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Feuer. Wasser. Erde. Sturm. - Zum Überleben brauchst du alle Sinne

Als Buch hier erhältlich:

Der Kampf gegen die Elemente, bei dem nur einer den Weg des Überlebens kennt

Drdjuck ist der einzige Überlebende seiner Familie. Die schwere Sturmflut hat sein Zuhause zerstört und sein bisheriges Leben davongespült. Nun ist eine Büffelherde seine neue Familie, mit der er durch die Steppe zieht, bis Jäger sie in eine Falle locken und gefangen nehmen. Drdjuck und die Büffel werden in eine Bunkerstadt verschleppt. Aufgrund der neuen Wetterphänomene ist der Mensch nicht mehr in der Lage, außerhalb von Schutzräumen zu überleben. Nur Drdjuck kann das, denn er hat gelernt, die Zeichen der Natur zu lesen. Nun steht er einer überlebenshungrigen, gnadenlosen Gesellschaft gegenüber, die mit Angst vor der Welt außerhalb der Stadt regiert wird. Ihr Herrscher erkennt Drdjucks Fähigkeiten, die für ihn Hoffnung und Gefahr zugleich bedeutet. Der Junge und seine Büffel werden nur so lange überleben, wie sie von Nutzen sind.

Ein bildgewaltiger und fesselnd erzählter Jugendroman von Bestsellerautor Boris Pfeiffer (Die drei ???-Kids)

Klimakrise, ungewöhnliche Wetterphänomene und der Überlebenskampf des Menschen in einer Welt von morgen, die schon heute droht


  • Erscheinungstag: 26.09.2023
  • Seitenanzahl: 288
  • Altersempfehlung: 12
  • Format: Hardcover
  • ISBN/Artikelnummer: 9783748802303

Leseprobe

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Immer wenn er nach einer langen Wanderung gemeinsam mit der Herde an einem Ort angekommen war, der Wasser, Frieden und Gras für die Büffel versprach, suchte Drdjuck einen Platz für sich, ein wenig abseits der Tiere.

Der lange Weg, die körperliche Anstrengung und alles, was er unterwegs gelernt hatte, steckten ihm in den Knochen und ließen seine Gedanken durcheinanderschwirren. Er musste ausruhen, und er wollte sein neues Wissen in Ruhe durchdenken. Es hatte sich viel verändert in diesen Monaten des Herumziehens. In der ersten Zeit nach seiner Rettung war er den Büffeln fast wie ein Blinder gefolgt. Sie hatten den Weg bestimmt, waren dem Wetter ausgewichen und hatten, wann immer es möglich war, Nahrung und Wasser gefunden. Drdjuck war sich lange wie ein taumelndes Anhängsel der Herde vorgekommen, ein Junge ohne Sprache, der überhaupt nur noch lebte, weil er zwischen diesen ihm zuvor unbekannten Lebewesen Schutz gefunden hatte. Noch dazu waren sie sein einziger Trost in der großen Einsamkeit. Ohne sie wären zuerst seine Seele und dann sein Körper verhungert.

Inzwischen hatte sich einiges geändert. Nicht dass Drdjuck angefangen hätte, wie ein Büffel zu muhen oder auf sonst eine Art mit ihnen zu sprechen. Aber er sah das Leben mit veränderten, neuen Augen. Und das hatte er sehr wohl von den Büffeln gelernt, vor allem von ihrer Anführerin. Auf eine nach außen hin stumme, aber im Inneren lebendige Art kommunizierten sie miteinander und wussten so immer, was der andere gerade empfand.

Diese Art der Kommunikation war lebensnotwendig in der neuen Welt. Eine Welt, die von den Veränderungen überrollt worden war wie von einem Feuer speienden Drachen, der in wenigen Sekunden ein ganzes Dorf niederbrannte. Wie ein solcher Drache wanderten Unwetter um den Planeten. Das neue Wetter war unstet und schrankenlos, wie außer sich. Jedes Lebewesen, das sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte, bedrohte es mit dem Tod. Hitze und Feuerstürme, die Wälder und Städte gleichermaßen verbrannten. Sintfluten, die aus dem Himmel herabbrachen, in trockengefallenen Flussläufen keinen Halt mehr fanden und alles überfluteten. Sie rissen ganze Landstriche mit sich und hinterließen nichts als Schlammwüsten und Geröll. Erneute Dürre verwandelte den schlammigen Grund in stahlharte Oberflächen, die, angereichert mit Öl und Chemie und dem Abfall der Menschheit, alles mit einer giftigen Haut überspannten. Die Hitze brachte die Luft schier zum Kochen und trieb das Wasser aus jedem Körper, bis er verdorrt war, verdurstet oder erstickt.

Und trotzdem gab es Hoffnung. Kurz nach ihrer ersten Begegnung, bei der die Leitkuh ihm das Leben gerettet hatte, spürte Drdjuck, dass nicht nur er der Anführerin, sondern ebenso sie ihm ein freundliches Gefühl entgegenbrachte. Sympathie, Mitgefühl, eine Liebe von Lebewesen zu Lebewesen. Es war eine Verbindung, wie er sie noch nie in seinem Leben gespürt hatte. Echt, unvoreingenommen, vertrauensvoll. Im Gegensatz zu Menschen belogen die Büffel einen nicht. Doch man musste ihre Zeichen richtig deuten, die Sprache der Tiere lernen. Sonst konnte es zu ebenso großen Missverständnissen kommen wie zwischen Menschen.

Es war ein fataler Fehler zu glauben, eine Würgeschlange legte sich neben einen, um die Körperwärme miteinander zu teilen. Sie nahm auf diese Weise lediglich Maß, ob die Beute auch wirklich in sie hineinpasste. Und sie tanzte auch gewiss nicht mit erhobenem Kopf und Rumpf, um einen an der Schönheit ihres Tanzes teilhaben zu lassen, sondern verschleierte auf diese Weise, wie sich der übrige Teil ihres Körpers näher und näher schob. Bis der Schlangenkörper mit einem Schlag um einen lag, die Luft aus den Lungen presste und das eigene Leben beendete, um das ihre zu sichern.

Zusammen aber waren die Anführerin der Büffelherde und Drdjuck dem Tod schon mehrere Male entkommen. Und Drdjuck hatte sich für seine Rettung revanchieren können. Er hatte sie vor dem Stacheldraht gerettet. Er hatte die Herde von den Foltergeräuschen der Glocken um ihre Hälse befreit. Nach und nach lernten er und die Tiere, mit den neuen Mächten zu leben, die die großen Veränderungen entfacht hatten.

Drdjuck schärfte seine Sinne, alle, über die er verfügte. Und auf irgendeine Art erkannte die Büffelkuh, dass er versuchte, die Gefahren, die von den Menschen ausgelöst worden waren, rechtzeitig wahrzunehmen, um ihre Herde zu beschützen. So lebten sie zusammen und folgten dem Weg.

Jetzt spürte Drdjuck, dass er Durst hatte. Aber trinken konnte er später, nach den Büffeln. Inzwischen hatte er einen Platz zum Ausruhen für sich entdeckt. An einer der roten Felswände, die ein paar Schritte vom Flussufer entfernt den engen Canyon begrenzten, gab es einen Vorsprung. Er ragte wie ein Balkon ohne Brüstung aus dem Gestein, und darunter breitete sich ein großer Flecken Schatten aus.

Das Flussufer war so schmal, dass nicht alle Büffel auf einmal zum Wasser gehen konnten. Das lag daran, dass der milchig grüne Flusslauf tief unten in einer Schlucht verlief. Gut verborgen vor jedem Blick aus der Ferne, am Ende eines wahrscheinlich bereits lange vergessenen Hohlwegs, der durch mehrere Kilometer rechts und links aufragende rote Felsen geführt hatte. Kurz bevor man den Fluss erreichte, begann ein sanfter Abstieg. Er mündete in einen flachen Uferstreifen, der nur wenige Meter lang war.

Auf der anderen Seite erhoben sich die Wände der Schlucht bis in den Himmel, der von hier unten nur als schmaler Streifen zu sehen war.

Es war das ruhige Ende einer Sackgasse, in der sie sich befanden.

Drdjuck hatte die Flussschlaufe bereits zwei Tage zuvor von oben gesehen, ehe sie sich über einen langen Umweg, der sie zunächst viele Kilometer zurückgeführt hatte, an den Abstieg gemacht hatten. Denn hier war die einzige Stelle, um ans Wasser heranzukommen. Wer es bis hierhin geschafft hatte, konnte rasten, ausruhen und genügend Wasser trinken, um gestärkt weiterzugehen.

Die Büffel waren sehr durstig. Am Ufer wuchsen Gras, Büsche und sogar ein paar niedrige Bäume, sodass sie auch etwas zu fressen fanden.

Drdjuck trat in den Schatten unter dem Felsvorsprung und setzte sich.

Er zog das Tuch, das er um den Körper trug, enger um seine Schultern, lehnte seinen Rücken an den kühlen Stein und schaute über die Herde auf den Fluss.

Er dachte an früher.

Zu Beginn ihrer Wanderschaft hatte er sich oft gefragt, ob die Büffel schon einmal mit Menschen zusammengelebt hatten, so wie jetzt mit ihm. Doch je länger er sie kannte, desto unwahrscheinlicher schien ihm dies. Und obwohl es so ein großes Glück für ihn war, machte es ihn auch traurig.

Er selbst hatte in seinem früheren Leben, vor der großen Zerstörung, außer Hunden und Katzen keine Tiere gekannt, die wirklich mit Menschen lebten. In der Regel waren sie in Ställen, Käfigen, Gehegen eingesperrt gewesen, dienten als Fleischlieferanten, manche waren Arbeitstiere gewesen. Mit Tieren in Freiheit hatte er nie zu tun gehabt.

Jetzt ist alles anders, dachte Drdjuck und malte mit dem Finger ein paar Muster in den Sandboden. Das neue Wetter hatte so viele Lebewesen getötet und vertrieben. Und wenn es stimmte, was Drdjuck in der Zeit vor den Veränderungen von seiner Großmutter, seinen Eltern und in der Schule gehört hatte, dann waren diese neuen Wetter eine Antwort des Planeten auf das Leben der Menschen, die sich von ihm abgewandt hatten, ihn zerstörten und ausraubten.

Sicher kannte Drdjuck nicht alle Gründe, die die Menschen dazu getrieben hatten, sich so zerstörerisch zu verhalten. Selbstsucht, Dummheit und Gier gehörten aber gewiss dazu. Sie konnten fast jeden dazu bringen, vieles aufs Spiel zu setzen – selbst wenn es um das Leben anderer ging.

Seine Großmutter hatte oft den Kopf geschüttelt. »Denk daran, Drdjuck, niemand kann etwas von den Reichtümern, die er in seinem Leben gesammelt hat, mit ins Grab nehmen! Selbst wenn man einen Toten mit Gold überschüttet, hat er nichts davon.« Und dann hatte sie gelacht und hinzugefügt: »Nur die Grabräuber freuen sich darüber!«

Wozu also immer mehr Besitz anhäufen und den Planeten um seine Schätze berauben? Nun war nichts mehr davon da. Selbst die Häuser und Städte existierten nicht mehr, waren selbst zu Gräbern geworden. Das Wetter hatte sie überschwemmt, einstürzen und in Feuer, Hagel, Tornados und Stürmen untergehen lassen. Und so waren auch die Tiere gestorben. Zuerst die eingesperrten, die nicht fliehen konnten. Dann die, die keine Nahrung und kein Wasser mehr fanden.

Den Pflanzen war es nicht anders ergangen. Durch die ausbleibende Kälte im Winter hatten sich auf Feldern und in Wäldern Würmer und Insekten vermehrt und alles abgefressen, was sie fanden. Wenn im Frühjahr trotzdem noch junge Triebe an Bäumen und Sträuchern erschienen, verdorrten sie in der folgenden Hitze sofort.

Der Planet fand keine Ruhe mehr. Die tosenden Wetter kamen in immer kürzeren Abständen. Sie spülten die brachliegende Erde davon, und die Sonne versiegelte den Boden, indem sie ihn brannte wie in einem Tonofen.

Drdjuck wusste nicht, wer oder was überhaupt noch lebte oder wiedergekehrt war.

Er hatte auf ihrer Wanderschaft lange keinen Menschen mehr gesehen und auch keine menschliche Behausung. Stattdessen war er unterwegs immer wieder auf Reste von Straßen gestoßen. Und plötzlich mitten im Nirgendwo kilometerlange, zerrissene und zu riesigen Knäueln ineinandergeschlungene Stacheldrahtzäune, in denen sich Tierkadaver verfangen hatten. Manchmal auch kaputte Autos und Boote, und überall immer wieder ganze Meere von Plastik.

Doch an anderen Orten hatte das Gras angefangen, sich wieder auszubreiten. Zwischen viel verbranntem Holz, in schwarzen Wäldern aus toten Stämmen und Stümpfen fand sich hier und da etwas Grün. Man spürte diesen Gegenden an, dass sie schwach waren, viel schwächer, als ein Wald früher gewesen war. Und doch steckte noch Leben darin.

Nicht nur die Natur, auch die Welt insgesamt war niedriger geworden, flacher, ohne hohe Gebäude und mit den umgestürzten und im Boden versunkenen Strommasten. Meist war die Landschaft weit zu überblicken, eine große Ödnis, in der es nicht leicht war, sichere Orte zu finden. Die Menschen waren darin wie fortgeblasen, und bis jetzt war Drdjuck niemandem begegnet, der zurückgekehrt wäre, um einen Neuanfang zu wagen.

Und allmählich waren auch die Toten verschwunden.

In den ersten Monaten waren sie noch im grauen Wasser getrieben, hatten verschüttet unter Schlamm und Hausresten gelegen, waren in der Hitze verdorrt. Dann aber waren die toten Körper nach und nach zu Teilen der Erde geworden oder im zähen Schlamm zerfallen. Sicherlich gab es irgendwo noch andere Menschen und Tiere, die überlebt hatten. Doch Drdjuck sehnte sich nicht nach ihnen. Jedenfalls kaum. Die Büffel hatten ihn gerettet. Das würde er nie vergessen. Obwohl er ein Mensch war, einer derer, die sie eingesperrt, geschlachtet und gefressen hatten. Einer derer, die, wissentlich oder nicht, der Grund waren für die brutalen Veränderungen. Und auch wenn er sich fragte, ob die Erde je wieder ein Antlitz haben würde, das weniger einsam und verwüstet wäre, fühlte er jeden Tag, den er mit den Büffeln zusammen war, eine Liebe zum Leben in sich, die ihn zuversichtlich sein ließ. An ihrer Seite spürte er eine große Lebendigkeit, und er würde alles tun, um ihr Dasein so glücklich zu gestalten wie möglich. Sie waren jetzt seine Familie.

Drdjuck lehnte seinen Hinterkopf an den kühlen Fels und genoss den Schatten auf seinem Gesicht. Er schloss die Augen. Er war immer noch ein Kind und kein Mann und wollte auch keiner werden, wenn das bedeutete, all das zu tun, wovor seine Großmutter ihn gewarnt hatte. Er liebte das Leben und war dankbar dafür. Aber was für ein Mann würde er sein wollen? Und können?

Er fürchtete die Wetter nicht mehr so wie zu Beginn. Er hatte viel gelernt. Von den Büffeln und durch die Beobachtung der Natur. Drdjuck lächelte. Für den Moment hatten sie Wasser und Nahrung. Wie schön wäre es gewesen, diesen Moment mit seiner Großmutter zu teilen und auch mit seinen Eltern. Er hatte sie alle verloren.

Das Wasser war so schnell durch die Straßen und in die Häuser geflossen, es hatte sie mit den Trümmern und den schäumenden Müllbergen so schnell fortgerissen, dass nicht mal mehr ein Schrei zu hören gewesen war. Mauern, Dächer, Schlamm, entwurzelte Bäume, im Wasser halb schwimmende, halb taumelnde Autos, Masten, Zäune, Möbel, Gerätschaften. Wie hässliches Spielzeug war alles durcheinandergewirbelt, in den eiskalten Wassermassen verschwunden und wieder aufgetaucht, um irgendwo anders als riesiger Berg Menschenwerksmüll wieder abgeladen zu werden.

Immer wieder, wenn Drdjuck diese Bilder vor Augen traten, fiel es ihm schwer, sie anzusehen.

Aber das Leben verlangte es. Denn es gab keine Rückkehr, kein schnelles Danach. Die Erde schien für immer vergiftet.

Aber er lernte, sich anzupassen. Die Büffel brachten es ihm bei.

So wie seine Großmutter immer gesagt hatte: »Aus Liebe und Verantwortung wachsen Liebe und Verantwortung. So wie bei allem anderen auch, Gras aus Gras und Gift aus Gift.«

Und dann gab es noch etwas, was ihn vorantrieb und weitergehen ließ: Drdjuck wusste nicht, was aus seinem Bruder geworden war.

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Die Leitkuh ging als Erste an den Fluss. Doch sie senkte den großen Kopf nicht sofort zum Wasser, sondern hielt ihn aufrecht und sog die Luft, die das Wasser mit sich brachte, in ihre Nüstern. Die schwarzen Fellflächen um ihre Augen waren staubig. Und die langen, zu den spitzen Enden hin leicht in sich gedrehten Hörner ragten als mächtige, fühlende Krone in die Luft.

Drdjuck wusste, dass den Büffeln ihre Hörner zur Kühlung dienten und zugleich Antennen waren, wie riesige Fühler eines Insekts. Und natürlich dienten sie auch als Waffe und forderten Respekt.

Wenn Drdjuck neben ihr lief, überragte ihn das Haupt der Anführerin ein großes Stück. Und sein Kopf war nicht breiter als eines ihrer Hörner an der Stelle dicht über der Stirn.

Die übrige Herde wartete geduldig hinter der Anführerin.

Einfach zu trinken, wäre zu gefährlich gewesen. Keines der Tiere würde das tun, bevor die Leitkuh das Wasser nicht freigegeben hatte. Dennoch drängte es die ausgedörrten Körper zum Fluss, und viele Tiere schrien vor Durst.

Der letzte Schluck lag zwei Tage zurück.

Unruhig stampften die Tiere auf der Stelle. Vom Boden wirbelte Staub auf, in den sich der Geruch von Schwäche mischte.

Die Büffel waren stark abgemagert, und ihre durstigen Rufe klangen matt. Auch Drdjuck fühlte seine Rippen bei jedem Atemzug gegen die Haut stoßen, seine Lippen waren aufgesprungen, und seine Zunge lag trocken zwischen den Zähnen.

Er spähte zur Leitkuh.

Warum trank sie immer noch nicht? Das Wasser vor ihr war trüber geworden seit ihrer Ankunft, gelblich, und floss langsamer. Aber es stand nicht. Stehendes Wasser wurde rasch giftig. Aber der Fluss war in Bewegung. Drdjuck konzentrierte sich auf den Geruch, den der Fluss aussandte. Er wirkte weiterhin sauber, nur hin und wieder kam jetzt ein stechender Luftstoß herüber. Aber diese kurzen Intervalle schienen nicht von einer größeren Giftwelle auszugehen, und es roch nicht nach menschengemachten Stoffen. Was war es dann?

Gleich darauf erkannte Drdjuck die Quelle. Ein toter Körper kam im Wasser angetrieben.

Er sah genauer hin und erkannte aufgelöstes Fell und verwesendes Fleisch, aus dem Knochen ragten, besetzt und umschwirrt von Tausenden Fliegen. Das tote Wesen sah aus wie ein Hund.

Drdjuck wollte sich gerade erheben, um den Körper mit einem Stock zur Seite zu stoßen, sollte ihn die Strömung weiter auf das Ufer zutreiben. Aber das Wasser war gnädig, und das tote Tier schwamm träge vorbei. Mit ihm zog auch der Gestank von dannen.

War der Hund ein Zeichen für Menschen in der Nähe? Oder eine Stadt?

Das hätte für die Herde eine Bedrohung dargestellt. Nicht umsonst hielten sich Büffel in aller Regel fern von allem, was nach vielen Menschen roch. Die Menschen waren Fleischfresser, auch wenn es Ausnahmen gab. Pflanzenfressende Menschen rochen anders als ihre Artgenossen. Auch das hatte Drdjuck bereits gelernt.

Er beobachtete die Büffelkuh weiter. Nach dem vorbeigetriebenen Kadaver wartete sie immer noch damit, sich zum Wasser zu beugen. Erst mussten die Nüstern sich von dem Verwesungsgeruch befreien.

Drdjuck ging es auch so, auch er wartete ab. In den Nüstern hielt sich Todesgeruch immer länger als in der Luft, wie eine stinkende Erinnerung. So wie alles, was man erlebte, länger in einem blieb, als es um einen herum vorhanden war. Anblicke wanderten von den Augen in die Seele. Stürme, die einem die Haut zerfetzten und den Körper zum Bluten brachten, tauchten lange nach ihrem Verschwinden plötzlich in Momenten des Zitterns und Schluchzens wieder in einem auf und verwandelten einen ruhigen Tag unter einem strahlend blauen Himmel in einen Moment aus tosenden Wassermassen, ohne dass ein Tropfen fiel. In der Seele sammelte sich der Schmerz und in den Nüstern die Gerüche.

In der Nase, verbesserte sich Drdjuck.

Er war ein Mensch und nahm die Gerüche mit der Nase wahr. Die Büffel dagegen hatten Nüstern. Und sosehr er sich ihnen verbunden fühlte, er war keiner von ihnen, sondern einer bei ihnen.

Vergiss das nicht, ermahnte er sich.

Außerdem wollte er die Worte, die er als Mensch gelernt und benutzt hatte, nicht vergessen. Er wollte ein Mensch bleiben, trotz allem, was er über die Menschen wusste. Nur so konnte er seinen Teil zu einem besseren Weiterleben beitragen.

Und dazu, wurde ihm plötzlich klar, gehörte es auch, sich zu waschen.

Seine Großmutter hatte sich jeden Morgen gewaschen, direkt nach dem Aufstehen. Sie war immer als Erste aufgewacht und ins Badezimmer gegangen. Er hatte mit geschlossenen Augen in seinem Bett gelegen und das Wasser in der Leitung rauschen gehört, dann die Toilettenspülung. Als er noch klein gewesen war, war sie als Nächstes in ihr Zimmer gekommen und hatte zuerst ihn und dann Kiano geweckt und mithilfe einer großen Waschschüssel gewaschen. Später, als Drdjuck älter war, hatte sie verlangt, dass er es alleine tat. Er mochte das kalte Wasser im Gesicht. Im Gegensatz zu Kiano. Sobald der alt genug gewesen war, hatte er sich gegen das Wasser gesträubt. Aber wirklich gewehrt hatte er sich nie. Vielleicht wollte er einfach, dass die Großmutter ihn wusch? Vielleicht wollte er es nur nicht alleine tun müssen?

Drdjuck schüttelte sich, verscheuchte die Bilder und kehrte mit dem Blick zurück zum Fluss. Noch einmal holte er prüfend Luft durch die Nase.

Der Geruch nach Tod hatte sich verzogen.

Vor ihm tauchte die Büffelkuh ihr Maul ins Wasser. Mit mächtigen Zügen begann sie zu trinken. Die schlürfenden Geräusche, die sie dabei machte, versetzten die Herde in neue Unruhe. Einige der Tiere begannen lauter zu muhen. Die rauen, kehligen Laute hallten durch die Schlucht und brachen sich zwischen den Felsen.

Die Anführerin hob ihr Maul und trat zur Seite. Über ihre gewaltigen Lippen rann etwas Wasser. Sofort drängte hinter ihr ein Kalb heran und begann selbst zu trinken. In solchen Momenten vergaßen fast alle Lebewesen, auf ihre Umgebung zu achten. Der Drang zum Wasser war jetzt nicht mehr zu unterdrücken.

Drdjuck hob den Blick und prüfte die Schlucht und den Himmel darüber.

Der Fels zeichnete sich rot ab gegen das klare Blau des Himmels. Es war keine Wolke zu sehen. Die Felswände am gegenüberliegenden Ufer waren glatt bis in die Höhe und in wellenförmige Schwünge geschliffen. Der Fluss musste sein Bett über sehr lange Zeit in den Stein gegraben haben. Das Wasser hatte den Felsen bis ganz nach oben ihre Form verliehen.

Drdjuck musterte die Felswand genauer.

Hoch oben, wenn auch noch ein ganzes Stück unter dem Kamm, waren dunkle Flecken zu erkennen. Es konnten Wasseradern sein, die das rote Gestein färbten, aber vielleicht war auch eine Höhle dabei. Eine solche wäre in dieser Höhe nur schwer zu erreichen, wenn überhaupt. Dennoch war es immer gut, Höhlen zu kennen. Es gab genug Tage, an denen eine Höhle einem das Überleben sicherte. Und je stärker die Natur aus ihrer natürlichen Ordnung geworfen wurde, desto besser musste man sich an sichere Zonen erinnern.

Drdjuck senkte den Blick wieder hinab zum Wasser.

Auf der anderen Seite des Flusses hatte sich kein Ufer gebildet. Dort kam man nicht an Land, wenn man nicht sehr gut klettern konnte. Es blieb dabei, der einzige Weg weg von der Wasserstelle führte zurück über den Hohlweg.

Drdjuck erhob sich aus dem Schatten und ging an den Felsen entlang zum Weg zurück. Die Sonne traf ihn mit großer Kraft. Er blinzelte.

Zu beiden Seiten des Wegs erhoben sich übermannshohe zerklüftete Felsen. Er erinnerte sich, dass der Pfad an vielen Stellen sehr schmal gewesen war und man sich wie in einem Tunnel befunden hatte. Die Büffel und er waren nur dem Geruch des Wassers gefolgt, der vor ihnen gelegen hatte. Mitunter war auch ein schwacher Anflug des Wassergeruchs von den Seiten über die Felsen gekommen, und so war Drdjuck klar geworden, dass sie sich inmitten des Flusslaufs auf den Scheitelpunkt der Flusskurve zubewegten. Die Felsen ragten wie eine lange Zunge in die Schlaufe und den Flusslauf hinein. Das Wasser zu sehen bekommen hatten sie aber auf dem Weg hinab nicht eine Sekunde.

An vielen Stellen hatte nur ein Tier zwischen den Felsen hindurchgepasst, sodass die Büffel hintereinandergehen mussten. Und den ganzen Weg hinab zum Wasser hatte Drdjuck nirgendwo eine Höhle entdeckt. Das bedeutete, auch auf dem Rückweg bot nichts Schutz vor einem schnellen Wetterwechsel.

Er musste achtsam bleiben.

Die Büffel erspürten sowohl Gifte in Wasser und Boden als auch Wetterveränderungen, sie fanden immer den besten Weg und kümmerten sich umeinander. Aber er wusste nicht, ob sie wie Menschen vorausplanten. Darum hatte Drdjuck es sich zur Aufgabe gemacht, zumindest dies zu übernehmen, soweit er konnte. Er versuchte stets die Wege im Gedächtnis zu behalten, die sie zurückgelegt hatten, sich Auswege und sichere Orte zu merken. Denn man wusste nie, wann man darauf angewiesen sein würde. Hier in diesem Canyon konnte nicht nur ein plötzlicher Sturm den Fluss in ein reißendes Gewässer verwandeln. Wenn sich ein Unwetter aus der Richtung näherte, aus der sie gekommen waren, und große Regenmassen mit sich brachte, würde der Hohlweg die perfekte Bahn für eine Sturzflut bilden, die auf sie zurasen, ihnen die Rückkehr unmöglich machen und sie schlimmstenfalls in den Fluss werfen würde.

Aber es sah nicht nach einem Sturm aus. Es fühlte sich auch nicht danach an.

Allerdings würde er hier unten jedes neue Wetter auch nicht allzu leicht wahrnehmen können.

Drdjuck wandte sich ab und den Gräsern und Büschen zu, die am Ufer wuchsen. Sie strömten keinen veränderten Geruch aus. Auch die wenigen Bäume nicht. Und die Büffel waren ruhig.

Für den Moment beruhigt, trat Drdjuck zurück an die Seite der Herde. Inzwischen tranken fast alle Tiere, dicht aneinandergedrängt, und zum Teil standen sie ganz im Wasser. Neben zwei Kühen fand er eine Lücke. Er war viel kleiner als selbst das jüngste Kälbchen und störte deshalb die anderen nicht. Drdjuck ging ans Ufer und stieg in den Fluss. Es war nicht tief an dieser Stelle. Er spürte das Wasser, das um seine Waden spülte. Ein Stück neben ihm trank immer noch das Kalb.

Er beugte sich vor, tauchte seine Arme ein und begann sich zu erfrischen. Er benetzte Schultern, Bauch und Hüfte und schüttete sich dann Handvoll für Handvoll Wasser über Kopf, Haare und Gesicht.

Neben ihm wandte sich das Kalb vom Wasser ab und machte den Weg für die nächsten frei.

Drdjuck formte eine Schale mit den Händen, füllte sie und trank in großen Zügen. Er wiederholte die Prozedur noch viele Male. Dann war sein Durst gelöscht. Gleich darauf stieg er wieder aus dem Fluss. Keiner sollte sich mehr nehmen, als er brauchte.

Die Zeit der besten Bissen und der eigenen Vorteilsnahme war vorbei.

Drdjuck kehrte zurück an die Felswand. Der Schatten unter dem Vorsprung war ein wenig länger geworden. Nach seinem Bad wollte Drdjuck sich in die Sonne an einen der gewärmten Felsen setzen.

Die Büffel würden so lange trinken, bis sie keinen Durst mehr verspürten. Und das konnte noch länger dauern. Die großen Körper brauchten viel Wasser.

Drdjuck genoss die Wärme im Stein, die in seinen Rücken drang, und die Sonnenstrahlen auf seiner Brust.

In diesem Moment stießen zwei junge Stiere die Köpfe zusammen.

Drdjuck erkannte das donnernde Geräusch der aufeinanderprallenden Hörner und fuhr alarmiert auf. Ein Kampf junger Büffel an einem Ort, den sie womöglich schnell verlassen mussten, war nicht gut und konnte die Aufmerksamkeit der Herde von möglichen Gefahren ablenken.

Die beiden Bullen starrten einander an. Sie hatten noch kurze Hörner. Dann stießen sie erneut vor. Im nächsten Augenblick schob sich die Anführerin zwischen sie und drängte sie ohne Unruhe aus dem Wasser. Die Jungbullen würden später trinken müssen, sie hatten ihren Platz zum Saufen vorerst verspielt.

Doch der Durst war bei beiden jetzt nebensächlich geworden.

Am Ufer angekommen, setzten sie ihr Gefecht fort.

Drdjuck sah, wie die Anführerin sich abwandte. Sie wusste offenbar, dass es nur eine Kraftprobe war. Drdjucks Herzschlag beruhigte sich. Er hatte diese Kämpfe schon früher miterlebt. Die Köpfe der beiden Stiere flogen erneut krachend aufeinander. Eine Übung, ein Spiel.

Auch er lernte.

Woher hatte die Büffelkuh es sofort gewusst, dass es sich um imponierendes Jungtiergehabe handelte und nicht um einen wirklichen Kampf?

Drdjuck beobachtete sie. Aber er fand keine Antwort. Sie beachtete die beiden nicht länger. Die Erfahrung musste es sie gelehrt haben. Sie selbst hatte schließlich auch ein Junges geboren. Es war ihr Kalb, neben dem Drdjuck eben im Wasser gestanden hatte. Das Kälbchen, wie Drdjuck es nannte. Es war das einzige Tier, dessen Geburt er miterlebt hatte.

Für einen Moment hielt die Leitkuh inne, als sie Drdjucks Blick auf sich spürte. Nur eine kurze Pause in ihrer Bewegung verriet, dass sie ihn wahrnahm. Ein Stillstehen, ein kurzes Verharren, ein winziges Zittern, das wie ein Fluss aus Muskelkraft unter ihrem Fell über den Körper lief. Ähnlich dem, mit dem die Büffel Fliegen verscheuchten.

Dann war der Moment vorbei, und die Kuh begann am Ufer zu grasen.

Auf einmal dachte Drdjuck wieder an Kiano.

Auch sein Bruder und er hatten als Jungen ihre Kräfte gemessen. Drdjucks Vater hatte das Spiel Baram-Baram genannt. Sie hatten sich voreinandergestellt, die Stirn und die Arme gegeneinandergelegt und versucht, sich gegenseitig aus dem Weg zu schieben. Einmal war Kiano, der wilder gewesen war als Drdjuck, dabei mit der Stirn abgeglitten und hatte ihn mit einem Kopfstoß unter dem Auge getroffen. Drdjuck war vor Schmerz wütend geworden und hatte seinen Bruder auf den Boden geworfen. Kiano hatte angefangen zu weinen, und ihre Mutter hatte sie getrennt. Das hatte die Anführerin bei den jungen Bullen nicht getan. Nur aus dem Wasser hatten die beiden gemusst. Die Bilder der Herde mischten sich in Drdjuck mit denen seiner Familie. Sein Vater, seine Mutter, Kiano …

Warum, dachte Drdjuck, denke ich immer nur an seinen Namen? Warum erinnere ich mich nicht an die Namen meiner Eltern? Und auch von meiner Großmutter weiß ich nicht mehr, wie sie heißt. Auf einmal flossen Tränen über seine Wangen. Er lehnte sich zurück an die warme Felswand, als könnte er sich in sie hineindrücken.

Eine Bewegung kam auf ihn zu.

Es war wie ein Wunder. Wie so oft, wenn er traurig wurde, kam die Leitkuh zu ihm. Drdjuck spürte ihre Nähe, noch ehe er sie durch den Tränenschleier wirklich wahrnahm. So war es vom ersten Moment an gewesen, als sie ihn gerettet hatte.

Sie war mitten im Wasser in den reißenden Fluten auf ihn zugekommen, und es war gewesen, als ob sie ihre Seele in den Augen trüge und ihm ihr ganzes liebevolles Wesen mit einem einzigen Blick zuwarf. Sie hatte ihn damit umhüllt und getröstet, obwohl sie in diesem Moment selbst um ihr Leben geschwommen war. Und trotzdem hatte sie ihn wahrgenommen.

Drdjuck hatte sich an ihr festgehalten, zuerst an ihrem Rücken, dann an einem Horn, und sie waren zusammen weitergeschwommen, er an sie geklammert und sie den Kopf so hoch aus dem Wasser gehoben, wie sie nur konnte.

Drdjuck wandte sich ihr zu.

Sie schaute ihn mit ihrem rechten Auge an. Das hatte sie nicht immer getan. In den ersten Tagen nach ihrer Rettung hatte sie ihn nur mit dem linken Auge angesehen und es erst später gewechselt. Drdjuck wusste inzwischen, dass dies Furchtlosigkeit und Vertrauen bedeutete.

Er streckte die Hand aus und strich über ihren Kopf.

Sofort fühlte er die Wärme ihres Körpers. Genauso wie nachts, wenn er neben ihr lag und schlief. Er ließ die Hand auf ihr liegen, und sie ließ sich neben ihm zu Boden nieder.

Während sie begann wiederzukäuen, lehnte sich Drdjuck mit der Schulter gegen sie. Die Nähe tröstete ihn. Auch das Wasser hatte ihm gutgetan. Es war das erste Wasser seit Tagen gewesen. Es war eine trockene Zeit, heiß. Seit einigen Wochen war keiner der Stürme, die rasend das Land überzogen, in ihre Nähe gekommen, oder sie hatten früh genug andere Wege eingeschlagen, sodass das Wetter ihre Wanderung nicht unterbrochen hatte. Aber dies hieß auch kaum Wasser.

Ohne die Gabe der Büffelkühe, Gras in Milch zu verwandeln, wäre Drdjuck auf dem Weg zum Fluss weit früher ans Ende seiner Kräfte gekommen.

Eine Fliege, die plötzlich herangesummt kam, setzte sich auf ein Ohr der Anführerin. Automatisch hob Drdjuck die Hand, um sie zu verscheuchen. Die Fliege schwirrte davon.

Doch im selben Moment begannen die Ohren der Anführerin wild zu spielen, und sie hob ruckartig den Kopf. Drdjuck konnte sehen, wie sie die Luft einsog. Er reagierte sofort. Dies hatte nichts mehr mit dem Insekt zu tun.

Die Anführerin sandte ein anderes Zeichen aus. Drdjuck erkannte es.

Um zu verstehen, musste er sich der Leitkuh und der Umgebung mit seinen inneren Sinnen zuwenden. Das hatte er gelernt. Sonst bliebe er taub und blind.

Drdjuck atmete aus und versetzte sich in die stille Zone.

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Wie immer dauerte es einen Moment, ehe sich Drdjucks Wahrnehmung umstellte. Doch dann veränderte sich der Anblick der Welt um ihn herum mit einem Mal bedeutend.

Das Rot der Felsen wurde dunkler, das fließende Wasser leuchtete auf, die Büffel wurden zu bläulichen Schatten, die sich pochend, ähnlich dem Blinken der Sterne am nächtlichen Himmel, im Raum bewegten.

Drdjuck ließ die schattigen, randloseren Farben beiseitetreten, um sich tiefer zu konzentrieren.

Seit er die stille Zone entdeckt hatte, lernte er sie bei jedem Eintritt ein wenig besser kennen. Doch noch immer war sie für ihn wie eine große, geheimnisvolle Unbekannte. Drdjuck wusste nicht, warum er so klar wahrnahm. Nur dass er vieles nicht oder noch nicht sah – es war ihm einfach deutlich, wenn er sich an seine vorigen Besuche erinnerte, besonders an den ersten.

Es war am Tag des Untergangs gewesen. Seine Eltern, seine Großmutter – er konnte sie nicht mehr erreichen. Die Fluten, die über das Land rasten und zugleich unerbittlich weiter aus dem Himmel herabstürzten, hatten alles um ihn herum in tobende Natur verwandelt. Drdjuck hatte sich klein und vollkommen wehrlos gefühlt. Er war wie gelähmt, stand einfach nur da und sah eine riesige Woge grauen Wassers auf sich zustürzen im sicheren Bewusstsein, ihr nicht mehr ausweichen zu können. Es kam aus allen Richtungen, und er hatte es kaum noch geschafft, Atem zu holen.

Die Flut schoss durch ihr Haus und riss ihn mit, genau wie alles andere. Nur durch ein Wunder war er durch das offene Fenster des Wohnzimmers auf die Straße geraten. Dabei hatte sich allerdings sein Fuß in einem großen Tuch verfangen, das auf dem Boden lag. Es war eine violett und grün, rot und tiefblau karierte Stoffbahn, zusätzlich mit dünnen gelben und orangen Streifen versehen, inzwischen aber so verwaschen und ausgeblichen, dass die Farben an vielen Stellen weißlich geworden waren. Es war Kianos Tuch. Sein Bruder trug es fast immer mit sich herum, wickelte sich darin ein, hatte als kleiner Junge an einem der Zipfel genuckelt und spielte mit dem Tuch wie andere mit einer Puppe. Im Strudel hatte sich das Tuch um ein Tischbein gewickelt, und als Drdjuck sich darin verfing, ihn wie mit einer Schlinge an den Tisch gefesselt. Er hatte um sich geschlagen und sein Körper gezappelt wie ein Insekt, das in ein Spinnennetz geraten war.

Nur mit viel Kraft hatte er es geschafft, sich loszureißen. Das Tuch löste sich vom Tisch und war bei ihm geblieben.

In diesem Moment hatte Drdjuck begriffen, wie leicht es war zu sterben.

Mit dem Tuch um sich wie eine zweite Haut war Drdjuck auf die Straße gespült worden.

Dort war das Wasser noch reißender gewesen und der Tod zum Greifen nah.

Ein riesiger Baum raste mit den Wurzeln voran zwischen den Häusern hindurch und auf Drdjuck zu. Nur um Haaresbreite verfehlte er ihn. Scharfe Metallkanten tauchten aus der braungrauen Flut auf und verschwanden wieder unter der nächsten Welle, um im Wasser verborgen zu lauern. Das Wasser wurde zu einer tödlichen Gefahr, kein Vergleich mit einem Fluss, in dem man sich schwimmend an der Oberfläche halten konnte. Es war ein schmutziger, jagender Strom voller zerstörter Dinge aus den Wohnhäusern, Werkstätten, Fabriken; voller Zerstörungskraft, chaotisch, unberechenbar.

Und genau in diesem Moment war Drdjuck zum ersten Mal in die stille Zone geraten.

Er hatte plötzlich gesehen, was hinter dem Chaos stand. Wie die bislang sicher scheinenden Verhältnisse in Zerstörung umschlugen und sich wie Waffen gegen das Leben richteten. Autos, zersplitterte Mülltonnen, Zäune, Kabel, aufgerissene Konservendosen, ein Bilderrahmen mit Fetzen im Inneren und ein sich überschlagendes Fahrrad, aufgerissene Tanks, zerbrochene Möbel, Fensterrahmen, in denen Glassplitter hingen, Fernseher, Scheren und Spielzeug, Töpfe, eine Lampe – alles raste in der Flut umeinander. Das gesamte treibende Chaos hatte sich ihm wie ein tödliches Monster gezeigt, das sämtliche Zähne fletschte. Und zugleich war es ein verwundetes Wesen, das aus Rissen und Verletzungen blutete und Schmerz erzeugte.

Für einen Augenblick waren alle Geräusche verschwunden. Als hätte jemand den Ton abgedreht. Dann war hinter dem entwurzelten Baum in der Flut ein bläulich-violetter Schatten aufgetaucht, der zu pulsieren schien. Drdjuck hatte ihn wahrgenommen, ehe er ihn wirklich gesehen hatte. Der Schatten hing zwischen den Ästen und Blättern der Baumkrone, ein starrer Körper und doch unablässig mit den Beinen tretend, mehr tot als lebendig. Inmitten der wilden, unklaren Sturmschlieren, die sich wie ineinanderstürzende graue Wolkenwände ringsumher drehten, hatte dieser Schatten eine kräftige Farbe. Er stach Drdjuck geradezu ins Auge.

Es war die Leitkuh gewesen, die wie er um ihr Leben kämpfte.

Ohne zu wissen, wie er es geschafft hatte, war Drdjuck zu ihr gelangt. Er konnte sich nicht daran erinnern, geschwommen zu sein. Keine Armbewegungen. Keine Beinstöße. Er war sich im Nachhinein sogar sicher, dass es unmöglich gewesen war, gegen die Strömung zu schwimmen. Und doch hatte er einen Moment später ihr nasses Fell unter seinen Armen gespürt. Er klammerte sich an ihr fest, und sie hatte ihn aus ihren großen Augen mitfühlend angeschaut.

Dann war die Stille vorbei gewesen und das Rauschen des Wassers zurückgekehrt. Das Knirschen der Dinge, die an Hausmauern entlangschleiften, das Lied der Zerstörung.

Mittlerweile konnte Drdjuck in der stillen Zone auch hören. Jetzt konzentrierte er sich auf den Fluss und die roten Felsen. Auf die Pflanzen. Er spitzte die Ohren.

Was er wahrnahm, war nicht das Muhen der Herde, nicht das Rauschen des Flusses. Er lauschte auf leisere Geräusche, die ihm außerhalb der stillen Zone verborgen blieben.

Da war ein Knacken in einem Busch dicht am Ufer, ein Zirpen im Gras, hell und plötzlich fast schrill. Drdjuck versenkte sich darin, und im nächsten Augenblick nahm er mit seinen anderen Sinnen den öligen Duft einer Warnung wahr, die die Gräser sich zuwarfen.

Seine Aufmerksamkeit zog von Halm zu Halm, breitete sich aus, sprang über das Wasser. Die Felsen darüber waren schwer von Millionen Jahren, und sie hatten Wege und Spuren in sich, die bis eben für ihn unsichtbar gewesen waren. Spuren des Wachsens, Zusammenstauchungen und Falten im Gestein, Windflüsse.

Drdjuck versuchte, sich nicht ablenken zu lassen.

Plötzlich stand die Anführerin neben ihm.

Sie war ein riesiges Wesen, wenn sie an der Seite eines Menschen auftauchte. Ein Tier, das die Wege der Erde durch Zeit und Raum viel tiefer in sich trug als Drdjuck.

Sie kannte das Verlangen der Böden nach Nahrung genauso gut wie ihren eigenen Hunger. Sie spürte das Wasser in den Gräsern nicht weniger als den Fluss.

Auf die gleiche Weise erkannte sie Drdjucks Emotionen. Wenn er traurig war oder aufgeregt, Angst hatte oder sich freute – sie nahm es fast in derselben Sekunde wahr.

Deshalb hatte sie auch sofort gewusst, was mit ihm los war, als er anfing, die Wetterumschwünge auf eine ähnliche Art wie sie vorauszuspüren. Seitdem hatten sie eine zusätzliche Verbindung. Es war eine Art, durch die Augen des anderen zu sehen. Die Leitkuh nahm nicht nur die Signale wahr, die bei ihr selbst ankamen, sondern auch jene, die Drdjuck empfing.

Es hatte begonnen, als Drdjuck an sie geklammert auf ihrem Rücken dem Tod in den Wassermassen entkommen war. Sie hatten das reißende Wasser, die Flut und den Sturm Körper an Körper und Herzschlag an Herzschlag überstanden. Den Tag überlebt, an dem Drdjucks Eltern und seine Großmutter umgekommen waren und sein Zuhause unterging.

Seitdem half die Anführerin Drdjuck, feiner wahrzunehmen. Vielleicht waren es ihre gewaltigen Hörner, die wie Antennen auf ihn wirkten. Vielleicht war es ihre Liebe, die ihn erfüllte und enger mit ihr verband. Vielleicht waren es aber auch seine und ihre Fähigkeiten in Kombination.

In diesem Moment schien der Himmel sich zu entfärben.

Es war, als ob sich die Luft auseinanderzöge und für etwas öffnete, das kommen würde.

Drdjuck atmete tief aus.

In dem bleichen, diffusen Licht hatte der Fluss plötzlich eine andere Energie bekommen. Für Drdjuck sah es aus, als würden sich Wellen aufbäumen, die das Wasser in sich hineinzogen und dann mit doppelter Gewalt wieder ausstießen. Gleich darauf bildete sich zwischen den tiefen Wellenbergen für einen Moment eine Furt, in der der Grund des Flussbetts aufblitzte und durch die man trockenen Fußes auf die andere Seite hätte gelangen können. Es sah aus, als würde sich der Fluss winden wie ein riesiger verletzter Wurm.

Drdjuck holte Luft.

Mit diesem Atemzug türmten sich vor seinem inneren Auge die in Millionen Jahren glatt geschliffenen Sandsteinfelsen wie eine Sanddüne auf, die darauf wartete, mit dem tosenden Wind zu spielen, wirbelnd in ihm aufzufahren, sich zu drehen, zu verteilen und wieder zum Boden zurückzusinken. Jetzt angereichert um einen Luftstoß, der Felsen und Sonne aufgesogen hatte und alles mit Licht und Wasser vermischte, wie Büffeldung, wenn er sich mit dem Boden vermengte.

Eine wilde, grausam lebendige Fruchtbarkeit durchzog jetzt die Schlucht, zu stark für die einzelnen Lebewesen, die sich in ihr befanden.

Drdjuck sah diese Kraft auf sie zukommen, der Tiere und Menschen nicht gewachsen waren. Sie mussten sofort Schutz suchen, wo immer sie konnten.

Die Anführerin stieß ein tiefes Muhen aus. Die Herde hielt inne. Drdjuck legte die Hand auf ihren Hals. Im selben Augenblick senkte sich ein unbekannter Geruch über sie beide.

Er kam nicht vom Wasser, er hatte nichts an sich von allem, was in den letzten Stunden vorbeigezogen war. Er erinnerte Drdjuck an den Geruch von Autos, an Benzin in Tanks, tödliche Mischungen, die sich seit dem ersten Tag der Vernichtung überallhin ergossen hatten.

War es der Gestank einer verlorenen Stadt, den der Fluss mit sich getragen hatte bis in diesen weit entfernten Canyon?

War es der Vorbote einer neuen Katastrophe?

Drdjuck sog die Luft heftig ein. Er wollte wissen, was vor sich ging. Wenn der Geruch eine Warnung war, dann wollte er sie verstehen.

Doch es war schon zu spät. Der Geruch war genauso plötzlich wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war.

In Drdjucks Kopf hämmerte es. Plötzlich fühlte er sich ausgelaugt. Er ließ die Anführerin los, brach aus der stillen Zone und richtete seine körperlichen Sinne auf das Drumherum.

Die Düfte und Öle der Pflanzen hatten sich verändert. Nach seinem Abtauchen in die stille Zone waren sie jetzt viel intensiver als zuvor. So war es immer. Es kostete Kraft, sich hineinzubegeben, aber er nahm dafür anschließend eine Zeit lang viel mehr wahr.

Nun verstand er, was die Pflanzen kommunizierten:

Heute wird ein schwerer Tag werden. Das Wetter wird umschlagen. Leben werden gehen. Baumleben. Wurzelwesen.

Drdjuck las in den Verbindungen der Pflanzen denselben Schmerz, wie ihn Menschen oder Büffel fühlten und ausstrahlten, wenn sie Angst hatten. Die Bäume und Gräser wussten, was kommen würde.

Und dann sah Drdjuck es auch.

Eine Wasserhose, schweres Wetter, mächtiger Sturm.

Ein gewaltiges Wetter zog auf und näherte sich ihnen. Noch war es nur die Luft, die wie elektrisiert war. Aber daraus würde es hervorbrechen wie immer. Die Pflanzen waren noch nicht in unmittelbarer Aufregung. Noch zog sich nichts zusammen, nahmen Halme und Äste keine gebeugte, schützende Haltung ein, um sich zu retten. Bis dahin würde noch einige Zeit vergehen. Die Botschaften über die Wurzeln der Büsche, ihre Warndüfte und der Wasserfluss, den er in ihnen wahrgenommen hatte, sagten noch alle dasselbe: Sie tranken, so viel sie konnten, um sich fest mit ihrer Wurzelkraft im Boden zu verankern, sie taten alles, um sich Halt zu verschaffen.

Und sie zogen damit die Büffel zu sich.

Die Herde hatte schon begonnen, um die Pflanzen herumzustapfen. Denn auch wenn die Büffel die Blätter abzupften und fraßen, stampften sie gleichzeitig den Boden für die Bäume und Büsche fest. Sie ließen ihren Dung fallen, und die Pflanzen sogen daraus Kraft.

Drdjuck erkannte, dass die Herde das Unwetter ebenfalls zu fürchten begann. Aber noch waren ihr Durst und ihr Hunger größer. Noch war der Moment wichtiger als die Zukunft.

Drdjuck spürte die Anziehung des Wassers auf die Tiere und darunter ihre Angst vor dem Sturmwasser, das immer wieder so voller Gift aus den verseuchten Regionen war.

Er selbst hatte auch Hunger, und der Durst würde bald wiederkommen. Aber er würde ihn ertragen, wie er seit dem Untergang seiner Heimat alles ertrug.

Er zog das Tuch ein wenig höher um seine nackten Schultern und stellte sich den Bedingungen. Er liebte das Leben und die Welt. Sie war, wie sie war. Er war ein Teil von ihr und ein Teil dessen, warum sie so geworden war, wie sie sich jetzt zeigte. Er hatte einen neuen Weg entdeckt. Und war glücklich über die Einsamkeit, die ihn umfing, seit er mit den Tieren lebte und umherzog.

Drdjuck wünschte den Bäumen und Büschen auf der schmalen Landzunge, dass keiner von ihnen heute sein Leben lassen musste. Genauso wie den Tieren der Herde und sich selbst.

Aber noch war etwas Zeit. Die Anführerin hatte noch nicht zum Aufbruch gerufen.

Auch Drdjuck fühlte, dass sie, um den schutzlosen Felspfad sicher zu bewältigen, nicht sofort aufbrechen mussten.

Doch es galt, sich vorzubereiten. Drdjuck sah sich um.

Das Kälbchen badete noch im Wasser und spielte. Es sollte jetzt lieber trinken oder fressen. Wie alle in der Herde. Ohne zu trinken und ohne kraftspendende Nahrung würden sie die lange Wanderung vielleicht nicht schaffen. So wie die Pflanzen sich nicht im Sturm halten konnten, wenn sie zu trocken waren.

Die Anführerin senkte den Kopf und schaute in das Flusstal. Drdjuck beobachtete sie. Die Sonne, die in seinen Nacken stach, glühte auf dem Fell der großen Büffel, die dicht aneinandergedrängt am Fluss standen und mit mächtigen Zügen soffen oder Gräser zupften. Ihre Leiber waren dabei so gut wie reglos. Mit den Schnauzen und Nüstern dicht über der Oberfläche prüften die Tiere jeden einzelnen Schluck und jeden Bissen. Eine tiefe Verletzlichkeit umspielte alles Lebendige seit dem Untergang. Die Tiere der Herde hatten gelernt, den richtigen Moment abzuwarten und aufmerksam zu sein. Keines soff gierig. Keines fraß bedenkenlos.

Die Leitkuh ließ sie weiter gewähren.

Plötzlich begann Drdjucks Herz schneller zu schlagen. Etwas kam von den Bäumen. Er richtete seine Sinne auf die windgebeugten, fast schwarz anmutenden Baumstämme mit den dünnen Kronen und gelben Blättern. Sie kommunizierten heftiger als zuvor. Eine dunkle Wolke tobte um sie herum. Doch die Büffel im Wasser waren noch gelassen. Warum war er selbst dann so unruhig, was machte ihm mehr Angst als der Herde?, fragte sich Drdjuck.

Die neue Art der Wahrnehmung war ihm noch lange nicht vertraut. Sie steckte ihm nicht in Fleisch und Blut. Sie war kein sicherer Teil von ihm. Und er hatte niemanden, mit dem er sie bewusst teilen konnte.

Warum gab die Anführerin kein Zeichen? Warum waren es nur die Bäume und Büsche, die auf einmal wie wild kommunizierten? Was spürten sie stärker als die Leitkuh?

Drdjuck schüttelte den Kopf und versuchte sich mit allen Sinnen im Moment zu verankern. Angst konnte übermächtig werden, und dann war sie kein Ratgeber mehr, sondern verzerrte die Wahrnehmung, wurde ein Albtraum.

Nahm er die Pflanzenströme inzwischen überdeutlich wahr und musste aufpassen, nicht zu übertreiben?

Drdjuck versuchte sich zu beruhigen. Auch wenn Feuer und Wassermassen übermächtig werden konnten, reichte das Chaos, zumindest bislang, nicht in jeden Winkel. Es gab sichere Gebiete und Reviere, Zonen dazwischen. Wer den richtigen Weg erkannte, der entkam, brachte sich in Sicherheit und konnte überleben. Bisher hatten er und die Büffel noch immer ein Schlupfloch gefunden.

Man musste ein Teil der Veränderung und des Chaos sein, nur dann lebte man weiter ...

Drdjuck merkte, dass er die Worte vor sich hin betete wie einen faulen Zauber.

Was war los mit ihm?

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