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Eine Liebe im Mai

Als Buch hier erhältlich:

Sie haben jahrelang kein Wort miteinander gesprochen. Können sie sich in zwölf Tagen neu ineinander verlieben?

Lizzy arbeitet wie jedes Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes. Diesmal ist jedoch alles anders, denn sie trifft auf ihre Vergangenheit: Ciaran Flynn. Er ist der Mann der Stunde und der Regisseur des romantischsten Films des Jahres. Was niemand weiß: Sie waren einst beste Freunde – und noch viel mehr. Aber seit ihres Auslandssemesters in Frankreich haben sie kein Wort mehr miteinander gesprochen. Als Ciaran mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert wird, kann ihm bloß Lizzy helfen, denn sein Film erzählt seine und Lizzys Liebesgeschichte. Aber werden zwölf Tage ausreichen, um nicht nur Ciarans Film zu retten, sondern auch ihrer Liebe eine neue Chance zu geben?

»Es knistert vor Witz und Energie, wunderbar unterhaltsam.« SPIEGEL-Bestsellerautorin Mhairi McFarlane


  • Erscheinungstag: 25.04.2023
  • Seitenanzahl: 384
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749905492
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Größtenteils wegen meiner Mutter Roisin,

deren unerschütterlicher Glaube an mich

oft urkomisch ist und alles möglich gemacht hat.

Und wegen meiner Großmutter Isabell,

die wusste, wie man eine Geschichte erzählt.

1. KAPITEL

Dass Ciaran Flynn ihr den ersten Tag in Cannes ruinieren kann, mag pathetisch und übertrieben sein, zumal sie ihm damit eine Macht verleiht, die er gar nicht verdient. Doch leider ist es so.

Lizzy checkt in ihr Airbnb ein – ein vollgestelltes kleines Apartment, das nur aus einem Schlafzimmer mit angeschlossenem Bad besteht, und denkt an ihn.

Sie sitzt mit einer Eistüte in der Hand auf einer Bank beim Pétanque-Platz und denkt an ihn.

Sie isst mit ihren Kollegen der Scottish Film Board – der schottischen Filmförderung – zu Abend und denkt noch immer an ihn.

Diese dumme Geschichte wäre natürlich leicht zu vermeiden gewesen, hätte Lizzy an diesem Nachmittag woanders zu Mittag gegessen. Nachdem sie aus dem klebrig-heißen aus Nizza kommenden Bus gestiegen war, hatte sie sich für ein kleines Lokal in der Rue Saint-Antoine entschieden, weil die Sonne so schön auf die Terrasse schien und sich am Empfangspult ein Mann gerade ein Rededuell mit einem Angestellten lieferte. Genau solche Szenen beobachtete Lizzy für ihr Leben gern.

»Ich habe bei Ihrer Kollegin ein Schinken-Käse-Sandwich bestellt«, sagte der Gast frustriert. Er sprach ein nasales Englisch, das in Lizzys Ohren ziemlich affektiert klang; fast so, als hätte es sich erst am Ende einer zweihundertfünfzigtausend Pfund teuren Ausbildung eingestellt. »Allerdings mit Hühnchen statt mit Schinken. Sie sagte, das sei nicht möglich, also bestellte ich das Schinken-Käse-Sandwich zum Mitnehmen. Und anscheinend gibt es damit ebenfalls ein Problem.«

»Richtig. Nur sur place. Unsere Gerichte gibt es nicht … to go.« Der Kellner sprach mit übertriebenem englischem Akzent und einer Verachtung in der Stimme, die Lizzy offenbarte, dass er die Situation genoss. Ein lustvoller Schauer durchfuhr sie, es war einfach schön, wieder in Cannes zu sein.

Das Besondere an dieser Stadt ist, dass sie zumindest während des Festivals eine ganz eigene Atmosphäre besitzt, als befinde man sich auf einem großen Filmset oder in einer Ferienanlage. Europäisch in gewisser Weise natürlich, aber letztendlich scheint die Stadt an keine spezielle Nation oder irgendeine Form von Normalität gebunden zu sein.

Doch schon in der nächsten Sekunde kann einem unmissverständlich klargemacht werden: Cannes befindet sich in Frankreich.

Zufällig liebt Lizzy Frankreich. Sie liebt sogar die Franzosen. Gleichwohl gibt es in Frankreich ihrer Erfahrung nach sehr oft eine große Diskrepanz zwischen den Dingen, wie sie sind und wie man sie gerne hätte. Eine Diskrepanz, die unmöglich durch schiere Willenskraft zu überwinden ist.

Oft genug hat sie erlebt, dass uneingeweihte Besucher dieser Stadt fälschlicherweise etwas anderes glauben, genau wie dieser Gast.

»Na schön, Kumpel.« Er klang inzwischen resigniert. »Ich muss allerdings sagen, das ist schon ein bisschen … Sie wissen schon. Da kommen all die Leute wegen des Festivals und wollen Geld ausgeben … Ich verstehe wirklich nicht, warum Sie das Ding, das Sie ja auf einen Teller legen wollten, nicht einfach in eine Schachtel packen können, wenn Sie wissen, was ich meine?«

Es folgte eine lange Pause.

»Ich weiß, was Sie meinen«, sagte der Kellner dann steif.

Die Haltung des Gastes veränderte sich. »Oh! Ja dann … klasse! Fantastisch. Ich nehme einfach …«

»Allerdings ist es vierzehn Uhr fünfunddreißig«, unterbrach ihn der Kellner. »Leider endet der Mittagsservice um halb drei. Sie können nur noch Getränke bestellen.«

Darüber hätte Lizzy fast laut gelacht, was nicht besonders nett gewesen wäre, zumal sie selbst im Laufe der Jahre immer wieder auf exakt dieselbe Art ausgebremst worden war und künftig auch wieder werden würde. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, leise in ihren Kaffee zu prusten, womit sie beinahe seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Hastig wandte sie den Blick ab und griff reflexartig nach ihrem Handy. Kurz darauf sah sie aus den Augenwinkeln, wie ein anderer Mann sich dem Engländer näherte und ihm auf die Schulter klopfte.

»Wieso dauert das so lange? Müssen die deinem Huhn erst noch den Hals umdrehen?«, fragte der Neuankömmling. Aber nicht, was er sagte, ließ sie aufhorchen, sondern wie er es sagte. Diese Stimme.

Sie blickte von ihrem Handy auf, und da war er.

Natürlich hatte sie Ciaran in den letzten zwölf Jahren gelegentlich gesehen – manchmal als Silhouette auf der Straße, manchmal auch starrte er sie von den TimeHop-Fotos an, die regelmäßig unaufgefordert auf ihrem Handy auftauchten; einmal entdeckte sie sein Gesicht auf der Titelseite des Kulturteils der Sunday fucking Times!

Ihn dann aber leibhaftig zu sehen war etwas ganz anderes. Wie durch eine schicksalhafte Macht gelenkt, die wahrscheinlich keine war, sah er ihr direkt in die Augen.

Lizzy gelang es gerade noch, die Hand zu heben, bevor er sich abrupt abwandte und den neugierigen Blick seines Begleiters erwiderte.

»Wer, sie?«, hörte sie ihn brummen. »Das ist niemand. Nur … jemand, den ich mal kannte.«

Dann drängte er den anderen Mann dazu, weiterzugehen – zweifellos mit einem Kommentar über all diese gewöhnlichen Leute und ihren ermüdenden Übereifer –, und dann war er weg. Ohne noch einen Blick in ihre Richtung zu werfen, war er direkt an ihr vorbeigegangen.

Das macht ihr am meisten zu schaffen.

Will sie mit Ciaran Flynn befreundet sein? Auf keinen Fall.

Will sie überhaupt irgendetwas von ihm? Ebenfalls nicht.

Aber dass er sie schlichtweg ignoriert – das ist wirklich zu viel. Diese Überheblichkeit.

Wobei mich das natürlich nicht überraschen dürfte, überlegt sie mit einer gewissen perversen Genüsslichkeit. Erfolg verändert Menschen nicht immer, aber wenn, dann meist nicht zum Besseren. Wie peinlich für ihn, dass er dem Hype um seine Person Glauben schenkt.

Allerdings gibt es auch noch eine andere Möglichkeit, flüstert eine winzige Stimme in Lizzys Kopf. Nämlich dass Ciaran bei anderen Menschen noch immer absolut bodenständig ist, aber ihren Anblick nicht ertragen kann.

Diese Vorstellung schmerzt mehr, als sie jemals irgendjemandem gegenüber zugegeben hätte. Doch vor sich selbst? Klar. Sie kann sich durchaus eingestehen, dass dieser Gedanke an ihr nagt, obwohl es bestimmt besser wäre, lieber die Pétanque-Regeln zu ergründen oder bei Muscheln in Weißweinsoße ihrem Chef zuzuhören. Stattdessen ist sie traurig und wütend und verwirrt, wobei ihr bewusst ist, dass von diesem Gefühls-Buffet die Wut am ungesündesten ist, zugleich aber auch am einfachsten zu verdauen.

*

Am nächsten Morgen öffnet Lizzy die Fensterläden, um den Tag hereinzulassen, und beschließt, nicht länger über ihn nachzudenken. Scheiß auf ihn!, sagt sie sich vergnügt. Er mag ihr vielleicht einen Tag gestohlen haben, damit kann sie leben. Doch noch weitere Tage einfach zu verschenken, dazu ist sie nicht bereit. Schließlich sind das die Filmfestspiele von Cannes. Im Laufe der nächsten zwölf Tage gehen vierzigtausend Filmemacher und andere Kreative in der Stadt ein und aus, um Geschäfte zu machen, Rosé zu trinken und über die Notwendigkeit starker Frauenfiguren zu sprechen. Es ist wichtig für Lizzy, beruflich ganz bei der Sache zu sein. Dieses Jahr vielleicht sogar wichtiger denn je.

In dem winzig kleinen Schlafzimmer ist es ein heikler Balanceakt, sich anzuziehen. Sie wird neue Leute kennenlernen und viele aus dem vergangenen Jahr wiedertreffen, weshalb sie auf jeden Fall besser aussehen möchte als sonst. Allerdings nicht so viel besser, dass ihre Kollegen, die sie ja jeden Tag sehen, das Gefühl bekommen, sie strenge sich zu sehr an. Also entscheidet sie sich für ein neues senffarbenes Sommerkleid, von dem sie – sollte jemand fragen – behaupten kann, dass es alt ist, für eine Jacke, die tatsächlich alt ist, und für den Versuch, ihre Frisur mit dem Lockenstab etwas aufzupeppen. Dann ist sie aus der Tür. Es sind perfekte 23 Grad, als sie die Hauptstraße – die Croisette – hinunterschlendert und unterwegs Kaffee und Croissant zum Frühstück kauft.

Es gibt viele Möglichkeiten, dieses Festival zu verleben, und verglichen mit einem Hubschrauberflug in ein Luxushotel in Cap d’Antibes und Privatchauffeur, der die Gäste für die Premieren und Jachtpartys nach Cannes fährt, ist Lizzys Version entschieden billiger. Bei ihr geht es eher darum, Quittungen zu sammeln, in der Apotheke Blasenpflaster zu kaufen und sich zwischen Meetings schnell einen Steak-’n’-Shake-Burger in den Mund zu schieben, weil für mehr keine Zeit ist. Und doch ist sie ziemlich zufrieden mit ihrem Los. Diese zwölf Tage sind immer noch aufregender als das ganze restliche Jahr zu Hause in Edinburgh; immer noch glamouröser als alles, was sie sich in Ferndale in Kalifornien, wo sie aufgewachsen ist, hätte ausmalen können.

So früh am Morgen ist es noch ruhig auf den Straßen. Eigentlich ist der ganze Eröffnungstag ziemlich ruhig, die Festivalbesucher holen ihre Pässe ab und beginnen, sich langsam zu akklimatisieren. Ein angenehmes geschäftiges Summen liegt in der Luft, ein Gefühl der Vorfreude, als Lizzy sich den Weg an Designerläden vorbei zum Village bahnt.

Bei dem parallel zum Strand verlaufenden International Village handelt es sich um ein abgetrenntes Stück Straße, das an beiden Enden durch Sicherheitsscanner wie am Flughafen und einige Franzosen, die jeglichen Blickkontakt vermeiden, abgesichert ist. Dazwischen hat man einen roten Teppich ausgerollt und eine Reihe provisorischer weißer Pavillons aufgestellt; Zelte eher, aber von der schicken Art mit Wänden und Teppichen und kleinen Terrassen, die direkt zum Strand führen. Die nationalen Filmkommissionen vieler Länder haben sie angemietet, es kostet mindestens zwanzigtausend Euro, eine kleine Ecke von Cannes sein eigen nennen zu dürfen. Tagsüber finden Meetings und Podiumsdiskussionen statt, abends dann Cocktailempfänge und Filmvorführungen. Im Laufe eines Festivals können die Delegierten zudem praktisch um die Welt reisen, kulinarisch gesehen. Es spricht sich immer schnell herum: Im japanischen Pavillon gibt es heute Abend Sushi und Sake; gehst du im spanischen Pavillion Margaritas trinken? Sicher, wenn man sich in eine solche Veranstaltung einschmuggelt, muss man zumindest ein wenig Interesse für das filmische Schaffen eines bestimmten Landes oder Produzenten heucheln – was Lizzy nicht besonders schwerfällt. Im Rahmen ihrer Arbeit muss sie das sowieso regelmäßig tun, und das sogar ohne Gratisessen und Freigetränke.

Als sie den schottischen Pavillon betritt, sind einige ihrer Kollegen bereits eingetroffen. Hier ist die gleiche Aufregung zu spüren wie draußen, und sie begrüßt jeden Einzelnen mit deutlich mehr Begeisterung, als sie es an einem durchschnittlichen Donnerstagmorgen getan hätte.

Nur ein halbes Dutzend der regulären Mitarbeiter der Filmförderung durften von Edinburgh nach Cannes reisen, ihre Aufgaben während des Festivals lassen sich in drei Kategorien einteilen.

Die erste Aufgabe besteht darin, sich mit den Kreativen zu treffen, die bisher noch nicht viel, wenn überhaupt etwas, gemacht haben – mit Leuten also, die möglicherweise ziemlich schlechte Filme drehen, aber trotzdem unbedingt erläutern wollten, warum das Board ihnen genau dafür Geld geben sollte.

Die zweite – und wichtigere – Aufgabe ist es, sich mit denjenigen zu treffen (oder sich um ein Treffen zu bemühen), die bereits viele Filme gemacht haben. Mit Menschen, die man via Steueranreiz, Förderpaket oder der Opfergabe des erstgeborenen Kindes unbedingt an die zahlreichen und vielfältigen Drehorte in Schottland locken will.

Es kann ganz schön verwirrend sein, findet Lizzy, an einem Tag ein Dutzend Mal die Rolle zu wechseln, mal die »Umworbene« und dann wieder die »Umwerbende« zu sein. Aber die dritte Aufgabe trägt ein wenig dazu bei, dieses Schleudertrauma zu lindern. Denn sie lautet einfach, »verfügbar« zu sein.

Die Idee dahinter ist vielleicht, dass Steven Spielberg zufällig in den schottischen Pavillon spazieren, die mitreißenden Fotos der Highlands auf den Leinwänden erblicken und urplötzlich den Drang verspüren könnte, seine nächste Hundert-Millionen-Dollar-Produktion nach Schottland auszulagern. In so einem Fall muss natürlich sofort ein Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

In der Praxis bedeutet »verfügbar sein« meist, dass Lizzy ein Schlüsselband mit einem Patrickskreuz um den Hals trägt und E-Mails auf ihrem Handy beantwortet. Oder – alternativ und eigentlich viel besser – am Empfangstisch sitzt und mit jedem quatscht, der gerade in der Nähe ist. Deswegen hat sie entschieden, den ganzen ersten Tag »verfügbar« zu sein.

»Ziemlich verrückt, dafür auch noch bezahlt zu werden, wie?«, meint Shauna, als Lizzy neben ihr auf der Terrasse Platz nimmt.

Beide betrachten einen Moment den blauen Himmel und das blaue Meer. Shauna ist Marketingassistentin. Sie hat einen starken Glasgower Akzent, knallrotes Haar aus der Tube und ein Selbstbewusstsein, das nicht alle Kollegen bei so einer jungen Person sympathisch finden. Lizzy aber bewundert das. Manchmal ertappt sie sich bei dem Gedanken, dass sie ungefähr gleich alt sind, nur um dann festzustellen – nein. Tatsächlich war sie damals, als sie selbst bei der Filmförderungsanstalt anfing, so alt wie Shauna: dreiundzwanzig. Jetzt ist sie zweiunddreißig. Was nicht alt ist. Natürlich findet Lizzy nicht, dass das alt ist. Allerdings ist sie auch nicht mehr das, was sie lange war – nämlich jung. Der Gedanke, dass ihr Leben vielleicht seine endgültige Form angenommen hat – dass bestimmte Dinge, wenn sie überhaupt je im Bereich des Möglichen waren, bereits hätten geschehen müssen –, schleicht sich in ihr Bewusstsein, und zwar auf eine Weise, die sich ein wenig nach Verlust anfühlt. Das Verrückte ist, dass sie nicht weiß, warum, denn sie hat ein gutes Leben – ein unglaublich glückliches gutes Leben. Es liegt an der Zweiunddreißig, denkt sie, Soziologen würden von Liminalität sprechen. Und die erweist sich gelegentlich – besonders in Kombination mit vier oder mehr Cocktails – als eine Art Petrischale für Panik.

Shauna mit ihren großen Augen ist zum ersten Mal in Cannes und von solchen Sorgen noch Jahre entfernt. »Ich weiß nicht, was ich hier überhaupt machen soll.« Sie sieht sich frohgemut um.

Drinnen sind vor der kleinen Bühne mit dem Podium mehrere Sitzreihen aufgestellt, bereit für das Nachmittagsprogramm, und an den Tischen und Stühlen auf der Terrasse arbeiten schon ein paar Frühaufsteher an ihren Laptops. Doch alles ist ruhig. Es sind mehr Mitarbeiter als Gäste im schottischen Pavillon.

»Morgen früh wird es hier voll sein«, sagt Lizzy. »Genieße die Ruhe, solange sie hält. Sieh dich in den anderen Pavillons um. Schnapp dir ein paar Gratis-Kugelschreiber.«

»Können wir einfach in die anderen Pavillons gehen?«

»In alle außer in den amerikanischen. Da muss man extra bezahlen.«

»Auch wenn man Amerikaner ist?«

»Ja. Das habe ich auf die harte Tour gelernt«, entgegnet Lizzy trocken. »Ich muss allerdings sagen, dass es das Geld wert ist – der Pavillon ist superschön. Mindestens fünfmal so groß wie unserer. Sie haben ein richtiges Restaurant und bringen immer Praktikanten von irgendeiner Kochschule in den Staaten mit.«

»Wow. Schick.«

»Ja. Außerdem haben sie natürlich viel mehr Stars als wir. Und überall kann man sein Handy aufladen.«

»Stars und Ladestationen«, ruft Shauna aus. »Das klingt ziemlich gut. Aber die Frage ist doch …« Sie reißt die Augen auf und hebt den Zeigefinger. »Haben die auch ein Ceilidh zu bieten?«

Lizzy lacht und versucht, das leichte Unwohlsein zu ignorieren, das sich bei dem Gedanken daran in ihrem Magen rührt. Das Scottish Film Board hat bisher ebenfalls nie ein Ceilidh veranstaltet – und dabei wäre es auch geblieben, hätte sie Simon nicht gut zugeredet und ihm versichert, dass ein ausgelassener Abend mit gälischer Folkmusik und Tanz genau das sei, was das Filmfestival in Cannes dringend braucht. Es würde fantastisch werden, hatte sie behauptet.

Und das wird es auch, wie sie sich jetzt einmal mehr einredet. Warum auch nicht? Selbst wenn man alle Elemente aus der Gleichung herausnähme, für die sie persönlich verantwortlich ist – zugegebenermaßen ziemlich viele Elemente –, es wird Alkohol fließen, und das an einem Strand. Was kann da schon schiefgehen?

Wobei ihr jetzt einfällt, dass sie so schnell wie möglich die Pressemitteilung fertigstellen muss. Außerdem die Gästeliste aktualisieren und eine E-Mail verschicken, um den Besichtigungstermin zu vereinbaren und … Na ja. Und so weiter eben.

Anfangs dachte sie, dass ihr das Projekt Spaß machen würde, obwohl es überhaupt nicht in ihren Arbeitsbereich fiel. In Filmen hatten Event-Planer immer eine Menge Spaß und total befriedigende Aufgaben zu erfüllen. In Wahrheit bestand der Job leider aus viel mehr Verwaltungskram und Stress, als sie erwartet hatte.

Sie setzt sich an einen ruhigen Tisch in der hintersten Ecke der Terrasse und nimmt ihren Laptop aus dem Rucksack.

»Also, du solltest los«, sagt sie zu Shauna. »Ich muss noch etwas arbeiten.«

Ihre Kollegin verdreht dramatisch die Augen. »Igitt.«

Lizzy spielt mit. »Ich weiß! Aber was soll ich machen, Shauna. Die Leute kapieren einfach nicht, dass ich hier verdammt noch mal nur Urlaub machen will.«

2. KAPITEL

Gegen Mittag streckt Simon den Kopf nach draußen. »Lizzy«, murmelt er diskret, obwohl kaum jemand in der Nähe ist, der ihn hören könnte. »Könnten Sie kurz reinkommen? Teambesprechung.«

Im Inneren des Pavillons sind zu Lizzys Überraschung alle in einem wirren Haufen versammelt – die Kollegen und einige lokale Aushilfskräfte, die für die Dauer des Festivals angeheuert wurden, um auf der Terrasse Kaffee zu servieren und beim allgemeinen Herumräumen zu helfen. Etwas Sprudelndes, das wahrscheinlich kein Champagner ist, wird in Plastikflöten gegossen, Lizzys Mitarbeiter Brendan reicht ihr ein Glas.

»Hm, was ist das?«, fragt sie nach dem ersten Schluck. »Schmeckt gut!«

»Cava und etwas Edinburgh-Gin-Likör. Holunderblüte oder so?«

»Rhabarber und Ingwer«, korrigiert Simon.

Lizzy trinkt einen weiteren Schluck. Das Gebräu schmeckt nicht einmal nach Alkohol, was immer gefährlich ist.

»Also, was machen wir hier?«, fragt sie. Ihr Chef ist ein Mann in den Fünfzigern mit dem gepflegtesten, makellosesten Bart, den sie je gesehen hat, und einem breiten schottischen Akzent. Sie mag ihn ganz gern, und – was noch wichtiger ist – er mag sie. Allerdings ist er eher reserviert. Finanziell verantwortungsbewusst. Nicht gerade dafür bekannt, Partys zu veranstalten.

»Na ja, Sie wissen schon.« Simon zuckt mit den Schultern. Wenn er spricht, hat Lizzy immer das Gefühl, dass sie sich vorbeugen muss, um ihn zu verstehen. »Ab morgen werden wir in verschiedene Richtungen gezerrt werden; ich dachte mir also, während wir noch alle hier zusammen sind und es ruhig ist, könnten wir das Festival mit einem Hauch von Festlichkeit beginnen! Außerdem«, wieder zuckt er etwas hilflos mit den Schultern, »haben wir diesen ganzen Gin.«

»Richtig«, sagt Lizzy. Davon haben sie wirklich eine Menge, da Edinburgh Gin dieses Jahr als Sponsor an Bord gekommen ist. Was nach Tunnock’s Tea Cakes und Walker’s Shortbread, die im schottischen Pavillon schon immer angeboten werden und für die Lizzy sich inzwischen nicht mehr besonders begeistern kann, ein großer Fortschritt ist. Sie kann nur hoffen, dass es ihr mit dem Gin nicht irgendwann genauso ergeht – wie sie inzwischen weiß, ist zu viel des Guten tatsächlich möglich.

Simon sagt ein paar Worte in die Runde, alle stoßen miteinander an und unterhalten sich.

»Sind Sie aus Cannes?«, fragt Lizzy eine der französischen Aushilfskräfte, weil ihr nichts Besseres einfällt.

»Non«, erklärt er. Er lebt seit drei Jahren in Cannes, aber tatsächlich ist er aus Rouen.

»Ah! Dans le nord!«, ruft sie aus, viel munterer, als es die Situation verdient. Auch er sieht hocherfreut aus.

»Exactement, ouais. Vous parlez français?«

»Juste un petit peu«, antwortet sie, und das nicht aus falscher Bescheidenheit, sondern weil es die Wahrheit ist.

»Mais non, vous parlez super bien!«

Lizzy lächelt nur. Nach all den Jahren der Touristenschwemme tendieren die Einwohner von Cannes dazu, auf jede noch so schlichte sprachliche Anstrengung unverhältnismäßig dankbar und mit vielen Komplimenten zu reagieren.

Brendan, der neben ihnen steht, hat den kurzen Austausch mitbekommen und berührt sie am Unterarm. »Stimmt ja!«, sagt er bewundernd. »Ich hatte ganz vergessen, dass Sie eine Weile in Frankreich gelebt haben, nicht wahr, Lizzy?«

Und natürlich ist es vollkommen normal, so etwas zu sagen; vollkommen normal und nett. Nichtsdestotrotz verkrampft sie sich etwas. »Nur für ein Jahr, ja. Oder, nicht einmal ganz. Neun Monate.«

»Wo genau noch mal?«

»Bordeaux«, antwortet sie knapp.

»Stimmt. Was hat Sie dahin geführt?«

Was sie dorthin geführt hat, war vor allem das plötzliche und überwältigende Verlangen gewesen, so weit wie irgend möglich von ihren Eltern wegzukommen. Und von einem Zahnarzt namens Neal. Wobei sie nicht geneigt ist, irgendetwas davon zu erzählen.

»Ich habe im Rahmen meines Studiums ein Erasmus-Programm absolviert«, sagt sie stattdessen. »Kennen Sie dieses Programm für Auslandsaufenthalte?«

»Hm, vage.« Brendans Tonfall bedeutet, wie Lizzy aus Erfahrung weiß, dass er keine Ahnung hat, wovon sie spricht, es aber nicht zugeben will.

Sie zuckt mit den Schultern. »Jedenfalls wurde ich dahin geschickt, also bin ich gegangen.«

»Wie toll!«, sagt Brendan. »Ich liebäugle schon lange mit Bordeaux, wegen des Weins und allem. Lisa und ich haben darüber gesprochen, mal ein Wochenende dort zu verbringen. Hat es Ihnen gefallen?«

»Es ist eine schöne Stadt, ja.« Lizzy bemüht sich, seine Begeisterung zu teilen. Doch das instinktiv ungute Gefühl in ihrem Magen bleibt. Es wäre ziemlich kontraproduktiv, dieses spezielle Thema weiter zu vertiefen – besonders heute, da sie doch am Morgen erst beschlossen hat, es komplett zu vermeiden. Sie setzt eine leicht erschrockene Miene auf, als ob ihr etwas Wichtiges eingefallen wäre, das sie dringend erledigen muss.

»Oh! Also, ich bin gleich zurück, okay?«, ruft sie und macht eine vage Handbewegung. Das Problem ist, dass es nur wenige Möglichkeiten gibt, wohin sie sich zurückziehen kann. Entweder wieder auf die Terrasse oder in den durch einen Trennvorhang abgeteilten kleinen Empfangsbereich. Sie entscheidet sich für Letzteres und ist überrascht, dort ein junges Mädchen vorzufinden, das auf einem hohen Hocker hinter dem Empfangstresen sitzt. Angesichts der Besucherfrequenz im Pavillon hätte dieser Posten durchaus einige Minuten unbeaufsichtigt bleiben können.

»Hi!«, zwitschert sie und hebt die Hand. »Ich bin Lizzy. Alle anderen trinken da hinten etwas, falls Sie Hallo sagen wollen. Ich kann so lange hier die Stellung halten.«

Das Mädchen zögert. »Sind Sie sicher?«, fragt sie in sorgfältigem Englisch.

»Absolut sicher«, antwortet Lizzy. In der Tat handelt es sich ihrer Meinung nach um den besten Platz, denn sie beobachtet gern das ganze Kommen und Gehen.

Sie hüpft auf den Hocker, den das Mädchen verlassen hat, zieht ihre Jacke aus und stellt das Plastikglas auf dem Tisch vor sich ab. Wie es sich gehört, steht da eine große Schale mit Walker’s Shortbread, dessen Schottenmusterverpackungen ihr praktisch so vertraut sind wie ihr eigenes Gesicht. Inzwischen lebt sie schon länger in Schottland als jemals in den Staaten. Trotzdem klingt sie (meistens) amerikanisch, und natürlich ist sie (halbe) Amerikanerin. Ihr Amerikanischsein ist wahrscheinlich das Erste, was vielen Menschen einfällt, wenn sie an sie denken. Es ist witzig, ausgerechnet in diesem Job gelandet zu sein, der in vielerlei Hinsicht mit einer Identität zu tun hat, die sie nicht vollständig für sich beanspruchen kann. Zu gerne würde sie sagen können: »Ich bin Lizzy aus der Entwicklungsabteilung der schottischen Filmbehörde«, ohne dass der Gesprächspartner verwirrt oder überrascht wirkt oder versucht, irgendwie aus ihr schlau zu werden … Das wäre nett. Und praktisch. Zu gern würde sie das abertausendste Herunterbeten ihrer Biografie einmal weglassen können.

Wobei sie das auch unabhängig von ihrem jetzigen Job machen muss, das hat sie oft genug erlebt. Während sie den letzten Schluck aus ihrem Glas trinkt, denkt sie erneut an Bordeaux. Leider, leider kann sie diese Gedanken einfach nicht stoppen.

2010 war es. Obama war Präsident, niemand hatte Internet auf dem Handy, und Lizzy war zwanzig Jahre alt.

In der Rückschau betrachtet müssen in den ersten zwei Monaten in Bordeaux einige interessante und lehrreiche Dinge passiert sein. Aber vor allem kann sie sich an eine Menge Schwierigkeiten erinnern. Allein ihre schiere Existenz zu beweisen, um sich irgendwo anzumelden – an der Universität, beim Stromversorger und bei einem halben Dutzend anderer Stellen –, war die absolute Hölle gewesen. Da konnte sie natürlich noch nicht ahnen, dass sie bald von der wilden Kraft ihrer eigenen verdammten Gefühle verschlungen werden würde. Jedenfalls brach sie schon in den ersten Wochen in mehreren öffentlichen Verkehrsmitteln in Tränen aus.

Im Nachhinein schien das lediglich das Vorspiel gewesen zu sein. Das Präludium. Der Prolog. In ihrer Erinnerung begann alles erst Ende Oktober.

Und sie weiß auch genau, wo – in einer winzigen Wohnung, in der sie noch nie zuvor gewesen war. Die Gesichter der meisten Gäste waren ihr jedoch vertraut, genauso wie die Ikea-Möbel. Caroline war natürlich da. Sie und Caroline Gilhooly hatten sich kaum gekannt, als sie beschlossen, zusammen in eine kleine Zweizimmerwohnung in der Rue Cabirol zu ziehen, sie waren die einzigen Studentinnen, die von der Universität Edinburgh nach Bordeaux gewechselt hatten, und so war es ihnen sinnvoll erschienen. Caroline stammte aus Stirling und war stellvertretende Unisprecherin gewesen, woraus Lizzy schloss, dass sie einerseits engagiert und klug sein musste, jemand anderes andererseits genauso engagiert und klug, aber beliebter gewesen war. Caroline hatte eine dezidierte Meinung zu Afrika, wohin sie im Sommer zuvor eine sehr eindrucksvolle Reise unternommen hatte, und die ebenso dezidierte Meinung, dass jegliche Form von Fleisch niemals in die Wohnung gelangen dürfe.

Innerhalb kürzester Zeit empfand Lizzy es als höchst anstrengend, gegen die schiere Wucht all ihrer Meinungen zu bestehen. Aber sie tat ihr Bestes.

An diesem Abend war sie froh, dass Caroline sie zu der Party begleitete. Es war gut, jemanden an seiner Seite zu haben, wenn man an einer fremden Tür klingelte und in den ersten zwei, drei Minuten auch noch.

Was fällt ihr noch ein? Kleidung. Bis zum heutigen Tag erinnert sich Lizzy genau daran, was sie trug. Ein Kleid mit Leopardenmuster aus einem dünnen Stoff – vielleicht Chiffon oder etwas Chiffonartiges. Es hatte Puffärmel und im Schlussverkauf im Jahr zuvor 13,75 Pfund gekostet. Dazu trug sie eine schwarze Strumpfhose, ihre bewährten schwarzen Stiefel und ein Haarband mit angeklebten Katzenohren.

Die Katzenohren waren von entscheidender Bedeutung. Sie und einige Schnurrhaare, die sie sich hastig mit Kajalstift auf die Wangen gemalt hatte, machten das Ganze erst zu einem Kostüm.

3. KAPITEL

Die Wohnung gehörte drei irischen Typen. Lizzy kauerte in der kleinen Küchenzeile auf dem Fliesenboden und versuchte, ihre Packung Desperados in den winzigen Kühlschrank zu stopfen.

»Lizzy, du siehst so süß aus! Bonsoir!«, ertönte eine beschwingte Stimme hinter ihr.

Englisch war die Muttersprache der meisten Erasmus-Studenten und die zweite für alle anderen, sodass alle von Anfang an miteinander Englisch gesprochen hatten. Ein ironisches bonjour oder merci war typischerweise das Gallischste, das hier zu hören war.

Lizzy machte sich manchmal Sorgen darüber, welche Auswirkungen diese Tatsache auf ihr Französisch haben würde (nämlich gar keine – beziehungsweise, besser ausgedrückt, sie machte null Fortschritte), aber in praktischer Hinsicht war es eine Erleichterung. Und sowieso nicht mehr zu ändern. In diesem Stadium auf einmal einen Mitstudenten auf Französisch anzusprechen wäre ihr völlig bizarr erschienen.

Als sie sich umdrehte, stand Charlotte aus Bristol vor ihr – jeder Gast hatte eine kleine Flagge auf seinem Namensschild. Sie war als Fee verkleidet und streckte ihr ein großes Glas Rotwein hin.

»Hör auf, mit dem Bier zu kämpfen, und trink lieber ein Glas Wein.« Sie lächelte.

Lizzy zögerte.

»Nur zu! Ich habe es extra für dich eingeschenkt, da wäre es unhöflich, es nicht zu trinken.«

Es erschien Lizzy auf einmal tatsächlich unhöflich, und so gab sie auf und knallte die Kühlschranktür zu. Sie wünschte demjenigen, der sie als Nächster öffnete, viel Glück.

»Danke«, sagte sie, stand auf und nahm das angebotene Glas. »Ihr seht alle so toll aus! Wie geht es dir? Wie war deine Woche?«

»Gut, ja. Weißt du, Lizzy, es ist so seltsam, ich habe gerade zu Emma gesagt«, Charlotte blickte zu der Rothaarigen neben sich, »dass ich nicht einmal weiß, aus welchem Teil Amerikas du kommst.«

»Oh. Kalifornien«, antwortete sie und nahm der Einfachheit halber schon mal die nächsten Fragen vorweg. »Meine Mutter ist von dort, und mein Vater ist Schotte, deshalb sind wir nach Edinburgh gezogen, als ich fünfzehn war.«

Charlottes Gesicht leuchtete vor Begeisterung auf. »Oh, wow! Also bist du als Kind praktisch immer am Strand gewesen?«

Lizzy trank einen Schluck Wein und versuchte, nicht zusammenzuzucken, als er ihren Gaumen traf. Sie war keine Weintrinkerin, und falls es doch einmal unvermeidlich war, trank sie am liebsten Rosé, dann Weißwein und dann erst Rotwein. Also so gesehen vom geringsten zum stärksten … weinartigen Geschmack.

»Ach, eher nicht«, erwiderte sie. »Wir haben in Nordkalifornien gelebt.«

»Oh mein Gott, Wine Country, wie wundervoll! Bordeaux muss für dich ja wie ein zweites Zuhause sein!«, meldete sich Emma (ebenfalls aus Bristol) zu Wort.

Da Emma, obwohl sie in diesem Punkt völlig falschlag, nach Lizzys bisheriger Einschätzung ein netter Mensch war, lächelte sie nur und sagte unverbindlich: »Irgendwie schon.«

Ihrer Erfahrung nach war es auf Partys grundsätzlich das Wichtigste, ein Gespräch am Laufen zu halten – nicht nur in Frankreich. Wenn man dafür also ein wenig Genauigkeit opfern musste, dann war es eben so.

Die strengen Fakten der ganzen Kalifornien-Geschichte stellten sich sowieso immer als Enttäuschung heraus. Lizzys Geburtsstadt lag ganz im Norden, etwas nördlicher und man landete in Oregon, zudem gab es dort weder Weinberge noch Promis. Die Gegend war für ihre spektakulären Redwood-Wälder bekannt, für ein wenig viktorianische Architektur und in jüngerer Zeit – nach dem Niedergang der Holz- und Fischereiindustrie – für den großflächigen Anbau von Marihuana. Es war ein schöner Ort zum Aufwachsen gewesen, der nicht viel Gesprächsstoff bot.

Bei ihrer Ankunft in Schottland im Alter von fünfzehn Jahren (fünfzehn; das denkbar schlechteste Alter, um in ein neues Land zu ziehen) war Lizzy von den Mädchen in ihrer neuen Schule zunächst aufgeregt empfangen worden. Diese Aufregung verflog schnell, als sie gestand, dass das Hollywood-Zeichen gefühlt genauso weit von ihrem Heimatort in Kalifornien entfernt war wie von Edinburgh.

Wenn dieses Thema aufkam, empfand sie immer auch auf körperlicher Ebene eine gewisse Verlegenheit. Vielleicht war das lächerlich; nein, sie wusste, dass es lächerlich war und wahrscheinlich ein Überbleibsel ihres Umzug zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Die Kalifornier präsentierten sich auf der Weltbühne normalerweise auf eine bestimmte Art und Weise, und dieses Bild hatte sich den Menschen gründlich eingebrannt; blondes sonnengebleichtes Haar, blaue Augen, braune Beine und ein strahlendes Lächeln.

Dass sie ohne ein einziges dieser Merkmale geboren worden war, fand Lizzy an und für sich schon bedauerlich genug. Aber Kalifornien zu repräsentieren und damit die Leute praktisch mit der Nase auf das Fehlen dieser Merkmale zu stoßen, empfand sie schlichtweg als ungerecht.

Was Lizzy stattdessen von Gott mitbekommen hatte, war eine nicht gerade zierliche Figur bei einer Größe von 1,72, Nase und Kinn, die miteinander um die Vorherrschaft rangen, und Hüftknochen, die dazu bestimmt waren, immerzu – egal, wie viel sie trainierte – unproportional breiter zu sein als ihre Taille. Dazu ein schiefer Eckzahn, an dem Lizzy in ihren Teenagerjahren vergeblich ihre eigene Form von Kieferorthopädie ausprobiert hatte, was dazu führte, dass sie sich manchmal noch immer dabei ertappte, abends unbewusst mit dem Daumen Druck auf den Zahn auszuüben. Sie hatte dunkelbraunes Haar, das ihr bis auf den Rücken reichte und dazu passende dunkelbraune Augen, was ihre Cousins veranlasste, sie einmal als »irgendwie portugiesisch aussehend« zu beschreiben. Unnötig zu erwähnen, dass es sich dabei nicht um ihre Cousins in Schottland gehandelt hatte, wo das Thema kaukasische Ethnizität nie aufkam. Weiße Amerikaner hingegen, so Lizzys Erfahrung, waren sehr daran interessiert, über die Herkunft oder mögliche Herkunft anderer weißer Amerikaner zu spekulieren, ihre eigenen Verwandten stellten da keine Ausnahme dar. Diese Einschätzung ihrer Person erschien ihr ziemlich spezifisch, aber da sie noch nie in Portugal gewesen war, konnte sie die Exaktheit nicht einschätzen.

Des kumulativen Effekts ihres Gesichts und Körpers, ihres grundsätzlichen Aussehens war sie sich allerdings sehr wohl bewusst. Ein Mädchen konnte nicht zwanzig Jahre alt werden, ohne herauszufinden, ob es umwerfend war oder nicht. Und Lizzy war es eindeutig nicht.

*

Auf der anderen Seite des Wohnzimmers befand sich eine kleine Balkontür. Wobei Balkon vielleicht etwas zu viel gesagt war – es handelte sich hauptsächlich um ein dekoratives Element, zu schmal, um tatsächlich betreten zu werden. Aber er sorgte für die dringend benötigte Belüftung, und er war groß genug, um sich hinauszulehnen und zu rauchen, was einige Leute gerade taten.

Dort war eine Diskussion entbrannt, in deren Mittelpunkt einer der Iren stand, die hier wohnten. Sie hatte ihn schon öfter gesehen, aber nicht mit ihm gesprochen. Ciaran war sein Name, wenn sie sich richtig erinnerte. Er war groß und hatte dunkles Haar, das mal wieder geschnitten werden müsste. Damit erschöpfte sich, was Lizzy über ihn wusste.

Er stand seitlich zu ihr und trug schwarze Hose und Jacke. Wenn sie sich nicht täuschte, war alle Aufmerksamkeit auf sein Hemd gerichtet. Drei oder vier Leute gestikulierten und redeten durcheinander, während er nur lächelte und hin und wieder den Kopf schüttelte.

Lizzy verrenkte sich den Hals, um einen besseren Blick auf ihn zu erhaschen. Mit schwarzem Marker war auf sein schlichtes weißes T-Shirt das Wort »SORRY« gekritzelt.

»Ach, kommt! Das ist doch wohl offensichtlich!«, sagte er jetzt in die Runde.

Und tatsächlich fand Lizzy es offensichtlich. Allerdings nur aus einem einzigen Grund: Sie hatte am Tag zuvor, wie Ciaran vermutlich auch, den Begriff »Last-minute-Halloweenkostümideen« gegoogelt.

»Er stellt eine förmliche Entschuldigung dar!«, rief sie mit erhobener Stimme, um gehört zu werden. Alle in der Gruppe drehten sich um und sahen sie an.

Zwei oder drei Sekunden lang herrschte Schweigen, dann brach ein übermütiger kleiner Tumult aus. Sie grinste, und Ciaran drehte sich nun auch zu ihr um.

»Bingo«, sagte er lächelnd.

Sie zuckte mit den Schultern und machte sich gar nicht erst die Mühe, ihre Selbstgefälligkeit zu verbergen. Wenn überhaupt, dann übertrieb sie eher noch etwas.

Er musterte sie. »Und du bist … Piratin?« Er hatte einen ungewöhnlichen Akzent.

Sie verdrehte die Augen und verbiss sich ein Lächeln. »Nein.«

»Ein Engel?«

»Offensichtlich ja, aber ich bin nicht als einer verkleidet«, gab sie zurück, eine Augenbraue erhoben. Doch nicht etwa flirtend, denn Lizzy hatte keine Ahnung, wie man das genau anstellte, und es wäre ihr peinlich gewesen, bei dem Versuch ertappt zu werden. Ironisch wirken hingegen, das konnte sie, und sein Lachen klang echt. Es war ein gutes Gefühl, ins Schwarze getroffen zu haben.

»Bist du … eine Katze?«, fragte er dann; weil er vermutlich den Bogen nicht überspannen und aufhören wollte, bevor es langweilig wurde.

»Fast«, sagte sie wohlwollend. »Ich bin ein Tiger. Aber du warst nah dran.«

Er nickte und nahm die Haltung eines zwar geschlagenen, dabei aber trotzdem würdevollen Menschen ein. »Gehört ja zur Katzenfamilie«, meinte er und zog an seiner Zigarette.

Sie brach in Gelächter aus und fühlte sich entspannt und glücklich. Nach dem ersten Glas Rotwein war es ihr leichtgefallen, ein zweites und drittes zu trinken. Er lachte ebenfalls, und als Lizzy ihm zuprostete, erwiderte er die Geste.

Jemand hatte ihr den Platz auf der Couch weggeschnappt, als sie zurückkehrte, aber das kümmerte sie nicht. Sie zog einen Klappstuhl neben Mia und Hans, deutsche Studenten, die sie bei der Orientierungsveranstaltung kennengelernt hatte und die, wie sie jetzt herausfand, ganz schön lustig waren. Zudem ein Paar. Bisher hatten sie sich so diskret benommen, dass Lizzy davon nichts mitbekommen hatte, was sie wirklich zu schätzen wusste. Genauso wie die Tatsache, dass Mia zwar als Hexe verkleidet war, aber nicht als sexy Hexe. Anders als die anderen Mädchen, deren Grundthema Erotik war, egal, für welche Verkleidung sie sich entschieden hatten, war sie schlicht und ergreifend eine Hexe mit grünem Gesicht und aufgemalter Warze.

»Also, ich mag Rotwein wirklich gern«, erklärte Lizzy niemandem im Speziellen. »Und deswegen werde ich es dieses Jahr tun.«

»Was tun?«, fragte Mia über das Gesumme der anderen Gespräche hinweg.

»Mich für Rotwein interessieren. Mich so richtig einarbeiten, versteht ihr? Die verschiedenen Sorten kennenlernen und so. Wäre das nicht eine wichtige Befähigung?«

Hans lachte. »Auf jeden Fall. Du solltest in die Weinberge in Saint-Émilion fahren. Die bieten dort Führungen und Verkostungen und so was an.«

»Das werde ich, Hans! Ich danke dir! Das ist genau das, was ich tun werde!« Sie strahlte, und dann kam ihr eine wunderbare Idee: »Wir sollten alle zusammen gehen!«

Emma kam, ihre Kamera schwenkend, zu ihnen. Kleine Kameras im Taschenformat und oft in glänzenden Metallfarben waren zu dieser Zeit so verbreitet wie Handys heute und, zumindest für die Mädchen, auch genauso wichtig. Telefon, Kamera, Schlüssel, Brieftasche, Lippenbalsam, so lautete die allgemeine Überlegung auf dem Weg zur Wohnungstür.

Auf Emmas Drängen hin versammelten sich alle, die in der Nähe waren, insgesamt vielleicht acht oder neun von ihnen, und Lizzy wurde von einer Welle der Zuneigung für diese Menschen erfasst. Sogar für Caroline.

Bisher hatte sie es nicht leicht gefunden, ausschließlich von Menschen umgeben zu sein, die sie nicht wirklich kannte. Es war verwirrend und ermüdend, und oft war sie schlicht und einfach einsam. Doch heute Abend war alles anders. Die Kluft zwischen Bekannte und Freunde schien sich zu schließen, was schön war. Mehr noch, sie fand es eigentlich ganz angenehm, dass sie niemanden so richtig kannte – und niemand sie. Das war irgendwie befreiend. Als würde sie von außen auf ihr Leben blicken, um festzustellen, dass es »voller reizvoller Möglichkeiten war« wie Fräulein Honeys Schokoladenschachtel aus Matilda. Den Film hatte sie als Kind oft gesehen.

Die Kamera blitzte auf, und Lizzy ertappte sich dabei, dass sie wie so oft schon kurz überlegte, was sie jetzt wohl gerade in Edinburgh tun würde. Und vielleicht zum ersten Mal überhaupt gelangte sie zu dem Schluss, dass sie tatsächlich lieber hier war als dort.

4. KAPITEL

Am nächsten Morgen wachte Lizzy um sieben Uhr auf. Normalerweise schlief sie am Wochenende bis mittags, doch wenn sie verkatert war – mit anderen Worten genau in dem Moment, in dem sie nur allzu gern bewusstlos geblieben wäre –, wachte sie leider immer schon mit den Lerchen auf.

Ihr Magen brannte, ihr Kopf pochte, und als sie in die winzige Küche ihrer Wohnung in der Rue Cabirol tappte, fiel das Licht aggressiv durch die Fenster. Es schien ein schöner sonniger Sonntag zu werden, was ihr völlig gleichgültig war. Schon jetzt fühlte sich der ganze Tag wie ein großer Verlust an.

Sie stand an der Küchentheke und ließ das Wasser ein paar Minuten laufen, bevor sie ein Glas füllte und es mit zwei Schmerztabletten herunterschüttete. Nachdem sie ein Weilchen erfolglos im Kühlschrank herumgestöbert hatte – obwohl sie nicht einmal wusste, wonach sie eigentlich suchte –, fand sie in einem Schrank ein paar LU-Kekse und aß drei davon in schneller Folge, dann trank sie ein weiteres Glas Wasser.

Das führte zwar nicht dazu, dass sie sich besser fühlte – womöglich ging es ihr danach sogar noch etwas schlechter –, doch zumindest hatte sie das Gefühl, das Richtige getan zu haben; eine Investition, damit dieser grässliche Zustand ein wenig schneller endete, als es sonst der Fall gewesen wäre.

Sie kroch zurück in ihr Bett, erneut dankbar für die fast totale Dunkelheit, die ihre hölzernen Fensterläden gewährten, schloss die Augen und betete um Schlaf.

*

Als sie es schließlich wieder aus ihrem Schlafzimmer herausschaffte, war es schon nach Mittag und Caroline irgendwohin verschwunden – höchstwahrscheinlich zu einer ihrer Veranstaltungen. Ein paar Wochen zuvor hatte sich die Gelegenheit geboten, den Bordeaux Women in Business beizutreten, doch Lizzy hätte lieber ihre eigenen Füße verspeist, als so etwas zu tun. Caroline hingegen wusste, wann sich etwas positiv auf den Lebenslauf auswirkte, und tischte immer wieder irgendwelche Details der Treffen auf, wohl in der Hoffnung, dass Lizzy irgendwann von heftigem Bedauern über ihre Fehlentscheidung gepackt wurde.

In Wirklichkeit war Lizzy über alle Maßen dankbar, die Wohnung halbwegs regelmäßig für sich allein zu haben.

Düster starrte sie ihr Spiegelbild im Bad an und fragte sich, ob es okay wäre, die Haare nicht zu waschen. Wahrscheinlich, entschied sie. Also duschte sie nur schnell, zog sich an und lief hinunter auf die gepflasterte Straße.

Alles, was sie wollte, war eine Familienpackung Lay’s mit Grillgeschmack, eine Flasche Cola light und eine Weile gedankenverloren durch die Gänge eines Supermarktes zu streifen, bis ihr irgendetwas ins Auge fiel. Was ja wohl nicht zu viel verlangt war. Doch da Sonntag war, stand ihr keine dieser schlichten Freuden offen. Die Franzosen waren sehr darauf bedacht, ihre heilige 35-Stunden-Woche zu verteidigen, weshalb jeder Supermarkt in der Stadt geschlossen hatte. Und so kam es, dass Lizzy vor dem Le Café Français saß, das sie nur ausgewählt hatte, weil es so nah an ihrer Wohnung lag, und in einem Hühnersalat herumstocherte, obwohl ihr speiübel war. Rotwein war offensichtlich eine ganz spezielle Angelegenheit. Zumindest in der Menge, die sie getrunken hatte – ganz definitiv eine spezielle Angelegenheit.

Direkt vor ihr befand sich die Cathédrale St. André, spektakulär in Größe und Stil, der Sandstein der gotischen Türme inzwischen teilweise fast schwarz. Kleine Kunsthandwerksstände standen rundherum, und träge begann Lizzy das Kommen und Gehen der Leute zu beobachten – diese anderen Menschen führten wirklich ein anständiges Leben –, bis sie zusammenzuckte. Über den Platz schlenderte mit schwingenden Armen einer der wenigen Menschen in dieser Stadt, die sie tatsächlich kannte. Ciaran. Der irische »Förmliche Entschuldigung«-Ciaran.

Manchmal hatte sie wirklich das Gefühl, vom Universum auf den Arm genommen zu werden, also zumindest ein bisschen. Natürlich hatte Lizzy kein Problem damit, ausgerechnet ihm zu begegnen – bis auf die Tatsache, dass sie sich darauf verlassen hatte, heute überhaupt niemandem zu begegnen, der sie kannte. In Sekundenschnelle spielte sie verschiedene Möglichkeiten durch. Hatte er sie auch gesehen?

Oder konnte sie ihn einfach ignorieren? Falls er sie gesehen hatte, wäre es dann unhöflich, ihn zu ignorieren? Oder wäre er sogar froh darüber? Hatte …

»Hey!«, hörte sie sich rufen, bevor ihr Gehirn den Gedanken zu Ende verarbeitet hatte. Sie musste kaum die Stimme heben, da er nicht weiter als einen Meter von ihr entfernt war.

Ciaran blieb stehen, und sie konnte an seinem überraschten Gesichtsausdruck erkennen, dass er sie tatsächlich nicht bemerkt hatte. Wunderbare Sache. Und die hatte sie sich auch noch grundlos selbst eingebrockt.

»Ich … äh, hallo«, fügte sie etwas unbeholfen hinzu. Sie hätte nicht einmal mit Sicherheit sagen können, dass dieser Typ überhaupt ihren Namen kannte, weshalb sie den Drang verspürte, sich vorzustellen – oder zumindest einen Kontext herzustellen. Aber das kam ihr auch komisch vor.

»Hey! Wie geht es dir?«, antwortete er ganz locker und kam näher.

»Mir geht’s gut, ja. Und dir?«

»Gut! Ich habe mich allerdings schon mal besser gefühlt.« Er grinste reumütig, und Lizzy tat es ihm gleich.

»Ja, ich auch.«

Danach … nichts. Stille, die ein paar entscheidende Sekunden länger dauerte, als es nötig gewesen wäre. Wusste er denn nicht, dass dies der Moment war, in dem er sich wieder auf den Weg machen sollte? Die Sache luftig locker halten? Immerhin war er derjenige, der mit Fug und Recht behaupten könnte, etwas zu tun zu haben, irgendwohin auf dem Weg zu sein. Sie hingegen saß einfach nur da, ohne einen Ausweg.

»Äh … möchtest du dich setzen?«, fragte sie schließlich und deutete auf den leeren Stuhl.

Ciaran schien keineswegs auf eine Einladung gehofft zu haben, dennoch nahm er sie an und setzte sich ihr gegenüber. »Ja, klar«, sagte er. Und dann, einfach so: »Ich komme gerade aus dem Kino.«

»Oh cool, was hast du dir angesehen?«

»The Kids Are Alright.«

Lizzy hatte noch nie davon gehört. »Cool«, sagte sie erneut und versuchte, dem Wort einen Anstrich von echtem Interesse zu verleihen.

»Ich mag Filme«, fügte er als Erklärung hinzu. »Ich weiß, das ist irgendwie … nichts Besonderes, weil ja jeder Filme mag. Aber, ja. Ich sehe mir alles an, was gerade läuft.«

»Ich war nicht mehr im Kino, seit ich hier bin«, erwiderte sie.

»Nicht dein Ding?«

»Nein, ich meine … schon.«

»Was magst du denn so?«

Lizzy konnte gerade noch den Drang unterdrücken, laut zu seufzen. Sie wusste genau, dass es auf die Frage eines Jungen nach ihrem Lieblingsfilm nur zwei akzeptable Antworten gab, je nach den Vorlieben dieses Jungen. Die eine war Die Royal Tenenbaums und die andere war Der Pate. Eigentlich mochte sie beide Filme, aber in ihrem Zustand hatte sie nicht die Kraft, sich über einen der beiden belehren zu lassen, speziell darüber, dass sie die Genialität der Filme wahrscheinlich nicht wirklich zu schätzen wusste.

Deswegen zuckte sie mit den Schultern. »Ich mag Liebeskomödien.« Was nicht gelogen war, aber wahrscheinlich ein gefundenes Fressen für ihn.

Ciaran nickte nur. »Ja. Ich meine, wer nicht?«

»Du etwa?«, fragte sie ungläubig.

Er lachte, anscheinend überrascht über ihre Überraschung. »Nun, ich mag die schlechten nicht! So wie ich es sehe, gibt es von allem eine gute und eine schlechte Version. Gibt es brillante Filme über die Mafia oder den Zweiten Weltkrieg? Ja, keine Frage. Es gibt aber auch eine Menge wirklich schreckliche Filme. Ich habe sieben Nichten und Neffen und …«

»Sieben?!«, unterbrach Lizzy ihn. »Das ist eine Menge.«

»Nun, ich habe fünf Geschwister, also.«

»Und das wievielte bist du?«

»Vorletzter. Ich war mal das jüngste, etwa acht Jahre lang, und dann kam unsere Sinead dazu.«

Lizzy schüttelte den Kopf. »Verdammte Sinead.«

Sie hätte nachdenken sollen, bevor sie so etwas sagte, denn es war schwer, anderer Leute Humor vorherzusagen.

Zum Glück antwortete Ciaran todernst und wie aus der Pistole geschossen: »Ich weiß. Sie hätten einfach aufhören sollen, als noch Zeit dafür war. Jedenfalls bin ich ziemlich oft der Babysitter. Und da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder (a) schicke ich sie zum Spielen raus, oder (b) wir gucken ein bisschen CBeebies. Manchmal sogar ziemlich lange. Und wenn man sich drei Stunden lang Kinderfernsehen ansieht, merkt man schnell, dass es teilweise besser ist als so manches andere. Also, ja«, schloss er, »wie ich schon sagte. Es gibt von allem eine gute und eine schlechte Version.«

Interessant. So hatte Lizzy das noch nie gesehen. »Okay, dann lass uns über deine Lieblings-Liebeskomödie reden«, sagte sie, eine Augenbraue leicht hochgezogen. Irgendwie, ganz unerwartet, hatte sie begonnen, sich richtig für das Gespräch zu erwärmen, genauso wie für Ciarans Gesellschaft. »Das ist es, was mich wirklich interessiert. Also lass uns darauf zurückkommen.«

Er lächelte und wollte gerade antworten, als die Kellnerin nach draußen trat, um einen anderen Kunden zu bedienen. »Warte mal eine Sekunde. Willst du was?«

Es dauerte einen Moment, bis Lizzy begriff, dass er damit etwas zu essen oder zu trinken meinte. Und obwohl sie genau hier saß, war sie seltsam überrascht, dass er überhaupt an sie dachte.

»Was? Oh! Nein. Danke.«

Er bestellte Café Crème auf Französisch, und er hatte einen guten Akzent, ohne dabei angeberisch zu klingen. Das fiel ihr auf.

»Das ist eine ziemlich beschämende Hinhaltetaktik«, sagte sie, als die Kellnerin gegangen war.

Er verdrehte die Augen. »Okay, lass mich nachdenken. Harry und Sally?«

Sie nickte beifällig.

»Und so ziemlich alles mit Katharine Hepburn.«

Wieder nickte Lizzy, denn die war unbestreitbar ihre Lieblings-Hepburn. Nicht dass sie Audrey als Person nicht mochte, denn sie war natürlich nicht gegen Humanität. Aber auf der Leinwand gefiel ihr mutig besser als mädchenhaft.

»Was noch? Notting Hill? Ich weiß, das ist keine originelle Auswahl.«

»Hey, Klassiker sind nicht ohne Grund Klassiker, oder?«, erwiderte Lizzy.

Tatsächlich fand sie Ciarans Bereitschaft, Mainstream-Filme aufzuzählen, gut. Die meisten Leute wollten immerzu einen ungewöhnlichen Geschmack zur Schau stellen. Sie selbst hatte in ihrer Jugend in dieser Hinsicht verschiedene Versuche unternommen, besonders zu wirken, beispielsweise durch T-Shirts mit aufgedruckten Slogans, MSN-Nicknames und seltsamen Frisuren – und einmal sogar durch den Kauf eines Plattenspielers. Sie hatte aber letztlich nicht genügend Durchhaltevermögen bewiesen und sogar begonnen, es bei anderen als ermüdend zu empfinden. An der Uni hatte sie eine Menge Leute kennengelernt, die unter allen Umständen anders sein wollten als alle anderen. Lizzy war der Ansicht, dass Aufrichtigkeit – was viel seltener zu finden war als Ironie – wirklich ein Comeback verdient hätte.

»Du hast noch nicht viel von deinem Salat angerührt«, bemerkte Ciaran.

Lizzy zuckte zusammen.

»Ja. Ich habe leichtes … Schädelbrummen.«

Er lachte. »Das ist die etwas kultiviertere Version von einen Kater haben, ja?«

»Genau«, sagte sie und deutete mit dem Finger auf sich selbst in, wie sie hoffte, selbstironischer Weise. Sie wünschte so sehr, sie hätte sich die Haare gewaschen. »Ich bin ein sehr kultivierter Mensch.«

»Du hast toll gesungen gestern Abend.«

Erst jetzt erinnerte sie sich wieder an das lärmende, lächerliche Duett mit einem von Ciarans Mitbewohnern – einem anderen irischen Typ namens Liam –, sie hatten zusammen »Crazy In Love« gesungen, wobei beide Beyoncé darstellten, sie allein aber Jay-Z. Sie hielt sich kopfschüttelnd eine Hand vor das Gesicht. »Oh Gott.«

»Ich meine es ernst, du warst wirklich sehr gut! Du kannst richtig singen.«

Ihr Ego war zwar groß genug, um das gern zu hören, und doch wich sie seinem Kompliment aus. »Liam hat einen schlechten Einfluss«, sagte sie und probierte vorsichtig einen weiteren Bissen von ihrem Salat. »Weißt du, ich habe nachgedacht. Vielleicht liegt es gar nicht am Alkohol. Vielleicht habe ich eine Lebensmittelvergiftung oder so was.«

»Oh, richtig«, antwortete Ciaran. Das klang vollkommen harmlos, aber es lag ein Unterton in seiner Stimme. Eine fast zu milde Akzeptanz.

»Was ist? Glaubst du mir nicht?«

Er zuckte amüsiert mit den Schultern. »Wenn du dir das einreden musst, um diesen Kater zu überstehen, Elizabeth, dann solltest du das auf jeden Fall tun.«

Ha. Er kannte also doch ihren Namen. Oder zumindest fast. Sie korrigierte ihn nicht, sondern schnitt nur eine Grimasse, woraufhin er breit lächelte. Er hatte ein sehr … gewinnendes Lächeln. Ein Wort, das sie noch nie in ihrem Leben benutzt hatte, und doch fiel es ihr jetzt ein.

Dann kam sein Kaffee mit einem kleinen Spekulatiuskeks, wie es zu ihrer Freude in Frankreich üblich war. Jedes Mal, wenn sie dieses Land hasste, begann sie es innerhalb von einer Stunde wieder zu lieben.

»Ich finde es toll, dass sie einem diese kleinen Kekse geben«, sagte Ciaran, und als er einen Schluck von seinem Kaffee trank, spürte Lizzy, wie sich auf ihren eigenen Lippen ein Lächeln abzeichnete.

Sein Akzent hatte etwas. Je mehr er sprach, desto vertrauter erschien er ihr – war es das Schottische, von dem sie jahrelang umgeben gewesen war, oder das Irische von Westlife und Father Ted? Tatsächlich ähnelte sein Akzent weder dem einen noch dem anderen, doch etwas daran ließ sie einfach nicht los.

»Woher in Irland kommst du eigentlich?«, fragte sie.

»Donegal. Im Norden. So weit nördlich, wie man kommen kann, bevor man auf Wasser trifft. Aber verwirrenderweise ist es nicht Nordirland.«

»Oh. Ja. Das fand ich schon immer seltsam«, sagte sie. »Ich meine, auf der Karte ist da oben ein kleines Stückchen, das so aussieht, als würde es zu Nordirland gehören, tut es aber nicht.«

Er sah … nun ja, nicht direkt verblüfft aus, doch sein Gesichtsausdruck veränderte sich ein kleines bisschen, und wahrscheinlich war er doch verblüfft.

»Du hättest nicht gedacht, dass ich das weiß«, meinte sie genüsslich. »Du dachtest, ich wäre eine dumme Amerikanerin, die keine Ahnung von Geografie hat!«

»In diesem Fall von Geografie und Geschichte und Politik und jeder Menge anderem Scheiß«, sagte er, und sie neigte leicht den Kopf. Womöglich war sie nicht auf all diesen Gebieten völlig auf dem Laufenden. »Ja, ich dachte nicht, dass du das weißt«, gab er nun zu, verlegen lächelnd. »Aber nicht weil du Amerikanerin bist, sondern weil das einfach viele Leute nicht wissen. Als ich zum Studieren nach Dublin gezogen bin, habe ich von echten Iren einiges Schockierendes gehört. Ich war kurz davor, dir einen Vortrag zu halten, den ich inzwischen auf etwa neunzig Sekunden reduziert habe. Die gesamte Geschichte der anglo-irischen Beziehungen und der Teilung Irlands.«

»Na gut, dann will ich ihn jetzt natürlich hören.«

Er lachte nur.

»Was ist?«, sagte sie, als nichts folgte. »Leg los!«

»Ernsthaft?«

»Sicher. Ich gebe dir neunzig Sekunden. Ach was soll’s«, sie gestikulierte wohlwollend, »machen wir hundert daraus.«

Und so hielt er seinen Vortrag. Und sie erzählte ihm von Edinburgh und auch von Kalifornien – von ihrem wirklichen Leben dort, von den weiten Landschaften und den karierten Hemden, was alles vielleicht gar nicht so weit entfernt von seinen eigenen Kindheitserinnerungen war.

Vielleicht war es seltsam, dass sie sich erst jetzt diese Grundinformationen erzählten, nachdem sie sich schon fast zwei Monate kannten. Aber tatsächlich war ihr bis heute – oder besser gesagt, bis gestern Abend – Ciaran Flynn (sie glaubte, dass das sein Nachname war) in keiner Weise besonders aufgefallen.

In den kommenden Jahren hatte sie, sofern sie überhaupt je über ihn sprach, diese Tatsache immer wieder betont und dann ein irgendwie perverses Vergnügen an den ungläubigen Gesichtern der Leute gefunden.

5. KAPITEL

Die aufregendste – und genau genommen einzige – Besucherin im schottischen Pavillon ist dann Shauna, die sofort durch den Vorhang auf die andere Seite flitzt und mit zwei Gläsern Schampus zurückkommt.

»Nicht zu fassen, dass ich beinahe die Drinks verpasst hätte«, sagt sie. »Willst du meine Fotos sehen?«

Lizzy glaubt eigentlich nicht, das irgendein menschliches Wesen jemals wirklich die Fotos – Plural – eines anderen sehen will. Aber Shauna strahlt so viel Begeisterung aus, und sie möchte ihr den Spaß nicht verderben. Sie nimmt das angebotene Glas und – auch schon egal – reißt obendrein noch eine Packung Shortbread auf. »Ja klar«, sagt sie und macht sich bereit.

Shauna zückt das Handy, zeigt die Fotos ihres morgendlichen Ausflugs und kommentiert jedes einzelne. Unscharfe Aufnahmen der Jurymitglieder des Festivals beim Betreten des Palais. Vanessa Paradis beim Rauchen. Ein Haufen Schnappschüsse der Pavillons, vom Strand und von den kitschigen Pappaufstellern, durch die man über dem Körper des Jokers oder von Rose DeWitt Bukater seinen Kopf stecken kann. In gemächlichem Tempo scrollen sie zurück zu den Bildern von Shaunas Airbnb-Apartment – im Vergleich dazu scheint Lizzys eigene Wohnung unglaublicherweise richtig geräumig –, als Shauna sich plötzlich in ihren Arm krallt.

»Oh mein Gott!«, zischt sie. »Schau mal, wer da ist!«

Lizzy blickt auf.

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