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Blankenburg. Unglaubliche Geschichten und andere späte Prosa. Der Schuss auf die Kanzel

Als Buch hier erhältlich:

Die in den letzten Jahren seines Lebens erschienenen Prosabände zeigen Hermann Burger, einen der bedeutendsten Schriftsteller der Schweiz, auf der Höhe seiner Erzählkunst. Wie in seinen frühen Erzählungen sind die Helden der Geschichten in „Blankenburg“, „Der Schuss auf die Kanzel“ und in den „Unglaublichen Geschichten“ Sonderlinge, die auf die Seltsamkeit der Welt mit selbst entwickelten Ordnungssystemen reagieren, oder an Leib und Seele erkrankte Wortkünstler, deren Befreiungsversuche keineswegs immer schlecht enden. Wesentlich ist den Erzählungen Burgers stets ein abgründiger Humor, der die Lektüre bei all den traurig-heroischen Schicksalen der Figuren zu einem außergewöhnlichen Vergnügen macht.


  • Erscheinungstag: 03.02.2014
  • Seitenanzahl: 384
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312006144
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

 

Die Werkausgabe wurde ermöglicht dank der großzügigen Unterstützung durch

 

den Kanton Aargau

 

 

 

sowie der Unterstützung durch

 

die UBS Kulturstiftung

 

die STEO-Stiftung Zürich

 

die Stadt Zürich Kultur

 

den Verein zur Förderung des Schweizerischen Literaturarchivs

 

 

© 2014 Nagel & Kimche

im Carl Hanser Verlag München

Umschlag: Stefanie Schelleis, München Porträtfoto Hermann Burger: 1985, © Gert Eggenberger

Herstellung: Andrea Mogwitz und Rainald Schwarz

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann

ISBN Band 3: 978-3-312-00614-4

 

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Kreutzfeldt digital, Hamburg

DER PUCK

 

Ein Eismärchen

 

Nach einer föhnigen ersten Dezemberwoche, die nur Kopfwehschnee gebracht hatte, Kandiszucker an den Straßenrändern, sank das Thermometer und blieb auf zehn Grad minus sitzen. Die Bise trug dazu bei, dass Teiche und Tümpel noch vor Weihnachten zufroren, so dass man bereits am Stephanstag ans Eishockeyspielen denken konnte.

Auf dem Estrich band ich mein Stockblatt mit schwarzem Isolierband ein. Die Klammerschlittschuhe hingen an einer roten Schnur im Gebälk, zwischen Zwiebeln und stiebenden Melissenstauden. Diese Angstgerüche alter Bubenverstecke: Dörrobst, Mottenkugeln und Kernseife. Leider hatte ich wieder keine Hockeystiefel bekommen. Mein Vater, der mit den Kufen über den See gelaufen war, fand, sie täten ihren Dienst noch lange. Ich musste mit dem Winkelschlüssel beinahe die rostigen Gewinde vermurksen, bis sich die Backen bewegten, und nahm mir vor, die Eisen bei Gelegenheit geschickt zu verlieren, denn sie waren wie alles in unserem Haus gut versichert.

Alle hatten Stiefel seit Weihnachten, Luchsinger sogar rote mit Beinstützen. Im Tor konnten sie mich vielleicht dennoch gebrauchen, als Lückenbüßer. Der Puck in der Schuhschachtel: ich wog ihn in der Hand. Sollte er mit? Nein, sagte ich mir, er ging ja doch nur verloren, und dann war ich der Dumme.

Ein grauer Nachmittag. Ich gabelte meine Kufen auf, bei denen es sich nicht einmal mehr lohnte, den Hohlschliff zu erneuern, und schulterte den Stock. Stein und Bein gefroren. Die Bäume in ihren Gichtkronen sahen aus wie verhexte Nebelscheuchen. Ich hatte vor, zur Kiesgrube hinaufzugehen, denn die Lehmwassertümpel auf den Schuttkegeln unterhalb des Schmulzenkopfes waren beliebte Spielfelder. Das Eis über dem gelben Brei war zwar dünn, doch es hielt. Nur wenn man zu hart mit dem Stock schlug, kam es vor, dass einer mal einen Schuh voll Lätt herauszog. Sicher hatten die Burschen schon Mannschaften gewählt und angefangen. Spielten sie nicht in der Grube, dann freilich mussten die alten Feuerweiher auf der Hochebene zugefroren sein. Seit Jahren waren sie nicht mehr freigegeben worden.

Am Ausgang des Maschinenwäldchens verließ ich den harten Fußweg und stieg hinauf zur Straße, wo ich das ganze Kiesareal überblicken konnte. Kein Knochen weit und breit. Die graupeligen Lehmaugen wurden überragt vom Schotterturm, dessen geborstene Bretterverschalung von einer dicken, graugrünlichen Mehlschicht überzogen war. Ein Schrägaufzug mit ausgerenkter Wanne führte bis dicht unters Wellblechdach. Im Innern der abbruchreifen Bude konnte man verschmierte Bestandteile des Schwingsiebs erkennen.

Die Werkstraße führte zwischen den Kiesbergen durch und verlor sich im Abbaugebiet. Zuhinterst eine Baracke, ein festgerammter Löffelbagger. Darüber türmte sich die offene Wand des Schmulzenkopfes. Überhängende Wurzelnester. Es war so still, dass man das Regnen der Steine hörte, die über die Eisbärte auf den Geröllkegel kollerten. Die Wracks der Raupenfahrzeuge und Kamintraktoren wirkten wie Trümmer auf einem Schlachtfeld, als ob die Grubenmannschaft mit ihren ungelenken Sauriern und gezahnten Brechschaufeln unermüdlich gegen die Wand angerannt wäre, bis alle Motoren verreckten.

Die Lust zu einem Spaziergang durch die verlassene Kiesgrube war da, doch dann packte mich wieder das Spielfieber, in Gedanken kombinierte ich schon mit Luchsinger, rote Linie, blaue Linie, obwohl wir die Feldabschnitte nie markierten, dafür war bei uns der Winter zu kurz. Ich nahm den Weg durch den Bleiwald, stapfte den Bach entlang, der dumpf zwischen bizarren Eisknollen gurgelte. Weiter oben trat er aus der mannshohen Röhre, die unter dem Kehrichthügel durchführte. Man nannte den gekrümmten Tunnel Rohrnudel, und er war immer wieder Schauplatz nächtlicher Mutproben. Man konnte ihn nur bezwingen, wenn man sich, mit dem Rücken zur Wand, seitwärts Schritt für Schritt vorantastete auf dem schmalen, glitschigen Rand des Kännels. Rutschte man aus, schwemmte einen der Bach bis zum Tanzenbein hinunter.

Nach einer knappen halben Stunde stand ich oben auf der Straße, die sich schnurgerade von den Berghöfen her zwischen den beiden Weihern durchzog. Unten im Tal die Rangiergeräusche auf dem Güterbahnhof. Puffer klirrten aufeinander. Über der Hochebene lag ein bissiger Rauch von Kälte. Nur als schwache Kulisse erkannte ich den Stierenberger Wald, die Lücke mit dem grauen Reservoir.

Am großen Weiher vorbei, dessen Böschung rechter Hand steil anstieg, eilte ich zum unteren, der die Form eines diagonal abgeschnittenen Ovals hatte und auf der Bösmatt lag, jener Wiese über dem Steilhang des Bleiwaldes, auf der sich die Amateurreiter der Gegend auf die Springkonkurrenzen vorbereiteten. Fragmente eines Stangenoxers im Reiffeld, zwei ausgetretene Trabkreise. Gespielt wurde auf dem unteren Teich, weil der obere des einlaufenden Baches wegen selten ganz zufror. Von weitem schon hörte ich das Knallen des Pucks und sah ich die Mützen und Pullover der Burschen durcheinanderwirbeln.

Doch keiner bemerkte mich, als ich das Bord hinunterschlitterte, durch das verharschte Schilf trat und auf Kauers Tor zuging. Es war mit zwei Steinen markiert. Das Eis dröhnte von den Kufen. Wie erwartet: alle hatten Hockeystiefel an. Luchsinger führte das große Wort. Er hatte den schnellsten Antritt und den härtesten Schuss. Den Torhüter auf der andern Seite erkannte ich nicht, es musste ein Ersatzmann sein. Großartig, wie Luchsinger seine Gegner mit Körpertäuschungen stehen ließ. Er übersetzte links- und rechtsherum, vorwärts und rückwärts kurvend. Rot, seine Mannschaft, lag im Rückstand, wie ich bald erkannte an seiner hastigen Abwehr. Öfter als gewohnt musste er in der Verteidigung aushelfen. Vielleicht lag es nur daran, dass die Blauen einen Mann mehr auf dem Feld hatten. Als der Puck weit neben dem Tor ins Schilf flitzte, schwenkte ich den Stock und rief: «Luchsinger, kann ich mitspielen? Ihr habt doch einen zu wenig!»

Luchsinger kurvte herbei und stoppte dicht vor mir. Eismehl stäubte auf. Er prüfte meine Schlittschuhe. «Mit diesen Großvatereisen? Kommt gar nicht in Frage. Eine Niete auf Entenfüßen hat uns gerade noch gefehlt bei diesem Resultat. Verschwinde! Auf dem Lehmweiher ist genug Platz für Anfänger.»

«Aber im Tor, Luchsinger, spielen doch die Schlittschuhe keine Rolle. Kauer könnte auf dem Feld mehr leisten.»

«Gerade dort», rief der Captain davonschwingend zurück, «kommt es auf einen guten Stand an. Du fällst doch beim ersten Schlagschuss auf den Arsch!»

Der Puck war wieder im Spiel, Luchsinger baute den nächsten Angriff auf. Es war zum Verzweifeln! Weshalb wollte mein Vater nicht endlich einsehen, dass es ohne erstklassige Ausrüstung nicht mehr ging. Wenn ich klönte, Kauer habe Stiefel und Bertschi auch, sagte er gleichgültig: Wir sind nicht Kauers und nicht Bertschis. Immer hieß es: wir sind nicht die andern. Und zu spüren, dass wir nicht die andern waren, bekam ich es, einzig und allein ich. Mit dem Velo war es dasselbe. Alle – oder fast alle – besaßen Halbrenner, während ich Samstag für Samstag eine schwere englische Vorkriegsmaschine auf Hochglanz polierte. Fehlte nur noch, dass sie ein Kleidernetz hatte wie die Damenräder. Radball, ja, aber dafür gab Vater den Klepper nicht her.

Ich stand hinter Kauers Tor, die Schlittschuhe immer noch über die Schulter gehängt, und trat von einem Fuß auf den andern. Eine Bärenkälte. Ich machte Fäuste in den Hosensäcken. Wir nannten den Schmerz Kuhnägeln. Er begann in den Fingerspitzen und bohrte sich durch die Hände, bis sie nichts mehr greifen konnten. Man musste sie zu Hause unters eiskalte Wasser halten, und es fühlte sich lauwarm an.

Weshalb blieb ich da, was hatte ich auf dem Feld noch verloren? Der Augenblick war verpasst, da man einfach abhauen konnte, als ginge einen das Spiel nichts an. Man kämpfte mit den Tränen und machte sich je länger desto lächerlicher. Die Dämmerung begann früh. «Bürgerliche Dämmerung», hatten wir in der Geographie gelernt: solange man Zeitung lesen kann bei Tageslicht. Drüben im Rauch die tiefen Dächer der Berghöfe. In der Scheune brannte ein Licht. Das Reservoir unterhalb der Waldschneise war kaum mehr aus dem Grau herauszulesen.

Da tauchte das laubfleckige Gesicht Konrads wieder auf, sein blutender Mund. Ich erinnerte mich an die Szene nach der Schnitzeljagd. Luchsinger wollte mit dem Bau der Baumhütte beginnen. Konrad, mein Cousin, hatte die Mutprobe, die ihn zum Bandenmitglied gemacht hätte, noch nicht bestanden. Wir lungerten auf dem Flachdach des Wasserreservoirs herum. Luchsinger hatte manchmal herrische Launen. Plötzlich befahl er: Spring hinab, dann bist du dabei! Und als Konrad sich schon bereitmachen wollte: mit verbundenen Augen natürlich. Er selber band ihm das schwarze Tuch um. Konrad sprang, tief ins Gras, kaum hörte man den Aufschrei. Laut rauschte der Betonklotz. Luchsinger rannte die seitliche Böschung hinunter, wir ihm nach. Der Arm war ausgerenkt, schien sogar gebrochen zu sein. Konrad würgte und würgte, als hätte er eine Kröte im Hals. Luchsinger totenbleich: So sag doch, wo tut’s dir weh, so sag doch!

Es gab eine lange Untersuchung. Konrad hatte die Sprache und den Verstand verloren. Er kam ins Spital und später in eine Heilanstalt. Luchsinger hatte Zeugen genug dafür, dass mein Cousin freiwillig gesprungen war. Er habe zur Bande gehören und an der Baumhütte mitbauen wollen. Mich überstimmten sie mit der Faust im Hosensack, bevor ich den Mund aufmachte.

Das Eishockeyspiel wurde immer ruppiger, weil die Blauen den knappen Vorsprung hielten. Wild hieb Luchsinger auf die Stöcke seiner Gegner ein, wenn sie ihm den Puck abnahmen. Die Fehlpässe häuften sich. Das Geschrei der Burschen flaute ab, die Flüche wurden gröber.

Da hörte ich deutlich das leise Summen. Es kam aus dem Weiherhäuschen und war viel leiser als das Rauschen damals, im Reservoir. Fast ein Möhnen, wie man es in Transformatorenhäusern hört. Der Betonschacht, der aus dem Grund des Teiches aufstieg, ragte als Sockel über die Eisdecke und trug die Holzkabine, die mit ihrem runden Wellblechdach einem zu kurz geratenen Güterwagen glich und von der Straße her über einen Steg zugänglich war. Eine kleine, versperrte Tür trug das Schild «Betreten strengstens verboten, Lebensgefahr».

Auch im großen Weiher stand ein solches Häuschen, dicht am Nordufer. Keiner von uns Buben wusste genau, was drin war. Schon mancher hatte aus Neugierde versucht, die Tür aufzubrechen. Man vermutete, das Summen habe etwas mit Elektrizität zu tun, weshalb auch das Gerücht umging, man dürfe in den Weihern nicht baden, weil das Wasser elektrisch sei. Der herausgefischte Tobler, so wollte man gesehen haben, sei wie nach einem Blitzschlag verkohlt gewesen. Ich stellte mir ein System von Schalthebeln und Isolatoren vor. Doch dann hätten auch Drähte wegführen müssen. Vielleicht wurde von diesen Kabinen aus der Wasserstand reguliert; früher hatten die Teiche den Dörfern im Tal als Reservoirs gedient.

Das Summen lockte mich an. Im Sommer konnte man ohne Boot nie so nahe an den Sockel herankommen, in den eine kellerfenstergroße Öffnung eingelassen war. Ich schleifte auf das Loch zu. Womöglich konnte man durch den Holzboden in die Kabine hinaufspähen.

Plötzlich traf mich ein harter Schlag am Fuß. Ich verlor das Gleichgewicht, fiel aber nicht aufs Eis, sondern sah etwas Schwarzes von meinem Schuh weg auf die Luke zuschiefern. Einer schrie noch: «Halte ihn fest!», doch bereits war der Puck im Loch verschwunden. Der Rist schmerzte. Aus dem Spielfeld kamen ein paar Burschen mit schlenkernden Stöcken auf mich zugefahren, Luchsinger allen voran.

«Warum hast du den Puck zum Bunker abgelenkt, Kleiner? Wohl absichtlich, damit wir das Resultat nicht mehr verbessern können!» Die Roten standen im Halbkreis um Luchsinger und mich. Er befahl mit zugekniffenen Augen:

«Eins kann ich dir flüstern: Hole sofort diesen Puck!»

Sprachlos und zitternd vor Wut blickte ich ihn an. Seine Nasenflügel blähten sich. Aus dem Pulloverausschnitt dünstete Wollgeruch und Schweiß, so nahe war er herangekommen. Ich wusste, dass ich ihm genauso ausgeliefert sein würde wie bei Konrads Fall.

«Hörst du, den Puck holen, aber sofort!»

Er fuhr dicht hinter mir her, stieß mir den Stock in die Rippen, als ich, sinnlose Bitten vorbringend, auf den Bunker zuhinkte. Keiner wusste, wie tief er war, was sich unten im Schacht befand. Noch keiner hatte sich hineingewagt. Und Luchsinger konnte so wenig als ich daran zweifeln, dass die Scheibe verloren war.

Ungeschickt, wie ich im Turnen nun einmal war, kroch ich durch die Öffnung. Es roch säuerlich. Das Summen oben in der Kabine schmerzte fast in den Ohren. Ich fand die vereisten Sprossen einer Metallleiter in der Wand und stieg so weit abwärts, dass ich noch aufs Spielfeld sehen konnte. Einen hörte ich im Davonfahren sagen: «Ohne Puck lässt ihn der Luchsi nicht mehr raus.» Die Burschen spielten weiter mit der Ersatzscheibe, er aber machte es sich bequem auf seiner Windjacke. An die Mauer lehnend, gab er seiner Mannschaft knappe Anweisungen, fluchte jeden an, der einen Fehler beging. Ich hatte es längst aufgegeben, ihn mit Versprechungen umstimmen zu wollen – ich kaufe euch einen neuen Puck, usw. –, er wollte keinen Puck, mich wollte er, und ich kauerte in den Sprossen.

So verging eine Ewigkeit. Die aufsteigende Kälte leckte mich blank. Von den Fingerspitzen her bohrte sich der brennende Schmerz durch die Hände bis in die Arme hinauf. Ich wusste nicht, war Feuer oder Eis in mir. In jedem Glied ein rostiger Nagel. Es war bereits so dunkel, dass man die Blauen und die Roten nicht mehr voneinander unterscheiden konnte. Im Schilf zogen sie, einer nach dem andern, ihre Hockeystiefel aus, hängten sie über die Stöcke und machten sich davon. Luchsinger blieb sitzen. Sein breiter Rücken ragte in die Öffnung. Er brauchte sich nur umzudrehen und auf meine Finger zu treten, dann war ich verloren. Wenn ich mich wieder nicht wehrte wie früher in ähnlichen Situationen, erfror ich oder stürzte ich ab. Kein Mensch würde mich aus diesem Schacht herausholen.

Es gab nur noch den mechanischen Gedanken, der eins war mit dem immer stärker werdenden Möhnen: Raus aus dem Loch, schlag ihn nieder! Der Gedanke wurde nicht in meinem Kopf, sondern oben in der Kabine gedacht: Schlag ihn nieder, mit dem Schlittschuh! Meine gefühllosen Finger tasteten nach der roten Schnur an der Schulter, griffen nach dem klebrigen Eisen. Ich spürte kein Gewicht. Langsam zog ich mich hoch, bis der Rücken breit vor meinen Augen flimmerte, und hieb mit der Kufe wuchtig über Luchsingers Nacken. Dumpf fuhr der Schlag zurück, pflanzte sich durch meine Glieder fort. Der Getroffene sackte in sich zusammen, kippte auf die Seite. Im Weiherhaus klickte das Summen aus, es war so still, dass ich hörte, wie ein spinnenbeiniges Knistern durch die Eisdecke lief, und dieses Knistern kitzelte mich, als wäre eine überspannte Trommelhaut zerrissen.

Ich verkrallte mich in seinem Pullover, zog mich aus dem Loch, ließ die Schlittschuhe fallen, als ich quer über den ganzen Weiher rannte. Die Böschung hinauf strauchelte ich und den Steilhang hinunter in den Bleiwald. Ich ließ mich fallen, bis ich unten am Bach vor dem Tunnel stand. Rücklings stellte ich mich an die poröse Innenwand und versuchte, den Atem anzuhalten. Es roch scharf nach Höhle. Stärker als das Rauschen des Baches war das Summen, das nun wieder da war, von weit her zu kommen schien, sich nadelfein in meinen Kopf bohrte, anschwoll, meine Ohren auseinanderriss, zu einem grässlichen Dröhnen wurde und dann plötzlich ausklickte.

In kurzen Abständen wiederholte sich die Qual, aber so, dass ich wie in meinem alten Angsttraum unter dem Gestänge einer höllischen Rotationsmaschine lag, die ich vergebens von der Brust zu stemmen versuchte. Wie der Apparat näher und näher kam, sah ich, ahnte ich vielmehr, dass der flirrende Kessel inwendig mit Nägeln gespickt war. Und das Weißschwarze in der Trommel, das mich anstarrte, war das Gesicht meines Vaters, das kreisende Pechhaar mit dem Mittelscheitel. Abgetrennt vom Rumpf der Kopf und ringsum aufgespießt, und das Bohrgestänge rammte mich in den Boden.

Doch nun hingen meine Glieder, meine Gedanken an elektrisch geladenen Drähten, die in der Kabine über dem Weiherschacht aufgespult wurden und mich hinauszogen aus der Röhre. Ich versuchte zu überlegen: Was ist geschehen? Luchsinger bewusstlos, tot vielleicht, Genickschlag; nur nicht nach Hause, bei Verwandten übernachten, ausreißen, im Wald liegen bleiben. Doch mühelos ging es bergauf, wie an einem Skilift, und als ich oben stand, spürte ich mein Körpergewicht nicht mehr und schien zu schweben.

Die Landschaft war ein Modell, aus blendend weißem Kunststoff gegossen. Darüber gestülpt eine schwarze Kuppel. Das Bomberdröhnen im Kopf hatte nachgelassen, vielmehr war es in ein Singen übergegangen. Die Hügel und der Nachtraum tönten wie die Glocke einer Glasharfe. Und der Weiher, als ich ihn betrat, schimmerte smaragdgrün. Unten mussten Lichter brennen. Auch das Eis klang nach bei jedem Schritt. Das Landschaftsmodell drehte sich um den Mittelpunkt des Teiches. Wo Luchsinger gelegen hatte, war ein kleiner Höcker in der Smaragdfläche zu sehen. Meine Schlittschuhe fand ich nicht mehr. Die Kabine über dem Schacht war schmaler geworden und ganz durchsichtig. Die Wände bestanden aus transparenten Eisplatten. Ich starrte ins Innere: Keine Schalter, keine Isolatoren, keine Drähte, keine Räder – nichts.

Um das kristallene Singen zu durchbrechen, schrie ich in die Kuppel hinauf: «Luchsinger, wo bist du? Ich hole dir den Puck!»

«Hole dir den Puck!», fiel das Echo aus allen Richtungen zurück, «hole dir den Puck!» Doch statt schwächer wurde es jedes Mal stärker, begleitet von einem kurzen, hämischen Gelächter. Ganz nah war die Stimme, dicht unter meinen Füßen. Der Weiher musste hohl sein. Ich folgte dem Ruf. Traumsicher stieg ich in den Schacht ein, auf dessen Grund es grünlich leuchtete. Sprosse um Sprosse kletterte ich abwärts, und immer bengalischer wurde das Licht. Zuunterst fand ich einen offenen Schieber, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, nur viel kleiner. Ich musste mich hindurchzwängen.

Auf der andern Seite tat sich ein riesiger Eisdom auf, der hoch oben zur winzigen Smaragddecke zusammenwuchs, die nur noch so groß war wie das Lichtauge einer Kuppel. Der schlüpfrig braune Boden glich einem Höhlengrund mit klaffenden Spalten. Die Säulen trugen den Dom nicht, sondern standen frei als zugespitzte Stalagmiten. Einige wölbten sich zu Torbogen, als sei in diesem Raum einmal eine kleinere Kirche gestanden. Die Stimme rief: «Hole dir den Puck!»

Ich folgte ihr, indem ich auf dem Hintern über die glitschigen Buckel rutschte. Kapellenartige Nischen traten aus dem Dunkel, in die Wände waren grinsende Gesichter eingeknorpelt, Luchsingergesichter mit zwergenhaft verzerrten Zügen. Manchmal leuchtete die Grotte wie eine einzige Tropfsteinmaske. Das Echo der lockenden Stimme überschlug sich in den Apsiden zu einem japsenden Gekicher. Als ich bereits die Orientierung verloren hatte – war der Weiher noch über mir oder schon unter mir? –, geriet ich in einen violett ausgeschliffenen Kännel. In einer sausenden Schussfahrt, welche auch durch den Bachtunnel unten im Bleiwald zu führen schien, schoss ich durch ein Labyrinth von Wellen, Röhren und hochgezogenen Kurvenwänden. Der Kännel spiralte sich ein. Vielleicht schraubte ich mich aber auch nach oben.

Und als ich endlich aus der Bahn geworfen wurde, saß ich in einer niedrigen Krypta, die auf kurzstämmigen, bläulich schimmernden Säulen ruhte. Vor mir sah ich einen Eiswurzelstrunk, dessen Arme sich über den ganzen Boden verzweigten und tief unter mir in einem Wirrwarr von Knoten, Kröpfen und Ästen verloren. Die Schnittfläche des Strunkes war opalglatt, und auf diesem Tisch lag der Puck. Aus ihm kam die Stimme. Er hatte aber nicht das weiche Hartgummischwarz der Scheiben, mit denen wir spielten, sondern ein metallisches. Und die Kanten verrieten pures Gold.

Ich wusste, dass ich sofort erwachen musste, wenn ich nach ihm griff, wie aus dem quälenden Traum mit der rotierenden Vatermaschine. Vorsichtig, als könnte er mir entgleiten, streckte ich die Hand nach dem Puck aus. Wie ich zupackte, verstummte das hämische Lachen, und die Finger krampften sich im Schmerz zusammen. Es war der Kuhnagelschmerz wie draußen an der Kälte, nur viel feuriger. Zentnerschwer wurde die Faust und zog mich nieder auf den Tisch. Ein rasendes Hämmern im ganzen Körper.

Doch dann spürte ich, wie das Gold langsam zu schmelzen begann und von den Fingerspitzen her in die Adern eindrang. Es strömte siedend durch meine Arme, den Rumpf und die Beine bis hinunter in die Zehen, und im Strömen verwandelte sich der höllische Schmerz in eine kühle Lust. Als ich goldschwer ausgegossen war, zog sich das Metall wieder zu einer kleinen Scheibe zusammen, und ich empfand eine tief sättigende Ruhe. Rund wie ein Puck lag ich da, eingelassen in die blanke Fläche des Eiswurzeltisches, eine glaziale Intarsie. So freilich hatte ich mir das Erwachen nicht vorgestellt.

Tag müsste es inzwischen geworden sein, wenn es das überhaupt noch gäbe, Tag und Nacht, und für ein menschliches Gehör wäre irgendwo, weit draußen an der Kugeloberfläche, das Schaben von Schlittschuhkufen vernehmbar gewesen, dünnes Torgeschrei. Vielleicht spielen sie mit dir, hätte ich gedacht, wenn ein Puck noch hätte denken müssen, großer Eismeister.

BLANKENBURG

 

Zustandsbericht eines Leselosen

 

 

I

 

Liebe Herrin von und zu Blankenburg, Freundin des Herzens, höchste Legistin, Dank zunächst für das fortwährende Lesen, gerade ich, der Leselose, und hiermit ziehe ich einen blutigen Dolch aus tiefem Papier, kann ermessen, was es heißt, im Schlossgut des Simmentals, in der Parkumfriedung, unter Ulmen und Kirbeln, also noch diesseits der Baumgrenze, geschützt vom Wildstrubel und den Spillgerten, kurz in den Büchern zu leben, umso mehr als der Unterfertigte selber einmal Buchstabe war, und die Einladung, in Ihrer Bibliothek zu nächtigen, in Ihrem Innersten, ja dort, dem Blumenparterre gegenüber, die Wasserkunst in den Ohren, mein Krankenlager, mein Siechengeliger aufzuschlagen im Duft des Saffian- und Oasenziegenleders Ihrer Gesamtausgaben, sozusagen angefächelt vom Rockblitzen der Weltliteratur, diese Offerte baronesslicher Großzügigkeit – einschließlich eines als Ambulanz getarnten Büchercamions zur Überführung meiner Pillenleiche nach Blankenburg, o wie klar der Name vor stahlblauem Himmel – hat mich Ihrer Hochwarmherzigkeit entgegengepflügt, dann aber auch nach unten gespatet in den Kerker meiner Leselosigkeit.

Und ich muss Ihnen, Gräfin Frauke von Fürstenfeldt, da ich mich zu Ihren Brieffreunden zählen darf, zuallererst, damit Sie Ihr Angebot verstehen, von Schruns-Grächen berichten, immer im Kontrapunkt zu Blankenburg und davon ausgehend, dass Ihr getreuer Loontien in seinem verwaschenen Brandenburgerblau meine Kassibritäten nicht unterschlägt. Wie alle aus der Mark stammenden Diener fürchtet Loontien sich insgeheim davor, eines Tages mit einem Brief betraut zu werden, dem er nicht gewachsen ist. Es, mein Schreiben, erbricht ihn, den armen Loontien, dabei führt mein Weg, so könnte man meinen, ausschließlich über Ihren Privatsekretär Immanuel Arpagaus. Doch lassen wir, und das ist gescheiter als an eisgrauen Bediensteten und an Instanzendiretissimas zu zupfen, Schruns bei Grächen sprechen, nur so nebenhin, als Gruß nach Blankenburg, zu überbringen von der Montreux–Berner-Oberland-Bahn.

Wenn Sie sich, hochverehrte Gräfin und Fürstin meines versunkenen Kontinents, vorzustellen geruhen, dass Ihr Landsitz, er erinnert mich immer an Bergeller Barock, vielleicht der vielen Ochsenaugen wegen – vergleichen Sie hiezu die Kreiszier an den Simmentaler Bauernhäusern des 18. Jahrhunderts –, eines Nachts von Büchermördern überfallen würde, welche Ihre kostbare Bibliothek von unten nach oben schlitzten, von Literaturfledderern, die alles massakrierten, was Rang und Namen hat, so wäre dies, wiewohl es keine Versicherungsgesellschaft gibt, welche Ihnen die knisternden Erstausgaben mit dem appetitfördernden Schmökerruch ersetzen könnte, weiter nicht schlimm, selbst Loontien würde sich zu fassen wissen müssen. Immer noch könnten Sie sich und ihm sagen: Was schert uns der Plunder, ich, Herrin zu Blankenburg, bin Der Idiot, bin Die Wahlverwandtschaften, bin Der Stechlin, bin Die Recherche, bin Der grüne Heinrich, bin die Sonette an Orpheus, ich habe mir diese Edelsteine des menschlichen Geistes so tief eingeprägt, dass niemand auf der Welt sie aus meinen Seifen und Drusen wird brechen können. Inwendig strahlt der Amethyst, in der Schrunze der Opal, brustverkantet Türkis und Smaragd und Saphir und Rubin.

Was aber ist Ihre Brust, Verehrteste, von den Nächsten auch Frau Menscha gerufen? Kessel, Kaule und Schacht, Schlund, Teufe, Verlies? Gibt es einen Tresor für das Rosenhaus von Stifter, eine umzäunte Weide für Kafkas Verwandlung? Viel schlimmer als der Bücher beraubt – achten Sie auf den Genitiv – wäre es ja wohl, infolge eines Felssturzes, eines Erdbebens von den Folianten und Atlanten begraben zu werden. Mit den Spillgerten ist nicht zu spaßen, auch nicht, wenn man die Obrigkeit von Kastellanen vorschützen kann. Sie schnappten dann vielleicht nach jener Luft, die Ihnen ausgerechnet Körner abschnitte. Der weiße Erstickungstod in der Papierflut. Alles noch bei weitem kein Vergleich zu Schruns-Grächen. Wir leiden unter anderem daran, dass es uns an tauglichen Parallelen fehlt, an Tertia-comparationis-Schwund. Schruns-Grächen tönt nach dem Erfinder einer Krankheit. Krankheitsstifter sind die Vorausmimen aller späteren Träger des Übels, Gräfin Fürstenfeldt, so wie Ihr Duzname Menscha – Arpagaus, zum Beispiel, siezt Sie –, der fraulichste neben Frauke, auf das Bergen und Tragen hindeutet. Stille Tage in Blankenburg.

Horch, es klingelt, fein und zerstäubend wie jeweils am Heiligen Abend – Puderzuckersilber –: eine der vielen Teestunden in Blankenburg. Loontien serviert in falben Handschuhen, Arpagaus unterbricht seine Geschäfte. Man erzählt sich, dass Sie, Gräfin Frauke von Fürstenfeldt, Ihren Diener und Ihren Privatsekretär bei unentschiedener Witterung, wenn Lesen und Spazieren gleicherweise nur matt locken, wenn man nicht weiß, soll man vom Buch in die Landschaft oder von der Landschaft ins Buch blicken, zu folgendem Spiel beiziehen. Ein paar Stapel Franz-, Halbfranz-, Sedez- und Oktavbände werden aus der Bibliothek in den Wintergarten geschafft, darauf wird per Stäbchenziehen ermittelt, wer beginnen darf. Wählt Loontien als Erstes den Heinrich von Ofterdingen, kontern Sie, Gräfin, sofort mit Hofmannsthals Andreas, was Arpagaus beschämt, ja, entlarvt nach Goethes Gesprächen mit Eckermann greifen lässt. Nun überlegt sich der Brandenburger einen raffinierten Zug: Effi Briest. Hat er die Effi, sagen Sie zu Ihrem Sekretär gewandt, nehme ich die Anna Karenina und gebe Ihnen die Chance, sich für die Madame Bovary zu entscheiden. So Zug um Zug. Dann möchte Loontien tauschen: um alles in der Welt will er Die Welt als Wille und Vorstellung. Sie spannen mit Arpagaus zusammen und sind einverstanden, wenn er einerseits Mörikes Briefe, anderseits einen mürbledernen Band von Stifters Studien herausrückt. Bockt der Diener, können Sie auch anders: wie mit einem Croupierrâteau rechen Sie den gesamten Balzac an sich.

So wird im Zwielicht des Blankenburger Wintergartens gespielt, Frau Menscha, werden die erschriebenen Güter verteilt und umverteilt, Sie nennen das Ambraschach, weil zum einen nur an den Büchern geschnuppert wird, es zum andern darum geht, mit der nach und nach aufgebauten Handbibliothek die Gegner mattzusetzen, sei es durch bibliophile oder literarische Übermacht. So kann ein Pergament-Kotzebue einen französisch broschierten Corneille durchaus aus dem Feld schlagen. Wie gerne würde ich mich von der Schrunser Zisterne aus am ambrosischen Wettkampf beteiligen, schöne Herrin von Blankenburg, zumal ich Arpagaus’ Ansicht teile, dass es im Grunde nur darum geht, die Bände in Zirkulation zu halten, vergleichbar der Vierteldrehung, die man den Champagnerflaschen in den Kellereien angedeihen lässt, überfällig zu stehen ist für ein Buch ebenso schädlich wie vergessen zu liegen;

doch was ich Ihnen bisher geschildert habe, ist nur Schruns-Grächen für Anfänger und Außenstehende, ich, der ich einmal Buchstabe war. Hören Sie, pflegen die Nervenärzte wissen zu wollen, manchmal Stimmen? Eben nicht, gnädige Frau, die Bücher- wie Vogel- wie Blumen- wie Baum- wie Steinstimmen sind verstummt. Die schlimme Frage, ja, die üble Nachrede, wie es mir gehe, erinnert mich nur an mein Nebnetloch. Lassen Sie sich doch bitte, weil ich mir davon nichts verspreche, von Loontien unter Berufung auf Arpagaus eine Zisterne beschreiben. Man kann eine Münze hinunterwerfen, was Verliebten Glück bringen soll. Kieselsteine haben eher den Zweck, die Tiefe auszuloten. Ein Senkblei wäre eine andere Methode. Wenn aber das wasserverratende Glucksen ausbleibt? Wenn Sie Ihr Ohr über die Wüste neigen? Genauso horche ich hinauf. Gobigraun, würde man in Blankenburg sagen, und dort hätte dies seine Richtigkeit. Wie ich überhaupt nur von Ihnen aus in die Röhre hinein-, nicht aus ihr herausdenken kann. Sätze klopfen an die Gruft, doch niemand hat die Kraft, sie zu verstehen.

Christoph Wilhelm Hufeland, Der Scheintod, Sammlung der wichtigsten Tatsachen und Bemerkungen in alphabetischer Ordnung, legt eine Tabelle jener Sterbenden vor, die der Gefahr, lebendig begraben zu werden, in besonderem Maße ausgesetzt sind: Angstvolle, Betäubte, Blatternkranke, Convulsivische, Engbrüstige, Entatmete, Entkräftete, Entzückte, Epileptische, Erboste, Erdrosselte, Erdrückte, Erfrorene, Erhängte, Erhitzte (beim Tanzen), Fallsüchtige, Gebärende, Hypochondrische, Hysterische, Keichhustende, Kummervolle, Leidenschaftliche, Phlegmatische, Schlaftrunkene, Pestkranke, Schlagflüssige, Starrsüchtige, Trostlose, Überladene, Verkümmerte, Zernichtete. Leselose sind nicht erwähnt, werte Fürstin, sie müssen sich erst um das grausige Schicksal bewerben. Vergeblich suche ich eine Lücke zwischen Entatmeten und Erfrorenen.

O könnte ich doch einen einzigen Hochsommertag beim Rondell mit der Rhodogyne sitzen und sinnen und däumeln und blättern, und sei es nur, um das glatte Leder einer Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe zu kneten und das Dünndruckpapier knistern zu hören! Phlox und Rittersporn sind durch das Gesumm und Gesirre in der Luft mit der Simmentaler Steingarten-Flora verbunden, mit der Mont Cenis-Glockenblume, dem Gletscher-Hahnenfuß, dem Täschelkraut. Fern im Ohr stäuben die Simmen-Fälle, und bei umschlagendem Wind tost es von der Weissenburger Schlucht herauf im Generalbass. Proust wäre greifbar, karminrotes Maroquin, aber man überlässt sich im Liegestuhl lieber dem gestochenen Hochsommerblau und erinnert sich an jene Stelle in der Recherche, wo der Knabe das abenteuerliche Lesen im Garten von Combray, in seiner Gedankenhütte beschreibt. Der inwendig gespannte Schirm für die Bilder und die immer näher, immer ferner rückende Natur. Wie die Lektüre draußen Wurzeln schlägt. Wie Combray im Gelesenen, wie die Erinnerung in Blankenburg aufgeht. Dann der Abend auf der Terrasse, das Aufleben des Springbrunnens in der Dunkelheit, der Bordeaux im ziselierten Glas, der nussige Geschmack der Havanna, Romeo y Julieta, Loontiens Brauchen Sie mich noch, Gnädigste, Ihr Wunsch, er möge den Rilke-Band mit dem Ur-Geräusch auf das Frisiertoilettchen legen, die Spillgerten-Schwärze dagegen.

In einer Frau nehmen all diese Namen, Gedanken und Sätze anders Platz als in einem Hirn wie dem unsrigen, und es muss über Blankenburg hinaus auf der ganzen Welt nichts Wärmeres geben, als von einer Frauke, gar einer Gräfin von Fürstenfeldt gelesen, nicht nur gelesen, verschlungen, nicht nur verschlungen, verstanden, nicht nur verstanden, benannt, nicht nur benannt, getauft zu werden. Sie als allerhöchste Legistin könnten unter Umständen Schruns-Grächen sprengen, nicht mit Sätzen, die Kerker spalten, das gibt es nicht. Dem Blut folgen in die Gefäße, sich hineinverirren in die innersten Organwindungen bis zu jener Stelle, wo der Kalauer sitzt. Eine synaptische Lautverschiebung im Körper, das ist alles. Mit einem Leseschock die De-profundis-Legasthenie überwinden. Am Wollen, sehen Sie, hat es der Fachärzteschaft noch nie gefehlt, aber am Glauben, Hilfe könnte aus Bregenz kommen. Ich bräuchte ein Rezept zur Verschriftung meiner Existenz, dass ich von Ihnen gesundgelesen werden könnte.

Ein Spaziergang mit Ihnen, werte Gräfin, durch die Allee, die Sie mir und auch ein bisschen Loontien zuliebe die Grodey-Chaussee heißen wollen, ein solches Wandeln hin und Wandeln her oder auch nur ein Ausstreunen ins Schlossgut, wie es uns Monsieur Robert testamentarisch verfügt hat, setzte voraus, dass mein Kopf als Pagode in die Bücherwelt ragte. Erst durch dieses türmchen- und deckelweise Herabfühlen wird mir die Natur Natur. Das, sage ich dann prima vista, ist eine Weihmutsfichte, dies ein Wesfallgebüsch. Ein jahrhundertealter Arvenstrunk vor einer Schrattenhalde wie ein entstachelter Kaktus in der Prärie. Wir Umwelt-Legastheniker verlieren die Kraft und die Lust zum Wie-Sagen, die linke, und sie trägt die Verantwortung für die Lauterkennung und -unterscheidung, die linke Gehirnhälfte arbeitet nicht mehr mit der rechten zusammen.

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