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Das Rätsel des Pferdeamuletts - Eponas Erbe

hier erhältlich:

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Das Finale der großen Pferdesaga!

Der Hof von Godjes Schwester wurde zerstört und Cora selbst liegt im Koma. Bei dem Versuch, die Amulette aus der Reichweite des Dunklen zu bringen, wurde ihre Seele im Land hinter den Nebeln – dem Reich der Pferdegöttin Epona – gefangen. Godje ist die einzige, die sie retten und den Fluch ein für alle Mal brechen kann. Doch um ihre Familie und die Pferde zu schützen, braucht sie ein weiteres Amulett. Wird es Godje gelingen, ihre Schwester und die Göttin zu retten und zu verhindern, dass dem Dunklen der Schlüssel zur Unterwelt und zu den Seelen aller Pferde in die Hände fällt?

Eine mitreißende Geschichte über Pferde, antike Gottheiten und ein junges Mädchen, das nach ihrer Identität sucht!


  • Erscheinungstag: 23.03.2021
  • Aus der Serie: Das Rätsel Des Pferdeamuletts
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 240
  • Altersempfehlung: 12
  • Format: Klappenbroschur
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505144158

Leseprobe

Prolog

Epona trug Gyde ins Land hinter den Nebeln. Der mit Rosenblüten geschmückte Schimmel stapfte trittsicher durch den morastigen Boden. Jeder seiner Schritte hinterließ ein quatschendes Geräusch, wenn er die eingesunkenen Hufe aus dem Moor hob.

Gydes Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie saß zum ersten Mal auf einem so mächtigen und wunderschönen Tier. Der Schimmel war groß, und sie spürte deutlich, wie sich seine Rückenmuskeln unter ihren Beinen bewegten.

»Du bist hier sicher«, sagte Epona ruhig. »Aber er wird versuchen, dich zu finden, dich herauszulocken und deine Macht an sich zu binden. Denn solange du hier bist, sind die Pferde drüben in den Welten ungeschützt. Darum musst du von Zeit zu Zeit von hier fortgehen, durch andere Zeiten, um für sie zu sorgen. Willst du das für mich tun?«

Gyde nickte verwirrt. Sie fürchtete sich sehr.

»Welche Macht denn?«, flüsterte sie und suchte mit den Händen das warme Fell des Pferdes. »Ich habe keine Macht. Ich bin nur eine Waise, ein Findelkind, das niemand haben will. Wer wird mich suchen? Mein Onkel?«

»Du wirst wachsen, Gyde. Und du wirst viele Namen tragen, genau wie ich. Auch dies dient unserem Schutz. Jede Sonne hat als Gegenpol eine dunkle Energie. Je heller du scheinst, desto mehr Schatten wirst du werfen, desto mehr Wesen der Nacht wirst du anziehen. Aber sie werden dein Licht nur noch heller strahlen lassen, zum Wohl der uns Anvertrauten. Deine Macht ist deine Herkunft.«

»Aber ich weiß nichts über meine Herkunft«, murmelte Gyde. »Und sie kann bestimmt nicht besonders sein, Herrin. Ich komme aus einem kleinen Dorf. Ich weiß von keinen weiteren Verwandten. Da ist nur mein Onkel …«

Sie schauderte. Was, wenn die Göttin sie verwechselte? Wenn sie zurückmusste? Zu ihm! Er würde sie töten, denn dies hier war ganz bestimmt eine Verwechslung! Ganz sicher würde sie sterben, noch heute Nacht.

Der Schimmel brummelte leise. Gyde sah sich panisch um und klammerte sich in seiner Mähne fest. Lauerte er irgendwo? Hatte er sie bereits gefunden?

»Er hat nicht länger Gewalt über dich«, erwiderte Epona sanft. »Dieses Land steht ihm nicht offen. Fürchte dich nicht.« Sie lächelte liebevoll und lenkte das weiße Pferd auf eine Anhöhe. »Du bist meine Tochter, und dies ist dein Zuhause. Vergiss das nie.«

Im Tal auf der anderen Seite gab der Nebel den Blick auf eine riesige Pferdeherde frei, die friedlich graste. Fohlen spielten miteinander, Gelächter drang zu ihnen herauf, und Gyde sah, dass die Pferde von Mädchen und Jungen umsorgt wurden, die fröhlich zwischen den Tieren umherliefen. Eine nie gekannte Sehnsucht erfasste sie.

Der Schimmel wieherte. Sein Begrüßungsruf hallte in jeder Faser ihres Körpers und ihrer Seele nach. Auch im Tal wurde er vielfach erwidert.

»Du bist nicht allein. Ich habe viele Kinder. Ich bin du, und ihr seid ich, seit dem Anbeginn der Zeit und über alle Zeiten hinaus. Jetzt komm, und lerne deine Geschwister kennen und die, die sie hüten.«

1. Was bisher geschah …

Mein Name ist Godje. Ich bin knapp fünfzehn Jahre alt, und wenn mir noch vor zehn Monaten irgendwer erzählt hätte, dass ich mich einem Pferd mal freiwillig auf weniger als hundert Meter nähern würde – ich hätte einen hysterischen Lachanfall gekriegt und Freifahrtscheine fürs Pfefferkuchenland verteilt. Ich und diese behuften Fellmonster mit den gelben Riesenzähnen? Niemals!

Doch dann wurde ich vierzehn, bekam anonym ein rätselhaftes Amulett geschenkt, und alles wurde anders und immer verrückter. Ich bin ins Eis eingebrochen, von zu Hause abgehauen, habe die Schule geschwänzt, einen als gefährlich verschrienen Hengst geklaut und einen See durchschwommen – im November.

Das ist alles harmlos gegen den Rest, aber es ist auch unglaublich viel Tolles passiert. Ich fand Arion – oder, besser gesagt, er fand mich. Und ja, das ist ein Pferd, und was für eins! Ich habe jetzt keine Angst mehr vor diesen magischen Geschöpfen. Ich habe Fynn geküsst, und ich kann es kaum glauben, aber ich schätze, wir sind jetzt zusammen.

Ich fand auch meine Schwester Cora, die wie ich zum vierzehnten Geburtstag ein Medaillon geschenkt bekommen hatte, und ihren Mann Aides.

Ich erfuhr, dass ich nicht nur eine, sondern zwei Großmütter habe, die seit Jahren nicht mehr miteinander geredet haben: seit dem Tag, als meine Eltern bei einem Autounfall gestorben sind. Und seitdem versuchen beide, mich auf ihre Art zu beschützen. Eine von ihnen, Anyta Kuret, habe ich erst vor einem Dreivierteljahr kennengelernt. Sie hat mich und die Pferde geschickt zusammengebracht, doch dann hat sie den Hengst Arion und mich betrogen. Ich möchte nicht darüber reden. Aber Oleg, der alte Stallmeister, hat sich als wirklich guter Freund erwiesen.

Meine Nana wollte mich dagegen mein ganzes Leben lang und mit allen Mitteln von Pferden fernhalten, denn das mit Mama und Papa war kein gewöhnlicher Autounfall, und ich bin offenbar kein gewöhnliches Waisenkind. Ich bin eine von Eponas Erbinnen, und durch das Medaillon wurde meine göttliche Gabe, mit Pferden umzugehen, aktiviert. Sie liegt bei uns in der Familie und geht direkt auf die keltische Pferdegöttin Epona zurück. Aber dieses Geschenk birgt auch einen Fluch. Es hat unsere Eltern das Leben gekostet. Deswegen sind unseresgleichen seit Tausenden von Jahren auf der Flucht vor dem Dunklen. Klingt abgefahren? Ist es auch!

Ich kann mit Pferden kommunizieren. Ich sehe und fühle ihre Geschichte. Ich kann ihnen helfen. Und umgekehrt versuchen Pferde, mich zu beschützen. Jederzeit – koste es, was es wolle.

Sosehr ich mir auch manchmal mein normales Leben zurückwünsche, ich habe keine Wahl. Es steuert alles auf etwas Großes, Gewaltiges zu, das ich nicht kenne, und das macht mir verdammt viel Angst.

Ach ja, und dann wäre da noch eine Kleinigkeit. Der Dunkle ist Aides und Fynns Vater, und er will uns alle vernichten. Diesmal wäre es ihm fast geglückt. Er hat es nicht nur geschafft, uns aufzuspüren, sondern auch, Cora und Aides einzulullen, sodass sie fast aufgegeben hätten.

In letzter Sekunde konnte Cora verhindern, dass er unsere beiden Amulette an sich brachte … aber zu einem schrecklichen Preis. Cora liegt im Koma. Ohne ihr Amulett ist ihre Seele gefangen in den Nebeln, irgendwo auf dem Weg in Eponas Reich, die Anderswelt.

Und während alle hier davon ausgehen, dass ich die Einzige bin, die sie zurückbringen kann, habe ich keine Ahnung, wie ich das bitte schön bewerkstelligen soll. Ich weiß nur: Die Amulette schützen uns. Über sie sind wir wie durch eine Nabelschnur mit Eponas Reich verbunden.

Der Dunkle wird weiter versuchen, sie an sich zu reißen und zu vereinen, damit er durch sie den Schlüssel zur Unterwelt gewinnt – denn erst, wenn er alle drei Amulette besitzt und die Macht der Pferdegöttin und all ihrer vorigen Trägerinnen auf sich vereinen kann, öffnet sich diese Tür dauerhaft.

Das dritte Amulett gehört Rhianna, meiner mittleren Schwester. Sie ist in großer Gefahr. Ich muss sie vor dem Dunklen finden, und zwar schnell. Nur mit ihr zusammen kann ich Cora zurückbringen und uns alle retten.

Warum nur habe ich das Gefühl, dass alles immer schlimmer wird, je mehr Menschen aus meiner Familie ich kennenlerne und je mehr ich über diese ganzen Geheimnisse herausfinde?

Klingt kompliziert? Ist es auch! Ich hätte wirklich gern andere Probleme! So was Einfaches, Normales wie Schule oder Pickel oder ein ausverkauftes Konzert meiner Lieblingsband. Stattdessen habe ich vor vier Tagen erlebt, wie es sich anfühlt, wenn ein Oberschurke mit übernatürlichen Kräften so richtig miese Laune hat.

Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie der Dunkle den halben Hof in Schutt und Asche gelegt hat. Ich glaube, er hätte uns wirklich alle getötet. Und Aides hatte er als Ersten in seine Gewalt gebracht.

Ich muss mich setzen, als die Erinnerung an die Geschehnisse mich überrollt wie eine Monsterwelle. Alles ist wieder da. Die Eiseskälte auf meiner Haut, die Atemwölkchen von jetzt auf gleich, die elektrische Spannung in der Luft, wie kurz vor einem Gewitter – und diese Stimme, die mir um ein Pferdehaar das Blut in den Adern gefrieren lässt …

»Ah. Da sind ja meine Liebsten. Siehst du, Aides? Ich laufe den Dingen nicht nach. Sie kommen zu mir. Das ist eine Lektion, die du dir merken musst, mein Sohn.«

Ich fuhr herum. Aides und der Dunkle standen keine drei Meter von uns entfernt. Ich fror, wie ich noch nie gefroren hatte. Dagegen glichen selbst meine Eisbäder mit Arion einer Wellnesspause in der dampfenden Badewanne.

Aides’ Augen waren weit aufgerissen. Der Dunkle dagegen grinste selbstgefällig. Zum ersten Mal verstand ich, woher er seinen Namen hatte. Es war seine Aura. Sie verschluckte alles Licht. Es blieb nicht einmal genug für einen Schatten übrig.

Siegessicher öffnete er seine Hand. »Gebt sie mir«, forderte er.

Ich bedauerte, dass ich Fynn nicht noch einmal geküsst hatte. Nana hätte ich so gern noch gesagt, wie lieb ich sie habe. Und ich war noch nie mit Arion über ein Stoppelfeld galoppiert.

Es war vorbei.

Ich sah Cora an, bereit, aufzugeben und mich in unser Schicksal zu fügen. Langsam griff ich in die Tasche meines Bademantels und fischte ihr Amulett und Aides’ Ring heraus.

Aber in Coras Augen blitzte etwas auf. Im nächsten Augenblick hatte sie mir mein Medaillon vom Hals gerissen und ihr eigenes zusammen mit den beiden Ringen geschnappt. Bevor irgendjemand schalten und sie aufhalten konnte, rannte sie damit in Richtung des Tränkebottichs von Kasimir und der Stute.

Der Dunkle erstarrte. Dann riss er die Arme hoch, und direkt hinter Cora stürzte krachend die Stallwand ein. Eine Mistgabel bohrte sich wie von Geisterhand direkt neben ihr in den Boden und verfehlte nur knapp die beiden kranken Pferde. Entsetzt stoben Amber und Kasimir auseinander.

Ich dachte nicht darüber nach, ob es klug war oder nicht, ich wollte nur den kleinen Ponywallach beruhigen und aus der Gefahrenzone retten.

Die Pferde reagierten so wie immer, wenn ich bedroht wurde: Sie versuchten zu helfen. Kurze Bildsequenzen aus meiner Kindheit blitzten auf: der Wallach beim Sankt-Martins-Umzug, der gestorben war, als ein Auto auf uns Laternenkinder zugerast war; eine Gruppe Pferde, die mich vor einem bissigen Nachbarshund beschützt hatte. Und nun war Kasimir drauf und dran, sich dem Dunklen in den Weg zu stellen. Der feuerte weiter mit Werkzeugen und Geräten aller Art auf uns. Gerade verfehlte ein Spaten Kasimirs Brust um Haaresbreite.

Ich würde es nicht ertragen, noch ein Pferd für uns sterben zu sehen. Wie in Trance ging ich auf den Wallach zu. Im nächsten Moment sah ich aus dem Augenwinkel Amber auf mich zustürmen, gerade als ich nach Kasimirs Halfter greifen wollte. Die Stute rempelte mich an, und der gezielte Bodycheck brachte mich völlig aus dem Gleichgewicht. Dicht neben meinem Kopf zischte etwas, und eine Forke schlug mit dem Stiel voraus direkt vor meinen Füßen ein. Die Zinken rissen mir den Ärmel auf. Ich ignorierte den Schmerz, so gut ich konnte. Mit zusammengebissenen Zähnen hechtete ich an Ambers Kopf und griff um ihre Nase. Sie trug kein Halfter, also musste ich sie so überzeugen, mir zu folgen. Aber ich konnte mich kaum auf meinen eigenen Beinen halten. »Kasimir?«, hustete ich. Wo war der kleine Mann? Meine Augen tränten. Ich konnte kaum noch etwas sehen. Die Stute neben mir schnaubte und schnorchelte, und ich hatte Mühe, dass sie mir in all dem Chaos nicht auf die Füße trat.

Um uns herum war die Hölle losgebrochen. Es staubte und rauchte, weil nun auch der Rest des Stallgebäudes aus den Angeln gerissen und in seine Einzelteile zerlegt wurde. Und da war Nebel. Außerdem war das gar nicht ich, die so schwankte, das war der Boden! Die Erde bebte, und Wind zerrte an meinem zerrissenen Bademantel. Zwischen meinen Fingern sickerte warmes, klebriges Blut hervor. Ob es Ambers war oder meins, konnte ich nicht sagen. Ich hatte furchtbare Angst. Mein Kopf flog herum. Verzweifelt versuchte ich, irgendetwas zu erkennen. Wo war Kasimir? Wo war unser Angreifer? Wie ging es Oleg? Was war mit Aides? Und wo steckte Cora?

Wie aufs Stichwort tat sich vor mir eine Lücke in den Nebelschwaden auf.

»Gib mir die Amulette!«, brüllte der Dunkle. Er hielt Kasimir am Schopf, und ich sah ein Messer in seiner Hand aufblitzen. Aber er blickte nicht mich an, sondern meine Schwester. Cora kniete vor dem Tränkebottich. Sie hatte es tatsächlich dorthin geschafft, aber was wollte sie da? Sie würde doch nicht …?

»Du wirst sie nie bekommen«, höhnte Cora. Dann schlug sie die beiden Ringe so heftig gegeneinander, dass es einen Funkenregen gab. Ein purpurrotes Flämmchen setzte zischend auf dem Wasser auf und löste eine Kettenreaktion aus. Die Oberfläche fing an zu strudeln und zu kreisen und bildete eine Windhose.

»Dann werden alle hier sterben!«, tobte der Dunkle. »Godje, willst du das? Halte sie auf!«

Verzweifelt öffnete ich den Mund. Aber selbst, wenn ich gewollt hätte, Amber blockte mich ab, ich konnte nichts tun. Die Zeit stand still. Alles war still. Kein Lüftchen regte sich, Staub und Bretter waren wie eingefroren, selbst der Dunkle verharrte mitten in der Bewegung …

Cora warf die beiden Amulette zusammen mit den Ringen in den Wasserstrudel. Rosenduft stieg mir in die Nase, und dann wirbelten ein paar Blütenblätter um uns herum, und ich sah den Schatten eines sich aufbäumenden Schimmels in der hochspritzenden Fontäne.

Der Bann war gebrochen. Aides schrie etwas. Der Dunkle brüllte auch. Er schnaubte vor Wut. Aber es war zu spät. Und genauso schnell, wie der Spuk begonnen hatte, war er wieder vorbei.

Ich drehte mich nach den beiden um. Aides rannte auf Cora und den Bottich zu. Der Dunkle war verschwunden. Einfach weg. Wir waren in Sicherheit. Mein Blick flog hinüber zu Kasimir. Dann zu Amber. Es war nur ein Kratzer, sie schien nicht schwer verletzt.

Was blieb, war unnatürliche Stille.

»Wir haben es geschafft«, wisperte ich. Dann rief ich lauter. »Cora. Wir haben es geschafft.«

Erst da hörte ich das Schluchzen.

Aides kauerte über der reglosen Gestalt meiner Schwester. Er hielt ihren Kopf auf seinem Schoß. Oleg kroch humpelnd auf die beiden zu. Ich rannte.

»Was ist mit ihr?«, fragte ich aufgelöst. »Ist sie gestürzt? Hat sie sich verletzt? Ist sie bewusstlos?«

»Die Nabelschnur«, sagte Oleg düster. »Ihre Seele ist mit dem Amulett ins Land hinter den Nebeln katapultiert worden.«

»Aber … wie ist das möglich?«, fragte ich. »Und wieso bin ich dann …«

Oleg fischte mit seiner vernarbten Hand im Tränkebottich herum. Zwei Ringe kullerten tropfend über den Boden – und ein Amulett blieb träge vor mir im Staub liegen. Ich hob es auf. Wie ein toter Fisch klebte es seltsam kühl und leblos in meiner Hand. Es war die Fälschung. Um meinen Hals glühte das echte Ebenbild Eponas.

»Hol sie wieder zurück, Godje.« Aides’ Augen schwammen in Tränen. »Du musst sie mir wieder zurückbringen.«

Ich nickte. Ich hatte nur nicht die leiseste Ahnung, wie. Verzweifelt warf ich mich in seine Arme.

»Du bist nicht allein«, sagte Oleg leise. »Finde Rhianna. Bevor er es tut. Sie ist eure einzige Chance.«

2. Reif für die Insel

Elf Jahre zuvor

»Und du bist dir wirklich sicher?« Unsicher sah Cora ihre jüngere Schwester an.

Rhianna blickte kurz von ihrem Kinderbuch auf und nickte strahlend. »Ich kann kaum erwarten, dass es endlich losgeht. Ich liebe England – und Wales noch viel mehr. Das weißt du doch!«

Sie zeigte auf die Poster über ihrem Bett. Es stimmte. Ihre kleine Schwester sammelte alles, was irgendwie mit der Insel zu tun hatte. Im Gegensatz zu Coras Zimmer, an dessen Wänden es von Pferdebildern wimmelte, hingen bei der Kleinen überall Landschaftsbilder mit Burgen und Ruinen. Dazwischen prangten Wimpel und Fähnchen in den britischen Farben und immer wieder der walisische rote Drache auf grünweißem Grund in verschiedensten Varianten.

»Was hast du nur mit Großbritannien?«, fragte Cora. »Da regnet es ständig. Italien ist viel schöner.«

Sie gruselte sich beim Anblick der geifernden roten Bestien und sah schnell woanders hin. Die auffällig blauen Augen ihrer zehnjährigen Schwester fingen sie ein. Sie hatten einen helleren, mehrfarbig schimmernden Kranz um die Pupille. Godje hatte diese Augen auch. Und auch sie selbst. Außerhalb ihrer Familie hatte sie noch nie jemanden mit solchen Augen gesehen.

»Es zieht mich magisch an«, lachte Rhianna. »All diese Fabelwesen und Sagen! Drachen, Einhörner, Kelpies – das Kreidepferd von Uffington … sie rufen mich. Ich kann sie hören. Du nicht?«

Cora schüttelte den Kopf. Ihr skeptischer Blick fiel auf ein Luftbild des riesigen weißen Umrisses auf der Oberfläche des Hügels. Forscher gingen davon aus, dass das gigantische Kreidebild bereits in der Bronzezeit in die Felsen gescharrt wurde – der keltischen Pferdegöttin Epona zu Ehren. Epona, immer wieder Epona.

Unwillkürlich folgte ihr Herzschlag dem Rhythmus des Amuletts. Cora griff automatisch nach dem Medaillon um ihren Hals, doch sie tastete ins Leere. Da hing es nicht mehr. Seit sie das Familienerbstück vor ein paar Tagen im Zorn an die Wohnzimmerwand geworfen hatte, war ihr Hals nackt. Und obwohl sie sich im ersten Moment befreit gefühlt hatte, war es inzwischen sehr seltsam und löste Schuldgefühle in ihr aus.

Sie tastete in ihrer Hosentasche herum, wo die antike Münze warm pulsierte. Ihre Finger glitten über das uralte Abbild Demeters mit ihrem Füllhorn und einem Pferd an ihrer Seite, und ihre Atmung beruhigte sich wieder.

Die Göttin hatte viele Gesichter.

Cora hasste es manchmal, wie sie ständig daran erinnert wurde, unter wessen Einfluss sie stand – sie alle.

Cora liebte Pferde. Abgöttisch. Und sie war dankbar für die Gabe, mit der die Göttin sie gesegnet hatte: heilende Hände, mit denen sie den Schmerz von Pferden spüren und lindern konnte. Das war ja genau der Grund, weswegen sie um keinen Preis von hier fortwollte. Die Eltern drängten sie, seit sie vierzehn war. Aber sie konnte nicht gehen. Nicht jetzt, wo ihre Stute Daeira das Fohlen erwartete. Und erst recht nicht, seit es Aides in ihrem Leben gab.

Nur wie sollte sie damit leben, dass Rhianna an ihrer Stelle die Familie verlassen würde? Noch dazu, bevor sie ein eigenes Medaillon bekam, welches sie schützte?

Fergus und Chloe hatten gesagt, es sei vorerst nur für ein Jahr, und dass der Dunkle sich nicht für sie interessieren würde, solange sie keine Amulettträgerin war – das würde sie erst an ihrem vierzehnten Geburtstag werden. Wichtig sei, dass die drei Schwestern nicht zusammenblieben, denn ganz gleich, ob die Amulette aktiviert waren oder nicht, ihr Licht schien dann zu stark. Nur getrennt voneinander waren sie sicher. Denn wenn einer von ihnen doch etwas geschah … dann wären immer noch die anderen …

Cora weigerte sich, diesen Gedanken zu Ende zu bringen. Sie hatte ein mieses Gefühl bei der Sache. Etwas braute sich über ihnen zusammen. Obwohl sie die wilden Andeutungen und düsteren Warnungen ihrer Eltern noch immer nicht recht glauben mochte, die Pferde spürten, dass etwas Dunkles in der Luft lag, und sie fühlte es auch, sosehr ihr Verstand sich auch dagegen wehrte. Sie wollte diese Gabe nicht. Sie hasste das Gefühl, ihrem Schicksal ungefragt ausgeliefert zu sein. Ohnmächtig.

Coras Blick glitt zurück zu Rhianna, die im Schneidersitz auf dem Bett saß und sich wieder ganz in ihre Lektüre vertieft hatte, ein bunt bebildertes Märchenbuch mit britischen Sagen.

»Wusstest du, dass man eine Münze oder irgendwas aus Eisen in der Tasche haben muss, damit einen ein Kelpie ans andere Ufer trägt und nicht auffrisst?«, fragte sie, ohne den Blick vom Buch zu heben.

»Nein, ich hatte keine Ahnung.« Cora seufzte lächelnd und setzte sich zu ihrer Schwester auf die Bettkante, um ihr über den Schopf zu streicheln.

»Ich frage mich, ob ich das tatsächlich brauche, wenn ich erst mal mein Amulett bekommen habe. Meinst du, dass ich Wasserpferde sehen werde?« Rhianna legte einen Finger auf die Buchseite, damit sie die Textstelle nicht verlor, und blickte gespannt zu ihrer großen Schwester auf.

»Dir traue ich alles zu«, sagte Cora und schluckte den Kloß hinunter, der ihren Hals zuschnürte.

Rhianna legte ein Lesezeichen in das Buch und schnellte hoch, um Cora zu umarmen. »Ich schreibe dir, wenn ich da bin. Jeden Tag!«, versprach sie. »Und du mir auch. Godje musst du meine Briefe natürlich vorlesen. Sie kann ja noch nicht selbst lesen.«

Cora schüttelte traurig den Kopf. »Du weißt doch, das geht nicht. Es würde unser großes Geheimnis kaputtmachen. Du darfst niemandem dort von uns erzählen. Du hast dein Ehrenwort gegeben. Wir dürfen uns auf keinen Fall anrufen oder Nachrichten schicken. Wie in diesem Kinderkrimi, den wir neulich zusammen gesehen haben. Versprich es mir noch mal!«

Rhianna seufzte. »Ich habe es Papa und Mama doch schon hundertmal versprochen. Okay. Großes Epona-Ehrenwort!«, sagte sie feierlich und kicherte. Dann legte sie ihre Kinderhand auf die ihrer großen Schwester und drückte sie mit treuherzigem Blick. »Ein Jahr. Das schaffen wir.«

»Ein Jahr«, wiederholte Cora und bemühte sich, locker zu klingen. »Mit links.«

Das leise Brummeln eines Pferdes riss mich aus den Erinnerungen an die Ereignisse der letzten Tage zurück in die Wirklichkeit. Kasimir, der betagte Ponywallach, schob seinen Kopf quer zwischen den Zaunlitzen hindurch und spitzte bettelnd die Schnute.

»Na, da hast du ja Glück, dass kein Strom drauf ist«, sagte ich lächelnd, stellte meinen Besen an die Seite und kramte in meiner Hosentasche nach einem Leckerli. Während er es knurpsend zermalmte, kraulte ich ihm dankbar das graue Fell unter seiner dicken Ponymähne. Ich war immer noch so unfassbar erleichtert und froh, dass wenigstens den Pferden nichts passiert war.

Persephones Heaven, das kleine Pferdeparadies weit draußen im Naturschutzgebiet, lag in Trümmern. Aides und Cora hatten es nach Demeters Tochter benannt. Sie fanden den Namen passend, weil wir beide – oder vielmehr alle drei – irgendwie Demeters Töchter waren. Es war quasi ein Insider für Mythologie-Nerds, wenn man wusste, dass Demeter auf Epona zurückging, Persephones Beiname Cora war und unsere Mutter Chloe geheißen hatte, wie Demeter auch genannt wurde. Alles ganz schön abgefahren.

Mein Blick schweifte hinüber zu Arion, der gemächlich Seite an Seite mit seinem Kumpel Duke über die baumbestandene Weide zog und Gras rupfte. In den griechischen Göttersagen gab es auch einen Arion. Er soll Demeters Sohn gewesen sein – ein sprechendes Wunderpferd. Dann wäre er streng genommen mein Bruder. Ich kicherte, und Arions silberne Ohren spielten aufmerksam in meine Richtung. Zumindest das mit dem Wunderpferd stimmte – auf jeden Fall für mich.

Seufzend kratzte ich den letzten Haufen Pferdeäpfel in Kasimirs Auslauf in den Bollensammler und kippte die Ladung schwungvoll in die Schubkarre.

Wenn man auf einem Bauernhof lebt, kann man nicht den ganzen Tag die Rettung der Welt vorbereiten und darüber nachgrübeln, wie man jemals seinen Freundinnen erklären soll, weswegen man seit Tagen nicht in der Schule war. Man muss zwischendurch auch was essen, schlafen, die Tiere versorgen und aufräumen – und obwohl ich abends todmüde ins Bett fiel und inzwischen nicht wusste, wie ich vor Muskelschmerzen sitzen oder liegen sollte, tat diese Arbeit mir gut.

Pferdeäpfel absammeln, ausmisten, Heuballen wässern für die alten Gnadenbrotler, die keinen Staub vertrugen – all das brachte mir festen Boden unter die Füße und linderte das Gefühl, verrückt zu werden und diesem ganzen Chaos ohnmächtig ausgeliefert zu sein oder vor Ungeduld zu platzen.

Wir hatten keine Ahnung, was genau mit Cora geschehen war. Ich konnte nicht zu ihr durchdringen. Ich hatte es ein paarmal versucht, aber ich bekam keinen Kontakt zu ihr. Hatte sie es bis ins Land hinter den Nebeln geschafft? Steckte sie irgendwo in einem Zwischenreich fest, wie Oleg befürchtete? »Wenn sie bei Epona wäre, würde sie nicht mehr atmen«, hatte er gesagt. Es klang erschreckend logisch. Noch lebte sie, aber ich hatte das Gefühl, dass mir kostbare Zeit zwischen den Fingern zerrann – Coras Zeit.

Ich wollte endlich nach Wales fahren, um Rhianna zu finden. Aber meine Schwester war die Stecknadel im Heuhaufen. Wir brauchten wenigstens ein paar Hinweise. Die anderen hatten leider recht: Überstürzt aufzubrechen, machte vermutlich alles nur schlimmer. Aber es nicht zu tun, machte mich irre.

Um das abzumildern, half ich Aides, so gut ich konnte. Bis wir den Hof wieder auf Vordermann gebracht hatten, würde es Wochen dauern. Dann würde ich längst fort sein und vielleicht sogar schon wieder zurück. Hoffentlich mit meinen beiden Schwestern.

Von Nana und Oleg hatte ich erfahren, dass unsere Eltern Rhianna in ein teures Internat gegeben hatten, in der Obhut irgendeiner Tante, Cousine oder Freundin von Anyta.

Ursprünglich war ihr Aufenthalt in dem Küstenstädtchen Swansea nur für ein Jahr geplant gewesen. Aber dann geschah der tödliche Unfall unserer Eltern … Fergus und Chloe starben, und statt Rhianna zurückzuholen, wurde nun auch Cora eilig fortgeschickt. Sie war von uns dreien in der größten Gefahr, weil ihr Amulett bereits wirkte.

Minuten vor ihrem Tod hatte unsere Mutter ihr eingeschärft, alle Brücken abzubrechen und niemandem zu verraten, wo sie sich aufhielt.

Das zog sie durch – und Rhianna offenbar ebenso.

Erst elf Jahre nach diesen Ereignissen fand ich Cora. Bis dahin hatte sie nur ein einziges Mal verschlüsselt und heimlich Kontakt zu Oleg aufgenommen, und dabei wäre es wohl auch geblieben, wenn der Dunkle sich nach meinem vierzehnten Geburtstag nicht auf meine und Arions Fährte gesetzt hätte.

Aber wo befand sich Rhianna jetzt? Inzwischen war sie einundzwanzig. In dem Internat lebte sie ganz sicher nicht mehr.

Anyta war die Einzige, die genauere Informationen hatte. Sie musste über die Familie Bescheid wissen, die Rhianna damals aufgenommen hatte, da war Oleg sich ganz sicher. Er versuchte schon die ganze Zeit, sie zu erreichen. Aber er hatte ihr noch nicht einmal mitteilen können, dass uns der Dunkle überfallen hatte und Cora im Koma lag. So wunderschön und idyllisch Persephones Heaven war, die Funkabdeckung lag bei null, und das Festnetz war durch den Dunklen zerstört worden. Der Reparaturservice der Telefongesellschaft hatte sich erst für irgendwann in zwei bis drei Wochen angekündigt.

Wir waren so gut wie abgeschnitten von der Welt, solange wir den Hof nicht verließen – was ich nicht durfte, nicht mal zu Pferd –, und mir fiel so richtig die Decke auf den Kopf.

Vier Tage ging das jetzt schon so!

Mein einziger Draht zur Außenwelt waren ein paar Textnachrichten oder verstümmelte Voicemails mit Fynn, die es sporadisch durchs Funkloch schafften. Ihn hatten sie nach Hause geschickt. Ich dagegen durfte nicht mit Oleg und Nana zurück nach Hause, nicht mit zum Einkaufen oder auf Anytas Pferdehof … zu meiner eigenen Sicherheit, bla bla bla. Und ins Krankenhaus durfte ich erst recht nicht. Dort ließen die Ärzte niemanden zu Cora außer Nana, und auch das nur für eine Stunde.

Oleg, Aides und sogar Fynn beschworen mich, ja nicht den Hof zu verlassen, solange wir nicht mehr über den Verbleib des Dunklen wussten. Ich bekam langsam einen ausgewachsenen Lagerkoller. Aber das schien niemanden zu kümmern. Außer vielleicht Aides, dem es ganz genauso ging, denn ihn hatte der Familienrat ebenso zum Hierbleiben verdonnert wie mich – als Aufpasser, wie ich inzwischen vermutete.

Genervt sah ich über die Weide hinüber zu meinem Schwager, der gerade neues Heu in die Futterraufe für Arion und seinen Kumpel Duke schichtete.

»Wieso durfte Fynn eigentlich nicht hier bei uns bleiben?«, brüllte ich ihm entgegen, als er mit der leeren Schubkarre in meine Richtung kam. »Ist dein Bruder etwa weniger in Gefahr als du und ich?«

Fynn war immerhin genauso der Sohn des Dunklen wie er!

Aides grinste schief. Wir fassten uns immer noch mit Samthandschuhen an. Ein Teil von mir war auch jetzt noch fassungslos und wütend darüber, dass er und Cora tatsächlich geglaubt hatten, ihm trauen zu können. Wir hatten lange geredet. Der Dunkle hätte uns niemals gehen lassen, das hatte auch Aides inzwischen begriffen, und der Preis für diesen Fehler war schrecklich genug. Trotzdem nagte dieser Verrat an mir. Es schien, als ob ich wirklich niemandem in meiner Familie hundertprozentig trauen konnte. Ausnahmslos jeder von ihnen hatte mich enttäuscht: Nana, Anyta, Aides, Cora …

»Bei Fynn ist die größte Gefahr im Moment unsere Mutter«, behauptete Aides und blinzelte. »Glaub mir, das Jugendamt oder die Polizei würden uns gerade noch hier fehlen, wenn er nicht rechtzeitig zum Abendessen zurück gewesen wäre.«

Ich schob meine volle Schubkarre mit erheblich mehr Schwung, als nötig gewesen wäre, unter der Zaunlitze durch.

»Schön, dass wenigstens einer seinen Humor nicht verloren hat«, knurrte ich und reichte Kasimir auf der flachen Hand mein letztes Leckerli.

Als wüsste der kleine Ponywallach das ganz genau, schloss er gierig seine Lippen darum und trollte sich.

»Machst du dir denn keine Sorgen?«, bohrte ich nach, als Aides vor mir stehen blieb.

Er sah mich ernst an und unternahm ein paar Anläufe, etwas zu sagen, aber anscheinend wusste er nicht so richtig, was. Schließlich stellte er seine Karre ab und öffnete unsicher die Arme. Er wirkte, als könnte er eine Umarmung noch dringender brauchen als ich. Also gab ich nach und machte einen Schritt auf ihn zu.

Vorsichtig, als wäre ich eine tickende Zeitbombe, zog er mich an sich. Er roch nach Pferd und frischem Heu und ein bisschen nach Rasierwasser, und es tat gut, von jemandem gehalten zu werden, dem ich nicht erklären musste, wie es mir ging. Aides steckte mindestens ebenso tief in diesem Schlamassel wie ich selbst.

»Mehr, als du ahnst, Kleines. Und mir fällt hier genauso die Decke auf den Kopf wie dir. Ich könnte die Wände hochgehen. Aber das hilft uns nicht weiter. Wir müssen stark bleiben, okay? Im Moment geht er davon aus, dass du auch …«

Aides beendete den Satz nicht, aber das brauchte er auch nicht. Nach dem, was mit Cora geschehen war, musste der Dunkle davon überzeugt sein, dass auch ich irgendwo im Nichts gefangen war – oder tot. Und bei diesem Glauben wollten wir es belassen.

Ich schluckte.

Er hatte keine Ahnung, dass Cora das gefälschte Medaillon ins Wasser geworfen hatte. Nur deswegen war ich noch hier. Ich hatte einfach Glück gehabt – und meine Schwester nicht.

Ich nickte und wischte mir mit einer verstohlenen Kopfbewegung eine Träne an seiner Stallweste ab. Wir müssten jetzt beide dort drüben sein, auf der anderen Seite.

»Warum holen wir Cora nicht aus dem Krankenhaus nach Hause?«, fragte ich. »Wie sollen die Ärzte ihr denn helfen? Sie können ja doch nichts für sie tun! Dann könnten wir uns wenigstens an ihrem Bett abwechseln.«

Aides sagte nichts, aber der Griff um meine Schultern verstärkte sich. Ich biss mir auf die Unterlippe. Es war eine Sache, seinen Freund zu vermissen, der in die Schule ging und gesund war, aber eine ganz andere, seine Frau in einem mysteriösen Koma zu wissen und wegen den strengen Hygieneregeln einer Intensivstation nicht zu ihr zu dürfen.

Natürlich wusste ich, dass sie uns Cora nicht einfach mitgeben würden, solange sie bewusstlos war und die Ärzte sich keinen Reim auf ihren Zustand machen konnten.

»Dort wird sie gut versorgt«, presste er hervor. »Sie ist in Sicherheit. Rhianna ist die, auf die er es jetzt abgesehen hat.«

Das war Öl in mein Feuer! »Und statt endlich nach Wales zu fahren, sitzen wir hier rum«, jammerte ich zum hundertsten Mal. Ich riss mich los. »Das macht mich wahnsinnig! Komplett irre! Wo bleiben die überhaupt?«

Oleg hatte Nana ins Krankenhaus gebracht und auf dem Rückweg bei Anyta vorbeisehen wollen, um ein paar seiner Sachen zu holen – und vor allem, um uns hoffentlich die Information mitzubringen, wo wir anfangen konnten, Rhianna zu suchen. Unsere Eltern hatten ganze Arbeit geleistet, was das Geheimnis um ihren Aufenthaltsort betraf.

Ich fragte mich, wieso es ihr so leichtgefallen war, alle und jeden zu verlassen, keinen Kontakt mehr haben zu dürfen, wie in einem Zeugenschutzprogramm im Krimi. Ich konnte Cora verstehen, dass sie sich so heftig dagegen gewehrt hatte. Und im nächsten Moment biss ich mir schuldbewusst auf die Zunge.

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