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Der schwarze Winter

Als Buch hier erhältlich:

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Zwei Schwestern kämpfen im Hungerwinter 1946/47 gemeinsam ums Überleben

Die eisige Kälte hat ganz Deutschland im Griff, und Silke Bensdorf und ihre Schwester Rosemarie müssen von dem Bauernhof fliehen, auf dem sie untergebracht waren. Die beiden jungen Frauen schlagen sich bis nach Hamburg durch, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Aber die Stadt liegt in Trümmern, und die Briten haben einen Zuzugsstopp verhängt - an eine Unterkunft und Essensmarken kommen sie nur noch über den Schwarzmarkt. Schnell begreifen sie: Auch hier ist das Leben rau, jeder sich selbst der Nächste. Sie schaffen es kaum, genug Lebensmittel aufzutreiben, um nicht zu verhungern. Bis die Schwestern zunehmend Erfolg im Schwarzmarkthandel haben und Silke sogar eine Bar für britische Soldaten eröffnet. Der fragile Erfolg droht jedoch zu kippen, als die Schwestern auf Händler treffen, denen die Frauen in ihrem Geschäft ein Dorn im Auge sind …

»Akribisch recherchiert und mit zwei vielschichtigen Heldinnen im Zentrum des spannenden Plots, überzeugt Lindemanns Schmöker auf ganzer Linie.« Grazia, 28.10.2021


  • Erscheinungstag: 21.09.2021
  • Seitenanzahl: 384
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749901548

Leseprobe

Die hier erzählte Geschichte ist rein fiktiv.
Ähnlichkeiten zu lebenden oder
verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Für meinen Mann
Aus tausend Gründen und noch mehr

Februar 1947, Hamburg

Prolog

Rosemarie spürte die Kälte nicht. Nicht den eisigen Wind, der durch die Häusergerippe pfiff und in den klaffenden Löchern spielte, als wären sie nur zu seinem Vergnügen in die Fassaden gebombt worden. Nicht die Nässe des Schnees, die sich schon nach wenigen Minuten in das viel zu dünne Leder ihrer Schuhe gefressen hatte. Nicht die bläulich verfärbten Lippen, die nur einen winzigen Spalt geöffnet waren, gerade so weit, dass der Atem wie milchig weißer Rauch hinausströmen konnte.

Einzig das Metall in ihren Händen spürte sie. Trotz der Kälte brannte es unter ihren Fingern wie glühende Kohlen. Schon der Besitz der Waffe konnte sie ihre Freiheit kosten. Dazu musste sie nicht einmal abdrücken.

Sie presste ihren Körper dicht an die kalte Mauer und lauschte. Noch war alles still um sie herum, nur in ihrem Kopf wurde Silkes Stimme immer lauter. Willst du alles aufs Spiel setzen, was wir bisher erreicht haben?

Rosemarie schüttelte kaum merklich den Kopf. Es ging nicht darum, was sie erreicht hatten, sie musste dort hinsehen, wo das Unrecht geschah. Schon wieder. Als wäre nicht bereits genug geschehen.

Genug für die ganze Menschheit. Genug für alle Zeiten.

Leise knirschten Schritte durch den Schnee. Fieberhaft sah sie sich um, die Hand um die Waffe gekrampft. Der Gedanke, dass sie tatsächlich abdrücken müsste, ließ sie zittern.

Aus dem Schneegestöber schälte sich Milas zierliche Gestalt. Mit leichten, schnellen Schritten näherte sie sich, das für ihre einundzwanzig Jahre kindliche zarte und gleichzeitig so erwachsene Gesicht wirkte noch angespannter als sonst.

»Das Schwein ist da.« Mila bleckte die Zähne. »Er hat ein Mädchen dabei. Vierzehn, fünfzehn, höchstens.«

Rosemaries Hand schloss sich fester um die Pistole.

Sie spürte, dass heute ein Scheidetag in ihrem Leben sein würde.

Vielleicht der wichtigste von allen bisher. Den Abschieden, den Todesfällen, der Flucht. Heute würde sie die Richtung bestimmen – und einen Weg betreten, von dem es kein Zurück gab.

Sie stieß sich von der Mauer ab und folgte Mila durch den Schnee zu dem Eingang, der versteckt inmitten der Trümmer lag. Es war kaum zu erkennen, dass sich darunter ein vollständig erhaltener Keller befand.

Mila wandte sich zu ihr um und legte einen Finger auf die Lippen.

Rosemarie nickte. Lautlos überwand sie die Trümmer. Sie brauchten das Überraschungsmoment, mit der Stärke und Waffenmacht der Männer in dem Keller konnten sie nicht mithalten. Wobei – trotz der Anspannung stahl sich ein grimmiges Lächeln auf ihre Lippen –: Mila und sie würden die da drin ganz bestimmt nicht erwarten.

Wer rechnete schon damit, dass Frauen sich bewaffneten und wehrten?

Fünf Monate zuvor
Oktober 1946, Wulfskate

1

Silke zog an der verdorrten Pflanze und legte sie zur Seite. Die Kartoffeln darunter schob sie auf einen Haufen, wühlte in der Erde nach mehr und befreite sie vom groben Schmutz. Erst dann warf sie die Knollen in den Kartoffelkorb. Aber nicht alle. Nie alle. Eine, manchmal zwei Knollen pro Pflanze beließ sie in der gelockerten Erde, gerade so tief, dass sie geschützt waren vor Licht, vor Tieren und vor den Augen des Bauern.

Ein Tropfen benetzte ihre Hand. Sie blickte zum Himmel. Dunkle Wolken zogen gen Norden. Mehr als einen kurzen, heftigen Schauer würden sie nicht hergeben. Viel zu wenig für das vertrocknete Land, jedoch genug, um ihre Kleider zu durchnässen und sie die nächsten Stunden jeden Zentimeter des nassen Stoffes auf ihrem dürren Körper spüren zu lassen.

Die Tropfen fielen nun schneller, sie prasselten auf ihren Kopf, ihren Rücken, auf die Erde um sie herum. Die Wolle ihrer groben Arbeitsbluse sog sich unerbittlich voll und klebte schwer und kratzig auf ihrer Haut. Sie stieß die Harke zurück in den bereits gelockerten Boden und spürte, wie der Regen ihn verdichtete. Spürte die feuchte, lehmige Erde, roch den schweren, modrigen Dunst. Schon erwachten in ihr die Bilder, die sie jeden Morgen so sorgsam wegsperrte wie früher die Tageseinnahmen nach Ladenschluss.

Unaufhaltsam marschierten die Toten vor ihrem inneren Auge. Alte, Junge, Kinder, so viele Kinder, links und rechts der Straße, zurückgelassen, schutzlos der Natur übergeben, ohne Sarg, ohne Priester, ohne ordentliches Grab, oft nackt auf dem brachen Boden der wüsten Äcker. Sie sah die wachsig-gelben Hände des Vaters, so real, als beugte sie sich gerade erst über ihn, um auf immer Abschied zu nehmen.

Sie verharrte in ihrer Bewegung, das verdorrte Kartoffelkraut in ihrer Hand wie einen Blumenstrauß.

»Silke? Was ist los?« Rosemarie ließ ihre Grabgabel ebenfalls ruhen. »Schmerzt dein Rücken? Soll ich alleine weitermachen?«

Silke schüttelte den Kopf. Natürlich schmerzte ihr Rücken. Aber wie sollte sie genug Kartoffeln beiseiteschaffen, wenn sie jetzt aufhörte? Wovon sollte sie dann die Extraportionen bezahlen, ohne die sie nicht überleben würden?

»Alles gut.« Sie spürte Rosemaries prüfenden Blick. »Alles gut, habe ich gesagt!« Unwirsch bohrte Silke die Harke in den Boden.

Rosemarie zuckte die Schultern und drückte die Grabgabel hoch. Summend lockerte sie die Erde um die nächste Kartoffelpflanze, die immer gleiche Bewegung, das immer gleiche Geräusch. Nur die Melodien, die Rosemarie vor sich hin summte, wechselten. Stetig arbeiteten sie weiter. Ein eingespieltes Team. Schwestern, die niemand für Schwestern hielt.

Silke, blond, blauäugig, schmallippig, die Ältere, die seit ihrem sechzehnten Lebensjahr im elterlichen Betrieb gearbeitet hatte, die erste und letzte Frau, die den Familienbetrieb führte, die immer alles unter Kontrolle hatte, sogar den Diebstahl erdiger, mickeriger Kartoffeln, denen der Hitzesommer die Kraft geraubt hatte.

Und Rosemarie, dunkelhaarig und braunäugig, mit ihren vierundzwanzig Jahren fast zwölf Jahre jünger. Die Singende, die jeden Tag so nahm, wie er eben kam.

Silke hob den Kopf und beobachtete ihre Schwester. Sie beneidete Rosemarie um die Leichtigkeit, mit der sie die Grabgabel bediente, obwohl sie genauso hungrig und müde und unterkühlt sein musste wie sie selbst. Es wirkte, als wöge die Gabel kaum mehr als ein paar Gramm, als wäre die Erde federleicht und locker. Alles wirkte bei Rosemarie leicht und locker und spielerisch. Selbst die nassen Strähnen, die sich aus ihrem dichten Zopf gelöst hatten und ihr Gesicht umrahmten, als wären sie Teil einer besonders extravaganten Frisur.

»Wie es Anna jetzt wohl geht?«, fragte Rosemarie unvermittelt.

Anna. Ob Rosemarie jemals aufhören würde, sich diese Frage zu stellen?

»Wir hätten sie nicht dieser schrecklichen Frau überlassen dürfen.« Rosemarie zog eine Grimasse.

»Mit vierzehn kann sie nicht für sich selbst sorgen«, sagte Silke. »Diese Frau hat nur ihre Pflicht getan. Und wir ebenso. Anna gehört ins Waisenhaus.«

»Pflicht!« Rosemarie spie das Wort regelrecht aus. »Ich kann es nicht mehr hören! Wir erschießen Menschen und sagen, es ist unsere Pflicht als Soldat, wir verraten Freunde und sagen, es ist unsere Pflicht als Patriot, wir schicken verängstigte Kinder zu schrecklichen Frauen in noch schrecklichere Heime und sagen, es ist unsere Pflicht. Pfeif auf die Pflicht! Sie bringt nichts als Elend!«

Silke presste die Lippen zusammen. Was sollte sie darauf auch sagen?

»Du hättest sie als deine Tochter ausgeben können.«

»Rosemarie!« Silke erhob sich. Ihre Knie knackten, ihr Rücken war so steif, dass sie ihn nach dem langen Bücken kaum strecken konnte. »Du weißt nicht, was du da sagst!«

»Ich hätte es getan.« Rosemarie stieß die Grabgabel bis zum Stiel in den Boden. »Du bist sechsunddreißig, du könntest ihre Mutter sein. Ich nicht.«

»Es wäre nicht recht gewesen.« Silke sah zu Boden. Es stimmte. Sie hätte Anna als ihr Kind ausgeben können, zumal das Mädchen keine Sekunde gezögert hätte, um sie als Mutter zu bestätigen. Sie hätte nur sagen müssen, dass sie die Papiere auf der Flucht verloren hatte. Hätte … Aber sie hatte nicht. Weil es nicht recht gewesen wäre? Weil sie Angst gehabt hatte, für noch eine Person mehr verantwortlich zu sein? Oder war es die harsche Autorität der resoluten Frau in dem strengen Kostüm aus derbem Leinen gewesen? Silke nickte, als müsste sie es sich selbst bestätigen. Keinen Moment hatte sie daran gezweifelt, dass es richtig war, Anna in ihre Obhut zu geben, so wie es das Gesetz vorsah.

»Ein Kind vor dem Heim zu bewahren ist also falsch, dem Kind seine Eltern zu nehmen Soldatenpflicht.« Rosemarie schüttelte verächtlich den Kopf. »Es wäre nur eine winzige weitere Lüge in dem Meer von Lügen gewesen, in dem wir seit Jahren schwimmen.« Ihre Augen wurden feucht. »Aber du hast dich ja so gerne belügen lassen! Du hast ihm sogar noch zugejubelt, diesem Verbrecher und seinen Verbrecherschergen!«

Silke umklammerte die Grabgabel. Ja, Rosemarie hatte recht. Sie hatte Hitler und den Seinen zugejubelt, war stolz gewesen, wenn die Frauen der hohen Nationalsozialisten zu ihnen ins Geschäft kamen. Sie hatte den Führer gefeiert. Als Erlöser aus der Not, als Retter vor den immer dreister werdenden Annexionsdrohungen der Polen, als Befrieder des Chaos, das die Roten in der Stadt anrichteten. Sie hatte ihm geglaubt, ihm und Reichsminister Dr. Goebbels, als er ihnen unter wehenden Fahnen bei der Feier der Gaukulturwoche im Juni 1939 auf dem Theaterplatz Zuversicht gab. Sie hatte Fahnen geschwenkt bei dem alle Herzen ergreifenden Freudenfest, als Danzig heimkehrte ins Deutsche Reich, und auch, als der Führer zu Besuch kam. Es war einer der aufwühlendsten Momente ihres Lebens gewesen, nie würde sie seine Worte vergessen: »Danzig war deutsch, Danzig ist deutsch geblieben, und Danzig wird von jetzt ab deutsch sein, solange es ein deutsches Volk gibt und ein Deutsches Reich.« Und nun, am Ende all dieser großen Ereignisse, die sie als richtig und gut empfunden hatte, stand schließlich die Katastrophe? Was war nur falschgelaufen, dass die Heimat nun verloren war?

»Silke?«, unterbrach Rosemarie ihre Gedanken.

»Niemand hat gewusst, niemand konnte wissen, dass sie am Ende das Gegenteil dessen bewirken, was sie uns versprochen hatten.«

»Silke, du bist den Nazis gram, weil sie den Krieg nicht gewonnen haben. Wann wirst du endlich einsehen, dass sie ihn gar nicht hätten beginnen dürfen? Wann gibst du endlich zu, dass sie Verbrecher sind, dass sie Millionen unschuldige Menschen auf dem Gewissen haben?«

Silke seufzte. Nein, das wollte sie sich einfach nicht vorstellen. Rosemarie war noch nie gut auf die Nazis zu sprechen gewesen, und das konnte doch nicht sein. Das hätte sich doch herumsprechen müssen! Hinter all diesen glücklichen Fügungen, hinter den Feierstunden des Reiches und der pompösen Fassade der Hakenkreuzbanner und der jubelnden Massen sollten unfassbare Gräueltaten verübt worden sein? »Nein, Rosemarie, ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Das hätten wir doch wissen müssen. Niemand hat das gewusst.«

Rosemarie lachte verächtlich auf. »Noch so eine Lüge, die uns so leicht über die arischen Lippen kommt.«

»Ich habe es wirklich nicht gewusst.«

»Weil du es nicht wissen wolltest. Es wäre zu unbequem gewesen, dein Gewissen damit zu belasten – oder hättest du Gauleiter Forster und seine Frau auch so angehimmelt, wenn du gewusst hättest, wie viel Blut an ihren Händen klebt?«

»Ich weiß es nicht.« Silke trat einen Schritt auf Rosemarie zu. »Aber du hast recht, ich wollte es nicht wissen. Ich habe weggesehen, als immer mehr unserer jüdischen Kunden ausblieben. Das war eben so, und mit all den Geschichten über die Juden … Rosemarie, du weißt, ich habe noch nie einen Menschen beschimpft oder schlecht behandelt, auch keine Juden, aber nach allem, was man über sie gehört hat, waren sie mir auch nicht mehr ganz geheuer.«

Rosemarie sah sie spöttisch an. »Nicht ganz geheuer? War es nicht vielleicht eher praktisch, dass die jüdische Konkurrenz plötzlich einfach weg war und Vater ihre Bestände billig bekommen konnte?«

»Das … Das …« Silke rang um die richtigen Worte. »Hätte Vater sie der Konkurrenz überlassen sollen? Nicht er hat die Läden der Juden geschlossen. Als hättet ihr es besser gewusst, du und Malte. Habt ihr etwa geahnt, was wirklich passiert und wie das alles enden wird?«

»Hast du es schon vergessen? Malte hat uns bei seinem letzten Heimaturlaub am Mittagstisch erzählt, welche Verbrechen die Wehrmacht an der Ostfront angerichtet hatte. Vom Kommissarbefehl, alle zu erschießen, die sowjetische Agenten sein könnten, und von der Ermordung der jüdischen Kriegsgefangenen und von den Ghettos und der Vernichtung ganzer Dörfer. Vater hat ihm das Wort verboten, weil man an unserem hochanständigen Mittagstisch über so etwas nicht spricht! Und du wolltest es auch nicht hören.« Rosemarie schüttelte sich. »Malte hat nie weggesehen.«

Silke trat noch einen Schritt auf ihre Schwester zu. Zaghaft legte sie die Arme um sie und drückte sie an sich.

»Er ist den Heldentod gestorben. Du kannst stolz sein auf ihn.«

Durch die nasse Joppe fühlte sie Rosemaries Rippen. Auch sie war nur noch ein Hauch ihrer selbst. Aber wenigstens war sie noch hier. Im Gegensatz zu den Eltern, zu Hanno, Jette.

Rosemarie war noch hier. Bei ihr.

Und sie würde verdammt noch mal alles tun, damit sich daran nichts änderte.

Rosemarie riss sich los. »Malte ist in einem Krieg gestorben, den er sinnlos und verbrecherisch fand. Das ist alles von Grund auf falsch, falsch, falsch. Und du hast es bis heute nicht kapiert.«

2

Silke war immer noch hungrig. Ein Teller Brotsuppe, ein Apfel. Fallobst mit mehr fauligen als guten Stellen. Wie sollte sie davon satt werden?

Sie sah sich in der dunklen, muffigen Gesindeküche um. Der Tisch genauso wacklig und fleckig wie die sechzehn Hocker drum herum, die Wände so feucht, dass der gelblich graue Putz abblätterte, die Fensterscheiben ersetzt durch Drahtgitter, die Lampe über dem Tisch eine nackte Glühbirne. Der Ofen war alt und tückisch beim Anfeuern, aber wenigstens schenkte er ein wenig Wärme. Der Raum passte zu den Unterkünften, zumindest zu den Baracken, in denen die Flüchtlinge untergebracht waren. Klein, muffig, kalt. In jedem Zimmer vier schmale Stockbetten, kein Stuhl, kein Tisch, kein Schrank, aber Armeen von Flöhen und Wanzen.

Silke knabberte um die fauligen Stellen des Apfels, bis sie trotz aller Vorsicht eine erwischte. Angewidert legte sie die Reste in den zerbeulten Blechteller, als einer der neu angekommenen Männer nach Rosemaries Teller griff.

»Finger weg!« Silke klopfte ihm auf den Handrücken und zog Rosemaries Teller zu sich. »Wir stehlen uns hier nicht gegenseitig das Essen.«

»Was denn?«, beschwerte sich der Mann. »Da sitzt doch keiner! Schade um die Suppe.« Wieder streckte er die Hand aus.

Silke schob ihm den Teller mit den fauligen Apfelresten zu. »Regel Nummer eins: In den Baracken wird nie von etwas zu viel verteilt. Immer nur zu wenig. Regel Nummer zwei: Wenn eine von uns länger arbeiten muss, wartet ihr Teller auf sie, bis sie fertig ist.«

Der Mann wischte die Apfelreste so heftig zur Seite, dass der Teller scheppernd zu Boden fiel. Mit einem Mal war es totenstill im Raum. Alle Unterhaltungen verstummten, selbst das Schlürfen der Esser brach ab. Gebannt starrten dreizehn Gesichter auf Silke und ihren Widersacher.

»Bist wohl ’ne ganz Wichtige, was? Eine von den Feinen, die glauben, dass sie immer noch was Besseres sind.« Er sah sich Beifall heischend um, doch die Mienen blieben unbewegt. »Aber das bist du nicht. Und jetzt her mit der Suppe. Wer nicht kommt zur rechten Zeit …«

»Lass gut sein, Anselm«, mischte sich Helge ein, der Barackenälteste. »Das ist die Suppe von Fräulein Bensdorf, und niemand anders wird sie essen. Du hast es gehört, wir bestehlen uns nicht. Was du draußen tust, geht nur dich was an, aber hier drinnen hältst du dich an die Regeln. Wir alle haben unser Zuhause verloren. Wir sitzen im selben Boot, vergiss das nicht.«

Silke warf ihm einen dankbaren Blick zu. Helge nickte, fixierte dann den Neuankömmling. In dessen Gesicht arbeitete es, als schätze er ein, ob der Teller Suppe einen Revierkampf wert war. Schließlich kratzte er über die Flohstiche an seinem Arm. »Ist eh eine mickerige Portion. Was ist deine Schwester? Ein Zwerg?«

Silke atmete auf. Niemand brauchte Ärger in der Baracke, sie am allerwenigsten. Interessant jedoch, dass selbst dem Neuen sofort aufgefallen war, wie klein Rosemaries Portion war. Fast alle hatten zwei Stücke Obst zu ihrer Suppe bekommen. Nur sie nicht. Und Rosemarie.

Es war nicht recht.

Aber das interessierte keinen. Natürlich nicht. Jeder achtete nur darauf, dass der eigene Teller gefüllt war. Wegsehen, sich abwenden vom Leid der anderen. Darin waren sie Weltmeister. Genug. Wenn sie weiter wartete, dass die Menschheit sich änderte, würde sie beim Warten verhungern. Sie sah auf den kärglich gefüllten Teller.

Es war nicht recht.

Und genau das würde sie dem Bauern jetzt sagen.

Entschlossen stand sie auf und verließ die Gesindeküche. Sie überquerte den dunklen Hof, das Haupthaus mit seinen hell erleuchteten Fenstern und Vorhängen und ordentlich getünchten Wänden fest im Blick. Der Bauer saß in der Stube. Nur die Schultern und der mächtige Kopf mit dem schütteren Haarkranz waren durch das Fenster zu sehen, doch es reichte, um ihren Schritt zu verlangsamen, ganz zu stoppen.

Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals.

»Es ist nicht recht«, flüsterte sie sich zu.

Zaghaft klopfte sie an die Scheibe. Der Bauer drehte sich um und runzelte die Stirn, als er sie sah. Sie bedeutete ihm, dass sie ihn sprechen müsse, hoffte gleichzeitig, dass er sie abwimmeln würde. Was wollte sie ihm sagen? Sie hatte keinen Plan, keine sorgfältig zurechtgelegten Worte, mit denen sie ihm sein Unrecht vorhalten konnte. Sie hatte nur ihren Hunger. Und ihre Wut.

Der Bauer zeigte zur Tür, auf der Stirn verwandelte sich das Runzeln in tiefe Zornesfalten. Entschlossen drückte sie die schwere Holztür auf und lief durch den Flur in die Stube.

Der Bauer stand neben einer mächtigen Kommode, deren oberste Schublade er halb aufzog.

»Nun?«, fragte er. »Brennt’s, oder warum störst du mich?«

»Ich …« Das respektlose Du verunsicherte sie.

»Du was?«

»Ich … habe Hunger.« Silke presste ihre Lippen zusammen.

Er starrte sie einen Moment fassungslos an, dann lachte er schallend los. »Hunger?« Das Lachen verstummte, seine Augen wurden eng. »Und deshalb störst du mich? Bist du verrückt, Frau?«

»Meine Schwester und ich bekommen weniger zu essen als die anderen. Jeden Tag stehen wir hungrig vom Tisch auf, und mindestens eine von uns hat Fauliges auf ihrem Teller.«

»Jedem, was er verdient.« Der Bauer drückte sein breites Kreuz durch, als wollte er Silke auch körperlich seine absolute Überlegenheit demonstrieren. »Ihr arbeitet schlechter und tragt die Nase höher. Soll ich das auch noch belohnen? Sei dankbar, dass ich dich und deine Schwester nicht schon längst vom Hof gejagt habe.«

»Nein.«

Sein Kopf lief rot an. »Was … nein?«

»Nein, ich bin nicht dankbar.« Silke stemmte ihre Arme in die Hüfte, wie sie es sonst nur bei ihren vielen Streitgesprächen mit Hanno gewagt hatte. »Sie haben kein Recht, uns grundlos vom Hof zu jagen. Wir wurden Ihnen zugeteilt. Wir arbeiten für Kost und Logis, und Sie wissen selbst am besten, dass Sie noch nie so billig Ihre Ernte eingefahren haben.«

»So ein …« Der Bauer schnappte nach Luft. »Was fällt dir ein, du dreckiges Flüchtlingsgesindel!«

»Ich bin genauso deutsch und arisch wie Sie«, presste sie mit letzter Standhaftigkeit heraus. Sie spürte, wie sie vor Angst zu zittern begann.

»Ein Dreck bist du!«, brüllte der Bauer so laut, dass seine Stimme sich überschlug. Er griff in die halb offene Schublade, im nächsten Moment hielt er einen Ochsenziemer in der Hand, eine Elle lang und schmutzig braun. »Raus jetzt, bevor ich dir zeige, was man bei uns mit nutzlosen Weibsbildern macht!«

Sie starrte auf den Ochsenziemer. Drohend tappte er damit in seine offene Handfläche, bereit, ihr die Prügel zu verpassen, die er offenbar für gerechtfertigt hielt.

Rückwärts bewegte sie sich zur Tür. Erst als sie die Klinke hinter sich spürte, drehte sie ihm den Rücken zu. Hastig riss sie die Tür auf und rannte den Flur entlang hinaus in den Hof.

»Bensdorf!«, brüllte er ihr durch das Fenster hinterher. »Du hast Hunger? Da!« Er warf ihr einen abgenagten Hundeknochen nach.

Silke rannte weiter, über den Hof, an den Ställen vorbei zu den Baracken. Sie stolperte hinein und stürzte in die Schlafkammer. Sofort spürte sie die neugierigen Blicke der anderen auf sich. Mit zusammengepressten Lippen streckte sie sich: aufrechter Gang. Geradeaus schauen. Einen Rest von Würde bewahren. Einen winzigen, letzten Rest, an den sie in einem Winkel ihres Herzens noch verzweifelt glauben wollte.

Angezogen legte sie sich aufs Bett. Ihr Herz raste. So war das also, wenn man sich wehrte. Es machte alles noch schlimmer. Sie starrte an die Decke aus groben Brettern, an der die eindringende Feuchtigkeit dunkle Flecken gebildet hatte. Ein Schluchzen entfuhr ihrer Kehle. Sie presste die Hand auf den Mund. Nur keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Nur keine Schwäche zeigen. Niemals. Schon gar nicht hier.

Ihr Blick fiel auf Rosemaries Bett. Es war so, wie sie es am Morgen verlassen hatte, sie war also noch nicht wieder hier gewesen. Wo steckte sie nur? Es war dunkel, und Rosemarie wusste, dass Silke keine Ruhe fand, solange Rosemarie nicht in ihrer Nähe war.

Ächzend stand sie auf und ging hinüber zur Gesindeküche. Schon von Weitem sah sie, dass dort Licht brannte. Vielleicht würde sie ihre Schwester dort finden. Als sie tatsächlich Rosemaries Stimme hörte, lief sie die letzten Schritte. Dann vernahm Silke eine zweite Stimme. Sie erstarrte. Der Bauer! Machte er Rosemarie Vorhaltungen, weil er sich über Silke geärgert hatte? Mit zitternden Händen drückte Silke die Klinke herab und stemmte sich gegen die alte Tür. Knarzend gab sie nach.

Der Bauer stand so nah bei Rosemarie, dass Silke das Herz stockte. Er streckte seine Hände aus und legte sie Rosemarie um die Taille. Silke erfasste die Situation sofort.

»Halt!« Sie rannte auf die beiden zu. »Lassen Sie sie los!«

Im selben Moment löste Rosemarie lachend die Hände des Bauern und drohte ihm scherzend mit dem Finger. »Na, na, Bauer, wenn das die Bäuerin sehen täte!« Sie trat von ihm weg und wandte sich an Silke. »Hast du mich gesucht?«

Silke nickte atemlos.

»Was soll die Bäuerin schon sagen?« Der Bauer kam ihr nach und klatschte seine feiste Hand auf Rosemaries Hinterteil. »Aber du könntest es richtig fein haben hier. Extra essen, zweimal die Woche Fleisch, ein Zimmer mit eigenem Waschtisch …« Er starrte lüstern auf Rosemaries Brüste. »Na, wie klingt das?«

»Niemals!« Silke schnappte Rosemaries Hand und zog sie mit sich zur Tür.

»Denk drüber nach«, rief er ihr hinterher. »Wenn du schlau bist, hörst du nicht auf die biestige Jungfer neben dir!«

Silke knallte die Tür zu und zog Rosemarie hastig zur Baracke zurück.

»Mensch! Silke! Was machst du denn für ein Theater!«

»Theater? Siehst du nicht, was der Bauer von dir will?«

»Der probiert es halt. Nur heiße Luft.« Rosemarie grinste. »Hast du nicht gesehen, wie eifersüchtig die Bäuerin über ihn wacht?« Ihr Grinsen gefror. »Mein Mantel! Mist, der liegt noch in der Küche.«

»Wir holen ihn morgen früh«, sagte Silke in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. »Ich hatte heute schon einen Zusammenstoß mit dem Bauern, ich habe genug.«

Rosemarie schüttelte den Kopf. »Es ist zu kalt, um ohne Mantel zu schlafen.«

»Ich gebe dir meinen.«

Rosemarie zögerte. »Wir schlafen in einem Bett. Dann können wir deinen Mantel über unsere beiden Decken legen.«

Silke drückte die Klinke zur Schlafbaracke hinunter, öffnete die Tür jedoch noch nicht. »Wir können hier nicht bleiben. Der Bauer gibt uns Hungerrationen, und jetzt verstehe ich auch, warum.«

Plötzlich wurde ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation bewusst. Sie waren diesem Bauern zugeteilt. Niemand sonst musste sie aufnehmen. Dennoch. Am Sonntag würde sie losziehen und ein neues Zuhause für Rosemarie und sich selbst suchen. Und bis dahin würde sie auf der Hut sein müssen. »Ich … suche uns einen neuen Hof«, murmelte sie, mehr zu sich selbst denn zu Rosemarie, als könnten die Worte, einmal ausgesprochen, ihre Zweifel verscheuchen.

Rosemarie zuckte die Schultern, doch ihr Blick bestätigte, was Silke dachte. Wie sollten sie ein neues Zuhause finden?

3

Rosemarie zupfte das Laken glatt und stopfte die Enden säuberlich unter die Matratze. Dienst im Haupthaus. Der Befehl hatte sie gewundert, die Flüchtlinge verdingten sich zumeist auf den Feldern, in der Scheune, den Stallungen. Aber sie hatte nicht gezögert, ihm nachzukommen. Niemand bei rechtem Verstand hätte gezögert, die feuchte Kälte der Felder gegen die warme Sauberkeit des Hauses einzutauschen. Sie schüttelte das schwere Plumeau auf, legte es auf das Bett zurück und strich über den strahlend weißen, kunstvoll bestickten Baumwollüberzug. Auf dem feinen Stoff wirkte ihre Hand schmutzig und ungepflegt, der Dreck der Felder hatte sich wie eine Seemannstätowierung in die Rillen der neu erworbenen Hornhaut gegerbt. Sie wollte die Hand gar nicht mehr von dem Stoff lösen. Mit geschlossenen Augen spürte sie der Weichheit nach, der Sauberkeit, sog den Duft nach Seife ein. Wie sie es früher gehasst hatte, wenn sie Line beim Bettenmachen helfen musste … Wie Line sie gescholten hatte, wenn sie sich auf das frisch geschüttelte Plumeau warf. Sie verstärkte den Druck ihrer Hand, spürte, wie die Federn unter ihrem Gewicht nachgaben. Mit einem Mal hatte sie nur noch ein Verlangen: sich auf das Bett zu legen.

Schnell ergriff sie den Staubwedel und ließ ihn über die Nachttischlampe tanzen. Ein kleines Kunstwerk aus Bronze und Glas, eine Frau, die ovale Glasschale mit der Glühbirne wie ein übergroßer Hut auf ihrem Kopf. Eine ungewöhnliche Lampe für einen Bauernhaushalt. Was es der Bäuerin wohl wert gewesen sein mochte? Ein Kilo Schweinespeck? Zwei Sack Kartoffeln?

Ihr Blick wanderte zurück zum Bett. Ein paar Minuten Luxus.

Wen sollte das schon stören? Zumal nie jemand davon erfahren würde und überhaupt – nach all der Schufterei die letzten Monate hätte sie jeden Abend ein solches Bett verdient. Oder wenigstens ein sauberes Laken zu der kratzigen, verwanzten Decke.

Entschlossen öffnete sie ihre Schuhe, strich sie von den Füßen und legte sich auf das fluffig aufgeschüttelte Bett. Sie sank in die Decke hinein, spürte die Luft zwischen den Federn entweichen und roch die Waschseife noch intensiver als zuvor. Es war einfach herrlich.

Unvorstellbar, dass sie früher jeden Abend in so ein Bett gestiegen war. Und dabei nicht einmal gewusst hatte, in welchem Luxus sie sich Nacht für Nacht von Seite zu Seite wälzte. Aber eines Tages, nicht mehr lange, wenn sie dem Geschwätz der Männer in der Baracke glauben konnte, da würde das Blatt sich wieder wenden, da würde man jede einzelne Arbeitskraft zum Wiederaufbau benötigen, da würde –

Knarzend öffnete sich die Tür. Zu schnell, als dass Rosemarie noch unbemerkt aus dem Bett springen konnte. Der Bauer schloss die Tür wieder hinter sich.

»Habe ich doch gewusst, dass du klüger bist als deine Schwester.« Er kam näher.

Rosemarie erhob sich. Röte schoss heiß in ihre Wangen. Sie hätte den Bauern doch hören müssen!

»Es … es tut mir …«, stammelte sie.

»Aber nicht doch.« Der Bauer grinste, nun so nah, dass sie seinen Salamiatem riechen konnte. »Probier dein neues Bett nur aus.« Er streckte seine fetten Finger zu ihr. »Und wenn wir schon am Probieren sind …«

Erst jetzt begriff Rosemarie, worauf der Bauer anspielte. Ihr Arbeitsdienst war nicht von der Bäuerin, sondern von ihm angeordnet worden, und sie war wie ein dummes Schulmädchen in seine Falle getappt.

Doch es war bereits zu spät. Der Bauer stieß sie jäh zurück. Sie versuchte die Balance zu halten, auszuweichen, fiel nach hinten auf die zerdrückte Decke.

Der Bauer stand direkt vor ihr. Seine Beine pressten gegen ihre, sie spürte den Bettrahmen in ihren Kniekehlen.

»Ich … nein!«, rief sie, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Entsetzt starrte sie auf seine Hände. Er öffnete den Gürtel, die Hosenknöpfe, schob mit der einen Hand seine Unterhose nach unten und mit der anderen ihren Rock nach oben.

»Nein!« Sie presste verzweifelt ihren Rock auf die Schenkel, versuchte seine Hand von ihrem Bein zu schieben. »Das ist ein Missverständnis!«

»Oh, sicher nicht«, keuchte er. »Du bist in meinem Bett …« Seine Hand erreichte ihr nacktes Fleisch.

Sie schlug seine Hand weg, spürte, wie seine Finger sich fester in ihren Oberschenkel krallten. Sie versuchte ihre Beine zu befreien, schlug nach seinem Oberkörper.

Er lachte auf. »Eine Wildkatze, ja, fahr die Krallen aus, ich werde sie dir schon stutzen.« Plötzlich lag er auf ihr. Sein Gewicht drückte sie tief in die Matratze, seine Hände fingen die ihren ein und drückten sie über ihren Kopf. Sie spürte, wie er mit seinen Beinen ihre auseinanderschob, spürte sein steifes Glied an ihrem Bein, spürte, wie er ihre Arme zusammenbog, bis die Gelenke übereinanderlagen, und sie dann mit einer Hand festhielt. Sie spürte den Schmerz in den Handgelenken und die freie Hand des Bauern, die wieder unter ihren Rock griff, brutal ihr Bein weiter nach außen drückte.

Verzweifelt wand sie sich unter ihm, versuchte die Beine zu bewegen, wieder zusammenzupressen, ihn wegzuschieben.

Die Hand des Bauern hatte ihre Unterhose erreicht, den letzten Schutzwall. Er riss und zerrte sie zur Seite, legte ihr Intimstes frei, schob sein Glied ihr Bein hoch.

Sie bäumte sich auf und riss einen Arm los, schlug nach dem Kopf des Bauern, riss an seinem schütteren Haar.

Wieder lachte der Bauer nur. Seine zweite Hand schnellte nach oben, tastete nach dem freien Arm. Sie schlug um sich, streifte die Nachttischlampe.

Instinktiv griff sie danach und schlug zu. Sie hörte sie splittern, hörte den Bauern aufheulen.

Panisch holte sie erneut aus.

Diesmal heulte er nicht mehr. Sein Kopf sackte auf ihre Brust, etwas Feuchtes, Warmes drang durch ihre Bluse.

Wie von Sinnen ließ sie die Lampe los. Sein Gewicht lastete nun noch schwerer auf ihr. Ächzend schob sie sich unter ihm heraus, sprang vom Bett, wich zur Wand, als könnte er sie erneut angreifen. Sie sah das Blut, überall Blut, auf ihrer Bluse, den Händen, dem Bett. Es sickerte in das frische, weiße Plumeau, als wäre der Schädel des Bauern ein Quell.

Sie müsste zurück zum Bett, dem Bauern helfen oder Hilfe holen oder fliehen …

Die Tür wurde aufgerissen, die Bäuerin stürmte herein. Ihr Blick fiel auf Rosemarie. Auf den Bauern. Sie schlug ihre Hände vor den Mund. »Um Himmels willen! Hure, du! Was hast du getan?« Schon stürzte sie zum Bett. Sie fühlte den Puls des Bauern. Besah sich die Wunde an seinem Kopf. »Reicht es nicht, ihn zu verführen? Musst du ihn gleich umbringen? Ins Zuchthaus gehörst du! Nun steh nicht so unnütz herum! Oder willst du als Mörderin am Schafott enden? Hol Birte! Sie soll ihren Korb mitbringen.«

Noch immer stand Rosemarie reglos da.

»Verdammt! Jetzt lauf endlich!«

Sie lief. Durch den Flur, die Treppe hinab.

»Birte!« Rosemarie stürmte in die Küche. Birte stand am Herd, zwei Helferinnen schälten Kartoffeln. Noch bevor Birte sich umdrehte, schrie eine der Helferinnen auf.

»Ein Unglück!« Sie zeigte auf Rosemarie.

Nun drehte Birte sich um. Sie riss die Augen auf. »Kindchen! Was ist passiert?«

»Der … der Bauer«, stammelte Rosemarie. »Sie sollen kommen … mit dem Korb, bitte …«

Ohne zu zögern, drückte Birte der erschrockenen Helferin den Kochlöffel in die Hand. Sie ging zügig zur Anrichte und holte einen Korb aus dem linken Seitenschrank. »Wo?«

Die Frage erreichte Rosemarie wie durch einen Wattebausch. Sie sah Birte, sie hörte Birte, aber es schien alles von weit weg zu kommen. Nicht von dieser Welt.

»Kindchen! Wohin soll ich kommen?«

Plötzlich stand Birte direkt vor ihr. Ihre Hand fuchtelte vor Rosemaries Gesicht herum.

»Nach oben …«, flüsterte sie und drehte sich um. Sie rannte aus dem Haus, zum Feld, zu Silke. Schon von Weitem winkte sie ihr zu, winkte sie panisch zu sich. Sie mussten hier weg. Egal wohin, Hauptsache weg, bevor die Bäuerin die Polizei holen konnte.

4

»Es tut mir leid.« Die Frau sah Silke bedauernd an. »Das Haus ist bis zum Dachboden voll.«

Silke nickte. Wenigstens war die Absage freundlich. Nicht versehen mit dem üblichen Hau ab oder Gesindel oder dem abschätzigen Blick über ihren mageren Körper, der nicht wirkte, als könnte er anständige Arbeit verrichten. Doch das konnte er sehr wohl, nur nicht an dem Ort, an dem Rosemarie gerade dem Bauern mit einer Lampe ein Loch in den Kopf geschlagen hatte. Sie konnten nicht dorthin zurück, weil Rosemarie ins Gefängnis kommen würde. Niemanden würde interessieren, dass es sich nur um Notwehr gehandelt hatte. Nicht bei einem Flüchtling. Und nicht im Zimmer des Bauern. Ihr Magen knurrte. Seit Stunden waren sie unterwegs, von Dorf zu Dorf, von Tür zu Tür. Eine die linke Dorfhälfte, eine die rechte, mit leerem Magen und all ihrem Gepäck.

»Warten Sie«, sagte die Frau und verschwand im Haus. Die Tür ließ sie offen, was ungewohnt war in diesen neuen, hungrigen, armseligen Zeiten, in denen sich jeder selbst der Nächste war und alle ums Überleben kämpften. Silke hörte ein Lärmen von drinnen. Kinderstimmen, viele Kinderstimmen, einen Bariton, der sie zur Ruhe mahnte, ein helles Lachen, das einer jungen Frau gehören musste. Sehnsüchtig blickte sie nach drinnen. Es klang so voller Leben. Es roch nach Brot und Sauberkeit. Nach – sie schnupperte – frischer Wäsche! Unwillkürlich begann es sie zu jucken. So sehr sie versucht hatte, Rosemaries und ihr Bett von Wanzen zu befreien, es war ein Kampf gegen Windmühlen gewesen. Das Ungeziefer war der einzig wahre Herrscher der Baracke. Sie sog den Duft der Waschseife tief in ihre Lungen. Würde sie je wieder in einem eigenen Zimmer, einem eigenen Bett, in frisch gestärkter, ordentlich ausgekochter Bettwäsche schlafen?

Da kam die Frau zurück, in der Hand ein zerschlissenes Tuch.

»Nehmen Sie. Ich befürchte, dass im Dorf keiner mehr Platz hat. Seitdem die aus Hamburg all die armen Menschen herschicken …« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Alles kaputt, heißt es, die ganze Stadt zerbombt und verbrannt. Wo sollen denn die Menschen alle hin?«

Silke nahm das Tuch. Sie roch das Brot, sie fühlte die Eier, die mit eingeschlagen waren, und eine Welle der Dankbarkeit durchflutete sie, so plötzlich, dass es ihr die Tränen in die Augen trieb.

»Ach«, sagte die Frau, »entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht traurig machen. Es muss schrecklich sein, alles zu verlieren.« Sie wischte sich verlegen die Hände an der Schürze ab. »Ich wünsche Ihnen viel Glück.«

»Danke, vielen Dank.« Die Tür fiel ins Schloss. Das Brot und die Eier wie einen wertvollen Schatz in den Händen, wandte Silke sich zum Gehen, als eine stämmige Frau sich ihr in den Weg stellte.

»Gesindel«, keifte sie Silke an. »Dreckiges Bettlergesindel!«

Erst auf den zweiten Blick erkannte Silke in ihr die Bäuerin aus dem Nachbardorf, die sie vor gut zwei Stunden mit dem Besen von ihrem Hof gejagt hatte. Im Gegensatz zu der groben Arbeitsjoppe trug sie nun einen feinen Wollmantel und einen vornehmen Hut. Kleider machen Leute, schoss es Silke durch den Kopf. Der Spruch hatte als gerahmte Stickerei in ihrem Laden gehangen, Tausende Male hatte sie ihn gelesen, und nie war ihr aufgefallen, wie grundverkehrt er war. Güte macht Leute.

»Ich bettle nicht«, sagte Silke spitz.

»Ha!« Die Frau zeigte auf das Tuch mit dem Brot und den Eiern. »Und das? Wenn es nicht erbettelt ist, dann hast du es wohl geklaut!«

Da ging die Haustür wieder auf, und die freundliche Frau erschien auf der Schwelle. »Gesine!«, rief sie. »Ich habe der Dame das Brot geschenkt. Lass sie in Ruhe!«

»Erst wenn du aufhörst, das Gesindel anzufüttern wie die Ratten!« Gesine wurde puterrot im Gesicht. »Wir haben schon genug davon im Ort! Diebisches Flüchtlingspack, nichts als Wanzen und Läuse im Gepäck.«

Hastig entfernte Silke sich. Flüchtlingspack … Wie konnte es sein? An einem Tag war sie noch eine angesehene Frau gewesen und am nächsten war sie Pack? Auf einer Stufe mit Landstreichern und Dieben? Wut kräuselte sich in ihrem Magen. Sie schnaufte gegen den Zorn an, den Blick starr auf den Boden gerichtet, bis sie den Dorfplatz erreichte. Er war verlassen, ihre Beine müde. Sie stellte den Koffer ab, nahm den Rucksack vom Rücken und setzte sich auf die steinerne Bank mit Blick auf den Brunnen. Ob Rosemarie mehr Glück hatte und deshalb noch nicht hier war? Oder war ihr etwas passiert? Silke beschlich ein ungutes Gefühl. Hatte es sich bereits herumgesprochen, dass eine Flüchtlingsfrau den Bauern angegriffen hatte? Wurde nach ihnen gesucht? Sie sah sich um – von wo würde Rosemarie kommen?

Da hörte sie Rosemaries Schritt. Müde und langsam wie ihr eigener. Sie stand auf und lief ihr entgegen. »Gib mir den Koffer«, sagte sie tröstend und ging die letzten Schritte voran zur Bank. Rosemaries Schweigen war so schwer wie ungewohnt. Mehr denn je wurde Silke bewusst, dass es keinen Weg zurück gab.

Kaum saßen sie auf der Bank, öffnete Silke das Tuch, langsam, als zelebrierte sie ein Ritual, bei dem jede hektische Bewegung das Ergebnis schmälern könnte. Zwei dicke Scheiben Brot, frisch und weich, bei deren Anblick Silke das Wasser im Munde zusammenlief. Daneben zwei gekochte Eier, bei einem war die Schale gesprungen, und das Innere quoll weich und weiß hervor. Vorsichtig zog Silke das überquellende Eiweiß ab und reichte es Rosemarie.

»Von einer freundlichen Frau. Es gibt sie noch, Menschen mit einem guten Herzen, sie sind nur rar geworden.« Behutsam legte sie das Ei zurück und halbierte eine Brotscheibe. Sie gab Rosemarie die größere Hälfte und legte ihre auf dem Schoß ab, während sie das Tuch wieder in ihrem Rucksack verstaute. Voller Vorfreude lehnte sie sich auf der harten Bank zurück und führte die halbe Scheibe zum Mund. Doch sie biss nicht ab. Sie sog den köstlichen Duft des Brotes ein, bis ihre Nase, ihr Kopf, ihre Lungen voll davon waren. Dann erst riss sie ein kleines Stück ab und legte es auf ihre Zunge. Langsam begann sie zu kauen, bis nur noch süßlicher Getreidebrei in ihrem Mund war.

Noch nie hatte Brot besser geschmeckt. Noch nie hatte irgendetwas so gut geschmeckt!

Sie brach ein weiteres Stück Brot ab, schloss die Augen und steckte es in den Mund. Sehnsüchtig dachte sie an die Mahlzeiten der Familie, das große, getäfelte Esszimmer, den langen, massiven Tisch mit der gestärkten Decke, den schneeweißen Servietten, dem feinen Porzellan. An Line, die den Braten servierte, zumeist von der falschen Seite, aber immer mit einem perfekt sitzenden Häubchen. Niemals hätte sie sich damals vorstellen können, bettelnd durch ein Dorf zu ziehen, um Rosemarie und sich selbst wie billige Waren anzupreisen.

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

Eine müde Stimme katapultierte Silke abrupt in die Gegenwart zurück. Vor ihr stand ein dunkelhaariger Mann mit meerblauen Augen. Er sah etwas unbeholfen aus, als wüsste er nicht, was er als Nächstes tun sollte. Sich setzen? Gehen?

Die Verkäuferin in ihr erwachte. Sie betrachtete ihn einen Moment, länger brauchte sie nicht, um einen Menschen einzuschätzen. Jung, etwa Rosemaries Alter, Hosensaum und Schuhe voller Dreck, der Mantel jedoch eindeutig von guter Qualität. Er war groß gewachsen, mit einem hübschen, für einen Mann sogar sehr hübschen Gesicht, doch der Blick war so wachsam, wie sie ihn nur von Menschen kannte, die bereits vom Leben gezeichnet worden waren. Aber waren das inzwischen nicht die meisten?

Sie warf einen verwunderten Blick zu Rosemarie, die normalerweise schon längst Ja gerufen hätte, doch heute nur mit den Schultern zuckte.

»Bitte«, sagte sie freundlich und rutschte näher zu Rosemarie. »Setzen Sie sich ruhig, die Bank ist groß genug.«

Der Mann setzte sich, lehnte sich zurück und streckte die Beine von sich.

Silke riss ein weiteres Stück Brot ab und steckte sich es unauffällig in den Mund. Nur schloss sie diesmal nicht die Augen, sondern kaute verstohlen, als hätte sie sich plötzlich daran erinnert, dass es sich für eine Frau nicht ziemt, in der Öffentlichkeit zu essen.

»Genießen Sie Ihr Brot ruhig«, sagte der Mann grinsend. »Sie sehen aus, als könnten Sie ein paar ordentliche Bissen gut vertragen.«

Silke spürte, wie sie errötete. Sah sie so verhärmt aus, dass ein wildfremder Mann glaubte, sie einfach auf ihre magere Statur ansprechen zu dürfen?

»Könnten wir natürlich alle«, fuhr der Mann fort, »also einen Bissen vertragen, aber es gibt einfach verdammt wenig zu beißen die Tage.«

Also darauf wollte er hinaus. Er hatte ebenfalls Hunger. Sie brach ein Stück von ihrer Scheibe ab und reichte es ihm. »Möchten Sie?«

»Sind Sie sicher?« Er beugte sich vor.

Sie nickte, obgleich es ihr im Magen brannte, ihren unverhofften Schatz nun mit einem vollkommen Fremden zu teilen.

Der Mann griff gierig nach dem Stück Brot und stopfte es sich in den Mund. Dann schloss er die Augen und kaute ebenso bedächtig, wie sie selbst es getan hatte.

Sie seufzte und riss den Rest ihrer halben Scheibe in zwei Teile. »Bitte.«

Er öffnete die Augen und sah überrascht auf das Brot in ihrer Hand. »Für mich?«

»Sitzen wir nicht alle im selben Boot?«

Die Augen des Mannes verdunkelten sich. »Tun wir das?« In seiner Stimme schwang plötzlich so viel unterschwellige Wut, dass Silke unwillkürlich abrückte. »Wie kann es sein, dass im selben Boot die einen die anderen um ein Stück Brot oder ein paar Kartoffeln anbetteln müssen?«

Silke presste die Lippen aufeinander.

»Fast sechs Jahre«, fuhr der junge Mann fort, nun mit zornigem Ausdruck im Gesicht, »erst an der Front, dann in Gefangenschaft und dann, zurück in der Heimatstadt, muss ich um einen Schlafplatz betteln!« Er sprang auf. »Wir sitzen nicht im selben Boot. Die einen sitzen im Boot, die anderen kämpfen schwimmend darum, nicht in den tobenden Fluten zu ertrinken.« Er schnaubte heftig, setzte sich wieder. »Verzeihen Sie bitte, falls ich Sie erschreckt habe. Manchmal geht es einfach mit mir durch. Ganz besonders bei einer erfolglosen Hamstertour.«

»Ich …« Silke suchte nach den richtigen Worten. Ja, sein Ausbruch hatte sie erschreckt. Aber er hatte sie auch berührt. Der Mann hatte ja recht. Sie saßen nicht alle im selben Boot. Sie hatten noch nie alle im selben Boot gesessen. Aber sie selbst, sie hatte früher definitiv in einem Boot gesessen. Einem großen, komfortablen Ausflugsdampfer, und der Platz darin war ihr von Geburt an sicher gewesen. Das hatte sie jedenfalls gedacht.

»Hier. Essen Sie, das macht wenigstens ein bisschen glücklich.« Rosemarie reichte ihm das Stück Brot. »Sie brauchen das wohl mehr als wir. Wurden Sie auch vertrieben?«

»Nein, ausgebombt. Von der Wohnung meiner Familie steht noch genau eine Wand. Schwarz vom Feuer. Die Briten wollten mich aufs Land schicken.« Er lachte bitter. »Die wollten mich aus meiner Heimatstadt werfen. Aber nicht mit mir.«

Schwarz vom Feuer, ja, natürlich. Die Nachricht war wie eine Welle über das ganze Reich geschwappt: Die Engländer hatten einen Feuersturm durch Hamburg gejagt. Alles hatte gebrannt, stunden- und tagelang, sogar im Hafen und in den Fleeten hatten die Flammen gelodert. Man konnte sich gar nicht vorstellen, dass überhaupt jemand dieses Inferno überlebt hatte.

»Unser Haus steht noch«, flüsterte Silke. »Und unser Geschäft. Zumindest stand es noch, letztes Jahr, als wir fortmussten.« Sie dachte an die unendliche Kolonne von Menschen, bepackt mit allem, was sie tragen konnten, an den monatelangen Marsch Richtung Westen, an Rosemarie, Vater, Anna … Schnell schüttelte sie die Erinnerung ab. »Meine Schwester und ich wurden einem Bauern zugeteilt, aber dort können wir nicht bleiben. In diesem Dorf gibt es nicht einmal eine Abstellkammer für uns.«

»Ich hole mir hier auch eine Abfuhr nach der anderen.« Er zeigte auf seinen Rucksack. »Und dabei will ich nur tauschen, nicht bleiben.«

»Ach? Ich hatte hier vor ein paar Wochen ganz gute Erfahrung mit dem Tauschen.«

»Denken Sie sich ja nichts dabei«, meldete Rosemarie sich zu Wort. »Sie ist Verkäuferin. Sie würde Ihnen einen kaputten Schuh in der falschen Größe andrehen, wenn Sie nicht aufpassen.«

»Da hat mein Vater wohl ausnahmsweise recht gehabt, als er meinte, ich solle lieber was Anständiges lernen.«

»Ach! Was haben Sie denn gelernt?«, fragte Rosemarie neugierig. Langsam erwachte sie aus ihrer Schweigsamkeit.

»Das, was die meisten in meinem Alter gelernt haben: Schießen.« Er formte eine Hand zur Pistole und drückte ab. »Zurzeit nicht gefragt.«

Silke wusste, wie geschickt junge Männer für den Krieg begeistert worden waren. Sie hatte es schließlich bei Hanno miterlebt. Und ihr Bruder war keineswegs mehr ein junger Mann gewesen, aber ein wütender, als er sich mit dem ersten Aufruf freiwillig für die Front gemeldet hatte. Silke betrachtete den Mann unauffällig von der Seite. Ob dieser hier ebenso vor etwas davongelaufen war? Direkt in die Arme des Krieges? So wie sie gerade davonlief, um Rosemarie vor dem Bauern und einer Strafe zu schützen. Sie sah zum Himmel, die Sonne war schon weit über den Zenit, sie mussten dringend weiter. Silke packte ihren Rucksack und erhob sich. »Wir müssen los. Ich wünsche Ihnen noch viel Glück.«

Rosemarie und der Mann standen gleichzeitig auf. Er reichte Silke die Hand. »Egon Tönnes mein Name. Falls es Sie doch noch nach Hamburg verschlägt – wenn Sie im St.-Georg-Viertel genug Leute nach mir fragen, finden Sie mich.«

»Silke Bensdorf.« Sie spürte seinen festen Händedruck. »Und das ist meine Schwester Rosemarie.« Sie schulterte ihren Rucksack und drehte sich zum Gehen. Langsam lief sie neben Rosemarie die Dorfstraße entlang. Die Fassaden der Dorfhäuser erschienen ihr nun noch abweisender als vor ihrer kurzen Pause.

Hamburg … Nur einmal war sie dort gewesen. 1933. Dreizehn Jahre war das her! Es fühlte sich an wie ein anderes Leben. Nein, es fühlte sich nicht nur so an, es war ein anderes Leben gewesen. Eines ohne Hunger und Schuldgefühle und Verlust und Kampf. Unvorstellbar, dass ihre größte Sorge damals gewesen war, ob ihr neues Kleid rechtzeitig zur Hamburgreise fertig sein würde. Sie erinnerte sich an die hohen, eleganten Häuserreihen der Elbchaussee, die Promenade entlang der Elbe, die pulsierende Geschäftigkeit des Hafenviertels. Abrupt blieb sie stehen und wandte sich noch einmal um. Egon Tönnes warf sich gerade seinen Rucksack über.

»Halt! Warten Sie!« Sie stellte den Koffer neben Rosemarie ab und lief zu ihm zurück. Atemlos stand sie vor ihm. »Bringen Sie uns nach Hamburg.«

»Was? Jetzt?«, fragte Tönnes und deutete auf seinen Beutel mit der Tauschware.

»Nein, nicht jetzt. Wenn Sie fertig sind. Ich will nach Hamburg ziehen. Mit meiner Schwester. Können Sie uns helfen?«

Inzwischen war auch Rosemarie wieder zu ihnen gestoßen und stellte die beiden Koffer ab. »Hamburg?« Das erste Mal, seit sie den Bauernhof fluchtartig verlassen hatten, leuchteten ihre Augen. »Oh ja! Bitte! Dort finden wir vielleicht Anna!«

Tönnes runzelte die Stirn. »Die lassen niemanden mehr rein, zu wenig Betten, zu wenig Essen. Hamburg ist dicht.«

»Schlupflöcher gibt es immer«, sagte Rosemarie, und auch ihre Stimme erklang wieder in ihrer alten Lebendigkeit.

Auch Tönnes schien das zu merken, er musterte Rosemarie, als sähe er sie gerade das erste Mal.

»Schlupflöcher kosten.« Tönnes schüttelte bedauernd den Kopf. »Sie müssen jemanden in der Verwaltung schmieren, wenn Sie in Hamburg ein Bett und Lebensmittelkarten wollen.«

»Dann werde ich das tun.« Silke strich ihren Mantel glatt und drückte den Rücken durch.

Tönnes musterte sie. »Sie meinen es ernst.«

»Ich meine immer ernst, was ich sage. Helfen Sie uns? Ich brauche nur ein paar Informationen.« Sie sah den Zweifel in seinem Blick. »Ich bin Geschäftsfrau. Ich werde Ihnen nicht zur Last fallen.«

»Geschäftsfrau?« Ihre Worte hatten ihn offenbar nicht überzeugt. »Ich dachte, Sie sind Verkäuferin?«

»Ich hatte mein eigenes Geschäft.«

Sein Blick war immer noch skeptisch.

»Die erste Adresse in Danzig, feinstes Tuch, neueste Schnitte –«

»Sie haben Kleider verkauft?« Seine Stimme verriet, dass er, wie so viele Männer, dieser Art von Geschäft keine große Bedeutung zumaß.

»Sie hat Träume verkauft«, sagte Rosemarie und zwinkerte ihm zu. »Sie hat Mauerblümchen in Prinzessinnen und verdruckste Bücklinge in strahlende Helden verwandelt.«

Tönnes grinste.

»Und damit mehr Geld im Monat verdient als manch ein Mann im Jahr«, fuhr Rosemarie fort.

Er grinste nicht mehr.

»Ich bin Geschäftsfrau«, wiederholte Silke. »Sie helfen mir jetzt, ich belohne Sie später. Vielleicht ist das heute nicht das beste Geschäft Ihres Lebens, aber sich nicht darauf einzulassen, wäre das schlechteste.«

Tönnes Blick wanderte zwischen Silke und Rosemarie hin und her. »Sie haben also eine besondere Begabung als Verkäuferin?« Er nahm seinen Rucksack ab, öffnete ihn, und hielt ihn Silke hin. »Machen Sie mir das zu Fett und Fleisch, und ich begleite Sie persönlich nach Hamburg und bringe Sie zum Krüppel.«

Zum Krüppel? War das ein Codewort? Silke beäugte das Durcheinander im Rucksack. Vorsichtig nahm sie eine Puppe heraus. Das blonde Haar war struppig, das aufwendig gerüschte Kleid eingerissen, aber das aufgemalte Gesicht noch immer von einzigartiger Anmut. Ein Kleinod – in Zeiten, in denen man sich den Luxus des Schönen leisten konnte. Darunter kam eine Schatulle zum Vorschein. Silke hob sie heraus und öffnete sie. Schmuck. Uhren. Sie sah auf den ersten Blick, dass es sich um bunt durchmischte Ware handelte, versilbertes Metall und Silber, Citrin, Chrysopras, Granat, Bergkristall, blauer Saphir, handgetriebener Pflanzendekor, Fensteremail, Lapis-Cabochons. Sie verschloss die Schatulle und legte sie zurück, erspürte die Weichheit des senfgelben Samtstoffes, der darunter lag. Schöne Dinge für Menschen, die mehr hatten, als sie zum Überleben brauchten. Die Sorte Mensch, von der es kaum noch welche gab. Kein Wunder, dass seine Tour bislang erfolglos verlaufen war. Niemand würde einfach so ein Stück Speck gegen eine einfache Silberkette mit Granatanhänger tauschen. Außer die Kette wäre viel mehr als nur eine Kette – ein Versprechen auf eine bessere Zeit … Behutsam legte sie auch die Puppe zurück in den Rucksack. »Sie begleiten uns nach Hamburg?«

»Und ich bringe Sie zum Krüppel.«

»Zum Krüppel?«, fragte Rosemarie, ihre Wangen gerötet vor Aufregung.

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