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Das Buch Eva

Als Buch hier erhältlich:

Ein geheimnisvolles Manuskript, eine Frau, die dessen Macht spürt – und ein Mann, der vor nichts zurückschreckt, um beide zum Schweigen zu bringen ...

Italien, zur Zeit der Renaissance: Beatrice, die Bibliothekarin eines Klosters, scheut seit Jahren die Gesellschaft ihrer Schwestern und findet nur in ihren Manuskripten Zuflucht. Sie sehnt sich nach der Außenwelt – einer Welt, die jedoch durch skrupellose Männer beherrscht wird und in der es für Frauen wie sie keinen Platz gibt.

Eines Nachts werden zwei unbekannte Frauen schwerverletzt vor den Toren des Klosters gefunden. Kurz vor ihrem Tod reicht eine von ihnen Beatrice einen mysteriösen Gegenstand – ein Buch, dessen zunächst unleserliche Seiten schnell ein gefährliches Eigenleben entwickeln. Die Vertreter der Kirche sind schon auf der Suche nach dem ketzerischen Text, und plötzlich beginnt eine Jagd nach der Wahrheit. Beatrice muss das Buch beschützen, um jeden Preis – denn nicht nur ihr eigenes Leben hängt daran ...


  • Erscheinungstag: 24.10.2023
  • Seitenanzahl: 368
  • ISBN/Artikelnummer: 9783365004265

Leseprobe

FÜR MUFFIN UND ENNEA
Ich glaube, Eurer Mutter hätte es gefallen.

Weißt du denn nicht, dass du Eva bist?

TERTULLIAN

DAS TOR

Karnevalsdienstag

»Hilfe!«, ruft jemand vor der Mauer. »Hilfe! Ich habe sie gefunden … In den Bergen … Zwei Frauen, Fremde … Hilfe! Heilige Schwestern, öffnet das Tor! Ich flehe euch an!«

Eine schrille Stimme, rau, verzweifelt gar, aber kein Bitten und Betteln kann mich dazu bringen, meinen Posten im Säulengang der Kapelle zu verlassen. Wie sollten wir auch helfen können? Es ist Karneval und die Sonne schon untergegangen. In der Stadt wird es heute Abend wüst zugehen; wir müssen auf der Hut sein. Bestimmt will uns jemand nur einen Streich spielen. Ein Karren voller Feierwütiger, die jetzt schon betrunken sind. Ein junger Mann imitiert die spitzen Schreie einer in Bedrängnis geratenen Frau, während seine Freunde prusten und ihn anstacheln …

»Sie sterben, ich schwöre! Sie sterben!«

Ich verziehe das Gesicht vor so viel Hartnäckigkeit, die sich manchmal jedoch auszahlt. Alle drei, vier Jahre gelingt es einigen Burschen, hier einzudringen. Wankende Schatten überwinden unsere Mauern, stolpern über unseren Kirchplatz, verspritzen das Wasser unseres Brunnens, johlen und verlangen, dass unsere schönsten Frauen herauskommen und sich zeigen. Mutter Chiara begrüßt sie dann, während die Novizinnen auf Zehenspitzen von ihrem Schlafsaal aus zuschauen, und die Burschen verlässt schlagartig der Mut. Sie haben verängstigte Schreie und aufgeregtes Kreischen erwartet, nicht Mutter Chiaras gelassenes Gesicht, ihre imposante Gestalt, ihre freundliche Nachfrage.

»Habt euch wohl verlaufen, ihr Schlingel?« Sie tätschelt ihnen die Wangen, und die Männer ziehen sich zurück. Aber immer wieder kommen welche. Ein neues Jahr – neue Burschen.

Das Rufen wird lauter, bis der alte Poggio, unser gebrechlicher Wächter, aufwacht. In der zunehmenden Dämmerung sehe ich ihn aus seinem Torhaus schlurfen. Er kratzt sich am Kropf und schimpft leise vor sich hin, als er in eine Pfütze wässrigen Schnees tritt, die sich am Fuße des Gemäuers gebildet hat. Er kann nicht mehr gut sehen und auch sonst nicht mehr viel, aber ich drücke mich noch tiefer in den Schatten. Denn ich dürfte gar nicht hier draußen in der Kälte sein, sondern müsste in der Kapelle sitzen, bei meinen Mitschwestern, und mit ihnen den vorletzten Psalm des sechsten Offiziums singen.

»Eine Schande …« Poggio versucht, den Störenfried vor dem Tor anzusprechen, aber seine Stimme versagt. Er räuspert sich, wie so oft, aber selbst das macht ihm Mühe. Dann versucht er es erneut: »Eine Schande, ja, eine Schande, unsere Schwestern im Gebet zu stören! Verzieht euch, Gesindel, oder ich rufe …«

Der formidable Knall des ersten Feuerwerkskörpers unterbricht ihn, gefolgt vom Geschrei eines erschrockenen Esels. Ich spitze die Ohren, während sich der Esel langsam beruhigt, kann aber nichts mehr hören, und einen Moment lang genieße ich die Überzeugung, die Situation richtig eingeschätzt zu haben. Ich glaube, die Burschen geben auf, und lockere meine verkrampften Finger. Sie werden abziehen und uns zufriedenlassen. Aber ich täusche mich. Ich höre ein bestialisches Geheul. Hat jemand den Esel getreten? Dann wird wieder gegen das Tor gehämmert, und eine kämpferische Stimme schreit laut auf.

»Ich setze sie hier ab. Ihr braucht nicht aufzumachen, ich lasse sie einfach hier. Wenn sie sterben, ist es eure Schuld. Eure Schuld, hört Ihr? Nicht meine!«

Ich horche auf. Das ist die Stimme eines Mädchens, ganz sicher. Wer da schreit, ist wirklich in Not. Ich korrigiere meine Vorstellung von den übermütigen Burschen und sehe jemanden vor mir, der ebenso jung wie verzweifelt ist. Poggio scheint das Gleiche zu denken. Er geht weiter auf das Tor zu und fingert an der kleinen Klappe über den Gitterstäben, aber in diesem langen, kalten Winter sind seine Hände geschwollen und ganz steif geworden, sodass er die Klappe nicht aufbekommt.

»Warte, mein Kind, warte! Ich komme gleich wieder!«, redet er jetzt freundlicher auf das Tor ein. Dann humpelt er auf die Küche zu, um jemand mit geschmeidigeren Fingern zu holen, aber Schwester Felicitas wird es ihm nicht danken, wenn er sie bei den letzten Vorbereitungen für das große Karnevalsmahl stört.

Hinter mir höre ich die letzten Takte des Schlusspsalms. Bald werden meine Schwestern aus der Kapelle kommen. Leise lege ich die zwanzig Schritte zwischen mir und dem Tor zurück und löse den Haken der Klappe. Seit Sophia fort ist, gibt es niemanden mehr, der sich dafür interessiert, was ich da draußen vorfinde, aber ich möchte es trotzdem wissen. Ich öffne die Klappe und schrecke vor der plötzlichen Helligkeit zurück.

Ich sehe ein junges Mädchen – ich habe mich also nicht getäuscht. Sie hält eine wild lodernde Fackel. Neben ihr steht ein Eselskarren, und darauf kauern zwei Menschen. Das Mädchen ist schmutzig, aber hübsch, sie reibt sich das Gesicht und zupft sich die Haare zurecht. Im ersten Moment denke ich, die beiden anderen seien Familienmitglieder, denn in schweren Zeiten bringen die Leute von den Bergen manchmal ihre Großmütter zu uns, damit sie hier in Frieden und gut versorgt sterben können. Aber noch während ich das denke, weiß ich, dass das nicht richtig sein kann. Denn in dem Blick des Mädchens, der jetzt zwischen Tor und Karren hin und her wandert, liegt keine Liebe. Sogar ich weiß, wie Liebe aussieht. Nein, sie hat Angst.

Ich bin mir sicher, dass ich kein Geräusch gemacht habe, aber vielleicht spürt das Mädchen meinen Blick. Jedenfalls springt sie aufs Tor zu und umklammert die Gitterstäbe mit den Händen. Sie kommt mir so nah, dass ich sie riechen kann. Eine Feuerstelle mit Trockenmist, Ziege.

»Schnell!«, sagt sie. »Um der Grünen Maria willen!«

Ich wende den Blick von ihr ab und schaue auf die beiden Frauen im Karren. Die Linke hebt den Kopf, und ich sehe ein ernstes Gesicht im Halbschatten, das einer starken Frau, deren Augen den Fackelschein widerspiegeln. Sie drückt der Frau neben ihr die Hand. Die bewegt sich jetzt auch, und ich sehe die eingefallenen Lippen eines zahnlosen Munds, Wangenknochen wie hervorstehende Steine, pechschwarze Augen. Diese Augen, so scheint es, sind auf mich gerichtet …

… und ich muss an Sophia denken, die gestorben ist, die mich verlassen hat. Einmal, als wir in der Bibliothek allein waren, hat sie mir erzählt, dass sie weinend zusammenbrach, als sie damals unser Tor erreichte. »So viele Meilen, Beatrice, so viele Monde, so viele Meilen.«

Eine weinende Sophia – die Vorstellung war so faszinierend, dass ich es nie vergessen habe. Und so glaube ich, dass es eher an dieser Erinnerung als am Anblick der kauernden Frauen liegt, dass ich versuche, das Tor zu öffnen.

Schnell muss ich feststellen, dass es zu schwer für mich ist. Das sollte mich nicht überraschen, denn ich knete tagsüber keinen Teig und schleppe kein Wasser, aber dass ich auf so viel Widerstand treffen würde, verwundert mich doch. Ich stemme die Schulter gegen die Eisenstange, die es verriegelt. Sie lastet schwer auf meinen Knochen und – ja! Ich spüre, dass sie sich bewegt.

»Danke«, sagt das Mädchen, das mein angestrengtes Stöhnen wohl hören kann. »Vielen, vielen Dank. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, aber sie leiden große Not.«

Ich strenge mich noch mehr an und werde mit einem kratzenden Geräusch belohnt, als Metall über Metall schabt und die Stange sich hebt – einen Finger breit, zwei Finger breit –, aber das bisschen Kraft, das ich mobilisieren konnte, ist verbraucht. Ich kann nicht mehr. Die Stange knallt in ihre Halterung zurück.

Erschrocken schaue ich über die Schulter zurück und sehe, dass die Kapellentüren geöffnet werden und sich die dunklen Gestalten meiner Mitschwestern gegen den Kerzenschein von drinnen abheben. Schwester Arcangela, unsere höchstrangige Lehrmeisterin, direkt der Mutter Oberin unterstellt und zuständig für unsere Unterweisungen in Morallehre, steht in dem kalten Säulengang mit seinem reich verzierten Mauerwerk, den wir acht Mal am Tag durchschreiten. Ich drücke mich ans Tor, als könnte ich mich auf diese Weise unsichtbar machen, aber Arcangela hat mich bereits gesehen.

»Wer steht da am Tor? Poggio, das seid doch nicht Ihr? Wer kann das …« Mit angehobener Laterne gleitet sie auf mich zu. »Schwester Beatrice …? Schwester Beatrice! Was tut Ihr da? Eure Anwesenheit beim sechsten Offizium ist Pflicht, aber Ihr wart nicht dort! Was, um alles in der Welt, habt Ihr stattdessen getan?«

Ja, was? Ich darf nicht die Wahrheit sagen. Nicht sagen, dass ich allein in der Bibliothek gesessen, den Sonnenuntergang über der Stadt beobachtet und mich von der Dunkelheit umhüllen lassen habe. Sie würde fragen, warum, und ich müsste sagen, dass ich Sophia vermisse und wünschte, sie wäre nicht tot.

»Nun sprecht schon, Beatrice! Wie kann man nur so verstockt sein? Was …«

»Schwester, Schwester!«, ruft das Mädchen, laut und von ganz nah. »Gebt nicht auf! Versucht es noch einmal!«

»Beatrice! Ihr wollt doch wohl nicht etwa …«

»Was soll das Gerede?« Das Mädchen wird ungeduldig. »Öffnet lieber das verdammte Tor!«

Das kam einer Gotteslästerung gleich, und prompt schnaubt eine Mitschwester empört auf, um dann verstohlen zu lachen. Schwungvoll dreht sich Arcangela zu den schattenhaften Gestalten hinter ihr um.

»Genug getrödelt«, sagt sie und ignoriert das Geräusch am Tor, auf das jemand mit schwachen Fäusten einschlägt. »Ab ins Refektorium. Augenblicklich, hört ihr?«

Alle wissen, dass Arcangela gegen das große Karnevalsmahl ist, weil sie es für einen frevlerischen Luxus hält, aber lieber sieht sie meine Mitschwestern sittsam an den langen Esstischen sitzen, als sie zu Zeuginnen irgendeines Aufruhrs hier am Tor zu machen. Die Angesprochenen setzen sich – manche eher zögerlich – in Richtung des warmen Refektoriums in Bewegung, das jetzt geöffnet ist und warmes Licht verströmt. Die spindeldürre Schwester Felicitas wartet dort bereits und begrüßt alle an der Tür.

»Und was Euch betrifft …«, beginnt Arcangela zu mir gewandt. Das Gehämmer ans Tor verstummt. Stattdessen sind schnelle Schritte auf dem gepflasterten Weg davor zu hören, die sich in Richtung der städtischen Felder entfernen. Dann Stille. Mir tut die Schulter weh – die Strafe für mein Fehlverhalten. Arcangela lächelt. »Ich muss schon sagen, Beatrice …«

»Sie sind noch da draußen.«

»Wer ist noch …«

»Zwei Frauen. Es sind zwei Frauen. Ich habe sie gesehen.«

»Ihr habt sie gesehen

»Alles in Ordnung, Schwester Arcangela?« Erleichtert sehe ich Mutter Chiara auf uns zukommen. Sie reibt sich die Hände, ob wegen der Kälte oder weil sie sich auf das Festmahl freut, weiß ich nicht. Dann sieht sie mich im Schein von Arcangelas Laterne. »Ach, Beatrice, Ihr seid ja auch hier. Musstet Ihr etwas so Dringendes in der Bibliothek erledigen, dass Ihr das Offizium verpasst habt?«

»In der Tat, Mutter Oberin«, fange ich an und meide Arcangelas Blick. »Ich gebe zu, dass ich auf dem Weg zur Kapelle spät dran war.« Es ist schrecklich, wie eingeschüchtert ich klinge. »Aber dann habe ich die Rufe von Frauen gehört, die offenbar in Not waren. Poggio war nicht da, und da wollte ich nachsehen, was ihnen fehlt. Sie sind da draußen.« Langsam werde ich wieder mutiger. »Es sind zwei, mit einem Karren.«

Chiara verzieht das Gesicht. »Worauf warten wir dann? Lasst sie rein.«

»Aber wir müssen uns doch erst vergewissern, ob sie …«, beginnt Arcangela.

Aber Chiara hört nicht zu, denn in diesem Moment erscheint Poggio, gefolgt von Hildegard und Cateline, die für unser Vieh und die Landwirtschaft zuständig sind. Hildegard hat eine Fackel dabei und stellt sie in den metallenen Fackelhalter neben dem Tor.

Chiara, das Gesicht jetzt von züngelnden Flammen erhellt, lächelt und zeigt aufs Tor. »Ah, Hildegard, gut, dass Ihr da seid!«

»Das geht zu weit«, sagt Arcangela und stellt sich Hildegard in den Weg, was ziemlich mutig ist, denn Hildegard ist von massiger Gestalt und schaut grimmig drein. »Ein offenes Tor«, fährt Arcangela fort. »Bei Nacht! Ein Skandal!«

»Dann sorgen wir dafür, dass es nicht lange offensteht«, sagt Chiara.

Hildegard drängt an Arcangela vorbei und stemmt die Schulter unter die Eisenstange. Immer noch ist mir schmerzhaft bewusst, dass sie für eine durchschnittliche Frau zu schwer ist, aber wer immer sie angebracht hat, wusste nicht, wie stark Hildegard ist. Die Stange hebt sich, das Tor geht auf. Der Karren ist zu sehen.

Cateline eilt herbei, ergreift das lederne Zaumzeug und treibt den Esel mit schnalzenden Geräuschen an. Erschrocken macht er einen Satz, sodass die ältere der beiden Frau das Gleichgewicht verliert und aus dem Karren zu fallen droht. Ich laufe auf sie zu und kann sie gerade noch aufrichten. Sie atmet schnell und flach und macht ein heiseres Geräusch.

Der Karren rumpelt an mir vorbei, und plötzlich merke ich, dass ich mich, wenn auch nur ein ganz kleines Stück, außerhalb der Klostermauern befinde. Und hinter den Feldern, die zur Stadt führen, sehe ich ein gutes Dutzend kleiner Lichter schaukeln. Ein faszinierender Anblick – bis Hildegard mich am Ärmel zupft und sagt: »Kommt, Schwester Bibliothekarin. Wir schließen das Tor. Die ersten Burschen sind im Anmarsch und wollen ihren Unfug treiben.«

Schnell gehe ich wieder hinein, und als sich das Tor hinter mir schließt, weiß ich, dass ich in Sicherheit bin. Im Schein der Fackel schaue ich auf meine Hände und Schulter – Körperteile, die die alte Frau berührt haben – und sehe, dass mein Gewand beschmutzt ist. Ich hebe die Hände und rieche etwas süßlich Rostiges: Blut.

»Ich glaube«, sage ich, »sie sind …« Da gerate ich aus dem Gleichgewicht und stolpere.

Doch Chiara hat bereits erfasst, in welchem Zustand sich die Frauen befinden.

»Schnell, Cateline«, sagt sie. »Helft mir, die Unglücklichen ins Spital zu bringen. Und … Arcangela?« Aber unsere oberste Lehrerin ist nirgends zu sehen. »Dann, liebe Hildegard, müsst eben Ihr unsere Gäste begrüßen. Ihr auch, Beatrice. Ortolana wird sich freuen, von Euch in Empfang genommen zu werden.«

Unsere Gäste. Die ehrenwerten Damen der Zehn Familien – oder sind es Zwölf? – verlassen in diesem Moment wahrscheinlich gerade ihre Palazzi, um in weich gepolsterten Kutschen durch die Stadt zu uns zu fahren, begleitet von Dienern, die neben den Kutschen herlaufen. Ich werde die Stufen zum Empfang hinuntergehen, Schwester Paola wird die Gittertür öffnen, und ich werde mir anhören müssen, wie meine Stiefmutter großspurig verkündet, welch große Ehre es sei, am Festmahl im Kloster teilnehmen zu dürfen.

»Mutter Chiara!« Ich drehe mich um und will dem Karren folgen. »Die Frauen … Ihrer Kleidung nach zu urteilen, sind sie nicht aus dieser Gegend, findet Ihr nicht auch? Vielleicht … Vielleicht sprechen sie eine andere Sprache. Hat nicht auch Sophia …« – ich bekomme einen Kloß im Hals – »geholfen, wenn Fremde kamen, die anders sprachen? Vielleicht … kann ich sie verstehen. Vielleicht sprechen sie nicht die Landessprache, verstehen aber Latein oder Griechisch … oder eine andere Sprache. Also, ich meine … Sollte ich nicht lieber mitkommen?«

Chiara lächelt und nickt. »Es ist sehr nett von Euch, auf das Festmahl und das Wiedersehen mit Eurer Familie zu verzichten. Danke.«

Ihre Weigerung, mich so zu sehen, wie ich bin, und sich stattdessen ein Wunschbild von mir zu machen, macht mich plötzlich wütend.

DIE FRAUEN

Gleich darauf

Das Spital, ein bescheidenes Gebäude, liegt ein Stück von den anderen entfernt, und ich kann mich nicht erinnern, jemals im Dunkeln dorthin gegangen zu sein. Um hinzugelangen, muss man jenseits der gepflasterten Plätze und Wege, die einem Sicherheit geben, unserem kleinen Wasserlauf einige Hundert Schritte flussaufwärts folgen. Mutter Chiara geht voraus. Sie trägt jetzt Arcangelas Laterne, aber der wankende Lichtkegel vor ihrer Hand macht die umgebende Dunkelheit nur noch finsterer. Cateline folgt ihr. Sie führt den Esel und hebt manchmal die Hände, um ihm die Ohren zu kraulen. Ich muss hinter ihnen gehen. Der Pfad ist matschig und glatt, und jetzt in der Schneeschmelze fließt der schmale Fluss neben mir schneller als sonst. Ich stelle mir vor, wie ich ausrutsche, ins Wasser falle und fortgeschwemmt werde.

Dann merke ich, dass der Abstand zwischen mir und den anderen größer wird, und ich beschleunige meine Schritte, als sie den Obstgarten kurz vor dem Spital erreichen. Im Sommer ist es ein üppig begrünter Hain mit Feigen-, Pfirsich-, Apfel- und Quittenbäumen, aber heute Abend strecken sich mir nur kahle Zweige entgegen, wie schlanke Finger, die im Schein der Laterne aufblitzen.

Vor uns sehe ich Schwester Agatha am Eingang des Spitals stehen, um drei ihrer Gehilfinnen zu verabschieden, die aufgeregt über das bevorstehende Festmahl plappern.

Als sie uns sieht, kommt sie auf uns zu. »Aber Mutter Chiara, was ist passiert?« Sie tastet Stirn, Wangen und Hals der Frauen ab, während sie umgehend Anweisungen erteilt, wie sie am schonendsten ins Gebäude gebracht werden sollen. Dennoch ächzen und stöhnen die Frauen, als sie aus dem Karren gehoben werden. Sie halten die Köpfe gesenkt, und ihre Arme und Beine hängen kraftlos an ihnen herab. Unschlüssig bleibe ich draußen, während alle anderen die Eingangshalle betreten. Ich sehe, dass das Licht hinter den Fensterläden im Zimmer zu meiner Rechten heller wird, und höre, wie Agatha weitere Anweisungen erteilt. Sie spricht ruhig und unaufgeregt, aber das tut sie eigentlich immer sogar wenn sie wütend ist.

In Sophias letzten Monaten hatte ich oft das Gefühl, dass Agatha wütend auf mich ist. Sie sagte, Sophia dürfe nicht mehr arbeiten, ich müsse sie dazu bringen, ihren Dienst in der Bibliothek ruhen zu lassen und sich stattdessen im Spital zu erholen. Natürlich hatte sie recht. Sophia war unzuverlässig geworden, launisch und schwierig. Sie verwechselte Manuskripte und brachte unsere Kopistinnen mehrfach am Tag zum Weinen, indem sie sie als Holzköpfe und Einfaltspinsel beschimpfte. Allerdings täuschte Agatha sich, wenn sie glaubte, ich könne Sophia beeinflussen.

Sie starb in der ersten Adventswoche. Es war ein ruhiger Nachmittag. Wir wischten Staub von den Bücherschränken und entfernten die Relikte des Herbstes – Spinnweben, tote Kellerasseln, vertrocknete Fliegen. Ich leerte gerade meine Kehrschaufel in einen Eimer, als ich etwas krachen hörte. Ich drehte mich um und fürchtete, sie hätte einen Bücherstapel umgeworfen, denn in letzter Zeit war sie immer ungeschickter geworden und wir hatten uns wortlos darauf geeinigt, dass nur noch ich die Tinte und andere kostbare Dinge trage. Aber die Bücher waren alle an ihrem Platz – es war Sophia, die hingefallen war. Ihre Arme und Beine waren merkwürdig abgewinkelt, ihr Gesicht ganz verzerrt. Ich rief ihren Namen, holte Hilfe herbei. Zog sie auf meinen Schoß, nahm ihre Hand und murmelte irgendetwas vor mich hin. Wahrscheinlich betete ich. Aber ich wusste, dass der Vater im Himmel sie nicht wieder freigeben würde. Ich wusste, dass er ihre Seele in die Hände genommen hatte und für sich beanspruchte.

Cateline kommt aus dem Spital, die Laterne in der Hand. Wir sollen nicht auf Schönheit achten, aber Cateline ist immer noch schön mit ihren dichten grauen Haaren, die sie weder schneidet noch bedeckt. Sie nickt mir zu, beachtet mich aber nicht weiter, als sie den Esel wegführt.

Kurz darauf kommt Chiara ebenfalls wieder heraus. »Da seid Ihr ja«, sagt sie, als sie mich in der Dunkelheit entdeckt. »Wir müssen abwarten. Agatha tut, was sie kann.«

Würde man nur ein Zehntel von dem glauben, was die Leute reden, würde man annehmen, Chiara bräuchte nur mit den Fingern zu schnipsen, um die Frauen wieder heil und ganz zu machen. Aber wir, die wir mit ihr zusammenleben, wissen, dass wir keine Wunder erwarten dürfen. Sie kommt zu mir, sagt aber nichts, sondern summt vor sich hin und schaut die Berge hinauf. Später wird sich der halbe Mond darüber erheben, aber jetzt scheinen nur die Sterne.

»Mutter Chiara! Mutter Chiara!« Hildegards Stimme dröhnt durch die Dunkelheit.

»Hier, Hildegard. Was gibt es denn?«

»Es sind Männer am Tor. Sie fragen, ob wir zwei Frauen hereingelassen haben.« Jetzt kann ich sehen, wie sie über den Pfad auf uns zu stampft. »Sie verlangen, dass wir sie herausgeben. Poggio und ich haben ihnen gesagt, was sie uns mal können, aber sie bestehen darauf. Wir brauchen Euch. Kommt Ihr?«

»Beatrice.« Plötzlich ist Chiara wieder ganz im Hier und Jetzt. »Bitte folgt Schwester Agathas Anweisungen. Wenn die Frauen aufwachen, versucht herauszufinden, wer sie sind, was sie hergeführt hat, und so weiter … Ihr versteht schon. Ich wäre Euch sehr dankbar.« Und fort ist sie.

Im Spital höre ich Schwester Agatha mit ihren Gehilfinnen sprechen. »Nein, nein. Ihr könnt gehen. Ihr wollt doch nicht das Festmahl verpassen.« Im nächsten Moment geht die Tür auf, und als sie mich sehen, schreien die jungen Mädchen so erschrocken auf, dass Agatha herbeieilt.

»Ihr Dummchen!«, sagt sie. Hoch über ihrem länglichen Gesicht thront eine enorme Braue. Ihre blassgrauen Augen wirken distanziert und tadelnd, selbst wenn sie bester Laune ist. »Ihr seht doch, dass es Schwester Beatrice ist. Aber was tut Ihr hier, Schwester Beatrice?«

»Mutter Chiara hat mich hergeschickt«, sage ich ein wenig beleidigt. »Sie sagt, ich kann Euch vielleicht helfen. Mit den Frauen.«

»Sie glaubt, Ihr könnt den armen Seelen Trost spenden?«, sagt Agatha beinahe belustigt.

Ihre drei Gehilfinnen stehen immer noch da, offenbar besorgt, sie könnten noch mehr vom Festmahl verpassen. Ich sage nichts, bis Agatha sie verscheucht. Dann versuche ich, zu erklären, was meine Aufgabe sein soll, und sehe, wie Schwester Agatha langsam einsieht, dass ich vielleicht doch hilfreich sein könnte. Sie scheint sich zu erinnern, dass ich ihr bei der Entschlüsselung griechischer Texte über Heilkunde geholfen habe. Jedenfalls tritt sie zur Seite, um mich ins Haus zu lassen, doch gleich darauf bringt sie mich mit einem Griff an meine Schulter zum Stehen. Dann mustert sie mich. Ich will den Kopf wegdrehen, aber sie kommt näher und berührt die raue Narbe auf meiner Wange. Ich reiße mich los, und sie verzieht missbilligend das Gesicht.

»Euch ist die Salbe ausgegangen, die ich Euch gegeben habe. Lernt Ihr denn nie, um etwas zu bitten, wenn Ihr es braucht?« Ich fasse mit der Hand an die alte Wunde. Wenn es kalt ist, nässt und verkrustet sie. Agatha seufzt. »Hinein mit Euch! Ich habe die beiden so gut wie möglich versorgt.«

Das Zimmer ist klein und weiß getüncht, der Fußboden auf altmodische Art mit Binsen bestreut. Es riecht nach Kiefernharz und Rosenöl. Kleine Holzkreuze hängen über jedem der vier Betten, von denen zwei belegt sind. Eine Laterne glimmt schwach im Fenster, das sorgfältig gegen gefährliche Zugluft abgedichtet ist. Unter dem Fenster steht eine große Truhe – wahrscheinlich von einer reichen Familie gespendet und gefüllt mit einem Durcheinander von Rucksäcken und Wanderstiefeln. Neben der Truhe liegen ein Stapel Unterhemden sowie -kleider, Röcke und Umhänge. Agatha macht ein missbilligendes Geräusch, hebt die Sachen auf und bringt sie hinaus. Ich bin mit den Frauen allein.

Bisher habe ich es vermieden, sie direkt anzusehen, aber jetzt muss ich es tun. Sie liegen auf dem Rücken, unter klostereigenen Decken, sodass nur ihre Köpfe und Schultern zu sehen sind. Das Gesicht der älteren Frau, auf das mein Blick draußen einen Moment lang gefallen war und das mich an einen Totenschädel erinnert hatte, scheint noch weiter geschrumpft zu sein. Ihre tiefliegenden Augenhöhlen sind rundherum beinahe schwarz, ihre Lippen blass. Ihre Haut ist fleckig, blau und lila, wie von einer geisterhaften Spitzenstickerei überzogen. Sie scheint dem Tod nah zu sein, aber irgendetwas an ihr hindert mich, Mitleid mit ihr zu haben.

Ich erinnere mich an Besuche, die ich unseren ältesten Mitschwestern als Novizin abstatten musste. Ich hasste ihre fleckigen Hände, ihre eingefallenen Wangen, ihre getrübten Augen. Ich hasste es, wenn ihnen Speichel in den Milchbrei tropfte, und dass sie mir jede Woche dasselbe erzählten und manchmal weinten. Ich weiß auch noch, wie ich mich davor fürchtete, dass eine die Hand ausstrecken und mich berühren würde. Deswegen vergrub ich meine Hände in den Ärmeln meines Gewands.

Aber diese Frau hier ist anders.

Die jüngere – ich sage »jüngere«, obwohl auch sie über vierzig sein muss – hat lockige braune Haare, die aussehen, als seien sie mit Kupfer- und Goldfäden durchzogen. Obwohl ihre Haut vor Schweiß glänzt, strahlt ihr Gesicht Stärke und Entschlossenheit aus. Der Typ Frau, den man als maskulin bezeichnet. Kinn, Nase, Mund – alles ein wenig größer als dem Schönheitsideal entsprechend. Mir kommt der Gedanke, dass sie wahrscheinlich verwandt sind, Mutter und Tochter.

Im Näherkommen sehe ich etwas, das ich im Zwielicht am Tor nicht bemerkt habe. An Brauen, Wangen und Hälsen ist ihre Haut mit roten Flecken übersät. An einigen Stellen sind sie dunkel, als hätten sie geblutet und später Schorf gebildet, an anderen sehen sie aus wie Nadelstiche. Ich trete einen Schritt zurück, dann noch einen, bis ich fast wieder an der Tür stehe.

»Es ist nicht die Pest«, sagt Agatha, die wieder hereinkommt. »Ihr braucht keine Angst zu haben.«

»Ich habe keine Angst«, sage ich, aber das stimmt nicht.

»Es sind nur oberflächliche Wunden. Weiter unten an ihren Körpern ist es schlimmer, viel schlimmer.« Sie geht zu den Betten, und ich fürchte, sie könnte mir die Verletzungen zeigen, aber sie richtet nur die Decken. Dann sieht sie mich an. »Sie haben viel Blut verloren. Zu viel. Ich habe die Wunden versorgt, genäht, was ich konnte, und ihnen Verbände angelegt. Ich habe wirklich getan, was ich konnte, aber …« Sie fährt sich mit der Hand über den Hals. »Das übersteigt meine Fähigkeiten.«

Ich denke an Chiaras Auftrag. »Wisst Ihr, was ihnen zugestoßen ist?«

Kaum merklich zuckt sie mit den Schultern – zum Eingeständnis ihrer Unwissenheit, nicht aus Mangel an Mitgefühl. »Was ihre Gesichter betrifft … Wisst Ihr noch, wie sich Tamara vor Schwester Arcangela in den Dornenbüschen hinter den Hühnerställen versteckt hat? Der Rest ihrer Körper … Ich würde sagen, dass jemand mit einem Messer oder Schwert auf sie losgegangen ist. Doch wer sollte so etwas tun – und warum?«

Ich zeige auf die Frauen. »Habt Ihr etwas an ihnen gefunden?«

»Meine Gehilfinnen haben sie ausgezogen. In ihren Kleidern steckten alle möglichen Dinge, aber nichts von Wert, falls es das ist, was Ihr meint.« Sie zeigt auf die Rucksäcke. »Sie haben alles da hineingetan.«

»Vielleicht sollten wir …«

Aber das scheint Agatha zu missfallen. Ich frage mich, ob sie sich scheut, anderer Leute Besitz zu durchsuchen, oder Angst davor hat, was wir finden könnten. Aber als ich einen Rucksack von der Truhe nehme, versucht sie nicht, mich daran zu hindern, sondern schaut gebannt zu, wie ich die abgenutzten Lederriemen einen nach dem anderen aus den rostigen Schnallen ziehe.

Ein muffiger Geruch schlägt mir entgegen, als ich den Rucksack öffne. Ich fasse hinein und hole Säckchen mit getrockneten Kräutern, kleine Glasflakons sowie einen schmalen Spatel heraus. Eine glatte Holzschale; sie könnte dazu dienen, etwas darin anzumischen, es könnte aber auch eine Bettlerschale sein. Ein zugeknoteter Beutel mit Kastanien, Kiefernzapfen und ein paar Fruchtkapseln von Eicheln. Die Schale eines Granatapfels. Gepresste Mohnblüten. Ein Fetzen bestickten Tuchs. Zwei braun-weiße Vogelfedern. Eine Handvoll Zähne eines mir unbekannten Tiers.

Ich breite alles vor mir aus, und Agatha kniet sich davor, um es zu betrachten. Sie riecht an den Kräutersäckchen, öffnet einen oder zwei Flakons und benennt die Substanzen. »Das habe ich in meinem Medizinschrank. Das und das auch. Es sind Kräuterweibchen, nehme ich an. Heilerinnen, die von Dorf zu Dorf ziehen.«

Ich hocke immer noch auf dem Fußboden und untersuche den zweiten Rucksack. Ganz unten ertaste ich ein Samttuch, das über etwas Festes, Hartes gespannt ist – eine Holzschachtel, nehme ich an. Ich stelle mir einen Haufen Münzen vor, Gold oder Juwelen – Gründe für einen brutalen Raubüberfall. Aber als ich an den Rand des vermeintlichen Deckels komme, befinden sich dort kein Schloss oder Haken, sondern Pergamentblätter.

Ein Buch.

Ich schaue auf die zerkratzten Wanderstiefel, die verschlissenen Rucksäcke. Wie passt das zusammen? Gut möglich, dass Frauen wie diese ein wenig lesen können, aber sie würden doch kein Buch besitzen! Noch dazu ein in Samt gebundenes. Ich würde gerne das Buch herausholen und es mir genauer ansehen, aber erst schaue ich zu Agatha auf, die zwischen den Betten steht und die Schläfen der älteren Frau betastet. Dann zieht sie ihr ein Augenlid hoch und schließt es wieder. Greift nach dem Handgelenk, wartet, schüttelt den Kopf.

»Von uns gegangen.«

»Während wir miteinander gesprochen haben?« Erschrocken schaue ich mich in dem Zimmer um, als würde ich gleich die Seele der Verstorbenen sehen, wie sie an den Fensterläden verzweifelt, weil sie ins Freie will. Es ist nicht die erste Tote, die ich sehe, auch Sophia war nicht die erste. Alte Frauen bringen wir in die Kapelle, damit unsere Gebete sie in den Himmel begleiten können, aber sie sehen im Tod einfach nur mitleiderregend aus – eingefallen und gewichtslos. Dagegen hat die Starre dieser Frau hier etwas Schweres, Erwartungsvolles.

Agatha antwortet nicht, sondern beginnt, ein Totengebet zu murmeln, damit die Frau dank der Gnade von Gottes Sohn ins Haus des Vaters einziehen und dort in Frieden ruhen kann. Ich falle in das Gebet mit ein und schaue zu der jüngeren Frau hinüber. Überraschenderweise sind ihre Augen jetzt geöffnet. Sie starrt mich an und die Worte bleiben mir im Hals stecken. Dann schließt sie die Augen, aber etwas ist mit ihr geschehen, denn frisches Blut rinnt aus einer ihrer Gesichtswunden.

»So es Gottvater und Sohn gefällt, soll es geschehen«, spricht Agatha die letzten Gebetsworte und zieht die Decke über das Gesicht der Toten.

Eine Gehilfin kommt plötzlich hereingestürmt – eine Novizin sei ohnmächtig geworden und brauche Hilfe. Agatha nickt und sagt, sie komme sofort, aber im Hinausgehen schaut sie noch einmal prüfend auf die Frau, die noch am Leben ist. Das frische Blut scheint ihr Sorgen zu machen, und sie geht zu einem Ecktisch, um einen Krug und einen Lappen zu holen. Sie gibt mir beides und sagt, ich solle mich nützlich machen, dann eilt sie hinaus.

Sobald ich allein bin, lege ich Krug und Lappen weg, um das Buch aus dem Rucksack zu holen. Vorher schaue ich aber zu der Frau hinüber, deren Wunden ich säubern soll. Ihre Augen sind wieder geöffnet, aber sie kippen nach oben weg, bis ihre Pupillen in den Augenhöhlen verschwinden. Unter der Decke bewegt sie heftig die Arme. Vielleicht sollte ich ihr helfen, die Decke anheben, ihre Hände in meine nehmen, um sie zu wärmen, und sie trösten. Aber als ich mich auf sie zubewege, werden ihre Augen wieder normal. Sie schaut mich an, und ich kann sehen, dass sie auf keinen Fall an den Händen gehalten werden will.

Ich bleibe respektvoll auf Distanz und sage auf Lateinisch, dass wir uns um ihre Gesundheit sorgen. Dann frage ich höflich, wie und warum sie hierher gelangt sei. Sie blinzelt und macht ein Geräusch, das sowohl ein Lachen als auch ein Schmerzlaut sein könnte. Dann schüttelt sie den Kopf, und sofort fließt wieder Blut auf ihren Hals.

Sie fährt sich mit einer Hand an den Kopf, tastet ihn ab und schmiert Blut auf ihre Haare, das Kopfkissen und die Bettdecke. Ich bitte sie, damit aufzuhören, Geduld zu haben, sage, dass ich Hilfe hole, aber ihre Finger bleiben in Bewegung, und sie scheint sich über etwas unter ihrer Haut Sorgen zu machen. Was immer das sein könnte – sie scheint es herausziehen zu können, denn plötzlich wird sie ruhig, öffnet die Hand, und ich sehe, dass es ein Dorn ist. Wortlos reiche ich ihr den Lappen, und sie drückt ihn an ihren Hals.

Ich wechsle von Latein ins Griechische und probiere es mit ein paar einfachen Sätzen in der Mundart von Konstantinopel. Dann zitiere ich einige Zeilen aus den fünf Büchern Mose, sage etwas auf Aramäisch, spreche ein koptisches Gebet. Ich versuche es mit Begrüßungsformeln, die mir unser Buchhändler nach seinen Reisen in alle Welt beigebracht hat. Vor lauter Verzweiflung singe ich schließlich den klagenden Refrain eines Lieds, das Hildegard oft bei der Arbeit singt.

Und endlich sehe ich, dass die Frau mir zu antworten versucht. Sie öffnet den Mund, ihre Zunge kommt hervor, und es sieht aus, als wolle die Frau schlucken. Es blubbert in ihrem Hals, dann ein kehliger Laut und ein stöhnender Singsang, undefinierbare, langgezogene Töne ohne Anfang und Ende. Sie zieht eine Grimasse und wird still. Atmet tief und zittrig ein. Flüstert etwas. Ich gehe näher und höre jetzt Wörter, die ich allerdings nicht verstehen kann und die keinerlei Ähnlichkeit mit denen haben, die ich kenne. Ich sehe sie an, schüttle den Kopf, mache eine hilflose Geste. Ihr Blick verdüstert sich, und ich sehe, wie sie angestrengt – Schweißtropfen auf der Stirn, verkrampftes Kinn wie unter Schmerzen – die Hände hebt und die Handflächen aneinanderlegt.

Und das glaube ich zu verstehen. Sie ruft Gottvater an. Sie weiß, dass sie dem Ende nahe ist, und vertraut ihm ihre Seele an. Um sie zu unterstützen und ihrem letzten Willen Nachdruck zu verleihen, stimme ich das Gebet an, dass Gottes Sohn uns gelehrt hat.

»Pater noster«, sage ich, »qui est in cælo …«

Ich nehme an, dass Rhythmus und Tempo, das Heben und Senken der Stimme beim Sprechen dieses berühmten Gebets ihr vertraut sind, sie beruhigen und ihr Frieden schenken werden, doch stattdessen schürzt sie die Lippen, ihre Nasenflügel beben, und ich höre, wie sie tief im Hals zu knurren beginnt. Ich scheine sie zu verärgern. Obwohl sie krank und schwach im Bett liegt, möchte ich sie besänftigen und hebe die Hände. »Ich höre auf. Ich höre ja schon auf.«

Ihre Züge glätten sich. Sie schließt die Augen. Wieder legt sie die Hände aneinander, öffnet sie, legt sie wieder aneinander, öffnet sie wieder, und immer so fort. Wie Flügel. Wie … Wie ein Buch.

Ich fliege geradezu auf die andere Seite des Zimmers und hebe den Rucksack auf. Die Frau reagiert umgehend. Entschlossen winkt sie mich herbei. Ich hole das Buch heraus und halte es in ihre Richtung. Sie nickt und nickt, in einem fort. Ich kehre an ihr Bett zurück und lege es ihr auf die Brust. Sie hebt es an die Lippen, dann schiebt sie es in meine Richtung. Ich bin verwirrt und sehe sie fragend an. Sie schiebt das Buch ein Stück weiter, fordernd und ungeduldig. Ich greife zögerlich danach. Sie nickt. Da nehme ich das Buch. Lächelnd hebt sie eine Hand, streicht mir mit einem Finger über die Wange und sagt zwei Wörter. Mit brüchiger Stimme und starkem Akzent, aber es sind lateinische Wörter.

»Mater noster …«

Unsere Mutter.

»Nein, nein«, sage ich. »Nein, nein, nein. Ich bin nicht Chiara. Sie war hier, aber jetzt …«

Aber sie hat die Hand sinken lassen, ihr Kopf fällt kraftlos auf die Seite, und obwohl ich nicht verstehe, wie man in einem Moment am Leben und es schon im nächsten nicht mehr sein kann, weiß ich, dass sie tot ist. Ich lasse mich neben ihr aufs Bett sinken und starre auf das Buch in meinen Händen. Es ist sehr klein und passt bequem auf meine Handflächen. Eine gehörnte goldene Kuh schmückt den tiefroten Umschlag. Ein hübsches Buch.

»Habt Ihr denn gar kein Gewissen?« Agatha kommt mit einem Tontopf zurück, der nach etwas Grünem riecht, und ich verstehe nicht, warum sie so wütend ist. »Habt Ihr nicht das geringste Mitgefühl? Ich erwarte, weiß Gott, nicht viel von Euch, aber das hier … Das hier …« Sie schüttelt den Kopf, als wolle sie sagen, dass sie keine Worte hat. »Eine Schande, Beatrice! Ich dachte, Sophias Tod hätte Euch etwas gelehrt. Dass Ihr anfangt, Mitgefühl zu zeigen. Aber nein! Ich sehe, dass Ihr genau wie früher …« Sie hält inne und schüttelt wieder den Kopf. »Geht«, sagt sie. »Geht!«

Ich bin verwirrt. Sie kann mir doch nicht die Schuld daran geben, dass die Frau gestorben ist! Doch dann senke ich den Blick und sehe, was Agatha gesehen hat. Meine mit Tinte verschmierten Hände, die ein Buch halten. Daneben eine unbekannte Tote. Ich werde rot, stehe auf und will etwas zu meiner Verteidigung sagen.

»Nein, Schwester Agathe, Sie verstehen nicht … Dieses Buch …«

»Richtig, Beatrice, ich verstehe es wirklich nicht. Die Frau lag im Sterben, im Sterben! Und Ihr sitzt da und lest. Lest!«

Einen Moment lang schaut sie mich fassungslos an, dann schüttelt sie ein letztes Mal den Kopf, als wolle sie jeglichen Gedanken an mich abschütteln. Ich bewege mich in Richtung Tür und drücke das Buch an meinen Bauch. Sie hat recht. Sie versteht es nicht. Keiner hat es je verstanden. Ich gehe aus dem Zimmer, verlasse das Spital und wandere in die Nacht hinaus. Das Buch stecke ich in eine Tasche unter meinen Röcken. Dann tue ich etwas, das ich seit Jahren nicht getan habe: Ich renne.

Als ich keuchend den Kirchplatz erreiche, will ich eigentlich schnell zu den Schlafräumen hinter dem Wandelgang hinauflaufen, mich in den zweiten Stock vortasten, wo ich dann die Türen zählen kann, bis ich an meiner bin, um mich einzuschließen und dortzubleiben, ohne vermisst zu werden, bis die Glocke zum siebten Offizium läutet. Aber als ich die beleuchtete Stelle vor einem Fackelhalter umrunde, höre ich irgendwo von links Hildegard nach mir rufen. Ich gehe weiter, als hätte ich nichts gehört, und hoffe, sie glaubt, sich getäuscht zu haben, aber sie ruft erneut nach mir, dieses Mal lauter. Ich schaue mich auf dem Kirchplatz um, kann sie aber nirgends sehen, sondern nur die Mauern und unsere riesige Zeder.

»Hier, Beatrice! Hier!«

Ich folge ihrer Stimme zum Empfang, einem kleinen, quadratischen Raum, direkt an die Mauer gebaut. Die meisten Besucher sehen von unserer Klosteranlage nicht mehr als ihn. Seine Außentür, die zu den städtischen Feldern hinausführt, wird nach Einbruch der Dunkelheit abgeschlossen und verriegelt aber heute müssen wir sie noch einmal öffnen, damit unsere Gäste heimgehen können.

»Ah, Beatrice, wie schön«, sagt Chiara, als ich eintrete. Im trüben Schein eines fast erloschenen Feuers, das sich der Wächter gemacht hatte, sehe ich, dass Chiara das Guckloch schließt, durch das wir die städtischen Felder sehen können. »Seid Ihr gekommen, um uns zu berichten, was Ihr von unseren bedauernswerten Gästen erfahren habt?«

Es gibt nur eins, was ich guten Gewissens sagen kann: »Sie sind tot.«

Chiara berührt mich am Arm. »Beide?«

»Beide«, bestätige ich.

Einen Moment lang ist sie still. Dann murmelt sie: »Das tut mir leid. Wirklich. Ich kann nur hoffen, dass sie das Gefühl hatten, an ihrem Lebensende unter Freunden zu sein.«

»Hmf«, grunzt Hildegard zustimmend.

Ich schaue von der einen zur anderen. Wieder fühle ich mich wie eine Novizin, die etwas wissen will und es nicht zu fragen wagt. Komm schon, sage ich mir, du bist jetzt die Bibliotheksschwester, mit Sitz im Kapitelsaal.

»Sind die Männer fort?«, frage ich. »Was hatten sie mit den Frauen zu tun?«

Chiara sieht Hildegard an. Hildegard sieht Chiara an. Chiara sagt: »Sie wollten sie ausfragen. Ich habe ihnen gesagt, sie hätten schon genug gelitten und dass ich sie keinen weiteren Unannehmlichkeiten aussetzen würde. Es war ein … erhitztes Gespräch.«

»Erhitzt?« Hildegard schnaubt indigniert. »Sie behaupteten, der Herr habe ihre Schritte geleitet, während wir ein ungebildetes Weibervolk seien. Dann haben sie gedroht, das Tor zu stürmen, wenn wir sie nicht hereinlassen. Und ich habe gesagt, das würde ich gerne sehen, und dass sie …«

»Glücklicherweise«, geht Chiara dazwischen, »warteten die Diener, die Eure Stiefmutter begleitet haben, ganz in der Nähe. Sie hörten den Streit und sagten den Männern, sie sollten …«

»Es war eine ziemliche Rangelei!«

»… verschwinden. Ich bin froh, sagen zu können, dass es scheint, als wollten sie uns fortan zufrieden lassen.« Chiara schüttelt den Kopf. »Wir wollen nicht mehr daran denken, wenigstens für die nächste Stunde. Bestimmt machen sich die anderen schon Sorgen um uns.«

Sie verlässt den Raum und geht auf das Refektorium zu, Hildegard an ihrer Seite. Ich bleibe zurück und denke, wenn ich Glück habe, merken sie es vielleicht nicht und ich kann doch noch in meine stille Zelle gehen. Aber schon nach wenigen Schritten höre ich Chiara fragen, wo ich denn bleibe.

»Verzeihung, Mutter Chiara«, sage ich, als sie zu mir zurückkommt. »Ich möchte nicht am Festmahl teilnehmen. Der Tod der Frauen … lastet auf mir. Vielleicht gehe ich schon eher in die Kapelle und …«

»Ganz ruhig, Beatrice.« Sie legt mir eine Hand auf den Arm. »Später beten wir gemeinsam für sie. Aber zuerst müsst Ihr etwas essen. Ihr braucht Nahrung und Gesellschaft.« Sie drückt meinen Arm. »Seit dem Tod Eures Vaters habt Ihr Ortolana nicht gesehen. Ich bin mir sicher, dass Ihr beide einander Trost spenden möchtet.« Ihre Hand wandert auf meinen Rücken, und mit sanftem Druck führt sie mich aufs Refektorium zu. »Kommt, meine Liebe. Wir wollen Schwester Felicitas doch nicht verärgern. Bestimmt ist sie bereits ungehalten, weil wir so spät kommen. Was würde sie erst sagen, wenn wir ihre Pasteten ganz und gar verschmähen?«

DAS FESTMAHL

Gleich darauf

Das Refektorium, beleuchtet von zweihundert Bienenwachskerzen, die wir uns zum Fest gönnen, strahlt eindrucksvoll, wenn man aus dem Dunkeln hereinkommt, obwohl unsere Gäste mit ihren Palazzi dem wohl widersprechen würden. Ich jedenfalls bin beeindruckt – auch von dem Lärm. Normalerweise essen wir schweigend, während jemand heilige Texte vorliest, aber heute, direkt vor der vierzigtägigen Fastenzeit, wollen alle ausgelassen sein.

Ich folge Chiara in den Saal, und sofort richten sich Dutzende Augenpaare auf uns, alle voller Fragen. Mir behagt so viel Aufmerksamkeit nicht, und ich wende mich in Richtung der Waschschüssel, die Schwester Felicitas zu Ehren unserer vornehmen Gäste neben der Tür platziert hat. Ich habe immer Tinte an den Fingern, aber erschaudernd stelle ich fest, dass jetzt Blutspuren dabei sind. Dann sehe ich, dass da noch etwas anderes ist, etwas Tiefrotes, beinahe purpurn. Stammt es von den Habseligkeiten der Frauen? Ich schrubbe mir ordentlich die Hände und drehe mich dann zum Saal um.

Viele unserer Gäste rutschen immer noch auf ihren Plätzen herum, weil sie versuchen, einen Blick auf unsere berühmte Mutter Oberin zu erhaschen. Ich beobachte, wie sie sie beobachten, und frage mich, ob diejenigen, die heute zum ersten Mal bei uns sind, wohl enttäuscht sind. Chiara ist mittleren Alters und durchschnittlich groß. Ihre Wangen sind eher rundlich, ihre Augen vielleicht von einem dunkleren Braun als üblich. Ihre Brüste sind gewaltig vorgewölbt, sodass ihr Brustbein darüber und ihr Bauch darunter umso kleiner wirken. Das wird viele überraschen, denn sie wissen ja, dass Chiara in ihrer Jugend eine strenge Asketin war und so von heiligem Licht durchflutet, dass man zwischen ihren Rippen angeblich ihre Seele umherschwirren sehen konnte. Bestimmt erzählen sie jedem, der ihnen zu Hause zuhört, dass die Frau, die zur kriegerischen Zeit der zwei Päpste für das Gleichgewicht der Kräfte sorgte, heute nichts Bemerkenswertes mehr ist.

Chiara scheint von der Aufmerksamkeit, die ihr zukommt, nichts zu merken, oder vielleicht ist sie daran gewöhnt. Jedenfalls geht sie direkt auf Schwester Felicitas zu, die mit gekreuzten Armen an der Küchentür steht und mit den Fingern ihre Oberarme knetet. Chiara fasst ihr an die Schulter und schüttelt ihr die Hand. Bestimmt entschuldigt sie sich für ihr spätes Erscheinen. Die Tische, zu einem langen, schmalen Rechteck aufgestellt, so wie es der Saal als solcher vorgibt, sind noch leer. Fisch und Suppe müssen also schon wieder abgetragen worden sein. Offenbar hat aber niemand gewagt, die Pastete in Chiaras Abwesenheit zu servieren. Felicitas ist wütend, will es sich aber nicht anmerken lassen, und lässt sich von Chiara besänftigen.

Um die Wogen weiter zu glätten, fragt Chiara bescheiden, wo sie denn heute sitzen soll, und Felicitas führt sie durch die Reihen der Novizinnen, die vor Aufregung nicht wissen, wohin mit sich. Chiara hat Süßgkeiten in ihrem Ärmel versteckt und wird sie den jungen Frauen später heimlich zustecken, nicht ohne ihnen zu signalisieren, dass sie sich nicht von den Aufseherinnen erwischen lassen sollen. Die sehen jedoch ohnehin alles und wissen Bescheid. Ich schaue zu Arcangela hinüber, die zwischen zartgliedrigen Frauen sitzt, vielleicht ihren Cousinen. Sie wirkt angespannt und schaut in die andere Richtung, denn sie missbilligt, was dort passiert, und niemand darf etwas missbilligen, das Chiara tut.

Am anderen Ende des Saals sitzen die beiden Stelleri-Damen, die angesehensten unserer heutigen Gäste. Eine davon ist meine Stiefmutter, Ortolana, die Witwe meines Vaters. Die andere ist Bianca; im vergangenen Jahr hat sie meinen Bruder Ludovice geheiratet – oder, genauer gesagt, meinen Halbbruder, denn im Gegensatz zu mir entstammt er dieser Ehe. Ich hatte gehofft, sie würden heute nicht kommen, schließlich ist mein Vater erst vor sechs Wochen gestorben. Aber da sind sie. Der Platz zwischen ihnen ist frei, wohl für mich, die uneheliche Stelleri.

Zwischen Sitzbänken und Wand gehe ich quer durch den Saal. Ich sehe, dass sich Ortolana, wie es ihre Art ist, lebhaft mit Schwester Maria, unserer Schatzmeisterin, unterhält. Die scheint es zu genießen. Bianca hingegen starrt vor sich hin und nestelt an ihrem Löffel herum. Neben ihr sitzt Schwester Prudenzia, deren wenig beneidenswerte Aufgabe es ist, sich im Kloster um die jungen Frauen aus gutem Hause zu kümmern, die bei uns ihre schwierige Zeit zwischen Erwachsenwerden und dem sicheren Hafen der Ehe verbringen. Sie scheint sehr um Bianca bemüht zu sein.

Als ich hinter ihnen vorbeigehe, höre ich, wie Prudenzia Bianca versichert, wir alle hätten unermüdlich, wie sie sagt, unser Bestes gegeben, um sicherzustellen, dass die vielbeweinte und unvergessene Seele des Herzogs beizeiten ins Haus des Herrn einziehen kann. Bianca sagt nichts, nickt aber. Ich frage mich, wie viel Gold sich mein Vater diese posthumen Gebete hat kosten lassen. Eine stolze Summe, nehme ich an, damit nach Abwägung von Soll – meine Mutter, ich – und Haben – der Glockenturm, die Fresken – genug übrig bleibt, um die Sünden zu tilgen, die er angehäuft hatte, als er am Abend des Drei-König-Tags ganz plötzlich einem Schlaganfall erlag. Der Fluss war zwei Handbreit gefroren, und mein Bruder befand sich auf einer Schlittschuhfahrt weit flussabwärts. Es heißt, er habe gejubelt, als er davon erfuhr, aber die Leute reden ja viel.

Ich raffe meine Röcke, um über die Sitzbank zu steigen und meinen Platz einzunehmen, und dabei nehme ich wahr, wie köstlich die Damen, die zwei Mal am Tag Körperpflege betreiben, duften, und wie sehr ich, ungewaschen, wie ich bin, mich dagegen abhebe. Bianca erschrickt, als sie mich sieht, und wirft mir einen Blick zu, der mir ängstlich vorkommt, aber was sollte sie von mir zu fürchten haben?

»Da bist du ja«, sagt Ortolana und streckt eine Hand aus, um mir den Arm zu tätscheln, aber ich ziehe ihn weg, sodass sie stattdessen den Tisch berührt. Ich nicke erst ihr, dann Bianca zu, dann konzentriere ich mich auf das Stück Taubenpastete, das ein Küchenmädchen an meinen Platz gestellt hat.

Ortolana seufzt. »Ach, Beatrice. Deine Manieren sind mein treuester Begleiter. Ich freue mich zu sehen, dass ich immer noch darauf zählen kann.«

Maria zupft überraschend an ihrer Nase – eine für ihre Verhältnisse gut gelaunte Geste – und sagt: »Kommt schon, Ortolana, Ihr wisst sehr wohl, dass man Beatrices Verdienste nicht nach ihren Manieren beurteilen darf.«

Marias Launen machen mir nichts aus. Sie hinterfragt jeden Kupferpfennig, den ich für meine Arbeit brauche, aber sie tut es respektvoll und ohne besserwisserische Kommentare.

»Oh, ich weiß, welche Verdienste sie in Euren Augen hat«, sagt Ortolana. »Ihre wunderbaren Schriftrollen. Die blitzsauberen Traktate. Und die prachtvollen Gebetsbücher. Aber was das alles kostet, Schwester Maria, was das alles kostet! Himmel, diese Preise! Dennoch will Bianca unbedingt, dass ihr Kind eins bekommt. Hörst du, Beatrice? Was sagst du dazu?«

Ich könnte eine Menge sagen, aber nichts, was man mir nicht übel nehmen würde. Ich schlucke einen Bissen Pastete hinunter und merke, dass ich vor lauter negativer Gedanken kaum genießen kann, wie gut sie schmeckt. Warum muss meine Stiefmutter immer so herablassend über meine Arbeit sprechen? Hätte mein Bruder je das geringste Interesse an Büchern gehabt – und alle wissen, dass das trotz immer neuer Hauslehrer nicht der Fall war –, würde er seine Zeit nicht mit dem Kopieren von Messbüchern verbringen müssen.

Ich hatte immer vorgehabt, meinem Vater eines Tages zu schreiben und mich als ein armer Student der städtischen Universität auszugeben. Er würde meine Gedankengänge brillant finden und eine Korrespondenz mit diesem Studenten anfangen, und eines Tages würde mein Buchhändler mir von einem klugen jungen Mann berichten, mit dem Herzog Stelleri in Briefkontakt steht …

Doch meine Stiefmutter unterbricht meine Gedanken.

»Wir müssen dich zu der neuen Position beglückwünschen – Bibliotheksschwester! Ich habe deinem Vater davon erzählt. Er war stolz auf dich, sehr stolz. Aber dass Schwester Sophia gestorben ist, tut mir leid. Es muss dir sehr nahegehen.«

Ich nicke und weiß, dass ich sagen sollte, auch mir tue etwas leid, der Tod meines Vaters nämlich, aber ich bringe es einfach nicht über die Lippen. Stattdessen wende ich mich meiner Schwägerin zu und sage: »Die Ehe steht Euch gut, Signora Bianca.« Was eine Lüge ist.

Vor einem Jahr war sie fünfzehn gewesen, frisch verheiratet und stolz darauf, sich den Mann mit dem größten Bankvermögen der Halbinsel geschnappt zu haben. Damals hatte sie einen quirligen Welpen zum Karnevalsmahl mitgebracht, und ich war bestimmt nicht die Einzige, die sich darauf gefreut hatte, Chiara sagen zu hören, der Hund müsse draußen bleiben. Aber nein! Chiara hatte das Tierchen hochgehoben, mit Küssen bedeckt und zu Bianca gesagt, wir alle hätten gehört, was für eine schöne Braut sie gewesen war. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen, die nicht besonders gut aussehen, hegt Chiara keinerlei Abneigung gegenüber schönen Frauen. Vielmehr scheint sie sich über ihre Schönheit zu freuen, ohne sie als Tugend zu betrachten, so, wie man sich über eine Blume freut, deren Bedeutung man ja auch nicht überhöht.

Heute saß kein Hund auf Biancas Schoß. Da wäre auch kein Platz. Sie ist ganz blass, ihr sonst so schöner Mund verkniffen, ihr schwangerer Leib kugelrund.

Ich zeige darauf und sage: »Es muss bald so weit sein.«

Anders als erwartet streicht sie sich nicht lächelnd über den Bauch, sondern saugt die Luft ein, weicht meinem Blick aus und stochert in ihrer Pastete herum.

»Sagt«, fahre ich fort. »Wie geht es meinem Bruder?« Ich habe ihn seit zwanzig Jahren nicht gesehen, kann ihn mir aber lebhaft vorstellen, den feiernden jungen Herzog mit Umhang und Maske, wie er in irgendeinem Wirtshaus lachend in jedem Arm eine Göttin hält – welche mit Korkenzieherlocken, Flügeln aus Gänsefedern und goldfarbenen Sandalen. »In glücklicheren Zeiten war der Karneval sein größtes Vergnügen, nicht wahr? Aber so kurz nach dem Tod unseres Vaters ist er heute bestimmt zu Hause geblieben.«

Sie murmelt etwas vor sich hin, das ich nicht verstehen kann. Sie stammt aus dem äußersten Süden und beherrscht den örtlichen Dialekt noch nicht gut. Ihre Familie hat den Unterhändlern meines Vaters versichert, sie sei klug und spreche ausgezeichnet Lateinisch, lege keinen Wert auf extravagante Kleidung und verwerte beim Essen klaglos die Reste vom Vortag.

»Verzeiht«, sage ich. »Würdet Ihr das bitte wiederholen?«

Ortolana, die mehreren Gesprächen gleichzeitig lauschen kann, wendet sich von Maria ab und schaut mich an. Ihre schwarzen Augen sitzen unter schwarzen Brauen, die sie im Gegensatz zu den meisten anderen Gästen nicht in Form zupft.

»Beatrice«, sagt sie.

»Ja, Signora?«

»Hör auf.«

»Womit?«

Wir schauen einander an. Man sagt, Ortolana habe schon bei der Hochzeit mit meinem Vater unscheinbar und schlicht ausgesehen, aber ich finde, sie wirkt nun eher streng und herb. Eine spitze Nase, schmale Lippen. Sie ist klein, ohne schwach zu wirken, im Gegenteil: Eine weit größere Person scheint in ihr zu stecken. Diese innere Stärke bündelt sie jetzt in ihrem Blick, aber anders als früher schüchtert mich dieser nicht mehr ein. Ortolana schüttelt den Kopf und schaut jetzt auf den Teller ihrer Schwiegertochter, auf dem die zerpflückte, aber ungegessene Pastete liegt.

»Bianca, Liebes, die Ärzte sagen, du musst essen, wenn du ein kräftiges Kind gebähren willst.«

An der anderen, weniger glanzvollen Seite des Refektoriums entwickelt sich ein lautes Gespräch rund um Diana, die erst seit einem halben Jahr bei uns ist. Sie hat ein provokantes, recht gewöhnliches Wesen, was offenbar sehr beliebt ist. Ihre Sitznachbarinnen beugen sich zu ihr vor, und alle, die weiter entfernt sitzen, schauen neidisch zu dem Grüppchen hinüber. Als Gelächter ausbricht, versteift sich Arcangela, die ohnehin schon fast unbeweglich dasitzt, noch mehr. Sie will uns glauben machen, dass es unter ihrer Würde ist, Diana – früher als Malerin bekannt, jetzt zum Schutz vor der Welt da draußen und womöglich vor sich selbst bei uns in Gewahrsam – zu beachten, aber natürlich kann sie nicht anders. Alle beachten Diana.

Arcangela würde Bianca niemals zum Essen auffordern, denke ich, denn sie macht sich selbst auch nichts daraus. Stets isst sie von allem, was auf ihrem Teller liegt, die Hälfte langsam und appetitlos und lässt die andere Hälfte zurückgehen. Manche versuchen, es ihr gleichzutun, aber keine erzielt den gleichen Effekt. Dafür schauen sie zu oft und zu sehnsüchtig auf den verschmähten Rest.

»Ich bin verwundert«, sagt Ortolana jetzt zu Maria, »dass Mutter Chiara bei unserer Ankunft abwesend war. Was, um alles in der Welt, hatte sie denn Wichtigeres zu tun?«

»Das müsst Ihr Beatrice fragen«, erwidert Maria.

Meine Stiefmutter dreht sich zu mir um. »Beatrice?«

»Ein junges Mädchen hat zwei Frauen zu uns gebracht.«

Ich nenne keine Einzelheiten, aber sie reißt die Augen auf.

»Schon wieder Fremde?« Sie senkt die Stimme und redet mit einer Ernsthaftigkeit, die mich überrascht, auf Maria ein. »Habe ich Euch nicht gewarnt? Ihr dürft nicht alle möglichen …«

Sie verstummt, als zwei Küchenmädchen unsere Teller einsammeln, Krümel aufwischen und den Tisch für den letzten Teil des Festmahls vorbereiten. Ich weiß nicht, was sie noch sagen wollte, und sie bekommt keine Gelegenheit dazu, weiterzureden, denn Chiara erhebt sich und hält mühelos eine kurze Rede – die gleiche wie jedes Jahr, über Brotlaibe und Fische, den Wein bei der Hochzeit zu Kana und den letzten Abend seines Lebens, den Gottes Sohn mit seinen Freunden bei Tisch verbracht hat.

»Und nun«, sagt sie, »der Moment, auf den unsere jungen Freundinnen so lange gewartet haben!« Schwester Felicitas kommt von der Küche herein und trägt majestätisch einen großen Nachtisch vor sich her.

Alle schauen zu, als sie beginnt, ihn in Schalen zu verteilen, großzügige Portionen mit Nüssen und Rosinen, die vor Butter und Sahne nur so triefen und die sie zuerst den Novizinnen reicht.

Ich schaue zu Arcangela hinüber, aber sie sitzt nicht mehr an ihrem Platz. Wo ist sie hin? Ah, ich entdecke sie an der Eingangstür, wo sie mit jemandem spricht, der draußen steht. Zuerst denke ich, es muss Schwester Agatha sein, die gekommen ist, um zu berichten, was mit den Frauen im Spital ist, aber das kann nicht sein, denn sie würde hereinkommen. Chiara hört auf, den Nachtisch zu verteilen, geht schnell zur Tür und schiebt Arcangela zur Seite.

Wenn man sie so sieht, könnte ein Fremder glauben, die kühle, feingliedrige, gefasste Arcangela sei die Mutter Oberin und Chiara ein Küchenmädchen, das wegen irgendeines Missgeschicks zur Rede gestellt wird, denn sie sieht oft aus wie eine ganz gewöhnliche Frau, die gerade irgendeine niedere Arbeit verrichtet hat, Schweine füttern oder Bohnen pulen. Dagegen erinnert Arcangela mit ihrer ätherischen Grazie an die lieblichsten Bildnisse der Mutter Maria. Ich muss an die Ikone neben dem Beichtstuhl denken, das schöne, leicht zur Seite gewandte Gesicht, das einzig und allein auf das von goldenen Strahlen umgebene Kind in ihrem Schoß gerichtet ist. Manchmal kann man gar nicht glauben, dass Arcangela aus Schleim, Blut und den anderen Körpersäften besteht. Die Wäscherinnen, die unsere Kleidung reinhalten, tuscheln, Arcangela benötige ihre Dienste höchstens zwei Mal im Jahr.

Das Gespräch an der Tür endet. Arcangela kehrt an ihren Platz zurück und schiebt ihren Nachtisch zur Seite, ungehalten, wie mir scheint. Chiara kommt auf uns zu, legt meiner Schwiegermutter eine Hand auf die Schulter und entschuldigt sich dafür, sie erst jetzt begrüßen und ihr Beileid aussprechen zu können. Ortolana legt ihre Hand auf Chiaras und drückt sie. Ich habe noch nie verstanden, warum die beiden einander so zugetan sind – unsere Oberin, die frühere Eremitin und heilige Heilerin, und die schwer mit Juwelen behangene Signora Stelleri. Meine Stiefmutter kann Freundschaft vortäuschen, Chiara niemals.

»Alles in Ordnung?«, fragt Ortolana mit Blick auf die Tür.

Chiara antwortet nicht gleich, sondern streicht Bianca über die Wange und sagt etwas über unseren reichhaltigen Nachtisch und dass es nicht leicht sein kann, ein Kind im Leib zu tragen. Soll sie Felicitas bitten, Bianca lieber etwas Brot und Honig zu bringen? Dann landet ihre Hand auf meiner Schulter, und sie sagt: »Beatrice arbeitet sehr fleißig an dem Buch für das Kind. Sie ist sehr geschickt. Stets denkt sie an …«

»Mutter Chiara«, unterbricht Ortolana sie. »Was ist los?«

Chiara neigt den Kopf auf die eine, dann auf die andere Seite. »So allerlei, an einem Abend wie diesem.«

»Böse Buben im Gewand von Dionysus?«

»Nein, nein. Zwei bedauernswerte Frauen.«

»Beatrice sagte das schon.«

»Zuerst zwei Frauen. Dann Männer, die mit ihnen sprechen wollten. Und nun, wie Poggio berichtet, ein weiterer Mann, der das ebenfalls verlangt. Verlangt – ich bitte Euch!« Sie lächelt knapp. »Er hat Poggio gefragt, was ihm das Recht gibt, ein Nonnenkloster zu bewachen. Der Ärmste war ganz durcheinander.« Lachfältchen bilden sich an ihren Augen. »Der Mann kannte nicht einmal seinen Namen. Wer, bitte, kennt denn unseren alten Poggio nicht?«

»Wer war dieser Mann denn?«, fragt Ortolana, ohne Lachfältchen.

»Poggio sagt, er habe sich als Mönch ausgegeben. Ein Guter Hirte – nennen sie sich nicht so? Schmutzig-weißer Umhang, keine Schuhe, Stecken in der Hand …«

»Mutter Chiara!«

»Er dachte wohl, es genügt, mit seinem Stecken zu wedeln, um uns …«

»Mutter Chiara!«

»Schwester Arcangela war beeindruckt, aber ich habe Poggio gesagt, er soll ihm Fersengeld geben und ihn …«

»Mutter Chiara!« Meine Stiefmutter spricht jetzt so laut, dass viele Mitschwestern ihr Gespräch abbrechen und in unsere Richtung schauen. Sie sammelt sich. »Hat er …« Sie bemüht sich um einen angemesseneren Ton. »… seinen Namen genannt?«

»Aber ja. Bruder … Was war es doch gleich? Bruder Abramo.«

Ortolana zieht die Stirn in Falten und trommelt mit den Fingern auf den Tisch. »Die Trauer macht mich unachtsam. Er hat schon einmal versucht, in der Stadt zu predigen, aber mein Gatte hat den Bischof gebeten, das zu verbieten. Ich wünschte, ich hätte gewusst, dass er weiter nach Norden zieht. Hätte ich doch nur … Aber nun ist es zu spät.« Ihre Stirnfalten vertiefen sich. »Was wollte er von den Frauen?«

»Ach, bestimmt nur ein Missverständnis. Er schien zu glauben, wir hätten zwei gefährlichen Ketzerinnen Einlass gewährt.«

Dieses Wort – Ketzerinnen – lässt Pastete und Nachtisch in meinem Bauch zu Stein werden. Habe ich es je zuvor aus Chiaras Mund gehört? Es ist ein Wort, dass die Guten Hirten lieben, so viel ist gewiss. Sie geben vor, Papst Silvio treu ergeben zu sein, aber jeder – selbst die Lämmer, die ihnen folgen – weiß, dass sie ihm Stuhl und Schlüssel des Heiligen Petrus streitig machen wollen, weil er in ihren Augen nicht rechtgläubig ist.

Unwillkürlich lege ich die Hände in den Schoß und taste nach dem Buch der zwei Frauen in meiner Rocktasche. Dann lege ich sie schnell wieder auf den Tisch und rede mir ein, ich hätte nichts zu fürchten.

DIE BANK

Mitten in der Nacht

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