×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Zwischen uns die Sehnsucht«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Zwischen uns die Sehnsucht« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Zwischen uns die Sehnsucht

Als Buch hier erhältlich:

Im ersten Jahr auf dem College will Summer erreichen, wovon sie schon lange träumt: mit ihrem Stiefbruder Kevin zusammen zu sein. Aber ständig funkt ihr Caden Banks dazwischen. Dieser arrogante Verbindungstyp beschimpft sie als leichte Beute und will ihr weismachen, dass ihre Gefühle an Kevin verschwendet sind. Was bildet sich dieses tätowierte Arschloch ein?! Doch je öfter sie mit Caden aneinandergerät, desto mehr genießt sie den Schlagabtausch - und fragt sich, ob es überhaupt noch Kevin ist, den sie wirklich will …

"Zwischen uns die Sehnsucht zählt zu meinen Lieblingsromanen von Tijan: ein Held zum Verlieben und eine Heldin, die man sich als beste Freundin wünscht.”


Katy Evans, New-York-Times-Bestsellerautorin

"Summer und Caden sind einfach fantastisch.”


Romantic Times Book Reviews

  • Erscheinungstag: 02.01.2018
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956497681

Leseprobe

1. Kapitel

Kevin küsste eine andere. Er küsste sie nicht nur – er verschlang sie geradezu. Er presste sich an sie und strich durch ihr dunkles Haar, während er seine Lippen an ihrem Hals entlang bis zwischen ihre Brüste gleiten ließ.

Es war eine Katastrophe. Wie ein Zugunglück.

Und ich sah es kommen. Die Scheinwerfer leuchteten grell und kamen immer näher, ich hätte einfach von den Gleisen hinuntergehen können. Aber nein, ich war die Idiotin, die wie erstarrt im Scheinwerferlicht stehen blieb. Ich konnte nicht wegschauen, sosehr ich es auch wollte.

Das war Kevin – mein Kevin! Na gut, nicht mein fester Freund Kevin, sondern mein Stiefbruder Kevin. Der Kevin, in den ich seit zwei Jahren verknallt war – seit meine Mom gestorben war und mein Vater entschieden hatte, sich in die Mutter des angesagtesten Typen der Schule zu verlieben.

Sheila Matthews, auch bekannt als Kevins Mom, war die Krankenschwester, die sich um meine Mutter gekümmert hatte, während sie im Hospiz war. Es war ein waschechter Skandal. Wie konnte Mr. Stoltz sich in jemand anderen verlieben, wenn seine Frau noch am Leben war? Es machte keinen Unterschied, dass sie wegen Krebs seit Jahren im Sterben lag. Sein Timing war echt beschissen, doch es war nun mal passiert. Am Abend nach der Beerdigung saß er im Haus der Matthews’.

Zum Glück musste ich sie erst später kennenlernen, obwohl mein Dad und Sheila ihre Beziehung nicht wirklich geheim gehalten hatten. Um genau zu sein, lernte ich sie bei demselben Abendessen kennen, bei dem ich erfuhr, dass sie meine Stiefmutter werden und dass ich dadurch direkt nach meinem ersten Jahr an der Highschool einen Stiefbruder haben würde. Natürlich wusste ich vorher schon, wer Kevin Matthews war.

Jeder wusste, wer Kevin Matthews war.

Ein Jahr älter als ich. Kapitän des Football-Teams. Kapitän des Basketball-Teams. Kapitän des Leichtathletik-Teams. Er war auch im Schülerrat – und ich muss gestehen, dass mir nie so richtig klar war, was er da tat. Es kümmerte mich nicht wirklich, denn er war noch viel mehr als das. Er war der Junge, der von allen Jungs respektiert wurde und den alle Mädchen haben wollten, mich und seine Sechs-Monate-Freundinnen eingeschlossen. Jede Freundin behielt er nur für sechs Monate, dann machte er mit ihr Schluss, weil er sich in eine andere verknallt hatte, von der er sich nach sechs Monaten auch wieder trennte.

Obwohl ich alles über Kevin wusste, hatte er keine Ahnung, wer ich war, bevor wir eine Familie wurden. Ich war niemand Besonderes. Ich meine, ich war nicht unbeliebt oder so. Ich schätze, ich war bloß Durchschnitt. Ich hörte oft, dass ich ziemlich schön sei, doch es kam von Leuten, die das eh sagen mussten. Meine Mutter versicherte mir das jeden Tag, mein Vater so ungefähr einmal im Monat und schließlich auch Sheila, nachdem ich eingezogen war. Sie erzählte mir das alle zwei Wochen. Klar, das hört man natürlich gern, aber na ja. Eltern müssen einem so etwas ja sagen. Also erfüllten meine Eltern und meine Stiefmutter ihre Pflicht, was das anging, genau wie meine besten Freundinnen May und Clarissa.

May war eine lebhafte kleine Asiatin, die mindestens einmal pro Woche nach einem Date gefragt wurde, selbst wenn sie gerade einen Freund hatte. Clarissa war ein paar Zentimeter größer als ich, mit einem Körper wie Britney Spears zu deren „Oops! … I Did It Again“-Zeiten. Ich hatte langes dunkelbraunes Haar, und man könnte behaupten, ich war ausreichend schlank. Ich hatte mich nie für außergewöhnlich hübsch gehalten, doch May und Clarissa meinten oft, dass sie für meine Figur töten würden, um mein Selbstvertrauen zu steigern.

Meine Mom hatte mir immer gesagt, dass meine Lippen perfekt wären und ich von der Familie meines Vaters die Mandelaugen und die langen Wimpern geerbt hätte. Meine Großmutter war wunderschön gewesen. Ich hatte sie zwar nie kennengelernt, doch sogar auf Fotos umgab sie, mit ihrem dunklen Haar, den dunklen Augen und dem herzförmigen Gesicht, eine verführerische Aura. Mir war gar nicht klar gewesen, wie ähnlich ich ihr sah, bis May und Clarissa einmal ein Bild von ihr entdeckten und richtig geschockt waren.

Es ging also keiner von uns wirklich schlecht, aber wir schafften es auch nicht bis in den kleinen Kreis der beliebtesten Highschool-Schüler. Vielleicht lag es daran, dass wir drei unsere eigene kleine Clique bildeten. Oder daran, dass wir nicht regelmäßig auf Partys abstürzten, nicht jeden Tag mit anderen Typen ins Bett stiegen oder Cheerleaders waren. Nichts gegen die Mädchen, die das taten, doch so waren wir eben nicht.

Wir waren fast schon langweilig.

Wir hatten gute Noten. Wir besuchten ab und zu Partys, aber nicht jedes Wochenende. Wir trafen uns eher zum Bowlen, zum Shoppen, veranstalten Pyjama-Partys oder gingen einfach nur zusammen essen. Daneben verbrachten wir viel Zeit in der Buchhandlung. Wahrscheinlich war das mit ein Grund, weshalb wir nicht an der Spitze der Highschool-Nahrungskette standen wie Kevin und die meisten seiner Freundinnen. Und das wollten wir auch gar nicht. Na ja, May wollte es vielleicht, Clarissa und ich waren allerdings zufrieden mit dem, was wir hatten.

Manchmal kam es vor, dass Kevin sich mit jemandem verabredete, der eigentlich nicht ganz in seiner Liga war. Einmal hatte er sogar etwas mit einem Mädchen, das mindestens zwei Ligen unter ihm spielte, was auf dem Schulflur ein echtes Chaos auslöste. Die Mädchen trugen immer aufreizendere Kleidung, in den Gängen roch es wie in einer Parfümerie und angeblich war die Make-up-Abteilung im Supermarkt leer gekauft.

„Kevin.“

Das Stöhnen der Frau riss mich aus meinen Gedanken und zurück zu der Katastrophe, die sich vor meinen Augen abspielte. Sie schlang eins ihrer braun gebrannten Beine um ihn und zog ihn näher an sich.

Ich rümpfte die Nase, während seine Hand immer tiefer an ihrer Taille hinabglitt. Meine Güte. Ich sollte eigentlich wegsehen, doch ich konnte einfach nicht. Er hob ihr Bein noch höher an und presste sich an sie, bei der Berührung keuchten sie beide auf.

Sie waren zwar zum Glück nicht nackt, aber vollständig angezogen waren sie auch nicht mehr. Kevins Jeans saß so locker, als wäre sie schon offen, und der Rock der Frau war hochgerutscht. Darunter blitzte pinkfarbene Spitzenunterwäsche hervor und irgendwas bewegte sich darin … ja, es war seine Hand.

Zeit, zum Anfang zurückzuspulen.

Sie hatten ein ruhiges Plätzchen im Hinterzimmer des Kellers gefunden, das in der Nähe von Kevins Zimmer im Verbindungshaus lag. Sie hatten es nur noch nicht ganz hineingeschafft. Mir hätte schon klar sein müssen, was los war, sowie ich das Gummiband am Knauf der Kellertür entdeckt hatte.

Ich schlich mich wieder zur Tür hinaus und war eingeschnappt genug, um dabei das Gummiband abzunehmen und es in meine Tasche zu stecken.

Okay. Ja, ich war seit Jahren in Kevin verliebt. Ja, ich hatte mit ihm unter einem Dach gelebt. Ja, er war so etwas wie mein Bruder, wir hatten allerdings keine geschwisterlichen Gefühle füreinander. Wir waren Kumpels, Freunde. Ich dachte aber, dass da noch mehr zwischen uns war. Ja, da war mehr zwischen uns.

Wir hatten nur ein Jahr lang zusammengewohnt, und er war immer recht still gewesen. Er war kaum zu Hause und wenn doch, hatte er eine Freundin dabei. Aber wir verbrachten ab und zu Zeit zusammen! Manchmal war er noch da, wenn ich nach dem Essen das Geschirr in den Geschirrspüler räumte, ab und zu wischte er den Tisch ab. Er lächelte mir zu. Einmal zwinkerte er sogar. Und umarmt hatten wir uns auch ein paarmal. Zu der Zeit kam mir das ziemlich bedeutend vor, als ich allerdings jetzt daran zurückdachte, wurde mir klar, dass wir nichts weiter als Freunde waren. Bis zu diesem Sommer. Im Sommer änderte sich alles.

Kevin kam vom College nach Hause, um meinen Highschool-Abschluss zu feiern. Und wir tranken. Und taten noch andere Dinge. Küssten uns, berührten uns. Die Erinnerung daran ließ mich alles wieder spüren. Seine Hand auf meiner Brust, dann in meiner Jeans. Ich hatte ihm sein Shirt abgestreift. Oh, dieser Oberkörper! Er hatte sich über mich gebeugt und ich strich mit den Händen seinen Rücken entlang. Er tat das Gleiche. Und er tat noch mehr.

Ich schlief mit ihm.

Na gut – ich erschauerte ein wenig, während ich daran zurückdachte. Nein. Ich hatte nicht wirklich mit ihm geschlafen. Wir hatten Sex, und als ich morgens aufwachte, war Kevin verschwunden. So richtig verschwunden. Er war bereits zurück in seinem Verbindungshaus, das volle vier Stunden entfernt lag.

Das war nicht bizarr. Nein, ich fand das nicht. Er rief am Abend an, um sich dafür zu entschuldigen, und sagte, dass er etwas erledigen musste, und er wollte nicht, dass es zwischen uns nun merkwürdig war. Also? Nicht seltsam. Er meldete sich in den folgenden Monaten noch häufiger – ungefähr viermal. (Das waren vier Telefonate mehr als normalerweise.)

Klar, meistens rief er an, weil er mit seiner Mutter sprechen wollte, aber er unterhielt sich auch mit mir. Wie geht’s dir? Genießt du den Sommer? Er quetschte mich aus, ob ich einen Freund hatte oder nicht. Ich quetschte ihn genauso scherzhaft aus, ob er eine Freundin hatte, wobei mein Herz raste und ich hoffte, dass es bei ihm niemand Ernstzunehmenden gab. Nach dem, was er erzählte, war da niemand.

Sei ehrlich, Stoltz. Du hast geglaubt, du wärst die Eine für ihn.

Das tat ich. Das tat ich wirklich, und mir wurde jetzt klar, wie dumm ich war.

Und es war dumm, auf dieser Party aufzutauchen. Ich musste hier dringend raus.

Nachdem ich wieder oben war, war alles voller Leute. Ich drehte mich um und hörte, wie jemand sagte: „Hey, hey, beruhige dich.“

Versehentlich hatte ich jemanden mit dem Ellbogen erwischt, und kaum dass ich nachguckte, wer das war, fiel mein Blick auf einen ziemlich muskulösen und durchtrainierten Arm. Und auf Tattoos. Verdammt, der ganze Arm war voller Tattoos.

Ich starrte darauf. Ich wusste, dass ich das nicht tun sollte, aber ich konnte einfach nicht anders. Der Bizeps wurde angespannt und ein Schlangen-Tattoo bewegte sich, als würde sich eine lebendige Schlange um den Arm winden.

„Stimmt irgendwas nicht mit dir?“

Mein Blick glitt hoch, weg von der Schlange, und direkt in verblüffend dunkle (und atemberaubende) Augen. Sie waren auf mich gerichtet, in ihnen eine Mischung aus Verwirrung und Ärger.

„Was?“ Er hat gefragt, ob mit dir was nicht stimmt. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, alles gut, tut mir leid.“ Ich hatte ihn nicht absichtlich angerempelt. „Ich hab dich nicht gesehen und wollte gerade abhauen.“

Der Ärger verblasste, und sein rechter Mundwinkel verzog sich zu einem Grinsen, seine Augen funkelten.

„Ja, ich habe mir schon zusammengereimt, dass du mich nicht schlagen wolltest.“ Er schwieg für einen Moment. „Du willst gehen?“

Ich nickte. „Ich kenne hier niemanden.“

Er blickte hinter mich. „Bist du nicht gerade aus dem Keller gekommen? Du kennst niemanden da unten?“

„Ich habe mich verlaufen“, antwortete ich hastig. Ich spürte, wie ich langsam rot anlief. „Bist du in der Verbindung?“

Er presste die Lippen aufeinander. „Leider. Wieso?“

Kevin liebte es, Mitglied bei Alpha Mu zu sein. Er hatte stolz verkündet, dass seine Bewerbung angenommen worden war. Schon sein Dad war ein Alpha Mu gewesen. Deshalb verstand ich nicht, wieso dieser Typ nicht besonders glücklich darüber wirkte. Kevin erzählte immer nur davon, wie toll die Alpha-Mu-Familie ihre Mitglieder unterstützte und wie fantastisch sie vernetzt waren.

„Ich dachte, du weißt vielleicht, wo der Ausgang ist.“

Er schien sich etwas zu entspannen. Seine Schultern senkten sich ein wenig, und die Schlange bewegte sich erneut, sowie er den Arm hob, um in die Richtung hinter mir zu zeigen.

„Die erste Tür rechts und dann einfach geradeaus. Da findest du den Seitenausgang. Durch das Wohnzimmer willst du nicht, die Typen da versuchen Frauen dazu zu bringen, nackt Bierpong zu spielen und …“ Er musterte mich von oben bis unten. „Nimm’s nicht persönlich, aber du wärst leichte Beute.“

Ich wäre was? Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf und wollte gerade eine vernichtende Antwort geben … Da drehte er sich einfach um und ging. Zwei Schritte und er war in der Menge verschwunden.

Arschloch!

Ich schlich mich durch die Seitentür hinaus und war dem Arschloch widerwillig dankbar, weil tatsächlich niemand hier rumlungerte. Während ich am Wohnzimmerfenster vorbeilief, hörte ich laute Jubelschreie und ahnte, wieso er mich gewarnt hatte.

„Da haben wir schon das erste Paar Brüste!“

Als Antwort kam mehr Jubel und mehr Gelächter.

Ich hatte bereits den Gehweg erreicht, da erklangen weitere Schreie.

„Sie ist da drin! Zusammen mit Matthews“, rief jemand.

Ich ging schneller und entfernte mich vom Haus. Kurz bevor ich um die Ecke bog, sah ich, wie ein Typ von der Eingangstür weggeschubst wurde. Zwei andere hielten seine Arme fest, während sie ihn die Stufen runter in Richtung Bürgersteig zerrten.

Ich blieb unter einem Baum stehen, wo mich niemand bemerkte. Matthews? Redete er von Kevin?

Hinter ihnen öffnete sich die Tür und einer der beiden rief über die Schulter hinweg: „Holt Caden. Das hier ist sein Bruder.“

Wer auch immer gerade herausgekommen war, kehrte um und rannte zurück ins Haus, ohne die Tür zu schließen.

„Und macht die verdammte Tür zu!“

Mit einem Knall flog sie ins Schloss.

„Nein.“

Der Kerl, der gerade weggeschleppt wurde, stemmte sich dagegen und versuchte, sich aus dem Griff der anderen beiden herauszuwinden.

„Ich gehe da rein und hole meine Freundin, egal, was mein Bruder meint!“

„Lass es, Marcus.“ Einer von ihnen baute sich vor ihm auf.

Marcus bäumte sich auf, seine Nasenflügel bebten.

„Sag mir nicht, ich soll das lassen. Sie ist meine Freundin, und Matthews ist ein Stück Dreck.“

Ich schob mich näher heran, um die drei besser hören zu können.

„Ja. Vielleicht.“

„Nicht vielleicht. Hör mal, ich nehme den Seiteneingang. Dann sieht mich keiner. Mein Bruder muss das ja nicht wissen. Ich geh rein, suche Maggie und wir verschwinden. Versprochen. Keine Prügelei. Ich schwöre.“

Der andere Typ schnaubte verächtlich und verschränkte seine imposanten Arme vor der ebenso imposanten Brust. Er stand breitbeinig da wie ein Türsteher, der eine wütende Meute zurückdrängen muss, und schüttelte langsam den Kopf.

„Das können wir nicht machen, das ist dir auch klar.“

„Dein Bruder ist wahrscheinlich eh gleich da“, warf der andere ein, der schweigsame Türsteher. Bisher hatte er nichts gesagt.

Marcus stieß ein frustriertes Knurren aus, und für einen kurzen Moment ballten sich seine Hände zu Fäusten. Die Verbindungstypen blieben hart. Ich hatte das dumpfe Gefühl, es war nicht das erste Mal, dass sie einen wütenden, betrogenen Freund vom Haus fernhalten mussten.

Die Tür öffnete sich wieder, und ich hörte eine Stimme, die ich kannte: „Was ist hier draußen los?“

Die beiden Verbindungsbrüder machten ihm Platz, damit der neue rauskommen konnte. Als das Licht auf ihn fiel, sah ich, dass es Arschloch war, der Typ mit dem Schlangen-Tattoo, der mir drinnen geholfen hatte.

„Caden.“ Marcus lief auf ihn zu. „Lass mich rein und Maggie holen. Mehr will ich gar nicht.“

„Genau“, erwiderte Caden/Arschloch. „Weil du ihn ganz bestimmt nicht verprügeln wirst.“

„Kevin ist zwar ein Stück Dreck, doch das mache ich nicht.“

Also war es tatsächlich Kevin, von dem sie redeten. Sie hatte einen Freund.

„Ich würde ihm wirklich gern eine neue Visage verpassen, aber ich werd’s nicht tun. Ich weiß ja, in was für Schwierigkeiten dich das bringen würde. Das schwöre ich“, fügte Marcus hinzu.

Wieder ging die Tür auf, und jemand trat heraus. „Kevin ist auf dem Weg hierher.“

Von drinnen hörte man ein weibliche Stimme sagen: „Irgendwas passiert da draußen. Was ist denn da los?“

Caden griff an dem Neuankömmling vorbei und zog die Tür zu. „Wenn Matthews rauskommt, mach diese verdammte Tür zu.“

„Ja, Boss, Caden. Wird erledigt.“

„Diese Sache geht keinen was an.“

„Tut mir leid. Ich bin jetzt vosichtiger. Versprochen.“

Wie um das zu beweisen, schloss er die Tür fast ebenso gewaltsam, wie Caden es getan hatte, sobald Kevin draußen war.

Kevin sah kurz zu Caden und lächelte, als wollte er sagen: Siehst du? Ich hab das drauf.

Caden schüttelte den Kopf. „Was ist hier los?“, fragte er meinen Stiefbruder.

Kevin betrachtete Marcus, der die Hände wieder zu Fäusten geballt hatte und sich kaum zurückhalten konnte.

„Matthews ist hier“, meinte Caden zu seinem Bruder. „Jetzt kannst du ihm erklären, was dein Problem ist.“

Marcus schnaubte. „Willst du mich verarschen? Maggie hat sich inzwischen eh rausgeschlichen, wahrscheinlich auf dem gleichen Weg, auf dem ich mich reingeschlichen hätte.“

Mir fiel etwas ein, und ich drehte mich um. Und tatsächlich kam die Frau, die mit Kevin im Keller gewesen war, gerade aus derselben Seitentür, durch die ich die Party verlassen hatte. Bei meinem Anblick verharrte sie. Panik breitete sich auf ihrem Gesicht aus, aber dann machte sie kehrt und lief die entgegengesetzte Richtung den Gehweg hinunter, und das nicht unbedingt leise.

„Maggie?“

Oh nein. Ich wusste genau, was passieren würde, und bereitete mich darauf vor.

Marcus kam um die Ecke gerannt und hielt inne, sowie er mich entdeckte. Er runzelte kurz die Stirn, schaute dann jedoch hinter mich. Ich drehte mich um, aber sie war schon weg.

„Wer bist du?“, fragte Marcus.

Ich ahnte, was als Nächstes geschehen würde. Hast du meine Freundin gesehen? Als ich mich zu ihm umwandte, befanden sich die anderen hinter ihm.

Kevin machte einen Schritt auf mich zu und sah mich irritiert an.

„Summer?“

Ich schluckte und ertappte mich dabei, wie ich über seine Schulter Caden anschaute, der mich anstarrte und mich mit seinem Blick an Ort und Stelle festnagelte.

Zögerlich winkte ich. „Hey … alle miteinander.“

2. Kapitel

„Summer?“, sagte Kevin.

Caden runzelte die Stirn und trat ebenfalls einen Schritt auf mich zu.

Abwechselnd schaute er uns an. „Ihr kennt euch?“

Ich wollte gerade etwas sagen, da antwortete ihm Kevin hastig: „Sie ist meine Schwester.“

„Stiefschwester“, korrigierte ich ihn.

„Stiefschwester.“ Kevin wandte sich wieder mir zu und war mir jetzt näher als Caden.

Sie standen sich direkt gegenüber, fast wie zwei Boxer vor einem Kampf, einen merkwürdigen angespannten Moment lang herrschte absolute Stille. Mein Blick huschte zwischen ihnen hin und her. Caden war ein paar Zentimeter größer als Kevin. Beide sahen atemberaubend aus, doch jeder auf seine eigene Art. Kevin war der klassisch schöne Typ mit blonden Locken und langen Wimpern, während Caden eher diesen Bad-Boy-Look hatte. Auch er hatte ein hübsches Gesicht mit markanten Wangenknochen, doch die dunklen Haare, die Tattoos und sein kompromissloses Auftreten verliehen ihm zusätzlich eine Aura von Autorität. Er war breiter als Kevin, der ziemlich schlank wirkte, ich hatte das Gefühl, dass Caden einen besseren Ringer und trotzdem einen besseren Läufer abgeben würde als mein Stiefbruder.

Ich hatte Kevin bisher auf ein Podest gestellt, nun sah ich ihn zum ersten Mal mit anderen Augen. Er stand hier neben jemandem, der in fast allen Belangen männlicher rüberkam als er – außer vielleicht darin, Frauen um den Finger zu wickeln. Nein. Ich verwarf den sinnlosen Gedanken schnell wieder und fühlte Schuldgefühle in mir aufsteigen. Auch wenn es wehtat, mitzuerleben, wie Kevin eine andere küsste, gehörte er immer noch zur Familie, oder nicht?

Ich hob den Kopf und stellte mich neben ihn. Um meine Unterstützung für meinen Stiefbruder zu zeigen. „Um genau zu sein, bin ich hergekommen, um ihn zu überraschen, aber ich hab’s mir anders überlegt. Er hat gerade unten telefoniert. Deshalb bin ich wieder gegangen.“

Marcus atmete hörbar aus und trat von der Gruppe zurück.

Ich ignorierte ihn und versuchte auch zu ignorieren, wie Caden seinen argwöhnischen Blick langsam auf mich konzentrierte statt wie bisher auf Kevin. Trotzdem musste ich schlucken, weil ich sein Misstrauen mit aller Macht spürte. Der Typ war clever. Er wusste genau, was ich tat.

Ebenso wusste Kevin es. Ich merkte, dass er kurz zu mir herübersah, dann streifte er mit dem Handrücken meine Hand. Ich schätze mal, das war seine Art, mir zu danken.

„Ach wirklich?“ Caden zog eine Augenbraue hoch.

„Wirklich.“ Ich schob trotzig das Kinn vor, auch wenn ich tief im Inneren gar nicht so überzeugt war. Ich deckte hier Kevin, den ich liebte, und das war falsch. Ich blinzelte einige Male. Egal, es würde am Ende schon irgendwie funktionieren. Das musste es einfach.

„Ja.“ Kevin räusperte sich. „Ich habe gerade mit ihrem Vater telefoniert. Er hatte mich angerufen, weil er sie nicht finden konnte.“ Er wandte sich an mich: „Du solltest dich mal bei deinem Dad melden.“

„Ähm, okay. Danke.“ Sollte ich das wirklich, oder gehörte das zu seiner Ausrede?

„Kein Problem.“ Er zuckte kurz mit den Schultern und versuchte, möglichst cool und gelassen auszusehen.

Schweigend verfolgte Caden unser Gespräch, aber Marcus schnaubte verächtlich und rollte mit den Augen.

Er zeigte auf mich. „Kommt schon, Leute. Ihr glaubt doch nicht etwa, was die sagt. Sie ist Matthews’ Schwester. Natürlich lügt sie für ihn.“

„Lass es einfach, Marcus.“ Cadens Tonfall klang müde, so, als hätte er diese Unterhaltung schon mehr als einmal führen müssen.

Ich betrachtete die Gesichter der anderen – alle hatten denselben Ausdruck: erschöpft.

Erneut zuckte Kevin mit den Schultern und legte den Kopf schief, sagte aber weiterhin nichts. Sein Blick ging von Caden hinüber zu den anderen beiden Verbindungsbrüdern.

Ich sah ihm an, dass die aufgesetzte Gelassenheit etwas von ihm abfiel, dennoch schaffte er es, sich zu räuspern und in gut gelauntem Tonfall zu sagen: „Ich denke mal, es ist an der Zeit, runterzukommen, und was trinken zu gehen. Seid ihr bei einer Runde Bierpong dabei?“

Sie schauten ihn an. „Ich bin immer für einen Drink zu haben. Hatte genug Drama für heute“, stieß der Muskelmann hervor.

Kevin trat zwischen die beiden und legte ihnen die Hände auf die Schultern. „Dann lasst uns ein paar Kurze kippen. Das ist jetzt genau das Richtige.“

Die drei verzogen sich ins Haus und ließen mich mit Marcus und Caden zurück. Kurz bevor sie nach drinnen verschwanden, schaute Kevin noch einmal über die Schulter und nickte mir leicht grinsend zu. Dann waren sie weg.

Kevin hatte mich erneut zurückgelassen. Es kam mir vor wie ein Déjà-vu. Ich fühlte mich, als wäre ich drei Monate in der Zeit zurückgereist und wieder alleine nach der Nacht mit ihm aufgewacht. Ich hatte gerade für ihn gelogen, und er haute einfach ab, um mit seinen Verbindungsbrüdern Kurze zu trinken. Es gefiel mir nicht, wie viel mir das noch immer ausmachte. Dieser Mistkerl.

„Wieso?“, stieß Marcus hervor und biss die Zähne zusammen. „Verrat mir bloß, wieso? Ich weiß, dass du sie gesehen hast. Es geht gar nicht anders.“

Ich fühlte mich schuldig, schwieg jedoch. Was sollte ich auch sagen, er hatte ja recht.

Caden seufzte. „Lass sie in Ruhe. Er gehört zu ihrer Familie.“

Er wollte Marcus die Hand auf die Schulter legen, doch Marcus zuckte zurück, wirbelte herum und funkelte ihn wütend an.

„Schon kapiert. Er ist dein Verbindungsbruder, doch ich bin dein echter Bruder. Irgendwann musst du dich mal entscheiden, Caden. Dad kann mich mal. Er und seine dämliche Verbindung.“ Er starrte uns beide vorwurfsvoll an. „Ist mir egal, wer Matthews deckt. Das bedeutet Krieg.“

Jetzt wurde Caden wiederum wütend.

Ich kannte ihn zwar nicht, aber er wirkte nicht wie jemand, der so mit sich reden ließ, ohne etwas darauf zu erwidern. Ich trat einen Schritt zurück und rechnete jeden Moment mit einem Faustschlag. Doch es kam keiner. Die beiden Brüder starrten sich nur stumm an und pressten die Lippen zusammen.

Dann schaute Caden zu mir herüber, und es wurde mir klar. Sie sagten nichts, weil ich dabei war.

„Oh.“ Ich zwang mich zu einem Grinsen und winkte kurz. „Ich … ähm … ich sollte wohl gehen und meinen Vater anrufen. Das hat Kevin ja gesagt.“

Marcus schnaubte. „Genau.“

Caden beobachtete mich weiterhin schweigend mit unerbittlichem Blick. Ich trat ein paar Schritte zurück, er starrte mich nach wie vor an. Es hätte mir nichts ausmachen sollen, aber ich spürte tief im Inneren, wie ich nervös wurde. Trotzdem ging ich los. Ich hätte mich gern umgedreht, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne. Ich konnte ihn regelrecht spüren. Ich mochte dieses Gefühl nicht, absolut nicht. Es war … irritierend, genau wie er. Ich sah mich noch ein letztes Mal um und war erleichtert. Sie waren weg.

Um das mulmige Gefühl darin zu unterdrücken, presste ich eine Hand auf meinen Bauch.

Ich machte mich auf die Suche nach Kevin. Dieses Mal mit dem Ziel, eine Begegnung mit Caden/Arschloch um jeden Preis zu vermeiden. Kevin war vermutlich auf dem besten Weg, sich entweder zu betrinken oder wieder hinauszuschleichen, um nach der Frau von vorhin zu suchen. Ich würde ihm beides zutrauen, aber ich musste ihn dringend finden. Nur diesmal aus einem anderen Grund. Anstatt dass ich ihn wegen uns sehen wollte, musste ich herausfinden, ob ich wirklich meinen Dad anrufen sollte.

Das redete ich mir zumindest ein.

Ich schlich mich auf demselben Weg rein, den Caden mir als geheimen Weg nach draußen empfohlen hatte, und rannte auf die Treppe zum Untergeschoss zu, sobald die Luft rein war. Ich erwartete zwar nicht, Kevin dort anzutreffen, aber ich hatte vor, in seinem Schlafzimmer zu warten und ihm per SMS zu schreiben, wo ich war. Er müsste dann herunterkommen, um mit mir zu reden. Er würde bestimmt nicht wollen, dass Arschloch mich fand und noch einmal versuchen konnte, die Wahrheit aus mir herauszuquetschen.

Ich hatte mich geirrt.

Kevins Zimmertür war einen Spaltbreit offen, und ich sah ihn auf seinem Bett sitzen, sein Handy ans Ohr gepresst. Ich stoppte direkt vor der Tür.

„Bist du gut nach Hause gekommen?“, fragte er. Pause. „Gut … ja, er war ziemlich sauer. Nein. Nein, er hat mir nichts getan. Ich weiß.“ Noch eine Pause, diesmal eine etwas längere. „Ja, ich weiß. Wir kriegen das schon hin. Das verspreche ich. Was?“ Er stöhnte. „Oh, Maggie, sie war nur meine Stiefschwester.“

Ich hörte ein Lachen auf der anderen Seite der Leitung, und auch Kevin begann zu lachen.

„Ich weiß, ich weiß. Nein, sie wird nicht petzen. Sie hat mich gedeckt. Ja, das ist sie.“

Ich griff nach dem Türrahmen. Meine Finger umklammerten ihn.

„Mach dir keine Sorgen, Maggie, echt nicht. Sie wird nichts verraten. Sie liebt mich, sie gehört zu meiner Familie. So eine ist sie nicht.“ Seine Stimme wurde auf einmal tiefer und kräftiger. „Ich liebe dich auch, wirklich. Es wird alles gut. Ich stehe hinter dir. Versprochen.“

Meine Fingernägel bohrten sich in das Holz des Rahmens.

„Okay. Okay. Ja. Ich muss jetzt wieder hoch. Ich kümmere mich um Summer – so heißt sie. Ich schreibe ihr sofort eine SMS. Ich liebe dich. Bye.“

Ich hörte den Piepton, als er auflegte, und nur einen Augenblick später spürte ich mein eigenes Handy vibrieren. Ich hatte es wie üblich lautlos gestellt. Bevor ich es aus der Tasche zog, nahm ich mir einen Moment, um mich zu sammeln.

Er war ein Arschloch, und dieses Mal meinte ich damit nicht Caden. Kevin hatte erst vor kaum mehr als drei Monaten mit mir geschlafen und mir immer weisgemacht, dass er seitdem nichts Ernstes mehr hatte. Ich hatte gedacht, dass nun die Zeit für uns gekommen sei, jetzt, da wir in derselben Stadt aufs College gingen, aber er war in eine andere verliebt – eine, für die ein anderer Typ kämpfen würde.

Ich spürte einen Kloß im Hals und blinzelte die Tränen weg.

Ich würde hier nicht anfangen zu heulen, nicht wegen Kevin.

Damit hatte ich die Antwort auf die Frage, wegen der ich hergekommen war.

Schnell machte ich ein paar Schritte von der Tür weg, mein Handy noch immer in der Hosentasche. Mich interessierte nicht, was er geschrieben hatte. Ich ging die Treppe hoch, und als ich gerade wieder auf dem Weg zur Seitentür war, ertönte eine vertraute Stimme hinter mir.

„Dein Stiefbruder ist ein Dreckskerl.“

Ich drehte mich, hatte nach wie vor einen Kloß im Hals. Caden stand da, er sah nicht sonderlich überrascht aus. Sein Blick war auf mich geheftet, trotz seiner Eroberung, die sich an ihn klammerte.

Er wartete auf eine Antwort, vielleicht rechnete er damit, dass ich ihm widersprach. Ich hatte keine Ahnung, aber alles, was ich sagte, war: „Da sind wir einer Meinung.“

Seine Augen weiteten sich ein wenig, doch ich war fertig.

Ich schlüpfte zur Tür hinaus und eilte davon.

Ich war so dumm.

3. Kapitel

Ich war am Abend zuvor ohne Sheila und meinen Dad zur North River University gefahren.

Weil ich erst heute einziehen konnte, hatte ich ihnen erzählt, dass ich bei einem Freund übernachten würde. Sie hatten nicht weiter nachgefragt. Dieser „Freund“ hätte eigentlich Kevin sein sollen, und weil das keine Möglichkeit mehr war, hatte ich mir ein Hotelzimmer genommen.

Nun saß ich im Eingangsraum meines Wohnheims und wartete putzmunter – haha, der war gut – darauf, dass ihr Geländewagen vorfuhr. Sheila und mein Dad wollten natürlich auch Kevin besuchen, aber ich hoffte, dass sie erst zu ihm gehen würden, nachdem meine ganzen Sachen in meinem Zimmer waren.

„Summer.“

Daraus wurde wohl nichts.

Ich sah von der Couch auf, und mein Herz sank genauso schnell, wie die Schmetterlinge wieder in meinem Bauch auftauchten. Kevin sah so verdammt gut aus. Er war frisch geduscht und hatte noch feuchte Haare. Er trug ein enges Shirt, Jeans und eine Sonnenbrille, die seine Augen verdeckte. Mein Herz machte einen Sprung.

Ich hasste ihn.

Nein. Ich wünschte mir nur, ihn zu hassen.

Er lächelte mich an, wobei er seine perfekten weißen Zähnen zeigte, und kam auf mich zu, in jeder Hand einen Kaffeebecher. Einen reichte er mir.

„So, wie du ihn magst. Ohne Zucker, oder?“

Ich umschloss den warmen Becher mit beiden Händen und seufzte leise. Meine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Es war, als hätte ich einfach keine Kontrolle über mich, wenn er da war. Ich hoffte, dass es nicht immer so sein würde.

„Ja, genau.“ Ich hielt den Becher wie einen Schutzschild vor mich und sah mich um. „Ähm, wo sind denn Mom und Dad? Haben sie sich schon gemeldet?“

Er rührte sich nicht. Ich hatte das Gefühl, dass er mich musterte, aber wegen der Sonnenbrille konnte ich seine Augen nicht sehen.

Schließlich nickte er langsam. „Ja, sie haben mich angerufen, als sie noch circa eine halbe Stunde von hier entfernt waren.“ Er ließ den Blick durch den Raum schweifen.

Ein paar Mädchen standen beim Eingang herum und warfen ab und zu einen verstohlenen Blick in seine Richtung, ansonsten war außer uns niemand in der Eingangshalle. Ich hatte mich extra in den hintersten Winkel verzogen. Kevin setzte sich direkt neben mich, obwohl unzählige andere Plätze frei waren. Er räusperte sich, und ich bereitete mich innerlich auf das vor, was gleich kommen würde.

„Ähm … also … wegen gestern Abend …“

Ich winkte sofort ab. „Kein Thema.“

Er runzelte die Stirn. „Aber …“

Ich sah zur Seite. „Nein. Wirklich. Ich bin ein bisschen früher hergekommen und wollte nur Hallo sagen. Nichts weiter. Du hast beschäftigt ausgesehen, da bin ich eben wieder gegangen.“ Bitte belass es einfach dabei, bitte belass es einfach dabei, flehte ich innerlich.

Nach einem kurzen Moment der Stille räusperte er sich erneut und lehnte sich in seinem Sessel zurück.

„Okay. Na ja, dann danke.“

Ich nickte. „Alles klar, kein Problem.“

„Ganz sicher, Summer?“

„Ja, ganz sicher.“ Wieder nickte ich eifrig, während meine Hände den Kaffeebecher umklammerten, als würde er versuchen, vor mir davonzulaufen. Wie als Antwort auf meine Gebete fuhr das Auto vor. „Ah, da sind sie ja.“ Ich konnte nicht verhindern, dass meine Erleichterung hörbar mitschwang.

Als ich aufstand, um unsere Eltern zu begrüßen, sah ich aus dem Augenwinkel, wie Kevin, der aus dem Fenster geschaut hatte, aufsprang, um mir in den Weg zu treten. Aber ich war schon an ihm vorbei und hoffte einfach, mit ihm auch die merkwürdige Stimmung hinter mir zu lassen.

„Mom. Dad.“ Ich winkte ihnen zu, als sie aus dem Wagen stiegen und auf uns zukamen.

Weil ich ahnte, dass dieses Wiedersehen nach der eintägigen Trennung nicht ohne Umarmungen ablaufen würde, stellte ich meinen Kaffeebecher vorsorglich auf einer Bank ab. Sheila war ein großer Fan von Umarmungen, und wie erwartet fand ich mich schon bald in ihrer Umklammerung wieder.

„Summer.“ Sheila presste mich an sich und murmelte in meine Haare hinein. „Meine Liebe. Ich lasse dich nicht gehen, nur, dass du’s weißt. Nein, auf gar keinen Fall. Du bist jetzt in meinen Armen gefangen, und ich lasse dich nie mehr los, bis an mein Lebensende.“

„Mom.“ Kevin trat neben uns, und ich konnte sein Lächeln in seiner Stimme hören. „Du musst sie loslassen. Sie muss ja irgendwann mal wieder atmen.“

„Nein, nein.“ Sheila schüttelte den Kopf, wobei sich meiner zwangsläufig mit bewegte. „Ich habe schon dich an diese Hölle namens College verloren. Ich bin nicht bereit, mein Mädchen hier auch noch zu verlieren.“

Ich musste lachen. Es tat gut, das zu hören. Sheila hatte nie versucht, meine richtige Mutter zu verdrängen, aber irgendwie war sie doch in ihre Fußstapfen getreten. Unsere beiden Familien hatten ohne Probleme zueinandergefunden. Es hätte eigentlich Probleme geben müssen, es gab sie jedoch nicht. Es half wahrscheinlich, dass ich wusste, wie sehr meine Mutter sich für meinen Vater wünschen würde, dass er wieder glücklich wurde. Und das war er, daran gab es keinen Zweifel. Sheila hatte mich das Tempo diktieren lassen, und ich wusste, dass es sie gefreut hatte, als ich schließlich anfing, meine Hausaufgaben im Wohnzimmer zu machen statt allein in meinem Zimmer. Sie fing an, mir etwas zu essen zu bringen. Dann Getränke. Und irgendwann arbeitete sie selbst im Wohnzimmer an einem Tisch mit mir.

Ein Teil von mir hatte Mitleid mit ihr. Kevin war kaum zu Hause.

Und an den Abenden, wo er mal allein nach Hause kam, war es nie vor neun oder zehn Uhr. Ich bekam auch nur selten mit, dass er sich mit Sheila und meinem Dad unterhielt, bevor er in seinem Zimmer verschwand. Ein paarmal war ich hinuntergegangen und hatte in der Küche gewartet, in der Hoffnung, dass er noch eine Kleinigkeit essen wollte oder etwas trinken, aber das kam so gut wie nie vor. Wenn er einmal in seinem Zimmer war, kam er da vor dem nächsten Morgen nicht wieder heraus. Vielleicht hatte er mich in der Küche sitzen sehen und war später hinuntergegangen, als ich weg war.

Ab und zu gab es ein Familienessen, aber das lief auch immer ziemlich reibungslos ab. Als ich jetzt daran zurückdachte, kam es mir irgendwie zu reibungslos vor. Das schien nicht normal zu sein. Ich fragte mich – während Sheila mich doch noch losließ, um ihren Sohn zu umarmen –, ob Kevin eigentlich wirklich einverstanden damit war, einen neuen Vater zu haben. Bisher war es mir so vorgekommen.

Nachdem mein Dad mich zur Begrüßung ebenfalls umarmt hatte, ging er zu Kevin, und sie gaben sich die Hand.

Nichts weiter.

Es war, als hätte ich bis heute den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Jetzt erkannte ich, wie steif und distanziert die beiden sich verhielten. Doch dann bemerkte Dad meinen Blick, und alles war wie weggeblasen. Ich sah die Wärme in seinen Augen, und meine Sorgen verschwanden.

„Alles klar, mein Schatz?“ Er legte einen Arm um meine Schultern und zog mich an sich.

Ich nickte, wobei mein Kopf an seiner Schulter entlangstreifte. „Ja, mir geht’s gut.“

„Bereit fürs College?“

„Für die Hölle, das ist es nämlich“, grummelte Sheila missmutig, musste dabei aber ein Grinsen unterdrücken.

„Ja, bereit loszulegen.“ Ich nickte.

Kevin beobachtete mich, und ich spürte wieder dieses Kribbeln, das ich in seiner Nähe immer fühlte. Heute kam es mir irgendwie anders vor. Ich warf einen verstohlenen Blick zu ihm hinüber. Er sah mich an, als wäre ich eine Fremde, oder als würde er mich auf einmal mit anderen Augen sehen. Was es auch war – ich wusste nicht, wie ich darüber denken sollte, aber jetzt hatte ich erst einmal einen Umzug zu erledigen.

„Warst du schon da und hast Bescheid gesagt, dass du einziehst?“

Sheila drehte sich zu mir um, den Arm um Kevin gelegt. Ihn schien das nicht zu stören, und er lehnte sich an sie.

Ich nickte. „Ja, ich habe eingecheckt. Ich habe auch mit der Flursprecherin geredet und so.“ Es war in Ordnung für sie, dass ich etwas früher einzog.

„Wie heißt sie denn?“

„Avery. Ich stelle euch vor, wenn wir oben sind.“

„Und deine Mitbewohnerin? Ist sie schon da? Oder wann lernst du sie kennen?“

„Nein, sie ist noch nicht da. Es sind ja noch ein paar Tage.“ Die Kurse fingen am Donnerstag an, und es war erst Samstag.

„Oh.“ Sie runzelte die Stirn. „Und was machst du dann die ganze Zeit? Vielleicht kommst du nach Hause für die Tage.“

„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich hänge einfach ein bisschen hier rum, suche nach einem Job auf dem Campus oder so.“ Ich sah kurz zu Kevin hinüber. Eigentlich war ich früher hergekommen, um die Zeit mit ihm zu verbringen. Als würde er meine Gedanken spüren, wandte er den Blick ab und schluckte.

Er löste sich von seiner Mutter. „Also, ich muss jetzt leider los.“ Er zeigte auf etwas auf dem Campus hinter ihm. „Ich muss zu meinem Studienberater und mit ihm über mein Hauptfach sprechen.“

„Ach ja?“

Er nickte seiner Mutter zu. „Ich will Jura nehmen, Mom. Wie findest du das?“

Sie lächelte, aber es wirkte gezwungen. So, als wäre sie sich nicht sicher, wie sie das fände.

„Jura, wie?“ Sie stupste ihn spielerisch mit der Hüfte an. „Mein Sohn tritt in die Fußstapfen seines Vaters.“

Kevin sah ihr weiter unbeirrt in die Augen. Das war das einzige Thema, über das noch nie gesprochen worden war, seit wir bei den beiden eingezogen waren: Kevins Vater, Sheilas Ex-Mann.

Im Gesicht meines Vaters sah ich den gleichen angespannten Ausdruck und wusste, dass Mr. Matthews auch jetzt kein Gesprächsthema werden würde.

Kevin und seine Mutter tauschten stumm einen Blick, bevor er schließlich seufzte und mich anlächelte. „Na ja, das hoffe ich zumindest.“

„Okay.“ Sie hob das Kinn. „Ich bin stolz auf dich, Kevin.“

Er verzog das Gesicht zu einer leichten Grimasse. „Danke, Mom.“ Dann sah er hinüber zu meinem Dad. „War schön, dich mal wieder zu sehen, Daniel.“

Mein Dad reichte ihm die Hand. „Finde ich auch, Kevin. Du bist viel zu selten bei uns zu Hause.“

Sie schüttelten sich die Hand, und ich fühlte mich, als wäre ich in einer Parallelwelt gelandet. Alles zwischen den beiden war so verkrampft und … einfach merkwürdig. Ich kapierte es nicht. Ich war mir sicher gewesen, dass bei ihnen alles bestens lief und dass sie sich genauso gut verstanden wie Sheila und ich.

Kevin sah zu mir herüber, und seine Stimme wurde ein wenig weicher, als er fragte: „Bis später dann, Summer?“

„Ähm, klar. Bis später.“

„Ihr beide werdet hier so viel Spaß haben. Ihr geht auf dasselbe College. Mein Sohn bereitet sich auf das Jurastudium vor, meine neue Tochter wird Sportmedizinerin. Ihr müsst euch jede Woche zum Essen treffen.“ Sheila zog Kevin für eine letzte Umarmung an sich. „Du passt auf deine Stiefschwester auf, ja?“

„Mach ich. Versprochen.“

Noch ein Abschiedsgruß und er ging hinüber zum Gehweg, die Hände in den Taschen.

„Dein Zimmer ist im sechsten Stock?“, fragte Dad.

Ich nickte. Ein Freund von ihm war mitgekommen, um mit den schwereren Sachen zu helfen, und wartete schon hinter uns mit der ersten Kiste auf den Armen.

„Zimmer 614.“ Ich zeigte in den Seitengang. „Es ist am Ende des Flurs. Am besten nehmt ihr die Treppe auf der Rückseite, das geht schneller.“

„Alles klar.“ Dad marschierte los, um den Wagen ein Stück näher an die Tür zu fahren, während sein Freund mit der Kiste ins Haus ging. „Ich bin ziemlich sicher, dass wir in einer Stunde alles oben haben müssten.“

„Gut.“ Sheila klatschte in die Hände und strahlte uns an. „Dann laden wir mal deine Sachen aus. Danach hast du uns dann noch für einen Tag an der Backe!“ Sie stieß mich mit der Hüfte an. „Fang schon mal an, dir etwas zu überlegen, Summer. Wir gehen nachher essen, und du darfst entscheiden, wo. Kevin ist wahrscheinlich wieder mit irgendeiner Frau beschäftigt, aber er hat keine Wahl. Heute Abend spiele ich die Mutter-Karte aus. Wir machen ein letztes Familienessen, wo immer du willst.“

Das klang ziemlich gut, so hätte ich den ganzen Tag Zeit, mich auf die nächste Begegnung mit Kevin vorzubereiten. Ich hoffte nur, dass er keine Freundin mitbringen würde.

Als wir dann abends in dem Restaurant saßen, das ich ausgesucht hatte, und er reinkam, sah ich, dass meine Gebete nicht erhört worden waren.

War ja klar.

Er hielt Maggie an der Hand.

4. Kapitel

Das Abendessen war furchtbar. So richtig furchtbar.

Das überraschte mich nicht wirklich. Kevin hatte schon länger die unangenehme Angewohnheit, seine Freundinnen mit zu unseren Familienessen zu bringen. Warum also sollte sich das plötzlich ändern? Das zeigte mir aber, dass es einen Unterschied zwischen gestern Abend und heute Abend gab. Er schien keine Angst mehr zu haben, erwischt zu werden.

Ich konnte mir ein verächtliches Schnauben nicht verkneifen, als ich daran dachte. Nein, falsch. Gestern Abend hatte er Angst, verprügelt zu werden. Heute Abend war es ihm egal. Ich beobachtete die beiden – wie sie Händchen hielten, lachten, rot anliefen. Sie warfen sich ständig diese Blicke zu, die sich nur Leute zuwarfen, die gerade miteinander geschlafen hatten. Als wären wir anderen alle Idioten, die nicht wussten, was sie bedeuteten.

Richtig. Kevin + Maggie = würg.

Und ja, mir war klar, dass es meine Schuld war, dass ich diese dämlichen Gefühle entwickelt hatte. Aber verdammt noch mal, wenn Kevin einem so viel Beachtung schenkte, in Kombination mit seinem Aussehen und der Art, wie er mit einem redete – na ja, es gab schon einen Grund, weshalb er so viele Frauen abbekam.

Der einzige Vorteil daran war, dass dieses ganze Kevin-Maggie-Pärchen-Theater die Aufmerksamkeit von dem verkrampften Verhältnis zwischen ihm und meinem Dad ablenkte. Dennoch gab es ein paar dieser Momente. Zum Beispiel, wenn Kevin offen Maggies Hand küsste und Dad hustete und an seinem Kragen herumzupfte. Oder wenn Sheila vom Familienwochenende im letzten Jahr schwärmte. Weder Kevin noch mein Dad sagten ein Wort dazu. Sie saßen einfach da, pressten die Lippen aufeinander und verzogen keine Miene.

Ich fragte mich auf einmal, was mir das vergangene Jahr über noch alles entgangen war.

Als die Turteltäubchen endlich weg waren und Sheila sich erkundigte, ob ich in meinem Zimmer übernachten oder mit ihnen ins Hotel kommen wollte, fühlte ich mich noch verletzlicher als sonst. Also entschied ich mich für das Hotel. Den nächsten Tag verbrachte ich auch mit den beiden und erledigte ein paar College-Einkäufe, bevor sie mich beim Wohnheim absetzten. Für meine erste Nacht in meinem neuen Zuhause. Allein.

An meinem ersten offiziellen Abend am College saß ich vor dem Computer. Wie traurig war das denn bitte?

Um mir zu versichern, dass das überhaupt nicht schlimm war, beschloss ich, rechtzeitig ins Bett zu gehen. Verantwortungsbewusst, nicht traurig. Ich würde früh aufstehen. Vielleicht ja sogar Laufen gehen? Mich für die Kurse einschreiben und dabei weit vorne in der Schlange stehen. Na bitte. Verantwortungsbewusst. Ich würde die am besten vorbereitete Studentin im ganzen Jahrgang sein. Ich war gerade so weit, dass ich mich selbst davon überzeugt hatte, als meine Flursprecherin zu mir ins Gemeinschaftsbad hereingestürmt kam.

Avery stürmte im wahrsten Sinne des Wortes herein.

Wie ein Windstoß stieß sie die Badezimmertür auf und trat ein. Sie flitzte so schnell durch den Raum, dass ich einen weiteren Windstoß spürte, als sie an mir vorbei und in eine der Kabinen preschte.

„Gehst du schon ins Bett?“, fragte sie im nächsten Moment durch die Tür.

Ich sah mich um. Außer mir war keiner da.

„Summer?“

„Hm?“

„Du bist aus 614, oder? Du bist gestern hier angekommen. Du bist das Sportmedizin-Mädchen, oder liege ich da falsch?“

Sie meinte wirklich mich. „Ja, doch. Das bin ich.“

Ich hörte, wie die Toilettenspülung betätigt wurde. Die Tür öffnete sich einen Moment später, und Avery sah mich an, während sie zum Waschbecken ging, um sich die Hände zu waschen.

„Du bist doch Summer, oder?“ Ein verwirrter Gesichtsausdruck machte sich bei ihr breit. „Warte. Oder war es Autumn? Ich war mir sicher, dass es eine Jahreszeit war.“

„Nein, Summer. Ich bin Summer.“

„Alles klar.“ Sie war fertig mit dem Händewaschen und griff nach den Papierhandtüchern. „Dein Bruder ist Kevin Matthews, stimmt’s?“

Ich biss die Zähne zusammen. „Stiefbruder. Ja.“

„Ihr seid also nicht blutsverwandt?“

„Nein.“

Sie schnaubte und zerknüllte das Papierhandtuch. „Ich frage mich, ob Maggie das weiß.“

Ich hielt inne. „Du kennst Maggie?“

Sie warf das Papierhandtuch in den Mülleimer, öffnete die Tür und hielt sie mit dem Fuß offen. „Jap.“

Ich schnappte mir meine Kulturtasche. Avery stieß die Tür weit genug auf, dass ich auch durchgehen konnte, und wir schlenderten zusammen den Flur entlang zu unseren Zimmern.

„Kevin Matthews’ ‚große Liebe‘.“ Sie formte mit den Fingern Anführungszeichen und grinste mich an. „Ich liebe Maggie. Wir haben letztes Jahr in einem Zimmer gewohnt, und wir sind eigentlich alle eine Clique. Wir kennen uns schon seit der Highschool. Trotzdem. Nichts gegen deinen Stiefbruder, aber Maggie ist echt verrückt.“

„Wie meinst du das?“

Avery setzte an, um etwas zu sagen, tat es dann aber doch nicht. Sie legte den Kopf schief, als würde ihr jetzt erst klar werden, was sie ausplaudern wollte, und sah mich reumütig an.

„Sorry, ich sollte mich da wirklich raushalten. Ich bin gerade keine gute Freundin.“ Sie winkte ab. „Tu einfach so, als hätte ich nichts gesagt.“

Ich wackelte mit dem Kopf. „Nichts gesagt worüber?“

Sie lachte. „Danke.“

Ihr Zimmer war näher als meins, also blieben wir vor ihrer Tür stehen. Drinnen wummerte Techno-Musik, und Avery starrte kurz die Tür an und runzelte die Stirn. „Sag mal“, meinte sie drucksend. „Hast du Lust, mit uns mitzukommen?“

Meine Augen weiteten sich. „Mit dir und Maggie?“

„Was? Nein.“ Sie lachte wieder. „Sorry, nein, nein. Maggie ist wahrscheinlich mit deinem Stiefbruder unterwegs oder …“ Erneut bremste sie sich, bevor ihr etwas herausrutschen konnte. „Ich gehe mit ein paar Freunden auf eine House-Party. Das ist eine andere Gruppe. Zu der gehört Maggie nicht.“

„Oh.“ Jetzt druckste ich herum. Was sollte ich tun? Langweilig sein oder … mit zur Party gehen? „Ich bin dabei.“

„Super.“ Sie richtete sich auf und streckte die Brust raus. „Okay.“ Dann zog sie ihr Handy aus der Tasche und scrollte durch die Nachrichten. „Okay, alles klar. Wir treffen uns in zwanzig Minuten bei meiner Freundin. Willst du in zehn Minuten wieder hierherkommen? Ihr Zimmer ist ganz am anderen Ende vom Campus und …“ Sie machte eine kurze Pause. „Ähm, wir werden da was trinken. Ich sollte dich wahrscheinlich nicht einladen, aber du bist nun mal hier, und du scheinst cool zu sein. Und wir sind auf dem College.“

Ich nickte. „Ist schon gut. Kevin ist auch ein ziemlicher Partygänger. Das ist kein Problem für mich.“

„Gut.“ Sie lächelte mich erleichtert an, und ihre Schultern entspannten sich. „Perfekt. Na dann mach dich mal fertig für die Party. In zehn Minuten geht’s los.“

„Alles klar, bis gleich.“

Ich war mir nicht sicher, für welche Art von Party ich mich anziehen sollte, also ging ich einfach davon aus, dass es das Übliche sein würde: Bier. Rumknutschen. Noch mehr Bier. Das Übliche eben. Daher lief es wohl auf Jeans, ein schwarzes Tanktop und Sandalen hinaus.

Als ich wieder bei Averys Zimmer ankam, sah ich, dass ich richtig gelegen hatte. Der einzige Unterschied zwischen unseren Outfits war der schwarze BH unter ihrem fast durchsichtigen Tanktop. Es war weiß, aber so dünn, dass ich sogar ihren Bauchnabel klar und deutlich erkennen konnte. Ihr Haar hatte sie links und rechts zu Zöpfen hochgeflochten. In Kombination mit den großen Ohrringen und ihrer engen ausgewaschenen Jeans verlieh ihr das einen rebellischen Party-Look.

Gestern Morgen, als ich mich mit ihr getroffen hatte, hätte ich nie im Leben gedacht, dass sie mit mir auf eine Party gehen würde, erst recht nicht in diesem Outfit. In ihrer offiziellen Position als Flursprecherin hatte sie Kaki-Shorts und ein rotes Polohemd getragen, die blond gefärbten Haare offen und locker über die Schultern gekämmt. Ich weiß noch, wie sie dastand, ein Klemmbrett in der Hand, als ich sie meinen Eltern vorstellte. Sie hatte den Kopf gesenkt, ihre Schultern hingen ein wenig herunter, und sie wirkte insgesamt süß und unschuldig.

Jetzt grinste sie mich an und zeigte ihre strahlend weißen Zähne.

„Zwei Minuten!“

Sie tippte etwas auf ihrem Laptop ein, wartete einen Moment und klappte ihn dann zu. Beim Hinausgehen hängte sie sich ihre Handtasche um, die Schlüssel schon in der Hand.

Während sie ihre Tür abschloss, musterte sie mich von oben bis unten und nickte anerkennend.

„Gut siehst du aus, kleine Matthews.“

Ich runzelte die Stirn. „Ich heiße Stoltz.“

„Oh.“ Wieder nickte sie. „Sorry, dann weiß ich Bescheid.“

Avery hätte ohne Weiteres eins der beliebten Mädchen an meiner Highschool sein können, insofern wunderte es mich nicht, dass sie Kevin kannte. Sie war hübsch, es war jedoch nicht nur ihr Aussehen. Sie war auch selbstbewusst und, das musste ich gestehen, sexy. May wäre sicher eifersüchtig auf sie gewesen, und das hätte bedeutet, dass wir anderen sie ebenfalls hätten hassen müssen. Aber das hier war etwas anderes. Avery schien ziemlich locker zu sein, daher fühlte ich mich in ihrer Gegenwart wohl. Ich wurde nicht gleich als Kevins Stiefschwester abgestempelt. Um genau zu sein, war sogar das Gegenteil der Fall. Es kam mir vor, als wäre Kevin ihr völlig egal. Irgendwie mochte ich sie dadurch noch mehr.

Während wir über den Campus schlenderten, schaffte Avery es, mir Fragen über mich zu stellen, dabei aber so viel von sich zu erzählen, dass ich mir nicht vorkam wie bei einem Polizeiverhör. Ich erkannte langsam, wieso sie die Flursprecherin war – also abgesehen davon, dass Flursprecher vermutlich nicht mit ihren Studenten auf Partys gehen und Alkohol trinken sollten. Dennoch, Avery konnte gut mit Menschen umgehen. Wir kamen unterwegs an verschiedenen Gruppen von Studenten vorbei, und fast jedes Mal kannte irgendeiner Avery – kannte sie nicht nur, sondern mochte sie auch. Sie winkten ihr zu, sagten Hallo oder machten eine witzige Bemerkung.

Sie erwiderte es immer. Wenn es eine scherzhafte Beleidigung war, grinste sie kurz und zahlte sie sofort zurück. Wenn es ein einfaches Winken war, winkte sie ebenfalls. Sie war mit allen auf einer Wellenlänge.

Dadurch wurde ich noch entspannter, und als wir beim Zimmer ihrer Freundin angekommen waren, machte ich mir überhaupt keine Sorgen mehr. Ich hatte eigentlich befürchtet, dass meine Nerven blank liegen würden, aber mit Avery war es anders. Ich wusste, dass es ein toller Abend sein würde. Dass ich nicht irgendwo allein gelassen werden würde oder nur danebenstehen würde wie ein Außenseiter. Früher hatte ich mich in der Gegenwart von Mädchen wie Avery immer so gefühlt.

Ihre Freundinnen schienen genauso so zu sein wie sie. Zumindest wirkte es so, als sie mich ihnen vorstellte. Ich konnte mir nicht all ihre Namen merken, sie waren zu sechst, und jetzt warteten wir noch auf die siebte. Währenddessen bereiteten die anderen ihre Getränke vor. Wein, Rum, Wodka, Cola – sie füllten alles in Wasserflaschen um. Jede von ihnen hatte einen Rucksack und steckte eine, manchmal zwei der Flaschen ein. Mir boten sie ebenfalls eine an, und ich nahm sie.

Ich hatte auch vorher schon Alkohol getrunken. Das war keine große Sache, für mich kam es eher darauf an, mit wem ich trank. In einer Gruppe von völlig Fremden hätte ich die Flasche nicht genommen, aber ich vertraute Avery, und als sie fragte, ob sie eine „Notfallflasche“ für mich mit einstecken sollte, nickte ich.

Wir waren gerade fertig, als die letzte Freundin ankam, und das Mixen wieder von vorne losging. Sie nahm gleich drei Flaschen.

„Wenn wir auf eine große Party gehen, nehmen wir immer unsere eigenen Getränke mit“, erklärte Avery mir. „Wie kennen zwar den Typen, der da wohnt, aber wir kennen nicht jeden, der da ist. Wir haben schon eine Menge Geschichten gehört, und keine von uns ist besonders scharf darauf, dass jemand ihr was in den Drink schüttet oder Schlimmeres. Deshalb sehen wir wahrscheinlich wie Alkoholiker aus.“

Ich nickte. Das ergab Sinn. Diese Studentinnen waren clever.

„Und wir sind immer zusammen unterwegs. Es fällt bei Partys nicht auf, aber keine von uns ist irgendwo alleine, wenn sie uns vorher nicht explizit sagt, dass sie auf irgendeine einmalige Sache aus ist“, schaltete sich eine Freundin ein.

„Irgendeine einmalige Sache?“, wiederholte ich.

„Einen One-Night-Stand“, warf eine weitere Freundin ein und zuckte mit den Schultern. „Kommt vor. Daraus machen wir kein großes Thema.“

„Außer, wenn jemand einen Freund hat.“ Eine Dritte kam dazu und stupste sie an. „Oder, Shell?“

Shell verdrehte die Augen. „Eine Nacht mit Caden Banks würde ich mir trotzdem nicht entgehen lassen.“

Ich stockte. „Warte mal. Was?“

Das Mädchen, das Shell angestupst hatte, lachte und sah über die Schulter zu mir. Sie zwinkerte mir zu. „Caden Banks. Er ist einer von den Bossen in einer der Verbindungen hier. Glaub mir, wenn du ihn triffst, merkst du es.“

Ich war mir ziemlich sicher, dass ich das längst hatte.

Avery warf mir einen Blick zu. „Gut möglich, dass das schon passiert ist. Sie ist die Stiefschwester von Kevin Matthews.“

Ich hatte nicht mit der Wirkung gerechnet, die diese Aussage hatte.

Alle hörten augenblicklich mit dem auf, was sie gerade taten, und drehten sich zu mir um. Plötzlich fand ich mich als Mittelpunkt einer Runde von sieben Mädchen wieder, von denen mich jedes mit einem anderen Gesichtsausdruck anstarrte – Überraschung, Misstrauen, Faszination, Nervosität. Es herrschte absolute Stille, bis Avery sie mit einem lauten Lachen durchbrach.

Sie stemmte die Hände in die Hüften und hob das Kinn. „Was denn? Gebt ihr nicht die Schuld an dem, was ihr Stiefbruder gemacht hat.“

Halt. Was? Ich fixierte Avery und hob eine Braue. „Hast du mir irgendwas zu sagen?“

Eins der Mädchen trat vor. „Dein Bruder ist ein Mistkerl.“

„Claudia“, mahnte Avery.

Ich biss mir auf die Zunge, denn ich konnte ihr da nicht wirklich widersprechen, also sagte ich nur: „Stiefbruder.“

Shell stieß einen lang gezogenen Seufzer aus. „Ich hatte letztes Jahr ein paar Dates mit ihm, und er hat mit zwei meiner besten Freundinnen geschlafen.“ Sie machte eine kurze Pause. „An einem Wochenende“, fügte sie dann hinzu.

„Wir mögen Kevin Matthews nicht. Und keine von uns ist mehr mit den beiden befreundet.“ Claudia sah zu Avery hinüber. „Na gut, keine von uns anderen. Wir sind nicht mehr mit ihnen befreundet.“

Auch Avery seufzte und verschränkte die Arme vor der Brust. „Eins der Mädchen, von denen sie reden, ist Maggie.“ An die anderen gewandt sagte sie: „Und ich bin mit ihr zur Highschool gegangen. Wir sind immer noch eine Clique von Freundinnen von damals. Ich kann da nicht einfach abhauen und alle zurücklassen.“

„Wissen wir doch“, antwortete Shell. „Darüber haben wir gesprochen, aber du weißt ja, was wir von ihm und Maggie halten.“ Claudia musterte mich von Kopf bis Fuß. „Und wenn du denkst, dass wir unsere Meinung ändern, wenn du seine Stiefschwester hier anschleppst, dann hast du dich geirrt, Av.“

„Tue ich nicht“, entgegnete sie. „Ich hab sie nicht deshalb hergebracht. Ich bin auch nicht Kevins größter Fan, aber sie ist cool. Deshalb habe ich sie gefragt.“

Ich konnte förmlich spüren, wie ich am ganzen Körper rot anlief. Avery hatte Mitleid mit mir gehabt. Ich wusste das, sie wusste das, doch das sagte sie den anderen nicht. Ich hatte alleine im Badezimmer rumgestanden und jämmerlich ausgesehen. Sie hatte mich eingeladen, weil sie nett war.

„Hört mal.“ Ich grinste in die Runde. „Mir ist klar, wie Kevin drauf ist.“ Lügnerin. „Er ist mein Stiefbruder, also gehört er zur Familie, aber ich kenne seine Frauengeschichten, das könnt ihr mir glauben.“

Und daran solltest du dich immer wieder erinnern. Wieder und wieder. Ich redete mir selbst ins Gewissen, während ich darauf wartete, dass die Feindseligkeit der anderen nachließ. Und als sie das schließlich tat, wusste ich, dass ich das Richtige gesagt hatte.

Jetzt musste ich mir das nur noch selbst klarmachen.

5. Kapitel

Wir mussten vom Campus aus noch drei Blocks laufen, bis wir endlich bei der Party ankamen. Sie war riesig. Jemand hielt uns schon die Tür auf, als wir gerade die Einfahrt heraufkamen. Ich tauchte unter seinem Arm hindurch und voilà – ich war auf meiner ersten College-Party. Inmitten all der Frauen in Bikinis und der dröhnenden Hip-Hop-Beats kam ich mir vor, als wäre ich geradewegs in ein Musikvideo hineingestolpert. Ich konnte die Zeitlupenaufnahmen von Champagner-Fontänen und halb nackten Frauen, die einen Lamborghini abschrubbten, förmlich vor mir sehen. Aber da drinnen warteten keine Geldbündel auf mich, sondern Avery und ihre Freundinnen.

Ich hörte eine tiefe Stimme hinter mir, und auf einmal schob sich ein Arm mit einem Tablett voller roter Plastikbecher in mein Blickfeld.

„Für euch, meine Damen, nur das beste Bier, das wir haben.“

Ich zögerte und erinnerte mich daran, dass Avery mich vor den Getränken auf diesen Partys gewarnt hatte, also warf ich ihr einen fragenden Blick zu.

Sie verdrehte die Augen. „Weg damit. Du weißt, dass wir unser eigenes Zeug mitbringen.“

Wie aufs Stichwort hoben alle Mädchen ihre Flaschen, aus denen sie auf dem Weg hierher immer wieder getrunken hatten. Das Tablett wurde über meine Schulter hinweg zurückgezogen, und ich machte einen Schritt zur Seite. Der Arm, der dieses Tablett trug, war imposant, also wollte ich wissen, zu wem er gehörte.

Mein Blick landete zuerst auf seiner Brust – und glitt dann nach oben. Wenn ich jemals einem Bodybuilder gegenübergestanden hatte, dann war es dieser Typ. Er bestand scheinbar nur aus Muskeln – vermutlich auch an den Stellen, über die ich jetzt nicht zu genau nachdenken wollte.

Er grinste und kratzte sich am Kinn. „Ach, kommt schon. Ihr wisst, dass es hier nicht so ist. Hier wird nichts in die Drinks gemischt.“

Avery schnaubte. „Nimm’s nicht persönlich, Dave, aber du kennst uns doch.“

„Jaja.“ Er winkte ab. „Schon kapiert.“ Er zeigte hinter sich. „Wie wär’s mit einem Wet-T-Shirt-Contest? Der nächste geht in zehn Minuten los.“ Er musterte uns anerkennend. „Ich würde sagen, ihr hättet alle gute Chancen.“

„Das sagst du zu jeder.“ Auch Claudia verdrehte die Augen.

Dave zwinkerte ihr zu. „Du kannst doch wegen eines Abends nicht ewig sauer auf mich sein.“

Sie drehte sich um. „Und wie ich das kann.“ Dann verschwand sie in der Menge.

Ein weiteres Mädchen ging mit ihr, und ich erinnerte mich an ihr Partner-System. Hatte ich eigentlich eine Partnerin?

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, sagte Avery: „Du kommst mit mir.“

„Sie hat dich mitgebracht, also kümmert sie sich um dich“, fügte eine andere hinzu.

Ich warf Avery einen kurzen Blick zu. „Sorry.“ Es kam mir fast vor, als wäre das hier die Schikane bei einem Aufnahmeritual für eine Verbindung oder so. Seltsam.

„Sag einfach keinem, wer dein Bruder ist.“

„Stiefbruder.“

„Stiefbruder“, korrigierte Avery sich. „Ist dir das echt so wichtig?“

Ohne, dass wir es bemerkt hatten, hatte Dave sich direkt hinter uns gestellt, und lehnte sich jetzt vor, sodass sein Kopf zwischen uns beiden schwebte. „Wer ist denn dein Stiefbruder?“ Er sah erst sie an, dann mich, dann wieder sie.

Avery legte eine Hand auf seine Stirn und drückte ihn zurück. „Geht dich gar nichts an. Wo ist Marcus?“

Ich erstarrte. Hoffentlich nicht der Marcus, den ich schon getroffen hatte.

Dave runzelte die Stirn. „Wieso fragst du? Er ist doch mit Maggie zusammen.“

Ich ging mal davon aus, das hieß nicht, dass er jetzt gerade zusammen mit ihr irgendwo war.

„Meinst du damit, dass Maggie hier ist?“ Avery klang leicht beunruhigt.

„Ähm.“ Dave verstummte. „Ich meinte, sie sind ein Paar. Ich glaube, er hat gesagt, dass sie heute bei Freunden ist und lernt.“

Averys Brauen zogen sich zusammen, und sie drehte sich zu Dave um. Ich wagte nicht, mich zu bewegen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass es den anderen genauso ging.

Alle Blicke ruhten auf Avery.

Sie hob eine Braue.

Dave schien zu begreifen, dass er etwas Dummes gesagt hatte. Seine Augen weiteten sich, und seine Lippen formten ein „O“ wie in „Oh, verdammt“. Er wich einen Schritt zurück, kratzte sich am Ohr und versuchte, möglichst beiläufig zu klingen. „Ähm … ich meinte …“ Er atmete heftig aus. „Verflucht.“

„Mir ist schon klar, dass er mit Maggie zusammen ist. Das hier ist sein Haus, also gehe ich davon aus, dass er hier ist. Ich möchte ihm aber aus dem Weg gehen. Deshalb frage ich“, antwortete Avery bedächtig.

Dave nickte hastig. „Kapiert. Stimmt. Er ist hinten im Garten.“

„Ist Maggie nun auch hier oder nicht?“

Er schloss seinen offen stehenden Mund und schüttelte den Kopf.

Autor