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Das Dorf der toten Seelen

Als Buch hier erhältlich:

Stranger Things meets Scandinavian Crime

Alice Lindstedt hat gerade die Filmhochschule in Stockholm abgeschlossen und plant, ihren ersten Dokumentarfilm zu drehen: über Silvertjärn, einen abgelegenen Grubenort im Wald von Norrland. Vor 60 Jahren verschwanden unter ungeklärten Umständen alle Bewohner von einem Tag auf den anderen. Kurz zuvor zog ihre Großmutter von dort weg. Alice will herausfinden, was damals geschehen ist. Mit ihrem Team bricht sie zu dem einsamen Ort auf. Doch bald geschehen seltsame Dinge. Die Handys haben keinen Empfang, im Walkie-Talkie ist ein heiseres Lachen zu hören. Und kurz darauf ist der erste aus dem Team tot. Wer ist außer ihnen noch in Silvertjärn? Was ist damals passiert? Und vor allem: Werden Sie diesen grausamen Ort lebend verlassen?

Das erste Buch von der Tochter der Bestsellerautorin Viveca Sten!


  • Erscheinungstag: 05.05.2020
  • Seitenanzahl: 448
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959674232

Leseprobe

Für Anna,
die lange vor mir an dieses Buch geglaubt hat.

19. August 1959

Es war so drückend heiß an diesem Augustnachmittag, dass selbst der Fahrtwind, der durch die heruntergekurbelten Seitenscheiben ins Innere des Polizeiwagens drang, kaum Linderung brachte. Albin hatte seine Schirmmütze abgelegt, sein Arm hing aus dem Fenster, und er vermied es tunlichst, die glühend heiße Karosserie zu berühren.

»Wie weit ist es noch?«, fragte er Gustaf ein weiteres Mal.

Gustaf brummte irgendetwas Unverständliches. Albin leitete daraus ab, dass er doch gefälligst selbst auf der Karte nachsehen sollte, wenn er es denn unbedingt wissen wollte. Aber das hatte er schon. Albin war noch nie in der Kleinstadt gewesen, zu der sie gerade unterwegs waren – sie war zu winzig für ein eigenes Krankenhaus, hatte noch nicht einmal eine Polizeistation. Sie war kaum mehr als ein Dorf.

Silvertjärn. Wer hatte jemals von Silvertjärn gehört?

Er wollte Gustaf gerade fragen, ob er schon einmal dort gewesen war, besann sich dann aber eines Besseren. Der Kollege war nicht besonders gesprächig, das wusste Albin inzwischen. Obwohl sie schon fast zwei Jahre zusammenarbeiteten, hatte Albin ihm noch nie mehr als ein paar Worte am Stück abringen können.

Gustaf fuhr langsamer und warf einen Blick auf die Landkarte zwischen ihnen. Dann bog er scharf nach links auf einen Kiesweg ab, den Albin zwischen den Bäumen kaum bemerkt hatte.

»Glaubst du, dass wir dort irgendwas finden werden?«, fragte er und war ganz erstaunt, als Gustaf tatsächlich eine Antwort gab:

»Weiß der Geier.«

»Ich glaube es ja nicht«, fuhr Albin fort. »Es klang eher so, als hätten zwei Schwachköpfe einen über den Durst getrunken. Die Sache ist es wahrscheinlich kaum wert, hinzufahren.«

Die Straße war schmal und holprig. Albin musste sich festhalten, um nicht auf dem Sitz durchgeschüttelt zu werden. Links und rechts des Weges erhoben sich hohe Bäume. Der Himmel, der hier und da durch die Baumkronen blitzte, war so strahlend blau, dass es in den Augen wehtat. Die Fahrt schien eine halbe Ewigkeit zu dauern.

Dann lichtete sich der Wald allmählich.

Die Ansiedlung, die nun vor ihnen lag, glich der kleinen Bergarbeiterstadt aus Albins Kindheitstagen. Sicherlich gab es hier eine Mine, in der sämtliche Ortsbewohner beschäftigt waren. Es war ein hübsches, etwas verschlafenes Örtchen mit seinen gepflegten Häuserzeilen und dem sich dahinschlängelnden Fluss sowie einer weiß getünchten Kirche.

Plötzlich trat Gustaf so stark auf die Bremse, dass das Auto abrupt zum Stillstand kam.

Überrascht sah Albin ihn an.

Sein Kollege hatte die Stirn in Falten gelegt. »Hörst du das?«, fragte er.

»Was denn?«, erwiderte Albin. Er konnte nur das Brummen des Automotors hören.

Sie standen auf einer Kreuzung. Es gab nichts Auffälliges zu sehen. Rechter Hand ein gelbes Haus mit welken Blumen auf den Treppenstufen und ein beinahe identisches in Rot mit weißen Fensterrahmen zu ihrer Linken.

»Nichts«, sagte Gustaf. Sein nachdrücklicher Tonfall ließ Albin erst begreifen, worauf er anspielte.

Er hatte damit nicht sagen wollen, dass er nichts Besonderes hörte – sondern, dass rein gar nichts zu hören war.

Es war totenstill.

Es war halb fünf Uhr nachmittags, es herrschte warmes Spätsommerwetter, sie befanden sich in einer Kleinstadt. Wo waren die spielenden Kinder? Warum saßen keine Frauen auf den Vortreppen und fächelten sich Luft zu?

Albin ließ seinen Blick über die Häuser schweifen. Ein jedes ordentlich und anheimelnd. Aber keine der Haustüren stand offen.

Wohin er auch blickte, nicht eine Menschenseele war zu sehen.

»Wo sind sie bloß alle?«, fragte er.

Das Dorf konnte schließlich nicht vollkommen ausgestorben sein. Irgendwo mussten die Bewohner doch sein.

Gustaf schüttelte den Kopf und gab wieder Gas.

»Halt die Augen offen«, forderte er seinen Kollegen auf.

Albin musste schlucken. Auf einmal fühlte sich sein Hals an wie zugeschnürt. Er setzte sich auf und drückte sich wieder die Mütze auf den Kopf.

Die Stille erschien ihm genauso erdrückend wie die Hitze, als sie weiterfuhren. Schweiß rann ihm den Nacken herunter. Sobald der Marktplatz in Sicht kam, durchflutete Albin ein Gefühl der Erleichterung. Er deutete auf eine Gestalt in der Mitte des Platzes.

»Guck mal, Gustaf! Da ist jemand.«

Vielleicht hatte Gustaf schärfere Augen als er oder – anders als Albin – einen untrüglichen Instinkt nach den vielen Jahren im Polizeidienst. Denn Gustaf hielt an, noch bevor sie das unebene Kopfsteinpflaster des Marktplatzes erreicht hatten, öffnete die Wagentür und stieg aus.

Albin blieb sitzen und begriff erst allmählich, was er da sah.

Der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss, war:

Der Kerl ist aber groß.

Der zweite:

Nein, nicht groß. Das ist ein Laternenpfahl, der von jemandem umarmt wird. Das ist ja seltsam!

Der Groschen fiel erst, als er den Gestank durch die heruntergekurbelten Seitenfenster wahrnahm. Albin öffnete die Autotür und stolperte hinaus, wie um dem Geruch zu entgehen, doch hier draußen war er nur noch durchdringender. Süßlich und ekelerregend. Ein widerlicher Gestank nach Verwesung.

Da stand niemand, der einen Schandpfahl umarmte. Es war eine Leiche, an einen grob behauenen Schandpfahl gebunden. Lange, strähnige Haare verbargen das Gesicht – wie ein kleiner Akt der Barmherzigkeit –, während fette Fliegen über den aufgedunsenen Leichnam krochen. Das Seil hatte sich tief ins Fleisch geschnitten. Die Füße waren schwarz. Ob von fortgeschrittener Verwesung oder von geronnenem Blut ließ sich nicht sagen.

Schon nach wenigen Schritten krümmte Albin sich und erbrach sein Mittagessen auf das Kopfsteinpflaster.

Als er sich wieder aufrichtete, hatte Gustaf den Leichnam beinahe erreicht. Er betrachtete ihn mit ein wenig Abstand.

Gustaf drehte sich um und sah Albin an. Die Miene seines Kollegen zeigte eine Mischung aus Entsetzen und Ekel.

»Was in Gottes Namen ist hier passiert?«, fragte er bestürzt.

Darauf wusste Albin nichts zu erwidern. Er schwieg, so wie auch das verlassene Dorf eine Antwort schuldig blieb.

Doch dann, inmitten der Stille, hörte er auf einmal etwas. Ein weit entferntes, leises, aber unverwechselbares Geräusch. Albin hatte mit vier jüngeren Geschwistern das Zimmer geteilt. Er hätte dieses Geräusch überall wiedererkannt.

»Was zum …«, brummte Gustaf und blickte zum Schulhaus auf der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes. Im ersten Stock des Gebäudes stand ein Fenster offen.

»Da schreit ein Kind«, sagte Albin. »Ein Säugling.«

Dann überwältigte ihn wieder der Gestank, und er musste sich aufs Neue übergeben.

Projektbeschreibung:

»Das Dorf« ist eine Dokumentarserie über Silvertjärn, die einzige Geisterstadt Schwedens. Wir planen eine sechsteilige Dokumentation und einen ergänzenden Blog über die Dreharbeiten und die Entdeckungen, die wir währenddessen machen. Silvertjärn ist eine ehemalige Bergarbeitersiedlung in Mittelnorrland, die seit 1959 so gut wie unberührt geblieben ist. Damals verschwanden sämtliche der rund 900 Einwohner unter ungeklärten Umständen.

<Klick hier, um mehr über die Geschichte von Silvertjärn zu erfahren>

Alice Lindstedt, Initiatorin und Filmproduzentin, hat selbst einen autobiografischen Bezug zu dem Ort.

»Als ich klein war, hat meine Großmutter mir immer von Silvertjärn und dem rätselhaften Verschwinden erzählt. Sie selbst lebte schon nicht mehr dort, als es dazu kam. Ihre Eltern und ihre jüngere Schwester aber sind bis heute verschollen.

Silvertjärn und seine Geschichte haben mich schon immer fasziniert. So viele Puzzleteilchen darin scheinen nicht zusammenzupassen. Wie ist es möglich, dass eine ganze Dorfbevölkerung von einem Tag auf den anderen spurlos verschwindet? Was steckte dahinter? Diesen Fragen wollen wir auf den Grund gehen«, so Alice Lindstedt.

Der Plan sieht vor, zunächst Anfang April sechs Tage lang Probeaufnahmen in Silvertjärn zu machen und den Ort zu erkunden. Als Unterstützer*innen des Projektes erhaltet ihr exklusiven Zugang zu dem gedrehten Material (Fotos und Videos)! Wir werden einigen Theorien nachgehen, die über das Verschwinden existieren: Hat ausgetretenes Grubengas ein Delirium verursacht, ist es zu einer Massenpsychose gekommen, oder spielt womöglich ein uralter samischer Fluch eine Rolle?

<Klick hier, um mehr über die existierenden Theorien über Silvertjärn zu erfahren>

Läuft alles wie geplant, wird unser Produktionsteam im August nach Silvertjärn zurückkehren, um die Dokumentation zur Zeit des Jahrestags des Verschwindens zu drehen.

Warum solltet ihr uns unterstützen?

  • Exklusive Sichtung des im April in Silvertjärn aufgenommenen Materials

  • Uneingeschränkter Zugang zu unserem Social-Media-Paket

  • Regelmäßiger Newsletter über die Fortschritte des Projektes per E-Mail

  • Seid dabei, wenn die erste ungeschnittene Langfassung der Dokumentation vor dem offiziellen Sendestart gezeigt wird.

  • Ein gemeinsamer Besuch in Silvertjärn mit unserer Crew zur Bekanntgabe des Sendestarts und dem Livegehen unseres Blogs

Fundingziel: 150.000 Schwedische Kronen

Bisher finanziert: 33.450 Schwedische Kronen

KLICK HIER, UM TEILZUNEHMEN UND DAS PROJEKT ZU UNTERSTÜTZEN!

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#dokumentationdasdorf #Silvertjärn

Heute

Ein knisterndes, durchdringendes Geräusch reißt mich aus dem Dämmerschlaf. Ich bin sofort hellwach.

Als ich mich auf dem Beifahrersitz aufrichte, sehe ich Tone das Radio ausschalten. Das Knistern hört augenblicklich auf. Nur noch das dumpfe Brummen des Motors ist zu hören. Im Wageninneren herrscht eine fast beklemmende Stille.

»Was war das denn eben?«, frage ich.

»Das Radio ist schon seit ein paar Kilometern gestört«, erwidert Tone. »Erst kam Classic-Rock, dann Schlagermusik, dann nur noch Rauschen.«

»Das ist bestimmt der Beginn der Todeszone«, witzele ich. Vor lauter Aufregung verspüre ich ein Kribbeln im Bauch. Ich werfe einen Blick auf mein Handy. Es ist spät geworden.

»Ich habe immer noch Empfang, aber nur ganz schwach. Ich poste mal schnell ein Status-Update, bevor die Verbindung völlig abbricht.« Ich logge mich auf Instagram ein, mache einen Schnappschuss von der Straße, die in der goldenen Abendsonne vor uns liegt. »Hey, wie findest du diese Bildunterschrift? Wir haben unser Ziel fast erreicht! Nähern uns der Todeszone. Melden uns in fünf Tagen wieder, falls uns nicht die Geister holen …«

Tone verzieht das Gesicht. »Na ja. Ist vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen, oder?«

»Sie werden es lieben«, sage ich, lade den Beitrag hoch und teile ihn auf Twitter und Facebook, bevor ich das Smartphone wieder in die Tasche zurückstecke. »Unsere Follower stehen doch total auf so was. Geister und Horrorfilme.«

»Unsere Follower – alle elf«, bemerkt Tone.

Ich verdrehe die Augen. Aber ihr spöttischer Kommentar versetzt mir einen kleinen Stich. Vermutlich, weil er der Wahrheit ziemlich nahekommt.

Tone sieht es nicht. Ihr Blick ist auf die Straße gerichtet – auf die leere, sich schnurgerade vor uns erstreckende Autobahn. Hoher, undurchdringlicher Kiefernwald umgibt uns, und zu unserer Linken geht blutrot die Sonne am Himmel unter.

»Wir müssten gleich die Ausfahrt erreichen«, sagt Tone.

»Soll ich dich mal am Steuer ablösen?«, frage ich. »Ich wollte nicht einschlafen. Keine Ahnung, wie mir das passieren konnte.«

Tone verzieht die Mundwinkel. »Wenn du bis um vier Uhr früh wach warst, um alles durchzugehen, ist das kein Wunder«, sagt sie, ohne auf mein Angebot einzugehen.

Ob das ein Vorwurf war? Ich bin mir nicht sicher. »Vielleicht nicht«, gebe ich ihr recht.

Trotzdem bin ich überrascht. Ich hätte erwartet, dass die fieberhafte Aufregung, die mich in den letzten Nächten wach gehalten hat, auch während der Autofahrt anhalten würde.

Ich werfe einen Blick in den Seitenspiegel und sehe unmittelbar hinter uns den anderen weißen Kastenwagen mit Emmy und dem Techniktypen. Max’ blauer Volvo ist der letzte in der kleinen Karawane.

Dieses Gefühl, das ich im Bauch verspüre … Ist es Aufregung oder vielleicht doch Beunruhigung?

Das intensive Licht färbt meinen weißen Pulli rot und lässt Tones Silhouette scharf hervortreten. Mit ihrer auffallend geraden Patriziernase und der markanten Kieferpartie hat sie wirklich ein beneidenswert schönes Profil. Ich habe sie noch nie geschminkt gesehen. Und ich selbst – bin ich vielleicht übertrieben eitel? Ich habe mir mein straßenköterbraunes Haar platinblond färben lassen – obwohl es mich neunhundert Kronen gekostet hat, die ich gar nicht hatte, und obwohl ich auf dem Bildmaterial, das wir in den kommenden fünf Tagen aufnehmen werden, noch nicht einmal zu sehen sein werde.

Ich habe es für mich getan. Um meine Nerven zu beruhigen. Und weil wir auch noch Fotos für unser Instagram-Profil und die Facebook-Seite, für Twitter und den Blog machen müssen. Um unsere wenigen Follower und Sponsoren bei der Stange zu halten. Dazu gehören eben auch ein paar Bilder von der Crew.

Ich habe einen schlechten Geschmack im Mund. Mein Blick fällt auf Tones Getränk im Becherhalter.

»Was ist das da?«, frage ich.

»Cola. Zero. Kannst du gerne haben, wenn du willst«, erwidert Tone.

Ich trinke gierig, war wohl durstiger, als ich dachte. Aber sonderlich erfrischend ist die abgestandene Cola nicht.

»Da!«, ruft Tone plötzlich und drosselt das Tempo.

Die alte Ausfahrt existiert nicht im GPS, das hatten wir schon bei der Planung der Route bemerkt. Wir mussten uns auf altes Kartenmaterial aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren stützen, haben es gründlich mit den alten Karten aus dem Archiv der Verkehrsbehörde abgeglichen und uns den Verlauf der stillgelegten Bahntrasse angesehen, als der Zug noch zweimal pro Woche in Silvertjärn hielt. Max ist gut im Kartenlesen und hat uns versichert, dass die Straße hier liegen sollte. Ich war mir da aber ganz und gar nicht so sicher. Das bin ich erst jetzt, als Tone sich im Schneckentempo der kleinen Ausfahrt nähert, die einst die einzige befahrbare Straße zum Dorf darstellte.

Nachdem wir abgebogen sind, bremst Tone ab und stellt den Motor aus.

Ich bin erstaunt. »Was ist los? Warum hältst du an?«

Tones Gesicht ist noch blasser als sonst, ihre Lippen zusammengepresst, die Sommersprossen zeichnen sich deutlich auf ihrer hellen Haut ab. Ihre Hände umklammern das Lenkrad.

»Tone?«, frage ich noch einmal etwas leiser.

»Ich hätte nie gedacht, dass ich das wirklich einmal zu sehen bekäme, das ist alles«, erwidert sie tonlos.

Ich lege meine Hand auf ihren Arm. Die Muskeln unter ihrem Shirt sind hart vor Anspannung.

»Soll ich lieber fahren?«, frage ich.

Die anderen haben inzwischen auch angehalten.

Tone lässt das Lenkrad los und lehnt sich auf dem Sitz zurück.

»Vielleicht ist das besser«, sagt sie, ohne mich anzusehen, und steigt aus.

Ich folge ihrem Beispiel. Die eisig kalte Luft draußen trifft mich wie ein Schock und durchdringt sofort meinen Pulli.

Als ich auf dem Fahrersitz Platz nehme, hat Tone schon ihren Sicherheitsgurt angelegt. Ich warte darauf, dass sie irgendetwas sagt, aber sie schweigt. Also gebe ich vorsichtig Gas, und wir fahren die halb zugewucherte Straße entlang.

Die Bäume bilden ein Dach über dem Weg, der Wald scheint uns zu verschlucken. Andachtsvolle Stille breitet sich zwischen uns aus. Tones plötzlich im Halbdunkel erklingende Stimme lässt mich zusammenfahren.

»Es ist sowieso besser, wenn du in den Ort hineinfährst. Es ist dein Projekt. Du wolltest hierher, oder?«

Ich frage mich verunsichert, wie sie das wohl meint, während ich mich gleichzeitig darauf konzentriere, den schwerfälligen Kastenwagen über Steine und knorrige Wurzeln zu manövrieren.

»Ja, schon«, erwidere ich.

Ein Glück nur, dass wir beim Mieten der Autos eine Versicherung dazu gebucht haben. Für dieses Terrain sind die Fahrzeuge wirklich nicht gemacht. Aber wir brauchten Kleinlastwagen wie diese, um unsere Ausrüstung transportieren zu können. Und geländetauglichere Fahrzeuge wären in der Tagesmiete so teuer gewesen, dass sie unser Budget um ein Vielfaches gesprengt hätten.

Schweigend setzen wir die Fahrt fort. Während die Minuten verrinnen und wir immer tiefer in den Wald hineinfahren, kommt mir der Gedanke, wie abgeschieden diese kleine Ansiedlung doch gewesen sein muss. Meine Großmutter hatte mir erzählt, dass kaum jemand aus dem Ort ein Auto besessen hatte. Wollte man die Zivilisation erreichen, musste man auf den Zug warten oder war gezwungen, zu Fuß zu gehen. Wie lange musste das gedauert haben, wenn wir mit dem Auto schon so lange dorthin brauchen? Dieses Dorf musste wirklich eine Welt für sich gewesen sein.

Wir passieren einen kleinen Weg, der sich in den Wald hineinschlängelt. Zuerst bin ich mir unsicher, ob wir vielleicht lieber dort entlang sollen, doch dann wird mir klar, dass es sich dabei um den Weg zum Stollen handeln muss. Ich fahre weiter geradeaus, im Kriechtempo über herabgefallene Zweige und Äste. Der Kastenwagen ächzt und stöhnt, kämpft sich aber vorwärts.

Als ich mich gerade besorgt frage, ob wir uns doch geirrt haben – ob dies doch nur ein Waldweg ist, ein Wanderweg, und wir immer tiefer in den Wald geraten, bis wir mitsamt unseren Autos, unserer Ausrüstung, unseren irrwitzigen Ideen und Ambitionen stecken bleiben, lichtet sich auf einmal das Dickicht um uns herum.

»Da!«, flüstere ich, mehr zu mir selbst als zu Tone.

Ich trete leicht aufs Gas und spüre, wie sich mein Herzschlag beschleunigt.

Dann lassen wir den Wald hinter uns und stehen an einem leichten Abhang. Und da liegt die Ansiedlung vor uns, in einem Tal.

Über den Häusern im Osten des Dorfes erhebt sich die Kirche; eine stolze, hohe Turmspitze, gekrönt von einem grazilen Kreuz, das unbegreiflich rein im Licht der Abendsonne glitzert. Die kleinen Häuschen wirken mit ihren verfallenen Fassaden wie bloße Silhouetten. Der Fluss schlängelt sich durch den Ort und mündet in den Waldsee, der dem Dorf seinen Namen verliehen hat und womöglich einst silberfarben war – Silvertjärn, der »Silbersee«. Heute aber liegt das Gewässer schwarz und blank da, als verberge es ein uraltes Geheimnis. Im Bericht der Grubengesellschaft stand, dass sie den See nicht untersucht hätten und auch keine Angaben darüber machen könnten, wie tief er sei. Womöglich erstreckt er sich bis ganz hinunter auf Grundwasserniveau – bodenlos tief.

Aus einem Impuls heraus löse ich meinen Sicherheitsgurt, steige aus und lasse meinen Blick über das Dorf schweifen. Es ist ganz still. Nur das dumpfe, ewige Brummen des Motors und die leisen Seufzer, die der Wind über den Dächern der Häuser aushaucht, sind zu hören.

Tone steigt auch aus. Sie sagt nichts, schließt noch nicht einmal die Wagentür.

Ich aber flüstere ein Gebet, eine Beschwörung – einen Willkommensgruß: »Silvertjärn.«

Damals

Elsa ist auf dem Rückweg von ihrem Besuch bei Agneta Lindberg, als ihr auffällt, dass etwas anders ist als sonst.

Der Spaziergang von Frau Lindberg zu ihnen nach Hause dauert eigentlich nur eine Viertelstunde, wenn man sich etwas beeilt, aber Elsa braucht meistens über eine halbe Stunde dafür. Jedes Mal trifft sie unterwegs Leute, die ein Schwätzchen mit ihr halten wollen.

In den letzten Monaten war sie immer einmal pro Woche bei Agneta – seitdem die Ärmste ihre Diagnose bekam. Und das stets mittwochs, weil es sich so gut mit der Einladung bei der Frau des Apothekers verbinden ließ.

Viel bewerkstelligt wurde bei diesen Treffen allerdings nicht. Sie boten ein paar Frauen aus dem Dorf nur die Gelegenheit, sich über dieses und jenes zu unterhalten, Klatsch zu verbreiten, Kaffee aus feinen Porzellantassen zu trinken und sich einen Moment lang für etwas Besseres zu halten. Aber das schadete niemandem, im Gegenteil, den Frauen aus Silvertjärn bekam es nur gut, etwas zu tun zu haben. Elsa konnte auch nicht bestreiten, dass sie es unterhaltsam fand, auch wenn sie die anderen Frauen gelegentlich eindringlich ermahnte, sobald sie in ihrem Gerede allzu boshaft wurden.

Es diente schließlich niemandem, darüber zu spekulieren, ob der Volksschullehrer wirklich der Vater seines jüngsten Sohnes war. Elsa hatte selten einen Vater erlebt, der so in ein Kind vernarrt war wie er. Und in dem Fall spielte es doch überhaupt keine Rolle, wie rot die Haare des Säuglings waren.

Es ist warm an diesem Nachmittag, und ungewöhnlich schwül für April. Die Bluse klebt ihr auf der Haut. Sie nimmt gern den Weg am Fluss entlang. Er geht sich so schön eben und gleichmäßig, und hebt man den Blick, kann man in der Ferne den See glitzern sehen. Das Schmelzwasser strömt und braust am Ufersaum. Man bekommt Lust, stehen zu bleiben und die Füße ins Wasser zu halten.

Das tut Elsa selbstverständlich nicht. Wie würde das auch aussehen, wenn sie ihren Rock hochzöge und wie ein sorgloses junges Mädchen im Fluss herumplantschen würde? Da hätten die Frauen aus dem Dorf wirklich etwas, über das sie sich das Maul zerreißen könnten! Oder soll sie es vielleicht doch wagen?

Als Elsa bei diesem Gedanken den Mund verzieht, fällt ihr auf, dass etwas anders ist als sonst: Sie sieht sich nach anderen Spaziergängern um, die sie womöglich bei ihrem Sprung in den Fluss sehen könnten, und bemerkt, dass niemand hinter ihr ist. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen.

Der Fluss wird von Häusern gesäumt. Hier beginnt der alte Dorfkern von Silvertjärn. Er gefällt Elsa besser als die Häuser des neuen Ortsteils. Als Staffan und sie nach Silvertjärn zogen – sie selbst war damals kaum mehr als ein Kind –, hatten sie in einem der neuen Häuser gewohnt, die die Grubengesellschaft hatte erbauen lassen. Sie waren seelenlos und kalt, und Elsa ist heute noch davon überzeugt, dass dies der Grund dafür war, dass ihre erste Schwangerschaft sich so schwer gestaltet hatte. Sowie sie die Möglichkeit dazu hatten, waren sie dort wieder ausgezogen.

Die Häuser in Flussnähe sind älter und besitzen mehr Charakter, und Elsa kennt jeden einzelnen ihrer Bewohner. Tatsächlich kennt Elsa ganz Silvertjärn. Aber die Menschen, die in ihrer eigenen Nachbarschaft leben – beim Fluss, unterhalb der Kirche –, liegen ihr ganz besonders am Herzen. Sie geht gerne an dem Eckhaus mit dem schiefen Dach vorbei und stattet der jungen Pia Etterström und ihren Zwillingssöhnen einen Besuch ab, bleibt an Emil Snälls Veranda stehen und bewundert Lise-Maries Rosensträucher.

Heute aber hat keiner sie aufgehalten oder ihr zugewinkt.

Obwohl es so heiß ist, sitzt niemand im Garten oder auf der Vortreppe oder an einem geöffneten Fenster. Niemand ist aus dem Haus gekommen, um sie zu begrüßen. Elsa kann aber sehen, dass sich hinter den Küchengardinen etwas rührt. Sämtliche Einwohner des Dorfes scheinen sich in ihren Häusern verkrochen zu haben.

Sie spürt, wie sich ihr Magen zusammenzieht.

Später wird sie sich fragen, ob ein Teil von ihr es nicht schon geahnt hat, als sie losrannte, als sie verschwitzt und mit zerzaustem Haar in die heimische Küche kam und Staffan mit leerer Miene am Küchentisch sitzen sah.

Doch das tut sie nicht, jetzt noch nicht. Das hätte sie niemals ahnen können.

»Sie schließen die Grube, Elsie. Sie haben es uns gerade gesagt. Sie haben uns nach Hause geschickt«, sagt Staffan wie in Trance.

Als Elsa das hört, fällt sie das erste – und letzte – Mal in ihrem Leben in Ohnmacht.

Heute

Ich habe Silvertjärn noch nie mit eigenen Augen gesehen. Zwar habe ich nach Großmutters Erzählungen eine Vorstellung davon entwickelt, habe wie besessen bis spät in die Nacht nach Ortsbeschreibungen im Internet gesucht, aber ich bin kaum fündig geworden.

Als ich das Knipsgeräusch von Tones Kamera höre, drehe ich mich um. Der Apparat verbirgt die Hälfte ihres Gesichtes.

Eigentlich wäre es sinnvoll gewesen, schon bei der Einfahrt in den Ort zu filmen. Das wäre ein starker Auftakt gewesen, hätte die Aufmerksamkeit der Zuschauer gefesselt – und auf so etwas ist man angewiesen, wenn man sich um Fördergelder bewirbt. Wie viele Fotos wir auch auf Instagram posten und wie sehr wir uns auch bemühen, Sponsoren für unsere Crowdfunding-Kampagne zu gewinnen, so werden wir zweifellos zusätzliche Förderung brauchen, um den Film machen zu können, den ich mir vorstelle. Ohne eine finanzielle Unterstützung von Stiftungen oder Behörden haben wir keine Chance.

Ich bin aber überzeugt davon, dass wir das Geld letztlich zusammenbekommen werden – denn wenn irgendein Projekt förderungswürdig ist, dann doch wohl dieses?

Die verfallenen Gebäude leuchten rotorange in der Abendsonne. Sie wirken erstaunlich gut erhalten. Früher hat man offenbar solider gebaut. Doch trotzdem ist – selbst aus der Ferne – der Verfall ersichtlich. Einige Dächer sind eingestürzt, und die Natur hat begonnen, das Terrain zurückzuerobern. Es ist schwer, eine Grenze zwischen Natur und Bebauung zu erkennen. Die Straßen sind überwuchert, und die verrosteten Schienenstränge verlaufen wie eine zerstochene Ader vom Bahnhof in den Wald.

Auf eine morbide Weise ist es ein schöner Anblick. Wie eine Rose kurz vor dem Verwelken.

Das Knipsgeräusch hört auf. Tone senkt die Kamera.

»Hast du ein paar gute Aufnahmen machen können?«, frage ich.

»Bei dieser Aussicht hätte auch eine iPhone-Kamera gereicht«, erwidert sie trocken.

Sie kommt zu mir und zeigt mir die Bilder auf dem Display. Wir haben uns darauf verständigt, dass Tone das Fotografieren übernimmt. Anders als Emmy, der Techniktyp und ich hat sie keine Vorerfahrungen in der Filmbranche – sie ist ursprünglich Werbetexterin. Aber Fotografie ist seit einigen Jahren ihr Hobby, und ihre Fotos sind besser als alles, was ich jemals mit dieser Kamera zustande bringen würde.

Außerdem war das die einfachste Lösung gewesen, um sie zum Mitkommen zu bewegen. Sie hatte lange Argumente dagegen vorgebracht, hatte gemeint, dass ihre Anwesenheit vor Ort für das Filmprojekt nicht »von Bedeutung« sei. Sämtliche meiner Einwände, dass sie als Co-Produzentin nötig sei, waren wirkungslos geblieben. Erst als ich erwähnte, dass wir jemanden bräuchten, der Fotos macht, gab sie nach.

Sie ist von Bedeutung für das Projekt. Vielleicht nicht unbedingt als Fotografin – aber sie ist ein Teil der Geschichte, ob sie es will oder nicht. Ich hoffe nur, dass die kommenden Tage sie zur Einsicht bringen werden.

Ich mustere das kleine Abbild des Dorfes auf dem Display und danach die Ortssilhouette vor mir. Die klaren Farben und scharfen Kontraste lassen diesen Anblick wie ein Gemälde erscheinen.

Es ist absolut still. Noch nicht einmal Funksignale lassen sich von hier senden. Angeblich liegt es am Eisenerz im Felsgestein, an einem Magnetfeld, das die Signalgebung stört, aber ganz sicher ist sich da niemand. Der Mystik tut das keinen Abbruch, im Gegenteil.

»Wie fühlst du dich?«, frage ich Tone. Es fällt mir schwer, mich vom Anblick der Gebäude loszureißen.

Tone atmet tief ein und kneift die Lippen zusammen, bevor sie mich ansieht. »Ich weiß es nicht.« Sie verzieht den Mund. »Ich hätte nie gedacht, dass ich wirklich einmal herkommen würde, dass es jemals so weit kommen würde. Ich kann gar nicht ganz fassen, dass wir jetzt hier sind.«

»Aber das sind wir«, versichere ich ihr – und auch mir selbst.

Und jetzt, endlich, erscheint ein echtes Lächeln auf Tones Gesicht, und die gedrückte Stimmung, die seit meinem Aufwachen im Auto zwischen uns geherrscht hatte, löst sich auf.

»Natürlich sind wir das. Ich hätte es wissen müssen. Wenn du dir einmal was in den Kopf gesetzt hast, Alice, dann erreichst du das auch!«

Ich muss lachen, euphorisch, wie berauscht, während ich gleichzeitig vor Kälte zittere – ich hätte mir vor dem Aussteigen besser eine Jacke anziehen sollen. Ja, jetzt sind wir tatsächlich hier, nach der ganzen mühsamen Organisation, den langen Nächten und zahllosen Stellenabsagen. Nach sämtlichen Drecksjobs, die ich hatte annehmen müssen – all das hat sich gelohnt, denn jetzt sind wir tatsächlich hier in Silvertjärn.

Und einen Film wird es auch geben. Das Dorf wird Wirklichkeit – dieses Projekt, das mich seit meiner Teenagerzeit nicht mehr losgelassen hat.

»Wahnsinn, was für ein Ort!«, ruft Emmy in diesem Moment beeindruckt aus.

Sie und der Techniker sind auch ausgestiegen und kommen nun zu uns herüber. Emmy lehnt sich gegen unseren Wagen. Ihr ausgeleiertes weißes T-Shirt scheint mit der Farbe des Autolacks zu verschmelzen. Das hennafarbene Haar hat sie zu einem nachlässigen Pferdeschwanz zusammengebunden, und ihre Jeans sind so weit, dass sie dem Typen neben ihr passen könnten. Wenn ich so darüber nachdenke, gehören sie vielleicht sogar ihm. Ich bin mir über die Beziehung der beiden nicht völlig im Klaren, weiß nur, dass sie schon öfter zusammengearbeitet haben. Emmy hatte mich auch darauf hingewiesen, dass er diesen Job nur ihretwegen angenommen habe und er für gewöhnlich mindestens dreimal so viel nähme, wie wir ihm für diese fünf Tage bezahlen können.

Der Techniktyp steht direkt hinter ihr. Wie hieß er noch gleich … Robin? Nein, so hieß er nicht. Er hatte sich uns zwar bei unserem ersten Treffen und dem gestrigen Teammeeting vorgestellt, aber ich konnte mir noch nie gut Namen merken. Er hat die Sorte rotes Haar, die einen dazu veranlasst, ihn länger anzustarren, als es angemessen wäre, und sein Körper ist von unzähligen Sommersprossen übersät. Wenn die nicht wären, könnte man ihn vielleicht sogar gut aussehend nennen, so hochgewachsen und breitschultrig, wie er ist. Aber sein karottenrotes Haar und die braunen Augen lassen mich eher an ein Eichhörnchen denken. Noch dazu ist er sehr mundfaul; ich glaube, ich habe ihn noch nie mehr als zwei Sätze hintereinander sagen hören.

»Wie lautet jetzt der Plan?«, fragt Emmy und sieht mich an.

Ich räuspere mich. »Wir schlagen unser Lager auf dem Marktplatz auf. Mitten im Dorf, das ist ein guter Ausgangspunkt. Und es müsste gut möglich sein, dorthin zu kommen. Die Straße verläuft zwar über den Fluss, aber ich habe gelesen, dass die Brücken noch stabil genug sind, um die Last von Autos zu tragen.«

»Und wo hat das gestanden?«, hakt Emmy nach und zieht fragend die Augenbrauen hoch. »Ich dachte, es gäbe gar kein gutes Kartenmaterial über Silvertjärn.«

In der Ferne höre ich, dass eine Autotür geöffnet wird. Max fragt sich bestimmt, weshalb wir alle ausgestiegen sind.

»Im Bericht«, entgegne ich und versuche, einen Anflug von Gereiztheit zu unterdrücken.

Du wusstest doch, auf was du dich einlässt, als du sie ins Team geholt hast, sage ich mir selbst.

»In dem Bericht der Grubengesellschaft vom Ende der Neunzigerjahre, als sie die Bodenqualität begutachten ließen«, stelle ich klar. »Ihr habt eine Kopie davon in eurer Infomappe.«

»Bist du dir sicher, dass diese Infos noch immer Gültigkeit haben?«, hakt Emmy nach. »Die sind immerhin schon zwanzig Jahre alt. Nur weil die Brücken damals als sicher galten, sind sie das ja nicht zwangsläufig heute noch, oder?«

»Lasst uns doch einfach runterfahren und die Lage checken«, erwidere ich knapp. »Zur Not müssen wir eben umdisponieren.«

Jetzt hat Max uns erreicht. »Was ist los?«

»Nichts!«, sage ich schnell.

Emmy wirft einen Blick über ihre Schulter und scheint ihn, sowie sie seine Anwesenheit registriert, als nicht weiter beachtenswert einzustufen.

Max’ blonder Pony fällt ihm in die Stirn, sein Hemdkragen ist knittrig. Ich kenne Max schon, seit er abgetragene T-Shirts mit Namen von Rockbands trug, die niemand außer ihm kannte. Obwohl er inzwischen so erfolgreich ist, um als Kapitalgeber an der Fahrt teilzunehmen, und Hemden trägt, die mehr kosten als meine gesamte Garderobe, sieht er immer noch so aus, als würde er sich in jenen verwaschenen Band-Shirts wohler fühlen.

Tone blickt zum Himmel. »Wir sollten einen Zahn zulegen«, sagt sie, und da fällt auch mir auf, dass die Dämmerung bereits einsetzt.

»Los, lasst uns den Hang runterfahren!«, fordere ich die anderen auf.

Max hebt den Daumen, und auch Emmy nickt zum Glück.

»Du kannst ja jetzt das Steuer übernehmen, Robert«, sagt sie an den Techniker gewandt.

Ich setze mich wieder auf den Fahrersitz. Bevor ich die Tür schließe, höre ich Emmy rufen: »Fahrt ja vorsichtig, damit ihr die Ausrüstung nicht beschädigt!«

»Als ob sie selbst für das Zeug gezahlt hätte«, brumme ich missmutig und knalle die Tür hinter mir zu.

Heute

Ich fahre langsam und hochkonzentriert den Hang hinunter. Irgendwo hier soll es offenbar einmal eine Landstraße gegeben haben, doch wie sehr ich auch danach gesucht habe, ich habe sie auf keiner Karte verzeichnet finden können. Der Großteil des Güterverkehrs wurde offenbar über die Schiene abgewickelt. Auf einmal fällt im Laderaum des Wagens etwas mit lautem Krachen um. Ich umklammere das Steuer noch fester.

»Bist du dir eigentlich sicher, dass du mit ihr zusammenarbeiten kannst?«, fragt Tone mich.

Mir ist klar, dass sie die Frage aus Besorgnis stellt, aber mir kommt es vor wie Kritik. Tone ist selten besonders taktvoll.

»Mir blieb ja wohl kaum eine andere Wahl«, erwidere ich nur.

Der Wagen rumpelt heftig, ich muss ein Schlagloch übersehen haben.

»Nein – jedenfalls nicht im Augenblick«, gibt Tone mir recht.

Emmy war meine letzte Hoffnung gewesen. Ich hatte versucht, sämtliche meiner Kontakte in der Filmbranche anzuzapfen, hatte in den sozialen Medien Stellenangebote und Suchan­fragen gepostet – ohne Erfolg. Es gab zwar einige Interessenten, doch die machten einen Rückzieher, sobald sie erfuhren, wie wenig wir ihnen zahlen konnten und wie wenig Erfahrung wir besaßen. Ein Abschluss von der Filmhochschule und vereinzelte, projektgebundene Stellen als Produktionsassistentin – was ich vorweisen konnte, war nicht sonderlich beeindruckend. Es ist ohnehin nicht leicht, Mitstreiter für ein noch nicht finanziertes Herzensprojekt zu finden, und ich brauchte wirklich ein paar erfahrene Leute, die sich auf ihren Job verstanden.

Eines Abends also, als ich schon vollkommen erledigt und der Verzweiflung nahe war, und meine letzte Chance – der Ex-Freund eines ehemaligen Klassenkameraden, der an einigen recht bedeutenden Produktionen für TV4 beteiligt gewesen war – wegen eines anderen, besser bezahlten Jobangebots abgesagt hatte, gab ich auf. Und brachte Tone gegenüber Emmy ins Spiel.

Vor diesem Abend hatte ich kein Wort über Emmy verloren. Doch trotz meiner beharrlichen Versuche, so zu tun, als hätte es Emmy Abrahamsson nie gegeben, hatte sie doch immer noch in meinem Hinterkopf herumgespukt. Ich hatte in regelmäßigen Abständen einen Blick auf ihre Facebook-Seite geworfen, ihren Namen spätabends in die Maske der Suchmaschine getippt.

Für Emmy war es nach dem Examen gut gelaufen – jedenfalls besser als für die meisten anderen Absolventen unseres Abschlussjahrgangs. Die Hälfte unserer ehemaligen Kommilitonen hatte der Filmbranche nach ein paar Jahren wieder den Rücken gekehrt, aber nicht Emmy.

Überrascht hat es mich eigentlich nicht. Clever war sie schon immer gewesen.

Ich schalte in einen niedrigeren Gang, als der Untergrund ebener wird, und seufze erleichtert auf. Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass ich vor Anspannung die Luft angehalten hatte. Eingehend mustere ich die Holzhäuser, die jetzt vor uns in Sicht kommen. Sie wurden nach typischer schwedischer Bauweise errichtet, mit Satteldächern und kleinen Fenstern. Das erste Häuschen, das wir passieren, ist winzig klein, kaum mehr als ein Schuppen. Es liegt abseits, etwa hundert Meter von den Nachbarhäusern entfernt. Seine Wände mussten einst falunrot gewesen sein, jetzt aber blättert der Anstrich großflächig von den Holzbrettern ab, und die Fensteröffnungen starren uns schwarz und leer an. Nur noch ein paar Überreste von einigen zersprungenen Scheiben sitzen in den Fensterrahmen, deren weiße Farbe längst verwittert ist. Hinter dem Haus geht gerade die Sonne unter, und das schräg abfallende Dach wirft lange Schatten. Man kann nicht in das Häuschen hineinsehen.

Beinahe unbewusst bremse ich ab.

»Ob dies das Haus von …?«, setzt Tone an.

»Ja, das muss Birgitta Lidmans Haus sein«, beende ich ihren unvollendeten Satz. »Schwachkopf-Gittas Haus.«

Am liebsten würde ich hierbleiben und es mir genauer anschauen, aber wir sollten vor der Dunkelheit unser Lager aufschlagen. Unserem Zeitplan zufolge wollen wir morgen früh das Dorf erkunden. Längere Szenen wollen wir erst an Tag zwei und drei filmen. Aber wir müssen jede Minute der fünf Tage nutzen, danach ist unser Budget erschöpft.

Müssen geeignete Drehorte ausfindig machen und herausfinden, welche Szenen am besten wiedergeben, wie die fertige Dokumentation später aussehen soll.

Der kleine Trailer, den wir auf unserer Crowdfunding-Plattform hochgeladen haben, ist uns erstaunlich gut gelungen, obwohl wir kaum Material hatten, auf das wir uns stützen konnten. Tone hatte einen Freiberufler aus ihrer Zeit in der Werbebranche dafür gewinnen können, der ihn für sie zum Freundschaftspreis gemacht hat. Doch so gut der Trailer auch ist, bietet er doch nur 45 Sekunden lang lose Sequenzen von Naturaufnahmen, Bilder von alten Dokumenten und ein unheilvolles Voiceover. Ein »richtiger« Trailer mit dramatischen Aufnahmen aus Silvertjärn selbst würde unserer Crowdfunding-Kampagne vielleicht den entscheidenden Kick geben.

Wir hätten eine Drohne mieten sollen, denke ich, während ich meinen Blick über die Häuser schweifen lasse. Das wäre ein eindrucksvoller Auftakt gewesen! Silvertjärn von oben gesehen, eine pittoreske Kleinstadt im Frühlingssonnenschein – bis man näher an die Häuser heranzoomt und erkennt, dass das Idyll trügt und der Verfall ersichtlich wird: eingestürzte Hauswände, in den Boden gesunkene Grundmauern, einst makellose kleine Veranden, die sich bei näherem Hinsehen als morsch und zusammengebrochen erweisen …

Ich hatte das für unnötig gehalten, hatte gedacht, dass wir uns das für die eigentlichen Filmaufnahmen aufsparen konnten, aber jetzt, da wir hier sind, bereue ich diese Entscheidung. Tatsächlich hängt alles von diesem kurzen Trip ab. Uns bleibt nur dieser eine Versuch. Gelingt es uns nicht, etwas daraus zu machen, kann ich wohl kaum darauf setzen, dass Max einen weiteren Dreh finanzieren würde.

»Da vorne ist sie!«, ruft Tone aus.

Zuerst verstehe ich nicht, worauf sie da zeigt. Aber dann sehe ich sie plötzlich hinter der wild wuchernden Vegetation – eine Straße. Sie ist nicht asphaltiert, aber das hatte ich auch nicht erwartet.

»Das muss die Hauptstraße sein«, sage ich aufgeregt.

Auf diesem Weg kommen wir spürbar einfacher voran, obwohl auch er überwuchert und voller Schlaglöcher ist. Keine von uns beiden spricht, während wir in das Dorf hineinfahren. Wir sind vollauf gefesselt von dem Anblick, der sich uns bietet.

Zuerst sehen wir vor allem Reihenhäuser: weiße, rote und gelb gestrichene. Sie starren uns aus leeren Fensterhöhlen an wie vorwurfsvolle Skelette – gespenstische Überreste des schwedischen Traumes vom »Volksheim.«

Heidekraut und Sträucher haben sich überall breitgemacht, dazwischen knorrige, kleine Kiefern. Sie schießen aus rissigen Vortreppen und umgefallenen Lattenzäunen. Wann die Vegetation den Ort wohl endgültig verschluckt haben würde? In weiteren sechzig Jahren? In hundert?

Flüchtig überfällt mich eine verblüffend lebendige Vision, sie erscheint mir realer als der uns umgebende Verfall: dieselben, jedoch frisch gestrichenen Häuser mit üppig blühenden Gärten. Spielende Kinder auf der Straße, die sich nicht nach Autos oder auch nur Fahrrädern umsehen müssen. Frauen, die frisch gewaschene Bettlaken vor dem Haus zum Trocknen aufhängen. Unrasierte, schweißüberströmte Männer, die sich nach Beendigung ihrer Grubenschicht mit Wasser aus einem Eimer im ­Garten waschen, bevor sie sich in der einfach eingerichteten, aber gemütlichen Wohnküche an den grob gezimmerten Esstisch setzen, auf dem schon die dampfenden Teller stehen. Hier im Dorf isst man früh zu Abend, nicht später als um fünf.

Als wir über einen Stein fahren, macht unser Wagen einen Satz und reißt mich aus meiner Fantasievorstellung. Ich sollte mich lieber auf das konzentrieren, was vor uns liegt, als auf die Vergangenheit.

Die Sonne ist nun endgültig hinter den Bäumen verschwunden. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, bis uns die Dunkelheit umhüllen wird.

Als wir eine einstige Kreuzung überqueren, macht Tone mich wortlos auf etwas aufmerksam. Ich gebe einen Fluch von mir, bremse ab und bleibe mit laufendem Motor stehen.

Schnell lasse ich die Seitenscheibe herunter und signalisiere den anderen hinter uns stehen zu bleiben.

»Was ist?«, ruft Robert mir durchs Fenster zu. Hinter ihm hält Max’ blauer Volvo, wie ich im Seitenspiegel sehe. Er scheint es ohne größere Probleme den Hang herunter geschafft zu haben.

»Da ist die Brücke!«, rufe ich. »Oder … jedenfalls die Überreste davon.«

Aufgrund des Berichtes der Grubengesellschaft hatte ich angenommen, dass die westliche Brücke aus Eisen gewesen wäre, aber sie musste wohl doch aus Holz gewesen sein. Mir ist unbegreiflich, wie die Gutachter sie vor zwanzig Jahren als stabil bewerten konnten. Nur ein paar verrottete schwarze Stumpen diesseits und jenseits des Flusses sind noch von ihr übrig. Der Fluss hat sich breiter und tiefer ins Flussbett eingegraben, als ich erwartet hätte, und das Gewässer strömt schneller in Richtung See, als es die dunkle, ruhige Wasseroberfläche auf den ersten Blick vermuten ließe.

»Verdammt!«, murmele ich.

»Und jetzt? Was sollen wir machen?«, fragt Tone. Sie knipst ein paar Fotos von den Überresten der Brücke.

»Keine Ahnung«, erwidere ich.

»Sollen wir unser Lager vielleicht doch lieber woanders aufschlagen?«, sagt Tone. »Nur für diese eine Nacht. Und dann sehen wir morgen, wie wir ans andere Ufer kommen.«

»Nein, lieber nicht.« Ein kleiner Schauder läuft mir über den Rücken. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie die Häuser mich aus toten Augenhöhlen anstarren. »Nein. Wir schauen nach, ob die andere Brücke noch steht. Falls nicht, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.«

Tone sieht mich verwundert an. »Hatte in dem Bericht nicht gestanden, dass die Konstruktion nicht trägt?«

»Ich weiß, was in dem Bericht stand«, falle ich ihr ins Wort. »Aber was diese Brücke angeht, haben sie sich ja schon mal geirrt. Vielleicht also auch bei der anderen Brücke? Oder sie haben die beiden womöglich miteinander verwechselt.«

Tone presst verärgert die Lippen zusammen.

»Ich informiere die anderen«, sage ich und verlasse rasch den Wagen. Die Abgase der Automotoren steigen mir in die Nase, als ich schnell zum anderen Kastenwagen gehe. Robert sieht vollkommen entspannt aus, wie er da am geöffneten Fenster sitzt und wartet. Wortlos sieht er mich an.

»Wir müssen es mit der anderen Brücke versuchen, die ein Stück weiter vorne liegt.«

Er nickt zum Zeichen, dass er verstanden hat.

Emmy wirft mir einen kalten Blick zu.

Ich winke zu Max hinüber, zeige zum Fluss, gestikuliere. Hoffentlich hat er begriffen, dass er uns folgen soll.

Als ich wieder auf dem Fahrersitz Platz nehme, knabbert Tone an ihrem Daumennagel. Sie starrt das Haus auf der linken Seite an, ein kleines Einfamilienhaus, das früher sicherlich einen bilderbuchartigen Charme besessen hat. Es ist eines von den größeren Häusern. Vielleicht hat es früher ja einem Grubenvorarbeiter gehört.

»Was ist mit dir?«, frage ich und hoffe, dass sie nicht mehr wegen meines Tonfalls vorhin eingeschnappt ist.

Sie zuckt zusammen, lässt die Hand in den Schoß sinken. »Hm? Was?«, erwidert sie geistesabwesend.

»Du siehst aus …«, beginne ich und mustere das Haus. Es ist in besserem Zustand als die Nachbarhäuser. Die Haustür steht einen Spalt offen und hängt schief an einem einzigen verrosteten Scharnier, aber die Wände des Hauses stehen noch, das Dach ist noch heil und der Großteil der Fassade unbeschädigt. »… du siehst aus, als hättest du irgendetwas Bestimmtes entdeckt«, beende ich meinen Satz.

Mit überraschtem, noch immer etwas leerem Ausdruck sieht Tone mich an. Dann verzieht sie die Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln, das ihre Augen nicht ganz erreicht. »Ich war nur in Gedanken.«

Ob das wirklich stimmt? Aber dann schüttele ich das mulmige Gefühl, das mich auf einmal beschlichen hat, ab. Eigentlich gibt es keinen Grund zur Sorge. Es ist nicht immer leicht, Tone zu verstehen, und sie tut sich schwer mit diesem Trip. Teilt meine Begeisterung über Silvertjärn nicht im gleichen Maße.

In gemächlichem Tempo zuckeln wir die Straße entlang, und der Fluss verschwindet hinter den Häuserzeilen. Die Schatten der Nacht haben sich mittlerweile über den Ort gesenkt.

Die Bebauung auf der linken Seite endet, und ich erspähe einen willkommenen Umriss. Erleichterung durchströmt mich.

»Ha!«, rufe ich triumphierend aus und deute auf die kleine Brücke vor uns.

Tone gibt ein leises Pfeifen von sich. »Wie malerisch!«

Die geschwungene Brücke aus Granitstein sieht aus wie einem Märchen entsprungen. Sie ist dicht von Moos bewachsen, macht allerdings einen stabilen Eindruck. Sie scheint älter zu sein als die meisten Gebäude im Ort.

»Das muss die ursprüngliche Brücke gewesen sein, oder?«, sagt Tone. »Bevor der Staat den Grubenbetrieb übernahm und der Ort erweitert wurde.«

»Ja, genau. Die müssen sich im Bericht vertan haben. Es muss diese Brücke sein, die als solide galt.«

Tone zieht ungläubig die Augenbrauen hoch, als ich auf die Brücke zuhalte. »Bist du dir da auch wirklich sicher? Wenn sie wirklich schon so alt ist, wie du sagst, ist es doch gut möglich, dass sie uns nicht trägt. Wie stabil konnte man damals schon bauen? Die Brücke da ist doch sicherlich für Pferd und Wagen und nicht für Autos erbaut worden …«

Ich bin kurz verunsichert. Dann schüttele ich den Kopf und gebe vorsichtig wieder Gas. »Sie hält«, sage ich voller Überzeugung und fahre auf die Brücke.

Für einen flüchtigen Moment rechne ich beinahe damit, dass der Boden unter uns nachgibt. Aber es geschieht nichts, und im nächsten Augenblick befinden wir uns schon auf der anderen Seite.

Tone schüttelt nur fassungslos den Kopf. Ich verspüre Triumph, grinse übers ganze Gesicht. Ich wusste es! Ich wusste, dass sie halten würde.

Was es doch für einen Kampf für mich bedeutet hat, hierherzugelangen! Wie ich um jeden kleinen Fortschritt gerungen habe. Aber jetzt kann mich nichts mehr stoppen, dieser Film muss einfach kommen!

Von der Brücke verläuft die Straße schnurgerade auf den Marktplatz zu. Das Kopfsteinpflaster des Platzes ist von Heidekraut überwuchert.

Ein Gebäude mit ergrauter Steinfassade beherbergt anscheinend das Rathaus, und auf der gegenüberliegenden Seite erhebt sich ein großes Holzhaus, das mich unmittelbar an Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt erinnert – das muss die alte Volksschule von Silvertjärn sein.

Der Marktplatz ist kleiner, als ich angenommen hatte. Aus den Fugen des Kopfsteinpflasters sprießen vergilbte Gräser – Überbleibsel des vergangenen Sommers –, und ein paar besonders ehrgeizige Kiefernsprösslinge haben einige Pflastersteine aufgeworfen, bevor sie sich dem Winter ergaben.

Auf der Mitte des Platzes halten wir an. Ich ziehe die Handbremse an, der Motor erstirbt. Emmys Wagen parkt neben uns, der Volvo unmittelbar dahinter.

»Da sind wir also«, sagt Tone. Wir sehen beide an der Kirche empor, kaum noch zu erkennen in der Dunkelheit. Die Kirchturmspitze versinkt in der blauen Abenddämmerung.

Ich versuche, mir alles ringsherum genau einzuprägen und mit allen Sinnen aufzunehmen: die hereinbrechende Nacht, den leichten Kiefernduft, die kalte Luft, die beim Aussteigen auf meinen Wangen spürbar wird.

Silvertjärn. Nun haben wir unser Ziel endlich erreicht.

Und das ist erst der Anfang.

Heute

Es ist kälter, als ich dachte. Die leise Aprilwärme ist mit dem letzten Tageslicht verschwunden, die Kälte des Winters sitzt noch immer tief im Boden, und das Kopfsteinpflaster ist geradezu eisig. Frostgeruch erfüllt die Nacht.

Wir haben ein kleines Lagerfeuer entfacht. Die gesamte Situation hat etwas bizarr Gemütliches an sich. Auf Emmys Bitte hin hat Robert an den von uns mitgebrachten Generator einen kleinen Lautsprecher angeschlossen, aus dem blecherne Rockmusik schallt. Wer von den beiden die Musik ausgesucht hat, weiß ich nicht, aber sie weckt alte Erinnerungen an zugige Studentenbuden und schales Bier in mir. Erinnerungen an Emmys Kopf an meiner Schulter und an ausgelassenes, berauschtes Partygeplapper.

Die Isomatte, auf der ich sitze, ist eigentlich zu dünn. Ich spüre die Heidebüschel unter meinen Schenkeln, die Unebenheiten des Kopfsteinpflasters. Tone sitzt links neben mir und löffelt den rasch erwärmten Eintopf. Wir haben Lebensmittel für eine Woche im Gepäck – zur Sicherheit nur –, aber Delikatessen sind nicht dabei. Tone und Emmy essen zudem strikt vegetarisch, weshalb unsere Nahrungsvorräte vor allem aus Linsen und Bohnen bestehen.

Rechts neben mir sitzt Max. Seine Schulter streift meine. Er hat einen dicken grauen Strickpulli über sein Hemd gezogen, der an den Ärmeln eine Spur zu lang ist. Er hat die Zubereitung der Mahlzeit übernommen. Mit wichtiger Miene rührt er in regelmäßigen Abständen den Eintopf über dem Feuer um. Das ist so typisch für Max: Er möchte immer, dass alles auch ja richtig gemacht wird, und traut anderen nie zu, dass sie es so machen könnten, wie er es eben für richtig hält. Aus diesem Grund wollte er auch sein eigenes Auto nehmen, statt in einem der Lieferwagen mitzufahren, und vermutlich hat er auch deshalb darauf bestanden, uns bei den Aufnahmen zu begleiten, obwohl er keinerlei Erfahrung mit Filmproduktionen hat.

Max und ich haben uns nach meinem Examen kennengelernt. In dem verwirrenden Alter um Mitte zwanzig, als noch niemand so richtig seinen Platz im Leben gefunden hatte, gehörten wir derselben losen Clique an. Er war ein Computernerd mit einer Vorliebe für Indie-Pop und hatte einen schier unendlichen Vorrat an Wortspielen auf Lager. Und schon damals war er extrem pedantisch. Aber das hat sich bezahlt gemacht – gerade weil er ein Mensch ist, der alles so genau nimmt, hat er schon mit neunundzwanzig mit Blockchain-Transaktionen ein kleines Vermögen gemacht. Und deshalb hat er für unser Filmprojekt auch so viel Kapital dazuschießen können, dass wir überhaupt mit der Umsetzung anfangen konnten.

Ich lächele Max zu. Er erwidert mein Lächeln, sein jungenhaftes, leicht asymmetrisch geschnittenes Gesicht leuchtet im Schein der Flammen auf.

»Was ist?«, fragt er.

»Ach, ich kann immer noch nicht richtig fassen, dass wir jetzt endlich hier sind. Hier, mitten in Silvertjärn«, versuche ich ihm meine Empfindungen zu erklären.

Da sehe ich, dass Emmy ihre gedämpfte Unterhaltung mit Robert unterbricht und uns anblickt. »Ja, das kommt einem ganz unwirklich vor.«

Emmy hält einen Flachmann in der Hand. Sie nimmt einen kleinen Schluck, während sie in die Dunkelheit späht. Über uns breitet sich der Sternenhimmel aus, und der dunkle Neumond gleicht einem geschlossenen Auge, das den Blick vor dem Himmel verschließt. Nur ein leiser Windhauch zieht durch den Ort, trotzdem schlüpft er unter unsere Kleidung, es schüttelt mich vor Kälte. Max blickt mich fragend an und macht Anstalten, seinen Pulli auszuziehen, wohl um ihn mir zu überlassen.

Ich komme ihm schnell zuvor. »Nein danke, ist schon okay. Ich habe nur ein kleines bisschen gefröstelt.«

Emmy trinkt noch einen Schluck, bevor sie den Flachmann an Robert weiterreicht. Ihm fällt auf, dass ich ihn ansehe. Fragend hebt er die Augenbrauen. Ich bin versucht, auch einen Schluck zu nehmen, bis ich Emmys Blick auf mir spüre. Ich zögere.

»Nein danke«, sage ich und merke, dass ich gereizt bin. »Ich trage hier schließlich für alles die Verantwortung, da will ich lieber nichts trinken, so lange wir hier sind.«

»Sehr klug«, bemerkt Emmy mit heiserer Stimme, und ich bin mir sicher, einen spöttischen Unterton herauszuhören.

»Ja, das finde ich nun mal«, sage ich so sachlich wie möglich.

»Silvertjärn hat nur diesen einen Marktplatz, oder?«, wechselt Emmy das Thema. Und ehe ich antworten kann, fährt sie in bedeutungsvollem Ton fort: »Auf diesem Platz also …«

»Ja«, sage ich. »Das ist der Marktplatz. Hier haben sie sie gefunden. Birgitta.«

Nachdem wir die Autos geparkt hatten, war es schon derart dunkel gewesen, sodass uns keine Zeit mehr geblieben war, um den Marktplatz richtig zu erkunden. Trotzdem hatte ich nicht widerstehen können und nach dem Zeltaufbau noch eine kurze Runde über den Platz gedreht –, um alles in mich aufzunehmen, die Stille und die Gerüche, und um mir überhaupt ein Bild davon machen zu können.

Den Schandpfahl habe ich nicht gefunden, aber das hatte ich auch gar nicht erwartet. Er war beim Abschneiden des Leichnams sicherlich gefällt worden, und selbst wenn man dies wider aller Annahmen nicht getan hatte, wäre von so einem Holzpfahl nach über sechzig Jahren nichts mehr übrig. Aber ich habe ein Loch im Boden gefunden, in dem er einst verankert gewesen sein musste.

»Wo ist sie bestattet worden?«, fragt mich Max.

Aus meinen Gedanken gerissen, zucke ich zusammen. »Ich weiß es nicht. Ich habe nach Informationen darüber gesucht, aber nirgends etwas finden können.«

»In dem Material, das du uns gegeben hast, hat so gut wie nichts über sie gestanden«, bemerkt Emmy.

»Nein, über sie ist nicht viel verzeichnet. Der Großteil der Informationen über sie stammt aus den Briefen meiner Großmutter und lässt sich nur schwerlich bekräftigen. Ich habe im Melderegister nach ihr gesucht und eine Birgitta Lidman, 1921 geboren, Tochter von Kristina Lidman, gefunden. Und das ist auch schon alles, was bei den Behörden über sie vermerkt wurde. Es gibt keine Dokumentation von Arztbesuchen, keine Schulzeugnisse, gar nichts.«

»Jemand namens Schwachkopf-Gitta wird auch wohl kaum die Schule besucht haben«, wendet Max ein. »Erst recht dann nicht, wenn es so schlimm um sie stand, wie es in den Briefen beschrieben wird.«

»Den Briefen nach zu urteilen scheint sie an irgendeiner Form von Autismus gelitten zu haben«, ist Roberts tiefe Bassstimme zu hören.

»Das wäre möglich«, erwidere ich. Ich hatte stundenlang im Internet zu den Symptomen recherchiert, die bei Birgitta beobachtet worden waren. »Oder an einem Chromosomenfehler.«

»Man kann Menschen nicht auf so eine Art einer Diagnose unterziehen«, ermahnt uns Tone. Der Feuerschein hat tiefe Schatten auf ihr Gesicht gezeichnet; es sieht gespenstisch aus.

»Natürlich nicht. Davon kann auch gar keine Rede sein«, stimme ich ihr zu.

Die Musik ist verhallt. Nur noch das Knistern des Feuers ist zu hören. Die meisten Äste sind schon zu Asche verbrannt, andere scheinen durch und durch zu glühen. So ins Feuer zu starren hat eine beinahe hypnotische Wirkung.

»Hast du herausfinden können, was aus dem Findelkind wurde?«, wendet sich Emmy mit hochgezogenen Augenbrauen an mich.

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