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Das Unerwartete

Eine etablierte Schriftstellerin kehrt in ihren Heimatort zurück und fragt sich, was hätte sein können, wenn sie nie gegangen wäre. Eine Attentäterin denkt über die Schwere ihrer Tat nach. Eine Professorin fühlt eine starke Verbindung zu ihrer Studentin und löst in ihr weitreichende Veränderungen aus.

»Das Unerwartete« ist eine prägnante Vision alternativer Realitäten, eine Sammlung, die über die Zwänge nachdenkt, denen wir alle aufgrund der Umstände unserer Geburt und unseres Temperaments ausgesetzt sind, und die den konkurrierenden Druck und die Erwartungen insbesondere an Frauen untersucht. Fein abgestimmt auf die Nuancen unseres sozialen und psychischen Selbst demonstriert Joyce Carol Oates, warum sie nach wie vor eine unserer berühmtesten und wichtigsten Literatinnen ist.


  • Erscheinungstag: 27.09.2022
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN/Artikelnummer: 9783753000725
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Bobby Friedman

Das (andere) Du

Eine Buchhandlung gekauft. Hauptsächlich Secondhandbücher.

Nie herausgekommen aus deiner Heimatstadt am Eriekanal im Norden von New York.

Nie herausgewollt, weil? – du hier Familie hast, Verwandte. Freunde aus der Highschoolzeit. Ein Haus gefunden hast, nur drei Straßen von dem Haus entfernt, in dem du aufgewachsen bist.

Tatsache ist, du hast das Stipendium, das du für ein Entkommen gebraucht hättest, nicht erhalten.

Also hast du, als du mit dem Community College fertig warst, geheiratet. Den Ersten, den du zu lieben glaubtest, und den Ersten natürlich, der dich zu lieben behauptete. Und ihr, du und dein Mann, habt South Main Books gekauft, wo du als Schulkind fasziniert so viele Stunden verbracht hast.

Der betagte Eigentümer hatte bei seinem Tod eine Unmenge gebrauchter Bücher hinterlassen. Wasserfleckig, angeschmutzt. Bei Bränden angesengt. Haufenweise Bücher, auf Metallregalen aufgereiht und mit Etiketten in Druckschrift – KRIMI, SCIENCE-FICTION, UNTERHALTUNG, KLASSIKER, GESCHICHTE, MILITÄRGESCHICHTE, RATGEBER, KINDERLITERATUR – versehen. Schwankende Bücherstalagmiten, die vom Boden in die Höhe wuchsen, noch gesichtet und einsortiert werden mussten. Und im höhlenartigen Untergeschoss ein riesiger Friedhof von Taschenbüchern, die in Abfallbehältern vor sich hin schimmelten.

Trotzdem gab es Liebe an so einem Ort. Ein Universum der Bücher. Ein Universum der Menschen. Außer dass Bücher, im Gegensatz zu Menschen, Bestand hatten. Ein Buch konnte man in der Hand halten, wie man einen Menschen nicht in der Hand halten konnte. Die Seiten eines Buchs konnte man umblättern – man konnte lesen.

Beim Lesen trat man in eine andere Zeit ein, in die Zeit des Buchs, zwangsläufig eine Zeit, die bereits vergangen war – eine Parallelzeit. Es fühlte sich an, als täte man etwas Subversives, Heimliches – wie Träumen, nur dass es der Traum eines anderen war, nicht der eigene. Man konnte eins werden mit den Sätzen, die wie ein schmaler Wasserlauf über Steine flossen – sich kräuselnd, durchsichtig. Man konnte eins werden mit dem Fremden, der das Buch geschrieben hatte und der nicht du war.

Du hast mit großen Augen geschaut, gebannt. Denn auf den Rücken der Bücher, selbst der billigsten Taschenbücher, war jeweils ein Name aufgedruckt.

Ein Buch ist etwas, was man in der Hand hält. Was ein Buch ist, lässt sich nicht so leicht fassen.

Alle haben vorausgesagt, du würdest im ersten Jahr pleitegehen. Dann haben sie dir zwei Jahre gegeben. Drei Jahre? Fünf? Abwarten.

Wenn du morgens die Hintertür von South Main Books aufschließt, sieht du jedes Mal in den Schatten die Geistergestalt des Mädchens, das die Seiten eines Buchs umblättert – dich erschrocken anschaut, noch während es sich verflüchtigt.

Ja. Ich liebe Bücher. Sie lesen, nicht schreiben. Ich wollte nie Schriftstellerin sein, das überlasse ich anderen, die mutiger und unbekümmerter sind.

Tatsache ist, du wolltest Schriftstellerin werden, so lange du zurückdenken kannst. Eine Dichterin. Geschichten erzählen. Du wolltest deinen Namen auf einem Buchrücken sehen.

Du wolltest dieses Buch dann in den Händen halten. Wolltest es aufschlagen, zu den ersten Seiten blättern … Nur ich konnte das geschrieben haben. Hier ist mein wahres Ich!

Als du anfingst, konntest du noch nicht einmal lesen. Du fingst mit Buntstiften an, mit Ausmalbüchern. Deine Lieblingsfarben bei den Malkreiden waren gebrannte Umbra, Scharlachrot, Violett. Du fingst damit an, dass du Comics aus der Zeitung mit der Hand auf Pauspapier nachgezogen hast. In der Grundschule hast du dir Märchen ausgedacht und sie illustriert.

Geschichten von sprechenden Tieren. Geschichten über Weltraumreisen. Über Werwölfe und Vampire. Schauergeschichten in der Nachfolge von Edgar Allan Poe, H. P. Lovecraft. In der Mittelschule komplizierte Kriminalgeschichten in der Nachfolge von Ellery Queen.

Du hast Gedichte und selbst erdachte Geschichten in Schülerzeitungen veröffentlicht. In der Lokalzeitung, in der es am Sonntag immer eine Lyrikkolumne gab. Schon in jungen Jahren hast du in diesen verführerischen Abgrund geblickt, und der Abgrund hat zurückgeblickt. Tief in dich hinein.

Dein Herz machte stets einen Sprung beim Anblick des Schaufensters, in dem sich schimmernd das Licht spiegelte, dahinter die ausliegenden Bücher. SOUTH MAIN BOOKS NEU- UND GEBRAUCHTARTIKEL. SCHAUEN SIE SICH UNVERBINDLICH UM.

Nach dem Kauf der Buchhandlung hast du nie wieder eine Zeile geschrieben. Keine Zeit! – hast du gesagt. Der Tag hat nicht genug Stunden.

Vielleicht war es ja ein Fehler, du hast es eingeräumt. Eine (schwächelnde) Buchhandlung kaufen. In einer (schwächelnden) Konjunktur. Wie Kinder bekommen, was du (auch) hast. Wie heiraten (dito). Vielleicht ist es ein Fehler, aber du möchtest es probieren, möchtest wissen, wie das ist; wenn man jung ist, glaubt man, man hätte noch genügend Zeit, seine Meinung zu ändern. Glaubt man.

Nicht eine Gedichtzeile geschrieben. Seit Jahren nicht.

Ach – die Poesie floss aus dir heraus, wie Wildblumen aus den (leeren) Augenhöhlen eines Schädels im Wald sprießen. Gedichtzeilen, strahlend wie Regentropfen. Schmelzende Eiszapfen. Der hohe Triller eines Vogels. Wie die Liebe, ein Mysterium. Wie das Wort Mysterium selbst – so nahe an Misere. Sich verlieben, die Liebe verlieren. Und sich erneut verlieben. Alles mit demselben Mann, der in einer Heizkörperfabrik in Niagara Falls arbeiten musste, damit du deine gottverdammte Buchhandlung (wie er mit liebevoller Gereiztheit immer sagte) haben konntest, deine erste Liebe.

Bergeweise Bücher, es waren so viele. Eine Planierraupe müsste her, um im Keller Ordnung zu schaffen. Man müsste eine Gasmaske tragen bei den vielen Pilzsporen. Scherzte Gerard.

(Nur: Scherze, gibt es so was? Was bedeutet Lachen insgeheim?)

Einmal im Herbst hast du die Innenräume frisch gestrichen: taubenblau. Die Decke cremeweiß, ordentlich. Schimmernde Sonnen, Monde und Sterne aus gehämmertem Zinn an der (dreieinhalb Meter hohen) Decke. Porträts klassischer Schriftsteller und Dichter an den Wänden: Virginia Woolf, James Joyce, Franz Kafka, Ernest Hemingway, Robert Frost, Emily Dickinson, Walt Whitman. Die alten Götter, die gedankenverloren auf dich herabblicken, gütig. Du hast einheimische Künstler eingeladen, ihre Werke an deinen Wänden auszustellen. Plastiken im Schaufenster.

Du warst täglich bis 18 : 00 Uhr ständig im Laden. Nach Gerards Tod hattest du donnerstags und freitags noch länger geöffnet, es gab ja keinen Grund, schnell nach Hause zu gehen. Du hast Dichterlesungen im Laden eingeführt, vor Highschoolschülern, dem Community College.

Du hast Kaffee ausgeschenkt. Kekse, Brownies, selbst gebacken nachts, wenn du sowieso nicht schlafen konntest, das leere Haus, kein Mann, keine Kinder, noch Stunden hin, bevor es Sinn hatte, die gottverdammte Buchhandlung zu öffnen, und wenn du es dann getan hast, war dein Laden der erste, der in der Main Street aufhatte.

In den Wintermonaten Lampen eingeschaltet. Plötzliche Wärme von Licht in der Düsternis. Die geisterhafte Mädchengestalt, beim Abwenden überrascht, hält ein Buch umklammert, das kein Erwachsener sie hätte sehen lassen, wenn er es gewusst hätte …

Mit vierundvierzig hast du es schließlich gewagt, eigene Verse vorzulesen. Zum Abschluss eines der Dichtung von Frauen gewidmeten Abends. Eine bereits veröffentlichte Dichterin vom Community College, einige andere einheimische Dichterinnen, dann du, die sich zögernd erhebt und mit leiser Stimme hastig aus einem Bündel getippter Gedichte vorträgt. Der Applaus ließ dich zusammenfahren, verängstigt sahst du mit großen Augen auf.

Warst du nackt, zur Schau gestellt? Warum, wieso hast du das getan?

Deine Kunden, deine Freunde. Nachbarn. Erstaunt, dass du Gedichte geschrieben hast. Erstaunt, dass du all die Jahre als Erwachsene so getarnt unter ihnen gelebt hast. Sie applaudieren dir, die Augen leuchtend vor Zuneigung zu dir. Die Buchhandlung (wieder) zum Leben erweckt, dieser Mittelpunkt einer lose verbundenen Gruppe von Frauen und Männern im Herzen der aussterbenden Stadtmitte von Yewville, da überrascht es vielleicht nicht, dass du, die den Kunden jahrelang Gedichtbände ans Herz gelegt hat, dich auch als Dichterin entpuppst.

Die Frauen umarmen dich, vergießen deinetwegen Tränen. Wie tapfer du seit Gerards Tod gewesen bist! Den Laden offengehalten, allein. Die viele Arbeit, die du hineingesteckt hast, allein. Sie machen zu viel Aufhebens um dich, denkst du beklommen. Freunde eben.

Aber jetzt kann nichts mehr passieren. Deine Eltern leben nicht mehr. Dein Ehemann ist gestorben. Deine Kinder, die nicht aus Yewville weggezogen sind, kommen nur selten in den Laden zu ihrer peinlichen Mutter mit dem grauen Pferdeschwanz in Overall und einem T-Shirt, auf dem das Porträt einer leicht dämonischen Emily Dickinson prangt.

Zu spät für Poesie, für den langen Atem, den man für Gedichte braucht, die Buchhandlung ist jetzt dein Leben. Was von deinem Leben bleibt. Nicht die Absicht, dich zur Ruhe zu setzen – niemals.

Auf keinen Fall. Ein neuer Besitzer des Grundstücks würde als Erstes unser Inventar auf den Müll werfen, das Gebäude abreißen und etwas anderes als eine Buchhandlung hier bauen. Dazu wird es nicht kommen, versprochen.

***

Eigentlich aber – hattest du Kinder. Sie kamen aus deinem erstaunten Leib. Blut leuchtete auf ihrer makellosen Haut, kobaltblaue Augen öffneten sich verwundert. Wer bist du? Was ist das? Wo komme ich her? Was geschieht mit uns?

Ich bin nicht wie sie, diese Kinderlose.

Du bist in dem Glauben aufgewachsen: Kinder sind ein Segen. Kinder geben dem Leben Sinn. Wenn das Leben an sich keinen Sinn hat, mit Kindern bekommt es einen. Mit einer Familie bekommt es einen. Die Existenz selbst ist der Sinn. Du schenkst Leben, du erhältst Leben aufrecht. Du gibst diesem Leben Nahrung, wieder und wieder. Du wagst nicht, damit aufzuhören, denn dann würde dein eigenes Leben aufhören. Du stellst keine Fragen.

Du bedauerst die, die keine Kinder bekommen haben. Dieses andere Ich, die Frau, die du zu deiner Erleichterung nicht geworden bist, ist zu bedauern – kinderlos. Du ahnst, das gehörte zu ihrem Plan, aus Yewville rauszukommen – kinderlos zu bleiben, zu sein. Sie hätte Bücher schreiben, Karriere machen können, doch was ist das, verglichen mit dem, was du geschafft hast? – Kinder, ein Ehemann, eine Buchhandlung, die in ihrer Gemeinde geliebt wird.

Noch mehr jedoch verachtest du die, die keine Kinder haben, weil sie sich vor den Schrecknissen des Lebens gedrückt haben.

Dein erstes Kind war kaum geboren, da hast du, noch im Krankenhaus, bereits verstanden – oh, Gott. Dieses Geschenk, das mir gemacht worden ist, ich muss es am Leben erhalten.

Dein (junger) Ehemann, der im Krankenhaus deine Hand ergriff. An deinem Krankenbett. Sich die tränennassen Augen wischte, in der Panik des Begreifens – wir haben Verantwortung, sind »Eltern«.

Beide wusstet ihr: So lange das Kind atmet, lebt ihr in Angst, dass dieses Atmen aufhört. Ihr betet, dass ihr als Erste sterbt. Insgeheim betet ihr, dass ihr als Erste sterbt. Euer Kind zu überleben, allein schon die Vorstellung ist euch unerträglich.

Dieser Satz gilt für euer ganzes Leben. Es ist euer lebenslänglich.

Die junge Frau, die unbedingt aus Yewville rauskommen und Schriftstellerin werden wollte – irgendwo, irgendwie: Sie hat nie erlebt, wie man die Hand aufs Herz legt, wenn das Telefon spätabends läutet. Hat nie erlebt, dass jemand aus der Familie bei einem aberwitzigen Unfall starb, vor seiner Zeit. Du bedauerst sie. Du beneidest sie nicht.

Ihr seid getrennte Wege gegangen. Total naiv, unwissend.

Mit achtzehn unruhig auf die zentrale Abschlussprüfung vorbereitet. Fest entschlossen, gut abzuschneiden. Dich auszuzeichnen. Dich von zu Hause loszureißen, wie man vielleicht Würfel mit Schwung auf eine Tischplatte wirft.

Doch an dem strahlenden verschneiten Morgen der Prüfung warst du zerstreut, warst hundemüde. Du hattest in der Nacht kaum mehr als ein, zwei Stunden geschlafen. Dein Vater war spät heimgekommen, sein Schritt schwer auf der Treppe. Deine Mutter hatte in scharfem Ton mit ihm gesprochen und er in scharfem Ton mit ihr. Türen waren zugemacht worden. Dahinter gedämpfte Stimmen. Und in dem Durcheinander noch dein pochendes Herz. In dem Durcheinander noch deine Besorgnis wegen der Zukunft. Lieber Gott, hilf mir. Ich werde in alle Ewigkeit ein guter Mensch sein, wenn …

Seit der Grundschule hattest du immer gute Noten bekommen. Vor allem in Englisch, Geschichte, Biologie. In Mathe warst du nicht so stark. In Mathe hast du zu schnell die Flinte ins Korn geworfen, hast mit flatternden Lidern auf Probleme gestarrt, dich blind gestellt. Schließlich hieß es ja, Mädchen seien nicht so gut in Mathe. Mädchen sollten sich keine Sorgen machen, wenn sie nicht ganz so begabt in Mathe seien wie Jungen. In Naturwissenschaften überhaupt. Für ein Mädchen ist das eine gute Leistung. Kein Grund, so viel von sich zu verlangen.

Benommen, mit Halsschmerzen. Anfallartigem Husten. Dein Gleichgewicht war gestört, als gingst du über das Deck eines stampfenden Schiffs. Blicktest verständnislos auf manche Prüfungsfragen. Die Wörter wirbelten herum, verworren wie Knoten. Dein ganzes weiteres Leben hing von deinem Abschneiden ab: zwei Stunden an einem Januarmorgen und du im vierten Jahr an der Yewville High, achtzehn Jahre alt.

Du bist in Panik geraten, hast geschwitzt, gezittert. Hast deinen streitenden Eltern die Schuld gegeben. Deinen Lehrern, die dich zwar immer mochten, aber (vielleicht) nicht ernst nahmen. Sie lobten deine Gedichte und Kurzgeschichten, aber so, wie Erwachsene kleine Kinder loben. Ohne sie zu lesen, vielleicht. Mit Sicherheit, ohne zu wissen, wer du bist.

Zuletzt hast du dir selbst die Schuld gegeben. Denn wer kam sonst dafür infrage?

Du hast es immer so gehalten, Prüfungsfragen schnell zu beantworten. Die Fragen zu beantworten, bei denen du die Antwort wusstest und dir auch sicher warst, damit du Zeit für die anderen, schwierigeren hattest. Dieses Mal aber lief dir die Zeit davon. Du hast gezaudert, gezögert, das Zutrauen zu dir verloren. Bist die letzten Aufgaben im Eiltempo durchgegangen. Mit dröhnenden Kopfschmerzen. Wenige Tage später wurde bei dir eine Bronchitis diagnostiziert, die dich, mal stärker, mal weniger stark, dann sechs Wochen lang plagte. Mutlos und vernichtet hast du den Prüfungsraum verlassen. Hast dich tags darauf und noch tagelang mit Gedanken an Selbstmord gequält. Hast dich gehasst, verabscheut. Mit dem Schlimmsten gerechnet. Dir gut zugeredet, dich mit deinem Versagen abzufinden – mit der Niederlage. Voraussichtlich hattest du bei der Prüfung nicht so gut abgeschnitten wie erhofft, damit musstest du vernünftigerweise rechnen.

Und so war es auch: Deine Punktzahl lag zwar über dem Durchschnitt, war aber nicht außergewöhnlich. Andere aus deiner Klasse, die dir bestimmt nicht überlegen waren, hatten mehr Punkte erreicht. Für dich war es blamabel und ärgerlich, ungerecht, aber nicht zu ändern. Du hattest deine Chance – an diesem Vormittag. Und der war nun Vergangenheit.

Eine deiner besten Freundinnen ging mit einem Stipendium des Landes an die Cornell, du aber bliebst in Yewville. Deine Freundin hatte nie bessere Noten als du, bei der Prüfung aber – irgendwie – gut abgeschnitten. Du hast ihr gratuliert, hast dich für sie gefreut. (Für dich nicht. Für dich hast du dich nie gefreut. Für Sandra schon.)

Du hast schließlich Kurse am Community College belegt. Du fühltest dich deinen dortigen Lehrern zwar überlegen, musstest sie aber, es blieb dir nichts anderes übrig, zufriedenstellen. Um gute Noten zu bekommen, musstest du sie zufriedenstellen. Ihnen schmeicheln. Du hofftest, an ein vierjähriges College oder an eine Universität wechseln zu können, doch dazu kam es nicht. Viele deiner Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Selbst wenn du ein Stipendium für eine Universität bekommen hättest, hättest du womöglich in Yewville bleiben und deine Mutter, als die Ehe deiner Eltern gescheitert war, unterstützen müssen; später, als sie an Krebs erkrankte, hättest du dich um sie kümmern, hättest häusliche Pflichten eines Erwachsenen übernehmen müssen. Du wärst ohne eigenes Zutun eine derer geworden, die mit zwanzig erwachsen waren und denen die Welt nicht mehr so offenstand, wie du es als Achtzehnjährige geglaubt hattest.

Du bist in Yewville geblieben. Nagenden Gram im Herzen.

Doch nein: keineswegs. Du hast dich nicht gegrämt, du warst dankbar, dass du gebraucht wurdest. Geliebt hast und geliebt wurdest. Du hast schließlich geheiratet, wie es deine Cousinen und deine Freundinnen in den Jahren nach der Highschool auch taten. Und ihr, du und dein Mann, habt eine Anzahlung für South Main Books geleistet, ihr habt eine Hypothek aufgenommen und euer Leben für die nächsten dreißig Jahre verpfändet, wie Gerard sagte.

Aber die Prüfung! Der Vormittag dieser Prüfung! Nachts wach gelegen, daran erinnerst du dich. Im Lebensmittelladen einen Wagen geschoben – daran erinnerst du dich. Bücher einsortiert, einen Ausverkauf auf die Beine gestellt. Einen Gedichtband durchgeblättert, der gerade neu herausgekommen war, daran erinnerst du dich. Deine Haut fiebrig, empfindlich bei jeder Berührung. Das Schlucken tat weh, war unangenehm. Die anderen im Klassenraum, Reihe um Reihe deiner Schulkameraden, heute Fremde für dich, erbitterte Konkurrenten. Finstere Mienen, ernst, entschlossen. Denn nur Schüler mit halbwegs realistischer Hoffnung auf ein gutes Ergebnis machten sich überhaupt die Mühe, die umfangreiche Prüfung abzulegen. Du hattest immer zu den Besten deiner Klasse gehört, und trotzdem ist es für dich letztlich nicht gut ausgegangen.

Die andere, das Mädchen, das du hättest sein sollen, hatte in der Prüfung sehr gut abgeschnitten. Hatte zum oberen einen Prozent aller Highschoolschüler gehört, die an dem Tag im Bundesstaat New York die Abschlussprüfung abgelegt hatten. Sie war danach an eine erstklassige Universität gegangen. Hatte genau die Fächer studiert, die du zu studieren gehofft hattest: Literatur, Philosophie, Psychologie. Ihre ausgezeichneten kritischen Aufsätze und ihre dichterischen und literarischen Arbeiten hatten ihr Lob eingetragen. Ihre Professoren hatten sie ermutigt. Niemand hatte sie demotiviert. Ihre Eltern hatten sich nicht gestritten, ihr Vater war kein Alkoholiker gewesen, der die Familie im Stich ließ, als bei seiner Frau Brustkrebs dritten Grades diagnostiziert worden war. Sie hatte keine familiären Verpflichtungen. Sie kannte es nicht, das grauenhafte Warten darauf, dass ihre Mutter den Infusionsraum des Krankenhauses verlassen durfte und sie ihr die Krankenhaustreppe hinunterhelfen konnte, dabei gegen den Würgereiz ankämpfen musste, den der Chemikaliengeruch der Haut, des Haars auslöste. Diese andere, sie wusste nichts von der Angst, schwanger zu sein, wenn es kein günstiger Zeitpunkt für eine Schwangerschaft war. Sie weinte nicht in den Armen eines Mannes, damit er sie heiratete, auch wenn er (vermutete sie) sie so wenig liebte wie im Grunde sie ihn. Frei wie ein Kind in einer Stadt, die nicht Yewville war, wo sie so sicher in der Falle saß wie ein Insekt in einem fein gewebten Spinnennetz, begann diese andere schon als Studentin ernsthaft zu schreiben: Gedichte, Kurzgeschichten, einen Roman. Mit der Zeit nahmen verständnisvolle Erwachsene sie ernst. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass die anderen sie als sehr ehrgeizig wahrnahmen, als vom Glück begünstigt. Sie selbst hatte sich ja nicht überragender gefunden als einige ihrer Freundinnen, besonders dich; sie ist ja du.

Du denkst nie an sie. Jahrelang nicht.

Du bist glücklich in Yewville, in dem Leben, das du nicht als stecken geblieben ansiehst. Denn Glück wird hier anders gemessen, als stillerer Zufluss zu einem dahineilenden Strom; das Leben fließt hier zwar langsamer als an dem breiten dahineilenden Strom, hat vielleicht aber mehr Tiefe. (Möchtest du glauben.)

Und nun, mit vierundvierzig, hast du dich wieder dem Schreiben zugewandt, in bescheidenem Maße. Das andere Mädchen, inzwischen zu einer Frau herangewachsen, einer »bekannten« Persönlichkeit, ist natürlich nicht bescheiden gewesen – sie hat viele Bücher veröffentlicht, hat Preise erhalten. Sie ist in Sprachen übersetzt worden, von denen du noch nie gehört hast. Du beneidest sie jedoch nicht. Du denkst überhaupt nicht an sie. Würdest du dein Leben gegen ihres eintauschen? Dich gegen sie eintauschen? Natürlich nicht.

Du hättest keinen anderen Mann als Gerard heiraten mögen. Gerard konntest du aber nur in Yewville bekommen, deinem Geburtsort. Und von Gerard deine Kinder. Ohne Gerard in deinem Leben gäbe es keine Kinder in deinem Leben. Dann gäbe es deine Kinder nicht.

Jedenfalls bist du nun Witwe. Bist so etwas wie ein Held – eine Heldin – für die Frauen der Stadt, die deines Alters und die jüngeren. Du bist berühmt dafür, großzügig mit deiner Zeit zu sein, nicht aber mit Geld. (Du verfügst nicht über Geld im Überfluss.)

Du hast bei der Gründung einer lokalen Literaturzeitschrift geholfen. Hast jüngere Leser ermutigt, die in die Buchhandlung kommen. Dein Körper ist weicher geworden, ist erschlafft. Früher warst du muskulös und schlank wie ein Rennpferd, deine Nerven angespannt, jetzt bist du plüschig, umarmst gern und lässt dich gern umarmen. Trägst locker sitzende Pullover und Jeans, Kaftane, Jeansjacken, Sandalen. Deine erwachsenen Kinder verdrehen die Augen bei deinem Anblick, dein Haar silbergrau, straff aus dem Gesicht genommen und zu einem schaukelnden Pferdeschwanz gebunden. Deine Haut ist gerötet. Oft fühlst du dich fiebrig. Das ist Begeisterung fürs Leben, meinst du. Für das Überraschende, für die unerwartete Lebendigkeit des Lebens. Du bist keine Schönheit, man sieht dir dein Alter an. Feine Falten durchziehen kreuz und quer dein Gesicht. Zwischen den Augen eine senkrechte Falte, als Rahmen um den Mund Lächelfalten. Gott sei Dank hast du dir aus Geld nie etwas gemacht. Das ist würdelos und beschämend. Deine Verwandten schütteln den Kopf, prophezeien hinter deinem Rücken nach wie vor, dass du mit deiner Buchhandlung bankrottgehen wirst. Es wundert einen nicht, dass du im mittleren Alter keine ausreichende Krankenversicherung hast.

Aus Stolz und aus Zufriedenheit mit dem Leben, das du hast, denkst du nicht an das andere Leben jenseits von Yewville. An das Mädchen, das seinen Füller zur Hand nahm und die Prüfungsaufgaben mit Zuversicht und Intelligenz anging. Das Mädchen, das es schaffte, gelassen zu bleiben. Dessen Eltern ihm am Abend vor dem wichtigsten Morgen seines Lebens nicht durch Streit den Schlaf geraubt hatten. Das Mädchen ohne Halsschmerzen und quälenden Husten.

Schüttel ruhig verärgert, eigentlich froh den Kopf, frag mich nicht, was für eine alberne Frage. Natürlich bin ich glücklich. Ich habe alles, was ich will. Was fehlt mir denn im Leben? Absolut nichts.

Die Freundinnen

Die Freundinnen hatten sich zum Lunch im Purple Onion Café verabredet, wie sie es seit fast zwanzig Jahren häufig taten. Wie üblich kam Francine, die sieben Monate älter war, als Erste und sicherte ihnen ihren Lieblingstisch, draußen auf der Terrasse in der am weitesten von der Straße entfernten Ecke. Dort konnte sie Sylvie sehen, wenn sie kam, bevor Sylvie sie sah.

Es war gerade zwölf. Das nach umfangreicher Renovierung erst kürzlich wiedereröffnete vegetarische Restaurant füllte sich an diesem milden Septembertag rasch mit Gästen.

Nicht weil sie die jeweils beste Freundin der anderen gewesen wären, obwohl – das ja – sie sich seit der Montessori-Vorschule kannten, in die sie mit vier gekommen waren, sondern weil jede für die andere wichtig war: Diese Tatsache, wenn es eine war, schweißte die Frauen zusammen. Enger, als es sie an Schwestern band! – weil es aus freien Stücken geschah, was bei Schwestern nicht der Fall war. Enger, als es sie an Ehemänner band, denen ja nicht zu trauen war. Und enger als an Kinder, das versteht sich von selbst, denn Kinder müssen (von ihren Müttern) vor den Grundwahrheiten des Lebens beschützt werden.

Heute war Francine nach ihrer Operation in der vorherigen Woche zum ersten Mal allein Auto gefahren. Es war nur ein kleiner Eingriff gewesen (schickte sie schnell nach), durchgeführt in der ambulanten Frauenklinik, aber sie erholte sich gut – sie hatte danach Schmerzen gehabt, Übelkeit, Schlaflosigkeit, ihre Zeitwahrnehmung war seltsamerweise etwas gestört gewesen: Minuten zogen sich mit nervtötender Langsamkeit hin wie eine Straße giftiger Ameisen, während ganze Tage vorbeiflogen wie leere Güterwaggons eines endlos dahinratternden Zuges.

Francine lächelte beim Gedanken daran, dass sie diese eigenartige Empfindung Sylvie gegenüber erwähnen würde, der einzigen unter ihren Bekannten, die ihren beißenden Humor verstand und zu würdigen wusste. Francines Mann würde wie üblich ratlos die Brauen heben, falls er es überhaupt gehört hatte, und ihre Kinder würden einfach die Augen verdrehen – oh, Mom! Bitte. Jede Äußerung, mit der Francine als eigenständiges Individuum wahrgenommen zu werden beanspruchte, war demütigend für ihre Familie, als hätte sie sich unvermittelt die Kleider vom Leib gerissen und gerufen: Seht mich an!

Doch mit Sylvie war alles anders. Was Francine, obwohl unausgesprochen, wichtig war, war ihrer Freundin ebenfalls wichtig. Wenn Francine nachts wach lag und über ihr Leben nachsann, das ihr so rätselhaft vorkam wie Graffiti an einer Mauer, konnte sie sich mit Sylvie vergleichen und war augenblicklich erleichtert. Denn wenn sie mit ihrer lieben Freundin darüber sprechen konnte, konnte es so schlimm nicht sein. Francine hatte erst dann wirklich etwas erlebt, wenn sie es in eine unterhaltsame kleine Geschichte für Sylvie verwandelt hatte, die danach vermutlich ausrief: Oh, genau dasselbe habe ich auch gedacht.

Doch wo war Sylvie? Ihre Freundin hatte sich bereits acht Minuten verspätet.

Nadia, die stadtbekannte Besitzerin des Purple Onion, kam mit zwei Speisekarten an Francines Tisch. Empfohlene Spezialitäten des Tages, Wassermelonengazpacho, Grünkohl-Cranberry-Salat, Tofu vom Grill mit balinesischem Sambal, Portobello und Brie, glutenfreies Nussbrot, Mangosaft, Bengal-Eistee … Überrascht stellte Francine fest, dass sich die angeblich neue Speisekarte des Purple Onion kaum von der alten unterschied, wie sie sich entsann, und die Tagesspezialitäten waren im Wesentlichen auch die gleichen. Sogar Nadia selbst, die, hieß es, bei der Explosion verletzt und vom Stress und den Ausgaben für die Renovierung des Cafés traumatisiert worden war, sah nicht wesentlich anders aus als in Francines Erinnerung: eine reizlose, aber freundlich dreinschauende Frau mittleren Alters mit langem, offen getragenem grauem Haar, einem Lächeln, das ihr Zahnfleisch entblößte; mit ihrer unaufdringlichen und zugleich resoluten Art hatte sie sich über die Jahre die Zuneigung ihrer Gäste erworben. »Kommt Ihre Freundin heute?«, erkundigte sich Nadia, und Francine antwortete: »Selbstverständlich.« Am liebsten, denn die Frage ärgerte sie, hätte sie noch gesagt: Warum wäre ich sonst hier?

Francine würde in der Öffentlichkeit nicht allein zu Mittag essen, wenn es sich vermeiden ließ. Selbst mit einem fesselnden Buch wäre die Aussicht doch zu öde.

Mit heldenhafter Tapferkeit hatte sich das Purple Onion wieder aufgerappelt, nachdem im Herbst des vorigen Jahres genau auf dieser Terrasse ein Sprengsatz zur Explosion gebracht worden war, gebastelt von einem neunzehnjährigen Jugendlichen, den die Presse später als »gestört« bezeichnete. Der junge Mann, der die hiesige Highschool abgeschlossen hatte, arbeitslos war und bei seiner geschiedenen Mutter lebte, hatte nach einer im Internet gefundenen Anleitung – »Wie man für unter dreißig Dollar eine Bombe baut« – einen primitiven Sprengsatz hergestellt. Zum Glück hatte die Bombe nicht richtig gezündet und weniger Schaden angerichtet, als vom Selbstmordattentäter beabsichtigt: Außer ihm selbst waren drei weitere Personen umgekommen und neun verletzt worden, darunter die Besitzerin des Lokals; der Innenraum des Cafés war teilweise, die Terrasse etwa zur Hälfte zerstört worden, da die Bombe nur in eine Richtung detoniert war. Hätte der Sprengsatz seine volle Wirkung erreicht, hätte es nach Einschätzung der Behörden fünfundzwanzig Tote geben können … Mit Genugtuung sah Francine, dass die Reihe der Holzapfelbäume, die den Parkplatz säumte, keinen Schaden genommen hatte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen bei der Erinnerung daran, wie schön diese Bäume waren, wenn sie im Frühjahr blühten.

Eine entsetzliche Tat, sinnlos, abscheulich. Der Name des Jungen war Lasky – Howard oder Harold. Francines Tochter, die im dritten Highschooljahr war, glaubte ihn zu kennen oder gekannt zu haben – eine »Null«, ein »Loser«. Lasky war in schwarzem Nylonhoodie und mit schwarzer Sonnenbrille zum Purple Onion gekommen, hatte sich angeblich an einen Tisch auf der Terrasse gesetzt und die selbst gebaute Bombe in einer Tragetasche mit dem Logo einer Biosupermarktkette, die seiner Mutter gehörte, transportiert. Sein Laptop verriet, dass er Websites islamistischer Selbstmordattentäter besucht hatte. In seinem Zimmer fand sich nur ein lapidarer Zettel.

Ich bin nicht polittisch. Ich hab das für mic gemacht.

Die Kommentare in den sozialen Medien folgten schnell und waren mitleidlos. »Polittisch! Für mic gemacht!« Wer waren Laskys Lehrer gewesen? Wie hatte jemand, der so fehlerhaft schrieb, eine Highschool abschließen können, die sich rühmte, so viele Absolventen ans College zu schicken?

Im Falle eines Bombenanschlags, dachte Francine, blieb dieser Teil der Terrasse, die am weitesten von der Straße entfernte Ecke, vielleicht wieder verschont …

»Franny, hallo! Entschuldige die Verspätung.«

Sylvie war im Anmarsch auf die mit offenen Augen träumende Francine, beugte sich herab und streifte mit den Lippen über ihre Wange, eine überstürzte und oberflächliche Begrüßung, und dann saß Sylvie Francine an dem kleinen runden Tisch gegenüber und legte die Stirn in Falten über der zu großen, in roten Hanf gebundenen Speisekarte, als verdiente nichts ihre ungeteilte Aufmerksamkeit mehr. Mit ihrer theatralisch kehligen Stimme sagte Sylvie zweierlei, fast gleichzeitig: »Das Gazpacho sieht gut aus, oder hatte ich das beim letzten Mal und fand es ganz schlecht?«, und: »Hast du schon bestellt?«

Ob sie schon bestellt hatte? Francine war empört, gekränkt. »Natürlich nicht, ich habe auf dich gewartet, Sylvie.«

»Entschuldige. Ich bin aufgehalten worden, es ging nicht anders.«

Aufgehalten worden, ging nicht anders. Auch das war oberflächlich und keine originelle Begründung.

Sylvies flinke grüne Äuglein überflogen die Speisekarte, die sie mittlerweile doch so gut kennen musste wie ihr eigenes Gesicht. Grünkohl, glutenfrei, Portobello, gebratener Tofu aus heimischem Anbau, Mehrkornbrot, Zitronengras, Vollkornreis und Joghurt … Streng genommen ernährte sich zwar keine der Freundinnen vegetarisch, Vegetarismus war jedoch eine lobenswerte Einstellung und stand diffus für Zukunft, für eine Epoche des jugendlichen Idealismus, die sie überdauern würde.

Doch Francine war gekränkt. Ihre beste Freundin hatte sie, seit sie hereingerauscht war, kaum eines Blickes gewürdigt und sich nicht nach ihrem Befinden erkundigt, hatte ihr nicht, was Francine im umgekehrten Fall längst getan hätte, versichert, sie sehe gut aus – sogar bemerkenswert gut in Anbetracht dessen, dass sie vor noch nicht einmal einer Woche eine Operation durchgestanden hatte. (Nur ein kleiner Eingriff, darauf hatte Francine großen Wert gelegt, als sie es Sylvie am Telefon schilderte, und auch nicht unter Vollnarkose, sondern nur mit lokaler Betäubung – »Du weißt schon, Dämmerschlaf heißt das bei denen.«)

Und noch etwas war sonderbar – in den Wochen, seit Francine sie zuletzt gesehen hatte, war Sylvie von ihrem wunderschönen dunkel getönten Haar wieder zu ihrer früheren Farbe zurückgekehrt, einem stumpfen, von Grau durchzogenen Braun; Sylvie hatte monatelang mit der Entscheidung gehadert, ihrem Haar wieder zu dem glänzenden satten Mahagoni zu verhelfen, das es in ihrer Kinderzeit besaß. Erst jetzt hatte sie, warum auch immer und ohne es Francine gegenüber auch nur zu erwähnen, die Tönung herauswachsen lassen und sah so unattraktiv aus, wie Francine sie gar nicht kannte, hatte etwas Verquollenes um Augen und Mund, als hätte sie nicht gut geschlafen. Sylvies für gewöhnlich makelloses Make-up war in Hast aufgelegt, ihre Haut bleich wie Sauermilch. (Hatte Sylvie Probleme in ihrer Ehe? fragte sich Francine schaudernd. Mit einem der Kinder oder mit allen Kindern? Sylvie hatte ihr nur selten anvertraut, dass in ihrer Familie, um die Francine sie immer beneidet hatte, nicht alles zum Besten stand. Die Frauen hatten im Abstand von einem Jahr geheiratet, mit Anfang zwanzig, und ungefähr zur gleichen Zeit ihr erstes Kind bekommen, wie Spiegelbilder.) Es ängstigte Francine, war auf eine Art aber auch Balsam für ihre Seele, dass ihre Freundin, immer so viel glamouröser als sie und selbstsicher obendrein, im Moment nicht ganz so schick aussah, nicht ganz so jung.

Als sie schließlich Sylvies ungeteilte Aufmerksamkeit hatte, murmelte Francine mit skeptischem Lächeln: »Dein Haar!«, als frage sie nach dem Grund, und Sylvie verzog das Gesicht und sagte: »Ja, ich weiß, ich hatte heute Vormittag keine Zeit, etwas mit meinen Haaren zu machen, die Spitzen sind alle gespalten. Ich sehe schrecklich aus.«

»Aber wieso lässt du es wieder grau werden?«

»Wieder? Immer noch, meinst du wohl.«

Doch Sylvie war darauf bedacht, eine Kellnerin auf sich aufmerksam zu machen, und hörte gar nicht richtig zu. Sie hatte sich entschieden, was sie essen wollte, und wollte die Bestellung aufgeben, denn sie hatte am Nachmittag wenig Zeit, es war einer dieser Tage, eine dieser Wochen. Von ihrer Zeit gehe so viel für ihre Kinder drauf, klagte sie, und so viel für ihren Ehemann, und sah Francine immer noch nicht an, sondern nur in ihre Richtung und ihr nicht ins Gesicht, sodass Francine verärgert dachte, zwanzig Jahre wären vielleicht lang genug, die Freundschaft hätte sich erschöpft, wäre verschlissen wie ein zu lange benutztes Rollhandtuch; es war Zeit, dass Francine sich eine neue beste Freundin suchte. Zu oft hatte sie nachts wach gelegen und über ihr Leben nachgedacht, darüber, welchen Sinn es haben könnte, wenn es überhaupt einen hatte, und erwartungsvoll an Sylvie gedacht, als könnte die ihr den Sinn ihres Lebens beschaffen oder auf eine Art sogar der Sinn sein; denn Francine hatte es stets so empfunden, dass Sylvie nicht nur ihre beste Freundin, sondern auf eine Art das Symbol für Freundschaft an sich war – für ihr Geheimnis. Francine hatte ihren Mann sogar oft mit Sylvies Mann verglichen und ihre Kinder mit Sylvies Kindern. Sie hatte das zwar immer für sich behalten und der Freundin gegenüber nur angedeutet, aber mit dem dritten Kind hatte sie Sylvie nachgeeifert, die mit fünfunddreißig ein drittes bekommen hatte; sonst hätte Francine nicht mit sechsunddreißigeinhalb noch Donnie zur Welt gebracht. So spät noch einmal schwanger zu werden, fand Francine schon bei Sylvie gewagt und mutig und bei sich selbst leichtsinnig und (womöglich) einen Fehler.

Sie bestellten bei einer Kellnerin in Purple-Onion-T-Shirt, Jeans und Sandalen, die ihre Tochter hätte sein können und sie mit »Ma’am« ansprach. Grünkohl mit Cranberrys für Sylvie, Portobello und Brie für Francine, vielleicht auch Portobello und Brie für Sylvie und Grünkohl mit Cranberrys für Francine. Endlich erkundigte sich Sylvie nach Francines Befinden, wie sie sich fühle – mit so aufgesetztem Lächeln allerdings, dass man merkte, wirklich wissen wollte sie es nicht. Francine lachte ein bisschen zu laut und sagte: »Na ja, ich bin noch da.«

Ich lebe noch, hätte sie auch sagen können. Doch was war daran komisch?

Sylvie drängte sie zwar nicht, ausführlicher zu berichten, doch Francine hörte sich sagen, sie fühle sich seit dem Eingriff ein wenig »seltsam« – »desorientiert« –, als vergehe die Zeit sehr, sehr langsam – »wie eine Straße vergifteter Ameisen« –, dann wieder rauschten ganze Tage nur so vorbei – »wie leere Güterwaggons«. Sylvie war von der Bemerkung offenbar nicht beeindruckt oder hatte sie nicht einmal gehört, denn sie sagte nicht mit schmerzlichem Lächeln: »Oh, ich weiß genau, wie du dich fühlst!« Ohne ausdrücklich dazu aufgefordert worden zu sein, sagte Francine, sie habe in ihrem ganzen Leben noch nie so ein Empfinden von »Auflösung« – von »Zerfall« – gehabt wie bei der Betäubung; es war, als breche jedes einzelne Neuron in ihrem Gehirn von den anderen ab wie Reiskörner, die ihr durch die Finger rinnen und zu Boden fallen. Der Anästhesist habe mit ihr gescherzt und gespöttelt, sie angewiesen, von hundert rückwärts zu zählen, als fordere er sie zum Wachbleiben heraus; er hatte sie sogar verhöhnt, indem er bezweifelte, dass sie bis neunzig käme, bevor sie einschlief, und Francine hatte sich vor dem Mann gefürchtet und ihn verabscheut. Sylvie rief aber nicht: »So ein Mistkerl, du solltest ihn anzeigen!«, wie Francine es erwartet hätte, sondern sagte vielmehr zerstreut: »Also wirklich, Franny! Ganz so war es bestimmt nicht.«

War es bestimmt nicht? Wie konnte Sylvie so etwas sagen?

Die Kellnerin brachte ihnen Eistee, an dessen Bestellung Francine sich gar nicht erinnerte. Sie zitterte und bebte. Wie konnte ihre beste Freundin sie emotional so im Stich lassen!

Weil du nicht lebendig bist, schoss es Francine auf einmal durch den Kopf. Sylvie schämt sich für dich, sie weiß nicht mehr, wie sie mit dir sprechen soll.

Das würde so vieles erklären, was andernfalls unerklärlich wäre.

Wenn Francine, daran musste sie jetzt denken, von ihrer geliebten Großmutter träumte, die starb, als sie elf war, schien die nicht zu begreifen, dass ihr etwas widerfahren war, was sie unwiderruflich von anderen trennte; in Francines Träumen war ihre Großmutter stumm und lächelte Francine mit einem unergründlich wehmütigen Ausdruck zu, den ihre Enkelin zu ihren Lebzeiten nie bei ihr gesehen hatte. Da hatte Francine instinktiv gewusst, dass sie den veränderten Zustand ihrer Großmutter in ihrem Traum nicht anerkennen durfte – nur, dass etwas Grundsätzliches, Schreckliches mit ihrer Großmutter geschehen war, das sie von anderen unterschied.

So wollte Francine es auch halten, als sie erwachsen war: Sie musste andere vor den sie betreffenden offensichtlichen Wahrheiten schützen.

Die Kellnerin brachte das Essen. Sehr hübsch auf Tellern in leuchtenden Farben angeordnet und mit frischen Petersilienstängeln und Kapuzinerkresseblüten garniert. Francine hob die Gabel, brachte es aber nicht über sich, schon zu essen. Auch wenn Sylvie sich seltsam benahm, mit gezückter Gabel auf ihren Grünkohl-Cranberry-Salat schaute, als zitierte sie den Appetit herbei, musste Francine ihrer Freundin erst noch gestehen, dass ihr vor etwas graute, was sie nicht beschreiben konnte – nicht zu benennen wusste.

»Als wären, wenn ich plötzlich aufsehe oder mich umschaue – keine Ahnung, warum – alle – jeder, den ich kenne und an dem mir etwas liegt – nicht mehr da.« Francine hielt inne, wischte sich über die Augen. Ihr stockte die Stimme, der Augenblick war vorbei. »Einfach verschwunden.«

Dazu wusste die erstarrte Sylvie nichts zu sagen.

Als hätte Francine sie an etwas erinnert, was sie beinahe vergessen hätte, stand Sylvie plötzlich auf und murmelte eine Entschuldigung – sie müsse einen Anruf erledigen, einen Termin verlegen, und sie müsse die Toilette aufsuchen, die sich im Restaurant befand.

»Natürlich. Natürlich, lass dir Zeit, Sylvie«, sagte Francine beinahe fröhlich. »Ich gehe nirgendwohin.«

Lächelnd sah Francine der Freundin nach, während Sylvie davonhastete, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Francine nahm sich eine Gabel Grünkohl von Sylvies Teller, denn die hatte fast ihr ganzes Essen stehen gelassen. Es war eine Gewohnheit der Freundinnen, ein alter Brauch – sich das Essen teilen. Nur zum Kosten.

Doch der Grünkohl war bitter und fast nicht zu kauen. Dafür braucht man ja Zähne wie eine Ziege, dachte Francine. (Mit der Bemerkung würde sie Sylvie, wenn sie wiederkam, zum Lachen bringen.)

In dem Augenblick fiel Francines Blick auf eine ausgefallen gekleidete Gestalt, die nicht weit entfernt an einem Tisch saß – ein junger Mann oder Junge, auffallend so gekleidet, dass er dem Selbstmordattentäter Lasky ähnelte. Er trug einen dunklen Hoodie, eine dunkel getönte Brille, die ihm schief auf der Nase saß, und eine zerknitterte dunkle Hose.

Mit entsetztem, frostigem Blick sah Francine auf diesen Menschen. Sollte das ein Scherz sein? Ein dummer Schabernack, ausgeheckt von halbwüchsigen Jungs? (Bestimmt war irgendwo in der Nähe noch ein Komplize.) Falls ja, war das nicht komisch. Unschuldige waren bei dem Anschlag vor einem Jahr ums Leben gekommen, genau hier. Und viele verletzt und fürs Leben traumatisiert.

Und doch saß dort eine dreiste Kopie des Selbstmordattentäters, eine Tragetasche dicht neben den Füßen. Biosupermarkt! Genauso eine hatte Francine im Kofferraum des Autos liegen. Man sollte glauben, in der Tasche befände sich eine tickende Bombe – war es das? Die Augen des Jungen waren hinter den dunklen Gläsern der schief auf seiner Nase sitzenden Brille nicht zu sehen. Die Haut seines Gesichts war teigig-blass, unrein. Er wirkte nervös, schwitzte erkennbar; seine linke Wange zuckte. Er war groß, schlaksig, untergewichtig – so würde man von ihm sagen. Er hatte sich ungeschickt den Kopf kahl rasiert; die Kapuze verbarg es. Andere Terrassengäste sahen skeptisch zu ihm hinüber, waren aber eher belustigt als beleidigt oder aufgebracht. Offenbar hatte Nadia ihm den Tisch gegeben, als wäre alles in bester Ordnung, denn vor ihm lag, unaufgeschlagen und mit der Vorderseite nach unten, eine hanfrote Speisekarte.

Da wurde es Francine klar – die Explosion hatte noch nicht stattgefunden.

Das war die Erklärung. Es hatte, wie auch immer, eine Zeitverwerfung gegeben. Oder Francine war zur falschen Zeit (aus der Narkose?) aufgewacht.

Wie gelähmt saß sie da. Ein Gefühl des Entsetzens übermannte sie. Der Selbstmordattentäter saß an einem Tisch in der Nähe – wahrscheinlich in den Sekunden direkt vor der Detonation. Kein Wunder, dass Howard Lasky so aufgeregt wirkte, dass seine Wange zuckte. Und Sylvie war ins Restaurant verschwunden und befand sich in Lebensgefahr, denn die Bombe hatte bei der Explosion den Großteil des Innenraums dem Erdboden gleichgemacht, und mindestens ein Opfer, eine Frau, war in dem herabfallenden brennenden Schutt auf der Damentoilette ums Leben gekommen.

Francines Herz pochte schnell. Was tun? Was tun? Bemerkte denn außer ihr niemand den dunkel gekleideten Bombenleger und hatte Angst vor ihm? Auch wenn Howard Lasky – bis jetzt – ein Unbekannter war, warum hatte Nadia ein so verdächtiges Individuum, einen so abstrus gekleideten Jugendlichen allein an einen Tisch auf der Terrasse des Restaurants gesetzt? Hatte Francine noch Zeit, Sylvie nachzulaufen und sie in Sicherheit zu bringen? Oder wusste Sylvie etwas, was Francine nicht wusste, und war bereits geflohen, hatte sich in Sicherheit gebracht und Francine zurückgelassen?

Sie schaffte es aber nicht rechtzeitig zu Sylvie – jetzt nicht mehr. Sie brachte es nicht fertig, am Tisch des Selbstmordattentäters vorbeizugehen – so dicht an der Explosion! Sie konnte auch nicht in Panik wegrennen und die Aufmerksamkeit anderer Gäste – die würden sich wundern und sie für verrückt halten – auf sich lenken, mitten durch eine Reihe niedriger immergrüner Büsche stürzen und schluchzend auf den Parkplatz taumeln … Der ohrenbetäubende Knall der Detonation, die Entsetzens- und Angstschreie wären ihr Ende.

Und so tat Francine nichts. Was auch immer geschehen würde, es war schon zu spät: Sogar dieser trübsinnige Gedanke, es war schon zu spät, kam Francine nicht zum ersten Mal, sondern war ihr so vertraut wie der Anblick der Speisekarte des Purple Onion, wie das Gefühl, wenn sie sie in der Hand hielt, wie die Aufzählung der Spezialitäten. Sie stocherte mit der Gabel noch einmal in Sylvies Salat, eine schwesterlich-intime Geste, die Sylvie zum Lächeln bringen würde, sollte sie zufällig gerade an den Tisch zurückkommen und sehen, was Francine tat.

Der blutige Kopf

Im lauschigen Innenhof des Hȏtel de l’Abbaye in der Rue Cassette in Paris saß die Amerikanerin allein an einem kleinen schmiedeeisernen Tisch beim Frühstück. Sie überflog die europäische Ausgabe der New York Times, die hier, ohne die verschwenderischen ganzseitigen Reklameseiten, kaum wiederzuerkennen war; sie verfasste Postkarten an Familie und Freunde zu Hause, auch wenn sie einsah, dass Postkarten inzwischen passé waren, altmodische Gesten aus vordigitaler Zeit, auf die ihre jungen Enkel, im Banne des Textens, nur einen kurzen skeptischen Blick werfen würden.

Es war früh am Morgen, noch nicht einmal Viertel nach sieben, und weniger als die Hälfte der Tische war besetzt. Ein Springbrunnen in der Mitte des Hofes machte die tröstlichen Geräusche eines langsam pumpenden Herzens: ruhig und erholsam und (doch) vielversprechend. Die Amerikanerin saß um diese Stunde als Einzige unbegleitet in dem Hof, was ihr Selbstgefühl steigerte und sie in freudige Erregung versetzte.

An diesem Vormittag wollte sie ins Musée d’Orsay; sie wollte nicht durch die Räume mit den eleganten hohen Decken hasten und sich nicht zumuten, unbedingt jedes ausgestellte Kunstwerk zu betrachten. Vielleicht ging sie am nächsten Tag ja noch mal hin oder in ein anderes, kleineres Museum – der Reiseführer verzeichnete etliche kleinere, darunter das hochinteressante Musée Picasso. Später würde sie ohne bestimmtes Ziel an der Seine entlangschlendern, ihre Freiheit in der lässigen Schönheit von Paris im Herbst genießen; am Abend würde sie in einem neuen, mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Restaurant in der Nähe des Hotels gemütlich essen, das ihr Freunde empfohlen hatten, weil dort eine hoch angesehene Frau aus Südfrankreich am Herd stand.

Sie war eine attraktive Frau fortgeschrittenen mittleren Alters mit verblasstem blondem Haar und einem Lächeln, das sie in der Öffentlichkeit keine Mühe kostete; sie war stets freundlich zu Servicepersonal – eigentlich zu allen, denen sie begegnete. Sie trug ein weißes Leinenjackett und eine weiße Leinenhose mit perfekter Bügelfalte, eine mehrreihige Perlenkette; auf ihrem Kopf saß ein modischer Strohhut mit breiter Krempe. An den Füßen trug sie ihre bequemsten Schuhe mit kleinem Absatz.

Der Name der Amerikanerin war nicht »Isabel Archer«, hatte aber so viel Ähnlichkeit mit diesem klassischen Namen, dass die Frau sich nun insgeheim als Nachfahrin der naiven, hochherzigen Heldin von Henry James sah, als eine, die für sich die Tragödie von Isabel Archers eingeengtem Leben abgewendet hatte.

Es war der pure Zufall. Für die meisten Frauen. Der Zufall der Zeit, der Generationen. Ob sie frei leben konnten oder nicht. Bei Isabel Archer, die von Henry James verehrt wurde, hatte es sich um eine Dame gehandelt, zwangsläufig. Im 21. Jahrhundert musste eine Frau jedoch keine Dame mehr sein.

Die Amerikanerin machte sich Notizen in ihrem Parisführer, als sie auf Gäste an anderen Tischen aufmerksam wurde, die zu einem Zimmer im dritten Stock des Hotels hinaufsahen und dann den Blick abwendeten; sie hörte einen schaurigen erstickten Schrei und sah, als sie sich verwundert umwandte, in einem geöffneten Fenster einen Mann, der Hilfe! Helfen Sie mir! schrie – unverkennbar auf Englisch. Der Mann war offenbar nur halb bekleidet; zumindest war das, was die Amerikanerin von seiner Brust und seinem Bauch sah, unbedeckt. Unbeholfen hatte der Mann etwas Weißes um sich gewickelt – ein Laken, ein Handtuch, hatte aber auch etwas Weißes um den Kopf. Hilfe! Helfen Sie mir … Oh, der Arme, was hatte er nur? Warum interessierte das keinen? Die Amerikanerin wollte der in elegantem Schwarz gekleideten Hotelangestellten, die diskret an der Hofseite gestanden hatte, ein Zeichen geben, sie war aber nirgends zu sehen, und auch der Kellner, der den Gästen den Kaffee ausgeschenkt hatte, war verschwunden.

Die Amerikanerin wollte sich nicht einmischen, das wollte sie auf keinen Fall. Der Gedanke Mein Vormittag verspricht so schön zu werden, den kann ich nicht drangeben: Das werde ich nicht ging ihr durch den Kopf. Wäre sie doch nur ein paar Minuten früher aus dem Hof geschlüpft …

Doch der Mann im dritten Stock rief weiter verzweifelt um Hilfe. Rief es nun sogar direkt ihr zu, denn die anderen sahen versteinert weg. Warum war immer sie verantwortlich? Sie konnte den Mann nicht ignorieren, wie die anderen es taten; er sprach Englisch, war ohne Zweifel Amerikaner wie sie selbst und hatte offenbar niemanden, der sich sonst seiner annehmen konnte.

Instinktiv griff die Amerikanerin nach ihrer Handtasche, in der sich ihr Pass, ihre Kreditkarten, Bargeld und ein für einen Tag ausreichender Vorrat von Kosmetiktüchern befanden, und eilte zum Hof hinaus, der auf drei Seiten von Hotelmauern umgeben war und sich auf der vierten zu einer kleinen Lobby hin öffnete. Die Rezeption war verwaist – obwohl sie mehrmals läutete, kam niemand von hinten aus dem Büro nach vorn. Oh, wo hielten sich alle versteckt? Warum half denn niemand? Obwohl sie wusste, dass es dauern würde, bis der anheimelnd kleine Fahrstuhl, in dem nicht mehr als drei Erwachsene gleichzeitig Platz fanden, unten ankam, vergeudete sie kostbare Zeit damit, darauf zu warten, gab es nach einer Weile aber auf und lief die mit Teppich bespannten Stufen hinauf in den zweiten und den dritten Stock, wo sie, nun außer Atem, still in sich hineinweinte: Mein Vormittag! Mein schöner Vormittag!

Im Etagenflur überlegte die Amerikanerin, wo sich das Zimmer des Mannes befinden mochte, das ja auf den Hof in der Hotelmitte hinausging und daher nicht am Rand liegen konnte, stolperte also aufs Geratewohl in die vermutete Richtung und sah, dass am entfernten Ende des Flurs eine Tür offen stand, obwohl das Schild NE PAS DÉRANGER über dem Türknauf hing.

Der verzweifelte Mann war wenigstens so klug gewesen, seine Tür offen zu lassen! Wenn ihm jemand zu Hilfe kommen sollte.

Zögernd und in Erwartung von etwas Entsetzlichem ging die Amerikanerin in das Zimmer hinein und sah erstaunt einen nackten Mann fortgeschrittenen mittleren Alters, der, etwas übergewichtig und mit silbergrau schimmerndem Haar auf Brust und Bauch, schwer blutend und benommen vornüber gebeugt auf dem Bett saß. Um den Kopf hatte er ein weißes Handtuch gewunden, durch das jedoch Blut sickerte und ihm auf den Hals, die fleischigen Schultern und in die glänzenden Brusthaare floss. Sein Gesicht war eine grelle Maske in Rot, aus der aufgerissene, vor Angst glasig weite Augen leuchteten. Gott sei Dank – helfen Sie mir – schauen Sie, ob Sie die Blutung stillen können. Der Ton seiner Stimme war verzweifelt und vorwurfsvoll, als hätte er bereits übermäßig lange darauf gewartet, dass die Amerikanerin zu ihm heraufgestiegen kam, und wäre am Ende seiner Geduld angelangt.

Keine Chance, mir bleibt nichts anderes übrig, dachte die Amerikanerin, trotz des weißen Leinenjacketts und der weißen Leinenhose blieb ihr nichts anderes übrig, als dem Verzweifelten zu Hilfe zu kommen, der sonst offenbar niemanden hatte, der ihm helfen konnte, und ihr nun mit Worten, so schnell wie ein bergab rasendes Auto, erklären wollte, dass er einen Unfall im Badezimmer gehabt habe, auf den Bodenfliesen ausgerutscht und bei seinem schweren Sturz mit dem Kopf auf der Toilettenschüssel aufgeschlagen sei, wonach er sich minutenlang nicht habe bewegen können, womöglich sogar das Bewusstsein verloren habe, das wisse er nicht genau, es sei alles so schnell gegangen, sich dann unter großen Mühen habe aufrappeln können, nachdem er sich zuerst umgedreht, dann am Waschbecken festgehalten und hochgezogen habe, halb wahnsinnig vor Schreck und Schmerz, und, als er sich im Spiegel gesehen habe, das blutende Loch in seinem Kopf, am Scheitel, nach einem Handtuch gegriffen habe in der Hoffnung, die Blutung stoppen zu können, die Blutung habe aber nicht aufgehört, zumindest sei er sich nicht sicher, ob sie aufgehört habe, er könne die Wunde nicht sehen, könnte sie vielleicht – einmal nachschauen? Ihm helfen – ihm sagen, ob das Bluten aufgehört habe?

Natürlich tat die Amerikanerin dem Mann den Gefallen, um den er sie gebeten hatte. Behutsam entfernte sie das blutgetränkte Handtuch von seinem Kopf und sah mit einem plötzlichen Schwächegefühl eine offenbar tiefe Wunde in seinem Schädel oder jedenfalls eine Wunde, die stark blutete, sein silbergraues Haar in einem brutalen Rot getönt hatte; sogar jetzt lief ihm noch Blut auf die Schultern. Hier! Nehmen Sie das, sagte er und drückte ihr das flauschige weiße Badehandtuch in die Hand, das er sich unbeholfen um den Leib gewickelt hatte und das erst stellenweise Blutflecken aufwies.

Dieses Handtuch war jedoch zu groß, und die Amerikanerin holte forsch wie eine Krankenschwester ein zweites kleineres Handtuch aus dem Badezimmer, um es dem Mann sorgfältig wie einen Turban um den Kopf zu wickeln, denn es durfte sich nicht lösen und herunterfallen, und das gelang ihr auch, allerdings ohne große Hilfe durch den aufgeregten Mann, der ihr weiter in ungläubigem Ton schilderte, wie der Unfall passiert war – ihm, dem so etwas noch nie passiert war. Es lag an dem verfluchten Badezimmer, der rutschigen Wanne, der zu kleinen Badematte, und es sei so schnell gegangen, dass er sich mit blutendem Kopf auf dem Boden wiederfand, und niemand da, den er herbeirufen, der ihm helfen konnte, er sei allein gewesen in diesem verfluchten Bad, und als er ins Zimmer gewankt sei und an der Rezeption anrufen wollte, funktionierte das verfluchte Telefon nicht, oder er hatte keine Ahnung, wie er es bedienen musste, und so sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als zu dem verfluchten Fenster zu wanken und in den Hof hinunterzurufen, sich zur Schau zu stellen … Und eine ganze Weile sei niemand gekommen, obwohl er gesehen hatte, dass sie zu ihm heraufsah – ihn offenbar gehört hatte, aber nicht gleich reagierte, wie er geglaubt hatte. Aber – Gott sei Dank sind Sie da!

Die Amerikanerin war immer noch erschrocken, ihr Herz raste alarmierend, denn der Anblick des stark blutenden, auf dem Bett zusammengesackten nackten Mannes hatte sie im ersten Augenblick geängstigt. Anscheinend befand sich der verzweifelte Mann aber nicht in großer Gefahr; soweit die Frau es feststellen konnte, schwächte sich die Blutung ab, und sein Schädel war (bestimmt) nicht gebrochen; die Wunde an der Kopfhaut war wohl weniger tief, als es den Anschein hatte, denn starke Blutungen waren sogar bei oberflächlichen Kopfwunden normal, wie der Verletzte ihr versicherte, der sich mit der Materie auszukennen schien und den Begriff vaskularisiert verwendete, am Schädel befanden sich nämlich wesentlich mehr kleine Blutgefäße als irgendwo sonst im menschlichen Körper, die hier zudem alle dicht unter der Haut lagen. Aus dem Grund, sagte der Mann, brauche er auch keinen Arzt aufzusuchen, nicht in ein Krankenhaus zu gehen; in wenigen Minuten, da war er sich sicher, würde es ihm wieder gut gehen.

Die ganze Zeit, die der Mann sprach, versuchte die Amerikanerin, tief und ruhig zu atmen und nicht im Strudel der mit vorwurfsvollem Unterton hastig hervorgestoßenen Worte unterzugehen, denn der Mann hatte etwas an sich, so ungestüm und kraftvoll wie ein bergab rasendes Auto, das in seinem Sog vielleicht ein anderes mit sich zieht, wie der Aufwind ein Stück Papier hochreißt; als es ihr gelang, den Strom seiner Worte zu unterbrechen, sagte sie, sie sei so schnell gekommen, wie sie konnte, sie habe erst kostbare Zeit beim Warten auf den Fahrstuhl verloren, bevor sie beschlossen habe, die Treppe hinaufzulaufen; und der Mann verfluchte den Fahrstuhl: Warum bauen die in Europa so kleine Fahrstühle, sind die hier alle Zwerge? Und fügte, der vorwurfsvolle Ton jetzt durch einen Anflug von Humor gemildert, denn das war wohl übertrieben, hinzu: Wenn Sie auf das verfluchte Ding gewartet hätten, wäre ich jetzt tot.

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