gesicht. Dann ging er weg.

Männer! Genau die hatte Mary Ellen meiden wollen, und stattdessen war sie sozusagen vom Regen in die Traufe geraten. Natürlich, versagen war ja ihre Spezialität. Mit kleinen Fehlern gab sie sich gar nicht erst ab. Ihre Stärke waren schon immer die großen, klassischen, entsetzlich peinlichen Irrtümer gewesen.

Sie stopfte ihr Haar unter die Wollmütze und griff nach ihren Skistöcken. Während sie tief die klare, frische Luft einatmete, sagte sie sich erneut, dass ihr Umzug in diese Gegend das Beste war, was sie seit Langem getan hatte. Zugegeben, sie hatte den Anteil der männlichen Bevölkerung falsch eingeschätzt. Und auch nicht richtig über ihre Finanzen nachgedacht. In ihren schlimmsten Albträumen hätte sie sich nicht auszumalen gewagt, einmal in einer Bar arbeiten zu müssen. Aber es hatte einfach keinen anderen Job gegeben.

Wie auch immer, ihre Arbeit im „Samson’s“ fing erst um vier Uhr nachmittags an. Bis dahin hatte sie den Tag für sich.

Sie fuhr los, und ihre Langlaufskier pflügten eine frische Spur in den neu gefallenen Schnee. Ihre Umgebung empfand Mary Ellen wie eine Wunderwelt. Im Süden aufgewachsen, hatte sie nie solche Schneelandschaften erlebt. Die tief verschneiten Nadelwälder waren friedlich und still. Wo Sonnenlicht durch die Bäume fiel, wirkten die dunkelgrünen Zweige wie mit weiß glitzerndem Satin überzogen.

Sie wusste nicht, wohin sie fuhr. Es war ihr egal. Ausnahmsweise hatte sie nicht falsch eingeschätzt, wie gut diese abgelegene Gegend ihrem seelischen Gleichgewicht tat. Die Blockhütte, die sie gemietet hatte, war ein idyllisches Refugium für eine Frau, die vorhatte, wie eine Einsiedlerin zu leben. Weit und breit keine Familie, die sie enttäuschen konnte. Keine Nachbarschaft, die auf ihre nächste Misere wartete und natürlich immer alles hatte kommen sehen.

Und auch wenn ihr die Männer in der Bar zu schaffen machten, tagsüber brauchte sie einen Menschen mit einem Y-Chromosom nicht einmal von fern zu sehen, wenn sie nicht wollte. Und ganz sicher war keiner der Männer anziehend genug, um ihr impulsives Herz in Versuchung zu führen.

Unvermittelt kam ihr ein Hüne mit durchdringenden blauen Augen in den Sinn.

Sie hielt an dem Bild fest, einfach weil sie nichts zu befürchten brauchte. Sie erinnerte sich daran, wie groß der Fremde war, wie intensiv sein Blick. Und dass sie sofort gedacht hatte, wie unglaublich gut er aussah, und sich genau aus diesem Grund selten sicherer gefühlt hatte. Gut aussehende Männer stellten ihr nie nach. Dazu war sie viel zu unscheinbar.

Und wenigstens diesmal hatte sie einen Mann richtig eingeschätzt. Die ganze Zeit über, während sie ihn bediente, war er nett und freundlich, aber er hatte sie nicht geneckt oder mit ihr zu flirten versucht. Er war einfach nicht der Typ Mann, der sich je für sie interessieren würde. Sein kantiges Gesicht hatte etwas Robustes und wirkte dadurch ungemein attraktiv. Die Linien um seine Augen und seinen Mund herum gaben ihm Charakter. Ein Gesicht, das sie nicht so schnell vergessen würde.

Genauso wenig, wie er plötzlich aufgestanden war und Fred Claire nach draußen bugsierte. Zu dem Zeitpunkt war ihr gar nicht richtig bewusst, dass er ihr zu Hilfe gekommen war. Er hatte sich wie ein Jäger bewegt, schnell und sicher, und Fred ins Freie gezogen, ehe jemand so recht begriff, was vor sich ging. Er hatte kein Wort verloren und war auch nicht zurück ins Lokal gekommen. Mary Ellen wusste noch immer nicht, was er eigentlich getan hatte, doch nachdem Mr Fiesling an seinen Tisch zurückgekehrt war, war er die Höflichkeit in Person und ließ sie seit nunmehr schon drei Abenden völlig in Ruhe.

Sie schuldete dem Hünen einen Riesendank.

Falls sie ihn je wiedersah. Im Moment jedenfalls hatte sie anderes vor. Schwungvoll fuhr sie auf ihren Skiern durch den neu gefallenen Schnee. Langlauf war noch neu für sie, und sie fiel gelegentlich hin, doch sie wurde zusehends besser.

Jeden Tag fuhr sie ein Stück weiter und erkundete andere Gegenden. Bei ihrer Ankunft war sie derart niedergeschlagen gewesen. Ab und zu dachte sie noch immer an Johnny. Ab und zu wachte sie noch immer schweißgebadet auf, nachdem sie von einer Braut im weißen Brautkleid geträumt hatte, die Heiligabend in der Kirche stand, umgeben von allen Hochzeitsgästen, und auf den Bräutigam wartete, der dann doch nicht erschien.

Diese demütigende Erfahrung hatte sie noch immer nicht verwunden, doch inzwischen hatte sie erkannt, dass diese eine Zurückweisung nicht ihr eigentlicher Kummer war. Der war vielmehr, dass sie sich wieder einmal getäuscht hatte. Dass sie sich einmal mehr ungeliebt und wertlos fühlte. Johnny hatte sich als Versager erwiesen, aber um Johnny ging es nicht wirklich. Sondern um ihr Selbstwertgefühl, von dem nach dieser bösen Erfahrung fast nichts mehr übrig war.

Auf Anhieb war das nicht zu ändern, aber sie arbeitete daran.

Als Mary Ellen gegen einen Tannenzweig stieß, rieselte der Schnee in großen Flocken herab, und sie lachte leise auf. Es war gar nicht so schwer, glücklich zu sein. Es war gar nicht so unmöglich, wieder zu lachen. Zu leben war ein wunderbares Geschenk, und sie entdeckte jeden Tag weitere Geschenke.

Sie erklomm einen Hügel und fuhr dann in ein kleines Tal hinab. Unten angekommen, hielt sie inne, atemlos und ganz begeistert, und nahm den Kompass zur Hand. Nordost. Wenn sie in der gleichen Richtung weiterfuhr, würde sie auf den Lake Superior stoßen. Obwohl ihr die Gegend völlig unbekannt war, fürchtete sie nicht, sich zu verirren. Sie steckte den Kompass zurück in ihre Jackentasche und war gerade dabei, wieder ihren Handschuh anzuziehen, als sie das Tier sah.

Angst hatte sie in diesem Moment überhaupt nicht. Es sah wie ein Hund aus, genauer wie ein Husky. Er hatte eine lange Schnauze und spitze Ohren und starrte sie mit seinen glänzenden tiefschwarzen Augen wie hypnotisiert an. Sein wunderbar dichtes Fell war fast so weiß wie der Schnee. Er sah einfach hinreißend aus, wie er so dastand auf einem Erdhügel, keine dreißig Meter von ihr entfernt. Königlich erhaben und reglos wie eine Statue.

„He, du“, sagte sie leise. „Hast du dich verlaufen?“

Sie hatte in sanftem Flüsterton gesprochen – sie hatte sich augenblicklich in ihn verliebt – doch seine Reaktion war alles andere als sanft. Er fletschte die Zähne, die kräftig und spitz aussahen, und knurrte. Und das klang derart wild, dass es ihr den Atem verschlug.

Das war kein Hund. Ausgeschlossen. Kein Husky war so groß. Kein Haustier stieß solche wilden, urtümlichen Laute aus. Es musste ein Wolf sein.

Mary Ellen versteifte sich. Sie konnte nicht einmal mehr schlucken. Sie wurde von nackter Angst gepackt.

Der Wolf kam noch fünf Schritte näher und knurrte dabei die ganze Zeit über bedrohlich. Seine Botschaft war nicht schwer zu verstehen. Er mochte sie nicht. Mit Begeisterung hätte sie kehrtgemacht und wäre geflohen, wenn sie nicht zu viel Angst gehabt hätte, sich zu bewegen. Sie vernahm noch ein Knurren und wandte den Kopf.

Da stand noch einer. Lieber Himmel. Noch zwei – nein, drei. Sie waren anders gefärbt, von Kohlschwarz bis Grau gestreift. Keiner von ihnen war so groß wie der weiße Wolf, aber die paar Pfund Gewichtsunterschied waren kein großer Trost. Sie sah, dass sie eingekreist wurde. Kaum merklich kamen sie durch den Schnee näher, duckten sich immer wieder hinter Bäumen, ließen sie jedoch nicht aus den Augen.

Panik schnürte Mary Ellen die Kehle zu. Ihr fiel der Abend ein, an dem sie sich hatte umbringen wollen. Das war ihr natürlich nicht ernst gewesen. Sie war einfach so wütend auf sich selbst gewesen. An ihrer Hochzeit sitzen gelassen zu werden hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Zu oft hatte sie sich demütigende, peinliche Fehler geleistet. Aber wirklich sterben hatte sie eigentlich nie wollen. Und im Wald von einem Rudel Wölfe in Stücke gerissen zu werden, wollte sie schon gar nicht.

Es war mit Sicherheit äußerst schwierig, ihre Selbstachtung zurückzugewinnen. Aber sie wollte eine Chance. Stumm schickte sie ein Stoßgebet zum Himmel.

Der weiße Wolf hob den Kopf und begann zu heulen.

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