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Ein Monat und für immer

Als Buch hier erhältlich:

Weil das Leben kostbar ist, lebe es in vollen Zügen

Jess kümmert sich liebevoll um ihre Mutter, die an der Erbkrankheit Huntington leidet. Weil auch sie daran erkranken wird, hält Jess die Menschen um sich herum auf Abstand. Sie will sich nicht verlieben, da sie niemandem diesen Schmerz zumuten möchte, den sie selbst jeden Tag spürt, wenn ihre Mutter immer ein Stück mehr verschwindet. Doch dann trifft sie den attraktiven Alec – und als sie ihm erklärt, warum sie nicht zusammen sein können, überrascht er sie mit einem Vorschlag: Sie soll für den Moment leben und einen Monat lang mit ihm ausgehen. Während der gemeinsamen Zeit kommt Jess ihm immer näher und bricht ihre eigene Regel. Sie weiß, dass sie es beenden muss. Es ist besser, Alec jetzt das Herz zu brechen als später, oder?


  • Erscheinungstag: 24.01.2023
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749904846
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für meine Familie

Regeln

  1. Verlieb dich nicht.

  2. Denk überhaupt nicht mehr an Männer.

  3. Sieh dir so viel von der Welt an, wie du kannst.

  4. Spare Geld, um es in Reisen zu investieren, und verschleudere es nicht für Magazine und Klamotten.

  5. Hör auf, so zu tun, als würdest du Prosecco mögen. Trink stattdessen einfach Wein.

  6. Geh aus, auch wenn dir mal nicht danach ist.

  7. Versäume keine Arzttermine.

  8. Sprich mit niemandem darüber.

  9. Hör nie auf zu lächeln.

Kapitel 1

Nur noch ein Drink, dann fängt das Wochenende an. Achtundfünfzig Stunden, ehe am Montagmorgen mein Wecker klingelt und das Wochenende vorüber ist.

Wenn ich Ärztin wäre oder Restaurantleiterin oder Trapezartistin, dann gäbe es für mich gar kein Wochenende. Die Arbeit wäre gleichmäßig über die ganze Woche verteilt. Mit ein bisschen Freizeit zwischen den Visiten oder zwei Zirkusvorstellungen könnte ich umgehen. Alles, was länger dauert, finde ich schwierig. Während meine Kollegen jeden Freitag eilig ihre Rechner ausschalten, ihre Schreibtische aufräumen und ihre Sachen zusammensuchen, um genau in dem Augenblick, in dem unsere Büroleiterin Jane den Feierabend verkündet, wie Rennpferde loszupreschen und so schnell wie möglich das Büro zu verlassen, verfluche ich den Moment, in dem ich einen Nine-to-five-Job für eine gute Idee gehalten habe.

Wenigstens kann ich mich auf die After-Work-Drinks mit Olivia in unserem Stammpub freuen, der sich genau gegenüber von unserem Büro befindet. Doch das ist auch schon alles. Ein paar Drinks. Das ist kein Plan fürs Wochenende, sondern vielmehr ein Nachklapp der Woche, bevor wir uns voneinander verabschieden und Olivia das tut, was sie eigentlich heute Abend vorhat.

Als sie mit der nächsten Runde an der Reihe ist, ist sie so nett, jedem von uns ein großes Glas Weißwein zu besorgen. Aber sobald wir den Wein ausgetrunken haben, wird sie ihren Mantel anziehen, mir einen Kuss auf die Wange geben und mich alleinlassen.

Ich nehme mir fest vor, sie nicht zu fragen, wann das heute sein wird.

Wir sitzen im The Wishing Well auf unserem angestammten Platz im hinteren Teil des Pubs. Olivia lacht, als ich ihr erzähle, wie ich heute Morgen mitten in den Streit zwischen unserem Seniorchef Mr. Lewis und Jane, die nicht nur Büroleiterin, sondern zufällig auch seine Gattin ist, geplatzt bin. Ich habe mein Glas auf den Tisch gestellt, doch sie hält ihres in der Hand und berührt mit dem Rand zwischen den Schlucken immer wieder ihre Lippen. Sie nickt geistesabwesend, als ich mutmaße, dass es bei dem Streit vermutlich um Janes dringenden Wunsch ging, einen Personal Trainer zu engagieren. Ich bin mir ziemlich sicher, gehört zu haben: »Sixpack? Von wegen!« Olivia nippt wieder an ihrem Wein. Meine Zeit mit ihr ist also so gut wie abgelaufen, ich werde sie aber trotzdem nicht bitten, noch zu bleiben.

Stattdessen zwinge ich mich, sie nach ihren Plänen zu fragen. »Wohin geht ihr beide heute Abend?«

Sie stöhnt. »Zum Bowling, zum Scheißbowling! Eines kann ich dir sagen: Es ist ein todsicheres Zeichen, dass man sich in einer Beziehung viel zu wohlfühlt, wenn man sich für ein Date nicht mehr in einem Sternerestaurant oder einem hübschen Hotel am See trifft, sondern mit den Kumpels zum Bowlen geht.«

»Absolut. Du gehst von hier aus direkt dorthin, oder?« Unter dem Tisch werfe ich einen Blick auf ihre Lederhose und die hochhackigen Stiefel, die sie, ehe wir losgegangen sind, auf der Toilette angezogen hat. »Du wirst super reinpassen.«

»Hör auf! Ich habe ihm gesagt, dass ich auf ein Bier und ein paar Nachos dazukomme – mehr nicht. Echt verschwendete Zeit.«

Eigentlich ist sie gar nicht wirklich genervt. Vielleicht ist Bowling nicht so ihr Ding, doch Rick ist es, und ich glaube kaum, dass sie sich nicht auf den Abend mit ihm freut. Sie macht das hier mit Absicht, damit ich mich besser fühle. Nur deswegen behauptet sie, Rick würde sie nicht glücklich machen oder es gäbe Probleme in der Beziehung, obwohl wir beide wissen, dass sie ihn vergöttert. Sie will einfach nur nett sein – genau wie mit unseren gemeinsamen Drinks am Freitagabend. Sie hüllt mich in eine Decke aus Nettigkeiten, allerdings ist diese Decke so dünn und fadenscheinig, dass sie mich inzwischen kaum noch wärmt.

»Vielleicht macht es ja doch Spaß. Du solltest hingehen«, sage ich zu ihr und erlaube ihr damit, aufzustehen und sich zu verabschieden.

»Ja, vielleicht sollte ich das tun.« Unter ihren falschen Wimpern hervor blickt sie mich an. »Und was ist mit dir? Kommst du zurecht? Du kannst gern mitkommen, wenn du möchtest.«

»Netter Versuch, aber da musst du schon allein durch. Komm, ich bring dich raus!« Ich schnappe mir meine Tasche, und Olivia und ich drängeln uns an einer Clique von Buchhaltungskollegen aus dem Nebengebäude vorbei Richtung Ausgang. Kurz bleibe ich noch mal stehen und winke ein paar Leuten zu, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt habe, weil wir in derselben Straße arbeiten, ehe ich mich zur Tür umdrehen will. Aber Olivia hält mich zurück.

»Heute Abend ist es hier nicht besonders voll. Willst du dich nicht an die Bar setzen und noch einen Drink nehmen? Ich bin mir sicher, dass Alec sich freuen würde. Alec, du hast doch nichts dagegen, wenn Jess dir noch ein bisschen Gesellschaft leistet, oder?«, ruft sie dem Barkeeper zu.

»Es wäre mir ein Vergnügen«, sagt er und lächelt mir kurz zu. Dabei blitzen für einen Moment seine strahlend weißen Zähne auf, über die Olivia und ich schon endlose Diskussionen geführt haben. Wir haben uns übrigens darauf geeinigt, dass es sich eigentlich nur um Veneers handeln kann. »Willst du schon gehen?«, fragt er und wendet sich Olivia zu.

»Oh, sie hat große Pläne für heute Abend«, erzähle ich ihm. »Bowling.«

»Klingt gut«, sagt er. Und ich glaube, er meint es tatsächlich ernst.

»Gut wird es ganz bestimmt nicht. Aber ich kann beruhigt gehen, nachdem ich jetzt weiß, dass wenigstens ihr beide hier sitzt und ein bisschen Spaß habt.«

Sie denkt, ich bemerke nicht, wie sie Alec zuzwinkert, bevor sie sich zu mir umdreht und sich zu mir beugt. »Ich hab dich lieb«, flüstert sie.

Ich schüttele den Kopf und sage dann: »Ich dich auch. Ich wünsch dir ein schönes Wochenende.«

Ein besorgter Ausdruck huscht über ihr Gesicht. »Bist du dir sicher, dass du zurechtkommst?«

»Klar! Jetzt geh schon.«

»Okay. Alec, bring ihr noch einen Drink, ja?«, sagt sie, ehe sie mir einen Kuss auf die Wange gibt und verschwindet.

Sie ist sicher stolz auf sich. Seit zwei Monaten versucht sie, Alec und mich zusammenzubringen – seit er begonnen hat, im The Wishing Well zu arbeiten. Sie hat ihn zum zweitschönsten Mann erklärt, den sie je getroffen hat. Wenn es Rick nicht gäbe, der natürlich auf Platz eins rangiert, hätte sie es selbst bei Alec versucht. Stattdessen hat sie sich entschieden, das Naheliegendste zu tun: Sie versucht, mich mit ihm zu verkuppeln. Das hier ist ihre bisher erfolgreichste Maßnahme. Sie wäre es zumindest, wenn ich auch nur das geringste Interesse an unserem Barkeeper hätte.

In Alecs Bereich der Theke mit der Oberfläche aus glänzendem Kupfer stehen keine benutzten Gläser herum. Der Tresen ist trocken und blank poliert. Ein Stückchen weiter, wo die Buchhalter aus dem Büro nebenan sich zusammengesetzt haben, ist der Tresen übersät mit Gläsern und Flaschen. Doch für diesen Bereich ist Alec nicht zuständig. Dort bedient ein anderer Barkeeper, der das gleiche graue Hemd trägt wie Alec. Der Mann rackert sich ganz schön ab, und die Schweißflecken unter seinen Armen nehmen allmählich gigantische Ausmaße an.

»Wie läuft’s?«, fragt Alec mich, nachdem er mir ein Glas Weißwein serviert hat und noch einmal beginnt, die bereits glänzenden Zapfhähne links neben mir zu polieren. Anscheinend völlig vertieft in seine Aufgabe, sieht er mich nicht an.

»Gut. Musst du deinem Kollegen nicht aushelfen? Er sieht aus, als würde er da drüben ordentlich schwimmen.«

»Mike? Nein, der kommt schon klar. Im Übrigen könnte ich ihm gar nicht helfen, selbst wenn ich es wollte. Man muss in seinem eigenen Bereich bleiben, sonst bricht das System zusammen, wir versinken in Anarchie und niemand weiß mehr, wer wie viel vom Tip bekommt. Man bleibt also besser in seiner eigenen Ecke und behält die Herrschaft über sein eigenes Trinkgeld. Regeln sind Regeln.«

Ich kann mir kaum vorstellen, dass hier am Ende des Abends noch viele Gäste an großzügiges Trinkgeld denken. Das ist doch eher in Restaurants üblich oder in stylischen Bars, in denen die Cocktails mit Wunderkerzen verziert oder mit flüssigem Stickstoff aufgeschäumt werden. Aber im The Wishing Well?

»Wer bin ich, ein so ausgefeiltes System infrage zu stellen?«, grinse ich. »Hattest du eigentlich schon Glück bei der Wohnungssuche?«

»Sehr viel Glück«, entgegnet er und blickt mich endlich an. »Ich habe am Mittwoch den Schlüssel bekommen. Ich bin endlich eingezogen.«

»Das ist doch toll! Ich habe mich schon gefragt, ob es geklappt hat. Herzlichen Glückwunsch!«

Seine Augen weiten sich ein bisschen – als hätte ich ihn irgendwie überrascht.

»Danke. Es ist super, eine eigene Wohnung zu haben und nicht mehr zusammengepfercht mit drei anderen Barkeepern in dieser feuchten Bude leben zu müssen.«

»Das kann ich mir vorstellen. Na ja, eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen, aber ich freue mich trotzdem für dich. Wann findet denn die Einweihungsparty statt?«

»Gar nicht. Ich will, dass die Wohnung so lange wie möglich so makellos wie möglich aussieht. Die Wände sind weiß. Ich kann die alten Säufer aus dem Pub nicht zu mir einladen.«

Ich hebe die Hände. »Na gut. Es gibt ja schließlich nichts Schlimmeres als einen alten Säufer in einem Raum mit weißen Wänden.«

Er lacht, ehe er sich abwendet. Heute Abend kann er mich anscheinend nicht länger als eine oder zwei Sekunden ansehen. Während er den Blick also wieder abwendet, fahre ich mit den Fingerspitzen über meine Augenbrauen, unter den Augen entlang und um meinen Mund herum – nur falls dort irgendetwas nicht stimmen und etwas Scheußliches kleben sollte.

Die Zehnpfundnote, die ich für meinen Wein auf den Tresen gelegt habe, liegt noch immer neben dem Bierdeckel, auf dem mein Glas steht. Ich will Alec gerade darauf hinweisen, als die Tür des Pubs aufschwingt und eine Gruppe junger Männer hereinkommt und so schnell an die Theke prescht, dass kein Zweifel an ihrem Vorhaben für den heutigen Abend besteht: Sie wollen sich gepflegt betrinken. Alec macht einen Schritt von mir weg und bereitet sich darauf vor, die neuen Gäste zu bedienen. Derweil lehne ich mich auf meinem Barhocker zurück und beobachte ihn bei der Arbeit. Dabei ignoriere ich die Blicke der jungen Männer in meine Richtung und achte auch nicht weiter darauf, wie sie sich gelegentlich mit den Ellbogen anstoßen, um sich gegenseitig auf die offenbar einsame Frau an der Theke aufmerksam zu machen.

Ich versuche, meinen Wein zu genießen und noch ein paar schöne letzte Momente auszukosten, ehe ich aufbrechen muss. Einige Töne der Musik, die im Hintergrund läuft, wehen durch das Gemurmel der Gäste zu mir herüber, und ich konzentriere mich auf den Song, bis die Typen ihre Drinks bekommen haben und Alec sich mir wieder zuwendet.

»Hey, du hast mein Geld vergessen«, sage ich zu ihm. Ich versuche, ihm den Geldschein in die Hand zu drücken. Mit den Fingerspitzen berühre ich seine weiche Haut, doch er zuckt zurück.

»Nein, das habe ich nicht.«

Es gelingt ihm, mir zum ersten Mal an diesem Abend direkt in die Augen zu blicken. Olivia hat recht: Abgesehen von seinem Bart ist er unglaublich gut aussehend. Aber das ist noch nicht einmal das Beste an ihm. Eine so aufrichtige, offene Ausstrahlung wie bei Alec habe ich noch bei keinem anderen Menschen je erlebt. Man sieht ihm an, was er denkt und fühlt. Es ist erschreckend, wie leicht es ist, ihn zu durchschauen und zu lesen.

Deshalb weiß ich auch, was er vorhat. Die leichte Röte in seinen Wangen, das Funkeln in seinen Augen, die beinahe unmerklichen Bewegungen seiner Lippen, als er versucht, sich die richtigen Worte zurechtzulegen, und dabei scheitert. Es ist noch nicht so lange her, dass ich mich nicht daran erinnern könnte, wie sich das anfühlt. Und die aufregende, verworrene Mischung aus Panik und Freude in meinem Innersten hat sich auch nicht verändert.

Ich spüle sie mit einem großen Schluck Wein hinunter.

Alec findet vielleicht noch den Mut, um den Schritt zu wagen – doch er wird ihn nicht brauchen. Denn es gibt keine Veranlassung, etwas an meiner normalerweise stabilen Verfassung zu verändern. Vielleicht wird er sein Glück versuchen, aber er hat keine Chance.

Es ist an der Zeit, nach Hause zu gehen.

Kapitel 2

Zuerst bemerke ich den warmen Druck eines Unterschenkels auf meinen Beinen. Noch im Halbschlaf genieße ich das Gefühl, und Erinnerungen an eine Zeit, in der ich oft so aufgewacht bin, durchströmen mich, lebhafte Erinnerungen an lange Vormittage im Bett, dösend und eng umschlungen. Ich schwelge genüsslich in ihnen – bis ich irgendwann wach genug bin, um mich daran erinnern zu können, unter wessen Unterschenkel ich hier liege. Mit einem Schlag werde ich zurückgeholt in diesen Moment, in dieses Bett.

Ganz, ganz langsam winde ich mich unter ihm hervor. Zwischendurch halte ich immer wieder inne, um sicherzugehen, dass er durch meine Bewegungen nicht aufwacht.

Jess, wie konntest du nur?

Ich drehe meinen Kopf auf dem Kissen und kann ihn im schummrigen Licht kaum ausmachen. Er liegt auf dem Rücken und hat das Gesicht abgewandt. Das Bein, das er nicht über mich gelegt hat, hat er ausgestreckt. Wie ein selig schlafendes Kind hat er die Arme über den Kopf gestreckt. Er liegt mitten im Bett in der Kuhle, die sein Körper in der Memory-Schaum-Matratze hinterlassen hat. Mein Po dagegen ragt unbedeckt über die Bettkante. Obwohl er das Bett mit jemandem teilt, ist er kein Stück zur Seite gerückt.

Gott, er ist so selbstsüchtig!

Ich stoße einen langen Atemzug aus und hole gleich wieder tief Luft. Zufrieden, dass ich schon mal einen Fehler an ihm entdeckt habe, mache ich mich gleich auf die Suche nach weiteren. Vielleicht lege ich mir sogar eine Liste an.

Zum einen ist da der Geruch. Okay. Das ist vermutlich all der Wein, den er sich gestern nach Feierabend genehmigt hat und den er, während er geschlafen hat, ausgedünstet hat. Sicher, er war nicht der Einzige, der betrunken war, doch dafür ist er ganz allein verantwortlich – da bin ich mir sicher.

Es ist jammerschade, dass er nicht schnarcht oder ganz hinten in seinem Rachen ekelig klickende Laute macht oder irgendein anderes Geräusch aus der Vielzahl an grässlichen Geräuschen, zu denen Männer im Tiefschlaf fähig sind. Durch so etwas lasse ich mich leicht abschrecken und vertreiben. Aber stattdessen ist er absolut leise. Das ist an sich schon etwas seltsam, schätze ich, doch ich kann ihm das wohl kaum verübeln.

In der Dunkelheit des Wintermorgens ist es schwierig, noch weitere Fehler zu finden, ohne ihn noch genauer zu betrachten.

Der Großteil seines Körpers ist unter der Bettdecke versteckt, die er bis zur Brust hochgezogen hat. Vorsichtig schiebe ich mich näher an ihn heran, hake meinen Finger in die Decke ein und ziehe sie langsam herunter. Er rührt sich, wacht jedoch nicht auf. Allerdings bringt das Rascheln der Bettdecke ihn dazu, den Kopf auf dem Kissen umzudrehen. Sein Gesicht ist plötzlich nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt.

Und da ist er: der Fehler aller Fehler. Der Grund dafür, dass ich diesen Mann nicht attraktiv finde. Der Grund, den ich Olivia wieder und wieder genannt habe. Der Bart! Nicht nur ein bisschen Flaum oder ein Dreitagebart, sondern ein riesenhafter Flokati aus schwarzen Haaren, der die untere Hälfte seines Gesichts verdeckt. Ich hasse Bärte! Solange der betreffende Mann kein Komparse bei Game of Thrones ist oder gerade keinen Zugang zu fließendem Wasser oder einer Rasierklinge hat, gibt es keine Entschuldigung für so etwas.

Ich zucke zusammen, als ich mir die gestrige Nacht ins Gedächtnis rufe, die ich vergraben in diesem … Ding verbracht habe. Als ich mit den Fingerspitzen über mein Kinn streiche, kribbelt meine Haut, und ich ahne, dass ich beim ersten Blick in den Spiegel um meinen Mund herum gereizte, gerötete Haut entdecken werde.

Trotzdem habe ich Glück, dass er diesen Bart trägt, denn abgesehen davon gibt es an diesem Mann nicht viel auszusetzen. Eine schwarze Haarsträhne liegt auf seiner glatten Stirn. Um seine geschlossenen Augen herum ist die Haut straff, und er wirkt vollkommen friedlich, ruhig. Er hat eine schmale, gerade Nase, deren Spitze ganz leicht nach oben zeigt, und hohe Wangenknochen, die aus seinem schlanken Gesicht hervorstechen, ehe sie von diesem Bart verschluckt werden. Seine Lider sind geschlossen und verdecken das Beste an seinem Gesicht.

Mit dem Zeigefinger streiche ich sacht über seine Haarspitzen und denke an Olivia und daran, was sie wohl sagen würde, wenn sie wüsste, wo ich heute Morgen aufgewacht bin. Und nicht nur Olivia. Alle weiblichen Angestellten in der Verwaltung von McAllister Lewis Glenn hätten etwas dazu zu sagen. Seit Alec im The Wishing Well angefangen hat, hat sich die gesamte Abteilung in den Mittagspausen derartig oft verdrückt und ist ebenso oft angeschickert wieder ins Büro zurückgekehrt, dass eines klar ist: Wenn man in der Personalabteilung eine Statistik anfertigen würde, würde man in null Komma nichts herausfinden, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Alecs Auftauchen und einem rapiden Absinken der Produktivität in der Firma gibt.

Mit einer Ausnahme: Meine Produktivität ist so durchschnittlich wie immer. Vor drei Jahren hätte ich vielleicht über den Bart hinwegsehen können und ihn ebenfalls angehimmelt, aber das ist jetzt anders. Jetzt habe ich meine Regeln, und ich lasse nicht zu, dass ich auf irgendjemanden stehe. Abgesehen von einem gelegentlichen Tagtraum, in dem der unglaublich gut aussehende Bodycoach Joe Wicks die Hauptrolle spielt, hat mir vor allem eines dabei geholfen, mein Leben zu optimieren: nicht an Männer zu denken. Ich habe einfach auf diesen albernen Kram und die vergeudete Energie verzichtet. Zumindest bis jetzt.

Aber das ist schon okay. Nachdem Alec gestern den Pub abgeschlossen hat und wir gemeinsam eine Flasche Wein geleert haben, habe ich offenbar in seine Augen geblickt und einen Moment der Selbstvergessenheit erlebt. Das wird mir sicher nicht noch einmal passieren – ich habe ja meine Liste, und es besteht keine Gefahr, dass hier Liebe im Spiel sein könnte.

Ein kleines Lachen entfährt mir, als mir klar wird, wie lächerlich die Vorstellung ist.

»Was ist so lustig?«

Bevor er die Augen aufschlägt, drehe ich mich schnell um und rutsche zurück auf meine Seite des Bettes. Ich hoffe, ich kann noch so tun, als würde ich schlafen, damit er mich vielleicht für einen dieser seltsamen Menschen hält, die im Traum lachen.

Funktioniert aber nicht. Er rollt sich neben mich, beugt sich vor und legt die Hand auf meine Hüfte. Ich mache die Augen auf und ertappe ihn dabei, wie er mein Gesicht mustert.

»Weißt du, Jess, davon aufzuwachen, wie du dich neben mir kaputtlachst, ist nicht gerade der ermutigendste Start in den Tag.«

»Tut mir leid.«

»Komm schon, was ist los?«

»Ich habe gerade … äh … darüber nachgedacht, wie lustig es gestern Abend war.«

Ein Grinsen, das seine Wangenknochen betont, erscheint auf seinem Gesicht. »Ja, das stimmt. Es war nicht wirklich komisch, wenn ich mich recht entsinne, doch wir hatten auf jeden Fall eine Menge Spaß.«

Ohne zu zögern, zieht er mich an sich und schließt mich in seine Arme, um mich zu küssen. Keine Spur mehr von der Schüchternheit, die mir gestern Abend aufgefallen war. Sie scheint sich im Schlaf in Luft aufgelöst zu haben.

Ich würde mich so gern von ihm küssen lassen. Jedes Mal, wenn er mich in der letzten Nacht geküsst hat, hat er mich zuvor mit einem aufrichtigen Ausdruck in seinen Augen angesehen, als wäre ich die einzige Frau, die er von nun an küssen will. Diesen Ausdruck würde ich gern noch ein letztes Mal sehen.

»Ich sollte mich auf den Weg machen«, sage ich stattdessen, rolle zur Seite und taste auf dem Fußboden nach meiner Unterwäsche. Als ich sie finde, forme ich mit den Lippen ein stummes Danke, weil ich dem Rat meiner Mutter gefolgt bin, BHs und Höschen immer in Schwarz zu kaufen, sodass alles zueinander passt und niemals schmuddelig wirkt. Schenke deiner Unterwäsche genauso viel Aufmerksamkeit wie den Klamotten, die du darüber trägst, hat sie immer gesagt – schließlich weiß man nie, wenn man morgens das Haus verlässt, ob bis zum Abend jemand diese Unterwäsche zu sehen bekommt. Das war zumindest ihre Meinung.

Ich ziehe Alec die Bettdecke weg und schlinge sie um meine Schultern. Das war schon in der Schule mein Trick nach dem Schwimmunterricht gewesen: mich mit meinem Handtuch einzuhüllen, um mich anzuziehen, sodass niemand etwas von mir zu sehen bekam.

Der Nachteil an dieser Methode, meine Würde zu diesem späten Zeitpunkt vielleicht doch noch zu bewahren, ist, dass es unglaublich lange dauert, den Verschluss meines BHs zu schließen. Denn ich muss gleichzeitig versuchen, die schützende Bettdecke davon abzuhalten, runterzurutschen. Ich bin mir sicher, dass Alec grinst, während er sich das Schauspiel zu Gemüte führt. Aber als ich mich schließlich umdrehe, betrachtet er mich stirnrunzelnd. Er versucht, es zu verstecken, indem er mir über den Arm streichelt und dabei lächelt, doch es ist zu spät.

Wie viel habe ich ihm gestern erzählt? Alles, was ich vom gestrigen Abend noch weiß, wirkt auf mich lustvoll und leicht und glücklich. Hat es vielleicht einen Punkt gegeben, an dem ich mich veranlasst sah, mehr mit ihm zu teilen als nur meinen Körper?

Wenn ich mir so ansehe, wie er mich anschaut, muss ich ihm etwas erzählt haben.

»Okay. Auf geht’s«, sagt er und reißt mich aus meinen alkoholvernebelten Erinnerungen.

Er drückt einen Knopf oberhalb seines Nachttischchens, und die Jalousie öffnet sich leise surrend. Zum Vorschein kommt der wohl trübste Morgen, den Manchester je erlebt hat.

»Sieht arktisch aus. Ich bringe dich schnell nach Hause, ja?«

»Das musst du nicht. Ich kann auch die Metro nehmen.«

»Das könntest du natürlich tun. Aber wenn ich mich recht entsinne, hattest du gestern Abend nur ein Kleid und High Heels an. Nein, du wärst innerhalb von wenigen Minuten klatschnass und würdest dir eine schreckliche Erkältung einfangen, und ich müsste dann nächste Woche dabei zusehen, wie du dich jeden Tag wie ein Häufchen Elend zur Arbeit schleppst. Und dann würde ich mich schlecht fühlen. Das willst du doch nicht, oder?«

»Klar. Also gut«, lenke ich ein, weil das Wetter echt beschissen ist und weil er, was mein Outfit angeht, nicht ganz unrecht hat. »Aber du kannst ruhig aufhören, diese Schnute zu ziehen – nur falls du vielleicht meinst, dass du damit süß und unwiderstehlich aussiehst. Das tust du nämlich nicht.«

»Gestern Abend hat es noch wunderbar funktioniert«, erwidert er mit einem Zwinkern.

»Tja, jetzt und in Zukunft aber nicht mehr.«

»So ein Jammer! Ich fand die letzte Nacht ziemlich toll. Wenn du allerdings nicht an mir interessiert bist, werde ich mir wohl jemanden suchen müssen, bei dem das anders ist. Hey, du könntest nicht zufällig bei Maureen ein gutes Wort für mich einlegen?«

Die arme Maureen ist dreiundsechzig Jahre alt, hat vier Kinder und acht Enkelkinder und ist in Alecs Nähe die Schlimmste von all meinen Kolleginnen. Letzte Woche schleppte sie mich nach der Arbeit zur Happy Hour ins The Wishing Well, und ich musste all ihre Cocktailbestellungen aufgeben, weil sie fürchtete, vor lauter Nervosität bei Alec einen Penis Colada zu ordern.

Ich werfe ein Kissen nach ihm, das erfreulicherweise direkt in seinem arroganten Gesicht landet.

»Okay, das war’s.« Er stürzt sich mit ausgestreckten Armen auf mich, um mich zu kitzeln.

So überheblich, wie man mit nichts als einem BH und Höschen bekleidet nur wirken kann, stehe ich auf, mache einen Schritt nach vorn und bin außerhalb seiner Reichweite.

»Wow. Was für ein Anblick«, raunt er.

»Zieh dich einfach an und bring mich nach Hause, okay?« Ich bücke mich, um mein zerknittertes Kleid vom Boden zu klauben. Vorsichtig schlüpfe ich hinein.

»Okay, okay. Aber ich brauche zuerst ein Frühstück. Möchtest du auch etwas?«

»Kaffee wäre toll.«

»Kaffee ist kein vollwertiges Frühstück, Jess.«

»In meiner Welt schon.«

»Na gut. Ich setze welchen auf.«

Er streckt sich, ehe er aus dem Bett springt. Offensichtlich hat er kein Problem mit seiner Nacktheit. Er schnappt sich einen blauen Bademantel von einem Haken an der Tür und zieht ihn an. Den Gürtel knotet er so locker zusammen, dass der Großteil seiner Brust weiterhin gut zu sehen ist.

»Ein Instantkaffee ist völlig in Ordnung«, rufe ich ihm hinterher, als er das Zimmer verlässt.

»In meiner Welt nicht!«, ruft er zurück.

Als ich nun alleine bin, gehe ich zu dem bodentiefen Spiegel, der gegenüber von seinem Bett steht, um nachzusehen, welche Spuren die letzte Nacht in meinem Gesicht hinterlassen hat.

Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, doch die tintenblauen Halbkreise unter meinen Augen erzählen etwas anderes. Ohne mein Make-up-Täschchen kann ich jedoch kaum etwas daran ändern, also widme ich mich erst einmal dem dringendsten Problem: meinem Kleid. Es handelt sich um ein weinrotes Hemdkleid aus Chiffon, das angezogen nicht mal bis zur Mittagspause faltenfrei bleibt, sondern im Handumdrehen aussieht wie zerknülltes Seidenpapier. Ein kompletter Arbeitstag, ein Abend im Pub und eine Nacht auf dem Fußboden haben ihm ganz offensichtlich den Rest gegeben. Mit den Händen rubbele ich, so schnell ich kann, über die Vorderseite und hoffe, dass durch die Reibungswärme wenigstens ein paar der schlimmsten Falten verschwinden – ein Bügeleisen habe ich nämlich zufällig gerade nicht dabei. Als klar wird, dass das nicht das Geringste bringt, ziehe ich das Kleid ein paarmal straff herunter, streife meine schwarze Strumpfhose über und hoffe, dass damit das unmögliche Aussehen des Kleides, das durch meine blassen Beine noch einmal besonders hervorgehoben wurde, nicht mehr so sehr zur Geltung kommt.

Eilig fahre ich mit den Fingerspitzen durch mein Haar. Tja, das ist alles, was ich in der Kürze der Zeit tun kann. Nicht, dass es überhaupt eine Rolle spielen würde, wie ich gerade aussehe – zumindest rede ich mir das ein, ehe ich die Tür aufmache.

Ich kann Alec in der Küche werkeln hören. Er bereitet mir meinen Kaffee zu. Ich beschließe, im Wohnzimmer zu warten. Abgesehen vom L-förmigen Sofa, das den Raum beherrscht, entdecke ich noch ein halb leeres Bücherregal und einen kleinen Holztisch in der Ecke. Das ist alles. Ich bin überrascht – irgendwie passt das alles überhaupt nicht zu dem Menschen, für den ich Alec halte. Es hängen keine Bilder an den Wänden, nirgends stehen Fotos von seinen Freunden, und es gibt auch keine besonders kunstvoll gestaltete Wand, um den Raum aufzuwerten. Mein altes Ich hätte ihn deswegen ausgequetscht und gelöchert, bis er mir eine zufriedenstellende Antwort auf meine Frage gegeben hätte, warum er in einer so unpersönlichen Wohnung lebt.

Unter den gegebenen Umständen schweige ich jedoch, als Alec schließlich mit Tassen und einer French Press beladen in den Wohnbereich kommt. Eigentlich rechne ich damit, dass er sich setzt, aber er verschwindet gleich wieder in der Küche und kehrt ein paar Momente später mit einer Schachtel Croissants und einem Glas mit edler Marmelade zurück.

»Croissants?«, frage ich, nehme Platz und schenke mir Kaffee ein.

»Ja, ich hatte zufällig welche da. Möchtest du auch gern eines?«

»Alec, niemand hat ›zufällig‹ Croissants zu Hause«, sage ich lachend.

»Ich schon«, erwidert er mit einem Grinsen. »Das habe ich mir zum Prinzip gemacht. Es gibt nichts Wichtigeres als ein gutes Frühstück, junge Dame.« Unter dem kleinen Tisch berühren seine Knie meine. Er zieht die Beine trotzdem nicht zurück.

In diesem Augenblick wird mir eines klar: Für ihn war die letzte Nacht kein Fehler.

»Kannst du mich jetzt nach Hause fahren?«, frage ich nach ein paar Schlucken des dringend benötigten Kaffees geradeheraus.

Es entsteht nur eine winzige Pause, bevor er sein Frühstück stehen lässt und aufsteht.

»Klar. Hattest du genug?«

»Mehr als genug.«

»Ich ziehe mich kurz an und bringe dich dann heim.«

Falls er enttäuscht ist, gelingt es ihm ziemlich überzeugend, das zu verstecken. Als er wieder zurückkommt, sieht er in seinem grauen Wollpullover und der dunklen Jeans sehr gesammelt, ruhig, kontrolliert aus. Er streckt die Hand aus, um mir hochzuhelfen, und erklärt mit tiefer Stimme: »Ihre Kutsche ist bereit, Mylady.«

Draußen ist es bitterkalt. Es ist eine Kälte, die auf der Haut brennt, wenn man ihr zu lange ausgesetzt ist. Sein Wagen steht an der anderen Ecke des weitläufigen Neubauprojekts, in dem er wohnt.

»Hier, zieh das an«, sagt er, schlüpft aus seinem wohlig warmen Wollmantel und reicht ihn mir.

Zwar bin ich versucht, ihn anzunehmen, aber ich lehne trotzdem ab. Ich habe schon die Heimfahrt angenommen. Noch mehr Zugeständnisse meinerseits würden ihn nur weiter ermutigen.

Sobald wir an seinem Wagen angekommen sind, springen wir hinein, und er schaltet die Standheizung ein – so hoch es geht. Dankbar lehne ich mich auf dem Beifahrersitz zurück, als ich die ersten Wellen warmer Luft wahrnehme. Versonnen beobachte ich, wie das Eis auf meiner Scheibe schmilzt. Tropfen rollen herunter. Mit dem Finger zeichne ich die Spuren nach, während wir darauf warten, dass das Auto abtaut. Alec stellt das Radio an und schaltet durch die Sender, bis er einen Countdown der besten Weihnachtshits aller Zeiten findet. Schließlich fährt er los.

»Also. Was denkst du? Wer ist die Nummer eins? Bestimmt Mariah Carey.«

Ich konzentriere mich darauf, die eisigen Wassertropfen zu verfolgen, die ihre ruhigen Bahnen verlassen, als das Auto schneller wird.

»Hallo? Jess?«

»Ich bin nicht in Stimmung. Können wir das Radio ausschalten, bitte?«

»Sicher.«

Als wir das Stadtzentrum verlassen und nach Süden auf die Umgehungsstraßen Richtung der Vororte biegen, fallen plötzlich die ersten Schneeflocken. Innerhalb kürzester Zeit kann man außer der dicken Flocken kaum noch etwas erkennen. Alecs Schweigen ist nicht mehr unsicher oder unbehaglich, sondern nötig, weil er versucht, den Wagen sicher durch das Schneetreiben zu lenken.

Erst als er in meine Straße biegt, richtet er wieder das Wort an mich.

»Wo wohnst du?«

»Ganz hinten«, sage ich und deute ans Ende einer Reihe von fast identischen, ordentlichen Doppelhaushälften mit je drei Schlafzimmern. »Aber du kannst mich hier rauslassen. Den Rest schaffe ich allein.«

Er will widersprechen, hält sich jedoch zurück. »Okay.« Er hält am Straßenrand und wartet, bis ich meine Tür geöffnet habe. Er hat den Motor nicht abgestellt, und ich bin dankbar dafür.

»Danke fürs Bringen.«

»Kein Problem. Hör mal, ich wollte es schon die ganze Zeit sagen … Ich möchte nicht, dass du glaubst, in der vergangenen Nacht wäre es mir nur um Sex gegangen. Mir ist bewusst, dass ich mich nach unserem ersten Kuss ein bisschen habe hinreißen lassen, aber ich könnte es nicht ertragen, wenn du glauben würdest, dass gestern Nacht, dass das mit uns, nicht mehr als ein One-Night-Stand für mich gewesen sein könnte. Ich bin heute Abend im Pub. Nur falls du reden willst oder so.«

»Ja, vielleicht«, erwidere ich und lächele ihm zu, ehe ich aus dem Wagen springe. Ich habe ihm offensichtlich nichts erzählt. Seine Sorge galt nur ihm selbst. Ich bin ein bisschen stolz auf mich, weil ich es geschafft habe, meinen Mund zu halten – wenn ich schon meine Beine nicht zusammenhalten konnte.

Schneeflocken landen auf meinem Kleid und schmelzen in meinem Nacken. »Mach’s gut«, sage ich fröhlich.

»Du auch.«

Ich werfe die Tür zu. Sein Blick wandert von meinem Gesicht zum Seitenspiegel. Mit der linken Hand umfasst er die Handbremse. Ich mache auf dem Gehweg einen Schritt zurück, falls er auf der rutschigen Straße losrasen will. Doch statt wegzufahren, ändert er offenbar seine Meinung und macht das Fenster auf der Beifahrerseite auf.

»Hör mal, ich kann auch versuchen, meine Schicht heute Abend zu tauschen, wenn du möchtest.«

»Nein, das musst du nicht. Ich bin ziemlich müde und sowieso verabredet.«

»Okay. Dann sehen wir uns.«

»Klar«, schwindele ich.

Ich stehe im Schnee und sehe zu, wie er davonfährt. Für einen Moment stelle ich mir vor, wie es wäre, dieser Beziehung eine Chance zu geben. Aber sobald sein Wagen um die Ecke biegt, drehe ich mich um, schlinge die Arme um meinen Körper und stakse durch den Schnee nach Hause.

Kapitel 3

Als ich die Haustür aufschließe, ist es still im Haus. Die Tür zum Esszimmer ist geschlossen. Ich schleiche durch den Flur am Wohnzimmer vorbei, wo der ungeschmückte Tannenbaum anklagend in der Ecke steht. Ich muss Mum noch fragen, wo sie den Baumschmuck aufbewahrt, und am Wochenende zur Tat schreiten. Im letzten Jahr konnten wir keinen Baum aufstellen. Es wäre zu gefährlich gewesen. Jetzt kann Mum kaum noch allein herumlaufen, und das Risiko, dass sie in den Tannenbaum stürzt, ist viel geringer. Also dachte ich, es wäre schön, wenn wir wieder einen Baum hätten, den sie sich anschauen kann. Am Donnerstagabend nahm ich die Mühe auf mich, das Ding vom Dachboden zu schleppen und sorgfältig jeden Zweig in den Plastikstamm zu stecken – bis ich irgendwann entnervt aufgab. Ich wusste, dass ich es niemals so schön hinbekommen würde wie Mum. Bei ihr sah der Weihnachtsbaum immer so perfekt aus, dass ich mir sicher bin, sie hat ein Lineal benutzt, um den Abstand zwischen den sorgsam ausgesuchten Weihnachtskugeln auszumessen.

Ich gehe weiter in die Küche, die sich im hinteren Teil des Hauses befindet. Wie ich erwartet habe, erblicke ich Debs, die sich über die Kochinsel mit der Arbeitsfläche aus schwarzem Marmor gebeugt hat und eine Tasse Tee in beiden Händen hält.

»Hallo, Süße«, flüstert sie mit ihrem typischen Manchester-Dialekt, bei dem ich immer an die Gallagher-Brüder denken muss. Sie lächelt mich warmherzig an, ehe sie sich aufrichtet. »Ich habe gerade an dich gedacht.«

Ich schlinge die Arme um sie und gebe ihr einen Kuss auf die Wange. Mir fällt auf, dass einige Strähnen aus ihrem Haarknoten im Nacken gerutscht sind. Das Bräunungspuder auf ihren Wangen kann nicht verbergen, wie erschöpft sie aussieht.

»Debs, es tut mir leid, dass ich dir nicht Bescheid gesagt habe, dass ich ausgehe und woanders übernachte. Nach der Arbeit waren wir noch etwas trinken, und eines führte zum anderen. Du weißt ja, wie das ist. Ist alles in Ordnung?«

Sie denkt über ihre Antwort nach. »Ja, es geht uns ganz gut.«

»Das ist schön. Und letzte Nacht? Wie ging es ihr?«

»Ganz okay. Sie war wieder sehr unruhig und hat insgesamt nicht mehr als drei Stunden geschlafen, hat jedoch ihre Medikamente genommen und war sehr zufrieden. Das bedeutet, dass sie heute müde sein wird. Du solltest also nicht davon ausgehen, dass du bis zum Abend besonders viel von ihr mitbekommen wirst.«

»Das heißt auch, dass du völlig kaputt sein musst. Also, fahr nach Hause und ruh dich aus. Ich übernehme jetzt.«

Wir kennen Debs erst seit sechs Monaten, doch in der Zeit ist sie Teil unserer kleinen Familie geworden. Sie hat alles dafür getan, damit am Ende alles zwischen uns passt. Und ich könnte nicht dankbarer sein.

Debs ist nicht die einzige Pflegekraft, die wir eingestellt haben. Mum benötigt schon seit über einem Jahr Tagespflegekräfte, damit ich weiter zur Arbeit gehen kann. Debs ist allerdings die erste Pflegerin, die wir allein ausgesucht haben. Sie ist, seit Mums Schlaf so unruhig geworden ist, nachts bei meiner Mutter. Sie liebt Mum, nennt sie »ihre liebe Freundin«. Und da sie selbst drei Kinder hat, behandelt sie mich wie einen ihrer Sprösslinge, die zwar schon fast erwachsen sind, ihr neben aller Freude aber auch immer noch Kummer bereiten können.

Nachdem sie mich von oben bis unten gemustert hat, verschränkt sie die Arme vor ihrem großen Busen und schnalzt missbilligend mit der Zunge. »Auf keinen Fall solltest du deiner Mutter in diesem Zustand unter die Augen treten. Mach ein Nickerchen und sammle dich. Ich bleibe solange noch da.«

»Auf überhaupt keinen Fall. Ich brauche nur eine Dusche und dann den wöchentlichen Seifenopern-Marathon. Wenn Mum aufwacht, bin ich wieder auf dem Damm. Heute Abend kuscheln wir uns in unsere Pyjamas und sehen uns zusammen noch einen Film an. Das wird schön.«

»Bist du dir sicher?«

»Ja«, entgegne ich und ignoriere den Teil von mir, der sich wie ein kleines Kind an sie klammern und sie anflehen will, mich nicht für den Rest des Wochenendes alleinzulassen.

»Also gut. Dann fahre ich jetzt nach Hause. Heute Nachmittag passe ich auf die Enkelkinder auf, also sollte ich mich und vor allem das Haus mal darauf vorbereiten.«

»Vergiss das Haus. Schlaf dich aus, ja?«

»Ja, du hast recht«, stimmt sie mir nach einem kurzen Zögern mit einem tiefen Seufzen zu. Nachdem sie ihre Tasse in die Spüle gestellt und das Geschirrtuch, das vor der Ofentür hängt, geradegezupft hat, nimmt sie ihre Tasche.

»Dann sehen wir uns am Montag, meine Liebe.«

Sie geht zur Tür, ehe sie sich noch einmal umdreht.

»War es etwas Besonderes … mit dem Mann?«, fragt sie voller Hoffnung.

»Nein, nichts dergleichen. Ich habe bei einer Freundin übernachtet.«

»Oh. Und ich hatte gedacht, du hättest heute Nacht wilden Sex gehabt.«

»Debs!« Es ist mir peinlich. Mum hätte so etwas nie zu mir gesagt.

»Jetzt guck nicht so entsetzt. Eine kleine Affäre würde dir guttun.«

»Ich habe gerade ein bisschen zu viel um die Ohren, um mir den Kopf über flüchtige Affären zu zerbrechen.«

Es hätte eigentlich locker und unbeschwert klingen sollen, aber der Ausdruck, mit dem sie mich anblickt, zeigt ihr Mitgefühl.

»Das weiß ich doch. Ich bin Montag wieder da, ja? Ruf mich an, falls du mich brauchst.«

Debs lässt sich selbst aus dem Haus, nachdem sie noch ein letztes Mal nach Mum gesehen hat, und ich verbringe den Rest des Tages im Bett und sehe fern. Dabei versuche ich, nicht an Alec zu denken, und konzentriere mich stattdessen auf die nächste Folge von Coronation Street.

Es ist schon dunkel geworden, als ich höre, wie Mum sich rührt. Ich laufe zu ihr, klopfe vorsichtig an die Esszimmertür und gehe hinein.

»Hi, Mum! Hast du gut geschlafen? Ich mache mal das Licht an, ja?«

Ich warte das Schweigen ab und zwinge mich dazu, es nicht zu füllen. Mum soll selbst antworten. Durch die Krankheit beginnt ihre Stimme allmählich schwächer zu werden, und Mum kann es nicht ertragen, wenn in dieser Situation andere Menschen für sie sprechen. Debs und ich wissen, dass wir ihr Zeit lassen müssen, um ihre Gedanken zu sammeln und sie in Worte zu fassen, aber die meisten anderen Leute wissen das nicht.

»Ja«, sagt sie schließlich.

Ich drücke auf den Lichtschalter, und der goldene Kronleuchter verströmt sein warmes Licht.

Ich hasse das Esszimmer. Es ist der einzige Raum im Erdgeschoss, in den ihr Pflegebett passt und in dem sie auch eine gewisse Privatsphäre hat, doch ich wünschte, sie könnte in einem anderen, fröhlicheren Zimmer liegen. Als der Raum noch so genutzt wurde, wie Mum sich das vorgestellt hatte, wirkte das Esszimmer mit seinen mitternachtsblauen Wänden und dem dunklen Holzfußboden sehr elegant. Wenn wir Besuch bekamen und Mum die Kerzen auf dem goldenen Kerzenständer anzündete, herrschte eine fast magische Stimmung.

Jetzt ist es nur noch deprimierend.

»Es hat geschneit! Es ist zwar noch längst keine geschlossene Schneedecke, nur hier und da mal ein paar Fleckchen, aber die Mädchen von nebenan sind trotzdem rausgegangen und haben eine Schneeballschlacht gemacht. Zumindest bis die ältere der beiden plötzlich anfing zu kreischen, und sich herausstellte, dass die Kleine ihr versehentlich eine Handvoll Schotter ins Gesicht geschmissen hat. Eloise hat die beiden reingeholt, bevor das ältere Mädchen die Gelegenheit hatte, sich zu revanchieren«, plappere ich weiter. Ich hoffe, der Gedanke an den Schnee draußen kann sie aufmuntern, während ich sie nun vom Bett in ihren Sessel hebe. Mum wurde immer selbst wieder zum Kind, wenn es schneite. Als ich noch klein war, flitzten wir bei den ersten Schneeflocken hinaus in den Garten. Ganz egal, wie wenig Schnee lag: Für eine Schneeballschlacht reichte es uns immer, und wenn es viel geschneit hatte, bauten wir Schneeskulpturen. Niemals Schneemänner, aber umso schönere Schneeteddybären, Schneehunde, Schneealiens.

Ich nehme meine geblümte Decke aus Kindertagen vom Bett und breite sie über Mums Beine. Mum ist mittlerweile so dünn geworden, dass ich mir ständig Sorgen mache, sie könnte frieren. Statt einer gemütlichen Größe 46 in eng anliegenden Röcken, lässigen Cardigans und Schal trägt sie inzwischen Größe 38 und Trainingsanzüge.

Als sie anfing, abzunehmen, machte sie noch Scherze darüber. Sie meinte, sie könne nun eine ganze Packung Jaffa Cakes am Tag verdrücken und trotzdem die Pfunde verlieren, die sie als aktives Mitglied der Weight Watchers jahrelang nicht hatte loswerden können. Sie hatte es ihren Silberstreif am Horizont, die gute Seite ihrer Krankheit genannt.

Mum hätte jedoch niemals so aussehen wollen, wie sie heute Abend aussieht: Ihre Ellbogen treten spitz hervor, ihre Arme sind abgemagert, ihre blasse Haut lässt ihr Gesicht sehr schmal und sehr krank aussehen. Sie hasst es, dass ihr Kopf sich aufgrund der unkontrollierbaren, unfreiwilligen Muskelbewegungen ständig hin- und herwiegt. Chorea Huntington nennt man diese Krankheit offiziell.

Ich gebe Mum einen Kuss auf den Kopf und greife nach ihrer Bürste.

»Ich dachte, ich koche uns eine Suppe. Anschließend können wir einen Filmabend machen, wenn du magst. Vielleicht schauen wir uns Titanic an?«

Ich bürste ihr goldbraunes Haar, das vor nicht allzu langer Zeit noch so dicht und wild wie mein eigenes war, und creme ihr dann das Gesicht ein, während ich auf ihre Antwort warte. Egal, um wie viel Uhr sie aufwacht, sie folgt gern ihrer üblichen Morgenroutine.

»Sie sinkt übrigens«, flüstert sie.

»Verdammt, Mum, jetzt hast du mir das Ende verraten«, erwidere ich lachend und hole einen Stuhl aus der Küche. Wir essen zusammen zu Abend und sehen uns Titanic an. Nachdem der Film vorbei ist – und ich mich wieder einmal vom Ende erholt habe –, sehe ich auf die Uhr. Es ist fast zehn Uhr, doch Mum ist natürlich noch überhaupt nicht müde. Mir fällt ein, dass Leo und Kate noch einen Film zusammen gedreht haben, und ich finde ihn tatsächlich auf Netflix. Nachdem wir uns auch den Streifen angesehen haben, erkläre ich, dass Zeiten des Aufruhrs zwar nicht annähernd so gut ist wie Titanic, aber dass die Chemie zwischen den Schauspielern noch immer da und dass es ein solider Streifen ist. Mum findet das auch.

Schließlich wird sie müde, und ich bringe sie ins Bett. Ich trage sie so behutsam, wie ich kann, und versuche, dabei nicht darüber nachzudenken, wie leicht Mum geworden ist. Als sie liegt, setze ich mich in ihren Sessel und mache ein Nickerchen, bis sie mich wieder braucht.

Unerwünschte Bilder von Alec tauchen aus dem Nichts auf, als ich mich im Sessel zusammenrolle. Den ganzen Tag über habe ich versucht, ihn abzuschütteln, doch er ist noch immer da und erscheint immer wieder ungebeten vor meinem geistigen Auge. Ich frage mich, was er wohl gerade macht und mit wem er zusammen ist.

Im Pub ist zu dieser Zeit bestimmt nicht mehr viel los, und er wird sich mit seinen letzten Gästen unterhalten. Wenn er Pech hat, sind allerdings noch ein oder zwei besoffene Gruppen aus dem trendigeren Northern Quarter vorbeigekommen und im The Wishing Well hängen geblieben. Er wird seinen Charme nutzen, um sie möglichst schnell wieder loszuwerden, und hoffen, dass es reicht. Wenn es nicht so gut läuft, wird er die Securityleute aus dem Drenched, der kleinen Cocktailbar an der Ecke der gegenüberliegenden Straße, zu Hilfe rufen müssen.

Nach letzter Nacht muss er genauso müde sein wie ich. Bestimmt wünscht er sich nichts mehr, als den Laden abschließen und nach Hause zu seiner gemütlichen Matratze zurückkehren zu können.

Es sei denn, er ist mit einer Frau zusammen.

Er könnte in diesem Moment auch im Pub sein und etwas mit einer anderen Frau trinken, der er auch das Gefühl gegeben hat, etwas Besonderes zu sein, weil sie nach Feierabend noch bleiben durfte, während alle anderen Gäste gehen mussten. Wahrscheinlich erzählt er ihr die gleichen lustigen Geschichten, die er auch mir gestern Abend erzählt hat. Sie werden zusammen lachen, bis es wieder diesen Augenblick gibt, in dem sich alles verändert und er plötzlich aufhört zu reden und ab dann alles etwas verschwommen ist. Er wird sich diesem Moment hingeben, und die Frau wird sich dabei ertappen, dass sie sich ihm ebenfalls hingibt, weil sie sich nichts mehr wünscht, als ihn zu küssen.

Sollen sie ruhig!, denke ich. Ich habe es satt, mir solche Gedanken zu machen.

Ob er nun allein ist und sich verletzt fühlt, weil ich heute Morgen so unmöglich war, oder ob er sich jeden Abend eine andere Frau vornimmt – das spielt keine Rolle, macht keinen Unterschied. Alec ist kein Teil meines Lebens. Mum dagegen schon.

Ich blicke zu ihr und lächele. Was ich vorhin zu Debs gesagt habe, ist wahr.

Heute war ein guter Tag. Es war sogar ein schöner Tag.

Wir kommen klar. Wir brauchen niemand anderen. Uns geht es gut so, wie es gerade ist.

Kapitel 4

Mums Schreie reißen mich aus dem Schlaf.

Die Lampe neben ihrem Bett brennt ständig, falls sie in der Nacht etwas braucht. Jetzt beleuchtet die Lampe ihr gequältes Gesicht und zeigt schonungslos ihre Verzweiflung. Sie wirft sich auf dem Bett hin und her. Ihr tränenüberströmtes Gesicht ist wutverzerrt. Ich eile zu ihr und packe ihre Schultern, ehe sie sich noch selbst verletzt.

»Was ist los? Was brauchst du?«

Ich weiß, dass sie mir nicht antworten wird. Wenn sie so außer sich ist, ist es unmöglich für sie, Worte zu finden und zu formen. Statt zu warten, schnappe ich mir den laminierten Papierbogen vom Nachttisch und halte ihn ihr vor das Gesicht.

»Was ist es, Mum? Zeig einfach auf das, was du brauchst.«

Ich nehme ihre Hand in meine und führe sie an das Blatt Papier. Diese Liste habe ich vor einigen Monaten für sie zusammengestellt. Es sind Bilder von den Dingen, die sie am häufigsten braucht. Wenn sie also so frustriert oder so wütend wie gerade ist, zeigt sie den Pflegekräften oder mir, was genau das Problem ist.

Sie ist so aufgewühlt, dass sie das Blatt gar nicht beachtet, sondern zur Seite schlägt. Nachdem ich es ihr immer wieder vor das Gesicht halte und ihre Hand in die Richtung führe, sieht sie sich die Auflistung irgendwann doch an. Endlich entdeckt sie das Bild, das sie mir zeigen will, und schafft es, ein paarmal mit dem Finger darauf zu deuten.

Die Fernbedienung. Mum hat sie gern neben dem Bett, damit sie den Fernseher allein einschalten kann, wann immer sie will. Ich suche die Fernbedienung auf dem Nachttisch, unter dem Bett und zwischen Laken und Decken, bevor ich sie unter dem Fernsehtisch erblicke. Scheiße. Ich muss sie letzten Abend dort hingelegt haben, nachdem wir den Fernseher ausgeschaltet haben.

»Es tut mir so leid, es tut mir so leid«, sage ich zu ihr, nachdem ich ihr die Fernbedienung in die Hand gelegt habe. Aber sie kann sich gerade auf nichts anderes konzentrieren als auf den Fehler, den ich gemacht habe. Sie weint deswegen. Kummer wegen der Fernbedienung und wegen der Hilflosigkeit, die sie empfunden hat, als das Gerät nicht dort lag, wo es hätte liegen müssen, schüttelt ihren Körper. Ich kann mich nur neben sie legen und sie in meinen Armen halten, bis sie erschöpft ist und einschläft.

Sobald sie sich beruhigt hat und leise schnarcht, löse ich mich von ihr. Ihr Haar ist durch die Aufregung ganz zerzaust. Nachdem ich versucht habe, es mit den Händen zu glätten, ergreife ich die Gelegenheit, ihre Tabletten und Wasser aus der Küche zu holen, damit ich sie ihr geben kann, sobald sie wieder wach ist.

Im Rest des Hauses ist es angenehm dunkel, und ich lasse es auch so, als ich vom Esszimmer in die Küche zur Spüle tapse. Ich fülle Mums Plastikbecher und lasse das kalte Wasser aus dem Hahn anschließend noch weiter über meine Hände strömen. Das eisige Prickeln ist eine willkommene Ablenkung.

Als ich wieder zurück im Esszimmer bin und das Neuroleptikum und das Muskelrelaxans neben ihr Bett auf das Tischchen gelegt habe, gibt es keine Ablenkung mehr. Nur Mum und die niederschmetternde Gewissheit, dass der Rest ihres Lebens so aussehen wird.

Ich lehne mich an den Türrahmen und beobachte sie. Sie wirkt immer viel stärker, wenn sie schläft. Durch Chorea Huntington ist sie seltsam verschwommen und unklar, wenn sie wach ist, während der Schlaf sie festigt, sammelt.

Ich hoffe, sie kann einige Stunden schlafen und so lange, wie es geht, von einem Leben träumen, das anders ist als das hier.

Wie so oft in solchen Momenten der Stille wandern meine Gedanken zurück zu dem Tag, an dem Chorea Huntington offiziell in unser Leben trat.

Unser Hausarzt hatte Mum für einige Tests in die neurologische Abteilung des Krankenhauses überwiesen. Sie war zuvor immer öfter gestürzt.

Mums Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als ich noch ganz klein war, und Mum selbst hatte ihre Großeltern nie kennengelernt – ihre Mum und ihr Dad hatten sich sehr jung ineinander verliebt und ohne das Einverständnis ihrer Familien geheiratet. Deshalb war die Familiengeschichte nur teilweise bekannt. Ohne also die Hintergründe und Krankheitsgeschichten zu kennen, konnte der Neurologe nur Mums Symptome beurteilen. Symptome, die, wie uns durch die Befragungen und Untersuchungen klar wurde, schon seit Jahren da waren. Wir hatten sie nur nie als Symptome irgendeiner Krankheit erkannt. Gereiztheit, Ungeschicklichkeit, der Kampf, sich selbst zu organisieren und den Alltag zu meistern. Davon einmal abgesehen waren diese ersten Anzeichen leicht zu ignorieren gewesen. Zusammengenommen ergaben sie allerdings ein schreckliches Puzzle und zeigten am Ende ein Bild, das wir nie sehen wollten.

Es brauchte ein paar Termine, um den Verdacht zu erhärten, und schließlich einen simplen Bluttest, um ihn zu bestätigen. An dem Morgen, als wir das Ergebnis erhielten, wurden wir in ein kleines Büro geführt, in dem es nach Vanilleduftkerzen roch und dessen Wände in einem zarten Magnolienton gestrichen waren. Die Einrichtung war schlicht und wirkte zusammengesucht. Wir wurden von einer Neurologin begrüßt, die wir bisher noch nicht kennengelernt hatten. Dr. Hodderts Besorgnis war fast noch stärker als der aufdringliche Duft der Kerzen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mit unserer ruhigen Reaktion gerechnet hat, als sie uns die Wahrheit mitteilte.

»Sie sind positiv auf Chorea Huntington getestet worden, Mrs. Hyland. Chorea Huntington ist eine neurodegenerative Erkrankung.«

Ich wollte Dr. Hoddert mit unzähligen Fragen bombardieren. Was bedeutete das? Was würde mit Mum passieren? War die Krankheit tödlich? Doch als die Neurologin zu sprechen begann, drückte Mum meinen Oberschenkel, wie sie es immer tat, wenn sie der Meinung war, es wäre das Beste, ich würde den Mund halten. Der Versuch einer Diskussion mit einem Lehrer nach einer schlechten Beurteilung an einem Elternabend: Sie drückte meinen Oberschenkel. Ein Flirt mit einem Kellner in der Türkei, der mich trotz seines Eheringes schon die ganze Woche über angegraben hatte: Sie drückte meinen Oberschenkel. Ich schwieg also und überließ es Mum, die Führung zu übernehmen und das Gespräch zu leiten. Allerdings tat sie es nicht. Sie nickte Dr. Hoddert einmal zu, ehe sie lächelte und sich dafür bedankte, dass sie es herausgefunden und ihr erklärt hatte. Dr. Hoddert zog ganz kurz die Stirn in Falten, bevor sie ebenfalls zu lächeln begann und sich wieder ihrem Computer zuwandte, um weitere Termine mit uns zu vereinbaren, die folgen würden, wenn wir die Diagnose verarbeitet hätten.

Mums Diagnose. Wir hatten sie endlich. Das Puzzle war vollständig, der Gegner ermittelt. Jetzt konnten wir weitermachen. Wohin genau diese Reise uns führen würde, wussten wir nicht, doch die Last der Ungewissheit, die von uns abfiel, gab uns das Gefühl, freier zu sein, als wir es seit Monaten gewesen waren.

Wir wussten nichts über diese Krankheit. Als die Tests anfingen und klar wurde, dass es sich um etwas Ernstes handelte, gab ich Mum das Versprechen, mich nicht im Internet zu informieren und ihre Symptome dort nicht zu googeln. Sie meinte, die Ärzte würden uns alles sagen, was wir wissen müssten, und ich sollte mein Vertrauen in diese Menschen setzen und nicht ins Internet.

Mein Plan war es, ihr das Versprechen zu machen, ehe ich es hinter ihrem Rücken gleich wieder brechen wollte. Natürlich hatte ich vor, im Internet nachzuschauen. Wenn ich bedachte, wie viel Zeit ich im Netz dafür verbraucht hatte, nach den besten Mitteln gegen einen Kater oder nach den besten Styles für schwer zu bändigendes Haar zu suchen … Und jetzt gab es etwas, das ich unbedingt wissen musste. Selbstverständlich hatte ich vor, im Internet nachzuschauen.

Meine Mum wusste genau, was ich dachte. Darum setzte sie sich mit mir zusammen hin und redete mir ins Gewissen. Sie erklärte mir, wie wichtig es ihr wäre, dass ich es für sie nicht noch schlimmer machte, indem ich mit eigenen Theorien kommen würde. Sie sagte, dass sie den Gedanken nicht ertragen könnte, dass ich mich über Dinge aufregen würde, die wir noch gar nicht genau wüssten. Und sie meinte, es wäre wichtig für sie, dass ich positiv bleiben würde, weil sie so viel Angst hätte wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Ich versprach ihr, alles zu tun, was sie wollte, und ich hielt mich auch daran.

Als ich also »neurologische Erkrankung« hörte, hatte ich keine Ahnung, was das wirklich bedeutete. Ich fand, es klang nicht so furchtbar dramatisch. »Erkrankung« war kein allzu schlimmes Wort. Hey, wenigstens war es kein Krebs. Davor hatte ich wirklich Angst. Chorea Huntington dagegen war ein Fremder für mich.

Ein Fremder, den ich lieber niemals kennengelernt hätte.

Erst beim folgenden Termin begannen wir zu verstehen, was Mum bevorstand. Danach hatte ich die Arme um Mum geschlungen und die Handtasche voller Broschüren von Dr. Hoddert, in denen wir Adressen und Ansprechpartner finden würden, deren Hilfe wir zukünftig benötigen würden. Diese Hilfe mussten wir viel schneller in Anspruch nehmen, als wir erwartet hätten, da die Krankheit schneller voranschritt als gedacht. All die Symptome, von denen wir geglaubt und gehofft hatten, dass sie Mum erspart bleiben würden, zeigten sich Stück für Stück. Bis zu diesem Moment.

Ich schleiche mich an das Pflegebett heran, um Mum einen Kuss auf den Kopf zu hauchen, ehe ich mich wieder in den Sessel sinken lasse. Ich rolle mich zusammen, um die Kälte zu vertreiben, die sich nachts im gesamten Haus ausbreitet, und angle das Handy aus meiner Tasche. Ich weiß, was ich will, öffne den Browser und tippe »Machu Picchu Reiseblogs« ein.

Wenn Mum wach ist, bin ich ganz für sie da, aber wenn sie schläft, fällt es mir schwer, nicht darüber nachzugrübeln, wie mein Leben aussehen wird, wenn sie einmal nicht mehr ist. Ich habe angefangen, eine Liste der Dinge zu erstellen, die ich dann tun will. Und ganz oben auf dieser Liste steht eine Reise nach Südamerika.

Die meisten Links, die mir angezeigt werden, sind violett unterlegt – ich habe sie alle schon einmal gelesen. Obwohl ich es eigentlich nicht tun sollte, klicke ich meinen Lieblingsblog an, der »Finde die Liebe in Peru« heißt. Der Blog ist von einem Pärchen geschrieben. Die beiden heißen Andy und Dess. Sie haben sich auf einer Reise kennengelernt und ineinander verliebt. Der Blog beschreibt nicht nur ihre Reisen, sondern auch das Wachsen ihrer Beziehung, während sie von einem atemberaubenden Ort zum anderen reisen. Der Blog wurde vor vier Jahren geschrieben und nach ihrer Rückkehr nach England nicht weitergeführt. Das hätten sie eigentlich tun sollen. Ich kann mir vorstellen, dass ich nicht die einzige Leserin bin, die sich durch das abrupte Ende geprellt fühlt. Ist ihre Liebe nach der Rückkehr aus Peru gestorben? Oder sind die beiden noch zusammen und zehren von ihren gemeinsamen Erinnerungen an eine tolle Zeit? Ich habe versucht, einige Antworten zu finden, indem ich die beiden auf Facebook gesucht habe, doch keiner von beiden hat meine Freundschaftsanfrage angenommen.

Ich lese mir noch einmal die Passage über ihren ersten Kuss im Morgengrauen durch, während Machu Picchu sich zu ihren Füßen erstreckte und die Sonne über dem Huayna Picchu aufging. Dann drücke ich den Homebutton an meinem Handy, und Andy, Dess und Südamerika verschwinden vom Bildschirm meines Smartphones. Ich werfe das Handy auf den Boden, schließe die Augen und verfluche mich selbst dafür, es schon wieder getan zu haben.

Wenn ich mich wirklich auf meine eigene Reise vorbereiten wollte, sollte ich recherchieren, welche Marke die geeignetsten Wanderschuhe anbietet oder wer die besten Reiseveranstalter in Peru sind. Und ich sollte mich nicht in der Geschichte zweier Menschen verlieren, die ich nicht kenne und die kaum wertvolle Hintergrundinformationen über eine Wandertour durch die Anden liefern.

Und wenn ich mich wirklich auf meine eigene Reise vorbereiten wollte, sollte ich keine Zeit damit vergeuden, darüber zu lesen, wie es ist, als Paar zu reisen, denn wenn ich diese Tour unternehme, dann unternehme ich sie allein.

Andy und Dess glauben vielleicht, dass das Leben immer locker, lustig und leicht sein wird, aber ich weiß es besser. Ich weiß mehr. Ich habe das Leid hautnah miterlebt, und diese Erfahrung hat mich eines gelehrt: Man muss dem Leid aus dem Wege gehen, wo man nur kann. Neben der Liste von Dingen, die ich noch tun möchte, habe ich meine Regeln. Und die wichtigste Regel von allen lautet: Verlieb dich nicht.

Kapitel 5

Fast vierundzwanzig Jahre lang lief im Hause Hyland jeder Sonntagmorgen gleich ab: ausschlafen, ein typisch englisches, warmes Frühstück, frische Luft, Braten. Ab und an kam am Nachmittag Besuch vorbei – eine von Mums Freundinnen oder ein Junge, den ich genug mochte, um ihn mit nach Hause zu bringen. Aber meistens waren Mum und ich allein.

Der Sonntag war immer unser Lieblingstag. Als ich noch ein Kind war, war der Sonntag immer der einzig ruhige Tag in einer streng durchgeplanten Woche. Die strikte Planung erlaubte es meiner Mutter, genügend Stunden beim Optiker zu arbeiten und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass ich immer dort war, wo ich sein sollte, und sich immer jemand um mich kümmerte, bis sie von der Arbeit zu mir zurückkehren konnte. Als ich dann erwachsen war, änderte sich nichts an diesem Gefühl der Ruhe am Sonntag. Es war ein Tag, an dem man innehielt und Zeit miteinander verbrachte, ehe man in die Hektik der neuen Woche startete. Ich war immer diejenige, die als Erste aufwachte. Dann hielt ich mich in der Nähe meiner Mutter auf, versuchte, sie zum Aufstehen zu bewegen, damit sie mir Frühstück machte, und lauschte ihrem Stöhnen unter der Bettdecke, ehe sie irgendwann aufstand – immer mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Kuss für mich. Als ich älter wurde, änderte sich die Rollenverteilung, und Mum musste mich mit dem Duft von gebratenem Bacon, der unter meiner geschlossenen Tür hindurchwehte, aus dem Bett locken.

An diesem Sonntagmorgen wache ich auf, weil ich die ganze Nacht zusammengerollt im Sessel verbracht habe. Ich kämpfe mich hoch und recke und strecke mich, um Verspannungen zu vertreiben, die mich sonst den ganzen Tag lang begleiten würden. Im Esszimmer ist es dunkel, es ist früh. Mum schläft. Die Sonne muss wirklich sehr stark sein, um durch die blauen Samtvorhänge zu dringen, und das fahle Licht dieses Morgens wird noch eine ganze Weile brauchen, um das Zimmer zu erhellen.

Ich hebe mein Handy vom Boden auf und lasse Mum allein. Acht Uhr zweiunddreißig steht auf dem Display. Unmenschlich früh für einen Sonntagmorgen. Aber ich bin nicht die Einzige, die schon wach ist. Mein Handy vibriert, als ich eine neue Nachricht bekomme.

Hey, Jess. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, aber Olivia war gestern Abend in der Bar und hat mir deine Nummer gegeben. Heute Nachmittag treffe ich mich mit Freunden im The Rose ganz in deiner Nähe. Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht Lust hättest, dazuzukommen? Um 13 Uhr? Sag einfach Bescheid. Alec xx

Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich noch ein bisschen ins Bett zu legen, doch jetzt bleibe ich auf der untersten Treppenstufe stehen und fühle mich mit einem Mal wacher, als ich es nach ein paar Stunden unruhigen Schlafs hätte sein sollen. Statt ins Schlafzimmer gehe ich in die Küche und nehme ganz automatisch den Cath-Kidston-Becher mit Blümchenmuster, den meine Mum mir geschenkt hat, vom Abtropfbrett und setze Wasser auf.

Mein erster Instinkt ist mir vertraut: Freude. Ein Junge, den ich mag, hat mir eine Nachricht geschickt. Er will sich mit mir treffen. Ich könnte ihm wieder nahe sein.

Aber ich muss diesen Instinkt zurückdrängen. Ich atme ein paarmal tief durch und ändere meinen Kurs: Statt mich zu freuen, werde ich wütend.

Was fällt Alec eigentlich ein? Gestern habe ich doch wohl sehr deutlich gesagt, dass ich kein Interesse an ihm habe. Warum schreibt er mir dann um halb neun Uhr morgens, um mich um ein Date zu bitten?

Und was hat Olivia sich gedacht? Wenn es nicht so früh wäre, hätte ich sie schon längst angerufen und sie gefragt, wie sie auf die Idee kommt, das Recht zu haben, einfach meine Nummer weiterzugeben?

Es sei denn, Alec hat ihr von unserer gemeinsamen Nacht erzählt.

Na toll.

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