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Akademie Fortuna - Das Geheimnis der Vergangenheit

hier erhältlich:

Die Verschwörung der Wahrsager

Nachdem Sorry und ihre Freunde den Nekromatenjungen Ben aus den Fängen seines Vaters Mal Chievous und des Sterndeuters Taurus Astra befreit haben, ist die Gefahr, die von den Männern ausgeht, keineswegs gebannt. Schließlich planen die beiden nichts Geringeres, als die Akademie Fortuna zu zerstören und sich über die gesamte Wahrsagerwelt zu erheben. Das wollen Sorry und ihre Freunde unbedingt verhindern. Kurz darauf finden sie eine geheimnisvolle Prophezeiung von Sorrys verstorbenen Vaters, die besagt, dass vier Kinder die Welt der Wahrsager retten werden. Aber welche vier sind gemeint?

Ein grandioses Schulabenteuer voller geheimnisvoller Vorhersagen, dunkler Machenschaften und überraschender Wendungen - perfekt geeignet für Jungen und Mädchen


  • Erscheinungstag: 24.05.2022
  • Aus der Serie: Akademie Fortuna
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 250
  • Altersempfehlung: 10
  • Format: E-Book (ePub)
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505150197

Leseprobe

Für Lea, weil Akademie Fortuna ihr Zauberbuch ist, um mich herbeizubeschwören.

1

kap_01

Sorry hatte in den letzten Wochen vielen Gefahren getrotzt: Sie war fast von einem riesigen Pendel erschlagen worden und hatte Taurus Astra, das ehemalige Familienoberhaupt der Sterndeuter, einer kriminellen Tat überführt. Erst vor wenigen Stunden war es ihr gelungen, ihren Freund Ben Dulum aus den Händen seines eigenen Vaters zu befreien, der ihn entführt hatte. Doch nie hatte sie in diesen Wochen so viel Angst gehabt wie jetzt, als sie im Büro ihrer Mutter saß.

Gerade hatte sie zusammen mit ihren Freunden Ben, Missy Hap und Estrella Astra der Schulleiterin alles erzählt, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte.

Euphoria Fortune saß hinter ihrem Schreibtisch und ließ den Blick zwischen den vier Kindern hin und her wandern. Es war unmöglich zu erraten, was sie dachte.

Sorry schielte zu den anderen neben ihr. Missy saß im Schneidersitz und hatte den Blick auf den Schraubenschlüssel gerichtet, den sie um ihren Zeigefinger kreisen ließ. Ein Zeichen dafür, wie nervös sie war. Estrellas Gesichtsfarbe war so weiß wie ihre Haare, doch sie bemühte sich, kerzengerade zu sitzen und die Schulleiterin direkt anzusehen. Es musste enorm anstrengend für sie sein – Sorry sah, dass Estrellas Hände in ihrem Schoß leicht zitterten. Im Gegensatz zu der Sterndeuterin machte Ben keinen Hehl daraus, wie sehr ihm die Situation zu schaffen machte. Die Kratzer und Schrammen in seinem Gesicht waren zwar versorgt worden, aber noch deutlich zu sehen. Auch sein blasses Gesicht und die dunklen Augenringe zeugten davon, dass er die letzten Tage in einem dunklen Kellerverlies verbracht und Schreckliches erlebt hatte. Er saß zusammengesunken in seinem Sessel, hatte den Blick zu Boden gerichtet und ließ sein goldenes Pendel in den Fingern hin und her surren.

Sorry selbst krallte sich in die Sitzfläche des Sessels und hoffte, dass niemand ihren lauten Herzschlag hören konnte. Sie versuchte immer wieder, ihre Mutter anzusehen, doch sie schaffte es nicht. Zu groß war die Angst, dass Euphoria ihren Blick erwiderte.

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Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis die Schulleiterin endlich sprach. »Also, nur dass ich das richtig verstehe: Ihr habt mir einen Brief untergeschoben, in welchem ihr behauptet, dass Ben bei seiner Tante ist. Tatsächlich wurde er aber entführt – von seinem Vater. Ihr habt mich glauben lassen, dass Ben eine Waise ist. In Wahrheit ist sein Vater aber niemand anderes als Malvin Fortune, der lang verschwundene Cousin meines verstorbenen Mannes, der sich nun Mal Chievous nennt. Und weil der Ben im Sterndeuterviertel unter dem Haus von Orbis Astra gefangen hielt, seid ihr drei zusammen mit den Pentacle-Zwillingen heute Morgen dort eingedrungen und habt euch mit Mal angelegt, um Ben zu befreien. Dabei habt ihr herausgefunden, dass Mal plant, einen mysteriösen Ort namens Spirit’s End zu finden, den Nekromanten zu ihrer früheren Macht zu verhelfen und die anderen Wahrsager zu unterwerfen. Und das alles gemeinsam mit Taurus Astra, der ihm zur Flucht verholfen hat, sodass die beiden sich jetzt Fortuna weiß wo herumtreiben und ihre nächsten Schritte planen?«

Sorry schluckte. Sie hoffte, dass einer ihrer Freunde darauf antwortete, aber leider tat ihr niemand diesen Gefallen. »Ja, das kommt ungefähr hin«, murmelte sie also.

Euphoria nahm einen Stift in die Hand und drehte ihn mit solcher Kraft zwischen ihren Fingern, dass es aussah, als würde er jeden Moment zerbrechen. »Und warum seid ihr nicht ein einziges Mal auf die Idee gekommen, einen Erwachsenen einzuweihen? Mich einzuweihen? Ist euch klar, wie gefährlich das war?«

»Na, wegen Ben!«, sagte Missy. »Weil er doch ein Chievous ist und das niemandem erzählt hat. Und da hatten wir Angst, wenn Sie das wüssten, würden Sie ihn von der Akademie Fortuna schmeißen.«

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Sorry sah aus dem Augenwinkel, wie Ben sich verkrampfte. So lange hatte er alles dafür getan, dass man ihn eben nicht für einen Chievous hielt, und nun war sein Geheimnis doch herausgekommen. Sorry fühlte sich wie eine Versagerin. Ihr Plan war gewesen, Ben zu befreien, ohne dass es jemand merkte. Doch dann hatte sich Orbis Astra bei Euphoria verplappert und ihr erzählt, dass die Kinder bei ihm gewesen waren. Natürlich war sie misstrauisch geworden, und Ben, Estrella, Missy und sie selbst hatten sich schließlich dafür entschieden, der Schulleiterin alles zu beichten. Missy hatte vorgeschlagen, Euphoria nur einen Teil der Geschichte zu erzählen, doch es war ausgerechnet Estrellas Wunsch gewesen, nichts auszulassen. Die Sterndeuterin wusste, welche Gefahr von ihrem Vater ausging und dass man ihn unbedingt aufhalten musste. Deshalb musste Euphoria die ganze Wahrheit kennen. Auch wenn Estrella sich selbst damit vermutlich in Schwierigkeiten brachte. Immerhin ging es um ihren Vater.

Euphoria lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und wirkte jetzt ernsthaft erschrocken. »Ihr glaubt wirklich, dass ich so etwas tun würde? Natürlich müssen wir überlegen, wie wir mit dieser Situation umgehen, aber das ist doch kein Grund, jemanden der Akademie zu verweisen.« Sie blickte Sorry an. »Hältst du mich wirklich für so ein Monster?«

Diesmal erwiderte Sorry den Blick ihrer Mutter und hielt ihm stand. Sie presste die Lippen aufeinander. Was sollte sie darauf antworten? Auch wenn Euphoria ihre Meinung, was den Ruf ihrer Familie und der Akademie Fortuna anging, in letzter Zeit überdacht hatte, so war die jetzige Situation doch etwas anderes. Immerhin ging es hier um Nekromantie, eine Wahrsagekraft, die alle für böse hielten, nachdem die Nekromanten vor Hunderten von Jahren versucht hatten, die Macht über alle Wahrsager und Nichtseher an sich zu reißen. Die Gesichtszüge ihrer Mutter wurden weich, und Sorry sah, dass Euphoria ihr Schweigen verstand.

»Natürlich würden Sie das tun«, sagte Estrella in diesem Moment. Ihre Stimme war ein Flüstern und klang ungewohnt zittrig. »Und sei es nur, damit die anderen Wahrsager nicht herausfinden, dass Sie jemanden in der Familie haben, der von den Chievous abstammt.«

Alle starrten Estrella an, sogar Ben hatte den Kopf gehoben. »Sie wussten doch davon, nicht wahr? Und hatten Angst vor den Konsequenzen.« Es war still im Raum geworden.

Langsam, ganz langsam legte Euphoria den Stift ab. Doch sie sah nicht Estrella an, sondern Ben, als sie antwortete: »Ja, ich wusste es. Ich wusste, dass dein Vater Mal Chievous beziehungsweise Malvin Fortune von Nevil Chievous abstammt.«

Zwar hatte Sorry es bereits geahnt, doch als ihre Mutter die Worte nun aussprach, machten sie das Ganze auf einmal real. Euphoria hatte gewusst, dass ihre Familie mit dem bösesten Wahrsager aller Zeiten verwandt war. Dem Mann, der die Nekromanten damals angeführt hatte und mit seiner Niederlage dafür verantwortlich war, dass diese Wahrsageart verschwunden war und seitdem geächtet wurde.

Euphoria musterte nun Estrella. »Ich gebe zu, dass ich die anderen Familienoberhäupter über diesen Teil unserer Familiengeschichte im Dunkeln gelassen habe. Auch deswegen wird nun sicherlich einiges an Überzeugungsarbeit nötig sein, wie mit dieser Sache zu verfahren ist.«

Sorry wollte etwas sagen, doch da vernebelte sich ihr Blick: das Zeichen dafür, dass eine Vision begann. Sie sah, wie die Tür aufflog und jemand hereinstürmte. Leider konnte sie nicht erkennen, wer, denn schon löste sich die Vision auf.

Obwohl Sorry es bereits gewusst hatte, zuckte sie genau wie alle anderen zusammen, als die Zimmertür nur Sekunden später an die Wand donnerte, und wirbelte herum.

Karo Pentacle, Oberhaupt der Tarotkartenleser, stürmte in das Schulleiterinnenbüro. Ihr weiter gelber Mantel wehte hinter ihr her, während sie zielstrebig auf Euphoria zumarschierte, ohne die Kinder eines Blickes zu würdigen. Bei Euphoria angekommen, schlug sie mit den flachen Händen auf deren Schreibtisch. Dabei beugte sie sich so nah zu Euphoria, dass diese mit ihrem Stuhl ein wenig zurückrutschte. »Der Junge geht nirgendwohin!«, rief Karo.

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Es war totenstill im Raum. Das einzige Geräusch war das leise Quietschen der Tür, die langsam wieder zufiel. Sorry, Missy, Ben und Estrella warfen sich erstaunte Blicke zu, und auch Euphoria wusste wohl nicht recht, wie sie auf diesen dramatischen Auftritt reagieren sollte. Erst, als die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss fiel, sprang sie auf und stemmte sich ebenfalls auf den Tisch, sodass die Nasen der beiden Frauen sich jetzt beinahe berührten.

»Du kannst nicht einfach ohne Ankündigung hier hereinplatzen, Karo! Ich bin mitten in einem wichtigen Gespräch!«

»Und ob ich das kann. Du wirst diesen Jungen nicht von der Akademie ausschließen.«

»Das habe ich nie vorgehabt.«

»Ach, ist das so?«

»Äh, können wir jetzt gehen?«, fragte Missy vorsichtig.

»Nein!«, keiften die beiden Familienoberhäupter, sodass Missy erschrocken den Schraubenschlüssel fallen ließ.

Euphoria lehnte sich zurück und betrachtete Karo skeptisch. »Moment – warum glaubst du, dass ich Ben der Akademie verweisen würde? Und woher weißt du überhaupt, dass er zurück ist?«

Sorry schluckte. Karo Pentacle war nicht ganz unbeteiligt an Bens Rettung gewesen. Aber das wusste Euphoria bisher nicht.

Karo merkte wohl auch, dass sie sich verraten hatte, und sah aus dem Augenwinkel zu Sorry. Dann räusperte sie sich. »Nun, eventuell war ich in das Vorhaben der Kinder eingeweiht und habe Sorry ein wenig geholfen.« Jetzt fiel Euphoria die Kinnlade herunter, und sie starrte Sorry an – genauso wie Estrella und Ben. Mist! Sorry hatte bisher keine Zeit gefunden, ihren beiden Freunden von ihrem Gespräch mit Karo zu erzählen. Nur Missy hatte davon gewusst, sie war ja auch sonst in alles eingeweiht und Sorrys allerbeste Freundin. Sie war es auch, die sich jetzt an Euphoria wandte. »Sehen Sie, wir haben doch eine erwachsene Person eingeweiht.«

Euphoria bedachte Missy mit einem giftigen Blick und wandte sich dann wieder Karo zu. »Was soll das heißen?«

Mit wenigen Worten erklärte Karo, dass sie Sorry und den Zwillingen gezeigt hatte, wie man sich vor Vorhersagen schützte und diesen Schutz umgehen konnte – Wissen, ohne das die Kinder Ben niemals gefunden hätten. Als sie außerdem zugab, die Lüge über Bens Aufenthalt bei seiner Tante mitgetragen zu haben, schnappte Euphoria wütend nach Luft. »Erzählt mir hier denn überhaupt niemand mehr etwas? Ich bin die Schulleiterin, verflixt noch mal! Ich sollte über alles an der Akademie Bescheid wissen. Was kommt als Nächstes? Versteckt jemand den lebendigen Nevil Chievous auf dem Dachboden? Plant der Bäcker nebenan eine Revolution der Nichtseher? Oder bist du in Wirklichkeit eine Wahrsagerin, Missy Hap?«

»Na ja, da Sie es sagen …«, begann Missy und hob ihren Schraubenschlüssel in die Höhe, doch weiter kam sie nicht.

»Das war ein Scherz! Ich weiß, dass du dich als Werkzeugorakel ausgegeben hast, und ich schwöre bei Fortuna, wenn du das noch einmal tust, sorge ich dafür, dass es in ganz Horror’s Cope kein einziges Stück Werkzeug mehr gibt, aus dem du vorgeben kannst, die Zukunft zu sehen.«

Euphorias Kopf war nun so knallpink angelaufen, dass Sorry befürchtete, er würde jede Sekunde explodieren.

»Euphoria, ich bitte dich, jetzt übertreibst du aber«, versuchte Karo sie zu beschwichtigen.

»Erzähl du mir nichts von Übertreiben!«, schrie Euphoria. »Das haben du und Grand früher schon immer gesagt, wenn ich euch bei euren komischen Forschungen erwischt habe, die uns Kopf und Kragen hätten kosten können. Und nur, weil du und mein Mann damals befreundet waren, gibt das dir nicht das Recht, mir so wichtige Dinge zu verschweigen und meine Tochter und ihre Freunde in Gefahr zu bringen!«

Bei ihren letzten Worten klang zwischen Euphorias Wut plötzlich ein Hauch von Verzweiflung durch. Und Sorry erkannte, dass es das war, was ihre Mutter eigentlich beschäftigte: nicht die Empörung darüber, dass man ihr etwas verheimlicht hatte, oder die Sorge, dass der Ruf der Familie Fortune beschädigt wurde. Euphoria malte sich aus, dass Sorry etwas hätte zustoßen können, ohne dass sie es hätte verhindern können. Einfach, weil sie nichts davon gewusst hatte.

Das schien auch Karo jetzt zu verstehen. »Du hast recht, Euphoria, und es tut mir leid. Als Familienoberhaupt wäre es meine Aufgabe gewesen, die Kinder zu beschützen. Aber ich war wohl einfach zu feige, um etwas zu riskieren.«

Sorry war erstaunt über die Worte. Genau das hatte sie selbst Karo vorgeworfen, und es machte sie froh, dass diese ihren Fehler jetzt einsah.

Euphorias Blick wurde verständnisvoller.

»Lass uns darüber später noch einmal reden«, beendete sie das Thema und wandte sich dann wieder an die Kinder. »Gibt es sonst noch irgendetwas, das ich wissen sollte?«

Sorry und die anderen tauschten Blicke. Sie hatten beschlossen, dass sie die Hilfe der Erwachsenen diesmal wirklich brauchten. Und dass sie Euphoria deshalb so viel wie möglich erzählen würden. Trotzdem war der letzte Punkt etwas heikel.

Sorry holte tief Luft. »Da ist tatsächlich noch etwas«, sagte sie und holte langsam das kleine Notizbüchlein hervor, das sie im Büro ihres Vaters gefunden hatte. Euphoria und Karo bekamen große Augen, als sie es sahen. »Ist das eins von …?« Euphoria brach ab und blickte zu Karo, die nickte und ihren Satz vervollständigte: »Eins von Grands Notizbüchern. Er hat ständig in diese Dinger geschrieben.«

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Dieses hier hatte Karo aber mit ziemlich großer Sicherheit noch nie gesehen. »Wir haben es versteckt in seinem Büro gefunden«, erklärte Sorry.

Euphoria schnappte nach Luft. »Wusste ich es doch, dass du dich da oben herumtreibst.«

»Und was steht drin?«, wollte Karo wissen. Sorry schlug die Seite auf, die die Überschrift »Spirit’s End« trug. Die lose Seite mit den Notizen ihres Vaters über die Kraft, die Zukunft zu verändern, hatte sie vor dem Gespräch heimlich entfernt. Dass sie selbst, Sorry, diese Kraft besaß, wusste nicht einmal Missy. Nur Estrella hatte durch Zufall davon erfahren.

Karo beugte sich vor. »Darf ich das mal sehen?«

Sorry zögerte kurz, bevor sie ihr das Buch gab, immerhin war es das Wertvollste, was sie von ihrem Vater besaß. Karo runzelte die Stirn, als sie die Zeilen auf der Seite las.

Euphoria setzte ihre Brille auf und trat neben Karo, damit auch sie hineinsehen konnte. »Das ist ja nur Blödsinn!«, entfuhr es ihr. »Wolltet ihr uns zeigen, dass Grand sich an Gedichten versucht hat?«

Karo verzog den Mund zu einem Lächeln. »Das wäre mal etwas Neues.«

»Es ist ein Code.« Ben holte einen zerknitterten Brief hervor, in den mehrere Löcher geschnitten waren. »Mein Vater …« Er stockte. »Mal Chievous hatte das hier bei sich. Damit lässt sich die Nachricht lesen.«

Euphoria runzelte die Stirn. »Warum hatte ausgerechnet er eine Entschlüsselung für etwas, was in Grands Notizbuch steht?«

Ben umklammerte den Brief fester. »Es ist ein Brief von meiner Mutter, die schon lange tot ist.« Er holte tief Luft, bevor er fortfuhr: »Ich weiß nicht, was sie mit den Notizen zu tun hat.« Ein betretener Ausdruck trat auf die Gesichter der beiden Frauen. Sie verstanden, was Ben dieser Brief bedeutete.

»Darf ich?«, fragte Karo und streckte die Hand aus. Ben zögerte. »Aber bitte lesen Sie ihn nicht. Es ist das Einzige, was ich noch von ihr habe.«

Karo lächelte verständnisvoll. »Natürlich.«

Ben nickte und übergab ihr vorsichtig den Brief. Als Karo ihn über die Tagebuchseite legte, warf Ben Sorry einen Blick zu. Dies war einer der wenigen Punkte, bei dem sie gemeinsam entschieden hatten zu lügen: Dass die beiden Frauen den Brief nicht lesen sollten, hatte nichts mit Bens Gefühlen zu tun. Sondern mit der Tatsache, dass Sorrys Vater den Brief an Bens Mutter geschrieben hatte. Und mit ihrer Vermutung, dass die beiden höchstwahrscheinlich ein Liebespaar gewesen waren. Die Kinder hatten beschlossen, dass es nicht half, wenn sie Euphoria das Herz brachen, indem sie erfuhr, dass Grand Fortune eine andere Frau geliebt hatte.

Sie ließen Euphoria und Karo nicht aus den Augen, als die beiden Frauen nun versuchten, durch die Löcher auf der Rückseite des Blattes die verschlüsselte Nachricht zu entziffern.

»Vier Kinder im Sturm, um den Frieden zu bringen. Doch entscheiden sie, wessen Frieden es ist«, las Euphoria vor. »Als Erstes steht die, die Kleines nur sieht. Doch bringt sie Veränderung, die sonst keiner vermag.«

»Als Zweites steht der, der nichts sah, obwohl er sollte«, fuhr Karo fort. »Doch sah er schließlich am meisten von allen. Als Drittes steht die, die ohne Sicht, aber mit Unglück geboren. Doch ist sie da, bleibt das Unglück fern den anderen.«

Den letzten Teil las wieder Euphoria vor: »Als Viertes steht der, der sieht, wie es viele nicht schätzen. Doch er wird das Alte beenden und das Neue beginnen, so wie es sein Werkzeug bereits einmal tat.« Sie sah auf. »Was ist das?«

»Eine Prophezeiung«, sagte Sorry. »Wir glauben, dass es etwas mit dem zu tun hat, was Taurus und Mal vorhaben.«

Euphoria runzelte die Stirn. »Das ist aber ganz schön vage«, murmelte sie und starrte angestrengt auf die Schrift. »Steht hier nicht noch mehr?«

Sie wollte den Zettel schon umdrehen, als Sorry, Missy, Ben und Estrella gleichzeitig »Stopp!« schrien. Euphoria erschrak so sehr, dass sie das Blatt beinahe fallen ließ.

»Sie haben doch versprochen, dass Sie den Brief nicht lesen!«, schimpfte Missy.

»Schon gut!« Schuldbewusst gab Euphoria Ben den Brief zurück, der ihn wegsteckte. Karo reichte Sorry das Buch.

Euphoria räusperte sich. »Nun, vielleicht hat das etwas mit dieser ganzen Sache zu tun, vielleicht aber auch nicht. Immerhin fällt mir auf die Schnelle niemand ein, auf den diese Worte passen würden.« Die Kinder tauschten wieder verstohlene Blicke. Sie hatten sehr wohl eine Vermutung. Bei der Nichtseherin, die das Unglück anzog, konnte es sich um Missy handeln. Und der Junge mit dem mächtigen Werkzeug war vielleicht Ben, da sie herausgefunden hatten, dass sein Pendel einst Nevil Chievous gehört hatte – ein weiteres Detail, was sie der Schulleiterin verschwiegen hatten. Sorry merkte, wie Estrella sie fixierte. Da sie um Sorrys Geheimnis wusste, die Zukunft verändern zu können, war ihr klar, dass die erste Person in der Prophezeiung Sorry beschreiben musste. Nur wer das letzte Kind war – ein Nichtseher, der doch wahrsagen konnte – wusste niemand von ihnen.

»Nichtsdestotrotz werden wir uns natürlich der Bedrohung durch Mal Chievous und Taurus Astra annehmen«, fuhr Euphoria fort. »Ich werde Cassiopeia bitten, ein Team aus den besten Wahrsagerinnen und Wahrsagern zusammenzustellen, um nach ihnen und diesem Spirit’s End zu suchen. Sie kennt sich mit solchen Angelegenheiten aus.«

Cassiopeia Astra, das kürzlich ernannte Oberhaupt der Sterndeuter, war zuvor auf der ganzen Welt unterwegs gewesen und hatte viele Undercover-Projekte und geheime Wahrsager-Operationen geleitet.

»Ich werde sie unterstützen«, sagte Karo. »Vielleicht kann ich jetzt endlich etwas Sinnvolles tun, um zu helfen.«

Euphoria nickte dankbar. »Und wir sollten wohl mit den anderen Familienoberhäuptern über diese Chievous-Sache sprechen.« An ihrem Gesichtsausdruck war zu erkennen, dass das eine Aufgabe war, auf die sie gerne verzichtet hätte. »Außerdem werde ich sämtliche Geheimgänge in der Akademie versiegeln lassen, damit niemand ungehindert eindringen kann.«

Missy sprang auf. »Was? Och nö!«

»Doch, Missy Hap«, bekräftigte Euphoria. »Die Akademie ist der mächtigste Ort der gesamten Wahrsagerwelt und ihre Zukunft! Hier versammeln sich die Kinder aller Wahrsager. Wer die Akademie in seiner Kontrolle hat, kontrolliert alles, weshalb sie um jeden Preis beschützt werden muss. Du wirst ab jetzt die normalen Eingänge benutzen müssen wie alle anderen auch. Überhaupt täte es dir sicher gut, dich während der Unterrichtszeiten öfter an deiner eigenen Schule aufzuhalten.«

Missy sank schmollend zurück auf ihren Sessel.

»Und was tun wir?«, wollte Sorry wissen.

»Wenn euch noch irgendetwas einfällt, was uns helfen kann, dann teilt es uns mit. Das gilt natürlich besonders für Ben und Estrella.« Euphoria nickte den beiden zu. »Ansonsten haltet ihr euch raus. Das ist ab jetzt eine Angelegenheit für Erwachsene. Und es ist unsere Aufgabe, euch und die Akademie Fortuna zu schützen.«

»Was? Aber wir können doch bestimmt helfen!«

Euphoria bedachte Sorry mit einem nachdenklichen Blick. »Ja. Indem ihr ganz normal in den Unterricht geht. Ihr seid Schülerinnen und Schüler, das ist die einzige Aufgabe, die ihr haben solltet.«

Sorry konnte es nicht fassen. »Aber wir haben schon so viel herausgefunden, wenn wir nur noch ein bisschen …«

»Nein, Anniversary!«, fuhr ihre Mutter sie an, und Sorry verstummte. »Ihr werdet weder nach Spirit’s End noch nach der Bedeutung dieser Prophezeiung suchen. Ihr werdet nichts wegen Mal oder Taurus unternehmen. Ich verbiete dir, dich einzumischen. Ist das klar?«

Sorry kochte vor Wut. »Das ist nicht fair.«

Euphoria kam auf sie zu und legte ihr erstaunlich zärtlich die Hand auf die Schulter. »Doch, das ist es. Du hast dich schon in so viele gefährliche Situationen begeben und ich muss dich beschützen! Ich habe schon deinen Vater verloren. Ich will nicht auch noch dich verlieren.« Sorry hob den Blick und sah in den Augen ihrer Mutter, dass sie es ernst meinte. Trotzdem fand sie es ungerecht.

Euphoria strich Sorry über die Wange, dann löste sie sich von ihr. »Ihr könnte jetzt gehen. Ben, du bist noch diese Woche vom Unterricht freigestellt. Ich möchte, dass du dich außerdem bei Dr. Xanthos Ray, unserem Akademie-Arzt, meldest. Und dass du dich erholst. In Ordnung?«

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Ben nickte und bedankte sich, als sie aufstanden und das Büro der Schulleiterin verließen.

Sorry gingen die letzten Worte ihrer Mutter nicht aus dem Kopf: Sie wollte sie nicht verlieren, wie sie ihren Vater verloren hatte.

Sie bemerkte, dass Ben sie beobachtete. Er schien zu verstehen, worüber sie nachdachte. Denn es gab da noch etwas, was Ben und sie für sich behalten hatten. Etwas, das so unfassbar war, dass sie es selbst kaum glauben konnten: Der Brief von Sorrys Vater war laut Datum zwei Wochen nach seinem Tod geschrieben worden. Und das bedeutete, dass es durchaus möglich war, dass Grand Fortune und Penelope Dulum, ihre Eltern, den eigenen Tod nur vorgetäuscht hatten.

2

kap_02

Sorry und Missy begleiteten Ben bis zu seinem Zimmer im Wohnheim. Estrella hatte sich kurz zuvor von ihnen verabschiedet und gesagt, dass sie Zeit alleine brauchte, um ihre Gedanken zu ordnen. Ihr war anzusehen gewesen, wie sehr sie das alles mitnahm. Sorry konnte sich nicht vorstellen, was sie durchmachte. Erst hatte ihr Vater versucht, die Schulleitung mit Estrellas Hilfe an sich zu reißen, und jetzt hatte sie herausgefunden, dass er plante, der neue Nevil Chievous zu werden und alle Wahrsager zu unterwerfen.

In Bens Zimmer war noch alles so wie vor seiner Entführung. Na ja, nicht alles. Mit Erstaunen betrachtete Ben die geordneten Papierstapel auf seinem Tisch. »Was ist denn da passiert?«

»Wir mussten ja nach Hinweisen suchen, wo du sein könntest«, erklärte Sorry.

»Ach, und dann habt ihr einfach aufgeräumt, wo ihr schon dabei wart?« Ben grinste.

»Das heißt danke«, raunte Missy ihm zu und Ben musste lachen.

»Und? Habt ihr was Interessantes gefunden?«

Sorry und Missy sahen sich an. »Ja, aber nicht auf dem Schreibtisch«, gab Sorry zu.

Missy kramte einen kleinen Zettel aus ihrem Werkzeuggürtel und reichte ihn Ben. Der bekam große Augen, als er erkannte, was es war. Auf dem Stück Papier hatte er all seine Verwandten notiert, von denen er wusste. Die Verbindung zu Nevil Chievous, aber auch, wie er mit Sorry verwandt war. Ben sah zur Couch, auf der verstreut noch ein wenig weißes Kissenfüllmaterial lag. Er hob ein Kissen an und zog die Augenbrauen hoch, als er den großen Schlitz auf der Rückseite entdeckte. In dem Kissen hatte Ben den Zettel versteckt, und Sorry und Missy hatten ihn zufällig entdeckt, als das Kissen bei ihrer Suche aufgeplatzt war.

»Das ersetzen wir dir natürlich«, sagte Missy schnell.

»Das hoffe ich!«, forderte Ben mit gespieltem Entsetzen. »Das ist mein absolutes Lieblingskissen. Es ist so … schwarz … und gestreift.« Er lachte, während er das Kissen in der Hand drehte.

»Wir lassen dich dann mal alleine.« Sorry tippte Missy auf die Schulter, um ihr zu bedeuten, dass sie ihr folgen sollte. Ben brauchte sicher Ruhe.

»Oh«, sagte er. »Ja, klar. Danke.« Er steckte die Hände in die Hosentaschen und sah sich in seinem Zimmer um. Auf einmal wirkte er seltsam verloren.

Sorry musterte ihn. »Alles okay?«

Ben nickte. »Jaja, es ist nur …« Er kratzte sich am Kopf. »Könnte ich nicht lieber ein wenig mit zu dir kommen, Sorry? Ich glaube, ich wäre jetzt ungern allein. Vor allem hier.« Sein Blick glitt zu dem Teppich, unter dem noch die Kreidereste des Pendelkreises hervorlugten, den Mal weggewischt hatte.

Sorry wurde klar, wie schlimm es für Ben sein musste, wieder hier zu sein. In diesem Zimmer hatte sein Vater ihn überrascht und dann entführt. Es musste jede Menge schlechte Erinnerungen hervorrufen und wahrscheinlich die Angst, dass er wieder überwältigt werden konnte, wenn er hier allein war. Und nicht nur das: Ben hatte die letzten Tage vollkommen einsam eingesperrt in einem einzigen Raum verbracht. Da war es klar, dass er jetzt nicht wieder alleine sein wollte. Sorry fühlte sich mies, dass dieser Gedanke ihr nicht früher gekommen war.

»Na klar kannst du!«, sagte sie und fügte zögerlich hinzu: »Wir können ja fragen, ob du ein anderes Zimmer bekommen kannst. Was meinst du?«

Ben fuhr nervös mit seinem Fuß über den Boden. »Vielleicht«, sagte er.

Missy verschränkte die Arme und sah zwischen Sorry und Ben hin und her. »Sagt mal, Bens Großmutter Agony lebt doch bei euch, oder?«

Sorry nickte. »Ja, wieso?«

Missys Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Ich habe da so eine Idee.«

Drei Tage später stand Ben im Hausflur von Sorrys Familie und klammerte sich an eine Sporttasche, die alle seine Besitztümer enthielt. Er sah aus, als könnte er nicht fassen, wo er sich befand.

»Und es ist wirklich in Ordnung, dass ich bei euch wohne?«, fragte er zum gefühlt hundertsten Mal.

Sorry nahm ihm die Tasche ab. »Na klar, du gehörst doch jetzt zur Familie.«

Es dauerte ein wenig, bis Ben begriff, was Sorry gesagt hatte. Doch dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Sorry lächelte zurück, als sie seine Freude sah und wie viel ihm diese Worte bedeuteten. Um ganz ehrlich zu sein, begriff auch sie selbst erst allmählich, dass Ben und sie tatsächlich verwandt waren. Sie nickte zur Treppe, die in den ersten Stock führte. »Komm, ich zeige dir dein Zimmer.«

Euphoria hatte erstaunlicherweise nicht protestiert, als sie sie gefragt hatten, ob Ben bei ihnen einziehen konnte. Im Gegenteil. »Eine fabelhafte Idee! Dass mir das nicht selbst eingefallen ist«, hatte sie gerufen.

Sorry hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass ihre Mutter so viel Aufwand betreiben würde, damit Ben sich wohlfühlte. Sein zukünftiges Zimmer war frisch gestrichen und mit neuen Möbeln ausgestattet worden. Sogar den Kleiderschrank hatte Euphoria bestückt, »weil Ben ja nicht so viel hat.« Es war, als wollte sie wiedergutmachen, was ihm widerfahren war und dass er so lange nichts von ihrem Verwandtschaftsverhältnis gewusst hatte. Auch wenn Sorry den Gedanken nicht loswurde, dass es vielleicht auch ein wenig damit zu tun hatte, den anderen Wahrsagern zu zeigen, dass die Leiterin der Akademie sich für einen Nekromanten einsetzte und ihn sogar bei sich aufnahm.

Wie gedacht hatte es für Aufruhr gesorgt, als Euphoria den anderen Familienoberhäuptern von der Bedrohung durch Mal und Taurus, Bens wahrer Herkunft und der Verwandtschaft der Fortunes mit den Chievous erzählt hatte. Zum Glück hatten Cassiopeia und Karo ihr geholfen, die Aufregung im Keim zu ersticken. Sie hatten alle daran erinnert, was Taurus getan hatte und dass es keinen Grund dafür gab, jetzt den Fortunes oder Ben zu misstrauen. Denn das wäre genau das gewesen, was Taurus gewollt hätte. Das hatten alle verstanden. Und sie hatten sich darauf verständigt, nichts von alldem an die große Glocke zu hängen, um die Kinder und die Bevölkerung Horror’s Copes nicht zu verunsichern.

Sorry und Ben passierten das Zimmer von Sorrys Schwester Merry, dessen Tür nur angelehnt war. Ein leichter Rauchgeruch drang heraus. Merrys Kichern war zu hören und dann eine männliche Stimme im Flüsterton. Ben runzelte die Stirn, und Sorry musste grinsen. Ben wusste ja noch nicht, dass seit Neuestem im Hause Fortune die Liebe in der Luft lag – und nach Rauch roch. Sie legte den Finger an die Lippen und winkte ihn zur Tür heran. Vorsichtig spähten sie durch den Türspalt.

Merry saß auf dem Boden, das eingegipste Bein von sich gestreckt. Die Krücken, gegen die sie ihren Rollstuhl mittlerweile eingetauscht hatte, lagen neben ihr.

Sie hatte sich an Cinder Smoke gelehnt, einen Orakeljungen aus dem Abschlussjahrgang, der ihr sanft über den Arm strich und dem sie verliebt in die Augen blickte. Der Rauchgeruch ging von einer kleinen Messingschale aus, die neben Cinder stand und in der ein paar Hölzer und Kräuter vor sich hin kokelten. Er fuhr mit der freien Hand durch den Rauch.

»Ich sehe, dass du bald einige Zeit mit einer Person verbringen wirst, die dir zwar nicht gänzlich unbekannt ist, aber die du nicht so gut kennst, wie du gerne würdest«, murmelte er mit Blick auf die Rauchschwaden, aus denen er die Zukunft vorhersehen konnte.

Merry kicherte. »Ach, ist das so? Ich finde ja, ich kenne dich bereits sehr gut.« Sie drückte ihm einen Kuss auf den Mund, wodurch Cinder beinahe die Balance verlor und sich gerade noch fangen konnte, bevor er und Merry umkippten. Um ein Haar verfehlte er dabei die rauchende Schale. Er lachte.

»Das bin bestimmt nicht ich, mein Augenschein«, sagte er, bevor er Merry tief in die Augen starrte und säuselte: »Du weißt doch, dass man nicht in die eigene Zukunft blicken kann.«

»Also, ich sehe meine Zukunft ganz deutlich vor mir, Smokey«, säuselte Merry zurück, bevor sie damit begannen, sich abzuknutschen.

Ben zog den Kopf zurück und sah Sorry fragend an, die sich ebenfalls von der Tür löste. »Was habe ich denn da verpasst?«

Sorry zuckte mit den Schultern. »Das neue klebrige Pärchen der Schule. Es gibt sie nur noch zu zweit. Sie haben sogar schon einen Pärchennamen: Merci!«

Ben hob eine Augenbraue. »Tja, wenn sie glücklich sind.«

Ehrlich gesagt wusste Sorry nicht so recht, was sie von der Sache halten sollte. Cinders Bruder Rune, der in Sorrys Klasse ging, gab immer Würgegeräusche von sich, wenn die beiden händchenhaltend an ihm vorbeikamen. So schlimm fand Sorry das zwar nicht, aber sie bedauerte sehr, dass Merry in der letzten Zeit nur noch gemeinsam mit Cinder anzutreffen war. Sie hätte gerne mit ihrer Schwester über all die Sachen gesprochen, die sie herausgefunden hatte. Besonders über die, die ihren Vater betrafen.

»Sorry, bist du das?«, erklang es da aus Merrys Zimmer.

Sorry und Ben sahen sich ertappt an, bevor sie langsam die Tür aufstießen. »Ja, wir sind’s. Ich zeige Ben sein Zimmer«, erklärte Sorry, und Ben winkte zur Begrüßung.

»Oh, hi Ben!«, rief Merry. »Wie schön, dass du jetzt einziehst, dann ist es nicht mehr so leer hier. Kennst du schon Cinder?«

Cinder hob die Hand zum Gruß.

»Nur vom Sehen, aus dem Wohnheim«, antwortete Ben.

Cinder hatte die Aufsicht im Wohnheim der Schülerinnen und Schüler der Akademie und war dafür zuständig, dass alle sich an die Regeln hielten.

»Wir gehen dann mal«, sagte Sorry, zupfte Ben am Shirt und schloss schnell die Tür hinter sich.

Sorry betrat den Raum, der gleich gegenüber von ihrem Zimmer lag, und ließ Bens Tasche auf den Boden fallen. »Willkommen in deinem neuen Reich!«

Ben trat mit offenem Mund ein. »Wow, ich hatte höchstens ein Bett oder so was erwartet.«

Sorry grinste entschuldigend. »Ja, Mama ist ein wenig eskaliert.«

Anders konnte man es nicht beschreiben. Das ganze Zimmer, inklusive Kleiderschrank, Kommoden und Schreibtisch, war in Schwarz und Gold gehalten – den Farben der Nekromantie. Die Vorhänge des Himmelbetts wie auch die Gardinen sahen aus wie das Banner der Wahrsagekraft: schwarz mit einem goldenen Pendel darauf. Sogar die Bettwäsche passte dazu.

Bei der Wandfarbe hatte Euphoria sich für einen leichten Goldton mit schwarzen Dekorationselementen entschieden.

Ben ließ seinen Blick über eine Ansammlung von Kerzen gleiten, die natürlich ebenfalls schwarz und goldfarben waren. »Hatte sie Angst, dass ich vergesse, welche Wahrsagekraft ich beherrsche? Oder richten alle Wahrsager ihre Zimmer so ein?«

Sorry zuckte mit den Schultern. »Ich würde ja gerne Nein sagen, aber ja – die meisten von uns tun das.« Sie deutete auf eine freie Fläche auf dem Boden. »Mama hat auch gesagt, dass du dir hier gerne einen Pendelkreis hinmalen kannst. Also, mit richtiger Farbe und nicht nur mit Kreide. Aber das wollte sie dich lieber selber machen lassen, weil du dich am besten damit auskennst.«

Ben nickte. »Das ist wohl wahr.«

Er ließ sich aufs Bett sinken und strich über die Bettdecke. »Jetzt bin ich wohl endgültig ein Wahrsager. Krass.«

Sorry setzte sich neben ihn. »Willkommen in meiner Welt.«

Das Knarren der Tür ließ sie herumfahren. Im Türrahmen stand ihre Großtante Agony auf ihre Gehhilfe gestützt und betrachtete sie. Oder eher Ben.

»Malvin?«, fragte sie mit hoffnungsvoller Stimme. Ben schluckte und stand auf. »Nein, ich bin Ben«, sagte er und fügte dann, etwas leiser, hinzu: »Dein Enkel.«

Es war zu sehen, wie schwer ihm diese ungewohnten Worte über die Lippen kamen.

Agony kam langsam auf ihn zu und betrachtete ihn mit undurchschaubarer Miene. Sie hatte Demenz, und es war nie ganz klar, wie viel sie von ihrer Umgebung noch wahrnahm. Das letzte Mal, als sie Ben gesehen hatte, war sie überzeugt gewesen, dass es sich um ihren Sohn handelte.

Sie hob die Hand und strich Ben über das Gesicht. Er hielt die Luft an.

»Hm«, sagte sie. »Du bist nicht Malvin.«

Zögerlich nickte Ben. »Nein, ich bin sein Sohn.«

Agony ließ die Hand sinken und nickte. »Hm«, machte sie wieder. »Sag Malvin, er soll nach Hause kommen. Das Essen ist gleich fertig.«

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Dann drehte sie sich um und ging aus dem Zimmer. Jetzt erst atmete Ben aus, und Sorry sah, wie die Anspannung von ihm abfiel. Er ließ sich zurück aufs Bett sinken. »Ich weiß nicht, ob ich mich daran gewöhnen kann. Mir war nicht einmal bewusst, wie ähnlich ich meinem Vater sehe.«

Sorry klopfte ihm auf die Schulter. »Mir wird auch ständig gesagt, dass ich aussehe wie meiner. Keine Ahnung, ob das stimmt.«

Ben schwieg. »Glaubst du wirklich, dass sie noch leben?«, fragte er schließlich. »Er und meine Mutter?«

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